Kitabı oxu: «Veyron Swift und der Schattenkönig»

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Tobias Fischer

Veyron Swift und der Schattenkönig

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Kapitel: Nicht im Dienste Ihrer Majestät

2. Kapitel: Einbruch mit Folgen

3. Kapitel: Ganz neue Wege

4. Kapitel: Palast Nr. 4

5. Kapitel: Eine königliche Kreuzfahrt

6. Kapitel: Neue Enthüllungen

7. Kapitel: Das Herz der Finsternis

8. Kapitel: Am Hof des Pharao

9. Kapitel: Schattenzauber

10. Kapitel: Kurswechsel

11. Kapitel: Die Piratenküste

12. Kapitel: Willkommen an Bord

13. Kapitel: Im Bauch der Bestie

14. Kapitel: Eignungsprüfung

15. Kapitel: Nicht ganz nach Plan

16. Kapitel: Der Leviathan

17. Kapitel: Kapitulation

18. Kapitel: König Floyds fliegende Bulldogge

19. Kapitel: Das Horn des Triton

20. Kapitel: Ruhigere Gewässer

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Kap der Guten Hoffnung, im Jahre des Herrn 1680 …

Hendrik Marten war sich sicher: Das würde ihrer aller Untergang sein, diesmal gab es kein Entrinnen. Der Teufel wollte ihre Seelen!

Mit ohrenbetäubendem Gebrüll peitschte der Sturm die blutroten Segel, Wellen tobten, spülten über das Deck und warfen die De Stern von einer Seite zur anderen. Marten stemmte sein ganzes Gewicht gegen das Steuerrad und brachte all seine Kraft auf, um es festzuhalten. Es drohte ständig auszubrechen, denn die Wellen drückten von allen Seiten gegen das Ruder. Ließe er los, wäre die De Stern den Gewalten der Natur hilflos ausgeliefert und würde kentern. Es grenzte an ein Wunder, dass der Ostindienfahrer überhaupt noch seetüchtig war, doch die drei Masten hielten stand, und die Querbalken trotzten den Kräften des Sturms. Bei anderen Schiffen wären sie längst wie Streichhölzer geborsten.

»Was für ein Wahnsinn, bei dem Sturm unter vollem Tuch zu fahren!«, brüllte der Erste Maat, Wim Vanderdecken, neben ihm. »Warum lässt der Irre nicht endlich die Segel bergen? Wo steckt er überhaupt? Wir werden alle draufgehen! Ich schau mir das nicht länger an. Van Halen, schickt die Männer in die Wanten! Refft die Segel!«

Der angesprochene Offizier nickte und eilte in Richtung Bug, Befehle brüllend, die vom Tosen des Sturms und dem Krachen überschwappender Wellen sofort verschluckt wurden.

Kisten, Fässer, Männer, alles wurde von einer Seite auf die andere geworfen; die Masten knarrten, Winschen und Brassen quietschten, sämtliche Taue vibrierten. Alles war zum Zerreißen gespannt, als hätte eine göttliche Kraft die De Stern gepackt und drohte damit, sie jeden Moment zu zerfetzen.

Marten umklammerte das Steuerrad noch fester, obwohl er gar nicht gedacht hätte, dazu imstande zu sein. Es war die nackte Todesangst, die ihm eine unbändige Kraft verlieh. Noch nie in seinem Leben war er in einem derart gewaltigen Sturm gesegelt.

Er sah furchtlose Männer die Wanten hinaufklettern, gleich winzigen Spinnen in einem Netz, vom Wind und hin und her geworfen. Sie könnten jeden Moment wie Herbstlaub fortgeblasen werden, doch sie hielten sich fest und kämpften sich weiter nach oben. Die Ersten erreichten bereits die Vormars, krochen auf die Rahen, um die Segel zu reffen.

»Kommando zurück! Was seid Ihr nur für ein Feigling!«, zerschnitt eine Stentorstimme den Sturm wie ein Peitschenknall.

Marten zuckte zusammen, Vanderdecken erging es nicht anders.

Fast zwei Meter groß, mit gewaltigem Brustkasten, stand Kapitän Barend Fokke auf dem Achterdeck. Die mächtigen Oberarme gingen in breite Schultern über, aus denen ein bulliger Nacken aufragte. Sein dunkler Lederumhang, den er über der schwarz-weißen Uniform der Niederländischen Ostindien-Kompanie trug, blähte sich wie das Segel des Leibhaftigen. Die stahlblauen Augen sprühten Blitze, der grau melierte Bart bebte vor Zorn. »Die Rahen sind aus bestem holländischem Stahl, die brechen nicht wie Zedernholz! Die Segel bleiben gesetzt, verdammt noch mal«, brüllte Fokke. Sein gewaltiger Körper wirbelte herum. Geschmeidig wie ein Tiger sprang er hinunter aufs Hauptdeck, schubste die Männer wie Kegel zur Seite, bellte wütende Befehle.

»Runter mit euch, ihr Affen! Runter mit euch, und macht mir die Luken dicht! Unter Deck und ran an die Pumpen! Van Evert? Van Evert! Seht mir zu, dass der Wasserpegel nicht unter acht Zoll fällt! Wir brauchen Ballast, sonst werden wir topplastig!«

Im Nu kletterten und sprangen die Männer die Wanten hinab, den Ordern dieses Hünen von Kapitän blind gehorchend. Marten war jedes Mal beeindruckt, welche Autorität dieser Mann besaß. Barend Fokke wagte niemand zu widersprechen, und wäre er auch der Teufel in Person.

Doch Vanderdecken schien diesmal nicht geneigt, sich kommentarlos zu fügen. Zu groß war die Furcht um sein Leben, zu heftig dieser Sturm und die Lage zu gefährlich. »Der bringt uns um, dieser kranke Friese! Van Diemen, wo ist der Unterkaufmann? Er muss den Käpten zur Räson bringen, sonst sind wir alle tot!«

Van Diemen, einer der Offiziere an Bord, stampfte mit dem Fuß auf das Deck. »Sitzt unten in der Kajüte und kotzt sich die Seele aus dem Leib!«

Der Unterkaufmann, bevollmächtigter Vertreter der Niederländischen Ostindien-Gesellschaft, war noch ein junger Mann, und dies war seine erste Reise auf einem Ostindienfahrer. Marten bezweifelte, dass der junge Krämer den Mut, geschweige denn die Autorität besaß, es mit Fokke aufzunehmen – obwohl der Kapitän laut Gesetz dazu verpflichtet war, dem Unterkaufmann Gehorsam zu leisten. Wäre die De Stern eine Galeone, größer und stärker bewaffnet, so wäre ein erfahrener Bevollmächtigter mit auf diese Reise gegangen, ein altgedienter Oberkaufmann, der sogar Todesurteile zu verhängen vermochte. Dem Jüngling unter Deck, den bisher nur wenige an Bord zu Gesicht bekommen hatten, war dies dagegen kaum zuzutrauen.

Dann sah Marten, wie Fokke in die Wanten des Großmasts sprang, einige Meter hinaufkletterte und drohend die Faust gegen den Himmel reckte. »Uns holst du heute nicht, du da oben! Kein Sturm, keine Welle, nichts wird mich daran hindern, nach Amsterdam zurückzukehren! Und wenn ich mich mit dem Teufel persönlich einlassen und bis zum Ende der Tage diese Gewässer kreuzen muss: Schiff, Ladung und Mannschaft werde ich heil nach Hause bringen!« Seine Stimme, obwohl gut zwei Dutzend Ellen entfernt, schallte dermaßen laut, dass der Lärm des Sturms für einen Moment regelrecht zu verstummen schien.

Alle hielten die Luft an, und jene, die noch nicht mit Fokke gefahren waren, machten sich klein. Ein paar Männer hielten sich ob dieser Gotteslästerung die Ohren zu. Sogar der Erste Maat, Vanderdecken, und die anderen Offiziere, zuckten zusammen. Doch Marten kannte seinen Kapitän, wusste um dessen besondere Begabung, die weit über das hinausging, was Jahrmarktsgaukler beherrschten. Fokke konnte Stürme niederbrüllen, ihnen sogar regelrecht befehlen – und sie gehorchten ihm. Marten hatte schon einige Male miterlebt, wie nach einer derartigen Ansprache Fokkes die Winde nachließen und sich die Wolken verzogen. Wüsste er es nicht besser, er hätte den Mann für einen Hexenmeister gehalten, einen Magier.

Just in diesem Moment schwappte eine gewaltige Welle an Deck, spülte die Männer von Backbord nach Steuerbord, und auch Fokke verschwand im tobenden Wasser. Marten hielt die Luft an. Hatte ihn der Teufel erhört und zu sich geholt?

Doch nein! Da war Fokke, tropfnass zwar, aber aufrecht und unversehrt, und lachte höhnisch. Er fischte seinen breitkrempigen Hut unter dem Umhang hervor, setzte ihn sich trotzig auf den Kopf und marschierte beinahe gemächlich zurück auf das Achterdeck.

»Nicht einmal ein Kaventsmann wird dieses Schiff versenken! Das Ende des Sturms ist nah, ihr Bangbüxen!«, verkündete er und brach in schallendes Gelächter aus.

Marten musste schmunzeln. Andere würden den Kapitän jetzt für verrückt erklären, aber er wusste es besser. So viele Fahrten hatten sie mit der De Stern unternommen, dem besten Schiff der ganzen Ostindienflotte, nicht einmal die Engländer besaßen ein schnelleres. Vor drei Jahren hatten sie die Fahrt von Java nach Amsterdam in drei Monaten und vier Tagen gemeistert, das war ein absoluter Rekord. Seitdem munkelte man, Fokke stünde mit dem Teufel im Bunde und sein Schiff könne fliegen. Derart aufgedreht hatte Marten seinen Kapitän jedoch noch nie zuvor erlebt. Dieser Sturm war der bislang schlimmste, an den Marten sich erinnern konnte, und selbst die leibhaftige Hölle könnte nicht schrecklicher sein. Dennoch zeigte Fokke nichts anderes als Todesverachtung.

»Ihr habt den Verstand verloren, Kapitän«, schrie Vanderdecken dem Riesen ins Gesicht.

Der Irrsinn leuchtete aus Fokkes Augen, seine Pranken packten den Ersten Maat am Revers und hoben ihn ohne viel Mühe hoch. »Ihr seid ein erbärmliches Würstchen, Vanderdecken! Unter Deck mit Euch und helft beim Abdichten!«, tobte Fokke und schleuderte Vanderdecken hinunter aufs Hauptdeck.

Die anderen Offiziere wichen zurück, als sich der Kapitän ihnen zuwandte und den Mund öffnete. Doch noch ehe er für eine neuerliche Tirade tief genug Luft geholt hatte, erscholl vom Bug ein schriller Schrei. »Felsen! Felsen direkt voraus!«

Einige Matrosen sprangen sofort an die Taue und warteten auf Befehle.

Fokke fluchte derb, stieß Marten vom Steuerrad fort. »Hart Backbord, verdammt noch mal!«

»Der Sturm hat uns an die Küste gedrängt, und keiner hat’s bemerkt«, rief van Diemen. »Das ist das Werk des Teufels! Sind wir in die Falsche Bucht getrieben worden?«

Die Falsche Bucht! Eine tückische Falle, die schon unzähligen Seglern auf dem Weg um das Kap zum Verhängnis geworden war. Marten biss die Zähne zusammen.

Als gäbe es keine Gegenkräfte, drehte Fokke das Ruder und zwang die De Stern in eine derartige Schräglage, dass sie fast zu kentern drohte. Alle hielten sich fest, Stoßgebete um Vergebung und Gnade wurden vom Wind verweht, kaum dass sie ausgestoßen waren.

Dann konnte Marten es sehen. Ein schwarzer Felsen schälte sich aus dem undurchsichtigen Graublau des Sturms, ein gewaltiger steinerner Ring, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte, einem Torbogen nicht unähnlich. Von einer solchen Formation hatte noch keiner berichtet, der das Kap der Guten Hoffnung umschifft hatte – dabei war diese Route doch inzwischen bestens bekannt. »Ein Felsen aus der Hölle!«, schrie er in Panik und schlug die Hände vor die Augen.

Ein Krachen erfüllte die Luft, ein Knirschen, gefolgt von einem Knallen und Fauchen wie von einer Lunte, die gleich ein Pulverfass zur Explosion bringen würde. Gesteinsbrocken polterten auf das Deck, Taue fielen herab, und der Fockmast schwankte bedrohlich. Marten schwankte; die Stimmen der umstehenden Männer hörte er wie aus weiter Ferne.

»Kollision, Kollision«, hörte er van Diemen kreischen wie ein kleines Kind.

»Der Bugspriet ist zerbrochen!«, jammerte Vanderdecken.

»Ich zerbreche dich gleich, du Sack voll stinkendem Fischgedärm! Schickt Männer unter Deck, ich will einen Schadensbericht! SOFORT!«, riss Fokkes donnernde Stimme Marten zurück ins Hier und Jetzt. Eine Hand packte ihn am Kragen und schob ihn wieder hinter das Steuer. »Marten, du übernimmst!«, befahl der Kapitän. »Ich geh in die Back und seh mir an, wo wir gestrandet sind.« Schnell wie ein Wiesel sprang er vom Achterdeck und kämpfte sich die durch die tatenlos herumstehende Besatzung.

Ängstlich wagte Marten, den Blick zu heben, und sah sich um. Der schwarze Felsenring war verschwunden, nur seine Einzelteile lagen noch auf dem Deck herum, rauchten und qualmten wie Vulkangestein. Das Zeugnis des Teufels! Wir sind in die Unterwelt gefahren. Fokke hat es heraufbeschworen, dachte er und spürte, wie ihm warm im Schritt wurde. Mein Gott, er machte sich tatsächlich in die Hose. Das war ihm seit dem allerersten Sturm vor fünfzehn Jahren nicht mehr passiert.

»Wir sind nicht aufgelaufen, wir machen noch tüchtig Fahrt«, meldete derweil van Halen.

Auf diese erlösende Nachricht hin kam Bewegung in die Männer. Die Offiziere wiesen die Mannschaft an. Auch die Matrosen kämpften mit neuer Energie gegen den Sturm, der ihnen plötzlich keine Angst mehr zu machen schien.

»Ich kann die Küste nicht mehr sehen. Was sagt der Kompass?«, rief van Diemen von Backbord herüber.

Marten blickte auf das Instrument, doch es schien defekt. Die Nadel drehte sich wild im Kreis. »Ist wohl hinüber, er zeigt nichts an«, rief er dem Zweiten Maat zu.

Vanderdecken kam gelaufen und klopfte zweimal gegen das Kompassglas, dann raufte er sich verzweifelt die Haare. »Die Hölle, wir sind in der Hölle gelandet! Anders kann’s nicht sein«, jammerte er.

Allmählich trafen nun die Schadensmeldungen ein. Bug und Kiel hatten nur ein paar Schrammen abbekommen. Der Bugspriet war allerdings hinüber und damit die halbe Vertäuung des Fockmasts. Van Diemen ließ sofort alle Segel einholen, ohne auf die Befehle des Kapitäns zu warten. Fokke war unter Deck auf Inspektion. Marten nickte ihm zu. Sollte der Alte doch toben, jetzt zählte allein das Überleben. Das die De Stern nicht mehr abbekommen hatte, grenzte sowieso an ein Wunder. Die Männer dankten bereits dem Herrn. Man hatte sie offenbar erhört.

Doch sie hatten sich zu früh in Sicherheit gewiegt!

»Felsen! Felsen direkt voraus!«, schallte der Ruf aus dem Krähennest des Großmastes.

Die Männer schrien auf, stammelten ein letztes Stoßgebet an den Gnädigen. Martens Augen weiteten sich vor Entsetzen. Aus der Dunkelheit tauchte ein riesiger Felsen auf. Senkrecht ragte er mehr als dreihundert Fuß in den Himmel und war so breit, dass kein Ausweichmanöver der Welt die De Stern mehr retten konnte. Sie waren allesamt verloren.

Dann krachte es auch schon. Holz zersplitterte, Männer wurden durch die Luft geschleudert, Fontänen aus Wasser und Dreck spritzten auf, ein gewaltiges Brüllen ging durch das Schiff: das Todesstöhnen der De Stern. Marten spürte, wie ihn eine unsichtbare Kraft am Körper packte und vom Steuerrad fortriss. Dann wurde die Welt schwarz und das Einzige, was er hoffte, war, nicht im Kochkessel des Teufels aufzuwachen.

Als Marten die Augen wieder aufschlug, fand er sich zu seiner Erleichterung unter freiem Himmel wieder und nicht im höllenschwarzen Kessel des Teufels. Er lag am Ufer, durchnässt, aber lebendig. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sonne schickte sich an, hinter dem Horizont zu versinken, während sich von der anderen Seite des Himmels ein voller Mond anmeldete. Mühsam rappelte er sich auf, nur um sich gleich darauf übergeben zu müssen. Er zitterte am ganzen Körper und fühlte sich einem neuen Zusammenbruch nahe. Bevor seine Sinne schwanden, sah er sich um und entdeckte den gewaltigen Felsen, der hoch über ihm aufragte. Links von ihm ragten Großmast und Besanmast der De Stern schräg aus den noch immer etwas aufgewühlten Fluten, als wollte sich das sterbende Schiff mit spitzen Fingern an die Wasseroberfläche klammern. Vom Fockmast war gar nichts mehr zu sehen, und die Decks lagen tief unter Wasser. Trümmer tanzten auf den Wellenkämmen. Menschen konnte Marten jedoch keine entdecken. War er etwa der einzig Überlebende?

»Hallo«, rief er mit kraftloser Stimme, hustete und musste sich erneut übergeben. Heraus kam nur ein Schwall salziges Wasser. Erst nach ein paar Minuten wagte er einen neuen Versuch, pumpte Luft in seine Lungen und rief aus ganzer Leibeskraft: »Hallo! Hallo? Hört mich jemand? Ist da noch irgendwer? Ich bin Hendrik Marten, Steuermann der De Stern! Ist da wer?«

Eine unwirsche Stimme antwortete ihm: »Hör schon auf zu flennen, Marten. Außer mir hört dich keine Seele.«

Es war Fokke.

Unverletzt, abgesehen von einer blutigen Schramme im Gesicht, stand der Kapitän auf einem Felsvorsprung, keine dreißig Fuß von Marten. Er hielt die Fäuste in die Hüften gestemmt, und sein Umhang bauschte sich im Wind. Marten kämpfte sich auf die Beine und eilte zu ihm hinüber.

»Kapitän! Gibt’s noch andere Überlebende? Vanderdecken, van Diemen – was ist mit ihnen geschehen?«, rief er Fokke an. Beide hatten neben ihm gestanden, als es zum Aufprall kam.

Der grimmige Hüne reagierte nicht gleich. Nach einer Weile begann er laut zu lachen. »Vanderdecken, van Diemen, van Evert und van Halen hat der Teufel geholt. Die tauchen jetzt mit den Heringen um die Wette. Genau wie die anderen zweihundert Mann und die einhundert Soldaten an Bord. Keiner ist mehr übrig außer uns beiden und – welche Gnade des Herrn – unserem lieben Unterkaufmann.« Das Lachen des Kapitäns ging in ein Glucksen über, und er wandte sich von Marten ab, hustete kurz und sprang dann von seinem Felsen herunter.

Dann ballte er die Fäuste und rief: »Verflucht seien die Seekarten! Warum waren diese Felsen nicht eingezeichnet? Was ist das überhaupt für ein Ort? Das ist nicht der Tafelberg, ganz sicher nicht. Kapstadt kenn ich auswendig, und ich will ein Pickel am Arsch Satans sein, wenn dies hier eine der Küsten Südafrikas ist!« Mit wütender Entschlossenheit stapfte er über den schwarzen Sand des Ufers und marschierte am Rand des steil aufragenden Felsens entlang.

Marten, der keine Ahnung hatte, was er sonst tun konnte, folgte seinem Kapitän voller Furcht.

Nach einem kurzen Marsch machte Marten in der benachbarten Bucht eine Gestalt am Ufer aus, die stumpf vor sich hinbrütete. Erst auf den zweiten Blick erkannte er Unterkaufmann Tyn van Straten. Der sonst stets makellos gekleidete und glatt rasierte junge Mann von gerade mal zweiundzwanzig Jahren bebte vor Furcht und Kälte. Sein kostbares Gewand hing in Fetzen um seinen schmächtigen Leib.

Aufblickend entdeckte er sie und hob einen anklagenden Finger. »Hier werden nur Leichen an den Strand gespült, Kapitän. Das ist allein Eure Schuld! Ihr werdet Euch vor Gericht verantworten müssen! Diese Katastrophe geht auf Euer Gewissen«, heulte er los.

Marten bewunderte seinen Mut. Dass dieses Würmchen es wagte, dem gefühlt doppelt so großen Fokke derartige Unverschämtheiten an den Kopf zu werfen!

»Haltet Euer dummes Maul, van Straten! Sonst stopfe ich es Euch«, herrschte Fokke den Unterkaufmann an. »Am besten jetzt auf der Stelle!« Er machte einen Satz nach vorn, die Pranken ausgestreckt.

Van Straten wich zurück, stolperte und landete mit dem Gesäß im Sand. Flehend hob er die Hände. »Bitte, tut mir nichts, Fokke! Ich berufe mich lediglich auf die Dienstvorschriften«, winselte das schmächtige Kerlchen.

Fokke brachte seinen Zornesausbruch wieder unter Kontrolle. »Habt Ihr wenigstens was Nützliches entdeckt, Unterkaufmann? Oder wisst Ihr nichts anderes zum Besten zu geben, als dass ein Unglück geschehen ist?«

Der Unterkaufmann wedelte mit der Rechten in Richtung der Felsen. »Da gibt es eine Treppe, recht grob in den Fels gehauen, alt und abgeschliffen, aber begehbar. Ich bin ein paar Schritte hinaufgegangen, ehe ich hierher zurückkam«, erklärte er rasch.

Fokke musterte ihn grimmig. »Und? Wo führt sie hin, Eure Treppe?«

»Nach … oben? Ich bin ja nur ein paar Stufen hinaufgestiegen, weil …«

»Weil Ihr Euch sonst in die Hosen gemacht hättet, ja, ja. Schon verstanden. Tyn van Straten, Ihr seid ein erbärmliches Würstchen. Also los, sehen wir nach, wo Eure Treppe hinführt. Vielleicht zu einem Leuchtturm. Treppen werden von Menschen gemacht, und wo Menschen sind, ist Hilfe nicht weit. Vorwärts!«

In den schwarzen Fels gehauen führte van Stratens Treppe spiralförmig um den Berghang herum nach oben. Furchtlos schritt Fokke voran, gefolgt von Marten. Van Straten bildete das Schlusslicht – wahrscheinlich, um schnell verschwinden zu können, falls sie nichts Gutes erwartete.

Es war jedoch kein Leuchtturm, den sie dort oben fanden. Den Gipfel des Felsens bildete ein flaches und beinahe kreisrundes Plateau, welches vielleicht neunzig Fuß im Durchmesser maß. Nichts anderes als Moos wuchs dort. Soweit sie es überblicken konnten, ragte der ganze Felsen wie eine Säule aus dem Meer, von weiteren Küsten war weit und breit nichts zu sehen. Ein Loch in der Mitte des Plateaus führte in eine kleine Höhle, die sie jedoch wegen der darin herrschenden Dunkelheit nicht weiter erkunden wollten. Sämtliche Lampen und Kerzen waren mit der De Stern untergegangen.

»Eine Treppe ins Nichts«, murrte Fokke nach einer weiteren Tour über den flachen Gipfel. »Was für ein seltsamer Ort soll das nur sein?«

Marten hatte darauf keine Antwort, und van Straten sowieso nicht. Zudem brach die Nacht nun recht rasch über sie herein. Der Rest von Abenddämmerung am Firmament verblasste, wich einer bedrohlichen Finsternis. Das letzte verbliebene Licht spendeten nun Mond und Sterne.

Auf einmal fuhr der Unterkaufmann herum und rief: »D … d … da ist jemand! Hat also doch noch jemand überlebt?«

Martens Herz machte einen freudigen Hüpfer. Vielleicht Vanderdecken? Doch die schwarz gekleidete Gestalt am Rand des Plateaus war ein Fremder. Er stand gefährlich nahe am Abgrund. Sein Umhang, ähnlich dem von Fokke, aber leichter und luftiger, bauschte sich in der Brise, die vom Meer heraufkam. Der Wind spielte auch mit dem langen, weißen Haar, das wie dünne Fäden von seinem Haupt hing.

»Seltsam, ich hab den Kerl vorhin gar nicht gesehen«, meinte Marten halblaut.

Auch Fokke schien einigermaßen verwundert, doch ohne Furcht schritt er auf den Fremden zu. Marten wäre es lieber gewesen, der Kapitän trüge seinen Säbel. Ihm gefiel diese schwarze Gestalt gar nicht. Mit verschränkten Armen stand der Fremde auf der Klippe, sein Blick auf das Meer gerichtet, so als wären sie gar nicht da.

»Wer seid Ihr, Fremder? Ich bin Barend Fokke, Kapitän der Niederländischen Ostindiengesellschaft! Dreht Euch gefälligst um und redet!«, herrschte Fokke den Fremden an. Der reagierte gar nicht, was den Zorn des Kapitäns heraufbeschwor. Mit forschen Schritten ging er auf den Fremden zu, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

Marten keuchte auf, selbst Fokke schrak zurück. Da war nichts und niemand, kein Mensch, keine Gestalt, nicht einmal ein Schatten. Die drei Überlebenden blickten verdattert drein. Marten spürte schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, wie ihm im Schritt warm wurde. »Der Teufel«, wimmerte er. »Wir sind auf dem Felsen des Teufels gestrandet.«

Fokke erwiderte diesmal nichts. Selbst ihm, dem furchtlosesten aller Seefahrer, hatte es die Sprache verschlagen. Van Straten wirbelte herum Richtung Treppe – und ging mit einem Schrei zu Boden. Die schwarz gewandete Gestalt erschien direkt vor ihm. Der Fremde trug in der Tat einen weiten Umhang, schwarz wie die Nacht, und sein Gesicht war nicht zu erkennen. Lediglich zwei weiße Punkte glommen in der schwarzen Fläche, wohl die Augen dieser … Kreatur. Die Hände steckten in schwarzen Panzerhandschuhen. Alles an ihm war irgendwie schwarz. Vielleicht nur Einbildung, dachte Marten. In der Nacht spielten einem die Sinne gerne einen Streich.

»Ihr habt Euer Schiff verloren«, sagte der Fremde mit dunkler Stimme. »Und Ihr habt einen Durchgang zerstört.« Es war keine Frage, sondern eine bittere Feststellung.

»Durchgang? Wohin?«, verlangte Fokke zu wissen, als habe er ein gewöhnliches Mannschaftsmitglied vor sich.

»Von Eurer Welt nach Elderwelt«, erklärte der Fremde knapp.

Fokke verengte die Augen zu Schlitzen. Mit dieser Antwort wusste er nichts anzufangen, und so etwas machte ihn wütend. Marten wusste, dass man seinen Kapitän besser nicht herausforderte.

»Jetzt redet endlich oder seid verflucht, wenn Ihr so viel Höflichkeit nicht zeigen wollt. Wer zum Teufel seid Ihr?«, grollte Fokke ungehalten. Seine Pranken hatte er zu Fäusten geballt.

Den Fremden beeindruckte das wenig. »Ich bin der Diener meines Meisters«, antwortete er nach einem Moment angespannten Schweigens. »Ich kann Euch helfen, von hier fortzukommen und nach Hause zurückzukehren.«

Fokke lachte urplötzlich auf. Herausfordernd stemmte er die Fäuste in die Hüften. »Und wie wollt Ihr das bewerkstelligen, wenn Ihr kein Zauberer seid?«

»Ich verfüge über besondere Kräfte, genau wie Ihr, Barend Fokke«, antwortete der Schwarze.

Fokkes Lachen wurde noch lauter. »Und welche wären das? Sollen mir Flügel wachsen?«

»Seht gut her«, befahl der Schwarze, ballte die Faust und richtete sie auf van Straten, dessen Augen ängstlich hin und her huschten. Der Fremde hielt nur die Faust auf den Unterkaufmann gerichtet, ohne etwas zu sagen.

»Bi … bi … bitte«, flehte van Straten. »Was habt Ihr vor? Wollt Ihr mich umbringen? Ich bin nur ein kleiner Unterkaufmann der Gesellschaft. Ich hab nie etwas Unrechtes getan und wenn, dann tut es mir leid. Bitte, bitte tötet mich nicht.«

Der Schwarze öffnete die Faust und spreizte die Finger. »Doch«, zischte er kalt. Eine unsichtbare Druckwelle schoss aus seiner Hand heraus, erfasste van Straten und schleuderte ihn, einer Kanonenkugel gleich, über den Rand der Klippe.

Marten blieb beinahe das Herz stehen, während der entsetzte Schrei des Unterkaufmanns in der Tiefe verhallte.

»Er ist der Satan, Kapitän!«, schrie Marten und bekreuzigte sich.

Fokke blieb ungerührt. »Warum habt Ihr das getan?«

»Um meine Macht zu demonstrieren. Das ist die Simarell. Sie wird mir von meinem Meister verliehen. Auch Ihr besitzt diese Fähigkeiten – weitaus stärker und mächtiger als ich, Kapitän«, erklärte der Fremde. »Mit der Macht der Simarell könnt Ihr Euer Schiff heben und die Fähigkeit erlernen, es ohne jede Mannschaft zu steuern.«

Marten bemerkte, wie sich im Schimmer des Mondes auf dem Gesicht Fokkes die Gefühle abwechselten, Zorn und Neugier, Sehnsucht und Verlangen. Marten wusste, dass sein Kapitän weder Tod noch Teufel fürchtete und alles tun würde, um nach Hause zurückzukehren. In Amsterdam wartete eine Frau auf ihn, die er heiß und innig liebte und der er von jeder Fahrt Geschenke aus Indien und China mitbrachte.

»Ihr sagt mir wahrhaftig, ich könne mein Schiff heben und es wieder flottmachen? Es ohne Mannschaft steuern und navigieren? Nach Hause zurückkehren?«, wollte Fokke von dem Verhüllten wissen.

Marten sah in dem dunklen Gesicht weiße Zähne aufblitzen. Ihm erschien es wie ein teuflisches Grinsen.

»So ist es.«

»Was verlangt Ihr dafür als Preis?«

Der Fremde verschränkte in bestimmender Geste die Arme. »Weder Gold noch Edelsteine, keinerlei Macht, kein Land, auch sonst nichts von materiellem Wert. Nur eines will ich haben«, donnerte er.

Fokke richtete sich zu voller Größe auf. »Dann sprecht es endlich aus, verflucht!«

»Eure Seele, Kapitän. Allein Eure Seele, auf dass sie mir diene, wenn ich es verlange.«

Der Schwarze streckte seine Hand aus und wartete geduldig darauf, dass eingeschlagen wurde.

Marten starrte seinen Kapitän ungläubig an. Diesen Preis würde Fokke doch nicht wirklich zahlen, oder? Das käme einem Pakt mit dem Teufel gleich, wenn es nicht gar ein solcher war. »Kapitän«, wimmerte er, doch Fokke ignorierte ihn.

Seine Kieferknochen malmten, so sehr rang er mit der Entscheidung. Dann machte er einen Schritt auf den Fremden zu, um die angebotene Hand zu ergreifen.

Nein! Das durfte nicht sein! Marten sprang vor, um seinen Kapitän zurückzudrängen und ihm ins Gewissen zu reden. Alle Kreise der Hölle wären ihnen sicher, wenn sie diesen Bund eingingen. Eine solche Sünde würde der Allmächtige niemals vergeben. Keine Menschenseele durfte sich dem Leibhaftigen verschreiben.

Doch Fokke wollte davon nichts hören, sondern stieß ihn, seinen treuen Steuermann, grob zu Boden. Aufrecht trat er dem Dämon entgegen, schlug ein und schüttelte die gepanzerte Hand.

»Dann sei es so, in drei Teufels Namen!«

1. Kapitel: Nicht im Dienste Ihrer Majestät

Harrow, 28. April, 333 Jahre später:

»Es ist wahrhaftig an der Zeit, diesem Drama ein Ende zu bereiten«, sagte Veyron Swift, als er aus dem Küchenfenster hinaus auf die Straße blickte.

Tom Packard blickte überrascht von seinem Frühstück auf und betrachtete seinen Patenonkel verwirrt. Veyron, schlank und hochgewachsen, mit strengen, raubvogelhaften Zügen in seinem ausgezehrten Gesicht, hielt seine Kaffeetasse in der Rechten, während er die Linke lässig in die Hosentasche gesteckt hatte. Er war ein Meister der Beobachtung, dem auf den ersten Blick Dinge auffielen, die andere selbst beim hundertsten Mal Hinschauen noch übersahen. Gerade eben war er von einem Spaziergang zurückgekehrt und hatte sich einen Kaffee geholt, um dann schnurstracks vor das Küchenfenster zu treten. Tom fragte sich, was Veyron dort draußen entdeckt haben mochte, das ihn dermaßen brennend interessierte.

»Was für ein Drama denn? Ich kapier mal wieder gar nichts«, sagte er und gesellte sich an die Seite seines Paten.

Seit fast zwei Jahren trug Veyron nun die Verantwortung für Tom, doch war er weder mit ihm verwandt noch konnte Tom von einem besonders innigen Verhältnis zwischen ihnen sprechen. Er mochte Veyron, aber er fürchtete ihn zugleich auch; nicht zuletzt wegen seiner vielen Flausen und dieser stets zur Schau gestellten geistigen Überlegenheit. Tom bewunderte seinen Patenonkel, er verehrte ihn, aber mehr wie ein Student seinen Professor oder ein Soldat seinen Hauptmann. Trotz aller Vertrautheit war da immer noch eine gehörige Portion Distanz zwischen ihnen, unausgesprochen, aber deutlich zu spüren.

»Das überrascht mich nicht«, sagte Veyron und lachte spöttisch. »Deine Augen und dein Verstand sind gegenwärtig allein auf Chloe Henderson konzentriert, diese Austauschschülerin aus Connecticut. Gegenüber dem Offensichtlichen warst du ja schon immer blind. Das ist deine Schwäche.«

Tom überging diese Gemeinheit schweigend, doch er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss, als Veyron die schöne Chloe erwähnte. Sie war neu an der Schule, und er hatte sie zum Eisessen ausgeführt – und danach zum Italiener. Er war total verknallt – aber Veyron hatte er nichts davon erzählt. Wie konnte er es also überhaupt wissen?

»Hey! Hatten wir nicht vereinbart, dass Sie mir nicht mehr hinterherspionieren?«, beschwerte sich Tom. Er hatte das letzte Mal, als Veyron glaubte, sich als Toms Beschützer aufspielen zu müssen, noch in überaus schlechter Erinnerung.

Veyron sah ihn nicht einmal an, als er erwiderte: »Ich dachte, wir wären uns einig, dass diese Vereinbarung für mich nicht gilt.«

»Veyron, diese Vereinbarung existiert allein Ihretwegen! Und lassen Sie Chloe aus dem Spiel! Von Liebe verstehen Sie nämlich gar nichts.« Während er sprach, wanderte sein Blick die Straße auf und ab, ohne etwas Ungewöhnliches feststellen zu können. »So, jetzt will ich wissen, was für ein Drama Sie meinen. Ist doch alles normal«, forderte er und schaute noch einmal genau hin. Wie jeden Sonntag parkten mehr Autos am Rand des schmalen Gehsteigs als unter der Woche. Von den Nachbarn war weit und breit nichts zu sehen, und Spaziergänger verirrten sich sowieso selten in die Wisteria Road.

»Da ist ein junger Mann, etwa Mitte zwanzig, er steht schon eine ganze Weile an der dritten Laterne von rechts vor Nummer 112. Vorhin während meines Spaziergangs habe ich ihn die Straße rauf- und runterlaufen sehen, zweifellos auf der Suche nach 111. Offenbar ist ihm noch nicht in den Sinn gekommen, auf der anderen Seite nachzusehen. Ich wollte nichts sagen, solange ich mit anderen Gedanken beschäftigt war, doch nun gehört ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Geh und bitte ihn herein, Tom«, erklärte Veyron.

Als Tom den von der Laterne fast verdeckten Mann endlich entdeckte, zuckte er nur mit den Schultern. »Er könnte auch auf seine Freundin warten«, konterte er.

»Nein, sein Blick geht stets zu den Nummern der Häuser. Er will zu mir, ich weiß es. Also geh jetzt und hol ihn herein.«

Tom schnaubte und trat zurück. Diese rechthaberische und fahrige Art und Weise seines Patenonkels ärgerte ihn selbst nach fast zwei Jahren noch immer so wie am ersten Tag. Mit seinen inzwischen sechzehn Jahren fand er es an der Zeit, sich diese schroffe Art der Behandlung nicht weiter gefallen zu lassen. »Nö! Gehen Sie doch selber. Sehe ich aus wie Ihr Hausdiener?«

Veyron beachtete ihn gar nicht, sondern blickte weiterhin forschend aus dem Fenster. »Zu spät, er gibt auf«, sagte er enttäuscht, doch dann hob er überrascht die Augenbrauen. »Ah, interessant. Jetzt hat er uns gefunden. Schau nur, er kommt direkt auf uns zu.«

Gleich darauf klingelte es. Veyron wirbelte auf den Absätzen herum und verschwand aus der Küche. Würde er dem Fremden öffnen? Nein, da hatte Tom sich wohl zu früh gefreut. Stattdessen bog Veyron ins Wohnzimmer ab. Es klingelte erneut.

»Aha. Also wieder mal Showtime, was? Alles klar – Mr. Packard öffnet die Tür und geleitet den verzweifelten Besuch ins Wohnzimmer, wo Mr. Swift dann seinen großen Auftritt hat«, grummelte Tom. Widerwillig machte er sich auf den Weg zur Haustür, um ihren Besucher einzulassen, ehe der es sich wieder anders überlegte.

Seit dem letzten großen Fall war Veyron dick im Geschäft. Die Leute suchten ihn als Berater in übernatürlichen Angelegenheiten auf, wenn sie sich von Geistern bedroht fühlten, von Kobolden oder gar Vampiren. Meistens steckte natürlich nichts dahinter, doch hin und wieder war auch ein echter Fall dabei. Tom erinnerte sich noch gut an den Pureberry-Mord, zu dem Veyron hinzugezogen wurde, weil die Mörder offenbar eine Gruppe Kinder gewesen waren. Die Wahrheit hatte natürlich gänzlich anders ausgesehen. Oder etwa der verzweifelte Vampirjäger Bernie Trapstone, der zu Unrecht der Ermordung einer Vampirfürstin beschuldigt und von deren rachsüchtigen Leibwächterinnen gejagt worden war. Nicht zu vergessen die verzwickte Sache mit der Hexe von Chelsea, in deren Händen sich das Schicksal ganz Elderwelts befunden hatte.

Elderwelt …

Wann immer Tom an Elderwelt dachte, jenes fantastische Reich, das er inzwischen schon zweimal besuchen durfte, packte ihn die Sehnsucht. Von der Welt, in der er aufgewachsen war, durch eine magische Grenze getrennt, war es für alle menschlichen Augen, Ortungsgeräte und Satelliten unsichtbar. Nur durch spezielle Durchgänge konnte man dorthin gelangen. Es geschah nicht oft, dass jemand von dieser Welt nach Elderwelt reiste, viel häufiger schienen es Kreaturen Elderwelts in diese zu schaffen. Meist ausgerechnet die von der üblen Sorte: Vampire, Kobolde, Schrate, Trolle … Dabei waren das noch die harmlosesten Monster, die Elderwelt behausten. Und dennoch war es ein Reich, in dem Träume Wirklichkeit wurden, wo so viel Schönes und Fantastisches existierte. Die Elben im Lande Fabrillian zum Beispiel oder die Zwerge auf der Insel Talassair.

Toms bislang einziges Mitbringsel aus jener Welt war ein Schwert, das oben in Veyrons Arbeitszimmer über dem Fenster hing. Nun gut, es war nicht nur irgendein Schwert, sondern erfüllt vom Geist eines mächtigen Magiers, Professor Lewis Daring. In den vorangegangenen Abenteuern war es ihnen schon einige Male eine große Hilfe gewesen, denn es verfügte über ein paar wirklich erstaunliche Fähigkeiten. Dazu gehörte sein plötzliches Erscheinen wie aus dem Nichts, wenn man seiner Hilfe bedurfte.

Der Gedanke an das magische Schwert ließ Tom inständig hoffen, bald wieder nach Elderwelt zurückzukehren. Seiner Meinung nach war das überfällig.

Ihr Besucher stellte sich als Danny Darrow vor und mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein. Tom musterte ihn. Er war von durchschnittlicher Größe, braun gebrannt und durchtrainiert, das dunkle Haar mit Gel in Form gebracht. Seine Klamotten – lauter cooles Zeug – stammten aus den besten Läden Londons. Tom mochte ihn jetzt schon. Sofort bat er ihn ins Haus und führte ihn ins Wohnzimmer.

Ganz wie erwartet lümmelte Veyron im großen Ohrensessel, die Fingerspitzen aneinandergelegt und ins Leere starrend. Tom verdrehte die Augen. Diesen theatralischen Auftritt hatte er inzwischen schon einige Male miterlebt; man konnte inzwischen fast von einem Ritual sprechen.

Veyron deutete in ausladender Geste auf die gegenüberliegende Couch. »Willkommen, Mr. Darrow. Bitte setzen Sie sich und schildern Sie mir Ihr Problem. Keine Sorge wegen Tom. Er ist mein Assistent, und Sie können vor ihm so frei reden wie vor mir. Zeigen Sie bitte keine Hemmungen und erzählen Sie mir alles. Vergessen Sie nicht …«

»… das kleinste Detail. Ja, ja. Das kenn ich jetzt schon«, unterbrach ihn Tom murrend.

Veyron überging das mit einem kurzen Lächeln. »Ganz genau, Tom. Schön, dass du dir auch einmal merkst, was ich sage. Also, Mr. Darrow, nur keine Scheu. Legen Sie los. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich mir nicht besser Sorgen um Sie machen sollte. Ihr Lebensstil ist sehr nachlässig, dabei steht Ihnen in Kürze Ärger von Amts wegen bevor, besonders von Polizei und den Ordnungsämtern aus Bristol, Oxford und Paddington. Sie sehen diese Sache jedoch sehr locker, obwohl sie durchaus kurzzeitig recht zornig darüber waren. Immerhin sind Sie finanziell gut abgesichert. Doch das alles ist wohl kaum der Grund, dass Sie den weiten Weg von Oxford hierher machen, um mich mit solchen Banalitäten zu langweilen«, sagte er.

Tom erging es genauso wie Danny Darrow: Er konnte nur die Augen aufreißen und seinen Paten ungläubig anstarren.

Darrow suchte einen Moment verdattert nach den richtigen Worten. »Woher … woher wissen Sie … ich meine … Von was zum Henker reden Sie denn da bloß?«, stammelte er, was Veyron ein sardonisches Grinsen auf seine schmalen Lippen zauberte.

»Ich rede von Ihrem Porsche draußen auf der Straße, Modell 911 Carrera S, Baujahr 1997, nachtschwarz mit Nummer aus Oxford. Als Sie draußen die Hausnummern abklapperten, spielten Sie die ganze Zeit nervös mit Ihrem Autoschlüssel herum. Ich konnte erkennen, dass es ein Porscheschlüssel war, das Design mit dem integrierten Wappen ist unverwechselbar. Hier in der Straße fährt jedoch niemand einen Porsche. Da bis zu Ihrem Auftauchen auch noch nie einer hier parkte, kann das Modell draußen vor Nummer 114 allein Ihr Wagen sein. Nun zu Ihrer Nachlässigkeit und dem Amtsärger, der Ihnen bevorsteht: Bei meinem kleinen Spaziergang kam ich an Ihrem Wagen vorbei und konnte einen Blick ins Innere erhaschen. Auf der Rückbank Ihres Wagens tummelt sich inzwischen eine recht beachtliche Sammlung an Strafzetteln. Einige sind oben eingerissen, etwa zwei Zentimeter. Die verbogenen Ecken links und rechts zeigen mir, dass dies kein Versehen war, sondern mit Gewalt ausgeführt wurde. Dann haben Sie es sich jedoch anders überlegt und sämtliche Strafzettel einfach nach hinten geworfen. Warum? Weil Sie sie sich zwar geärgert haben, aber Ihre Sorglosigkeit schnell wieder die Oberhand gewann. Dass Sie die Strafzettel nur achtlos nach hinten werfen, verdeutlicht mir Ihre unbekümmerte Lebensführung. Sie nehmen viele Dinge weitaus weniger ernst, als Sie vielleicht sollten. Die Polizei und das Ordnungsamt werden diese unbezahlten Bußgelder jedoch nicht mehr lange hinnehmen, weswegen Ihnen zweifellos Ärger bevorsteht. Sie leisten sich teure Kleidung und den Unterhalt eines Sportwagens. Daraus schließe ich, dass Sie finanziell abgesichert sind und die bevorstehenden Buß- und Mahngelder mit Leichtigkeit begleichen könnten.«

Veyron sprach so schnell, dass Tom Mühe hatte, alles aufzunehmen. Ein Blick zu Darrow zeigte ihm, wie wenig dem Besucher diese Enthüllungen gefielen, vor allem, da sie obendrein auch noch zutrafen. Tom erwartete fast, Darrow in die Luft gehen und wütend das Haus verlassen zu sehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Veyron andere Menschen auf diese Wiese vergraulte.

Danny begann stattdessen, laut und herzlich zu lachen. »Stark!«, rief er aus. »Echt stark! Das haben Sie mit einem einzigen Blick in mein Auto alles herausgefunden?«

»Die einzig logische Analyse, wenn ich alle Fakten miteinander kombiniere. Aber genug der Spielchen. Was ist nun Ihr Problem, Mr. Darrow?«, gab Veyron im lapidaren Tonfall zurück.

»Sie haben recht, Mr. Swift«, sagte Darrow. »Aber das ist vorbei, diesen nachlässigen Danny, den gibt’s nicht mehr. Und wissen Sie, warum? Ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt. Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie eine Frau zum ersten Mal sehen, und es macht Kazoom, und Sie können an nichts anderes mehr denken als an sie? Das ist mir noch nie passiert. Normalerweise interessieren mich nur Arsch und Titten und vielleicht noch ein nettes Gesicht. Aber bei Fiona … Na ja, das hat mich einfach umgehauen. Ich kann eigentlich nur noch an sie denken. Das kennen Sie doch sicher, oder?«

»Nein, kenne ich nicht«, sagte Veyron kalt – und meinte es auch so. »Fahren Sie fort, und bitte nur sachliche Details. Klammern Sie alle Emotionen aus, wenn es geht.«

Darrow schaute kurz überrascht auf und musste wieder lachen. »Alles klar, Mr. Spock – äh, Swift. Nur sachliche Details. Alles klar. Also, ich hab Fiona in der Bibliothek kennengelernt. Hatte mich mal wieder dazu entschlossen, etwas zu studieren. Wirtschaftswissenschaften – mein Vater will, dass ich sein Nachfolger in der Bank werde. Es stimmt, Geld war und ist für mich kein Problem. Ich kann mir kaufen, was ich will, ich brauch auf nichts zu achten. Na ja, eigentlich geh ich ja nie in die Bibliothek, doch ein Kumpel von mir hatte sich ein paar Bücher ausgeliehen, sich aber das Bein gebrochen. Drum hab ich die ollen Schinken für ihn zurückgebracht. Und da hab ich sie gesehen. Fiona Smith. Mann, was für eine Frau! Saß einfach dort, über einem dicken Wälzer gebeugt … was war’s doch gleich? Ach, keine Ahnung. Ich hab’s fotografiert. Hier …«, erklärte er, griff in seine Hosentasche, holte ein Smartphone heraus und warf es Tom zu.

Der staunte nicht schlecht. Das allerneueste Modell.

»Nur zu, ist nicht Passwort-gesichert. Ich vergess so was eh schnell«, sagte Darrow.

Tom aktivierte die Bildergalerie und fand sofort ein paar Fotos eines dicken Buchs. »Griechische Sagen. Von Lewis A. Daring! Veyron, es ist ein Buch des Professors«, rief er überrascht aus, als er das Bild des Umschlags heranzoomte.

Darrow schaute verwirrt drein.

Veyron winkte ab. »Ein Insider – und uns fehlt die Zeit, das näher zu erläutern. Es ist auch unwichtig. Fahren Sie bitte fort, Mr. Darrow.«

»Okay. Also Fiona. Sie saß dort und las dieses Buch. Mir war sofort klar: Das ist die Frau meines Lebens. Ich geh zu ihr hin und stell ein paar saublöde Fragen. Über das Buch, ob es gut ist oder so. Sie findet es wohl lustig. Sie hat ein umwerfendes Lachen, kein so oberflächliches Gekicher. Na ja, auf alle Fälle sind wir irgendwie ins Gespräch gekommen – weiß gar nicht mehr, um was es ging … egal. Wir machten ein Date aus und gingen ins beste Pub von ganz Oxford. Es war ein netter Abend, wir hatten beide viel zu lachen. Danach noch kurz in den nächsten Club, ein bisschen tanzen, und zuletzt hab ich sie heimgefahren. Und das war’s dann. Normalerweise endet ein Abend mit einem Mädchen bei mir nie auf diese Weise. Frauen fliegen auf meine Autos und mein Geld. Zuletzt landen sie alle bei mir im Bett. Aber Fiona, die war nicht so leicht rumzukriegen. Sie bedankte sich für den schönen Abend, aber mehr nicht. Mann, zum ersten Mal im Leben habe ich gefragt, ob wir uns wiedersehen werden. Vielleicht hätte sie Lust, ins Kino zu gehen? Sie hat Ja gesagt! Wirklich gern, meinte sie. Stellen Sie sich das vor: Ich und um ein zweites Date bitten, ein Danny Darrow! Das gab’s noch nie. Und als sie Ja gesagt hat, da war ich aufgeregt wie ein kleiner Junge, der …«

Veyron räusperte sich und unterbrach den jungen Mann. »Keine Emotionen«, erinnerte er seinen Klienten streng.

»Ja, ja, schon klar. Auf jeden Fall kam es zu keinem zweiten Date. Sie ist einfach nicht aufgetaucht. Das hat mich echt verwirrt. Ich hatte ja ihre Handynummer, doch als ich sie anrief, sagte eine verdammte Computerstimme, die Nummer sei nicht vergeben. Aber so leicht gibt ein Danny Darrow nicht auf. Ich hab in der Uni nachgeforscht, doch kein Mensch kannte eine Fiona Smith. Sie war nicht eingeschrieben, nirgendwo. In keinem Wohnheim, in keinem einzigen Kurs. Aber Zugang zu dieser Bibliothek erhalten nur gemeldete Personen, und man muss sich eintragen, wenn man Bücher ausleiht. Ich hab auch da nachgeforscht. Dieses Buch, dieser fette Wälzer, der wurde seit drei Jahren nicht mehr ausgeliehen, hat mir der Bibliothekar erzählt«, fuhr Danny fort. Dann wurde er seine Stimme leise.

Tom erkannte, wie unangenehm es ihm war, weiterzuerzählen.

»Ich fuhr sie ja nach unserem ersten Date heim. Bin schließlich ein Gentleman. Sie wohnt hier, mitten in London, in Paddington, 42b False Lane. Aber auch dort gibt es keine Fiona Smith. Der Hausmeister erzählte mir, es hätte nie eine Mieterin im Haus gegeben, auf die meine Beschreibung passt. Ich hatte an jenem Abend ihr Namensschild an der Klingel gesehen. Jetzt war es jedoch verschwunden. Mr. Swift, meinen Sie, ich hatte ein Date mit einem Geist? Also mir kommt’s fast so vor.«

Veyron Reaktion bestand in einem tiefen Durchatmen. »An wie vielen Tagen haben Sie Miss Smith gesehen?«

»Leider nur an einem.«

»Nur an diesem einen Tag?«

»Ja, klar.«

»Sie genießen an der Universität den Ruf eines Frauenhelden, nehme ich an?«

»Ja, denk schon. Ich bin nicht hässlich, wissen Sie, und ich glaub, ich bin eigentlich immer gut drauf. So was mögen die Mädels.«

»Sie haben an diesem Abend alle Rechnungen bezahlt?«

»Selbstverständlich. Ich bin ein Gentleman, zumindest meistens. War ziemlich viel. Ist ja auch ein nobler Schuppen, die lassen da nicht jeden rein.«

Veyron lachte amüsiert. Dann klatschte er in die Hände. »Sind Sie schon einmal auf die Idee gekommen, dass Miss Smith Sie belogen haben könnte? Dass Sie wegen Ihres Bekanntheitsgrades und Ihres Rufs hereingelegt wurden? Es gibt nicht nur Frauenjäger, sondern auch Männerjägerinnen, Mr. Darrow. Die Lady hat sie ausgenommen. Geben Sie eine Vermisstenanzeige auf, wenn Sie sie unbedingt finden wollen.«

»Habe ich schon gemacht. Die Polizei hat noch nichts von sich hören lassen. Die waren anfangs sehr engagiert und haben auch alles in den Computer eingeben. Aber als ich am nächsten Tag nachfragte, waren sie sehr komisch, als würde sie der ganze Fall nicht mehr interessieren. Sie würden sich dann schon melden und noch mehr Blabla«, versuchte Darrow sein Anliegen zu retten.

»Wahrscheinlich, weil man zu der gleichen Erkenntnis gelangte wie ich, Mr. Darrow. Die Sache ist es nicht wert. Fahren Sie nach Hause und vergessen Sie Miss Smith am besten sofort. Goodbye«, erwiderte Veyron kalt, schloss die Augen und beachtete Darrow nicht mehr weiter.

Sichtlich niedergeschlagen erhob sich der junge Mann und schaute Veyron noch einmal flehentlich an. Als der nicht reagierte, trat er mit einem Seufzen hinaus in den Flur. Tom folgte ihm; immerhin verlangte es seiner Meinung nach der Anstand, dass er den armen Kerl wenigstens zur Tür brachte. Veyron zeigte sich stets sehr abweisend gegenüber den Leuten, wenn ein Fall nicht sein Interesse fand.

»Tut mir leid, Mr. Darrow«, sagte Tom schließlich und versuchte ein aufmunterndes Lächeln zustande zu bringen. »Vielleicht überlegt er es sich noch anders. Wäre nicht das erste Mal. Manchmal muss er nur ein Weilchen darüber nachdenken.«

»Sag Danny zu mir, Kleiner. Hier, nimm meine Karte. Ruf mich an, wenn dein … was ist er eigentlich von dir?«

»Mein Boss«, log Tom. Die Wahrheit, dass er bei Veyron lebte, weil seine Eltern tot waren, wollte er nicht jedem erzählen. Nur seine Freunde durften davon wissen. Alle anderen ging es nichts an.

»Okay. Dein Boss eben. Hatte mir schon so was gedacht. Kann schon sein, dass ich auf ein Biest hereingefallen bin. Blöd, mich gerade in so eine verknallt zu haben, was?«, meinte Danny und lächelte verschämt. Er nahm die Sache lockerer, als Tom vermutet hätte – oder er war ein guter Schauspieler.

»Ist mir auch schon passiert. Da kommt man drüber hinweg«, gab er zurück, als wäre es für ihn etwas Alltägliches.

Das brachte Danny zum Lachen, ein lautes, von Herzen kommendes Gelächter. »Sagt mir ein Knirps, der sich noch nicht mal rasieren muss! Alles klar, Kleiner, du bist schwer in Ordnung. Ruf mich an, falls dein Boss es sich anders überlegt. Dann spendiere ich dir eine Spritztour, und wir gehen gemeinsam auf Brautschau.«

Sie verabschiedeten sich, und Danny schlenderte zu seinem Porsche, während Tom die gereichte Visitenkarte einsteckte und ins Wohnzimmer zurückkehrte.

Veyron saß immer noch in seinem alten Ohrensessel. »Was für ein Reinfall. Schade, ich hatte mir mehr erhofft, als einen liebeskranken Narren. Die Liebe, mein lieber Tom, ist in der Tat eine Krankheit, der man nur durch einen disziplinierten Verstand vorbeugen kann. Sie zerstört die Logik des Geistes und verhindert ein klares, rationales Denken. Kurzum: Sie macht Idioten aus uns allen«, seufzte er, als Tom wieder eintrat und sich auf die Couch fallen ließ.

»So ein Mist kann auch nur von Ihnen kommen. Mensch, Veyron! Haben Sie nicht aufgepasst? Die Lady, diese Fiona, hat in einem Buch von Professor Daring gelesen. Wie wir wissen, war der Mann ein Simanui, ein Zauberer. Sein Geist steckt in dem Schwert, das oben in Ihrem Arbeitszimmer hängt. Das muss doch was bedeuten!«, rief Tom aufgeregt.

Veyron winkte jedoch ab. »Zutreffend. Professor Daring war jedoch auch genau dies: ein Professor, und zwar für Geschichte, Vorgeschichte, Kunst und Germanistik. Er hat eine Vielzahl von Büchern geschrieben, die du heute alle noch kaufen oder dir in Bibliotheken ausleihen kannst. Tausende von Studenten haben schon in seinen Werken geblättert, ohne dass eine tiefer gehende Bedeutung darin läge. Google einfach mal, dann wirst du staunen. Darings Werke zur ägyptischen, griechischen und römischen Mythologie zählen zu den besten der Welt, wenngleich es unter den Experten Dispute über seine Interpretationen gibt. Das ist also absolut nichts Ungewöhnliches. Wenn uns der Darrow-Fall eines lehrt, dann vielleicht ein wenig Demut bezüglich unserer eigenen Erwartungshaltung. Und Mr. Darrow hat hoffentlich ebenso eine Lektion erhalten, die seinem Ego sicherlich nicht schaden wird. Übrigens: Wolltest du dich heute nicht mit deinen Freunden treffen, um sinnlos die Zeit zu vertändeln?« Damit war das Thema für seinen Patenonkel abgehakt. Plötzliche Themenwechsel bedeuteten ganz klar: keine weitere Diskussion.

Tom schüttelte ob dieses Unverständnisses noch einmal den Kopf, stand auf und ging hinauf in sein Dachbodenzimmer. Die Aussicht, wieder in einen interessanten Fall verwickelt zu werden, war für dieses Wochenende erst einmal dahin.

Kurze Zeit später hing Tom mit seinen Kumpels Bert und Bill am Spielplatz ab. Natürlich nicht, um im Sandkasten zu spielen oder zu rutschen. Für drei Sechzehnjährige kam so was nicht mehr infrage. Sie hätten auch zu Bert gehen können, der hatte ein paar neue Spiele für seine Konsole. Oder zu Bill, dessen Vater sie öfter mal auf ein Bier einlud. Veyron sah es zwar nicht gern (und das Auge des Gesetzes auch nicht); letztlich ließ er es Tom immer durchgehen, genauso wie die eine oder andere Zigarette. Aber auf dem Spielplatz war es gemütlich, und sie hatten ihre Ruhe. Tom fand, dass es keinen besseren Platz zum Abhängen gab. So saßen die drei auf dem verlassenen Karussell, warteten auf den Rest ihrer Clique und schickten sich unterdessen lustige YouTube-Videos oder WhatsApp-Nachrichten.

»Herumhängen und chillen ist echt das Beste«, sagte Bert Ramsey, den Tom als seinen besten Kumpel bezeichnete.

Sie hatten sich kennengelernt, als Tom von Ealing nach Harrow wechseln musste, und sich sofort gut verstanden. Bill Huggins hatte sich ihnen etwas später angeschlossen. Ein paar weitere Jungs ihres Alters kamen für gewöhnlich dazu, wenn sie auf dem Morshower-Spielplatz abhingen. Der bestand nur aus einem teils von Gras überwachsenen Sandkasten, einer rostigen Schaukel und einem quietschenden Kinderkarussell. Tom konnte sich nicht erinnern, hier jemals Kinder gesehen zu haben. Seit zwei Jahren war dies ihr regelmäßiger Treffpunkt.

»Genau, Alter. Wir könnten runter in die Stadt. Ich hab langsam Hunger«, schloss sich Bill der Auffassung seines Freundes an.

Tom grunzte verächtlich. »Du hast doch immer Hunger«, meinte er.

Bert kicherte; Bill stemmte in gespielter Empörung die Fäuste in die Hüften. »Hey«, protestierte er. »Nur weil ich kein solcher Hungerhaken sein will wie du? Schau dich doch mal an – jeder könnte dich einfach umnieten, wenn er wollte. Stimmt’s, Tom?«

Bert musste wieder kichern. Bill war gegen ihn ›fest gebaut‹, wie er das nannte – andere hätten wohl eher rundlich gesagt.

Tom zuckte mit den Schultern. »Soll doch jeder machen, wie er glücklich ist.« Insgeheim war er froh, weder so dick wie Bill noch so klapperdürr wie Bert zu sein.

»Du hast gut reden, dabei bist du auf dem besten Weg, dem Idioten Rodgers Konkurrenz zu machen. Als Held der Schule stehen alle Mädchen auf dich«, maulte Bert.

Tom verdrehte die Augen und winkte ab. »Falls du auf diese Sache mit dem Polizeischutz letztes Jahr anspielst: Das wird völlig überbewertet.« Seinen Freunden konnte er – trotz aller Vertrautheit – ja schlecht erzählen, dass er damals in Wahrheit Elderwelt besucht hatte.

»Ach ja? Und was ist mit der Polizei, die bei euch ständig ein- und ausgeht? Von den ganzen anderen Leuten reden wir gar nicht. Nein, Tom, da kommst du nicht mehr raus! Du hast ja keine Ahnung, was so alles erzählt wird. Du und dein Onkel, ihr wärt Terroristen auf den Schlips getreten. Und diese Typen, die vor der Schule immer allen aufgelauert haben? Die hast du im Alleingang fertiggemacht – mit einem Schwert!«, hielt Bill dagegen.

Tom knirschte mit den Zähnen. Von einem gewissen Standpunkt aus war das alles richtig – wenngleich ein klein wenig übertrieben.

»Genau, und vor zwei Jahren waren du und dein Onkel die einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes«, steuerte Bert bei.

Tom lachte und stieß das Karussell an, auf dem seine beiden Freunde saßen. »Ja, ja. Und wenn schon. Hey, ihr könnt ja damit angeben, dass ihr mit einem echten Superhelden befreundet seid. Ich könnte ja Autogrammstunden organisieren. Vielleicht beißt bei euch dann auch mal ein Mädel an«, gab er zurück.

»Idiot«, raunzte Bert, und Bill fügte an: »Du Arsch.«

Tom lachte noch lauter und bremste das Karussell so ruckartig ab, dass die beiden fast aus den Sitzen geschleudert wurden und die beiden aufschrien und sich festklammern mussten. Sobald sie sich gefangen hatten, brummelte Bill vor sich hin, während Bert in Toms Gelächter einfiel.

Gemeinsam schlenderten sie dann ein paar Meter über den verlassenen Spielplatz, ohne recht zu wissen, wohin oder was sie tun sollten. Normalerweise wären längst Norman, John und Marc zu ihnen gestoßen, doch heute ließen die anderen Kumpels auf sich warten.

»Wo bleiben die denn bloß? Seit Marc die Schule geschmissen hat und in der Tankstelle jobbt, hat er fast nie mehr Zeit«, beschwerte sich Bill.

Tom seufzte beim Gedanken daran, dass auch für sie bald eine neue Zeitrechnung beginnen würde. Nächstes Jahr standen die ersten Examina an. Bert wollte aufs College wechseln und studieren, Bill wusste noch gar nicht, was er danach tun sollte – und Tom? Journalismus, dachte er, wie so oft in diesen Tagen. Ich will Journalist werden, genau wie mein Vater.

Bill zupfte ihn am Ärmel und riss ihn aus den Gedanken. »Schau, da ist unser Schatten. Ernie ist wieder da«, sagte er und nickte hinüber zu einer Gruppe Sträucher. Dahinter war deutlich eine Gestalt zu erkennen.

»Der schon wieder«, stöhnte Tom.

Ernie Fraud, ein schüchterner Junge aus der Parallelklasse, verfolgte sie jetzt schon seit zwei Wochen fast jeden Tag. Er war hochgewachsen und hager, das Gesicht stets ernst. Tom hatte ihn noch nie lächeln sehen. Erst vor Kurzem war er an die Schule gekommen und, soweit Tom wusste, ein hochintelligenter Junge, aber irgendwie seltsam. Niemand in seiner Klasse wollte sich mit ihm anfreunden, was auch kein Wunder war, da sich Ernie allem verweigerte. Er machte beim Sport nicht mit, redete mit niemandem und wenn, dann nur Gemeinheiten und Beleidigungen. Nur zu Toms Clique schien er sich neuerdings hingezogen zu fühlen. Stets beobachtete er sie aus sicherer Entfernung, und solange sie nur zu zweit oder zu dritt waren, traute er sich sogar zu ihnen rüber. Für gewöhnlich kam es nur zu einer kurzen Begrüßung, dann umkreiste Fraud sie wie ein Haifisch auf Beutefang oder saß einfach nur abseits und suchte Aufmerksamkeit. Tom tat der schüchterne Junge fast ein wenig leid. Ernie besaß keine Freunde – außer einer Facebook-Freundin, die sich Judy nannte. Er hatte Tom mal so was erzählt, als sie sich kurz unterhalten hatten. Soweit Tom wusste, war diese Judy auch Ernies einzige Facebook-Freundin. Ein armer Kerl.

»Und da kommt Ärger anmarschiert. Rodgers ist da«, sagte Bert und nickte in die entgegengesetzte Richtung.

Toms Fäuste ballten sich fast instinktiv, als er diesen Namen hörte.

Stevie Rodgers, einen halben Kopf größer als Tom und annähernd doppelt so breit in den Schultern, stolzierte heran, gefolgt von seinen vier üblichen Handlangern – deren Namen Tom immer wieder entfielen.

»Gleich setzt es was. Der arme Ernie«, meinte Bill.

Tatsächlich umstellten Rodgers und seine Jungs Fraud, kaum dass sie ihn erspäht hatten. Tom konnte die gewechselten Worte nicht genau verstehen, aber es waren ohne jeden Zweifel üble Drohungen und Gemeinheiten. Normalerweise machten sich Rodgers und seine Leute einen Spaß daraus, Ernie das Fürchten zu lehren und ihn dann wegrennen zu lassen. Doch diesmal war es anders – die Burschen waren auf Stunk aus. Rodgers, Rugbymeister der Schule, war bekannt für sein hämisches Grinsen und sein herablassendes Gehabe. Das war ihm heute abhandengekommen.

»Was hat Ernie denn ausgefressen?«, wollte Tom wissen und deutete auf Rodgers’ knallrot angelaufenes Mopsgesicht.

Seine beiden Freunde schauten ihn dermaßen verwundert an, als würde das die ganze Welt wissen, mit Ausnahme von Tom. »Weißt du das gar nicht? Fraud ist verknallt. Und zwar in Lilly«, klärte ihn Bill auf.

Tom machte große Augen. »In Stevie Rodgers Schwester? Okay, wer ist das nicht? Sie ist aber auch wirklich heiß.«

Bert stimmte ihm zu. »Gute Gene in der Rodgers-Familie: die Schönheit für die Mädels und die Muckis für die Jungs. Der arme Ernie.«

»Der Idiot hat Lilly einen Liebesbrief geschrieben. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut, so viel Traute«, ergänzte Bill.

»Hat sie das etwa ihrem Bruder gesagt?« Tom war entsetzt.

Doch Bill schüttelte sofort den Kopf. »Nein, hat sie nicht. Lilly hat es aber ihre Freundinnen wissen lassen. Zu denen gehört ja auch Vanessa, die mit Stevie geht. Die hat es ihm dann gesteckt. Und Stevie ist der Meinung, dass Ernie Fraud nicht zu seiner Schwester passt.«

Tom nickte nur. Seine Aufmerksamkeit galt dem Geschehen rund um Fraud und Rodgers. Gerade fingen dessen Kumpel an, Ernie hin und her zu schubsen. »Okay, das reicht. Ich greif ein«, entschied er und machte einen Schritt nach vorn.

Bert packte ihn am Arm. »Lass das! Das geht uns nichts an. Die sind zu fünft und wir nur zu dritt. Und Fraud wird davonlaufen. Hör bloß auf, Tom!«

Tom riss sich los und ging weiter, nur Bill folgte ihm zögernd. »Warten wir doch lieber auf Norman und John. Dann ist es ausgeglichen«, versuchte Bill ihn zu bremsen.

In diesem Moment sah Tom Ernie zu Boden gehen und die Fäuste von Stevies Kumpeln fliegen. Nein, er würde nicht mehr länger warten. Die Entscheidung war gefallen.

In Elderwelt hab ich mich mit Schraten, Kobolden, Trollen und Fenriswölfen angelegt, dachte er. Ich werde jetzt bestimmt nicht vor einem Rugbymeister und seinen Schlägern kneifen.

»Hey! Hört auf, ihr Idioten«, rief er in Rodgers Richtung und begann zu rennen.

Sofort wirbelte der zu ihm herum, blanken Zorn im Gesicht.

»Oh Mann, da kommen die drei Trolle«, hörte Tom einen der Handlanger (George oder so ähnlich) höhnen.

Drei? Tom schaute kurz über die Schulter. Ja, Bert hatte seine Furcht überwunden und nahte heran.

»Halt dich da raus, Packard!«, drohte Rodgers.

Doch Tom wurde kein bisschen langsamer. Das schien zumindest die vier Handlanger etwas zu verunsichern.

»Lasst Ernie in Ruhe. Der arme Kerl hat es schwer genug. Was seid ihr nur für Feiglinge?«, schalt Tom sie.

Die Bande lachte, allein Rodgers fand das gar nicht lustig. »Verzieh dich, Packard – oder du bist derjenige, der ein paar aufs Maul kriegt!«

»Kannst es ja mal versuchen, Rodgers. Ich bin schon mit schlimmeren Typen fertig geworden. Lass Ernie in Ruhe, dann brauchst du morgen auch nicht zu erklären, wo du die gebrochene Nase herhast.«

Tom stand seinem Kontrahenten jetzt direkt gegenüber, war nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Rodgers bebte vor Zorn; seine Kumpels begannen, Tom, Bill und Bert einzukreisen.

»Kannst du wenigstens Karate?«, raunte Bill leise zu Bert.

»Hey, ich bin Intellektueller! Meine Waffe ist die Feder, nicht das Schwert«, versuchte der einen Witz daraus zu machen. Rodgers Kumpel fanden ihn nicht besonders lustig.

Anspannung lag in der Luft wie ein straff gezogenes Seil. Jeden Moment würde es reißen. Tom kannte dieses Gefühl zur Genüge und war auf alles gefasst; er war ein Kämpfer, trainiert durch die Abenteuer in Elderwelt. Rodgers würde es gleich zu spüren bekommen.

Doch dann sprangen dessen vier Kumpels vor und stürzten sich auf ihn, Bill und Bert. Es entbrannte ein Gerangel. Aus dem Augenwinkel sah Tom seine beiden Freunde mit je einem der Schläger kämpfen, dann packten die anderen beiden ihn von hinten an den Armen und hielten ihn fest. Tom trat wütend um sich und erwischte ein ums andere Mal ihre Schienbeine. Schreiend ließ der eine los, sodass Tom sich auch aus dem Griff des anderen winden und seinen Gegner stellen konnte. Er spürte, wie ihm das Adrenalin durch die Adern schoss, wie es seine Reaktionen beschleunigte, wie er fast wie von allein Schläge parierte und selbst welche austeilte. Er wollte es nicht zugeben, doch ein kleiner Teil von ihm genoss es. Einer von Rodgers Kumpels sackte zu Boden, keuchte und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Brustkorb. Tom wusste, wo er hinschlagen musste. Veyron Swift war ein meisterhafter Lehrer gewesen. Seit ihrem ersten Abenteuer hatten sie immer wieder mal ein wenig trainiert – und noch mehr nach ihrem zweiten.

Doch auch auf ihrer Seite gab es Verluste. Bert lag schon am Boden, und Bill rang mit gleich zwei Gegnern. Da griff auch Rodgers ein, schneller und stärker als seine Spießgesellen. Sein Faustschlag erwischte Tom mitten im Gesicht. Er schmeckte warmes Blut, das ihm aus der aufgeplatzten Lippe übers Kinn lief. Den nächsten Schlag konnte er gerade noch abwehren, aber nicht den Tritt in die Kniekehle, den ihm einer von Rodgers’ Handlangern verpasste. Noch ein Schlag von Rodgers, den er parierte. Aus den Augenwinkeln sah Tom, wie Ernie Fraud flüchtete und lauthals um Hilfe rief. Der eine Schläger wollte ihm nachsetzen, doch Tom holte ihn mit gestrecktem Bein von den Füßen. Mit wütendem Gebrüll warf sich Rodgers nun auf Tom, doch der verpasste dem Kerl einen dermaßen harten Kinnhaken, dass dessen Zähne knirschten. Den entfesselten Zorn seines Feindes konnte Tom damit jedoch nicht eindämmen. Rodgers war nicht umsonst Rugbymeister. Schmerz machte ihn nur noch wilder.

»Ich bring dich um, Packard!«, brüllte er.

Plötzlich quietschten Autoreifen, lautes Hupen ließ zum Schlag erhobene Fäuste in der Luft verharren. Ein schwarzer Range Rover preschte mitten auf den Spielplatz. Rodgers Kumpels suchten sofort das Weite. Er selbst versuchte ebenfalls zu fliehen, doch Tom hielt ihn fest.

Jetzt flogen die Wagentüren auf, und zwei kräftige Männer in Anzügen sprangen heraus. Sie stürmten vor, packten Rodgers und schleuderten ihn zur Seite.

»Mr. Packard?«

Tom nickte benommen.

»Sie müssen mit uns mitkommen«, befahl der eine streng, während der andere Bill und Bert auf die Beine half.

»Warum«, fragte Tom und wischte sich Blut aus dem Gesicht.

Der Mann zückte seine Dienstmarke. »CID. Wir haben ein paar wichtige Fragen«, sagte er.

Tom wollte protestieren, aber dann kam ihm in den Sinn, dass Veyron vielleicht einen neuen Fall ergattert hatte. Die Neugier ließ seine Kampfeslust schlagartig verpuffen. Er stand auf, warf Stevie Rodgers einen letzten zornigen Blick zu und folgte den beiden Männern zum Wagen.

»Ich meld mich später, wenn ich weiß, was los ist«, rief er Bill und Bert zu.

Rodgers’ Zorn war dagegen noch lange nicht verflogen. »Das ist noch nicht zu Ende, Packard!«, brüllte er, dann sprang er auf und rannte davon.

Bill und Bert riefen ihm ein paar sehr unflätige Namen hinterher. Mehr bekam Tom nicht mehr mit. Die Männer schoben ihn auf die Rückbank, machten die Tür zu und stiegen vorn ein. Eine verdunkelte Scheibe trennte das hintere Abteil von den Fahrersitzen. Die Fahrt ging los.

Tom war nicht allein. Neben ihm saß eine junge Frau, sie mochte wohl Mitte zwanzig sein, relativ hübsch und in einen ähnlich teuren Anzug gekleidet wie die beiden Männer vorn. Ihr langes Haar trug sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengeknotet. Das gänzlich ungeschminkte Gesicht ließ sie ein wenig burschikos wirken.

»Wie ich sehe, kamen wir keinen Moment zu spät. Tut mir leid, dass wir nicht schneller waren. Wir erhielten die Nachricht über Ihren Aufenthaltsort erst vor zehn Minuten«, erklärte die Frau und reichte Tom ein Taschentuch.

Er nahm es dankend an und tupfte sich Blut von der aufgeplatzten Lippe. Erst jetzt spürte er die Schmerzen in der Brust, an den Armen und im Gesicht. »Kein Problem. Aber wir hätten das schon geschafft. Ich hatte diesen Rodgers schon fast am Boden«, log Tom.

Die Frau kicherte. »Natürlich«, meinte sie nur.

Tom schaute sie genauer an. »Sie sind nicht vom CID. Gregson schickt normalerweise Willkins, Brown oder den Idioten Palmer«, stellte er fest.

Sie nickte. »Nein, das war nur die Story, die wir Ihren Freunden erzählen mussten, Mr. Packard. Sie haben ja einen gewissen Ruf an Ihrer Schule, darum schien uns das glaubhaft. Ich bin Agent Hunter vom MI-6.«

Jetzt war Tom wirklich sprachlos. Es verging fast eine Minute, bis ihm etwas einfiel, das ihm weder blöd noch peinlich vorkam. »Wow.«

Und sofort war es ihm peinlich. »’Tschuldigung. Aber das ist echt … wow! Dürfen Sie mir das überhaupt sagen?«

»Natürlich. Wir fahren zum MI-6-Hauptquartier, darum wäre es wohl sinnlos, das geheim zu halten. Das kennt eh schon die ganze Welt«, erklärte Hunter. Sie lächelte, als sie Toms verdutztes Gesicht bemerkte. »Der Direktor will Ihren Patenonkel treffen, doch der bestand darauf, dass auch Sie an diesem Treffen teilnehmen«, führte sie weiter aus, als erriete sie seine vielen unausgesprochenen Fragen.

»Okay. Wie haben Sie mich überhaupt gefunden? Beobachten Sie mich schon länger?«

»Ja – zumindest, seit der Direktor mit Ihrem Patenonkel Kontakt aufgenommen hat. Das war vor zwei Wochen. Ich bin Judy.«

»Wie Ernie Frauds Facebook-Freundin«, murmelte Tom. Dann wurde ihm die Bedeutung dieser Tatsache bewusst. »Na klar, Sie sind es! Darum hat Ernie die Nähe zu meinen Kumpels und mir gesucht. Sie haben ihn als Spion eingesetzt! Also, das ist gemein, richtig gemein sogar.«

Hunter zuckte beiläufig mit den Schultern. »Der Zweck heiligt die Mittel, Mr. Packard. Ernie hält große Stücke auf Sie. Es war also recht leicht, ihn zu rekrutieren. Als Gegenleistung erhielt er ein wenig Verständnis und Freundschaft. Hat ihm nicht geschadet – und uns geholfen. Ohne diese kleine Maßnahme hätte dieser Rodgers Sie wohl zu Mus verarbeitet.«

Tom kam nicht darum herum, dem zuzustimmen. Auf die anschließend Frage, was der MI-6 von Veyron wollte, erhielt er jedoch ebenso wenig eine Antwort wie darauf, zu welcher Abteilung Agent Hunter gehörte. Sie lächelte stets nur, zückte ihr Smartphone, tippte irgendwelche Nachrichten ein und tat so, als existiere er gar nicht. Die Unterhaltung war für sie wohl beendet, und Tom begnügte sich damit, aus dem Fenster zu blicken und den Häuserzeilen zuzusehen, die an den Fenstern vorbei wischten.

Wie lang die Fahrt genau dauerte, vermochte er nicht zu sagen, so aufgeregt, wie er war. Irgendwann tauchte jedoch das unverwechselbare Hauptquartier des Special Intelligence Service am Vauxhall Cross auf. Tom war von der majestätischen Erscheinung des riesigen Gebäudes beeindruckt, das Elemente einer antiken Zikkurat mit moderner Architektur in sich vereinte. Von Mitarbeitern wurde es daher auch ›Babylon an der Themse‹ oder scherzhaft ›Legoland‹ genannt.

Der Range Rover hielt vor dem Haupteingang. Hunter und Tom stiegen aus, während die anderen beiden Agenten weiterfuhren. Die Agentin führte Tom ins Gebäude, vorbei an Sicherheitskontrollen und einige Korridore entlang, bis sie zu einem Aufzug kamen. Tom erblickte viele Mitarbeiter in teuren Anzügen und kam sich selbst schon fast ein wenig wie James Bond vor. Das war alles so aufregend!

Er stieg mit Hunter in den Aufzug und versuchte, sich so viele Details einzuprägen wie möglich. Wer konnte schon sagen, ob er jemals wieder ins Hauptquartier des MI-6 käme.

Ein paar Augenblicke langten sie in einem der oberen Stockwerke an, gingen einen weiteren Korridor hinunter und betraten ein geräumiges Vorzimmer. Das ist ja wirklich so ähnlich wie im Kino, dachte er.

Sie wurden ins Büro des Direktors vorgelassen, wo Veyron bereits in einem der Besuchersessel lümmelte. Tom fand es fast ein wenig peinlich, dass sich sein Pate nicht einmal jetzt anständig hinsetzen wollte.

Hinter dem wuchtigen Schreibtisch saß ein Mann mittleren Alters. »Ah ja, Mr. Packard. Setz dich, mein Junge. Danke, Hunter. Sie können gehen«, sagte er freundlich.

»Keine Ursache, C«, sagte die Agentin und verließ den Raum.

Also wurde der Direktor des MI-6 von seinen Mitarbeitern wirklich C genannt! Tom fand das sehr aufregend. Es verlieh den James-Bond-Filmen doch glatt Authentizität. C deutete auf einen der freien Sessel. Fast ehrfürchtig nahm Tom Platz.

Der Direktor langte über den Tisch und reichte Tom die Hand. »Willkommen beim SIS, Tom. Ich darf doch Tom sagen, oder?«, begrüßte er ihn. »Dein Onkel ist der loyalste Mensch, der mir je begegnet ist. Er weigerte sich partout, ein Wort zu sagen oder mich anzuhören, ehe du nicht dabei wärst.«

»Tom ist mein Assistent und hat mir schon in zahlreichen Fällen beigestanden. Sie können vor ihm absolut frei reden, anderenfalls hätte ich ihn sowieso in alles eingeweiht, was heute hier besprochen wird«, erläuterte Veyron, ohne C oder Tom dabei anzublicken. »Da wir nun vollzählig sind, können wir vielleicht beginnen, ohne noch mehr Zeit zu verschwenden. Ich hoffe nur, Sie können den Streit mit Ihrer Frau beilegen, sowie wir hier fertig sind. Besser wir beeilen uns, Ihre beiden Hunde warten sicher aufs Gassigehen.«

Der Direktor starrte Veyron für einen Moment verblüfft an, ging aber nicht weiter darauf ein, sondern kam gleich zur Sache. »Mr. Swift, ich wende mich heute in einer dringenden Angelegenheit an Sie, die von nationalem Interesse ist. Sagt Ihnen die Zaltianna Trading Company etwas?«

Tom schaute zu seinem Patenonkel. Natürlich kannten sie die ZTC! Diese Firma war in eine üble Sache verwickelt gewesen, auf die sie im Lauf ihres letzten Abenteuers gestoßen waren.

»Ich bin nur entfernt damit vertraut«, log Veyron zu Toms Überraschung.

»Die ZTC ist die vielleicht größte Transport- und Logistikflotte unserer Zeit. Gegründet von einem gewissen Avron Zaltic, verschifft sie Waren im Milliardenwert. Die Auftraggeber der ZTC gehören zu den kriminellsten Personen und Organisationen auf der ganzen Welt. Waffenschmuggel, Sklavenhandel, es gibt kaum ein schmutziges Geschäft, in das die ZTC nicht verwickelt ist. Nur beweisen kann man es ihr nicht. Natürlich stehen solche Konzerne unter unserer Beobachtung. Wir haben zum Beispiel erfahren, dass die ZTC viele tausend Tonnen vorbehandelter Rohstoffe und Maschinenbauteile hat verschwinden lassen. Das kommt immer wieder vor, und niemand weiß so recht, wie sie das anstellen«, führte C aus.

Veyron zuckte gelangweilt mit den Schultern. »Ähnliche Sachen sind mir auch zu Ohren gekommen. Ich verstehe jedoch nicht, wieso Sie meine Hilfe benötigen. Der MI-6 besitzt ganz kompetente Agenten; meistens jedenfalls«, meinte er.

Der Direktor hob ob dieser leisen Kritik nur kurz die Augenbrauen. »Wir benötigen Ihre Expertise als Fachmann für unnatürliche Angelegenheiten. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Sie der einzige Mann Englands sind, der für diese Art von Aufgabe infrage kommt. Unsere Agenten haben einige Nachrichten zwischen verschiedenen ZTC-Abteilungen abgefangen, in denen die Rede von Elderwelt ist, womit offensichtlich ein anderer Ort gemeint ist als unsere Erde. Es ging darin auch um einen bestimmten Gegenstand: das Horn des Triton.«

Veyron legte die Fingerspitzen aneinander, als er das hörte. Seine eisblauen Augen strahlen neu entfachte Neugier aus. »Fahren Sie bitte fort.«

»Soweit wir es entschlüsseln können, scheint die ZTC daran interessiert, jenes Horn des Triton zu finden und aus dieser Elderwelt in die Unsrige zu bringen.«

Veyron richtete sich kerzengerade auf, seine Blicke huschten hin und her. »Sie wissen natürlich, um was es sich bei dem Horn des Triton handelt?«, wollte er vom SIS-Direktor wissen.

Dieser zeigte ein schräges Lächeln. »Natürlich. Unsere Agenten haben alle erhältlichen Informationsquellen konsultiert. Es handelt sich dabei um das Gehäuse einer Meeresschnecke, das Tritonshorn«, sagte er und blickte kurz auf seine Schreibtischplatte und las von einem Zettel ab: »Charonia tritonis. Beheimatet in subtropischen und tropischen Gewässern. Die Art ernährt sich von Seesternen und Muscheln. Das Gehäuse des Tritonshorns wird gelegentlich als Trompete benutzt, ähnlich dem japanischen horagai. Auch von anderen Kulturen ist das bekannt. Australien bemüht sich schon länger, das Tritonshorn auf die Rote Liste zu bekommen, denn an manchen Riffen ist diese Riesenschnecke vom Aussterben bedroht.«

Tom seufzte enttäuscht. »Das klingt ja wirklich nach einer lohnenden Mission für den MI-6. Rettet die Schnecken! Was ist nun das Problem? Dass die ZTC illegale Tritonshörner schmuggelt?«, meinte er sarkastisch.

C schmunzelte über seine offensichtliche Ungeduld. »Nein, Tom. Ich war mit meinen Ausführungen noch nicht ganz fertig. Unsere weiteren Recherchen haben ergeben, dass der Name auf einer alten griechischen Sage beruht. Nach ihr soll der griechische Meeresgott Triton ein derartiges Schneckengehäuse als Signalhorn benutzt haben. Er konnte damit Stürme heraufbeschwören oder die See ruhig und friedlich halten. Unsere Agenten sind der Überzeugung, dass dies nicht einfach nur ein Mythos ist, sondern, dass es dieses Horn tatsächlich gibt. In Elderwelt. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass Sie, Mr. Swift, Elderwelt schon mindestens einmal besucht haben.«

Veyron sagte lange nichts. Es schien fast so, als wäre er zur Statue erstarrt. Schließlich stand er auf und schüttelte den Kopf. »Ich bedaure, ich muss ablehnen. Gehen wir einmal davon aus, dass das Horn des Triton tatsächlich existiert, so bezweifle ich doch massiv, dass die Menschheit schon so weit ist, mit dem Werkzeug einer Gottheit vernünftig zu hantieren«, sagte er, die Stimme tief und ernst.

»Was?«, entfuhr es Tom ungläubig. »Aber Veyron! Die ZTC ist hinter diesem Horn her!«

»Mag sein. Sie besitzt es jedoch nicht, ansonsten hätte sich die Zahl der Schiffsunglücke bereits dramatisch erhöht«, konterte Veyron. »Ich wiederhole es noch einmal: Ich lehne diesen Auftrag ab. Komm Tom, wir sind hier fertig.«

Der Direktor seufzte, erhob sich und öffnete ihnen die Tür. »Es ist sehr schade, dass Sie Ihrem Land keinen Dienst erweisen wollen«, meinte er.

Veyron stopfte seine Hände in die Hosentaschen und schlenderte auf den Ausgang zu. »Ich stehe nicht im Dienste Ihrer Majestät, Direktor. Des Weiteren bin ich davon überzeugt, dass England – und der ganzen Welt – besser damit gedient wäre, das Horn des Triton nicht aufzuspüren. Goodbye.«

C zuckte mit den Schultern. »Wie Sie meinen. Gestatten Sie mir noch eine abschließende Frage?«

»Selbstverständlich.«

»Woher wissen Sie, dass der Haussegen bei mir und meiner Frau schief hängt? Das weiß niemand.«

Veyron deutete auf Cs Krawatte. »Der Knoten wurde miserabel gebunden. Hinzu kommen die Hundehaare an Ihrer Hose – von zwei verschiedenen Schäferhundrassen, eine Gelbbacke und ein Tiger, wenn ich mit nicht irre. Nicht zu vergessen die Falten Ihres Hemds. Sie haben wohl auf der Couch übernachtet, wenn ich mir die zerknitterten Stellen auf der rechten Seite und dem Rücken ansehe. Dass Sie in einem derart schlampigen Aufzug zur Arbeit fahren, ist ungewöhnlich für Sie. Auf sämtlichen Fotos in Ihrem Büro sind Anzug und Krawatte nämlich in tadellosem Zustand. Folglich legen Sie weitaus weniger Wert auf Ihr Äußeres als Ihre Frau. Auf den Familienfotos auf Ihrem Schreibtisch kann man sehen, wie stolz sie auf Sie ist. Ihre Frau ist also diejenige, die Ihre Krawatten bindet, die Hosen bürstet und dafür sorgt, dass Sie jeden Morgen frisch gebügelte Hemden tragen. Nur heute nicht. Warum? Ein Streit mit Ihrer Frau erschien mir da als Grund nur logisch.«

Tom war ebenso sprachlos wie der Direktor. Er konnte nicht sagen, ob der Chef der Spione wütend darüber war, innerhalb von Sekunden all seiner privaten Geheimnisse beraubt zu sein. Wenn ja, dann verbarg er es geschickt. Immerhin gelang ihm ein höfliches Lächeln.

»Hunter hatte schon recht: Sie wären unser Mann gewesen, Mr. Swift. Vielleicht überlegen Sie es sich noch anders? Hier ist die Karte von Agent Hunter; sie ist Ihre Ansprechpartnerin. Goodbye«, sagte C und reichte Veyron eine Visitenkarte.

Der gab sie sofort an Tom weiter. »Danke, kein Interesse«, meinte er kalt und trat ins Vorzimmer.

Tom folgte seinem Patenonkel zögernd. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Zwei Klienten an einem Tag, und beide Male hatte Veyron abgelehnt. War er denn total übergeschnappt?

Sie hatten das MI-6-Gebäude noch keine hundert Meter hinter sich gelassen, als Veyron in die Hände klatschte und kurz auflachte. »Volltreffer, mein lieber Tom! Ruf Mr. Darrow an und sag ihm Bescheid, dass ich seinen Fall annehme.«

Tom konnte nur verwirrt dreinschauen. »Ach? Jetzt also doch? Was hat Ihre Meinung geändert? Und warum helfen wir Danny Darrow, seine verschwundene Freundin zu finden, anstatt den MI-6 zu unterstützen? Der will immerhin verhindern, dass die ZTC das Horn des Triton in die Finger bekommt. Erinnern Sie sich noch, was wir über diesen Verein in Elderwelt herausgefunden haben? Das sind Gangster der übelsten Sorte.«

»Ich habe nichts vergessen, Tom. Und wir helfen Mr. Darrow nicht, seine Freundin zu finden, sondern das Horn des Triton.«

Tom riss die Augen auf. Jetzt verstand er gar nichts mehr. »Ja, wie? Sie sagen Nein zu C, wollen aber das Horn trotzdem suchen? Ihnen geht’s schon noch gut, oder? Ich glaub, Sie reden wirres Zeug.«

»Ganz und gar nicht, mein lieber Tom. Es war die ganze Zeit meine Absicht, das Horn zu finden, nur nicht für den MI-6 oder sonst irgendeine Organisation dieser Erde. Die Menschheit ist nicht reif für solche Wunderwerkzeuge. Wir erweisen der Welt einen Dienst, indem wir dieses Horn finden und sicherstellen, dass es niemand anderes tut«, erklärte Veyron. Er marschierte mit so schnellen Schritten weiter, dass Tom Mühe hatte, mitzuhalten.

»Aber was hat Danny Darrow damit zu tun? Das versteh ich nicht«, sagte er fast schon verzweifelt. Mit den raketenschnellen Überlegungen seines Patenonkels konnte er nicht mithalten. Er brauchte Informationen – und wie üblich geizte Veyron damit.

Dieser lachte höhnisch auf. »Mr. Darrow? Nichts – aber seine vermisste Freundin. Ich war blind, Tom! Natürlich waren mir zu dem Zeitpunkt nicht alle Fakten bekannt, ansonsten wäre ich schon viel eher darauf gekommen. Du hattest recht, als du sagtest, dass das Buch über griechische Mythologie von Professor Daring etwas bedeuten müsse. Natürlich wusstest du nicht, was. Aber ich vermag es jetzt zu erkennen. Darrows verschwundene Freundin war eine Agentin des MI-6. Nur das erklärt ihr plötzliches Erscheinen und ihr ebenso geheimnisvolles, spurloses Verschwinden, als habe sie nie existiert. Miss Fiona Smith. Sie war zwar imstande, das Horn des Triton zu identifizieren, aber nicht, es zu finden. Der MI-6 weiß nicht, wie er seine Agenten nach Elderwelt schaffen soll, darum wollte man mich engagieren. Ruf Willkins an und bestell sie ins Harrisson’s Café. Sag ihr, sie soll das Formular für einen Hausdurchsuchungsbefehl mitbringen.«

Tom zückte sein Smartphone und begann die entsprechende Nummer zu suchen. Dann hielt er noch einmal inne. »Was haben Sie denn überhaupt vor?«

»Wir verüben heute Nacht einen kleinen Einbruch, Tom.«

2. Kapitel: Einbruch mit Folgen

Harrisson’s Café war nichts weiter als ein kleiner Schuppen, einquartiert in einer Ecke eines größeren Wohnblocks in Paddington. Durch zwei große Fenster hatte man einen schönen Blick auf die Straße. Neben der Theke fanden in dem Raum noch drei kleine Tische Platz. Die einzige Toilette musste sich das Café mit zwei angrenzenden Geschäften teilen. Tom war noch nie hier gewesen, aber der Eigentümer, Walter Harrisson, schien Veyron recht gut zu kennen.

»Geht alles aufs Haus«, ließ er die beiden wissen, als er ihnen zwei Tassen Cappuccino hinstellte.

»Bringen Sie uns bitte noch eine dritte Tasse, Walter. Wir bekommen Besuch«, bat Veyron freundlich. Harrisson nickte und machte sich gleich an die Arbeit. Veyron lächelte kurz, als er Toms fragenden Blick bemerkte. »Ich hab ihm einmal aus der Patsche geholfen, als sich eine Bande Kobolde in seinem Keller einnisten wollte«, erklärte er.

Tom machte große Augen. »Von dem Fall haben Sie mir noch nie was erzählt.«

»Es gibt viele Fälle, von denen du nichts weißt, Tom. Ich war acht Jahre lang als Berater für unnatürliche Angelegenheiten und Wesen tätig, bevor wir uns kennenlernten. Ah, sieh nur: Willkins kommt.«

Tom, der mit dem Rücken zur Tür saß, musste sich umdrehen, um ihren Gast zu erblicken.

Detective Constable Jane Willkins betrat das Café und entdeckte die beiden sofort. Seit ihrem Wechsel von der Metropolitan Police zum CID, trug sie anstelle ihrer Uniform Hosenanzüge, die ihr nach Toms Meinung auch weitaus besser standen. Er kannte die dunkelhaarige, hübsche Polizistin jetzt schon seit fast zwei Jahren. Für ihn war sie so etwas wie eine große Schwester, zu der er gehen konnte, wenn Veyron wieder mal unausstehlich war. Für Veyron schien Jane dagegen nichts anderes als eine Erfüllungsgehilfin zu sein, ein Werkzeug zum Erreichen seiner Ziele. Nur manchmal – Tom war sich da nie ganz sicher – zeigte er ihr gegenüber ein wenig Herzlichkeit.

Sie setzte sich zu ihnen und begrüßte sie knapp. »Sie sagten, es sei dringend. Also los, auf was für eine Spur sind Sie diesmal gestoßen?«, kam sie sofort zur Sache.

Walter Harrisson stellte ihr eine Tasse Cappuccino vor die Nase und brachte sie damit kurz aus dem Konzept. »Geht alles aufs Haus, Miss«, sagte er und zwinkerte Veyron zu, die Situation vollkommen missverstehend.

Jane war zweifellos hübsch und – soweit Tom es wusste – zurzeit ohne Freund. Doch Veyron würde nie auf die Idee kommen, irgendetwas daraus zu machen. Er lehnte ja jede Form von Beziehung ab – mit der Tom unverständlichen Begründung, dass dadurch die Freiheit seines Geistes in Gefahr geriete und unabhängiges Denken nicht mehr möglich sei. Diese Verweigerungshaltung hatte schon einige hitzige Debatten ausgelöst, denn Veyron zögerte nicht, anderen seine eigenwillige Vorstellung menschlichen Miteinanders aufzuzwingen. Regelmäßig wurden dabei Jane oder Tom Opfer seiner kaltherzigen Beziehungsanalysen. Erst heute Morgen hatte er die Liebe ja generell als Krankheit abgetan.

»Haben Sie dabei, worum ich Sie gebeten habe?«, wollte Veyron soeben wissen und riss Tom damit aus den Gedanken.

Jane griff unter ihren Blazer und holte ein Kuvert heraus, das sie mitten auf den Tisch legte. »Wie verlangt, das Formular eines Hausdurchsuchungsbefehls. Gregson hat große Augen gemacht, als ich ihm sagte, was Sie diesmal wieder wollten. Werden Sie mir auch verraten, wofür der gut sein soll?«, fragte sie.

Veyron antwortete nicht gleich, sondern schnappte sich das Kuvert, nahm den Papierbogen heraus und fischte einen Kugelschreiber aus seiner Manteltasche. »Wir werden heute Nacht in Miss Fiona Smiths Wohnung in der False Lane einbrechen«, erklärte er, während er begann, das Formular auszufüllen.

Jane schnappte kurz nach Luft. »Haben Sie einen Knall? Veyron, das geht zu weit!«, protestierte sie. »Warum müssen Sie dort einbrechen und was hoffen Sie dort zu finden?«

Tom biss sich auf die Lippe, als die anderen Gäste – es waren nicht viele – sie mit neugierigen Blicken bedachten.

»Ein Nein, zu Ihrer ersten Frage und zu Ihrer zweiten dies als Antwort: Weil ich dort anders keinen Zutritt erhalte, der jedoch zwingend erforderlich ist. Auch Ihre dritte Frage will ich beantworten, Willkins. Ich hoffe, dort wichtige Hinweise auf Miss Smiths Aktivitäten bezüglich der Suche nach dem Horn des Triton zu finden, ein Gegenstand von entsetzlicher Macht«, erklärte Veyron so ruhig und gelassen, als hielte er einen harmlosen Schulvortrag.

Jane schüttelte den Kopf. Sie war damit ganz und gar nicht einverstanden. »Deswegen können Sie doch nicht das Gesetz brechen. Veyron, kommen Sie wieder zur Vernunft! Ich muss Sie verhaften, wenn Sie das wirklich durchziehen wollen. Tom, rede ihm diesen Unsinn aus.« Sie sprach nun deutlich leiser, und in ihrer Stimme klang ehrliche Sorge mit. Fast flehentlich waren ihre Augen auf Tom gerichtet.

Der konnte nur tief einatmen und dann die Schultern zucken. »Na ja, es ist für die Rettung der Welt oder so«, erwiderte er schließlich, was ihm einen bösen Blick von Jane einbrachte.

»Sie kennen meine Methoden, Willkins. Erinnern Sie sich an unser letztes gemeinsames Abenteuer in Elderwelt: Ich weiß ganz genau, was ich tue. Haben Sie Vertrauen«, sagte Veyron. Er lehnte sich kurz zurück und überflog die Felder des Formulars. Es fehlte nur noch die Unterschrift. Streng musterte er Jane. »Wer ist der zuständige Bezirksrichter für Paddington?«

Sie zuckte mit den Schultern, was Veyron nicht gerade zufriedenstellte.

»Dann googeln Sie es. Sie haben von Ihrem Telefon aus sicherlich Zugriff auf das Netzwerk des CID, da muss sich doch was finden lassen. Wir haben keine Zeit zu verlieren«, befahl er.

Jane verdrehte entnervt die Augen, zückte ihr Smartphone und gab die entsprechenden Daten ein. »Sonst wissen Sie doch auch alles«, maulte sie.

Veyron hob kurz die Augenbrauen. »Ich konnte das Netzwerk des CID noch nicht hacken. Das vom F.B.I. war nicht so schwer«, erläuterte er lapidar.

Tom warf seinem Patenonkel einen überraschten Blick zu. »Sie haben das Netzwerk des F.B.I. geknackt?«

»Nein«, gab Veyron zurück. »Aber Wimille.«

»Wer ist Wimille?«

»Mein Bruder.«

Tom und Jane starrten Veyron vollkommen entgeistert an. »Sie haben einen Bruder«, fragten beide wie aus einem Mund.

Veyron kniff entnervt die Augen zusammen. »Natürlich. Viele Menschen haben Brüder. Was ist daran so erstaunlich?«

Jane schmunzelte kurz, ehe sie sich wieder ihrem Telefon widmete. »Und ich dachte immer, man hätte Sie bei Wellstorm Automatics zusammengeschraubt, dem Roboterhersteller aus Ealing«, flachste sie.

Tom gestattete sich ein kurzes Auflachen, aber Veyron blieb todernst.

»Machen Sie keine Witze über meinen Bruder, Willkins«, sagte er mit finsterer Stimme.

»Können wir ihn kennenlernen? Ich wüsste gerne, wie Wimille so ist. Immerhin ist er Ihr Bruder«, fragte Tom, doch Veyron verneinte es entschieden.

»Wimille ist anders, und wir können ihn nicht besuchen. Nicht heute und auch morgen nicht. Schluss jetzt mit diesem Thema! Nun, Willkins, wie sieht es aus? Haben Sie endlich den Richter?«

Triumphierend schaltete sie ihr Telefon ab. »Sir Robert Scott.«

Veyron bedankte sich, dann schloss er die Augen und lehnte sich zurück. Mehrmals atmete er tief durch, seine Haltung wurde krumm und angespannt, seine Mundwinkel zogen sich tief nach unten, die Augenbrauen sträubten sich.

Jane staunte nicht schlecht. »Was wird das, wenn’s fertig ist?«, fragte sie flüsternd in Toms Richtung.

»Er konzentriert sich und taucht in die Persönlichkeit von Richter Scott ein – soweit er ihn kennt. Ich hab das schon ein paar Mal erlebt«, erklärte Tom stolz darauf, Jane einmal in einer Sache voraus zu sein.

Als Veyron die Augen wieder aufschlug, nahm er den Kugelschreiber entschlossen zwischen die Finger und setzte eine krakelige Unterschrift unter den Durchsuchungsbefehl, gänzlich anders als seine ansonsten schwungvollen Buchstaben. »Voilà«, verkündete er und legte Stift und Papier zufrieden beiseite. »Das wäre geschafft. Jetzt können wir im Prinzip loslegen.«

Jane war jedoch immer noch dagegen. »Das ist Urkundenfälschung, was Sie da machen«, wandte sie ein.

Veyron winkte ab. »Das soll nur den Hausmeister beschäftigen und uns Zugang zur Wohnung verschaffen. Einer gewissenhaften Prüfung wird die Unterschrift zwar nicht standhalten, aber sie sollte authentisch genug wirken, um auf den ersten Blick zu überzeugen.«

Jane schnaubte wütend und wandte kurz den Kopf zur Seite. »Ich frag mich wirklich, wozu Sie mich eigentlich brauchen«, murrte sie.

Veyron schaute sie überrascht an. »Genau genommen brauche ich Sie auch nicht, lediglich Ihre Dienstmarke«, erklärte er trocken.

Tom duckte sich instinktiv. Hätten Janes Blicke töten können, Veyron wäre nur mehr ein Häuflein Asche. Ohne Zögern sprang sie auf. »Okay, das reicht! Ich gehe!«

Veyron fasste Jane am Handgelenk, um sie wieder zu beruhigen. »Willkins«, begann er, »ich verstehe Ihre Skepsis und auch, dass es Ihnen als Polizistin zuwider ist, das Gesetz zu brechen. Aber ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ganz Elderwelt schwebt in Gefahr. Und die unsere auch, falls es der Zaltianna Trading Company – oder der Regierung – gelingt, das Horn des Triton vor mir zu finden. Ich sage Ihnen, dass wir dann Naturkatastrophen erleben werden, gegen die jeder Tsunami wie ein übergelaufenes Waschbecken wirkt. Ich bin gerne bereit, ein paar Gesetze zu übertreten, um das zu verhindern.«

Jane musterte ihn für einen Augenblick, rang sichtlich mit ihrem Gewissen und wägte ab, was mehr Gewicht hatte. Sie seufzte und setzte sich wieder. »In Ordnung, ich bin dabei. Aber es ist das allerletzte Mal, das schwör ich! Wann wollen Sie loslegen?«

»Gleich nach Einbruch der Nacht. Tom, hast du Mr. Darrow erreicht?«

»Ja. Er trifft sich zu angegebener Zeit mit uns in der False Lane.«

Veyron rieb sich zufrieden die Hände. »Sehr gut. Wir haben noch etwas Zeit, trinken wir also unseren Kaffee aus. Walter macht den besten Cappuccino in der ganzen Stadt. Es wäre ein Jammer, ihn kalt werden zu lassen«, sagte er, schnappte sich seine Tasse und nippte daran. Ein zufriedenes Lächeln huschte über seine Lippen.

Tom war nicht ganz sicher, ob es am Geschmack des Kaffees lag oder mehr an der Tatsache, dass alles nach Plan verlief.

Den restlichen Nachmittag über unterhielt Veyron sie mit ein paar Geschichten von Fällen, die weder Tom noch Jane kannten. Als es schließlich dunkel wurde, gingen sie zu Janes Dienstwagen und machten sich auf den Weg in die False Lane.

Eine typische Wohngegend war ihr Ziel. Große Wohnblöcke standen Reihenhäusern aus dem vorletzten Jahrhundert gegenüber. Die kalten, rechteckigen Betonklötze der Neuzeit konkurrierten mit den roten Backsteinfassaden und typischen Kaminen der viktorianischen Ära. An den Bürgersteigen dieser Straßenseite parkten teure, oftmals funkelnagelneue Limousinen und Sportwagen, auf der anderen standen die älteren, billigen Vehikel der Hochhausbewohner.

42b False Lane war einer der großen Wohnblöcke, die wohl auf der ganzen Welt annähernd gleich aussahen. Sie parkten den Wagen direkt vor dem Eingang, gleich hinter dem teuren Porsche von Danny Darrow. Der lehnte am Wagen und rauchte. Als Veyron, Jane und Tom ausstiegen, schnippte er seine Zigarette weg.

»Wurde aber auch Zeit. Ich hab schon gemeint, ich wart mir die Füße platt«, begrüßte Darrow sie. Als er Jane bemerkte, setzte er ein Lächeln auf und stellte sich vor. »Hallo, wen haben wir denn da? Ich bin Danny Darrow. Aber sagen Sie ruhig Danny zu mir.«

»Hi, Detective-Constable Jane Willkins, CID. Aber sagen Sie ruhig Constable Willkins zu mir.«

»Scheiße …«

Jane gestattete sich ein triumphierendes Lächeln, während sich Danny verlegen am Hinterkopf kratzte.

»Ich wusste ja nicht, dass die Situation dermaßen ernst ist. Die Polizei hat sich doch gar nicht für meinen Fall interessiert«, plapperte er, aber Veyron brachte ihn mit einem blitzartig erhobenen Zeigefinger zum Schweigen.

»Nur die Ruhe, Danny. Willkins ist hier, um unser Vorgehen zu bezeugen. Nichts weiter. Wer ist der Hausmeister?«

»Peter Driscoll, die Klingel ganz unten«, erklärte Danny. Zu viert schritten sie zur Haustür. Veyron inspizierte die Klingelanlage für einen Moment, tippte dann mit dem Fingernagel unter die einzige unbeschriftete Klingel.

»Aha, vierter Stock, Westseite zur Straße. Das Namensschild wurde erst vor Kurzem entfernt, und zwar recht hektisch. Sehen Sie nur, die kleinen Kratzspuren rund um das Schild. Der Kunststoff ist an einer Ecke angebrochen. Es musste schnell gehen, offensichtlich in der Absicht, Sie, Mr. Darrow, zu täuschen«, erklärte Veyron. Er drückte die Klingel der Hausmeisterwohnung.

Eine verschlafene Männerstimme meldete sich per Sprechanlage und Veyron stellte sich kurz vor.

»Guten Abend, Mr. Driscoll. Ich bin Detective-Inspector Veyron Swift. Können wir Sie für einen Moment sprechen?«

Auf der anderen Seite der Sprechanlage wurde gemurrt und aufgelegt. Der Türöffner summte, und sie traten ein.

Im Treppenhaus war es stockdunkel; erst nach und nach sprangen die Lichter an. Peter Driscoll, ein Mann mittleren Alters mit schlaffen Muskeln und hagerem Gesicht, dem man den übermäßigen Genuss von Zigaretten ebenso ansah wie den unzureichenden Sport, erwartete sie vor seiner Wohnungstür.

»Was liegt an, Inspector«, fragte er. Tom glaubte, deutliche Skepsis in seiner Stimme zu hören.

Ohne Vorwarnung packte Veyron Tom am Kragen und schleppte ihn vor Driscoll. »Dieser junge Mann da behauptet, dass er heute Morgen von einer jungen Dame angegriffen und verprügelt worden ist. Einer gewissen Miss Fiona Smith«, erklärte Veyron streng.

Tom musste die Zähne zusammenbeißen. Es war schier unglaublich, mit welcher Unverschämtheit Veyron die Kampfspuren in Toms Gesicht für seine eigenen Zwecke missbrauchte. Aber es ging immerhin um die Rettung der Welt, drum spielte Tom ohne Protest mit.

Veyron drehte sich zu Jane um. »Willkins, zeigen Sie dem Herrn Ihre Marke, damit er Bescheid weiß.«

Jane tat, wie ihr geheißen, verdrehte dabei jedoch verärgert die Augen. Sie zeigte Driscoll ihre Dienstmarke, der sie zu Toms Überraschung ausgiebig studierte. So sehr Driscoll seinen Körper auch vernachlässigen mochte, sein Verstand schien messerscharf.

»Hier gibt’s keine Fiona Smith, hat es noch nie gegeben. Das habe ich diesem Mann da«, er deutete mit ausgestrecktem Finger auf Danny, »schon mehrfach versichert.«

Veyron nickte. »Unsere Ermittlungen bestätigen das. Wir wissen jedoch, dass die junge Dame zuweilen unter falschem Namen zu wohnen pflegt. Deswegen möchten wir uns gern die Westwohnung im vierten Stock ansehen, um weitere Hinweise zu erhalten.«

»Die Wohnung steht leer. Schon lange«, konterte Driscoll scharf.

»Das bezweifle ich. Constable Willkins, zeigen Sie dem Herrn den Hausdurchsuchungsbefehl.«

Veyron schnippte mit den Fingern, und Jane fischte das gefälschte Formular unter ihrem Blazer hervor. Driscoll nahm es mit sichtlichem Widerwillen entgegen, studierte das Papier allerdings ebenfalls eingehend. Tom biss sich auf die Lippen, was ihm wegen der Wunde nicht gut bekam.

Zum Glück war der Hausmeister nicht imstande, die Fälschung zu erkennen – auch wenn ihm das ganz und gar nicht zu schmecken schien. »Tja, dann habe ich wohl keine andere Wahl«, seufzte er entnervt und kehrte in seine Wohnung zurück. Als er wieder auftauchte, händigte er Veyron ohne weiteren Kommentar zwei Schlüssel aus. »Der Große ist für die Tür, der Kleine für den Briefkasten«, knurrte er.

Veyron bedankte sich höflich und bat Driscoll, sich für weitere Befragungen zur Verfügung zu halten. Der Hausmeister grummelte etwas Unverständliches, dann verschwand er in seiner Wohnung und ließ die Tür zufliegen.

Veyron atmete tief durch. »Gut, wir haben zehn Minuten, ehe hier ein Sondereinsatzkommando erscheint und wir richtig Ärger bekommen«, sagte er und machte auf den Absätzen kehrt. Alle starrten ihn schockiert an. Auf dem Weg zum Aufzug erklärte er mehr. »Driscoll wird jetzt seinen Verbindungsmann beim MI-6 kontaktieren und ihn darüber informieren, dass wir uns Zutritt zu Miss Smiths Wohnung verschafft haben. Dieser Verbindungsmann wird dann alles Weitere in die Wege leiten. Es werden E-Mails verschickt und Telefonate geführt. Man wird die Echtheit des Durchsuchungsbeschlusses überprüfen und beim CID nachfragen, welches Team in der False Lane arbeitet. Da wir auch Terroristen sein könnten, wird man ein Spezialkommando losschicken. Alles in allem etwa zehn Minuten, wenn die vom MI-6 schnell sind. Und das werden sie sein.«

Während Jane und Tom diese Informationen kommentarlos hinnahmen, zeigte sich Darrow aufgekratzt und beunruhigt. »MI-6? Der Geheimdienst? Wirklich? Sie meinen, Fiona war eine Terroristin?«

Veyron sagte darauf nichts. Erst als die Türen des Fahrstuhls sich hinter ihnen schlossen, antwortete er auf Dannys Frage. »Irrtum. Miss Smith war eine MI-6-Agentin und auf der Suche nach dem Horn des Triton. Unser Geheimdienst versucht zu verhindern, dass dieser ausgesprochen gefährliche Gegenstand in die falschen Hände gerät. Miss Smith war mit der Informationsbeschaffung beauftragt. Ihre Recherchen führten sie an die Universität von Oxford, wo Sie ihr schließlich begegnet sind, Mr. Darrow. Als sie ihre Nachforschungen abgeschlossen hatte, ist sie nach London zurückgekehrt. Da Sie ihr jedoch unerwartet nachgestellt haben, musste sie ihre Identität wechseln und untertauchen. Ihren Auftrag konnte sie jedoch nicht zu Ende führen. Der Zugang nach Elderwelt blieb dem MI-6 verschlossen. Nur deswegen wurde ich kontaktiert, und zwar kurz nachdem Sie bei mir vorstellig wurden, Mr. Darrow. Was schließen Sie daraus?«

»Hey, Mann! Ich bin keiner vom MI-6!«, wehrte sich Danny, der wohl einen Vorwurf in Veyrons blitzschnell vorgetragenen Worten zu erkennen glaubte.

Veyron gestattete sich ein kurzes Lächeln. »Nein, ganz sicher nicht. Sie wurden die ganze Zeit beschattet, das bedeutet es. Geheimdienste denken paranoid, das gehört zu ihrer Natur. Dass man mich in dieser Sache irgendwann aufsuchen würde, stand für den MI-6 schon länger fest, aber nun sind Sie bei mir erschienen, jener Mann, der so hartnäckig nach Miss Fiona Smith sucht. Was kann das bedeuten? Der MI-6 kann sich keinen Reim darauf machen. Wer kommt schon auf die Idee, dass Sie einen Geist gedatet zu haben glauben! Viel wahrscheinlicher für den Geheimdienst ist dagegen, dass Sie jemand von der Gegenseite sind. Vielleicht sogar von der ZTC. Deshalb wurden Tom und ich kurzfristig vorgeladen. Aus diesem Zusammenhängen konnte ich schließen, dass Ihr Fall und der des MI-6 eng miteinander verwoben sein müssen«, erklärte er.

Jane schüttelte missbilligend den Kopf. »Nicht nur, dass Sie sämtliche Gesetze brechen, Sie arbeiten auch noch gegen den Geheimdienst. Veyron, das ist Hochverrat, was Sie da machen«, warf sie ihm vor.

Er nahm es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. »Darüber lasse ich die Geschichtsbücher urteilen, wenn es so weit ist.«

Der Aufzug hielt, und sie stiegen aus. Zur gesuchten Wohnungstür war es nicht weit, auch zum Treppenhaus war es von ihr aus nur ein Katzensprung. Genau wie unten an der Klingel trug das Namensschild keine Beschriftung. Veyron sperrte auf, und sie traten ein. Jane schaltete das Licht ein, während Tom und Veyron den Flur durchschritten und sich alles genau ansahen. Die ganze Wohnung war mit einem hellen Teppich ausgelegt; Möbel gab es sehr wenige. Ein Regal an der Wand, eine Kommode samt Telefon daneben, im Wohnzimmer einen Tisch, ein Sofa und zwei Stühle. Alles sehr spartanisch und einfach.

»Aha, hier ist vor Kurzem jemand gewesen. Sieh dir den Teppichboden an. Fußabdrücke; die Teppichfasern konnten sich noch nicht wieder aufrichten«, erklärte Veyron fast flüsternd. »Mr. Driscoll ist ein Lügner. Willkins, kehren Sie bitte nach unten zurück. In ein paar Minuten kommt Besuch ins Haus, den Sie mir in Empfang nehmen müssen.«

Jane nickte und machte sich sofort auf den Weg. Danny Darrow hob in hilfloser Geste die Arme. »Und was soll ich machen? Was tu ich hier eigentlich?«

»Sie folgen Tom und mir in sicherem Abstand. Ich brauche Sie als Rückversicherung.«

»Okay. Und für was?«

»Das, Mr. Darrow, werden Sie gleich sehen.«

Sie kamen ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lagen mehrere aufgeklappte Bücher. Jemand hatte Seiten herausgerissen und über den einzigen Tisch verteilt. Mit Textmarker waren bestimmte Sätze oder auch nur Wörter markiert. Tom schaute sich die Umschläge der Bücher genauer an. »Die Elfenwelt-Trilogie von Rashton, und das da sind noch weitere Bücher von Professor Daring«, erkannte er. »Veyron, diese Miss Smith hat wirklich versucht, einen Zugang nach Elderwelt zu finden – genau wie Sie damals.«

»Mit einem Unterschied: Sie hatte keinen Erfolg. Ehrlich gesagt, ohne unser erstes gemeinsames Abenteuer wäre wohl auch mir der Zugang zu dieser fantastischen Welt auf ewig verschlossen geblieben. Sehen wir uns weiter um. Moment …« Plötzlich schnupperte Veyron. Er schloss die Augen und sog die Luft deutlich hörbar durch seine Nasenflügel. »Riecht ihr das? Damenparfüm, und es ist nicht das von Willkins. Calvin Klein, wenn ich mich nicht irre. Eine sehr deutliche Note. Unsere Agentin hat Geschmack, legt also großen Wert auf ihr Äußeres und … oh.«

Danny und Tom schauten ihn erwartungsvoll an. Veyrons hagere Gestalt wirkte wie eingefroren.

»Die relativ frischen Fußabdrücke auf dem Teppich, der deutliche Parfümgeruch. Ich Idiot! Tom, wir sind nicht allein in dieser Wohnung.«

Tom sah sich vorsichtig um, auf jeden Schatten genau achtend. Darrow wirkte dagegen vollkommen verdutzt und ahnungslos, was er tun sollte. In hilfloser Geste schnappte er sich einen der dicken Wälzer und hielt ihn mit beiden Händen schlagbereit. »Ist das nicht irgendwie lächerlich«, fragte er leise.

»Ja, ist es.«

Die Antwort kam aus dem angrenzenden Schlafzimmer. Der Raum war verdunkelt, und nur langsam schälten sich die Umrisse einer schlanken jungen Frau aus den Schatten.

»Fiona! Das ist Fiona!«, rief Danny Darrow.

»Nein, das ist Agent Hunter!«, sagte Tom verblüfft.

Einzig Veyron wirkte nicht sonderlich überrascht. »Irrtum, sie ist beide zugleich.«

›Fiona‹, besser gesagt Agent Hunter, kam ins Wohnzimmer, mit einer Pistole abwechselnd auf sie zielend. Darrow hob zögernd die Hände, während Tom die Fäuste ballte und Veyron ganz gelassen stehen blieb.

»Eine nette Überraschung, die Sie uns da bereitet haben, Agent Hunter. Ein neuer Versuch, um mich zu rekrutieren?«, wollte er wissen.

Hunter senkte die Waffe etwas. »Ehrlich gesagt hatten wir Sie ein wenig früher erwartet. Wir haben den da« – sie deutete auf Danny – »beschatten lassen. Er wartete eine geschlagene halbe Stunde auf Ihr Erscheinen. Fast genau so lange wartet auch das SCO-19-Team auf dem Nachbargebäude«, erklärte sie und deutete auf die Fenster.

Veyron sah nicht einmal hin, während sich Tom und Danny neugierige Blicke nicht verkneifen konnten. Plötzlich tänzelten rote Laserpunkte über Toms Jacke und ließen ihn instinktiv zurückspringen. »Scheiße! Scharfschützen!«, schrie er aufgeregt.

Danny machte sich klein, Veyron aber blieb stehen. Obwohl auch auf seinem dunklen Mantel zwei rote Punkte erschienen, zeigte er keinerlei Furcht. Ganz im Gegenteil, er begann sogar breit zu grinsen. »Ich nehme an, Sie erwarteten diesen Einbruch«, fragte er Hunter.

»Erst seit Darrows Auftauchen. Da war für mich der Fall klar. Driscoll hat alles rechtzeitig gemeldet. Wir waren auf Ihre Ankunft vorbereitet.«

»Und Ihr Plan? Terroristen?«

»Ja, Geiselnahme. Mich«, sagte sie mit einer Eiseskälte, die Tom frösteln ließ.

»Und der Preis, um alles unter den Teppich zu kehren?«, hakte Veyron ebenso kalt nach.

»Ihre Kooperation. Im Gegenzug behalten Sie das Sorgerecht für Tom und wandern nicht in den Knast.«

Tom warf seinem Paten einen entsetzten Blick zu, als er das hörte. Wut kochte in ihm auf, er machte einen Schritt auf Agent Hunter zu, die sofort wieder auf ihn zielte.

»Das ist ja die reinste Erpressung!«, protestierte er.

»Tut mir leid, das Schicksal der Welt steht auf dem Spiel. In diesem Fall heiligt der Zweck die Mittel«, gab sie zurück.

Tom schnaubte höhnisch. »In Ihrem Fall aber ziemlich oft, was? Veyron, da machen wir nicht mit! Sollen die uns doch einsperren!«, rief er und stemmte die Fäuste in die Hüften.

Veyron hob beruhigend die Hände. »Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Plan, Agent Hunter. Aber mir war von Anfang an klar, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn wir in eine Unterkunft – oder sagen wir besser: Außenstelle – des MI-6 einbrechen. Aus diesem Grund habe ich auch eine Rückversicherung mitgebracht und auf Position geschickt. Mr. Darrow wird Ihre Aussagen vor der Polizei und sicher auch vor Gericht bestätigen«, erklärte er.

Agent Hunter schaute ihn verständnislos an.

»Was ist denn jetzt wieder los?«, klang plötzlich Janes Stimme durch den Flur herein. Tom wandte sich ihr zu und atmete erschrocken aus.

In Janes Begleitung befand sich ein Uniformierter mit kugelsicherer Weste, hinterdrein kamen zwei vermummte Männer der SCO-19-Abteilung der Polizei, mit Schnellfeuergewehren, Helmen und Atemmasken. Hinter ihnen stand Hausmeister Driscoll mit ausdrucksloser Miene.

»Veyron, Ihr Besuch ist eingetroffen. Angeblich gibt es hier Terroristen. Wissen Sie davon?« Jane wirkte sichtlich irritiert. Ihr Blick huschte von Veyron zu Agent Hunter.

Veyron begann zu lachen. »Hier gibt es keine Terroristen, Willkins. Miss Hunter hier hat offensichtlich falschen Alarm geschlagen.«

Der Anführer des SCO-19-Teams wollte sich damit jedoch nicht abfinden. »Bei uns ging ein Anruf ein, dass es hier zu einer Geiselnahme gekommen sei. Wir beobachten das Gebäude seit fast einer Viertelstunde. Was ist nun mit den drei Männern? Sind das Verdächtige oder nicht? Und sind Sie Amanda Farrow? Werfen Sie die Waffe weg, Lady«, sagte er, deutlichen Zorn in der Stimme.

Agent Hunter schien allmählich zu begreifen, dass die Falle für Veyron soeben zu ihrer eigenen wurde. Janes schwer bewaffnete Begleiter zielten nun auf sie. Hunter warf ihre Waffe zu Boden und hob langsam die Hände.

»Sie ist Miss Farrow, Sergeant«, bestätigte Veyron an ihrer Stelle. »Sie hat wohl auch die Polizei über die vermeintliche Geiselnahme informiert. Oder war es Mr. Driscoll da hinten? Wie ich schon sagte: falscher Alarm.«

»Ein Glück, dass Sie mich runtergeschickt haben, Swift. Ich hatte kaum das Erdgeschoss erreicht, als mich Sergeant Hooper auch schon in Empfang nahm. Er und seine Leute wollten eben die Wohnung stürmen. Ich konnte das Missverständnis dank des Durchsuchungsbefehls schnell aufklären«, erläuterte Jane.

Tom war richtig stolz auf sie. Einmal mehr hatte Jane die Nerven behalten und sich für Tom und Veyron ins Zeug gelegt.

»Sie haben eine Polizistin mitgebracht?«, fragte Hunter ungläubig.

Veyron schenkte ihr ein süffisantes Lächeln. »In der Tat. Constable Willkins ist meine erwähnte Rückversicherung. Mir war von vornherein klar, dass unser Eindringen in Ihr Geheimquartier eine Reaktion Ihrerseits nach sich ziehen würde, sehr wahrscheinlich mit Sondereinsatzkommando. Um zu verhindern, dass wir in die Schusslinien der Scharfschützen der Polizei geraten, schickte ich Willkins wieder nach unten. Ich fürchte, Ihre Karriere, Agent Hunter, wird in Zukunft auf den Innendienst beschränkt bleiben, wenn das hier vorbei ist.«

Trotzig reckte sie das Kinn vor, was Tom ehrlich amüsierte. »Tja«, meinte er. »Wer anderen eine Grube gräbt …«

Sergeant Hooper trat vor, packte Hunters rechten Arm und riss sie grob herum.

»Sie werden sich wegen Vortäuschung einer Straftat verantworten müssen, Miss! Sowie Irreführung der Behörden, und ich versichere Ihnen …«

Weiter kam er nicht. Ein lauter Knall zerriss die Luft. Tom bemerkte noch, wie Sergeant Hooper sich auf Jane warf, um ihr Deckung zu geben. Darrow, zum ersten Mal vollkommen geistesgegenwärtig, packte Hunter und zog sie in den Schatten seiner breiten Schultern. Bevor er selbst reagieren konnte, schleuderte ihn eine Druckwelle zu Boden. Alle Lampen erloschen schlagartig. Die Fenster zersprangen, Splitter fetzten wie Geschosse durch die Wohnung. Tom spürte, wie er hart auf dem Boden aufschlug. Blut lief ihm über das Gesicht, alles drehte sich, Dunkelheit drohte ihn zu übermannen. Plötzlich sah er schattenhafte Gestalten, die durch die zerstörten Fenster hereinsprangen. Das waren keine Sondereinsatzkräfte, es waren Vampire!

Den Knall und das Zersplittern der Fenster vernahmen auch die übrigen Mitglieder des SCO-19-Teams auf dem Nachbargebäude.

»Was war das?«, schallte es aus den Kopfhörern der Polizisten. »Eine Explosion?«

»Also doch Terroristen?«

»Nein, Hooper hat doch Entwarnung gegeben!«

Dann bemerkten sie die Männer. Schwarz gekleidet kletterten sie die Fassade des Wohnblocks hoch – so schnell, als wäre das die leichteste Übung der Welt.

»Seht ihr das? Seht ihr das? Wer sind die?«

»Haben wir Feuererlaubnis?«

»Rob, knall die Kerle ab!«

Der angesprochene Scharfschütze konzentrierte sich auf sein Zielfernrohr. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Er blickte auf, doch außer einem Schatten, den er für seinen eigenen hielt, war da rein gar nichts. Nun fing dieser Schatten jedoch an, sich zu bewegen, aufzustehen und Gestalt und Form anzunehmen. Zunächst schien sie ihm wie eine Wolke aus schwarzem Dampf, doch noch ehe er sich darüber klar werden konnte, wurde er auf einmal von einem Mann in Schwarz überragt. Das Gesicht konnte er unter der Kapuze nicht erkennen, nur zwei leuchtende Punkte an der Stelle, wo die Augen sein müssten. Dafür sah er das lange, Schwert des Fremden um so besser. Die Klinge war schartig und schwarz wie die Nacht.

»Heilige Scheiße!«, stieß er aus, wollte aufspringen und die Waffe herumreißen. Zu spät! Der Fremde holte aus und hieb zu.

Robs drei Kollegen, Miller, Anderson und Lacey, wirbelten herum, als sie seinen Schrei hörten, konnten gerade noch sehen, wie sein kopfloser Leichnam zu Boden ging. Sein Mörder schien dagegen spurlos verschwunden. Das Dach war so leer wie schon den ganzen Abend. Keiner verstand, was da vor sich ging.

»Wir werden angegriffen«, war alles, was Sergeant Miller noch feststellen konnte. Einen Herzschlag später spürte er, wie er etwas glühend heißes seinen Rücken durchstieß. Den Aufschrei seiner Kameraden hörte er noch, dann wurde die Welt für ihn schwarz.

»Sergeant Miller, sofortige Meldung! Anderson, Lacey? Irgendjemand! Miller, melden Sie sich, verdammt noch mal! Was ist da oben los?«, herrschte der Teamleiter, Inspector Lester, durchs Mikro. Er saß zusammen mit einem Kollegen im gepanzerten ARV-Einsatzfahrzeug, um das Vorgehen seines Teams zu koordinieren. Durch die zehn Helmkameras des Teams hätte er das Gefechtsfeld überblicken können sollen. Was er jedoch zu Gesicht bekam, überstieg sein Fassungsvermögen. Aus dem Schatten eines seiner Männer stieg eine Dampfwolke hervor, schwärzer als die Nacht. Im Nu manifestierte sie sich als riesiger Krieger, in etwas wie eine schwarze Kutte gehüllt, die Kapuze tief über den Kopf gezogen, in der einen Hand ein dunkles Schwert, in der anderen einen Dolch. Mit einem einzigen Streich hatte er den einen Mann halbiert und einem anderen die Kehle durchgeschnitten. Der dritte Kollege verlor zuerst den Arm, der das Sturmgewehr hielt, dann seinen Kopf. Der letzte Überlebende seines Teams – Marve – wirbelte als noch rechtzeitig herum, um einen Schuss abzugeben, doch der Fremde hatte sich bereits wieder in Dampf aufgelöst. Im gleichen Augenblick wuchs er hinter Marve aus dessen Schatten in die Höhe. Das Poltern und Rollen der Helmkamera ließ keine Frage offen, auf welche Weise der arme Marve sein Ende fand.

»Vier Mann am Boden! Oh mein Gott, vier Mann am Boden!«, brüllte eine weibliche Stimme – Sue – in der Leitung. Schüsse knallten. Lester blickte von Monitor zu Monitor. Der schwarze Krieger tauchte überall auf, nur um gleich wieder zu verschwinden.

Lesters Stellvertreter schrie entsetzt: »Das ist doch kein Mensch! Nie und nimmer ist das ein Mensch!« Er schleuderte den Kopfhörer fort, schnappte sich ein Schnellfeuergewehr und stürmte nach draußen. Durch die Lautsprecher schallten die Schreie des Todeskampfs seines Teams. Lesters konnte nur fassungslos zuschauen. Die Kameras Sechs, Sieben und Acht zeigten verwackelte Bilder vom Fallen, Stürzen und Davonrollen. Das ganze Team, dachte Lester entsetzt, allesamt enthauptet und geschlachtet wie eine Herde wehrloser Schafe. Die weltbeste Spezialeinheit der Polizei innerhalb von Sekunden vernichtet!

»Nein, nicht! Wir ergeben uns«, hörte Lester die Rufe seines Stellvertreters draußen vor dem Wagen. Im nächsten Moment war er still, viel zu still. Etwas polterte zu Boden. Lester wurde schwindlig. Schüsse knallten, prallten pfeifend am Metall des Einsatzfahrzeugs ab.

»Die gehen durch ihn durch«, kreischte Sue, das letzte noch lebende Mitglied des SCO-19-Teams. »Er ist wie ein Schatten!«

Schwarzes Metall sirrte durch die Nacht, Sues Keuchen erklang, dann war es still. Lester spürte, wie ihm feucht und warm im Schritt wurde. Oh mein Gott, ich mach in die Hose, dachte er. Er blickte durch die gepanzerte Scheibe nach draußen. Da stand er, der Fremde. Wie der Tod persönlich sah er aus, doch in das gepanzerte ARV könnte er kaum eindringen. Lester spielte mit dem Gedanken, Gas zu geben und den Kerl einfach über den Haufen zu fahren. In diesem Moment hob der Fremde sein schwarzes Schwert; Flammen züngelten die Klinge entlang und ballten sich an der Spitze zu einer Kugel aus Feuer. Dann schoss der Flammenball auf das ARV zu, hüllte es ein. Lester schrie auf und hob die Arme vors Gesicht.

Wenige Augenblicke später explodierte das ARV, wurde vom magischen Feuer des Angreifers in sämtliche Einzelteile auseinandergerissen – zusammen mit Inspector Lester und allem technischen Schnickschnack, den die Polizei gegen Kriminelle und Terroristen aufzubieten wusste.

Tom kämpfte darum, am Bewusstsein zu bleiben, während die Vampire – er zählte drei – vom Fensterbrett in die Wohnung sprangen. Es waren große Männer mit breiten Schultern, von Kopf bis Fuß in schwarze Lederkombis gehüllt. Waffen trugen sie keine bei sich, aber die brauchte ein Vampir auch nicht. Ihre Kraft, die das Fünf-, vielleicht sogar Zehnfache eines Mannes betrug, reichte völlig.

Als Erstes packten sie die beiden SCO-19-Polizisten, hoben sie mit Leichtigkeit vom Boden und schmetterten sie gegen die Wände. Dann rissen die Vampirattentäter ihre Münder auf und bleckten ihre langen, weißen Fangzähne. Tom ahnte bereits, was kommen würde, denn ihre Fingernägel waren messerscharfe Krallen. Ohne Schwierigkeiten zerfetzten sie die schusssicheren Westen der Polizisten, schlugen ihnen die Zähne in den Hals und brachen ihnen mit einer Handbewegung das Genick. Sergeant Hooper erging es nicht besser. Ein Vampir packte ihn an der Weste und schleuderte ihn durch den Raum, sodass das Wandregal unter seinem Aufprall auseinanderbrach. Dann sprang ihn der Unhold in hohem Bogen an. Das Letzte, was Tom von Hooper hörte, war ein armseliges Keuchen, danach das schaurige Knacken und Brechen von dessen Halswirbeln.

Plötzlich knallten zwei Schüsse. Der Vampir brüllte auf, ein schauderhafter Schrei, eines wahren Monsters würdig. Er wirbelte herum und starrte sein nächstes Opfer an: Agent Hunter.

Zitternd hatte sie sich erhoben und auf den Vampir gefeuert. Der fasste sich jetzt an den Rücken und sah fasziniert zu, wie ihm das Blut von den Fingern tropfte.

»Du bist als Nächstes dran – und lecker siehst du auch noch aus!«, brüllte der Vampir. Mit einem einzigen Satz war er bei ihr, packte sie mit der Rechten und hob sie an. Mit der Linken verdrehte er ihr das Handgelenk, sodass sie die Waffe fallen lassen musste. Hilflos zappelte sie in der Pranke des Vampirs, der diesen Moment mit boshaftem Vergnügen auskostete.

Tom konnte nicht hinsehen. Sie saßen in der Falle, alle am Boden, bewusstlos oder zumindest orientierungslos. Es gab nur eine einzige Hilfe, nur eine einzige Chance auf Rettung. Er konzentrierte sich und schrie: »Helfen Sie uns, Professor Daring! Bitte, helfen Sie uns! Bei der Macht der Simanui, bei den Kräften des Lichts, HELFEN SIE UNS!«

Wie aus dem Nichts durchschnitt plötzlich ein Lichtstrahl den spärlich beleuchteten Raum. Ein Schwert, ein langes zweischneidiges Rapier, erschien in der Luft, die Klinge mit einem Muster aus hell leuchtenden Saphiren besetzt. Das Daring-Schwert, die magische Waffe aus Elderwelt, die Tom gehorchte. Sie war erfüllt vom Geist des mächtigen Zauberers und Simanui, Professor Lewis Daring. Vampire wie Menschen erstarrten angesichts der Erscheinung. Tom war geistesgegenwärtig genug, vorzuspringen und die Waffe zu packen. Sofort fühlte er sich stärker, durchströmt von Zuversicht und Mut. Ehe der Vampir begriff, wie ihm geschah, hieb Tom auch schon mit aller Kraft zu, trennte dem Monster die Hand ab, mit der er Hunters Gurgel umklammerte. Der Vampir zischte und wich zurück. Doch das half ihm wenig. Tom stieß ein wütendes Brüllen aus, zog das Schwert von unten nach oben, spaltete den Vampir mit einem einzigen Streich von Schritt bis Stirn. Rauchend stürzten die leblosen Hälften zu Boden, Fleisch und Muskeln vergingen augenblicklich zu Asche, schwarzer Qualm stieg auf. Tom war, als vernähme er ein armseliges Wimmern jenes dämonenhaften Geistes, von dem alle Vampire besessen waren und der ihnen das schier ewige Leben und ihre enorme Stärke verlieh. Jetzt schied er dahin und verflüchtigte sich ins Nichts.

»Gut gemacht, Tom. Aber da sind noch zwei von denen unterwegs. Wo sind sie hin?«, hörte er Veyron hinter sich rufen. Sein Patenonkel rappelte sich eben auf die Füße und half dann Jane beim Aufstehen.

»Raus ins Treppenhaus, ich konnte es gerade noch sehen«, keuchte Jane und wischte sich Staub und Splitter von ihrem Blazer. Sie hatte einige blutige Kratzer im Gesicht, genau wie Veyron. Tom vermutete, dass er ähnlich lädiert war. Während sie den Überfall relativ gut weggesteckt hatten, zitterte Agentin Hunter am ganzen Körper. Sie schien drauf und dran, einfach wegzurennen.

Veyron berührte sie an der Schulter. »Es ist wohl besser, Sie bleiben vorerst in unserer Nähe, Miss Hunter«, meinte er zu der jungen Agentin. »Willkins, helfen Sie Darrow. Ich glaube, er ist noch bewusstlos.«

»Nein, ist er nicht«, erklang gleich darauf die Stimme des jungen Playboys. Im Gegensatz zu allen anderen hatte er nicht einen Kratzer abbekommen. Erstaunt sah er sich in der verwüsteten Wohnung um. »Wow! Ist ja wie in einem richtigen Actionfilm«, sagte er und begann zu kichern.

Willkins packte ihn am Arm und schüttelte ihn. »Das ist die Wirklichkeit, Danny! Reißen Sie sich zusammen. Und jetzt raus hier!«, schimpfte sie und stieß ihn vor sich her. Darrow verzichtete auf eine Erwiderung, sondern tat, wie ihm befohlen. Tom, wild entschlossen, allen Kreaturen der dunklen Seite den Garaus zu machen, schritt voran. Den drei Männern von SCO-19 konnten sie nicht mehr helfen. Hausmeister Driscoll war es nicht besser ergangen. Die Vampire hatten sich zu zweit auf ihn gestürzt, ihm das Genick gebrochen und anschließend sein Blut gekostet.

»Hoffentlich schließen die sich ihren Mördern nicht später noch an«, bemerkte Jane beim Vorbeilaufen.

Veyron schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich. Vampirismus überträgt sich nicht durch den Biss; das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Dafür müssten Menschen schon das Blut eines Vampirs trinken oder ein konzentriertes Serum, das die Meister der dunklen Künste herzustellen verstanden. Das geht bei Leichen jedoch schlecht. Los, weiter – und haltet euch von den Aufzügen fern. Wir gehen über die Treppe.«

Tom eilte voran, das Daring-Schwert erhoben. Die leuchtenden Juwelen warfen einen hellen Schimmer an die Wände. Wachsam blickte er sich nach allen Seiten um. Es waren immer noch zwei Vampir-Attentäter unterwegs; sie konnten ihnen überall auflauern.

»Ich hab meine Waffe vergessen, ich hab meine Waffe vergessen«, hörte er Agent Hunter immer wieder rufen.

Jane erwiderte darauf, dass Hunter froh sein könne, nicht ihr Leben verloren zu haben.

Stufe für Stufe eilten sie voran, und obwohl es nur vom vierten Stock nach unten ging, hatte Tom das Gefühl, sie folgten einer nicht enden wollenden Treppe. Allmählich setzten auch bei ihm Schock und Angst ein. Er musste jedoch einen kühlen Kopf bewahren und durfte sich nicht zur Panik verleiten lassen.

Endlich kamen sie unten an. Tom vergewisserte sich, dass draußen kein Gegner lauerte. Dann schlüpften sie vorsichtig zur Haustür hinaus. Draußen sah es nicht besser aus als oben in Hunters Wohnung. Leichen lagen überall herum, die brennenden Trümmer eines Einsatzfahrzeugs der Polizei rauchten auf der Straße, wie von einer Panzerfaust gesprengt.

»Heiliger Strohsack«, keuchte Tom, »waren das auch die Vampire?«

»Nein«, sagte Veyron. Er war auf den Stufen zum Hauseingang stehen geblieben, die Augen wie in Trance auf das brennende Fahrzeug gerichtet. »Er ist es gewesen. Er ist wieder da«, flüsterte er.

Tom folgte dem Blick seines Paten. Vor dem brennenden Fahrzeug entdeckte er einen Schatten, eine unwirkliche schwarze Gestalt, fast wie ein Geist. Seelenruhig stand sie dort, ein schwarzes Schwert in den schwarzen Panzerhandschuhen haltend. Flammen züngelten an der Klinge entlang.

»Ich glaub, ich spinne«, keuchte Tom. »Ein Flammenschwert! Veyron, wer oder was ist das?«

»Das ist kein Vampir, Tom. Er ist etwas viel Schlimmeres«, erklärte Veyron halblaut.

Als wollte der schwarze Dämon Veyrons Worte unterstreichen, richtete er sein flammendes Schwert auf die Reihe geparkter Autos. Fasziniert und schockiert zugleich sah Tom zu, wie ein Feuerball von der Klinge wegschoss, Darrows Porsche traf und explodieren ließ. Gleich darauf sprang das Feuer über auf Janes Dienstwagen – mit demselben fatalen Ergebnis. Fahrzeug für Fahrzeug explodierte, die ganze Reihe.

Die Wucht der Explosionen schmetterte sie zu Boden; es regnete verbranntes Plastik, glühende Metallspäne und Glassplitter.

»Oh nein, mein Wagen! So eine Scheiße!«, hörte Tom Danny heulen. Der junge Mann war schon wieder auf den Füßen und stolperte auf sein zerstörtes Auto zu. Der mordgierige Schatten setzte sich ebenfalls in Bewegung. Doch im nächsten Moment war er verschwunden, hatte sich aufgelöst in eine schwarze Dampfwolke und war eingetaucht in einen der zahlreichen Schatten.

Tom verstand nicht, was hier passierte, aber Veyron schien wie üblich mehr zu wissen. Er sprang zu Tom, packte das Daring-Schwert und richtete die Klinge nach oben. »Zeit für etwas Zauberei, Professor«, rief er den Geist des Schwerts an. Plötzlich schossen blau leuchtende Blitze aus der Klinge, trafen die Straßenlaternen und ließen die Lampen aufleuchten. Heller und heller wurde das Licht, gleißend weiß, bis es Tom in den Augen brannte. Auf der False Lane wurde es taghell.

»Rennt um euer Leben, das wird ihn aufhalten – und die Vampire auch«, rief Veyron. Er stieß Tom voran, während Jane Darrow am Arm packte und mitzerrte. Hunter folgte ihnen wie ein angeleinter Hund. Von dem schattenhaften Schwertträger und seinen Vampiren war nichts zu sehen. Tom vermutete, dass sie das grelle Licht der Straßenlaternen mieden, weil es in Vampiraugen brannte. Und welche Wirkung es auch immer auf den wandelnden Schatten haben mochte, es hielt ihn zumindest fern.

Sie bogen gerade um die Ecke in die Bishop’s Bridge Road, als hinter ihnen der Simanui-Zauber endete. Die Lampen der Laternen explodierten eine nach der anderen, von der Energie des Zauberschwerts vollkommen überlastet.

Veyron erreichte eine Bushaltestelle, gerade rechtzeitig, um einen der roten Stadtbusse zu erwischen. Er sprang vor dem Doppeldecker auf die Straße und behinderte seine Weiterfahrt. Wütend öffnete der Fahrer die Tür und bedachte ihn mit einigen üblen Beleidigungen.

Veyron zögerte keinen Moment, sprang in den Bus, packte den Fahrer am Kragen und zerrte ihn nach draußen. »Tut mir leid, aber wir requirieren Ihr Dienstfahrzeug. Bitte rufen Sie umgehend Polizei, Feuerwehr und Krankenwägen in die False Lane. Vielen Dank«, sagte er dem Mann, dann wandte er sich an die wenigen Fahrgäste. »Alles aussteigen, dies ist ein Notfall!«

Die Leute schlichen eingeschüchtert zum Ausgang. Innerhalb von Sekunden war der Bus leer, dafür flüchteten nun Jane, Hunter, Darrow und Tom hinein. Veyron setzte sich hinter das Steuer, schloss die Türen und drückte das Gaspedal durch.

»Wir fliehen wirklich mit einem Bus?«, rief Hunter ungläubig.

Jane schubste die Agentin in den nächsten Sitz. »Gut erkannt«, raunzte sie. »Und jetzt halten Sie endlich mal den Rand. Veyron, wo fahren wir eigentlich hin?«

Er gab ihr keine Antwort, sondern raste mit Höchstgeschwindigkeit die Bishop’s Bridge Road hinunter, überholte andere Autos, wo immer es ging. Auf der Gegenfahrbahn wichen die Fahrzeuge hupend aus, rumpelten teils sogar auf die Gehsteige. Zum Glück waren um diese Uhrzeit kaum noch Fußgänger unterwegs.

Tom blickte in das Gesicht seines Paten. Veyron wirkte wie in Panik. Zum allerersten Mal, seit er ihn kannte, zeigte sein Patenonkel Nerven. »Veyron, wo fahren wir hin? Reden Sie mit mir!«

Veyron kurbelte wie verrückt am Lenkrad, zwang den großen, roten Bus eng um die Kurve, bog nach rechts in die nächste Straße ein. Tom, Danny und die beiden Frauen wurden in die Sitze gepresst.

»Wir müssen in Bewegung bleiben. Porchester Road, da haben wir jetzt grüne Welle, wenn wir die Geschwindigkeit halten. Auf allen anderen Abbiegungen kommen wir bei Rot zum Stehen«, erklärte Veyron hastig.

»Die haben uns so oder so. Da, schauen Sie mal!«, rief Danny und zeigte nach draußen.

Tom traute seinen Augen nicht. Ein Vampir rannte neben ihnen auf der Straße her, so unglaublich schnell, dass er alle Fahrzeuge überholte.

Eben rumpelten sie die Lord Hills Bridge rauf, eine alte Eisenbahnbrücke, als der Vampir an die Seite des Busses sprang und sich festkrallte. Veyron riss das Lenkrad nach links, ließ den Bus in das Brückengeländer krachen. Funken flogen, Metall barst, der Bus kam gefährlich ins Schlingern. Aber Veyron behielt die Kontrolle, ruderte hin und her, und im Nu waren sie wieder auf geradem Weg unterwegs. Den Vampir hatte es zwischen den Metallträgern des Brückengeländers in mehrere Stücke gerissen, die jetzt dampfend am Boden lagen und zu Asche zerfielen – das Schicksal eines jeden toten Blutsaugers.

Wie versprochen kamen sie bei Grün über die Ampel, bogen links in die Harrow Road ab, unter der Westway-Schnellstraße hindurch. Tom schüttelte den Kopf und sah sich im Bus um. Jane lag am Boden, während sich Hunter in die Rückenlehne des Sitzes vor ihr geklammert hatte.

Danny war dagegen auf den Beinen und kämpfte sich zur Heckscheibe nach hinten. »Wow! Junge, den hat’s erwischt! Super, Mr. Swift! Aber da ist noch einer, und der Kerl holt auf!«, rief er aufgeregt.

Veyron warf einen Blick in den Rückspiegel, trat das Gaspedal voll durch und ließ den Bus vorwärtsschießen. »Halt dich bereit, Tom. Mal sehen, was für Reaktionen der Kerl hat«, sagte Veyron mit einer Spur seiner üblichen Gelassenheit.

Als Veyron den Bus nach rechts riss und in Borune Terrace einbiegen ließ, schwammen sie noch immer auf der grünen Welle. Er schrammte an einem geparkten Auto vorbei, dass es herumwirbelte, sich überschlug und dem Vampir in den Weg polterte. Doch der Unhold war ein trainierter Killer, sprang einfach über Fahrzeug hinweg und holte weiter auf. Er sprang hoch durch die Luft, genau auf die Heckscheibe zu. Sie zersplitterte unter dem Aufprall und schleuderte Danny zu Boden. Der Vampir schwang sich in den Fahrgastraum, die Zähne gefletscht und seine Klauen bereit zum Zuschlagen.

Danny hob abwehrend die Hände. »Bleib mir bloß vom Hals, du Monster!«, schrie er.

Tom packte das Daring-Schwert und hechtete nach hinten. Zu spät! Er würde zu spät kommen! Doch dann traute er seinen Augen nicht. Als der Vampir sich auf den armen Danny stürzte, packte eine unsichtbare Kraft den Attentäter und beförderte ihn rücklings wieder aus dem Fenster hinaus. Danny schlug in Panik die Arme vors Gesicht, und auch Tom lief weiter auf ihn zu, aber der Vampir blieb verschwunden. Tom eilte zur zerstörten Heckscheibe und blickte nach draußen. Der Attentäter lag ein ganzes Stück hinter ihnen am Boden – jedoch noch immer lebendig. Während sie sich immer weiter von ihm entfernten, schüttelte er den Kopf, erhob sich wankend und nahm die Verfolgung wieder auf.

Tom wandte sich erstaunt an Danny. »Was war das eben? Haben Sie den Mistkerl etwa gerade hinauskatapultiert?«

Danny setzte sich auf und kratzte sich verwundert am Kopf. »Also, ich hab nichts gemacht. Vielleicht war’s dein cooles Zauberschwert?«

Tom warf einen nachdenklichen Blick auf das Daring-Schwert. Ihm war nicht aufgefallen, dass der Geist des Professors einen Zauber gewirkt hätte. Aber das war jetzt auch unwichtig. Der Vampir hatte sie bereits wieder eingeholt. Bevor der Unhold erneut in den Bus eindringen konnte, packte Tom Dannys Hand und zog ihn mit sich nach vorn.

Hilfe suchend schaute er zu Veyron. Der hatte den herannahenden Vampir offenbar bemerkt, denn der Gesichtsausdruck seines Paten zeigte allerhöchste Konzentration. So, wie dessen Blicke hin und her sprangen, mussten seine Gedanken rasen.

»Riskant, aber könnte klappen«, murmelte Veyron gerade.

Der Bus schoss auf die nächste Kreuzung zu. Veyron riss das Lenkrad herum, zog die Handbremse und gab gleichzeitig Gas. Auf Höhe Chichester Road schleuderte der Bus um die Kurve; das Heck schlug aus und kam gefährlich ins Kippen. Veyron gab noch mehr Gas, sodass die Drehung immer schneller wurde, bis die Reifen qualmten. Im nächsten Moment wurde der Vampir vom Heck erfasst. Der Aufschlag ging durch die ganze Fahrgastzelle, ein ohrenbetäubender Knall. Einer Kanonenkugel gleich schoss eine schwarze Masse davon, gegen die Wand des nächsten Hauses. Veyron ruderte am Lenkrad, gab Bremsen und Gas frei, und der Bus jagte nach links in die Chichester Road davon.

»Der steht nicht mehr auf«, meinte er lapidar.

Danny klatschte begeistert in die Hände. »Haben Sie gerade einen Drift gemacht? Mit einem London City Bus? Mit einem Bus?«

Veyron zuckte nur beiläufig mit den Schultern. »Mathematisch war es machbar und physikalisch nicht unmöglich, da wir nicht voll besetzt sind. Wichtig war nur, einmal komplett herumzukommen, um die kritische Masse zu erreichen, einem Vampir auch wirklich alle Knochen zu brechen. Das sind verdammt zähe Burschen«, dozierte er gelassen.

Die Freude über den Triumph währte nur kurz. Tom bemerkte es als Erster. Aus seinem eigenen Schatten trat plötzlich schwarzer Dampf hervor. Schon im nächsten Moment manifestierte sich der verhüllte Dämon inmitten der Reisekabine, in den Händen sein schwarzes Schwert. Sofort war Tom auf den Beinen, das Daring-Schwert zum Kampf erhoben. Die Juwelen glühten hell. Der Fremde zögerte keinen Moment, machte einen Ausfallschritt, schlug mit seinem Schwert zu. Tom parierte den Hieb und musste sich anstrengen, seine Waffe nicht sofort fallen zu lassen. Normalerweise focht das Daring-Schwert fast von allein, er brauchte es eigentlich nur festzuhalten.

Diesmal war sein Gegenüber jedoch kein vorwitziger Schrat, sondern ein Dämon von unglaublicher Macht. Eine ganz andere Energie lag in seinen Hieben, eine, die es mit dem Geist des Daring-Schwerts aufnehmen konnte. Tom ächzte unter dem zweiten Schlag seines Feindes, unter dem Dritten wich er zurück. Der Schattendämon setzte ihm nach, und mit nur einer einzigen geschickten Drehung seiner Klinge hebelte er Tom die Waffe aus der Hand. Das Daring-Schwert wirbelte davon, zum allerersten Mal im Duell besiegt. Tom ließ sich rücklings fallen und entging einem vierten Hieb, der ihn ansonsten enthauptet hätte. Er rutschte ein Stück über den Boden. Als er aufblickte, ragte der Schatten über ihm auf, das Schwert zum Stich erhoben.

»Tom!«, hörte er Jane rufen. Sofort war die Polizistin bei ihm, stieß ihn mit dem Fuß zur Seite und hob die Hände. Der Schatten zögerte jedoch nicht; es schien ihm nicht einmal in den Sinn zu kommen, dass man sich ergebende Feinde verschonen könnte. Er stach Jane in die Hüfte.

»VEYRON«, kreischte sie verzweifelt.

Tom riss entsetzt die Augen auf, als er Jane Willkins zusammenbrechen sah. Er stürzte zu ihr, nahm sie in die Arme und versuchte sie in Sicherheit zu schleppen. Der Schatten war ihm egal, und es kümmerte ihn auch nicht, als dieser erneut sein schwarzes Schwert hob, um sie beide zu töten.

Doch dazu kam es nicht. Eine unsichtbare Macht packte den Schatten und katapultierte ihn zwischen die Sitzreihen.

Veyron ließ den Bus von einer Seite zur anderen schwanken, indem er pausenlos am Lenkrad kurbelte. Chichester Road neigte sich dem Ende zu, ging über in Delamare Terrace – und gleich dahinter lag der Paddington Branch, ein für die Schifffahrt freigegebener Kanal. Veyron hielt mit Vollgas darauf zu.

Mit einem markerschütternden Knall durchbrach der Bus das stählerne Geländer und stürzte zwischen den verankerten Kuttern und Hausbooten in den Kanal. Tom sah noch, wie der Schattendämon in schwarzen Dampf vaporisierte und im Dunkel zwischen den Sitzlehnen verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Im nächsten Moment erfolgte der Aufprall, der Tom nach hinten gegen die letzte Sitzreihe schleuderte, Jane noch immer fest in den Armen. Wasser begann, durch die zerborstene Heckscheibe in den Bus zu strömen.

Danny Darrow kam zu ihm geklettert, zog Tom auf die Füße. Gemeinsam hoben sie Jane hoch und schoben sie vorsichtig durch die Heckscheibe nach draußen. Inzwischen lag sie auf einer Linie mit der Wasseroberfläche. Nicht mehr lang und sie würden komplett untergehen.

»Raus, oder wir sitzen da drin in einer Mausefalle«, sagte Danny.

Nachdem Tom sich vergewissert hatte, dass Veyron und Hunter ihnen folgten, kletterte er hinter Danny nach draußen. Sie schwammen mit Jane auf die Kaimauer zu. Die Polizistin hatte zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren, doch jetzt erlangte sie es wieder. Sie schrie auf und begann, um sich zu schlagen. Tom hielt sie fest und erklärte ihr, dass alles in Ordnung sei, sie wären in Sicherheit.

Er schaute sich um. Hinter ihnen tanzten die Köpfe von Agent Hunter und Veyron auf dem Wasser.

»Da hin!«, rief er und steuerte mit Jane das nächste Hausboot an.

Leute säumten plötzlich den Kai, leuchteten mit Taschenlampen in Richtung des halb versunkenen Busses. Einige warfen ihnen von den Hausbooten aus Leinen zu und zogen sie an Land.

Tom und Danny kümmerten sich sofort um Jane, die sich kaum aufsetzen konnte. Sie streifte sich den Blazer ab und zerriss ihr Hemd an der Stelle, wo das Schwert des Schattendämons sie getroffen hatte. Tom wollte den Blick von der scheußlichen, tiefen Wunde abwenden und konnte es nicht. Das Blut floss in regelrechten Strömen, bis Jane ihre Hand mit dem Stofffetzen darauf presste.

»Ruft einen Notarzt! Ruft irgendwer den Notarzt! Hilfe!«, schrie Tom die herumstehenden Leute an.

Jane sank zusammen. Hunter riss einem Schaulustigen das Smartphone aus den Fingern und tippte eine Nummer.

»Wir bleiben am Wasser, bis der Krankenwagen kommt. Im Wasser greift seine Magie nicht. Hier sind wir sicher«, erklärte Veyron halblaut.

Tom packte seinen Paten am Arm. »Wer um alles in der Welt war das? Von einer solchen Kreatur habe ich noch nie zuvor gehört.«

Veyron atmete tief durch. »Er war einmal ein Mensch, jetzt ist er der schrecklichste Dämon, den die Welt je gesehen hat. Er ist einer der Sieben Schatten, der engsten Vertrauten des Dunklen Meisters, absolut loyal und vollkommen gewissenlos«, erklärte er.

Tom schaute zu Jane, die am Boden lag und zitterte.

»Mir ist kalt. Das ist der Schock, schnell, deckt mich zu und sorgt dafür, dass ich nicht das Bewusstsein verliere«, befahl sie ihren beiden Freunden.

Veyron nahm von einem der Umstehenden eine Decke entgegen und breitete sie über Jane. Tom, der nichts weiter tun konnte, dachte über die Worte seines Paten nach. Der Dunkle Meister! Schon zweimal hatten sie es mit seinen Anhängern, einmal sogar mit seinem Geist zu tun bekommen, nun also auch noch mit seinen obersten Handlangern. »Wer ist er, dieser Dämon? Und woher kennen Sie ihn?«

Veyron prüfte Janes Puls, und der ernste Gesichtsausdruck, den er machte, gefiel Tom gar nicht.

»Er ist der Schattenkönig, die rechte Hand des Dunklen Meisters. Ich hatte schon einmal mit ihm zu tun«, sagte Veyron leise. Er beugte sich über Jane und redete auf sie ein, wach zu bleiben.

»Was ist passiert?«, hakte Tom nach.

Es verging ein Moment, ehe Veyron antwortete. »Ich habe verloren.«

3. Kapitel: Ganz neue Wege

Veyron sollte recht behalten: Zu weiteren Angriffen des Schattenkönigs und seiner Vampire kam es diese Nacht nicht mehr. Es verging eine halbe Stunde, ehe Rettungskräfte und die Polizei eintrafen. Jane wurde sofort in den Rettungswagen verfrachtet und mit Höchstgeschwindigkeit ins Saint Mary’s Hospital gefahren. Nach einer kurzen Befragung durch die Polizei verlangte Veyron, dass Tom, Danny, Agent Hunter und er selbst ebenfalls medizinisch erstversorgt wurden. Bevor die Beamten sich wieder auf sie stürzen konnten, um ihnen Fragen zu stellen, auf die Tom keine Antwort zu geben gewusst hätte, brausten auch sie mit Blaulicht davon Richtung Notaufnahme. Sollte die Polizei doch den versenkten Bus fotografieren und andere Zeugen befragen – es standen ja genügend Leute rum. Unterwegs kamen ihnen Einheiten der Feuerwehr und noch mehr Polizei und Rettungskräfte mit Sirenen und Blaulicht entgegen. Die Medien hatten ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Als sie im Krankenhaus eintrafen, beugten sich die Patienten im Empfangsbereich über ihre Smartphones und unterhielten sich über das, was bereits auf YouTube die Runde machte: Videoaufnahmen der brennenden Fahrzeuge und des versenkten Busses im Paddington Branch. Es wurde gemutmaßt und spekuliert, was geschehen war. Von der Wahrheit, da war Tom sicher, waren jedoch alle Theorien meilenweit entfernt.

Im Behandlungsraum entfernten ein Arzt und eine Schwester ihm zahlreiche Splitter, die sich praktisch überall in seine Haut gebohrt hatten. Noch nie in seinem Leben war er derart verpflastert gewesen. Als er endlich fertig verarztet war, schickten sie ihn hinaus in den Warteraum. Dort traf er auf Detective-Chief-Inspector Gregson, Janes Vorgesetzten und engen Vertrauten Veyrons. Der hünenhafte Inspector eine absolute Respektsperson, der man nichts zu verheimlichen traute, und normalerweise sehr besonnen. Doch heute wirkte der silberhaarige Gregson besorgt und aufgeregt. Er sprach gerade mit Danny, der ihm Details ihrer haarsträubenden Flucht berichtete. Agent Hunter sah Tom nicht. Er glaubte, dass sie sich nach der ärztlichen Behandlung in aller Stille abgesetzt hatte – vermutlich, um sich in irgendeinem MI-6-Versteck zu verkriechen. Wahrscheinlich musste sie sich vor C verantworten und ihm ausführlich Bericht erstatten. Veyron war ebenfalls nicht anwesend.

Nachdem Gregson ihn kurz begrüßt hatte, fragte Tom nach dem Verbleib seines Paten.

»Er ist bei Willkins, oben auf der Intensivstation. Komm, ich bring dich hin«, erklärte der Inspector, fasste Tom an der Schulter und führte ihn hinaus.

Schweigend gingen sie den Korridor hinunter, vorbei an hin- und herhuschenden Krankenschwestern und Pflegern. Die aufsehenerregenden Ereignisse dieser Nacht beeinflussten sie offenbar nicht. Für sie waren alle Patienten gleich.

»Hat es weitere Verletzte gegeben?«, wollte Tom wissen.

Gregson schüttelte den Kopf. »Nur ein paar erschrockene Passanten, die neugierigen Fernsehjournalisten von einem ›wild gewordenen Busfahrer‹ berichtet haben. Einige behaupteten, zwei riesige Kerle gesehen zu haben, die dem Bus nachliefen und ihn sogar einholten.« Der Inspector lächelte säuerlich. »Zum Glück hat ihnen niemand geglaubt, sonst wär jetzt die Hölle los. Die Explosionen in der False Lane halten die meisten Medien derzeit für Terroranschläge, manche denken aber auch an Unruhen.«

In Toms Kopf drehte es sich, als er versuchte, die Vielzahl an Informationen aufzunehmen und in den richtigen Kontext zu bringen.

»Das wird die nächsten Tage viel Ärger geben. Ein ganzes Team der Polizei wurde ermordet. Wir haben keinen Täter, keine Terroristen, keinen Amokläufer«, raunte Gregson neben ihm.

»Es war der Schattenkönig. Ich hab ihn selbst gesehen«, erwiderte Tom, worauf Gregson seine linke Schulter kurz drückte.

»Ja, das hat Veyron auch schon berichtet«, sagte er. »Doch das können wir der Presse wohl kaum erzählen, oder? Diese Sache sieht einfach zu sehr nach einem Terroranschlag aus, und das wird dann letztlich auch die Runde machen. Die ganze Stadt wird in Furcht geraten, Politiker werden diskutieren, und wir, die Polizei, werden wie Idioten dastehen. Weil wir nicht in der Lage waren, diesen Angriff zu verhindern oder die Schuldigen festzunehmen.«

Mit dem Lift ging es ein paar Stockwerke hinauf. Die Intensivstation wurde von zwei uniformierten Constables bewacht. Gregson zeigte seine Marke, und man ließ ihn hinein. Tom durfte ebenfalls passieren.

»Polizeischutz«, erklärte Gregson. »Intern gehen wir von einem gezielten Anschlag aus, darum steht Willkins jetzt unter Bewachung. Niemand, der nicht autorisiert ist, darf zu ihr – nicht einmal das Personal des Krankenhauses.«

»Das wird den Schattenkönig nicht aufhalten. Ich hab gesehen, dass er sich teleportieren kann«, raunte Tom halblaut.

Gregson kniff kurz die Lippen zusammen – ein stilles Eingestehen der eigenen Hilflosigkeit.

Sie kamen in den Vorraum, wo sie Veyron fanden. Einsam und allein saß er auf einem Stuhl. Dass ihn das Ganze ebenfalls sehr mitnahm, konnte Tom an seiner finsteren Miene erkennen – und sein Pate ließ sogar den Kopf etwas hängen. Das erschreckte ihn mehr als vieles andere in dieser Nacht. Hinter einer großen Scheibe erblickte er Jane. Leichenblass lag sie auf einem Krankenbett, an zahlreiche Schläuche angeschlossen. Ein furchtbarer Anblick.

Ein Arzt kam soeben aus dem Raum und nickte ihnen zu.

»Wie geht es meiner Kollegin?«, fragte Gregson sofort.

»Sie ist stabil, aber sie hat viel Blut verloren«, antwortete der junge Mediziner. Er warf Tom einen abschätzenden Blick zu, nahm Gregson etwas beiseite und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Und da ist noch etwas, das uns Sorgen bereitet. Ihr Herz ist angegriffen, und sie zeigt alle Anzeichen einer Vergiftung. Wir kennen aber das Gift nicht und wissen nicht, wie wir sie behandeln sollen. Wir wollen sie vorerst in ein künstliches Koma versetzen, um die Ausbreitung des Gifts zu verlangsamen.«

Wenn er glaubte, Tom würde ihn nicht verstehen, irrte er. Er hörte es deutlich genug und schluckte. Veyron blieb allerdings ungerührt sitzen.

»Danke, Doktor. Würden Sie uns einen Moment allein lassen?«, bat Gregson und nickte nach draußen.

Der junge Arzt nickte. Kurz darauf waren sie unter sich.

»Sie wird es doch überleben, oder Veyron?«, fragte Gregson besorgt.

Zunächst reagierte Veyron gar nicht. Dann seufzte er und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Ich bezweifle, dass unsere Medizin in der Lage ist, sich mit dem Gift des Schattenkönigs zu messen«, sagte er ausdruckslos.

Sein Mangel an Emotionen machte Tom gleich wieder wütend. Jane lag im Todeskampf, und Veyron war nicht einmal jetzt in der Lage, ein wenig Mitgefühl und Wärme zu zeigen. »Moment mal! Sie reden da von Jane, Mann! Es muss doch etwas geben. Was ist mit den Elben? Königin Girians Heiler, die können sicher helfen. Den Heilungstrank der Elben habe ich schon mit ganz anderen Verletzungen fertig werden gesehen«, protestierte er – lauter, als er es beabsichtigte. Inspector Gregson bedeutete ihm, ruhig zu bleiben, doch er beachtete ihn gar nicht. »Lassen Sie uns nach Wisperton fahren und nach Elderwelt gehen. Bis spätestens morgen Abend können wir Hilfe für Jane organisiert haben und …«

Veyron schnitt ihm das Wort ab. »Wir können nicht nach Wisperton reisen. Die Agenten des Schattenkönigs beobachten uns, sie würden uns verfolgen und angreifen.«

Tom blieben die Argumente im Hals stecken. Ratlos blickte er auf die reglose Jane, schaute eine Weile dem hüpfenden Punkt auf dem EKG zu. »Es muss doch etwas geben, das wir tun können. Wir dürfen Jane nicht einfach sterben lassen«, meinte er leise und wischte sich die Augen. Der Kloß in seinem Rachen ließ seine Stimme versiegen. So durfte es auf keinen Fall enden.

»Wir können gar nichts tun.« Veyrons Stimme war entschieden und, wie Tom fand, absolut eisig. Sein Pate stand auf und ging, ohne dabei Gregson oder Tom noch einmal anzusehen, Richtung Tür.

Bevor er sie erreichte, trat ihm jedoch der Inspector in den Weg und packte ihn am Arm. »Sie dürfen ihn nicht gewinnen lassen, Veyron. Nicht noch einmal! Wenn jemand in der Lage ist, den Schattenkönig zu schlagen, dann sind Sie das«, herrschte er ihn ungewöhnlich scharf an.

Veyron wand sich aus Gregsons Griff. »Nein, das bin nicht«, gab er zurück und verließ den Raum.

Tom war mit Gregson allein und schüttelte verzweifelt den Kopf. Die abweisende Haltung seines Paten konnte er diesmal noch weniger als sonst verstehen. Dabei musste er sich doch auch um Jane sorgen. So düster kannte Tom ihn jedenfalls nicht, und diese unmenschliche Herzlosigkeit, gerade in dieser Lage, war ihm überhaupt nicht verständlich.

»Es nimmt ihn schwer mit«, glaubte Gregson dagegen zu erkennen. »Ich habe das schon einmal erlebt. Er gibt sich die Schuld an Janes Zustand, auch wenn er jetzt so tut, als ließe ihn das alles völlig kalt. Glaub mir, Tom. Das tut es nicht. Ich kenne ihn lange genug. Wenn er so reagiert, dann nur, weil er sich wirklich große Sorgen um sie macht.«

Tom wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er erinnerte sich an Veyrons Doktrin, keine Gefühle zuzulassen, welche die Leistungsfähigkeit seines Verstandes einschränkten. Das schloss ja wohl neben Liebe auch Trauer, Wut oder Zuneigung ein. Aber hier ging es um Jane, verdammt! Jane Willkins hatte sich um Tom gekümmert, seit er nach dem Tod seiner Eltern auch noch von seiner Tante im Stich gelassen worden war. Außerdem hatte sie ihnen bei ihrem letzten Abenteuer geholfen und war auch sonst immer zur Stelle, wenn Veyron Unterstützung bei einem Fall brauchte. Jane hatte es schlichtweg verdient, dass man sich mit aller Kraft für sie einsetzte. »Mir ist egal, wie mächtig der Schattenkönig ist, ich werde das nicht zulassen! Ich nehme den Kampf gegen diesen Dämon auf. Was auch immer ich dafür tun muss, ich werde Jane retten!«, verkündete er laut.

Gregson weitete überrascht die Augen. Bevor er etwas darauf erwidern konnte, eilte Tom auch schon an ihm vorbei nach draußen. Er fand Veyron auf dem Flur, sein Smartphone in den Händen. Gerade als Tom ihn erreichte, steckte er es wieder in die Manteltasche.

Tom ballte die Fäuste und wusste nicht, ob er damit den grauenhaften Dämon zerschmettern wollte oder den Widerspruch seines Paten. »Veyron, wir müssen was unternehmen. Den Schattenkönig aufhalten, ihn zerstören. Ich werde diesen Mistkerl erledigen, das schwör ich! Der Schattenkönig verträgt kein helles Licht, stimmt’s? Dann lassen Sie uns morgen früh nach Wisperton fahren und mit unserer Rückkehr nach Elderwelt warten, bis es Tag wird. Wir greifen ihn an, vernichten ihn und retten Jane«, sagte Tom.

Veyron warf ihm einen verwunderten Blick zu, dann verfinsterte sich seine Miene wieder. »Wir werden nichts dergleichen tun, Tom. Du hast keine Ahnung, was du da sagst. Der Schattenkönig ist kein Schrat oder ein Vampir, mit dem man es einfach mal so aufnehmen kann«, konterte er.

Tom wollte etwas erwidern, als ihn das leise zischende Geräusch sich öffnender Aufzugtüren herumwirbeln ließ. Fast erwartete er einen neuen Angriff der Vampire, aber es trat nur Danny Darrow in den Flur. Er war zwar blass und wirkte müde, aber beileibe nicht bereit zu kapitulieren. »Hey, da seid ihr ja! Ich hab lange nachgedacht, und wisst ihr was: Ich bin dabei, ganz egal, was ihr zwei jetzt vorhabt«, rief er ihnen zu.

Veyron hob skeptisch die Augenbrauen. »Sind Sie sicher, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen, Mr. Darrow?«

»Na, so wie die Sache steht, bin ich ja an allem schuld. Ich hab Sie angeheuert, Fiona – ich meine Agent Hunter, oder wie sie wirklich heißt – aufzuspüren. Deswegen liegt Ihre Freundin jetzt auf der Intensivstation. Es geht um dieses Horn des Tri … Tro … Try … Naja, um das Horn dieses Meereskönigs eben. Und hey, ich wurde von Vampiren und dem Tod persönlich angegriffen. Ich will damit nur sagen, dass Sie auf mich zählen können. Ich hab so viel unnützes Zeug in meinem Leben gemacht, es wird Zeit, da was zu ändern. Hier geht’s um Leben und Tod, und die Sache ist mir ernst.«

Veyron schloss kurz die Augen. Daraus, wie hektisch seine Augäpfel unter den Lidern hin- und herrasten, schloss Tom, dass die Gedanken seines Paten rasten – endlich. Die kurze Phase depressiver Niedergeschlagenheit schien vorüber. Veyron wurde wieder aktiv, und Tom würde darauf wetten, dass er gerade einen Plan entwickelte, um dem Schattenkönig das Handwerk zu legen.

Dann öffnete Veyron seine Augen und lächelte schmal. »Hervorragend! Ihre Einsatzbereitschaft freut mich, Mr. Darrow. Anderenfalls hätte ich Sie zwingen müssen, sich uns anzuschließen. Ich habe eben eine Nachricht an C geschickt und ihn gebeten, uns Agent Hunter zur Seite zu stellen«, sagte er.

Tom begann zu grinsen und schlug die rechte Faust in seine linke Handfläche. »Dann reißen wir dem Schattenkönig jetzt den Arsch auf!«

»Nein, das tun wir nicht.«

Tom stutzte kurz, ließ sich aber nicht beirren. »Aber wir gehen wenigstens nach Wisperton und helfen Jane?«

»Nein, auch das werden wir nicht tun.«

Danny und Tom starrten Veyron ungläubig an. In diesem Moment stieß Inspector Gregson zu ihnen. Seine ratlose Miene zeigte genau, was Tom dachte: Was soll dieser Mist?

Veyron schaute in ihre Gesichter, und ein kurzes Lächeln flog über seine Lippen. »Ich habe nicht vor, mich dem Schattenkönig geschlagen zu geben, Inspector. Wir können allerdings nicht nach Wisperton gehen; es ist in mehrfacher Hinsicht schlichtweg zu riskant. Selbst am helllichten Tag können wir das nicht wagen. Vampire werden zwar vom Sonnenlicht getötet, und der Schattenkönig meidet es, aber seine Spione sind überall. Tauben, Krähen und Ratten, die er abgerichtet hat. Menschen, die in seinen Diensten stehen. Nein, es gibt keinen Ort auf der ganzen Welt, an dem er uns nicht aufspüren könnte. Machen wir uns lieber bewusst, warum uns der Schattenkönig überhaupt nachstellt. Es geht um das Horn des Triton. Er befürchtet, wir könnten es vor ihm finden. Sicherlich hat er von den Ermittlungen des MI-6 gegen die Zaltianna Trading Company erfahren und sah sich deshalb gezwungen, gegen Hunter und uns vorzugehen. Demnach muss das Horn für uns erreichbar sein, und da setzen wir unsere Strategie an. Wir schnappen es uns vor ihm und durchkreuzen somit seine Pläne. Selbstverständlich müssen wir dafür nach Elderwelt reisen. Tom, Mr. Darrow, Agent Hunter und ich werden das erledigen«, erklärte er.

Gregson schnaubte ungehalten. »Und was ist mit Willkins, Veyron? Sie liegt da drin und ringt mit dem Tod.« Aufgebracht wedelte er mit der Hand in Richtung Intensivstation.

Für einen Moment bemerkte Tom einen Ausdruck der Besorgnis in Veyrons Gesicht; nur ganz kurz.

»Auch dafür habe ich bereits Maßnahmen in die Wege geleitet, Inspector. Ich verspreche Ihnen, wir kehren so schnell zurück, wie es nur möglich ist«, versicherte er.

»Jane hat diese Zeit vielleicht nicht«, knurrte Gregson und verschränkte die Arme. »Mich interessiert dieses dumme Trötenhorn nicht, mir geht es allein um Jane.«

Das rechnete Tom dem Inspector hoch an, sehr hoch sogar.

Veyron atmete tief durch. »Dieses Risiko muss ich eingehen, Bill. Sie werden doch auf die gute Willkins aufpassen, während ich unterwegs bin?«

»Tag und Nacht. Aber wenn sie mir wegstirbt, dann verspreche ich Ihnen, dass es keinen Winkel auf dieser Welt – oder in der anderen – gibt, wo Sie sich vor mir verstecken könnten! Sie steht unter meiner Obhut, und Sie haben sie da reingezogen, verdammt!«

Veyron nickte ernst. »Akzeptiert«, sagte er, wirbelte herum und schritt in Richtung Lift davon.

Tom und Danny verabschiedeten sich kurz von Gregson und beeilten sich, um zu Veyron aufzuschließen.

»Wenn wir also nicht nach Wisperton können, wohin fahren wir dann«, fragte Tom neugierig. Er hatte nicht die blasseste Vorstellung, wie sie das alles bewerkstelligen sollten. Für ihn war nur klar, dass sie den Schattenkönig aufhalten mussten – um jeden Preis.

»Draußen wird es bald hell. Jetzt stärken wir uns erst einmal in der Cafeteria und warten auf Agent Hunter. Sowie unser kleines Team komplett ist, besuchen wir die Ramer-Stiftung«, antwortete Veyron.

Danny pfiff durch die Zähne. »Die Ramer-Stiftung? Gegründet von diesem mehrfachen Multimilliardär, Floyd Ramer, nicht wahr? Was wollen wir denn da?«

Veyron schwieg sich darüber aus und gab als Antwort lediglich ein vielsagendes Lächeln.

Agent Hunter bekamen sie diese Nacht nicht mehr zu Gesicht. Veyron erhielt nur kurz eine Nachricht, dass sie sich mit ihnen am vereinbarten Zielort treffen würde. Darum verbrachten Tom und Danny die Zeit in der Cafeteria allein in Veyrons Gesellschaft, der die Gelegenheit nutzte, um Danny intensiv in die Geheimnisse Elderwelts einzuweihen. Er berichtete über Vampire, Schrate, Fenriswölfe und zahlreiche andere Wesen und Unwesen, von den Elben Fabrillians, vom mächtigen Imperium Maresium und dem sagenhaften Reich Quin im Fernen Osten. Danny hörte interessiert zu, stellte aber nur wenige Fragen. Tom wusste das meiste bereits, aber manches war sogar ihm neu. So vergingen die Stunden bis zum Morgengrauen wie im Flug. Sobald die Sonne hinter den Wolkenkratzern der Londoner City aufstieg, machten sie sich auf den Weg zur Ramer-Stiftung.

Per Taxi ging es nach Canary Wharf, die beste und teuerste Adresse am Ufer der Themse. Die dicht gedrängt stehenden Hochhäuser auf der Isle of Dogs beherbergten Banken und Versicherungen und buhlten miteinander darum, sich an architektonischer Raffinesse und Höhe gegenseitig zu übertreffen. Jetzt, am frühen Morgen, spiegelte sich ein roter Sonnenaufgang auf den glatten Fassaden, ließ sie majestätisch und erhaben erscheinen. Beinahe wie Phantome einer anderen Welt, die nicht so recht in die Wirklichkeit passen wollten. Eines der jüngsten Mitglieder des Gebäudekomplexes waren die Zwillingstürme der Ramer-Stiftung.

Tom staunte nicht schlecht, als das Taxi sie davor absetzte. »Floyd muss es immer übertreiben«, sagte er ehrfurchtsvoll, als er auf die beiden kreisrunden und über zweihundert Meter hohen Bürotürme starrte, die von spiegelndem Glas eingefasst waren. Sie standen auf einer künstlichen, rechteckigen Parkinsel, die über zwei geschwungene Brücken vom Ufer aus erreichbar war.

»Ja, Bescheidenheit war noch nie eine von Floyds Stärken. Hier werden sein Immobilienbesitz auf der ganzen Welt, seine Geschäftsanteile an diversen Unternehmen sowie die unermesslichen Finanzmittel des Ramer-Imperiums verwaltet, gesteuert, erfasst und katalogisiert. Von hier aus tätigt Floyd seine Einkäufe, von hier aus fließen Kapitalströme ins Ausland und wieder zurück«, erklärte er Tom.

»Ihr redet, als würden wir dem Mann gleich begegnen. Aber Floyd Ramer hat doch vor etwa zehn Jahren Selbstmord begangen. Das stand in allen Zeitungen, und das Internet war voll von Verschwörungstheorien«, wandte Danny ungläubig ein.

Veyron lachte laut auf, als er das hörte. »Ja, das soll die ganze Welt denken. Die Wahrheit ist, dass er vor zehn Jahren dorthin ging, wo wir auch hingelangen wollen: nach Elderwelt. Aber das werden Sie hoffentlich alles sehr bald selbst sehen«, sagte er.

Sie nahmen die westliche der beiden Brücken, wo sie bereits von Agent Hunter erwartet wurden. Sie trug einen teuren beigefarbenen Designeranzug, der sie wie eine knallharte und erfolgreiche Geschäftsfrau aussehen ließ. Als Gepäck hatte sie nur ein modisches Köfferchen dabei, farblich genau auf ihren Anzug abgestimmt.

Veyron begrüßte sie mit einem saftigen Tadel. »Sie können von Glück sagen, das der Schattenkönig letzte Nacht keine Lust auf weiteren Mord hatte. Es war sehr unklug von Ihnen, uns zu verlassen und sich aus dem Krankenhaus davonzustehlen. Außerhalb der Mauern wären Sie leichte Beute gewesen.«

Agent Hunter lächelte nicht, sie zeigte überhaupt keine Gefühlsregung, als sie erwiderte: »Ich habe den Befehl, mich Ihnen anzuschließen, Mr. Swift. Ich bin angewiesen worden, zu tun, was Sie von mir verlangen, sobald wir Elderwelt erreicht haben.«

Tom hatte das Gefühl, als empfände sie das als Demütigung. Aber heiligte der Zweck für sie nicht die Mittel? Für Königin und Vaterland würde Agent Hunter sich Veyron unterordnen und notfalls jede Schikane ertragen, da war er sicher. Ich werde ihr keinen Moment über den Weg trauen, entschied er im Stillen.

»Also, ich find’s auch schön, dass du wieder mit dabei bist. Eine echte Geheimagentin, hm? Das ist ja was!«, rief Danny und grinste Hunter breit an.

Tom bemerkte, dass sie kurz einatmete, länger und tiefer als gewöhnlich, fast, als unterdrückte sie einen Seufzer des Überdrusses.

»Verzeihung, Mr. Swift. Aber was macht der noch hier? Wohin wir uns begeben, erwarten uns wahrscheinlich jede Menge Gefahren. Zivilisten haben bei dieser Angelegenheit nichts verloren. Mr. Darrow ist nur Ballast«, sagte sie halblaut.

Veyron würdigte sie keines Blickes, sondern marschierte schnurstracks weiter als er ihr antwortete: »Um eines klarzustellen: Ich bringe niemanden zu einem Abenteuer mit, der unnütz ist. Letzte Nacht hat Mr. Darrow die Vampire vom Bus aus im Auge behalten. Das ist weit mehr als das, zu dem Sie imstande waren. Von daher frage ich mich, wer hier der Ballast ist. Alles, was ich tue, geschieht mit exakter Berechnung und ist Teil eines fein austarierten und wohlüberlegten Plans.«

Dieser Rüffel saß. Hunter lief rot an und schaute zu Boden. Tom fand es nur gerecht, und wäre es nach ihm gegangen, er hätte diese hinterlistige Schlange gar nicht erst mitgenommen. Das Ausnutzen des armen Ernie Fraud wollte er ihr ebenso wenig vergeben wie die Falle in der False Lane. Hinzu kam ja noch, dass sie auch Danny ganz übel mitgespielt hatte.

Der schien jedoch keinerlei Abneigung der Frau gegenüber zu verspüren. »Nimm’s ihm nicht krumm, Fiona. Mr. Swift ist ein Genie, das kann ich dir sagen. Ich hab noch nie jemanden gesehen, der mit einem Bus einen Eins-a-Drift hinlegen kann.«

»Hören Sie auf, mich Fiona zu nennen, Mr. Darrow«, raunzte sie ihn an.

Danny hob überrascht die Augenbrauen. »Ach, sind wir wieder beim Sie? Na schön, was wär dir denn recht? Amanda vielleicht oder doch lieber Agent Hunter?«, gab er zurück, so unschuldig dreinblickend wie ein Fünfjähriger mit Schokoladenresten im Gesicht.

Hunters Wangenfarbe wurde noch einmal eine Nuance roter. Tom fand das klasse. Danny hatte sie am Wickel, sehr gut!

»Gwen«, murmelte sie. »Ich heiße Gwen. Oder Gwendolyn, wenn Sie es genau wissen wollen.«

»Gwen, das gefällt mir. Gwen … Also, ich bin immer noch Danny, so wie vor zwei Wochen.«

Diesmal erwiderte sie nichts mehr, sondern beschleunigte ihre Schritte, um zu Veyron aufzuschließen. Danny trottete ihr mit einem vergnügten Lächeln hinterher. Zu Tom gewandt, raunte er: »Was für eine fantastische Frau. So wunderbar zickig, es ist eine echte Freude. Die ist nichts für jeden, ein richtiger Schatz.«

Tom glaubte, nicht recht zu hören. Das meinte Danny doch sicher nicht ernst, oder? Nach all den Tricks, die diese Frau abgezogen hatte? »Ich bin mir nicht sicher, ob du dich da nicht in was verrannt hast, Danny«, meinte er skeptisch.

Danny lachte darüber nur und schlug Tom so fest auf den Rücken, dass es schmerzte. »Ach, Tom. Du musst noch viel lernen. Aber das erklär ich dir später, wenn wir mal unter uns sind und richtige Männergespräche führen können. Okay?«

»Klar.« Trotzdem blieb er bei seiner Meinung, dass Danny einen ausgesprochen schlechten Frauengeschmack besaß – zumindest, was das Charakterliche betraf.

Tom kannte die gewaltigen Paläste Elderwelts, Hallen aus weißem Marmor, verziert mit den kostbarsten Materialien, die man sich vorstellen konnte. Die Lobby der Ramer-Stiftung stand ihnen in Dimension und Ausstattung in nichts nach. Jeder Tisch, jeder Sessel – sogar die Wartestühle – waren mit Chrom- oder Goldleisten verziert, überall funkelte und blinkte es; Glas und Spiegel, wohin das Auge auch fiel. Um zum Empfang zu kommen, mussten sie erst einmal eine schier endlose Rolltreppe in den ersten Stock nehmen. Tom fiel auf, dass sich sogar Danny und Gwen erstaunt umsahen.

»Was hat das alles gekostet?«, hörte er Danny immer wieder leise fragen.

Hunter fühlte sich verpflichtet, darauf zu antworten. »Ein Vermögen. Wir haben versucht herauszufinden, aus welchen Quellen die Ramer-Stiftung sich finanziert, konnten aber den Ursprung nicht identifizieren. Diese Organisation verfügt über unvorstellbare Mittel und Ressourcen, verteilt über die ganze Welt.«

Tom lächelte still in sich hinein, als er das hörte. Gwen Hunter mochte zwar beim MI-6 arbeiten, aber über Elderwelt, seine Bewohner und Regenten, wusste sie gar nichts. Floyd Ramer, der angeblich verstorbene Milliardenerbe, war der vielleicht reichste Mensch der Erde. Kein Aufwand war ihm zu groß, kein Preis zu teuer. Nun, das würden die beiden schon noch erfahren, falls sie ihn kennenlernten.

Oben angekommen steuerte Veyron schnurstracks den nächsten freien Empfangsschalter an, wo er von einer freundlichen, jungen Servicemitarbeiterin begrüßt wurde.

»Wir möchten mit jemandem sprechen, der die Talassair-Abteilung verwaltet«, sagte Veyron.

Die junge Dame, laut Namensschild Mandy Sikes, machte große Augen, als sie das hörte. »Oh, das tut mir ausgesprochen leid. Ich fürchte, da sind Sie bei uns falsch. Eine solche Abteilung haben wir nicht«, erwiderte sie.

Veyron schloss kurz die Augen. »Sie haben früher bei Torben Carrisson Airways in der Kundenbetreuung gearbeitet. Das ist jetzt fast zwei Jahre her. Sie wurden im Zuge der Ermittlungen des Supersonic-Vorfalls von Polizei und MI-5 bezüglich der Sitzplatzreservierung eines gewissen Mr. Veyron Swift befragt. Anschließend warb Sie die Ramer-Stiftung ab, und seitdem arbeiten Sie hier, bei doppeltem Gehalt. Sie sind Linkshänderin und eine leidenschaftliche Hobbymalerin, spezialisiert auf Acryl und heute Morgen hatten Sie es ausgesprochen eilig. Ihr Hobby hat Sie einfach nicht losgelassen«, sagte er so schnell, dass Miss Sikes erst einmal einen Moment brauchte, um alles zu verarbeiten.

»Wo … woher, woher wissen Sie das?«

»Das mit Ihrer Karriere? Nun, alle Mitarbeiter von TC-Airways wurden nach dem Vorfall vom MI-5 und der Polizei ausgiebig befragt, immerhin waren da Terroristen am Werk. Dass Sie Linkshänderin sind, verrät mir Ihr Kugelschreiber, den sie links neben Ihrem Notizblock liegen haben. An der Linken haben Sie zudem Farbreste unter dem kleinen Fingernagel und einige winzige Spritzer zwischen Zeige- und Ringfinger. Blau, gelb und rot. Daraus lässt sich Ihre künstlerische Tätigkeit ersehen. Sie haben sich die Hände mit Wasser und Seife gewaschen, um die Farbe zu entfernen. Jedoch nicht mit einem chemischen Reiniger, das sehe ich an der frischen, kräftigen Farbe Ihrer Haut. Chemische Reiniger trocknen die Haut aus, folglich muss Ihre Farbe eine wasserlösliche Substanz sein. Sehe ich mir den Effekt des Abblätterns und die gummiartige Struktur der Farbreste an, lässt sich nur auf Acrylharz schließen, das im Kunstmalerbereich weit verbreitet ist. Dass Sie überstürzt zur Arbeit aufgebrochen sind, verrät mir die Tatsache, dass noch Farbreste an Ihren Fingern zu finden sind. Die Handwäsche erfolgte demnach schnell und wenig gründlich. Darf ich Sie jetzt bitten, im Firmennetzwerk nach Talassair zu suchen?«

Mandy Sikes starrte Veyron ebenso verblüfft an wie Danny und Hunter. Nur Tom stand ungeduldig daneben. Diese Demonstrationen scharfer Beobachtung und die an Prahlerei grenzende Offenlegung des scheinbaren Zaubertricks erstaunten auch ihn zwar immer wieder aufs Neue, heute hatten sie es jedoch eilig und keine Zeit für Spielchen. Wenn Veyron recht hatte, wurden sie selbst bei Tage von den Spionen des Schattenkönigs verfolgt.

»Tun Sie einfach, was er will, oder er analysiert Sie immer weiter, bis er Ihnen noch sagt, auf welche Schule Sie gegangen sind und wie Ihr Hund heißt«, sagte Tom zu ihr und riss sie damit aus der Sprachlosigkeit.

»Ich … ich … habe keinen Hund«, stammelte sie.

»Nein, aber eine Katze, rotbraun getigert«, ergänzte Veyron.

Das war zu viel. Miss Sikes drückte eine Taste auf ihrem Tischplattenbildschirm. »Sicherheitsdienst!«

Tom zuckte zusammen, und Danny murmelte ein leises »Scheiße.« Hunter und Veyron blieben dagegen ganz ruhig. Es dauerte nicht lange, bis zwei bullige Sicherheitsmänner auftauchten, mit den obligatorischen Stöpseln im Ohr und Funkgeräten in der Brusttasche. Die Sonnenbrillen hatten sie nach oben geschoben.

»Was ist das Problem, Mandy«, fragte der Linke laut.

Miss Sikes deutete auf Veyron. »Mit dem da stimmt etwas nicht. Er … er bedroht mich.«

»Stimmt doch gar nicht«, protestierte Danny.

Tom pflichtete ihm sofort bei. Hunter sagte nichts, und Veyron drehte sich ganz gelassen zu den beiden Gentlemen um. »Ich bin Veyron Swift, und das sind meine Begleiter, Miss Gwen Hunter, Mr. Danny Darrow und mein Assistent Tom Packard. Wir möchten mit dem zuständigen Manager der Talassair-Abteilung sprechen. Ich fürchte, dabei ist es zu einem kleinen Missverständnis gekommen«, sagte er ruhig.

Die beiden Sicherheits-Gorillas schien das jedoch nicht zu interessieren. »Mir egal«, sagte der Linke – vielleicht konnte nur er sprechen – und deutete auf die Rolltreppe. »Sie verlassen jetzt auf der Stelle das Gebäude, Mister.«

Veyron rührte sich keinen Millimeter, sondern erwiderte die drohenden Blicke der beiden Sicherheitsleute mit einem sardonischen Grinsen. »Wohl kaum. Ich sagte ja schon, ich bin Veyron Swift und will nach Talassair«, wiederholte er laut.

Eben wollten die beiden Gorillas ihn packen, als ihre Funkgeräte piepten. Sofort ging ihr Anführer ran. »Was? Ich bin beschäftigt! Was? Uxbridge? Moment …«, sagte er und hob vor Veyron die Hand, um ihn aufzuhalten.

Doch der zuckte nur mit den Schultern. »Kein Problem. Ich habe Zeit«, meinte er süffisant, was den zweiten Sicherheitsmann die Augenbrauen zusammenkneifen ließ.

Sein Kollege hörte derweil angespannt zu, was man ihm zu sagen hatte. Schließlich atmete er erleichtert aus. »Alles klar, Mr. Uxbridge. Ich schicke die Leute rauf«, sagte er zu seinem unsichtbaren Gesprächspartner. Dann wandte er sich an Miss Sikes. »Falscher Alarm, Mandy. Mit diesen Gentlemen ist alles in Ordnung. Sie sind hier, um Mr. Uxbridge zu treffen.«

Mandy Sikes wirkte sichtlich erleichtert, sie loszuwerden. Die beiden Sicherheitsmänner geleiteten sie zum Lift und erklärten ihnen – ausgesucht höflich auf einmal –, wohin sie fahren müssten. Dann wandten sie sich ab.

Tom betrat hinter Veyron den Lift. Hunter drückte die Taste für den 28. Stock; Danny schaute neugierig umher.

Nachdem sie wieder unter sich waren, wandte sich Tom an seinen Paten. »Sie kannten diese Miss Sikes also? Was hatte sie mit dem Supersonic-Vorfall zu tun?«

»Prinzipiell gar nichts. Ich habe mich nur an ihren Namen und ihre Stimme erinnert. Ich hatte sie am Telefon, als ich damals unsere Sitzplätze gebucht habe – nach dem kleinen Trick, an den du dich vielleicht noch erinnerst.«

»Sie erinnern sich an die Stimme und den Namen einer Frau, mit der sie nur ein einziges Mal zwei Minuten am Telefon gesprochen haben? Nach fast zwei Jahren?«, mischte sich Hunter mit deutlich hörbarem Unglauben ein.

Veyron drehte sich zu ihr um. »Selbstverständlich«, sagte er und schaute sie an, als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt.

Danny lachte laut auf. »Klasse! Sie sind echt ’ne Marke!«

Tom grinste und wünschte, Hunter könnte ihr eigenes, vollkommen perplexes Gesicht sehen.

Kurz darauf standen sie vor der Bürotür von Mr. Kevin Uxbridge. Die Vorzimmerdame ließ sie eintreten und meldete ihre Ankunft.

Kevin Uxbridge, ein hagerer Mann mit rotblondem Schopf und großen grünen Augen, hieß sie mit überschwänglicher Freundlichkeit willkommen.

»Endlich, endlich, endlich! Ich habe ja schon viel von Ihren Unternehmungen gehört, Mr. Swift. Von dem Vorfall mit den Vampiren von Surrey zum Beispiel, oder diese Sache mit dem Troll von Notting Hill. Mann, Mann, Mann! Endlich lerne ich Sie einmal persönlich kennen«, rief er begeistert und schüttelte Veyrons Hand kräftig und anhaltend.

Tom musste schmunzeln, als er den leicht verstörten Gesichtsausdruck seines Paten bemerkte. Veyron betrachtete seine Fälle und ihre Lösungen stets mit distanzierter Nüchternheit und machte aus ihnen nie eine große Sache.

»Ihre Begeisterung ehrt mich, Mr. Uxbridge, aber wir sind wegen ernster Angelegenheiten hier. Wir brauchen dringend einen sicheren Weg nach Elderwelt. Ich weiß, dass die Ramer-Stiftung über mehr als einen Durchgang dorthin verfügt«, versuchte Veyron mit erhobener Stimme zur Sache zu kommen.

Uxbridges glühende Begeisterung ließ sich jedoch kaum bremsen. »Aber klar, aber klar, aber klar. Kein Problem. Ich habe bereits mit Mr. Farin Nachrichten ausgetauscht und die Erlaubnis erhalten, Sie rüberzuschicken. Sie wissen ja gar nicht, wie aufregend diese Sache für mich ist. Der König zählt Sie zu seinen engsten Freunden, wissen Sie? Das ist etwas, das nur ganz wenige Menschen dieser Seite des Unsichtbaren Vorhangs von sich behaupten können. Seit zehn Jahren hat Seine Majestät diesen Teil der Welt nicht mehr besucht und lässt auch niemanden hinüber. Leider. Dass man Ihnen diese Erlaubnis gewährt, dürfen Sie als ausgesprochene Ehre ansehen«, plapperte der Mann drauflos.

Veyron stand, wie Tom mutmaßte, kurz davor, die Augen zu verdrehen, aber er beließ es bei einem geschäftsmäßigen Lächeln.

Uxbridge erklärte seiner Vorzimmerdame, dass er die Gäste nach ›unten‹ bringen würde, und dann verließen sie geschlossen das Büro. Hunter wollte schon den Weg zurück zum Aufzug einschlagen, als sie Uxbridge an der Schulter fasste und in eine andere Richtung drehte. »Nein, nein, nein. Nicht diese Aufzüge. Die gehen nur hinunter in die Lobby und die Tiefgarage. Wir müssen noch ein paar Stockwerke tiefer, wissen Sie? Wir nehmen die gesperrten Lifte. Das ist alles so aufregend! Ich habe erst vor ein paar Minuten den Schlüssel dafür von Mr. Farin erhalten. Normalerweise werden diese Lifte nie benutzt, wissen Sie?«, erklärte er und führte sie den Korridor hinunter. Dabei kamen sie an zahlreichen Bürotüren vorbei, die nicht beschildert waren. Dieser Teil des Wolkenkratzers stand offensichtlich leer.

»Ich verstehe immer noch nicht, wie wir hinüber nach Elderwelt gelangen sollen«, sagte Hunter halblaut.

Uxbridge in seiner grenzenlosen Euphorie setzte zu einer Erklärung an, doch Tom unterbrach ihn sofort. »Nein, sagen Sie es ihr nicht!«

»Nur zu, Uxbridge«, widersprach Veyron, »erklären Sie es ihr. Miss Hunter genießt unser volles Vertrauen. Sie darf ruhig in das Geheimnis eingeweiht werden.«

Tom hielt diese Auffassung seines Paten für sehr leichtfertig.

Uxbridge zwinkerte seine leichte Verwirrung fort. »Ja, warum auch nicht? Also, vor vielen Jahrtausenden gab es einen Orden mächtiger Zauberer, die Illauri. Sie haben eine Trennwand zwischen unserer Welt und Elderwelt geschaffen, um die mystischen Länder und ihre ebenso mystischen Bewohner vor der Zerstörungswut der Menschen zu beschützen. Eigentlich ist es keine richtige Trennwand, sondern eine Art Verschiebung des … Ach, das ist viel zu kompliziert, das versteht sowieso niemand, der nicht mindestens Quantenphysik studiert hat. Und selbst da kommen die hellsten Köpfe der Erde auf keine endgültig schlüssige Theorie, das können Sie mir glauben. Die Könige Talassairs setzen schon seit achtzig Jahren die besten Wissenschaftler darauf an, doch niemand konnte es bisher erklären. Auf jeden Fall müssen Sie sich das so vorstellen, dass nichts diesen Vorhang durchbrechen kann. Elderwelt ist hier, mitten unter uns, und doch können wir es nicht sehen, kein Satellit kann es aufspüren. Dieser Vorhang ist undurchdringlich, selbst für Licht, Schall und sogar Strahlung. Einfach alles wird darum herumgeleitet. Die Illauri wollten jedoch die Möglichkeit eines gegenseitigen Besuchs aufrecht halten. Darum haben sie überall auf der Erde Durchgänge errichtet, getarnt als Torbögen aus Fels, oder Bäume, die wie Torbögen miteinander verwachsen sind. Ein paar Durchgänge hat die Ramer-Stiftung über die Jahre identifizieren können und nutzt sie seither für den Technologietransfer zwischen hier und Talassair. Wir haben sogar einen Durchgang hier, mitten im Haus – nun ja, nicht direkt mitten im Haus, viel eher unter dem Haus«, erklärte Uxbridge und lachte plötzlich hell auf.

Tom kannte diese Erklärungen inzwischen zur Genüge, darum hörte er gar nicht richtig hin. Gelangweilt schaute er sich die vielen Bürotüren an und versuchte zu begreifen, warum hier eigentlich niemand arbeitete. Gerade wollte er Uxbridge danach fragen, als ihm an der nächsten Korridorkreuzung eine Bewegung auffiel. Ein Schatten, der zur Seite huschte – er sah ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde. Tom blieb stehen und schaute genauer hin, doch der Korridor war leer. Wohl nur eine Einbildung, vielleicht auch nur ihr eigener Schatten, von der Deckenbeleuchtung in eine andere Richtung geworfen. Er zuckte mit der Schulter und ging weiter. Ein paar Schritte weiter überlief ihn Gänsehaut. Seit er die Bewegung wahrgenommen hatte, schien es immer kühler zu werden. Mit einem Mal hatte er das unangenehme Gefühl, als würde ihn jemand beobachten. Er fuhr herum, und da sah er ihn, hoch aufragend, fast bis zur Decke des Korridors, schwarz gekleidet wie der leibhaftige Tod: der Schattenkönig. Seine fahlen Augen leuchteten unter der Kapuze hervor, und ein Teil seines Kinns war zu sehen, die dunkelgraue Haut erschien Tom wie uraltes, vertrocknetes Leder, über die Knochen gespannt.

»Veyron! Er ist hier!«, schrie Tom und fasste sich an den Gürtel. Das Daring-Schwert war nach ihrem Sturz in den Paddington-Branch verschwunden, doch Tom spürte die unsichtbare Präsenz an seiner Hüfte. Er brauchte nur zuzugreifen, und es wäre es wieder da.

Alle fuhren herum, doch da war der Schattenkönig auch schon wieder verschwunden, eingetaucht in den Schatten der gegenüberliegenden Wand. Als wäre er nie da gewesen.

»Bist du sicher, dass es keine Einbildung war?«, fragte Veyron.

Tom nickte aufgeregt. »Er stand genau da. Er hat uns gefunden!«

»Das war zu erwarten. Der Schattenkönig kann nicht durch feste Wände teleportieren, aber sehr wohl durch Glas. Und davon gibt es in diesem Gebäude mehr als genug«, sagte Veyron. »Wo ist dieser Aufzug?«

Uxbridge deutete vage voraus. Er wirkte sehr verunsichert.

Ohne zu zögern, rannten Veyron und Tom los, gefolgt von Hunter und Darrow.

»Moment, Moment, Moment! Ich wusste ja nicht, dass Sie es so eilig haben«, rief ihnen Uxbridge hinterher und beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen.

Als sie die Aufzugtür erreichten, materialisierte der Schattenkönig vor ihnen am Ende des Korridors, wo es am dunkelsten war. Finster starrte er in ihre Richtung, doch er rührte sich nicht, stand einfach nur da und beobachtete sie. Jetzt sahen ihn auch Uxbridge und die anderen.

»Heilige Muttergottes, was ist das?«, keuchte der Manager der Ramer-Stiftung. Er zitterte so sehr, dass er kaum die Schlüssel für den Lift aus seiner Hosentasche bekam.

Der Schattenkönig neigte ein wenig den Kopf und flüsterte unverständliche Worte. Es wurde immer kälter; Toms Nackenhaare stellten sich auf. Dunkler Zauber lag in der Luft.

Anstatt den Schlüssel in das Türschloss zu stecken, drehte sich Uxbridge um und streckte die Hand in Richtung des Schattenkönigs aus. Da erkannte Tom, dass Uxbridge verhext sein musste. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne; der Schattenkönig befahl über seinen Körper. Auch Tom vermochte sich nicht von der Stelle zu rühren, ebenso wenig Veyron oder Hunter. Allein auf Danny Darrow schien die Magie des Schattenkönigs nicht zu wirken. Keuchend trat er einen Schritt vor, entwand Uxbridge den Schlüssel und sperrte den Lift auf.

Im gleichen Augenblick fiel der Lähmungszauber von ihnen allen ab. So schnell sie konnten, drängten sie in die Fahrstuhlkabine. Der Schattenkönig schien einen kurzen Moment überrascht, doch dann griff er an. Mit langen Schritten hielt er auf sie zu. In seiner Rechten manifestierte sich wie aus dem Nichts sein Schwert, eine lange, zweischneidige Klinge mit vielen Scharten und schwarz wie die Nacht. Die Lifttüren schoben sich endlich zu; für Toms Geschmack viel zu langsam. Der Schattenkönig war fast da – schon holte er zum Hieb aus. Tom schloss die Augen.

Endlich rauschte die Kabine in die Tiefe.

Uxbridge hatte Mühe mit der Atmung, er keuchte entsetzlich und schlotterte am ganzen Körper. Auch Hunter war leichenblass, und Tom war entsetzlich kalt. Er rieb sich die Arme, ohne dass er dadurch das Gefühl des Grauens abzuschütteln vermochte. Nur Veyron und Danny schienen keine Nachwirkungen dieser Begegnung davongetragen zu haben – wobei sich sein Pate vielleicht auch einfach nur nichts anmerken ließ.

»Die Lage ist ernst«, sagte Veyron überflüssigerweise. »Sehr ernst sogar, wenn sich der Schattenkönig am helllichten Tage mitten in einem Gebäude zeigt, in dem Hunderte Menschen arbeiten.«

»Wie macht er das, dieses plötzliche Auftauchen?«, wollte Danny wissen.

»Er teleportiert. Es ist ein uralter, dunkler Zauber. Zum Glück sind ihm ein paar Grenzen auferlegt. Er kann nur in der Luft teleportieren, nicht durch feste Materie hindurch und auch nicht durch Wasser. Sehr wohl jedoch durch Glas oder andere durchlässige Materialien. Er scheint dabei allerdings auf Schatten angewiesen zu sein, ein Teil seines Zaubers. Die Absenkung der unmittelbaren Umgebungstemperatur gehört ebenfalls dazu, und das haben wir eben wohl alle gespürt. Ich erzählte bereits, dass ich schon einmal mit diesem Dämon zu tun hatte. Wir dürfen ihn keinesfalls unterschätzen und uns unter gar keinen Umständen auf einen Kampf mit ihm einlassen«, erklärte Veyron finster.

Tom bemerkte den verbissenen Gesichtsausdruck seines Paten, als müsste der mühsam um Kontrolle ringen. Das hatte es noch nie gegeben: Veyron Swift fürchtete sich vor einem Gegner. Toms Sorge wuchs. Hatten sie es diesmal vielleicht mit jemandem zu tun, der ihnen haushoch überlegen war? Die Wände des Fahrstuhls kamen ihm auf einmal wie ein Gefängnis vor, er glaubte zu ersticken. Fast hätte er geschrien: ›Ich will raus! Raus aus dem Lift und aus dieser Sache!‹

Doch dann dachte er an Jane, wie sie im künstlichen Koma auf dem Krankenbett lag, hilflos, während ihr Körper gegen ein tödliches Gift rang. Nein, sie hatten keine Wahl, als dem Schattenkönig zu trotzen, und durften sich dabei nicht ihrer Furcht ergeben. Wie sagte Veyron immer? ›Gefühle dürfen dein Tun nicht beeinflussen.‹ Tom war felsenfest entschlossen, sich das zu eigen zu machen.

»Mein Koffer! Ich hab meinen Koffer vergessen«, rief Hunter plötzlich.

Veyron schmunzelte. »Keine Sorge«, sagte er. »In Elderwelt werden Ihnen weder Ihre Funkpeilsender noch die Abhörgeräte, geschweige denn die Waffen und die ganzen anderen Spionagesachen weiterhelfen. Ersatzkleidung erhalten wir sicher auch so.«

Hunter verzog missbilligend das Gesicht, weil Veyron den Inhalt ihres Köfferchens offensichtlich genau aufzulisten wusste. Tom hingegen war einigermaßen erleichtert und – zugegeben – auch ein wenig schadenfroh.

Der Lift hielt an, und die Tür schob sich leise zischend zur Seite. Kein Vergleich zu den noblen, hellen Korridoren der Obergeschosse – sie standen vor der Mündung eines dunklen, halbrunden Tunnels. Tom sah im Schein der Fahrstuhlbeleuchtung stählerne Schienen am Boden schimmern.

»Wir sind im Netz der Underground gelandet«, glaubte er zu erkennen.

Uxbridge, der sich inzwischen wieder etwas gefangen hatte, wusste ein paar Erklärungen. »Ja, Tennyson Road Station, im Ersten Weltkrieg geplant, aber erst 1920 angegangen, direkt am Ufer der Themse. Die Tunnelgräber sind jedoch auf etwas gestoßen, das die Bauarbeiten aufgehalten hat. Als klar wurde, was sie da gefunden hatten, kaufte Julian Ramer der Stadt das ganze Areal einfach ab. Er ließ die Tunnel fertigstellen und Schienen verlegen, um keinen Verdacht zu wecken. Der Bahnhof wurde jedoch nie eröffnet«, erklärte er und drückte einen Schalter an der Seitenwand. An der Tunneldecke sprangen Lampen an, die ein spärliches Licht in die Dunkelheit warfen.

»Eine Sackgasse«, stellte Veyron fest.

Uxbridge nickte. »Die Stadtverwaltung beschloss – auf Drängen Ramers und mit ein klein wenig Bestechung –, die Tennyson Road Station aufzugeben, und ließ die Zufahrt zumauern. Dieser Tunnel führt ins Nichts. Naja, zumindest fast«, gab er zurück.

Sie gingen ein paar Meter in den Gang hinein, als Tom auch schon ihr Ziel ausmachen konnte. Dreißig Meter vor ihnen stand ein Torbogen aus Felsgestein, im gleichen Durchmesser wie der Tunnel. Hinter ihm lag die zugemauerte Verbindung zum Undergroundnetzwerk der Stadt.

Uxbridge seufzte, als er den Torbogen musterte. »Zu schade, zu schade, zu schade. Ich wäre gern mit Ihnen mitgegangen, aber leider ist es mir verboten. Es braucht die Sondergenehmigung des Königs, um nach Talassair zu reisen. Die haben nur Sie, Mr. Swift, und ihre kleine Reisegruppe. Bestellen Sie dem König meine Grüße«, sagte er und schüttelte Veyrons Hand mit neu gewonnener Überschwänglichkeit.

Tom wollte sich ebenfalls verabschieden, als ihn plötzlich ein Eishauch streifte. Er wusste genau, was das bedeutete. »Er ist wieder da!«, rief er.

Und tatsächlich: Mitten in der Liftkabine materialisierte er, der Schattenkönig. Wie konnte das sein? Hatte Veyron nicht gesagt …? Da dämmerte es Tom. Der Dämon musste in den Schatten eines von ihnen eingetaucht und unsichtbar für alle mit hinunter in den Schacht gefahren sein. Jetzt gab er sich zu erkennen, hatte er doch seine Feinde hoffnungslos in der Falle.

Er starrte direkt auf Tom, und dieser konnte nicht anders, als den Blick dieses Ungeheuers zu erwidern. Diese Augen waren wie schwarze Tümpel, in die man hineinstürzte und niemals wieder herauskam. Ein Rest seines Bewusstseins begriff, dass er verhext wurde, von dunkler Magie an Ort und Stelle festgehalten. Er hörte die Rufe von Hunter, von Veyron und von Uxbridge. Jemand packte ihn an der Schulter und riss ihn um. Es war Veyron. Er hob Tom einfach auf und rannte mit ihm Richtung Portal. Sofort spürte er die Magie des Schattenkönigs nachlassen. Tom blinzelte, sah Danny zu seiner Rechten und Hunter vor ihnen laufen. Wo war Uxbridge? Er blickte an Veyrons Oberarm vorbei zurück und sah den Manager dem Schattenkönig entgegenlaufen. So viel Angst der Mann zuvor gezeigt hatte, jetzt – angesichts der aussichtslosen Lage – ging er mit dem Mut der Verzweiflung auf den Feind los.

»Für den König! Für die Freiheit Talassairs«, brüllte er, beide Arme zum Angriff erhoben. Doch der Schattenkönig machte nur eine wegwerfende Geste mit der Linken, und eine unsichtbare Kraft fegte Uxbridge zur Seite. Er knallte gegen die verschalte Tunnelwand und rutschte reglos zu Boden. Der Unhold zog sein Schwert, und Flammen züngelten an der Klinge entlang.

Instinktiv fuhr Toms Hand zu seinem Hosenbund, fand nichts und tastete tiefer. Er spürte seinen Geldbeutel in der Tasche, nicht jedoch das Daring-Schwert. Den Grund verstand er nicht, es verwirrte ihn. In seinem Kopf begann es sich zu drehen. Dann war der Tunnel plötzlich verschwunden. Gleißendes Licht blendete ihn; er schrie laut auf. Dann fiel er zu Boden und landete hart auf dem Gesäß. Helles Licht schmerzte in seinen Augen, und es verging ein Moment, ehe er wieder klar sehen konnte.

Sie befanden sich nicht länger im geheimen Untergrundtunnel der Ramer-Stiftung, sondern unter freiem Himmel mitten auf einem Stadtplatz. Ihre Lage hatte sich jedoch kaum verbessert. Anstatt in die toten Augen des Schattenkönigs starrte er in ein halbes Dutzend Gewehrmündungen. Eine Schar bärtiger Zwerge hatte sie im Halbkreis umstellt. Tom hörte, wie Hähne gespannt wurden, ein vielstimmiges Klicken. Die wutschnaubenden kleinen Burschen waren bereit, sie auf der Stelle zu erschießen.

4. Kapitel: Palast Nr. 4

»Nicht schießen!«, rief Veyron, der geistesgegenwärtig die Lage erfasste.

Danny und Hunter dagegen stand der Mund offen. Sie sahen ja die kleinwüchsigen Bewohner der Insel Talassair zum ersten Mal. Nicht nur durch ihre gedrungene Statur, auch durch die kreisrunden Ohren und die leicht eckige Kopfform unterschieden sie sich sofort von Menschen. Tom ahnte, wie es den beiden ergehen musste, denn er erinnerte sich noch gut an seine erste Begegnung mit den Zwergen Elderwelts, die wenig mit seiner Vorstellung aus Märchenbüchern gemein hatten. Diese sechs Wichte waren unschwer als Wächter zu erkennen. Zu dunkelblauen Hosen und schweren Stiefeln trugen sie rote Westen und violette Mantelröcke mit weißen Schoßaufschlägen. An über der Brust gekreuzten Gurten hingen Munitionstasche und ein krummer Säbel.

»Elendes Gronker-Pack! Und warum sollten wir nicht?«, herrschte sie einer der Zwerge an, offenbar der Kommandant der Truppe.

Man hielt sie offenbar für Schrate. Gronker war das zwergische Wort für diese Sorte Unhold.

»Wir sind keine Schrate! Wir sind Menschen aus Fernwelt«, rief er.

Die Mündung von des Anführers langer Muskete richtete sich ruckartig auf ihn. »Das sagt ihr Kerle doch immer, wenn es euch an den Kragen geht!«, knurrte er. »Dieser Durchgang ist verboten! Niemand darf ihn ohne Erlaubnis des Königs benutzen!«

Veyron hob beschwichtigend die Hände. »Wir sind im Besitz einer Erlaubnis. Wir haben Sie von Schatzkanzler Farin erhalten. Mr. Kevin Uxbridge hat uns persönlich zu diesem Durchgang geführt«, erklärte er.

Der Zwergen-Kommandant schnaubte nur verächtlich. »Und wo ist sie, diese Erlaubnis?«

»Bedauerlicherweise haben wir sie nicht bei uns. Wir mussten fliehen, bevor wir die letzten Modalitäten klären konnten«, sagte Veyron.

Der Musketenlauf senkte sich weit genug, dass Tom nur noch um seine Schienbeine fürchtete. »Einfallsreich seid ihr ja, das muss ich zugeben. Vielleicht seid ihr keine Gronkers, sondern eher Banditen aus dem Räuberimperium von Maresia«, grollte der Zwerg.

Als seine Männer das hörten, knurrten und grollten sie wie zornige Wachhunde und legten die Musketen an. Mit dem Imperium Maresium, dem größten bekannten Menschenreich Elderwelts, standen die Bewohner Talassairs auf Kriegsfuß. Tom wurde abwechselnd heiß und kalt. Es hierher geschafft zu haben, nur um in eine solche Zwickmühle zu geraten, das hatte er bestimmt nicht erwartet.

»Sehen wir aus wie Agenten aus dem Imperium?«, protestierte er. »Schaut unsere Kleidung an. Trägt man solche Sachen in Maresia?«

»Raffinierte Tarnung«, hielt der Kommandant dagegen.

Tom stöhnte entnervt. Dieser Kerl wollte ihnen einfach nicht glauben. Waren sie dem Tod nur knapp entronnen, um jetzt von ein paar paranoiden Zwergen über den Haufen geschossen zu werden? Das durfte doch alles nicht wahr sein!

Der Kommandant schulterte plötzlich sein Gewehr. »Alles nur Spaß«, grölte er und schlug sich mit der Linken klatschend auf den Oberschenkel. Seine fünf Kameraden taten es ihm gleich und begannen laut zu lachen. Auf seinen Wink hin waren sie sofort wieder still. »Wir wollten euch nur ein bisschen erschrecken. Natürlich wurden wir über eure Ankunft informiert und als Geleitschutz abgestellt. Willkommen auf Talassair, Fernweltler! Lieutenant Grom, zu euren Diensten!«

Tom wusste nicht, ob er dem Wicht an die Gurgel gehen oder einfach nur mitprusten sollte. Danny und Hunter schienen ebenfalls verunsichert, während Veyron ein erleichtertes Pfeifen von sich gab.

Schließlich lachte Danny laut auf. »Ihr Kerle habt ja einen fantastischen Humor. Also echt! Der Hammer! Stark!«

Grom schien zufrieden. »Wenigstens einer, der es lustig findet. Menschen nehmen so was normalerweise nicht so gut auf. Schön, dann bringen wir euch mal zum Schatzkanzler. Er erwartet euch bereits, und der König wird auch bald da sein«, sagte er. Mit einer kleinen Trillerpfeife gab er seinen Männern das Signal zum Abrücken. Sie flankierten Tom, Hunter, Danny und Veyron und marschierten im Gleichschritt los.

Die Zwerge führten sie mitten durch die Straßen der Hauptstadt Talassairs. Sie kamen vorbei an prunkvollen Gebäuden, die fast schon Palästen glichen. Die breiten Gehsteige waren allesamt mit Marmor gepflastert und von der Straße durch goldene Leisten abgegrenzt. Hunter und Danny staunten angesichts der Stadt, ihrer Bewohner und Fortbewegungsmittel. Die meisten Menschen, die ihnen begegneten, trugen prachtvolle Gewänder im Rokokostil. Die Herren Mantelröcke mit farblich abgestimmten Ärmelaufschlägen und Rabatten, die Damen weit ausladende Kleider, mit denen sie den halben Gehweg einnahmen – wenn sie denn zu Fuß gingen, was die wenigsten taten. Viel unauffälliger die Zwerge mit ihren schlichten Anzügen, Melonen und Zylindern. Auf den Straßen rollte ein nicht enden wollender Strom uralter Automobile. Die meisten waren kaum mehr als motorisierte Kutschen. Nur hier und da fand sich ein Oldtimer, wie man sie manchmal noch auf Londons Straßen sehen konnte.

»Was ist das für eine Welt?«, wollte Hunter wissen, die ihr Staunen nicht mehr länger zurückhielt.

»Elderwelt. Wir sind in auf der Insel Talassair gelandet, um genau zu sein, dem Reich und Herrschaftsgebiet von König Floyd dem Ersten. Talassair kann sich aufgrund seiner technologischen Überlegenheit eine Gesellschaft leisten, wie es sie auf der Erde kein zweites Mal gibt. Die Moden des 18. und 19. Jahrhunderts gehen hier nahtlos ineinander über. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie eine Dame in viktorianischem Ballkleid sehen, die sich mit einem Zwerg unterhält, welcher der Französischen Revolution entsprungen sein könnte«, erklärte er.

Danny stieß vor Verblüffung einen Pfiff aus. »Also mal ganz ehrlich, ich hatte etwas anderes erwartet. Irgendwas mehr Mittelalterliches oder so«, sagte er.

Veyron musste kurz auflachen, als er das hörte. »Ja, das trifft durchaus auf den Rest Elderwelts zu. Talassair besitzt jedoch mindestens zwei magische Durchgänge in unsere Welt, und dank der Ramer-Stiftung ist Talassair fest mit ihr verbunden. Deshalb verfügt das Reich über technische Mittel, die allen anderen Ländern Elderwelts versagt sind. Nirgendwo sonst werden Sie Flugzeuge, Schiffe, Autos oder Gewehre finden. Talassair ist einzigartig. Wenn Sie Glück haben, lernen Sie noch andere Ecken Elderwelts kennen, wo Sie dann einen Vergleich ziehen können, Mr. Darrow.«

»Aber wenn der König von Talassair Verbindungen in unsere Welt unterhält, warum importiert man nicht gleich unsere ganze Technologie hierher?«, hakte Hunter nach.

»Oh, das tut der König durchaus. Allerdings im privaten Rahmen, in seinen Palästen zum Beispiel. Die ganze Gesellschaft Talassairs ist ein Kunstprodukt, bezahlt, importiert und kontrolliert vom Königshof, nach dem Geschmack und den Vorlieben seiner Herrscher, nicht nach Sinn oder Notwendigkeit. Zudem gibt es strenge Verträge mit den Simanui, jenem Zaubererorden, dem der Schutz Elderwelts obliegt. Die Anwendung allzu moderner Technologie ist untersagt. Talassair darf seine, ich sage mal ›futuristischen‹ Waffen, allein zur Verteidigung einsetzen«, erklärte Veyron.

Der Weg führte ihre kleine Truppe zum Hafen, wo die großen Schiffe Talassairs ankerten. Sie kamen gerade auf eine Anhöhe, von wo aus sie einen Überblick über das Hafenbecken hatten. Danny und Hunter blieben stehen, um den Anblick auf sich wirken zu lassen. Tom wusste genau, was sie empfanden: Sie mussten erst verstehen, was genau sie da sahen.

Der Hafen war durch einen hohen und von bewaffneten Zwergen bewachten Zaun in zwei Bereiche getrennt. Im östlichen Teil ankerten Handelsschiffe aus fremden Ländern. Monoren, Biremen und Triremen aus Maresia und Achaion, bauchige Handelskoggen aus Tewensiniel und Caralantion und viele andere Typen hölzerner Segelschiffe längst vergangener Zeit. Menschen aus allen Teilen Elderwelt entluden hier ihre Waren – Stoffe, Erze und Lebensmittel. Vor dem Rückweg in ihre Heimat nahmen sie Kisten und Fässer aus Talassair an Bord, alles gewissenhaft dokumentiert von zwergischen Aufsehern. Talassair wachte streng über seine Technologien und unternahm alle erdenklichen Anstrengungen, um Neugierige oder Spione fernzuhalten. Sämtliche Gebäude in jenem Teil des Hafens waren von einfacher, altertümlicher Bauart, oft aus Holz und ohne technischen Schnickschnack wie etwa elektrische Lampen.

Auf der westlichen Seite des Hafens lag die Handelsflotte Talassairs vertäut. Hier fand sich alles, von der Brigantine bis zur Galeone, vom gewaltigen Linienschiff mit drei Kanonendecks bis zu den eleganten und schnellen Klippern und Windjammern des späten 19. Jahrhunderts. Der Kontrast hätte gar nicht größer ausfallen können. Und inmitten des schier unübersichtlichen Waldes aus Masten, Tauen und Takelage lagen die Dampfschiffe Talassairs, die Privatflotte des Königs, zugleich wichtigste Abschreckung gegen Piraten und Invasoren. Sie umfasste zahlreiche Frachter, Tanker und nicht zuletzt ein Dutzend altertümlich anmutender Kriegsschiffe aus Eisen.

»Ich werd irre«, meinte Danny beeindruckt.

Hunter lachte höhnisch auf, als sie das hörte. »Werden ist der falsche Ausdruck«, murmelte sie bissig.

Danny schenkte ihr einen forschenden Blick. »Sagt mir eine zukünftige Schreibkraft«, erwiderte er. Hunter warf ihm einen giftigen Blick zu, der Danny nur umso breiter grinsen ließ.

»Hey, ihr zwei! Da wird nicht rumgestanden, klar? Der Schatzkanzler hat es eilig«, belferte Lieutenant Grom.

Wenn Blicke töten könnten … Trotzdem hörten die beiden auf zu zanken und liefen weiter. Die Zwerge brachten sie zu einem kleinen Schlösschen, das auf einer mit Hecken und Ziersträuchern begrünten Hügelkuppe über dem Hafen thronte. Im Balkonzimmer wurden sie von Schatzkanzler Farin, dem zweitmächtigsten Mann Talassairs, erwartet. Wie alle Zwerge war er kurz gewachsen und von stämmiger Statur, doch anders als die meisten seiner Art war er glatt rasiert, wodurch sein breites Gesicht und das eckige Kinn noch mehr hervortraten. Sein schlohweißes Haar trug er kurz. Im Zusammenspiel mit der schlichten, fast schon modern wirkenden Kleidung könnte er in London als kleinwüchsiger Geschäftsmann durchgehen.

Als seine Besucher eintrafen, warf er einen Blick auf seine goldene Taschenuhr. »So, so! Meister Veyron Swift, der junge Tom Packard und die beiden Begleiter: Mister Danny Darrow und Miss Gwendolyn Irene Hunter«, brummelte er ungehalten.

Hunter zuckte kurz zusammen, als der Zwerg ihren vollen Namen nannte, was Farin zu einem listigen Lächeln veranlasste. »Ich weiß gern genau, wen mir der MI-6 nach Elderwelt schickt«, erläuterte er. »Ihr habt ein wenig lange gebraucht.«

»Sorry, aber wir kamen aus dem Staunen nicht mehr raus«, entschuldigte sich Danny.

Farin nahm es mit einem knappen Nicken zur Kenntnis. Anschließend wandte er sich an Veyron, ohne den Rest ihrer Gruppe weiter zu beachten. »Berichtet, was Euch erneut nach Talassair führt, Meister Swift. Das letzte Mal habt Ihr ein ziemliches Chaos hinterlassen«, verlangte der Zwerg.

»Das Chaos haben Eure eigenen Leute hinterlassen, Schatzkanzler. Aber die Sache ist ja nun schon seit fast zwei Jahren ausgestanden. Was mich hierher führt, sind Angelegenheiten, auf die ich in London gestoßen bin. Tatsächlich geht es um das Horn des Triton«, erwiderte Veyron ungerührt. Er berichtete von den Ereignissen, die sie nach Elderwelt geführt hatten. Gemäß seinen eigenen Ansprüchen ließ er kein nennenswertes Detail aus, sodass die Schilderung sich eine Weile hinzog. Farin hörte sich alles an, von Dannys Auftrag über den Besuch beim MI-6. Tom bemerkte, dass der Kanzler längst nicht so ruhig war, wie er wohl wirken wollte. Das zeigte sich vor allem, als Veyron zum fatalen Angriff des Schattenkönigs und seiner Vampir-Attentäter kam, doch unterbrach Farin ihn erst, als er über die Ereignisse in der Ramer-Stiftung hörte.

»Der Schlüssel zum Lift …« Seiner Stimme waren Unruhe und Sorge anzumerken. »Er ist doch nicht etwa in die Hände des Schattenkönigs gefallen, oder?«

Tom war schockiert, wie gleichgültig dem Schatzkanzler das Schicksal des armen Kevin Uxbridge zu sein schien. Immerhin war der Mann ein treuer Diener Königs Floyds und glühender Verehrer Talassairs. Ein wenig mehr Loyalität und Anteilnahme hätte er durchaus verdient.

»Nein. Den hatte Mr. Uxbridge an sich genommen. Er ist ihm aus der Hand gefallen, als er auf den Unhold losgegangen ist. Ich habe ihn aufgehoben«, erklärte Danny, zog den kleinen, goldenen Schlüssel aus der Hosentasche und legte ihn Farin in die gierig ausgestreckte Hand.

»Der Altzwerg sei gepriesen! Damit ist der Zugang zu Talassair geschützt. Leider lässt sich der Lift auch ohne Schlüssel zurück nach oben fahren; lediglich der Halt am Tunnel muss entsperrt werden«, sagte Farin und steckte den Schlüssel weg.

»Schade. Sonst wäre der Schattenkönig unterirdisch gefangen. Ich hätte nicht darauf hoffen dürfen«, sagte Veyron.

Der Kanzler verkündete: »Ich lasse sogleich einen Trupp nach Fernwelt reisen und nach Mr. Uxbridge sehen. Er ist einer unserer treuesten Mitarbeiter, und das soll belohnt werden – falls er den Angriff des Schattenkönigs überlebt hat.«

Tom fragte sich, ob Farin seinen vorwurfsvollen Blick bemerkt hatte oder das auch so gesagt hätte. Jedenfalls war er etwas mit dem Zwerg versöhnt.

Hunter rieb sich die Arme, als ließe allein der Gedanke an den Schattenkönig sie frösteln, und wandte sich an Farin. »Kann dieser Dämon denn nicht durch dasselbe Tor wie wir hierher gelangen? Ihre Männer sollten auf der Hut sein.«

Der Kanzler bellte ein Lachen. »Junge Dame, ich versichere Euch, dass dies unmöglich ist. Durch die Tore der Illauri vermag nur derjenige zu reisen, der sich im Besitz eines Erlaubnissteins besitzt. Der Zauber, der auf diesen Durchgängen liegt, lässt sich weder täuschen noch umgehen. Ein Erlaubnisstein kann nur von der Person benutzt werden, der er anvertraut wurde. Es würde diesem Schurken also nicht einmal helfen, einen zu stehlen«, versicherte er ihr.

»Und wie kamen wir dann hindurch? Mr. Uxbridge hat uns keinen Erlaubnisstein gegeben«, hielt sie dagegen.

»Brauchte er auch nicht. Wir besitzen bereits einen. Tom hat ihn in seinem Geldbeutel«, mischte sich Veyron ein.

Alle mit Ausnahme Veyrons warfen Tom einen überraschten Blick zu, den er nur ratlos erwidern konnte. Dann dämmerte es ihm, und er klatschte sich die Hand an die Stirn. »Oh Mann! Königin Girian hat ihn mir nach unserem ersten Abenteuer in Elderwelt geschenkt. Ich hab ihn ja immer bei mir. Wie konnte ich das nur vergessen? Na, angesichts dieses Schattenmonsters auch kein Wunder, oder?«, rief er aus und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche. Er öffnete es und holte einen kleinen, blauen Kieselstein heraus.

Farin trat näher und bat darum, sich den Stein genauer ansehen zu dürfen. Tom hatte nichts dagegen.

Der Zwerg hielt ihn gegen das Licht und rief aus: »Tatsächlich, ein Fluss-Beryll Fabrillians. Eine wahre Kostbarkeit, die Ihr da in Eurer Hosentasche herumtragt, Meister Packard. Ihr müsst bei der Elbenkönigin in hoher Gunst stehen, wenn sie solche Geschenke macht. Hier, da habt Ihr ihn wieder. Verwahrt ihn gut! Er ist mehr wert als halb London, das versichere ich Euch«, sagte Farin und gab ihm den Kiesel zurück.

Mit ganz neuer Ehrfurcht steckte Tom ihn zurück in seinen Geldbeutel. Die Vorstellung vom Wert dieses winzigen Stücks Steins sprengte den Rahmen seiner Fantasie. Auf einmal wurde ihm heiß und kalt zur gleichen Zeit.

Farin lachte, als er seine Reaktion bemerkte, sowie die großen Augen, die Danny und Hunter machten.

Einzig Veyron schien diese Enthüllung vollkommen kalt zu lassen. »Schatzkanzler, wir sind hier, um das Horn des Triton aufzuspüren, und zwar, bevor das dem Schattenkönig gelingt. Ich bin sicher, dass dieser Schurke auf der richtigen Spur ist und uns allein deshalb so hart attackiert hat. Er will um jeden Preis verhindern, dass wir seine Absichten durchkreuzen. Das Horn könnte, wenn es in die falschen Hände gelangte, unermesslichen Schaden anrichten. Aus diesem Grund müssen wir es vor dem Schattenkönig und seinen Handlangern finden. Ich wäre Euch also sehr verbunden, wenn Ihr uns ein weiteres Mal die Silberschwan zur Verfügung stellen würdet. Dieses Flugschiff hat sich bei unseren letzten Abenteuern als ungemein nützlich erwiesen«, bat er den Zwerg.

Doch Farin schüttelte sofort den Kopf. »Das ist unmöglich. Der König ist mit der Silberschwan zu einem Treffen der Simanui geflogen. Wir erwarten ihn zwar heute Nachmittag zurück, doch danach braucht das Flugschiff erst einmal eine Wartung und muss aufgetankt werden«, lehnte er Veyrons Ersuchen ab.

In Tom regte sich Protest. Nach allem, was sie inzwischen für das Wohl Elderwelts getan hatten, durfte sie Farin nicht einfach so abkanzeln.

Doch bevor er seinem Unmut Luft machen konnte, fuhr Farin fort: »Aber ich kann Euch etwas anderes anbieten, und vielleicht können wir uns auf diese Weise gegenseitig helfen. Eine andere Mitfahrgelegenheit nämlich. Wir haben uns dazu entschlossen, das alte Projekt der Binnenmeer-Allianz wiederzubeleben. Palast Nr. 4 wurde speziell zu diesem Zweck in der Werft wieder seetüchtig gemacht. Ein ganzes Jahr haben die Vorbereitungsarbeiten gedauert, jetzt können wir endlich loslegen.«

Veyron hob interessiert die Augenbrauen, und auch Toms Neugierde war geweckt.

»Bitte erklärt das etwas näher, Schatzkanzler«, sagte Veyron.

Farin nickte und deutete auf die freien Stühle im Balkonzimmer. Er wartete, bis alle Platz genommen hatten, dann schloss er noch schnell die Balkontüren. Offenbar fürchtete er unerwünschte Lauscher. Tom fiel ein, dass Veyron unter Vögeln und Ratten Spione des Schattenkönigs vermutete, und so war das vielleicht gar keine so dumme Maßnahme.

»Im Jahr 1931 hatte die Piratenaktivität auf dem Binnenmeer Elderwelts zugenommen. Das Piratenvolk, müsst Ihr wissen, neigt zu tollkühnen Unternehmungen, und diese Halunken zögern nicht, mit ihren Booten selbst die größeren und schwerer bewaffneten Schiffe Talassairs anzugreifen. Sie störten nicht nur den Handel, sondern plünderten und brandschatzten zudem Hafenstädte an allen Küsten, wenn auch nicht unseren. Auch wenn Talassair noch nicht die Stärke von heute besaß, wäre es dem Gesindel doch technisch überlegen gewesen. Aber sie wussten, dass es Talassair aufgrund des Vertrages mit den Simanui verboten ist, seine überlegene Technologie im Krieg einzusetzen – außer im Verteidigungsfall, und den provozierten sie nie. Daher brauchten wir eine andere Strategie.

Unser König Julian kam auf die Idee der Binnenmeer-Allianz, in der sich die Küstenländer zu einem Verteidigungsbund zusammenschließen und gemeinsam gegen das Piratenvolk vorgehen sollten. Julian schickte seinen jüngsten Sohn, Prinz Francis, mit einem schnellen Dampfer aus, um bei den Küstenstaaten für die Allianz zu werben. Doch dann kam es zu einer Katastrophe. Das Schiff sank mit Mann und Maus. Niemand überlebte. Zusammen mit Prinz Francis starb auch die Idee der Binnenmeer-Allianz.

Durch das Eingreifen Maresias flaute das Piratenproblem ab – bis vor etwa drei Jahren. Seither ist kaum eine Schifffahrtsroute vor Überfällen sicher. Das Imperium Maresium, lange Zeit ein Garant für Frieden auf dem Meer, hat in jüngster Zeit mehr mit sich selbst zu tun. In den Ländern südlich der Piratenküste sind Rebellionen ausgebrochen. Dem Imperium Maresium gegenüber treue Fürsten wurden gestürzt, Bürgerkriege legten die Zentralgewalt dieser Länder in Schutt und Asche. Es gibt also niemanden mehr, der die Piraten vom Hinterland aus in Schach halten kann. Erneut hat sich Gesindel in Scharen an der Piratenküste angesiedelt und die alten Verstecke wieder aufgebaut. Der Abschaum Elderwelts nistet sich erneut an den unzähligen Fjorden der zerklüfteten Küste ein. Es ist schier unmöglich, sie dort zu belagern oder ihnen die Zufahrt zum Meer zu versperren, nicht einmal mit tausend Schiffen wäre das zu schaffen. Es gibt ungezählte Fluchtwege und geheime Kanäle, die hinein- und hinausführen. Das Imperium ist machtlos, und die Piraten werden immer frecher. Inzwischen haben sie sogar wahrhaftige Flotten aufgestellt, gegen die einzelne Patrouillenschiffe Maresias nichts mehr ausrichten können. Nicht wenige ihrer Besatzungen schlossen sich deshalb lieber den Piraten an, als auf verlorenem Posten zu kämpfen. Wir hören auch von Meutereien, in denen sich Mannschaft und Sklaven gegen ihre Kommandanten erheben. Geenterte Schiffe werden in die Piratenflotte integriert und die gefangenen Besatzungen entweder versklavt oder selbst zum Piratentum gezwungen. Es winkt reiche Beute. Viele der neuen Piratenfürsten schwimmen in Gold und Edelsteinen und können immer mehr Söldner und Abenteurer anheuern. Die Piraten sind dabei, eine neue Macht zu werden. Sie plündern, brandschatzen und erpressen, wo sie nur können; Lösegelder fließen in unvorstellbaren Summen. Inzwischen ist der ganze Seehandel auf dem Binnenmeer in Gefahr. Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, sind es künftig die Piraten, welche die Handelsrouten auf dem Binnenmeer kontrollieren, nicht mehr das Imperium oder wir.

Leider sind diese Banditen schlau genug, sich nicht zu nahe an unsere Küsten heranzuwagen, sodass wir unsere Flotte nicht einsetzen dürfen. Seit Taracil Großmeister der Simanui ist, werden die alten Verträge besonders streng ausgelegt. Aus dem Grund habe ich den König überredet, persönlich bei dem Zaubererorden vorstellig zu werden. Er soll für unser Vorhaben werben und zugleich ein paar Lockerungen des Vertrags erreichen. Wir müssen jetzt aktiv werden. Es steht fünf vor zwölf, was die Piratengefahr betrifft«, erzählte Farin.

Veyron nickte, als hätte er soeben eine Bestätigung erhalten. »Das ist das Werk des Schattenkönigs. Erst hat er die Staaten geschwächt, die den Piraten unmittelbar gefährlich werden könnten, wohl wissend, dass der Einfluss des Imperiums auf sie zu gering war, als dass es etwas dagegen hätte unternehmen können. Und nun braucht er das Horn des Triton, um die Gefahr, die Talassair für seine Pläne darstellt, auszuschalten. Das ist der Grund, warum er gerade jetzt danach suchen lässt.«

Farin nickte ernst. »Absolut möglich. Mit dem Horn des Triton könnte der Schattenkönig die Gezeiten kontrollieren, Stürme heraufbeschwören oder Küstenregionen mit riesigen Flutwellen vernichten. Er könnte jedes nicht unter seiner Kontrolle stehende Schiff versenken, während er für seine Schiffe beste Bedingungen schafft.«

Ein paar Augenblicke herrschte ratloses Schweigen im Balkonzimmer. Schließlich war es Danny, der aufsprang und mit der Faust in die offene Hand schlug. »Dann legen wir besser gleich los! Ich würde sagen, wir gehen sofort zu Ihrem schwimmenden Palast und machen uns auf die Socken. Je eher wir diesem schattenhaften Strauchdieb das Handwerk legen, umso besser«, entschied er.

Farin wirkte ob der Einsatzfreude seines Besuchers hoch erfreut. »Aber natürlich«, sagte er. »Sehen wir uns den Palast einmal an. Sowie der König eintrifft, legen wir ab und sind auf Mission. Ihr, Meister Swift, und Eure tapferen Begleiter seid allesamt eingeladen.«

Dann nahm der Schatzkanzler ein kleines Glöckchen und bimmelte ein paar Mal. Die Türen zum Balkonzimmer wurden geöffnet, und zwei menschliche Diener erschienen und verbeugten sich kurz.

»Lasst den Rolls Royce vorfahren. Wir statten Palast Nr. 4 einen Besuch ab«, verkündete Farin, worauf sich die beiden Diener sofort wieder zurückzogen.

Tom rieb sich unwillkürlich die Hände. Sie waren mittendrin in einem neuen Abenteuer! Und sie hatten mit Talassair den mächtigsten Verbündeten an der Seite, den sie in Elderwelt finden konnten.

Mit zwei großen, fabrikneuen Rolls Royce Phantom ging es hinunter zum Hafengelände. Schließlich kamen sie bei Dock Nr. 4 an, dem größten auf ganz Talassair. Dort herrschte reger Betrieb. Von den Ladeflächen altertümlicher Laster wurden Fässer und Kisten gehievt; Menschen und Zwerge transportierten diese mittels Kränen und Förderbändern weiter. Eine Menge an Schaulustigen hatte sich hinter einem weißen Absperrzaun versammelt. Sie schossen Erinnerungsfotos oder starrten fasziniert auf Palast Nr. 4. Tom erging es nicht anders. Schon auf der Fahrt hatte er hin und wieder einen Blick erhaschen und kaum fassen können, was sich seinen Augen bot. Danny und Hunter erging es nicht anders, nur Veyron blieb völlig unbewegt.

An der Hafenmauer lag ein riesiges Schiff. Sein Rumpf mochte von Bug bis Heck um die 300 Meter messen. Der steile, schmale Bug ragte fast senkrecht aus dem Wasser und machte den Eindruck, als könnte er die Wogen regelrecht zerschneiden. Das Heck lief dagegen flach aus und besaß einen großen, abgerundeten Überhang, der ihm ein fast balkonartiges Aussehen verlieh. An Bug und Heck ragten hölzerne, getakelte Masten schräg in den Himmel, als hätten sie sich der Gewalt des Fahrtwinds gebeugt. Die schneeweiß gestrichenen Deckaufbauten wurden von vier beigefarbenen Kaminen gekrönt, von denen die vorderen drei Dampf ausstießen. Der Rumpf war komplett in Schwarz gehalten, mit einem schmalen, goldfarbenen Band als oberem Abschluss.

»Das … das … das ist die Titanic«, entfuhr es Tom. »Floyd hat die Titanic nachbauen lassen?«

Hunter neben ihm stieß ein lautes Kichern aus. Danny pfiff leise durch die Zähne. »Da können unsere Multimilliardäre und Ölscheichs mit ihren Nussschalen nicht mithalten. Das nenn ich mal ’ne Luxusjacht! Die Titanic, das ist ja stark, echt stark! Nein, wirklich: absoluter Wahnsinn!«, rief er.

Veyron schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ich muss eure Euphorie etwas bremsen. Werft einen Blick auf den Bug. Da steht ganz deutlich Olympic drauf. Das ist nicht die Titanic, sondern ihr Schwesterschiff«, widersprach er vollkommen ungerührt von dem Anblick.

Falls diese Korrektur sie auf den Teppich zurückbringen sollte, so erwies sich das als Fehlschlag. Tom staunte nur noch mehr. »Sie meinen, das ist gar kein Nachbau, sondern das Original. Das echte, wirkliche Schwesterschiff der Titanic?«

Veyron blickte so irritiert drein, als vermutete er irgendeine Falle hinter Toms Frage. »Das habe ich doch eben gesagt, nicht wahr? Du weißt doch, dass die Ramer-Könige seit jeher Schiffe, Panzer und Flugzeuge aus unserer Welt kaufen, die eigentlich verschrottet werden sollen«, erklärte er halblaut.

Farin neben ihm gluckste. »Genau so ist es. Das ist die echte RMS Olympic. Als sie 1939 in Inverkeithing abgewrackt worden ist, hat König Spencer die Einzelteile gekauft und hier auf Talassair wieder zusammensetzen lassen. Das hat ganze drei Jahre gedauert, und seitdem dient sie den Königen als Sommerpalast. Heute werden die Kessel zum ersten Mal seit siebzig Jahren wieder befeuert. Und sie laufen hervorragend. Kommt, wir gehen an Bord!«, sagte er und führte seine Besucher durch die Menschenmenge.

Man ließ sie durch die hölzerne Absperrung und wies sie an, zu einem hohen, gemauerten Turm zu gehen. Er reichte bis zur Hauptschleuse des D-Decks auf der Steuerbordflanke der Olympic, wo eine ausfahrbare Rampe Turm und Schiff miteinander verband. Im Gewusel des Docks fielen Tom bisweilen Zwerge und Menschen in vornehmen Gewändern auf. Ob die wohl ebenfalls an Bord des schwimmenden Palastes gehen wollten? »Wer sind die?«, fragte er Farin und deutete auf einen Zwerg in schillerndem Samtrock.

»Die Elite von Talassair, mein Junge. Die reichsten Menschen und Zwerge der ganzen Insel: Stahlmagnaten, Industrielle und Kaufleute. Dazu kommen berühmte Künstler und Millionäre, die sich des Königs Freunde nennen und zum erlesenen Kreis seines Hofstaats gehören. Alles in allem zwanzig Personen, bei Weitem weniger als sonst«, erklärte er.

Sie waren beim Turm angelangt, und Tom trat hinter Hunter durch die Tür. Innen befand sich nichts als eine Wendeltreppe, die bis zur Rampe führte. Tom erklomm Stufe um Stufe, bis ihm leicht schwindlig wurde.

Oben standen zwei mit Musketen bewaffnete Zwerge, die sie grimmig anschauten. »Die da«, brummte der eine und zeigte auf Tom, Hunter und Danny, »gehören weder zum Dienstpersonal noch zur Besatzung. Wer sind diese Personen, und was wünschen sie an Bord von Palast Nr. 4?«

Farin stemmte empört die Fäuste in die Hüften. »Freunde des Königs, du Maulwurf! Glaubst du etwa, der Schatzkanzler bringt irgendwelche unerwünschten Personen mit? Nun tretet zur Seite und lasst uns an Bord gehen!«, blaffte er die Wachen an.

Die beiden salutierten und traten dann zur Seite – sichtlich widerwillig. »Wir dienen allein dem König und nicht seinen Hofschranzen«, brummte der eine, worauf ihm Farin einen giftigen Blick zuwarf.

Als sie an den Wachen vorbeimarschiert waren und die Rampe betraten, erklärte Farin mit hörbarer Verlegenheit: »Ihr müsst die beiden entschuldigen. Sie gehören zur Leibwache des Königs, und die nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Die Männer fühlen sich niemand anderem verpflichtet als den Königen der Ramer-Dynastie.«

»Eine gute Wahl. Ein Zwerg kann weder bestochen noch durch Gewalt oder Drogen korrumpiert werden«, erkannte Veyron und wandte sich an Hunter und Danny. »Darum bildet das Volk der Zwerge auch das Gros der Ingenieure und Wachen auf der Insel. Sie sind die Geheimnisbewahrer, die dafür sorgen, dass Talassairs Technologie auf Elderwelt keine Verbreitung erfährt.«

Doch Hunter hörte ihm offenbar gar nicht zu. Zögerlich, Schritt für Schritt, näherte sie sich der Reling der Olympic, ungläubig staunend.

Danny, der neben ihr ging, begann breit zu grinsen. »Ja, da werden Mädchenträume wieder lebendig, was? Und ich dachte schon, man hätte dich aus einem Block Eis herausgemeißelt«, meinte er mit einer deutlichen Spur Sarkasmus in der Stimme.

Hunters Miene verschloss sich augenblicklich. Ohne Kommentar boxte sie sich an Danny vorbei und beeilte sich, an Bord zu gelangen.

Danny biss sich verärgert auf die Lippe. »Ach Mist«, grummelte er. »Das war wohl ein Wort zu viel.«

Im Empfangsraum der Olympic glaubte Tom, dass er heute aus dem Staunen nicht mehr herauskommen würde. Sämtliche Wände und die Decken waren mit edlem Holz vertäfelt. Von hinten angestrahlte Milchglasornamente spendeten weiches Licht. Glitzernde Lüster hingen von der Decke, dicke Teppiche dämpften die Schritte auf dem Boden, und die Wartestühle waren aus Edelholz, bezogen mit sanft schimmernden Seidenbezügen.

Links und rechts des Eingangs hatte ein Teil der Mannschaft Aufstellung genommen. Ein blau uniformierter Matrose blies eine kleine Seemannspfeife.

»Der Schatzkanzler ist an Deck!«, rief ein menschlicher Offizier mit Schirmmütze und drei goldenen Streifen an den Ärmeln.

Die angetretenen Matrosen, Offiziere und weiß uniformierten Stewards nahmen augenblicklich Haltung an.

»Rühren«, sagte Farin, und die Männer und Frauen entspannten sich. »Commander McMaster, wo finde ich den Kapitän?«, fragte Farin einen der Offiziere.

Der Angesprochene sagte zackig: »Auf der Kommandobrücke, Schatzkanzler. Wir bereiten das Auslaufen vor.« McMaster machte mit seinem sauber gestutzten Schnurrbart, dem geölten Scheitel und der passgenauen Uniform einen sehr professionellen, fast schon arroganten Eindruck.

Wir laufen aus?« Farin kniff die Augen zusammen. »Wer hat das angeordnet?«

»Der König selbst, Schatzkanzler. Er befindet sich auf direktem Wege hierher. So lautete seine letzte Order.«

Farin atmete tief durch. »Bringt uns auf dem schnellsten Weg zur Kommandobrücke, McMaster!«, ordnete er an.

Tom, Veyron, Danny und Hunter folgten ihnen kurzerhand.

Über das Große Treppenhaus, eine wahre Prachteinrichtung mit weißen Bodenfliesen, Holzvertäfelungen an den Wänden und einem Geländer aus feinstem filigranem Messingzierrat, erreichten sie das Bootsdeck, das, wie Commander McMaster erklärte, den Offizieren und der Mannschaft vorbehalten war. Er führte sie an Reihen großer, weißer Rettungsboote vorbei Richtung Bug, bis sie bei der Kommandobrücke angekommen waren. Tom sah sich mit Begeisterung die Kompasssäule und die zahlreichen Maschinentelegrafen aus glänzendem Messing an. Und erst das große, hölzerne Steuerrad! Im Raum befanden sich der Kapitän und einige Offiziere. Jeweils einige der Männer standen an den beiden Brückennocks und beobachteten das Verladen der Güter und Gerätschaften, die auf dieser Reise mitgenommen werden sollten.

»Captain Haddock«, rief Farin den Kommandanten der Olympic an.

Ein Mann von beeindruckender Größe und Statur drehte sich herum. Obwohl der Älteste der Offiziere im Raum, sah man ihm die schiere Kraft seiner dicken Muskelpakete unter der schneeweißen Uniform sofort an. Ebenso beeindruckend war sein Schnauzer, der in einen breiten, gepflegten Backenbart überging. »Schatzkanzler«, brummte er mit einem kurzen Nicken, dann trat er zu Hunter und deutete mit einer zackigen Verbeugung einen Handkuss an. »Ma’am … Captain James Haddock, zu Ihren Diensten. Willkommen an Bord der Olympic, Palast Nr. 4 und Flaggschiff der königlichen Handelsflotte von Talassair.«

Farin schnitt eine etwas beleidigte Grimasse, als fühlte er sich durch die knappe Begrüßung übergangen oder gering geschätzt. Gerade wollte er zu einer Erwiderung ansetzen, als ihn Haddocks tiefe Stimme auch schon wieder abwürgte. »Darf ich Ihnen meine Crew vorstellen? Mein Chefoffizier, Commander Tengli …«

Ein grauhaariger Zwerg, dessen Kopfhaar nahtlos in seinen sorgfältig gestutzten Bart überging, trat vor und verbeugte sich tief. »Zu Diensten«, sagte er und schwenkte in ausladender Geste seine Schirmmütze, die er sich danach unter den Arm klemmte.

Haddock fuhr fort: »Meinen Ersten Offizier, Mr. William McMaster kennen Sie bereits. Das da drüben ist mein Zweiter Offizier, Lieutenant-Commander Maim …« Ein junger Zwerg mit schwarzem Bart zog respektvoll seine Schirmmütze. »Die Lieutenants John Hervert und Berti Boxminster, Dritter und Vierter Offizier.«

Die angesprochenen Männer traten vor und deuteten eine höfliche Verbeugung an. Beide waren noch sehr jung, höchstens zehn Jahre älter als Tom.

Farin holte tief Luft und beeilte sich, die Gesprächspause des Kapitäns zu nutzen. »Entschuldigt meine Unhöflichkeit, Kapitän«, sagte er mit diplomatischer Freundlichkeit. »Ich hörte, Ihr habt den Auslaufbefehl gegeben?«

»Ganz recht. Der König hat es vorhin angeordnet«, erwiderte Haddock und reichte Farin einen kleinen Zettel, auf dem eine Reihe von Worten geschrieben stand. Ungläubig las sich der neben dem Hünen von Kapitän noch kleiner wirkende Schatzkanzler die Nachricht durch.

Derweil trat ein Matrose an Captain Haddock heran und überreichte ihm einen weiteren Zettel. »Das kam soeben aus dem Funkraum. Der König befindet sich im Landeanflug. Er will an Deck landen, aber … aber das geht doch gar nicht«, stammelte der junge Mann.

Haddock trat aus dem Brückenhaus in die Nock und suchte den Himmel ab. Nirgendwo war ein Flugzeug zu erkennen, schon gar kein chromsilbernes Flugschiff mit den Ausmaßen einer Luxusjacht.

»Aufs Achterdeck, da haben wir eine bessere Sicht über die Lagune. Nehmen Sie das tragbare Funkgerät mit, Matrose. Mal sehen, ob sich unser Souverän einen Scherz erlaubt. Tengli, die Brücke gehört Ihnen«, entschied Haddock.

Sofort machten er und McMaster sich auf den Weg nach achtern. Veyron, Farin, Tom, Danny und Hunter folgten ihnen unaufgefordert über das Bootsdeck, an den Rettungsbooten vorbei und in die Deckaufbauten treppauf, treppab und durch eine verwirrende Zahl von Gängen zum Achterdeck.

In der Luft konnten sie jetzt schon das typische tiefe Brummen eines sich im Anflug befindlichen Flugzeugs vernehmen. Doch Tom kam das Geräusch heller und auch weniger laut vor, als er es von der Silberschwan gewohnt war. Die wurde immerhin von zwölf Propellermotoren angetrieben, die einen schier infernalischen Lärm verursachten.

»Das ist nicht die Silberschwan«, behauptete er.

Haddock eilte die Leiter der Dockbrücke hinauf, die sich quer über das Achterschiff spannte und im wahrsten Sinne des Wortes einer Brücke glich. In der Mitte standen ein Steuerrad sowie einige in Messing gefasste Steuergeräte. Wie die anderen schaute Tom sich nach allen Seiten um, in der Hoffnung, das Flugzeug am Himmel zu entdecken.

Veyron war der schnellste von ihnen. »Da, von Nordwesten kommend, auf elf Uhr, tief über dem Wasser«, sagte er und deutete in die entsprechende Richtung. Alle drehten sich um und reckten die Köpfe, um etwas sehen zu können.

»Das ist kein Flugzeug«, erkannte Danny. In seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Staunen, aber auch Verunsicherung mit.

Ein Ungeheuer wie aus einer anderen Welt jagte mit irrsinniger Geschwindigkeit über die Wellen. Ein gigantisches Insekt, von den vorstehenden Augen bis zum Stachel in etwa so lang wie ein alter Cadillac.

»Eine Giganthornisse«, rief Tom entgeistert. »Ich wusste gar nicht, dass es noch welche gibt!«

»Natürlich«, rief Veyron. »Wir hatten die überlebenden Exemplare damals dem Orden der Simanui überantwortet. Schön zu sehen, dass die Zauberer den Wert dieser Monster erkannt haben. Sieh nur, wie schön der schwarzgelbe Hinterleib glänzt; das Tier wird gut gepflegt.«

Die lastwagengroße Hornisse rauschte heran, stieg etwas höher und sauste mit lautem Brummen über die ersten Hafengebäude hinweg. Jetzt konnte Tom auch erkennen, dass unmittelbar hinter dem braunen Kopf zwischen den vier riesigen Flügelpaaren zwei menschliche Gestalten saßen, die vordere groß und hager, die hintere klein und gedrungen. In den Straßen der Stadt wurden panische Angstschreie laut. Tom sah die Hafenarbeiter alles stehen und liegen lassen und die Flucht ergreifen.

»Heiliges Kanonenrohr!«, schnappte Captain Haddock. »Ist das etwa König Floyd, der da auf diesem Monster sitzt? Was macht er denn da?«

»Er jagt seinen Untertanen einen gehörigen Schrecken ein, Sir«, kommentierte Commander McMaster das Offensichtliche.

Die Giganthornisse beschrieb eine Kurve und tauchte gleich noch einmal in die Straßenschluchten von Talassairs Hauptstadt ein. Reifen quietschten, es knallte und schepperte. Hier und da schrillten Polizeipfeifen, auf den Türmen sprangen heulende Alarmsirenen an.

»Nicht schon wieder«, seufzte Tom. »Gleich rücken die Panzer aus, und dann geht’s hier richtig rund. Jemand muss Floyd zur Vernunft bringen!«

»Zu spät«, rief Haddock.

Unten in den Straßen und auf den Docks am Hafen sammelten sich bereits mit Musketen bewaffnete Zwerge. Hervorragend gedrillt, bildeten sie eine geschlossene Gefechtslinie und legten auf Befehl gleichzeitig ihre Gewehre an. Jemand bellte: »Feuer!«, und sie drückten den Abzug durch. Paff, paff, paff! Pulverwolken stoben auf. Die Hornisse raste über ihre Köpfe hinweg.

»He! Die schießen ja auf uns«, drang König Floyds Stimme aus dem tragbaren Funkgerät des Matrosen, der soeben schnaufend herbeigeeilt kam.

»Sir, der König … konnte nicht eher … Bitte um Verzeihung, Sir!«

Haddock riss ihm das Gerät aus den Händen und brüllte: »Majestät, hier spricht Captain Haddock. Können Sie mich hören?«

»Warum schießen die auf mich? Sehe ich etwa aus wie ein Schrat? Ich bin’s doch nur, euer König!«, erklang Floyds Stimme.

Das Pfeifen von Querschlägern übersteuerte für einen Moment die Lautsprecher des Funkgeräts. McMaster und Farin waren aus Sorge um ihren Souverän leichenblass, Haddock schüttelte dagegen nur den Kopf.

Eine andere Stimme drang aus dem Funkgerät. »Bringt unsere Hintern endlich raus aufs Meer, verdammt!« Es war die brummige Stimme von Zwerg Toink, Chefmechaniker des Flugschiffs Silberschwan.

»Wie redest du denn mit deinem König?«, beschwerte sich Floyd.

»Ich schmeiß meinen König gleich nach unten, wenn er uns nicht endlich aus der Schusslinie bringt! Lasst mich ans Steuer, sofort!«, antwortete Toink aufgebracht.

Die Hornisse sauste jetzt im Tiefflug über die Docks und Lagerhallen. Das Tier bockte, warf sich unkontrolliert hin und her. Noch immer feuerten die Zwergenwachen auf das Monster, doch ihre altertümlichen Musketenkugeln konnten den Panzer des Gigantinsekts nicht durchschlagen. Dafür versetzten sie Floyd in helle Panik. »Ein Staatsstreich! Hilfe, Farin! Hilfe, man will mich ermorden!«

Haddock rief ins Funkgerät, dass Floyd sich beruhigen solle, doch der König wollte – oder konnte – nicht hören. Die Giganthornisse war vollkommen außer Kontrolle.

Es war wie immer Veyron, der den Grund dafür erkannte. Ohne ein Wort entwand er Haddock das Funkgerät. »Floyd, hier spricht Veyron Swift, bitte antworten Sie.«

»Veyron! Dich schickt der Himmel! Man will mich …«

»Nehmen Sie die Hände vom Kopf und greifen Sie der Hornisse in den Nackenpelz, so wie man es Ihnen bei den Simanui gezeigt hat«, befahl Veyron.

Tom sah, dass der Lenker der Hornisse dem Befehl nachkam. Augenblicklich beruhigte sich das riesige Tier und flog in gerader Linie weiter.

»Nun drehen Sie vorsichtig nach rechts und befehlen der Hornisse, langsamer zu fliegen. Nähern Sie sich Palast Nr. 4 von achtern. Das ist hinten am Schiff, falls Ihnen das mehr sagt als der Seemannsausdruck.«

In weitem Bogen drehte die Giganthornisse auf die Olympic zu und näherte sich. Ihre riesigen Flügel verursachten einen Wind, der Tom fast von den Beinen riss und den Offizieren die Schirmmützen vom Kopf blies. An Deck schrien nun die Matrosen auf und flohen in alle Richtungen.

Haddock wandte sich an McMaster. »Veranlassen Sie die Maßregelung dieser Männer. Feiglinge werden an Bord nicht toleriert«, befahl er grimmig.

Tom biss sich auf die Lippe. Eine solche Strenge hatte er Haddock zwar zugetraut, doch kam sie angesichts der Umstände ein wenig unerwartet. Dieser Mann war die Disziplin in Person.

Die Giganthornisse setzte zur Landung an; geschickt navigierte sie zwischen den Tauen des Hauptmasts hindurch und landete auf dem Achterdeck. Die Flügel kamen zum Stillstand und legten sich an den Körper. Gehorsam senkte das gigantische Insekt seinen Leib, und Floyd und Toink schnallten sich los. Der König im kostbar aussehenden perlmuttfarbenen Anzug rutschte vom Sattel und sprang auf das Deck. Er zog Fliegerhaube samt Schutzbrille vom Kopf und warf sie von sich. Dann breitete er feierlich die Arme aus. »He! Euer König ist an Deck!«, rief er den herbeieilenden Mannschaftsmitgliedern zu, unter denen sich auch Tom und die anderen Fernweltler befanden.

Nun fiel auch Toink stöhnend aus dem Sattel, schlug auf den Planken auf und würgte einige Male deutlich hörbar.

Floyd warf seinem Chefmechaniker einen angewiderten Blick zu. »Also, das ist ziemlich widerlich! Toink, schäm dich was! Verhält sich so ein ausgewachsener Zwerg, der Gorgonen, Kobolden, Schraten und Monsterpanzern gegenüberstand?«

»Wahnsinn, echter Wahnsinn«, rief Tom begeistert und umrundete die Giganthornisse einmal, ehe er vor Floyd stehen blieb und dem König Talassairs die Hand schüttelte. »Wo haben Sie denn eine Giganthornisse her?«

Der König fuhr herum. »Tolle Sache, was? Eine Leihgabe der Simanui, von Großmeister Taracil persönlich. Als Dank für unser Engagement gegen das Piratenvolk. Außerdem habe ich um einen Flug mit diesem Tier gebeten. Ich war ja damals schon richtig neidisch auf dich und Veyron. Drum wollte ich die Gelegenheit beim Schopf packen. Taracil ist ein wirklich netter Mensch«, plapperte Floyd drauflos, noch immer sichtlich vom Adrenalin berauscht.

»Dieser Großmeister hat wohl eher gehofft, dass wir uns dabei den Hals brechen!«, schimpfte Toink hinter dem König. Der rotbärtige Zwerg hatte sich wieder aufgerafft und strich sich über seinen Bart und den grauen Mechanikerkittel. Auf seinem Rücken trug er ein portables Funkgerät, von dem er sich jetzt ächzend befreite.

»Nicht auszuschließen«, stimmte Veyron dem Zwerg zu.

Tom erinnerte sich sofort wieder daran, wie merkwürdig sich der Großmeister der Simanui während ihres letzten Abenteuers in Elderwelt verhalten hatte. Taracil durfte man nicht einfach vertrauen.

Floyd verdrehte die Augen und winkte ab. »Ach was! Ist doch gleichgültig. Was für ein rasanter Ritt! Das will ich unbedingt bald wieder machen. Außerdem konnte ich auf diese Weise schneller hierher zurückkehren. Captain, was machen die Vorbereitungen zum Auslaufen?«

»Die Kessel sind heiß, der Druck stimmt. Wir warten auf Ihren Befehl, um die Leinen zu lösen«, antwortete Haddock.

Floyd rieb sich zufrieden die Hände. »Feine Sache. Sind auch alle an Bord?«

Farin drängt es sich an Haddock und den anderen vorbei, um seinem Herrn zu antworten. »Ja, Sire. Euer Hofstaat ebenso wie die Begleiter, Berater und Unterhändler der Regierung.«

Floyd nickte und warf dann einen nachdenklichen Blick auf Veyron, Danny und Hunter. Erst jetzt schien ihm ihre Anwesenheit wirklich bewusst zu werden. »Moment mal! Veyron, ich hatte dich gar nicht eingeladen. Na so was! Was führt dich also hierher?«

»Eine heikle Mission, mein guter Floyd. Wir sind dabei, das Horn des Triton aufzuspüren, und hoffen, es zu finden, bevor dies dem Schattenkönig gelingt. Farin war so frei, uns diese Reisemöglichkeit anzubieten«, erklärte Veyron.

Floyd grinste breit. »Ein hervorragender Plan, und es klingt auch viel spannender als diese langweilige diplomatische Mission zu den Küstenländern des Binnenmeers. Farin, wir machen die Suche nach dem Horn des Triton sofort zu unserer obersten Priorität! Ach, und wer sind die beiden da?«

»Danny Darrow. Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Ramer. Also, für einen Toten machen Sie einen ziemlich lebendigen Eindruck«, sagte Danny. Er spielte dabei auf den inszenierten Tod Floyds vor zehn Jahren an. Das musste Floyd tun, um hier in Elderwelt den Königsthron zu besteigen. Tom erinnerte sich an die Schlagzeilen von damals: Selbstmord des Ramer-Milliardenerben. Natürlich wusste er schon seit geraumer Zeit um die Wahrheit, aber für Danny und Hunter war das alles neu.

Floyd blickte verunsichert zu Farin, dann brachte er ein leicht verlegenes Lächeln zustande. Er zuckte mit den Schultern. »Tja, so läuft das hier auf Talassair. Tod in Langweilwelt und in Elderwelt quicklebendig. Genau wie mein Palast hier. Und wer sind Sie, meine Dame?«

»Gwen Hunter«, stellte sich die Agentin steif vor.

Floyd nahm ihre Rechte und deutete einen Handkuss an. »Ich bin entzückt, Gwen. Willkommen auf Palast Nr. 4.«

»Sie ist vom MI-6«, fügte Tom an. Das war vielleicht ein wenig gemein, aber er wollte, dass Floyd und die anderen Bescheid wussten, mit wem sie es hier zu tun hatten.

Floyd zeigte jedoch nichts anderes als kindliche Begeisterung. »Das finde ich toll! In welcher Funktion, wenn ich fragen darf? So wie Miss Moneypenny?«

»Könnte ihr durchaus blühen«, konnte Tom sich nicht verkneifen zu sticheln. Es gefiel ihm, wie Hunters Gesichtsfarbe zu Dunkelrot wechselte.

»Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Gwen ist eine sehr fähige Feldagentin und hat uns vor dem Schattenkönig beschützt, Mr. Ramer«, mischte sich Danny ein und schob Tom grob zur Seite.

Floyd hob staunend die Augenbrauen. »Ja, wenn das so ist … Farin? Farin, führe Miss Hunter nach unten in die Schneiderei. Sie braucht dringend etwas Besseres zum Anziehen. So ein langweiliger Büro-Blazer steht Ihnen nicht, Miss Hunter. Wir finden für eine schöne Lady, wie Sie es sind, sicher was Adäquateres. Farin, du kümmerst dich persönlich darum«, sagte er und schnippte ungeduldig mit den Fingern.

Schatzkanzler Farin, zweiter Mann im Staate Talassair, ballte beide Fäuste und raunte: »Verflucht sei dieser Irre!« Doch dann setzte er ein diplomatisches Lächeln auf, verbeugte sich gehorsam, reichte Hunter die Hand und führte sie von den anderen weg.

Floyd klatschte fröhlich in die Hände. »Schön, schön, schön! Alles ist gut. Captain, die Leinen lösen und dann mit Volldampf hinaus aufs Meer. Was ist gleich wieder unser erstes Ziel?«

»Achaion, Majestät.«

»Ah ja, das Land der Dichter und Denker, zumindest war es das früher einmal – bevor das Imperium Maresium das Reich besetzt hat. Also los, gehen wir nach unten und begrüßen erst einmal die anderen Gäste. Ich muss euch unbedingt meinen Hofstaat vorstellen, Veyron, auch wenn er diesmal etwas klein geraten ist. Normalerweise feiern immer so an die eintausend Leute mit mir, aber auf diese Reise wollten mich nur achtzehn meiner Getreuen begleiten. Na ja, besser als nichts. Auf geht’s!«, rief Floyd begeistert und machte sich auf dem Weg ins Innere.

Tom schickte sich eben an, dem König und seiner Entourage zu folgen, als er von Danny festgehalten wurde. Zornig funkelte ihn der junge Mann an. »Mach das nie wieder! Klar, Kleiner?«

»Aber sie …«, protestierte Tom, doch Danny hob mahnend den Zeigefinger.

»Nie wieder, hörst du? Wir sind ein Team, klar? Als Team hält man zusammen, auch wenn man nicht alle Teammitglieder leiden kann. Wir stellen niemanden vor den anderen bloß, klar? So gewinnt man nämlich als Mannschaft kein Spiel. Hast du schon mal im Team gespielt, Tom?«

Tom trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Nein«, musste er zugeben.

Danny nickte langsam. Dann kehrte das Lächeln auf sein Gesicht zurück. Er klopfte Tom auf den Rücken. »Dann solltest du das nachholen, wenn wir wieder zurück sind. Bis dahin folgender Ratschlag: Halt dich einfach mit deinen Weisheiten ein bisschen zurück. Um Agent Hunter kümmere ich mich schon. Du sorgst dafür, dass uns Vampire und Schattenkönige vom Hals bleiben, okay?«

Nun mussten sie sich beeilen, den anderen zu folgen. Als sie die Gruppe um Floyd erreicht hatten, klärte Veyron den König gerade über die wichtigsten Details in Sachen Horn des Triton auf.

Tom ärgerte sich darüber, eben so schnell klein beigegeben zu haben. Danny war dieser listigen Hunter ja voll auf den Leim gegangen. Konnte denn niemand sehen, dass man ihr nicht vertrauen durfte? Dabei war Danny doch selbst schon Opfer ihrer Lügen und Tricks geworden. Vielleicht hat Veyron recht, und die Liebe macht aus den Menschen wirklich Idioten, dachte er finster. Hinter sich hörte er jemanden heranschnaufen. Gleich darauf stellte Toink sich neben ihn und raffte seine Hose. Der Zwerg machte überhaupt unruhig an sich zu schaffen, bis Tom ihn verärgert anfahren wollte.

Da blitzte ein breites Grinsen aus dem roten Bart hervor. »Ich weiß zwar noch nicht genau, um was es bei der ganzen Sache geht, aber wenn Veyron und du hier seid, steht uns gewiss wieder eine Menge Ärger ins Haus. Das wird sicher ein Spaß!« Der Zwerg rieb sich mit grimmiger Begeisterung die Hände.

Tom zuckte nur mit den Schultern und hoffte inständig, dass Toink mit seiner Prophezeiung in Sachen Ärger nicht recht behielt. Mit dem Schattenkönig als Gegner war jedenfalls eines klar: Sie würden schon bald wieder mit ihm rechnen müssen.

5. Kapitel: Eine königliche Kreuzfahrt

Eine halbe Stunde, nachdem das letzte Besatzungsmitglied an Bord gegangen war, legte die RMS Olympic ab. Die Leinen wurden gelöst, und unter dem Jubel des versammelten Volkes zogen die Hafenschlepper das fast dreihundert Meter lange Stahlmonster von der Kaimauer auf den richtigen Kurs, hinaus aus dem Hafen Talassairs. Als sich die drei Schrauben der Olympic aus eigener Kraft zu drehen begannen, wühlten sie den Schlick des Hafenbeckens auf. Obwohl die ans Ufer schwappenden Wellen die Zuschauer mit Gischt besprühten, klatschten und jubelten sie dem riesigen Dampfer hinterher, der sich allmählich von der Küste entfernte. Zum Abschied blies das Schiffshorn dreimal. Tom verspürte ein Prickeln. Die Olympic war unterwegs, zum ersten Mal seit ihrer vermeintlichen Verschrottung in Fernwelt.

Sobald sie auf offener See waren, besichtigten Tom und Veyron ihre Eichenholz getäfelte Erste-Klasse-Suite auf dem C-Deck. Sie bestand aus zwei Schafzimmern mit Bad samt Wanne und Toilette, dazu einem geräumigen Salon mit Sofa und mehreren Sesseln. Von den Decken hingen glitzernde Kronleuchter. Auch wenn Tom natürlich den Film Titanic gesehen hatte, war er von so viel Prunk überwältigt und kam sich selbst schon vor wie ein König. Aufjuchzend warf er sich auf sein Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Mann, ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten Mal in so einem bequemen Bett gelegen habe. Floyds Vorväter haben keine Kosten gescheut«, sagte er und schloss für einen Moment zufrieden die Augen. Endlich wieder Abenteuer – und diesmal auf denkbar komfortabelste Weise.

Veyron inspizierte die Suite dagegen mit wissenschaftlicher Genauigkeit und ließ sich dann, sichtlich erschöpft, auf die Couch im Salon sinken.

Tom hatte erwartet, dass sein Patenonkel irgendetwas auf die Aussage ›zum letzten Mal‹ erwidern würde. Veyron war bei Zeitangaben eigentlich immer sehr pedantisch, doch Tom hörte nichts. Rasch stand er auf und ging hinüber in den Salon. Veyron hatte die Augen geschlossen, aber er schlief nicht, das wusste Tom sofort. Jetzt, wo sie für die nächsten paar Tage etwas Ruhe haben würden, war es an der Zeit, einigen Dingen auf den Grund zu gehen. »Darf ich Sie was fragen?«, sagte er und fuhr fort, ohne Veyrons Antwort abzuwarten. »Was hat es mit dem Schattenkönig auf sich? Wann hatten Sie mit ihm zu tun, und was ist damals geschehen? Sie meinten, Sie hätten das letzte Mal gegen ihn verloren. Wie? Was hat er getan?«

Veyron antwortete nicht sofort, sondern atmete erst einmal tief durch, öffnete die Augen und blickte Tom einen Moment lang an. »Das ist jetzt schon ein paar Jahre her. Der Schattenkönig hatte meine Schwäche herausgefunden und sie ausgenutzt.« Sein Tonfall war so lapidar, als hätte Tom gefragt, wer von ihnen zuletzt den Müll herausgebracht hatte. Offenbar wollte er nicht darüber reden, doch Tom hielt es für immens wichtig, mehr zu erfahren.

»Und? Was für eine Schwäche ist das?«

»Das ist unwichtig, mein lieber Tom. Diese Schwäche existiert nicht mehr.«

»Ach so. Warum hatten Sie dann so große Angst, als uns der Schattenkönig in der Ramer-Stiftung aufgelauert hat? Leugnen Sie das nicht! Ich hab es genau gesehen, Sie sind regelrecht erstarrt.«

Veyron musterte Tom mit einem Ausdruck des Erstaunens. Anschließend bemühte er sich um ein unbekümmertes Lächeln. »Das stimmt, das ist mir tatsächlich passiert. Ich hatte meine Emotionen für einen Moment nicht unter Kontrolle. Vermutlich, weil ich nicht damit rechnete, dass uns der Schattenkönig selbst am helllichten Tage nachstellen würde. Es tut mir leid, das war ein unachtsamer Moment. Ich werde es in Zukunft besser kontrollieren«, sagte er.

Tom spürte, dass sein Pate ihm nicht die Wahrheit sagte, und schaute ihn vorwurfsvoll an.

Veyron fing diesen Blick auf und fügte hinzu: »Ich versichere dir, es verläuft alles nach Plan.«

»Was für ein Plan, Veyron? Sie haben ihn immer noch nicht genauer erläutert«, hielt Tom sofort dagegen.

Veyron schaute ein Weilchen an die Decke und schniefte einmal. »Es wäre zu kompliziert, dir alle Zusammenhänge zu erläutern. Tatsache ist zudem, dass ich noch nicht alle Fakten beisammenhabe, um eine abschließende Analyse vorzunehmen«, erklärte er.

Tom nickte und glaubte zu verstehen. »Einfach ausgedrückt: Sie haben gar keinen Plan, zumindest keinen echten. Nicht wahr? So ist es doch. Wir stürzen uns hier ins Abenteuer, und Sie wissen gar nicht, was Sie tun sollen und was auf uns zukommt.«

»Das weiß man prinzipiell eigentlich nie. Letztlich ist jeder Plan immer nur ein Ratespiel«, relativierte Veyron die Angelegenheit mit einer Seelenruhe in der Stimme, die Tom schier wahnsinnig machte.

»Okay. Nur mal so gefragt: Haben Sie überhaupt einen Ansatz, wo wir das Horn des Triton suchen sollen?«

»Nein, nicht den geringsten.«

Tom stieß ein entnervtes Stöhnen aus. »Veyron!«, rief er. »Das ist Irrsinn! Und gar nicht Ihre übliche Vorgehensweise. Normalerweise gehen Sie nicht mal ohne Plan aufs Klo!«

Veyron legte die Fingerspitzen aneinander und dachte einen Moment nach. Zumindest nahm Tom das an, als er die Blicke seines Paten von links nach rechts huschen sah. »Auch das ist eine zutreffende Feststellung. Schön zu sehen, dass du bei klarem Verstand bist. Das ist in deinem Alter nicht immer selbstverständlich. Fakt ist jedoch auch, dass der Schattenkönig kein gewöhnlicher Gegner ist. Er ist ebenso brutal wie gerissen. Ich versichere dir, dass ich durchaus einen Plan verfolge. Jedoch ist er abhängig von Ereignissen, die erst stattfinden müssen, damit er greift. Achaion wird unser erster Ansatz sein«, erklärte er sachlich.

Tom schaute seinen Paten skeptisch an. »Warum gerade Achaion?«

»Was weißt du über dieses Reich?«, wollte Veyron wissen.

Tom lehnte sich zurück und dachte nach. Über Elderwelt wusste er nicht annähernd so viel wie sein Pate, doch ein paar Informationskrumen hatte er während ihrer beiden großen Abenteuer und sonstigen Zusammentreffen mit Bewohnern Elderwelts aufgeschnappt. »Achaion gilt als die Wiege der Kunst und Philosophie, doch es wird seit rund einhundert Jahren vom Imperium Maresium regiert. Zur Zeit des Dunklen Meisters beherrschte Achaion noch das halbe Binnenmeer und führte viele Kriege. Aber das liegt über eintausend Jahre zurück, stimmt’s?«, fasste er sein Wissen zusammen und suchte Veyrons bestätigenden Blick. Der lümmelte nur entspannt auf der Couch und schenkte Tom ein gönnerhaftes Lächeln. »Im Groben zutreffend, Tom. Nur eine entscheidende Information ist dir entgangen: Achaion war zur Zeit des Dunklen Meisters dessen mächtigster Verbündeter. Es war das Reich des Schattenkönigs.«

Tom machte große Augen, was Veyrons Lächeln noch ein wenig breiter werden ließ.

»Ich denke, nun ist dir klar, weswegen ein Besuch in Achaion für uns sehr aufschlussreich sein wird. Jetzt entschuldige mich, ich muss etwas in Erfahrung bringen.« Sagte es und sprang mit einem Satz auf die Füße. Mit fast schon absurd wirkender Fröhlichkeit verließ er die Suite und schlenderte den Korridor in Richtung Treppenhaus.

Tom schaute ihm eine Weile hinterher, dann schloss er die Tür und schlug die Hände vors Gesicht. Das gefiel ihm alles gar nicht. Den Anblick seines verängstigten Paten in den Korridoren der Ramer-Stiftung würde er nicht vergessen. Er ahnte, dass Veyron überhaupt keinen Plan hatte, sondern nur versuchte, seine eigene Schwäche durch zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein zu überspielen. Die Sache mit dem Schattenkönig hatte ihn vollkommen aus der Spur geworfen, das war die Wahrheit. Tom wusste es. Nur das Warum wollte sich ihm nicht erschließen, und Veyron machte daraus obendrein noch ein Geheimnis. Vollkommen überflüssigerweise, wie Tom fand. Es musste mit Veyrons damaliger Niederlage zusammenhängen. Sie schien ihn traumatisiert zu haben, eine andere Erklärung gab es nicht. Aber auf wen sollte sich Tom dann verlassen, wenn nicht auf Veyrons Verstand? Was sollten sie alle nur tun, wenn Veyron Swift nicht mehr in der Lage war, vernünftig zu denken, sondern von seinen Ängsten getrieben wurde? Wie sollten sie alle das nur überstehen? Zum ersten Mal in seinem Leben machte sich Tom ernsthafte Sorgen um Veyron Swift.

Es war bereits weit nach Mittag, als Hunter in die Suite zurückkehrte, die man ihr zugewiesen hatte. Erste Klasse, alles vom Feinsten. Offenbar reisten alle Gäste Erster Klasse, und, soweit sie das in Erfahrung bringen konnte, befanden sich die Suiten alle auf dem B- oder C-Deck. Das ganze A-Deck war nämlich allein für diesen spinnerten Floyd reserviert. Für sie grenzte es an schieren Wahnsinn, einen dermaßen ausgeflippten Tunichtgut als Staatsoberhaupt zu tolerieren. Immerhin schienen die Zwerge rund um Schatzkanzler Farin ihren menschlichen König ganz gut im Griff zu haben.

Ihre Mission dagegen war bis jetzt eine vollkommene Katastrophe. Nicht nur, dass sie dem Horn des Triton noch keinen Schritt nähergekommen waren, nein, ihr blieben obendrein auch noch sämtliche Ausstiegsmöglichkeiten verwehrt. Eine Rückkehr in die Menschenwelt war ausgeschlossen, solange sie auf diesem antiken Ozeandampfer festsaß – aber was für einem! Danny hatte schon recht: Das war ihr Traum, seit sie als junges Mädchen Titanic im Kino gesehen hatte.

Doch selbst wenn sie auf Talassair geblieben wäre, sie bräuchte allem Anschein nach so einen Erlaubnisstein, um die magischen Durchgänge zu passieren. Es würde ihr nicht einmal helfen, den von Tom zu stehlen, weil jeder Erlaubnisstein nur seinem Besitzer diente. So hatte es Farin erklärt. Hinzu kam, dass ihr niemand traute. Swift nicht (dessen geistige Fähigkeiten ihr Angst machten) und sein kleiner Fratz erst recht nicht. Es war ein Fehler gewesen, sich als Ernie Frauds Facebook-Freundin zu outen, das gereichte ihr jetzt zum Nachteil. Eigentlich hatte sie mit der Aktion in der False Lane geplant, Swift und seinen vorlauten Rotzlöffel in der Hand zu haben. Jetzt stand es andersherum. Nicht nur das, Schatzkanzler Farin wusste von Anfang an, dass sie zum MI-6 gehörte. Die misstrauischen Blicke des Zwergs verfolgten sie, hinter ihrem Rücken tuschelte die Besatzung. Farin schien jeden eingeweiht zu haben. Sie war allein auf sich gestellt und fühlte sich vollkommen hilflos.

Aber das war sie ja gewohnt. Ihr ganzes Leben war sie allein gewesen. Mit ihren Eltern hatte sie gebrochen, zu ihren Geschwistern seit Langem keinen richtigen Kontakt mehr. Echte Freunde besaß sie nicht, nur wenige Bekannte, mit denen sie ab und an ausging. Ihre bisherigen Lover hatten sich als wenig vertrauenswürdig erwiesen. Notorische Fremdgeher oder Idioten, die stets nur das Eine wollten. Sie war es gewohnt, Schwierigkeiten oder Probleme mit sich auszumachen. Was sie beruflich tat, musste sie sowieso für sich behalten. Das war auch der beste Weg, denn sie wollte auf keinen Fall durch ein ›Hilfe‹ oder ›Bitte‹ in die Abhängigkeit anderer geraten. Zu oft schon hatte man sie enttäuscht und ihr Herz verletzt. Das würde sie nicht wieder zulassen.

War es da ein Wunder, dass sie in einem Unternehmen arbeitete, dessen Grundprinzipien Misstrauen und Verrat hießen? Mann, was war sie stolz gewesen, als sie eine Einladung zum MI-6 erhalten hatte, so kurz nach ihrem Studium. Die Bezahlung war nicht schlecht, und sie konnte um die ganze Welt reisen. Russland, Afrika, Südamerika – überall war sie schon gewesen, sprach fließend Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch und Deutsch. Nicht zu vergessen eine Ausbildung in Schusswaffen aller Art, im Umgang mit Sprengstoffen, in Nahkampf und allen gängigen Abhörtechniken. Auch Schauspielunterricht gehörte dazu – und vieles mehr. Dies aber war ein Abenteuer, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt hatte: Elderwelt! Dorthin war noch kein anderer Agent des MI-6 gelangt.

Was half ihr das?

Gar nichts.

Sie war enttarnt. Eine Gefangene an Bord eines Schiffs voller Feinde.

Außer Danny Darrow.

Seine Zuneigung verwunderte sie. Selbst nach der ganzen Sache in der False Lane zeigte er sich freundlich, er neckte und ärgerte sie, aber nicht boshaft, und schien ihr den Verrat und die Täuschung überhaupt nicht übel zu nehmen. Das fand sie bemerkenswert, aber auch irgendwie störend.

Es pochte an der Tür. Hunter stand auf, atmete tief durch und öffnete. Wenn man vom Teufel spricht, dachte sie. Da stand, er Danny Darrow, die Stirn in Falten gelegt und sie mit Unschuldsblick anhimmelnd. Auf seinen ausgestreckten Armen präsentierte er ihr einen glänzenden, rot-schwarzen Wasserfall aus Seidensatin, ein so edles Kleid, wie es Hunter noch nie getragen hatte. Es musste ein Vermögen gekostet haben.

»Zimmerservice«, sagte er frech. »Na ja, der ist gerade verschwunden. Ich hab gesehen, wie sich der Steward damit abgeplagt hat, und dachte mir, ich nehm ihm die Last ab. Die armen Kerle werden von Floyd ja genug herumgescheucht.« Er reichte ihr das Kleid. »Ein echter Traum, wenn du mich fragst.«

Sie nahm es ihm ab und bemühte sich, ihre Begeisterung nicht zu zeigen. Offenbar hatte sie das Leuchten ihrer Augen nicht schnell genug gedimmt.

»Schön, es gefällt dir. Ich bin sicher, du wirst eine fantastische Figur darin machen. Nur so als Tipp: Trag dein Haar dazu offen, dann wirst du wie eine wirkliche Prinzessin aussehen«, meinte er breit grinsend.

Hunter erstarrte. »Klar, Sie können das sicher beurteilen mit Ihren mannigfaltigen Erfahrungen, was? Mit wie vielen Prinzessinnen sind Sie denn schon ausgegangen? Jede Nacht eine andere, nehme ich an!«, gab sie zurück.

Danny wirkte für einen Moment verdutzt, dann kratzte er sich verlegen am Hinterkopf. »Na ja, es waren wohl schon ein paar. Aber hey, das hielt alles nicht lange. Und keine von denen besaß ein so fantastisches Kleid.« Er merkte wohl selbst, was für einen Unsinn er daherquatschte, als er die Augen zusammenkniff und abwehrend die Hände hob. »Ich weiß, ich bin blöd.«

»Ja, und furchtbar oberflächlich. Wahrscheinlich hielten Ihre Beziehungen deshalb nie sehr lange. Außer flotten Sprüchen und schnellen Autos haben Sie wohl nichts zu bieten, Mr. Darrow.«

Danny lehnte sich gegen den Türrahmen und schaute ihr unverwandt in die Augen. Sie fand es schwierig, diesem Blick lange standzuhalten. Ein wenig wurde ihr heiß.

»Ja, darum bist du auch mit mir ausgegangen, was? Seltsam, ich dachte, du hättest ein wenig Spaß gehabt.«

»Danny, lassen Sie mich das klarstellen: Ich war auf einer Mission und … es ist egal, was da war. Vielleicht war es ein ganz netter Abend, aber da ist sonst nichts. Absolut nichts.«

Danny wölbte die Unterlippe in gespielter Nachdenklichkeit. »Aber du bist mit mir ausgegangen«, beharrte er.

Hunter seufzte. »Danke fürs Vorbeibringen, Mr. Darrow. Wir sehen uns dann zum Dinner?«

»Zu einhundert Prozent!«

Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. War denn das zu fassen? Dieser Kerl ließ einfach nicht locker! Seltsamerweise gefiel ihr das. Sie mochte es, ihn zu necken, und fand seine Erwiderungen ebenso lustig. Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie an seine Unschuldsmiene dachte. Sie hob das Kleid und betrachtete es von Neuem. Vielleicht würde der kommende Abend ja doch ganz amüsant werden.

Mit einundzwanzig Knoten Reisegeschwindigkeit dampfte die RMS Olympic auf geradem Weg nach Osten. Tom wurde es schnell müde, auf die scheinbar unbewegte See hinauszuschauen und regte eine Besichtigungsrunde des Schiffs an, der sich Veyron, Danny und – zu seiner Überraschung – auch Hunter anschlossen. Auf jedem Deck führte sie ein anderes Mitglied der Besatzung herum. Auf dem Maschinendeck war dies Chefingenieur Breki, ein stolzer Zwerg mit langem, schwarzem Bart, den er aus Sicherheitsgründen zu zwei Zöpfen geflochten über den Schultern verknotet trug. Viel zu sehen gab es dort unten nicht, abgesehen von Ruß, schmutzigen Maschinen, jeder Menge Rohre und verdreckten Zwergen. In den riesigen Kesselräumen war der Lärm obendrein so laut, dass man kein einziges Wort verstehen konnte, wenn man nicht unmittelbar neben Breki stand. Tom bekam dennoch einen halbwegs brauchbaren Überblick über die Funktionsweise des Antriebs.

»Nein, nein, nein«, rief Breki gerade Danny zu, der wohl etwas gefragt hatte. »Wir heizen keinen der neunundzwanzig Kessel mit Kohle! Seht Ihr hier irgendwo Kohlenschaufler? Die Olympic wurde bereits in Fernwelt auf Ölfeuerung umgerüstet. Allerdings haben wir kein Heizöl gebunkert, sondern Schrexöl!«

Der Chefingenieur erntete ahnungslose Blicke. Tom konnte nicht hören, was Gwen Hunter fragte, aber Breki schien sie mit seinen kreisrunden Ohren bestens zu verstehen.

»Was Schrexöl ist? Seid ihr in Fernwelt denn so ungebildet? Was Schrexöl ist, weiß doch jeder! Es wird aus dem Schrexzahn gewonnen! Was? Was das wieder ist? Beim Barte des Altzwergs! Wisst ihr denn irgendwas? Der Schrexzahn ist eine scheußlich riechende Wucherpflanze, früher eine regelrechte Plage auf Talassair und auch in anderen Ländern. Aber für das Volk der Zwerge schon seit jeher brauchbar, um damit Feuer zu machen. Das Öl des Schrexzahns ist leicht entflammbar, der Brennwert ist fantastisch. Man kann damit richtig schön heiße Feuer machen. Für Schmelzöfen etwa. Oder für die Antriebe unserer Maschinen. Natürlich mussten wir die Verbrennungsmotoren der Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe aus eurer Welt ein wenig umrüsten. Schrexöl bringt hervorragende Leistung bei geringem Verbrauch. Über dreißig Prozent weniger als Benzin oder Diesel. Auf Talassair haben wir deshalb viele Schrexfelder angelegt. Die Olympic bunkert eine ganze Zehnjahresernte, das ist natürlich enorm. Aber keine Sorge: Die Öltanks auf Talassair sind ebenfalls gefüllt!«

Nach dieser kurzen Exkursion in zwergischer Maschinentechnologie ließen sie die unteren Decks hinter sich und kehrten nach oben zurück. Dort stieß Schatzkanzler Farin wieder zu ihnen.

Hunter wollte mehr über das Schrexöl erfahren, besonders über diese Pflanze mit den fast schon magischen Eigenschaften, den Schrexzahn, und erkundigte sich bei dem hochrangigen Zwerg danach.

»Ach«, erklärte Farin, »das ist ein wirklich schreckliches Kraut. Man sagt, dass dieses Gewächs einst direkt aus Darchorad kam. Ein Versuch des dunklen Illauri Varaskar, des ersten Dunklen Herrschers, ganz Elderwelt in ein Abbild seines dunklen Reichs zu verwandeln. Ungenießbar, dornig, zäh und das Öl leicht entflammbar, gedeiht diese Wucherpflanze noch auf den undankbarsten und kargsten Böden. Darum ist es auch so einfach, sie anzubauen. Wir haben ein eigenes Schrexamt gegründet, das sich um die Züchtung, aber auch um die Eindämmung dieses Wucherkrauts kümmert. Die Schrexbeamten stellen sicher, dass Schrexzahn ausschließlich auf den königlichen Plantagen wächst und in keinem Garten oder freier Wildbahn. Vor zwanzig Jahren drohte der Schrexzahn, viele andere Pflanzen zu verdrängen, aber unser Heer an Schrexbeamten war letztlich erfolgreich. Bis heute sind die Gärten und Wälder sauber, aber eine dauerhafte Schrexwache ist unabdingbar.«

Tom beobachtete, wie Hunter intensiv nachdachte. Wahrscheinlich spielte sie mit dem Gedanken, dieses Darchorad-Unkraut in die Menschenwelt zu schmuggeln. Allerhöchste Vorsicht war angesagt.

Die Tour ging weiter, doch Tom verlor rasch das Interesse. Denn weder konnte er sich für das altmodische Fitnessstudio noch für das Türkische Dampfbad begeistern. Die Squashhalle fand er langweilig, und der Swimmingpool auf dem F-Deck glich mehr einer Maschinenhalle denn einer einladenden Badeanstalt.

Zurück auf dem A-Deck zeigte ihnen der Chefsteward die opulent ausgestattete Lounge und das heimelige Lesezimmer. Zahlreiche Stewards eilten in den Gängen mit Koffern und Taschen an ihnen vorbei von einem Zimmer zum anderen. Die Männer und Frauen schwitzten vor Anstrengung.

»Was machen die denn da«, fragte er neugierig.

Der Chefsteward seufzte leise. »Seine Majestät beliebt, nach jeder Aktivität, etwa dem Frühstück, dem Mittagessen oder dem Dreiuhrtee, in eine andere Suite umzuziehen. Mindestens viermal am Tag. Mittagessen ist gerade vorbei, also steht ein neuer Umzug an.«

Wie um seine Erklärung zu bestätigen, trat Floyd gerade aus Suite A-20. Nicht nur sein mit Goldbrokat besetzter Gehrock und die Schuhe mit vergoldeten Kappen strahlten – auch er selbst. Händereibend ging er ihnen entgegen. »Fantastisch, fantastisch«, rief er begeistert und klatschte vor Entzücken. »Endlich kann ich in A-21 umziehen. Diese Räumlichkeiten das, A-20, treffen meinen momentanen Geschmack nicht. Vielleicht morgen wieder. Alastor, ich wünsche, nach dem Dinner in Kabine A-15 umzuziehen. Außerdem möchte ich zum Essen einen leichteren Anzug tragen, etwas Luftigeres. Bitte lass in der Bordschneiderei etwas für mich anfertigen. Vielleicht mit Schärpe? Und die ganzen Orden nicht vergessen. Schön poliert, damit sie glänzen. Ich muss Eindruck machen, immerhin bin ich der König«, sagte Floyd zum Chefsteward, der sich höflich verbeugte. Gerade wollte der König weitermarschieren, als er plötzlich stehen blieb und für einen Moment nachdenklich wirkte. »Wie viele Erste-Klasse-Kabinen haben wir eigentlich auf dem A-Deck?«

»Vierunddreißig, Majestät.«

Floyd rechnete kurz nach, dann machte er ein enttäuschtes Gesicht.

»Das bedeutet ja, dass ich in neun Tagen alle Suiten und Kabinen durchhabe. Wie langweilig! Das nächste Mal wird auch das B-Deck für Passagiere gesperrt. Ich brauche mehr Zimmer.«

Tom schüttelte angesichts dieses weltfremden Gebarens den Kopf. Aber so war König Floyd eben, darum wunderte er sich auch nicht weiter. Die kleine Sightseeing-Gruppe wünschte Floyd noch einen fröhlichen Umzug – nicht ohne Sarkasmus. Anschließend verließen sie das A-Deck über die Steuerbordpromenade, um hinauf aufs Bootsdeck zu gelangen. Der König blieb nachdenklich zurück. Sollte der egozentrische und vergnügungssüchtige Floyd etwa bemerkt haben, dass sie seine Umzugsmanie nicht guthießen?

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