Kitabı oxu: «Veyron Swift und die Allianz der Verlorenen»
Tobias Fischer
Veyron Swift und die Allianz der Verlorenen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel: Besuch in der Nacht
2. Kapitel: Auf dem Pfad des Grafen
3. Kapitel: Toms Mission
4. Kapitel: Die Zaltic Asp
5. Kapitel: Im Reich der Seelenkönigin
6. Kapitel: Die Schwarze Horde
7. Kapitel: Die Ankunft der Könige
8. Kapitel: Kommandant Ernie
9. Kapitel: Ganz neue Verwicklungen
10. Kapitel: Die Allianz der Verlorenen
11. Kapitel: Das Luftrennen
12. Kapitel: Neue Hoffnung
13. Kapitel: Aus der Spur
14. Kapitel: Gentrash
15. Kapitel: Weitere Ermittlungen
16. Kapitel: Abschiedstanz
17. Kapitel: Die Falle schnappt zu
18. Kapitel: Das Neujahrsfest
19. Kapitel: Am Boden zerstört
20. Kapitel: Der Aufmarsch
21. Kapitel: Unten, oben und darüber
22. Kapitel: Entscheidungsschlacht
23. Kapitel: Konklusion
Impressum neobooks
1. Kapitel: Besuch in der Nacht
»Es geht um Leben und Tod«
Tom Packard überflog die Nachricht, sooft es ihm möglich war. Die meiste Zeit aber umklammerte er sein Smartphone, denn er musste sich festhalten, um nicht hin und her geworfen zu werden.
Er saß auf dem Rücksitz von Inspektor Gregsons Dienstwagen, die Polizeisirene heulte in seinen Ohren, die Lichter des nächtlichen London wischten an den Fenstern vorbei. Vor ihnen wichen hektisch Fahrzeuge aus: Motorräder, Autos, Busse, Lastwagen. Mehr als einmal wäre es beinahe zum Zusammenprall gekommen. Haarscharf schoss der Polizeiwagen an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbei.
Mit Höchstgeschwindigkeit steuerte Gregsons Assistentin, Jane Willkins, den Wagen durch den Verkehr, blitzschnell allen Hindernissen ausweichend. Jane hielt das Lenkrad krampfhaft umklammert, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Neben ihr saß Inspektor Gregson, dessen Finger nervös auf der Ablage trommelten. So aufgeregt hatte Tom den hünenhaften Polizisten noch nie gesehen, selbst sein sonst so makellos frisiertes, silbergraues Haar schien seinen inneren Aufruhr zu teilen.
Sie rasten mit mörderischem Tempo über Kreuzungen, schlitterten quer durch die Kreisverkehre. Beinahe trug es sie von der Fahrbahn. Tom krallte sich in die Sitzlehne. Die Reifen quietschten. Jane kurbelte verbissen am Lenkrad, stabilisierte das Fahrzeug schnell wieder. Weiter ging die rasende Fahrt. Rote Ampeln, Vorfahrtsregeln – alles egal. Es ging um Leben und Tod.
Toms Smartphone gab ein neues Bing von sich. Hastig blickte er auf das Display.
»Schneller! Wo bleibt ihr denn?«, stand jetzt dort.
Die Nachrichten stammten von Veyron Swift, Toms Patenonkel und Detektiv für übernatürliche Angelegenheiten. Veyron verfolgte schon seit Längerem einen Serienmörder. Offenbar wurde die Situation allmählich brenzlig.
Tom kannte keinen scharfsinnigeren und intelligenteren Menschen als Veyron. Seine Auffassungsgabe war unglaublich, nicht das kleinste Detail entging ihm. Blitzschnell vermochte er aus scheinbar belanglosen Einzelheiten den tatsächlichen Ablauf eines Geschehens zu rekonstruieren; stets zutreffend und alle Welt um sich herum damit verblüffend.
Doch Veyrons Detektivarbeit beschränkte sich vornehmlich auf übernatürliche Ereignisse: Er spürte Geistern, Kobolden und anderen Unwesen nach. Tom war schon bei einigen solcher Begebenheiten dabei gewesen. Er erinnerte sich an den Fall vom letzten Herbst, als drei Orks im Fahrstuhlschacht eines alten Mietshauses einen Schatzhort einrichteten. Oder diese andere Sache mit dem Bankmanager, der sich ein Vampirelixier spritzen ließ, um nachts länger fit zu bleiben und nach und nach Unsterblichkeit zu erlangen. Das war die Welt des Veyron Swift. Gewöhnlichen, von Menschen begangenen Verbrechen wie etwa Einbrüche, Diebstähle oder Erpressungen schenkte Veyron dagegen gar keine Beachtung – nicht einmal Mord. Deshalb war es umso ungewöhnlicher, als er sich vor rund vier Wochen für diesen Serienmörder zu interessieren begann.
Die rasende Fahrt durch die Straßen Londons gab Tom die Gelegenheit, kurz die Ereignisse der vergangenen Tage zu rekapitulieren.
Vier junge Frauen waren ermordet worden, stets an einem Voll- oder Neumond. Der Killer pflegte seine Opfer zu betäuben, zu erdrosseln und die Leichen anschließend nackt im Greenwich Park zu drapieren. Bei Vollmond mit dem Gesicht nach oben, bei Neumond mit dem Gesicht nach unten. Dazu pinselte er seinen Opfern seltsame Schriftzeichen auf die Körper, in Rot bei Vollmond und in Schwarz bei Neumond. Diese Schriftzeichen hatten Veyrons Interesse überhaupt erst geweckt. Gregsons Team vom CID hatte herausgefunden, dass es sich bei den Opfern um obdachlose Frauen handelte, jede genau dreiunddreißig Jahre alt. Aber mehr Ergebnisse hatte die Ermittlungsarbeit der Polizei nicht erbracht. Es fehlte jede Spur vom Täter, jeder Hinweis führte in eine Sackgasse. Schließlich sah Veyron keine andere Lösung, als den Mann selbst zu jagen – in der »Wildnis«, wie er die Straßen Londons nannte. Das war vor vier Tagen. Seitdem fehlte von Toms Paten jedes Lebenszeichen. Dann, heute Morgen kurz nach drei Uhr, diese WhatsApp-Nachricht: »Hab ihn! Henry Fowler, 277 Jamaica Street, East End!«
Es war die Nacht vor Vollmond! Tom hatte keine Minute gezögert. Im Nu war er aus dem Bett gesprungen, hatte die Nummer von Inspektor Gregson gewählt und Alarm geschlagen. Keine zehn Minuten später hatte es auch schon an der Haustür Sturm geläutet, und jetzt saß er hier, hinter Gregson und Jane Willkins, und zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie nur um Haaresbreite einem Unfall entgingen.
Ein weiteres Bing ließ Tom wieder auf sein Smartphone blicken. »Habe ich schon erwähnt, dass es um Leben und Tod geht? GEBT GAS!«
»Ach du Scheiße, es wird richtig ernst«, japste Tom.
Gregson drängte Jane zu noch mehr Eile. »Dieser Drecksack bringt mir kein fünftes Mädchen um! Diesmal nicht«, schimpfte der Inspektor und hieb wütend gegen die Ablage.
»Das ist nicht hilfreich«, gab Jane gepresst zurück. Dennoch drückte sie das Gaspedal ein weiteres Mal bis zum Anschlag durch.
Tom hielt für einen Moment die Luft an, sein Herz ratterte wie ein Maschinengewehr. Nie zuvor war er mit hundert Meilen pro Stunde durch Londons Straßen gejagt.
Vor 277 Jamaica Street fand die Raserei ein Ende. Gregson und Jane sprangen aus dem Wagen, sobald er zum Stillstand kam, Tom folgte ihnen hastig. Vor ihnen ragte ein altmodischer Mietsblock auf, fünf Stockwerke hoch, die schmutzige Klinkerfassade von Fensterreihen unterbrochen. Hinter Gregsons silbernem Dienstwagen kamen weitere Polizeiautos zum Stehen. Uniformierte stiegen aus, gefolgt von den Detective Sergeants Linda Brown und Bob Palmer.
Gregson hielt bereits seine Dienstwaffe in der Hand und rannte in Richtung Hauseingang, gefolgt von zwei Constables. Jane zog nun ebenfalls ihre Pistole und nahm denselben Weg wie ihr Vorgesetzter. Tom wartete nicht lange, sondern heftete sich an ihre Fersen. Von der anderen Seite der Hofeinfahrt kamen Sergeant Palmer und zwei weitere Polizisten herangeeilt.
»Tom! Was soll das? Das ist nichts für dich! Bleib beim Wagen«, rief Jane, die Augen vor Schreck geweitet, als sie Tom schließlich bemerkte. Auf ihrem hübschen, blassen Gesicht zeichnete sich deutlich Furcht ab.
»Mich erschreckt so leicht nichts mehr, und Veyron braucht vielleicht meine Hilfe«, entgegnete Tom. Jane wusste genau, dass er schon einige haarsträubende Abenteuer an der Seite seines Paten bestritten hatte. Nicht nur einmal hatte er dabei um sein Leben kämpfen müssen – gegen Wesen, die weitaus schlimmer waren, als es je ein menschlicher Krimineller sein könnte. Außerdem war Tom mit seinen siebzehn Jahren kein kleines Kind mehr.
Jane schüttelte den Kopf, sagte aber nichts und schloss zu den anderen Polizisten auf. Tom bewunderte sie dafür, wie gefasst und konzentriert sie blieb. Dabei hatte sie auch schon so einiges mitgemacht. Erst letztes Jahr hätte sie wegen eines Dämons beinahe ihr Leben verloren. Tom sah in ihr seine engste Vertraute; eine Freundin, auf die er sich verlassen konnte.
Gregson und Sergeant Palmer standen inzwischen vor dem Haupteingang des Wohnblocks und untersuchten die Klingelanlage.
»Nirgendwo ein Fowler, verflucht«, schimpfte Gregson. Die große Faust des Hünen zitterte vor Aufregung. Jeder wusste, dass der geringste Fehler ein Menschenleben kosten könnte.
»Vielleicht ist er nicht angeschrieben?«, meinte einer der Constables.
»Alle Klingeln sind belegt. Ein Fehlalarm?«, versuchte es Sergeant Palmer.
Tom schüttelte den Kopf, als er das hörte. Veyron Swift hatte sich noch nie geirrt. Sie waren richtig, daran bestand nicht der geringste Zweifel …
Bing.
Tom starrte auf sein Smartphone. »Eins, zwei, drei, vier und FÜNF, wenn ihr euch nicht beeilt!«
»Okay, es wird ernst«, rief er voller Aufregung.
Gregson knurrte. Die beiden Uniformierten wuchteten das Gewicht ihrer Körper gegen die Eingangstür, bis sie mit einem metallischen Knall aufsprang. Die Männer drängten in den Flur, gefolgt von Jane und Tom.
»Wollen wir nicht auf die Scharfschützen warten?«, fragte Palmer verunsichert.
»Zum Teufel mit den Scharfschützen! Da drinnen wird gerade eine junge Frau ermordet«, donnerte Gregson. Furchtlos stürmte er seinen Leuten voran, das Treppenhaus hinauf. Ohne Ahnung wohin, klingelten sie an jeder Tür, an der sie vorbeikamen. Fast überall wurde ihnen nach kurzer Zeit geöffnet. Schlaftrunkene Frauen und Männer verfluchten die unzeitigen Besucher. Es war ja auch erst kurz nach halb fünf morgens.
»Fowler! Wo ist Henry Fowler?«, herrschte Gregson die Leute an.
Angesichts seiner riesigen Gestalt und der grimmigen Miene wagte niemand, zu widersprechen oder zu schweigen. Es stellte sich jedoch heraus, dass niemand einen Henry Fowler kannte. Die meisten wussten nicht einmal, wer ihre direkten Nachbarn waren. Lediglich eine ältere Lady am Ende des Flurs konnte Auskunft geben.
»Fünfter Stock, Mister. Da ist nur eine einzige Wohnung belegt, und die gehört ihm. Die vierte Tür auf der rechten Seite. Dieser Kerl war mir schon immer suspekt«, meinte sie und zeigte mit ihrer dürren Hand nach oben.
Gregson und die anderen wirbelten herum und kämpften sich das Treppenhaus nach oben.
Tom folgte ihnen als Letzter. Er erinnerte sich wieder an die ganzen Abenteuer, die er zusammen mit Veyron Swift in Elderwelt bestritten hatte, jener fantastischen Parallelwelt, wo es vor fremden Wesen und Gefahren nur so wimmelte. Trolle, Schrate, Vampire und andere Unwesen hatten ihnen dort schon einige Male das Leben schwer gemacht. Unweigerlich musste er lächeln, als er die Polizisten mit einer Mischung aus Aufregung und Vorsicht nach oben eilen sah, mit ihren Waffen auf jeden Schatten zielend. So viel Panik wegen eines einzelnen Mannes. Was würden sie nur tun, wenn sie einer ganzen Meute blutdürstiger Schrate gegenüberstünden, schwer bewaffnet und auf Mord aus?
Schließlich erreichten sie den fünften Stock, doch obwohl die Männer den Flur auf und ab rannten, von Henry Fowler fehlte jede Spur. Und nicht nur das: Es gab hier oben nicht einmal eine Tür. Sie hatten nichts als nackte Wände vor sich, gestrichen in einem scheußlichen Moosgrün.
»Das gibt’s doch nicht«, rief Sergeant Palmer frustriert. »Die Alte hat uns verarscht!«
Gregson schüttelte die Fäuste, während sich Jane auf die Lippe biss.
Tom fuhr sich nachdenklich durch sein rotblondes Haar. Er schloss die Augen. Denk wie Veyron Swift, sagte er sich. Zweifellos sind wir an der richtigen Adresse. Fowler muss einen falschen Namen an der Klingel haben, denn das Haus hat fünf Stockwerke, und alle Klingeln sind belegt. Das Haus hat auch fünf Fensterreihen. Nur eine einzige Wohnung hier oben sei bewohnt, die Vierte auf der rechten Seite, hat die Alte gesagt. Aber es gibt keine Türen. Es gibt Fenster, aber keine Türen.
»Er hat die Türen zugemauert«, rief er aus, warf sich herum und eilte zurück ins Treppenhaus. Er sprang die Stufen nach unten in den vierten Stock, rannte zur vierten Wohnungstür auf der rechten Seite und läutete Sturm. Wütendes Schimpfen erklang auf der anderen Seite der Tür. Ein verschlafener Mann mittleren Alters öffnete ihm. Smithers, wie Tom von der Klingel ablas.
»Auf geht’s Professor«, rief er in den leeren Flur. »Ich brauche Ihre Hilfe!«
Die Zauber Elderwelts funktionierten auch in der ihren, das wusste Tom. Schon einige Male hatte er diesen einen speziellen Zauber angewandt. Auch jetzt versagte er ihm nicht den Dienst. Aus dem Nichts materialisierte sich ein Schwert in seiner Rechten, die Klinge lang und schmal, fast wie ein Rapier, in dessen blanken Stahl ein verschnörkeltes Muster aus Saphiren eingearbeitet war. Es begann blau zu schimmern. Das Daring-Schwert, die Waffe eines mächtigen Magiers, nach dessen Tod erfüllt von seinem Geist. Es war zu allerhand fantastischen Dingen in der Lage. Mehr als einmal hatte Tom damit schon sein Leben verteidigt.
Mr. Smithers, der Tom eben wütend anfahren wollte, sprang mit einem gellenden Aufschrei zurück. »Hilfe! Ein Irrer«, keuchte er und hob die Hände.
Tom beachtete ihn nicht weiter, sondern stürmte in die Wohnung, vorbei an Küche und Bad, hinein ins Wohnzimmer. Dort riss er das nächstbeste Fenster auf und trat hinaus auf den Sims. Er blickte nach oben, auf die Fensterreihe über ihm, knapp zweieinhalb Meter entfernt. Hinaufspringen kam nicht infrage, und Fassadenklettern zählte nicht zu Toms Hobbys. Aber es gab andere Möglichkeiten.
»Junge, tu das nicht«, hörte er Smithers verängstigt rufen.
Nur nicht nach unten sehen, dachte Tom. Er reckte das Schwert in beinahe heroischer Pose über seinen Kopf. Smithers gab einen Laut des Entsetzens von sich. Was der Mann dachte, konnte sich Tom schon ausmalen. Nun, gleich würde er ein Wunder erleben. Tom umfasste den Griff der Waffe mit beiden Händen, blickte auf den verschnörkelt gestalteten Handschutz und konzentrierte sich kurz. Wieder rief er den magischen Geist des Daring-Schwerts an.
»Bringen Sie mich nach oben, Professor«, flüsterte er.
Das Schwert in seinen Händen ruckte, er umklammerte den Griff fester. Im nächsten Augenblick ruckte die Waffe wie von eigenem Leben erfüllt, und Tom überließ sich ihrer Führung. Während er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Griff hängte, pendelte er herum und sah Smithers in seinem Wohnzimmer vor Schreck rückwärts taumeln. Der Mann stieß an die Kante eines Schranks und sackte zu Boden. Hinter dem Mann tauchten die Gestalten von Jane und Inspektor Gregson auf. Das Schwert zog ihn aufwärts. Sollten sich die beiden um den armen Smithers kümmern; Tom war auf der Jagd.
Sofort, als er den schmalen Mauervorsprung unter seinen Sneakers hatte, ging er in die Hocke. Eine falsche Bewegung und er würde abstürzen. Mit der einen Hand krallte er sich in das Mauerwerk, während mit der anderen das Schwer festhielt. Sämtliche Fenster auf dieser Etage, die er sehen konnte, waren mit mitternachtsblauer Farbe angestrichen, absolut blickdicht. Henry Fowler wollte in seinem Versteck nicht gestört oder beobachtet werden. Kein Wunder, strangulierte er dort ja junge Frauen. Jetzt würde ihm jedoch der Garaus gemacht. Tom stach das Schwert durch das Fensterschloss. Wie ein heißes Messer durch Butter fuhr die Klinge durch Holz und Stahl, sprengte das Schloss in Stücke. Tom schob das Fenster auf und sprang in die Wohnung des Mörders.
Es war stockfinster. Der wahnsinnige Fowler hatte nicht nur sämtliche Fenster abgedunkelt, sondern obendrein auch die Wände und Decken schwarz gestrichen. Auf dem Boden war schwarzer Kunststoff verlegt. Tom konnte überhaupt nichts sehen. Allein der bläuliche Schimmer der Saphire seiner Zauberwaffe enthüllte ein paar Details. Sogar Tische und Sessel waren in Schwarz gehalten. Tom schüttelte den Kopf, versuchte, sich zu konzentrieren. Er spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug, und er wagte kaum zu atmen. Es war beinahe totenstill. Von irgendwoher kamen leise, gleichmäßige Atemgeräusche. War es Fowler? Der Wahnsinnige hatte bestimmt bemerkt, wie Tom in seine Wohnung eingedrungen war. Nun lauerte er ihm auf.
Vorsichtig schlich Tom weiter, mit dem Schwert mal hierhin, mal dorthin leuchtend. Vor ihm auf dem Boden konnte er einen großen Umriss ausmachen. Für einen Moment glaubte er, es handle sich um einen aufgerollten Teppich, doch dafür erschien ihm der Gegenstand zu groß. Er hielt die Luft an. Es war ein Körper!
»Mist«, flüsterte er kaum hörbar. Vorsichtig, ganz vorsichtig, näherte er sich. Der Manie Fowlers entsprechend war die Gestalt am Boden in schwarze Gewänder gehüllt und an Armen und Beinen gefesselt. War es sein jüngstes Opfer? Veyron hatte ihn ja ständig per Nachrichten gewarnt. Kam Tom zu spät?
Er näherte sich und untersuchte die bedauernswerte Person. Trotz der Dunkelheit war sie unschwer als stark übergewichtig auszumachen, die Finger plump und … sie hatte einen Bart.
Tom stutzte.
Hinter ihm erklang ein leises Klick. Licht ergoss sich über den Raum. Im gleichen Augenblick machte Toms Herz einen Satz. Er war voll in die Falle getappt!
»Ich habe dich schon erwartet«, meldete sich eine neue Stimme, erfüllt von boshafter Zufriedenheit, die eigene Schläue bewundernd und die Dummheit Tom Packards verhöhnend.
Langsam drehte sich Tom um – und sein Herz machte einen weiteren Satz.
Es war nicht der Sicherheitsbolzen einer Waffe, was da geklickt hatte, sondern der Schalter einer kleinen Nachttischlampe. Von deren Schein spärlich beleuchtet blickte Veyron Swift seinem Patensohn sichtlich entspannt ins Gesicht. Hochgewachsen und hager, das markante, scharf geschnittene Gesicht von schwarzem Haar umkränzt, lümmelte Veyron auf der pechschwarzen Couch dieses Irren. Der Mann zu seinen Füßen musste demnach Henry Fowler sein, gefesselt und geknebelt; obendrein bewusstlos.
Tom sprang auf und steckte das Daring-Schwert in den Gürtel, wo es sich augenblicklich in Luft auflöste. Die Gefahr war vorüber, vorerst wurde es nicht mehr gebraucht.
Mit einem unverschämten Grinsen im Gesicht saß sein Pate vor ihm. Tom wusste erst nicht, was er sagen sollte, und dann sprudelten die Fragen nur so aus ihm heraus: »Wie lange sind Sie schon hier? Wo waren Sie die ganze Zeit? Wie kamen Sie hier überhaupt rein? Wo ist das Opfer? Was ist mir ihr passiert?« Er war sich nicht sicher, ob er erleichtert oder wütend sein sollte. Zu erstaunlich kam ihm Veyrons plötzliche Anwesenheit vor.
»Tom?«, hörte er Janes Stimme vom Fenster aus.
Er lehnte sich hinaus. Gegen das Zwielicht des frühen Morgens sah er den Kopf der Polizistin, die zu ihm hinaufsah.
»Kommen Sie herein, Willkins. Es besteht keinerlei Gefahr«, rief ihr Veyron zu.
Tom hörte Jane einen derben Fluch ausstoßen. Ächzend stieg sie durch das Fenster.
»Gregson immer mit seinen verdammten Räuberleitern. Ich hasse diese Stunts«, murrte sie, dann kam zu ihnen. Jane bückte sich, um den gefesselten Fowler zu untersuchen. Mit einem Seufzen steckte sie die Pistole weg und starrte Veyron entgeistert an.
»Die Geheimtür, Willkins«, antwortete er auf die nicht gestellte, aber offensichtliche Frage. »Henry Fowler hat eine Geheimtür gebaut, die er geschickt getarnt hat. Von außen glaubt man tatsächlich, er hätte alle Türen des Stockwerks zugemauert. Alles sauber verputzt. Die grüne Wandfarbe verbirgt geschickt alle Unregelmäßigkeiten. Allerdings sind mir Schleifspuren am Boden aufgefallen, zwei sehr schmale, geschwungene Kratzer, verursacht durch das Öffnen der Geheimtür.« Veyron stutzte einen Moment, dann warf er Jane ein schulmeisterliches Lächeln zu. »Ich bin überzeugt, sie wären Ihnen selbst noch aufgefallen, Willkins. Wie dem auch sei: Nachdem ich also sicher war, dass Fowler unser Serienmörder ist, bin ich hier eingebrochen und musste nur noch warten, bis er mit seiner Beute zurückkehrte. Übrigens: Sein Opfer, Miss Anita Henderson, liegt drüben im Schlafzimmer. Er hat sie betäubt, aber sie befindet sich außer Lebensgefahr.«
»Eine Geheimtür? Teufel noch eins! Und wir haben das nicht bemerkt«, mischte sich nun Inspektor Gregsons Stimme ein. Der Mann selbst stieg gerade durch das Fenster und sah sich für einen Moment angewidert um. »Alles schwarz, wie? Ein echter Psycho«, meinte er.
Veyron stimmte ihm sofort zu. »Obendrein gerissen, aber nicht gerissen genug. Er hat die Klingeln des fünften Stocks mit den Familiennamen seiner Opfer beschriftet. Ziemlich zynisch. Allerdings hat er vergessen, dies auf der Briefkastenanlage zu wiederholen. Es war ein Leichtes, sein Versteck ausfindig zu machen und hier einzudringen. Er leistete zwar ein wenig Widerstand, aber im Handumdrehen hatte ich ihn unter Kontrolle. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass er einige hervorragende Ideen ersann, sich jedoch als unfähig erwies, sie in gleichem Maße meisterhaft umzusetzen. So, mein lieber Inspektor: Hier haben Sie Londons meistgesuchten Serienmörder. Herzlichen Glückwunsch«, sagte er, schnellte einer Sprungfeder gleich in die Höhe und wandte sich in Richtung Ausgang.
»Moment«, rief ihm Tom hinterher. »Sie haben uns immer noch nicht gesagt, wie lange Sie hier schon rumsitzen. Was soll das heißen, Sie haben diesem Kerl aufgelauert?«
»Nun, ich wache hier schon seit einer Stunde und vierundfünfzig Minuten, falls du es genau wissen willst«, antwortete Veyron.
Gregson und Jane sackten die Kinnladen runter, Tom ballte die Fäuste. »Und die ganzen Nachrichten?«
»Etwas Motivation zu mehr Eile. Ich wollte hier nicht bis Sonnenaufgang auf euch warten.«
Jane stieß ein Lachen aus. »Heißt das, es bestand niemals Lebensgefahr?«
»Zumindest nicht mehr, nachdem ich Fowler ausgeschaltet hatte«, gab Veyron zurück.
Ungehalten verschränkte Jane die Arme, Gregson schüttelte den Kopf. Tom musste sich anstrengen, nicht irgendwas Beleidigendes von sich zu geben.
»Sie sind doch verrückt! Wir haben uns fast in die Hosen gemacht«, platzte es aus Jane heraus.
Mit einem gleichgültigen Schulterzucken nahm es Veyron zur Kenntnis. »Verrückt? Vielleicht, effizient ganz sicher – zum Glück für uns alle«, erwiderte er süffisant. Vom Wohnzimmertisch nahm er ein kleines, schwarzes Buch zur Hand und warf es Gregson zu, der es überrascht auffing.
»Das Schwarze Manifest«, las er vom Einband. »Was ist das?«
»Henry Fowlers Motiv, mein guter Inspektor. Es ist das wohl übelste Pamphlet dunkler Philosophie, das ich je gesehen habe. Eine Verherrlichung des Dunklen Meisters, des größten Tyrannen Elderwelts. Soweit ich es herauslesen konnte, verspricht der Glaube an den Dunklen Meister Unsterblichkeit, wenn man bereit ist, in seinem Namen Opfer zu bringen. Menschenopfer natürlich, und zwar nach streng festgelegten Ritualen. Sie werden feststellen, dass sie eins zu eins dem Vorgehen Fowlers entsprechen: Zuerst die Opfer strangulieren, dann den nackten Körper mit dunklen Schriftzeichen bepinseln. Die Übersetzungen werden Ihnen verraten, dass es sich um Fowlers geheime Wünsche handelt, deren Erfüllung er sich vom Dunklen Meister erhoffte. Auch die Drapierung der Opfer wird in diesem Buch festgeschrieben. Nackt und mit dem Gesicht nach oben bei Vollmond und mit dem Gesicht nach unten bei Neumond. Der nächste Vollmond ist morgen. Wir haben Fowler also gerade noch rechtzeitig gestoppt. Glücklicherweise, denn Henry Fowler, Inspektor, war ein hundertprozentiger Gefolgsmann des Dunklen Meisters – und das in unserer Welt. Diese Tatsache sollte uns große Sorgen bereiten«, erklärte Veyron. Er trat zur Wand und drückte eine bestimmte Stelle. Wie von Geisterhand schwang ein ganzes Stück der Mauer nach außen und offenbarte den Blick in den Flur des fünften Stocks. Draußen wirbelten zwei uniformierte Constables herum, die Veyron verdutzt anstarrten. Er winkte ihnen kurz zu.
»Wo wollen Sie denn jetzt hin?«, fragte Tom erstaunt. Das kann doch alles nicht wirklich wahr sein! Sie mussten sich um die bewusstlose Frau kümmern, und bestimmt gab es noch ein paar Zeugen in der Nachbarschaft aufzuspüren.
Veyron drehte sich mit einem Ausdruck ehrlicher Überraschung zu ihm um. Für ihn schien dieser Fall abgeschlossen. Die polizeiliche Arbeit interessierte ihn nicht im Geringsten. »Heim in die Wisteria Road, Tom. Hier sind wir fertig. Also, was ist, kommst du mit? Das Taxi wartet bereits.«
Etwa ratlos drehte sich Tom zu Inspektor Gregson und Jane um. Beide blätterten abwechselnd im Schwarzen Manifest und schüttelten fassungslos die Köpfe.
Ein Buch für die Anhänger des Dunklen Meisters. Und das mitten in London! Na, wenn da mal kein neuer Ärger auf uns zukommt, dachte Tom finster. Was hatte Veyron eben gesagt? ›Hier sind wir fertig.‹ Das glaube ich noch lange nicht.
Wie versprochen stand unten auf der Straße schon ein Black Cab, dessen Fahrer sie recht maulfaul begrüßte.
»Harrow, 111 Wisteria Road«, sagte Veyron beim Einsteigen.
Der Taxifahrer grunzte ungehalten. »Geht’s noch? Das ist ja am anderen der Stadt«, murrte er.
Tom hörte ihn noch ein paar unflätige Worte sagen, weil man ihn so früh am Morgen (seiner Meinung nach mitten in der Nacht) von East End bis nach Harrow fahren ließ. Trotzdem ging es gleich darauf in einem sehr gemächlichen Tempo los. Leider blieb es auch in den kommenden Minuten bei der Trödelei, was Tom einigermaßen aufregte. Sein Adrenalinpegel war immer noch recht hoch.
»Mann, man könnte meinen, wir fahren rückwärts, so schnell sind wir. Warum nehmen wir eigentlich immer ein Taxi?«, beschwerte er sich bei Veyron. »Wenn ich nur endlich meinen Führerschein hätte! Dann könnte ich in Zukunft selber fahren.«
Veyron schürzte kurz die Lippen. »Das wird dir vorerst auch nicht viel helfen. Wir besitzen gar kein Auto, das du fahren könntest.«
Das stimmte, doch so leicht wollte Tom noch nicht aufgeben. Gerade fiel ihm etwas ein. »Aber Ihr Bruder hat doch eins! Diesen alten Käfer, den er nie benutzt. Den könnten wir doch zu uns in die Wisteria Road holen.«
»Schlag dir das gleich wieder aus dem Kopf! Wimilles Wagen wird nicht angefasst«, konterte Veyron sofort. Was seinen Bruder betraf, zeigte sich Veyron unglaublich streng und würgte jedes Gespräch über ihn auf der Stelle ab. Tom hob entschuldigend die Hände. Bisher hatte er Veyrons Bruder noch nie persönlich kennengelernt. Erst seit gut einem Jahr wusste er, dass Wimille Swift überhaupt existierte. Seitdem hatte er versucht, mehr über den Mann herauszufinden. Dass Wimille in Camden wohnte, einen blauen VW-Käfer Baujahr 1968 in der Garage hatte (den er nie benutzte; warum auch immer) und als Software-Entwickler arbeitete, war alles, was ihm in Erfahrung zu bringen gelungen war. Er fragte sich, was zwischen den beiden Brüdern vorgefallen war, dass sich Veyron dermaßen darüber ausschwieg.
Die weitere Fahrt verlief weitgehend still. Veyron begnügte sich damit, aus dem Fenster zu blicken, das Gesicht angespannt, die Blicke hin und her huschend, was seine rasenden Gedanken verriet. Tom versuchte dagegen, ein wenig von seiner Aufregung runterzukommen.
»Hoffentlich gibt die Spurensicherung das Schwarze Manifest schnell frei. Ich muss unbedingt herausfinden, wer solche Bücher herstellt und in unserer Welt verbreitet«, meinte Veyron nach einer ganzen Weile.
Tom ruckte hoch. Eben wäre er fast eingeschlafen, doch die Erwähnung dieses furchtbaren Buchs blies jeden Anflug von Müdigkeit sofort weg.
»Vielleicht hat dieser Fowler es selbst hergestellt. Könnte doch sein«, erwiderte er, worauf Veyron sofort den Kopf schüttelte.
»Sehr unwahrscheinlich. Henry Fowler ist mäßig fantasiebegabter Mensch mit einem unzureichenden Organisationstalent. Nein, ihm wurde dieses Buch zugespielt. Die Frage ist nur, von wem. Erinnerst du dich noch an den Tommerberry-Fall vor rund drei Jahren?«, konterte er.
Tom erinnerte sich noch gut daran. Es war ein kleiner – für Veyron enttäuschender – Fall gewesen, nur wenige Monate nach ihrem ersten großen Abenteuer in Elderwelt. Ein Buchhändler hatte mehrere Bücher verschwinden lassen und dann seinen eigenen Tod fingiert, um einen Raubmord vorzutäuschen. Alles nur, damit Tommerberrys Frau die Versicherungssumme kassieren und die beiden sich nach Jamaica absetzen konnten. Veyron war ihnen auf die Schliche gekommen und hatte die Wahrheit aufgedeckt.
»Klar«, sagte Tom. »Sie hatten den Mann ursprünglich verdächtigt, Zauberbücher voll Schwarzer Magie zu vertreiben. Am Ende kam nichts Interessantes dabei heraus. Mal von diesem sehr speziellen Betäubungsmittel abgesehen, das Tommerberry benutzte, um den eigenen Tod vorzutäuschen. Aber fragen Sie mich nicht nach Details, die hab ich alle schon vergessen.«
Veyron gestattete sich ein kurzes Lächeln, als er die kleine Zusammenfassung des Falls zu hören bekam. »Ich hatte den Fall nach dieser herben Enttäuschung zu den Akten gelegt«, stimmte er Tom zu. »Aber ich frage mich inzwischen, ob dies nicht ein wenig voreilig war. Tommerberry hat gezielt Bücher mit einem schwarzen Einband verschwinden lassen, ganz ähnlich dem des Schwarzen Manifests. Falls es wirklich mehrere Ausgaben dieses besonderen Buchs waren, woher hat er sie bezogen? Wer versorgt einen Buchhändler im Herzen Londons mit dunklem Machwerk aus dem Schattenreich Elderwelts? Tom, ich denke, wir sollten morgen früh dem Gefängnis einen kleinen Besuch abstatten. Mein Gefühl sagt mir, dass uns Tommerberry noch immer etwas zu erzählen hat, von dem wir bislang nichts wussten.«
Tom wetzte unruhig auf der Sitzbank hin und her. Der Gedanke, dass es noch mehr Exemplare dieses teuflischen Buchs geben könnte, die weitere Menschen zu mordenden Monstern wie Henry Fowler machen könnten, bereitete ihm regelrecht Angst. Eben wollte er Veyron vorschlagen, am besten sofort mit Gregson zu telefonieren, als er seinen Patenonkel konzentriert nach vorne starren sah.
»Schau nur! Was ist das?«, rief er neugierig. »Blaulicht vor 111 Wisteria Road? Das müssen wir uns ansehen!«
Tom machte große Augen. Im scheinbaren Frieden des frühen Morgens lagen die alten Backsteinhäuser der Wisteria Road vor ihm, doch direkt vor ihrem Haus stand ein Polizeiauto, die Warnblinker und das Blaulicht auf dem Dach eingeschaltet. Zu sehen war allerdings niemand, keine Spur von den dazugehörigen Polizisten. Selbst von den Nachbarn ließ sich keiner blicken, weder auf der Straße noch hinter den Fenstern ihrer Häuser.
Veyron befahl dem Taxifahrer, links ranzufahren und anzuhalten. Die restlichen Meter wolle er zu Fuß gehen. Der Mann hatte nichts dagegen und tat, wie ihm geheißen. Veyron bezahlte ihn, und schon schlüpfte er nach draußen, gefolgt von Tom. Er musste regelrecht laufen, um mit den forschen Schritten seines Patenonkels mitzuhalten.
Als sie sich dem Haus näherten, konnte er die beiden Polizisten ausmachen. Stocksteif saßen sie in ihrem Dienstwagen und schienen auf jemanden zu warten. Vielleicht auf Veyron? Toms Anspannung wuchs. Hatte sein Patenonkel etwas ausgefressen? Es war ja bekannt, dass Veyron sich die Gesetze bisweilen recht arg zurechtbog, um bei seinen Ermittlungen ans Ziel zu gelangen.
Nein, mit den beiden Männern stimmte etwas nicht. Sie machten nicht einmal Anstalten, sich zu bewegen, als Veyron direkt neben die Fahrertür trat und in den Wagen spähte. Tom umrundete den Wagen und schaute durch die Frontscheibe. Jetzt fielen ihm ihre aschfahlen Gesichter auf, aus denen Augen starrten, ohne ihn oder sonst etwas zu sehen. Irgendwie wirkten sie auf Tom seltsam ungesund, matt und bleich. Er schluckte, bevor er sich an Veyron wandte. »Sind sie … sind diese Männer etwa …. tot?«, fragte er leise.
Mit konzentriertem Gesichtsausdruck versuchte Veyron, etwas im Innern des Polizeiwagens zu erkennen. »Constable John Walker und Constable Harold Trench«, las er von den Namensschildern ab. Vorsichtig klopfte er gegen die Seitenscheibe, doch der Fahrer, Constable Walker, reagierte nicht.
»Oh mein Gott«, schnappte Tom. »Die sind tatsächlich tot!«
Veyron verzog kurz das Gesicht, dann schüttelte er den Kopf. »Irrtum, mein lieber Tom. Tote atmen nicht. Vielleicht stehen die beiden unter dem Einfluss von Drogen – oder etwas ganz anderem. Komm, wir gehen ins Haus.«
Tom fröstelte. Instinktiv rieb er sich die Arme, denn ihm war schlagartig kälter geworden, und sicher nicht wegen zweier zugekiffter Bullen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Es schien ihm, als läge ein dunkler Zauber in der Luft, etwas, das er schon seit fast einem Jahr nicht mehr gespürt hatte. Er folgte Veyron die Stufen hinauf zur Haustür, wo der schlaksige Ermittler stehen blieb.
Ein schiefes Lächeln flog über seine dünnen Lippen. »Ach, sieh an: Bei uns wurde eingebrochen, Tom!« Veyron gab der Haustür einen sanften Schubs. Ohne Widerstand schwang sie ein paar Inches auf. Veyron deutete auf ein paar Metallteile am Boden, die unschwer als ein zerbrochener Schlosszylinder auszumachen waren.
»Sieh nur: Das Holz rund um das Schloss ist nicht geborsten. Wer immer unser nächtlicher Besucher ist, er hat keine rohe Gewalt benutzt, sondern Magie«, erklärte er mit einer unangebrachten Fröhlichkeit in der Stimme. »Halt dich bereit, das Daring-Schwert zu rufen. Womöglich benötigen wir seine Hilfe.«
Das musste Veyron Tom nicht zweimal sagen. Er war sowieso schon drauf und dran, nach dem mächtigen Geist des Professors zu rufen.
Vorsichtig schob Veyron die Tür ganz auf und trat in den schmalen Flur, Tom dicht hinter ihm. Interessiert betrachtete Veyron das alte Parkett, holte sein Smartphone heraus und schaltete die kleine Lampe ein. »Aha, Damenbesuch. Du siehst es an den Spuren, die ihre Schuhe im Staub hinterlassen haben. Sie führen ins Wohnzimmer«, dozierte er.
Tom vermochte dagegen nichts zu erkennen. Ihm blieb mal wieder nur, die scharfe Beobachtungsgabe seines Paten zu bestaunen. Veyron schaltete die Lampe ab und marschierte schnurstracks in den besagten Raum, wo er ohne weiteres Zögern das Licht einschaltete. Tom schnappte nach Luft.
Eine Frau saß in Veyrons altem Ohrensessel, schlank und hochgewachsen, doch ganz eindeutig keine Besucherin aus der Nachbarschaft. Ihre leichenblasse Haut stand im Kontrast zu der dunklen Mähne, die ihr bis zu den Hüften reichte. Ihr voluminöses schwarzes Kleid wallte bis zu den mit Silber beschlagenen Stiefelspitzen hinab. Erwartungsvoll hob sie den Blick, wobei im gedimmten Licht der Lampe ihr beeindruckendes Diadem schillerte, aus dessen mit Diamanten und Rubinen besetztem Metallreif sieben messerscharfe Zacken wuchsen. Darunter blickten tiefschwarze Augen Veyron und Tom an, zwei Moortümpeln gleich, als wäre die Fremde der leibhaftige Tod. Eine Dämonin, keine Frage! Wäre sie ein Mensch, Tom hätte sie als ausnehmend attraktiv beschrieben. Doch so konnte man nicht wissen, ob ihre feinen, jugendlichen Gesichtszüge nichts anderes als Illusion waren.
»Ich habe Euch erwartet, Meister Veyron Swift«, begrüßte sie Toms Paten mit gebieterischer Stimme. Lautlos erhob sie sich aus dem Sessel. Ihr Gewand, welches Tom an das opulente, schwarze Hochzeitskleid einer elisabethanischen Adeligen erinnerte, raschelte bei jedem Schritt, den sie machte. Misstrauisch wich er zur Seite und musste aufpassen, nicht auf die meterlange Schleppe zu treten, die sie hinter sich herzog. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich in diesem Aufzug überhaupt bewegen konnte.
Veyron setzte sich zunächst einmal in seinen Sessel, als ob er testen wollte, ob sie irgendetwas damit angestellt hatte. Da dies offensichtlich nicht der Fall war, lächelte er zufrieden, legte die Fingerspitzen aneinander und wartete einen kurzen Moment. Die Dämonin hatte sich vor das Bücherregal begeben und studierte die einzelnen Bände. Erst jetzt fiel Tom auf, dass ihr rechter Arm eine silbern glänzende und aufwendig verzierte Panzerung trug, die bis zu den Fingern reichte und diese in messerscharfen Krallen enden ließ. Ein guter Grund, noch einmal etwas weiter zurückzuweichen.
»Darf ich fragen, was eine der Sieben Schatten des Dunklen Meisters hierher führt?«, wollte Veyron von der Fremden wissen.
Tom hielt kurz die Luft an, als er das hörte. Eine der Schatten! Erst letztes Jahr hatten sie mit dem Anführer dieser besonders üblen Sorte Dämon zu tun gehabt, dem Schattenkönig. Er galt als die rechte Hand des Dunklen Meisters, sein treuster und bösartigster Gefolgsmann. Nur mit allergrößter Mühe waren sie seinen Fallen und Machenschaften entronnen – Jane hatte es beinahe das Leben gekostet.
Die Schattin lächelte, bleckte dabei spitze Vampirzähne. Sie war wahrhaftig eine Dämonin. Tom griff schon an seine Hüfte, um das Daring-Schwert zu sich zu rufen. Dieses Weib würde die Wisteria Road nicht lebend verlassen!
»Ihr habt es erkannt? Gut, dann stimmt es, was man über Euch in Elderwelt erzählt«, erwiderte sie.
Veyron deutete mit der Linken auf die alte Couch. Langsam wandte sich die Dämonin um und nahm Platz; vollkommen lautlos. Normalerweise konnten hier drei Personen nebeneinandersitzen, jetzt füllte sich die Couch mit dem gewaltigen, schwarzen Kleid des weiblichen Schattens.
»Man nennt mich die Seelenkönigin«, stellte sich die Dämonin schließlich vor.
Tom ballte die Fäuste, Veyron blieb dagegen gänzlich ungerührt, als wäre die Seelenkönigin eine einfache Klientin wie alle anderen.
»Interessant. Ich sollte Euch jedoch warnen, Mylady. Tom und ich, wir beide zählen zu den bittersten Widersachern Eures Meisters. Wir werden uns weder einschüchtern noch erpressen lassen«, ließ er sie in strengem Tonfall wissen.
Tom biss sich kurz auf die Lippe. Er war davon überzeugt, dass es jeden Moment um Leben und Tod gehen würde, doch die Seelenkönigin beließ es bei einem vergnügten Lachen. Für Tom klang es eiskalt und unmenschlich, und ihn fror noch mehr als zuvor. Wieder musste er sich die Arme reiben; er hatte ja schon eine regelrechte Gänsehaut!
»Ich komme nicht im Auftrag meines Herrn, Meister Swift. Ich bin hier, weil ich Eure Hilfe in Anspruch nehmen will«, erwiderte sie mit einer beängstigenden Gelassenheit. »Man trachtet danach, mich zu ermorden.«
Tom wäre beinahe ein Lachen entschlüpft, immerhin konnte er es noch in ein Husten umwandeln. Das musste ein Witz sein! Selbst wenn die Seelenkönigin nur einen Bruchteil der Fähigkeiten besaß, die der Schattenkönig letztes Jahr demonstriert hatte, dann wäre jeder Auftragsmörder gut beraten, sich möglichst weit von ihr fernzuhalten.
»Erzählt mir mehr«, bat Veyron mit ehrlichem Interesse.
Die Seelenkönigin warf Tom einen misstrauischen Blick zu, doch Veyron schüttelte sofort den Kopf, als hätte er ihre Gedanken erraten.
»Vor Tom könnt Ihr so frei reden wie vor mir. Er ist mein Assistent und absolut vertrauenswürdig. Natürlich werde ich ihn hinausschicken, wenn Ihr darauf besteht. Anschließend wird er jedoch von jedem Wort erfahren, das zwischen uns gefallen ist.« Sein Tonfall war unnachgiebig.
Die Seelenkönigin nickte ohne das geringste Anzeichen von Widerwillen. »So sei es. Zweifellos wisst Ihr, dass der Dunkle Meister vor rund eintausend Jahren vernichtet wurde und dass sein Dunkles Imperium damals zerfiel. Wir, seine obersten Diener, mussten uns verstecken. Nur der Schattenkönig führte weiter Krieg gegen die freien Völker. Nun ist es aber so, dass der Dunkle Meister lediglich seinen Körper eingebüßt hat, sein Geist ist nach wie vor lebendig«, begann sie zu erklären.
»Das wissen wir schon«, raunte Tom, was ihm einen zornigen Blick von der Seelenkönigin einerseits und ein listiges Lächeln Veyrons andererseits einbrachte. »Unablässig arbeitet der Dunkle Meister an seiner physischen Rückkehr, doch bis heute ist ihm das nicht gelungen«, fuhr er durch Veyrons Geste ermuntert fort.
»Genau da irrst du dich!«, zischte die Seelenkönigin Tom wütend an, dann wandte sie sich wieder an Veyron. »Der Dunkle Meister ist leibhaftig zurückgekehrt, in einem neuen Körper, und entschlossen, das Dunkle Imperium von Neuem zu errichten. Er ruft seine Schatten zu sich, und alle haben seinem Ruf geantwortet: der Schattenkönig und die anderen. Allein ich habe ihm meine Antwort versagt.«
Veyron erwiderte darauf nichts, doch Tom glaubte, genau zu wissen, was seinem Paten durch den Kopf ging. Sicher das Gleiche wie ihm: Wie in einem schlechten Mafia-Film, wo das Gangster-Liebchen mit dem Privatdetektiv anbandelt und die unschuldige Jungfrau in Not spielt. Hätte sie vielleicht mal besser nachdenken sollen, bevor sie von Elderwelt hierher gereist ist. Darauf fallen wir nicht herein!
»Bitte sprecht weiter, Mylady«, sagte Veyron, anstatt der Dämonin eine Abfuhr zu erteilen.
»Was?«, entfuhr es Tom schockiert. Sowohl Veyron als auch die Seelenkönigin ignorierten ihn.
»Ich hielt mich lange Zeit versteckt, denn wir Schatten werden von jedermann gehasst und gejagt. Eines Tages wurde ich des Versteckspiels überdrüssig und kehrte in meine einstige Heimat zurück. Seit etwa einhundert Jahren herrsche ich dort inzwischen als Königin. Es ist nur ein kleines Land und unwichtig für die Geschicke Elderwelts, doch es ist mein Land, und ich kann tun und lassen, was ich will. Jeder meiner Untertanen lebt und dient allein nach meinem Willen. Niemals wieder möchte ich mich daher einem größeren Herrn beugen müssen. Deshalb verweigerte ich dem Dunklen Meister den Gehorsam«, erzählte sie – genau, wie sich Tom das schon gedacht hatte.
Er stieß ein höhnisches Schnauben aus. »Moment mal, Seelenkönigin«, protestierte er. »Wir wissen ganz genau, dass der Dunkle Meister Euch in diesem Fall jederzeit die Kräfte entziehen kann. Es sind nämlich nicht Eure magischen Kräfte, die Ihr benutzt, sondern die seinen. Eure Kräfte sind sozusagen nur die App, die Euch von einem Provider, dem Dunklen Meister, zur Verfügung gestellt wird, um es mal so auszudrücken. Erzählt uns also keine Märchen!«
Mit einem Fauchen sprang die Seelenkönigin auf. Tom spürte, wie ihn eine unsichtbare Kraft packte und gegen die Wand schleuderte. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, nicht einmal schreien konnte er noch. Im nächsten Moment war die Seelenkönigin vor ihm, ihre metallenen Fingerkrallen an seiner Kehle.
»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Ich bin die Seelenkönigin! Du weißt nichts von mir – aber ich werde es dich lehren!«, herrschte sie ihn an.
Tom fehlte noch immer der Atem, um darauf etwas zu erwidern. Der finstere Zauber dieser Hexe fesselte ihn an die Wand, ließ ihm keinen Raum, sich zu wehren. Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung starrte er in die schwarzen Augen seiner Gegnerin. Mordgier stand ihr im Gesicht.
»Zur Erinnerung: Ihr seid zu uns gekommen, Seelenkönigin, und Ihr bittet uns um Hilfe. Von daher ist es wohl wenig ratsam, Eure potenziellen Helfer zu töten«, hörte er Veyron sagen. In aller Ruhe und Gelassenheit, als wäre der Ausraster dieser Dämonin nichts weiter als eine Showeinlage, lümmelte er mit überschlagenen Beinen seelenruhig in seinem Sessel.
Die Seelenkönigin atmete tief durch, dann löste sie ihren Zauber, und Tom rutschte hustend zu Boden. Kommentarlos kehrte die weibliche Schatten auf ihren Platz zurück. Tom schnappte gierig nach Luft und rappelte sich mühevoll auf. Seine Knie zitterten. Er befürchtete, jeden Moment wieder zusammenzusacken.
»Ja, es ist wahr. Ich bin durch meine Zauberkräfte mit dem Dunklen Meister verbunden. Er hat sie mir verliehen und mich zu einer Schatten gemacht. Und tatsächlich kann er diese Verbindung trennen und mir diese Kräfte wieder nehmen. Doch dies gelingt nur, indem er mich tötet«, gestand die Seelenkönigin halblaut. Resignation und Scham hatten die Mordgier auf ihrem blassen Gesicht abgelöst.
Tom musste kurz durchatmen, weil er nicht wusste, was er darauf sagen sollte. Er konnte ihr ja schlecht beweisen, dass sie log. »Hey! Ihr seid eine Schatten! Wer auf der Welt soll es mit Euch aufnehmen können? Der Dunkle Meister müsste schon selbst Jagd auf Euch machen. Also erzählt uns nichts!«, schimpfte er mit neu gewonnenem Selbstvertrauen und verschränkte die Arme. Sollte sie ihn doch ruhig erneut angreifen. Noch einmal würde sie ihn nicht so leicht überrumpeln.
Diesmal ließ sich die Seelenkönigin diese neuerliche Unverschämtheit jedoch gefallen. »Wir Schatten sind nicht ganz so unsterblich, wie du vielleicht denkst, Bürschchen. Der Schattenkönig ist der mächtigste von uns und besitzt ganz eigene Zauber, die es Sterblichen schier unmöglich macht, ihn auch nur zu verletzten. Wir anderen sechs sind da schon anfälliger. Durch unsere Verbindung weiß der Dunkle Meister genau, wann und wie ich die Kräfte nutze, die er mir übersendet. Er kann mich an jedem Ort der Welt aufspüren. Für mich gibt es kein Versteck. Selbst wenn ich ihn aus meinen Gedanken auszuschließen vermag, so nimmt er meine Präsenz selbst in der dunkelsten Höhle und dem fernsten Fleck der Erde wahr. Seine Häscher kann er überallhin schicken und mich angreifen. Es gibt auf der ganzen Welt keinen sicheren Ort für mich. Nur in meinem Königreich bin ich geschützt. Seine gedungenen Mörder müssten mein ganzes Volk überwinden, um zu mir zu gelangen«, fuhr sie fort. Nun schwang tatsächlich ein Hauch Verzweiflung in ihrer ansonsten kalten Stimme mit.
»Dann bleibt doch einfach dort«, blaffte Tom.
»Um darauf zu warten, dass mich eines Tages seine Armeen belagern und mein Volk dahingemetzelt wird, bis niemand mehr übrig ist, der mich schützen kann? Mich wundert allmählich, warum dich dein Meister als seinen Assistenten duldet«, gab sie bissig zurück.
»Ihr müsst Toms ablehnende Haltung vergeben, Mylady. In den letzten drei Jahren hat er nur wenig gute Erfahrungen mit den Gefolgsleuten des Dunklen Meisters gemacht. Eines dürfte jedoch bereits feststehen: Wenn selbst eine Armee Euch keinen dauerhaften Schutz bieten kann, so bin ich erst recht nicht dazu imstande«, mischte sich Veyron ein.
Tom musste lächeln. Endlich sagte sein Patenonkel dieser falschen Schlange, wie die Sache aussah.
Die Seelenkönigin nickte eifrig. »Diese Tatsache ist mir wohl bewusst, Meister Swift. Doch hat sich nun etwas ergeben, das mir einen dauerhaften Schutz vor dem Dunklen Meister verspricht. Der Orden der Simanui hat sämtliche Könige und Herrscher Elderwelts zu einer Konferenz geladen. Die Rückkehr des Dunklen Meisters und die Machenschaften seiner Heerscharen sind der Anlass. Sicher mögen nicht alle Herrscher diesem Aufruf Folge leisten, doch wenn es gelingt, eine breite Allianz gegen den Dunklen Meister aufzustellen, wäre mein Reich abgesichert. Ich wäre dann von Verbündeten umgeben.«
Das fand Tom interessant – und zugleich ein wenig unglaubwürdig. Die Simanui waren ein Orden mächtiger Zauberer, die meist im Geheimen operierten. Sie galten in Elderwelt als weise und mächtige Krieger. Und das Wichtigste: Sie waren die Erzfeinde aller Mächte der Finsternis. Niemals würden sich die Simanui mit einer der Sieben Schatten oder sonst einem Anhänger des Dunklen Meisters verbünden. Diese Frau verstrickt sich mehr und mehr in Widersprüche, dachte er mit grimmiger Zufriedenheit. Sie war dabei, sich selbst zu entlarven.
»Ich verstehe«, sagte Veyron mit geschäftsmäßiger Neutralität. »Es ist in Eurem eigenen Interesse, an dieser Konferenz teilzunehmen. Jedoch müsst Ihr dafür den Schutzkreis Eures Königreichs verlassen und wärt somit angreifbar.«
»Also, es sind doch sicher ein paar Simanui anwesend. Da traut sich selbst der Dunkle Meister nicht«, konterte Tom wütend. Wollte Veyron denn nicht erkennen, wie diese Frau sie an der Nase herumführte?
»So ist es, in der Tat. Zumindest zwei Simanui werden auf der Konferenz anzutreffen sein, mehr jedoch nicht. Bedenke zudem dies, Bürschchen: Der Dunkle Meister weiß durch unsere Verbindung genau, wo diese Konferenz stattfindet. Es wird ihm ein Leichtes sein, einen oder mehrere Attentäter in das Gefolge der anderen Herrscher einzuschleusen. Als Koch getarnt oder als Diener, vielleicht als Sklave oder als eine Tänzerin. Sogar als Berater und Wachsoldaten könnten sie auftreten. Es könnte jeder sein, den die anderen Könige auf diese Konferenz mitnehmen. An dieser Stelle kommt also Ihr ins Spiel, Meister Swift. In den letzten drei Jahren gelang es Euch mehrfach, die Pläne des Dunklen Meisters zu durchkreuzen. Ich erfuhr, dass Ihr dabei stets Gebrauch von Eurem schnellen Intellekt machtet, ebenso von der Fähigkeit, mehr in den Dingen zu sehen als alle anderen. Wenn es jemandem gelingen kann, den Attentäter des Dunklen Meisters aufzuspüren, dann Euch«, sagte sie entschlossen. »Als Gegenleistung werde ich Euch mit allem entlohnen, wonach es Euch verlangt. Kein Preis soll mir zu hoch sein, sofern ich ihn erbringen kann. Morgen werde ich nach Elderwelt zurückkehren. Bis dahin habt Ihr Zeit, über mein Angebot nachzudenken.« Die Seelenkönigin erhob sich und stolzierte zum Ausgang.
»Ich finde Euch unten im Hafen von Dover, nehme ich an«, rief ihr Veyron hinterher.
Überrascht blieb die Seelenkönigin stehen und drehte sich zu ihm um. »Woher nehmt Ihr dieses Wissen?«, fragte sie.
Tom glaubte, eine Spur Misstrauen herauszuhören.
»Die Nummernschilder des Polizeiautos stammen aus Dover. Die beiden Constables haben dort Lastwagen überprüft, die vom Kontinent herüberkamen. Das Klemmbrett mit einer Überprüfungsliste auf dem Armaturenbrett spricht eine eindeutige Sprache. Ich nehme an, Ihr besitzt die volle Kontrolle über die Gedanken der beiden Männer?«
»Sie sind meine Sklaven«, bestätigte die Seelenkönigin kalt, dann gestattete sie sich ein zufriedenes Grinsen. »Meine Wahl war richtig, was Euch betrifft. Ich hätte natürlich Euren Verstand ebenso übernehmen können, doch brauche ich Euren Geist frei und unabhängig. Den Verstand Eures vorlauten Mündels schützt dagegen ein mächtigerer Zauber, als ich ihn besitze. Leider. Lebt wohl, Veyron Swift.« Mit diesen Worten wandte sie sich um und verschwand nach draußen.
Kaum war sie fort, wurde es merklich wärmer in der Wohnung. Tom musste erst einmal tief durchatmen. Ganz klar: Dieses Weibsbild stellte ihnen eine Falle. Nie und immer durften sie sich auf diesen Handel einlassen. Sie sollten die Simanui warnen und auch sonst alle Freunde und Verbündeten in Elderwelt. »Okay, was tun wir jetzt gegen dieses Miststück?«, fragte er in Veyrons Richtung.
Der reagierte zunächst in keiner Weise, sondern saß einfach nur wie eingefroren da. »Gar nichts«, entschied er nach einer Weile.
Tom wollte das nicht glauben. »Das war die Seelenkönigin, eine der Sieben Schatten. Erst letztes Jahr hatten wir es mit dem Schattenkönig zu tun. Sie wissen doch am besten, dass dieser Mistkerl meine Eltern hat ermorden lassen. Diese falsche Schlange ist keinen Deut besser!«, schimpfte er.
Veyron blieb ganz gelassen. »Emotionen sind stets ein schlechter Ratgeber, Tom«, meinte er. »Ich zweifle nicht daran, dass die Seelenkönigin uns die Wahrheit sagte. Zudem tut sich uns hier eine einzigartige Chance auf. Wir könnten mehr über die Schatten erfahren als jemals jemand zuvor.«
Verzweifelt schüttelte Tom den Kopf. Dieses Teufelsweib musste seinen Paten irgendwie verhext haben. Das konnte doch nie und nimmer sein Ernst sein! »Veyron, wir dürfen diesen Auftrag nicht annehmen«, sagte er mit aller aufzubringenden Geduld. »Selbst wenn es wahr sein sollte, was sie sagt, bleibt sie immer noch eine der Sieben Schatten. Sie ist eine Tyrannin, die ohne Rücksicht jeden in einen willenlosen Sklaven verwandelt, wenn es ihren Zwecken dient. Wenn wir ihr helfen, dann stellen wir uns gegen alles, für das wir bisher gekämpft haben. Das würde uns zu Verrätern an der Sache des Lichts machen.«
»Wir könnten lernen, wie genau die Verbindung zwischen den Schatten und dem Dunklen Meister funktioniert, und wie er seine Kraft auf die Schatten überträgt. Das könnte uns eines Tages einen ganz enormen Vorteil verschaffen«, konterte Veyron, als hätte er Toms Worte eben gar nicht gehört.
Tom musste tief durchatmen. Natürlich war Veyrons Standpunkt verständlich, aber seiner Meinung nach überschritten sie hier eine Grenze, die sie nicht überschreiten sollten. Es fühlte sich einfach falsch an, der Seelenkönigin zu helfen. Nie und nimmer käme er auf die Idee, einem Tyrannen gegen einen anderen Tyrannen beizustehen. Das war purer Opportunismus. »Okay, Sie können sich ja zum Dienstboten dieser dunklen Königin machen, aber ich nicht. Wenn Sie diesen Auftrag annehmen, dann ohne mich. Ich mache da nicht mit!«, verkündete er laut.
Veyron zuckte kurz zusammen und musterte Tom interessiert. »Da bist du fest entschlossen?«
»Felsenfest. Veyron, wir sollten uns lieber darum kümmern, der Herkunft dieses Schwarzen Manifests auf die Spur zu kommen. Damit wäre viel mehr Menschen geholfen, als dieser falschen Schlange einen Gefallen zu erweisen. Außerdem ist nicht gesagt, dass dies alles am Ende nicht doch eine Falle ist, um uns nach Elderwelt zu locken. Wir können – nein, wir dürfen dieser Frau nicht vertrauen. Ich werde Ihnen da auf keinen Fall helfen, wenn Sie das wirklich durchziehen wollen.«
Veyron lehnte sich in die Polster seines Sessels zurück und schloss kurz die Augen. »Ja, vielleicht hast du recht. Es wäre nur schade um die verpasste Gelegenheit …«
»Nein, Veyron«, unterbrach ihn Tom. Nach fast drei Jahren mit Veyron Swift unter einem Dach wusste Tom genau, wie stur der Mann sein konnte, und dass er immer wieder versuchen würde, ihn von seinem Standpunkt zu überzeugen. »Ich mache da nicht mit, Gelegenheit hin, Gelegenheit her. Das ist mein letztes Wort.«
Veyron lächelte gutmütig. Ihm schien klar zu sein, dass sich Tom in dieser Sache keinesfalls überzeugen ließ. »Am besten ist, wir schlafen noch einmal darüber. Die Nacht war aufregend genug, und ich will nicht ausschließen, dass ich in diesem Fall dazu neige, meiner Neugier im ungesunden Maße nachzugeben. Wir sehen uns zum Frühstück. Ich will noch ein paar Informationsquellen aussortieren. Vielleicht kann ich mich auf diese Weise ein wenig ablenken. Um das Schwarze Manifest kümmern wir uns noch, soviel ist sicher. Schlaf gut.«
Er stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und trat hinaus auf den Flur. Tom lauschte seinen flinken Schritten, wie sie die Treppe hinaufhuschten und dann den Weg in Richtung Arbeitszimmer einschlugen. Ganz gleich, was Veyron ihm weismachen wollte: Das Thema Seelenkönigin war alles andere als abgeschlossen. Morgen würde die Diskussion in die nächste Runde gehen.
2. Kapitel: Auf dem Pfad des Grafen
Es war neun Uhr morgens, als es an der Tür klingelte. Zu diesem Zeitpunkt war Jane Willkins gerade erst vor zwei Stunden ins Bett gegangen. Natürlich hatte es nach der Verhaftung von Henry Fowler noch einige Arbeit auf dem Revier gegeben. Es geschah ja nicht jeden Tag, dass man einen gemeingefährlichen Serienmörder verhaften konnte.
Es klingelte erneut, diesmal länger. Den Unbekannten vor der Tür verfluchend rappelte sich Jane auf und zupfte ihr Nachthemd zurecht. Schlaftrunken wankte sie in Richtung Tür. Fest entschlossen, dem Störenfried eine ganze Reihe übler Beschimpfungen entgegenzuschleudern, nahm sie den Hörer von der Gegensprechanlage. »Ja?«
Jane wohnte im vierten Stock eines für Ealing typischen großen Wohnblocks. Sie würde also noch etwas Zeit haben, richtig wach zu werden, bis ihr Besucher den Weg von der Haustür bis hier herauf hinter sich gebracht hätte.
»Ich stehe schon vor der Tür, Willkins«, drang ein paar Meter weiter die Stimme des unerwünschten Besuchers gedämpft durch die Wohnungstür.
Jane verdrehte die Augen. Veyron Swift, wer sonst? Murrend machte sie auf und funkelte Veyron übellaunig an. »Es ist Samstagmorgen, verdammt!«
»Der fünfzehnte März, um genau zu sein. Morgen Nacht ist Vollmond«, erwiderte er mit einem Unschuldsblick, der seinesgleichen suchte.
»Nett, dass Sie mich daran erinnern«, gab sie bissig zurück. »Genau deswegen hatte ich nur sehr wenig Schlaf. Ich kann mich nämlich nicht einfach so wie Sie verdrücken, wenn ein Täter geschnappt wurde.«
»Hatten Sie nicht einmal erwähnt, Sie wären eher der nachtaktive Mensch?«, fragte er mit gespielter Verwunderung.
Jane schüttelte grummelnd den Kopf. »Kann schon sein. Bei Ihnen muss man aufpassen, was man sagt. Sie vergessen ja nie etwas, nicht einmal die geringste Kleinigkeit. Also, was wollen Sie?«
»Das tut mir leid. Ich wollte Sie nicht vor den Kopf stoßen. Es ist nur … nun, wie sage ich das am besten …«, raunte er und blickte an die Decke, als stünde dort die Antwort.
Das brachte Jane zum Schmunzeln, weil sie ihn ja inzwischen recht gut kannte. Mit dem Zwischenmenschlichen, da hatte es Veyron nicht so. Anfangs hatte sie ihn überhaupt nicht ausstehen können. Seine überhebliche Art, diese ständige Rechthaberei und obendrein die unsensible Weise, mit anderen Menschen umzugehen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie er bei einem ihrer ersten gemeinsamen Fälle eine Haushälterin wegen ›offenkundiger Unfähigkeit‹ niedergemacht hatte. Woher sollte die Dame denn aber wissen, wie man mit einer Horde diebischer Kobolde umzugehen hatte? Veyron zeigte nur wenig Verständnis für die Schwächen anderer Menschen; entsprechend hilflos war er, wenn er selbst eine Schwäche eingestehen musste. So wie jetzt. Normalerweise verbarg er so etwas, seit ihrem Krankenhausaufenthalt letztes Jahr arbeitete er jedoch an seinem Verhalten.
Tom hatte ihr erzählt, dass sich Veyron selbst die Schuld an ihrer Verwundung gab. Seitdem zeigte er sich viel freundlicher als früher. Für Gemeinheiten entschuldigte er sich meistens sofort – oder er verkniff sie sich gleich ganz. Nicht selten lud er sie nach einem überstandenen Fall auf einen Kaffee oder zum Essen ein. Ja, sie musste ehrlich zugeben, dass sich Veyron Swift gebessert hatte.
»Ach, vergessen Sie es«, meinte sie und winkte ab. »Kommen Sie erst mal rein. Kaffee?«
Veyron zuckte mit den Schultern. »Wenn es Ihnen keine Umstände bereitet, gerne.«
»Kein Problem. Den Weg zur Küche kennen Sie noch?«
Veyron erwiderte ihr schelmisches Lächeln mit einem kurzen Zucken der Mundwinkel, dann trat er in die Wohnung und steuerte auf die Küche zu. Bevor sie die Tür schloss, bemerkte Jane den großen, vollgepackten Rucksack, den Veyron auf dem Flur abgestellt hatte. Aha, dachte sie. Er will mal wieder verreisen.
Sie folgte ihm in die Küche, reichte ihm Zuckerdose und Löffel, holte schnell noch die Milch aus dem Kühlschrank und zwei Tassen aus dem Schrank. Er sagte kein Wort, während sie ihren Kaffeeautomaten einschaltete.
»Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie nun gegen Ihr schlechtes Gewissen antreten werden, oder schieben Sie die Sache weiter vor sich her?«, fragte er sie nach einer Weile durch das Zischen und Blubbern, mit dem der Automat derweil seine Arbeit tat.
Verwirrt drehte sie sich zu ihm um. »Was meinen Sie denn damit schon wieder?«
»Ich beziehe mich auf Ihre Diätpläne, Willkins – nicht dass Sie so was wirklich brauchen würden; ganz im Gegenteil. Doch es war ein zweifellos lieb gemeinter Rat Ihrer Freundin, obwohl Sie Weihnachten noch beschlossen, ihn zu ignorieren. Jetzt ziehen Sie diese Sache offensichtlich in Erwägung, haben aber noch keine endgültige Entscheidung getroffen.«
Ein wenig eingeschnappt und zugleich fassungslos, wie er das schon wieder wissen konnte, stellte sie ihm die Tasse etwas fester als üblich vor die Nase. Der Kaffee schwappte beinahe über. »Okay«, schnaubte sie. »Wer hat Ihnen das gesagt, oder spionieren Sie mir jetzt auch schon hinterher?«
Veyron lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, um Gottes willen, nein. Auf der Anrichte liegt ein Diätratgeber, funkelnagelneu. Vegetarisches Gleichgewicht. Werden Sie ein Kilo pro Woche los. Ich sehe außerdem in Ihrem Papierkorb noch die Schachtel, in der das Buch eingepackt war. Die Größe ist übereinstimmend. Zudem vermag ich am Pappkarton noch einen Streifen Tesafilm auszumachen, an dem ein Rest von Geschenkverpackung klebt. Silberne Schneeflocken auf rotem Papier. Zweifellos ein Weihnachtsgeschenk.«
»Okay«, räumte sie ein. »So weit stimmt es schon mal, was Sie sagen.«
Veyrons Lächeln wuchs noch einmal in die Breite. »Wer würde Ihnen wohl ein solch unsensibles Geschenk machen? Ihre Geschwister? Kaum, und sicherlich nicht Ihre Eltern. Auch ein Verehrer würde seiner großen Liebe unter gar keinen Umständen ein Buch zum Abnehmen schenken. Die höchste Plausibilität hat daher eine Freundin, mit der Sie vertraulich über dieses Thema sprachen. In ihrer freundschaftlichen Naivität war die Gute wohl der Meinung, Ihnen einen Gefallen zu tun. Sie haben das Geschenk jedoch seit Weihnachten nicht weiter angerührt, weil Sie sich ein wenig beleidigt fühlten. Wie auch immer: In den vergangenen Wochen kamen Sie auf die Idee, eine Diät in Erwägung zu ziehen, und haben das Machwerk schließlich ausgepackt. Das liegt jetzt ein paar Tage zurück, denn die Schachtel im Papierkorb liegt unter zahlreichen zerrissenen Briefumschlägen mit verschiedener Datierung. Vorhin konnte ich zudem einen kurzen Blick in Ihren Kühlschrank erhaschen. Sein Inhalt verrät mir eine alles andere als vegetarische, ausgewogene Ernährung. Folglich haben Sie die Ratschläge in diesem Buch noch nicht umgesetzt. Aber Sie überlegen noch, ansonsten wäre dieses Buch entweder ebenfalls in den Papierkorb gewandert oder hinauf ins Regal – und nicht mitten auf die Anrichte.«
Jane musste tief durchatmen. »Vor Ihnen ist doch wirklich nichts sicher. Nicht mal seinen Müll kann man in Ruhe liegen lassen«, warf sie ihm vor.
Beiläufig zuckte er mit den Schultern. »Ich beobachte nur, Willkins und ziehe aus dem Gesehenen meine Schlüsse. Nehmen Sie es nicht persönlich.«
Sie nickte und beschloss, endlich das Thema zu wechseln. Veyron Swift tauchte bestimmt nicht vor ihrer Tür auf, um über Diäten oder unsensible Freundinnen zu fachsimpeln. »Also, wie kann ich Ihnen helfen? Sind Sie schon wieder an einem neuen Fall dran?«, fragte sie ihn schließlich.
»Sozusagen. Ich fürchte, ich muss Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, Willkins. Wenn Sie sich also rasch was anziehen und zusammenpacken könnten … Wir müssen so schnell wie möglich aufbrechen. Spätestens bis Mittag sollten wir in Dover sein.«
Jane zuckte kurz zusammen. »Was wollen Tom und Sie denn in Dover? Geht es um das Schwarze Manifest?«
»Nein, nicht Tom und ich, sondern Sie und ich, Willkins. Nur wir beide. Tom ist diesmal nicht dabei«, erwiderte er, jetzt schon wieder viel kälter und distanzierter als noch vor einem Moment.
»Aha. Streit mit Tom?«
»Lediglich eine Meinungsverschiedenheit. Es ist besser, wenn er diesmal zu Hause bleibt. Ich kann ihn ja nicht ständig aus seiner gewohnten Umgebung herausreißen, wenn es einen Fall zu lösen gibt«, sagte er.
Jane nickte. Wie oft sie das Veyron schon gepredigt hatte. Offenbar fing er jetzt endlich an, ihre Ratschläge zu beherzigen. Eine weitere große Verbesserung. »Endlich nehmen Sie Vernunft an. Okay, wie lange werden wir weg sein?«
»Schwer zu sagen. Wir fahren nach Dover, von dort geht es sehr wahrscheinlich nach Elderwelt. Eventuell ein paar Wochen, vielleicht auch ein paar Monate – aber das ist jetzt eine sehr pessimistische Einschätzung«, erklärte er.
Sie japste, als sie das hörte. Ein paar Wochen? War er denn total übergeschnappt? »Veyron, das geht nicht …«, begann sie und suchte nach den richtigen Worten, um es ihm schonend beizubringen. Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, hob er beruhigend die Hände.
»Machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Urlaubsantrag lautet auf unbestimmte Zeit und liegt bereits auf Inspektor Gregsons Tisch, genehmigt von Commissioner Hopkins.«
»Was?«, stieß sie ungläubig hervor. Ihre Gedanken rasten wild hin und her, verzweifelt bemüht, irgendeine Ordnung zu finden. Was hatte Veyron da nun wieder angerichtet? »Haben Sie meine Unterschrift gefälscht? Das fällt Gregson doch sofort auf!«
»Nein, das habe ich selbstverständlich nicht getan. Der Antrag ist maschinell ausgefüllt«, rechtfertigte er sich ein wenig fahrig und pikiert, als hätte sie ihm unterstellt, ein Einfaltspinsel zu sein.
Jane atmete erleichtert aus.
»Ich musste lediglich die Unterschrift des Commissioners fälschen«, sagte Veyron schließlich.
Instinktiv schlug Jane die Hände vors Gesicht. »Veyron …«
»Keine Sorge, ich habe zwei Stunden damit verbracht, sie zu üben. Es hat mich einige Dutzend Versuche gekostet, aber das Ergebnis ist perfekt, und …«
»Veyron!«, unterbrach sie ihn.
»Sie haben recht. Es tut mir leid. Natürlich hätte ich Sie vorher einweihen müssen. Aber ich hatte einige Vorbereitungen zu treffen, viele davon simultan. Es blieb keine Zeit mehr, um …«
Abermals schnitt sie ihm mit einem »Veyron!« das Wort ab; diesmal sehr viel lauter.
Aufmerksam blickten seine großen, eisblauen Augen sie an. Mit den hochgezogenen Augenbrauen und dem zusammengekniffenen Mund wirkte er wie ein übergroßer Spitzbub, den man gerade bei einem Streich erwischt hatte.
»Das geht nicht, was Sie da machen. Sie könne mich nicht einfach so entführen, okay? Im Gegensatz zu Ihnen führe ich ein geregeltes Leben. Ich kann mich nicht einfach in ein Abenteuer stürzen.«
Veyron zuckte zurück, vollkommenes Unverständnis auf seinem hageren Gesicht. »Ich führe ebenfalls ein sehr geregeltes Leben, Willkins, sehr viel geplanter und geregelter als das Ihre oder das von Inspektor Gregson. Bitte vertrauen Sie mir. Ich würde Sie nicht um Hilfe bitten, wenn es nicht notwendig wäre. Doch ich brauche einen Assistenten, und ich wüsste niemanden, der dafür besser geeignet wäre als Sie.« Er atmete einmal tief durch und schloss kurz die Augen.
Ein Moment verging.
»Ich brauche Sie, Jane«, sagte er.
Unentschlossen rang sie ihre Finger. Jane, hatte er gesagt. Das tat Veyron nur, wenn er es absolut ehrlich meinte. Er wurde sonst nie persönlich. Also nach Elderwelt, dachte sie. Einmal war sie schon dort gewesen und hatte einige Abenteuer erlebt. Trotz zahlreicher misslicher Lagen, in die sie geraten waren, hatte sie es eigentlich recht genossen. Sollte sie sich diese Chance entgehen lassen, dieses magische Reich erneut aufzusuchen?
»Also gut. Was soll ich einpacken?«, fragte sie.
Eine halbe Stunde später waren sie unterwegs. Jane wollte zunächst ihren Wagen nehmen, doch Veyron bestand darauf, mit dem Zug zu fahren, weil das schneller ginge. Also fuhren sie zum Bahnhof St Pancras International. An den ziegelroten, kathedralgleichen Bau des alten, viktorianischen Bahnhofsgebäudes schloss im Osten ein moderner Gebäudekomplex aus Stahl und Glas an, und diese Mischung aus Alt und Neu erinnerte Jane unweigerlich ein wenig an das, was vor ihnen lag. In Kürze würden sie die moderne Welt verlassen und in die archaische, von Magie beherrschte Elderwelt übertreten.
Mit dem Zug ging es ohne Halt nach Dover, und während der Fahrt zeigte sich Veyron recht verschwiegen. Die ganze Zeit über schaute er nur aus dem Fenster ihrer Reisekabine, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet.
»Was ist eigentlich aus dem Schwarzen Manifest geworden? Konnten Sie da schon was rausfinden? Das war ja ein echt gruseliges Buch«, versuchte sie, ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Es gab nicht viel, mit dem man Veyron begeistern konnte, aber für außerweltliche Themen war er eigentlich immer zu haben.
»Nein, bedauerlicherweise konnte ich dafür noch keine Zeit erübrigen. Nach meiner Rückkehr plane ich allerdings einen Besuch bei Mr. Albert Tommerberry«, sagte er, ohne sie dabei anzusehen.
»Dieser Buchhändler, der seinen Tod fingiert hatte? Der sitzt doch im Gefängnis«, meinte sie überrascht.
»Ihr Gedächtnis funktioniert, Willkins. Sie selbst waren dabei, als es damals zur Verhaftung kam«, erwiderte er kalt.
Jane ballte kurz die Fäuste. Da war er wieder, der gefühllose, stoische, gemeine Veyron Swift. Dann eben nicht, dachte sie beleidigt und tat es ihm gleich, sinnlos aus dem Fenster zu starren. Ein paar Minuten später verschwamm die vorbeihuschende Landschaft vor ihren Augen, ihre Lider fielen zu, doch gerade, als sie so richtig in die Tiefschlafphase versank, weckte sie Veyron auch schon wieder auf.
»Wir sind da.«
Mit ihren Rucksäcken (ihrer war viel üppiger bepackt als jener Veyrons) verließen sie den Zug und machten sich auf die Suche nach den Lkw-Parkplätzen. Veyron nutzte die Zeit, um sie über die letzten Ereignisse in der Wisteria Road aufzuklären.
»Ich konnte im Dienstwagen der beiden Polizisten, die meine Klientin in die Wisteria Road brachten, ein rumänisches Wörterbuch auf dem Armaturenbrett erkennen; aufgeschlagen. Daher scheint es mir schlüssig, anzunehmen, dass sie damit beschäftigt waren, mit einem rumänischen Fahrer ins Gespräch zu kommen, als sie von meiner Klientin übernommen wurden«, erklärte er ihr, während sie auf den riesigen Parkplätzen die Lastwagen abklapperten.
»Übernommen? Sie meinen im Sinn von Kontrolle?«, hakte sie nach.
Veyron bestätigte das kurz, dann konzentrierte er sich wieder auf die Nummernschilder der Trucks.
Schließlich fanden sie fünf Lastzüge aus Rumänien, die laut Logo und Aufschrift einer Spedition mit den Namen Demeter Transports gehörten. Die Fahrer standen in einer kleinen Gruppe beisammen. Jane bemerkte jedoch, dass sie kein einziges Wort sprachen. Die fünf Männer standen einfach nur da, starrten sich an und regten keinen Muskel. Ihre Augen wirkten trübe, als stünden sie unter Drogen. In der Nähe parkte ein Polizeiwagen, doch die beiden Constables im Inneren zeigten am Geschehen keinerlei Interesse. Auch sie schienen nur in eine einzige Richtung zu starren. Trotz der hellen Mittagssonne kam Jane das alles sehr gespenstisch vor.
»Mit denen stimmt etwas nicht«, raunte sie Veyron zu, der kurz die Augen zusammenkniff.
»Mit meinen Männern ist alles in Ordnung«, erklang hinter ihnen eine weibliche Stimme.
Veyron und Jane drehten sich um, wobei Veyron ein kurzes Lachen ausstieß. »Interessant«, sagte er.
Jane wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Vor ihnen stand eine junge Frau, allerhöchstens Mitte zwanzig, hochgewachsen und gertenschlank. Die perfekte Modelfigur, dachte Jane mit einem Anflug von Neid. Sie war zwar ebenfalls schlank, aber ein paar Kilo könnten ruhig noch runter – wie bereits ihre charmante Freundin angemerkt hatte.
Die junge Frau entblößte ihre Zähne zu einem wölfischen Grinsen, während sie ihnen entgegenkam. Jane fand, dass es für das enge Tanktop und die knappe schwarze Lederjacke der Lady noch etwas zu frisch war, sie hatten immerhin erst Mitte März. Offenbar gab sich die Dame hart im Nehmen. Und streng schien sie auch zu sein, zumindest erweckte das blonde – beinahe schon weiße –, zu einem Zopf geflochtene Haar diesen Eindruck. Verunsichert fuhr sich Jane mit den Fingern durch ihr eigenes dunkles, offen herabhängendes Haar. Irgendwie schien die Fremde optisch das genaue Gegenteil von ihr zu sein.
»Hervorragend«, sagte die Frau und schnippte mit den Fingern.
Vor Janes Augen wurden die Fahrer plötzlich lebendig, traten auseinander und eilten zu den Führerhäusern ihrer Trucks.
»Ihr habt Euch also entschlossen, meinen Auftrag anzunehmen. Sehr gut. Hier«, sagte sie an Veyron gewandt und zog zwei Tickets hinter ihrem Rücken hervor. »Boardingpässe für die Fähre. Die Whitby 2. Ich sehe, Ihr habt Euren vorlauten Bengel zurückgelassen und gegen eine weibliche Begleitung eingetauscht? Mir soll es recht sein.«
Sie berührte das eine Ticket mit ihren Lippen wie zu einem kurzen Kuss. Jane weitete überrascht ihre Augen. Eben hatte noch Thomas Packard als Name darauf gestanden, der nun spurlos verschwunden war. Sie muss eine Hexe sein, dachte Jane und spürte, wie sie sich auf einmal erheblich unbehaglicher fühlte.
»Jane Willkins«, sagte Veyron beiläufig.
Die junge Hexe schüttelte das Ticket und reichte es Jane. Tatsächlich: Jetzt stand ihr Name darauf. Etwas ratlos blickte sie zu Veyron.
»Ich habe das Gefühl, Sie müssen mir noch ein paar Sachen erklären«, flüsterte sie ihm zu.
Veyron schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln, dann wandte er sich wieder der Hexe zu. »Bei unserer letzten Begegnung habt Ihr ein anderes Outfit getragen, Mylady. Ich nehme an, diese Tarnung ist eine Projektion in unseren Gedanken und nicht Euer tatsächliches Erscheinungsbild?«
Die Hexe lächelte selbstgefällig. »Zutreffend erkannt, Meister Swift. Aber bitte, nennt mich Jenna Davis, solange wir uns in Eurer Welt aufhalten. Wir müssen los. In Calais sehen wir uns wieder, danach fahren wir weiter nach Rumänien.«
»Sie gehen gar nicht mit an Bord?«, fragte Jane misstrauisch.
Jenna Davis lachte kurz auf. »Doch, aber als Frachtgut. So ist es sicherer, falls sich Spione des Dunklen Meisters an Bord der Fähre aufhalten«, sagte sie und stieg ins Führerhaus eines der Lastwagen.
Veyron nahm Jane am Arm und führte sie von den Lastwagen fort. Wütend patschte sie ihm auf die Finger.
»Sie hätten mir sagen sollen, dass wir es mit einer Hexe und dem Dunklen Meister als Gegenspieler zu tun haben. Wenn wir an Bord sind, will ich die ganze Geschichte hören, sonst setzen Sie den weiteren Weg allein fort«, zischte sie ihm missmutig zu.
Veyron deutete ein kurzes Salutieren an. »Wie Sie wünschen, General Willkins.«
Eine Stunde später legte die Fähre ab, und die Fahrt ging über den Ärmelkanal nach Europa. Calais erwartete sie.
Zunächst genehmigte sich Jane ein ausgiebiges Mittagessen im Bordrestaurant, während ihr Veyron endlich von seiner neuen Klientin erzählte. In Elderwelt werde sie »Seelenkönigin« genannt und sei die Herrscherin eines kleinen Landes. Einst eine Anhängerin des Dunklen Meisters, wolle sie nun nichts mehr mit diesem Unhold zu schaffen haben. Deswegen plane der Dunkle Meister ihre Ermordung auf einer internationalen Konferenz, welche von den Simanui einberufen worden sei. Veyrons Auftrag sei es, den Attentäter des Dunklen Meisters unter dem Gefolge der Könige und Regenten Elderwelts aufzuspüren.
»Kein Wunder, dass Tom da nicht mitmachen wollte«, meinte Jane, nachdem Veyron mit seinen Erklärungen fertig war. »Welcher normale Mensch würde denn schon gern im Dienste einer Hexe stehen, die früher obendrein für den Dunklen Meister gearbeitet hat.«
Veyron nickte bestätigend. »Tom ist ein junger Idealist, der felsenfest daran glaubt, dass Gut und Böse streng voneinander getrennt sind. Sicher ist das in seinem Alter normal. Waren wir nicht alle ausgesprochen idealistisch in unserer Jugend?«, erwiderte er mit einem Seufzen.
Jane musste lachen. »Es ist besser, wenn Sie nicht wissen, was ich in meiner Jugend angestellt hab. Mit Idealismus hatte das ganz sicher nichts zu tun«, sagte sie und stieß ein amüsiertes Lachen aus, als sie seinen verblüfften Gesichtsausdruck bemerkte. Anschließend fragte sie ihn, was sie wohl diesmal in Elderwelt erwarten würde, aber Veyron wusste darauf keine Antworten.
Nach dem Mittagessen spürte Jane, wie sie ein wenig seekrank wurde. Bevor die Übelkeit ein unerträgliches Maß erreichte, suchte sie den Ruhebereich des Schiffs auf und legte sich hin. Die aufregende Nacht rund um die Verhaftung Henry Fowlers und der Schlafmangel setzten ihr schwer zu, und es stand nicht zu erwarten, dass die nächste Zeit weniger aufreibend werden würde. Deshalb sollte sie jede Gelegenheit nutzen, um ein wenig abzuschalten. Veyron hatte die Reise nach Rumänien mit rund zwanzig Stunden veranschlagt. Ausreichend Zeit also, um sich zu erholen.
Ein Steward weckte sie nach der Ankunft in Calais. Zusammen mit Veyron verließ sie das Schiff und spazierte eine Weile über die weitläufige Hafenanlage. »Hier im Hafen gibt’s nur jede Menge Beton, Teer und Stahl. Ich würde mir gern das Stadtleben ansehen, wenn ich schon mal in Frankreich bin.«
Veyron hob interessiert die Augenbrauen, als er das hörte. »Sie waren noch nie in Frankreich?«
»Nein. Im Urlaub zieht es mich eher an die Strände weiter südlich. Spanien, Mexiko, Ägypten, Mallorca … wo man halt Spaß haben kann«, antwortete sie. Innerlich biss sie sich sogleich auf die Zunge, als sie einen Anflug von Enttäuschung auf seinem Gesicht auszumachen glaubte. Kurz darauf wirkte er jedoch wieder so neutral und beherrscht wie eh und je.
»Natürlich. Ich vergaß, dass Sie ja in Kürze erst zwanzig werden«, meinte er mit einem frechen Lächeln.
Jane spürte Hitze in ihrem Gesicht aufsteigen. Möglichst gelassen sagte sie: »Schön wär’s. Aber ich hab mich gut gehalten für fast zweiunddreißig, oder?«
»Ach, sind Sie doch schon so alt?«
»Sie sind ein Arsch!«
»Ist mir immer wieder ein Vergnügen, liebe Willkins.«
Am liebsten wollte sie ihm noch eine Reihe weiterer Beleidigungen an den Kopf schmeißen. Da war sie wieder, seine fiese Art. Die ganzen Besserungen seines Charakters schienen mit einem Mal wie weggeblasen.
Plötzlich blieb ein rumänischer Truck neben ihnen stehen. Die Beifahrertür schwang auf, und Miss Davis lächelte ihnen beiden kokett zu. »Wie ein altes Ehepaar, entzückend. Steigt ein, es geht sofort weiter«, sagte sie.
Eine unsichtbare Hand schien Jane an den Schultern zu packen und förmlich in das Innere des Trucks zu ziehen. Entsetzt starrte sie Miss Davis an, die ein wahrhaft teuflisches Grinsen aufgesetzt hatte. Janes Augen weiteten sich noch mehr. Waren das etwa Fangzähne, die ihr da entgegenblitzten? Hinter ihr stieg Veyron ein und schloss die Tür.
»Die anderen Lastwagen nehmen unterschiedliche Routen zum Ziel, nehme ich an?«, fragte er.
Miss Davis nickte. »Eine Vorsichtsmaßnahme, um die Spione des Dunklen Meisters zu täuschen. Sie werden sich aufteilen müssen, um uns alle zu verfolgen, und nicht jeder der Trucks fährt nach Rumänien«, erklärte sie. Dann schnippte sie mit den Fingern, und der Kerl am Steuer, ein kräftig gebauter junger Mann, legte den Gang ein und fuhr los.
»Das ist Radu, der zuverlässigste meiner Fahrer«, stellte Miss Davis ihn vor. Sie berührte ihn an den Schultern und schmiegte sich in fast schon zutraulicher Art und Weise an ihn. Radu schien es nicht zu bemerken, sondern starrte nur geradeaus. Er zuckte nicht einmal zusammen, als die Rechte von Miss Davis unter sein Hemd glitt. »Er ist ausnahmslos treu und besitzt noch weitere entzückende Qualitäten«, meinte sie, schnurrend wie eine Katze.
Janes rechte Augenbraue zuckte skeptisch. Mit einem vorwurfsvollen Blick wandte sie sich an Veyron. »Aha«, knurrte sie. Offenbar verschwieg er ihr weiterhin einiges, nicht nur Kleinigkeiten.
Veyron zuckte jedoch in ahnungsloser Geste die Schultern. »Vielleicht können Sie sich Radu ja mal ausleihen, falls Sie ebenfalls gewisse Bedürfnisse entwickeln«, flachste er.
Jane stieß ihm grob den Ellenbogen in die Seite, was Veyron jedoch nur kurz auflachen ließ.
Von Calais ging es über die Grenze und quer durch Belgien, danach durch Deutschland. Um kurz nach acht Uhr abends machten sie in Frankfurt bei einem Schnellrestaurant halt, wo Jane auf die Toilette musste und Miss Davis für Radu ein Getränk und einen Burger organisierte. Veyron verzichtete aufs Essen. Als alle wieder eingestiegen waren, ging die Fahrt weiter. Irgendwann schlief Jane ein, wobei ihr nichts anderes übrig blieb, als sich an Veyron anzulehnen. Anstatt sich zu wehren, versuchte er sogar, es ihr so bequem wie möglich zu machen. Als sie viele Stunden später wieder aufwachte, waren sie gerade auf einen Rastplatz gerollt. Jane blinzelte gegen das noch junge Morgenlicht und rieb sich die Augen.
»Wie spät ist es?«
»Fünf Uhr. Guten Morgen, Willkins. Budapest liegt bereits hinter uns, falls Sie es wissen wollen«, sagte Veyron.
Jane reckte sich ein wenig, nur um festzustellen, dass alles schmerzte. Sie musste total verspannt sein. »Wo sind Radu und Miss Davis?«, fragte sie müde.
»Es ist wohl gescheiter, wenn Sie das nicht wissen. Sie gönnt dem armen Mann keine Pause. Zum Glück ist er in bester körperlicher Verfassung. Ich meine natürlich Ruhepausen und Zeit zum Schlafen, nicht das, was Ihnen jetzt in den Sinn kommen mag. Wir sind die ganze Nacht durchgefahren«, erklärte er.
Jane sah sich um, dann entschuldigte sie sich schnell. Auch sie drückten nun gewisse Bedürfnisse. Sie sprang aus dem Lastwagen und ließ Veyron allein. Als sie wenige Minuten später zurückkehrte, sah sie Radu und Miss Davis, die über alle Maßen fröhlich wirkte, aus einer anderen Richtung auf den Truck zuschlendern. Der arme Fahrer dagegen sah aus wie ein Häuflein Elend. Den Blick starr geradeaus gerichtet, wirkte er jedoch seltsamerweise noch immer würdevoll.
Vielleicht hatte Tom recht, als er es ablehnte, mit auf diese Reise zu gehen. Diese Miss Davis ist ja schlimmer als ein Folterknecht, dachte Jane. Kommentarlos stieg sie ein, nur um festzustellen, dass Veyron eingeschlafen war. Wie harmlos und friedlich er aussah, ganz entspannt und überhaupt nicht konzentriert. Die Fahrt ging weiter.
Sie passierten die Grenze nach Rumänien, und um Punkt zwölf erreichten sie das Gebiet Siebenbürgen, das tiefste Herz Rumäniens. Jane war von der Schönheit der friedlichen Landschaft recht angetan. Grüne Hügel, die sich wie sanfte Wellen aneinanderreihten, unterbrochen von blau glitzernden Flüssen, die sich durch die Täler schlängelten und die weiten, dunklen Fichtenwälder teilten. Dahinter hoben sich die Karpaten gegen den blauen Himmel ab, majestätisch und mit glitzernden Kronen aus Eis und Schnee. Die Straße folgte dem ungefähren Lauf des Flusses Bistrita, und so kamen sie schließlich in die Stadt Bistritz, von der Jane überrascht war, wie normal und vertraut sie doch wirkte. Alte Gebäude vorangegangener Jahrhunderte standen hier neben Wohnhäusern, wie man sie überall in Europa finden konnte. Manchmal, wenn sie die hohen Wände mit ihren glatten Fassaden und den großzügigen Fenstern betrachtete, war sie sich sogar nicht einmal sicher, ob sie sich nicht doch noch in Frankreich oder Deutschland befanden.
»Gut, hier machen wir Rast. Das Hotel ›Goldene Krone‹ sollte Euch die notwendigen Annehmlichkeiten bieten. Anschließend nehmen wir die Straße zum Tihuta-Pass, unserem Ziel«, entschied Miss Davis. Sie berührte Radu am Arm. Zum allerersten Mal drehte ihr stummer Fahrer den Kopf und schaute seine Gebieterin an.
»Auch du darfst rasten und dich stärken. In einer Stunde geht es weiter«, sagte sie.
Radu nickte gehorsam, dann parkte er den Lastwagen und stieg aus. Jane, Veyron und Miss Davis folgten ihm.
Im Hotel angekommen verschwand Veyrons attraktive Klientin auf einem Zimmer. Veyron und Jane besuchten derweil das Restaurant und bestellten sich ein kräftiges Mittagessen.
»Wie viele Touristen es hier gibt«, bemerkte sie beeindruckt und nickte in Richtung einer Gruppe junger Leute, die eifrig ein Selfie nach dem anderen machten. Sie entdeckte noch weitere Reisegruppen, darunter auch einige Goths mit blass geschminkten Gesichtern und dunklen, aber aufwendig gestalteten Gewändern. Allen Leuten gemein war die sichtliche Begeisterung.
»Ist Ihnen bewusst, wo wir uns befinden?«, fragte Veyron sie einen Moment später.
»Irgendwo in Rumänien«, antwortete sie und schämte sich sofort. Mit Veyrons universellem Wissensschatz konnte sie nicht mithalten. Sie musste zugeben, dass sie von der Welt außerhalb Englands herzlich wenig wusste. Gewiss hielt er sie jetzt für eine ungebildete, oberflächliche Person – dabei war Jane durchaus wissbegierig, nur hatte sie sich noch nie so recht mit Geografie und Geschichte beschäftigt. Ich muss das ändern, nahm sie sich vor.
»Wir sind mitten in Siebenbürgen, das auch als Transsylvanien bekannt ist, der Heimat von Graf Dracula. Bistritz war in jenem Roman der Ausgangspunkt des Abenteuers. Unser Zielort, der Tihuta-Pass, ist auch als der Borgo-Pass bekannt, wo sich dem Roman nach das Schloss Draculas befand. Wir wandeln sozusagen auf den Spuren des Vampirfürsten – genau wie diese ganzen neugierigen Touristen«, erklärte er.
Jane schluckte. »Sorry, das wusste ich nicht.«
»Sie brauchen sich dafür nicht zu entschuldigen, Willkins. Ich frage mich schon die ganze Zeit, was wohl die Motivation Bram Stokers gewesen sein mag, die Handlung nach Transsylvanien zu verlegen. Der echte Graf Dracula, also der Fürst Vlad III. Drăculea, genannt ›der Pfähler‹, herrschte über die Walachei im Süden Rumäniens. Zweifellos war Stoker dieser Fakt bekannt. Dennoch machte er die Kunstfigur Dracula zu einem Tyrannen Transsylvaniens.« Nachdenklich rieb Veyron das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Wenn wir davon ausgehen, dass sich irgendwo am Tihuta-Pass ein Durchgang nach Elderwelt befindet, unbewacht vom Zaubererorden der Simanui und unter Kontrolle der Seelenkönigin, könnte es sein, dass so mancher Spuk von dort in unsere Welt kam. Dieser Besuch mag sich in Form von Legenden und Mythen über die Jahrhunderte erhalten haben. Vielleicht war es das, was Stoker so sehr an Transsylvanien reizte«, mutmaßte er.
Diese düsteren Enthüllungen beschäftigten Jane noch eine ganze Weile. Mehr und mehr war sie davon überzeugt, dass Tom recht daran getan hatte, sich diesem Abenteuer zu verweigern. Doch sie würde jetzt nicht kneifen und umkehren. So verrückt Veyron auch sein mochte und so gefährlich seine Unternehmungen, so wusste er doch eigentlich stets, worauf er sich einließ.
Wenig später kehrte Miss Davis mit einem sichtlich gestärkten Radu zurück. »Es geht weiter«, ließ sie Veyron und Jane wissen.
Sie zahlten die Rechnung und gingen ihrer Auftraggeberin nach draußen hinterher.
Mit dem Truck folgten sie eine gute Stunde lang der Straße. Bald ließen sie die Stadt und einige angrenzende Ortschaften hinter sich. Wenn ihnen jetzt noch ein wenig Zivilisation begegnete, dann in Form vereinzelter Bauernhäuser oder entgegenkommender Fahrzeuge. Jane fielen einige Viehweiden zwischen der Straße und den endlos erscheinenden Wäldern auf. Ebenso die Heuhaufen in der hierzulande typischen Form aufrechter Tannenzapfen. Schließlich hielt Radu auf einem gekiesten Rastplatz, wo er den Motor abschaltete.
»Wir sind da«, sagte Miss Davis vergnügt, als sie die Tür öffnete.
Veyron und Jane schulterten ihre Rucksäcke und folgten der jungen Frau hinaus ins Grüne. Radu blieb regungslos hinter dem Steuer sitzen.
»Was passiert jetzt mit ihm?«, fragte Jane die Hexe, nachdem sie sich schon einige Meter von der Straße entfernt hatten.
»Ich werde ihn freigeben, sobald wir diese Welt verlassen haben. Er wird sich an nichts mehr erinnern«, erklärte sie kalt.
Jane schüttelte den Kopf. »Können Sie ihm nicht eine schöne Erinnerung geben oder irgendetwas anderes, damit er sich nicht wie ein Geisteskranker vorkommt, wenn er wieder er selbst ist?«
Miss Davis verzog verständnislos das Gesicht. »Wozu sollte das gut sein? Er ist ein Sklave wie jeder andere auch. Was interessiert mich sein Wohlbefinden, wenn ich keine Verwendung mehr für ihn habe? Er soll froh sein, dass ich ihn nicht töte.«
Jane sagte darauf nichts mehr. Tom hatte absolut recht, dachte sie finster. Sie fragte sich, welcher Teufel Veyron nur geritten hatte, einen Auftrag von so einer herzlosen Person anzunehmen.
Der Marsch führte sie in den Wald, dann über einen Bach und weiter nach Norden den mächtigen Karpaten entgegen. Immer steiler ging es bergauf, schon bald war von der Straße nichts mehr zu sehen. Der Wald wurde dichter und schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Erst am späten Nachmittag kamen sie wieder aus dem Halbdunkel heraus und wanderten über eine große Schafsweide, die nur von einem einzelnen Feldweg durchschnitten wurde. Die blökenden Tiere befanden sich ganz in der Nähe, hinter einem Holzgatter eingesperrt. Jane bemerkte auf der Weide erneut die großen Heuhaufen, die man kunstfertig in die Form von Zapfen gebracht hatte.
»So sollte man das überall machen. Das sieht schön aus«, meinte sie, doch weder Miss Davis noch Veyron antworteten darauf. Plötzlich vernahm sie Motorengeräusche. Ein einsamer Land Rover zuckelte über den Feldweg heran, ein altes, rostiges Fahrzeug mit einer großen Pritsche, vollgestellt mit Käfigen. Jane zählte sieben Stück, und in jedem befand sich ein schwarzer Hund, wohl eine Art Schäferhund. Die Tiere wirkten ausgemergelt und ihr Fell zottig.
»Das ist die reinste Tierquälerei«, beschwerte sie sich, je näher der Land Rover kam. Wahrscheinlich saß der Schäfer am Steuer. Wie es schien, unterhielt er mehrere Schafsweiden. Wozu würde er sonst gleich sieben Schäferhunde benötigen? Veyron schien sich diese Frage auch zu stellen, denn er ließ sich merklich hinter Miss Davis zurückfallen. Misstrauisch beäugte er das alte Geländefahrzeug.
Ein Donnergrollen ließ Jane hochfahren. Über ihnen hatte sich schlechtes Wetter zusammengebraut. Dunkle, fast schon schwarze Wolken schoben sich vor die Sonne. Bisher war es schöner Tag gewesen. Das fand Jane ein wenig überraschend, denn ihr war gar nicht aufgefallen, wann das Wetter umgeschlagen war. Ihr kam es so vor, als wäre es gerade eben geschehen – innerhalb von Sekunden.
Veyron fasst sie an der Schulter und brachte sie zum Halten. Er nickte zu dem alten Fahrzeug hinüber, das jetzt gut und gerne fünfzig Meter vor ihnen zum Stehen kam. »Sehen Sie genau hin. Was erkennen Sie?«, wollte er wissen.
Die Polizistin in ihr war geweckt. Abgesehen von den sieben Hundekäfigen vermochte sie an dem Fahrzeug jedoch nichts Ungewöhnliches zu entdecken – bis auf eine Kleinigkeit, die ihr schon die ganze Zeit seltsam vorgekommen war. »Der Wagen hat getönte Scheiben«, sagte sie.
Veyron schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln. »Seltsam, nicht wahr? Der ganze Wagen ist rostig und schmutzig, aber die Scheiben sind getönt und überraschend sauber«, fasste er ihre Beobachtung zusammen.
Jane spürte, wie sich in ihr alles zusammenzog. Das schien in der Tat sehr seltsam. Ihr kam wieder in den Sinn, dass Miss Davis vom Dunklen Meister gejagt wurde. »Wie weit ist es noch bis zu Ihrem Durchgang«, rief sie der Hexe zu.
Miss Davis deutete auf das Waldstück gegenüber der Schafsweide. »Dahinter gibt es eine kleine Lichtung mit zwei sonderbar verwachsenen Bäumen«, sagte sie. »Das ist der Durchgang.«
Sie hatte dies kaum ausgesprochen, als der Land Rover auf einmal mit einem lauten Knall explodierte. Nicht von einer Bombe gesprengt, sondern von einer unsichtbaren Kraft. Es gab kein Feuer, keinen Rauch, nur eine Druckwelle, die sie alle von den Füßen fegte. Zerfetzte Trümmer regneten vom Himmel, eine Staubwolke bauschte sich auf. Hoch über ihnen grollte das Unwetter wie mit bösartiger Begeisterung. Immer mehr Wolken zogen sich zusammen, ließen es immer dunkler werden. Plötzlich kam Wind auf, stark und eiskalt. Jane rappelte sich mühevoll auf, schüttelte den Kopf. Sie war ganz benommen, ihre Ohren klingelten. Das Wrack des Fahrzeugs war noch immer hinter Staub verborgen, doch dafür nahm etwas anderes ihren Blick gefangen.
Auf der anderen Seite des Feldwegs stand jetzt eine Gestalt, hochgewachsen, mit breiten Schultern. Ihr schwarzer Mantel flatterte im Sturm, trotzdem war die Kapuze tief über das Gesicht gezogen. Jane rieb sich die Arme. Der Fremde schien eine Eiseskälte zu verbreiten. Nach einem Moment, als wollte er allen die Gelegenheit geben, seiner gewahr zu werden, schlug der Schwarze die Kapuze zurück. Janes Herz pochte sofort schneller. Fast erwartete sie, in das vertrocknete Moorleichengesicht des Schattenkönigs zu blicken, jenes Dämons, der vor knapp einem Jahr beinahe ihr Leben gefordert hatte. Doch diese Fratze war sogar noch abscheulicher. Früher wohl menschlich, war dieses Gesicht verzerrt, besaß fledermaushafte Züge und auch Elemente eines Wolfs. Die Kreatur stieß ein schauderhaftes Brüllen aus, spreizte lange, messerscharfe Klauen.
Im gleichen Moment ging auch mit Miss Davis eine Veränderung vor. Als wäre der aufkommende Sturm mit Säure durchsetzt, löste sich ihr attraktives Aussehen auf. Ihre gesunde Gesichtsfarbe wechselte zu leichenhafter Blässe, ihr helles Haar wurde pechschwarz, und Jeans und Tanktop verschwanden, ersetzt durch ein gewaltiges, schwarzes Kleid, mit einer gigantischen Schleppe, die sich im Wind bauschte. Die Seelenkönigin streckte ihren rechten, gepanzerten Arm vor und legte die metallenen Fingerkrallen zusammen. Sie vereinigten sich zu einer messerscharfen Klinge, die in die Länge wuchs, bis sich ihr eiserner Handschuh in ein regelrechtes Schwert verwandelt hatte.
»Wer ist das?«, fragte Jane panisch. Die Angst ließ ihr Herz rasen, es schien aus ihrer Brust springen und fliehen zu wollen. Sie mussten hier weg, auf der Stelle!
»Der Bestiengeneral, einer der Sieben Schatten des Dunklen Meisters. Ich kenne Beschreibungen von ihm«, sagte Veyron, der ganz dicht hinter ihr stand.
Dann, nach dem nächsten Donnerschlag, stürzten die beiden Dämonen aufeinander los. Die Seelenkönigin schnappte ihre gewaltige Schleppe und riss sie in die Luft, wo sie sich in Paar gewaltiger Fledermausflügel verwandelte. Die Dämonin sauste in den dunklen Himmel, verfolgt von ihrem Widersacher, der mit seinem Mantel einen ähnlichen Trick beherrschte.
Ein wildes Knurren ließ Jane herumfahren. Aus den Trümmern des gesprengten Land Rovers kamen nun die Hunde des vermeintlichen Schäfers heraus. Jetzt, wo sie aus ihren Käfigen befreit waren, wirkten sie noch kränker als zuvor. Ihre langen, krummen Schnauzen waren besetzt mit messerscharfen Dolchzähnen, die schwarzen Leiber mit Geschwüren übersät. Doch am schlimmsten fand Jane die glutroten Augen – und sie starrten alle in ihre Richtung. »Was sind das für Monster?«, fragte sie keuchend.
»Schattenwölfe aus Darchorad, die Diener des Bestiengenerals. Er war der Heerführer der Monsterarmee des Dunklen Meisters«, wusste Veyron. Er packte Jane an der Schulter und stieß sie vorwärts. »Laufen Sie, Jane! Laufen Sie um Ihr Leben!«, rief er.
Das brauchte er ihr nicht zweimal zu sagen. Schneller als jemals zuvor in ihrem Leben nahm sie die Beine in die Hand. Veyron überholte sie von rechts und steuerte genau auf das Schafsgatter zu. Ohne darüber nachzudenken, folgte Jane ihm. Das Hecheln und Knurren der Bestien kam rasend schnell näher. Schon stieg Veyron über das Gatter, und mit ausgebreiteten Armen, wie ein Verrückter brüllend, stürmte er auf die Schafe zu. Jane schwang sich über den Zaun und wagte einen hastigen Blick über die Schulter. Die Schattenwölfe stürmten heran, geiferten mordgierig. Veyrons Schreie versetzten die Schafe in heillose Panik. Wild rannte die Herde hierhin und dorthin, bis ein vollkommenes Durcheinander entstand. Jane versuchte, zu Veyron aufzuschließen, und musste aufpassen, nicht über das eine oder andere Schaf zu stolpern. Die Tiere blökten wie verrückt, wichen Jane springend aus, prallten zusammen und purzelten über den Boden. Nun setzten die Schattenwölfe über das Gatter, warfen ihre monströsen Schädel von einer Seite zur anderen. Die panischen Schafe stachelten ihre Mordgier nur noch mehr an. Veyron und Jane weitgehend vergessend hasteten sie hinter den Schafen her, versuchten sie zu schnappen und zu reißen.
Jane empfand tiefes Mitleid mit den wolligen Tieren, als sie auf der anderen Seite wieder über das Gatter ins Freie kletterte. Bedauerlicherweise gab es keinen anderen Weg, die Bestien abzuhängen und das eigene Leben zu retten, als die Schafe zu opfern. Wenn sie doch nur eine Pistole mitgenommen hätte …
Ein wildes, unmenschliches Brüllen schallte durch die Luft, und ein schwarzer Schatten fegte über das Schafsgatter hinweg. Jane erkannte den Bestiengeneral, der einer gigantischen Fledermaus gleich durch den Himmel segelte und seinen Wölfen Befehle gab. Im Nu stellten die abscheulichen Kreaturen den Angriff auf die Schafe ein und hetzten wieder hinter Veyron und Jane her.
»Scheiße«, fluchte Jane und beeilte sich, Veyron einzuholen, der bereits den Rand des nahen Waldes erreicht hatte.
Der erste der Schattenwölfe sprang schon über das Gatter, die Zähne gefletscht. Er bellte heiser. Endlich erreichte auch Jane den Wald, wo Veyron ungeduldig auf sie wartete. Gemeinsam hasteten sie jetzt durch das Gebüsch, sprangen über Wurzeln und Farne, Äste peitschten ihnen ins Gesicht, Sträucher und Zweige rissen an ihrer Kleidung. Hinter ihnen stürmten unter Gebell und Geheul die Schattenwölfe in das Dickicht.
»Da lang, ich habe den Ausweg gefunden«, rief Veyron, schnappte Jane am Handgelenk und zog sie in eine bestimmte Richtung.
Ohne genau hinzusehen, folgte sie Veyron. Sie benötigte ihre ganze Konzentration, um nicht an Wurzeln hängen zu bleiben. Das Unwetter hoch über ihnen ließ es in dem Wald beinahe so finster sein wie in der Nacht.
Plötzlich türmte sich vor ihnen eine Felswand auf, so hoch, dass an ein schnelles Erklettern nicht zu denken war. Erst jetzt schaute sich Jane an, wo sie überhaupt waren, nur um festzustellen, dass sie die ganze Zeit einer Schlucht gefolgt waren.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, rief sie aufgeregt. »Veyron, das ist eine verdammte Sackgasse!«
»Exakt«, sagte Veyron nur. Er hatte den Rucksack abgenommen und kramte darin herum. Schließlich brachte er einen seltsamen Gürtel und eine Pistole zum Vorschein. Ohne Jane etwas zu erklären, schnallte er den Gürtel um und nahm die Pistole in beide Hände. In der Nähe erklang schon das Knurren eines Schattenwolfes. Vor ihnen leuchteten rote Augen in der Dunkelheit.
»Schießen Sie!«, herrschte sie Veyron an, der mit einer unbegreiflichen Seelenruhe einfach nur dastand. Gelassen schulterte er seinen Rucksack, dann erst zielte in die Luft und feuerte. Der Schuss ließ die Schattenwölfe zögern. Schritt für Schritt trabten sie jetzt heran. Sie hatten ihre Beute ja in der Falle, ein Entkommen war unmöglich.
»Was tun Sie da? Schießen Sie nicht in die Luft, schießen Sie auf diese Mistviecher!«, heulte Jane verzweifelt.
Veyron packte sie an der Hüfte und presste sie grob an sich. »Festhalten«, sagte er.
Dann erklang ein leises Sirren, und eine unsichtbare Kraft zog sie beide in die Luft. Jane ertastete mehr, als sie es sah, ein Stahlkabel, das mit Veyrons Gürtel verbunden war, und dann begriff sie: Er hatte einen Greifhaken in die Baumkronen geschossen, der mit einer kleinen Seilwinde auf der Rückseite des Gürtels verbunden war.
»Ich wollte diese Ausrüstung schon lange erproben«, meinte er, und sie konnte sein selbstgefälliges Grinsen beinahe hören.
Sie war allerdings zu verängstigt und panisch, um darüber zu staunen. Die Reise durch die Luft ging viel zu langsam vonstatten, und die Schattenwölfe stürmten nun bellend heran. Sie sprangen hoch, versuchten, ihre flüchtende Beute zu fassen. Veyron und Jane mussten um sich treten, um die Bestien auf Abstand zu halten. Als sie merkten, dass sie so nicht an ihre Beute herankamen, versuchten die Monster, die steilen Felswände zu erklimmen, doch sie rutschten von den glatten Steinen immer wieder ab. Veyron hielt die Felsen mit ausgestrecktem Arm auf Abstand, während sie Meter für Meter nach oben gezogen wurden, damit sie nicht dagegen pendelten. Jane klammerte sich fest an Veyron, um nicht ebenfalls abzurutschen und den Schattenwölfen doch noch zur Beute zu werden. Sobald sie sich jedoch der Kante der Schlucht näherten, dirigierte Veyron sie aus den Baumkronen heraus. Mühsam krabbelte Jane mit seiner Hilfe über den Grat und blieb einen Moment keuchend liegen, bevor sie Veyron ihre Hand reichte und auch ihn hochzog. Kaum hatte er den ebenen Waldboden erreicht, löste Veyron die Seilwinde vom Gürtel und fischte zwei runde Gegenstände aus seiner Jackentasche.
Jane wich zurück. »Handgranaten!«, rief sie erschrocken.
Mit den Zähnen zog Veyron die Splinte ab und warf die beiden Granaten in die Schlucht, hinunter zu den Schattenwölfen. Zwei Explosionen erklangen, begleitet von lautem Jaulen und Winseln. Zufrieden blickte Veyron über den Rand nach unten.
»Vier erwischt, drei sind noch übrig. Aber wir haben ein paar Minuten Vorsprung, ehe die Bestien wieder auf unserer Spur sind. Los jetzt, wir müssen zu diesem Durchgang gelangen«, sagte er.
Sie rannten weiter, folgten einem Trampelpfad, der mal steil nach oben, dann wieder ebenso steil nach unten führte, ehe sie aus dem verfluchten Wald herauskamen. Endlich befanden sie sich auf jener Lichtung, von der die Seelenkönigin gesprochen hatte. Jane atmete erleichtert auf, während sie auf den Torbogen zu hetzte.
Anders als der Durchgang nach Elderwelt, den sie bisher kennengelernt hatte, bestand dieser hier nicht aus Stein. Zwei uralte Bäume, nebeneinander hochgewachsen, hatten sich auf einer Höhe von vier Metern vereinigt und ihre gewaltigen Stämme ineinander verdreht, sodass darunter ein Torbogen entstanden war.
»Haben Sie denn Ihren Erlaubnisstein dabei?«, keuchte Jane angestrengt, als sie den Durchgang schließlich erreichten. Ohne diese magischen Steinchen war es nicht möglich, nach Elderwelt zu gelangen. Sie könnten durch den Torbogen hin und her springen, wie sie wollten; ohne einen Erlaubnisstein blieb ihnen die Magie Elderwelts versagt.
»Nein, den hat Tom in seinem Geldbeutel«, sagte Veyron und blickte hoch in den Himmel.
Als wäre dies ein Stichwort gewesen, stürzte die Seelenkönigin aus der Luft und landete hart auf dem Boden. Mit einem schmerzerfüllten Schrei brach sie zusammen. Ihre schwarzen Flügel verwandelten sich wieder in die riesige Schleppe, die sie nun wie ein Leichentuch einhüllte. Veyron rannte zu ihr, Jane atmete tief durch und folgte ihm. Wie sich herausstellte, war die Seelenkönigin schwer verwundet, schwarzes Blut lief aus einer klaffenden Wunde an ihrer Hüfte. Der Bestiengeneral hatte sich also als der geschicktere Kämpfer erwiesen.
Und da war er auch schon. Mit einem triumphierenden Grinsen auf seinem Monstergesicht landete er am Rand der Lichtung, und zu seinen Seiten erschienen seine drei verbliebenen Schattenwölfe. Jane und Veyron halfen der Seelenkönigin auf die Beine, stützten sie und schleppten sie in Richtung des Durchgangs.
»Euren Erlaubnisstein, Mylady«, meinte Veyron mit herzloser Kälte.
Die Dämonin griff unter ihr schwarzes Gewand und brachte einen feuerroten Kieselstein zum Vorschein. Veyron nahm ihn fest in die Faust. Jane blickte zum Bestiengeneral und seinen Monstern, die sich aufteilten und nun von allen Seiten auf sie zukamen. Jegliche Flucht schien aussichtslos.
Plötzlich erklang von der anderen Seite der Lichtung lautes Heulen, kräftiger und gesünder klingend als das der Schattenwölfe. Jane blieb vor Schreck fast das Herz stehen, als sie sah, was nun geschah. Ein ganzes Rudel Wölfe war aufgetaucht – als würden die Monster des Schattens nicht schon genügen. Mit gefletschten Zähnen und nach hinten gerichteten Ohren stürmten sie über die Lichtung, genau auf Jane und Veyron zu.
Dann ist es also soweit, dachte sie voll Bitterkeit. Von wilden Bestien zerfetzt. Danke, Veyron Swift. Was für ein grandioses Ende!
Doch die Wölfe preschten an ihnen vorbei, ihren durch dunkle Zauberkraft verderbten Vettern entgegen. Dem Rudel folgte ein einzelner Mann, von seiner einfachen, praktischen Kleidung her ein rumänischer Schäfer. Doch in seinen Händen hielt er ein großes, langes Schwert, in dessen Klinge grüne Juwelen in einem verschnörkelten Muster eingelassen waren. Sie begannen zu glühen, und ein Blitz sprang von der Klinge fort, traf einen der Schattenwölfe und tötete das Ungeheuer mit einem Schlag.
»Ein Simanui!«, rief Jane begeistert und begann zu lachen. »Wir sind gerettet! Endlich tun diese Zauberer einmal was!«
Die Ankunft eines Ritters des Lichts schien auch den Bestiengeneral zu überraschen. Unter seiner schwarzen Kutte zog er nun seinerseits ein Schwert hervor und wich zum Waldrand zurück, während seine Schattenwölfe ihren irdischen Artgenossen entgegensprangen.
Den Rest der Schlacht bekam Jane nicht mehr mit. Jemand packte sie an der Schulter und stieß sie durch den magischen Torbogen.
Die Welt um sie veränderte sich schlagartig. Von einer Sekunde auf die nächste befand sie sich nicht mehr auf jener Lichtung in den Karpaten, sondern auf einem kalten, tristen Festungshof, umgeben von uralten Mauern. Menschen in dicken Kutten saßen im Kreis auf dem Boden, wärmten sich die Hände an einem kleinen Lagerfeuer. Kinder rannten über den Hof und spielten Fangen.
Als sie die drei Neuankömmlinge bemerkten, die soeben aus dem Torbogen der Illauri traten, schreckten alle im Hof auf.
»Sie ist zurückgekehrt«, keuchte eine alte Frau. »Die Seelenkönigin ist zurückgekehrt!«
Gespenstische Ruhe kehrte ein. Jane biss sich auf die Lippe. Was nun wohl geschehen würde?
Still erhoben sich die Menschen von ihren Ruheplätzen. Mütter nahmen ihre Kinder in die Arme und verbargen sie eilig vor dem Antlitz der bleichen Königin. Jane sah, wie selbst die größten und kräftigsten Männer die Köpfe neigten und die Blicke senkten, als fürchteten sie, dem Glosen in den Augen der Dämonin zu begegnen. Das eben noch herrschende Leben auf diesem kalten, finsteren Hof verwandelte sich mit einem Mal in eine bedrückende Stille. Die Angst war überall zu spüren, greifbar wie nichts sonst; eine grausame, stille Furcht vor jener schwarzen Königin. Jane schaute Veyron vorwurfsvoll an. Wo hatte er sie da nur hingebracht? Doch Veyron blieb wie üblich äußerlich ganz gelassen.
Schwarz uniformierte Wachen eilten herbei. Als sie näher herankamen, erkannte Jane, dass trotz ihres zackigen Schritts ihre Augen trüb waren, der Blick starr geradeaus gerichtet. Rücksichtslos stießen sie alle Menschen zur Seite, die ihnen im Weg standen, und hoben ohne ein Wort die verletzte Seelenkönigin auf ihre Arme und trugen sie fort. Niemand nahm Anteil an ihrer Verwundung, niemand blickte ihr hinterher. Allerdings wagte sich auch niemand zu freuen. Still und bedrückt zogen die Menschen von dannen, ließen Veyron und Jane allein unter dem Torbogen stehen.
Wir sind am Hof einer verhassten Tyrannin gelandet, erkannte Jane entsetzt. Konnte es sein, dass Veyron diesmal einen fatalen Fehler begangen hatte?
3. Kapitel: Toms Mission
Als sich Tom vollkommen übermüdet aus dem Bett quälte und den Weg von seinem Dachspeicherzimmer nach unten in die Küche nahm, war es bereits später Nachmittag. Von Veyron war weder etwas zu hören noch zu sehen. Eine seltsame Stille herrschte im ganzen Haus. Für gewöhnlich marschierte sein Pate um diese Zeit in seinem Arbeitszimmer auf und ab, oder es dröhnte laute Musik durch alle Zimmer.
In der Küche angekommen fand Tom einen kleinen, sauber gefalteten Zettel auf dem Tisch. Veyron hatte mit dem Kugelschreiber eine Nachricht hingekritzelt.
Entschuldige, Tom, ich fürchte, ich vermag der Versuchung nicht zu widerstehen. Ich zitiere an dieser Stelle Martin Luther: »Hier stehe ich und kann nicht anders.« In ein paar Wochen sehen wir uns wieder. Für dein Auskommen ist gesorgt. Mrs. Fuller weiß Bescheid. Halte die Ohren steif.
V. S.
»Du Vollidiot, du Riesenarschloch!«, schimpfte Tom seinen nicht anwesenden Paten aus, zerknüllte den Zettel und schleuderte ihn mit aller Kraft durch die Küche.
Veyron war dieser elenden Seelenkönigin doch tatsächlich auf den Leim gegangen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Was sollte er jetzt tun? Ich werde auf der Stelle nach Elderwelt aufbrechen, entschied er. Sofort eilte er hinauf in sein Zimmer, packte Jacke, feste Schuhe, ein paar Ersatzhosen und T-Shirts zusammen und stopfte alles in seinen Rucksack. Ganz gleich, was er letzte Nacht zu Veyron gesagt hatte, niemals würde er seinen Paten allein nach Elderwelt reisen lassen – in ganz offensichtliche Gefahr.
Sein Smartphone piepte, schnell nahm er es zur Hand. Eine Nachricht von Jane.
Fahren jetzt durch Belgien. Veyron und mir geht’s gut. Seine Klientin macht mir echt Angst. Ich werde aufpassen.
LG, Jane
Tom klatschte die Hand an die Stirn und stöhnte entnervt. Veyron hatte Jane bequatscht, dass sie ihn begleitete. Na, immerhin war er nicht allein. Jedoch war Jane mit Elderwelt und seinen Gefahren so gut wie gar nicht vertraut. Diese Tatsache festigte Toms Entschluss, sofort nach Elderwelt aufzubrechen. Jane und Veyron brauchten seine Hilfe.
Plötzlich klingelte es an der Haustür.
»Das nicht auch noch. Ich habe weder Zeit für Mrs. Fullers Geschwafel noch für irgendwelche Klienten, die Veyron einbestellt hat. Oder gar für Inspektor Gregson, der noch ein paar Fragen hat«, murrte er. Es klingelte wieder. Aufgebracht warf er seinen Rucksack hinaus in den Flur und stürmte nach unten. Wer immer es war, er würde ihn abwimmeln. Als er die Haustür aufriss, hatte er sich schon die passenden Worte zurechtgelegt. Doch nun stutzte er überrascht.
Zwei junge, sehr attraktive Mädchen standen vor der Tür, beide im selben Alter wie er selbst, zwei wahrhaftige Schönheiten. Die umwerfende, aufregende Lilly Rodgers – und die nicht weniger bezaubernde Vanessa Sutton. Zwei wahre Engel, Lilly brünett, Vanessa blond; die beiden begehrtesten Mädchen an der ganzen Schule – mit nur einem Makel. Und der lautete Vanessa.
Ausgerechnet Vanessa, ebenso attraktiv wie durchtrieben! Das Mädchen, welches er am wenigsten leiden konnte, stand auf seiner Schwelle. Sie hatten mal was miteinander gehabt, sie und Tom. Es war nicht gut ausgegangen. Das Biest hatte ihn hintergangen – mit gleich zwei anderen Typen. Einer davon war ausgerechnet Lillys vor Arroganz platzender Bruder Stevie gewesen.
»Hi, Tom«, begrüßte sie ihn etwas verlegen.
Tom schüttelte den Kopf. Vanessa Sutton! Allein ihr Anblick trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. »Dafür hab ich keine Zeit«, schnappte er und wollte die Tür schon zuschlagen.
Doch Lilly Rodgers trat ihm einen Schritt entgegen, packte die Tür und stemmte sich dagegen. Deutliche Anspannung stand ihr im Gesicht. »Oh bitte, Tom«, flehte sie, »wir müssen mit deinem Onkel reden. Wir brauchen seine Hilfe.«
Er holte tief Luft, um den beiden zu sagen, dass sie ein andermal kommen müssten. Aber dann schaute ihn Lilly aus ihren einzigartigen, großen, grünblauen Augen flehentlich an.
»Es ist wirklich dringend. Es geht um Ernie. Nur dein Onkel kann uns noch helfen«, sagte sie. So wie ihre Stimme dabei klang, schien sie es ernst zu meinen.
Erst jetzt fiel Tom auf, dass Vanessa verunsichert auf ihrer Lippe kaute und regelrecht aufgewühlt wirkte. Da war eindeutig etwas im Gange. Okay, dachte er. Elderwelt kann noch zehn Minuten warten. Aber keinesfalls länger! »Veyron ist nicht da«, grummelte er, während er zur Seite trat, damit die beiden Mädchen ins Haus konnten. Wütend warf er die Haustür hinter ihnen zu. Wehe, wenn er seine Zeit mit diesen dummen Zicken verschwendete, während Veyron und Jane seine Hilfe brauchten!
»Dann warten wir auf ihn«, verkündete Lilly, als Tom an ihr vorbei eilte.
Er führte sie ins Wohnzimmer, wo er ihnen Platz auf der Couch anbot. »Was wollt ihr von Veyron?«
»Dein Onkel ist doch Detektiv, richtig? Er soll uns helfen, Ernie zu finden«, erklärte Vanessa halblaut.
Tom verzog kurz das Gesicht. Das Ganze mit Vanessa war zwar inzwischen zwei Jahre her –, aber es ärgerte ihn noch immer wie am ersten Tag.
»Da könnt ihr gleich zur Polizei gehen«, blaffte er die Mädchen an. »Veyron interessiert sich nur für ganz spezielle Fälle. Vermisste Jungs aufzuspüren, ist nicht sein Metier.« Am liebsten hätte er sie sofort wieder hinausgeworfen. Er musste nach Elderwelt, und sie belästigten ihn mit diesem Unsinn.
»Nein«, rief Vanessa verzweifelt. »Die Bullen werden Ernie sofort verhaften. Glaub mir, Tom: Nur dein Onkel kann uns noch helfen!«
»Redest du wirklich von dem Ernie? Von Ernie Fraud?«, fragte er verblüfft. Tom kannte den Jungen nur flüchtig. Ein hagerer Kerl, verschlossen und schüchtern. Erst letztes Jahr war Ernie neu an die Schule gekommen. Ein richtiger Außenseiter, der von allen gemieden und gehänselt wurde. Lillys Bruder, das Oberarschloch Stevie, hatte sich des Öfteren einen Spaß daraus gemacht, Ernie zu jagen und unter Druck zu setzen. Um die Lage noch schlimmer zu machen, war Ernie zu dieser Zeit unsterblich in die schöne Lilly verliebt gewesen.
»Ja, ich meine den Ernie Fraud. Gibt es denn noch einen anderen?«, maulte Vanessa und biss sich danach gleich wieder auf die Lippe.
Tom konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. »Seltsam … Ich dachte, du kannst ihn nicht leiden? Erst letztes Jahr hast du Stevie doch gesteckt, dass Ernie Lilly nachstellt«, sagte er. Ein böses Triumphgefühl begann ihn zu erfüllen, als er sah, wie Vanessa sämtliche Gesichtszüge entglitten, wie sie in regelrechte Panik geriet und vor Verlegenheit glutrot anlief.
»Es war nur eine Schwärmerei von Ernie, und mein Bruder ist ein Idiot. Ernie und ich, wir haben das schon lange geklärt«, warf Lilly rasch ein, um einen Streit zu verhindern. »Sei nicht so gemein zu Vanny! Jeder macht mal Fehler!«
Tom zuckte ob dieser Kritik kurz zusammen, und ein wenig schämte er sich für seine Boshaftigkeit –, aber eben nur ein wenig.
»Tut mir leid. Also, was ist das mit Ernie? Warum ist es dir so wichtig, dass Veyron ihn sucht?«, wandte er sich wieder an Vanessa.
Sie schloss kurz die Augen und faltete die Hände, damit sie nicht zitterten. »Ich liebe ihn. Eigentlich habe ich das immer, und ich war total eifersüchtig, weil er nur Augen für Lilly hatte. Aber jetzt nicht mehr, er hat es mir gesagt. Er liebt mich auch. Oh mein Gott, wir sind wirklich total ineinander verknallt!«, sprudelte es zwischen ihren bezaubernden Lippen hervor.
»Ach was? Ich dachte, die Sache mit Stevie wäre noch aktuell«, meinte er mit einem neuen Anflug von Boshaftigkeit, was Vanessa erneut vor Verlegenheit rot anlaufen ließ.
»Lass den Scheiß, Tom! Wir brauchen die Hilfe von deinem Onkel, und wir brauchen sie jetzt! Das ist kein Spaß!«, fauchte sie ihn an, was Tom regelrecht zusammenzucken ließ. Gleich darauf hatte sie sich wieder in der Gewalt und fügte ein leises »Bitte, hör es dir zumindest an«, hinzu.
Okay, dachte er, sei wie Veyron. Immer ganz cool. Er räusperte sich und setzte sich in Veyron großen Ohrensessel. Genau wie sein Pate legte er die Fingerspitzen aneinander. »Also gut, dann erzählt mir, was los ist. Vielleicht kann ich Veyron überzeugen, euren Fall zu übernehmen«, meinte er mit dick aufgetragener Arroganz. Vor allem gegenüber Vanessa wollte er deutlich machen, wer hier das Zepter in der Hand hielt. Ganz gleich, wie sehr sich Lilly auch für ihre Freundin ins Zeug legte: Er konnte – und wollte – Vanessa einfach nicht ausstehen.
»Ernie schreibt mir Liebesbriefe, jeden Tag einen neuen. Er ist wirklich unglaublich süß. Mann, Stevie würde Ernie vor Eifersucht umbringen, wenn er das wüsste – oder andersherum. Ernie ist nicht mehr der dünne, schmächtige Kerl, der letztes Jahr an unsere Schule kam. Er ist erwachsen geworden und macht jetzt sehr viel Sport. Früher war er in Sport immer eine Null, aber jetzt ist das anders«, erzählte Vanessa.
Ein seltsames Strahlen schien sie dabei zu erfüllen, ein Glücksgefühl, das Tom noch nie zuvor an ihr beobachtet hatte. Keine Frage, sie meinte es mit ihrer Liebe zu Ernie wirklich ernst. Konzentriere dich auf die Fakten, mahnte ihn eine innere Stimme. So viel hatte er von Veyron schon gelernt: Er durfte sich nicht von seinen persönlichen Gefühlen ablenken lassen, wenn er einem Fall nachging. »Ernie macht Sport? Das wäre mir neu. Soweit ich weiß, ist er in keiner einzigen Schulsportmannschaft«, sagte er, um irgendwie zum Kern der Angelegenheit vorzustoßen. Das mit dem plötzlichen Erstarken Ernies schien ihm ein guter Ansatz zu sein.
Vanessa zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber er hat arschgeile Muskeln entwickelt. Vielleicht macht er es heimlich. Würde mich nicht wundern. Er sieht jetzt richtig verwegen aus mit dem ganzen schwarzen Zeug, das er trägt. Leder und Stahl, sogar seine Haare hat er sich schwarz gefärbt. Niemand traut sich mehr, ihn herumzuschubsen. Er ist ein Krieger.«
Tom versuchte, sich Ernie in Erinnerung zu rufen. Viel hatte er mit ihm nie zu tun gehabt. Aber es stimmte schon, was sie sagte. Ernie Fraud hatte sich verändert, abgesehen von seiner zurückgezogenen Art. Die schien allerdings umso ausgeprägter geworden zu sein.
»Aber immer noch ein Außenseiter, stimmt’s? Oder hat er inzwischen irgendwelche weiteren Freundschaften geschlossen?«, fragte er nach.
Nun schaltete sich Lilly in das Gespräch ein. Als Antwort schüttelte sie den Kopf. »Nein. Klar, jetzt wo er gut in Sport ist und verwegen aussieht, will jedes Mädchen mit ihm gehen, und jeder Junge will sein Freund sein. Aber Ernie lässt niemanden an sich ran. Früher wär er froh und dankbar gewesen, aber jetzt …«, sagte sie und zögerte, fortzufahren. Sie holte tief Luft. »Jetzt zeigt er nur noch Verachtung gegenüber den anderen. Er hat sich echt drastisch verändert. Das ist nicht mehr der Ernie, der letztes Jahr an die Schule kam. Nur zu Vanessa ist er nett.«
Tom fand diese Informationen sehr interessant. Da war eindeutig etwas faul an der Sache. »Also, was ist denn nun mit Ernie? Warum soll Veyron ihn aufspüren?«, wollte er wissen.
»Seit vier Tagen ist er schon nicht mehr in der Schule gewesen. Niemand weiß, wo er ist«, sagte Vanessa. Tiefe Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit, und ein Schatten von Furcht huschte über ihr Gesicht.
»Was ist mit seinen Eltern? Wissen die etwas?«, fragte Tom nach, was Vanessa jedoch nur höhnisch auflachen ließ.
»Du kennst seine Eltern nicht! Sein Vater ist abgehauen, da war er gerade mal drei, und seine Mutter ist eine Alkoholikerin. Ernie ist ihr scheißegal«, schimpfte sie.
Tom lehnte sich in den Sessel zurück. Ernie wird halt ausgerissen sein, dachte er. Er erinnerte sich noch gut, wie er anfangs mit Veyron unter einem Dach ganz ähnliche Gedanken gehegt hatte. Seiner Meinung nach war Ernies Verschwinden ganz bestimmt kein Fall für Veyron. »Okay, also weiß seine Mutter nichts. Was also hindert euch daran, einfach zur Polizei zu gehen und Ernie als vermisst zu melden?« Er fragte es in einem recht unwirschen Ton, der Vanessa zusammenzucken ließ.
Lilly blieb ganz kühl. Wahrscheinlich dachte sie in dieser Angelegenheit ähnlich wie Tom.
»Lies dir das durch«, meinte Vanessa kleinlaut und reichte Tom ihr Smartphone. Sie zeigte ihm eine WhatsApp-Nachricht, die von Ernie stammte, Datum und Uhrzeit nach von heute Morgen.
Meine geliebte Ness,
ich wollte mich noch einmal bei dir melden. Dies wird unser Abschied sein. Ich gehe fort von hier, fort von dieser Welt, denn ich habe anderswo meine Berufung gefunden. Ich ziehe in den Krieg, um gegen das Unrecht zu kämpfen, gegen eine hinterhältige Bedrohung, die uns alle betrifft. Wenn ich zurückkomme, dann als ein Held, Ness. Denn ich weiß, dass ich meinen Beitrag zur Rettung der Welt geleistet habe. Lass uns dann heiraten und glücklich miteinander alt werden. Falls ich nicht zurückkehre, bin ich als Märtyrer für eine heilige Sache gefallen, und ich will, dass du mich so in Erinnerung behältst, wie wir uns zuletzt sahen und küssten. Ich werde dich für immer lieben.
Ernest
PS: Ich hab dir ein Buch geschickt. Lies es dir durch, dann wirst du alles verstehen.
Tom musste die Nachricht zweimal durchlesen, um zu begreifen, was Ernie damit meinte. Anschließend gab er Vanessa das Telefon zurück und musste tief durchatmen. »Ihr habt Angst, dass sich Ernie einer Terrororganisation angeschlossen hat? Das ist ernst, sehr ernst sogar«, sagte er.
Die Mädchen nickten stumm. Vanessa nahm ihre Handtasche und holte ein Buch heraus. Im gleichen Moment machte Toms Herz einen regelrechten Satz. Ihm blieb fast die Luft weg: Es war ein schwarz eingebundenes Buch. Zögernd nahm er es in die Hände und las vom Einband ab. Seine Nackenhärchen stellten sich auf, ihm schauderte. »Das Schwarze Manifest.«
»Es stehen lauter seltsame Sachen drin. Grauenhafte Dinge, Tom. Ich weiß nicht, was Ernie damit bezwecken wollte, als er schrieb, ich solle dieses Buch lesen, um ihn zu verstehen«, jammerte Vanessa. Sie kämpfte sichtlich gegen die Tränen.
Tom legte das Schwarze Manifest zur Seite und starrte es einen Moment an. Oh nein, dachte er. Alles, nur das nicht. Das gleiche entsetzliche Buch wie bei Henry Fowler. Ernest Fraud, der arme Ernie, auf den Spuren dieses grauenvollen Frauenmörders? Das darf nicht wahr sein!
Aber jetzt machten auch die anderen Sachen Sinn, die Ernie in seiner Nachricht geschrieben hatte. Etwa, dass er diese Welt verlassen würde. Ganz klar: Er ging nach Elderwelt und zog dort in den Krieg. Die Frage war nur, ob für die Sache des Dunklen Meisters oder dagegen. Doch darauf wollte er nicht wetten. Verflucht, dachte er verzweifelt. Ausgerechnet jetzt ist Veyron nicht da! Hab ich ihm nicht gesagt, dass er lieber die Sache mit dem Schwarzen Manifest weiterverfolgen soll? Wie schnell könnte er jetzt eine Lösung herbeiführen und dem Ursprung dieses Teufelswerks auf den Grund gehen? Doch nein, Veyron musste sich ja von dieser abscheulichen Schattenhexe bequatschen lassen!
Jetzt galt es, eine Entscheidung zu fällen, eine elementare noch dazu. Sollte er aufbrechen, um Veyron und Jane zur Seite zu stehen, oder auf eigene Faust versuchen, dem Geheimnis des Schwarzen Manifests auf die Spur zu kommen? Vielleicht könnte er dabei obendrein Ernie Fraud ausfindig machen und den Jungen vor einer unverzeihlichen Dummheit bewahren.
»In Ordnung, bleibt ganz ruhig«, sagte er an Vanessa und Lilly gewandt, die ihn besorgt anschauten. Sie hatten wohl bemerkt, wie ihn der Anblick dieses Buches in Panik versetzte. »Ich habe schon einmal ein Buch wie dieses gesehen. Als Erstes brauchen wir Hilfe«, fuhr er fort. Seine Gedanken rasten. Was sollte er nur tun? Warum war Veyron nicht hier? Aber darüber zu jammern, half jetzt auch nichts. Veyron war nicht da, also musste er allein die Entscheidungen fällen. Wäre ja nicht zum ersten Mal. Sein Instinkt riet ihm, Inspektor Gregson anzurufen. Doch der Inspektor war ein Mann des Gesetzes, und ihn zu informieren, wäre auch irgendwie ein Vertrauensbruch gegenüber Lilly und Vanessa. Zudem bezweifelte Tom, dass Gregson – so sehr er diesen Mann schätzte – in der Lage wäre, das Geheimnis des Schwarzen Manifests aufzuklären. Es bräuchte schon jemanden von Veyrons Verstand und Wesen, um das zu bewerkstelligen …
Plötzlich sprang er aus dem Sessel und eilte hinaus auf den Flur. »Ich muss nach Camden. Jetzt sofort«, rief er Vanessa und Lilly zu, die überrumpelt auf der Couch sitzen blieben.
»Sollten wir nicht besser auf deinen Onkel warten?«, wollte Lilly vorsichtig wissen, doch Tom schüttelte den Kopf.
So schnell er konnte, rannte er in sein Zimmer hinauf, schnappte sich seinen Rucksack und nahm seinen Geldbeutel mit. Dann huschte er in Veyrons Arbeitszimmer, wo er alle möglichen Dinge in den Rucksack stopfte, die ihm vielleicht noch nützlich werden könnten.
»Tom, was ist denn nur los«, hörte er Vanessa hinter sich jammern.
Er drehte sich zu ihr um. Lilly und sie standen auf der Treppe und starrten ihn entgeistert an.
»Die Sache ist ernst, Mädels. Wir können nicht auf Veyron warten, wenn wir Ernie retten wollen. Doch genau dafür brauchen wir Hilfe. Darum muss ich nach Camden«, erklärte er.
»Keine Polizei«, flehte Vanessa und hob abwehrend die Hände.
Tom nickte hastig. »Nein, keine Polizei. Habt ihr beide für heute nichts mehr vor? Gut, dann los. In Camden gibt es einen Mann, der uns helfen kann, Ernie aufzuspüren. Das ist der erste Schritt. Alles Weitere sehen wir dann schon. Auf geht’s!«
Ohne auf die Antwort der Mädchen zu warten, eilte Tom die Treppe nach unten und hinaus zur Tür. Es dauerte nicht lange, bis ihm Vanessa und Lilly folgten.
An der Bushaltestelle meinte Lilly schließlich, dass es klüger wäre, sie bliebe zurück und wartete auf Nachrichten von den beiden. Tom sah ihr an, dass sie sich fürchtete. Er konnte es ihr nicht verdenken, ihre Instinkte lagen da absolut richtig. Anders als Vanessa hatte sie sich bereits einen Reim auf das Ganze gemacht – und sie fürchtete sich zu Recht. Mit dem Schwarzen Manifest war nicht zu spaßen.
»Vielleicht ist es besser, du bleibst auch hier, Vanessa«, meinte Tom, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
»Ich werde auf keinen Fall zurückbleiben, wenn ich Ernie irgendwie helfen kann. Ich liebe ihn, ich werde mitkommen, egal, was passiert«, sagte sie.
Tom musste lächeln. So sind die Verliebten, dachte er. Vanessa würde sich nicht aufhalten lassen. Schließlich erklärte er sich einverstanden. Zu dritt warteten sie auf den Bus, und als Vanessa eingestiegen war, wandte sich Tom noch einmal an Lilly. »Die Sache ist todernst! Wenn ich dir eine entsprechende Nachricht schicke, wirst du die Polizei anrufen. Unter dieser Nummer hier«, sagte er und drückte ihr einen kleinen Zettel in die Hand. »Die gehört Detective Chief Inspektor Gregson vom CID. Er ist ein enger Vertrauter von Veyron. Du musst ihm alles erzählen. Ich melde mich.«
Lilly nickte ernst. »Kommt nur heil wieder zurück«, verabschiedete sie sich und bemühte sich um ein Lächeln, das ihr ordentlich misslang.
Tom erwiderte ihre Abschiedswünsche so fröhlich, wie er konnte, und stieg dann ein. Ich muss verrückt geworden sein, dachte er, als er sich neben Vanessa auf den freien Platz setzte. Ohne Veyrons Wissen oder Unterstützung legte er sich mit den Kräften an, die hinter dem Schwarzen Manifest standen. Wie weit er wohl kommen würde?
Vom Underground-Bahnhof Harrow & Wealdstone ging es mit der Overground-Linie, die ironischerweise dennoch unterirdisch verlief, zum Bahnhof London Euston. Unterwegs wagte Tom Vanessa schließlich zu verraten, zu wem er wollte. Er erzählte ihr von Veyrons Bruder Wimille, der in Camden wohnte. Viel wusste er ja selbst nicht von jenem geheimnisvollen Mann, nur dass er der Einzige war, der ihnen jetzt noch helfen konnte. Vanessa nahm es mit Gleichmut auf; ihr war nur wichtig, dass sie Ernie möglichst schnell fänden. Von Euston nahmen sie die Northern-Linie nach Camden Town und mussten dann zu Fuß bis 213 Gloucester Crescent marschieren, in dessen ersten Stock Wimille Swift wohnte. Das alte, aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Gebäude grenzte nahtlos an eine Reihe gleichartiger Bauten der halbmondförmigen Straße. Im Erdgeschoss gab es ein Pub, die Fenster des zweiten und dritten Stocks waren dagegen finster und staubig, diese Etagen waren offenbar unbewohnt. Als Tom mit Vanessa die Treppe zur Haustür hochgestiegen war, konnte er am Klingelschild nur einen einzigen Namen finden. Swift. Ein plötzliches Zögern befiel Tom, ließ seinen Daumen einen Moment über dem bronzenen Klingelknopf schweben. Gerade kam ihm in den Sinn, dass es vielleicht einen guten Grund gab, warum ihm Veyron nie viel über seinen Bruder erzählt hatte.
Vanessa hielt es nicht mehr aus. Mit ihrer Hand presste sie nun Toms Daumen auf die Klingel, und ein infernalisch lautes, schrilles Geräusch hallte durch die ganze Straße. Vanessa entfuhr ein Schrei, und sie hielt sich die Ohren zu. Bevor Tom vor Schreck die Augen zukniff, sah er noch einige Passanten zusammenzucken. Wimille hatte die Klingelanlage mit einem Lautsprecher verstärkt, vielleicht, um lästige Hausierer zu verscheuchen. Er wollte offenkundig allein gelassen werden. Der Effekt war überzeugend genug, Tom hatte jedoch ein ernsteres Anliegen, als ein irgendein Abo zu verkaufen. Er klingelte wieder, worauf dieses entsetzlich schrille Geräusch erneut durch die Straße heulte.
»Hör auf damit, Junge!«, fuhr ihn einen Moment später eine helle Stimme durch die Sprechanlage an. »Sieh zu, dass du verschwindest, und nimm deine dumme Freundin mit!«
Tom war zu verdutzt, um sofort zu reagieren. Mit Veyron Swift auszukommen, war bisweilen schon nicht leicht, doch sein Bruder erwies sich als geradezu feindselig. »Mr. Wimille Swift?«, fragte er vorsichtig.
Ein wütendes Schnauben kam zur Antwort. »Ich buchstabiere es für dich: H. A. U. A. B. Hau ab! Verschwinde! SOFORT!«, donnerte es aus der Sprechanlage.
»Sir, ich bin Tom Packard, und …«
»Ich ruf die Polizei, wenn …«, brüllte die Stimme hysterisch und brach dann plötzlich ab.
Einen Moment lang hörte Tom nur ein gleichmäßiges Atmen durch die Sprechanlage. Verwundert drehte er sich zu Vanessa um, die ihn aus großen, entsetzt aufgerissenen Augen anstarrte.
»Lass uns verschwinden. Der Typ ist ein Irrer«, jammerte sie halblaut.
Tom schüttelte den Kopf – auch wenn sie vermutlich recht hatte.
Im nächsten Moment summte der Öffner. Vorsichtig schob Tom die Tür ein wenig auf, ehe er es wagte, sie ganz aufschwingen zu lassen und in den Flur zu treten. Vanessa folgte ihm eingeschüchtert. Hinter ihnen schloss sich die Tür wieder von allein, ein Klacken kündete von einer elektronischen Verriegelung. Die Lichter im Treppenhaus sprangen flackernd an und leuchteten ihnen den Weg nach oben. Langsam, beinahe ehrfürchtig, nahm Tom die Stufen.
Im ersten Stock öffnete sich eine weitere Tür mit elektronischem Schloss, und sie traten in eine finstere, spartanisch eingerichtete Wohnung. An einem dunklen Tisch saß eine schlanke, ausgemergelte Gestalt, kleiner als Veyron und weit weniger sportlich. Wimille Swift wirkte gut und gerne zehn Jahre älter als sein Bruder. Seine dunklen Locken waren von Silber durchzogen und wichen an der Stirn schon deutlich zurück, wo sie ausgeprägte Geheimratsecken hinterließen. Zumindest die scharfe Adlernase hatte Wimille mit Veyron gemein. Tom fand, dass sie bei Wimille sogar noch markanter wirkte –, und natürlich besaßen beide den gleichen durchdringenden Blick aus eisblauen Augen.
Wimilles dünne Lippen verzogen sich zu einem schüchternen Lächeln, als Tom näher trat. Unsicher und nervös spielte der Mann mit seinen Fingern und rieb zugleich mit den Schuhen aneinander. »Tatsächlich, es stimmt«, sagte er mit schüchterner Freude. »Dieselben Augen wie Susan, auch die Wangenpartie ist ihrer ähnlich. Veyron hat nicht gelogen, seine Beschreibung war wie üblich sogar überaus exakt. Vergib mir, Tom, ich hatte es bezweifelt.« Überaus agil sprang Wimille auf und kam um den Tisch herum, um Tom zu begrüßen.
Auch Vanessa trat langsam näher, doch Wimille schenkte ihr nur ein kommentarloses Nicken.
»Ja, du bist wahrhaftig Susan Evans’ Sohn, mein Junge. Schön, dass wir uns endlich kennenlernen und …«, fuhr Wimille fort, doch plötzlich stockte er, holte tief Luft und wandte sich ab.
Tom bemerkte, wie Veyrons Bruder kurz die Fäuste ballte, ehe er sie wieder entspannte. »Mr. Swift, ich komme, weil ich Ihre Hilfe benötige. Wir haben ein kleines Problem, und ich hörte von Veyron, dass Sie gewissermaßen ein Genie sind, und …«, begann er zu erklären.
Wimille fuhr zu ihm herum, die schmalen Lippen zusammengepresst, ehe er wieder zu lächeln begann. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, meine Junge. Selbstverständlich stehen dir meine Dienste zur Verfügung. Geht es um die junge Dame da? Soll ich sie hinauswerfen?«
»Was?«, entfuhr es Tom schockiert. »Nein, das ist nur Vanessa«, sagte er. Im gleichen Augenblick spürte er ihren Ellbogen in seiner Seite. »Autsch! Sie ist meine Klientin. Ihr Freund ist verschwunden, und wir versuchen, ihn aufzuspüren. Wir haben aber keine Adresse, sondern nur eine Nachricht von ihm. Ich dachte, sie wären vielleicht in der Lage, das Handy ihres Freundes zu orten.«
Wimille warf Vanessa einen forschenden Blick zu. Plötzlich wirbelte er auf den Absätzen herum und eilte ins nächste Zimmer. Zögernd folgten ihm Tom und Vanessa. Sie fanden ihn in einem kleinen, fensterlosen Raum, dessen Wände mit Bildschirmen gepflastert waren. Auf einem runden Tisch waren mehrere Tastaturen aufgestellt. Zahlencodes rasten die Bildschirme rauf und runter, und Vanessa pfiff entgeistert durch die Zähne, als sie das alles sah.
»Was machen Sie beruflich? Arbeiten Sie beim Geheimdienst?«, fragte sie.
Tom sah ihre Augen vor Staunen regelrecht leuchten. Wimille schien sie gar nicht zu bemerken, sondern setzte sich an den Tisch und streckte ihr seine Hand entgegen. Vanessa sah Tom verunsichert an, doch er nickte ihr aufmunternd zu und gab ihr zu verstehen, dass sie Wimille ihr Smartphone geben solle. Eifrig zog Vanessa es aus der Tasche und gab es dem Bruder Veyrons. Wimille entfernte sofort den Deckel, und mit einer Geschwindigkeit, die Tom kaum verfolgen konnte, entnahm er den Akku und sämtliche Chips, steckte diese in kleine Fächer seiner Tastaturen und tippte anschließend eine Serie von Codes ein.
»Ich arbeite gar nichts, junge Miss. Vor zwanzig Jahren habe ich einige Algorithmen für eine Software geschrieben und diese patentieren lassen. Noch heute benutzen die meisten modernen Programme meine Algorithmen. Ich lebe von den Lizenzeinnahmen, keine große Sache. Nicht jeder erbt so vortrefflich wie mein Bruder«, sagte Wimille mit einer Gleichgültigkeit in der Stimme, die Tom verdächtig bekannt vorkam. Unweigerlich musste er schmunzeln.
»Veyron hat geerbt?«, fragte er interessiert.
Wimille brauchte einen Moment, bevor er antwortete. Neue Zahlencodes flogen über einen der Bildschirme und beanspruchten seine volle Aufmerksamkeit. »Ja, das Haus unserer Großeltern. Da wollte ich nicht hinziehen und hab ihm mein Erbteil überlassen, weil ich keine frei stehenden Gebäude mag. Ich hasse es, wenn man mich von allen Seiten begaffen kann. Schlimm genug, dass Häuser überhaupt Fenster haben. Ich hab alle Stockwerke angemietet, damit hier niemand sonst einzieht. Nur das Pub unten bin ich noch nicht losgeworden«, sagte er schließlich.
»Sind Sie ein Hacker? Sind Sie dafür nicht ein bisschen zu alt?«, wollte Vanessa wissen. Tom strafte sie mit einem vorwurfsvollen Blick. Verlegen biss sie sich auf die Lippe.
»Falls dreiundvierzig für Sie alt ist, kann ich Ihnen nicht helfen, Miss …«, gab Wimille mit Swift’scher Gelassenheit zurück. Er starrte auf den Bildschirm und verzog kurz das Gesicht. »Miss Sutton, aha. Sie kommunizieren sehr viel mit einer gewissen Miss Lilly Rodgers, wie ich sehe. Sehr unklug von der jungen Dame, ausgerechnet Ihnen zu vertrauen. Sie sind recht geschwätzig«, stellte Wimille abfällig fest. Er drückte eine Taste auf einer anderen Tatstatur. Auf zwei Bildschirmen erschien die Benutzeroberfläche von Vanessas Telefon zusammen mit den Gesprächsprotokollen aller ihrer Kontakte – und wiederum deren Gesprächsprotokolle mit all ihren Kontakten.
Tom schaute zu Vanessa, die abwechselnd glutrot und leichenblass wurde. Veyron war manchmal schon unerträglich direkt, aber Wimille zeigte überhaupt keine Hemmungen, seine Abneigung gegenüber Vanessa kundzutun. Er mochte Wimille jetzt schon.
Vanessa versuchte natürlich sofort, das Thema zu wechseln. »Wie viele Handys haben Sie da eben geknackt? Das sind ja Dutzende von Chats, die sich da öffnen«, rief sie voller Staunen aus.
»Momentan sind es einhundertvierzig, aber es werden mit jeder Sekunde mehr«, meinte Wimille beiläufig. »Mein Programm macht das ganz von allein, ich muss es nur überwachen. Das ist wirklich nicht so schwer, wenn man einmal in die Datenbanken der CIA und des MI-6 eingebrochen ist – was diese bis heute noch nicht bemerkt haben. Also, was wollt ihr zwei wissen?«
»Wir suchen Ernie Fraud. Ich hab den dringenden Verdacht, dass er sich in eine riesengroße Dummheit stürzt. Wir müssen wissen, wo er sich in diesem Moment aufhält«, sagte Tom.
Wimille war sofort am Eintippen. »Sein Telefon hat die letzten Geodaten aus dem Hafen von Felixstowe gesendet. Das war heute Morgen, so sagt mir sein Mobilfunk-Provider. Offenbar hat er anschließend den Akku aus seinem Telefon genommen oder es zerstört. Es gab nach seiner letzten Nachricht an die junge Dame keine weiteren Datenübertragungen. Hilft euch das?«
Tom versuchte, aus diesen Informationen schlau zu werden. Was wusste er über Felixstowe? Nun, es war der größte Containerhafen Großbritanniens. Die Wahrscheinlichkeit lag also hoch, dass Ernie versuchen würde, mit einem Schiff außer Landes zu kommen. Vielleicht wollte er sich ja wirklich einer Terrororganisation anschließen? »Ankert ein Schiff in Felixstowe, auf dessen Fahrtroute der Nahe Osten liegt?«, fragte er Wimille, und zu Vanessa gewandt sagte er: »Vielleicht will er erst in ein Ausbildungscamp.«
»Wir müssen ihn aufhalten. Lass uns sofort aufbrechen«, sagte sie und wollte schon gehen, doch Tom schüttelte den Kopf.
»Felixstowe ist riesig. Ohne weitere Informationen werden wir das Schiff nie finden, das Ernie nehmen will«, meinte er.
Vanessas Wangenknochen traten hervor, so fest biss sie ihre Kiefer zusammen. Nur mühsam brachte sie ihren Tatendrang unter Kontrolle.
»Das ist wirklich nicht weiter schwer«, sagte nun Wimille mit einem amüsierten Kichern. »Vergleiche ich den Ort der letzten aufgezeichneten Datenübertragung mit den Schiffen in Felixstowe, so hat Mr. Fraud seine letzte Nachricht an Miss Sutton von einem Schiff gesendet, einem Containerfrachter.«
»Können Sie herausfinden, wie das Schiff heißt und ob es schon ausgelaufen ist?«, fragte Tom, worauf Wimille meinte, das nichts leichter als das wäre.
Während Veyrons Bruder mit irrsinniger Geschwindigkeit Befehle in die Tasten hämmerte, zog Vanessa Tom etwas zur Seite. »Wie macht er das? Wieso kann er sich innerhalb von Augenblicken in alle Systeme der Welt hacken?«, wollte sie wissen.
»Wimille besitzt die Gabe, Programme zu lesen wie andere Leute Bücher. Und wie ein genialer Lektor findet er jeden noch so kleinen Fehler in den Codes und jede Sicherheitslücke. Er ist überhaupt ein technisches Genie. Veyron hat mir mal erzählt, dass Wimille ihm seine sämtlichen Smartphones zusammenbastelt und programmiert. Er nimmt einfach dein Telefon in die Hand, zerlegt es und erkennt sofort jeden Makel in der Konstruktion. Aber mehr weiß ich auch nicht«, versuchte Tom, das Phänomen Wimille zu erklären. Veyron sparte ja stets mit Informationen und gab immer nur das Notwendigste preis.
»Es ist die Zaltic Asp«, rief Wimille einen Moment später triumphierend. »Ein Super-Containerschiff, das achtzehntausend ISO-Container laden kann, 18000 TEU, wie man es in der Logistikbranche ausdrückt. Das Schiff liegt noch am Pier, planmäßiges Auslaufen ist für morgen Abend vorgesehen. Betreiber ist …« Plötzlich stand er auf und verließ seinen Hackerraum. Ohne weitere Erklärung schlüpfte er in eine Jacke und verließ die Wohnung.
Tom hörte kurz darauf das Surren der Haustür. Vanessa und er eilten zum nächsten Fenster und sahen Wimille unten auf der Straße zu den nahen Garagen eilten und in einer davon verschwinden. Kurz darauf schoss ein himmelblauer VW-Käfer heraus, der blubbernd die Straße entlangjagte, bis er außer Sicht war.
»Also, du hast schon wirklich zwei seltsame Vögel als Onkel. Kannst du mir sagen, was das eben sollte?«, fragte Vanessa.
Tom schüttelte nur den Kopf und kehrte in das Zimmer zurück. Etwas hatte Wimille aufgeschreckt, ihn regelrecht verstört; Tom musste wissen, was. Die Antwort entdeckte er gleich darauf auf einem der Bildschirme, wo ein Diagramm der Zaltic Asp abgebildet war. In blutroten Lettern stand darunter: Zaltianna Trading Company.
Mit einem Seufzen ließ sich Tom in Wimilles Sessel sinken. Auch das noch!
»Was bedeutet das?«, fragte Vanessa neugierig. Tom lächelte unglücklich. Natürlich! Ihr sagte der Name dieser Firma gar nichts, er jedoch hatte in den letzten Jahren diesen Namen oftmals gehört, und er verfluchte ihn.
»Die Zaltianna Trading Company, kurz ZTC, ist eines der größten Logistikunternehmen der Welt. Die unterhalten eine Flotte von Schiffen und Flugzeugen und transportieren so ziemlich alles. Krumme Geschäfte stehen bei denen auf der Tagesordnung. Ich kann dir nur so viel sagen, Vanessa: Wenn sich Ernie auf einem Schiff der ZTC befindet, dann ist er in Lebensgefahr! Ich weiß es, ich hab es am eigenen Leib erfahren«, erklärte er finster. Selbstverständlich sagte er ihr nicht, dass sein Vater ein Geheimnis der ZTC aufgedeckt hatte – nur um kurz darauf ermordet zu werden, zusammen mit Toms Mutter. Er konnte ihr auch nicht davon erzählen, dass sich im Besitz der ZTC ein Durchgang nach Elderwelt befand. Dort unterstützte sie die Anhänger des Dunklen Meisters mit Technologie und anderer Ausrüstung. Die ZTC finanzierte beispielsweise die Piraten Elderwelts. Und jetzt befand sich Ernie Fraud in deren Klauen – entweder freiwillig oder dazu gezwungen.
»Tom, du machst mir Angst«, riss ihn Vanessas Stimme aus seinen finsteren Überlegungen. Tom sprang aus dem Sessel und fasste sie mit beiden Händen an den Schultern.
»Du hast Angst? Gut, denn das solltest du auch! Diese Leute sind Mörder, Vanessa. Ich weiß noch nicht, wie wir Ernie retten können, aber ich werde mir was einfallen lassen. Jetzt muss ich erst einmal Wimille finden. Wir brauchen noch mehr Informationen und einen guten Plan. Fahr zurück nach Harrow, ich melde mich morgen bei dir«, sagte er. Draußen sah er bereits die Sonne untergehen, und ihm wurde bewusst, wie spät es inzwischen war. Ein perfekter Vollmond stand am Himmel. Heute Nacht hätte der verrückte Henry Fowler sein letztes Opfer in irgendeinem Park präsentiert, mit den Schriftzeichen aus dem Schwarzen Manifest – dasselbe Buch, wegen dem sich Ernie Fraud nun auf der Zaltic Asp befand. »Wir alle sind in Gefahr. Ich melde mich bei dir«, sagte Tom ein wenig geistesabwesend.
Gemeinsam verließen sie Wimilles Wohnung. Anschließend brachte Tom Vanessa noch zur nächsten Underground-Station. Er wartete, bis sie eingestiegen war, ehe er seinen eigenen Plänen folgte. Jetzt galt es, Wimille aufzuspüren. Theoretisch konnte Veyrons seltsamer Bruder überall hingefahren sein, doch Tom hatte eine bestimmte Ahnung, wo Wimille hinwollte. Und falls er nicht dort war, so wäre ein Besuch an jenem Ort vielleicht so oder so notwendig.
Mit dem nächsten Bus fuhr Tom nach Uxbridge. Drei Jahre lang hatte er jenen Ortsteil Londons schon nicht mehr aufgesucht, aber früher hatte er diese Straßen sein Zuhause genannt – bis seine Eltern damals ums Leben gekommen waren; ermordet von übermächtigen Kräften. Dort angekommen zog es ihn zuerst nach Norden, wo das frühere Haus seiner Eltern stand. Seine Stieftante hatte es kurz nach dem Unglück verkauft, um damit irgendwelche Schulden abzubezahlen. Als Vormund Toms durfte sie das auch ohne seine Einwilligung machen. Darüber konnte er sich heute noch ärgern. Vermutlich würden seine ganze Wut und die lange zurückgehaltene Trauer erneut hochkommen, wenn er vor seinem ehemaligen Zuhause stünde. Darum entschied er sich schließlich, das nicht zu tun. Wahrscheinlich würde er Wimille dort sowieso nicht finden. Veyron und Wimille waren in ihrer Jugend Nachbarn von Susan Evans gewesen, und beide hatten eine enge Beziehung zu ihr gehabt, die erst durch Susans Heirat mit Joseph Packard einen Riss bekommen hatte. Von Veyron wusste Tom, dass Wimille Susan besonders verehrt hatte.
Es gab hier noch einen anderen Ort, an dem Toms Eltern präsent waren. Also nahm er den nächsten Bus nach Süden, zum Hillingdon & Uxbridge Friedhof. Fünf Minuten später durchschritt er bereits das große Torgebäude, einen großen, dunkelgrauen Bau, der dem finstersten Mittelalter entsprungen zu sein schien. Inzwischen war es bereits Nacht, die Sterne standen am dunklen Firmament. Den Weg zum Grab seiner Eltern kannte er in- und auswendig – selbst nach drei Jahren wusste er ihn noch ganz genau. Auf den leeren Wegen des Friedhofs traf Tom nicht eine Menschenseele.
Inmitten einer grünen Rasenfläche stand eine schwarze, steinerne Stele, viele Meter vom nächsten Grab entfernt. Im oberen Teil war ein kleines, goldenes Kreuz eingraviert, und darunter stand:
Joseph Lloyd Packard 1976-01-12 – 2011-02-18
&
Susan Eleanor Packard, geborene Evans, 1977-09-14 – 2011-02-18
Tom seufzte, als er die Inschrift las. Eine tiefe Scham befiel ihn. Seit er damals zu Tante Priscilla nach Ealing hatte ziehen müssen, war er nicht mehr hierhergekommen. Kein einziges Mal, aus Angst, dass ihn der Schmerz über den Verlust seiner Eltern übermannen würde. Tatsächlich begann er zu zittern, und während ihn mehr und mehr fror, erschwerte ihm ein Kloß im Hals das Schlucken. Die Stille hier, die Einsamkeit der Säule auf dem Rasen, all das machte ihm deutlich, wie allein er war. Außer Tante Priscilla wusste Tom von keinem Verwandten seiner Eltern. Sein Vater war ein Einzelkind gewesen, seine Mutter die Adoptivtochter der Evans’. Beide Großelternpaare waren schon vor rund zehn Jahren gestorben. Dennoch wirkte die schwarze Stele wie neu, sauber geputzt, und das Gras war gemäht. Am Fuß des Grabsteins lag eine einzelne, blutrote Rose.
»Ich komme jeden Sonntag hierher und bringe Susan ihre Rose«, hörte er die halblaute Stimme Wimille Swifts hinter sich. Langsam drehte sich Tom um und entdeckte Veyrons Bruder im Schatten eines Baumes.
Als er ins Mondlicht trat, sah Tom, dass Wimilles Augen verquollen waren, als hätte er heftig weinen müssen. Vorsichtig und mit einem zaghaften Lächeln kam er näher und stellte sich neben Tom.
»Ich weiß, Sonntag ist erst morgen. Aber vielleicht habe ich morgen keine Zeit mehr dafür, nicht wahr?«, meinte Wimille und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Ich habe deine Mutter geliebt, weißt du? Anders als Veyron, der hat in Susan stets nur die Schwester gesehen, die wir nie hatten. Jemanden, der ihn verstanden hat und ihn mochte. Das hat er mit einer kindischen Anhänglichkeit erwidert. Ich aber sah in ihr die Frau meiner Träume. Sie konnte mich zum Lachen bringen, wie es sonst niemand schaffte. Es war pure Glückseligkeit, auch nur in ihrer Nähe zu sein. Ich hab ihr Liebesbriefe geschrieben, Dutzende. Selbst als sie mir sagte, dass es zwischen uns nichts anderes geben könnte als Freundschaft, war sie sehr nett und verständnisvoll.« Mit einem um Vergebung flehenden Blick schaute er Tom an.
Tom schenkte ihm ein Lächeln. »Ich weiß«, sagte er. »Veyron hat es mir erzählt – okay, er hat es eigentlich mehr oder weniger nur angedeutet. ›Da musst du einen anderen Swift fragen‹, hat er gesagt, als es darum ging, ob er in meine Mutter verliebt war. Aber ich kann eins und eins zusammenzählen, wissen Sie.«
Wimille lächelte dankbar und berührte Tom an der Schulter. Doch schon im nächsten Moment wandte er sich ab und gab einen gequälten Laut von sich. »Ich war ein Idiot, Tom! Und unerträglich eifersüchtig auf deinen Vater! Darum bin ich aus Uxbridge weggezogen. Veyron hat sich dadurch zu einem großen Fehler hinreißen lassen, weißt du? Er hat gemeint, er müsste mich verteidigen, und sich bemüht, allerhand vermeintlich schlimme Sachen über deinen Vater herauszufinden, und hat Susan gewarnt. Er wollte verhindern, dass deine Eltern zusammenbleiben. Veyron hat mich stets schützen wollen, selbst als kleiner Junge schon. Aber immer, wenn er versucht, die Menschen zu behüten, die er liebt, dann geht etwas schief. Joey war natürlich nach dieser Sache nicht gerade gut auf Veyron zu sprechen, aber Susan hielt seinen Versuch, sie und Joey auseinanderzubringen, für einen Scherz. Sie hat es als Einzige nie ernst genommen. Ja, sie rang Veyron sogar das Versprechen ab, auf ihre Kinder genauso aufzupassen wie auf sie, sollte ihr jemals etwas zustoßen. Ihre Entscheidung aber, Joey zu heiraten, war unverrückbar. Veyron musste das schließlich genauso akzeptieren wie ich.
Ich glaube, diese Tatsache hat ihn tiefer verletzt, als er zugeben wollte. Susan war mit dir schwanger, als auch er aus Uxbridge fortging. Wir hatten nie wieder Kontakt zu deinen Eltern.«
Tom wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Viele der Dinge, die ihm Wimille erzählte, hatte er selbst erst letztes Jahr unter ganz besonderen Umständen erfahren. Endlich erkannte er auch ein paar Zusammenhänge. Veyron war, was dieses Thema betraf, in den vergangenen drei Jahren stets sehr verschwiegen gewesen.
»Kurz vor Susans und Joeys Tod kam Veyron zu mir, ganz aufgeregt. Wir müssten augenblicklich jede Anstrengung unternehmen, Susan zu beschützen. Joey und sie würden bedroht, von einer so dunklen Macht, wie man sie sich kaum vorstellen könne. Ich habe also die Zaltianna Trading Company gehackt und die Spuren, die dein Vater bei seinen Recherchen hinterlassen hat, umgeleitet. Veyron und ich, wir haben ausgeknobelt, auf wen der Verdacht fallen sollte – bei einer Partie Schach. Ich habe natürlich in drei Zügen gewonnen – wie immer. Heute bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob er mich nicht einfach nur gewinnen ließ. Es ging doch überraschend schnell, wie ich fand«, fuhr Wimille fort.
Tom musste schlucken. Er wusste inzwischen, dass seine Eltern vom Schattenkönig ermordet worden waren, dem obersten Häscher des Dunklen Meisters. Veyron und Wimille hatten darum gespielt, wer sich für Susan und Joey opfern sollte, und Veyron hatte Wimille gewinnen lassen, um seinen Bruder zu retten. Und ich habe Veyron meine Unterstützung verweigert, als er sie brauchte, dachte er schuldbewusst.
Wimille stieß ein finsteres Lachen aus und holte Tom damit in die Realität zurück. »Doch den Schattenkönig konnten wir nicht täuschen! Er hat Joey von Anfang an in die Falle laufen lassen. Veyron und ich, wir kamen zu spät. Wir haben versagt. Darum bist du heute eine Waise, darum gehört das Haus, das rechtmäßig dein sein sollte, jetzt einem Robert T. Moorhead, und deine Tante sitzt in Venezuela wegen Veruntreuung und Betrugs im Gefängnis. Und ich …« Wimilles Stimme eben noch zitternd vor Wut, versagte, und er brach in Tränen aus, während er auf die Knie sank. »Vergib mir, Tom, bitte vergib mir! Ich habe alles versucht. Alles nur erdenklich Mögliche habe ich versucht, aber ich konnte Susan nicht retten. Ich war zu langsam«, jammerte er.
Tom legte seine Hand auf Wimilles Schulter, bückte sich zu ihm hinunter, um ihn zu trösten. Noch bevor er auch nur ein Wort sprechen konnte, riss sich Wimille jedoch schon wieder los, sprang auf und stieß einen wütenden Schrei aus.
»Das ist alles Veyrons Schuld! Warum hat er diese Falle nicht erkannt? Er hätte schneller sein, hätte das Auto deiner Eltern abfangen müssen! Er hätte sie retten können!«, brüllte er der Nacht entgegen. Einen Moment später sackte er wieder zusammen und schluchzte einige Male.
Vorsichtig strich Tom Wimille über die Haare, als wäre er das Kind, nicht umgekehrt. »Es ist nicht Ihre Schuld, Wimille. Und auch nicht die Veyrons. Ich kenne die Wahrheit. Sie beide haben Ihr Möglichstes getan, mehr kann niemand verlangen. Und Susan und Joey wären sicher stolz auf Sie, wenn sie wüssten, was Sie bereit waren, auf sich zu nehmen«, sagte er leise.
Wimille zuckte kurz zusammen, dann atmete er tief durch.
Tom fuhr fort. »Was immer zwischen meinen Eltern, Veyron und Ihnen vorgefallen sein mag, es ist längst vergeben. Aber ich habe jetzt eine Mission, bei der ich Ihre Hilfe benötige. Ich muss auf dieses ZTC-Schiff und Ernie Fraud da runterholen. Der Junge weiß nicht, was er tut. Er befindet sich in allergrößter Gefahr.«
Wimille wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Nach einem weiteren Durchatmen wirkte er wieder halbwegs gefasst. »Wie kann ich dir helfen? Ich werde alles tun, Tom, was immer du verlangst. Um deiner Mutter willen und um die Schuld zu begleichen, diese ewige Schuld«, sagte er.
»Können Sie die Company erneut hacken? Ich brauche irgendwas, das mir den Zugang zu diesem Schiff ermöglicht.«
Wimille seufzte und zog sein Smartphone aus der Jackentasche. Mit einem triumphierenden Lächeln reichte er es Tom. »Habe ich bereits getan«, verkündete er. »Lass uns nach Felixstowe fahren und an Bord der Zaltic Asp gehen.«
Tom schüttelte jedoch den Kopf, als er das hörte. »Nein, das werde ich allein tun. Ich brauche Sie hier, Wimille. Sie müssen alles überwachen und mir die Türen öffnen.«
Nun war es an Wimille zu widersprechen. »Veyron ist nicht da, um dich zu beschützen, so wie er es Susan geschworen hat. Darum werde ich das nun an seiner statt übernehmen. Ich komme mit!«
Schweren Herzens erklärte sich Tom damit einverstanden. Er wusste ja inzwischen, wie weit die Entschlossenheit der Swift-Brüder ging, und es gab keine Kraft der Erde, sie daran zu hindern.
4. Kapitel: Die Zaltic Asp
Zunächst kehrten sie in Wimilles Wohnung zurück und besprachen das weitere Vorgehen. Tom stellte seinen Plan vor – oder besser gesagt, das, was er sich im Verlauf der Rückfahrt ausgedacht hatte. Überraschenderweise erklärte sich Wimille mit allem einverstanden. Anschließend verschwand er in seinem Hacker-Zimmer, um kurz darauf von einem Raum der Wohnung in den nächsten zu eilen, einmal mit Werkzeug, ein anderes Mal mit irgendwelchen Geräten in der Hand. Tom vormochte sich nicht einmal vorzustellen, was Veyrons Bruder so alles trieb, darum schrieb er Vanessa und Lilly ein paar Nachrichten und warnte die beiden Mädchen davor, irgendjemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu erzählen.
Als Wimille nach etwa dreißig Minuten mit seinen Tätigkeiten fertig war, setzte er sich zu Tom an den Tisch des karg eingerichteten Wohnzimmers. »So, nun können wir konkreter werden. Die wichtigsten Vorbereitungen sind abgeschlossen«, sagte er.
Tom nickte eifrig und zeigte Wimille die Dinge, die er aus Veyrons Arbeitszimmer mitgebracht hatte. »Und dann wäre da noch das Daring-Schwert«, verkündete er, streckte die Hand in die Luft und rief den Geist von Professor Daring, der in der magischen Klinge steckte. Wie aus dem Nichts materialisierte das Schwert in Toms Hand; das feine Juwelenmuster seiner Klinge leuchtete blau. Tom reichte Wimille die Waffe, der sie mit professionellem Interesse untersuchte.
»Überraschend leicht«, stellte er fest, als er das Heft in die Hand nahm. Probehalber schwang er sie einmal nach links und dann nach rechts. »Lässt sich gut führen, hervorragend ausbalanciert. Einem Rapier nachempfunden, aber die Klinge ist etwas breiter und kürzer, der Griff massiver. Ein schön gestalteter Korb. Handarbeit, wie ich sehe.«
Er gab es Tom zurück, der die Waffe in seinen Gürtel steckte, wo sie sich von einem Augenblick zum nächsten in nichts auflöste.
Wimille hob interessiert die Augenbrauen. »Weißt du, wie dieses Materialisieren und Dematerialisieren funktioniert?«, wollte er wissen.
Tom zuckte mit den Schultern. »Es ist eine Zauberwaffe. Professor Lewis Daring, der zum Zaubererorden der Simanui gehörte, hat nach seinem Tod seinen Geist auf dieses Schwert übertragen. Und ich sage Ihnen, das Verschwinden und bei Bedarf Auftauchen ist noch einer der harmlosesten Tricks. Ich schätze, es hängt mit der Simarell zusammen, der Zauberkraft der Simanui«, versuchte er zu erklären.
Wimille machte ein missmutiges Gesicht. »Magie, Magie, Magie!«, rief er aus und hob in flehender Geste die Hände. »Warum lassen sich die Menschen mit solch billigen Antworten abspeisen? Der Begriff Magie, mein lieber Tom, steht für nichts anderes als ›Ich weiß es nicht‹. Hinter jeder Magie steckt zumeist nichts weiter als ein der Allgemeinheit unbekanntes technisches Verfahren unter Ausnutzung der Physik. In diesem speziellen Fall wohl Quantenphysik. Nur weil unsere Wissenschaft noch nicht alle Geheimnisse entschlüsseln konnte, haben wir es hier noch lange nicht mit Zauber zu tun.«
Tom musste kurz schmunzeln. Wimille wirkte wie ein Oberlehrer, der an der Ahnungslosigkeit seines Schülers verzweifelte. Ein Wesenszug, den sich die Swift-Brüder teilten. Eben wollte er etwas zu Wimille sagen, als es plötzlich klingelte – nicht der schrille Ton von vorhin, sondern ein ganz normales, angenehmes Klingeln. »Moment mal«, sagte Tom verwirrt.
Wimille gestattete sich ein listiges Lächeln. »Die richtige Klingel ist die zweite von unten. Ich habe nach unserer Rückkehr nur schnell das Namensschild ausgetauscht, um die Nachbarschaft nicht mitten in der Nacht aufzuscheuchen. Ich erwarte nämlich wichtigen Besuch – von der Polizei«, erklärte er, wirbelte auf den Absätzen herum und verschwand im Treppenhaus.
Tom fühlte sich nach dieser Offenbarung ein wenig unbehaglich. Warum sollte Wimille die Polizei ins Haus bestellen, obendrein noch diskret? Wollte Wimille ihn verraten, um ihn hier in London festzusetzen und allein nach Felixstowe zu fahren?
Einen Moment später kehrte Wimille zurück, in den Händen ein in Plastik eingeschweißtes Päckchen. Von Polizeibeamten war nichts zu sehen. Wimille riss ungeduldig die Folie vom Päckchen und öffnete es dann. Triumphierend zeigte er Tom den Inhalt. »Das Schwarze Manifest!« Mit kindlicher Begeisterung schlug Wimille das abscheuliche Machwerk auf, blätterte ein paar Seiten vor und dann zurück.
»Woher haben Sie das?«, fragte Tom finster.
Wimille warf ihm das Buch zu. »Es gehörte einem gewissen Henry Fowler«, sagte er.
Tom schauderte. Es war wahrhaftig das Buch dieses widerwärtigen Frauenmörders. Am liebsten hätte er es weggeworfen, so weit wie nur irgend möglich. Dann stockte er. »Moment mal! Henry Fowler wurde verhaftet, und dieses Buch ist ein Beweismittel. Es sollte eingelagert sein!«, protestierte er.
Wimille zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ich habe es anfordern lassen. Im Namen von Commissioner Hopkins. Der Polizist an der Tür machte zwar ein komisches Gesicht, aber letztlich befolgte er ja nur seine Anweisungen«, erklärte er.
Tom musste lachen. Noch eine Gemeinsamkeit, welche sich die Swift-Brüder teilten. »Sie haben Hopkins’ dienstinternen E-Mail-Account gehackt? Mann, kein Wunder, dass Veyron immer mit seinen krummen Dingern durchkommt«, meinte er.
Wimille wollte das nicht weiter kommentieren, sondern deutete auf das Schwarze Manifest und räusperte sich in seiner Oberlehrer-Art. »Zurück zum Thema! Das Buch ist wichtig. Du wirst es benötigen, um dich als Anhänger der Schwarzen Horde auszugeben.«
Toms Abscheu verwandelte sich schlagartig in Neugier. »Was ist die Schwarze Horde?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, mein Junge«, erwiderte Wimille mit unpassender Fröhlichkeit. »Aber darum geht es in der Einleitung. ›An alle Anhänger der Schwarzen Horde‹, lautet der Aufruf. Ich schlage vor, du studierst es. Am besten fängst du damit jetzt an.« Pfeifend verschwand Wimille in einem Nebenzimmer und schloss ab.
Tom legte das Schwarze Manifest auf den Tisch. Widerwillig schlug er es auf und begann zu lesen. Weit kam er damit nicht. Er schaffte gerade die Einleitung, in der von Verschwörungen die Rede war und davon, dass man aus dem ›goldenen Käfig‹ ausbrechen müsse, welcher von den ›Institutionen‹ geschaffen worden sei, um die Gesellschaft zu kontrollieren, dann fielen ihm die Augen zu, und er schlief über dem Schwarzen Manifest ein. Die kurze und aufregende Nacht forderte ihren Tribut.
Als er wieder aufwachte, schien bereits die Sonne durch die Fenster herein. Er fand sich auf der einzigen Couch in Wimilles Wohnung wieder. Sein Gastgeber selbst war nirgendwo zu finden, dafür aber ein Zettel mit ein paar Informationen: Er sei einkaufen gefahren, um sich neu einzukleiden, und er schlage Tom vor, dies ebenfalls zu tun. Veyrons Bruder hatte ihm sogar genaue Anweisungen hinterlassen, was er sich kaufen sollte und wo er die Sachen am besten bekäme. Des Weiteren legte ihm Wimille einen Besuch beim Friseur nahe, ebenfalls mit genauen Anweisungen Haarschnitt und Farbe betreffend.
Tom konnte nur den Kopf schütteln. »So was ziehe ich bestimmt nicht an. Verunstalten lasse ich mich nicht«, murmelte er.
Auf dem Tisch fand er noch einen weiteren Zettel:
Tu es! Oder wir haben heute Nacht nicht die geringste Chance!
W.S.
Tom seufzte. Auch das noch!
Also fuhr er mit dem Bus in die Stadt und besorgte die geforderten Sachen: alles in Schwarz. Am schlimmsten fand er die schweren Stiefel und die dicken Ledersachen, in denen er sich nur eingeschränkt bewegen konnte. Beim Friseur ließ er sich einen Schnitt mit Linksscheitel verpassen, sein krauses Haar glätten und das natürliche Rotblond von einem tiefen Schwarz überdecken.
»Ich sehe aus wie ein Zombie«, meinte er zu Wimille, als sie sich kurz nach Mittag wieder in 213 Gloucester Crescent trafen.
»Hast du das Buch nicht gelesen? Es schreibt sehr detailliert vor, wie sich die Anhänger der Schwarzen Horde zu kleiden haben, um sich von der fehlgeleiteten Masse abzuheben und sich untereinander zu erkennen«, meinte er vorwurfsvoll.
Tom seufzte. »Ich bin eingeschlafen, hab’s nicht mal über die Einleitung hinaus geschafft«, gab er zu.
Wimille schaute ihn tadelnd an. »Ich weiß. Zum Glück konnte ich letzte Nacht noch etwas Zeit erübrigen, um rund zweihundert Seiten zu lesen. Ein interessantes Machwerk, ganz eindeutig mit dem Ziel, verlorene Seelen zu manipulieren und in die Arme dieses Teufels, des Dunklen Meisters, zu treiben.«
Nun zeigte Wimille auch seine Einkäufe vor: ein teurer Smoking, ebenso kostspielige Lackschuhe und – was Toms Verwunderung noch steigerte – ein Sack voller Golfbälle.
»Was wollen Sie denn mit denen?«, fragte er.
Veyrons Bruder gluckste vergnügt. »Ich nehme an, du würdest es Magie nennen. Ich dagegen nenne es eine kleine technische Spielerei. Du wirst es sehen, wenn es so weit ist. Ruh dich derweil noch etwas aus, sammle deine Kräfte. In zwei Stunden fahren wir nach Felixstowe. Dann geht es um Leben und Tod.«
Während Wimille in seinem Arbeitszimmer verschwand, studierte Tom die jüngsten Nachrichten auf seinem Smartphone. Die letzte Nachricht von Jane besagte, dass Veyron und sie in einer Stadt namens Bistritz angekommen seien, wo sich irgendwo der Durchgang nach Elderwelt befinde. Tom hatte kein gutes Gefühl dabei, Jane mit seinem Patenonkel allein zu lassen, aber in Wahrheit konnte er gar nichts dagegen tun. Selbst wenn er jetzt sofort nach Elderwelt aufbräche, käme er an einem ganz anderen Punkt heraus als Veyron und Jane. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Vorstellung, wo sich das Reich der Seelenkönigin befand. Wahrscheinlich bräuchte er Wochen, um von Fabrillian oder Talassair in jenes Reich zu kommen. Und dann könnten Jane und Veyron längst wieder zu Hause sein und ihrerseits Tom suchen.
Nein! Das alles würde nur in einem sinnlosen Teufelskreis enden. Klüger wäre es, Veyrons Angelegenheit vollkommen zu vergessen und sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, Ernie Fraud vor der ZTC und der Schwarzen Horde zu retten.
Mit dem VW Käfer ging es kurz darauf nach Felixstowe. Während der Fahrt hatten sich Tom und Veyrons Bruder nicht viel zu sagen. Wimille trug den sündhaft teurer aussehenden Smoking und hatte sich die Haare mit reichlich Gel nach hinten gestrichen, er dagegen trug seine schwarzlederne Rockerkluft. Ein größerer optischer Kontrast zwischen ihnen war eigentlich gar nicht möglich. Er fragte sich, was Wimille damit wohl bezwecken wollte. Abermals kamen ihm Zweifel, ob der Mann auch wirklich denselben messerscharfen Verstand besaß wie sein Bruder, oder ob er schlichtweg verrückt war.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie die große alte Hafenstadt an Englands Ostküste. Die gewaltige Hafenanlage mit ihren hoch aufragenden Lastenkränen war schon aus weiter Ferne auszumachen und bildete einen starken Kontrast zu den altehrwürdigen Gebäuden der Stadt.
Sie hatten den Hafen kaum erreicht, als sie auch schon die Zaltic Asp ausfindig machten. Wie ein Turm ragte sie auf, jenes Containerschiff, auf dem Ernie Fraud sein Schicksal zu besiegeln gedachte – falls Tom es nicht in eine andere Richtung zu wenden vermochte. Mit dem pechschwarzen, wuchtigen Rumpf, dem breiten, runden Bug und den sich dagegen fast wie Spielzeug ausnehmenden schneeweißen Deckaufbauten wirkte die Zaltic Asp fast ein wenig anachronistisch im Vergleich zu den anderen modernen, meist eher farbig gehaltenen Containerschiffen. Jedoch verzwergte sie mit ihren rund vierhundert Metern Länge und 200.000 Tonnen Verdrängung nahezu alle anderen Schiffe in Felixstowe. In strengen, blutroten Lettern lief der Schriftzug der Zaltianna Trading Company von Bug bis Heck, als wollte die ZTC ihre Konkurrenten regelrecht bedrohen. Tausende winzig aussehender Container stapelten sich auf dem gewaltigen Oberdeck, die meisten nachtschwarz und mit dem Schriftzug der ZTC versehen, die wenigen andersfarbigen Container anderer Logistikunternehmen wirkten inmitten der dunklen Türme wie Fremdkörper.
Tom stellte fest, dass der ZTC-Bereich im Hafen der Einzige war, der durch einen doppelten Metallzaun abgeriegelt war. Bewaffnete Sicherheitsmänner in paramilitärischen Kampfanzügen patrouillierten am Zaun entlang. Besucher waren hier eindeutig nicht erwünscht.
Ich weiß nicht, ob Wimille verrückt ist, dachte Tom, als Veyrons Bruder mit einer an Irrsinn grenzenden Selbstverständlichkeit vor das Zugangstor fuhr. Aber ich bin es ganz sicher. Wie sollen wir denn da lebend wieder rauskommen?
Sofort flankierten zwei mit MPs bewaffnete Männer den himmelblauen Käfer. Tom wurde ganz mulmig im Magen. Klar, er hatte zwar schon schlimmere Situationen überstanden, aber diese Kerle waren schwer bewaffnet und viel trainierter als er. Ohne Veyron an seiner Seite fühlte er sich ein wenig schutzlos. Wimille kannte dagegen keine Ängste. In aller Seelenruhe kurbelte er die Scheibe herunter und reichte eine schwarze Checkkarte nach draußen, ohne den Mann anzusehen, der sie mit einiger Verwunderung entgegennahm und sie durch einen Scanner am Tor zog. Sofort summte die elektronische Entsperrung, was die beiden Wachen ebenso zu überraschen schien wie Tom. Respektvoll gab der Mann Wimille die Karte zurück. Ohne einen von beiden anzusehen, gab Wimille Gas, und sie drangen auf das Gelände der ZTC vor.
»Was war denn das jetzt?«, fragte Tom flüsternd.
»Eine ZTC-Zugangskarte, Priorität Ultra, Management Control Department«, erklärte Wimille gelassen.
Tom riss überrascht die Augen auf.
Ein flüchtiges, triumphierendes Lächeln huschte über Wimilles dünne Lippen; ganz ähnlich dem seines Bruders. »Das Management Control Department ist die gefürchtetste Abteilung in der Hierarchie der ZTC. Die Manager dort feuern Leute nach Gutdünken, mit sofortiger Wirkung. Kündigungsschutz hat bei ihnen niemand. Veyron fand heraus, dass sie recht unlautere Methoden beherrschen, um unliebsame Mitarbeiter oder anderweitig lästige Menschen loszuwerden. Erpressung zum Beispiel, oder Mord«, erklärte Wimille. »Für dich bin ich von jetzt an Direktor Swift.«
Tom nickte und fragte Wimille, woher er die Karte hätte.
Der lächelte nun noch breiter. »Veyron hat sie vor zwei Jahren in Auftrag gegeben, als er nach dem Medusa-Fall aus Elderwelt zurückkehrte. Er wollte sich in die ZTC einschleichen, aber andere Dinge haben seither seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich dachte, nun wäre die Zeit reif, diesen Trumpf endlich einmal auszuspielen.« Nach diesen Worten reichte ihm Wimille ein kleines, bohnenförmiges Gerät, kaum größer als ein Fingernagel. »Kleb dir das hinter dein Ohr, am besten auf die Seite, wo die Haare länger sind«, erklärte er.
Tom tat, wie ihm geheißen. Erst hinterher fragte er, für was das gut sein solle.
»Es ist ein Ohr-Mikro«, sagte Wimille in einem Ton, als wäre es das Einfachste auf der ganzen Welt. »Ich habe die Basiskonstruktion verbessert und miniaturisiert. Die Batterie hält dreißig Minuten, so viel Zeit hast du, Mr. Fraud zu finden.«
Dann tippte er an sein eigenes rechtes Ohr. »Ich besitze auch eines. Auf diese Weise bleiben wir in Kontakt. Du kannst hören, was ich sage, und umgekehrt ebenso. Der Schall wird über die Ohrmuschel ins Innere des Ohrs übertragen. Für die Außenwelt ist dagegen nahezu nichts zu hören. Ein raffiniertes Stück Technologie. Pass bitte gut darauf auf.«
Wimille parkte den Käfer neben einer Reihe Lieferwagen, dann stiegen sie aus. Tom fiel auf, dass Wimille einen seiner speziellen Golfbälle in der Rechten hielt und ihn zwischen den Fingern drehte. Eben wollte er ihn danach fragen, was es denn nun mit diesen Dingern auf sich habe, als sich ihnen auch schon mehrere Männer näherten. Ein sauber gekleideter Offizier des Frachtschiffs kam auf sie zu, in seiner Begleitung zwei weitere Wächter – und ein Typ, der ganz ähnliche Klamotten trug wie Tom. Sicher einer von der Schwarzen Horde, dachte er, als er die ungepflegt wirkende Gestalt des Mannes genauer studierte. Der Kerl schien gut und gerne zehn Jahre älter als Tom zu sein, mit einem Hang zum Übergewicht und einer erkennbaren Abneigung gegen Wasser und Seife.
Der Uniformierte streckte die rechte Hand aus. »Direktor Swift, herzlich willkommen. Welch unerwartetes Vergnügen. Ich bin Commander Jenkins, Erster Offizier der Zaltic Asp«, rief er.
Dieser reagierte gar nicht, sondern ließ die Freundlichkeit von Commander Jenkins ins Leere laufen. Demonstrativ spielte er mit dem Golfball in seiner Rechten, als er die ihm gereichte Hand ignorierte. »Es ist wohl kaum ein Vergnügen, Commander. Zudem erfolgen die Besuche des MCD stets unangemeldet. Gerade darauf fußt unsere Effizienz«, sagte Wimille schließlich, nachdem er seinen Blick über alle Männer hatte schweifen lassen.
Tom bemerkte, wie jedem von ihnen mulmig wurde; abgesehen von dem ungepflegten Typen. Der tat so, als wäre Wimille gar nicht da. Dafür musterte er Tom umso genauer, was wiederum Wimille bemerkte. Er packte Tom an der Schulter und schob ihn auf Jenkins zu. »Ich habe diesen jungen Mann auf der Straße aufgelesen. Er sagte, er wolle hierher, um auf die andere Seite zu gelangen. Sein Name ist Henry Fowler. Soweit ich informiert bin, ist er überfällig. Wie kann das sein?«, schnarrte Wimille und hob erwartungsvoll die Augenbrauen.
Jenkins brachte nichts weiter zustande als ein sinnloses Gestammel.
Wimille atmete tief durch. »Wieso werde ich hier lediglich vom Ersten Offizier begrüßt? Wo ist der Captain?«, fragte er mit einer Eiseskälte in der Stimme, die selbst Tom eine Gänsehaut verpasste. Wimille spielte seine Rolle wirklich sehr überzeugend; fast ein wenig zu überzeugend. Tom hoffte, dass sich Veyrons Bruder nicht am Ende darin verlor.
»O … o … oben auf der Brücke, Direktor Swift. Wir haben bereits Auslauferlaubnis erhalten und werden jeden Moment ablegen«, antwortete Jenkins, um ein Lächeln bemüht.
Ein abfälliger Blick Wimilles genügte, um ihn daran scheitern zu lassen. »Das weiß ich, Commander. Was meinen Sie, wer vor Ihnen steht? Bringen Sie mich auf die Brücke! Und was den jungen Mr. Fowler hier betrifft: Kümmern Sie sich unverzüglich darum, dass er seinen Bestimmungsort erreicht. Befinden sich noch andere Rekruten für die Schwarze Horde an Bord?«
Commander Jenkins sah den schmuddeligen Kerl in Schwarz fragend an.
»Nur einer. Wir wollt’n den Apparat ers’ start’n, wenn wir ausgelaufen sin’«, nuschelte der Mann.
Wimille warf ihm einen angewiderten Blick zu, ehe er sich wieder an Commander Jenkins wandte. »Bringen Sie ihn mit Mr. Fowler zusammen. Es ist unwirtschaftlich, den Apparat für jeden Rekruten separat zu aktivieren. Inzwischen werde ich die Brücke inspizieren«, befahl er.
Commander Jenkins gab sofort die entsprechenden Anweisungen an seine Leute. Die beiden Bewaffneten salutierten zackig und eskortierten Tom, Wimille und den Schmutzfink über eine schmale Rampe aufs Schiff und von dort direkt in ein Treppenhaus, in dem ein fast unüberblickbares Wirrwarr an kalten Stahltreppen nach oben und unten führte, jede augenscheinlich in eine andere Sektion des Schiffs. Hier trennten sich Tom und Wimille an einer Korridorbiegung. Während Veyrons Bruder von Commander Jenkins und den beiden Wachen weitergeführt wurde, schlug Toms Herz schneller, als ihn Mr. Schmuddel vorwärtsstieß, damit er sich schneller bewegte. Zum Glück blieben sie über Wimilles Ohr-Mikro miteinander in Kontakt.
»He, Scheißer! Bleib stehen, Mann!«, grölte Dreckspatz. Er öffnete eine Tür und wedelte mit der Hand zum Zeichen, dass es hier reinging. Tom drehte sich um und betrat den dunklen Raum.
»Hiergeblieben, klar?«, maulte der ungepflegte Typ, dann schlug er die Tür von außen zu. Tom atmete tief durch. So weit der leichte Teil ihrer Mission. Sie hatten es tatsächlich an Bord der Zaltic Asp geschafft. Jetzt musste er nur noch Ernie irgendwie finden. Laut den Informationen von Commander Jenkins war noch ein Schwarzhorden-Anwärter an Bord; bei dem es sich eigentlich nur um Ernie handeln konnte. Hoffentlich wurde er bald mit ihm zusammengebracht. Wer wusste schon, wie lange Wimilles Tarnung noch hielt?
»Tom, bist du das?«, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.
Oh nein! Das gibt’s doch nicht!, dachte er. Vor Schreck wären ihm beinahe die Beine weggeknickt. Langsam drehte er sich um, immer noch hoffend, dass er sich irrte, aber nein: Direkt vor seinen Augen eröffnete sich eine Katastrophe, türmte sich ein wahrer Mount Everest an Problemen auf. »Vanessa!«, rief er.
In der hintersten Ecke des Raumes saß doch tatsächlich Vanessa Sutton auf einer aus der Wand geklappten Pritsche. Genau wie Tom hatte sie sich die Haare geschwärzt und trug dunkle Klamotten. Seine Angst wurde zu brodelnder Wut. Wie konnte sie nur so dumm sein, sich hierher zu begeben? Hatte sie denn total den Verstand verloren? Ich hätte sie niemals mit zu Wimille nehmen dürfen … Sobald sie wusste, wo sich Ernie befand, musste sie beschlossen haben, ihn auf eigene Faust zu retten – oder sich ihm anzuschließen.
Seine Fäuste ballten sich. Er musste sich zusammenreißen, sie nicht anzubrüllen, als er sagte: »Was um alles in der Welt tust du denn hier?«
»Ich geh dahin, wo Ernie hingeht. Ich liebe ihn, ich werde ihm überallhin folgen«, gab sie trotzig zurück.
Na wundervoll! Zwei Dumme, ein Gedanke, hätte er ihr am liebsten ins Gesicht geschrien. Diese blöde Kuh würde ihnen noch alles versauen! »Was denkst du dir dabei? Du hast doch überhaupt keine Ahnung, worauf du dich da einlässt!«, schnauzte er sie an. Dachte diese dumme Zicke etwa, das hier wäre irgendein Spiel, und die Zaltianna Trading Company würde sie und Ernie einfach so entkommen lassen? Oder dass Ernie sie drüben in Elderwelt erwartete und sie beide dort glücklich alt werden würden?
»Aber du weißt natürlich alles, was?«, giftete sie zurück.
Tom stampfte wütend auf. »Ja, ich weiß, was hier läuft! Ich weiß, wo wir sind und was für Typen bei der ZTC rumlaufen! Hab ich dir nicht gesagt, dass das Mörder sind? Bleib zu Hause, hab ich gesagt. Und was machst du? Rennst stattdessen in die Höhle des Löwen. Vanessa, die werden dich umbringen«, schrie er. Jetzt konnte er sich wirklich nicht mehr länger beherrschen.
Von einem Moment auf den anderen schlug Vanessa die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.
Ja, heul nur, du idiotische Pute, hätte er sie am liebsten angefahren, entschied sich jedoch dagegen. Was brachte es ihnen? Eine Weile starrte er sie an, ohne recht zu wissen, was er jetzt tun sollte. Es juckte ihm in den Fingern, sie übers Knie zu legen und ihr den Hintern zu versohlen – für ihre unbegreifliche Dummheit jetzt und für ihre frühere Gemeinheit ihm gegenüber. Eine Stimme in seinem Ohr lenkte ihn jedoch von seinem Zorn ab.
»Ah, Captain Reumann«, hörte er Wimille Swift sagen. »Eine saubere Brücke haben Sie da. Allerdings scheint dies nicht auf das Personal zuzutreffen.«
»Wir lassen hier alles regelmäßig reinigen«, versicherte die Stimme des unsichtbaren Captains brüskiert.
Tom musste schmunzeln, als er sich das blasse Gesicht des Mannes vorstellte, der gewiss soeben zum Opfer von Wimilles eiskalten Blicken wurde.
Mit neu gewonnener Ruhe ging Tom zu Vanessa und setzte sich zu ihr. »Okay, das hilft uns jetzt auch nicht weiter«, sagte er und versuchte, seinen Ärger beiseitezuschieben. Sei wie Veyron, dachte er, konzentriere dich auf das Problem und nicht auf die Emotionen. Löse das Problem, Tom Packard, löse das Problem.
»Konntest du was herausfinden? Hat jemand gesagt, wo sich Ernie befindet?«, wollte er von Vanessa wissen.
Sie schniefte zweimal, ehe sie antwortete. »Er ist nicht hier. Lucius sagte, dass Ernie schon seit gestern ›drüben‹ ist. Ich hab keine Ahnung, was er damit meint.«
»Wer ist Lucius?«, fragte Tom.
Vanessa begann zu lächeln. »Der andere Typ von der Schwarzen Horde, der vor der Tür.«
»Dieser schmuddelige Kerl?«
»Genau. Ich glaub, er steht auf mich.«
Tom seufzte. Vanessa war ohne jeden Zweifel sehr attraktiv. Selbst mit den schwarz gefärbten Haaren sah sie umwerfend gut aus, und die engen, schwarzen Klamotten brachten ihre weichen Rundungen verführerisch zur Geltung. Ihm wurde warm ums Herz, und sein Puls beschleunigte sich, als er sich dieser Tatsache bewusst wurde. Sofort kämpfte er dieses Gefühl nieder. Nicht vergessen: Vanessa ist ein durchtriebenes Miststück. Sie hat dich damals betrogen! Sie war mit Stevie Rodgers im Bett, dem größten Arsch der Schule, ermahnte er sich.
»Ihre Mannschaft scheint zwar tadellos ausgebildet«, riss ihn Wimilles Stimme im rechten Moment aus den Gedanken. »Leider erkenne ich deutliche Mängel bei ihrem Kommandanten.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte die Stimme Reumanns nervös.
»Es gibt einen guten Grund, warum mich der Erste Offizier empfangen hat. Sie waren unpässlich, Captain. Aufgrund Ihres anhaltenden Drogenkonsums.«
»Woher … wie können Sie das wissen?«
»Das MCD weiß alles, Captain. Sie haben sich erst vor Kurzem das Hemd in die Hose gestopft und sich eiligst die Hände gewaschen. Allerdings nicht wegen eines Toilettenganges. Ihre Fingerspitzen sind verfärbt. Wenn ich die Art der Verfärbung richtig deute, kommt es vom Drehen bestimmter Zigaretten. Marihuana, wenn ich mich nicht sehr täusche. Bitte erklären Sie mir, wie ein drogensüchtiger Kommandant ein Schiff wie die Zaltic Asp führen will, falls es zu Schwierigkeiten kommen sollte?«
Tom drückte sich das Mikro fester gegen den Knochen hinter dem Ohr. Die folgenden Worte des Captains konnte er nicht verstehen. Dafür aber die Reaktion Wimilles umso besser.
»Wenn Sie meinen, es hilft Ihnen, vom Thema abzulenken, dann nur zu. Aber weil wir gerade dabei sind: Kennen Sie das Verfahren, wie Rekruten auf die andere Seite zu schicken sind?«
»Selbstverständlich. Es ist nicht das erste Mal, dass wir den Apparat benutzen, Direktor Swift. Wir haben in den letzten sieben Jahren viele zehntausend Tonnen Güter von hier nach drüben verbracht. Im Transport zwischen den Welten sind wir inzwischen wahre Meister«, entgegnete der Captain mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein.
»Dann bestehe ich auf einer Demonstration«, sagte Wimille und fügte nach einem kurzen Moment noch ein »Auf der Stelle« an.
Es folgte eine Reihe von elektronisch klingenden Geräuschen und verschiedene Rufe, welche wohl mit dem Auslaufbefehl für das Schiff zu tun hatten.
Tom sog scharf die Luft ein. Was hatte Wimille denn jetzt vor? Das war doch überhaupt nicht der Plan gewesen! Sie wollten eigentlich von Bord verschwinden, bevor die Zaltic Asp auslief. Andererseits befand sich ihr Zielobjekt, Ernie Fraud, gar nicht mehr an Bord, dafür aber Vanessa! Sie mussten runter von diesem Schiff, und zwar sofort. Toms Befürchtung, dass Wimille in seiner Rolle als ›Direktor Swift‹ allzu sehr aufgehen würde, schien sich zu bestätigen. Der ganze Plan war in Gefahr; im Grunde war er schon gescheitert. Ganz ruhig bleiben, entschied er. Was könnte Wimille vorhaben? War es möglich, dass er …
»Vanessa, du musst jetzt sehr stark sein«, sagte er zu dem wieder leise schniefenden Mädchen und fasste sie behutsam an der Schulter.
Sofort stieß sie seine Hand fort. »Lass das! Ich bin keine zwölf mehr, okay? Sag mir, was los ist«, blaffte sie giftig.
Er kam nicht mehr dazu, ihr eine Antwort zu geben. Die Tür öffnete sich. Lucius Schmuddel stand mit zwei bewaffneten Wächtern draußen im Korridor.
»Ihr zwei, mitkommen«, herrschte er sie an.
Tom stand auf und wartete, bis Vanessa seinem Beispiel folgte. Gemeinsam schlossen sie zu den Männern auf. Schmuddel nickte in Richtung Korridor. »Da lang!«
»Was habt ihr vor?«, fragte Vanessa verwirrt.
Tom glaubte beinahe zu spüren, wie schnell ihr Herz raste. Beruhigend umfasste er ihre Hand und fühlte dabei ihren Puls. Oh ja, sie explodierte beinahe vor Aufregung.
»Siehst’ dann schon«, maulte Schmierius. Er stieß Tom grob in den Rücken. Ganz klar, der Kerl mochte ihn nicht.
»Tom, was passiert hier?«, wollte Vanessa von ihm wissen.
Schmuddel warf Tom einen neugierigen Blick zu. »Heißt du nicht Henry, du Scheißer? Henry Fowler?«
Autsch, dachte Tom und schlug sich gedanklich mit der flachen Hand gegen den Kopf. Er hatte vergessen, Vanessa in seine Rolle einzuweihen. Wie blöd kann man sein?, schalt er sich selbst. Vielleicht ließ sich die Situation noch retten.
»Stimmt schon. Aber Tom ist mein Spitzname. So nennen mich alle meine Freunde.«
»Ihr kennt euch?«
»Klar. Und Ernie Fraud ebenfalls. Drum sind wir hier. Ist doch logisch, oder?«
Lucius schien sich damit zufriedenzugeben. Den beiden Wachen war es sowieso egal. Sie führten Vanessa und Tom die Treppen hinunter, vorbei an weiteren Korridoren, immer tiefer in die Eingeweide der Zaltic Asp.
Unterdessen holte Drecksack ein Smartphone aus seiner Hosentasche und tippte darauf herum. »Henry Chester Fowler, geboren 1975«, las er nach einem Augenblick vor.
Tom hielt die Luft an. Die Wachen und Vanessa gingen weiter. Lucius Schmuddel blieb dagegen stehen. »Hä? Werd’ ich hier verarscht?«
Ich muss schnell sein, durchfuhr es Toms, sehr schnell sogar. Wie ein Blitz rammte er dem Sicherheitsmann zu seiner Rechten den Ellenbogen in die Magengrube – so fest er konnte. Mit einem Würgen ging der Mann in die Knie, nur um sofort seine Nase mit Toms Faust bekannt zu machen. Es knackte vernehmlich, und dann plumpste der Kerl wie ein nasser Sack zu Boden. Im nächsten Augenblick sprang Tom dem anderen Wächter auf die Füße, trat ihm gegen das Schienbein und brachte den Mann ins Stolpern. Er nutzte die Wucht des Wächters, um ihn Kopf voraus gegen die stählerne Korridorwand zu rammen. Keuchend rutschte der ZTC-Wächter zu Boden. Nun griff Schmierius an, der sich endlich von seiner Verblüffung erholt hatte, und stürzte mit einem wilden Brüllen vorwärts.
Seinem ungepflegten Äußeren hätte man es gar nicht zugetraut, aber Tom erkannte sofort, dass dieser Kerl der gefährlichste Gegner von den dreien war. Lucius Schmuddel war ein Kämpfer der Schwarzen Horde. Schnell packte Tom den einen Wächter, der sich eben wieder aufrappelte, und stieß ihn Schmuddel entgegen.
Schrate, Kobolde, Piraten; Tom hatte schon gegen allerhand üble Mistkerle gekämpft. Jedes Mal war es um Leben und Tod gegangen. Er wusste inzwischen nur zu gut, wie man seine Haut teuer verkaufte. Doch das konnten sich diese drei Typen bestimmt nicht einmal vorstellen. Noch ehe Schmuddel wieder freies Feld hatte, grätschte Tom ihm zwischen die Beine und brachte ihn so zu Fall. Dann wirbelte er blitzschnell herum und verpasste dem anderen Sicherheitsmann zwei schnelle Fauststöße in den Solarplexus. Nach Luft japsend ging der Wächter zu Boden. Lucius kämpfte sich brüllend auf die Füße, aber Tom war schneller, sprang den Kerl mit durchgestreckten Beinen an und rammte ihn auf das Deck. Sofort packte er den Schädel des Mistkerls und hämmerte ihn einmal, zweimal, dreimal gegen den Boden. Schmuddel verdrehte die Augen, und sein Körper erschlaffte. Schnaufend stand Tom auf, suchte nach Vanessa.
Sie stand nur ein paar Meter entfernt, kreidebleich im Gesicht und zitternd. »Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!«, rief sie hysterisch.
Tom sprang zu ihr, packte sie am Handgelenk. »Die stehen so schnell nicht mehr auf. Komm, es ist Zeit, abzuhauen«, sagte er.
Im nächsten Augenblick sprangen die Alarmglocken im Schiff an, so laut, dass sich Tom instinktiv an die Ohren griff. »Feueralarm«, erkannte er. Und nicht nur das. Rund um sie herum schlossen sich die Feuerschotts und versperrten ihm und Vanessa jeden Fluchtweg.
Wimilles ›kleine technische Spielerei‹ entfaltete ihre Wirkung. Auf dem Weg zur Brücke der Zaltic Asp hatte er vier seiner Golfbälle in kleinen Nischen versteckt, während er mit dem einen in seiner Hand pausenlos herumspielte. Auf der Brücke angelangt, hatte er die kurze Inspektion und den Tadel am Captain dazu genutzt, mit seinem Smartphone die Computer des Schiffs anzuzapfen. Auf gleiche Weise kontrollierte er auch die Golfbälle. In der Zeit, in der Tom daheim den Schlaf des Gerechten hielt, hatte er die Bälle aufgebohrt und mit Funkzünder und Pulver ausgestopft. Jeder Einzelne von ihnen war eine Mini-Bombe. Und die jagte Wimille nun mit einem einzigen Tastendruck auf seinem Telefon in die Luft.
Die Explosionen waren nur klein und verursachten nichts weiter als Rauch, aber davon genug, um den Feueralarm auszulösen und die automatischen Schutzeinrichtungen zu aktivieren.
Überall auf dem Schiff schlossen sich die Feuerschotts, riegelten Deck für Deck, Sektion für Sektion ab. Auf der Brücke herrschte absolutes Chaos. Niemand bemerkte, wie Wimille leise durch den Hinterausgang verschwand.
Tom kannte nicht alle Einzelheiten des Plans, aber nun reimte er sich das Gesamtbild zusammen. Natürlich! Wimille musste auch an die Schotts gedacht haben. Vor Erleichterung lachte er auf.
Vanessas Panik war indes weiter gewachsen. »Ich will nicht sterben«, heulte sie.
Tom packte sie am Handgelenk und zog sie hinter sich her. Direkt vor ihnen öffnete sich eine Feuerschutzwand und ließ sie passieren, um sich hinter ihnen sofort wieder zu schließen. Auf diese Weise kamen sie Sektion für Sektion vorwärts. Niemand begegnete ihnen, denn während sich ihnen wie durch Zauberhand alle Türen öffneten, schlossen sie sich vor dem Personal der Zaltic Asp.
Selbst Vanessa schien allmählich zu begreifen, dass hier etwas sehr Sonderbares vorging. Verdutzt starrte sie Tom an. »Wie geht das? Was läuft denn hier nur? Tom, das macht mir Angst«, jammerte sie.
Tom musste dagegen von einem Ohr zum anderen grinsen. »Es ist Wimille. Er kontrolliert die Türen des Schiffs. Ach was! Er ist das Schiff!«, erklärte er und klatschte begeistert in die Hände. Seine bisherigen Zweifel, was das Genie Wimille Swifts betraf, waren wie weggeblasen. Allerdings stand immer noch nicht fest, wie sie von Bord entkommen sollten. Inzwischen musste sich die Zaltic Asp auf dem Meer befinden. Vielleicht gelang es ihnen, ein Beiboot zu kapern. Dazu mussten sie das Deck erreichen.
Der Fluchtweg führte sie jedoch nicht nach oben, sondern immer tiefer nach unten in die Eingeweide des gewaltigen Containerschiffs. Die letzte Tür, die sich ihnen öffnete, führte in einen riesigen Frachtraum, eine leere, kalte Halle aus Stahl. Nur ein paar Neonröhren an den Wänden spendeten etwas Licht.
Ganz leer war der Frachtraum jedoch nicht, wie Tom schnell herausfand. In den Boden war ein mehr als zehn Meter großer, ringförmiger Apparat eingelassen. Soweit er das im Halbdunkel erkennen konnte, bestand das Gerät aus zwölf komplex aussehenden Maschinenteilen, alle mit dicken Kabeln verbunden. Ein sonores Brummen verriet, dass der Apparat in Betrieb war, und an allen zwölf Modulen blinkten kleine Bereitschaftsdioden. Das ganze Ding sah aus wie die Miniaturversion eines Teilchenbeschleunigers. Vorsichtig näherte er sich der Maschine. Alte Erinnerungen wurden wach, Erinnerungen an eines seiner ersten Abenteuer mit Veyron Swift. Oh ja, er hatte einen solchen Apparat durchaus schon einmal gesehen.
»Was ist das für ein Teil?«, fragte Vanessa eingeschüchtert. Nach all der Aufregung und der Angst musste ihr diese Maschine regelrecht gespenstisch vorkommen. Tom konnte es ihr nicht verdenken. Ihm ging es ganz genauso.
»Das, Verehrteste, ist der Weg, den Ihr Mr. Fraud genommen hat«, erklang die helle Stimme von Wimille Swift hinter ihnen. Vanessa fuhr mit einem Schrei zusammen, während Tom vor Schreck einen Satz nach vorn machte. Veyrons Bruder hatte sie offenbar bereits erwartet und trat nun aus den Schatten des Frachtraums.
»Es ist ein künstliches Durchgangstor«, verdeutliche Tom Wimilles kryptische Worte.
Vanessa schien das jedoch nicht viel weiter zu helfen. »Ein Tor? Wohin?«
»Nach Elderwelt. Der Ort, wo Ernie hingeschickt wurde.«
Vanessa bedachte Tom mit einem Blick, als habe er den Verstand verloren. »Nie gehört. Wo soll denn Elderwelt sein? Ist das in der Nähe von Irland oder der Arktis?«
»Nein, ganz woanders.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Geografie hat mich nie interessiert. Also, wo liegt jetzt dieses Elderwelt?«
»Da gibt’s ’ne Menge, das dich nicht interessiert, Vanny«, meinte Tom sarkastisch. Trotz der ernsten Lage konnte er sich diesen fiesen Seitenhieb einfach nicht verkneifen. Dann deutete er auf die Umgebung. »Elderwelt ist hier, mitten unter uns. Unsichtbar und durch nichts aufzuspüren, mit Magie vor unseren Augen verborgen.«
»Oder anders ausgedrückt, quantenverschoben«, ergänzte Wimille mit wissenschaftlicher Genauigkeit und brummelte in abfälligem Ton: »Magie … so ein Unfug.«
Er trat vor und schubste Vanessa und Tom in das Zentrum des Rings, bevor er selbst sich hineinbegab. Dann zückte er sein Smartphone und tippte darauf herum. »Es ist Zeit, von diesem Schiff zu verschwinden. Die Batterien des Ohr-Mikros sind erschöpft, und den Schwindel mit den Rauchbomben wird man inzwischen entdeckt haben. Wahrscheinlich überprüfen sie gerade meine ID-Karte. Auch da wird der Schwindel früher oder später auffliegen«, erklärte Wimille. »Bereit für eine Reise nach Elderwelt?«
Tom nickte, doch im nächsten Moment kam ihm ein besorgniserregender Gedanke. »Wir haben keine Ahnung, wo wir landen, oder?«
»Nicht wirklich. Aber die Wahrscheinlichkeit dürfte sehr hoch sein, dass es sich um eine Einrichtung der Schwarzen Horde handelt«, meinte Wimille. »Ich habe die Einstellungen der letzten Aktivierung übernommen, folglich müssen wir am selben Ort herauskommen wie der junge Mr. Fraud. Aber ich sollte euch beide warnen: Ich habe den Zugriff auf die Software dieser Maschine blockiert. Sobald ich sie aktiviere, kann sie mindestens zweihundert Stunden danach nicht mehr benutzt werden. Eventuell sogar länger, das hängt ganz von den IT-Spezialisten ab, welche die ZTC auf dieses Schiff schickt«, sagte Wimille und musterte sie streng.
Vanessa hielt ausnahmsweise den Mund, vermutlich, weil sie nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte. Tom zuckte nur mit den Schultern. »Ich will sowieso nicht hierher zurück«, meinte er lapidar.
Wimille nickte und drückte eine Reihe von Tasten auf seinem Telefon. Gleich darauf wurde das Brummen des künstlichen Durchgangs lauter, die Luft heizte sich auf, es roch nach verbranntem Ozon. Blitze sprangen aus den zwölf Modulen. Dann ein lauter Knall. Tom zuckte zusammen – und fand sich an einem ganz anderen Ort wieder.
Über ihnen wölbte sich ein nächtlicher Sternenhimmel, und jenseits des ringförmigen Apparats setzte sich die Welt in Form einer kargen Steppe fort. In der Ferne ließen sich die spärlichen Lichter einer fremden Stadt ausmachen.
Tom sah, wie Vanessa vor Staunen die Kinnlade nach unten sackte. Unweigerlich musste er lächeln. Für sie war das alles neu und musste einem Wunder gleichen.
»Wo sind wir? Ist das alles wirklich wahr?«, fragte sie verunsichert.
Das war eine gute Frage. So friedlich die ferne Stadt auch wirkte, umso unfreundlicher zeigte sich die unmittelbare Umgebung. Ein tiefes, metallisches Stampfen lag in der Luft; irgendwo lief ein gewaltiger Motor. Hinter ihrem Rücken erhob sich ein hässliches, schwarzes Gebäude. Mehr als fünfzig Meter in alle Richtungen maß es, und nahezu zehn Meter in der Höhe. Vier riesige Schornsteine reckten sich dem nächtlichen Himmel entgegen, stießen schwarze Rauchschwaden aus, die den ganzen südlichen Teil des Himmels bedeckten. Tom sog scharf die Luft ein. Es stank überall nach verbranntem Benzin.
»Ist das eine Fabrik?«, wollte Vanessa wissen.
Wimille schüttelte den Kopf. »Das ist ein Kraftwerk, um den Durchgangsapparat mit Energie zu versorgen. Da drin dürften sich vier riesige, mit Benzin befeuerte Dampfkessel befinden, welche eine oder mehrere Turbinen antreiben, die wiederum den Apparat mit Strom versorgen«, erklärte er und deutete abwechselnd auf die vier Schornsteine.
Von einer für Tom ungesund anmutenden Neugier angetrieben stapfte Wimille auf die Anlage zu, um sie genauer zu inspizieren. Tom machte Anstalten, ihm zu folgen, weil er Wimille nicht aus den Augen verlieren wollte. Vanessa blieb dagegen wie angewurzelt stehen und starrte blicklos vor sich hin. Vermutlich war sie mit ihren Gedanken sonst wo, weil sie mit dem abrupten Wechsel der Welten nicht klarkam. Tom musste sie an der Hand nehmen und führen, und sie stolperte beinahe, als sie sich zögernd in Bewegung setzte. Das schien sie ins Hier und Jetzt zurückzubringen.
Sofort riss sie sich von ihm los. »Ich bin kein kleines Mädchen mehr«, giftete sie.
Tom schnaubte. »Nein, aber trotzdem machst du dir gleich in die Hosen.«
Sie traten aus dem Kreis des Apparats und hielten auf das Kraftwerk zu. Die ganze Anlage der ZTC, Kraftwerk und Portal, war mit Stacheldraht abgesichert. Zwei große, eiserne Tore bildeten die einzigen Wege aus dem Verhau.
»Das sieht aus wie im Krieg. Wer baut denn so etwas nur?«, rief Vanessa entgeistert.
Tom musste ihr recht geben, allerdings kannte er auch schon die Antwort darauf: die Zaltianna Trading Company! Hinter dem Kraftwerksgebäude fanden sie eine Reihe gigantischer silberner Treibstofftanks, Türmen gleich, auf denen das schwarz-rote Logo der Zaltianna Trading Company prangte. Dicke metallene Rohre führten von ihnen ins Kraftwerk. Genauso gut hätte eine Warnung vor nuklearer Verseuchung draufstehen können, so einladend wirkte das alles auf Tom. Wäre es nach ihm gegangen, sie hätten sofort wieder das Weite gesucht. Er hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Ein Kraftwerk mitten in einer Steppe und nirgendwo eine Menschenseele? Da war doch etwas faul! »In Elderwelt reitet man auf Pferden und kämpft fast überall mit Schwert, Speer, Pfeil und Bogen. Elektrischer Strom ist Zauberei oder Teufelswerk, je nachdem, in welchem Land man sich befindet. Es existiert lediglich eine einzige Insel, auf der man modernere Technologie benutzt. Dieses Wüstenland ist aber kein Teil davon«, murmelte Tom, um Vanessa einen kleinen Einblick zu geben, in was für einer Welt sie sich befanden.
Sie hatten Wimille eingeholt. »Es hat den Anschein, als wollte die Zaltianna Trading Company das ändern«, meinte Veyrons Bruder und deutete auf ein weites Feld, auf dem fünf schneeweiße Tanks standen.
Tom folgte Wimille, der auf die Behälter zusteuerte. Jeder von ihnen war mit zahlreichen Warnhinweisen versehen und einer blutroten Aufschrift: »UNBRAUCHBAR! ZURÜCK AN ABSENDER!« Laut Etiketten fassten diese Tanks zehntausend Liter, womit sie deutlich kleiner als die Türme am Kraftwerk ausfielen.
»Was soll das bedeuten?«, fragte Tom und kratzte sich am Kopf.
Wimille untersuchte einen der Tanks genauer. Dann begann er listig zu lächeln. »Ah! Wasserstoff!, aber kein Flüssigwasserstoff. Ich nehme an, darin liegt wohl das Problem. Die ZTC hat die falsche Art von Wasserstoff geliefert. Ein ganz banaler Logistikfehler. Fünfzigtausend Kubikmeter, eine ganz ordentliche Hausnummer. Ich muss zugeben, dass sich mein Mitleid mit der ZTC arg in Grenzen hält«, erklärte er und kicherte.
Vanessa verlor rasch das Interesse an dem wirren Geschwafel von Toms verrücktem Onkel. Wimille erzählte gerade etwas über die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von Wasserstoff – irgendwas mit Raketen oder so. Viel aufregender und faszinierender fand sie die Tatsache, dass sie tatsächlich auf magische Weise in ein fremdes Land gereist war. Vorsichtig löste sie sich von Tom und erkundete das Areal dieses seltsamen Kraftwerks auf eigene Faust. Wer immer es erbaut hatte, schien ein Faible für Stacheldraht zu haben, selbst das Dach und die Kamine des Gebäudes waren damit umkränzt. Eigentlich sah aber alles ganz normal aus; Bilder von ähnlichen Anlagen hatte sie schon gesehen. Von wegen magische Welt! Ganz sicher aber war sie eben noch auf den Schiff gewesen, und jetzt befand sie sich hier. Oder bildete sie sich das alles am Ende nur ein?
Sie biss sich in die Hand, wie sie es immer tat, wenn sie etwas aufregte oder sie zu träumen glaubte. Der stechende Schmerz, den ihre eigenen Zähne verursachten, machte ihr deutlich, dass nichts von all dem um sie herum Illusion war. Sie war wirklich hier, an diesem seltsamen Wüstenort, sie hatte Tom Packard wirklich gegen drei bullige Typen kämpfen sehen. Das alles war die Wirklichkeit – der echte Wahnsinn! »Wow«, flüsterte sie und musste unweigerlich lächeln. Wenn sie das ihren Freundinnen erzählte …
Inzwischen hatte sie sich fast ein Dutzend Meter von Tom und Wimille entfernt. Der seltsame Kauz referierte gerade über die Unzulänglichkeiten dieser Wasserstofftanks und wie man sie besser und sicherer bauen könnte. Er klang dabei wie ein Lehrer. Echt langweilig.
Dann entdeckte sie am Boden etwas, das ihre Aufmerksamkeit gefangen nahm. Kleine, runde Hügel, eher nur Kuppeln aus Sand oder Geröll in der Größe halber Fußbälle. Sie war sich sicher, dass die bis vor einem Moment noch nicht da gewesen waren. Vorsichtig näherte sie sich ihnen, um sie genauer zu untersuchen. Hatte es nur den Anschein, als würden sich diese Dinger bewegen – oder wirkte es nur so, weil es dunkel war?
»Hey«, rief sie Tom und Wimille zu. »Seht euch mal das an.«
Als hätte sie damit ein Stichwort gegeben, explodierten die Kuppeln in Wolken aus Sand und Staub. Heraus sprangen schwarz gekleidete Ungeheuer. Vanessa war im ersten Moment starr vor Schreck, sie schienen aus dem Boden zu wachsen wie groteske Pilze: menschlich von Größe und Gestalt, die Gesichter jedoch grausige Fratzen. Für einen Augenblick schien die Welt stillzustehen. Überdeutlich sah sie die Bestien, deren Hautfarbe von Aschgrau bis Schwefelgelb changierte. Wulstige Narben glänzten im Mondlicht, und mit Entsetzen sah sie, dass einige von ihnen auf schlecht verheilten Knochenbrüchen daherschlurften. Die Augen der Monster glommen in der Dunkelheit wie die von Raubtieren, schleimiger Sabber glänzte auf gelben, teilweise verfaulten Zähnen, als sie ihre schwarzen Münder aufrissen und hechelten, als freuten sie sich bereits auf die Mahlzeit. Scheiße, die fressen mich auf, dachte Vanessa in heller Panik. Kreischend wirbelte sie erneut herum und rannte. Die geifernden, fauchenden Unholde waren sofort hinter ihr her, schwangen Dolche und schartige Säbel in ihren Klauen.
Aus dem Augenwinkel sah sie, dass auch Wimille und Tom von diesen Unholden angegriffen und zurückgetrieben wurden. Eine ganze Gruppe der Bestien schnitt Vanessa den Weg ab. Verzweifelt sprang sie auf Tom zu und klammerte sich an ihm fest. Wimille Swift, der sich eben noch gewehrt hatte, schien plötzlich zur Salzsäule erstarrt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die Ungeheuer an, als könne er vor Angst keinen Muskel rühren. »Tom, was sind das? Was sind das für Monster?«, heulte sie verzweifelt.
»Schrate«, rief Tom ungläubig. Die Kerle umkreisten sie, fauchten und grölten, lachten und drohten ihnen mordlüstern mit ihren Waffen. Wo waren die auf einmal hergekommen?
Er wollte schon das Daring-Schwert zu sich rufen, überlegte es sich jedoch anders. Wenn er jetzt zu den Waffen griff und die Unholde niederstreckte, würde ihre Tarnung auffliegen. Vielleicht gab es einen anderen Weg aus dieser Klemme. Cool bleiben, entschied er. Wimilles leichenblasses Gesicht deutete darauf hin, dass von ihm diesmal kaum Hilfe zu erwarten wäre. Also musste er nun die Rolle spielen, die ihm von Anfang an zugedacht war.
»Die sehen aus wie Orks«, meinte Vanessa voller Angst.
Das empörte die Schrate, einer sprang vor, um sie anzugreifen, seine scharfen, schiefen Zähne fletschend. Tom schob sich schützend vor Vanessa.
»Ein Ork sollte dich mal in die Finger kriegen, du kleines Miststück!«, kreischte der Schrat. »Er würde dir das Gedärm rausreißen!«
»Genau, du dreckiges Flittchen! Wir sind nämlich zivilisiert und anständig«, fauchte ein anderer.
»Hey, beruhigt euch«, brüllte Tom die Schrate an, die daraufhin überrascht zurückwichen. »Seht ihr nicht, wer wir sind? Das hier ist Direktor Swift vom Management Control Department!«
»Und wir sind die Schwarze Horde«, konterte ein großer, bulliger Schrat-Hauptmann, dessen Unterkiefer arg in die Breite wucherte. Seine Zähne ragten wie Hauer aus dem Maul und reichten fast bis unter seine krumme Nase.
»Wir auch, Mann. Ich bin Henry Fowler«, erwidert Tom so furchtlos, wie er konnte. Mit Schraten war nicht einfach umzugehen, das hatte er inzwischen gelernt. Am sichersten war es, sie sofort zu erschlagen, aber diese Option erschien momentan ausgesprochen unklug.
»Ausweisen, aber plötzlich«, kollerte der Hauptmann unbeeindruckt.
Tom stupste Wimille an. Der griff zitternd unter sein Jackett und fischte seine ID-Karte heraus. Mit einem ungehaltenen Knurren nahm sie der Hauptmann entgegen. Aus dem Gürtel holte er ein kleines Kartenlesegerät und zog Wimilles Ausweis durch. Tom erschrak regelrecht, mit welcher Selbstverständlichkeit dieses primitive, stumpfsinnige Ungeheuer mit derart fortschrittlicher Technologie umzugehen verstand.
Als eine grüne Diode aufzuleuchten begann, schien der Hauptmann zufrieden und gab Wimille die Karte zurück. Der steckte sie sofort wieder ein, dabei wie hypnotisiert die Schrate anstarrend.
»Da pisst ihr MCD-Typen euch ganz schön in die Hose, wenn ihr die wirkliche Schwarze Horde seht – und nicht diese weichgespülten Menschlein, was?«, lachte der Hauptmann.
Gackernd und krächzend fielen seine Artgenossen mit ein. Plötzlich trat Vanessa vor, was die Schrate sofort wieder in Verteidigungsstellung gehen ließ.
»Was ist mit Ernie? Könnt ihr uns sagen, wo wir Ernie finden? Bitte, ich muss es wissen.«
Verdutzt starrten sich die Schrate an. Einer tippte sich an die Stirn, die anderen lachten abfällig.
»Nie gehört«, meinte der Hauptmann kalt.
»Ein Junge, so alt wie wir. Er muss gestern hier angekommen sein«, versuchte Vanessa die Sache zu erklären.
Tom fand es erstaunlich, wie schnell sie ihre Angst beiseiteschob, wenn es um Ernie ging. Als wären die Schrate nette Verkehrspolizisten, die man mal eben nach dem Weg fragen konnte …
Die Schrate wurden still und schauten einander an.
»Ach der … Den werdet ihr schon noch kennenlernen! Ihr geht jetzt nach Seramak runter und begleitet den Direktor zur Unterkunft. Nachts herrscht ein strenges Ausgehverbot! Morgen meldet ihr euch im Rekrutierungsbüro, sonst setzt’s was«, bellte der Hauptmann und wedelte in Richtung Norden, wo die Lichter der fremden Stadt lagen.
Tom salutierte zackig, was die Schrate jedoch nur gackernd auflachen ließ.
»So ein Blödsinn! Deine Späßchen werden dir schon noch vergehen, Schwarzlocke! Abmarsch!«, brüllte der Hauptmann.
Tom nickte, nahm Wimille und Vanessa bei der Hand und führte sie rasch fort. Die ganze Zeit spürte er die bohrenden Blicke der Schrate in seinem Rücken, ihre Mordgier schien beinahe greifbar. Noch nie in seinem Leben hatte ihn ein so ungutes Gefühl geplagt. Schrate im Rücken, sein Leben von deren Wohlwollen abhängig, Vanessa Sutton unsterblich in diesen irren Ernie verschossen und Wimille Swift vor Angst zu nichts mehr zu gebrauchen.
Da steckte er ja in einem sauberen Schlamassel!
5. Kapitel: Im Reich der Seelenkönigin
Jane und Veyron waren von der Seelenkönigin einfach auf dem Platz mit dem Weltentor stehen gelassen worden. Bedrückt vermerkte Jane, dass sich der Platz mehr und mehr leerte, bis sie beide die einzigen lebenden Wesen auf dem Hof waren. Sie machte Veyron Vorhaltungen, in welchen Schlamassel er sie da nun wieder hineinmanövriert hatte, doch der ging kaum darauf ein.
»Machen wir das Beste draus, Willkins«, war alles, was er zu sagen wusste.
Als wäre die ganze Misere nichts anderes als ein Sonntagsnachmittagsausflug, spazierte er über den Hof und untersuchte verschiedene Nischen und Türen. Wie sich herausstellte, ruhten die Gebäude der Burg auf der Spitze eines zehn Meter hohen Felsens. Der Hof, auf dem sie sich befanden, war nichts weiter, als der eingeebnete, gepflasterte Gipfel, der mit der Befestigungsmauer auf einer Ebene lag. Über eine in den Fels getriebene Treppe gelangte man schließlich in den unteren Teil der Burg.
Veyron trat er an die Zinnen der Brustwehr und schaute auf das Land hinaus. Jane ging ihm hinterher, doch viel gab es dort nicht zu sehen. Ansmacht, wie das Reich der Seelenkönigin genannt wurde, hatte sich an diesem Tag fast vollständig in Nebel gehüllt. Ratlos, was sie tun sollte, setzte Jane sich auf den Boden vor dem Weltentor. Wieso hatte sie sich bloß zu diesem Irrsinn bequatschen lassen? Veyron hatte sie, während er mit fast kindlicher Begeisterung jedes Detail der Burg inspizierte, vollständig ignoriert. Du musst total den Verstand verloren haben, Jane, dachte sie. Veyron hat mein Loyalitätsgefühl ausgenutzt! Immer wieder macht er das!
Aber du hättest ja nur ›Nein‹ sagen müssen, meldete sich ein anderer Teil ihres Verstandes. Die Wahrheit war, dass sie einfach der Versuchung nicht hatte widerstehen können, nach Elderwelt zurückzukehren. Allerdings hatte sie auf einen weitaus gastfreundlicheren Ort spekuliert. Selber schuld. Jetzt musste sie – genau wie Veyron es gesagt hatte – das Beste daraus machen.
Es war etwa eine Stunde seit ihrer Ankunft vergangen, als zwei Sklaven aus dem Hauptgebäude der Burg traten, ein Junge und ein Mädchen, beide noch sehr jung, aber armselig gekleidet. Eiserne Manschetten an den Handgelenken zeugten von ihrem Status, das Zittern ihrer Gliedmaßen und die Blässe im Gesicht von ihrer Furcht. Sie traten vor Jane und verbeugten sich artig.
»Ich bin Uric und das ist Femoin«, stellte der Junge sich und das Mädchen vor. »Wir sollen Euch und Meister Swift in Eure Gemächer bringen. So lautet der Befehl der Königin«, stotterte er.
Jane erkannte sofort, dass er die Worte auswendig gelernt hatte. Seine Aussprache war miserabel, sehr wahrscheinlich sprach er gar kein Englisch. Sie nickte zustimmend, was die beiden jungen Leute sichtlich erleichterte, und rief Veyron. Interessiert kam er näher. Rasch erklärte sie ihm den Sachverhalt, worauf er den beiden Sklaven aufmunternd zulächelte.
»Dann lasst uns mal sehen, wo uns die Königin unterzubringen gedenkt«, meinte er.
Uric und Femoin schauten sich nur verwirrt an. Veyrons Lächeln wurde noch gutmütiger. Schließlich nickte auch er in freundlicher Zustimmung. Die Sklaven verbeugten sich gehorsam, dann eilten sie davon, Jane und Veyron hinterdrein.
Das Innere der Burg stand in Sachen Tristheit dem Äußeren in nichts nach. Die Mauern waren alt, unverputzt, und abgesehen von ein paar Fackelhaltern gab es weder Zierrat noch Wandteppiche oder Gemälde, nichts, woran sich das Auge zu erfreuen vermochte. Dafür entdeckte Jane an allen Ecken und Biegungen die schwarzen Wachen der Seelenkönigin. Sie alle blickten starr und leer aus trüben Augen vor sich hin, rührten sich keinen Millimeter, schauten ihnen nicht einmal entgegen. Als sie an zwei weiteren Wachen vorbeikamen, konnte Jane der Versuchung nicht widerstehen. Blitzschnell berührte sie einen der Männer, doch nicht einmal ein Muskel in seinem Gesicht zuckte. Da können selbst die Grenadier Guards der Königin noch was lernen, dachte sie beeindruckt. Wahrscheinlich standen sie alle unter dem Einfluss der Seelenkönigin und konnten sich gar nicht bewegen, selbst wenn sie wollten. Arme Kerle, befand sie.
Uric und Femoin führten sie eine hohe Treppe hinauf. Im zweiten Stock des Hauptgebäudes öffneten sie eine schwere Holztür und deuteten hinein. »Meister Swift«, sagte Uric und versperrte Jane den Weg, sodass nur Veyron hineingehen konnte.
Jane erhaschte dennoch den Blick auf ein karg eingerichtetes kleines Zimmer, das außer einem Waschzuber nur ein Bett und einen kleinen Nachttisch enthielt. Veyron schien dennoch zufrieden und nickte den Sklaven zu. Sie verbeugten sich abermals, schlossen vorsichtig die Tür und führten Jane dann weiter. Drei Türen weiter lag Janes Zimmer, ein Raum mit identischen Maßen, der aber immerhin über ein Fenster nach draußen verfügte. Na ja, Schießscharte traf es wohl eher. Sie entdeckte zumindest kein Fensterglas, und die Öffnung schien allenfalls breit genug, um den Kopf hinauszustrecken. Vorsichtig setzte sie sich auf das Bett, nur um festzustellen, dass es überraschend bequem war. Auf dem Nachttisch standen zwei halb abgebrannte Kerzen. Anders als in Veyrons Unterkunft fehlte in ihrem Zimmer der Waschzuber.
»Können wir sonst noch etwas für Euch tun?«, fragte Uric neugierig.
Jane sprang überrascht auf. »Ich dachte, Ihr zwei sprecht meine Sprache gar nicht!«, rief sie aus.
Die Sklaven sahen sich betreten an, dann wandten sie sich wieder Jane zu. »Haben wir auch nicht«, sagte Uric.
»Sie hat es getan«, wisperte Femoin und deutete vielsagend nach oben. »Sie gab uns vorhin dieses Wissen. Es schmerzt sehr«. Sie tippte sich mit zwei Fingern gegen die Schläfen.
Jane verstand. Die Seelenkönigin und ihre telepathische Kontrolle. Sie hatte ihre Sprachkenntnisse auf die beiden jungen Leute übertragen. Offenbar war das kein sonderlicher Spaß und obendrein schmerzhaft.
»Bitte, können wir sonst noch irgendetwas für Euch tun?«, fragte Uric erneut. Er wirkte fast flehend, als wollte er nicht weg von Jane.
Zu gern hätte sie allerhand erfunden, das ihr Hierbleiben nötig machen würde, doch in diesem Augenblick packte Femoin Uric am Arm und schüttelte den Kopf.
»Mach sie nicht wütend«, warnte sie ihn und deutete zur Decke. Mit Tränen in den Augen wandte sich Uric ab und trat in den Gang.
Mit bedauernder Miene folgte ihm Femoin. »Schlaft gut«, raunte sie Jane zu, dann schloss sie die Tür.
Kaum war sie allein, nahm Jane ihren Rucksack ab und stellte ihn neben das Bett. An Einschlafen war nicht zu denken. Das Schicksal der beiden Sklaven wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Lange saß sie ratlos auf dem Bett, bis die Einsamkeit sie übermannte. Veyrons Gesellschaft war besser als keine, entschied sie und machte sich auf den Weg zu seinem Gemach. Auf ihr Klopfen reagierte er nicht, und als sie die Tür öffnen wollte, fand sie diese abgesperrt. Enttäuscht und wütend kehrte sie in ihren eigenen Raum zurück und verbrachte die restlichen Stunden bis Sonnenuntergang damit, aus dem kleinen Fenster zu starren. Jane begann sich zu fragen, was Tom während ihrer Abwesenheit wohl anstellte. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und studierte die letzten Nachrichten.
- Bin unterwegs!
- Bin bei Veyrons Bruder. Schwarzes Manifest! Veyron Bescheid geben!
- DRINGEND!!!
- ZTC-Alarm!
- Wimille und ich schlagen zu. Wünscht uns Glück.
Jane biss sich auf die Lippe. Die letzten Nachrichten hatte sie gar nicht an Veyron weitergegeben, zu aufregend war die ganze Reise mit der Seelenkönigin gewesen. Aber sicherlich hatte Tom die gleichen Nachrichten auch an seinen Patenonkel geschickt, und die Meldungen an Jane waren nur zur Absicherung, damit Veyron auch sicher über alles Bescheid wusste. Musste sie sich Sorgen machen? Gerade harmlos klang es nicht, was er schrieb. Aber Tom war ein kluger Junge, der schon zahlreiche Abenteuer bestritten hatte. Ihm würde schon nichts passieren. Bestimmt war er vernünftig genug, mit irgendwelchen gefährlichen Aktionen bis zu Veyrons Rückkehr zu warten.
Mit einem unguten Gefühl im Magen steckte sie das Telefon wieder weg und legte sich aufs Bett. Seit ihrer Ankunft hatten sie die Seelenkönigin nicht mehr zu Gesicht bekommen, und auch sonst keinen Offiziellen von Ansmacht – sofern es die überhaupt gab und sie keine Zombies waren. Von Höflichkeit hielt die Dame nicht viel, aber was hatte sie erwartet? Durch die Schießscharte sah sie die letzten Strahlen Sonnenlicht ins Zimmer fallen, dann wurde es dunkel. Nach all der Aufregung setzte ihr die Müdigkeit überraschend schnell zu. Schließlich schlief sie ein.
Doch die Träume brachten ihr keinen Frieden. Immer wieder erschien die monströse Fratze des Bestiengenerals in ihrem Traum, immer wieder verwandelte er sich vor ihren Augen in ein fliegendes Ungeheuer. Dunkelwölfe lauerten in den Schatten, ihre roten Augen starrten sie an, fletschten die Zähne. Dann war da Veyron, der sie ständig ignorierte, wenn sie etwas zu ihm sagte, bis sie schier verzweifelte, und die Seelenkönigin. In ihren Träumen kam sie mehr als einmal durch irgendeine Tür herein und begutachtete sie von oben bis unten, um auf geisterhafte Weise wieder zu verschwinden.
Janes Träume liefen wie ein Film weiter. Einmal stand plötzlich ein Schatten mitten in ihrem Zimmer. Mannshoch überragte er ihr Bett. Jane wurde ganz mulmig, und sie rief um Hilfe, doch keine Silbe drang aus ihrem Mund. Der Schatten beugte sich über sie, das Mondlicht enthüllte ein teuflisches Grinsen in seinem Gesicht. Sie erkannte es wieder, dieses Gesicht: Dunkelgrau war es, uralt und ausgetrocknet wie bei einer Moorleiche, umrahmt von dünnem, schlohweißem Haar. Der Blick aus den tiefschwarzen Augen heftete sich auf Jane. Auf dem Haupt trug die Gestalt eine Krone aus acht Zacken. Der Schattenkönig! Der Dämon, der sie letztes Jahr fast getötet hatte.
Mit einem Schrei sprang Jane in die Höhe, spürte einen stechenden Schmerz in der Hüftgegend, genau da, wo der Schattenkönig sie getroffen hatte. Instinktiv fasste sie sich an die Stelle. Augenblicklich verschwand die Pein. Panisch sah sie sich in ihrem Zimmer um.
Es war noch immer dunkel, aber vom Schattenkönig fehlte jede Spur – es war nur ein Traum gewesen! Erleichtert sackte Jane zusammen. Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Vom Schattenkönig hatte sie lange nicht mehr geträumt. Was das wohl zu bedeuten hatte? Es muss an der Finsternis liegen, die diese Gemäuer ausstrahlen, vermutete sie.
Sie nahm ihren Rucksack zur Hand und kramte darin herum, bis sie ein Feuerzeug fand. Schnell entflammte sie die beiden Kerzen auf dem Nachttisch und legte sich dann wieder hin. Ohne Licht würde sie hier auf keinen Fall mehr ein Auge zu tun. Und morgen würde sie sich Veyron vorknöpfen. Wer, wenn nicht er, war an dieser misslichen Lage schuld …
Am nächsten Morgen, die Sonne war gerade erst aufgegangen, suchte Jane nach Veyron. Diesmal fand sie seine Zimmertür offen vor, doch der Mann selbst war nicht anwesend. Auf dem kleinen Nachttisch hatte er eine Nachricht hinterlassen. Mache eine kleine Exkursion. Verärgert zerknüllte Jane den Zettel und warf ihn in die Ecke. Für ihren Geschmack zeigte Veyron bei der ganzen Sache viel zu viel Begeisterung, und es schien ihr offensichtlich, dass er ihr aus dem Weg ging, seit sie hier angekommen waren. Sie begann sich zu fragen, warum er sie überhaupt auf dieses Abenteuer mitgenommen hatte. Aber so leicht würde sie es ihm nicht machen, einfach nur still und stumm der Dinge zu harren, die da kommen würden.
Entschlossen verließ sie sein Zimmer und marschierte schnurstracks den Korridor hinunter. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, die regungslosen Wachen nach Veyron zu fragen. Sie schienen sich seit gestern überhaupt nicht bewegt zu haben. Ihre trüben Augen starrten noch immer ins Nichts.
»Ihr wisst auch nicht, wo sich Veyron befindet, oder?«, seufzte sie, wohl wissend, wie hoffnungslos es war, diese armen Teufel überhaupt anzusprechen. Umso erstaunter war sie, als einer der Männer plötzlich vortrat, herumwirbelte und ihr mit einem Handzeichen bedeutete, ihm zu folgen. Jane tat, wie ihr geheißen, erfüllt von einem überaus mulmigen Gefühl. Der Wächter führte sie den Gang entlang, an dessen Ende eine schwere Holztür lag, die von zwei weiteren Wachen flankiert wurde. Die Männer öffneten die Tür, als sich Jane mit ihrem Begleiter näherte, und traten zur Seite. Eine Wendeltreppe führte einen Turm hinauf, und die Kerle machte Gesten, dass sie diesem Weg folgen solle, offenbar allein, denn sie blieben stehen und rührten sich keinen weiteren Zentimeter. Jane schluckte, folgte aber widerwillig den wortlosen Anweisungen. Stufe für Stufe ging es nach oben, während sich hinter ihr die Tür schloss.
Am Ende der Treppe gelangte sie in ein großes, geräumiges Zimmer, beinahe eine Halle, die wohl das ganze oberste Stockwerk des Turms einnahm. Ein Bett stand hier, groß genug, um mindestens sechs Personen aufzunehmen, mehrere schwarze Schränke und ein großer Tisch, der von zahlreichen Stühlen umstanden war. Dunkle Vorhänge verdeckten die kahlen Wände, abgesehen von einer einzigen Stelle. Dort durchbrach ein riesiges, kreisrundes Fenster die Wand, seine Verglasung war eine netzartige Metallverstrebung eingefasst. Davor stand die Seelenkönigin und blickte nach draußen. Wie eine überdimensionale Spinne schien sie in den Fäden zu hängen und ihre Beute zu belauern.
Eben kam Jane in den Sinn, wie sehr sie Spinnen hasste. Die Dämonin trug wie gestern ihr gewaltiges, schwarzes Kleid. Mit Schaudern stellte sich Jane vor, dass darunter ganz leicht acht entsetzliche Spinnenbeine Platz fänden. Doch die Seelenkönigin schenkte ihr keinerlei Beachtung, ihr blasses Gesicht war auf die nebelverhangene Landschaft außerhalb der Burg gerichtet.
»Ihr habt Euch wohl schon von Euren Verletzungen erholt«, stellte Jane nach einer ganzen Weile unangenehmen Schweigens fest.
Ein arrogantes Lächeln flog über die schwarzen Lippen der Seelenkönigin. »Der Bestiengeneral vermag mich nicht zu töten. Ha! Dies ist ihm wahrlich noch nie gelungen! Dennoch habe ich offenbar nachgelassen. Es ist wohl schon zu lange her, dass ich jemanden eigenhändig tötete. Ich bin aus der Übung«, sagte sie.
Jane fröstelte. Mit welcher Selbstverständlichkeit dieses Ungeheuer von Mord und Totschlag sprach, entsetzte sie.
Die Seelenkönigin bemerkte ihre Reaktion, und ihr Lächeln wuchs in die Breite, entblößte ihre spitzen Raubtierzähne. »Wie schwach ihr Fernwelt-Menschen geworden seid! Alle, die ich dort traf, schrecken vor Grausamkeiten zurück. Ein jeder dort fürchtet Schmerzen beinahe ebenso wie den Tod. Die Gedanken der Fernweltler leisten noch weniger Widerstand als der Pöbel dort draußen. Es war mir ein Leichtes, sie alle zu übernehmen und zu kontrollieren«, verkündete sie, wobei sie die Fäuste in überheblicher Geste in die Hüften stemmte. »Teilte ich Eure Einstellung, Jane Willkins, ich wäre längst tot! Ich beherrsche dieses Land und sichere damit mein Überleben. Herrsche oder werde beherrscht, das ist die einzige Regel, die hier etwas zählt!«
Mit jedem Wort war die Stimme der Seelenkönigin fauchender geworden. Ein bösartiger Stolz schwang darin mit. Jane wollte am liebsten den Kopf schütteln, doch sie wagte es nicht. Veyron musste den Verstand verloren haben, sich mit diesem Monster einzulassen …
Plötzlich schnellte die Seelenkönigin vor, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. Sie umfasste ihren Kopf und hob sie ohne Schwierigkeiten vom Boden. Ihre schwarzen Augen studierten Jane ausgiebig, sie bleckte ihre Vampirzähne. Ein gieriges, lüsternes Lächeln flog über ihre dunklen Lippen. »Eure Furcht, sie ist beinahe greifbar … wie stimulierend. Das erregt mich … Ihr wärt ein so leichtes, so schönes Opfer …«, gurrte die Seelenkönigin.
Jane konnte sehen, welch diebische Freude über das schrecklich-schöne, blasse Gesicht unter ihr huschte. Eine regelrechte Verzückung begann die Dämonin zu erfüllen. Plötzlich änderte sich jedoch ihr Gesichtsausdruck, verwandelte sich in Furcht. Sie ließ Jane abrupt los, sodass sie zu Boden plumpste, und wich blitzschnell zurück. Wie vom Wahnsinn ergriffen taumelte die Seelenkönigin rückwärts. Ihre Furcht verwandelte sich in schiere Todesangst. Zitternd und wimmernd prallte sie gegen das große Netzfenster. Jane hoffte, dass es unter ihr zerbrach und diese abscheuliche Hexe in die Tiefe stürzte. Aber das Fenster hielt – leider.
»Er hat euch berührt«, wimmerte die Seelenkönigin, beide Hände zur Abwehr erhoben.
Die Dämonin fürchtete sich – vor ihr? Jane fand nach einem Moment der Verblüffung ihre Sprache wieder. »Wer? Von was redet Ihr?«
»Der Schattenkönig, die rechte Hand des Dunklen Meisters. Er ist mit Euch. Ich spüre seine Präsenz!«
Jane fasste sich an die Hüfte. »Er hat mich im letzten Jahr verletzt, das stimmt«, gab sie zu und zog ihr T-Shirt hoch, um ihr die Stelle zu zeigen. Zum Glück war längst alles verheilt, nicht einmal eine Narbe war geblieben.
Auf die Seelenkönigin schien dies tatsächlich eine beruhigende Wirkung zu haben. Erleichterung löste Panik und Entsetzen ab. »Also ist es nur ein Echo seiner Macht«, seufzte sie. Dann holte sie tief Luft, ihre Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. »Seid froh, dass er Euch zuerst berührte. Sein Echo schützt Euch vor meiner Macht. Geht mir aus den Augen! Verschwindet, sofort!«, zischte sie.
Das ließ sich Jane nicht zweimal sagen. Ohne ein Wort des Abschieds wirbelte sie herum und stürzte zur Treppe. So schnell sie konnte, eilte sie nach unten, fort von diesem Scheusal.
Auf den Gängen stellte sich ihr keine einzige Wache in den Weg, alle Türen waren weit geöffnet. Jane wollte gar nicht mehr zurück in ihr Zimmer, nur noch nach draußen an die frische Luft. Sie hatte das Gefühl, als würde sie innerhalb dieser entsetzlichen Mauern keine Luft mehr bekommen. Und tatsächlich: Als sie den Burghof erreichte, fühlte sie sich frei. Aller Druck wich von ihr. Sie atmete ein paar Mal tief durch und lief dann erleichtert zu den Zinnen. Vielleicht könnte sie über die Brüstung nach unten klettern und fliehen? Sie musste auf der Stelle von hier weg. Aber schon der erste Blick hinab beerdigte diesen Wunsch sofort wieder. Die Mauern reichten bestimmt zehn Meter senkrecht in die Tiefe. Verflucht Veyron, warum haben Sie mich nur hierher geschleppt?, dachte sie wütend. Dann schloss sie die Augen, um etwas Ruhe in sich einkehren zu lassen. War dies wirklich alles Veyrons Schuld, oder lag es am dunklen Einfluss der Seelenkönigin?
Nach einer Weile öffnete sie die Augen und blickte über das Land. Der Großteil Ansmachts verbarg sich noch immer im Nebel, aber sie konnte heute immerhin weit genug sehen, um am Fuß der Burg ein Dorf auszumachen. Die Häuser waren allesamt ärmlich, kaum mehr als Holzverschläge, mit Stroh gedeckt, die Straßen nichts als Trampelpfade. Hinter dem Dorf lagen einige karge Äcker. Überhaupt schien die Vegetation in diesem Teil des Landes nur sehr spärlich entwickelt. Bäume und Sträucher wirkten allesamt kränklich und dürr. Was für eine trostlose Gegend, dachte Jane bedrückt. Die Leute, die unten an der Mauer vorbeimarschierten, wagten kaum aufzublicken. Dennoch hoben einige Jüngere den Kopf, schauten voller Staunen zu Jane auf. Die Älteren packten die Kinder am Kragen und duckten sie sofort wieder weg. Die Angst vor der Seelenkönigin war allgegenwärtig.
»Ach, da sind Sie ja. Guten Morgen, Willkins«, ließ sie Veyrons dunkle Stimme herumfahren. Mit einem entspannten Lächeln im Gesicht spazierte er zu ihr herüber, die Hände in die Taschen seines dunklen Mantels gestopft.
Sofort packte sie der Zorn, weil er nicht das geringste Anzeichen von Missmut oder wenigstens eines schlechten Gewissens zeigte. »Wo sind Sie gewesen? Warum gehen Sie mir aus dem Weg? Was soll das alles?«, fuhr sie ihn an, was ihn jedoch nur überrascht die Augenbrauen heben ließ.
»Na, Sie sind ja wieder pampig heute. Im Moment geselle ich mich zu Ihnen, also kann keine Rede davon sein, dass ich Ihnen aus dem Weg gehe. Falls Sie die verschlossene Tür gestern meinten, so stimme ich Ihnen insofern zu, dass ich mich isolierte, um in Ruhe meine Gedanken zu sammeln und zu ordnen. Nehmen Sie das nicht persönlich. Tom kennt das auch nicht anders, wenn ich in Klausur mit meinen Gedanken bin. Nun zu der Sache, wo ich eben gewesen bin: Ich studierte die Burg und fand eine Bibliothek. Unsere Gastgeberin ist sehr belesen. Allerdings werden Sie da keine Herzschmerzromane finden, Willkins«, erwiderte er, noch immer in bester Laune.
Jane verzog das Gesicht. Sie war wirklich nicht in der Stimmung, sich von ihm aufziehen zu lassen. »Sie sind genau wie dieses Land: karg und kalt«, murrte sie. »Wie kann man sich nur mit diesem Weibsbild einlassen? Sie ist ein Teufel!«
Veyron seufzte enttäuscht. »Ihr Weitblick ähnelt dagegen der Sichtweite in diesem Nebel. Erkennen Sie denn nicht die Vorteile, die uns diese Mission bietet? Wir haben hier die einzigartige Chance, mehr über die Schatten zu lernen als jemals irgendjemand zuvor. Dieses Wissen könnte uns später beim Kampf gegen den Dunklen Meister von immensem Wert sein.«
Jane schüttelte den Kopf. »Ich glaube, dieses Miststück hat Sie verhext. Veyron, Sie haben Ihren Verstand verloren!«
Einen Moment lang erwiderte er nichts darauf, sondern blickte hinunter auf das Dorf, als hätte er sie gar nicht gehört. »Sehen Sie den Marktplatz? Da ist eine alte Händlerin, die gerade einem Mann etwas verkauft. Was schlussfolgern Sie, wenn Sie ihn betrachten?«, fragte er sie, statt auf ihren Vorwurf einzugehen.
Jane folgte seinem Fingerzeig. Da war tatsächlich eine alte Händlerin, die einem für Ansmachts Verhältnisse gut gekleideten Herrn ein paar Dinge verkaufte. Ein kleiner Junge stand neben dem Mann und tippelte unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Der Mann hat etwas gekauft. Spielzeug. Der Junge ist wahrscheinlich sein Sohn. Der Mann scheint recht gut betucht zu sein, wenn man seine Kleidung mit der aller anderen vergleicht. Die vielen Beutel an seinem Gürtel, hmm … bestimmt ist er ein reicher Kaufmann. Und er stützt sich auf einen Stock, hat also Schmerzen im Kreuz oder beim Gehen. Sehen Sie? Leute analysieren kann jeder, wenn man nur genau hinschaut.«
»Dann schauen Sie auch genau hin, Willkins«, konterte Veyron sofort. »Der Mann ist ein sehr angesehener Arzt und bekannt für seine Selbstlosigkeit. Obendrein ist er nicht nur Vater dieses Jungen, sondern auch noch eines Mädchens. Seine Frau ist schwanger, und er ist stolzer Besitzer eines kleinen, verspielten Hundes. Trotzdem ist er alles andere als reich und leidet den gleichen Hunger wie die meisten Einwohner hier. Körperliche Gebrechen weist er dagegen keine auf, weder am Bein noch an der Hüfte. Dafür aber eine Verletzung an der rechten Hand.«
Jane stand für einen Moment der Mund offen. Sie schaute noch einmal hinunter zu den drei Menschen und versuchte zu erkennen, was Veyron zu diesen Schlüssen brachte. Sie fand jedoch nichts, abgesehen von dem kleinen Verband an der rechten Hand. Der war ihr vorher gar nicht aufgefallen. Okay, aber das war ja nur eine Kleinigkeit. Und überhaupt: Woher wollte Veyron wissen, dass der Mann einen Hund besaß? Geschweige denn Vater eines Mädchens war!
»Ich kann da nichts erkennen«, schnappte sie. »Ich sag’s doch: Ihr Verstand arbeitet nicht mehr richtig.«
»Schauen Sie sich seine Hände genauer an. Feindgliedrig, keine Schwielen. Er arbeitet demnach nicht hart, kann also unmöglich Bauer, Metzger oder Schmied sein. Dafür hängen an seinem Gürtel eine Menge Beutel und Taschen, darunter eine zusammengerollte Instrumententasche aus Leder. Sehen Sie die silbernen Spitzen seiner Instrumente und Skalpelle und den runden Abdruck einer Lupe? Das deutet doch schon sehr auf eine medizinische Tätigkeit hin. Wir haben also den Dorfarzt vor uns. Seine feine Kleidung zeigt an, wie sehr er von den Bürgern geschätzt wird. Es sind wahrscheinlich Geschenke, die ihm gemacht wurden, denn reich ist er nicht. Das verraten mir seine schlechten, ausgelatschten, dutzendfach geflickten Schuhe. Seinen unterernährten Zustand erkennen Sie dagegen an seinen eingefallenen Wangen, den schlecht verheilten Kratzern auf der Haut und der kaum ausgeprägten Muskulatur. Nun zu seinem Stock: Der ist lediglich ein Symbol seines Amtes, keine Stütze. Schauen Sie nur die Verzierungen an: Die Äskulapschlange ist deutlich am oberen Ende zu sehen. In der Mitte erkennen Sie Bissspuren eines Hundes, sehr fein, aber dennoch zahlreich. Also ist der Hund klein und trägt den Stock beim Spaziergang im Maul, weswegen unser Arzt den Stock also nicht wirklich benötigt. Beachten Sie zudem die von ihm erworbenen Dinge: eine Mädchenpuppe aus Reisig und ein Holzpferd samt Ritterfigur. Spielsachen für einen Jungen und ein Mädchen.
Unser Arzt hat bei der Händlerin außerdem Frauenmantel, Brennnessel und Fenchel gekauft, typische Kräuter, die für verschiedene Schwangerschaftstees gebraucht werden. Die gekauften Mengen sind jedoch sehr gering, darum wird es wohl kaum für seine Praxis sein, sondern für den Eigenbedarf. Da hier sehr viele Kinder herumlaufen, ist die Population in Ansmacht trotz der widrigen Umstände gesund, und Schwangerschaften sind nichts Seltenes. Für die Behandlung von allen schwangeren Patienten des Dorfs bräuchte er also eine weitaus größere Menge dieser Kräuter. Einzige logische Schlussfolgerung: Seine eigene Frau ist schwanger, und uneigennützig, wie er ist, will er den Praxisvorrat – der genau berechnet ist – dafür nicht verwenden. Sehen Sie? Mein Verstand funktioniert tadellos.«
»Nein, tut er nicht«, maulte Jane. »Tut er nämlich nie.«
Veyron brach in Gelächter aus, ein ehrliches, herzliches Lachen. »Ja«, sagte er und grinste Jane dabei an. »Es war die richtige Idee, Sie mit auf dieses Abenteuer zu nehmen.« Dann wurde er wieder ernst. »Bitte haben Sie Vertrauen, Willkins. Ich weiß sehr wohl, wo die Grenzen sind, und ich verspreche Ihnen, was wir hier tun, gereicht dem Dunklen Meister zum Schaden und damit auch der Sache des Bösen. Meine Methoden mögen ungewöhnlich sein, aber unsere Ziele, Willkins, sind identisch.«
»Ich vertrau Ihnen ja«, bekräftigte Jane. »Aber deshalb muss ich nicht mit allem einverstanden sein.«
Veyron lächelte vielsagend. »Nein, das müssen Sie nicht und das sollen Sie auch gar nicht. Sie und ich, wir zwei sind vollkommen verschieden. Genau darin liegt unsere Stärke als Team. Wir ergänzen uns, aber nur, wenn wir einander vertrauen.«
»Da haben Sie recht«, sagte Jane. »Und wie geht’s jetzt weiter?«
Die Frage blieb unbeantwortet. Bevor Veyron irgendetwas sagen konnte, wurden sie von hinten angerufen.
Jane sah sich um. Uric und Femoin standen da und wirkten genauso eingeschüchtert wie gestern. Als sie die Kinder erreicht hatten, blickten die sich um, als befürchteten sie, beobachtet zu werden. Jane erkannte darin sofort, dass sie neben ihrem eigenen Verstand dem dunklen Gedankeneinfluss der Seelenkönigin ausgesetzt waren.
»Die Herrin schickt uns«, verkündete Femoin. »Sie befiehlt, dass Ihr beide sofort auf Eure Zimmer zurückkehrt und Eure Sachen packt. Die Königin wünscht so schnell wie möglich aufzubrechen.«
»Und sagt Eure Gebieterin auch, wohin?«, ätzte Jane. Sie meinte es nicht bös mit den beiden Sklaven, aber sie war sicher, dass die Seelenkönigin ihre Gedanken las, und das böse Weib sollte Janes Abneigung ruhig zu spüren bekommen.
»Natürlich zum Konferenzort, was für eine Frage«, mischte sich Veyron ein. Er nahm Jane am Arm und führte sie von den beiden Sklaven fort. Wenigstens sparte er sich, sie für ihre ›Dummheit‹ – woher hätte sie es wissen sollen? – vor den beiden zu tadeln, aber sie spürte es am sanften Druck, den er auf ihren Oberarm ausübte.
Bald hatten sie ihre Räume erreicht. Viel zusammenpacken musste Jane nicht. Sie brauchte lediglich ihren Rucksack zu schultern und das Feuerzeug wieder einzustecken. Eine große Erleichterung überkam sie, als sie einen letzten Blick in das karge Zimmer warf. Niemals wieder würde sie hierher zurückkehren, das nahm sie sich felsenfest vor. Hoffentlich würden sie bald auch aus dem Einflussbereich der Seelenkönigin herauskommen.
Wenig später traf sie Veyron wieder unten im Burghof, wo die beiden Sklaven schon auf sie warteten und sie nach einer kurzen Verbeugung zu der langen, von nacktem Fels gesäumten Treppe führten, die in den zweiten, tiefer gelegenen, mit einer hohen, dicken Mauer eingefriedeten Hof mündete. Er war breit und gepflastert, und von ihm aus gelangte man durch ein Tor zum Dorf hinaus. Erst, als sie sich auf der Treppe umwandte, konnte Jane besser erkennen, wie man die Burg der Seelenkönigin auf den Gipfel des hoch aufregenden Felsen gesetzt hatte. Der vermeintliche Schutzwall rund um die Burg war nichts anderes als die Verschalung des Felsens und zugleich Stützwerk für die obere Plattform und die Wohngebäude.
Ein lautes Schnauben lenkte Janes Aufmerksamkeit auf den Tiefhof – und ließ sie regelrecht erstarren. Zwei Kutschengespanne warteten im Schatten der hohen Mauern auf sie. Das erste saß auf acht riesigen, stählernen Rädern, war groß wie ein Haus. Die Kutsche bestand sogar aus zwei Stockwerken mitsamt Dach und Schornstein. Von oben bis unten nachtschwarz angestrichen wurde dieses rollende Haus von vier gewaltigen Geschöpfen gezogen. Jane erinnerten sie an gigantische, vorgeschichtliche Nashörner, jedes mit einer Schulterhöhe von mehr als drei Metern. Anstelle eines einzelnen langen Horns wuchsen diesen Ungeheuern gleich drei auf ihren massigen, plumpen Schädeln, jedes so lang und schmal wie ein Schwert. Die gewaltigen Körper der kurzbeinigen Kreaturen waren von einem dicken, braunen Zottelfell bedeckt. Wie die Wollnashörner der Eiszeit, dachte Jane. Vielleicht waren das ihre Nachfahren? Elderwelt war ja voll mit den seltsamsten Kreaturen.
Das zweite Gespann nahm sich dagegen fast zwergenhaft klein aus: Eine schwarze Postkutsche, gezogen von einem alten, grauen Fenriswolf. Jane kannte diese Bestien nur zu gut. Mit immerhin zwei Metern Schulterhöhe und fünf Metern Länge waren auch die Fenriswölfe wahre Ungeheuer. Diese Monstren hatten Zähne, auf die jeder Wolf neidisch wäre. Die kleinen, runden Ohren, ähnlich denen von Bären, und der dicke, kurze Schwanz waren charakteristische Merkmale, ebenso die zu Krallen verlängerten Zehenhufe. Veyron hielt die Fenriswölfe für die letzten Vertreter der ausgestorbenen Raubtiergattung der Mesonychiden, aber für Jane waren es schlichtweg Scheusale, und wenn sie sich richtig erinnerte, dienten sie gemeinhin als Reittiere der Schrate. Es gefiel ihr gar nicht, dass die Seelenkönigin ebenfalls eines dieser Ungeheuer domestiziert hatte. Das verriet ihr nur, auf welcher Seite diese Hexe in Wahrheit stand.
Voller Skepsis folgte Jane Veyron zum kleineren der beiden Gefährte und stieg ein. Einen Kutscher gab es nicht; der Fenriswolf wurde von der Seelenkönigin offensichtlich telepathisch gesteuert, ebenso ihre vier Wollnashörner. Das Innere der schwarzen Postkutsche erwies sich als eng und unbequem. Getrennt von einem Tisch saßen sich Jane und Veyron gegenüber, hinter den Rückenlehnen ihrer Sitzbänke befanden sich kleine Schlafkojen. Na gut, besser als gar kein Bett. In ihrem fahrenden Haus hatte die Seelenkönigin dagegen bestimmt ein eigenes Schlafzimmer. Missmutig setzte sich Jane auf das schwarze Leder der Bank. »Wo geht’s denn überhaupt hin? Wissen Sie das zufällig?«, fragte sie Veyron.
»Nach Teyrnas Annoth, ins Reich der Moorelben, Jane Willkins«, antwortete stattdessen die Seelenkönigin. Sie stand in der Tür der Postkutsche. »Wir fahren nach Süden, immer nach Süden. Nördlich der Himmelmauerberge liegt ihr Reich, und dort findet die Konferenz der Könige statt. Es ist eine Reise von vier Tagen.«
»Interessant«, meinte Veyron nur.
Die Seelenkönigin sagte nichts darauf, verschwand nach draußen und schloss die Tür.
Jane wandte sich neugierig an Veyron. »Das Reich der Moorelben. Davon habe ich noch nie gehört. Ich dachte, das einzige Elbenreich wäre Fabrillian«, sagte sie.
Veyron schüttelte den Kopf. »Mitnichten. Teyrnas Annoth liegt im Norden von Fabrillian – mit den Himmelmauerbergen als natürliche, schier unüberwindbare Grenze dazwischen. Aber soweit ich es in verschiedenen Büchern lesen konnte, gilt das Land der Moorelben als von allen Seiten unzugänglich, das besagt auch schon sein elbischer Name. Teyrnas steht für Reich, im Sinne von Gegend, und Annoth bedeutet unzugänglich. Soweit ich informiert bin, meiden die Moorelben den Kontakt zu anderen Völkern, wo es nur geht, und bewachen ihre Grenzen entsprechend streng. Interessant ist, dass sie jetzt, nach tausendjähriger Isolation, ihr Gebiet für eine Konferenz der Herrscher Elderwelts zur Verfügung stellen. Womöglich gaben sie entsprechenden Bitten der Simanui nach. Ich bin sicher, das erfahren wir alles noch.«
Ein Ruckeln verriet, dass sich ihre Kutsche in Bewegung setzte. Bald ließen sie die finstere Burg und das triste Dorf hinter sich. Das Domizil der Seelenkönigin verschwand im Nebel, und recht viel mehr bekamen sie von Ansmacht auch nicht zu Gesicht. Der Nebel schien fast allgegenwärtig, nur hin und wieder schälte sich ein Gehöft aus dem grauen Dunst. Ansonsten sahen sie nur einige karge Felder und hier und da ein paar Bäume. Veyron hatte sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Wahrscheinlich meditierte er mal wieder.
Da fiel Jane noch etwas ein. »Haben Sie schon Toms Nachrichten gelesen?«
»Nein«, gab Veyron unumwunden zu, ohne dabei die Augen zu öffnen.
»Was? Sind Sie verrückt geworden? Tom ist Ihr Patensohn! Sie haben sich um ihn zu kümmern!«, schalt sie ihn.
Zur Antwort bekam sie ein genervtes Schnauben. »Das ist im Augenblick schwer möglich, Willkins. Wir sind in Elderwelt, Tom in London. Der Junge ist siebzehn Jahre alt. Ich bin überzeugt, dass er auch eine Weile ohne mich klarkommt. Ich mache mir da keine Sorgen.«
Jane fröstelte angesichts des Mangels an Emotion in seiner Stimme. »Das sollten Sie aber«, hielt sie dagegen. »Er erwähnte etwas vom Schwarzen Manifest. Das ist doch das Teufelsbuch, das dieser irre Henry Fowler als Anleitung für seine Morde benutzt hat. Und die Zaltianna Trading Company hat Tom auch erwähnt. Sie sollten das unbedingt wissen, hat er geschrieben. Ach ja, er hat außerdem Ihren Bruder ausfindig gemacht, und die beiden haben irgendetwas vor.«
Veyron blieb immer noch ganz gelassen. »Was das Schwarze Manifest betrifft, stimme ich Ihnen zu, Willkins. Tom und ich wollten dieser Sache noch nachgehen. Sie kennen ihn ja. Wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, ist er nicht mehr zu halten. Ich bin davon überzeugt, dass er Nachforschungen angestellt und herausgefunden hat, dass die ZTC hinter dem Schwarzen Manifest steckt. Zu dieser Überzeugung bin ich im Übrigen ebenfalls gelangt. Die ZTC ist die Verbindungsstelle zwischen allen Machenschaften des Dunklen Meisters auf unserer Seite der Welt und hier in Elderwelt. Es ist nur logisch, dass Tom die Hilfe meines Bruders in Anspruch nahm, um mehr darüber herauszufinden Wimille ist ein Genie, der vielleicht größte Hacker, den die Erde je gesehen hat und jemals sehen wird.«
Jane wusste darauf nicht viel zu erwidern. Alles, was Veyron sagte, machte irgendwie Sinn. Wenn sie ihm so zuhörte, kam sie sich fast dumm vor, sich überhaupt Sorgen zu machen, aber ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes. »Mir gefällt das Ganze nicht, Veyron«, raunte sie.
Veyron schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, wenngleich es auch nur eine Sekunde hielt. »Machen Sie sich keine Sorgen, Willkins. Tom ist vernünftig genug, nichts gegen die ZTC oder das Schwarze Manifest zu unternehmen, bis ich wieder zurück bin. Was Wimille betrifft: Er mag zwar ein Genie sein, aber es gibt kaum etwas, das ihn dazu bewegen könnte, das Haus zu verlassen. Außerdem ist er ein Feigling. Niemals würde er sich in irgendein Abenteuer stürzen.«
Die Reise durch Ansmacht verlief vollkommen ereignislos. Menschen begegneten ihnen nicht, auch wenn sie hin und wieder an einem Dorf oder einem Bauernhof vorbeikamen. Nur einmal konnte Jane ein paar Kinder am Straßenrand stehen sehen, die ihre Hände zu kleinen Schalen aneinandergelegt hatten – sie bettelten. Aber als sie die riesige schwarze Kutsche der Seelenkönigin erkannten, nahmen sie auf der Stelle Reißaus. Egal, was Veyron sagte, es war falsch, sich mit dieser Despotin einzulassen. Für ihn mochte der Zweck vielleicht die Mittel heiligen, aber nicht für Jane. Wenn sie eine Gelegenheit bekäme, der Seelenkönigin irgendwie zu schaden, sie würde sie sofort ergreifen.
Die Stunden der Reise vergingen überraschend schnell. Veyron zeigte sich zu Janes Erstaunen recht gesprächig, auch wenn er von sich selbst nicht viel erzählte. Durch geschickte Fragen brachte er sie jedoch dazu, nahezu pausenlos zu plappern. Sie wusste am Ende gar nicht mehr, über was sie alles gesprochen hatten: über ihre Arbeit beim CID, was sie von dem einen oder anderen Kollegen hielt, wie es war, mit Inspektor Gregson in einem Team zu arbeiten … Jane berichtete von einigen haarsträubenden Fällen, die sie gelöst hatte, etwa dem, als sie mit Sergeant Palmer den Mörder von Mr. Vincent gejagt hatte. »Stellen Sie sich vor, wie dumm Palmer aus der Wäsche schaute, als der Mann, den wir verhafteten, sich als das vermeintliche Opfer, Mr. Vincent, entpuppte! Das war natürlich oberpeinlich, und alle auf dem Revier lachten Palmer aus. Aber Sie wissen ja selbst, was für ein Idiot er ist«, meinte sie und musste selbst darüber lachen.
Veyron zuckte nur mit den Schultern. »Nicht zwingend ein Idiot, aber vollkommen unfähig, soviel ist unleugbar«, erwiderte er.
So ging es weiter und weiter. Schließlich versank die Sonne hinter dem Horizont. Als Jane aus dem Fenster der Kutsche blickte, stellte sie fest, wie sehr sich die Landschaft verändert hatte. Der Nebel war verschwunden, vor ihnen breitete sich eine karge Steppe aus. Braunes Gras reichte von einem Horizont zum anderen. Die Kutsche stoppte, und der riesige Fenriswolf machte es sich auf dem Boden gemütlich. Vor ihnen hatte auch das rollende Haus der Seelenkönigin angehalten, und die gigantischen Wollnashörner taten sich mit sichtlicher Gier am Gras gütlich. Veyron öffnete die Tür und stieg aus, Jane folgte ihm zögernd. Rücken und das Gesäß schmerzten ihr vom langen Sitzen, und sie war froh, eine Packung Schmerztabletten eingepackt zu haben, bevor sie London verließen.
»Wo sind wir jetzt?«, fragte sie neugierig.
Veyron blickte hinauf zum Himmel, wo sich am dunkler werdenden Firmament bereits zahlreiche Sterne abzeichneten. »Schwer zu sagen. Auf jeden Fall haben wir Ansmacht hinter uns gelassen. Wenn meine Berechnungen korrekt sind – und sie basieren auf der durchschnittlichen Geschwindigkeit unserer Zugtiere – dürfte Ansmacht etwa vierhundert Kilometer nordöstlich von Teyrnas Annoth liegen«, erklärte er und deutete in die entsprechenden Richtungen.
Jane schüttelte den Kopf. »Was hilft uns das jetzt?«
»Damit wir Ansmacht später auf der Karte Elderwelts ausfindig machen können. Mir war das Reich der Seelenkönigin nämlich gänzlich unbekannt.«
»Das ist die Grenze zum Wilden Land«, mischte sich die Stimme der Seelenkönigin ein. Sie hatte eine große Tür an der Rückseite ihrer Kutsche geöffnet und lehnte sich auf ein hüfthohes Gitter, das davor angebracht war.
Wie die böse Königin in ihrem Turm, dachte Jane, als sie die schwarz gewandete Dämonin erblickte.
Die Seelenkönigin strafte Jane mit Nichtbeachtung, während sie fortfuhr. »Das Wilde Land. So nennt man diese Steppe. Sie beginnt im Westen in Gaghanien und zieht sich wie ein Gürtel um den ganzen Norden der Himmelmauerberge, ehe sie sich weiter und weiter nach Osten ausdehnt, bis tief in das ferne Kaiserreich Quin hinein. Im Winter kann es hier bitterkalt werden, im Sommer glühend heiß. Der Boden ist sandig und karg, nichts anderes als dieses Gras gedeiht hier. Darum leben in dieser Gegend auch keine Menschen, nur hin und wieder ziehen einige Nomaden hindurch. Um diese Jahreszeit herrscht hier vollkommene Ruhe«, erklärte sie.
Veyron nickte. »Die Himmelmauerberge blockieren den Weiterzug von Gewitterwolken aus dem Süden, und die feuchten Meereswinde von Osten oder Westen erreichen nur selten diese Länder«, mutmaßte er.
Die Seelenkönigin schenkte ihm ein anerkennendes Nicken, Janes Anwesenheit weiterhin ignorierend. Nicht den kleinsten Blick hatte die Dämonin für sie übrig, nicht einmal einen verächtlichen. »Steigt wieder in den Wagen zurück, Meister Swift. Wir halten keine Nachtruhe. Gönnt Euch Schlaf, wenn Ihr wollt. Sobald die Tiere wieder bei Kräften sind, geht es weiter«, sagte die Seelenkönigin im Befehlston und wandte sich ab.
»Was ist mit unserem Fenriswolf? Er braucht Fleisch, oder nicht? Wir haben keines dabei. Ihr vielleicht?«, rief Jane der Dämonin zu.
Die Seelenkönigin zeigte ihr ein abfälliges Grinsen. Dann schloss sie die Tür. Wozu, meint Ihr, seid Ihr wohl dabei?, glaubte sie die boshafte Stimme dieser Hexe in ihrem Kopf zu hören. Jane ballte die Fäuste. Sie an die Bestie zu verfüttern, würde sie der Seelenkönigin durchaus zutrauen.
»Keine Sorge«, flüsterte Veyron neben ihr. »Fenriswölfe sind Langstreckenjäger. Sie können tagelang ohne Nahrung auskommen. Ich bin sicher, unser alter Fenris wurde ausgiebig gefüttert, bevor wir aufbrachen.«
Jane verzog das Gesicht. »Ich frage mich nur, mit was; oder mit wem.«
Veyron gab ihr darauf keine Antwort. Sie stiegen in die Postkutsche und zogen sich in ihre Schlafkojen zurück. Jane nahm eine Schmerztablette und schlief danach zu ihrer Überraschung gleich ein. Irgendwann in der Nacht weckte sie das Ruckeln der Kutsche. Die Reise ging weiter, aber schon im nächsten Moment umfingen sie die Träume aufs Neue.
Veyron bereitete ihnen ein kleines Frühstück, welches aus einer Tasse kalten Kaffees und Trockenkeksen bestand. Nicht gerade eine Mahlzeit, um ihre Stimmung zu heben. Er entschuldigte sich dafür, aber mehr Proviant hätte er nicht eingepackt.
»Klar. Sie brauchten den Platz für Ihre Bomben. Das war ja viel wichtiger«, maulte sie, trank missmutig den Kaffee, und nach zwei Keksen war ihr der Hunger bereits wieder vergangen. Die Enge in der Postkutsche schlug Jane aufs Gemüt, ebenso die pausenlose Fahrt. Draußen gab es nichts Interessantes zu sehen, und so legte sie sich wieder hin, kramte ihr Smartphone heraus und spielte ein paar gespeicherte Spiele. Später las sie alte Nachrichten von ihren Freundinnen und Bekannten durch. Da Veyrons Beitrag zur Unterhaltung weitgehend aus Schweigen bestand, drehte sie ihm den Rücken zu und schloss die Augen, aber trotz des monotonen Gerüttels fiel es ihr überraschend schwer, wieder in Schlaf zu finden. Sie warf sich hin und her und gab sich alle Mühe, Veyron, der auf einem Notizblock herumkritzelte, zu ignorieren. Irgendwann musste sie wohl doch eingedöst sein, denn sie fuhr hoch, als die Kutsche stoppte, und stellte fest, dass die Nacht hereingebrochen war. Die Tiere legten eine weitere Pause ein, dafür war Jane nun hellwach. Draußen vertrat sie sich ein wenig die Beine und beobachtete die Sterne, bis sie sich müde genug fühlte, wieder in den Wagen zu steigen und weiterzuschlafen.
Als sie die Augen wieder aufschlug, war es helllichter Tag, doch einen Unterschied machte es nicht. Die Kutschen ruckelten weiter durch die endlos scheinende Grassteppe. Veyron war natürlich bereits auf – schlief er überhaupt je? – und servierte ihr erneut kalten Kaffee und dazu einen Becher Sahne.
Nun war Jane wirklich überrascht. »Wo haben Sie die denn her?«, wollte sie wissen, tunkte den Finger in den Becher und leckte ihn genüsslich ab. »Mh, lecker. Sogar echte Schlagsahne, keine aus der Dose. Sie sind ja doch ein Zauberer.«
Veyron musste kurz grinsen. »Das ist keine Sahne«, sagte er, »das ist Riesenwollnashornmilch.«
Jane zuckte kurz zusammen, dann nahm sie noch einen Finger von der weißen Flüssigkeit. »Okay. Ist was Neues. Wo haben Sie die Milch her?«
»Natürlich von den Riesenwollnashörnern. Man kann sie melken, falls Sie es wissen wollen. Alle vier Tiere sind Weibchen, eines ist sogar trächtig«, meinte er.
Jane nickte. »Haben Sie das extra meinetwegen auf sich genommen? Das war doch sicher gefährlich, oder?« Ungewöhnlich für Veyron, in diesem Maße an andere zu denken, staunte sie.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, das hebt vielleicht Ihre Laune ein wenig. Es ging sogar leichter als das Melken von Kühen. Die Tiere sind ausgesprochen zahm.«
Ein wenig verlegen wandte sich Jane zur Seite und schaute aus dem Fenster. So gemein und herzlos Veyron auch sein konnte, hin und wieder zeigte er doch seine guten Seiten. Ja, die Vormundschaft für Tom hatte ihn deutlich verändert. Veyron Swift war auf dem Weg, ein besserer Mensch zu werden – natürlich mit Einschränkungen.
Der Anblick eines Tiers riss sie aus ihren Gedanken. Das Geschöpf war lediglich so groß wie ein Schaf, trug ein braunes Fell und auf dem Kopf ein kleines Geweih wie ein Rehbock. Das Erstaunlichste war jedoch der kurze Rüssel auf der Schnauze. Schnell stellte sie fest, dass das seltsame Tier nicht allein war. Die halbe Steppe schien plötzlich von ihnen bevölkert zu sein. Es mussten an die zehntausend Tiere sein, die von West nach Ost zogen. Zwischen dem hohen, braunen Gras waren sie auf den ersten Blick gar nicht so leicht auszumachen. Jane schien es gutes Zeichen, dass sie endlich ein paar neue exotische Wesen Elderwelts erblickte. »Schauen Sie mal diese Tiere an. Mit was die wohl verwandt sind? Rehe oder Ziegen? Was meinen Sie?«
Veyron warf nur einen flüchtigen Blick nach draußen, dann konzentrierte er sich erneut auf seinen Notizblock. »Das sind Saiga-Antilopen«, meinte er beiläufig.
Jane blickte ihn verdutzt an. »Sie kennen diese Tiere?«
»Selbstverständlich. Saigas bevölkern die eurasische Steppe, zum Beispiel in Russland und in Kasachstan. Es wundert mich nicht, sie auch hier in Elderwelt anzutreffen.«
Jane wusste nicht, ob sie vor Scham im Boden versinken oder Veyron eine scheuern sollte. »Ja, klar. Ich bin vielleicht blöd, was?«, grummelte sie, lehnte sich zurück und blickte in eine andere Richtung.
Veyron atmete tief durch und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Jane«, begann er, nur um dann ins Stocken zu geraten. »Jane, es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht verbessern oder gar mit meinem Wissen angeben. Im Gegenteil, ich wollte lediglich das Ihre mehren. Ich …« Er suchte wieder nach den richtigen Worten, aber irgendwie wollten sie ihm nicht einfallen.
Jane nickte und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem Lächeln. »Ich weiß schon, was Sie meinen. Eigentlich hab ich mich über meine eigene Dummheit geärgert. Darf ich was zitieren? ›Tadle nicht den Dummen, denn er wird dich dafür hassen. Tadle den Weisen, denn er wird dich dafür lieben‹«, sagte sie.
Veyron weitete überrascht die Augen. »Die Sprüche Salomos!«, rief er aus, nur um gleich darauf noch verdutzter dreinzuschauen. Ihm fehlten regelrecht die Worte.
Jane begann zu kichern. »Tja, Sie kennen mich halt doch nicht so gut, wie Sie immer meinen. Und mal ganz ehrlich: Allein Ihr jetziger Gesichtsausdruck war das ganze Abenteuer hier wert.«
Den Rest des Tages hielt die gute Laune bei ihnen beiden an, und sie verbrachten ihn mit Gesprächen über alles Mögliche. Veyron zeigte sich sehr interessiert an Janes Privatleben und ihrer Umwelt. Als die Nacht hereinbrach, hatte sie das Gefühl, mehr erzählt zu haben als beabsichtigt. Doch sie wusste, dass Veyron ein sehr verschwiegener Mensch war, besonders was anderer Leute Privatangelegenheiten betraf. Abgesehen von Tom vielleicht würde niemals irgendjemand etwas davon erfahren. Am nächsten Morgen wartete abermals ein Riesenwollnashornmilch-Frühstück auf sie, und Veyron tat auch sonst alles, um sie zu unterhalten und ihr die Zeit zu vertreiben. Auf seinem Notizblock spielten sie zahlreiche Runden Tic Tac Toe, Mühle und Dame. Veyron baute aus Papierfitzelchen sogar winzige Schachfiguren, doch schon nach zwei Runden hatte Jane keine Lust mehr, weil Veyron stets schon nach fünf Minuten gewann.
»Das ist aussichtslos! Außer Sie lassen mich gewinnen. Aber das wäre langweilig«, sagte sie.
Veyron musste seufzend zustimmen. Also schnitt er den Figuren die Köpfe und Beine ab, bis sie alle gleich groß waren, und zeichnete rasch ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfeld auf den Block. Von da an lief es für Jane schon sehr viel besser.
Die nächste Nacht verlief so ereignislos und ruhig wie die davor. Jane konnte sogar störungsfrei durchschlafen. Als sie am Morgen erwachte, erwartete sie das inzwischen übliche Frühstück. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass sie sich dem Ende ihrer Reise näherten.
Sie verließen die Steppe und kamen in ein weites Grasland, durchzogen von kleinen Bächen, bei deren Durchquerung die Kutsche furchtbar durchgeschüttelt wurde. Der Fenriswolf und die Wollnashörner machten eine längere Pause, um zu trinken, und setzte anschließend sichtlich widerwillig ihren Weg fort, angetrieben von den dunklen Gedanken der Seelenkönigin. So grausam sie auch sein mochte, der Instinkt der Tiere erwies sich offenbar als mächtiger. Bereits ein paar Bäche später hielten sie abermals, um zu saufen.
Stunden später kamen sie an einem See vorbei, dessen Oberfläche aus Spiegelglas gemacht zu sein schien. An seinem Ufer fanden sich Flamingo- und Gänseschwärme, deren tausendfaches Geschnatter und Krakeel als unglaublicher Lärm zu ihnen herüber wogte. Jane musste lachen, denn sie kam sich jetzt beinahe wie auf Safari vor. Neugierig streckte sie den Kopf aus dem Fenster und sah sich um. Südlich des Spiegelsees, also in ihrer direkten Marschrichtung, konnte sie nun die Himmelmauerberge erkennen, das gewaltigste Gebirge Elderwelts. Hinter grünen Vorbergen türmten sich die felsigen Giganten auf, stachen durch die Wolken, höher und immer höher. Mächtige Gletscher bedeckten ihre steilen Hänge. Jane atmete tief ein. Schon einmal hatte sie die größten aller Berge gesehen, sogar aus nächster Nähe. Eine tiefe Sehnsucht nach neuen Abenteuern ergriff sie.
Mit jedem Meter Reise wurden die Grasflächen spärlicher, vermengten sich mit Heidekraut und vereinzelten Sträuchern. Der Sandboden wurde weicher und lehmiger, sodass die Gespanne immer langsamer vorankamen. Kleine Wäldchen bedeckten die Hügelkuppen, und Schilfkränze kennzeichneten die Lage von Teichen und Tümpeln.
Schließlich hielt das gewaltige Nashorngespann der Seelenkönigin an und die Dämonin stieg aus ihrer hausgroßen Kutsche. »Weiter geht es nicht«, rief sie Veyron und Jane zu.
Veyron schnappte sich wortlos seinen Rucksack und stieg aus, Jane tat es ihm gleich.
»Unsere Wagen würden einsinken. Wir sind jetzt im Grenzgebiet zu Teyrnas Annoth, einem weiten Moor, welches sich bis zum Rand der Himmelmauerberge erstreckt. Hier gibt es keinen festen Boden, alles ist ständiger Veränderung unterworfen. Was heute begehbar ist, kann morgen schon verschlingender Morast sein. Ganze Armeen sind bereits in diesen Sümpfen untergegangen. Menschen und Schrate, die Heerscharen des Dunklen Meisters. Allein das Volk der Moorelben kennt die geheimen Pfade durch diese Sümpfe«, erklärte die Seelenkönigin, während ihr gepanzerter Arm auf die Gegend zeigte.
»Wie finden wir dann den Weg?«, fragte Jane misstrauisch.
Die Seelenkönigin reagierte gar nicht darauf, streckte nur die Hand in Richtung des Gespanns aus. Sofort lösten sich Haken und Ösen des Geschirrs von ganz allein, brachen auseinander und befreiten die Nashörner und auch den Fenriswolf. Zunächst unschlüssig, was sie mit der neuen Freiheit anfangen sollten, standen die Tiere einen Moment orientierungslos herum.
Der Fenris begriff als Erster, dass er tun und lassen konnte, was er wollte. Gierig stierte er in Janes Richtung und fletschte die Zähne. Vier Tage ohne Nahrung … ganz klar: Die Bestie hatte jetzt Hunger.
»Scheiße«, keuchte Jane, als ihr klar wurde, dass die Seelenkönigin nichts dagegen zu haben schien, sie zu opfern. Der Fenris stürmte los, seine Raubtieraugen fest auf Jane fixiert, Geifer rann ihm aus dem Maul.
Sofort war Veyron zur Stelle, packte Jane und schob sie hinter sich. Ein nutzloser Versuch, sie zu schützen! Ein ausgewachsener Fenris wog über eine Tonne. Im Nu hätte er Veyron niedergemacht und schnappte nach Jane.
»Dieses Miststück hat uns verraten!«, rief Jane, während sie flüchtete. All ihre Befürchtungen, in eine Falle zu tappen, hatten sich als wahr erwiesen – und Veyron hatte es nicht kommen sehen. Stand er am Ende doch unter dem Einfluss der Seelenkönigin? Sie schlug Haken, wusste aber, dass der Wolf sie schon bald erwischen würde.
Plötzlich sprang eine kleine Gestalt durch die Luft, landete in hohem Bogen auf dem Rücken des Fenris und rammte ihm einen langen Speer zwischen die Schulterblätter. Keuchend brach die Bestie zusammen, strauchelte und stürzte, warf dabei den mörderischen Reiter ab. Jane erkannte einen Krieger der Elben, schlank und schön, das Haar rotbraun und lang, die Ohren spitz zulaufend. Aber anders als die hochgewachsenen Elben, die sie kannte, war dieser Krieger um gut einen Kopf kleiner als sie selbst.
Aus dem Dickicht der Umgebung tauchten noch mehr Elben auf, allesamt trugen sie braune oder dunkelgrüne Mäntel und waren mit Speeren oder Pfeil und Bogen bewaffnet. Jane lächelte. Die Seelenkönigin hatte mit ihrem Verrat zu lange gewartet! Jetzt war die Unterstützung hier.
Umso überraschter war sie, als die Elben ihre Waffen nicht auf die Seelenkönigin richteten, sondern auf Veyron und sie. Die kleinen Moorelben kreisten sie ein, drängten sie zusammen, und blitzschnell banden sie ihnen die Hände, wobei sie fortwährend auf Elbisch schimpften, als wollten sie ihnen Vorhaltungen machen. Sie stießen sie sogar von der Seelenkönigin fort. Jane verstand die Welt nicht mehr. Was ging denn hier vor? Warum griffen die Elben nicht die Seelenkönigin an? Steckten sie mit dieser Dämonin etwa unter einer Decke?
Schon im nächsten Moment schien sich Janes furchtbarer Verdacht zu bestätigen. Blitzschnell legten die Moorelben Veyron und ihr Binden über die Augen und zurrten sie fest. Jane konnte nichts mehr sehen. Die Moorelben bellten Befehle in ihrer Sprache und stießen Veyron und Jane vorwärts, in welche Richtung, konnte sie nicht ausmachen. Jane verlor vollkommen die Orientierung. Vielleicht versenken sie uns irgendwo im Sumpf, dachte sie verzweifelt.
Hinter ihr erklang das höhnische Auflachen der Seelenkönigin.
Voll in die Falle getappt.
6. Kapitel: Die Schwarze Horde
Seramak war die vielleicht trostloseste Stadt, die Tom bisher in Elderwelt gesehen hatte. Im Süden von einer großen Oase begrenzt, hoben sich die überwiegend kleinen Gebäude wie Maulwurfshügel aus der Wüste. Eine in den Sand gestampfte Hauptstraße führte in einem großen S von Nord nach Süd zwischen den Gebäuden hindurch. Im Stadtzentrum wurde sie von einer weiteren Hauptstraße, die schnurgerade von West nach Ost verlief, gekreuzt. Die meisten Häuser waren kaum mehr als fensterlose Hütten aus Lehm, lediglich eine Tür bot Zugang. Die Dächer waren von Kuppeln überwölbt. Außerdem gab es einige Türme gleicher Bauweise und ein paar mehrstöckige Gebäude, ebenfalls ohne Fenster. Die Lichter, die sie vom Kraftwerk aus gesehen hatten, mussten von den Feuerstellen gekommen sein, die an den Kreuzungen kleiner Gassen brannten und von schwarz gekleideten Kriegern der Schwarzen Horde bewacht wurden, zumeist Schrate, aber auch der eine oder andere Mensch. In der nächtlichen Dunkelheit ließ sich ihre Herkunft schlecht feststellen, aber Tom glaubte, dass sie zumeist europäischen Ursprungs waren.
Ihr Ziel war ein breites, rechteckiges Gebäude, dessen flaches Dach mehrere Kuppeln aufwies – abermals keine Fenster. Eine schmale Tür führte ins Innere, über der ein Schild hing, auf dem mit einheimischen Lettern etwas geschrieben stand. Per Spraydose hatte jemand von der Schwarzen Horde ›Unthakunfft‹ hinzugefügt, was Vanessa kurz kichern ließ.
»Besonders helle sind die hier wohl nicht«, flüsterte sie, aber Tom verweigerte ihr eine Reaktion.
Ganz in der Nähe lungerten ein paar Wachen der Schwarzen Horde herum und musterten sie skeptisch. Ihnen gefiel wohl der geschniegelte Aufzug von Wimille Swift nicht. Veyrons Bruder sagte kein Wort, sondern zahlten den Wachen ihren Argwohn mit gleicher Münze heim.
Tom klopfte an der Tür, woraufhin eine kleine Luke geöffnet wurde, durch die zwei verängstigte Augen herausschauten. »Wir brauchen ein Quartier für die Nacht«, sagte Tom. Die Luke flog wieder zu. Er hörte, wie im Inneren ein Schlüssel umgedreht wurde.
Ein kleiner Mann mit dunkler Haut öffnete ihm und ließ sie ein, sperrte aber hinter ihnen sofort wieder zu. Eine kurze Treppe führte nach unten in ein geräumiges, mit Teppichen ausgelegtes Empfangszimmer. Der Großteil der ›Unterkunft‹ schien halb-unterirdisch angelegt zu sein. Tagsüber war es hier wahrscheinlich angenehm kühl, nur die Luft war etwas stickig, wie Tom fand.
»Sehr wohl, sehr wohl«, sagte der Mann, wahrscheinlich der Hauswirt, mit deutlichem Akzent, und buckelte unterwürfig. Zitternd verschwand er in einem kleinen Nebenraum, kam wieder heraus und hielt Tom einen rostigen Zimmerschlüssel hin.
Der Mann schien sich vor ihnen zu fürchten, warum nur? Natürlich, er hat Angst vor den Kerlen der Schwarzen Horde, dämmerte es Tom. Daran war sicher seine Erscheinung als Anwärter für die Schwarze Horde schuld. Lächelnd und mit einem Nicken nahm er ihm den Schlüssel ab. »Danke sehr.«
»Wir alle dienen dem Dunklen Meister«, wimmerte das Männlein, deutete einen schmalen Gang hinunter und verschwand dann wieder in einem Nebenraum.
Innerlich musste Tom schlucken. Er hatte noch nie erlebt, dass sich jemand dermaßen vor ihm fürchtete. Es war höchste Zeit, diese engen, schwarzen Klamotten loszuwerden, aber noch mussten sie diese Rolle weiterspielen.
Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sie das Zimmer gefunden hatten, welches sich mit dem Schlüssel aufsperren ließ. Ihre Unterkunft war ein staubiger, viereckiger Raum, der Boden mit alten Bohlen ausgelegt, die Wände kahl. Zwei Betten mit Matratzen standen nebeneinander darin. Vanessa belegte sofort das eine, während sich Tom die Mühe machte, seine Schlafstatt ein paar Meter von der ihren wegzurücken. Ganz bestimmt wollte er nicht unmittelbar neben Vanessa einschlafen. Wimille setzte sich auf den Boden.
»Wollen Sie das Bett haben?«, fragte Tom ihn.
Doch Wimille schien ihn gar nicht zu bemerken. Er starrte einfach nur geradeaus, tief in Gedanken versunken. »So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Faszinierend«, brummte er schließlich und blickte Tom ratlos an. »Was soll ich jetzt tun? Ich hatte zwar von Schraten gehört, aber sie mir immer ganz anders vorgestellt. Ich weiß nichts über Elderwelt, seine Gebräuche, seine Einwohner, und Computer gibt’s hier nicht, keine Technologie.« Er stockte. »Tom, ich weiß nicht, wie ich hier von Nutzen sein kann. Was tue ich denn jetzt nur?«, rief er, wobei er immer hysterischer klang.
»Erst mal tief durchatmen und beruhigen«, sagte Tom und schluckte. Wimille ein Häufchen Elend? Und er hatte sich auf den Mann verlassen! Etwas Besseres, als ihn zu beruhigen, fiel ihm jedoch nicht ein. Er selbst hatte nämlich auch keine rechte Idee, wie es jetzt weitergehen sollte. Für gewöhnlich war Veyron derjenige, der die Pläne ausheckte.
»Ich habe Angst«, gestand Wimille leise.
Darauf hatte Tom keine Antwort, Vanessa allerdings schon. »Ich auch«, sagte sie. »Lasst uns nach Ernie suchen und dann von hier abhauen.«
Tom sog die Luft ein und versuchte, seine eigene Unruhe zu unterdrücken. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, mit zwei Angsthasen in einem fremden Land festzustecken, die beide in Panik verfielen. »Werden wir, werden wir. Aber jetzt lasst uns erst mal schlafen. Wenn die Sonne aufgegangen ist, sehen wir uns in der Stadt um und finden heraus, wohin man Ernie gebracht hat«, schlug er vor.
Vanessa war einverstanden; selbst Wimille lächelte zaghaft und gab zu, dass dies immerhin ein halbwegs vernünftiges Vorgehen schien.
Tom gab Wimille das jetzt nutzlose Ohr-Mikro zurück, der es gedankenverloren in die Tasche seines Jacketts steckte. Es würde wohl einige Zeit dauern, bis Veyrons Bruder mit der für ihn ungewohnten Situation zurechtkam.
»Also, wollen Sie das Bett nehmen? Ich bin es gewohnt, auf dem Fußboden zu schlafen«, wiederholte Tom seine Frage.
Schließlich nahm Wimille das Angebot dankbar an, und Tom machte es sich auf dem Fußboden bequem. Er wartete, bis Vanessa und Wimille eingeschlafen waren, was überraschend schnell geschah. Die Aufregung des Tages hatte an den Nerven und den Kräften der beiden gezehrt, Tom dagegen kannte so etwas inzwischen. Er wünschte sich nur, Veyron wäre hier und würde sie mit irgendeinem Plan aus dieser Misere retten. Wie es aussah, blieb dieser Part jetzt an ihm hängen.
Am nächsten Tag waren sie alle schon sehr früh wach. Eine Waschgelegenheit fanden sie in der ›Unterkunft‹ nicht, Frühstück gab es auch keines. Tom bedauerte es, dass sie kein Gepäck mitgenommen hatten – aber ein Ausflug nach Elderwelt war ja auch gar nicht geplant gewesen. Auf Rückfrage beim Hauswirt, wo sie etwas zu Essen bekämen, deutete dieser nur auf die Haustür.
»Basar. Macht gerade auf«, murmelte er, sichtlich darum bemüht, Tom nicht zu nahe zu kommen.
Tom bedankte sich höflich, worauf sich der Wicht beeilte, sein Dunkler-Meister-Sätzchen aufzusagen. Der arme Kerl tat Tom richtig leid.
Draußen auf der Straße herrschte inzwischen in wenig mehr Leben. Unter Zeltplanen hatten verschiedene Händler ihre Waren auf Tischen ausgebreitet, präsentierten Obst, Dörrfleisch und Trockengemüse, daneben Amphoren voll Trinkwasser. Wein oder Säfte schien es in der ganzen Stadt nicht zu geben, Milch war ebenso unbekannt. Auch Kleidung oder Schmuck suchte man auf diesem Basar vergebens. Überhaupt waren es recht wenig Händler für einen so großen Ort wie Seramak. Tom hätte drauf wetten können, dass die Schuld am wirtschaftlichen Niedergang die Schwarze Horde trug. Überall lungerten ihre Wächter herum, Schrate wie Menschen – und soweit Tom es überblicken konnte, allesamt von der schlimmsten Sorte. Wichtigtuerische Fettsäcke mit schwarzen Schöpfen und ungepflegten Bärten gammelten an den Hausecken herum, mit boshaften Blicken Händler und Kunden beäugend. Neben ihnen lungerten dürre, ausgemergelte Gestalten. Die eigentlichen Einwohner der Stadt liefen geduckt umher, als könnten sie ihre Besorgungen nicht schnell genug erledigen. Tom wurde Zeuge, wie sich zwei Frauen an einer Kreuzung begegneten und ein Gespräch in ihrer Sprache begannen. Als wenig später eine dritte Dame dazustieß und sich an der Unterhaltung beteiligte, wurde die Schwarze Horde auf einmal aktiv. Das geschäftige Treiben auf dem Basar kam augenblicklich zum Erliegen, während ein Dicker und zwei mit Knüppeln bewaffnete Dürre sich zwischen die drei Frauen drängten. Sie schlugen zwei der Frauen brutal zu Boden, die Dritte ergriff weinend die Flucht. Das Entsetzen hing fast spürbar über den Leuten auf dem Markt.
»Keine konspirativen Treffen, verflucht noch mal«, grölte Fatty. »Wann kapiert ihr Primitivlinge das endlich?«
Nachdem sie ihren Standpunkt klargemacht hatten, kehrten die Wächter auf ihre Positionen zurück. Zögerlich kam das Treiben auf dem Basar wieder in Gang; deutlich leiser. Es wurde nur noch getuschelt und geflüstert.
Tom warf Vanessa einen kurzen Blick zu. Sie war kreidebleich geworden. »Oh mein Gott. Ich hoffe nur, die Kerle haben nichts mit Ernie angestellt«, jammerte sie.
Tom schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, Wimille allerdings sagte nichts, sondern musterte die Wächter mit strengen Blicken. Er befand sich offenbar wieder ganz in seiner Rolle als ›Direktor Swift‹ vom MCD.
Als sie um die Ecke bogen, stieß Vanessa ein kurzes Kreischen aus. Tom blickte erschreckt auf, und dann sah auch er es: ein Galgen, an dem mehrere Körper hingen, ausnahmslos junge Leute, Frauen wie Männer, sogar Kinder. Sie baumelten im Wind hin und her, Fliegen krabbelten über ihre Leiber, um den Hals trugen sie hölzerne Schilder, auf die man ihre Verbrechen niedergeschrieben hatte. »Vergas, der Horde Respeckt zu zohlen«, stand auf einem, »Unerlauptes Pfeiffen auf der Strase« auf dem nächsten. »Unsitliches Gehape«, lautete der Vorwurf an ein Mädchen. »Im Besits illegahlen Spillzeuks« war der Tötungsgrund für einen Knaben.
So schnell sie konnten, eilten sie an den grausigen Früchten des Galgenbaums vorüber und bogen in die nächste Straße.
Vanessa keuchte angestrengt und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Tom, wo sind wir denn da nur gelandet? Das ist ja schrecklich. Diese Kerle, sie ermorden Kinder!«, rief sie. Tränen standen ihr in den Augen.
Tom musste zugeben, dass es ihm nicht anders ging. Die Schrate waren zwar schreckliche Monster, doch er bezweifelte, dass diese Verbrechen allein ihrer Bosheit entsprungen waren. Vielmehr hatte er die menschlichen Mitglieder der Schwarzen Horde im Verdacht. Nur zu gut wusste er, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig waren. Hass und Bösartigkeit strahlten aus den Augen jedes Einzelnen der Schwarzen-Horde-Mitglieder. Es waren fanatische Irre, dem Glauben an den Dunklen Meister genauso verfallen wie Henry Fowler.
»Wir müssen Ernie finden«, sagte er, um Vanessa auf andere Gedanken zu bringen. »Kommt, wir gehen zu diesem Palast da und schauen uns dort einmal um.«
Er meinte damit das größte Gebäude im Zentrum der Stadt, welches auf einem kleinen Hügel thronte. Es bestand genau genommen aus einem gewaltigen, sechs Stockwerke hohen und von einer Kuppel gekrönten Rundbau, umgeben von fünf rechteckigen Nebengebäuden. Das Größte von ihnen, im Süden an den Turm angrenzend, war immerhin etwa drei Stockwerke hoch und an die hundert Meter lang. Der Komplex schien zudem das einzige Bauwerk in Seramak zu sein, das sowohl Balkone als auch Fenster besaß. Mit seiner von Säulen verzierten Fassade und den aufwendig geschnitzten Fensterläden handelte es zweifelsohne um den Regierungspalast. Wenn sie es geschickt anstellten, erfuhren sie dort, wo Ernie sich aufhielt.
Ohne weiter auf die Umgebung zu achten, eilten sie durch eine weitere Seitengasse, vorbei an zahlreichen Gemüseständen. Eingeschüchtert machte man ihnen Platz, Menschen drehten sich von ihnen weg. Kein Wunder, Tom und Vanessa trugen noch immer die schwarze Lederkluft, die alle Mitglieder der Schwarzen Horde kennzeichnete. Wimille wirkte mit seinem Smoking und dem strengen, geierartigen Gesicht nicht weniger Furcht einflößend.
Gerade passierten sie den Stand eines Tonwarenhändlers, als Tom eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Kundin anrempelte. Blitzartig fuhr die Frau herum und musterte ihn erschrocken. »Verzeiht«, sagte sie.
Tom nickte zum Zeichen, dass er die Entschuldigung annahm. Ihr Gesicht war verschleiert, er konnte nur ihre Augen sehen. Irgendwie schienen sie ihm seltsam. Täuschte ihn der helle Schein der Sonne, oder starrten ihn da ungesund gelbe Raubtieraugen an? Vielleicht war sie eine Schratin. »Kein Problem«, meinte er zögerlich und ging weiter.
»Verzeiht!«, rief ihn die Frau erneut an.
Tom drehte sich zu ihr um. Was wollte sie denn noch?
»Seid Ihr nicht Tom Packard aus Fernwelt?«, rief ihm die Frau zu.
Tom erstarrte. Tausend Gedanken wirbelten durch seinen Verstand, sein Herz schlug schneller. Wie konnte sie das wissen? Woher kannte sie ihn überhaupt? Waren sie sich schon einmal begegnet?
»Mein Name ist Henry Fowler, Madame«, sagte Tom. Sein Versuch, dabei möglichst selbstbewusst zu klingen, scheiterte kläglich.
»Ach wirklich?«, höhnte die Frau. Langsam wie eine Katze, bevor sie auf ihre Beute losspringt, näherte sie sich. »Warum klingst du dann genau wie Tom Packard? Warum riechst du wie er?«
Tom spürte, wie ihm abwechselnd heiß und kalt wurde. Wer um alles in der Welt war diese Fremde? »Wer seid Ihr?«, fragte er halblaut. Etwas in seinem Hinterkopf riet ihm, sofort das Daring-Schwert zu rufen – auch auf die Gefahr hin, vor der Schwarzen Horde seine Identität preiszugeben.
Die Fremde nahm den Gesichtsschleier ab, und Tom zuckte zurück. Ihm starrte ein Mädchen entgegen, kaum älter als er selbst. Ihr Gesicht war schneeweiß und so glatt wie Porzellan. Doch als hätte man dieses hübsche Porzellangesicht zu hart auf den Boden geschlagen, verliefen schwarze Sprünge und Brüche in alle Richtungen, manche ganz fein, andere zackig und grob. Bösartige, gelbe Augen leuchteten aus schwarzen Höhlen, und an der Stirn der Fremden konnte Tom einen Ansatz von dunkelrotem Haar erkennen. Eine Hexe, schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte eine leibhaftige Hexe vor sich.
»Ich bin Brokaris, eine Hexe des Nordens, Schwester des Kreises der Beschützerinnen«, stellte sie sich vor und warf die Kapuze ihres Umhangs zurück, wodurch ihr burgunderrotes Haar hervorquoll. Im gleichen Augenblick riss sie ihre Rechte hoch und schnippte mit den Fingern. Eine Flamme entzündete sich zwischen Daumen und Zeigefinger. Ehe Tom reagieren konnte, schleuderte sie diese auf ihn. Im allerletzten Moment warf er sich zu Boden, sodass ihn die Flamme verfehlte und in das Gebäude hinter ihm einschlug.
Die folgende Explosion sprengte die Mauer des Hauses und schleuderte Lehmbrocken in alle Richtungen. Die Druckwelle fegte Marktstände zur Seite, warf Vanessa, Wimille und alle übrigen Personen zu Boden.
Die Hexe stieß ein schrilles Lachen aus. »Lange habe ich nach dir gesucht, nach dir und deinem Meister. Endlich habe ich euch gefunden. Jetzt wirst du bezahlen!«, rief sie, während sich ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht breitet – wie bei einer Katze vor dem Sahnetopf.
Tom mühte sich auf die Beine. Er musste schnell sein, das wusste er. Noch war seine Identität vor der Schwarzen Horde nicht aufgeflogen. Ohne lange zu überlegen, stürmte er vorwärts und sprang die Hexe an. Offenbar hatte sie das nicht erwartet. Er stieß sie zurück und verpasste ihr einen Fußtritt, der sie gegen den Stand des Tonwarenverkäufers katapultierte. Sofort setzte er ihr nach, sprang sie an und hieb mit der Faust zu, einmal, zweimal, dreimal, viermal. Fast hatte er erwartet, dass das Porzellangesicht unter seinen Schlägen zerbrechen würde, aber die junge Hexe war hart im Nehmen. Außer einer blutigen Nase zeigten sich keine Spuren seiner Hiebe. Im nächsten Moment spürte Tom ihr Knie in seinem Magen, hart wie ein Fels. Er keuchte, die Luft blieb ihm weg. Ihr Stiefel traf ihn im Gesicht und schmetterte ihn zu Boden. Im Nu war die Hexe wieder auf den Beinen und wischte sich das schwarze Blut aus dem Gesicht.
Im nächsten Moment wurde sie von einem Tonkrug getroffen, der an ihrem Kopf zerschellte. Vanessa war aufgesprungen und hatte sich zwei große Krüge geschnappt, die sie der Hexe nun gegen den Schädel hieb. Auch der zweite zerbrach in tausend Scherben, ließ die Hexe torkeln. Da schnappte sich Vanessa einen dritten Krug, um ihn nach der Hexe zu schleudern, doch diesmal war Brokaris darauf gefasst. Eine unsichtbare Kraft packte Vanessa und katapultierte sie meterweit durch die Gasse.
Ihr Eingreifen hatte Tom jedoch die Zeit verschafft, um wieder auf die Füße zu kommen. Er trat der Hexe gegen das linke Knie, was sie heulend zusammenklappen ließ. Ein Schlag mit dem Ellenbogen in ihr Porzellangesicht schickte Brokaris zu Boden.
»Hartnäckiges Miststück«, schimpfte Tom, dann sah er sich um. Die bedauernswerten Einwohner von Seramak waren geflohen – er konnte es ihnen nicht verdenken –, hinter ihm brannte und qualmte die Ruine des kleinen Hauses, der Töpferwarenstand lag in Trümmern. Neben ihm quälte sich Vanessa gerade in die Hocke, doch von Wimille war nichts zu sehen. Tom seufzte. Wahrscheinlich hatte er zusammen mit den Einheimischen die Flucht ergriffen. Doch das war im Moment Toms geringste Sorge. Sie mussten diese Hexe fesseln und der Schwarzen Horde übergeben. Vielleicht konnten sie auf diese Weise …
Weiter reiften seine Pläne nicht. Eine Druckwelle traf ihn mit voller Wucht und warf ihn gegen die Mauer eines weiteren Tonhauses. Unter der Wucht stürzte diese ein und begrub Tom unter einer Wolke aus Schutt und Staub. Hastig wischte er sein Gesicht frei, um atmen zu können. Was …? Nachdem der erste Schock abgeklungen war, spürte er die Schmerzen in Rücken und Kopf. Plötzlich war Brokaris über ihm, stürzte sich wild kreischend mit einem Dolch auf ihn. In letzter Sekunde konnte er ihren mörderischen Hieb abfangen, indem er das Handgelenk ihres Messerarms umfasste. Er fletschte die Zähne, während sie um den Dolch rangen. Tom war schockiert, wie stark Brokaris war. Seine Kräfte erlahmten.
Die Hexe merkte es und grinste wölfisch. »Das ist für meine Königin, Eternis, die du zusammen mit deinem Meister ermordet hast!«, zischte sie ihm ins Ohr.
Die Spitze des Dolchs berührte bereits seine Lederjacke. Nur noch Millimeter, dann wäre es aus mit ihm. Er brauchte jetzt das Daring-Schwert; er brauchte es auf der Stelle.
Genau in diesem Moment wurde Brokaris von starken Händen gepackt und von ihm fortgerissen. Plötzlich waren zahlreiche Schrate und menschliche Wächter da. Zu viert zwangen sie die tobende Hexe zu Boden, kreuzten ihre Arme auf dem Rücken und stellten sie ruhig. Krumme, schartige Säbel richteten sich auf sie. Tom rappelte sich erleichtert auf. Wer hätte gedacht, dass er sich mal so freuen würde, die hässlichen Visagen zu sehen! In diesem Moment schwenkte die Klinge des Anführers herum und zeigte auf Tom. Zwei andere Kerle – darunter der ungepflegte Fettsack, hatten Vanessa in ihrer Gewalt.
»Schluss mit diesem Aufruhr!«, schimpfte eine Stimme. Ein junger, ebenfalls schwarz gekleideter Mann trat hinter den Wächtern der Horde hervor. Respektvoll wichen Schrate und Menschen zurück.
Tom glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Das da vor ihm war Ernie Fraud! »Ernie, na Gott sei Dank«, japste er.
Der Angesprochene starrte ihn verdutzt an. Erst jetzt schien er ihn zu erkennen. »Tom Packard?«, fragte er ungläubig.
Tom lächelte schief. »Und nicht allein.«
Ernie wirbelte herum und starrte Vanessa an. »Ness«, keuchte er. »Was machst du hier? Was macht ihr beide hier? Wie kommt ihr überhaupt hierher? Habt ihr euch auch der Schwarzen Horde angeschlossen?«
Vanessa nutzte die Verblüffung der schmierigen Kerle, um sich aus ihrem Griff zu befreien. Angewidert strich sie ihr Shirt glatt. »Wir«, sagte sie und reckte trotzig das Kinn, »sind hier, um dich nach Hause zu holen.«
Die Mitglieder der Schwarzen Horde richteten ihre verwunderten Blicke auf Ernie.
»Was geht denn hier ab, Mordkommandant?«, fragte der Fettsack verwirrt. »Was meint das Flittchen damit?«
Noch ehe er wusste, wie ihm geschah, traf ihn Ernies Faust mitten ins Gesicht, und er brach zusammen. Die Schrate rundherum glucksten amüsiert, die Menschen wichen verunsichert zurück.
Mordkommandant, dachte Tom entsetzt. Mordkommandant? Hieß das, Ernie war der Anführer dieser Ungeheuer? Sollte Ernie etwa für all die Untaten in dieser Stadt verantwortlich sein – auch das Hängen von Frauen und Kindern?
»Die Gesetze der Schwarzen Horde sind streng«, sagte Ernie steif. »Wenn ihr euch nicht der Schwarzen Horde angeschlossen habt, seid ihr Betrüger!« Die letzten Worte spuckte er förmlich aus.
Vanessas ungläubiger Blick spiegelte Toms Gefühle.
»Hängen oder köpfen?«, gurrte der Schrat begeistert und packte Tom am Kragen.
Ernie schien tatsächlich darüber nachdenken zu müssen. Toms Entsetzen ließ sich kaum mehr in Worte fassen. Ernie Fraud, ein Irrer und Mörder? Der schüchterne Ernie, ein Schlächter, eine Bestie … Das konnte doch unmöglich wahr sein!
»Sperrt sie in den Kerker, alle beide«, entschied er schließlich. »Ihre Anwesenheit hier ist eigentlich gar nicht möglich. Da ist etwas Seltsames im Gange. Ich habe noch Fragen an die zwei. Führt sie ab!«
Ein wenig enttäuscht packten die Schrate Tom und Vanessa, verdrehten ihnen die Arme auf den Rücken und stießen sie ein paar Schritte vorwärts.
»Halt!«, fauchte Brokaris, die man noch immer am Boden festhielt. Mit dem Kinn nickte sie in Toms Richtung. »Der da gehört mir! Ich habe seine Spur um die halbe Welt verfolgt. Ihr könnt mich nicht einfach so meiner Rache berauben! Ich bin eine Hexe des Nordens!«
Voller Verachtung blickte Ernie auf die junge Hexe nieder. »Die Schwarze Horde hat keinerlei Bündnis mit den Hexen des Nordens! In den Augen des Dunklen Meisters seid ihr Abtrünnige«, beschied er sie kalt.
Der Schrat hinter Tom kicherte boshaft. »Hängen oder köpfen?«
Diesmal fällte Ernie seine Entscheidung furchtbar schnell. »Heizt den Ofen an. Dieses Weibsstück verdient die Grimm-Behandlung«, befahl er.
Brokaris’ Wut wich Furcht und Schrecken. Mit für Tom kaum fassbarer Kraft – er wusste, wie stark Schrate waren – befreite sie sich aus dem Griff der Wächter, doch ehe sie entkommen konnte, schlug einer der Schrate mit seiner Keule zu, traf die Hexe am Hinterkopf und schickte sie bewusstlos zu Boden. Tom sah nur noch, wie der Schrat sie aufhob und einem Sack gleich, über die Schulter warf. Dann wurden Vanessa und Tom auch schon die Straße entlang gedrängt, fort vom Ort des Geschehens. Ihre ganze Mission, das wurde ihm soeben klar, erwies sich als vollkommener Fehlschlag. Der Mann, den zu retten sie gekommen waren, stand auf der Seite des Bösen.
Und wo zum Teufel war Wimille abgeblieben?
Diese Frage beschäftigte Tom noch eine ganze Weile. Auf dem Weg zum Gefängnis ließ sich Wimille nicht blicken. Entweder er war davongerannt und versteckte sich, oder (was Tom sehr hoffte) er entwickelte irgendeinen Plan, Vanessa und ihn zu befreien.
Der Kerker befand sich direkt unterhalb des Regierungspalastes, mitten im Zentrum von Seramak. Die Schrate brachten Tom und Vanessa durch den großen Haupteingang des Gebäudes. Interessiert vermerkte Tom, dass man die ursprünglich sicher aus Holz bestehenden Tore durch zwei eiserne Panzertüren ersetzt hatte, die neu aussahen und nicht zum Stil des Bauwerks passten. Offenbar wollte sich die Schwarze Horde im Notfall verbarrikadieren können. Die Empfangshalle hinter den Toren mündete ins Treppenhaus, das in die Obergeschosse und hinunter in den Kerker führte. Tom konnte sofort erkennen, dass man diese Stufen neu aus dem Fels geschlagen hatte, auf dem der Palast ruhte. Es war eine grobe Arbeit; die Horde legte keinen Wert auf glatte Wände oder gar Verzierungen. Die einzigen Lichtquellen in der herrschenden Finsternis bildeten schmale Luftschächte zur Oberfläche und ein paar Fackeln an den Wänden.
Am Fuß der Treppe machte Tom ein Gitter aus, an dessen Stäbe sich Hände klammerten. Ängstliche Gesichter starrten ihnen entgegen, wichen aber zurück, als sie die Schrate sahen. Nun standen Vanessa und Tom vor dem Gitter, die Schrate öffneten das darin eingelassene Tor und stießen sie hindurch.
»Viel Spaß beim Verrotten«, höhnte ein verwachsener Kerl, sperrte das Tor ab und spuckte Tom und Vanessa durch das Gitter an, bevor sich die Gruppe entfernte. Noch lange hallte ihr boshaftes Gegröle von den Wänden wider.
Tom sah sich um. Wachen schienen sie nicht für nötig zu halten, denn Wände und Boden des immensen Gewölbes, dessen Ausmaße sich im Dunkel verloren, bestanden aus massivem Fels. Es war also unmöglich, sich ins Freie zu graben. Die Lüftungsschächte waren so eng, dass man gerade mal seinen Arm hineinstecken konnte. An Flucht war also nicht zu denken. Wenn dem so wäre, hätte es schon jemand versucht, dachte Tom und starrte seine Mitgefangenen an. Männer, Frauen und Kinder, alt und jung, es war alles vertreten. Manche saßen in kleinen Grüppchen beisammen, tuschelten miteinander, andere lehnten an den Wänden und starrten ins Leere. Einige waren verletzt, Arme und Beine verbunden, sie wiesen blutige Striemen und schlecht verheilte Narben auf. Im hinteren Teil des Kerkers hatte jemand ein paar Decken ausgebreitet, auf denen die Schwächsten ruhten, versorgt von anderen, denen es besser ging. Einen Moment meinte Tom, die Frauen könnten Krankenschwestern sein, so wie sie sich kümmerten, nur wozu? Am erschreckendsten fand er, dass diese Leute so abgestumpft waren. Sie hatten kaum aufgesehen, als sie hereingestoßen worden waren, und zeigten auch jetzt eher Furcht als Neugier. Lag vielleicht an ihren Klamotten …
»Oh, Tom. Wo sind wir bloß gelandet? Das kann doch alles nicht wahr sein! Ich will wieder nach Hause«, jammerte Vanessa. Tränen rannen über ihre Wangen, sie zitterte.
Tom seufzte resigniert. Recht hatte sie ja, aber an den Tatsachen ließ sich nun mal nicht rütteln: Es war alles absolute Realität, was sie erlebten, und nach Hause ging es von hier auch nicht. »Wir stecken wirklich in der Scheiße, Vanny. Aber das hilft jetzt nichts. Lass uns das Beste daraus machen, okay?«, raunte er und legte einen Arm um sie.
Sofort stieß sie ihn zurück. »Und was wäre das? He? Tom, was sollen wir denn jetzt machen? Die werden uns umbringen«, zischte sie, packte ihn am Arm und krallte sich in sein Fleisch, bis es schmerzte.
»Autsch! Hey, beruhig dich mal wieder! Es ist nicht das erste Mal, dass ich irgendwo eingesperrt bin. Wir finden schon einen Weg hier raus. Vielleicht zeigt sich Ernie ja gnädig«, sagte er – obwohl er nicht wirklich daran glaubte.
Die Erwähnung ihrer großen Liebe brachte Vanessa auf der Stelle wieder zum Weinen. Tom nahm sie bei der Hand und führte sie zu ihren Leidensgenossen im hinteren Teil der Zelle. Vielleicht konnten sie sich hier nützlich machen. Wenn sie Glück hatten, erfuhren sie von den Leuten hier mehr über die Lage in Seramak.
»Entschuldigung«, sprach er eine der jungen Frauen an. Dem Aussehen nach stammte sie aus China, und wenn er es in der Dunkelheit richtig einschätzte, musste sie etwa Mitte zwanzig sein, vielleicht ein wenig älter. Sie wirkte zumindest sehr jugendlich und hübsch.
Ihre großen, dunklen Augen starrten ihn überrascht und auch etwas verängstigt an. Sie wich unwillkürlich vor ihm zurück. »Die Horde hat dich verstoßen«, fragte sie, wobei es mehr nach einer Feststellung klang.
Tom schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Wir haben uns als Mitglieder der Horde ausgegeben, aber wir gehören nicht zu denen. Darum sind wir hier gelandet.«
Die junge Chinesin schüttelte traurig den Kopf. »Da seid ihr nicht die Ersten. Aber die Einzigen, die deswegen noch nicht am Galgen baumeln. Wollt ihr euch nützlich machen? Ihr seht stark und gesund aus, und ich kann ein paar kräftige Hände brauchen. Die Lahmen müssen mehrmals am Tag gewendet werden, damit sie sich nicht wund liegen.«
Tom erklärte sich sofort einverstanden, Vanessa allerdings schien geistig abwesend und kaute nur auf ihren Fingernägeln herum.
»Ich bin Tom, das ist Vanessa«, stellte er sie beide vor.
»Li Su«, sagte die junge Krankenschwester mit einer Verbeugung.
Tom erwiderte sie, darauf achtend, sich nicht tiefer zu beugen als sein Gegenüber. Von Veyron hatte er gelernt, dass dies als unhöflich galt. Dabei nutzte er die Gelegenheit, die junge Frau zu mustern. Sie war sehr schlank, und ihr Gewand bestand aus mehreren übereinander gezogenen, zerfledderten Kitteln. An manchen Stellen konnte er braune Flecken erkennen – getrocknetes Blut? Wenn ja, wahrscheinlich von den Verletzten.
Pulsuz fraqment bitdi.