Kitabı oxu: «Rüpel in Roben»

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Impressum

Verlag

Buddhismus Heute des Buddhistischen Dachverbands Deutschlands (KKD) e.V.

Heinkelstr. 27, 42285 Wuppertal

Copyright 1998 © Tomek Lehnert

Veröffentlicht bei: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.co.uk

ISBN 978-3-7375-7033-6

Die englische Originalausgabe erschien 1998 bei

Blue Dolphin Publishing, Nevada City, California, USA

Übersetzung: Erik Weiss, Daniel Johnson, Peter Speier und Susi Steed

Gesamtgestaltung, Satz: MAC

Druck: Clausen & Bosse, Leck

Vorwort

Am Morgen des 13. Dezember 1981 wachte Polen - mein Heimatland - in einer bestürzenden Realität auf. Wenige Stunden zuvor, um Mitternacht, hatte die kommunistische Regierung die Nation mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes überrascht. Gespenstische Fernsehsprecher in Polizeiuniformen grüßten die fassungslosen Zuschauer mit Androhungen von langen Gefängnisstrafen und sogar dem Tod für all jene, die es wagen sollten, den neuen Militärgesetze Widerstand entgegenzusetzen. Die einfachsten Grundrechte unserer Landsleute wurden außer Kraft gesetzt. Die Regierung hatte vor, die „Bewegung Solidarität“ zu vernichten und so das Land wieder in eine sowjetische Umlaufbahn zu befördern.

Trotz der bedrohlichen Nachrichten, die in allen staatlichen Massenmedien auftauchten, gingen am nächsten Tag Tausende auf die Straßen, um gegen das rigorose Durchgreifen der Kommunisten zu protestieren. Fabriken schlossen ihre Tore und Studenten besetzten die Universitäten. Als wir uns in Danzig (Gdansk), meiner Heimatstadt und der Geburtsstätte der „Solidarität“, mit der berühmt-berüchtigten Bereitschaftspolizei „Zomo“ Straßenschlachten lieferten, hatten wir - vielleicht etwas naiv - die Hoffnung, daß unsere frisch erworbene Freiheit siegen könnte.

Zehn Tage später rollten Panzer in die Danziger Leninwerft, die letzte Festung der Protestierer. Die paar hundert Arbeiter, die das Werk noch besetzt hielten, wurden zusammengetrieben, geschlagen und verhaftet. Eine Handvoll Studenten, meine Freunde, die sich innerhalb des Werksgeländes verbarrikadiert hatten, teilten das Schicksal der Arbeiter. Die Regierung verkündete triumphierend, daß die anti-sozialistischen Elemente ausgemerzt worden seien und somit die „Gewerkschaft Solidarität“ - die Wiege des Imperialismus - abgeschafft sei. Eine dunkle Wolke zog sich über Polen zusammen und wir sahen wie sich unsere Träume in Nichts auflösten.

Wenn ich heute auf diese Tage zurückblicke, so erinnere ich mich an die Gefühle der Frustration und des Zorns, die die meisten von uns in Polen hatten. Für unsere Gruppe von Freunden in Danzig sollte aber die bittere Stimmung des Landes bald einer freundlicheren Denkweise weichen. Die trostlose und unruhige Realität mit der wir konfrontiert waren, löste eine gründliche Selbstbeobachtung und die Suche nach bleibenden Werten aus. Anfänglich noch scheu, streckten wir unsere Hände nach einer uralten östlichen Philosophie aus. Sechs Monate Ausnahmezustand später - als ob er auf unser neu gefundenes spirituelles Interesse antworten wollte - erreichte ein buddhistischer Lama unsere aufrührerische Stadt. Für uns ergab sich damals in dem abgeschotteten Land eine einmalige Gelegenheit. Uns war bewußt, daß das kommunistische Polen nicht gerade der ideale Nährboden für religiöse Lehrer war und so eilten wir zur Akademie der Künste um den buddhistischen Meister Ole Nydahl zu treffen.

Der athletische Däne der auf die Bühne sprang und den paar hundert Zuschauern ein breites Lächeln zuwarf zerstreute sogleich jedermanns Vorstellung von einem Guru. Er riß Witze, machte sich über die verachtete Obrigkeit lustig und - nicht im geringsten von den Geheimpolizisten eingeschüchtert, die sich unter die Menge gemischt hatten - ließ keinen Zweifel aufkommen, was er über die kommunistische Diktatur dachte. Sofort sahen meine Freunde und ich jemanden, mit dem wir uns identifizieren konnten. Aber als der westliche Lama zum Kern seines Vortrages kam, wurde sein persönliches Erscheinungsbild noch hundertfach von seiner Botschaft übertroffen. Die Logik, Klarheit und Weisheit des Buddhismus beeindruckte uns zutiefst. Hier wurde uns ein einzigartiges Werkzeug angeboten, um das Leben zu meistern, ein System, das die Störungen des Bewußtseins in Vollkommenheit umwandelte. Und was noch wichtiger war, wir konnten jeden Aspekt unserer Aktivität in das Streben nach Befreiung und Erleuchtung mit einbeziehen. Nun konnten wir das Unrecht bekämpfen, ohne dabei die Unterdrücker hassen zu müssen. Der Lama betonte, daß man seinen Alltag meistern kann, wenn man frei von den blendenden Emotionen ist, „die verhindern, daß wir sehen was wirklich da ist“. Völlig überzeugt nahmen wir den Buddhismus wie enthusiastische Idealisten an, die einen noblen Kampf verloren hatten, nur um statt dessen eine andere wertvolle Aufgabe zu finden.

Dies war der Beginn meiner spirituellen Reise, die mich an der Seite von Lama Ole auf die vielbevölkerten Wege mehrerer Kontinente bringen sollte. Ich begleitete Ole und seine Frau Hannah auf ihrer Odyssee, den tibetischen Buddhismus in die moderne Welt zu bringen. Es war eine faszinierende Herausforderung, ein Wettlauf gegen die Zeit, um das unvergleichliche Wissen Tibets zu retten, bevor die kommunistischen Chinesen es endgültig zerstören würden. Es war ein Unternehmen das nicht nur ein tiefes Vertrauen in das buddhistische System, sondern auch ein unerschütterliches Vertrauen in die hohen tibetischen Lamas mit sich brachte, die dieses System übertrugen. Die Rinpoches - so der Name der ehrwürdigen Lehrer - waren Beispiele einer großen Verwirklichung. Auch wenn sie noch nicht ganz die endgültige Erleuchtung erreicht hatten, so waren sie dennoch auf dem besten Weg dort hin. Zumindest dachten wir das.

Dann kam das Jahr 1992, ein Jahr, an das man sich noch lange in den Annalen des tibetischen Buddhismus erinnern wird. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brach eine peinliche und unerbittliche Fehde zwischen den Lamas unserer Karma Kagyü-Linie aus. Während die ganze buddhistische Welt ihren Atem anhielt, konnte man beobachten, wie eine Gruppe von Kagyü-Meistern bedenkliche Vorwürfe erhob. Es tauchten Beweise auf, die auf eine heimliche Verschwörung die Kagyü Schule zu übernehmen hindeuteten. Eine bedeutende Persönlichkeit der Linie wurde mit dem kommunistischen China in Verbindung gebracht. Verrat war das Wort, das einem in den Sinn kam.

Es war mehr, als viele im Westen vertragen konnten. Wir hatten das Gefühl, daß unser Idealismus verraten worden war. Und wieder sah ich Panzer, die durch die Tore der Danziger Werft ratterten. Es gab keine Alternative, man mußte sich gegen diesen Mißstand auflehnen. Schon von Beginn an protestierten und kämpften Lama Ole und Hannah gegen diese Manipulation. Während der nächsten Jahre stellten sie sich gegen Regierungen, Würdenträger und mächtige Organisationen und versuchten, die Verschwörer zu entlarven und die Kagyü Schule zu schützen - ein Unterfangen, das mit hohen Risiken und Schwierigkeiten verbunden war.

Dieses Buch ist eine Chronik unserer Suche nach der Wahrheit. Es entstand aus einem unwiderstehlichen Verlangen, sich nicht dem Betrug und der Tyrannei zu beugen, etwas wofür die Menschen in Polen äußerst empfindsam gewesen waren. Es ist auch ein Versuch Tibet zu entmystifizieren und den Konflikt unter einer historischen Perspektive zu betrachten. Vielleicht schockiert dieses Buch einige wegen dem kompromißlosen Stil und den herben Schlußfolgerungen, aber die dargelegten Fakten verlangen nach einer rigorosen Analyse und ebensolcher Kritik. Zur selben Zeit ist dieses Werk aber auch eine Einladung, die wahren Schätze die Tibet bewachte zu ergründen: die Belehrungen Buddhas, die immer vollkommen sind. Es gibt sehr viel Eisen, aber nur wenig Gold und das Königreich im Himalaya bildete da keine Ausnahme. Der Leser dieser Seiten ist aufgefordert, das Gold vom Eisen zu trennen und der Zukunft des Buddhismus eine reine und unerschütterliche Form zu geben.

La Jolla, Kalifornien

21. Mai 1998

Danksagung

Dieses Buch wäre nicht ohne die unschätzbare Hilfe von Freunden rund um die Welt möglich gewesen. Während viele zur endgültigen Fassung beitrugen, mochte ich vier Leute erwähnen, die mir wertvollen Rat gaben, Mut machten und meinen ersten literarischen Versuch in eine lesbare Form brachten. Einen ganz herzlichen Dank an Euch, Stephen james, Don Marshall, Brooke Webb und Lara Brainstein aus Cambridge (England), Sydney (Australien), San Francisco (USA) und Montreal (Kanada).

Fur die ausgezeichnete Übersetzungsarbeit möchte ich meinen deutschen und österreichischen Freuden Erik Weiss, Daniel Johnson, Peter Speier und Susi Steed danken. Speziellen Dank an Mac für seine Wichtige Unterstützung seit Beginn dieses Projekts.

Besetzung der Darsteller


Rangjung Rigpe Dorje, der 16. Karmapa,

Oberhaupt der Karma Kagyü Schule des Tibetischen Buddhismus


Shamar Rinpoche oder Künzig Shamarpa oder Shamarpa,

Hauptschüler Karmapas


Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama,

hoher spiritueller Führer und König Tibets


Thaye Dorje, der 17. Karmapa,

von Shamar Rinpoche anerkannt


Tai Situ Rinpoche oder Situ Rinpoche oder Situpa,

zweithöchster Schüler Karmapas

(hier zusammen mit Urgyen Trinley)


Urgyen Trinley,

von Tai Situ Rinpoche und vom

kommunistischen China als 17. Karmapa

anerkannt und bestätigt durch den Dalai Lama


Jamgön Kongtrul Rinpoche oder Jamgön Rinpoche oder Jamgön Kongtrul,

hoher Kagyü-Lama und enger Schüler Karmapas


Goshir Gyaltsab Rinpoche

oder Gyaltsab Rinpoche oder Gyaltsabpa,

hoher Kagyü-Lama und enger Schüler Karmapas


Topga Yulgyal order Tobga Rinpoche oder Tobgala,

Generalsekretär von Rumtek

und vom Karmapa Charitable Trust


Lopön Tsechu Rinpoche order Tsechu Rinpoche,

hoher Lama und Vertrauter des 16. Karmapa


Akong Tulku,

Kagyü-Lama, der in Schottland lebt; Situ Rinpoches Abgesandter zu den kommunistischen Chinesen


Tenga Rinpoche,

bekannter Kagyü-Lama, der in Kathmandu lebt


Lama Ole Nydahl,

erster westlicher Schüler des 16. Karmapa, Gründer von

über 600 buddhistischen Zentren im Westen

Einführung

Als das Telefon auf der Insel Kauai klingelte, ahnten wir nicht, daß dies der Beginn eines gewaltigen Sturmes sein würde - ein Sturm, der durch die Karma Kagyü-Linie des Tibetischen Buddhismus fegen, ihre Grundmauern erschüttern und der Politik des mittelalterlichen Tibet einen letzten Stoß versetzen sollte. Ein tropischer Strand war wohl kaum der richtige Schauplatz für ein Drama mit Hintergrund im Himalaya, dennoch rollte eine größere Krise auf die Küsten Hawaiis zu. Mitten in einer von Oles arbeitsreichen Belehrungstouren, eingelullt von der Schönheit der Pazifikinsel, waren wir nicht wirklich auf die Neuigkeiten vorbereitet, die da kommen sollten.

Elf Zeitzonen entfernt in Deutschland schlug Sys - Oles Sekretärin - Alarm. Ein mysteriöser Brief aus Asien war in allen unseren Zentren in Europa angekommen. Mit einer bunten Marke aus Nepal und einer kaum leserlichen Adresse, sah der Brief nach einem weiteren höflichen Kontaktversuch tibetischer Mönche mit dem Westen aus. Als aber die Leute in unseren Zentren den Text genauer studierten, wurde ihre Überraschung nur noch von ihrem Mißfallen übertroffen. Der Brief entbehrte jeder Höflichkeit und der Kontakt den er suchte, beinhaltete politische Intrigen und sektiererische Kämpfe.

Die Autoren, eine obskure Gruppe tibetischer Händler aus dem Kathmandu-Tal namens “Derge Association” nahmen sich kein Blatt vor den Mund. Was sie zu sagen hatten, sollte den tibetischen Buddhismus in ein noch nie dagewesenes Durcheinander stürzen. Mit Drohungen und unverschämten Forderungen wollten sie die Aufhebung einer Jahrhunderte alten Tradition erzwingen, die dazu gedient hatte, die aufeinanderfolgenden Inkarnationen des Gyalwa Karmapa - des geistigen Oberhaupts der Karma Kagyü-Linie Tibets - anzuerkennen.

Unsere Freunde in Europa, die mit dem korrupten Einfluß von Politik auf die Religion noch nicht vertraut waren, rannten erstaunt an ihre Telefone. Sys erreichte uns als erste. Ihr Berichte glich einer Wortkaskade und sie machte kaum eine Pause um Luft zu holen. Als sie fertig war, schauten wir uns ungläubig an. Überhaupt nicht an solch zwielichtigen Affären gewöhnt, die seit Jahrhunderten einen wesentlicher Bestandteil des Himalaya-Königreiches darstellten, glaubten wir der Himmel bräche über uns zusammen. Das heilige Tibet benahm sich auf einmal gar nicht mehr so heilig.

Lama Ole Nydahl schien als einziger die wahre Bedeutung zu erfassen. Irgend jemand, der sich hinter dieser Gruppe nepalesischer Händlern verbarg, versuchte die Karma-Kagyü-Linie zu spalten. Dieser Brief war nur der erste sichtbare Schuß. Das, was eigentlich auf dem Spiel stand und zwischen den Zeilen dieser Nachricht lauerte, war viel bedeutsamer als die Identität der Angreifer. Ihr Angriff traf die Linie mitten ins Herzen. Ihr heimliches Ziel, das bis zu diesem Zeitpunkt nur einem kleinen Kreis von Verschwörern bekannt war, war die Kontrolle über den nächsten Gyalwa Karmapa, den König der tibetischen Yogis.

Als erster wiedergeborener Lama Tibets, war Karmapa einzigartig unter den vielen Inkarnationen, die sich im Land des Schnees manifestiert hatten. Er wurde von seinem Volk als Buddha verehrt und hatte die Herrschaft über den ganzen östlichen Teil des Landes. In einer ununterbrochenen Folge von mehr als 900 Jahren besaß jede seiner Inkarnationen die vollständige Mittel Buddhas, um mit dem Geist zu arbeiten und es war nicht ungewöhnlich, daß Karmapa vor seinem Tod Anweisungen über die Umstände seiner nächsten Wiedergeburt hinterließ. Diese schriftlichen, manchmal auch mündlichen Hinweise beschrieben mit erstaunlicher Genauigkeit die Umstände seiner zukünftigen Wiederkehr.

Historisch gesehen spielten zwei notwendige Komponenten eine Rolle in dem heiklen Prozeß der Anerkennung des nächsten Karmapa: Die Taten der jungen Inkarnation und die Anweisungen, die sein Vorgänger hinterlassen hatte. Nachdem der 16. Karmapa 1981 gestorben war, glaubten also seine Schüler, daß auch er traditionsgemäß eine Reihe von Anweisungen hinterlassen hatte. Die brennende Frage nach seinem Tod war somit die Entdeckung seines spirituellen Testaments gewesen. Bei einem allgemeinen Kagyü-Treffen nach der Feuerbestattung im Jahre 1981 hatten seine engsten Schüler - vier hochgestellte Lamas - gemeinsam die verantwortungsvolle Aufgabe übernommen, den Vorhersagebrief ihres Lehrers und seine nächste Inkarnation zu finden.

„Die Briefkampagne“ aus Kathmandu kam für die Übertragungslinie zu einer sehr unsicheren Zeit. Elf Jahre waren seid dem Tod des 16. Karmapa vergangen und die 17. Inkarnation war nirgendwo in Sicht. Die vier Lamas, mit ihrer riesigen Pflicht betraut, schienen außerstande mit einer Lösung aufzuwarten. Die lange Wartezeit begann ihren Tribut zu fordern. Eine Anzahl politisch orientierter Gruppen tauchte in der buddhistischen Szene im Osten auf. Sie übertrafen sich gegenseitig in der Verbreitung absurder Gerüchte und beteiligten sich an einem Feldzug, der die Linienhalter zum Handeln nötigen sollte.

Die „Derge Association“ war nur eine dieser vielen Gruppen. Was sie jedoch von den anderen unterschied, war der Versuch, einen von Karmapas früheren Schüler, Tai Situpa, den anderen drei Lamas vorzuziehen. In ihrem Brief, der in Umlauf gebracht worden war und in dem sie sich anmaßten, die Mehrheit der Kagyü-Praktizierenden zu vertreten, behaupteten sie unverblümt, daß nur die jeweilige Inkarnation des Tai Situ Rinpoche (*Fußnote: Rinpoche ist ein Ehrentitel, der soviel heißt wie “Kostbarer” und der oft an buddhistische Meister verliehen wird) das historische Recht gehabt hätte, den nachfolgenden Karmapa anzuerkennen. Sie baten Tai Situ eindringlich, sofort von seinem einzigartigen Recht Gebrauch zu machen. Diese Forderung war ein abrupter Abschied von alten Gewohnheiten. In der Vergangenheit war es immer jene Person mit der größten geistigen Verwirklichung, die über ihre Träume und Visionen sprechen würde, um so den heiklen Prozeß, einen wiedergeborenen Tulku zu finden, zu unterstützen. Kein Lama hatte das alleinige Recht, Inkarnationen zu identifizieren und schon gar nicht die aufeinanderfolgenden Karmapas zu finden, die sich letzten Endes immer durch ihre Taten zu erkennen gaben.

Nun plante jedenfalls irgendwer eine Revolte. Eine größere Auseinandersetzung innerhalb der Linie stand bevor. Man bezeichnete Tai Situ als den einzigen, der berechtigt sei, den jungen Karmapa zu identifizieren, während seine drei Kameraden als Verhinderer bezeichnet wurden, die das ganze Vorhaben blockieren wollten. Zum ersten Mal seit sie der Öffentlichkeit im Osten solche Überlegungen einzutrichtern versuchten, dehnten die Kaufleute aus dem Kathmandu-Tal ihren Aktionsradius jetzt auch nach Westen aus. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug ihre Nachricht in der Szene der europäischen Buddhisten ein.

Während wir regungslos Sys Worten lauschten und versuchten ihren Ausführungen zu folgen, schätzte Lama Ole ruhig die Situation mit den Worten ein: „Das bedeutet Krieg”. Wir sollten während der nächsten zwei Jahre noch herausfinden, wie treffend seine Worte waren. An diesem Morgen des 17. März 1992 fielen die ersten Schüsse im Karma-Kagyü-Krieg. Ole erkannte dies mit seinem militärischen Instinkt sofort. Von da an eskalierte die Situation zusehends. Ein harter, kompromißloser Kampf sollte sich entfalten. Die Protagonisten, hochrangige und angesehene tibetische Lamas, verstrickten sich in Auseinandersetzungen und Schlammschlachten, die eher zu ehrgeizigen Politikern als zu religiösen Lehrern gepaßt hätten. Der kommende Konflikt sollte die Reife und Entschlossenheit Tausender buddhistischer Praktizierender auf der ganzen Welt prüfen. Er sollte die Landschaft des tibetischen Buddhismus im Westen verändern. Die Auswirkungen auf den Osten sind noch gar nicht voll abzuschätzen.

Als sich die Situation zuspitzte und - wie wir in diesem Buch erfahren werden - als sich die überschlagenden Ereignisse fast zur Übernahme der Kagyü-Linie durch das kommunistische China geführt hätten, beschäftigte uns alle eine brennende Frage: Wie konnte das nur passieren? Wie konnte eine Gruppe hochentwickelter Wesen, an der spirituellen Spitze einer Linie, Angelegenheiten, die das Wohlergehen und Wachstum ihrer Schüler betrafen, in solch einen unordentlichen Zustand bringen?

Heute, nach Jahren sorgfältiger Auswertung der Ereignisse, liegt die Antwort klarer auf der Hand, als wir das ursprünglich dachten. So seltsam es auch für moderne westliche Ohren klingen mag: die gegenwärtige Loyalität, die Rivalitäten und Feindseligkeiten der Lamas im Himalaya haben direkte Verbindung mit dem, was in Tibet und auch in China vor mehreren hundert Jahren geschah. Die Tibeter sind, wie alle Menschen - die hohen Lehrer mit eingeschlossen - ein Produkt der sozialen und politischen Bedingungen, in welche sie hineingeboren wurden. Ihre Handlungen und Geistesgewohnheiten sind in großem Maße von früheren Erlebnissen bestimmt. Um nun die Gründe und die Vielfalt ihrer Probleme zu erkennen, muß man in die Geschichte Tibets eintauchen. Diese besondere Geschichte beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts in den dunklen Gängen des majestätischen Potala Palastes in Lhasa - Residenz der Dalai Lamas. Sie führt uns durch eine Reihe von Ereignissen hin zu den heutigen tibetischen Lagern und Klöstern im Himalaya und auch zu den modernen tibetischen Zentren im Westen.

Als 1959 die ehrwürdigen Rinpoches, Lamas und Mönche Tibet verlassen mußten und zuerst nach Indien und dann in den Westen kamen, waren sie vom Feudalismus geprägt. Sich brachten nicht nur die gesammelten Werke Buddhas mit - die kraftvollsten Mittel, um mit dem Geist zu arbeiten - sondern auch ihre eigenen Probleme. Deswegen liegt der Schlüssel zum Verständnis ihres bisweilen recht eigenartigen Verhaltens im Westen, in der Geschichte Tibets, eines bis zur chinesischen Invasion hermetisch abgeschlossenen Landes. Es ist das Land des Schnees längst vergangener Tage, sagenumwoben und eingehüllt in Mythen und Halbwahrheiten, das die Hintergründe des gegenwärtigen Dramas im tibetischen Buddhismus erhellen kann.

Dieses Buch versucht weder eine radikale Lösung zu bieten, noch hat es zum Ziel „keinen Stein auf dem anderen zu lassen“. Es ist der persönliche Erlebnisbericht eines Menschen, der Zeuge dieser Krise war, ein chronologischer Bericht über den Zeitraum von zwei Jahren, in denen das „Kagyü-Haus“ beinahe unter die Kontrolle des kommunistischen Chinas geraten wäre. Der Leser kann, bei genauerer Betrachtung der ungewöhnlichen Vorkommnisse, nach und nach Einblick in die Motive dieser Auseinandersetzung erlangen. Wenn man diese dann mit den alten sozialen Strukturen Tibets vergleicht, wird man zu einer etwas objektiveren Bewertung der Hauptcharaktere in dieser Verschwörung gelangen und sich darüber bewußt werden, daß es gefährlich ist, auf solche Charaktere blind hereinzufallen. Lassen wir Fakten für sich selbst sprechen und folgen wir der Geschichte und dem Menschenverstand. Möge die Vergangenheit die Rätsel der Gegenwart enthüllen und als Lektion für die Zukunft dienen.

KAPITEL 1

Das Königreich

Über Jahrhunderte war Isolation das bestimmende Merkmal Tibets. Die geographische Unzugänglichkeit des Landes und das echte Bedürfnis seiner Bewohner nach wenig Kontakt schufen ideale Voraussetzungen für diese Abgeschlossenheit. Als die siegreichen chinesischen Dynastien die Souveränität über ihre fernen Nachbarn beanspruchten und Lhasa unterwerfen und zur Anerkennung ihrer reizenden Oberherrschaft zwingen wollten, gaben die Tibeter nicht klein bei. Ungeachtet Pekings gewaltsamen Vorgehens gelang es dem Bergland, weiterhin ungestört und von der Außenwelt vergessen zu existieren. Die wilden Mongolenhorden, die Mitte des 17. Jahrhunderts große Teile des Landes zerstört hatten, waren eher ein Werkzeug in den Händen einer politischen Fraktion gewesen, um deren Rivalen zu unterwerfen, als ein tatsächlicher Aggressor von außen - ein Werkzeug, das zwar außer Kontrolle geraten war, aber trotzdem nicht mehr war als ein Werkzeug, das Politiker in ihrem Kampf um Macht eingeführt hatten. So waren im Verlauf der Geschichte Tibets Eindringlinge ein ungewohnter Anblick und das Land blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts so abgeschlossen, wie es zur Zeit war, als um das Jahr 750 der Buddhismus zum ersten mal Einzug in das Himalaya-Königreich hielt. Wegen dieser Abgeschlossenheit war es den Tibetern möglich gewesen, über ein Jahrtausend lang das zu bewahren, was tausend Jahre zuvor mehrere moslemische Invasionen in Nordindien äußerst gewissenhaft zerstört hatten: Die vollständigen Belehrungen Buddhas.

Die ersten Kontakte mit dem Westen entstanden im 19. Jahrhundert, als das russische und das britische Reich, im gegenseitig Mißtrauen, um Einfluß in dieser entlegenen Gegend wetteiferten. Europäische Forscher brachten Geschichten von mysteriösen religiösen Systemen, heiligen Lamas und riesigen Klöstern mit nach Hause. Englische Soldaten wußten weit weniger Wunderbares zu berichten. Colonel Younghusband, der 1904 eine Expedition anführte um Lhasa zu erobern, löschte mit einer Handvoll seiner Männer fast die ganze tibetische Regierungsarmee aus. Die militärische Macht der Tibeter blieb eindeutig hinter ihrer spirituellen Kraft zurück.

Nach dieser ersten Kontaktaufnahme nahm sich sofort ein Durcheinander von Spiritualisten, Theosophen und dergleichen des Königreiches an. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die europäische Öffentlichkeit mit exotischen Berichten von fliegenden Yogis überschüttet und mußte Abhandlungen über undurchsichtige spirituelle Lehrer verdauen, die ihren Ursprung angeblich im Land des Schnees hatten. Die Erzählungen, die die Runde machten beflügelten zwar die Phantasie der Leser, hatten aber wenig mit den wirklichen Schätzen zu tun, die Tibet hütete. Als Quelle des Mystischen ausgebeutet, wurde das Land bald zu einem Synonym für alles Übernatürliche.

Ungefähr zur selben Zeit gelang einer Anzahl anerkannter Orientalisten aus Skandinavien und dem kaiserlichen Rußland der Weg in die verbotene Stadt Lhasa. Sie trafen auf eine reiche, von einem einzigartigen religiösen System unterstützte Kultur. Zum ersten Mal kam der Westen mit Buddhas vollständigen Methoden um mit dem Geist zu arbeiten in Berührung. Die Entdeckung der Wissenschaftler blieb jedoch die exklusive Domäne von Elite-Universitäten und ihre Forschungen wagten sich nicht über den Bereich intellektueller und wissenschaftlicher Spekulation hinaus. Auf einen größeren und praktischeren Einfluß der Lehre mußte Europa noch weitere fünf Jahrzehnte warten. Erst 1959, als die Tibeter von den kommunistischen Barbaren brutal aus ihrer heilen Welt gerissen wurden, wurde ein echter und dauerhafter Kontakt mit ihrer Kultur möglich.

Während der späten Sechziger kam die Zeit für den Durchbruch. Zwei Westler erschlossen Neuland: es waren Hannah und Ole Nydahl, die begierig darauf waren, sich der buddhistischen Lehren anzunehmen und diese im Westen einzuführen. Die Verbindung, die sie knüpften, führte geradewegs an die allerhöchste Spitze der tibetischen Hierarchie.

Im Dezember 1969 hielt der 16. Gyalwa Karmapa, Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus, Einzug in Kathmandu, gerade als Hannah und Ole aus Dänemark kommend in der Stadt eintrafen. Die jungen Idealisten befanden sich auf ihrer dritten Reise in die nepalesische Hauptstadt, um von dort „Substanzen“ mit nach Hause zu nehmen, die das Bewußtsein der Menschheit verändern konnten. Sie führten eine Gruppe skandinavischer Avantgardekünstler und -rebellen an und waren zutiefst davon überzeugt, daß Drogen jedermanns „Pforten der Wahrnehmung“ öffnen und der Menschheit eine letztendliche Wahrheit zeigen könnten. Gerade erst in Kathmandu angekommen, zog sie ein inneres Rufen auf die Spitze des majestätischen Swayambhu-Berges, eben als Karmapa im Begriff war, eine Zeremonie auszuführen. Später würden sie selbst erzählen, wie in dem Augenblick während der Zeremonie, als Karmapa seine Hände auf ihre Köpfe legte, alles in Licht explodierte. Der Lama wurde groß wie tausend Sonnen und augenblicklich wußten sie, daß ihre Suche abgeschlossen war.

Diese ungewöhnliche Begegnung war der Anlaß einer intensiven Lehrzeit im östlichen Himalaya. Als erste westliche Schüler Karmapas wurden Hannah und Ole in die Belehrungen und einzigartigen Praktiken des tibetischen Buddhismus eingeführt. (*FN: Lama Ole Nydahl „Die Buddhas vom Dach der Welt“ + Verlag etc.) Sie waren auf dem besten Weg, ihre Vision aus den sechziger Jahren zu verwirklichen. Später würde Ole, inzwischen selbst ein Lama, daran gehen, mehr als zweihundert buddhistische Kagyü Zentren auf der ganzen Welt zu gründen. Mit Hannah und anderen Begleitern an seiner Seite würde er pausenlos von Zentrum zu Zentrum reisen und so die große Weisheit des Buddhismus in den Westen bringen. Die treibende Kraft hinter der Verwirklichung dieses Traums war die Hingabe zu Karmapa, eine Hingabe, die sich anfänglich auf alles Tibetische erstreckte. Jeder, der aus dem Land des Schnees stammte, wurde als hochspirituell verehrt, jeden Tibeter hielt man für einen verwirklichten Yogi und jeder Glatzkopf in Roben war sowieso halb erleuchtet. Es war genau diese reine Sicht, die mithalf, den idealistischen Westen mit der Idee zu inspirieren, das Shangri-La - das Objekt der Begierde der sechziger Generation - wäre in Reichweite.

Andere, die in den folgenden Jahren auf den tibetischen Zug aufsprangen, nährten die heiligen Visionen mit noch größerem Enthusiasmus und wesentlich weniger Kritikfähigkeit. Was ihnen an Wissen und wirklicher Übertragung fehlte, versuchten sie durch Eifer wettzumachen. Besonders das alte Tibet wurde als eine Art Himmel auf Erden verehrt. Alles aus der Zeit vor der chinesischen Invasion, was einen tibetischen Stempel trug, wurde hingebungsvoll vergöttert und idealisiert. Es war eine edle Antwort auf die kommunistischen Greueltaten und die hysterische chinesische Propaganda, die das eroberte Land als eine feudale, rückständige und tyrannische Gesellschaft beschrieb. Daraus ergab es sich, daß die Vorstellung, alles Tibetische sei heilig, zum gemeinsamen Tenor der ersten Generation tibetischer Buddhisten im Westen wurde. Diese vielversprechenden jungen Leute nahmen sich des tibetischen Buddhismus genauso wie des Landes Tibet an. Niemand wollte sich auf die Seite der kommunistischen Aggressoren stellen und die Tibeter erfuhren zur Abwechslung einmal die überwältigende Aufmerksamkeit der westlichen Idealisten, nachdem sie in einer Zeit der Not die Nichtbeachtung durch Politiker der ganzen Welt erlebt hatten.

Nach Jahrzehnten offizieller Gleichgültigkeit sahen schließlich die Verfechter der tibetischen Sache ihren Kampf gerechtfertigt. Als der Dalai Lama 1989 den Friedensnobelpreis gewann, nahmen sich die westlichen Massenmedien Tibets an und brachten die Schrecken der chinesischen Invasion ans Tageslicht. Berühmtheiten scharten sich um den selbst zu einer Berühmtheit geworden Dalai Lama, der daraufhin begann, in seiner halboffiziellen Funktion als Führer Tibets die Welt zu bereisen. Zur selben Zeit ließen die Verfechter eines freien Tibets, die durch diese Entwicklung Oberwasser bekamen, den unkritischen Glauben an das heilige Himalaya-Königreich ungehindert wachsen.

Unterschied sich dieses harmonische Bild sehr von der Wirklichkeit? War das alte Tibet tatsächlich eine Nation von Wahrheitssuchenden und frommen Männern, die nur im Sinn hatten, ihre Lamas und Klöster zu unterstützen? War es wirklich ein Land, wo Milch und Honig flossen, dessen Menschen friedlich miteinander lebten und sich streng an die edlen buddhistischen Richtlinien hielten? Historische Tatsachen sprechen gegen diese himmlische Vorstellung. Tibet war, trotz der Aura von Mystik die seine Geschichte umgab, ein feudalistisches Land, vielleicht menschlicher und sicherlich glücklicher als andere feudale Gesellschaften, aber auf keinen Fall ein idyllischer Ort.

Die Landschaft des alten Tibets war von Kriegen, politischen Intrigen und blutigen Fehden übersät. Jahrhunderte lang übten zwei alte buddhistische „Rotmützen“-Schulen (*FN: Die dritte Schule ist die Nyingmapa), die Sakya und die Kagyü, abwechselnd unumstritten die Macht über das Land aus. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts trat eine neue Macht in Erscheinung und begann, den politischen Status quo zu bedrohen: die Gelugpas oder „Die Tugendhaften“, ein reformierter buddhistischer Orden der „Gelbmützen“, der um das Jahr 1410 n.Chr. von einem Schüler des 4. Karmapa gegründet worden war. Unter der Führung des mächtigen 5. Dalai Lamas und seiner verantwortlichen Minister, luden die Gelugs im Jahre 1638 den mongolischen Kriegsherren Gushri Kahn nach Tibet ein. Sie wollten dadurch die Macht der Kagyüs brechen, die Regierung übernehmen und sich ihren Einfluß über Kham im Osten und das aufständische Tsang im Süden des Landes sichern. Den Mongolenhorden wurde freie Hand gewährt und so machten sie eine große Anzahl von Nyingma Klöstern entweder dem Erdboden gleich oder konvertierten sie zur Gelug-Schule. Der 10. Karmapa mußte fliehen und sich in ein zehnjähriges Exil begeben, nachdem sein Lager von einer Armee angegriffen worden war, die unter dem Befehl eines Ministers des Dalai Lama stand. Die Schule der Tugendhaften setzte ihre Vorherrschaft mit Feuer und Schwert durch.

Die äußerst zersplitterte politische Szene wurde daraufhin in zwei Hauptgruppen unterteilt. Die erste Gruppe, die den Gelugs sehr nahestand, umfaßte sowohl Zentral- als auch Süd- und Westtibet und stellte das Einflußgebiet der Regierung in Lhasa dar. Die zweite, eine lose Anhäufung von Königreichen, mit jeweils einem eigenen Anführer am Steuerruder, breitete sich über Osttibet aus. Sie hielt nicht nur ihre Unabhängigkeit von der Hauptstadt mit allen Mitteln aufrecht, sondern auch ihre Ergebenheit gegenüber den Kagyüs und den Nyingmapas, die dritte alte Buddhistische Schule der „Rotmützen“.

Die von den Gelugs dominierte Zentralregierung gab sich größte Mühe, die freigeistigen Khampas von Osttibet unter die direkte Autorität Lhasas zu stellen und sie auf diesem Wege zum “Gelbmützen”-Orden zu bekehren. Die Gelugpa-Hierarchie setzte alle Hebel in Bewegung, um dieses Ziel zu erreichen und hinterließen ein Erbe an Verrat, Einschüchterung und Eroberung.

Nachdem sie sich mit den Mongolen verbündet und den Kagyü-Herrscher besiegt hatte, zwang die Verwaltung des Dalai Lamas den anderen drei buddhistischen Schulen strikte Kontrollen auf. Karmapa und die Kagyüs wurden zur Zielscheibe strenger Gesetzen und diskriminierender Steuern. Bis auf eine kleine Anzahl wurden alle Kagyü-Klöster in der Nähe von Lhasa zur Gelugpa-Tradition bekehrt. Zwei verschlüsselte Direktiven „Setze den Stern unter Druck!“ und „Melke das weibliche Yak!“ wurden in die Landesgesetze eingefügt und oft in offiziellen Erlässen beschworen. Es war ein gut gehütetes Geheimnis, von einem Minister an dessen Nachfolger weitergereicht, daß der rätselhafte „Stern“ in Wahrheit Karmapa war, während mit dem „weibliche Yak“ die Drikung gemeint waren, ein Zweig der Kagyü-Linie. Nachdem er so die alten Schulen in die Knie gezwungen hatte, befürchtete der 5. Dalai Lama eine Kagyü-Revolte und begab sich und sein Königreich in den Schutz der Ching, Herrscher von China. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Der Kaiser gewährte ihm nicht nur seinen großzügigen Schutz, sondern führte auch ein System von zwei sich abwechselnden Monarchen ein: es waren dies der Dalai und Panchen Lama. In den Augen der Kagyüs war diese Unterwerfung vor dem Chinesischen Thron gleichbedeutend mit Verrat. Diesen Vertrauensbruch haben sie dem Dalai Lama bis heute nicht verziehen.

Ein weiteres, berüchtigtes Beispiel der Gelug-Gewalt waren die Machenschaften des Phawankapa im 19. Jahrhundert. Als eine Leuchte für manche in seiner Linie und eine abscheuliche Persönlichkeit für andere, inszenierte dieser Kreuzritter für die Gelug-Sache eine breit angelegte Kampagne gegen die Nyingmapa-Tradition. Es gelang ihm, die Reihen der alten Rotmützen-Schule so durcheinanderzubringen, daß “Diamant-Schneider” und andere wertvolle Übertragungen beinahe ganz verschwanden.

*

Die soziale Struktur des alten Tibets wurde in großem Maße durch das Tulku-Wesen bestimmt, einer Tradition der Anerkennung von fortlaufenden Wiedergeburten eines Lamas. Das Phänomen von einer Reihe aufeinanderfolgenden Inkarnationen kommt von dem buddhistischen Prinzip, daß Wesen endlos oft wiedergeboren werden. Die Tulku-Tradition wurde vor 900 Jahren von Karma Pakshi eingeführt, der als kleines Kind erklärte, die Wiedergeburt des kurz zuvor gestorbenen Karmapas Düsum Khyenpa zu sein. Von diesem Zeitpunkt an kehrte Karmapa in einer ununterbrochener Folge von Verkörperungen wieder, die von vor 900 Jahren bis zum heutigen Tag reichen. In gleicher Weise begannen auch andere hoch verwirklichten Lamas sich bewußt wiedergebären zu lassen und wurden dann von ihren verwirklichten Schülern wiedererkannt. So traten die erleuchteten Eigenschaften eines Lamas Leben für Leben in Kontakt mit seinen Schülern. Hunderte von verschiedenen Tulku-Linien zeigten sich in Tibet und das ganze System diente als einzigartiger Mechanismus, eine ungebrochene Übertragung von Buddhas Belehrungen zu bewahren.

Im Laufe der Jahrhunderte jedoch gelangten die Klöster und ihre Tulkus zu immer mehr Wohlstand und begannen, beträchtlichen Einfluß auf das politische und soziale Leben des Landes auszuüben. Eine Reihe von Tulkus übernahmen zusätzlich zu ihren Rollen als religiöse Lehrer auch Aufgaben als politische Figuren. Die Inkarnation eines prominenten Tulkus zu finden und sie zu ihrem alten Kloster zu bringen, bedeutete Machtgewinn. In vielen Fällen ließen noch dazu die Kriterien, nach denen eine Inkarnation anerkannt wurden, viel Platz für Schachzüge, was dazu führte, daß dieser Prozeß zu einem Werkzeug des politischen Machtkampfes wurde. Die traditionellen Überprüfungsmethoden, bei denen die jungen Hoffnungsträger Gegenstände aus dem Besitz ihrer früheren Inkarnation erkennen mußten, wurden oft unterlassen. Nicht immer wurden herausragende Meister zu Rate gezogen. Politischer Einfluß, Geld oder einfache Waffengewalt wurden die entscheidenden Faktoren und die Bedeutung der authentischen Tulkus begann abzunehmen. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß sich zwei oder mehr Kandidaten - jeweils von einer mächtigen Gruppe unterstützt - offen und gewaltsam um einen bekannten Tulku-Sitz stritten. Während die jungen Anwärter eher wenig Ahnung von dem Kampf hatten, der hinter ihrem Rücken stattfand, waren ihre mächtigen Paten hingegen bereit einen Krieg anzufangen, um ihren Kandidaten siegen zu sehen.

War der Thron für einen Bewerber einmal gewonnen, begann seine Ausbildung in strenger Übereinstimmung mit der Rolle, die er in späteren Jahren spielen sollte. Umgeben von einer reinen Männergesellschaft aus Tutoren und Dienern, war der junge Tulku im allgemeinen sehr strenger Disziplin ausgesetzt und befand sich ausschließlich in der Obhut seiner eifersüchtigen Vertrauten. Dies sollte es dem Tulku nicht nur ermöglichen, die Übertragungen von Buddhas Belehrungen in ihrer reinsten Form zu erhalten, sondern so konnte man ihn, den wertvollsten Besitz des Klosters, auch beschützen. Viel zu oft jedoch führte diese Abgeschiedenheit dazu, daß der Tulku über das Leben außerhalb seiner Klostermauern kaum Bescheid wußte. Gleichzeitig spielten die Menschen um ihn herum eine viel größere Rolle, als es das Wohlergehen seines Amtes erfordert hätte und verfolgten nicht selten über den Kopf ihres Meisters hinweg ihre eigenen Ziele.

Diese Zustände waren der ideale Nährboden für fremde Einmischung. Wie zu erwarten war, ließ sich China diese einmalige Möglichkeit, auf die tibetische Politik Einfluß zu nehmen, nicht entgehen und förderte das Wohlergehen von jenem Tulku, der am besten zu ihren Bedürfnissen paßte. Kein Titel, egal ob der höchste oder der unbedeutendste, war von dieser Störung durch das Reich der Mitte gefeit. Mit einem interessierten Auge auf das Land des Schnees, aber voller Verachtung für dessen religiöser Ehrlichkeit, zwangen die unbarmherzigen Herrscher den Tibetern ihre eigene, manchmal total absurde Wahl für die höchsten Positionen von Dalai und Panchen Lama auf.

Im Jahre 1796 erzwang der 7. Ching Lu, ein Kaiser der Ching Dynastie, einen Erlaß, in dem eine neue Prozedur zur Anerkennung von Inkarnationen in Tibet festgelegt wurde. Diejenigen, die auf die Wiedergeburt eines berühmten Abtes oder Lamas warteten, mußten sich nicht mehr um kryptischen Zeichen oder langwierige Suchreisen kümmern. Statt dessen sollte ein vom chinesischen Kaiser eingesetzter Rat einfach eine Anzahl geeigneter Kandidaten für einen freien Tulku-Sitz aussuchen. Alle Anwärter sollten dann herausgeputzt und für die Funktion eines geistigen Führers ausgebildet werden. Um letzten Endes dann die richtige Inkarnation aus den Reihen der Bewerber herauszufinden wurde eine Lotterie durchgeführt. In seiner Güte bot der Kaiser neben dem Edikt auch gleich eine goldene Vase an, die bei der Ziehung verwendet werden sollte. Der Name der Inkarnation wurde durch Zufall von einer Reihe von Namen gezogen, die zuvor auf Eßstäbchen geschrieben und in die Vase geworfen worden waren. Der gütige Kaiser vergaß nicht zu erläutern, daß dieses Ritual vor einem Thangka - einem religiösen Rollbild - stattzufinden habe, das niemand anderen darstellte als den ruhmreichen 7. Ching Lu selbst. Sein Vertreter sollte bei dieser entscheidenden Zeremonie auch den Vorsitz führen. Obwohl es den Tibetern oft gelang, die Ergebnisse der Ziehung durch Bestechung und andere Maßnahmen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, war in Zukunft ihre freie Wahl, zumindest wenn es um die hohen Gelug-Tulkus ging, eingeschränkt. Offiziell wurden die Inkarnationen der „Gelbmützen“ von nun an vor dem Bild Ching Lus ausgewählt, das sie von der Wand herab anstarrte. Zur gleichen Zeit, jedesmal, wenn der Oberste Führer von Tibet eine öffentliches Verlautbarung machte, würde er gehorsam erklären: „Ich bin der Dalai Lama, eingesetzt von Ching Lu...“. Von dem Tag an, an dem der energische Lu sein Edikt präsentierte, bis zum Jahre 1959, als das Himalaya-Königreich den Chinesen in die Hände fiel, begannen alle Dokumente der tibetischen Regierung mit dieser Phrase. Ohne das Land selbst erobert zu haben, gelang es Peking somit, Lhasa eine unheilvolle und weitgehend unwillkommene Partnerschaft aufzudrängen. Der Dalai Lama und Cheng Lu stellten für den örtlichen Geschmack zweifellos zwei recht eigenartige Bettgenossen dar.

Durch in- und ausländischen Einmischung wurde die Wahl eines Tulku aufgrund religiöser Kriterien im Laufe der Jahrhunderte eher zur Ausnahme als zur Regel. Natürlich zeigten sich auch authentische Lamas. Die tibetische Geschichte ist reich an Beispielen für verwirklichte Tulku-Linien und theoretisch war das ganze System darauf ausgelegt, solche Wesen zu finden und sich um sie zu kümmern. Doch nachdem es Jahrhunderte lang mißbraucht wurde, ermöglichte das selbe System, daß eine große Anzahl von Tulkus entweder zu politischen Marionetten oder zu absoluten Prinzen wurde. Erstere waren ein Werkzeug in der Hand ihrer Vertrauten, die, während sie ihre eigenen Intrigen spannen, sehr darauf achtete, sich bei dem Tulku Gehör zu verschaffen. Letztere wurden selbst zu Politikern, niemandem gegenüber verantwortlich und von denen beraten, die gerade in ihrer Gunst standen und so sprangen sie oft unvorbereitet in die unbeständigen Gewässer politischer Leidenschaft. Die Tatsache, daß ihre Äußerungen in vielen Fällen den Status von Gesetzen hatten, machte die Sache nur noch schlimmer. Begriffe wie Transparenz, Verantwortlichkeit und Demokratie, die Eckpfeiler einer modernen Gesellschaft im Westen, waren unbekannte Vorstellungen im alten Tibet. Schon der bloße Gedanke an eine repräsentative Regierung oder an kleine Abstriche der absoluten Macht - Vorstellungen, denen sich die Amtsgewalten im Westen schon längst unterworfen hatten - wurde in Tibet und dem Rest Asiens verabscheut. Als Konsequenz wurde das Land oft von einem Haufen ungeeigneter Leute regiert, deren einzige Qualität darin bestand, daß sie einen Titel trugen, oder eng mit einem bekannten Namen verbunden waren.

Die Mehrheit der Bevölkerung, sowohl die freigeistigen Nomaden im Osten, als auch die eher braven Bewohner von Zentraltibet, lebte in einem gewissen Maß unter feudaler Abhängigkeit und Unterwerfung, wobei die persönliche Freiheit nur so weit reichte, wie es der direkte Vorgesetzte oder der Abt erlaubte.

Die bevorzugte Methode offizieller Bestrafung war die Auspeitschung, um die etwas widerspenstigen Individuen in Schach zu halten. Folter in ihrer grausamsten und unmenschlichsten Form war an der Tagesordnung. Von den Vertretern der Ching Dynastie zur Zeit des 5. Dalai Lamas nach Tibet gebracht, kam sie dort sofort zur Anwendung, als drei Minister des Dalai Lamas verhaftet wurden und man sie öffentlich zerstückelte. Obwohl die Folter durch den 13. Dalai Lama geächtet wurde, blieb sie trotz seines Verbotes weiterhin erhalten, bis 1959 die Kommunisten ihre eigene unmenschlichen Art der Unterdrückung einführten. Die grausamen Fotos von Männern mit abgehackten Gliedern, Zeugen einer brutalen Routine im alten Tibet, waren also nicht einfach nur kommunistische Propaganda.

Die Erziehung und der Zugang zur Informationen waren die alleinige Domäne der Klöster, wodurch einem großen Teil der Bevölkerung nicht einmal die einfachste Bildung ermöglicht wurde. Für die meisten Tibeter bedeuteten die höchsten Belehrungen über die Natur aller Dinge - die Essenz des Buddhismus - lediglich einen oberflächlichen Glauben an oft sehr einfache Grundsätze, geprägt durch Angst und karmische Vergeltung oder einfach nur durch blindes Vertrauen in ihre Rinpoches. Obwohl ihr Vertrauen in ein System, das in seiner Essenz und Ganzheit so völlig positiv ist, ihnen ein grundsätzlich befriedigendes und glückliches Leben ermöglichte, muß man jedoch - der historischen Wahrheit zuliebe - eingestehen, daß der größte Teil der Tibeter eine rückständige, ungebildete und abergläubische Existenz führte. Die damaligen Werte erweisen sich in der heutigen Welt als weitgehend belanglos.

Weshalb Tibet damals dennoch so außergewöhnlich war, war die Tatsache, daß es dem Land gelang, die kompletten Belehrungen Buddhas in einer lebendigen und ununterbrochenen Übertragung zu bewahren. Diese beinhalteten sowohl die höchsten Erklärungen über die absolute Natur der Wirklichkeit, als auch die entsprechenden Methoden, um sie zu erkennen. Und während der Durchschnitts-Tibeter sich eher um seine Alltagsgeschäfte kümmerten, ohne viel an die höchste Wahrheit zu denken - solche tiefgründigen Angelegenheiten überließen sie eher ihren Lamas und den Institutionen - praktizierte eine kleine Anzahl von Menschen die vorhandenen, einzigartigen Techniken und erzielten so höchste Resultate. Von ein paar Millionen Tibetern gelang es einer Handvoll ehrwürdiger Lamas und Yogis, Generation für Generation, das höchste Potential des menschlichen Geistes zu erreichen.

Diese Übertragung lebendiger Erleuchtung ist somit Tibets wichtigster Beitrag zur kollektiven menschlichen Weisheit, während die sozialen und politischen Bedingungen, unter denen die Suche nach Erleuchtung stattfand, Tibet völlig von der heutigen modernen Gesellschaft unterscheidet.

Die folgende Geschichte muß man also unter diesen speziellen Voraussetzungen sehen. Die Fäden dieser Verschwörung sind tief mit den tibetischen Annalen verwoben und führen uns 200 Jahre zurück nach Lhasa. Als Hauptakteure treten hohe Tulkus und Lamas auf, die plötzlich durch den unberechenbaren Lauf der Geschichte in die moderne Welt versetzt wurden. Sie bilden den Kern des alten Feudalsystems und sind dennoch gezwungen, oder zwingen sich selbst, sich in der modernen Welt zu behaupten. Ihr unerwartetes Eintreten in das 20. Jahrhundert - ungeachtet ihrer Verwirklichung - führt unweigerlich zu einem Konflikt. All die feinen Zutaten für diesen Konflikt brodeln bereits und können jederzeit explodieren: Die unvereinbaren Gegensätze zwischen dem autokratischen Tibet und dem demokratischen Westen. Der Nachdruck, den der Buddhismus auf Logik, Vernunft und klares Denken legt, und der blinde Glaube, daß alle Lamas allwissend sind und kaum den allgemein menschlichen Bedingungen unterliegen. Die heilige Verehrung, die Tibet von vielen im Westen entgegengebracht wird und die Leidenschaft der Tibeter für politische Intrigen. Was dieses explosive Gemisch entzünden könnte ist ein Hauch von persönlicher Abneigung, Feindseligkeit und letztlich Haß - die Würze in einem trockenen geschichtlichen Prozeß.

KAPITEL 2

Die Rivalen

Vor zweihundert Jahren, in der Zeit der Regentschaft zwischen dem 7. und dem 8. Dalai Lama, hatte der mächtige Verwalter des Dalai-Thrones eine Verordnung erlassen, die den 10. Shamarpa aus Tibet verwies. Shamar Tulku wurde öffentlich beschuldigt, er habe Nepal zu einer Invasion seines Landes angestiftet. Alle ihm von den Manchu-Kaisern verliehenen Titel wurden widerrufen, und seine Kagyü-Klöster wurden von Regierungstruppen überfallen und zwangsweise zur Gelugpa-Tradition bekehrt. Shamarpas zeremonielle rote Krone wurde beschlagnahmt und vermutlich unter einem Gebäude in Lhasa vergraben. Es ging das Gerücht um, der 13. Dalai Lama habe sie über ein Jahrhundert später Nikolaus II, dem letzten russischen Zaren, zum Geschenk gemacht. Wie auch immer, bis heute hat ihr Eigentümer die Krone nicht wiedergesehen oder zurückerhalten. Schließlich wurde offiziell ein Erlaß herausgegeben, der Shamarpas Wiedergeburt ausdrücklich verbot - für westliche Gemüter eine recht bizarre Idee.

Jahrhunderte lang hatte sich Shamarpa, der wichtigste Schüler der aufeinanderfolgenden Gyalwa Karmapas und der zweithöchste in der spirituellen Hierarchie der Kagyü-Linie, an der Seite seines Lehrers wiedergebären lassen. Als im Jahre 1638 der 5. Dalai Lama und die Gelug-Hierarchie die Macht übernahmen, wurde sowohl Shamar Tulku als auch Karmapa das Ziel offizieller Einschränkungen und auferlegter Schwierigkeiten. Hundert Jahre später erfuhr die Kagyü-Linie dank der beträchtlichen Aktivität des 8. Tai Situ, eines weiteren nahen Schülers Karmapas, eine Wiederbelebung im fernen Kham. Weit entfernt vom inquisitorischen Blick der Regierungsminister und unter dem Schutz eines lokalen Königs, blühte Situ Rinpoches Kloster Palpung im Osten des Landes auf. Shamarpa - ein Meister der Logik, sowie ein Bruder des damaligen Panchen Lama, des zweithöchsten in der Gelugpa-Hackordnung - war entschlossen, den Erfolg, den Tai Situ in Kham errungen hatte, in Zentraltibet zu wiederholen. Da er jedoch von seinem Hauptsitz Yangpa Chen aus, der nur eine Tagesreise von Lhasa entfernt war, agieren mußte, besaß er wenig Handlungsfreiheit. Um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, tat er sich mit seinem Bruder zusammen. Der Panchen Lama, der selbst einen Groll gegen die Gelug-Politiker hatte, weil sie ihm den Thron Tibets verweigerten, war ein perfekter Verbündeter. Seit der chinesische Kaiser dem 5. Dalai Lama und seinem Königreich eine rotierende Monarchie aufgezwungen hatte, hatten die Panchen Lamas vergeblich darauf gewartet, die Zügel der Macht in die Hand zu bekommen. Die herrschenden Kräfte in der Hauptstadt beobachteten die neue Verbindung mit begründeter Besorgnis. Daß sich der zweithöchste Mann der Kagyüs mit einem Anwärter auf den Thron zusammentat, bedeutete eine direkte Herausforderung der Gelug-Herrschaft. Als dann die beiden Brüder Kontakt mit dem Raj in Indien aufnahmen und eine britische Delegation in Tashi Lhünpo, dem Hauptkloster des Panchen südlich von Lhasa, beherbergten, entschloß sich die Regierung zu handeln. Der Panchen Lama wurde mit einem Auftrag nach Peking versetzt, wo er auf mysteriöse Weise verstarb. Seines Bruders Schutz beraubt, floh Shamarpa nach Nepal und wurde sofort beschuldigt, ein Komplott gegen sein Land zu schmieden. Und obwohl er im Konflikt zwischen Nepal und Tibet vermittelte, waren seine Tage als berühmter Tulku gezählt. Als Kampf zwischen den beiden Himalaya-Staaten ausbrach, sah Tenpai Gönpo, ein einflußreicher Gelug-Minister, eine ideale Gelegenheit gekommen, um die Regierung und die „Gelbhut-Schule“ ein für alle mal von einem gefährlichen Rivalen zu befreien. Shamarpa wurde öffentlich für Tibets schmerzlichen Rückschlag in der militärischen Auseinandersetzung verantwortlich gemacht und zum Verräter erklärt. Bald darauf wurde es ihm offiziell untersagt sich wiedergebären zu lassen. Seine Klöster wurden übernommen und seine engsten Mitarbeiter gefoltert und getötet.

Als Opfer einer politischen Intrige ließ sich Shamarpa in den folgenden zweihundert Jahren unter der schützenden Obhut Karmapas heimlich wiedergebären. Die Mantras, die gegen seine Wiedergeburt rezitiert wurden, hatten wenig Effekt. Die Anordnung jedoch, die ihn aus den Augen der Öffentlichkeit verbannte, wurde streng durchgesetzt. Die Zentralregierung, die ihre politische Vorherrschaft schützte, stellte sicher, daß kein Shamar-Tulku formell anerkannt wurde. „Schwarz wurde weiß, das Wirkliche unwirklich. Zu dieser Zeit war es nicht machbar, irgendeinen Shamarpa anzuerkennen oder zu inthronisieren. Alles wurde geheimgehalten. Die Inkarnationen erschienen, wurden aber nicht offenbart.“ So kommentierte der 16. Karmapa diese schwierige Zeit.

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Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts brauten sich dunkle Wolken am Horizont Tibets zusammen. Nachdem die dekadente Manchu-Dynastie im Reich der Mitte von der Macht vertrieben worden war, und der Versuch einer Republik in einer mit den Japanern ausgehandelten demütigen Niederlage endete, ergriff in China 1949 ein noch viel unbarmherzigeres und repressiveres Regime die Macht. Die siegreichen Kommunisten, die neuen Herren in Peking, hatten eines mit ihren Vorgängern gemein: Die tiefe Überzeugung, daß Tibet ein wesentlicher Bestandteil Chinas sei. Sie besaßen jedoch weniger Skrupel und ein bedrohlicheres und fanatischeres menschliches Kraftpotential, um den jahrhundertealten Traum Pekings zu verwirklichen: die gewaltsame Vereinigung Tibets mit dem Mutterland.

Der dynamischen Persönlichkeit von Thubten Gyatso, dem 13. Dalai Lama, gelang es trotz allem, die Souveränität Tibets zu bewahren. Er war entschlossen, sich China vom Leib zu halten und reichte den Kagyüs und den anderen Linien eine Hand zur Zusammenarbeit. So wurde der 15. Karmapa nach jahrhundertelangem Ausschluß als Partner und Freund in Lhasa willkommen geheißen. Zum Wohle der nationalen Einheit wurden die harten Gesetze, die auf rivalisierende Schulen abzielten, gelockert. Auch Shamarpa profitierte vom neuen politischen Klima. Wenn auch der niederträchtige Bann gegen seine Wiedergeburt nicht aufgehoben wurde, wurde er doch während der Amtsdauer des 13. Dalai Lamas an der Seite Karmapas toleriert. Diese Nachsicht wurde aber nicht von allen gebilligt. Die ultrakonservativen Fraktionen, die die drei riesigen Gelug-Klöster von Lhasa vertraten, fanden es nicht weise, die anderen Linien als gleichwertig zu behandeln und unterliefen permanent die Bemühungen des Dalai Lamas, eine gemeinsame nationale Front sicherzustellen.

Während der auf den Tod Thubten Gyatsos im Jahre 1933 folgende Regentschaft und bevor Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, erwachsen wurde, fehlte dem Land eine starke Hand, um die Kräfte in den Griff zu bekommen, die Tibet in die moderne Welt zogen. Es wurden keinerlei politische Reformen durchgeführt. Das Land, schwach und militärisch unfähig, versuchte nicht einmal, eine einigermaßen moderne Truppe auf die Beine zu stellen, ebensowenig suchte es nach internationalen Sicherheitsgarantien. Blinder Glaube an die Dharmapalas, die buddhistischen Transformationen alter Götter Indiens und Tibets, die durch rituelle Anrufung dem heiligen Königreich in Zeiten der Gefahr beistehen sollten, wurden als ausreichender Schutz gegen einen Aggressor angesehen. Der kommunistisch-chinesische Aufmarsch in den späteren Vierziger Jahren an der östlichen Grenze bereitete der zentraltibetischen Regierung nur wenig Sorge und die Zeichen der sich anbahnenden Tragödie wurden weitgehend ignoriert. Statt dessen war die sektiererische Herrschaft in Lhasa wieder einmal damit beschäftigt, den drei anderen buddhistischen Schulen ihre Oberherrschaft aufzuzwingen.

Zu allem Unglück kam noch hinzu, daß diese Himalaya-Theokratie außerhalb des sino-mongolisch-indischen Dreiecks praktisch unbekannt war. Die freien Weltmächte hatten wenig Lust, sich mit China wegen irgendeiner entlegenen und verlassenen Gegend anzulegen. Dieser Mangel an Entschlossenheit kam Peking zugute und machte Tibet zu einer viel zu leichten Beute. Aber selbst wenn die tibetische Regierung in einer Anstrengung in letzter Minute ihre kleinlichen Rivalitäten abgeschüttelt und einen nationalen Widerstand organisiert hätten, wäre sie mit Sicherheit kein ernstzunehmender Gegner für die Volksbefreiungsarmee gewesen. Die bloße Größe des Angreifers wäre schon überwältigend gewesen. In typisch tibetischer Manier zeigte sich jedoch kein Erwachen des Volkes, und in seinen letzten Jahren erlebte das Land statt eines Aufrufs zu den Waffen vielmehr nur endlose Fehden und schließlich Verrat.

Als die kommunistischen Chinesen im Oktober 1950 Osttibet angriffen und anschließend das restliche Königreich infiltrierten und übernahmen, waren die Tibeter nicht auf der Hut. Unfähig oder nicht willens eine gemeinsame Front gegen den Angreifer zu errichten, blieb die tibetische Regierung auffallend passiv. Die einzig kampfbereiten - die Khampas - brauchten Waffen, die ihnen die herrschenden Kräfte nicht zu Verfügung stellten. Statt dessen wurden die Waffenlager in Chamdo, im Osten des Landes, auf Befehl des Regierungsbeamten und Verräters Ngabö in die Luft gejagt. Ohne den sich schnell nähernden chinesischen Truppen Widerstand entgegenzusetzen, sorgte Ngabö dafür, daß die Widerstandskämpfer im Osten ohne Waffen blieben. Von Lhasa im Stich gelassen, seiner militärischen Führung beraubt und ohne eine fähige Kampftruppe, fiel Kham in nur wenigen Wochen den Kommunisten in die Hände.

Die tibetische Regierung wiederholte 1951 ihre katastrophale Darbietung aus dem Jahre 1950 und unterzeichnete im Mai unter der Führung des sechzehnjährigen 14. Dalai Lama den umstrittenen Siebzehn-Punkte-Plan, in dem Tibet formal die chinesische Oberhoheit akzeptierte, wenn dem Land auch eine lokale Autonomie zugestanden wurde. Als sich 1959 die Bevölkerung von Lhasa endlich gegen die chinesische Armee erhob, konnte sie mit ihrem Kampf nichts mehr von dem rückgängig machen, was die Politiker bereits auf dem Papier verschenkt hatten. Der verzweifelte Aufstand wurde brutal niedergeschlagen und Tibet verschwand von der politischen Weltkarte. Die Kommunisten hatten jetzt freie Hand, um den Völkermord an der tibetischen Nation zu beginnen. Der junge Dalai Lama und seine engsten Begleiter flohen im letzten Moment, als die Chinesen die Hauptstadt besetzten. Seine Flucht setzte einen Massenexodus von Mönchen und Lamas über den Himalaya in Gang. Jahre zuvor hatte schon der 16. Karmapa, mit mehr Voraussicht, seine Leute auf die Flucht vorbereitet und erreichte wie geplant mit seinen vier engsten Schülern und anderen Tulkus das Königreich Bhutan im Ost-Himalaya.

Nachdem sie in Indien angekommen waren, befanden sich die Vertreter der vier Schulen plötzlich auf der gleichen Stufe. Die Macht der Gelugpas und die Vorherrschaft der zentraltibetischen Regierung hatten sich über Nacht verflüchtigt. Alte Fehden verblaßten im Vergleich zum Ausmaß der gegenwärtigen Katastrophe. Die vom Glück begünstigten Lamas, denen es gelungen war, die schwere Prüfung der chinesischen Invasion und die Qual einer Himalaya-Überquerung zu Fuß im Winter zu überleben, hatten nun die große Aufgabe, das, was sie von der Zerstörung Tibets hinübergerettet hatten, im Exil wieder aufzubauen. Beeinflußt durch die Freundschaft mit dem 16. Karmapa und weil er einsah, daß Zusammenarbeit nun lebenswichtig war, beschloß der 14. Dalai Lama den zweihundert Jahre alten Bann aufzuheben. Nach Jahrhunderten der Abwesenheit wurde Shamar Tulku wieder offiziell anerkannt, diesmal auf indischem Boden. Für einen Moment sah es so aus, als ob das Ausmaß des Desasters und der Status der verzweifelten Flüchtlinge in einem verarmten Land die Tibeter dazu zwingen würde, Vernunft anzunehmen und zusammenzuarbeiten.

Wie sich später jedoch herausstellen sollte, war nicht einmal der totale Zusammenbruch des Landes Unglück genug, um die kollektive Tendenz der Nation zum Streit zu beugen. Kaum hatte sich der Staub nach der Katastrophe wieder gelegt, wurden die Fehden der alten Tage in ihrer alten Inbrunst wieder aufgenommen. Das alte Lhasa-Regime, verborgen hinter seinem neuen Namen als „Tibetische Exilregierung“ und von seinem neuen Sitz in Dharamsala im West-Himalaya aus regierend, führte die alte Tagesordnung der Feindschaft gegen die anderen buddhistischen Schulen weiter. Die Mitglieder dieser illustren Gesellschaft nahmen mit dem gleichen fehlgeleiteten Enthusiasmus die Vorurteile, Rivalitäten und Kämpfe der Vergangenheit wieder auf. Insbesondere die Khampas galten als ernsthafte Bedrohung des neuen Bestrebens der Gelugpa-Administration: alle Exiltibeter zu vertreten und zu kontrollieren.

Gyalo Döndrup, der unverfrorene Bruder des Dalai Lama, beschloß, daß die beste Antwort auf Maos Invasion und die Zerstörung ihres Landes sei, Tibet und die tibetische Exil-Politik an die neuen kommunistischen Gegebenheiten anzupassen. Dreist schlug er vor, die alten buddhistischen Schulen und die ganze opulente religiöse Show abzuschaffen, und so die hohen Lamas auf den Boden der Realität zu bringen. „Keine Throne mehr, keine Rituale mehr und auch kein Goldbrokat“ soll er geäußert haben. Seine Worte pflanzten Ängste in die Herzen der Lamas. Als weitere Einzelheiten des ausgearbeiteten Planes bekannt wurden, war klar, daß ein Coup gegen drei der vier Schulen ausgeheckt wurde. Die neue religiöse Organisation, die die traditionellen Linien ablösen sollte, sollte von der Gelug-Hierarchie kontrolliert werden. Die besorgten Lamas eilten zu Karmapa und baten ihn um Hilfe.

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Nachdem Karmapa von der Herrscherfamilie eingeladen worden war, sich in dem Königreich Sikkim im Ost-Himalaya niederzulassen, gründete er 1961 das Kloster Rumtek. Es wurde bald zu einem wichtigen Studienzentrum und nahm eine zu Dharamsala gleichwertige Stellung ein. Seine zwei engsten Schüler - der wieder eingesetzte Künzig Shamarpa und der Tai Situ - sowie der frisch eingebundene Jamgon Kongtrul und Goshir Gyaltsab wurden unter seiner direkten Führung in dem neuen Kloster und Institut ausgebildet.

Obwohl sich Karmapa mit Bestimmtheit von tibetischer Politik fernhielt, zählte seine Stimme, was die Angelegenheiten dieser Region betrafen. Er wurde von verschiedenen Nationen des Himalaya hoch verehrt und für die Khampas war sein Wort Gesetz. Die kriegerischen Osttibeter wie auch eine Anzahl von Lamas, die unter den Druck der Exilregierung geraten waren, suchten an seiner Seite Beistand und Unterstützung. Die neueste Initiative Dharamsalas, alle Schulen in einer Organisation aufgehen zu lassen, bedrohte die Schulen in ihrer Selbständigkeit. Wenn dieser Schritt durchgeführt worden wäre, so hätte dies das Ende vieler einzigartiger buddhistischer Praktiken bedeutet, die jede Linie als ihre Besonderheit über Jahrhunderte bewahrt hatte. Da sie nicht das geringste Interesse daran hatten, von dem großen Bruder verschluckt zu werden, gründeten dreizehn große tibetische Siedlungen - überwiegend Flüchtlinge aus Kham - eine politische Allianz und wählten Karmapa zu ihrem spirituellen Oberhaupt. Ein mächtiger und oppositioneller Gegenpol zum Dalai Lama und der offiziellen Linie von Dharamsala war entstanden. Die neue Koalition wehrte sich erfolgreich gegen die Idee, die religiöse Vielfalt Tibets abzuschaffen, und schließlich mußte der irregeleitete Plan aufgegeben werden. Die Regierung aber konnte Karmapas kompromißlose Haltung in dieser Auseinandersetzung ebensowenig verzeihen, wie seine Mißachtung der Autorität des Dalai Lamas und so wurden die Kagyüs zur Zielscheibe geschmackloser Angriffe. Als 1976 Gungthang Tsultrim, der politische Führer der Allianz, ermordet wurde und sein Attentäter gestand, auf Anweisung der tibetischen Exilregierung gehandelt zu haben, lebten sich Rumtek und Dharamsala noch weiter auseinander. Die anfängliche Freundschaft zwischen dem Dalai Lama und Karmapa wurde unter den schmerzlichen Tatsachen begraben.

Angesichts Karmapas unabhängiger Stellung begannen Minister der tibetischen Verwaltung die Richtungsänderung der Politik des Dalai Lama gegenüber Shamarpa zu bedauern. Obwohl die Aufhebung des Bannes in hohem Maße nur eine leere Geste war - weder der Dalai Lama noch seine Regierung konnten in Indien Recht sprechen und Shamarpa brauchte nicht die Erlaubnis des tibetischen Führers, um im Ausland öffentlich auftreten zu können - führte die Entscheidung zu einem Aufschrei der Entrüstung. Über die Jahrhunderte hinweg waren sowohl Karmapa als auch Shamarpa in Regierungskreisen unbeliebt gewesen und die Vorgehensweise Lhasas vor zweihundert Jahren war als Sieg über die meuternden Kagyüs gefeiert worden. Karmapas große Bekanntheit und das plötzliche Wiederauftreten seines Hauptschülers wurde zur Bedrohung der politischen Ziele der Gelugs erklärt. Das Oberhaupt der Kagyüs und sein Hauptschüler wurden zu bitteren Feinden Dharamsalas.

Vom Dalai Lama als nominellen Herrscher aller Tibeter wurde erwartet, daß er über solchen Ränken und krankhaften Gedankengängen stand. Umgeben von Spielern mit einem ernsthaften Hang zur Verschwörung und im Versuch alle Parteien zufriedenzustellen, hatte er nicht mehr als seinen guten Ruf zur Verfügung. Um die Vorstöße der weniger vernünftigen Mitglieder seines Kabinetts zu stoppen, erklärte er von Zeit zu Zeit, er sei die letzte Inkarnation in der Linie der Dalai Lamas. Diese Strategie war für eine gewisse Zeit wirksam, dann aber griffen seine Politiker ihre Konfrontations-Taktiken wieder auf und konspirierten weiter gegen die anderen drei buddhistischen Schulen.

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Die Auseinandersetzung unter den Tibetern beschränkte sich jedoch nicht darauf, daß die Gelugs ihre Rivalen schikanierten. Es entstand auch unerwartet eine Opposition gegen Shamarpas Wiedereinsetzung, aus viel näheren Vierteln als den Regierungsgebäuden in Dharamsala.

In Tibet wurde jeder Tulku von der Geburt bis zum Tod von einem Stab professioneller Ratgeber und Diener umgeben und gepflegt. Leben für Leben behielten die Familien dieselbe Position um ihren Lama. Diese Gruppe wuchs an Größe und Bedeutung, bis de facto ein Hof entstand, der seinen Meister eng bedrängte. Persönlicher Ehrgeiz hatte hier eine weit größere Bedeutung, als man von Leuten erwarten würde, die einem spirituellen Meister dienten.

Die Inkarnationen der Karmapas, wie auch die seiner engen Schüler, hatten jeder ein derartiges Gefolge, dessen Mitglieder eifersüchtig ihren Platz in der Linienhierarchie hüteten. Als Shamarpa und sein Gefolge aus der Öffentlichkeit verbannt wurden, rückten die Gefolge anderer hoher Kagyü-Lamas, zusammen mit ihren Rinpoches, in der Hackordnung um eine Stufe nach oben.

Shamarpas plötzliche Rückkehr bedeutete ein Ende dieses behaglichen Standes der Dinge. Weil er seinen Platz als Hauptschüler Karmapas zurückforderte, wurde Situ Rinpoches Gefolge im Machtsystem um eine Stufe niedergezwungen. Noch unzufriedener waren die Anhänger Gyaltsab Rinpoches. Sie hatten sich in Tsurphu, Karmapas Hauptsitz in Tibet, mehrere Gebäude mit der Verwaltung Karmapas geteilt und jahrhundertelang Prozesse geführt, um ihr das Eigentum streitig zu machen. Da nun Shamarpa wieder zurück war und der 16. Karmapa Jamgön Kongtrul als den vierten in der Linie eingesetzt hatte, mußte sie sich nun mit der fünften Position begnügen.

Solche Ereignisse waren Sprengstoff in der traditionellen Gesellschaft Asiens. Nachdem sie ihren hohen Status 200 Jahre lang genossen hatten, wollten die Familien, die Tai Situ und Goshir Gyaltsab schützend umgaben, diese traurige Wende in ihrem Glück nicht hinnehmen. Shamarpa stand ihnen im Weg und so kam die Regierung in Dharamsala zu einem unerwarteten Verbündeten, um den höchsten Halter der Kagyü-Linie herauszufordern. Es wurde im allgemeinen angenommen, obwohl es nicht immer bewiesen war, daß die Rinpoches selbst über diesen machiavellistischen Ränken standen.

Solange Karmapa lebte, war er das unumstrittene Oberhaupt der Kagyü-Linie. Er kümmerte sich persönlich um die Erziehung von hohen Kagyü-Inkarnationen und sah in Rumtek - einem Zentrum für Studium, Meditation und Ritual - den besten Schutzschild gegen das Verschwinden der Lehre. Von Kindheit an wuchsen seine vier nahen Schüler unter seiner Obhut auf und erhielten Belehrungen und Ermächtigungen über den Schatz der Kagyü-Übertragung. Das gemeinsame Aufwachsen sollte sowohl die Verbindung zwischen den Tulkus stärken als auch eine gemeinsame Führung der Linie schmieden für die unvermeidliche Zeit, da Karmapa nicht mehr am Leben sein würde.

Gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Zeichen für einen zukünftigen Bruch zwischen Shamar und Situ Rinpoche? Hegte einer gegen den anderen einen heimliche Groll in diesen frühen Tagen in Rumtek? Tatsache war, daß sie nicht viel miteinander zu tun hatten, obwohl sie gemeinsam aufwuchsen. Sobald sich der überwiegende Teil der Flüchtlinge in Sikkim eingelebt hatte, wurde der junge Tai Situ - in seinem letzten Leben eine mächtige Persönlichkeit in Osttibet - sofort von seiner mittlerweile verkleinerten Verwaltung belagert. Die armen aber immer noch habgierigen Diener, die befürchteten, daß ihr junger Meister den Verlockungen des modernen Lebens erliegen könnte, boten ihm alle Arten von materiellen Komfort, hielten ihn aber in seinem Haus unter Verschluß. Von Kindesbeinen an aß der junge Tulku allein, spielte allein und saß - offensichtlich mit geringer Begeisterung - alleine vor seinen Büchern. Hinzu kam, daß die Tatsache völlig unterschiedlicher Herkunft von Shamarpa und Tai Situ auch nicht dazu beitrug, die Unterschiede zu überbrücken. Ersterer erfreute sich des Glanzes einer aristokratischen Abstammung und hatte Verbindung zu Karmapas Familie. Letzterer - stolz und gebieterisch in seiner vorangegangenen Inkarnation - trug den Makel, der Sohn eines Schmiedes zu sein - ein Beruf, der im alten Tibet dem eines Maulwurfjägers oder Metzgers gleichkam.

Wenn seine feine Ahnenschaft Shamarpa auch Grund zum Feiern gegeben haben mag, so setzten ihn die damaligen Bedingungen im Vergleich zu seinen Mitbrüdern in einen Nachteil. Während die drei anderen Tulkus mitten in ihr altes Gefolge aus Beratern und Dienern geboren worden waren, hatte Shamarpa während seiner zweihundertjährigen offiziellen Verbannung seinen ganzen Kreis von treuen Helfern verloren. Diese Situation verschaffte ihm ein ziemliches Maß an Freiheit und solange Karmapa zur Stelle war, um jeden Angriff auf seinen Hauptschüler abzuwehren, war die Situation nicht weiter beunruhigend. Sollte er jedoch einmal alleine dastehen und ein Konflikt auftreten, wäre Shamarpa - ungeachtet seiner Position als Hauptschüler - einem politischen Angriff gegenüber zweifellos verwundbarer, als seine drei Kollegen. Die Mitglieder von Situpas engstem Kreis hatten schon damit begonnen, in der neuen Heimat ihre eigenen Pläne zu schmieden. Sie verbündeten sich mit Gyaton Tulku - einem Lama, der Jahre zuvor von Karmapa nach Sikkim geschickt worden war, und der gegen die Anwesenheit Seiner Heiligkeit in dieser Enklave arbeitete - und versuchten, wenn auch erfolglos, ihre eigene Machtbasis in der Hauptstadt Gangtok zu errichten.

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Als im September 1970 die jungen Dänen Hannah und Ole in das noch nicht offen zugängliche Kloster Rumtek kamen, fanden sie ausgezeichnete Bedingungen für spirituelles Wachstum vor. Indische Bürokraten übertrafen sich darin, den Zugang nach Sikkim schwer und den Aufenthalt in der Gegend kurz zu machen, aber das Geschick des Paares, sie an der Nase herumzuführen, erwies sich als äußerst nützlich. An den sonnigen Hängen des Himalaya, die Tibet und Bhutan zugewandt waren, mischten die vier jungen Tulkus und andere Lamas ihren Geist mit der erleuchteten Essenz Karmapas und erneuerten so die Verbindung mit ihrem Lehrer, die viele Leben in die Vergangenheit zurückreichten. Unter Karmapas Schutzfeld blühte der Ort auf, und die gelegentlichen Gerüchte über Damcho Yongdu, den alten Generalsekretär, sein despotisches Temperament und sein mit eiserner Hand geführtes Regiment, waren nicht in der Lage, die echte Atmosphäre von Harmonie und Wachstum zu vertreiben.

Bevor er im Herbst 1981 starb, äußerte Karmapa den starken Wunsch, daß drei sehr wichtige Projekte vollendet werden sollten: das Nalanda Institut für höhere buddhistische Studien in Rumtek, das Dharma Chakra Zentrum in Neu Delhi und der Druck von 500 Exemplaren des Tengyur, einer umfassenden Sammlung von Kommentaren zu Buddhas Belehrungen. Das erste dieser Projekte kam unter die Beaufsichtigung von Jamgön Rinpoche, wohingegen das Vorhaben in Delhi, das später als das Karmapa International Buddhist Institut bekannt wurde, Shamar Rinpoches Bereich wurde. Der Druck des Tengyur, ein mühseliger und peinlich genauer, lang andauernder Vorgang, sollte ebenfalls in Delhi abgeschlossen werden.

So sollten bald einige der jungen Tulkus unter Karmapas Fittichen hervorkommen und ihre Kraft in der großen Welt erproben. Tai Situ hatte sich schon 1976 aus dem Kloster herausgewagt, bevor seine Ausbildung beendet war. Aber sein Wechsel in die westlichen Himalayas war offensichtlich voreilig und auch gegen den Willen seines Lamas gewesen. Immer wieder gab Karmapa Hannah und Ole im Vertrauen zu verstehen, daß Situ Rinpoche nach Sikkim zurückkehren und seine Ausbildung in der Sichtweise von Mahamudra, dem Großen Siegel - die letztendliche Sichtweise von der Natur der Wirklichkeit - beenden sollte. Aber es war nutzlos - Karmapas Appelle stießen auf taube Ohren und Situpa blieb viel länger in seinem freiwilligen Exil, als es nützlich war. Als er schließlich auftauchte, waren die Zeit und die Bedingungen für die Beendigung seiner Ausbildung vorbei. In einem seiner Briefe an seinen Lama wundert sich Situpa darüber, daß Karmapa sich weigerte, seine zahlreichen vorangegangenen Briefe zu beantworten. Es sah so aus, daß Seine Heiligkeit nach all den Jahren, in denen er seinen Herzenssohn gebeten hatte zurückzukehren, sich entschieden hatte, ihn nicht mehr in sein Kloster aufzunehmen. Und so blieb Situ Rinpoche, außer dem Aufenthalt während Karmapas Verbrennungszeremonie und einigen späteren Kurzbesuchen, Rumtek bis 1992 beständig fern. Als er dann im Mai dieses Jahres auftauchte, hatte er einiges mehr im Sinn, als nur den Wunsch, seine religiösen Pflichten zu erfüllen.

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Die ersten Zeichen einer sich in der Linie zusammenbrauenden Auseinandersetzung zeigten sich unmittelbar nach Karmapas Tod im Jahre 1981. Eineinhalb Jahre zuvor hatte Karmapa Hannah und Ole am Tag der Sommersonnenwende in Colorado den Zeitpunkt seines Todes anvertraut. Seinem Wunsch gemäß reisten das dänische Paar und hundert ihrer Freunde nach Sikkim und kamen in Rumtek kurz vor Karmapas Tod in Amerika an.

45 Tage später, am 20. Dezember 1981, führte die offizielle Verbrennungszeremonie mehrere tausend Anhänger Karmapas an seinem Hauptsitz zusammen. Bei diesem bedeutenden Ereignis rollte plötzlich - während Karmapas Körper, der zur Größe eines Babys geschrumpft war, von den Flammen verzehrt wurde - ein „blau-schwarzer Ball“ aus einer Öffnung der Verbrennungsstelle heraus. Er blieb an der nördlichen, nach Tibet gerichteten Seite des Verbrennungsplatzes liegen, wo Lopön Tsechu - Karmapas Vertrauter - und zwei andere Lamas standen. Dieses ungewöhnliche Vorkommnis rief große Aufregung und einige Spekulationen hervor. Niemand wußte genau, was man mit diesem mysteriösen Gegenstand anfangen sollte. Die verdutzten Lamas liefen zu Kalu Rinpoche, dem ältesten und mutmaßlich Weisesten in der Runde, um ihn um Rat zu fragen. Nachdem er den kniffligen „Ball“ eingehend untersucht hatte, nickte der alte Kalu in wissender Billigung, blieb aber genauso verwundert wie der Rest der illustren Versammlung. Alle schauten sich ratlos an und warteten hilflos auf eine Antwort. Mittlerweile meinten Leute, daß der Gegenstand einem menschlichen Organ ähnelte, weshalb ihn Lopön Tsechu an einer erhöhten Platz an der Seite des Verbrennungsstupa bringen ließ.

In diesem Augenblick tauchte Situ Rinpoche, mit Opferungen die in dem Feuer verbrannt werden sollten, aus dem angrenzenden Zimmer auf. Er bemerkte die Unruhe, hatte aber offensichtlich keine Ahnung, was da vor sich ging. Als er die verblüfften Gesichter um sich herum und den runden Klumpen, der sich hoch auf einer Stahlplatte befand, sah, nahm er den Teller und verschwand mit großem Pomp und Aufheben samt seinem neuen Besitz im Hauptaltarraum. Später am Abend brachte er, in weniger zeremoniellem Stil, den Gegenstand still in seinen Privatbereich und hielt ihn dort unter Verschluß.

Drei Tage später fand eine große Kagyü Konferenz in Rumtek statt. Als die älteren Lamas der Linie nebeneinander in der Halle des Institutes saßen, stand Situ Rinpoche auf und hielt vor der vornehmen Versammlung der traditionellen tibetischen Rinpoches eine Rede auf Englisch. Zuerst offenbarte er, daß das, was er da in seinem Zimmer in Sicherheit gebracht hatte, Karmapas Herz sei. „Das Herz flog aus dem nördlichen Tor des Verbrennungsfeuers und landete in meiner Hand“, bekannte er stolz und zeigte seine rechte Handfläche, damit alle sie bewundern konnten. „Nun gehört es mir“, sagte er schließlich. Daraufhin verkündete er, daß er in Sherab Ling, seinem Kloster im West-Himalaya, einen ungefähr einen halben Meter hohen Stupa aus Gold bauen wolle, um die kostbare Reliquie darin zu beherbergen. Die Lamas schauten den sie in Englisch ansprechenden Situ Rinpoche teilnahmslos an, denn sie konnten kein einziges Wort verstehen. Die wenigen Westler, die da waren, starrten ihn mit Befremdung an. Zufrieden musterte Situ Rinpoche die schweigende Versammlung und nahm wieder Platz. Er zeigte nicht die geringste Neigung, seine historische Botschaft auch noch auf tibetisch zu verkünden. Warum er sich dafür entschieden hatte, die Rinpoches mit dieser bedeutenden Bekanntmachung in einer Sprache aufzuklären, die diese nicht verstanden, war ein Mysterium.

„Rinpoche, Ihr solltet Tibetisch reden“, ertönte Shamarpas Stimme durch den vollen Raum. Shamar Tulku, der nicht über das Treffen informiert worden war, kam mitten in der Predigt seines Kollegen, gerade rechtzeitig, um mitzuhören, wie das Herz aus der Verbrennungsstupa in Situpas Hand gesegelt sei. Er hatte wohl sofort erkannt, daß Tai Situ die wertvolle Reliquie nach Sherab Ling mitnehmen wollte und keiner ihn daran hindern würde. Die älteren Lamas, die eine Erklärung in einer fremden Sprache erhalten hatten, würden hübsch im Dunkeln gehalten. Ohne Zeit zu verlieren, lud Shamarpa seinen Kollegen freundlich ein, auf Tibetisch zu wiederholen, was er eben zuvor auf Englisch erklärt hatte. Mit sichtbarem Unbehagen erhob sich Situ Rinpoche zum zweiten Mal. „Shamar Rinpoche hat mich zu Recht daran erinnert, daß ich das Tibetisch vergessen habe“, bestätigte er und erzählte die Geschichte noch einmal in seinem Heimatdialekt.

Hier folgte der Auftritt Damcho Yongdus, des kampflustigen alten Generalsekretärs von Rumtek. Der plötzliche Aufstieg Situpas zum Wächter von Karmapas Herz, war offensichtlich für ihn genauso neu wie für den Rest der Versammlung. Unbeeindruckt von der voreingenommenen Version der Vorgänge bei der Verbrennungszeremonie und auch nicht in der Stimmung, diese ungewöhnliche Reliquie aus Rumtek entwischen zu lassen, erklärte Damcho Yongdu kühn, daß das Herz niemandem in die Hand geflogen sei und schon gar nicht in Situpas. Dann sammelte er seine Kräfte, um Sherab Lings Anspruch entgegenzutreten. Im Namen der Rumtek-Verwaltung versprach er - falls nötig - Gelder bereitzustellen, um einen eineinhalb Meter hohen goldenen Stupa zu errichten. Als Verwalter von Karmapas Sitz bestand er fest darauf, daß alle Gegenstände, die mit dem Wohlstand und dem künftigen Wohlergehen der Linie zu tun hätten, gemäß Karmapas Wunsch in Rumtek bleiben sollten. Ohne auf weitere Überraschungen zu warten, führte der alte Mann eine Prozession zu Situpas Zimmer und holte die Reliquie schnell aus dem Regal. Sein entschlossenes Handeln, klares Urteilen und sein entschiedenes Überbieten von Situpas Angebot retteten den Tag. Karmapas Herz durfte in Rumtek bleiben und auf den versprochenen goldenen Stupa warten, der es beherbergen sollte. Wie sich später herausstellen sollte, hielt Damcho Yongdu sein Versprechen. Heute beherrscht eine Stupa aus Gold, wenn auch nur dreißig Zentimeter hoch, Rumtek vom ersten Stock des Klosters aus.

Das Störende an der Sache war nicht so sehr das Tauziehen um Karmapas Herz. Das war angesichts der besonderen Bedeutung der Reliquie eher verständlich. Vielmehr war es die bewußte Verzerrung der Tatsachen durch einen ehrwürdigen Linienhalter. Situ Rinpoches Version der Ereignisse war bestenfalls eine vage und trübe Darstellung der Wahrheit und hatte klar den guten Willen und die Vorstellungskraft der Anwesenden bis an die Grenzen strapaziert. Wie Augenzeugen Jahre später berichteten, war der einzige Grund, warum das Herz in Situpas Hände gelangte, der, daß er es sich von der Seite des Stupa geschnappt und sich ungehindert damit davongemacht hatte.

Noch störender war die Tatsache, daß Situpas Anhänger es zuließen, daß dieser deutliche Betrug ungehindert weiterwuchs. Nach jahrelangen Kampagnen und Agitationen erlangte die Geschichte, wie Situpa prophetisch die Reliquie erhalten und weggetragen hatte, den Status eines heiligen Beweises, daß er nämlich der von Karmapa persönlich Auserwählte sei, um dessen nächste Inkarnation aufzufinden. Ein derartiger Bruch mit den Tatsachen schuf einen gefährlichen Präzedenzfall und bestimmte fortan den Ton für große Teile der Verständigung an der Spitze der Linie. Zu diesem Zeitpunkt jedoch wagte niemand, einen hohen Lama der Lüge zu bezichtigen. Das war - noch - nicht möglich.

Da es ihm nicht gelungen war, Karmapas Herz zu bekommen, bat Situ Rinpoche statt dessen um die Praxistexte Karmapas. Er argumentierte, daß sein Kloster einen besonderen Segen seines Lehrers brauche und solch ein Buch, das Karmapa jeden Tag gelesen hatte, sei genau das, wonach er gesucht habe. Diesmal war der alte Sekretär auf der Hut. Wie dem Autor dieses Buches Jahre später von Shamarpa in einem Interview enthüllt wurde, wehrte sich Damcho Yongdu sehr stark gegen Situpas neue Laune. „Rinpoche, gib ihm das Buch nicht“, sagte der Mann zu Shamarpa, „er wird damit einen falschen Vorhersagebrief über den nächsten Karmapa produzieren.“ Die Beschuldigung klang ziemlich übertrieben, wenn nicht sogar total verrückt. Dennoch kam Tai Situ mit seinen Bemühungen nicht weiter und mußte schließlich Rumtek mit leeren Händen verlassen. Karmapas Eigentum blieb an seinem Sitz.

Wie wenn sie einer inneren Stimme folgten, begannen gleich nach der Konferenz eine Anzahl unzufriedener Diener, Situpa in den Ohren zu liegen. „Shamarpa hat so ein verschlagenes Spiel mit dir während der Konferenz gespielt“, flüsterten sie. „Er hat dich schwer betrogen! Shamar Rinpoche ist zu schnell für dich“, und so weiter. Sie schlugen einen neidischen Ton an und vergaßen dabei völlig, daß es niemand anderer als ihr eigener Meister war, der tatsächlich versucht hatte zu betrügen.

Es war nicht sofort klar, ob und wie weit Situpa solch entzweiendem Gerede Glauben schenkte, aber das weitgestreute Gerücht, Shamarpa hätte einen schmutzigen Trick mit ihm gespielt und ihn ganz leicht überlistet, muß am Ende in seinem Herzen Fuß gefaßt haben. Wie die bevorstehenden Ereignisse beweisen sollten, war der Samen für Streit gesät und von da an betraten die beiden Hauptschüler Karmapas, ob mit Absicht oder nicht, entgegengesetzte und bald verfeindete Wege.

KAPITEL 3

Die Spaltung

Die unmittelbar auf Karmapas Tod folgenden Monate und Jahre bescherten seinen Schülern ein Gefühl von Verlust und tiefstem Kummer. Gleichzeitig wurde der Abschied ihres Lehrers für einige im Westen zu einer großen Quelle für Energie und Selbstvertrauen. An der östlichen Front begannen jedoch einige Rinpoches, trotz des vorherrschenden Kummers, langsam und vorsichtig mit Rumtek zu brechen. Obwohl sie ihren Ruhm außerhalb Tibets Karmapa zu verdanken hatten, erwies sich die Sehnsucht nach ihrer alten Heimat als eine stärkere Kraft als Vernunft und Treue ihrem Lehrer gegenüber. Zurückblickend konnten sie sich noch gut daran erinnern, wie jeder hohe Tulku - der absolute Herr seines Klosters - seine Macht über benachbarte Täler ausweitete und oft unbestritten über ganze Gebiete des Landes herrschte. Ihre derzeitige Lage war nur noch ein Schatten des alten Glanzes. Sie gaben dem Verlangen nach, solche kleinen Königreiche zu neuem Leben zu erwecken und so schmiedeten die ausgewanderten Lamas Pläne für ihre eigene hierarchische Organisation im Exil. Dieses Vorhaben muß aus der verzweifelten Sehnsucht nach der alten Ordnung und der grundsätzlichen Verkennung der neuen Realität außerhalb Tibets entstanden sein.

Ob hoch oder niedrig, jung oder alt, die meisten tibetischen Lamas zeigten diese blinde Neigung, ihre alten Machtstrukturen in der neuen fremden Umgebung zu kopieren. Gleichzeitig zeigten sie einen unbezähmbaren Appetit auf Teile der Arbeit des jeweils anderen. Beispiel hierfür sind die krampfhaften Versuche mehrerer Kagyü-Lehrer, sich ein Stück von Karmapas Kuchen abzuschneiden, indem sie enthusiastisch vorgaben, in seinem Namen zu arbeiten. Das verdeutlichte auch der gelehrte Thrangu Rinpoche, der seine eigenen „Thrangu-Ling“-Gruppen in Hongkong und Malaysia aufbaute.

Nachdem sie, nach mehr als ein Dutzend Jahren der Arbeit mit Tibetern, kritisch geworden waren, begannen Hannah und Ole allmählich, sich sowohl gegen diese Wiederbelebung traditioneller Sitten und Politik des Himalaya, als auch gegen den Aufbau klösterlicher Gruppen in den neu gegründeten buddhistischen Zentren des Westens zu wehren. Sie stellten sich auch gegen all jene Leute, die versuchten, sich Karmapas Erbe zu bemächtigen. Die Einheit der Linie, frei von kulturellem und klösterlichem Ballast, war in Oles Augen der Schlüssel für eine glaubwürdige Aufnahme des Buddhismus in der westliche Gesellschaft. Jeder eventuell erfolgreiche Versuch, das alte Tibet zu importieren würde aus dem neu im Westen angekommenen Buddhismus eine exotische und unwichtige vorübergehende Laune machen.

In dieser wichtigen Aufgabe mußte sich das dänische Paar bereits 1977 von einem herausragenden Lehrer und dessen Organisation trennen - dem alten und überall respektierten Kalu Rinpoche. Ausgestattet mit einem eindrucksvoll trockenen Humor, starkem Willen und kraftvollem Charisma, war Kalu Rinpoche ein früher Zugang zum Westen gelungen. Auf Karmapas Bitte hin organisierten Hannah und Ole seine Programme und fuhren den patriarchalischen Lama und seine aus bhutanesischen und sikkimesischen Mönchen bestehende Begleitung anfangs und Mitte der siebziger Jahre durch Europa. Die Vision, der Kalu Rinpoche folgte, war jedoch die eines verbohrten Traditionalisten. Er konnte nicht einsehen, daß sich die westliche Gesellschaft grundsätzlich von seiner Heimat Tibet unterschied und zwang den aufstrebenden Buddhisten unbeirrt einen harten klösterlichen Stil auf. Alle seine asiatischen Mönche, ob sie nun qualifiziert waren oder nicht, wurden schnell zu ortsansässigen Lamas befördert, alle seinen nahen Schüler wurden gleich in Roben gekleidet und alle seinen Zentren nahmen in Kürze die heilige und erstickende Atmosphäre einer Kirche an.

Heute jedoch, während des Schreibens dieses Buches, wirkt Kalu Rinpoches kompromißloses Bestehen auf klösterliche Gelübde und sein stures Beharren auf dem Zölibat ziemlich hohl, wenn nicht sogar völlig unehrlich. Im Herbst 1996 schockierte June Campbell, eine ehemalige Übersetzerin und nahe westliche Schülerin des ehrenwerten Lamas, die buddhistische Gemeinde im Osten wie auch im Westen. Sie offenbarte, daß sie in all den Jahren, in denen sie als Mitglied seiner Begleitmannschaft gereist war, Rinpoches Geliebte gewesen war. In ihrem Buch “Traveller in Space” (*FN: „Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen“) zeichnet sie ein sehr kritisches Bild vom klösterlichen System Tibets und erklärt, daß sie sich heute von dem berühmten Lama sexuell ausgebeutet und getäuscht fühle. Wahrscheinlich ist sie nicht die einzige. Nach ihrer Enthüllung dürfte sich wohl eine ganze Menge von Kalus Schülern, wenn auch nicht sexuell mißbraucht, so doch zumindest von ihrem alten Lehrer betrogen fühlen. Es ist natürlich überhaupt nichts falsch daran, als Praktizierender des tibetischen Buddhismus Partner zu haben. Viele Lamas entschieden sich für eine Gefährtin und das hochentwickelte Zölibatsystem war nur ein notwendiges Übel, um den Strapazen und der Mühe eines Familienlebens in Tibet zu entgehen. Es war auf keinen Fall die absolut notwendige Voraussetzung für die Erleuchtung. Immerhin stellt die Vereinigung männlicher und weiblicher Aspekte die letztendliche Erkenntnis auf der höchsten, der Diamantwegsebene dar.

Hätte Kalu Rinpoche sich entschlossen, offen zu seiner Freundin zu stehen, wäre er ganz sicher ein ebenso anerkannter, wenn nicht sogar noch beliebterer Lehrer geblieben. Warum also errichtete er eine so irreführende Mauer um sein Privatleben? Unglücklicherweise bewirkt dieses Verhalten, daß er wie ein Heuchler aussieht und stellt ihn so auf dieselbe Stufe wie die Prediger, die eine Wahrheit predigen, aber einer anderen folgen. Viele bezeichneten Campbells Anschuldigungen als bloße Dichtung von jemandem, der gierig darauf war, auf Kosten eines verstorbenen Lamas zu Ruhm gelangen. Diejenigen, die Rinpoche durch Europa fuhren und Campbell unter ihrem tibetisch-buddhistischen Namen Yeshe Khandro kannten, sind jedoch geneigt, ihrer Geschichte Glauben zu schenken. Damals wirkte sie absolut aufrichtig und todernst - am Rande der Langeweile - ihrer Arbeit völlig ergeben und vollkommen unfähig, auch nur einen unschuldigen Witz zu machen - geschweige denn, eine Intrige solchen Ausmaßes anzuzetteln. Sie war mit Sicherheit kein Mädchen, das einer Lüge fähig war!

Damals in den Achtzigern verkörperte Kalu Rinpoche noch das Bild heiliger Tugend und Enthaltsamkeit. Seinen Lamas aus dem Osten und seinen zumeist französischen und amerikanischen Anhängern, die versuchten sein Vorbild nachzuahmen, obwohl es ihnen sowohl an Charisma als auch an meditativen Fähigkeiten und Einsicht fehlte, gelang es mit großem Erfolg, jegliche Vorstellung zu vernichten, daß Buddhismus in Wahrheit ein freudvolles System ist. Statt dessen schufen sie ein Netzwerk von steifen, humorlosen und traditionellen Zentren. Rinpoches beeindruckende Persönlichkeit hauchte seiner leblosen Organisation ein wenig Energie ein und frischte die vorherrschende fromme und dumpfe Laune etwas auf. Das Image wurde jedoch durch sexuelle Skandale ziemlich getrübt, in die damals seine asiatischen Mönche erst in Frankreich und später in Vancouver, San Francisco und New York verwickelt waren. Das Erbe, das er hinterließ, stand in starkem Kontrast zu seiner Verwirklichung, denn es wirkte staubig und uninspirierend und blieb ohne jede Verbindung zur modernen Zeit. Wenn der Buddhismus jemals die westliche Kultur beeinflussen sollte, so würde dies sicher nicht den klösterlichen und völlig tibetisch orientierten Gruppen, die Kalu Rinpoches Namen trugen, gelingen.

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1982 starb Damcho Yongdu, der Generalsekretär von Rumtek. Er war eine schillernde Persönlichkeit und die Verkörperung der alten Ordnung. Sein autokratischer Stil und sein stürmisches Temperament verschafften ihm selbst bei den härtesten und konservativsten Khampas nur wenig Anhänger. Während Karmapas Abwesenheit gab es unter den Kagyüs nur wenige, die besser dafür gerüstet waren, die Schule in Einklang mit den Anforderungen des 20. Jahrhunderts zu bringen als Topga Yulgyal, ein Meister der Meditation, der seine Fähigkeiten noch in Tsurphu erlangt hatte. Er war 1968 von Karmapa zum nächsten Generalsekretär ernannt worden, hatte bereits den bitteren Beigeschmack eines öffentlichen Amt gekostet und übernahm nach dem Tod Damcho Yongdus formal dessen Geschäfte.

Die Zustände die dieser in Rumtek hinterlassen hatte, grenzten an Chaos. Damcho Yongdu war niemandem Rechenschaft schuldig gewesen, hatte absolute Macht ausgeübt und wie ein König geherrscht, der er ja auch war. Er kümmerte sich wenig um die Meinung seiner Mitarbeiter und noch viel weniger um jene von Karmapas Anhängern. Ein zeitgemäßer Führungsstil, der eine strenge Kontrolle der ausübenden Amtsgewalt beinhaltet, war für seine mittelalterliche Denkweise eine fremde Vorstellung. Da er eine Abneigung gegen öffentliche Aufzeichnungen hegte, vermied er auch nur die geringsten Art von Buchführung und hielt alle finanziellen Angelegenheiten von den Augen der Förderer des Klosters fern. Als das Nachfolgeteam an die Familie des ehemaligen Generalsekretärs herantrat, um die Vermögenswerte Rumteks zu übernehmen und die Finanzberichte zu überprüfen, kam es zu einem riesigen Skandal. Von seinen Helfern flankiert, zeigte sich Topga Yulgyal an der Tür des imposanten Hauses seines Vorgängers in der Absicht, die Kontrolle über den Schatz zu übernehmen. Das neue Team war gespannt darauf, einen Blick auf Karmapas Mittel zu werfen, die der verstorbene Sekretär bis dahin alleine verwaltet hatte. Rumtek war im Laufe der Jahre zu einer umfangreichen Institution gewachsen und brauchte jeden Tag eine ziemliche Menge Bares, um über Wasser gehalten zu werden. Die gegenwärtige Verwaltung hatte keine Zeit zu verlieren - das Geld war unentbehrlich.

Nach zehn Minuten langen Wartens tauchte endlich die Witwe des verstorbenen Sekretärs aus dem Haus auf und übergab feierlich eine kleine aber teuer aussehende Schatulle. Als weitere Minuten verstrichen waren und es offensichtlich wurde, daß diesem bedeutenden Gegenstand nichts mehr folgen würde, wagten die neuen Verwalter einen Blick in die Schatulle und entdeckten zu ihrer völligen Überraschung die “atemberaubende” Summe von 30.000 indischen Rupien. (*FN: In diesen Tagen ca. US$ 2000.- ) Die Situation grenzte an Absurdität. Das sei alles was es gäbe, behaupteten die ehrenwerten Verwandten. Nicht eine einzige Rupie mehr. Ansonsten wären die Truhen leer. Damcho Yongdus Witwe heuchelte Unwissenheit und Unverständnis. In keiner Weise überzeugt starrten die geschockten Verwalter auf die Handvoll Banknoten und erkannten plötzlich, daß sich Rumtek am Rande des Bankrotts befand. Mit diesen Reserven von rund 30.000 Rupien und einer kleinen Schatulle konnten sie den Klosterbetrieb vielleicht noch für einige Stunden weiter aufrecht erhalten. Das große Projekt in Delhi, das gerade begonnen worden war, benötigte auch eine ernstzunehmende Finanzspritze. Riesige Rechnungen türmten sich auf. Und zu allem Überfluß drohte die Indische Regierung, sowohl Karmapas Besitz in Delhi als auch jenen in Sikkim zu besteuern. Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation schienen sich die finanziellen Mittel Seiner Heiligkeit in Luft aufgelöst zu haben. Nicht in der Absicht seinen Vorgänger zu beschuldigen er hätte den Schatz geplündert, begann der neue Sekretär dennoch Nachforschungen nach dem verschwundenen Kapital zu machen. In seinem Bemühen, Karmapa zu dienen, hatte der alte Mann wohl sein privates Geld mit dem öffentlichen vermischt, unglücklicherweise zum schmerzvollen Nachteil des letzteren. Somit wurden der junge Pönlop Rinpoche, Damcho Yongdus Sohn, und die ganze Familie zum Gegenstand einer öffentlichen Untersuchung.

Mit der Absicht, eines Tages alle praktischen Angelegenheiten, die das Funktionieren der Linie betrafen, in die Hand einer gemeinnützigen Organisation zu legen, hatte der 16. Karmapa 1961 den Karmapa Charitable Trust gegründet. Dieser Verein war in Indien registriert worden und sollte ganz nach indischem Recht arbeiten. Von Karmapas Tod an bis zu dem Zeitpunkt, da seine 17. Inkarnation das 21. Lebensjahr erreicht haben würde, war der Karmapa Charitable Trust automatisch zur höchsten legalen Autorität geworden, die die Linie vertrat, genau so, wie es im Vertrag des Trusts besonders angeführt war. Es gab jedoch in Sikkim nur wenige, die sich an die Existenz dieses Trusts erinnerten. Nach dem Tod Seiner Heiligkeit wurde Rumtek mit der alter Laschheit und Unklarheit des alten Tibet weitergeführt. Karmapas überwachende Stiftung blieb eine noble Absicht auf dem Papier.

Jetzt, da der alte Sekretär nicht mehr da war und die Finanzkrise sich sowohl in Rumtek als auch in Delhi abzeichnete, erinnerte sich die neue Verwaltung plötzlich an den ruhenden Trust. Die gemeinnützige Organisation zum Leben zu erwecken würde die Linie vor der bevorstehenden Steuerzahlung an den indischen Staat befreien und sie ebenfalls vor einem neuerlichen Betrug schützen. Rumtek konnte nicht länger wie ein privates Herrschaftsgebiet verwaltet werden, wo die Vernachlässigung von offiziellen Aufzeichnungen und die Geringschätzung einer überwachenden Einrichtung die Norm waren. Die Finanzpolitik mußte an die modernen Richtlinien zur Leitung von wohltätigen Einrichtungen angeglichen werden. Um diese Regeln zu erfüllen, mußten die neuen Verwalter für jede ausgegebene Rupie Rechenschaft ablegen. So brachte das plötzliche Verschwinden der Finanzmittel Rumtek nicht nur an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, es drohte auch eine Kraftprobe mit den indischen Bürokraten.

Topgas Untersuchung dessen, was verdächtig nach Betrug aussah und sein Bemühen, die verlorenen Finanzmittel zurückzubekommen, gefielen der Familie des verstorbenen Sekretärs nicht sonderlich. Es war nicht ganz klar, ob die mächtigen Verwandten nur den guten Ruf des Verstorbenen schützen wollten, oder ob sie obendrein auch das fehlende Vermögen versteckt hielten. Auf jeden Fall behinderten sie gleich von Beginn an die Untersuchungen und standen der Idee, Karmapas Geld zu retten, völlig feindselig gegenüber. Bald, nachdem Topga Rinpoche seine Untersuchung begonnen hatte, verschwand die Witwe, die Führerin des Familienclans, komplett von der Bildfläche. Als sie unerwartet in Woodstock, Karmapas Zentrum nördlich von New York, verheiratet mit ihrem alten Freund und Liebhaber Tenzin Chonyi wieder auftauchte, mußte die Untersuchung gegen ihre Verwandten eingestellt werden. Karmapas Vermögen war nirgends zu finden. Die mächtige Familie jedoch wollte Topgala dessen unerbittliche Haltung nicht verzeihen. Der neue Sekretär wurde zu ihrem Todfeind und sein guter Name von da an sowohl in Asien als auch in Amerika durch den Dreck gezogen.

In der Zwischenzeit wurde Topgalas Beharren, die Besitztümer Seiner Heiligkeit nach den neuen Richtlinien zu verwalten, zur Ketzerei erklärt. Auch sein standhaftes Eintreten gegen die übliche Praxis, Tulku-Titel gegen politische Loyalität einzutauschen, brachte ihm seitens der herrschenden Kräfte in Sikkim nur wenig Sympathie. Auslöser war seine Weigerung, den neuen Gyaton Tulku in Rumtek aufzunehmen. Der alte Gyaton war wegen seines erbitterten Widerstands gegen Karmapas Anwesenheit in Sikkim berüchtigt gewesen. Solches Benehmen war gleichermaßen unverständlich wie undankbar, nicht zuletzt, weil Karmapa selbst Gyaton 1954 zu einem bequemen Posten in Gangtok - der Hauptstadt Sikkims - verholfen hatte. Als er dem Tod näher kam, mußte der alte Lama wohl erkannt haben, daß er sich in seinem Leben schwer geirrt hatte, und so erklärte er, bevor er 1969 starb, der Letzte der Gyatons zu sein. In Zukunft würde es keine Gyaton-Inkarnationen mehr geben. Einige Zeit nach seinem Tod traten Gyatons Diener mit der Bitte an Karmapa heran, er möge schauen, ob ihr Meister nicht doch vielleicht irgendwo wiedergeboren worden sei. Karmapas Antwort war eindeutig: „Gyaton Tulku ist nicht wiedergeboren. Es gibt niemanden zu erkennen.” 15 Jahre später, im Jahre 1983, lieferte Situ Rinpoche seinen Beitrag zur Geschichte der Gyatons. Ohne irgendeine Ankündigung und ungeachtet der Zeit, die vergangen war, stellte er auf einmal den neuen Gyaton der sikkimesischen Öffentlichkeit vor. Der junge Tulku war zufällig ein Abkömmling der Martangs, einer bekannten örtlichen Familie, die bis zu diesem Zeitpunkt starke Unterstützer des 16. Karmapa gewesen waren.

Da er kein Mann der faulen Kompromisse war, wollte Topga Yulgyal nicht in etwas hineingezogen werden, was nach Betrug roch und so blieben die Türen Rumteks für diese zweifelhafte Inkarnation verschlossen. Tief getroffen wandten sich die mächtigen Martangs von Karmapas Hauptsitz ab und verwandelten sich von überzeugten Fürsprechern zu grollenden Feinden Rumteks. Tai Situ wurde der neue Lama der Wahl. Unglücklicherweise verminderte sich mit der Zeit weder der Groll der Familie gegen Rumtek noch die leidenschaftliche Verehrung Situ Rinpoches. In den folgenden Jahren versuchten die Martangs, wenn auch erfolglos, sich in die Angelegenheiten Rumteks einzumischen und der Kagyü-Hierarchie ihren Tulku-Sohn und Emporkömmling aufzuzwingen. Im Jahre 1993, als Krönung ihrer zehn Jahre dauernden Opposition gegen Karmapas Sitz, waren sie Situ Rinpoche behilflich, Rumtek zu übernehmen. Der alte Groll und die Gefälligkeiten durch das Hintertürchen waren nicht in Vergessenheit geraten.

Bereits 1983 hatten andere konservative Kagyü-Clans, die unter keinen Umständen bereit waren, zugunsten moderner Werte wie Transparenz und Verantwortung auf ihre Privilegien zu verzichten, beschlossen, gegen den Generalsekretär vorzugehen. Deswegen wurde der neue Leiter Rumteks genau bei den Leuten äußerst unpopulär, die am meisten von den alten, undurchsichtigen Vorgangsweisen profitiert hatten.

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Topga Rinpoche wurde von allen Seiten bedrängt und mußte in einer feindseligen Umgebung agieren, er sollte aber bald einen verläßlichen Verbündeten finden.

Beim großen Kagyü-Treffen nach Karmapas Verbrennung im Jahre 1981 schlug der alte Generalsekretär vor, daß die zwei bedeutendsten Schüler Karmapas, Künzig Shamarpa und Tai Situpa, sowie Jamgön Kongtrul und Goshir Gyaltsab, während Karmapas Abwesenheit zusammen an der Spitze der Linie stehen sollten. Jeder sollte für eine dreijährige Periode die Verantwortung übernehmen und Shamarpa sollte der erste sein. Die vier Linienhalter - wie man sie mittlerweile allgemein nannte - wurden ebenfalls gemeinsam mit der Aufgabe betraut, die 17. Inkarnation Karmapas aufzufinden. Vom historischen Standpunkt aus betrachtet war dieser Plan eine völlige Neuheit. Eine Gruppenherrschaft hatte es noch nie in der Kagyü-Tradition gegeben. Genauso neu und ungewöhnlich war, daß eine vierköpfige Gruppe damit beauftragt wurden, sich um die Anerkennung des 17. Karmapa zu kümmern. Wie auch immer, die Rinpoches akzeptierten den Vorschlag.

Es entstand jedoch der Eindruck, daß dieses Abkommen nicht den Ehrgeiz von allen befriedigte. Shamarpas wiedererlangte Bekanntheit war geradewegs eine Herausforderung der Personen um Situ und Gyaltsab Rinpoche, die nicht im mindesten gewillt waren, ihre Macht mit einem “Neuling” zu teilen. Seit Karmapas Tod hatten aufgebrachte Machtsuchende immer wieder versucht, dem obersten Linienhalter den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Der krampfhafte Versuch, Karmapas Herz von Rumtek zu entfernen, war nur das erste Beispiel einer Reihe von Versuchen, Shamarpas Position zu untergraben.

Im Sommer 1983 willigte Kalu Rinpoche ein, die Rinchen-Terdzö-Einweihung, eine Übertragung der höchsten Belehrungen Guru Rinpoches (*FN: Indischer Meister, der den Buddhismus nach Tibet brachte), zu geben. Einweihungen dienten als eine einzigartige Methode, um die Kontinuität der Belehrungen in Tibet zu bewahren. Es ist eine Zeremonie, in der der Schüler mit einem bestimmten Buddha-Aspekt vertraut gemacht wird. Ein verwirklichter Meister gab sie an strebsame Schüler weiter, die dann zu Haltern dieser Praxis wurden und somit die Möglichkeit hatten, sie eines Tages voll zu entwickeln und sie an andere weiterzugeben. Das soll aber nicht heißen, daß die Massen, die einen Klosterhof bevölkerten um eine Einweihung zu erhalten, alle ernsthafte Praktizierende waren, die nur darauf warteten, ein spirituelles Ziel zu verwirklichen. Der allgemeine Tibeter kämpfte zwar am Ende jeder Zeremonie hart um einen Segen des Lamas, weiter reichte seine religiöse Begeisterung bei solchen Anlässen aber nicht.

Da in den alten Tagen einige sehr beliebte Einweihungen leicht die Menge von mehreren tausend Menschen anziehen konnten, war es nicht ungewöhnlich, daß ein Kloster seinen Hauptlama dazu ermutigte, die heiß begehrte Einweihung zu erhalten, um sie dann später selbst zu vollziehen. Immerhin war schon ein Heer von ein paar hundert Pilgern eine gute Einnahmequelle für ein Kloster. Solche praktischen Schlußfolgerungen gingen nicht völlig verloren, als sich die Tibeter auf indischem Boden niederließen. Das Leben der Flüchtlinge brachte neue, unbekannte Plagen mit sich und oft verließ sich eine Gruppe verzweifelter Mönche, versetzt in eine feindliche Umgebung, einzig und allein auf das spirituellen Können ihres Meister um zu überleben.

1983, fast 25 Jahre nach ihrer Flucht aus Tibet, war das bloße Überleben für die meisten Tibeter kein Thema mehr. Nachdem kurz zuvor reiche Geldgeber aus dem chinesischen Südostasien die Szene betreten hatten, witterten die hohen Rinpoches und ihr Troß plötzlich großen Wohlstand. Als dann die reichen chinesischen Anhänger eine Vorliebe für kunstvolle Einweihungen zeigten, war es nicht verwunderlich, daß eine Reihe von Lamas und ihre einfallsreichen Helfer ihren Weg verließen, um solche Neigungen zu befriedigen. Eine Einweihung tauchte wieder als eine heiße Ware auf, die Einfluß kaufen und Wohlstand bringen konnte.

Entschlossen, die Augen der jungen Tulkus für diese praktische Realität zu öffnen, rief Lama Paljur, der aus Palpung in Osttibet stammte, Shamar, Jamgön und Gyaltsab Rinpoche zu sich und gab ihnen eine Kostprobe dessen, was er unter traditioneller Guru-Weisheit verstand. “Ihr solltet an die Zukunft denken“, begann er gönnerhaft zu den Rinpoches. “Bald werdet ihr Geldmittel brauchen, um eure Klöster zu unterhalten“, führte er vernünftig aus. “Ihr solltet um die beliebten Einweihungen bitten und sie lernen. Bedenkt, daß Tausende kommen würden, wenn ihr, die hohen Tulkus, eure Einweihungen bekommt. Alle diese Leute, die ganze Masse, würden eure Schüler werden”, lockte Paljur seine Zuhörer. “Kalu Rinpoche ist ein großer Meister. Ihr solltet ihn um die Rinchen Terdzö-Einweihung bitten, eine der Einweihungen mit größter Nachfrage“, faßte der Lama seine Argumente zusammen.

Noch heute erinnert sich Shamarpa daran, mit welch ungewöhnlicher Leidenschaft die anderen beiden Linienhalter Paljurs Worte aufnahmen. Ohne zu zögern, baten sie Kalu Rinpoche, die wertvolle Rinchen Terdzö-Einweihung zu geben und, als dieser einwilligte, versetzten sie die örtliche Kagyü-Welt in energische Vorbereitungen. Shamarpa selbst stand dieser Idee gleichgültig gegenüber. Einerseits war er von große religiöse Zeremonien nicht besonders begeistert und versuchte, seine Pflichten auf eine eher zwanglose Weise zu erfüllen. Andererseits konnte er den Gedanken nicht loswerden, daß die Motivation seiner Kollegen hinter einer Bitte dieser Art doch eher zweifelhaft war. Eine Weigerung an der Feier teilzunehmen, wäre jedoch eine Beleidigung des alten Kalu gewesen, und so schloß er sich den anderen widerwillig an und bereitete sich auf sechs Monate langatmiger Zeremonien vor.

Shamarpas eher lauwarme Billigung der Bemühungen seiner beiden Kollegen blieb nicht unbemerkt. Auch begannen die Jahre gehässigen Geredes, das aus den Kreisen um die hohen Lamas kam, ihre unerwünschten Früchte zu tragen. Es schien, als ob die drei Rinpoches letztendlich doch dem negativen Gerede Gehör geschenkt hätten und nun selbst über die Idee nachdachten, Shamarpa von der Spitze der neu gegründeten Gruppenherrschaft zu entfernen. Zufällig mußten sie gar nicht lange planen.

Beweise über einen schweren Betrug, in den Shamarpa angeblich verwickelt war, fielen ihnen unerwartet in die Hände. Es war eine einzigartige Gelegenheit, die Linie von einen Manipulator zu befreien, der nach zweihundertjähriger Verbannung wieder aufgetaucht war. Die drei Linienhalter rechneten wohl damit, daß sie Shamarpa damit bald loswerden würden.

Lea Terhune - ehemalige Buchhalterin in Rumtek und heutige Ratgeberin und rechte Hand Situ Rinpoches im Westen - war vom neuen Generalsekretär wegen ihrer Herumschnüffelei von Karmapas Hauptsitz entlassen worden. Während sie noch in Rumtek war, hatte sie einen großen Teil ihrer Zeit damit verbracht, sich durch die Archive des Klosters zu pflügen. Ihre Sorgfalt schien sich bezahlt gemacht zu haben, als sie dachte, es wäre ihr gelungen, eine Reihe von Dokumenten auszugraben, die ein Fehlverhalten Shamarpas bewiesen. Begierig, Situ Rinpoche, ihrem neuen Wohltäter, einen Gefallen zu erweisen und immer noch sauer wegen ihres unrühmlichen Abgangs von Rumtek, verkündete Frau Terhune, daß Karmapas Landbesitz für das Institut in New Delhi das Ziel von Shamarpas unstillbarer Gier geworden sei. Der oberste Linienhalter, behauptete sie, sei hinter Karmapas Besitz her. Situ Rinpoche wurde ein Stoß von Dokumenten angeboten, die angeblich beweisen sollten, daß Shamar Tulku den Besitz von Karmapa auf seinen eigenen Namen übertragen lassen wollte.

Was eigentlich alle Alarmglocken hätte klingeln lassen und Situ Rinpoche zu einer fairen Untersuchung der phantastischen Behauptung hätte zwingen müssen, wurde zu der langgesuchten Ausrede, um seinem Rivalen hinterrücks einen Schlag zu versetzen. Nachdem Situpa mit seinen neu gewonnenen “Schuldbeweisen” die Runde gemacht hatte, verkündeten die drei Eminenzen - Situ Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche und Jamgön Kongtrul Rinpoche - anmutig ihr Urteil, ohne den Fall näher untersucht zu haben. Sie waren in der Sache nicht die kleinste Spur tiefer gegangen und beschlossen einfach, Shamarpa vor Gericht zu bringen.

Und als sich nun die Lamas und ihre Schüler in dem regnerischen Dorf Sonada im Ost-Himalaya versammelten, um die zweitausend Einweihungen zu erhalten, machten sich die drei edlen Linienhalter daran, ein Glanzstück eigener Machart abzuliefern. An einem nebeligen Morgen, ungefähr bei der Hälfte der Einweihungen angelangt, erhielt Shamarpa einen überraschenden Brief von einigen Rechtsanwälten, die die drei Linienhalter vertraten. In feierlichem Ton überbrachten die Anwälte ihre harte Nachricht: Shamarpa sollte sich auf eine Auseinandersetzung vor Gericht gefaßt machen. Das Unglaubliche geschah - drei von Karmapas Herzenssöhnen beabsichtigten, ihren ältesten Kollegen öffentlich des Diebstahls von Karmapas Eigentum zu beschuldigen.

Der Schlag kam genauso hart wie unerwartet. Shamarpa konnte beim besten Willen nicht begreifen, daß sich die Linienhalter, statt die Behauptung zu untersuchen, dafür entschieden, lieber hinter seinem Rücken herumzuschnüffeln und ihn des Diebstahls bezichtigten. Indem sie das Unrecht noch durch eine Beleidigung steigerten, hatten die Eminenzen auch noch vor, ihren Coup auszuweiten. Shamarpa fand heraus, daß sie sich mit einer entscheidenden Frage an Kalu Rinpoche gewandt hatten. Am Ende der Zeremonie sollte der bedeutende Lama die vier Tulkus öffentlich darum bitten, den zukünftigen 17. Karmapa nach Tsurphu in das besetzte Tibet anstatt nach Rumtek, seinem neuen Hauptsitz, zu schicken. Es wurde erklärt, daß der gelehrte Thrangu Rinpoche und seine Ratgeber dringend, zum Wohl des alten Klosters, um diese Lösung bitten würden. Den nächsten Karmapa in einem chinesisch kontrolliertem Tibet einzusperren, klang nach einem merkwürdigen Schachzug mit unklaren Vorteilen, und noch heute denkt Shamarpa nur mit Unbehagen an die Treulosigkeit dieses Plans. Es traf ihn hart, daß die ganze Idee - hinter dem wohlwollenden Wunsch versteckt, Tsurphu wieder aufzubauen - nichts anderes war als ein Schachzug, um die Kontrolle über die Karma Kagyü Schule zu erlangen. Wenn es ihnen erst einmal gelungen war, Karmapa dem Zugriff der Kommunisten zu überlassen, könnten die mächtigen Lamas an der Spitze bleiben und machen, was sie wollten. Falls Kalu Rinpoche nach der Einweihung unerwartet mit diesem sonderbaren Wunsch aufgetaucht wäre, hätte Shamarpa seiner Bitte zustimmen müssen. Nachdem er die wertvollen Einweihungen von dem alten Meister erhalten hatte, ließ ihm die tibetische Etikette keine andere Wahl, als den Wunsch seines Lehrers zu erfüllen, egal wie absurd dieser auch war.

Angewidert von solchen Intrigen und weil er eine Kraftprobe während den Zeremonien vermeiden wollte, und auch die Aussicht vor Augen, daß der 17. Karmapa ein Bürger Rotchinas werden könnte, beschloß Shamarpa, Sonada zu verlassen. Nachdem er sich bei dem alten Kalu Rinpoche entschuldigt hatte, traf er in Delhi ein, um die ersten Schritte beim Bau des Karmapa Institutes zu überwachen. In Sonada aber blieb sein Sitz für die letzten drei Monate der Einweihungen auffallend leer.

Überall anders hätte das nur gesellschaftliche Empörung ausgelöst, aber für die Tibeter kam die plötzliche Abreise des obersten Linienhalters einem Erdbeben gleich. Um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, wurde eilig Beru Khyentse Rinpoche, ein weiterer bedeutender Kagyü Lama, als Ersatz herbeigebracht. Shamarpas Feinde benutzten seine Abreise sofort als ein weiteres Beispiel seiner Arroganz und hochmütigen Art. Als sich ihr Plan, den nächsten Karmapa in Tibet einzusetzen, in Luft auflöste, müssen die drei Tulkus zu der Überzeugung gelangt sein, daß Shamarpa ein gerissener Spieler sei - seine plötzliche Abreise von Sonada sprach dafür. Jetzt gab es kaum Zweifel, daß er sich nach Delhi zurückzog, um sich endgültig in den Besitz von Karmapas Land zu bringen.

Trotz ihrer Behauptung, sie hätten einen gewitzten Dieb auf frischer Tat ertappt, bekamen die drei Linienhalter ihren Auftritt vor Gericht nicht. Rechtsanwälte, vom Generalsekretär engagiert, wiesen die Absurdität der Beschuldigung nach. Das umstrittene Stück Land war dem 16. Karmapa von der damaligen indischen Premierministerin Indira Gandhi geschenkt worden. Aus verschiedenen Gründen - politischen und anderen - hatte die indische Regierung beschlossen, das Land für 99 Jahre zu verpachten. Um dies deutlich zu machen, wurde jährlich eine symbolische Gebühr von einer Rupie bezahlt. Das bedeutet, daß der wirkliche Eigentümer des Grundstückes die indische Regierung war und nicht Karmapa. Damit war die ganze Anschuldigung, man hätte Seiner Heiligkeit das Land weggenommen und es jemandem anderen übertragen, hinfällig.

Als der 16. Karmapa verstorben war, mußten die ganzen Dokumente, den Platz betreffend, richtig formuliert werden, da es in den vorliegenden Orginalpapieren einige Fehler gab. Deswegen war eine gesetzmäßige Unterschrift nötig, die den 16. Karmapa repräsentierte. All dies geschah, nachdem die Gruppenherrschaft der vier Rinpoches gegründet worden war und während Shamarpas Amtszeit, in der er die Belange der Schule vertrat. Zu dieser Zeit war der Karmapa Charitable Trust noch nicht wiederentdeckt worden, also wurde Shamarpa folgerichtig zum Unterzeichner des richtiggestellten Pachtvertrages. Dieses ausgebesserte Dokument war es, das Lea Terhune ausgegraben hatte und das die Grundlage für ihre Schlußfolgerung lieferte, daß Shamarpas Unterschrift unter dem neuen Vertrag bedeutete, er wäre der neue Eigentümer. Die Rinpoches stimmten ihr freudig zu.

Nun war Shamarpa an der Reihe, seinen Kollegen mit dem Gericht zu drohen. Nachdem er das Vertrauen verloren hatte, daß die drei Linienhalter auch fähig waren für ihre Linie einzustehen, schlug er vor, den geplanten Prozeß gegen die drei fallenzulassen, falls sie im Gegenzug damit einverstanden wären, die Gruppenherrschaft aufzulösen. Mit Erleichterung nahmen Jamgön und Gyaltsab Rinpoche die Gelegenheit, sich Rückendeckung zu verschaffen, wahr und unterschrieben bereitwillig die entsprechende Erklärung.

Und so hörte die gemeinsame Herrschaft über die Kagyü-Linie, nach einigen instabilen Jahren, auf zu existieren. Shamarpa übernahm, gemäß der historischen Tradition, innerhalb Karmapas Organisation die Rolle des Stellvertreters Seiner Heiligkeit, was er aber nur in offiziellen Belangen und bei öffentlichen Zeremonien tat. Die vier Rinpoches blieben, wie früher vereinbart, weiterhin gemeinsam mit der Aufgabe betraut, den 17. Karmapa zu finden. Shamarpa fand es sinnvoll, den drei bei einer so heiklen Aufgabe nicht allzuviel Freiheit zu gewähren. Die neuesten Annäherungsversuche des kommunistischen China an Situ Rinpoche waren nicht einfach nur besorgniserregend, sondern geradezu gefährlich. Die Pflege und Verwaltung von Karmapas Eigentum und Projekten fiel von nun an unter die Zuständigkeit des Charitable Trust.

Diese bizarren Vorfälle hatten wohl die positive Wirkung, daß sie Shamarpas Augen für das betrügerische Vorgehen seiner Kollegen öffneten. Sie bewirkten eine enge Allianz zwischen ihm und Topga Yulgyal, der sich dauernden Angriffen ausgesetzt sah, weil er beharrlich versuchte, die Linie von ihrem mittelalterlichen Ballast zu befreien. Topga Yulgyal und Shamar Rinpoche wurden so zu Partnern, die moderne Werte im Leben von Rumtek einführten und dem etwas veralteten Körper der Linie zu neuem Elan verholfen. Diese ehrlich gemeinte Anstrengung verschaffte dem Generalsekretär unnachgiebige Feinde und vermehrte die Liste derer, die Shamarpa bereits hatte.

Unbeeindruckt von ihren schweren Verfehlungen beschränkten Tai Situ und Gyaltsab Tulku von da an ihren Kontakt zu dem obersten Linienhalter und dem Generalsekretär auf offizielle Angelegenheiten. Dieses neue Einstellung war nicht einfach nur leichtfertige Rivalität. Zwei Jahre nach Karmapas Tod wurde eine Spaltung an der Spitze offenbar, die seid der Verbrennungszeremonie immer sichtbarer geworden war.

Jamgön Kongtrul versuchte, im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen, sein Verhalten zu bessern. Nachdem er erkannt hatte, welches Unrecht Shamarpa angetan worden war, gestand er seine Fehler ein und versuchte, auf der Basis von Vertrauen und Respekt, eine neue Beziehung zum höchsten Linienhalter herzustellen.

Ihre schwer verdiente Zusammenarbeit wurde nahezu ein Jahrzehnt später abrupt durch einen tragischen Unfall beendet, der den Verlauf der Ereignisse, von denen in diesem Buch erzählt wird, beschleunigte.

KAPITEL 4

Die Verleumdung

Die Vorstellung die 17. Inkarnation des Gyalwa Karmapa zu finden hatte die Phantasie seiner Schüler vom ersten Moment nach der Verbrennungszeremonie an beflügelt. Die Tibeter übertrafen sich gegenseitig im Entwickeln der ausgefallensten Ideen über die Umstände und die Identität seiner Wiedergeburt. Mit jedem Jahr wurden die vorgeschlagenen Theorien gewagter, und die Öffentlichkeit sah sich mit einer exotischen Auswahl von Anwärtern auf Karmapas Thron konfrontiert, die von einem bhutanesischen Adeligen bis zu einem in Amerika geborenen Tibeter reichte.

Ein Beispiel für solche Spekulationen war die berühmt-berüchtigte Aktivität von Bardo Tulku, einem Lama aus Woodstock, einem Kagyü-Kloster nördlich von New York. Sein erster Versuch Berühmtheit zu erlangen war der bösartige Angriff auf Shamarpa und Topgala im Jahre 1983. Es war zwar nicht ganz klar, ob die böse gemeinte Kampagne, die er startete, Teil eines koordinierten Werkes oder nur seine eigene Idee war. Das Ergebnis waren auf jeden Fall eine Reihe giftiger Briefe, die an Könige und Würdenträger im Osten geschickt wurden. Lama Bardo erprobte sein literarisches Talent und seine Neigung Polizei zu spielen, und klagte den höchsten Linienhalter und den Generalsekretär des Diebstahls von Karmapas Eigentum in Delhi an. Topgala wurde nicht nur zum Dieb sondern sogar zum Dämon erklärt, dem es irgendwie gelungen sei, den jungen Shamarpa unter seinen korrupten Einfluß zu bringen. Bei seinem rechtschaffenen Versuch, zwei Schwindler zu entlarven, vergaß Bardo Tulku zu erwähnen, daß die hastig zusammengetragenen Beweise gegen die beiden nur auf einem gravierenden Fehler von Frau Lea Terhune basierten - ausgestoßen aus Rumtek und jetzt Situ Rinpoches Sekretärin. Die Fäden der Intrige schlossen sich zum Kreis.

Weil er mit der geringen Resonanz, die seine literarischen Eskapaden hervorgerufen hatten, nicht zufrieden war, beschloß Bardo Tulku, seine Redetalent unter Beweis zu stellen. Mit großer Pracht und Fingerspitzengefühl segnete er die Öffentlichkeit mit der anmaßenden Ankündigung, daß die glückliche Frau, die den künftigen Karmapa in ihrem Leib trage, zufällig seine eigene sei. Wie er es geschafft hatte, einen so klaren Einblick in die Gebärmutter seiner Frau zu bekommen, blieb ein Rätsel. Aber seine schwülstige Art muß die Mitglieder seiner Organisation doch sehr beeindruckt haben. Denn dem gesunden Menschenverstand zum Trotz gelang es ihm, ein gewisses Maß an Unterstützung für seine Behauptung zu bekommen. Der Höhepunkt der ganzen Aufregung endete jedoch im Nichts, als seine Frau ein Mädchen zur Welt brachte. Traditionellerweise inkarnieren alle Karmapas in einem männlichen Körper.

Von 1984 an sahen sich die Linienhalter einem immer größer werdenden Druck von Personen ausgesetzt, die eine Ankündigung über den nächsten Karmapa forderten. Tibeter sind wahre Meister, wenn es darum geht, ihre geliebten Rinpoches unter Druck zu setzen. Demütig bitten, betteln und loben sie und hören nicht auf, bis der bedrängte Lama geschlagen nachgibt. Alle diesen Hitzköpfen gab Lama Ole einen einfachen Rat: „Wir brauchen nichts zu überstürzen. Die Angelegenheit um die Inkarnation des 17. Karmapa liegt einzig und allein in der Verantwortung der vier Linienhalter und wenn die Zeit reif ist, werden sie sich ganz sicher entscheiden!“

Und wie sie das taten! Im Jahre 1986 erklärten die vier Eminenzen, zur Freude und unter heftigem Applaus von Kagyü-Schülern auf der ganzen Welt, daß endlich der Brief mit den Voraussagen des 16. Karmapa gefunden worden sei. Die überschwengliche Ankündigung wurde aber durch die Bekanntgabe gedämpft, daß das Testament auch noch einen ergänzenden Brief enthalte. In dieser zusätzlichen Nachricht bat der 16. Karmapa seine Schüler, eine große Anzahl von Mantras und Zeremonien zu vollziehen, bevor der Inhalt des eigentlichen Briefes, der die Details seiner 17. Wiedergeburt enthielt, bekanntgegeben werden könnte. Die zusätzlichen Rituale waren nötig, um massive Hindernisse zu beseitigen. Obwohl die Anzahl der Mantras mehrere Milliarden betrug, krempelten die Kagyüs auf der ganzen Welt die Ärmel hoch und es dauerte nicht lange bis die Bedingungen erfüllt waren.

Im Mai 1988 bestätigte der Stab von Rumtek, daß alle im Extrabrief erwähnten Rituale vollzogen worden waren und die Hindernisse, die der Testamentseröffnung im Wege standen, somit beseitigt wären. (*FN: Numerierung der im Anhang abgedruckten Dokumente.) (*DOK:1) Während die jubelnden Schüler ihre Errungenschaft feierten, verschleppten die Linienhalter weiterhin die ganze Sache und die langerwartete Ankündigung war nirgendwo in Sicht. Mit größter Entschlossenheit versuchten sie aus irgendeinem seltsamen Grund, das ganze Thema zu vermeiden.

Mit derselben Entschlossenheit schienen sie auch sich gegenseitig gemieden zu haben. Nach ihrer inspirierenden Verlautbarung im Jahre 1986 gelang es den vier Linienhaltern, sich offiziell nur dreimal im Lauf der nächsten vier Jahre zu treffen. Ihre Treffen waren nicht nur selten, sondern auch größtenteils erfolglos. Diese Beratungen, die manchmal in Fünf-Sterne-Hotels stattfanden, schienen nicht bis zum Kern des Problems vorzustoßen. Das Treffen von Neu Delhi im März 1990 war typisch. Obwohl eine einstimmige Mitteilung an den Karmapa Trust veröffentlicht wurde, wagten die Linienhalter nicht mehr als eine historische Beurteilung der Aussagen, die die Inkarnationen Karmapas bezeugten. Sowohl eine Sammlung schriftlicher Anweisungen, als auch die Taten einer Reinkarnation waren zwei notwendige Bestandteile, um die Authentizität des Prozesses zu gewährleisten. Es war zweifelsohne eine ausgereifte Beurteilung, die aber verdächtigerweise mit keinem Wort den Testamentsbrief erwähnte, der, wie man sich gut erinnern konnte, von den Rinpoches im Jahre 1986 gefunden worden war und dazu geführt hatte, daß die Rituale vollendet wurden.

*

Von 1990 an wurde der Druck, Karmapa zu präsentieren immer stärker und die Forderungen wurden immer unverschämter, während die Begegnungen der vier Linienhalter sogar noch seltener wurden. Gerüchte kursierten und eine wilde Theorie jagte die andere. Plötzlich erschien eine stattliche Anzahl schillernder Gruppen in der politischen Szene des Ostens. Sie alle wiederholten die gleiche, wohlbekannte Melodie: sofortige Anerkennung des 17. Karmapa. Neu war diesmal eine Liste von Anschuldigungen, die sich vor allem gegen den Generalsekretär, aber auch gegen Shamarpa richtete. Sie wurden bezichtigt, absichtlich den Prozeß der Anerkennung zu behindern. Topgala, einer der finanziellen Hauptunterstützer Rumteks, würde das Kloster um dessen Vermögen bringen und selber große Ambitionen hegen. In einer Verschwörung mit Shamarpa würde er einen bhutanesischen Prinzen als 17. Karmapa inthronisieren. Die Tiraden gegen die beiden schienen wohlüberlegt und eine Reihe von Veröffentlichungen und Appellen wurden an Klöster und Politiker im Osten verschickt. Mit jeder folgenden Welle wurden die zügellosen Beschimpfungen immer aggressiver, bis sich Shamarpa und Topgala unter völliger Belagerung und dauerndem Beschuß von aufgebrachten „Verteidigern“ von Karmapas Erbe befanden.

Charakteristischerweise hatten sich die „erbosten Bürger Tibets“ viel Lob für eine herausragende Persönlichkeit bewahrt: Situpa - der einzige unter den Linienhaltern, der schnelles Handeln befürwortete. Ein klares Muster in dieser hinterhältigen Kampagne wurde sichtbar. Und in diesem Muster unterschied sich Situpa, der zum Handeln bereit war und vorsätzlich agierte, von nahezu jedem anderen. Waren all die Forderungen und Anklagen nur ein spontaner, unverantwortlicher Ausbruch politisch erwachter Tibeter? Oder zog jemand heimlich im Hintergrund die Fäden? Dies war eine Frage, die niemand öffentlich zu stellen wagte. Jedenfalls nicht zu dieser Zeit.

Während die tibetischen Gerüchteküche brodelte, wurde klar, daß die vier Rinpoches wenig taten, um diese Gerüchte zu zerstreuen. Wenn man die Briefe liest, die sie sich in jenen Tagen schrieben, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Stolz die Oberhand über ihre Urteilskraft behielt. Die meisten Treffen fielen aus, weil sich die Eminenzen weder über Zeit noch Ort der Zusammenkünfte einigen konnten, und Situpa und Shamarpa unter keinen Umständen bereit waren, die Vorschläge des jeweils anderen zu akzeptieren. Situpa machte sich nicht die Mühe, zu einem Treffen zu erscheinen, das von Generalsekretär Topgala einberufen worden war, während Shamarpa, in typisch königlicher Manier, einfach seinen Widersacher ignorierte. Tatsache war, daß sich die Linie an ihrer Spitze gespalten hatte.

Der Versuch, Karmapas Herz nach der Verbrennungszeremonie an sich zu nehmen, die unglückselige Absicht, Shamarpa vor Gericht zu zerren und die jüngste Verleumdungskampagne waren alles Bestandteile eines bewußten Versuches, die Position des obersten Linienhalters zu schwächen. Wer war für solch ein Komplott verantwortlich? Künftige Ereignisse sollten auf die wichtigsten Drahtzieher hinweisen und das ganze Ausmaß der Verschwörung enthüllen. Zu dieser Zeit jedenfalls sah alles bloß nach einem Streit zwischen sturen Rinpoches aus. Shamarpa, mit jedem Zoll ein Gentleman, hatte keine Ahnung, daß der Boden unter seinen Füßen bereits brannte und hinter den Lügen und Streitereien eine viel schlimmere Intrige ausgeheckt wurde.

Die Empörung und provozierte Unruhe beschränkten sich bis dahin auf den Osten. Mit Ausnahme von Samye Ling in Schottland und Woodstock bei New York war das Vorgehen gegen den höchsten Linienhalter und den Generalsekretär hauptsächlich ein tibetisches Phänomen. Während die Leiter dieser beiden Zentren eine plötzliche und unerwartete Abneigung gegen Shamarpa und Topgala entwickelt hatten und pflichtbewußt das übelste Gerede verbreiteten, hatten die Leute in den von Lama Ole gegründeten Zentren wenig Ahnung und noch viel weniger Interesse an dieser Politik aus Asien. Hier standen die Praxis und der Nutzen in der modernen Welt auf der Tagesordnung. Die wenigen Gerüchte, die bis nach Europa gelangten, wurden für exotische Geschichten gehalten - würzige Zutaten in einem sonst perfekten Mahl. Alle Rinpoches galten noch immer als unfehlbar und heilig und das Hin und Her, das sich hinter den Kulissen abspielte, war den westlichen Schülern nicht bekannt.

Getreu Karmapas Worten hielten Hannah und Ole die Gruppen unter ihrer Leitung von Politik fern. Lama Ole lehnte das Gerede über eine Spaltung an der Spitze der Linie ab und betonte, daß sich Karmapa in einer traditionellen Weise manifestieren würde, wenn die Zeit reif dafür sei. Immer wieder gab er den Linienhaltern den Rat: „Es darf keine öffentliche Ankündigung geben, bevor das Kind sicher in Rumtek ist. Wir können nicht arbeiten, wenn wir den Atem der Chinesen im Nacken spüren.“ Falls sich Karmapa dazu entschlossen hätte, in Tibet wiedergeboren zu werden, schmiedete Ole einen Plan, um ihn so schnell wie möglich außerhalb Chinas Reichweite nach Indien zu bringen. Die Jahre des Schmuggelns über so manche Grenze waren also nicht vergebens gewesen und Oles Erfahrung auf diesem Gebiet konnte der Linie vielleicht bald dienlich sein. Hannah und Ole eröffneten Shamarpa ihren Plan und teilten ihre Sorge über eine verfrühte Ankündigung mit Jamgön Kongtrul und Gyaltsab Rinpoche. Alle drei Linienhalter verstanden die Wichtigkeit eines sicheren Resultats und waren sich darin einig, daß der erste Schritt sei, Karmapa in Freiheit zu bringen, außerhalb eines chinesisch kontrollierten Tibets.

Während Ole Gerüchte zurückwies und Gemüter besänftigte, kämpfte er in Wahrheit einen harten Kampf für die Einheit der Linie. Nach fast zwanzigjähriger Arbeit mit Tibetern hatte er wenig Illusionen über einige der „eher reizenden Züge“ im Charakter der Himalaya-Nation. Alle Lamas, die mit dem heimlichen Vorhaben in Europa ankamen, ihre eigene Organisation auf Kosten von Karmapas Zentren aufzubauen, wurden aufgefordert, nach Hause zurückzukehren. Die wenigen, die dennoch beharrlich blieben, landeten am Rande der ständig wachsenden europäischen Buddhisten-Szene oder bekamen Unterstützung, ihr Glück in Amerika zu versuchen. Und so blieb das Kagyü-Gebäude in Europa gefestigt und unter einem Dach vereint. Mit Ausnahme Frankreichs und Englands, Länder, in denen Lama Ole keine Verantwortung hatte, wurden aus besuchenden Mönchen und Lamas keine ansässigen Rinpoches.

So diszipliniert und praxisorientiert die europäischen Buddhisten auch waren, es kam schließlich doch die Zeit, als auch sie begannen, sich mit der brennenden Frage der nächsten Inkarnation zu befassen. Das hatte nur wenig mit den Verleumdungen und den massiven Interessenskonflikten zu tun, die den Osten erschütterten, aber nach zehn langen Jahren des Wartens wollten die Leute unbedingt damit beginnen, ihre eigene Strategien auszuhecken. Sogar Hannah wurde einmal das Opfer der andauernden Gerüchte. Im Jahre 1990, während einer von Oles alljährlichen Touren um die Welt, versuchte sie in Sydney einen Vogel als Geschenk für jemanden besonderes zu kaufen, von dem man annahm, daß er in Rumtek sei. Vermutlich hatte Shamarpa diese ungewöhnliche Idee aufgebracht. Hannah, die eine Vertraute Shamarpas war und auch für Jamgön Kongtrul und Gyaltsab Rinpoche übersetzte, war sich sicher, daß dies das erwartete Zeichen war. Da die Vorliebe des letzten Karmapas für Vögel bekannt war, brauchte der Rest der Gruppe nicht lange, um dahinter zu kommen, wer der Empfänger dieses einzigartigen Geschenkes sein könnte. Die australischen Quarantänegesetze sorgten jedoch dafür, daß Hannah mit leeren Händen in Rumtek ankam. Obendrein traf die Gruppe, statt des erhofften Karmapas, nur Jamgön Kongtrul, der nur wenig Neues über den Verbleib Karmapas zu berichten hatte.

Zu Beginn des Jahres 1992 wurde die allgemeine Atmosphäre, den 17. Karmapa betreffend, von immer größer werdenden Erwartungen geprägt. Zwei der Eminenzen, Jamgön Kongtrul und Gyaltsab Rinpoche, brachen ihr traditionelles Schweigen und deuten zurückhaltend an, daß möglicherweise eine Ankündigung bevorstehe. Die meisten Leute waren davon überzeugt, daß die langersehnte Bekanntmachung nur noch Monate oder gar nur Wochen auf sich warten lassen würde. Während sich die Stimmung dem Siedepunkt näherte, hatten nur wenige im Westen eine Ahnung von den Schlägen, die hinter den Kulissen ausgeteilt wurden. Schüler planten eifrig ihre Reise nach Rumtek und nahmen sehnsüchtig jeden Hinweis auf, der ihren Wunsch bestärkte. Tausende Westler, die Karmapas Segen durch Lama Ole kennengelernt hatten, waren bereit, nach dem großen Augenblick in ihrem buddhistischen Leben zu greifen.

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