Kitabı oxu: «Ghostsitter»

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Die bisherigen Bände dieser Serie:

Ghostsitter Band 1: Geister geerbt

Ghostsitter Band 2: Vorsicht! Poltergeist!

Ghostsitter Band 3: Hilfe, Zombie-Party!

Ghostsitter Band 4: Schreck im Spiegelkabinett

Ghostsitter Band 5: Tanz der Untoten

Die Serie wird fortgesetzt!

1. überarbeitete Neuauflage August 2019

Copyright © 2019 by Tommy Krappweis & Edition Roter Drache

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlagillustration und Vignetten: Timo Grubing

Umschlaggestaltung: Timo Grubing

Korrektorat: Diane Krauss

Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-50-5


Inhalt

Kapitel 1:Dem Depp sein Wurstbrot

Kapitel 2:Ein eigentümlicher Fremder

Kapitel 3:Das Testament

Kapitel 4:Zoracz

Kapitel 5:Die Verwüstung

Kapitel 6:Die Schreckensfahrt

Kapitel 7:Der Schreck in den Knochen

Kapitel 8:Bei allen guten Geistern

Kapitel 9:Der Berg ruft

Kapitel 10:Schrottschwerenot

Kapitel 11:Der Schlüssel zum Schreck

Kapitel 12:Omas Beichte

Kapitel 13:Heinrichs alte Truhe

Kapitel 14:Abschied von Oma

Kapitel 15:Ein neues Zuhause?

Kapitel 16:Die Wand des Wahnsinns

Kapitel 17:Feuer!

Kapitel 18:Kriegsrat mit Untoten

Kapitel 19:Alle guten Geister verlassend

Kapitel 20:Schmollen zur Geisterstunde

Kapitel 21:Das Ritual

Kapitel 22:Supertom

Kapitel 23:Welfs Geheimnis

Kapitel 24:Die Prophezeiung

Kapitel 25:Ein Geister-Navi

Kapitel 26:Der Weiße Dämon

Kapitel 27:Aller schlechten Dinge sind vier

Kapitel 28:Toms Plan

Kapitel 29:Fang den Dämon

Kapitel 30:Von wegen, Zoracz!

Kapitel 31:Pakt mit dem Teufel

Kapitel 32:Ende gut, alles gut


Kapitel 1: Dem Depp sein Wurstbrot

Tom seufzte. Es ist doch so klar, dachte er. So einfach! Zwei Panzerkrieger nach vorn, die Magier heilen oder verteilen Feuerschaden aus der Deckung, und die Bogenschützen bleiben auf den Türmen, um die Untoten in Schach zu halten. Das war der einzig sinnvolle Weg, um den Drachenkaiser in die Knie zu zwingen. Dafür musste Tom noch nicht mal nachdenken, so offensichtlich war diese Strategie.

Doch leider entschied sich ihr Teamleader Finn gerade für etwas anderes: »Okay, wir ziehen das durch! Magier nach vorne und mit Feuerschaden draufballern!«, tönte Finns Stimme blechern aus Toms Headset. »Die Panzerkrieger kümmern sich um die Zombies und die Bogensch…« Weiter kam er nicht, denn der Levelboss hatte die schutzlosen Magier innerhalb weniger Sekunden in den Staub gehustet, während die schwerfälligen Krieger unter den Zombies förmlich begraben wurden. Die drei Bogenschützen, von denen Tom einer war, versuchten, sich aus der Gefahrenzone zurückzuziehen, wurden aber von einem Erdbebenzauber des Drachenkaisers niedergeworfen, und kurz darauf sahen alle aus der Gilde »Rübenbrei« das Gleiche: Eine Schriftrolle, auf der mit blutroter Tinte Mission failed geschrieben stand. Sie hatten versagt. Schon wieder. In der letzten Quest, die sie alle aufsteigen lassen würde zu Level 90 in World of WerWizards.

Enttäuscht schubste Tom die Computermaus quer über den Schreibtisch. Wieder einmal hatte Finn mit traumwandlerischer Sicherheit die falscheste Strategie ever rausgesucht, und sie alle waren dabei draufgegangen.

Die Enttäuschung war auch den anderen Gildenteilnehmern deutlich anzumerken. Entnervtes Stöhnen sowie diverse »Oh Manns« und »Och nees« tönten aus dem Headset, begleitet von dem ein oder anderen Gepolter. Anscheinend wurden da ganz andere Dinge durch die Gegend geschubst als nur die Computermaus.

»Jetzt müssen wir echt noch mal durch den blöden Abwasserkanal?! Ich pack’s nicht!«, ließ sich Valerie vernehmen. Ihre Figur war eine auf Erdzauber spezialisierte Elbenmagierin, die bei Missionen im Dunkeln immer vorauszulaufen hatte, um mit ihrem Stab den Weg zu erhellen. Das war für die anderen gleichzeitig hilfreich wie nervtötend. Hilfreich, weil man sah, wo es langging, nervtötend, weil Valerie alle halbe Minute ein stöhnendes »Laaaaaangweilig« ins Mikro nölte.

Auch Tom hatte keine große Lust, den einfallslosen Schlauchlevel jetzt ein elftes Mal entlangzustiefeln, nur um dann noch mal vom Drachenkaiser pulverisiert zu werden. Wieder einmal kämpfte er mit sich. Sollte er Finn vielleicht doch einfach mal fragen, ob er selbst … Nur für diesen einen Gegner …

Tom seufzte. So sicher er sich auch war, dass seine Strategie funktionieren würde, so wenig Lust hatte er darauf, derjenige zu sein, auf den danach alle sauer waren. Vor allem jetzt, wo sie es doch schon zehnmal probiert hatten. Wenn Tom nun den elften Versuch in den Sand setzte, war er nicht nur der Depp, sondern dem Depp sein Wurstbrot.

In der Gilde hatten sie nämlich irgendwann mal damit begonnen, Abstufungen für Deppen einzuführen. Das mildeste war der Depp selbst, danach kam dem Depp sein bester Freund, dann sein Berater, sein Chef, sein Spion und ganz am Ende eben stand dem Depp sein Wurstbrot. Weiter runter ging es nicht.

Außer Tom würde alle ein elftes Mal ins Verderben führen. Dann würde die Gilde extra für ihn eine noch beschämendere Stufe einführen. Vielleicht dem Depp sein Depp …

Nein, da hatte Tom wirklich null Komma null Böcke drauf. Lieber rannte er noch mal den ganzen Weg hinterher, um sich im Thronsaal abermals die Rübe rasieren zu lassen.

Ein Seufzer riss ihn aus seinen Überlegungen. »Also, mir reicht’s für heute.« Man konnte förmlich hören, wie Moro beim Sprechen die Augen verdrehte. Ein paar einsilbige »Mir auch, tschau« später waren bis auf Valerie und Tom alle aus dem Gildenchat offline. Finn selbst hatte sich nicht einmal verabschiedet, so peinlich war ihm die Aktion.

Einen kurzen Moment lang war es totenstill im Chat, so als würden sowohl Tom als auch Valerie darauf warten, dass der jeweils andere etwas sagte. Tom war das Schweigen aber schnell unangenehm, also probierte er es mit einem weitestgehend inhaltslosen: »So … tja. Also … hm«.

»Da sagst du was«, hörte er Valerie kichern. »Bis bald, Tom. Aber wirst sehen, beim nächsten Mal schaffen wir es. Nicht. Hihi, tschaui!«

Tom kam nur bis »Tsch…«, da war Valeries Profilbild auch schon grau, und daneben stand »Offline«.

Erst jetzt bemerkte Tom, dass er ziemlich Hunger hatte. Und das wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit. Im Eifer des Gefechts hatte er mal wieder gar nicht auf seinen Körper gehört. Entsprechend nachdrücklich machte sich dieser nun bemerkbar. Sein Bauch gluckerte und brummte so laut, dass Tom fast Sorge hatte, die Nachbarn würden sich bald beschweren über diese Ruhestörung. Mit einem etwas zu lauten Stöhnen schälte er sich aus dem bequemen Schreibtischstuhl und schleppte sich hinunter in die Küche.

Tom war verwundert, seine Oma am Küchentisch sitzend anzutreffen. Also, nicht weil Oma generell anwesend war – das war schließlich ihr Haus, und Tom wohnte bei ihr, seit er denken konnte. Seine Eltern hatte er nie kennengelernt. Er war im Alter von zwei Jahren als Waisenkind von Frau Käthe Röschenberg aufgenommen worden, die aufgrund ihres Alters beschlossen hatte, dass »Oma« besser zu ihr passte.

Nein, ungewöhnlich war nur, dass Oma um diese Uhrzeit am Küchentisch saß. Normalerweise verbrachte sie den Nachmittag nämlich im Garten und grub irgendwas ein, aus oder um.

Tom bemerkte sofort, dass irgendwas anders war als sonst, denn Oma sah ihn sehr seltsam an. Vor ihr lag ein Brief, und auf dem Umschlag erkannte Tom einen Aufdruck, der ziemlich offiziell aussah. Als er näher kam, konnte er neben einem imposanten Wappen Rechtsanwälte Feuerflieg & Flugrad als Absender erkennen.

Bevor er sich über die seltsamen Namen wundern konnte, fiel Toms Blick auf das eigentliche Schreiben. Er überflog den Text und runzelte erstaunt die Stirn. »Ich bin eingeladen zu einer … Testamentseröffnung?«, flüsterte Tom, und Oma hob den Blick.

Sie lächelte, aber Tom sah, dass sie feuchte Augen hatte. »Heinrich ist tot. Mein Bruder und somit dein Großonkel. Er hat dir alles vermacht. Alles, was er besaß und … noch ein bisschen mehr.« Dann lachte sie leise in sich hinein und schüttelte den Kopf. »Mein lieber, verrückter, sturer Heinrich. Wem sonst, wem sonst.«

Tom war verwirrt, und das war er eigentlich selten. Meistens hatte er das Gefühl, ziemlich genau zu wissen, was gerade los war. Und er war auch nicht der Typ, der dann minutenlang rumstand, ohne zu wissen, was er jetzt am besten tun oder lassen sollte. Aber jetzt gerade war die Situation so überfordernd und seltsam, dass er eine ganze lange Minute damit verbrachte, zu überlegen, ob er jetzt was sagen, was fragen oder weiter hier in der Küche rumstehen sollte. Schließlich entschloss er sich, nichts davon zu tun, setzte sich stattdessen einfach neben Oma auf die Bank und nahm sie wortlos in die Arme.

Ein paar Minuten saßen die beiden so da, und man hörte nichts außer dem Zwitschern der Vögel im Garten. Schließlich meldete sich Oma unter Toms Pullover etwas unterdrückt: »Vielen Dank, aber ich müffte demnächfft mal wieder atmen.« Sofort öffnete Tom seine Umklammerung und musste dabei lachen. Oma lachte mit und sog die Luft betont genussvoll durch die Nase ein. Doch wenn Tom gedachte hatte, dass er nun mehr über Omas Bruder Heinrich und diese seltsame »Erbschaft« erfahren würde, lag er damit falsch.

Die Türklingel schrillte mit ihrem durchdringenden Fünfzigerjahre-Charme durch das kleine Haus, und Tom öffnete die Tür zum größten Abenteuer seines Lebens.


Kapitel 2: Ein eigentümlicher Fremder

Im Licht der tief stehenden Nachmittagssonne stand ein Mann am Gartentor, der wirkte, als würde er Tom jeden Moment anspringen. Nicht, weil er sich so freute, sondern weil er sich in einer seltsam geduckten Haltung befand, ganz so, als würde er gleich aus dem Stand in irgendeine Richtung hopsen. Und da es wenig Sinn machte, wenn der Mann nun nach rechts in Omas Kirschlorbeer oder nach links rüber zu den Nachbarn in den Sandkasten sprang, nahm Tom an, dass er wohl am ehesten einen Satz nach vorn machen würde. Aber der einzige Satz, den der Mann machte, war zunächst mal dieser: »Bist du Tom?«

Tom hatte schon viele Szenen wie diese in unzähligen Filmen gesehen, und darum konnte er nicht anders, als die Antwort zu geben, die sich nun aufdrängte: »Wer will das wissen.«

Er fühlte sich auch ziemlich cool dabei und bereute es, keinen Zahnstocher aus der Küche mitgenommen zu haben. Damit hätte es bestimmt noch ein bisschen cooler gewirkt und … AAAH!

Tom war zusammengezuckt wie noch nie in seinem Leben, als der geheimnisvolle Mann urplötzlich vor ihm stand. So schnell hatten sich noch nicht einmal die Geisterninjas in World of WerWizards bewegt, verdammt.

Nun konnte Tom auch das Gesicht des Mannes besser erkennen. Er hatte schwarze Haare mit ungewöhnlich regelmäßigen grauen Strähnen, so als hätte man ihm einen grau gefärbten Kamm von der Stirn bis in den Nacken durchgezogen. Außerdem trug er einen Dreitagebart bis knapp unter die scharf geschnittenen Wangenknochen, und die Augen blitzten unter dichten, schwarzen Augenbrauen hervor wie zwei winzige, stahlblaue Sonnen. Ein Holzfällerhemd, dessen Ärmel ziemlich ungleichmäßig aufgerollt waren, spannte sich über einen breiten Brustkorb. Dazu trug er fleckige Jeans, die unten mehrfach umgekrempelt waren und so den Blick auf abgewetzte Cowboystiefel mit Absätzen freigaben, die durch die O-Beine schon arg schief geschliffen waren. Tom konnte es nicht fassen! Vor ihm stand tatsächlich …

»Hugh Jackman!? Wie krass ist das denn!«

Für ein paar Sekunden war nur das Zwitschern der Vögel zu hören. Diesmal klangen sie aber nicht beruhigend wie eben noch in der Küche, sondern irgendwie lärmig. Als würden sie alle schreien: »Tom, du Depp! Hihi, Depp, du Depp, du Depp, du depperter Depp, du!«

Der Mann, der ganz offensichtlich nicht der australische Schauspieler Hugh Jackman war und somit auch nicht Wolverine in den X-Men-Filmen verkörperte, wirkte nicht gerade so, als hielte er diese Verwechslung für ein Kompliment. Stattdessen musterte er Tom einen quälenden Moment lang, bevor er sich zu ihm hinunterbeugte.

Dann erst sprach er sehr leise mit einer rauen Stimme, die klang, als würde man einen Felsbrocken über die Straße zerren: »Ich bin nicht Hugh Jackman, und ich bin auch nicht dieser Typ aus dem Comic mit dem Klappmesser in den Knöcheln, okay?«

»Okay«, hörte sich Tom sagen. Und dann etwas leiser: »Schade, aber okay.«

Der Mann funkelte ihn wütend an, und fast dachte Tom, dass er ihn nun packen und quer über die Straße schleudern würde. Doch dann verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten Grinsen. Tom starrte auf perlweiße Zähne, deren Eckzähne bei genauerer Betrachtung doch ziemlich ausgeprägt daherkamen. Und plötzlich erbebte der muskulöse Brustkorb des Mannes von einer heiseren Lachsalve, die Tom mindestens genauso überraschte wie vorhin die Geschwindigkeit des Fremden.

»Haha, du hast Mumm in den Knochen, Junge. Das gefällt mir! Und das wirst du auch brauchen, haha!« Und damit klopfte er Tom zweimal so heftig auf die Schulter, dass der schon dachte, er würde an Ort und Stelle in den Boden gehämmert. Nichts dergleichen geschah, dafür blieb aber ein stechender Schmerz im Schulterblatt zurück, den Tom die nächsten Tage als Erinnerung an diesen Moment spüren würde.

Als Tom bemerkte, dass Oma hinter ihm aus der Küche geschlurft kam, war sein erster Impuls, sie vor diesem unheimlichen Kerl zu beschützen. Doch bevor er sich umdrehen und Oma zurück in den Flur schieben konnte, rief sie schon freudig: »Welf! Da bist du ja! Tom, das ist dein Onkel Welf. Was steht ihr denn da draußen rum? Kommt doch rein!«

Welf hatte die Einladung auf eine Tasse Tee abgeschlagen und stattdessen auf das Auto in der Einfahrt gedeutet. Das betagte Ford Mustang Coupé gehörte ganz offensichtlich ihm. Auf Omas fragenden Blick hin antwortete er nur: »Wir sind spät dran.« Tom runzelte ebenso wie Oma die Stirn. Allerdings ahnte er schon, dass es wohl etwas mit der Testamentseröffnung zu tun hatte. Warum sonst würde ihn ein unbekannter Onkel gerade jetzt aufsuchen und gemeinsam mit Oma in ein Auto packen?

Toms Vermutung wurde von Welf mit einem einsilbigen Grunzen bestätigt, als sie kurze Zeit später über die Bundesstraße in Richtung Innenstadt rauschten. Wobei rauschen weniger zu dem Geräusch des Motors passte als röhren. Immer wenn Welf Gas gab, klang es, als würden zwanzig Hirsche gleichzeitig unter der Motorhaube losbrüllen und damit den alten Sportwagen antreiben. Und Welf gab nicht nur viel, sondern anscheinend auch gerne zu viel Gas. Auch auf Strecken, die man aufgrund ihrer Kürze gar nicht als solche bezeichnen konnte. Welf waren schon wenige Meter Grund genug, um die Hirsche losröhren zu lassen, nur um dann an der nächsten Ampel wieder quietschend zu bremsen. Dass der massige Wagen dabei jedes Mal vor und zurück schaukelte, schien er fast ebenso zu genießen.

Und damit war er nicht alleine, denn auch Oma hatte sichtlich Spaß an der Sache. Sie quiekte bei jeder Beschleunigung und jauchzte bei jedem Bremsmanöver, als säße sie nicht auf dem Rücksitz eines Autos, sondern in einer Achterbahn.

Tom hätte die Fahrt vielleicht auch etwas mehr genossen, wenn er nicht die ganze Zeit über versucht hätte, endlich den Brief von den Anwälten mit den albernen Namen zu lesen. Das wurde ihm allerdings durch Welfs Fahrstil nicht gerade leicht gemacht. Entweder wurde er in den gefederten Sitz gedrückt und patschte sich durch die Fliehkraft selbst den Brief mitsamt den Händen ins Gesicht. Oder der Wagen bremste, und Tom hatte das Gefühl, als würde sein Körper immer noch ein paar Zentimeter weiter fahren wollen, bevor ihn dann der Gurt gewaltsam daran hinderte.

Tom las noch die letzten Sätze des etwas verschwurbelten Textes, als sie endlich in der Empfangshalle der Anwaltskanzlei standen. Im Endeffekt sagten die vier Seiten Blabla nichts anderes, als dass er, Tom, tatsächlich alles vermacht bekam, was Omas Bruder Heinrich besessen hatte, wenn er die Bedingungen im Testament annehmen würde. Welche Bedingungen das waren, würde er jetzt erfahren, und Tom war ganz schön aufgeregt.

Eigentlich hätte er vorher gerne mit Oma über ihren Bruder gesprochen. Er wusste tatsächlich überhaupt nichts über den Mann, der ihm da jetzt sein gesamtes Hab und Gut vermacht hatte. Außer einer Handvoll vergilbter Kinderfotos von ihm und Oma hatte Tom bisher nichts von Heinrich mitbekommen. Und im Nachhinein kam es ihm auch irgendwie komisch vor, dass Oma nie von ihm erzählt hatte. Ihr Bruder war auch nicht ein einziges Mal zu Besuch gekommen oder hatte mal angerufen – zumindest nicht, dass Tom wüsste. Hm.

Na ja, Tom war nicht der Typ für irgendwelche mysteriösen Theorien. Er war der Meinung, dass die wahrscheinlichste Ursache für etwas meistens auch die tatsächliche Ursache war. Andererseits fiel ihm fast gleichzeitig das Zitat von Sherlock Holmes ein: »Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.«


Kapitel 3: Das Testament

Tom konnte gar nicht anders, als auch im Aufzug nach oben in die Anwaltskanzlei darüber nachzugrübeln, ob Oma vielleicht einen Grund gehabt hatte, ihren Bruder vor ihm geheim zu halten. Ebenso wie seinen »neuen« Onkel Welf.

Als Tom mit Oma und Welf aus dem Aufzug trat, fühlte er sich fast wie in einer Fernsehserie. Denn viel klischeehafter konnte man eine Anwaltskanzlei wohl kaum gestalten. Irgendwer hatte einfach alles mit dunklem Holz vertäfelt, was auch nur ansatzweise vertäfelbar war: die Wände, die Decken, die schweren Doppeltüren, die Büromöbel – alles war mit dunklem Holz belegt und wirkte nun trotz des bestimmt sehr edlen und teuren Materials irgendwie … billig. So, als hätte man ein Computerspiel programmiert und dann am Ende nur eine einzige, sündhaft teure Textur gekauft, womit dann alles zugepflastert wurde, egal ob Glas, Stahl oder Raufasertapete.

Ein Sekretär oder Gehilfe oder Assistent, oder wie auch immer man das bei Anwälten nennt, nickte ihnen eher höflich als freundlich zu und geleitete sie zu einer der Doppeltüren. Geübt drehte er gleichzeitig beide Knäufe herum und drückte die Türen schwungvoll auf.

Der – natürlich ebenfalls dunkel vertäfelte – Raum war ziemlich groß für einen einzigen Mann, einen Schreibtisch und ein paar unbequem aussehende Stühle.

»Herein, wenn’s kein Richter ist«, rief der Mann ihnen etwas zu laut entgegen. Er sprang auf und kam mit großen Schritten auf Tom zu. »Rufus T. Feuerflieg der Name. Und fragt mich bitte nicht, was das T in meinem Namen bedeutet; ich fand alles hinter dem T so bescheuert, dass ich die anderen Buchstaben verklagt habe.«

Der Anwalt grinste breit, was durch den schwarzen Schnurrbart noch breiter aussah, und ließ dabei die ebenso dichten Augenbrauen über dem runden Brillengestell hüpfen. Offensichtlich war das als eine Art Witz gemeint gewesen, aber Tom war viel zu überfordert, um zu lachen.

Herr Feuerflieg zuckte mit den Achseln: »Wenn du das nicht witzig fandest, was ist damit?« Und er zog eine wirklich selten dämliche Grimasse, die Tom so niemals an einem Anwalt vermutet hätte. Unwillkürlich prustete er los, und auch Oma musste bei dem Anblick kichern. Nur Welf blieb völlig regungslos, als wäre ihm schon das Konzept von »lachen« völlig fremd.

Herr Feuerflieg bemerkte das sehr wohl und verharrte einen etwas zu langen Moment mitsamt seiner Grimasse direkt vor Welf. Schließlich räusperte er sich und brummelte, während er sich wieder hinter seinen Schreibtisch zurückzog: »Entweder hat der keinen Humor, oder er bewegt sich nur, wenn man ihm einen Euro in den Hut wirft.«

Oma lachte: »Wir kennen Welf nun schon sehr, sehr lange, aber ich glaube, wir beide haben noch nie miterlebt, dass er über einen Witz lacht.«

Und wenn, dann bricht er einem fast die Schulter, dachte Tom, denn er spürte nach wie vor die Stelle, auf die der muskulöse Kerl zweimal wuchtig draufgehauen hatte.

Der Anwalt bedeutete ihnen, Platz zu nehmen, und drückte dann auf eine Taste, die vor ihm in die Tischplatte eingelassen war. Tom hörte, dass vor der Tür ein Summton ertönte, und sofort trat der Assistent wieder ein.

»Will jemand vielleicht einen Kaffee? Tee? Limo, Wasser, Cola? Nein? Gut, dann holen Sie uns vier Cheeseburger und werfen sie bitte direkt in den Müll, ich vertrag den Käse nicht.«

Der Assistent nickte, als hätte der Anwalt gerade tatsächlich etwas Sinnvolles gesagt, und zog sich durch die Doppeltür zurück. Kaum war die leise ins Schloss gefallen, zog der Anwalt einen Stapel Papier aus einer der Schubladen.

»Na, dann wollen wir mal …«, sagte er und begann, das oberste Blatt mehrfach zu falten. Im Nullkommanichts hatte er einen Papierflieger gebastelt, selbigen geworfen und dabei zugesehen, wie dieser sofort einen Bogen nach unten beschrieb und nur dreißig Zentimeter weiter neben dem Papierkorb landete. »Gestern hab ich reingetroffen, bitte glaubt mir – wo waren wir? Ach ja, das Testament, wo hab ich nur mein Hirn.«

Vermutlich beim Naseputzen ins Taschentuch geblasen, dachte Tom und sah dem quirligen Mann dabei zu, wie er suchend verschiedene Akten und Schubladen öffnete und sich dann mit der flachen Hand gegen die Stirn schlug.

»Ich Dummerchen«, sagte er, bückte sich, hob das Papierflugzeug auf, entfaltete es, strich es glatt und begann zu lesen: »Ich, Heinrich Balthasar Röschenberg, versichere kraft dieses Dokuments, dass ich die nun folgenden Zeilen im vollständigen Besitz meiner geistigen Kräfte verfasst und unterzeichnet habe. Als Zeuge fungiert mein langjähriger Anwalt und Freund Rufus T. Feuerflieg, der alles Mögliche bezeugen würde, wenn ich ihm dafür mehr als fünf Euro biete.«

Der Anwalt sah kurz auf: »Fünf Euro? Das waren noch Zeiten, heute bezeuge ich alles für drei fünfzig.«

Doch bevor irgendwer lachen – oder Welf genervt schnauben – konnte, fuhr Herr Feuerflieg bereits fort: »So vermache ich nun, im Falle meines Ablebens, die gesamten Ersparnisse dem Ziehsohn meiner über alles geliebten Schwester Käthe, Tom Röschenberg. Zum Zeitpunkt, da ich dieses Testament verfasse, beträgt die Summe auf dem Schweizer Bankkonto …«

Der Anwalt schluckte. Dann sah er noch einmal genauer hin, als hätte er Schwierigkeiten, die Zahl zu entziffern. Schließlich legte er das Blatt vor sich hin und nahm einen Finger zu Hilfe, um die Nullen einer langen Zahl nachzuzählen. Tom blickte zu seiner Oma, die schaute aber nur gebannt auf den Finger des Anwalts, welcher nicht aufhören wollte, Stelle für Stelle nach rechts über das Papier zu wandern.

Was ist das für eine Zahl! Oh Mann, was geht hier ab!, schrie Tom innerlich, während er sich bemühte, äußerlich halbwegs ruhig zu wirken. Kurz dachte er, er bekäme das ganz gut hin. Doch dann bemerkte er, wie sein linkes Bein hektisch auf und ab federte. Tom versuchte krampfhaft, die Beinmuskulatur zu entspannen, erreichte damit aber nur einen noch höheren Verkrampfungsgrad. Sein Bein wippte nun wie wild rauf und runter. Und gerade als er dachte, er würde jede Sekunde zitternd vom Stuhl fallen, meldete sich der Anwalt mit einem weiteren Räuspern.

»So, bitte anschnallen und die Gurte festziehen, wir starten. Und hier noch ein Sicherheitshinweis: Die Schwimmwesten unter den Sitzen taugen auch in aufgeblasenem Zustand nur begrenzt als Fallschirm. Liebe anwesende Angehörige und Freunde von Heinrich Balthasar Röschenberg, der hier anwesende Tom Röschenberg wird an seinem 18. Geburtstag erben: zehn Millionen achthunderteinundreißig … äh … tausendfünfhundertsechsundsiebzig Euro und vierundachtzig Cent.«

Oma juchzte laut, und sogar Welf sog hörbar Luft durch die Zähne. Dafür war Toms Mund schlagartig so trocken wie eine Tüte abgelaufene Haferflocken.

»W… was?«, war das einzige Wort, das Tom herausbrachte.

Der Anwalt verdrehte die Augen und machte sich noch einmal daran, die lange Zahl zu entziffern. »Ähm, sagte ich eben zehn Millionen achthunderteinundreißigtausendfünfhundertsechsundsiebzig Euro und vierundachtzig Cent?«, fragte er schließlich in die Runde, und die anderen drei nickten langsam. Sogar Onkel Welf. »Tja, tut mir leid, euch das sagen zu müssen, aber ich habe mich vertan.« Der Anwalt schüttelte den Kopf, und Tom rutschte das Herz in die Hose und runter bis zum großen Zeh, wo es aufgrund des Platzmangels ganz besonders heftig pochte. »Es sind nur … ähm … zehn Millionen achthunderteinundreißigtausendfünfhundertsechsundsiebzig Euro und achtundvierzig Cent. Zahlendreher im Centbetrag, ich bin untröstlich.«

Alle atmeten tief durch, und Oma flüsterte: »Meine Nerven, meine Nerven …«

Da ließ sich Onkel Welf vernehmen, zunächst durch ein seltsam hustendes Grummeln, das für Tom klang, als würde sich ein Braunbär räuspern. Dann sprach Welf mit seiner Sandpapierstimme: »Das war aber nicht alles, oder? Da steht noch mehr.«

Der Anwalt nickte eifrig: »Oh ja, natürlich steht da noch mehr. Das wäre ja ein ziemlich langweiliges Testament, wenn es damit schon erledigt wäre, nicht wahr? Ich lese mal weiter vor, wenn’s recht ist.«

Toms Herz war gerade wieder auf dem Weg nach oben gewesen, um entspannt dort weiterzupochen, wo es hingehörte. Doch als der Anwalt nun weiterlas, fühlte es sich für Tom so an, als hätten sich Herz und Hirn zusammen in eine Achterbahn gesetzt und im Voraus bezahlt für fünfzig Runden ohne Notstopp.

»Ich verfüge außerdem, dass Tom Röschenberg der vorher benannte Betrag nur dann ausgezahlt wird, wenn er auch den Rest meines Erbes annimmt und die Bedingungen erfüllt, die daran geknüpft sind.«

BedingungenBedingBedingDingDingDing, hallte es in Toms Kopf, als wäre er ein Glockenturm.

»Tom muss bis zu seinem achtzehnten Geburtstag als Besitzer und Direktor der Schreckensfahrt durch die Lande ziehen und sich so des Erbes würdig erweisen. Nur wenn die Schreckensfahrt danach noch besteht und erfolgreich weiter betrieben werden kann, darf Tom einen Nachfolger bestimmen, und das Erbe wird an ihn ausbezahlt.«

Tom saß da und fühlte sich wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen. Oma, der Anwalt und Welf sahen ihn an, als erwarteten sie irgendeine Form von Reaktion. Na, die hatte er parat.

»Ähm … Schreckensfahrt!?«, stieß Tom hervor und starrte ziemlich erfolgreich zu allen dreien zurück, obwohl sie in verschiedenen Richtungen saßen.

»Ach so«, lachte Oma. »Entschuldige bitte, das konntest du ja nicht wissen. Schreckensfahrt ist der Name von Onkel Heinrichs Geisterbahn.«


Kapitel 4: Zoracz

Eine … Geisterbahn?«, fragte Tom fassungslos. »Sie war Heinrichs ganzer Stolz und sein Lebenswerk«, grummelte Welf, als hätte er Sorge, dass Tom vielleicht etwas Falsches sagen könnte. »Und die Schreckensfahrt ist unter den Geisterbahnen weltweit eine Legende.«

»Eine Legende … Ja, so kann man es auch ausdrücken«, warf der Anwalt ein. »Allerdings sagt man das auch über Alexander den Großen, und der ist längst zu Staub zerfallen. Was uns direkt zurückführt zu der Geisterbahn, denn die ist …«

Tom bemerkte, wie sich Welf auf dem Stuhl neben ihm aufrichtete und den Anwalt ansah, als würde er ihn gleich durch die vertäfelte Hauswand drücken.

»Die ist … eine Legende. Vielleicht belassen wir es einfach dabei.« Rufus T. Feuerflieg öffnete den obersten Knopf seines Hemdkragens und nestelte ziemlich nervös an seiner Krawatte herum, als er weitersprach. »Also, Tom Röschenberg, da du mit vierzehn Jahren noch nicht geschäftsfähig bist, wird dein Onkel Welf als Verwalter eingesetzt. Du musst aber klar formulieren und natürlich auch unterschreiben, ob du das Erbe und die daran geknüpften Bedingungen annimmst oder nicht. Sonst gibt es auch nichts für dich zu verwalten. Also nimmst du das Erbe an oder n…«

Eben hatte Tom noch ein Geräusch vernommen, das klang, als würde Welf die Nase hochziehen. Da war sein merkwürdiger Onkel auch schon mit einem blitzschnellen Satz vom Stuhl aufgesprungen und stand nun von einer Sekunde auf die nächste mitten im Raum.

Gleichzeitig schwangen die schweren Doppeltüren auf, und Tom spürte einen erstaunlich kalten Luftzug, der ihn frösteln ließ. Ein spitzbärtiger Mann mit einem ausladenden schwarzen Cape und eine junge Frau in einem blutroten Hosenanzug standen im Türrahmen, als würden sie für eine Bühnenshow posieren. Und ganz kurz fragte sich Tom, woher eigentlich dieser Wind gekommen war, der anscheinend nur existierte, um das Cape des komischen Mannes effektvoll aufzubauschen.

Dann machte der Spitzbart einen großen Schritt in den Raum hinein, dicht gefolgt von seiner Begleitung. Welf aber wich keinen Zentimeter zurück und machte auch keine Anstalten, aus dem Weg zu gehen.

Den Spitzbart schien das nicht zu stören, fast so, als hätte er damit gerechnet. Er deutete eine Art Verbeugung an und machte eine ausladende Geste, die Tom irgendwie an einen Zirkusdirektor erinnerte. »Guten Tag zusammen. Meine Verehrung«, sagte er. »Mein Narrme ist Zoraaaschhhh …«

»Name«, flüsterte die Frau neben ihm.

Der Spitzbart bewegte kaum die Lippen und zischte: »Was?«

»Es heißt Name und nicht Narrme«, wisperte die Frau kaum hörbar zurück. »Wieder mal zu viele gerollte R in einem Wort, das kein einziges R hat.«

»Ah, darrrnke«, erwiderte der Spitzbart, und die Frau seufzte genervt.

Okay, dachte Tom. Offensichtlich träume ich. Und zwar schon den ganzen Tag. Erst klingelt Wolverines Zwilling an der Tür und soll auch noch mein Onkel sein. Dann hat der tote Bruder meiner Oma einen Clown als Anwalt. Ich erbe zehn Millionen, dann aber wieder nicht, außer ich tingle mit einer Geisterbahn durchs Land, und jetzt platzt dieser Zeichentrickbösewicht hier rein und will mir ein paar R zu viel verkaufen? Das passiert doch alles nie im Leben wirklich!

Der Spitzbart sah Tom scharf an. »Warrrum hast du dich gerrrade in die Wange gerrrzwickt?«

»Kein R in gezwickt«, raunte die Frau neben ihm, aber der Spitzbart hörte nicht zu.

»Weil ich für einen Moment gedacht hab, dass ich träume«, antwortete Tom wahrheitsgemäß. »Tu ich aber nicht. Ich bin wirklich hier, und das ist alles echt. Krass.«

Der Spitzbart lächelte. »Ja, krrrass, hahaha! Was für ein schönes Worrrt.« Er trat etwas näher an Tom heran, und der spürte, dass Welf sofort ebenfalls etwas näher rückte.

»Keine Sorrrge, ich tu dem Jungen nichts, ich will ihm nur einen Vorrrschlag machen«, erklärte der Spitzbart, ohne Welf überhaupt eines Blickes zu würdigen. »Hiermit biete ich dir für die Geisterbahn Schreckensfahrt und alles, was darin ist, hunderttausend Euro. Na, was sagst du? Dafür kannst du dir so viele Süßigkeiten kaufen, wie du essen kannst, und Spielzeug, bis dein ganzes Zimmer voll ist mit Teddybären, Spielzeugautos und Zinnsoldaten und …«

»Ist das ein Scherz?«, unterbrach ihn Tom. Langsam wurde ihm das alles hier zu albern, und dieser Vorschlag war echt der Topper. »Also, erstens würde ich mir für hunderttausend Öcken sicher was anderes kaufen als einen Besuch im Krankenhaus, damit die mir den Süßkram wieder aus dem Magen pumpen. Zweitens bin ich irgendwie raus aus dem Teddybären-Alter, und drittens ist der Vorschlag ja wohl voll für’n Arsch.«

Der Spitzbart sah ihn erstaunt an, während die Frau aussah, als habe sie mit Toms Antwort schon gerechnet.

»Ich meine, Sie bieten mir läppische hunderttausend jetzt, damit ich auf mehrere Millionen in ein paar Jahren verzichte? Echt jetzt mal, für wie blöd halten Sie mich denn?« Tom wurde jetzt richtig sauer, denn wenn er eins überhaupt nicht leiden konnte, dann, dass man ihn für einen kleinen Doofie hielt. »Und das Wichtigste …«, sagte er und blickte dem Spitzbart dabei direkt in die Augen, ohne zu blinzeln, so wie das die Helden in den Actionfilmen immer machten. »Meinem Onkel Heinrich lag es wohl sehr am Herzen, dass ich diese Geisterbahn übernehme. So sehr, dass er mir dafür verdammt viel Geld vererben will. Also werde ich den Teufel tun und das alles jetzt verscherbeln.«

Tom hörte Oma neben sich erleichtert ausatmen, und er bemerkte auch, dass Welf sich etwas entspannte. Er war aber noch nicht ganz fertig. Das Beste hatte er sich für den Schluss aufgespart. »Außerdem glaub ich nicht einmal, dass Sie mir die Hunderttausend überhaupt bezahlt hätten. Ich glaub Ihnen ja nicht mal Ihren Akzent.«

»Wie kannst du es warrrgen«, schnaufte der Spitzbart.

»Weil Sie gerade eben bei Ihrem Angebot an mich komplett vergessen haben, das R zu rrrrrollen«, antwortete Tom. »Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich glaub, ich muss hier irgendwo unterschreiben.«

Und mit diesem Satz drehte Tom dem Spitzbart und seiner Begleitung einfach den Rücken zu und wandte sich an den Anwalt. »Sie haben bestimmt einen Stift für mich, oder?«

Rufus T. Feuerflieg grinste so breit, dass der Schnurrbart fast die Ohren berührte, und reichte ihm mit formvollendeter Geste einen Füllfederhalter. Dann schob er Tom mit einer ebenso fließenden Bewegung die Urkunde über den Tisch. Gerade als sich Tom hinunterbeugte, um zu unterschreiben, hörte er die Stimme des Spitzbarts hinter sich und drehte sich erschrocken um.

»Du … du neunmalkluge, drrreckige kleine Kanalrrratte«, knurrte der Spitzbart und streckte doch tatsächlich seine Hände nach Tom aus, als wolle er ihn an Ort und Stelle erwürgen.

Tom war viel zu baff, um auszuweichen oder sich gar zu wehren, aber da war bereits Onkel Welf zur Stelle und stieß den Mann mit einer blitzschnellen Bewegung zurück. Doch bevor dieser rückwärts gegen die schwere Doppeltür gekracht wäre, hatte seine Begleitung ihn schon elegant abgefangen und gleichzeitig Welfs Arm mit ihrem ausgestreckten Bein zur Seite geschlagen.

Was geht denn jetzt ab!, rief Tom innerlich, hatte aber immerhin die Geistesgegenwart, seine Oma aus der Gefahrenzone und hinter den schweren Schreibtisch zu ziehen. Dort kauerte der Anwalt bereits und grinste sie schelmisch an. »Willkommen auf den besten Plätzen und viel Spaß bei der Show! Die Frage ist nur: Wo kriegen wir so schnell Popcorn her?«

Da schlug auch schon einer der Stühle neben ihnen ins Regal ein, und Tom war spätestens jetzt klar, von was für einer Show der Anwalt gesprochen hatte.


Kapitel 5: Die Verwüstung

Direkt vor ihnen lieferten sich Welf und die Frau in Rot einen Kampf, der sich so unglaublich schnell und gleichzeitig so heftig vor ihnen abspulte, dass es kaum möglich war, den Überblick zu behalten. Eben noch hatte Welf beide Arme der Frau festgehalten, als sie auch schon beide Beine um seinen Hals geschlungen und ihn mit einer Gewichtsverlagerung zu Fall gebracht hatte. Ohne loszulassen, drehte sie sich nun auf dem Boden herum, sodass Welf herumgewirbelt und wie ein Sack Kartoffeln gegen die Wand geschmettert wurde. Es krachte laut und regnete dunkles Holz. Tom duckte sich mit den anderen unter den Schreibtisch und kniff die Augen zusammen.

Als er sie wieder öffnete, war an der Stelle nur ein grobes, Welf-förmiges Loch in der Vertäfelung. Sein Onkel selbst war bereits wieder knurrend zum Angriff übergegangen und versuchte gerade mit ausladenden Bewegungen, die Frau zu erwischen. Die war aber so unglaublich schnell und gelenkig, dass Welf nichts als Luft zu fassen bekam.

Da stieß die Frau in Rot plötzlich ein Geräusch aus, das bei Tom eine gigantische Gänsehaut verursachte. Hatte Welf vorhin wie ein Bär oder etwas in der Art geklungen, erinnerte der wütende Schrei der Frau ihn nun an eine Raubkatze. Eine große Raubkatze allerdings, so in die Richtung Löwe oder … Säbelzahntiger.

Da bemerkte Tom eine Bewegung im Augenwinkel: Es war der Spitzbart, der sich unbemerkt an den Schreibtisch geschlichen hatte und nun tatsächlich seine Finger nach der Urkunde ausstreckte!

Tom zögerte keine Sekunde, sprang auf und schlug dem Mann mit der Faust auf die Finger. Der jaulte laut auf und starrte ungläubig auf seine Hand. Tom starrte ebenfalls darauf, denn was er da sah, war ganz und gar unglaublich: Die Hand des Mannes war tatsächlich über und über besudelt mit … blauem Blut!? Wie konnte das sein? Was war das für ein Typ! Ein Vampir?

Tom bemerkte, wie ihm schwindelig wurde, denn das passte nun noch weniger in seine bisherige Auffassung von Realität als eine Millionenerbschaft und eine Geisterbahn. Doch als er seine eigene Hand ansah, die immer noch zur Faust geballt war, erklärte sich sowohl der laute Schmerzensschrei als auch das vermeintlich blaue Blut: Tom hatte immer noch den Füller in der Hand gehabt, und so verbogen, wie der jetzt war, so heftig hatte er dem Spitzbart wohl auch in die Hand gepikst. Aua!

Auch Toms Hand und Teile des Schreibtischs waren mit blauer Tinte besudelt, und der Anblick riss ihn aus seinen Überlegungen: Tinte! Unterschreiben! Verdammt!

Sofort griff er sich die Urkunde und suchte auf dem Tisch fieberhaft nach einem weiteren Schreibgerät, um nun endlich seine Unterschrift auf das Papier zu setzen.

Da kamen ihm die beiden Kämpfenden leider dazwischen, denn die landeten ineinander verkeilt direkt vor ihm auf dem Schreibpult und räumten dabei alles ab, was nicht angenagelt war. Und da nicht einmal der verrückte Anwalt auf die Idee gekommen wäre, irgendetwas auf seinem Schreibtisch mit Nägeln zu fixieren, flog nun alles, was darauf gestanden hatte, quer durch den Raum und verwandelte sich in gefährliche Geschosse.

Der Spitzbart hatte sich gerade aufgerichtet und für einen Moment von der schmerzenden Hand abgesehen, als ihn ein schwerer, alter Telefonapparat direkt an der Stirn traf. Die Glocke in dem antiquierten Gerät machte beim Aufschlag effektvoll BING, und der Treffer hinterließ einen deutlich sichtbar geröteten, eckigen Abdruck am Kopf des Mannes.

Die Frau in Rot hatte Welf gerade mit einem schwungvollen Judogriff über sich geworfen und war dann blitzschnell vom Tisch heruntergerollt.

Keine Sekunde zu früh, denn da schmetterte Welf bereits eine schwere Sitzbank aus Eichenholz auf die Stelle, wo sie gerade noch gelegen hatte. Oma, die immer noch hinter dem Schreibtisch kauerte, ließ einen Ruf der Entrüstung hören. »Oh, Verzeihung«, brummte Welf peinlich berührt, doch da schrie Oma abermals: »Ducken!«

Welf tat, wie ihm geheißen, und da, wo eben noch sein Kopf gewesen war, schlug ein Hängeschrank in das Bücherregal ein.

Die Frau hat ’nen Hängeschrank geworfen!?, dachte Tom und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich könnt den nicht mal abmontieren ohne Akkuschrauber!

Trotzdem suchte er gleichzeitig fieberhaft auf dem Boden nach irgendetwas, womit er endlich die Urkunde unterzeichnen konnte. Doch nirgends war ein Stift zu sehen.

Da erschien plötzlich ein Schatten über ihm, und Tom fuhr herum. Der Spitzbart schaute mit wutverzerrtem Blick auf ihn herunter und rief über das Kampfgetöse hinweg: »Wenn du dieses Papier unterzeichnest, sind wir Feinde auf immer und ewig, genauso wie der alte, dumme Heinrich mein Feind war! Und sieh, was es ihm gebracht hat! Nichts außer den Tod! Willst du das gleiche Schicksal erleiden, kleiner Mann? Dann nur zu!«

Der Typ droht mir, dachte Tom, und seine Gedanken rasten. Das bedeutet, er hat Angst, dass ich unterschreibe. Entweder, weil er unbedingt die Geisterbahn besitzen will, oder weil ich sie auf keinen Fall bekommen soll. Oder beides.

Da verengten sich Toms Augen zu Schlitzen, und er richtete sich hinter dem Schreibtisch auf. Omas Hand, die ihn zurückhalten wollte, streifte er sanft, aber bestimmt ab.

Dann trat Tom hinter dem Tisch hervor und stand nun direkt vor dem Spitzbart mitten im Raum.

Mit einem lauten Rums landete Welf direkt vor ihm auf dem Boden und ließ das Parkett rundherum splittern. Tom wich nicht von der Stelle. Sofort stürzte sich die Frau in Rot wie eine Furie auf Welf, doch der war bereits wieder aufgesprungen und mit einem physikalisch unmöglich scheinenden Sprung rückwärts plötzlich hinter der Frau gelandet. Die drehte sich rum, und so standen sich nun nicht nur Tom und der Spitzbart gegenüber, sondern auch Welf und die Frau in Rot. Beide atmeten schwer und ließen sich keine Millisekunde aus den Augen.

Hinter dem Schreibtisch lugten Oma und der Anwalt hervor. Rufus T. Feuerflieg hatte tatsächlich eine Packung Erdnüsse in der Hand und bot sie Oma freundlich an. Die lehnte mit einer unwirschen Bewegung ab. Ihre Aufmerksamkeit galt ganz dem Geschehen vor ihr, wo sich die beiden Gruppen wie in einem Duell gegenüberstanden.

»Was ist nun, kleiner Mann«, raunte der Spitzbart. »Willst du in so jungen Jahren wirklich dein Schicksal besiegeln mit dieser törrrrichten Unterrrschrrrift?«

Tom hielt dem Blick des Mannes stand. »Wissen Sie was? Schon allein, weil es Ihnen so wichtig ist, dass ich nicht unterschreibe, kann ich gar nicht anders.«

Und bevor der Spitzbart eingreifen konnte, hatte Tom anstelle einer Unterschrift kurzerhand seinen tintenverschmierten Daumen auf die Stelle der Urkunde gepresst.

Der Spitzbart sah aus, als würde er gleich explodieren. Sein Gesicht war rot angelaufen, die Backen aufgeblasen wie bei einem Trompete spielenden Marathonläufer, und der Hals drohte den Kragenknopf zu sprengen. Seine Begleitung hingegen sah Tom irgendwie komisch an – mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Frust und … Anerkennung. Doch bevor Tom das genauer analysieren konnte, fing der Spitzbart plötzlich an zu lachen.

Irgendwie hatte Tom eher mit einem Wutausbruch gerechnet, und erst einmal wirkte dieser Lachflash ziemlich gruselig, weil er so gar nicht zu der Situation zu passen schien.

Doch als Tom sich den lachenden Mann genauer ansah, bemerkte er ein interessantes Detail: Die Augen lachten gar nicht mit. Der Typ verzog zwar den Mund und machte auch ein Geräusch, das wie Gelächter klang. Aber er lachte nicht wirklich. Nein, er wollte nur, dass man dachte, er würde lachen.

Krass, dieser Heini ist genauso künstlich wie sein aufgesetzter Akzent, dachte Tom. Allerdings machte ihn das nicht unbedingt weniger gefährlich, sogar eher mehr. So ein Typ war ganz schwer einzuschätzen, man würde nie wissen, was er als Nächstes tat. Auf jeden Fall deutlich komplizierter als der Drachenkaiser aus dem Online Game, bei dem Tom nach wenigen Sekunden schon ahnte, wie ihm beizukommen war.

Schließlich hörte der Spitzbart auf mit dem Herumgelache, tupfte sich imaginäre Lachtränen aus den Augenwinkeln und grinste Tom an, als wolle er ihn auf einen Eisbecher einladen. »Sooo, du kleiner Rrracker, ich gebe zu, das war ein clevererrr Schachzug. Ich gratulierrre dir ganz herrrzlich und frrreue mich, dich sehr bald auf dem Platz begrrrrüßen zu dürrrfen. Meine Empfehlung an … all die anderrren.«

Er deutete eine sehr knappe Verbeugung an, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte mit schnellen Schritten aus der Tür, wobei sich sein schwarz schillerndes Cape so eindrucksvoll aufbauschte, dass es fast wirkte, als sei es lebendig.

Die Frau in Rot folgte ihm, warf Tom aber noch einen letzten Blick über die Schulter zu, den er nun so gar nicht deuten konnte. Und das war selten bei Tom, denn eigentlich war er wirklich verdammt talentiert darin, in den Gesichtern anderer Leute zu lesen.

Verwundert stellte er fest, dass der Sekretär des Anwalts den Spitzbart und seine Begleitung mit der gleichen oberflächlichen Höflichkeit verabschiedete, wie er Tom & Co begrüßt hatte. Man hätte meinen können, solche Art von Kämpfen wären in der Kanzlei an der Tagesordnung und nichts, worüber man sich wundern oder sonst wie erregen müsste. Na ja, vermutlich zahlte der Assistent auch nicht für die nun dringend notwendige Renovierung.

Erst als auch die Tür der Kanzlei hörbar ins Schloss gefallen war, wagte sich Rufus T. Feuerflieg hinter der arg lädierten Deckung hervor, die einmal sein Schreibtisch gewesen war. »Lieber Welf, ich kann gar nicht sagen, was mich mehr freut: dass du gekommen bist, um uns zu beschützen, oder dass du jetzt wieder gehst. Sollte ich jemals ein Abrissunternehmen gründen, bist du der Erste, den ich anrufe. Für alle anderen Jobs stelle ich lieber ein tollwütiges Nashorn ein.«

Oma lachte laut, und auch Tom fand immer mehr Gefallen an dem verrückten Humor des Anwalts. Welf allerdings wirkte, als hätte er gar nicht zugehört. Er griff sich die Urkunde, steckte sie in einen Umschlag und winkte dann Tom. »Lass uns gehen.«

»Wie? Und Oma?«, fragte der, doch die winkte ab.

»Alles gut, Tom. Ich bin der gleichen Meinung wie Welf. Du solltest keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich dein Erbe in Augenschein nehmen. Viel hängt von den nächsten Stunden ab. Mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst.«

Tom verstand nur die Hälfte oder vielleicht noch weniger davon, und das gefiel ihm mal so gar nicht. Doch bevor er widersprechen konnte, hob Oma ihren Zeigefinger. »Nein, Tom. Du gehst jetzt mit Onkel Welf. Und mach dir um mich keine Sorgen, ich nehme nach dieser Aufregung sehr gerne die geruhsame Straßenbahn nach Hause. Bis später, mein Junge.«

Und damit drückte sie ihn kurz, aber fest an sich, wuschelte ihm noch einmal durch die Haare und schob ihn dann hinter Welf her aus der Tür.


Kapitel 6: Die Schreckensfahrt

Du kanntest diesen Typen, oder?«, fragte Tom Welf, kaum dass sie wieder in seinem Ami-Schlitten saßen. Welf nickte.

»Okay, und warum bitte wollte er nicht, dass ich unterschreibe? Warum wollte er mir die alte Geisterbahn abkaufen, und warum spricht er so, als hätte er einen Akzent, und warum ist die Frau in Rot so … so krass? Was bitte hatte das alles zu bedeuten?«, sprudelte es aus Tom heraus. Und das waren nur die wichtigsten Fragen, die in seinem Hirn darum drängelten, als Erstes durch seinen Mund nach draußen zu blubbern.

Doch Welf antwortete nur: »Nicht jetzt.« Und schwieg.

Da stieß Tom ein so lautes Boah-bin-ich-genervt-Geräusch hervor, dass Welf wohl dachte, auf der Straße hätte jemand gehupt und sich verwundert umsah.

»Was soll das denn für eine Antwort sein?«, legte Tom im gleichen, ultragenervten Tonfall nach. »Nicht jetzt. Na toll! Das sind Antworten, wie man sie in irgendwelchen Fernsehserien hört, wenn die Leute einfach nur miteinander sprechen müssten, und dann wäre die Folge sofort rum, weil dann alles klar wäre. Stattdessen heißt es dann Nicht jetzt oder Alles zu seiner Zeit oder Glaub mir, das willst du nicht wirklich wissen, damit der Zuschauer möglichst lange keine Ahnung hat, was eigentlich los ist. Das hier ist aber keine Fernsehserie. Ich bin nicht der Zuschauer, sondern mittendrin, Welf-der-angeblich-mein-Onkel-ist! Also frag ich dich jetzt einfach noch einmal, und bitte, gib mir doch eine Antwort, die mir auch irgendwas beantwortet, okay?« Tom atmete nach diesem langen Wortschwall tief ein und wiederholte dann überdeutlich: »Was hatte das alles zu bedeuten?«

»Glaub mir, das willst du nicht wirklich wissen«, sagte Welf, und der Anflug eines Grinsens umspielte seine schmalen Lippen.

Tom fühlte sich ziemlich verarscht. »Toll, ganz toll. Danke. Super«, brummelte er und drehte sich so weit weg, wie es ihm in dem Autositz möglich war.

Nach etwa zwanzig Minuten brütendem Schweigen erreichten sie schließlich das Gewerbegebiet außerhalb der Stadt. Zunächst reihten sich blitzsaubere und modern wirkende Fabrikgebäude, Firmensitze und Outlet-Stores entlang schnurgerader Straßen ohne Bäume oder Sträucher. Danach folgten einige Lagerhallen, ein ausgedehnter Schrottplatz, eine Kiesgrube. Und dann, ganz am Ende der Straße …

»Eine Tankstelle?«, fragte Tom laut.

Welf nickte. »Wurde gebaut, als man noch dachte, hier würde die Straße weitergehen bis zur Autobahn.«

»Autobahn? Hier ist doch gar keine Autobahn, die führt doch auf der anderen Seite um die Stadt rum«, wunderte sich Tom.

»Richtig«, grummelte Welf und stieg aus. Anscheinend dachte er, dass er Tom damit genug Informationen gegeben hatte.

Tom stieg ebenfalls aus und sah sich um. Neben dem großen Werkstattgebäude mit dem riesigen, verrosteten Tor in der Mitte wirkte die Tankstelle selbst ziemlich klein. Doch auch das Kassenhäuschen und das Dach über den nicht vorhandenen Zapfsäulen war winzig im Vergleich zu modernen Tankstellen. Tom vermutete, dass diese hier wohl in den Fünfzigerjahren gebaut worden war. Die abgeblätterten Pastellfarben und die schmalen Zapfsäulen erinnerten Tom an die alten Sonntagnachmittagsfilme, die Oma so gerne schaute. Und das Dach hatte diese geschwungene, spitz zulaufende Form von Omas altem Couchtisch. Anscheinend hatte man sich damals entschieden, die Autobahn doch anders herum um die Stadt zu führen, was diese Tankstelle hier mitsamt der Straße überflüssig machte.

Na, wenigstens wird die Miete hier billig sein, dachte Tom, als er Welf über den Platz folgte. Rechts neben der Tankstelle fiel ihm noch eine rostige Klappe im Boden auf, die mit einem schweren Metallriegel verschlossen war. Dies musste wohl der unterirdische Tank für die Zapfsäulen sein. Überall auf dem Platz wuchs Unkraut zwischen den Pflastersteinen, teilweise so hoch, dass es Tom bis zu den Knien reichte. Nur im Bereich der Ausfahrt aus der Werkstatt bis zur Straße war das Grünzeug halbwegs eingedämmt.

Welf öffnete eine kleine Tür in dem großen Tor. Anstatt einer Einladung oder irgendeinem Wort der Erklärung stand er einfach nur da und nickte in Richtung des tiefschwarzen Nichts, das in der Halle auf Tom wartete.

Tom seufzte. »Wie wär’s mit: Ich erklär dir gerne alles, bin ja schließlich dein Onkel, mach dir keine Sorgen, das wird schon?«

»Ich erkläre nicht gern, bin auch nicht wirklich dein Onkel, Sorgen sind absolut berechtigt, und ob das alles wird, muss sich noch zeigen«, antwortete Welf nur.

»Das ist ja … ziemlich ehrlich«, erwiderte Tom sarkastisch und trat dann extra forsch an Welf vorbei in die dunkle Werkhalle.

Eigentlich hatte Tom angenommen, dass sich seine Augen gleich an die Dunkelheit gewöhnen würden und das restliche Licht ihm erlaubte, wenigstens irgendetwas zu erkennen. Stattdessen blieb es einfach nur schwarz. Allerdings spürte Tom sehr deutlich, dass da irgendetwas in der Halle war. Er hätte nicht genau sagen können, warum, aber das Gefühl war eindeutig: Irgendetwas stand da vor ihm, wie ein massiver Haufen dichteste Finsternis.

»Achtung«, hörte er plötzlich Welf murmeln und danach ein Geräusch, als würde er einen schweren Schalter umlegen, der lautstark einrastete. Im nächsten Moment schrie Tom auf und riss die Arme hoch! Urplötzlich war es in der Halle zwei Dinge geworden: Hell und Laut.

Mit zusammengekniffenen Augen blinzelte Tom hinter seinem linken Arm hervor und versuchte gleichzeitig, sich mit den Händen irgendwie die Ohren zuzuhalten. Es gelang ihm immerhin so lange, bis der Schreck überwunden war und sein Gehirn erkannt hatte, dass das monströse Ding vor ihm nur im Vergleich zu »stockdunkel« wirklich hell und auch nur verglichen mit »Totenstille« wirklich laut war.

Es war unglaublich, wie ein seltsamer Traum und doch real: Vor ihm blinkte und dudelte tatsächlich eine waschechte Geisterbahn, ganz genau so, wie man sie von typischen Rummelplätzen kannte.

Na ja, vielleicht doch nicht ganz genau so, denn je mehr sich Toms Augen an das Drumherum gewöhnt hatten, desto klarer wurde ihm: Diese Geisterbahn wirkte weniger gruselig und spannend als vielmehr unfreiwillig albern und verstaubt.

Mindestens ein Drittel der unzähligen bunten Glühbirnen war durchgebrannt oder fehlte, und Tom konnte nur hoffen, dass die ganzen Totenschädel, Gespenster, Vampire, Zombies und Mumien rund um den flackernden Schriftzug irgendwann einmal auch andere Farben getragen hatten als abgeblättertes Graubraun.

»Aha. Das ist also die Schrnsfat«, sprach Tom.

»Schreckensfahrt«, verbesserte Welf.

»Ja, wenn alle Buchstaben noch leuchten würden«, erwiderte Tom. »So ist es nur die Schrnsfat.«

Er drehte sich zu seinem angeblichen Onkel um und deutete hinter sich auf dieses glimmende, dudelnde Relikt vergangener Zeiten, dessen Besitzer er nun dank eines Daumenabdrucks geworden war.

»Welf, ohne Scheiß!«, rief Tom über den Lärm hinweg. »Das Ding ist vollkommen im Arsch! Und damit soll ich jetzt jahrelang von Kirmes zu Kirmes gondeln? Wer bitte geht da rein und zahlt auch noch dafür? Oder bezahlen wir die Leute, damit sie da reingehen?«

Tom drehte sich wieder zur Geisterbahn um und starrte fassungslos auf die kleinen Wägelchen, die gestaltet waren wie kleine Särge. Allerdings wirkten sie durch ihre eher breite und an den Ecken abgerundete Form nicht gruselig, sondern ganz arg albern. Stumm sah Tom zu, wie dieser Gnubbelsarg mühselig hinter dem Kassenhäuschen hindurchruckelte, um dann unter einem Fallgitter hindurch in der »Schrnsfat« zu verschwinden. Dieses Gitter sollte wohl den Eindruck erwecken, als würde es jeden Moment herunterfallen und so für den ersten Schreck sorgen. Leider zuckte es nur armselig, und von den fünf Spitzen am unteren Ende des Gitters fehlten die mittleren drei.

Da öffnete sich auf der rechten Seite ein Burgtor, das auch nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem schweren, beschlagenen Türflügel hatte. Es sah eher aus, als würde jemand mit einer labbrigen Scheibe Vollkorntoast winken. Ein weiterer Wagen kam zum Vorschein, der seine Runde durch die Bahn offensichtlich beendet hatte.

Hier, am Ende der Fahrt, wechselten die Wägelchen in eine extra Schiene, wo sie langsamer fuhren, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Am Anfang dieser Schiene war ein Metallzapfen angebracht, der dafür sorgen sollte, dass sich auch der Sicherheitsriegel öffnete. Bei diesem Wagen allerdings schien das nicht so recht zu funktionieren, denn anscheinend war der Bügel verklemmt oder festgerostet. Der kleine dicke Sarg blieb an dem Zapfen hängen und blockierte so die gesamte Mechanik. Erstaunt bemerkte Tom, dass dabei auch die Glühbirnen dunkler wurden und flackerten, während die blecherne Musik zu leiern begann und schließlich klang, als würde sich die Welt nur noch in Zeitlupe bewegen.

Welf seufzte und versetzte dem Schienenbett einen wuchtigen Tritt. Es gab einen metallischen Schlag, der Sicherheitsbügel sprang zurück, das Wägelchen löste sich aus der Blockade, und die Geisterbahn quälte sich langsam eiernd wieder bergauf bis zur Normgeschwindigkeit.

»Äh … wann soll das Ganze denn losgehen?«, fragte Tom mit matter Stimme.

»Bald«, antwortete Welf. »Wir haben genug Zeit, um dir alles zu zeigen. Und dann fangen wir mit dem Abbau an. Unsere erste Station ist ein Kirchweihfest in Bad Reichenhall.«

»Ah«, machte Tom, während in seinem Gesicht Fassungslosigkeit und Zukunftsangst um die Vorherrschaft kämpften und ihm so einen arg verwirrten Ausdruck verliehen. Mit diesem alten, armseligen Kasten sollte er bald durch die Gegend schippern? Ernsthaft jetzt? Und Oma hatte ihn nicht einmal davor gewarnt! Tom schüttelte den Kopf. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein.

»Weißt du was?«, sagte er schließlich an Welf gewandt. »Das Ding macht mir wirklich Angst. Aber aus den falschen Gründen. Ich hab grad einfach nur Schiss vor den nächsten vier Jahren. Wie sollen wir dieses Teil bitte halbwegs sinnvoll betreiben? Wer soll das alles reparieren, und vor allem, wer bezahlt die, die das alles reparieren sollen? Ich krieg erst Geld, wenn die Zeit rum ist, aber bis dahin bin ich längst vollkommen pleite! Und mit den Nerven am Ende! Und …«

Welf gab ihm keine Antwort. Stattdessen unterbrach er Toms Monolog, indem er ihn am Arm mit sich zog.

»Hey!«, rief Tom. »Was soll das denn, warum … Waaahhh!« Ehe er sich’s versah, hatte Welf ihn einfach hochgehoben und zielsicher in eines der Wägelchen geworfen. Es schepperte, als Tom mit dem Hintern auf die hölzerne Sitzbank prallte. Er verzog schmerzhaft das Gesicht, und gleichzeitig war er jetzt richtig sauer!

»Das machst du nicht noch mal mit mir, hörst du?« Tom rappelte sich auf, um wieder auszusteigen, bevor er in der Geisterbahn verschwinden würde. »Ich hab jetzt echt keinen Bock, mit diesemmmpfff…«

Weiter kam er nicht, denn gerade war der Sicherheitsriegel hochgeklappt und hatte Tom mit überraschend viel Wucht zurück in den Sitz gedrückt. Kaum hatte er seinen Atem wiedergefunden, war Tom auch schon unter dem Gitter hindurchgefahren und …

Pulsuz fraqment bitdi.

15,22 ₼

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22 dekabr 2023
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9783964260505
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