Kitabı oxu: «Ghostsitter»

Die bisherigen Bände dieser Serie:
Ghostsitter Band 1: Geister geerbt
Ghostsitter Band 2: Vorsicht! Poltergeist!
Ghostsitter Band 3: Hilfe, Zombie-Party!
Ghostsitter Band 4: Schreck im Spiegelkabinett
Ghostsitter Band 5: Tanz der Untoten
Die Serie wird fortgesetzt!
1. überarbeitete Neuauflage August 2019
Copyright © 2019 by Tommy Krappweis & Edition Roter Drache
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Umschlagillustration und Vignetten: Timo Grubing
Umschlaggestaltung: Timo Grubing
Korrektorat: Diane Krauss
Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-964260-58-1

Inhalt
Kapitel 1:Übung Schmübung
Kapitel 2:Verlorene Zeit
Kapitel 3:Odor
Kapitel 4:Ungebetener Besuch
Kapitel 5:Seltsarrm
Kapitel 6:Geisterwecker
Kapitel 7:Die Taschenuhr
Kapitel 8:Der kleine große Tom
Kapitel 9:Zu Hause bei Zoracz
Kapitel 10:Dada
Kapitel 11:Das Getüm
Kapitel 12:Kleine Schritte
Kapitel 13:Wer weiß was warum
Kapitel 14:Whoaa!
Kapitel 15:Der Handel
Kapitel 16:Auf der Flucht
Kapitel 17:Der grüne Punkt
Kapitel 18:Happy Place
Kapitel 19:Verborgene Fähigkeiten
Kapitel 20:Die Treppe
Kapitel 21:Mimi
Kapitel 22:Eine alte Geschichte
Kapitel 23:Die Zwieslerbrut
Kapitel 24:Noch mehr Flure
Kapitel 25:Der Handel
Kapitel 26:Endlich frei
Kapitel 27:Familie
Kapitel 28:Hermina vom Hohenblick
Kapitel 29:Die Gruft
Kapitel 30:Zu Hause
Kapitel 31:Ein weiterer Piks
Kapitel 32:Die Zukunft
Über den Autor
Weitere Bücher

Kapitel 1: Übung Schmübung
Ich hab aber keinen Bock meheheeeer!«, schallte die Stimme des Geistermädchens quer durch den Zirkuswagen. Gerade noch war Mimi mit geschlossenen Augen durch den Raum geschwebt und hatte versucht zu spüren, ob sie sich vor dem Tisch oder auf dem Tisch befand. Tatsächlich war sie aber durch den Tisch hindurchgeschwebt und hatte nichts davon bemerkt. Nun flatterte sie hin und her, und ihre Augen waren nicht mehr geschlossen, sondern genervt gegen die Decke gerollt.
Tom seufzte. »Das versteh ich wirklich gut, Mimi. Aber wenn du deinen Character in World of WerWizards irgendwann mal auch selbst steuern willst, musst du diese Übungen zur Teilmaterialisierung eben regelmäßig machen.«
»Jaja, Übungen, Schmübungen …«, grummelte Mimi wenig schlagfertig, aber dem Gespenst war anzusehen, dass es genau wusste, wie recht Tom damit hatte.
Als Geist der Sorte Apparatio konnte sie sich zwar frei bewegen und ungehindert durch Wände, Böden oder Personen schweben – aber genauso glitt sie eben auch durch alle anderen Dinge hindurch. Etwas festzuhalten, aufzuheben oder auch nur ein paar Zentimeter hin und her zu schieben, war für sie nicht möglich. Das galt für Maus und Tastatur in einem Online Game, aber eben nicht nur dafür – die Sache wurde auch immer problematischer, je näher sich Mimi und Tom kamen. Schon in einer ganz normalen Freundschaft kam es schließlich vor, dass man jemanden mal umarmte, tröstend die Hand auf die Schulter legte oder ein Krabbeltierchen vom Ohr schnippte. Das alles war schlicht nicht möglich für einen Menschenjungen und ein Geistermädchen.
»Boah, ich komm mir voll blöd vor …«, meckerte Mimi, als sie zum vielleicht zwanzigsten Mal durch den Tisch geschwebt war. »Wie lang soll ich das denn jetzt noch machen?«
»So lange, bis du einen Widerstand spürst«, antwortete Tom. »Und nein, ich weiß nicht, wie lange es dauert, aber es lohnt sich! Da bin ich mir ganz sicher, Mimi! Es ist doch super, dass ich diese Zeilen in Vlarads Aufzeichnungen überhaupt gefunden hab.«
»Bin mir da grad nicht so sicher«, murmelte das Geistermädchen.
»Na logo!«, widersprach Tom energisch. »Allein dass ich endlich mal ein bisschen was über Untote lesen durfte, ist ja der Hit. Ich hatte echt schon das Gefühl, ihr wollt mich absichtlich doof halten.«
»Du weißt genau, dass das nicht stimmt«, schnappte Mimi sofort zurück. »Und außerdem mach ich das jetzt schon voll ewig lang! Lahang! Lahahahangweiliiiiiig!«
Tom schaute auf die Zeitanzeige seines neuen Smartphones.
»Ich weiß ja nicht, wie man als Gespenst die Zeit wahrnimmt, aber für uns Normalsterbliche sind viereinhalb Minuten keine Ewigkeit …«
»Pah! Google mal den Einstein, der wird dir erklären, dass Zeit relativ ist. Es kommt immer drauf an, was man gerade tun muss.«
»… oder tun will«, ließ sich da die Stimme von Vlarad dem Vampir vernehmen. Tom und Mimi drehten sich zu ihm herum. »Wenn man etwas muss, scheint die Zeit entschieden langsamer zu vergehen als in Situationen, in denen man etwas gerne tut …«
Der Graf ließ sich für seine Verhältnisse überraschend schlapp auf einem der Küchenstühle nieder. Sonst achtete er eigentlich sehr auf Haltung und einen gräflichen Gesamteindruck, doch jetzt gerade schien ihm das völlig egal zu sein. Er lümmelte sich regelrecht auf den Stuhl, streckte dann die Beine aus und kratzte sich gedankenverloren an der Stirn.
»Du siehst auf jeden Fall gerade so aus, als käme dir die Zeit besonders lang vor, Vlarad«, sagte Tom und setzte sich besorgt zu ihm an den Tisch. »Was ist denn los?«
Auch Mimi kam sofort angeflattert und musterte den erschöpften Vampir.
Der schüttelte traurig den Kopf: »Ich gebe zu, ich bin zerschmettert. Seit Wochen und Monaten forsche ich nun schon an Hop-Teps Lazarus-Serum. Immer wenn ich denke, dass ein Durchbruch kurz bevorsteht, löst sich die Hoffnung auf in ein deprimierend belangloses Wölkchen aus gelblich schimmerndem Nichts. Wenn das so weitergeht, rechne ich mit dem Schlimmsten.«
»Oh je …«, murmelte Mimi. Tom wusste natürlich genau, was sie fühlte. Ohne das kostbare Lazarus-Serum würde die Mumie ihr untotes Leben nicht erhalten können und unweigerlich zu Staub zerfallen.
»Wie lang, glaubst du, kann Hop-Tep noch durchhalten mit dem restlichen Serum?«, fragte Tom, obwohl er gar nicht so sicher war, ob er die Antwort wirklich hören wollte.
Vlarad blickte ernst in die Runde. »Meinen Berechnungen zufolge kommt unser ägyptischer Prinz damit in etwa bis Halloween.«
»Was?«, rief Mimi erschrocken. »Das ist ja …«
»… in weniger als drei Monaten, richtig«, beendete Vlarad ihren Satz. »Danach ist der Verfall seiner sterblichen Anteile nicht mehr aufzuhalten. Er mag bei guter Pflege seiner Bandagen und regelmäßiger Neubalsamierung noch Wochen oder gar Monate überstehen. Da sein Fall absolut einzigartig ist, kann ich nicht sagen, wie lange es dauert, bis er vollständig zu Staub zerfallen ist.«
»Oh Mann …« Gestresst quetschte Tom seine Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger und presste die Augenlider zusammen, als hätte er plötzlich rasende Kopfschmerzen. »Wir haben doch gerade erst Wombie davor gerettet, an seinem Getodstag vom Wind verteilt zu werden, und nun droht uns das Gleiche mit unserem ägyptischen Prinzen.«
Als er begann, hell flackernde Punkte zu sehen, öffnete er die Augen und rieb sich stattdessen die Schläfen. »Was ist das eigentlich für eine Sache mit euch Untoten und diesem andauernden Zu-Staub-zerfallen-Ding?«
»Mach dir da keine Illusionen, Junge«, winkte der Vampir ab. »Auch ihr Menschen zerfallt irgendwann zu Staub. Bei euch sieht es nur deutlich langweiliger aus.«
»Dann bin ich auch irgendwann mal langweilig zerstaubt, oder?«, warf Mimi ein. »Schließlich war ich auch mal menschlich.« Dann kicherte sie. »Hihi, also zumindest nehm ich das jetzt mal an. Genau weiß ich es natürlich nicht. Ich erinnere mich ja blöderweise nur so weit zurück, wie ich ein Gespenst bin.«
»Du weißt, wie ich darüber denke, junges Fräulein«, antwortete Vlarad. »Du kannst es bedauern oder du kannst froh darüber sein. Ich rate zu Letzterem, denn man wird nicht ohne Grund ein schicksalsgebundener Geist, wie du einer bist. Meist ist das Schicksal ein grausames solches. Viele andere Wesen, die dergleichen erleben, wären froh, wenn sie vergessen könnten, was ihnen widerfuhr.«
Tom bemerkte den Seufzer, mit dem der Vampir den letzten Satz begleitet hatte. Stimmt, dachte er, ich weiß auch gar nix über Vlarads Geschichte, bevor er zum Vampir wurde.
Er beschloss, hier mal bei Gelegenheit vorsichtig nachzubohren. Aber nun hatten sie ja andere Probleme.
»Gibt es denn irgendetwas, das wir für Hop-Tep tun können?«, fragte Tom, aber der Vampir schüttelte den Kopf.
»Um ehrlich zu sein, ich wüsste nicht, was«, sprach er leise und blickte dann ausdruckslos ins Leere.
Tom hatte den Vampir noch nie so niedergeschlagen erlebt, und auch Mimi tauschte einen besorgten Blick mit ihm aus. Doch da erhob sich der Graf plötzlich und straffte sich, als würde er Körper und Geist zur Ordnung rufen.
»Nein! Das ist nicht akzeptabel!«, rief er und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. »Ich bin mir sicher, dass irgendetwas Essenzielles meiner Aufmerksamkeit entgeht, und will abermals doppelt und dreifach verdammt sein, wenn ich da nicht bald draufkomme, Hölle und Brut!«
Er wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal zu dem Geistermädchen um: »Es freut mich zu sehen, dass du nach über zweihundert Jahren endlich mit den Übungen zur Teilmaterialisierung begonnen hast. Sobald sich ein Effekt bei dir einstellt, meldet euch bitte bei mir, damit ich den abschließenden magischen Spruch anwenden kann.«
Erstaunt blickte Tom zu Mimi, doch das Gespenstermädchen mied seinen Blick …

Kapitel 2: Verlorene Zeit
Tom spürte, wie ihm eine seltsame Art von Enttäuschung ins Herz gekrochen kam, um sich dort häuslich einzurichten. Es fühlte sich nicht gut an. »Du … du hast die Übungen schon mal von Vlarad gesagt bekommen? Vor so langer Zeit? Und du hast niemals …«
Plötzlich stand der Graf wieder vor Tom, musterte ihn seltsam und fuhr dazwischen: »Wo sollte sie die Übungen denn sonst herbekommen haben, wenn nicht von mir?«
Tom war verwundert über diese Reaktion. »Na, aus deinen Notizbüchern, die du mir in die Hand gedrückt hast. Da standen die drin. Zwar ohne den finalen Zauberspruch, aber dafür müssen wir ja eh zu dir kommen.«
Augenblicklich entspannte sich der Vampir: »Die Abschrift … Nur die Abschrift … natürlich. Ja, das ist selbstverständlich völlig in Ordnung. Entschuldige bitte, mein Junge.«
Bevor Tom genauer nachfragen konnte, was Vlarad meinte, wandte der sich schon an Mimi: »Wie sagt man so schön: Besser spät als nie. Trotzdem ist es schade um all die verlorene Zeit, wenn ich das so sagen darf. Hättest du seinerzeit direkt mit dem Training begonnen, wärst du jetzt schon einen bedeutenden Schritt weiter. Du könntest Objekte berühren, greifen und sogar für eine begrenzte Zeit festhalten.«
»Echt jetzt?«, entfuhr es Tom schärfer als er es beabsichtigt hatte.
»In der Tat. Aber wie sagt man noch so schön: Können ist einfach, können wollen meist schwer«, antwortete der Vampir und nickte professoral in Richtung des Gespensts. »Wie dem auch sei, ich bin mir sicher, deine Lernkurve wird sehr bald steil nach oben zeigen, meine Liebe. Du wirst schnell erste Erfolge verzeichnen.«
Mimi antwortete nicht, aber Tom fragte hoffnungsvoll nach: »Sehr bald? Was genau meinst du denn damit?«
Vlarad warf einen undurchdringlichen Blick in die Runde. »Zeit ist relativ, mein Junge. Ich wünsche eine geruhsame Restnacht allerseits. Wenn ihr mich sucht, ich bin in meinem Labor.«
Damit drehte er sich um, stakste durch den überdachten Durchgang hinüber in die Geisterbahn und schloss die Tür hinter sich.
Tom stand mit offenem Mund da. Erst als die Schritte des Vampirs nicht mehr zu hören waren, drehte er sich auf dem Stuhl zu Mimi um. Einen Moment lang wusste er gar nicht, was er sagen sollte.
Das Geistermädchen schwebte mitten im Raum und ließ den Kopf hängen, als hätte man sie mit dem Kragen an einem Garderobenhaken befestigt.
Schließlich fand Tom seine Stimme wieder: »Du kanntest diese Übungen schon seit zweihundert Jahren und hast die noch nie gemacht?« Er klang so bitter und vorwurfsvoll, dass er selbst darüber erschrak.
Mimi nickte stumm, und sofort bereute er seinen scharfen Ton. Tom stand auf und ging seufzend zu ihr hinüber.
»Oh Mann … Bitte entschuldige, Mimi«, flüsterte er und streckte unwillkürlich die Hand nach ihr aus. Bevor er es bereuen konnte, schaute das Geistermädchen bereits traurig auf die Hand, die es ja doch nicht berühren konnte. Mimi blickte wieder auf zu Tom.
Der kniff die Lippen zusammen, schimpfte lautlos in sich hinein und zog die Hand zurück. Genau das war ihm leider schon ein paarmal passiert, und er hatte sich eigentlich fest vorgenommen, dass es nie wieder vorkommen würde.
»Schon okay …«, murmelte Mimi, und Tom suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. Aber leider hatten sich alle Buchstaben gerade gegen ihn verschworen und bildeten in seinem Hirn nur lauter sinnlose Wortgebilde. Weder »Brögldompf« noch »Gniebelfips« oder »Wuggu-Wuggu« würden die Situation verbessern, da war sich Tom sicher. Also sagte er besser nichts.
In dem Moment öffnete sich die Tür des Zirkuswagens und Onkel Welf trat herein. Er wirkte seltsam gehetzt und blickte sich unruhig im Raum um. Seine geballten Fäuste steckten in den Taschen der abgewetzten Lederjacke. In den ersten Wochen seiner Zeit als Ghostsitter wäre Tom noch alarmiert gewesen und hätte sofort gefragt, ob etwas Schlimmes passiert sei. Das war jetzt nicht mehr nötig. Tom wusste genau, warum Welf hereingekommen war und wieso er sich so seltsam verhielt.
»Okay, Vollmond. Alles klar, bitte hereinspaziert«, sagte er. Gleichzeitig öffnete sich wie von selbst die doppelte Wand am Ende des Zirkuswagens, hinter der sich der magisch gesicherte Käfig auftat. Dass Tom das nur mit der Kraft seiner Gedanken tun konnte, war ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen, er dachte gar nicht mehr darüber nach.
Sofort machte Welf ein paar große Schritte quer durch den Raum und betrat den Käfig. Dort ließ er sich auf der Holzpritsche nieder und bedeutete Tom mit einem genervten Schnauben, die Gitterstäbe wieder zu schließen.
Der folgte der Aufforderung umgehend: Mit einem weiteren Gedankenbefehl schloss Tom die Stangen vor dem Werwolf und sorgte so dafür, dass dieser nach seiner vollständigen Verwandlung niemandem ein Haar krümmen konnte.
Tom wusste, dass sein Ziehonkel in diesen Momenten noch weniger Lust auf ein Gespräch hatte als sonst, also nickte er ihm nur schweigend zu. Der Werwolf nickte zurück, und Tom ließ die Wand vor den Käfig gleiten. Er war froh, dass sich Welf immer früh genug vor der Verwandlung in eine reißende Bestie bei ihm einfand, um sein Spielzimmer zu betreten, wie Mimi den Käfig scherzhaft nannte.
»Also, w…«, begann er, um sich wieder dem Geistermädchen zuzuwenden, doch als er sich umsah, war von Mimi nichts mehr zu sehen.
»Na toll«, stöhnte Tom und ließ sich matt auf sein Bett fallen. Was konnte jetzt noch passieren, um den Abend noch ein bisschen scheißiger zu machen …? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Achtung, eine Meldung an alle, hörte er da die telepathische Stimme von Vlarad in seinem Kopf. Wombie ist verschwunden.

Kapitel 3: Odor
Sofort sprang Tom auf und angelte unter dem Bett nach seinen Turnschuhen. Gleichzeitig öffnete er einen telepathischen Kanal zu allen anderen: Was ist passiert?
Es war die salbungsvolle Stimme von Hop-Tep, die sich nun meldete: Ich bin im Spurenlesen weniger begabt als unser wölfischer Freund, der uns ja nun leider nicht zur Verfügung steht. Und doch möchte ich sagen –
Entschuldige, Hop-Tep!, unterbach Tom die ägyptische Mumie so höflich wie möglich. Aber wenn es irgendwie geht – fass dich bitte kurz!
Du sprichst knapp, aber weise, junger Freund. Nun, wenn ich die Zeichen und Geschehnisse richtig deute, haben wir wohl ein Marderproblem.
Und was hat das mit Wombie zu tun?, fragte Tom verwirrt, während er sich hektisch die langen Schnürsenkel zuband. Unserem Zombie gehen Marder doch am Hintern vorbei, so wie alles andere. Wir könnten ihm den großen Zeh auskugeln und er würde nicht mal blinzeln.
Da magst du recht haben, antwortete nun der Vampir telepathisch. Aber wenn ein Marder Wombies geliebten Kuschelhasen Odor entführt …
… ändert das die Sache, auweia, beendete Tom den Satz.
Wir sind sofort da, ertönte da auch Mimis Stimme. Wo genau seid ihr?
Hinter der Geisterbahn, den Feldweg hinunter, direkt am Waldrand, erklärte Vlarad, und Tom machte sich sofort auf den Weg.
Er hatte weniger als drei Minuten gebraucht, um seine Sachen zusammenzusuchen, den Zirkuswagen zu verlassen und den Feldweg zum Wald hinunterzurennen.
Dort schwebte Mimi bereits zwischen Mumie und Vampir und starrte mit ihnen in die Dunkelheit. Sie würdigte Tom nur eines flüchtigen Blickes.
Der seufzte. »Also, wie sicher auf einer Skala von null bis zehn sind wir, dass der Marder da mit Wombies Kuschelhasen reingerannt ist?«
»Wie sagst du immer so schön?«, murmelte Vlarad. »Tausend.«
»Aha, und warum?«
»Nun, der Lavendelgeruch von Odor ist so ausdrucksstark, dass ich fast schon eine lila schimmernde Spur zu sehen glaube.«
Er winkte Tom zu sich, und kaum hatte der einen tiefen Atemzug durch die Nase genossen, waren alle Zweifel aufs Blumigste beseitigt: Ein chemisch-aufdringlicher Geruch von parfümiertem Waschmittel stand in der Luft, als wolle er Hänsel und Gretel zum Waschhäuschen der Hexe locken.
»Inzwischen bin ich mir gar nicht mehr so sicher, welchen Gestank ich furchtbarer finde«, stöhnte Tom.
Als er Wombie und seinen Kuschelhasen Odor kennengelernt hatte, war er vom infernalischen Gestank des ungewaschenen Kuscheltiers fast ohnmächtig geworden. Wombie ließ nicht zu, dass irgendwer außer ihm das Plüschhäschen auch nur anfasste, und so hatte sich zunächst der faulige Geruch vieler Jahrzehnte darin gesammelt. Vor Kurzem aber hatte der Zombie doch tatsächlich die wunderbare Welt der Weichspüler entdeckt. Seitdem verging kaum ein Tag ohne Waschgang für Odor. Beim Dosieren folgte Wombie der Devise »Deckel ab und rein damit«. Nach Ende des Waschgangs explodierte jedes Mal eine gigantische Geruchsgranate in den Nasen der Geisterbahnbewohner.
»Es beschämt mich, aber ich muss hier leider passen«, begann der Vampir nun. »Ich kann euch diesmal nicht behilflich sein. Der Wald ist voller Wildtiere, und das Rauschen des Blutes in ihren Adern ist so gewaltig, dass ich das nächste arme Tierchen aussaugen würde wie einen Tetrapak.«
Unwillkürlich machte Tom einen Schritt von Vlarad weg, was diesem nicht verborgen blieb.
»Keine Sorge, ich werde mich so lange im Griff haben, bis ich zurück in meinem Labor bin. Aber ich kann nicht länger hier am Waldrand verharren. Der Blutdurst ist überwältigend.«
»Okay, hab verstanden«, nickte Tom, und das hatte er wirklich. Wenn Vlarad ein Tier nur anpikte, trug dieses außer einer winzigen Wunde und ein paar verlorenen Sekunden keinen Schaden davon. Trank er aber mehr als ein paar Milliliter von dem Blut eines einzelnen Lebewesens, passierten zwei Dinge: Das Geschöpf wurde ebenfalls zu einem vampirischen Untoten und Vlarad mutierte vorübergehend zu dem Spenderwesen.
Mit einer Mischung aus Belustigung und Genervtheit dachte Tom daran zurück, wie Vlarad sich in einen Hamster verwandelt hatte. Gott sei Dank hatten sie auch das angepikste Tierchen gerade noch rechtzeitig gefunden, um es mit Hop-Teps mächtigem Lazarus-Serum von seinem vampirischen Schicksal zu heilen.
Da vernahm Tom die telepathische Stimme der Mumie in seinem Kopf: Nun, ich allerdings kann unbehelligt von jeglichen Blutdürsten durch das Holz streifen und Tom helfen, unseren starken Freund zurückzuholen.
»Stimmt«, überlegte Tom, »und so spät in der Nacht wird wohl kaum jemand im Wald unterwegs sein und sich bei deinem Anblick zu Tode erschrecken. Dann lasst mich mal sehen, wo Wombie steckt.« Er rollte seinen Ärmel hoch. In der Dunkelheit waren die rot leuchtenden Punkte unter seiner Haut sehr gut zu erkennen.
Er nannte diese verrückte magische Fähigkeit sein Geister-Navi, denn genau das war es eigentlich auch. Anhand dieser sanft pulsierenden Lichter auf seinem Unterarm konnte Tom sehen, wer von ihnen sich in etwa wo befand.
Routiniert drehte er sich einmal hin und her, um zu sehen, welcher rote Punkt sich dabei am wenigsten bewegte – logischerweise war dies dann seine eigene Markierung und er konnte so erkennen, welche die anderen waren.
»Okay, das bin ich, dann ist das da hinten Welf in seinem Käfig, das ist Vlarad, daneben Hop-Tep und Mimi. Also ist Wombie … der da. Er ist noch nicht mal so arg weit weg, und anscheinend bewegt er sich kaum. Ähm … Mimi, würdest du …«
»Klar«, antwortete das Geistermädchen betont einsilbig, warf einen kurzen Blick auf Toms Unterarm und huschte auch schon davon.
Nur wenige Sekunden später war sie zurück. »Also, Wombie hockt da drüben im Wald und gräbt.«
»Er gräbt?«, wiederholte Tom verwundert.
Der Vampir zuckte mit den Achseln. »Natürlich tut er das. Marder wohnen nun einmal in Höhlen oder Felsspalten. Es ist anzunehmen, dass das Tierchen Wombies Waschmittelwunder mit in seine Behausung genommen hat.«
»Ah, okay, das leuchtet ein«, überlegte Tom. »Also … Ich könnte jetzt auf seinen roten Punkt drücken und ihn damit zu mir rufen …«
Vlarad sah ihn ausdruckslos an. »Ja, das könntest du tun, Tom …«
»Aber wenn er gerade in Sorge um sein Kuscheltier ist, dann wär das irgendwie blöd«, beendete Tom seinen Gedanken, und der Vampir entspannte sich sofort. »Genauso ist es, Tom. In Notsituationen ist diese Funktion natürlich hilfreich und angemessen, aber es ist sehr anständig von dir, dass du sie nicht als Rezeptionsklingel missbrauchst.«
»Kein Problem«, antwortete Tom. »Wir wollen ihm ja helfen und ihn nicht gegen seinen Willen von Odors Rettung abziehen. Also, dann gehst du jetzt besser mal zurück in dein Labor, Vlarad, und wir holen unseren Zombie aus dem Wald.«
Er zückte die Taschenlampe und wollte gerade losstapfen, als ihn Mimis Stimme zurückhielt: »Ich glaube, das machen wir besser mal alleine.«
Verwundert drehte sich Tom zu ihr um. »Was? Wieso das denn jetzt?«
War Mimi echt so sauer auf Tom, dass sie ihn nun nicht mal bei der gemeinsamen Suche nach Wombies Kuscheltier dabeihaben wollte?
Da meldete sich Hop-Tep telepathisch: Unsere schimmernde Prinzessin hat leider recht, mein Junge. Im Gegensatz zu uns siehst du kaum etwas im Dunkeln und bist auf die Taschenlampe angewiesen. Diese jedoch würde den Marder verschrecken. Es könnte passieren, dass er sich mit seiner Trophäe weiter in die Höhlen zurückzieht oder gar in den Wald flüchtet. So aber kann Mimi einfach in den Boden fahren, ihn aufspüren und zu einem der Ausgänge scheuchen. Und da werde ich auf ihn warten, um ihm Odor möglichst sanft zu entreißen.
Tom seufzte. Natürlich hatte die Mumie absolut recht. Weder konnte er es mit der nächtlichen Sehkraft noch mit der übermenschlichen Reaktionsschnelligkeit der Untoten aufnehmen.
»Also gut …« Er rollte seinen Ärmel wieder herunter und hob dann halbherzig die Hand. »Dann viel Erfolg.«
Die Mumie deutete eine höfliche Verbeugung an. Gehab dich wohl, junger Freund. Wir vermelden auf telepathischem Wege Erfolg, sobald sich jener unmissverständlich eingestellt hat.
»Okay, danke. Also bis später«, antwortete Tom und blickte zu Mimi, doch das Geistermädchen schaute an ihm vorbei zum Waldrand und schwieg.
Zuerst dachte Tom, sie ignoriere ihn ausschließlich wegen ihres Streits von vorhin, doch dann erkannte er etwas anderes in ihren Zügen. Er trat ein paar Schritte an das Geistermädchen heran und fragte leise: »Mimi, was ist mit dir? Also, ich meine, ist noch irgendwas anderes, als dass du sauer bist auf mich? Du wirkst so …«
»Sauer!? Das bin ich auch«, schnappte Mimi scharf. »Ansonsten alles supi, danke der Nachfrage.«
Tom seufzte. »Okay, dann … bis später. Oder so.«
»Oder so, ja«, antwortete Mimi und schwebte, ohne sich noch einmal umzudrehen, hinter Hop-Tep her Richtung Waldrand.

Kapitel 4: Ungebetener Besuch
Als Tom den Zirkuswagen betreten hatte, fühlte er sich zum ersten Mal seit langer Zeit richtig alleine.
Klar, hinter der Wand hockte Welf in seinem Käfig, Vlarad war in seinem Labor und die anderen würden bestimmt bald zurückkehren. Aber die Sache mit Mimi belastete Tom sehr. Er hatte sich mit dem Geistermädchen von Anfang an super verstanden, sie waren schnell richtig gute Freunde geworden und inzwischen wohl auch mehr als das.
Tom freute sich jedes Mal, wenn Mimi bei ihm reinplatzte, und er liebte es, wenn sie gemeinsam am Computer vor World of WerWizards saßen. Das Gespenst fieberte mit, gab Tipps und warnte ihn, wenn er Gefahr lief auf einem der drei Bildschirme, etwas zu übersehen.
Inzwischen verstanden sie sich blind, sie konnten über alles reden, ohne dass der eine den anderen völlig falsch verstand. Gemeinsam hatten sie sogar Mimis gelegentliche Eifersuchtsanfälle ganz gut in den Griff bekommen.
Humor war hier der Schlüssel gewesen, denn Tom konnte Mimi auch dann zum Lachen bringen, wenn ihr gerade überhaupt nicht danach war. Und wenn Mimi ihr glockenhelles Lachen ertönen ließ, grinste er selbst jedes Mal breiter als der Äquator.
Doch diesmal war es irgendwie anders, und Tom überlegte, warum eigentlich. Er hatte nicht wie sonst Lust gehabt, die Situation durch einen witzigen Spruch zu entschärfen – ganz im Gegenteil.
Tom schaute auf den Zettel, auf dem er sich die Übungen notiert hatte. Genervt faltete er ihn zu einem kleinen Quadrat.
Ja, er spürte deutlich, dass er immer noch sauer war. Wenn Mimi vor so langer Zeit mit dem Training begonnen und das Ganze bis heute durchgezogen hätte … wer weiß, zu was sie jetzt in der Lage gewesen wäre? Tom war sich sicher, dass er selbst an Mimis Stelle täglich trainiert hätte, wenn die Chance bestehen würde, wieder Dinge anfassen, anheben und spüren zu können.
»Ich versteh das einfach nicht …«, murmelte er und überlegte, warum es ihn gleichzeitig verwirrte und so seltsam sauer machte. Tom war auch klar, dass es darauf eine Antwort gab. Diese schwebte schon seit einer halben Stunde direkt neben seinem Kopf – in der Hand ein Schild mit der Aufschrift: »Oh, raff es bitte!«
Aber immer, wenn Tom hinschaute, glitt die Erkenntnis gerade so weit zur Seite, dass er sie wieder nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte.
Nervig.
Es klopfte.
Nervig eintausend!
Tom steckte den gefalteten Zettel in die Tasche seiner Leinenhose, um später dafür einen geeigneteren Platz zu finden, an den er sich auch erinnern würde. Dabei schlurfte er zur Tür, öffnete und staunte. Vor ihm stand Zoracz und lächelte sein falschestes Lächeln.
»Dürrfte ich vielleicht einen Morrment eintrreten, junger Mann?«
Tom machte sich keine Mühe, seine Top-Genervtheit zu verbergen. »Nö. Sagen Sie mir hier draußen, was Sie wollen, und dann gehen Sie bitte wieder.«
Zoracz nickte. »Nun gurrt, wie du willst. Hier.«
Er drückte Tom einen Füllfederhalter in die Hand und zog unter seinem Cape ein Schriftstück hervor, um es ihm etwas zu nah unter die Nase zu halten. »Überschrreibe mir die Geisterrbahn mit allem, was dazugehört, und verhindere ein grroßes Unglürrck!«
Tom schaute Zoracz an, als hätte der gerade vor ihm »Alle meine Entchen« gesungen und dazu im rosa Ballettröckchen einen Ausdruckstanz aufgeführt.
»Warrrum starrst du mich so an, rrede ich in einer für dich unbekannten Sprrache?«, knurrte Zoracz.
»Ich hab verstanden, was Sie gesagt haben, aber warum Sie es gesagt haben, versteh ich wirklich nicht«, antwortete Tom. »Okay, außer Sie halten mich wirklich für unfassbar dumm. Das würde es erklären.«
Er schüttelte fassungslos den Kopf und lachte einmal trocken auf. »Ha, echt jetzt, ich frag mich wirklich, wann ich mich jemals so saublöd verhalten habe, dass Sie annehmen, ich würde das jetzt einfach unterschreiben.«
»Es ist keine Frrage von Dummheit, Junge, sondern eine Frage der Barrmherzigkeit«, antwortete Zoracz, und Tom starrte seinen Widersacher noch ein bisschen verständnisloser an.
»Eine Frage der Barmherzigkeit?«, wiederholte er schließlich, und Zoracz nickte bedeutungsvoll.
»Genau das.«
»Ähm. Wollen Sie mir das vielleicht ein bisschen näher erklären?«
»Nein.«
»Okay, Sie wollen nicht, tun es aber hoffentlich trotzdem?«
»Nein.«
»Ah. Na gut.«
Einen Moment lang standen die beiden schweigend voreinander: Tom mit dem Füller in der Hand und Zoracz mit dem Vertrag, den er Tom immer noch unter die Nase hielt.
Schließlich hatte Tom genug. »Wie lange wollen Sie denn jetzt hier noch stehen und mich an dem Zettel riechen lassen? Ich unterschreibe das auf gar keinen Fall und wenn Sie bis zum Winter hier rumstehen.«
»Das ist aus vielerlei Grründen sehr bedauerlich … sehr bedaurrerrlirrch …«, schnarrte Zoracz, wartete aber trotzdem noch ein paar Sekunden, ob Tom es sich nicht doch noch anders überlegen würde.
Schließlich ließ er den Vertrag sinken und seufzte. Tom fiel sofort auf, dass es nicht sein übliches operettenartiges Seufzen war. Es klang vielmehr wirklich erschöpft und fast … verzweifelt. Tom sah Zoracz scharf an.
»Du wirst es bereuen«, sagte der nun, aber es klang nicht direkt wie eine Drohung – eher, als würde Zoracz ihn auf etwas vorbereiten. Und Tom hatte sehr wohl bemerkt, dass sein Erzfeind in dem Satz kein einziges R gerollt hatte. Das war eigentlich immer ein Zeichen dafür, dass Zoracz es ernst meinte. Andererseits konnte es auch sein, dass er dieses Mittel inzwischen absichtlich einsetzte, um Ernsthaftigkeit vorzutäuschen – wer konnte das bei Zoracz schon wirklich sicher sagen …?
Sein Widersacher drehte sich um – und das überraschenderweise, ohne das Cape effektvoll aufzubauschen – und ging dann einfach über den nächtlichen Rummelplatz zurück zu seinem Spiegelkabinett. Tom hatte noch nie erlebt, dass sich Zoracz eine Gelegenheit für effektvoll eingesetztes Cape-Gebausche entgehen ließ. Normalerweise ging er auch nicht einfach nur weg, sondern schritt von dannen, als würde er während eines tosenden Schlussapplauses die Bühne verlassen. Seltsam …
Es ist mir eine große Freude, Vollzug in die Runde vermelden zu dürfen, ertönte da Hop-Teps Stimme in Toms Kopf.
Hey, das ist toll, antwortete Tom, aber er klang nicht so begeistert, wie er eigentlich beabsichtigt hatte. Also ist Wombie auch wieder entspannt?
Wir haben Grund, das anzunehmen, ja. Er begab sich direkt zur Waschmaschine, fraglos um Odors Geruch nach Marderhöhle mit einer gehörigen Überdosis Lavendel zu überdecken.
Okay, danke, Hop-Tep und … alle, funkte Tom in die Runde und wollte damit eigentlich die telepathische Verbindung kappen, ohne von Zoracz’ seltsamem Besuch zu berichten. Doch im selben Moment besann er sich, denn er fand sich dabei selbst so doof, dass er es kaum aushielt. Den anderen etwas Wichtiges zu verheimlichen, nur weil man gerade mies drauf war? Das machten doch nur Blödis in Blödi-Filmen, damit sie es später besonders effektvoll bereuen konnten. Auf so was hatte Tom keinen Bock, nein, er würde sich trotz allem Knatsch mit Mimi vernünftig verhalten. Nämlich.
Vielleicht kommt ihr trotzdem besser mal bei mir vorbei, funkte er darum in die Runde. Zoracz war gerade hier, und er war noch komischer als sonst …

Kapitel 5: Seltsarrm
Und er wollte sonst nichts?«, fragte der Vampir, und Tom schüttelte den Kopf. »Nein, er wollte nur wieder mal, dass ich ihm die Geisterbahn überschreibe.«
Vlarad legte die Zeigerfinger seiner gefalteten Hände vor den Mund und begann, im Zirkuswagen auf und ab zu laufen. Hop-Tep lehnte an der Küchenzeile, und Wombie stand im Eck neben der kleinen Couch. Im Arm hielt er den frisch gewaschenen Odor. Der Lavendelgeruch war so intensiv, dass Tom die Augen tränten, wenn er sich näher als zwei Meter heranwagte.
Der Vampir kratzte sich am Kinn. »Das ist allerdings hochgradig seltsam, in der Tat … Gut, dass du uns gerufen hast.«
»Wieso ist das jetzt so besonders?«, schaltete sich da Mimi ein, und ihr Tonfall klang immer noch motzig.
Diese Frage ist, mit Verlaub, nicht ganz korrekt gestellt, meldete sich da die Mumie. Sie müsste wohl eher lauten: Was ist nun besonders?
Vlarad reckte den Zeigefinger so ruckartig in die Luft, als wolle er ein Luftloch ins Dach schmettern. »Sehr richtig, alter Junge! So ist es. Dass Zoracz die Schreckensfahrt unter seine Kontrolle bringen will, ist in der Tat nichts Außergewöhnliches. Aber dass er nach so vielen Anläufen, Tricks und Attacken nun einfach mit Stift und Zettel vor der Türe steht, ist erstaunlich.«
Er drehte sich zu Tom herum und musterte ihn. »Ich möchte wetten, irgendetwas an ihm war anders als sonst, nicht wahr?«
Tom nickte. »Ja, und wie. Dass er ab und zu vergisst, sein R zu rollen, kennen wir ja schon. Aber stellt euch vor, er hat beim Weggehen sein Cape nicht aufgebauscht!«
»Was?«, entfuhr es Vlarad, und auch die Mumie wirkte überrascht. Sogar Mimi kam jetzt etwas näher geflattert, hielt aber nach wie vor Abstand zu Tom und würdigte ihn keines Blickes. Der versuchte, das zu ignorieren und bei der Sache zu bleiben. »Und als Zoracz weggegangen ist, da … na ja, da ist er einfach weggegangen. Nicht so storchenartig übertrieben wie sonst, sondern einfach ganz normal.«
»Ich glaube nicht, dass ich unseren Erzfeind jemals dabei beobachten konnte, wie er normal läuft. Das ist allerdings mehr als ungewöhnlich …«, murmelte Vlarad. Dann wandte er sich an Mimi: »Verehrtes Fräulein, ich muss dich um etwas bitten.«
Mimi zog nur die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Entweder Vlarad bekam nichts davon mit, dass das Geistermädchen schlecht drauf war, oder er ignorierte es.
»Bitte fliege hinüber zu Zoracz und sieh dich heimlich ein wenig bei ihm um.«
»Okay«, antwortete Mimi kurz angebunden und schwebte direkt durch die Wand davon. Kaum war sie verschwunden, drehte sich der Vampir zu Tom herum: »Was in dreizehn Teufels Namen hast du angestellt?«
»Ich!?«, platzte es sofort aus Tom heraus. »Ich hab überhaupt nix angestellt! Mimi war die, die nix gemacht hat, so sieht es aus, nämlich! Ähm …«
Vlarad und die Mumie sahen Tom fragend an, und fast schien es so, als würden auch Wombie und Odor verwundert zu ihm herüberschauen.
Der Vampir hob beide Hände. »Also du hast nichts angestellt und Mimi hat nichts gemacht. Wenn keiner von euch irgendetwas getan hat, wo genau liegt dann das Problem, wenn ich fragen darf?«
Tom fasste sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und kniff die Augen zu. »Nein, das … So hab ich das nicht … Moment mal …«
Er setzte sich an den Küchentisch und atmete dann einmal so kräftig aus, als wolle er die Kerzen einer Geburtstagstorte auspusten. Tom ordnete kurz seine Gedanken und machte dann einen neuen Anlauf.
»Also, Vlarad … Ich war sauer, als ich erfahren habe, dass du Mimi schon vor so langer Zeit diese Übungen gegeben hast, sie aber seitdem nix damit gemacht hat.«
Vlarad sagte nichts, also sprach Tom weiter.
»Und jetzt ist Mimi wiederum sauer auf mich, weil … weil … Also, ich weiß gar nicht genau, warum eigentlich. Schließlich bin ich ja der, der sauer sein muss, oder nicht?«
Der Vampir sah Tom seltsam an. »Ist das eine ernst gemeinte Frage?«
»Ja klar!«, antwortete Tom und runzelte die Stirn. »Wieso?«
»Nun ja, man könnte das auch andersherum sehen, mein Junge«, sprach der Vampir und sah hinüber zu Hop-Tep. Der nickte.
Tom schaute von einem zum anderen. »Wie … aber … sie hat doch …«
»Hat sie eben nicht, Tom«, unterbrach ihn Vlarad. »Sie hat mit dem Training damals nicht begonnen, weil sie nichts in ihrem untoten Leben vermisst hat. Doch nun lernte sie dich kennen und es gab plötzlich etwas, was sie nach so langer Zeit dazu animierte, doch daran zu arbeiten, feststofflicher zu werden …«
Der Vampir machte eine Pause, als wolle er Tom Zeit dazu lassen, dass die Erkenntnis von den Ohren ins Hirn sickerte. Das war allerdings schnell geschehen – Tom schlug beide Hände vors Gesicht und beließ sie dort, während er ganz leise sprach: »Oh Mann … so hab ich das gar nicht … ich hab …«
»Ja, du hast nur an dich gedacht und dass du nicht Händchen halten kannst, oder was auch immer du im Schilde führst«, sprach der Vampir und verzog dabei keine Miene. »Dass Mimi nach so langer Zeit als glückliche Geisterscheinung nur wegen dir einen Grund sah, überhaupt mit den Übungen zu beginnen, muss dir da wohl entgangen sein.«
Tom klappte die Hände zur Seite wie zwei Fensterläden und gestattete damit seiner Stirn, geräuschvoll auf dem Küchentisch aufzuschlagen. Er war nun weder sauer noch beleidigt oder sonst wie von Mimi genervt, dafür umso mehr von sich selbst.
»Ich hab mich aufgeführt wie dem Depp sein Wurstbrot …«, stöhnte er zwischen Zähnen und Tischplatte hervor. »Das tut mir so leid! Mannomann, tut mir das leid, boah…« Tom hob seinen Kopf und blickte Vlarad entschlossen an. »Ich muss Mimi das unbedingt erklären! Aber wie?«
»Ich finde, das mit dem Depp seinem Wurstbrot war schon mal ein guter Anfang«, erklang da die glockenhelle Stimme des Geistermädchens direkt neben ihm, und Tom schreckte hoch.
»D… du bist …«, stammelte er, und Mimi grinste.
»Schon wieder da, ja. Aber wenn du noch ein bisschen weiter erklären möchtest, warum du dich doof verhalten hast und wie doof eigentlich genau, dann mach ruhig weiter. Ich warte gern mit meinem Bericht und hör dir noch gernerer zu.«
»Gernerer ist kein existierendes Wort«, tadelte Vlarad, aber ihm war anzusehen, dass er es nicht sonderlich ernst meinte. »Wie dem auch sei, ich würde anregen wollen, etwaige interne Zwistigkeiten auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. Wäre das für alle Beteiligten in Ordnung?«
»Aye, Sir, Vampir, Sir«, lachte Mimi und salutierte so zackig, dass ihr durchsichtiger Handrücken ein Stück weit in ihrer Stirn verschwand. Tom nickte dafür so stark, dass er die rote Stelle an der Stirn fast mit einer weiteren am Kinn ergänzt hätte. »Unbedingt! Sehr gern. Ahem … ja.«
Er setzte sich aufrecht hin und verschränkte die Arme. Dann stellte er fest, dass das irgendwie unsympathisch wirkte. Er öffnete die Arme wieder, legte einen auf den Tisch, dann den anderen und zog dann beide wieder herunter. Schließlich stand er etwas zu ruckartig auf und setzte sich halb auf die Tischplatte, um wenigstens ein bisschen cooler zu wirken als während der letzten zehn Minuten. Leider kippelte der kleine Tisch unter ihm dabei recht unangenehm. Tom musste laufend das Gleichgewicht korrigieren, und das wirkte nun noch weniger souverän, als wenn er einfach sitzen geblieben wäre.
Da hob die Mumie die Hand. Ich sage das mit allem gebotenen Respekt, junger Freund, du erreichst gerade das Gegenteil dessen, was du mutmaßlich zu erzielen trachtest.
Tom verstand, was die Mumie meinte, obwohl sie es so verschwurbelt ausdrückte. Mit seiner kleinen Clownseinlage hatte er nicht gerade dazu beigetragen, souveräner zu wirken – ganz im Gegenteil.
Tom seufzte einen klassischen Tom-Seufzer und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. Aber ein kaum sichtbares Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte: »Also gut, dann bin ich jetzt eben ausnahmsweise mal uncool.«
»Wir werden versuchen, über deine mangelhafte Coolness hinwegzusehen – auch wenn es uns natürlich schwerfallen wird«, gab der Vampir zurück, und auch er wirkte dabei kaum bierernst.
»Danke, das ist sehr freundlich«, antwortete Tom. »Also, zurück zum Thema. Mimi, erzähl doch bitte, was du rausgefunden hast.«
Das Geistermädchen flatterte heran und deutete aus dem verhangenen Fenster in Richtung von Zoracz’ Spiegelkabinett. »Ich hab Zoracz in seinem Campingmobil belauscht, und ihr werdet es nicht glauben, aber dem geht’s wohl echt schlecht.«
»Wie meinst du das?«, fragte Tom. »Als er hier war, hat er vielleicht ein bisschen erschöpft gewirkt, aber sonst …«
Mimi winkte ab. »Keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Ich kann dir auf jeden Fall sagen, dass der Zoracz da drüben in dem Campingmobil nur ein Schatten seiner selbst ist. Der ist vollkommen fix und fertig, schwitzt und kann kaum ’nen Arm heben. Und nicht nur er ist am Ende, sondern auch seine Ledertrine. Und wie!«
»Was? Dada geht’s schlecht?«, fragte Tom und biss sich sofort auf die Zunge. Er wusste doch eigentlich, dass Mimi auf die bloße Erwähnung von Zoracz’ Assistentin empfindlich reagierte.
Aber zu seinem Erstaunen blieb Mimi diesmal ganz ruhig und nickte: »Ja, auch wenn sie mich sonst ab und zu mal nervt, hab ich mich echt richtig erschrocken. Erst hab ich nur gesehen, dass sie auf ihrem Bett liegt, und gehört, dass sie ganz flach atmet. Aber dann bin ich näher rangeschwebt, und fast hätt’ ich vor Schreck gequietscht! Leute, Dada sieht aus wie … wie …«
»… eine alte Dame?«, unterbrach sie da der Vampir, und Mimi schaute ihn verwundert an.
»Ja, genau! Woher weißt du das? Ganz alt ist sie geworden und schwach. Als Zoracz ihr ein Glas Wasser gegeben hat, konnte sie es nur mit zwei Händen festhalten, dabei hat sie voll gezittert und die Hälfte verschüttet.«
»Das klingt ja echt furchtbar …«, murmelte Tom. »Können wir ihr denn irgendwie helfen, Vlarad?«
»Wir wissen noch nicht genug über ihren Zustand, mein Junge«, antwortete der Vampir. »Und im Moment weiß ich gar nicht, was mich mehr erstaunt: dass Dada nun in diesem Zustand ist oder dass Zoracz irgendwem freiwillig ein Glas Wasser bringt.«
»Du hast recht, Vlarad«, antwortete Mimi. »Ich hab so was Ähnliches gedacht. Es war irgendwie … voll abgefahren, dass der blöde Zoracz plötzlich so nett war.«
»Nun, ich wage zu bezweifeln, dass unser Erzfeind nun plötzlich zum Streiter des Lichts wird, nur weil er seiner Assistentin ein Glas Wasser reicht«, sprach der Vampir und begann nun wieder, im Wagen hin und her zu schreiten. »Ihr fragt euch vielleicht, warum ich ahnte, dass Dada nun wirkt wie eine alte Dame …«
»… und da sagst du es uns auch schon!«, riefen Tom und Mimi wie aus einem Mund, sahen sich an und mussten grinsen. Vlarad überging diesen Einwurf, als hätte er niemals stattgefunden. »Wie wir seit unserem letzten Abenteuer wissen, ist Dada ein Katzenwesen ähnlicher Art wie unser Welf ein Wolfswesen ist. Einer der Unterschiede ist, dass sie nicht nur eins, sondern ganze neun untote Leben zur Verfügung hat. Darum gilt diese Spezies auch als besonders risikofreudig.«
»Das hab ich schon bemerkt …«, antwortete Tom. »Aber warum liegt sie jetzt als alte Dame da drüben in dem Camper?«
»Der Verlust eines untoten Lebens ist eine anstrengende Sache, und das merkt man ihr zur Stunde noch deutlich an«, entgegnete der Vampir. »Ich gehe davon aus, dass Dada zum Morgengrauen wieder ganz genauso aussieht wie zuvor.«

Kapitel 6: Geisterwecker
Du hast gesaaagt …«, begann Mimi, aber Vlarad hob energisch die Hand. »Ich habe gesagt, ›Ich gehe davon aus‹! Diese Vermutung äußerte ich aufgrund der mir bekannten Parameter. Wenn meine Einschätzung nun nicht zutrifft, gibt es wohl Faktoren, die mir bislang verborgen blieben.«
Tom blinzelte angestrengt in Richtung seines Weckers. Er zeigte 07:21 Uhr. Vor ihm schwebte Mimi, und daneben stand Vlarad, der Vampir – wie immer vollständig und fältchenfrei gekleidet.
Das konnte man von Tom nicht gerade behaupten, denn er lag noch im Bett und trug aufgrund der sommerlich-schwülen Hitze nur das Nötigste. Also zog er erst einmal die Bettdecke Richtung Kinn und fragte dann mit belegter Stimme: »Ähm … könnt ihr nicht wenigstens klopfen oder …«
»Tom«, sagte Mimi. Wenn sie einen Satz mit seinem Vornamen und einer langen Pause begann, war klar, dass es danach umso flüssiger weitergehen würde. So auch jetzt. »Tom. Ich hab dich telepathisch angefunkt und dir gesagt, dass ich noch mal bei Zoracz und Dada war und dass ich jetzt zu dir rüberkomm und dass du dir vielleicht was anziehst und dass ich Vlarad Bescheid sage und dass …«
»Stoppstoppstopp!«, winkte Tom ab. »Wenn ich schlafe, dann hör ich doch kein Telepathie-Dings!«
»Ach ja, stimmt!«, rief das Gespenst, lachte und patschte sich lautlos gegen die durchsichtige Stirn. »Hihi, ich vergess immer, dass du ja deinen Schönheitsschlaf brauchst.«
»Das hat mit Schönheit nix zu tun!«, blaffte Tom zurück. »Ich muss eben schlafen wie jeder andere Nicht-Untote auf dieser W–«
»Soll ich denn so lange wieder gehen, oder können wir in absehbarer Zeit eine sinnstiftende Konversation über die aktuelle Sachlage beginnen?«, frage Vlarad dazwischen, und Tom schloss seinen Mund.
»Verbindlichsten Dank«, säuselte der Vampir süffisant und deutete dann durch die geschlossenen Vorhänge hinüber zu Zoracz’ Lagerplatz. »Mimi hat den beiden abermals einen Besuch abgestattet und meine gestrige Prognose zweifelsfrei widerlegt. Dada scheint sich nicht erholt zu haben und befindet sich immer noch in einem ähnlichen Zustand.«
»Richtig«, pflichtete das Geistermädchen bei. »Ich finde, es sieht sogar noch schlimmer aus als gestern Nacht.«
»Wie meinst du das?«, fragte Tom bestürzt.
»Na ja, gestern sah Dada aus, als wäre sie etwa fünfundsiebzig Jahre alt und vorhin eher wie … hundert …«
Erschrocken schaute Tom zu Vlarad. Der legte die Hand ans Kinn und überlegte.
»Ich bleibe dabei: Sie müsste sich in den letzten Stunden erholt haben.« Der Vampir seufzte. »So geht das nicht weiter. Ich kann auf diese Weise keine Diagnose stellen. Ganz egal, ob es eine Finte von Zoracz ist oder nicht – das untote Leben der Katzendame scheint auf dem Spiel zu stehen, und die Zeit läuft ab.«
»Was brauchst du denn, um festzustellen, was ihr fehlt?«, fragte Tom. »Musst du sie selbst untersuchen?«
»Wir könnten Vlarad als Arzt verkleiden!«, schlug Mimi vor.
Der Vampir schüttelte den Kopf. »Ich würde den Weg über den Platz nicht überleben und schon nach wenigen Metern in der Morgensonne zu Staub zerfallen.«
Tom rieb sich die Stirn in der Hoffnung, dass es ihm half, klarer zu denken. »Wir können aber nicht warten, bis es dunkel ist! Der Rummelplatz macht in drei Stunden auf, und mit vielen Menschen drum rum wird alles noch schwieriger. Und ich glaub auch nicht, dass Zoracz überhaupt jemanden reinlässt, der nachts an seinen Camper klopft und sagt: ›Hallo, ich bin rein zufällig Arzt, brauchen Sie vielleicht einen?‹ Das glaubt der doch nie!«
»Und wenn Vlarad sich so ein Dings umhängt und so ein anderes Dings an den Kopf macht, wie die Ärzte immer haben?«, überlegte Mimi. »Daran erkennt man doch sofort, dass jemand ein Doktor ist.«
»Du meinst ein Stethoskop und einen Stirnreflektor?« Tom musste grinsen. »Also, ich glaube, so sehen Ärzte nur noch in Comics aus und inzwischen nicht mal mehr da. Und es geht doch nicht darum, ob Zoracz erkennt, dass es ein Doktor sein soll, sondern dass ein solcher nicht um elf Uhr nachts herumläuft und …«
»Schluss damit«, knurrte Vlarad unwirsch. »Das ist Unsinn, und ich kann mich dabei nicht konzentrieren.«
»’tschuldigung«, murmelten Mimi und Tom im Chor, bemerkten das und mussten beide grinsen. Das tat Tom gut, und er sah auch, dass es dem Geistermädchen genauso ging.
»Ich muss die Dame nicht zwangsläufig persönlich in Augenschein nehmen«, erklärte der Vampir. »Es genügt, wenn ich ein Haarbüschel von ihr untersuchen kann. Die Frage ist nur, wie kommen wir daran?«
Mimi seufzte. »Ich komm locker rein und wieder raus, kann aber weder was abschneiden noch festhalten …«
Sofort schoss Tom der Gedanke an das Stofflichkeits-Training durch den Kopf. Natürlich hätten sie das Problem jetzt nicht, wenn Mimi schon damals mit den Übungen begonnen hätte. Dann wäre sie nun in der Lage gewesen, diese Aufgabe in Sekunden zu erledigen. Aber es würde gar nichts bringen, darauf hinzuweisen, außer dass Mimi sich blöd fühlte. Und das wäre wirklich doof und überflüssig.
Tom sah zu dem Geistermädchen hinüber und erkannte sofort, dass Mimi in etwa das Gleiche dachte wie er. Direkt hatte er das Gefühl, sie trösten zu müssen, aber der Vampir unterbrach seine Gedanken: »Da haben wir es wieder. Ich zerfalle in der Sonne, Mimi kann nichts festhalten, Hop-Tep ist ebenso wie Wombie viel zu auffällig und Welf hat sich in frühestens vier Stunden vollständig zurückverwandelt. Keiner von uns kann diese eigentlich einfache Aufgabe übernehmen – außer dir, Junge.«
»Aber ich kann es doch eigentlich auch nicht«, widersprach Tom. »Also, ich meine, klar kann ich theoretisch rübergehen, klopfen, artig grüßen, ’ne Schere rausholen, ein paar Haare von Dadas Kopf rupfen und damit zurückspazieren. Aber ich kann’s halt andererseits auch wieder nicht, weil der Zoracz mir was husten wird. Der lässt mich doch niemals rein und so nah zu Dada!«
»Du hast natürlich recht …«, seufzte Vlarad. »Wenn uns aber nicht bald etwas einfällt, dann rechne ich mit dem Schlimmsten.«
Einen Moment lang herrschte bedrückende Stille im Zirkuswagen.
»Also gut«, sprach der Vampir dann und straffte sich. »Falls euch etwas einfällt, ich bin in meinem Labor und sinniere gemeinsam mit Hop-Tep über eine Lösung.«
Pulsuz fraqment bitdi.