Kitabı oxu: «Rette die Reitschule Petra!»
Tulla Hagström
Rette die Reitschule Petra!
SAGA Egmont
Rette die Reitschule Petra!
Aus dem Schwedischem von Ursula Dotzler nach
Rädda ridskolan, Petra
Copyright © 1980, 2018 Tulla Hagström und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711786833
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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Heimkehr mit Riegel
„Heute kommt Petra aus Strandängen zurück!“ rief Astrid. Sie saß locker und entspannt im Sattel ihres Ponys.
„Ja“, erwiderte ihre Schwester Lena vom Rücken des Reitschulpferdes. „Ich bin schon wahnsinnig gespannt auf ihr neues Pferd.“
Hoffentlich ist sie nicht so sehr davon in Anspruch genommen, daß sie keine Zeit mehr findet, mir beim Reiten zu helfen, dachte Astrid. Oder vielleicht will sie mir gar keine Reitstunden mehr geben? Astrid fand, daß Petras Briefe im Laufe des Sommers immer seltener und kürzer geworden waren. Natürlich hatte Petra sich damit entschuldigt, daß sie so wenig Zeit hätte, aber das konnte ja auch eine Ausrede sein. Vielleicht ist es ihr zu mühsam, sich um mich zu kümmern und mir dauernd zu helfen, überlegte Astrid.
Doch sie brauchte wirklich Hilfe. Svala war zwar ein wunderbares Pony, doch Astrid war blind und hatte erst ein gutes Jahr Reitpraxis. Sie wollte so gern Fortschritte machen und Neues lernen, doch das konnte sie nicht allein schaffen. Und Karin, die Reitlehrerin, hatte einfach nicht genug Zeit, ihr so viel Aufmerksamkeit zu widmen, wie das für eine blinde Reiterin nötig gewesen wäre.
Das Geräusch der Hufschläge änderte sich plötzlich. Astrid merkte, daß sie jetzt im Wald waren. Sie wußte, daß gleich hinter dem Waldrand ein steiler Abhang kam. Deshalb verkürzte sie die Zügel, die sie während des Rittes über die Wiese ziemlich locker gelassen hatte.
„Lena, sind meine Zügel gleich lang?“ rief sie ihrer Schwester zu.
Eine kurze Pause trat ein, während Lena sich umdrehte und nachsah.
„Ja, ich glaube schon“, erwiderte sie dann.
Astrid war froh, daß sie und ihre jüngere Schwester nun gemeinsam ausreiten würden. Es konnte nämlich nicht jeder ein Schulpferd mieten und auf eigene Faust damit losreiten. Man mußte sowohl gut reiten können als auch zuverlässig sein, sonst durfte man nur an den gemeinsamen Ausritten teilnehmen, die von der Reitlehrerin angeführt wurden.
Lena hatte schon im Frühjahr die Erlaubnis bekommen, das Pony Jeppe zu versorgen, doch damals durfte sie noch nicht allein ausreiten. Dann waren die Sommerferien gekommen, und die Reitschulpferde kamen auf die Sommerweide. Die Schwestern waren überglücklich, als ihre Eltern Jeppe für Lena mieteten. Endlich hatte jede von ihnen ein eigenes Pony! Jeppe und Svala durften bei den Bauern neben dem Granberghof weiden, der Petras Eltern gehörte, und Lena und Astrid kamen jeden Tag zu ihnen.
Nun hatte die Reitschule wieder geöffnet, und alle Pferde waren wieder im Stall. Astrid und Lena aber hatten während des Sommers bewiesen, daß sie ohne weiteres allein ausreiten konnten.
Als sie den Abhang ein gutes Stück hinunter geritten waren, lichtete sich der Wald und ging in sanft geschwungene Wiesen über. Plötzlich hörte Astrid jemanden rufen: „Verschwinde von hier! Hier darfst du nicht reiten! Hörst du nicht, was ich gesagt habe? Verschwinde!“
Verwundert zügelte Astrid ihr Pferd. Die Ausritte der Reitschule führten ja fast immer über diesen Abhang. Weshalb sollte sie hier also nicht reiten dürfen?
Blitzschnell überlegte sie, ob Lena vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen hatte als sonst. Doch es gab ja in dieser Gegend keinen anderen Reitweg, soweit Astrid wußte. Um auf das beste Übungsgelände in der Umgebung der Reitschule zu kommen, mußte man über diesen Hügel reiten. Astrid war völlig verwirrt.
„Wo bin ich?“ fragte sie.
„Willst du dich vielleicht auch noch über mich lustig machen?“ schrie die Männerstimme. „Verschwinde jetzt auf schnellstem Weg, oder du bekommst eine kalte Dusche!“
„Hierher, Astrid!“ rief Lena in diesem Augenblick erschrocken.
Astrid drückte die Fersen in die Flanken ihres Ponys und lenkte es in die Richtung, aus der Lenas Stimme kam.
„Herrje – mitten durch die Rosen!“ zeterte nun eine wütende Frauenstimme. „Nein, jetzt reicht es aber!“ rief der Mann empört.
Astrid hörte einen zischenden Laut, als der Fremde den Wasserhahn aufdrehte. Ein Wasserstrahl schoß aus dem Gartenschlauch, und ein paar Tropfen trafen Astrid am Rücken.
Dann stürmte Svala los. Ein unerwarteter Satz brachte Astrid aus dem Gleichgewicht, so daß sie beinahe aus dem Sattel fiel. Vor sich hörte sie Jeppes Hufschlag. Die beiden Ponys flohen in wildem Galopp vor den schimpfenden Leuten mit dem Wasserschlauch.
Nach einiger Zeit schaffte es Lena endlich, Jeppe zu zügeln. Er verfiel in Trab. Svala holte ihn ein, ritt neben ihm her und wechselte ebenfalls zum Trab.
„Was war denn nur los, Lena?“ fragte Astrid atemlos.
Nun ließen sie beide ihre Pferde im Schrittempo weitergehen.
„Ach, du bist vom Weg abgekommen und in einen Garten geraten!“ erwiderte Lena. Sie schluchzte vor Aufregung. „Heiliger Strohsack, ich hab einen Schrecken gekriegt! Die Leute waren so gemein und ekelhaft. Und dann hat der Mann auch noch mit dem Schlauch nach Svala gespritzt. Er wollte sie davonjagen. Das hätte ein Unglück geben können!“
Zur gleichen Zeit stand die siebzehnjährige Petra Granberg in dem engen Pferdeanhänger und machte das Halfter ihres Pferdes los.
„So, Riegel, jetzt darfst du endlich wieder hinaus. Rückwärts, mein Junge!“
Sie drückte leicht mit der Hand gegen den Bug des Jungpferdes, doch Riegel bewegte sich nicht von der Stelle. Dann machte er einen zögernden Schritt nach hinten, merkte, daß alles frei war, und war wie der Blitz draußen auf der Laderampe. Er klapperte so rasch auf den Hof, daß Petra kaum mitkam.
„Himmel, ist das ein Mordskerl!“ rief Anna, die Nachbarsfrau.
Ihr Mann, der Bauer Petrus, trat ein paar Schritte zurück, um sich Petras Pferd besser ansehen zu können. Die beiden waren Nachbarn der Granbergs, und Riegel sollte zu ihrem nordschwedischen Arbeitspferd auf die Koppel kommen, damit er nicht so allein war.
„Es ist wohl am besten, wenn ich Riegel sofort auf die Weide bringe“, sagte Petra.
Sie bemühte sich, nicht zu hinken, als sie ihr großes, hellbraunes Jungpferd zum Gatter führte. Riegel war ihr ziemlich kräftig auf den rechten Fuß getreten, als sie ihn vor der Abfahrt in den Anhänger gebracht hatte. Nun tat ihr jeder Schritt weh. Natürlich hatte er sie nicht mit Absicht getreten, doch er war nie zuvor in einem Pferdeanhänger gefahren und mißtraute der Sache etwas. Immerhin hatte er sich nach einigem Zureden in den Anhänger bringen lassen, und Petra sagte keinem etwas davon, daß Riegel sie dabei verletzt hatte. Sie wollte auf keinen Fall, daß ihre Eltern schon gleich zu Anfang einen schlechten Eindruck von ihrem Pferd bekamen!
Petrus öffnete ihr das Gatter. Fuchsa, das nordschwedische Arbeitspferd, kam eifrig angetrabt, als sie den neuen Gefährten sah. Riegel schien ausgesprochen froh zu sein, nach der langen, einsamen Fahrt ein anderes Pferd zu treffen. Die beiden beschnupperten sich eingehend, schnappten spielerisch nacheinander und liefen dann ein paar Runden über die Wiese, ehe sie Seite an Seite zu grasen begannen.
„Das läßt sich ja recht gut an“, meinte Herr Granberg, Petras Vater.
„Ja, die beiden werden sicher Freunde“, sagte Petra lächelnd.
Sie war so stolz auf ihr neues Pferd! Riegel war schön und von edler Rasse. Ein warmes Glücksgefühl stieg in Petra auf, als sie das Jungpferd so zufrieden mit sich und der Welt grasen sah. Nun gehörte Riegel ihr ganz allein. Die lange Suche nach dem richtigen Pferd hatte sich gelohnt.
„Du weißt wohl noch nicht, daß Fuchsa im nächsten Jahr ein Fohlen bekommt?“ fragte Petrus.
„Ein Fohlen? Nein, davon hatte ich keine Ahnung“, erwiderte Petra überrascht. „Das ist ja toll! Werdet ihr es behalten oder verkaufen?“
„Ach, wir werden’s wohl verkaufen müssen“, sagte Petrus bedächtig. „Fuchsa reicht uns ja wirklich für die Arbeit auf dem Hof und im Wald; ein zweites Pferd brauchen wir nicht.“
Petra sah ihn verwundert an, doch im nächsten Augenblick wurde ihr klar, daß er recht hatte. Fuchsa war erst neun Jahre alt. Nach menschlichem Ermessen konnte sie noch viele Jahre im Wald arbeiten, und das war mehr, als man von Petrus behaupten konnte. Er war nun schon über siebzig, und den größten Teil seines Landes hatte er bereits vor Jahren an Petras Eltern verpachtet. Er fällte zwar noch immer Bäume und verkaufte sie, doch im letzten Winter hatte er auch das nicht mehr so häufig getan. Seine Kräfte ließen einfach nach.
Plötzlich fand Petra, daß er alt und müde aussah. Er hatte sein Leben lang schwer gearbeitet. Und in ihr Glück über die Heimkehr mit Riegel mischte sich ein leises Gefühl der Wehmut.
Riegel wird vorgeführt
„Da kommen sie ja!“ stieß Lena aufgeregt hervor. „Mit dem Anhänger!“
Die Schwestern waren in die Reitschule zurückgekehrt und hatten eben abgesattelt. Nun beeilten sie sich, auf den Stallhügel zu kommen.
„Hallo, Astrid! Hallo, Lena!“ rief Petra, als sie aus dem Auto stieg.
„Hallo!“ schrien beide, und Lena fragte: „Hast du dein Pferd dabei?“
„Nein, wir wollten gleich Karins Anhänger zurückbringen“, erklärte Petra. „Riegel ist schon bei Fuchsa auf der Weide.“
„Wie ist es denn?“ fragte Astrid. „Dein neues Pferd, meine ich!“
„Ach, wunderbar!“ erwiderte Petra aus tiefstem Herzen.
„Du hast kaum mehr geschrieben, als daß es Riegel heißt und vier Jahre alt ist“, sagte Astrid.
In ihrer Stimme schwang eine Mahnung: Erzähle genau, schildere dein Pferd so, daß ich es mir richtig vorstellen kann!
„Riegel ist ein hellbrauner Wallach mit dunklen Beinen und gestutzter Mähne“, erklärte Petra. „Zwischen den Nüstern hat er ein winziges weißes Fleckchen und am rechten Hinterbein eine weiße Fessel. Er ist sehr groß und macht wunderbar lange Schritte. Wenn er wiehert, klingt es wie bei einem Fohlen. Er ist gerade erst eingeritten worden, aber ich glaube, daß er eine Menge leisten kann.“
„Und ist er auch lieb?“
„O ja, im tiefsten Innern ist er sehr lieb, ganz sicher!“
„Nur im tiefsten Innern?“ fragte Astrid zweifelnd. Sie bevorzugte Pferde, die durch und durch lieb waren.
Nun kam Karin, die Reitlehrerin, aus dem Stall, und Petra mußte ihr Pferd noch einmal beschreiben, während sie Karins Anhänger vom Auto ihres Vaters losmachten.
„Ja, da kann er jetzt bis zum Dressurwettkampf stehen bleiben“, sagte Karin, als sie den Anhänger zur Seite gerollt hatten und sich vergewisserten, daß er fest stand.
„Zum Dressurwettkampf? Wollen Sie daran teilnehmen?“ fragte Petra.
„Ja, und die Zwillinge Verelius und Rose-Marie auch. Sie sind für die Juniorklasse angemeldet. Rose-Marie hat den ganzen Sommer über mit Ballade trainiert.“
„Auch, als die Reitschule geschlossen war?“
Die Reitlehrerin nickte. „Ja, da hatte sie Ballade auf einer Koppel bei ihrem Onkel stehen.“
Petra bekam richtig Lust, sich selbst zum Wettbewerb in der Distriktsmeisterschaft zu stellen. Und als sie mit ihrem Vater wieder auf dem Heimweg war, spürte sie etwas wie Neid in sich aufsteigen. Natürlich war Riegel noch zu jung und ungeschult, um für die Reitschule antreten zu können. Petra hatte zwar mit ihm im Gestüt von Strandängen an einem Dressurwettkampf teilgenommen, doch das war nicht allzu gut gegangen. Außerdem würde in keinem der Anhänger Platz für Riegel sein. Die beiden Vollblüter der Zwillinge würden natürlich in Herrn Verelius’ Anhänger zum Turnierplatz gefahren werden, und Ballade und Rex in dem von Karin. Allerdings hätte Rex, der mit Karin für die Seniorklasse angemeldet war, ja auch noch mit Petra in der Juniorklasse antreten können. Petra hoffte, daß die Reitlehrerin ihr diesen Vorschlag machen würde. Es blieb ja noch immer genug Zeit für das Training, und Petra war schon sehr oft auf Rex geritten.
Ihre Überlegungen wurden unterbrochen, als sie auf den heimatlichen Zufahrtsweg einbogen. Der Granberghof lag auf einer kleinen Anhöhe. Sie fuhren am Obstgarten vorbei, in dem sich die Apfelbäume unter der Last der unreifen Früchte bogen, und erreichten den Hofplatz. Das rote Wohnhaus leuchtete im Sonnenschein, und Ringelblumen und Dahlien blühten in den Rabatten rechts und links von der Eingangstür.
Endlich wieder daheim! dachte Petra glücklich. Den ganzen Sommer lang hatte sie als Stallhelferin im Gestüt von Strandängen gearbeitet. Es war eine schöne Zeit gewesen, und Petra hatte eine Menge gelernt. Trotzdem wußte sie, daß sie zum Granberghof gehörte. Hierher würde sie stets zurückkehren, wohin sie auch immer reisen mochte.
Ihre Mutter hatte schon das Abendessen vorbereitet, und bald saßen alle drei am Tisch. Die Küche auf dem Granberghof war ein großer, gemütlicher Raum mit langen Flickenteppichen, grünkarierten Vorhängen und blühenden Pelargonien an den Fenstern.
„So, jetzt mußt du uns aber erzählen, wie es dir in Strandängen ergangen ist!“ sagte Frau Granberg.
Wie war es ihr in diesem Sommer ergangen? Petra dachte an das Gestüt, das sie am Morgen verlassen hatte. Die Augustsonne hatte von einem wolkenlosen Himmel gebrannt, und die Pferde hatten sich in den Schatten der Bäume zurückgezogen. Petra hatte sich von Rolf und Gerda, den Besitzern des Gestüts, verabschiedet – und auch von Mick, dem Pferdepfleger, der nur ein Jahr älter als sie selbst war. In diesem Augenblick wäre sie am liebsten geblieben. Sie hatte weder die drei Freunde noch die Pferde verlassen wollen. Doch das schönste Pferd durfte sie ja mitnehmen, und Mick hatte versprochen, ihr zu schreiben und zu berichten, wie es auf Strandängen stand.
Petra wußte kaum, wie sie alles erzählen sollte, doch mit der Zeit kam sie so richtig in Fahrt.
Nach dem Essen half sie beim Geschirrtrocknen und sah dabei immer wieder aus dem Fenster. Dort unten auf der Weide des Nachbarhofs stand Fuchsa mit hoch erhobenem Kopf und lauschte zum Wald hinüber. Ihre lange, blonde Mähne leuchtete in der Abendsonne wie gesponnenes Gold. Riegel gesellte sich mit langen Schritten zu ihr und zupfte an einem Grasbüschel.
Petra ließ den Blick über seinen anmutigen Hals gleiten, die langen Beine, den tiefen Brustkorb und die straffe Rückenlinie. Sie konnte es kaum erwarten, das Pferd ihrer Freundin Karin und allen anderen Freunden im Reitclub zu zeigen.
Es war schön, am nächsten Morgen wieder im eigenen Bett aufzuwachen. Petra fand es nur schade, daß die Sommerferien schon in ein paar Tagen zu Ende waren. Sie hatte sich doch noch so vieles vorgenommen.
Rasch stieg sie aus dem Bett und merkte, daß ihr Fuß nicht mehr ganz so weh tat. Gleich nach dem Frühstück sattelte sie Riegel und machte sich auf den Weg zur Reitschule. Auf den Feldern stand das Getreide hoch, und die Lämmer und Kälber des Hofes waren so gewachsen, daß Petra sie kaum wiedererkannte. Da wurde ihr erst richtig klar, wie lange sie fort gewesen war.
Den Wald kannte sie genau, doch ihr Pferd wußte ja nicht, was sich hinter der nächsten Wegbiegung verbarg. Petra spürte, daß Riegel sich ganz auf sie verließ und dem geringsten Wink gehorchte.
Sie kam in der Reitschule an, noch ehe die erste Reitstunde dieses Tages begonnen hatte. Astrid trabte gerade mit Svala über die Bahn, und Lena saß auf dem Zaun und sah ihr zu. Plötzlich fiel Petra ein, daß sie gestern nicht in den Stall gegangen war, um Svala zu begrüßen. Wie hatte sie Svala, ihr erstes, geliebtes Pferd, nur vergessen können? Sie schämte sich fast ein wenig deshalb.
„Hallo, Petra!“ rief Lena ihr zu. In diesem Augenblick kamen auch Karin und Rose-Marie, ein dunkelhaariges, untersetztes Mädchen, aus dem Stall. Petra ritt zum Zaun. Sie kannte Rose-Marie schon seit Jahren, doch nun kam es ihr plötzlich vor, als sähe sie verändert aus.
„Oh“, sagte Karin nachdenklich. „Ein kleines Pferd hast du dir da ja nicht gerade ausgesucht!“
„Wie finden Sie Riegel? Meinen Sie, daß er gute Anlagen hat?“
Obwohl Petra überzeugt war, daß sie ein großartiges Pferd hatte, wollte sie doch Karins Meinung hören.
„Reite ein bißchen mit ihm, damit ich ihn mir ansehen kann“, bat die Reitlehrerin.
Petra lenkte Riegel auf die Bahn und führte ihr Pferd im Schritt, Trab und Galopp vor, während Astrid mit Svala am Zaun wartete.
„Ja, Petra, der ist es bestimmt wert, daß man mit ihm arbeitet!“ sagte Karin nach einer Weile. „Ich glaube, er hat sehr gute Anlagen.“
„Goldig ist er!“ schwärmte Lena, und auch Rose-Marie stimmte ihr zu.
„Goldig“ war nun wohl nicht gerade eine Beschreibung, die auf ein so großes, kraftvolles Halbblut paßte, doch Petra freute sich, daß Riegel allen gefiel. Nun kam auch Astrid näher. Svala wollte das neue Pferd beschnuppern, doch Astrid zügelte ihr Pony und schwang sich aus dem Sattel.
„Rose-Marie, würdest du Svala einen Augenblick für mich halten, damit ich zu Riegel gehen kann?“ bat sie.
Doch Rose-Marie kam selbst auf Riegel zu, strich ihm über den Hals und ließ ihre Hand sachkundig über sein Vorderbein gleiten.
„Keine Uberbeine oder Stollbeulen“, sagte sie anerkennend.
Lena kletterte hastig vom Zaun und übernahm Svalas Zügel. Petra warf Rose-Marie einen verwunderten Blick zu. Warum reagierte sie nicht, wenn Astrid sie um Hilfe bat? Im gleichen Augenblick entdeckte sie, was die Veränderung in Rose-Maries Äußerem bewirkte: Sie hatte während des Sommers angefangen, Lidschatten und Wimperntusche zu benutzen.
„Beißt er?“ fragte Astrid.
„O nein!“ versicherte Petra.
Astrid trat einen Schritt näher, und im nächsten Moment spürte sie Riegels warmen Atem an ihrem Gesicht. Sie hob vorsichtig die Hand, streichelte seinen Hals, glitt mit den Fingern weiter zu seinem Nacken und kraulte ihn in der kurzen Mähne. Riegel zupfte spielerisch und vorsichtig an ihren langen, dunklen Haaren.
„Ach, ist der lieb!“
„Genauso lieb wie Svala?“ fragte Petra scherzhaft. „Wie geht’s dir übrigens jetzt mit ihr – sollen wir wieder mit den Reitstunden anfangen?“
Astrid strahlte. „O ja, gern! Darauf habe ich den ganzen Sommer gewartet!“
Als Petra sich an diesem Abend die Zähne putzte, dachte sie: Jetzt sind die Sommerferien bald vorüber. Sie betrachtete ihr sonnengebräuntes, ovales Gesicht im Badezimmerspiegel. Es war von dichten, mittelblonden Haaren umrahmt, die ihr bis zu den Schultern reichten und sich nur schwer bändigen ließen. Ihre Augen waren graugrün und die Wimpern dunkel, doch nicht besonders lang. Ob sie wohl mit Lidschatten und Wimperntusche besser aussehen würde? Vielleicht, dachte Petra. Falsche Wimpern vielleicht? Sie kicherte bei der Vorstellung, wie sie damit aussehen würde. Mick jedenfalls legte auf solche Äußerlichkeiten sicher wenig Wert …
Wieder dachte sie an den Sommer zurück. Er ging nun zu Ende, doch Riegel war ihr geblieben. Und sie hatte die Erinnerung an all die Ausritte, an schaukelnden Trab in knietiefem Wasser, an friedlichen Hufschlag auf staubiger Landstraße, fliegenden Galopp über Felder und Wiesen, Gegenwind, der einem die Tränen in die Augen trieb, den Geruch der Pferde auf der Sommerweide …
Doch hinter all diesen schönen Bildern steckte auch nagende Unruhe: Würde sie mit ihrem Jungpferd allein und ohne Hilfe zurechtkommen?
Ein Brief von Mick
Petra beugte sich vor und streckte die Hand aus, doch sie erreichte den Briefkasten nicht. Riegel ist zu groß, dachte sie. Oder nein, der Briefkasten hängt zu tief, verbesserte sie sich sofort.
Als sie die kleinere Svala noch gehabt hatte, war es ganz einfach gewesen, den Briefkasten vom Pferderücken aus zu leeren. Nun mußte sie absteigen. Sie steckte die Hand in den Briefkastenschlitz und zog eine Rechnung und einen Brief heraus.
Sobald sie die Post in ihre Jackentasche gesteckt hatte, schwang sie sich wieder in den Sattel und ritt im Schrittempo weiter den Weg entlang. Dabei summte sie fröhlich vor sich hin. Der Brief war an sie gerichtet. Eigentlich seltsam, daß Mick, der so gut zeichnen und malen konnte, eine solche Krakelschrift hatte!
Dies war der dritte Brief, den Mick ihr geschrieben hatte, seit sie nach Hause gekommen war. Er schilderte immer alles so lebendig, was sich im Gestüt ereignete, und erwähnte besonders, wie es den Pferden ging, die Petra ins Herz geschlossen hatte. Außerdem versah er seine Briefe oft mit hübschen kleinen Skizzen.
Nun war Petra auf dem Weg zur Reitschule. Als sie dort ankam, wurde gerade ein Anfängerkurs abgehalten; deshalb ritt sie nicht auf die Bahn. Es hätte die ungeübten Reiter nur gestört. Statt dessen gesellte sie sich zu Rose-Marie, die am Zaun stand und zusah.
Die Abteilung wurde von Rose-Maries Vetter Arne angeführt, der erst seit einem halben Jahr ritt. Ihm folgten ein paar kleine Mädchen, und den Schluß bildete ein jüngerer Mann, der darum kämpfte, den richtigen Takt im Leichttraben zu finden.
„Wer ist das dort drüben? Der Mann, der Polly reitet, meine ich. Ich glaube, ich habe ihn schon mal gesehen“, sagte Petra.
„Ja, ich überlege auch schon dauernd, wer er ist“, erwiderte Rose-Marie. „Erwachsene Anfänger sieht man hier bei uns ja nicht alle Tage.“
Einen Augenblick schwiegen sie. Dann fügte Rose-Marie hinzu: „Ich werde nach der Reitstunde Dressur üben.“
„Prima! Da bleibe ich hier und sehe dir zu.“
Es war noch eine gute Woche bis zum Dressurwettkampf, und Karin, die Reitlehrerin, hatte Petra noch immer nicht vorgeschlagen, daran teilzunehmen. Petra wollte auch nicht gern selbst darum bitten. Es wäre ihr unverschämt vorgekommen, einfach zu fragen: „Hören Sie mal, kann ich mit Ihrem Pferd beim Wettkampf mitmachen?“ Außerdem wollte sie sich nicht vordrängen, wenn Karin fand, daß sie noch nicht gut genug war. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn die Reitlehrerin so von ihrem Können überzeugt gewesen wäre, daß sie sie gebeten hätte, mitzumachen. Aber vielleicht glaubte sie, daß Petra keine Lust hatte oder nicht genug Mut, um teilzunehmen?
Wenn Karin heute nichts sagt, schlage ich es ihr vielleicht doch selbst vor, dachte Petra und sah wieder über die Reitbahn.
„Du, jetzt weiß ich, wer der Mann auf Polly ist!“ stieß sie plötzlich hervor. „Das ist doch der neue Pastor!“
„Wirklich?“ Rose-Marie blieb der Mund offen stehen.
Petra war ein wenig verblüfft über ihr eigenes Erstaunen. Weshalb sollte schließlich ein Pastor nicht auch reiten lernen wollen, genau wie andere Leute?
In diesem Augenblick war die Reitstunde zu Ende. Die Reitschüler führten ihre Pferde in den Stall, und Rose-Marie verschwand, um Ballade zu satteln. Statt dessen kam Karin zum Zaun.
„So ein Pferd müßten wir auch in der Reitschule haben!“ sagte sie und streichelte Riegels Nasenrücken. „Aber daraus wird vorläufig nichts. Seit wir Lona bekommen haben, ist ein großes Loch in unserer Kasse. Aber sie war ein guter Kauf, und wir brauchen sie wirklich.“
„Sie haben ja einen neuen Schüler“, bemerkte Petra.
„Ja, der Pastor. Er will wohl herausfinden, weshalb so viele seiner Konfirmanden fürs Reiten schwärmen“, sagte Karin und lachte. „Mal sehen, ob er aufhört oder weitermacht. Wir könnten wirklich mehr Erwachsene in der Reitschule brauchen. Bisher haben wir noch sehr wenige.“
Die Stalltür öffnete sich, und Rose-Marie führte Ballade über die Wiese.
„Hast du übrigens am Wochenende etwas Besonderes vor?“ fragte die Reitlehrerin.
Petra hob den Kopf. „Nein, gar nicht!“ erwiderte sie rasch und dachte: Endlich! Durfte sie nun doch am Turnier teilnehmen?
Karin wandte sich an Rose-Marie, die gerade auf dem Weg zur Reitbahn an ihnen vorüberkam. „Du kannst damit anfangen, Ballade im Schritt und Trab aufzuwärmen“, sagte sie. Dann drehte sie sich wieder zu Petra um.
„Oh, das ist gut. Wenn ich während des Wochenendes auf dem Turnier bin, brauche ich eine zuverlässige Vertretung für die Reitschule. Könntest du das übernehmen, Petra?“
Petra schluckte enttäuscht. „Ja, das kann ich schon.“
„Prima. Eigentlich ist es verrückt, daß ich mich darauf verlassen muß, daß du und andere freiwillig aushelfen. Wir müßten unbedingt einen fest angestellten Pferdepfleger haben, aber natürlich fehlt es uns dazu wieder mal am Geld.“
Weil Karin so sorgenvoll aussah, versuchte Petra, sie etwas aufzumuntern.
„Wird das jetzt nicht besser, nachdem die Preise für die Reitstunden erhöht worden sind?“ fragte sie.
„Nein, durchaus nicht! Die kleine Erhöhung wird schon von den gestiegenen Unkosten verschlungen. Wenn wir mehr Pferde hätten – Platz genug wäre ja im Stall –, würde es wohl besser werden, aber wir haben ja kein Geld, um sie zu kaufen.“
„Wie ist es denn mit Herrn und Frau Verelius?“ fragte Petra. „Sie könnten doch die Kaufsumme für ein oder zwei neue Pferde vorschießen, bis sich die Sache bezahlt macht.“
Olle und Margareta Verelius, deren Töchter sich auch zum Turnier angemeldet hatten, waren zusammen mit Karin die Besitzer der Reitschule.
Die Reitlehrerin sah sich um und senkte die Stimme.
„Sag es bitte nicht weiter, Petra, denn es ist noch nicht sicher, aber Olle Verelius überlegt, ob er sich nicht zum Jahresende aus dem Reitschulgeschäft zurückziehen soll.“
„Sich zurückziehen?“
„Ja. Er hat offenbar geglaubt, daß die Reitschule ein gutes Geschäft wäre, und statt dessen haben wir bisher eigentlich nur Geld zugelegt. Ich habe ihm zu erklären versucht, daß es ein paar Jahre dauert, bis so eine Reitschule sich lohnt, aber er hat offenbar nicht genug Geld, um so lange zu warten.“
„Aber … aber können Sie es denn allein schaffen?“
„Wohl kaum! Falls die Reitschule von der Gemeinde einen Zuschuß bekommt, hätten wir eine Chance, aber sonst muß ich die Sache wohl aufgeben. Wir werden es jedenfalls einmal versuchen und bei der Gemeinde einen Zuschuß beantragen.“
Petra wurde ganz kalt. Die Enttäuschung darüber, daß sie nicht am Turnier teilnehmen durfte, wurde von der Sorge um die Reitschule verdrängt. Petra versuchte sich den Reitstall leer vorzustellen, die Pferde verkauft, Karin weit fort, ihr kleines Haus unbewohnt. Nein, das durfte einfach nicht geschehen!
„Wissen Agneta und Charlotte davon?“ fragte Petra schließlich.
„Ja, das nehme ich an“, erwiderte Karin.
„Können sie ihren Vater nicht zur Vernunft bringen?“
Karin seufzte.
„Wir werden wohl abwarten müssen. Laß uns das Beste hoffen. Aber wenn wir den Zuschuß bekommen, können wir uns sogar einen Pferdepfleger leisten!“
Nun kam Arne aus dem Stall und schlenderte zum Zaun. Er hatte blaugraue Augen und war so blond, wie seine Cousine Rose-Marie dunkel war.
Karin begann mit Rose-Maries Reitunterricht, und Petra sagte „tschüs“ und ritt heimwärts. Im Augenblick hatte sie nicht die geringste Lust zu bleiben und sich das Dressurtraining anzusehen.
Wenn ich schon unglücklich bin – da ich doch ein eigenes Pferd habe –, wie müssen sich erst die anderen fühlen, falls die Reitschule schließt! dachte sie plötzlich. Rose-Marie, Arne, Astrid, Lena, Anki, Anna-Lena und all die anderen ahnten natürlich noch nichts von der Gefahr. Petra selbst hatte ja auch noch vor einer Stunde geglaubt, daß die Reitschule ewig bestehen würde.
Sie war zwar früher einmal zufrieden gewesen, allein herumzureiten. Doch seit der Gründung der Reitschule hatte sie entdeckt, wie schön es war, manchmal mit Freunden ausreiten zu können, eine Reitlehrerin zu haben, die man um Rat fragen konnte, und einen Reitclub, der Wettkämpfe und Zusammenkünfte veranstaltete.
Die Turniere waren natürlich nicht übermäßig wichtig, aber Petra fand sie gut, um ein Ziel zu haben, für das sie täglich mit ihrem Pferd arbeiten konnte. Das machte alles viel spannender. Was hatte es denn zum Beispiel für einen Sinn, zu lernen, seinem Pferd perfekten Halt beizubringen, wenn man nie die Gelegenheit hatte, es jemandem vorzuführen?
Erst als Petra zu Hause auf dem Granberghof war, fiel ihr die Post wieder ein. Sie gab ihrer Mutter die Rechnung, ging dann in ihr Zimmer und öffnete Micks Brief.
„Hallo Petra“, schrieb er. „Hier ist wie immer eine Menge los. Firlefanz ist vor kurzem an ein Mädchen in Västeras verkauft worden. Sie schien schon allerhand zu können, und ich glaube, daß er es gut bei ihr haben wird. Hoffentlich kommst du gut mit Riegel zurecht!
Gestern bin ich mit Saga ausgeritten und über ein paar Hindernisse auf der Geländebahn gesprungen, die fürs Bronzeabzeichen benutzt wurde. Saga war ein bißchen feige, hat das Tempo verlangsamt und sich die Hindernisse angesehen, aber gesprungen ist sie trotzdem. Ein wunderbares Pferd! Es war so schön im Wald, ganz still, tiefgrüne Spätsommerstimmung. Du kennst ja die Pfade, auf denen man wie in einem langen, grünen Tunnel galoppiert! Ich werde das alles sehr vermissen, wenn ich von hier fortgehe …“
Petra ließ den Brief sinken. Was sollte das heißen – fortgehen? Was meinte er damit? Rasch las sie weiter.
„Aber das muß ich wohl. Wie du weißt, hat mein Vater sehr viel dagegen einzuwenden, daß ich als Pferdepfleger arbeite, auch wenn es nur vorübergehend ist. Er würde mich am liebsten hinter einen Schreibtisch in seiner Firma setzen, aber das ist wirklich nicht mein Fall! Das Schlimmste ist, daß er meint, Rolf und Gerda würden mich schlecht bezahlen, und diese Ansicht behält er auch keineswegs für sich. Du kannst dir vorstellen, wie peinlich mir das ist! Ich habe versucht, ihm zu erklären, daß die beiden nicht genug Geld haben, um mir einen höheren Lohn zu bezahlen, aber das will er einfach nicht begreifen!
Für meinen Vater sind Pferde ein Luxus; etwas, das mit Schlössern und Herrenhäusern und viel Geld zusammenhängt. Er glaubt, wer Pferde hat, müßte auch vermögend sein. Daß die Pferdezucht ein hartes Geschäft ist und viel Geld verschlingt, versteht er nicht.
Pulsuz fraqment bitdi.