Kitabı oxu: «Der Tatzelwurm»

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Wer hat heute noch Angst vor dem Tatzelwurm? Früher war das anders: Zahlreich sind die Erzählungen, wie sich das Reptil auf Menschen stürzte und sie mit seinem giftigen Atem anspie!

Autor Ulrich Magin hat über 430 Augenzeugenberichte aus dem gesamten Alpenraum gesammelt und untersucht. Was haben diese Menschen wohl gesehen? Ein bisher unentdecktes Tier? Oder ist der Tatzelwurm etwa nur ein Mythos?

Die Klärung dieser Fragen ist eine aufregende zoologische Schnitzeljagd und zugleich eine spannende Traditionsgeschichte, die bis ins Heute reicht.

» Spannend, amüsant und lehrreich

» Zahlreiche seltene und historische Abbildungen


Inhalt

Vorbemerkung

Sagen und Legenden: der Tatzelwurm in Frühgeschichte, Antike und Mittelalter

Die klassische Antike

Was die Sagen sagen …

Erste Beweise?

Urgewalt und Ungetüm: vom Mittelalter bis zur Renaissance

Der Tatzelwurm nimmt Gestalt an: das 17. und 18. Jahrhundert

Vom Tatzelwurm verfolgt: erste Meldungen aus Österreich

Nur vereinzelte Sichtungen: die anderen Alpenländer

Die Eroberung des Alpenraums: die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts

Bergstutzen in Österreich

Lindwürmer in der Schweiz

Rieseneidechsen in Italien

Riesenschlangen in Frankreich

Nur wenige Sichtungen in Deutschland

Sichtungen und Skepsis: die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ungetüme zu Wasser und zu Berge in Österreich

Niedliche und grausliche Exemplare in der Schweiz

Tatzelwürmer in allen Farben im südlichen Tirol

Schlangen mit „unerwarteten Köpfen“ in Frankreich

Der Ruhpoldinger Molch in Deutschland

Erste wissenschaftliche Annäherungen

Respektiert und gesucht: der Anfang des 20. Jahrhunderts

Beißwürmer und Krokodile in Österreich

Luziferartige Sichtungen in Italien

Ungeheuer in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich

Die große Zeit des Tatzelwurms: die 1930er-Jahre

Die Debatte im „Schlern“

Das einzige Foto und eine Expedition zum Aufnahmeort

Schwerpunkt Italien: der Tatzelwurm ab 1935

Der kleine Bruder von Nessie in Südtirol

Seltsame Skelette in Venetien und im Friaul

Katzenschlangen im Piemont

Weitere Serpentegatti in der Lombardei

Ausgesetzte Exoten in Österreich

Die letzten Drachen der Schweiz

Zooflüchtlinge in Deutschland

Schlangennest Frankreich

Heutige Deutungsversuche

Annäherungen an ein Alpenphantom

Von Fußabdrücken und anderen Spuren

Von Kopfgeldern und Prämien

Vom Tatzelwurm als Ware

Von Verwechslungen

Von Scherzen und Schwindeleien

Von verschwundenen Beweisen

Vom fehlenden wissenschaftlichen Interesse

Von trügerischen Erinnerungen

Von mehrdeutigen Bezeichnungen

Unbekannte Spezies?

Gemeldete Skelettfunde

Wie viel Beine hat der Tatzelwurm? Eine Analyse der Sichtungsmeldungen

Füße, Tatzen, Pratzel, Beine

Kopf, Kamm, Mähne, Schwanz

Haut, Fell, Borsten, Schuppen

Lang, länger, am längsten

Des Tatzelwurms Liebe zum Wasser

Kein Phantombild möglich

Vom Krustentier zum Fabelwesen: mögliche Erklärungen für das Phänomen

Bekannte und unbekannte Reptilien als Tatzelwürmer

Handelt es sich möglicherweise um unterschiedliche Tierarten?

Weitere Tierarten als Tatzelwürmer

Wirkmächtiger Mythos

Die multikausale Herkunft des Tatzelwurms

Anmerkungen

Literatur

Bildnachweis

Der Autor

Impressum

Der Wurmfortsatz

Vorbemerkung

Wurm bedeutet Schlange, ein Tatzelwurm ist demnach eine Schlange mit Beinen, die in den Alpen seit mindestens 500 Jahren gesehen wird – und zwar im gesamten Alpenraum, von den französischen Seealpen im Westen bis Slowenien im Osten. Heute ist er, zumindest im deutschsprachigen Raum, kaum mehr als eine folkloristische Reminiszenz, und doch war der Tatzelwurm in früheren Zeiten eine echte Gefahr für Bergbauern und Wanderer – und bedrohte sogar Seefahrer auf ihren Schiffen. Das große Reptil stürzte sich mit einem kühnen Sprung auf Menschen und spie sie mit seinem giftigen Atem an, gegen den es kein Mittel gab.

Vom Tatzelwurm – oder, je nach Region, Springwurm, Schmeckwurm, Stollenwurm (von den winzigen, stollenartigen Füßen), Haselwurm, Beißwurm, Bergstutz oder Bergstutzen, von Bisamkatze und Murbl, im Ennstal Büffel, in Kärnten Kuschka oder Kuschker, in Italien Serpentegatto bzw. Serpengatto, Aspide, Basilisco oder Aspidosordo und im Slawischen, wie die Hornnatter auch, Poskok (Springer) – wird oft erzählt.

Kryptozoologen, die sich mit unentdeckten Tieren befassen, sehen in ihm einen sogenannten Kryptiden, ein wissenschaftlich noch nicht erfasstes und bestimmtes, aber reales Tier. Mehrere dieser Forscher haben ein Phantombild des Alpendrachen erstellt: Er soll, so Gerhard Venzmer 1930, „etwa einen halben bis einen Meter lang sein, mit rundlichem Kopf, abgestutztem Schwanz und kurzen Füßen, so dick wie etwa ein Mannesarm oder Mannesschenkel, die Haut silbergrau glänzend oder scheckig, bald beschuppt, bald mit spärlichen Haaren bedeckt. [Es] wird von allen, die den ‚Springwurm‘ gesehen haben wollen, einmütig von dem Vermögen des Tieres, durchdringend zu pfeifen, berichtet.“1

Man schildere, meint der Jurist und Schriftsteller Albert von Drasenovich 1927, ihn immer gleich: „dicker, schlangenrunder, grünlicher bis schwarzbrauner, mit Schuppen und spärlichen Borsten besetzter Leib, zwei oder vier kurze Füße (Stollen), kurzer Stummelschwanz, breiter Kopf, großes Maul, feurige Augen, angriffslustiges oder doch wehrhaftes Benehmen.“2

Und Dr. Karl Meusburger, einer der eifrigsten Sammler von Begegnungen mit Tatzelwürmern, stellte 1931 im „Schlern“ fest, die „je nach der Gegend verschiedenen Namen für ein und dasselbe Tier besagen uns, daß die Kunde vom Tatzelwurm weit verbreitet ist und daß unsere […] Gewährsmänner nicht die ersten waren, die ein solches Tier zu Gesicht bekamen, oder wenigstens behaupten, es gesehen zu haben“.3

Grundlage dieses Buches sind rund 430 Augenzeugenberichte, der letzte aus dem Jahr 2015. Bei ihrer Lektüre wird klar, dass nicht immer dasselbe Tier beschrieben ist – mal hat der Tatzelwurm den Kopf einer Schlange, mal den einer Katze, mal zwei, dann mehr Füße, mal ist die Haut glatt, dann wieder schuppig. Mal ist er scheu, mal aggressiv, mal giftig, mal wird sein Genuss empfohlen. Er ist eine Eidechse, eine Schlange, hat Flügel, acht Beine – kurz: Er zeigt sich in mancherlei Form.

Da der Tatzelwurm viele Namen trägt und viele Formen hat, gelten in diesem Buch alle nicht als einheimische Schlangen und Eidechsen identifizierbaren, in den Alpen beobachteten Reptilien als Tatzelwürmer – und natürlich all jene Tiere, die von ihren Beobachtern selbst als Tatzelwurm erkannt und bezeichnet wurden.

Das Wort Tatzelwurm ruft leicht ein Lächeln hervor, der grausige Tatzelwurm ist eher ein Scherz denn eine Realität, und doch begleitet die Suche nach dem Wurm die Geschichte der Erforschung und Erschließung der Alpen – und sie ist noch nicht vorbei. Ähnlich wie beim Yeti, dem Schneemenschen des Himalaya, dem Bigfoot im nordamerikanischen Kaskadengebirge und Nessie, dem Ungeheuer von Loch Ness, hat man es mit einem Tier zu tun, das zwar gesehen, nicht aber wissenschaftlich belegt werden kann. Liest man die Berichte der Augenzeugen, meint man, der Tatzelwurm sei ein noch unerforschtes Tier, aber der Mangel an Beweisen macht aus ihm – vorerst zumindest noch – ein Tier der Sage.

Denn wie immer die zoologischen Fakten hinter der Tatzelwurmsage aussehen, er ist eine kulturelle Tatsache, die Beachtung verdient. Moderne Zoologen halten das Tier für ein mythologisches Konstrukt, und auch ich will mich dem Phänomen nicht kryptozoologisch nähern (auch wenn das eine Rolle spielen wird), sondern vor allem mit dem Handwerkszeug des Historikers – wo und wann wurde etwas gesehen, wer hat wann an was geglaubt? Das Ergebnis ist nicht nur eine aufregende zoologische Schnitzeljagd, sondern vermittelt zudem Einblicke in Glaubens- und Lebenswelten, die heute bereits in vielen Regionen verschwunden sind.

Einige abschließende Bemerkungen noch: Redaktionelle Einschiebungen in die Originaltexte sind stets mit eckigen Klammern gekennzeichnet. Einfügungen in runden Klammern stehen so im zitierten Text. Die Übersetzung aller fremdsprachigen Berichte stammt vom Autor.

Ein schwieriges Gebiet war die Geografie: Ortsnamen und Zugehörigkeiten sind im Laufe der Zeit wandelbar, im Alpenraum vielleicht noch mehr als anderswo in Europa. Was heute Österreich heißt, war früher das Habsburgerreich, zu dem unter anderem auch die Lombardei gehörte, und bis 1919 auch Südtirol und das Trentino. Die in diesem Buch verwendeten Staatsgrenzen sind stets die heutigen. Südtiroler Ortsnamen hat der Verlag immer in ihrer deutschen Form eingesetzt, selbst dort, wo in den Quellen politische Zwänge zur Verwendung der italienischen Entsprechungen geführt hatten.

Sagen und Legenden: der Tatzelwurm in Frühgeschichte, Antike und Mittelalter

Wie weit in die Vergangenheit die Geschichte von Drachenbegegnungen in den Alpen zurückreicht, lässt sich nur schwer sagen. Aus der Zeit um 1000 v. Chr. soll das „tönerne Bild einer Eidechse“ aus einem Pfahlbau bei Nidau im Bielersee, Kanton Bern, stammen, zu dem ein Autor des 19. Jahrhunderts anmerkt: „möglicherweise ist aber […] einer jener großen Saurier gemeint, welche zur Pfahlbauzeit wahrscheinlich noch existiert haben.“4 Erst 2005 wurden im Val Camonica vorgeschichtliche Felsbilder entdeckt, darunter eines aus der Bronzezeit, das „einen kleinen Mensch vor einer riesigen Schlange“5 zeigt.

Die klassische Antike

Die ersten schriftlichen Nachrichten über die Alpen, oft noch vom reinen Hörensagen her, stammen von den griechischen und römischen Autoren der klassischen Antike. Keiner der alten Schreiber, die sich der Naturgeschichte widmeten, weiß etwas von Drachen in den Alpen. Allerdings wird vom italienischen Stiefel von seltsamen und großen Schlangen berichtet, die dem späteren Tatzelwurm gleichen.

Die römischen Autoren erwähnen in ihren Werken und Annalen nämlich merkwürdige Erzählungen über Schlangen, die die moderne Zoologie nicht bestätigen kann – zum Beispiel Beobachtungen von Schlangen mit Krone, mit Beinen oder von riesiger Gestalt, die als Vorzeichen galten, oder die Gewohnheit von Schlangen, die Kühe auf der Weide zu melken.

Zum Jahr 177 v. Chr. vermerkt Livius in seinem Buch von der Geschichte Roms, „im römischen [sei] ein verstümmelter Knabe zur Welt gekommen und eine vierfüßige Schlange gesehen worden“6.

174 v. Chr. versicherten die Bewohner von Caere, „in ihrer Stadt habe sich eine Schlange, bemähnt und mit Goldflecken gesprenkelt, sehen lassen“7. Caere ist das heutige Cerveteri in der Toskana, und die Mähne könnte man auch mit „Kamm“ übersetzen.

In seiner berühmten „Naturgeschichte“ spricht Caius Plinius Secundus im achten Buch (Kapitel 14) von riesigen Schlangen in Italien: „Die sogenannte Boaschlange in Italien […] wächst zu einer solchen Größe, daß man unter der Regierung des göttlichen Claudius in dem Bauche von einer, die im Vatikanischen getötet wurde, ein ganzes Kind antraf. Sie nähren sich anfangs von Kuhmilch, und daher haben sie den Namen.“8

Was die Sagen sagen…

Aus unbestimmter Zeit raunen die Sagen, auch wenn man mittlerweile weiß, dass sie mehr über die Zeit erzählen, in der sie aufgezeichnet wurden, als über die graue Vorzeit, von der sie berichten. Drachensagen trifft man im Alpengebiet fast überall an: „Man hat und zeigt Drachenlöcher, Drachensteine, Drachenklammen und Drachenböden. Diese und der Drachensee [auf dem Mieminger-Hochgebirge] sind die unzerstörbaren Dokumente der Drachensagen und des Glaubens einstigen Vorhandenseins dieser Ungethüme, wozu die Drachenhöhle bei der Sill zu Wilten gehört. Endlich die Drachenzunge, welche im Kloster Wilten aufbewahrt wird, sollte über das einstige vorhandensein [sic] keinen Zweifel übrig lassen“, merkt Ritter Johann Nepomuk von Alpenburg in seinem Buch „Mythen und Sagen Tirols“ aus dem Jahr 1857 ironisch an.9

Nach Alpenburg habe der typische Tiroler Drache einen Schlangen- oder Hundekopf, kurze Ohren, einen langen Hals und einen gedrungenen Körper mit langem Schwanz, dazu vier Füße mit Tatzen, und er hause bevorzugt in Höhlen neben fließendem Wasser.10

Von Drachen wird im ganzen Alpenraum erzählt: Man kannte ihn im Eisacktal in Südtirol,11 am Silumer Berg, in Triesenberg und vom Oberfeld bei Mels in Liechtenstein, wo die schuppigen Ungetüme in einer Höhle, in der Nähe der Kirche und in Sümpfen aufzufinden waren,12 in Kärnten ebenso wie in Bayern.

Geschichten, die man von Drachen erzählte, dienten vielen verschiedenen Zwecken – sie mythologisierten die Christianisierung und die Ausrottung des Heidentums (schon in der Genesis gilt die Schlange als Verkörperung des Teufels), sie kündeten von der Urbarmachung des Landes (und daraus abgeleitet dem Anspruch auf den Besitz des Landes durch den Ortsadeligen), sie erzählten von Naturphänomenen wie Lawinen, Erdrutschen, Überflutungen und Gewittern, sie konnten selbst Viehseuchen mit dem Pesthauch eines Untiers verständlich machen.

Erzählen die Menschen der Alpen von Drachen, dann datieren sie die Ungetüme oft in die Zeit zurück, in der ihre Region zum Christentum bekehrt wurde. Als teuflische Kreatur, die vertrieben wird, damit das Land christlich werden kann, begegnet uns der Drache in der Legende vom heiligen Beatus. Der vertrieb ein Untier an der Beatushöhle am Thunersee (Schweiz), das in seiner Einsiedlerhöhle hauste, indem er es zu gehen bat.13 Beatus befuhr den See auf seinem Mantel, dasselbe hören wir vom heiligen Julius vom Ortasee, der dann ebenfalls die Drachen von einer Insel vertrieb, bevor er sich dort niederließ.14 Im 5. Jahrhundert bedrohte der Sumpfdrache von Draguignan (Frankreich) die Pilger auf ihrem Weg zum Kloster Lerins, der heilige Einsiedler Hermentaire – er wurde später der erste Bischof von Antibes – erschlug darauf das Monstrum. Im 7. Jahrhundert wurde der heilige Abt Magnus bei Kempten in Bayern „von einer riesigen Schlange“ angegriffen. Er aber überwand sie durch Gebet und einen wundertätigen Stab. „Später habe ihm auf dem Wege nach Füßen [Füssen] wieder ein Drache den Weg versperrt; diesmal sei er aber voll Gottvertrauen selbst zum Angriff übergegangen, er habe ihm Harz und Pech in den drohend aufgesperrten Rachen geworfen […], daraufhin habe der Drache angefangen zu brennen.“15 Das ist wohl die biblische Geschichte vom Drachenkampf des Propheten Daniel, allerdings aus dem Zweistromland ins Allgäu verlegt. Der Chronist Konrad von Scheyern (er starb 1245) bezeichnete die Gegend der bayerischen Aschauerklamm als „Drachenlager“;16 1273 erschlug ein gewisser Sulpicius Raimond aus Sulpice im Schweizer Jura ein Ungeheuer namens Le Serpent de St. Sulpice.17

In all diesen Geschichten verkörpert der Drache die Schlange, das Tier des Teufels, das überwunden wird, oft vom jeweiligen Ortsheiligen.

Manchmal gilt nicht der Heilige, dem die Kirche geweiht ist, als Drachenbezwinger, sondern ein Vorfahr des herrschenden Adeligen, oder die Geschichte vom Drachenkampf mythologisiert und erhöht ein authentisches historisches Ereignis. Diese alten Berichte halten sich selten mit Details auf, beispielsweise wie die Drachen ausgesehen haben. Wichtiger ist die Funktion des Drachentöters als örtlicher Heros. In seiner für uns ungewöhnlichen Kleinschreibung bemerkt der österreichische Volkskundler Franz Josef Vonbun (1824–1870) 1852:

„Man malt sich die drachen oder lintwürmer aus als ungeheure schlangen mit crocodilenrachen, zwei ungeheuren löwen- oder auch vogelfüssen (adlerklauen), mächtigen fledermausflügeln und einem stachlichen kamm, ähnlich der rückenflosse mancher grösserer fische, welche zu einer förmlichen schutzwaffe gegen raubfische wird. Von diesem ungeheuer berichtet Ulrich Campell († 1782) in seinem ersten buche rhätischer geschichte folgendes: ‚Das rhätische hochgebirg dient thieren der verschiedensten gattung zum aufenthalt. Unter den schädlichen und wilden nennen wir zuerst den drachen oder lintwurm, dessen Vaterland nach Plinius, Indien und Aethiopien sein soll. Einen lintwurm erlegte Struthahn von Winkelried [Ritter Heinrich von Winkelried, gestorben 1303], musste aber von dessen blute besprengt sterben.‘ Sehr bezeichnend ist, dass der alte ehrliche chronist den Schweizer Unterwaldner helden, der den 9. Juli 1386 durch seine todesmuthige aufopferung den sieg der Schweizer über Leopold von Oesterreich bei Sempach entschied, mit einem drachen kämpfen und durch dessen blut zu gründe gehen lässt.“18

Hier hat also die Sage einen historisch verbürgten Schlachtensieg in einen mythologischen Drachenkampf umgedeutet. Die Nachrichten bleiben diffus, aber wir haben es in jedem Falle mit einer großen Schlange zu tun, die Füße hat und Flügel, die einem Krokodil ähnelt, in Steinwüsten, Seen oder Sümpfen haust, und die der Begegnung mit Menschen eher zum Opfer fällt, als dass sie sie überlebt.

Der Schweizer Ritter Heinrich von Winkelried bezwang in Unterwalden beim Dorf Wyler einen weithin gefürchteten Lindwurm. Stich nach Athanasius Kircher, 1678.

Drachen als Verkörperung einer Naturkatastrophe kommen häufig vor, insbesondere bei Überschwemmungen. So heißt es beispielsweise in einer Erzählung, die auf das Jahr 88 n. Chr. zurückdatiert wird:

„Alte Chroniken erzählen, wie [Bad] Goisern [Österreich] in der grauen Vorzeit eine große Stadt gewesen, die sieben Klöster, sechzehn Kirchen und einen Bischof gehabt habe. Nahe dabei auf dem Reichenstein war die Residenz der Könige, Goisernburg geheißen. Da befand sich aber auch ein Lindwurm, der eines Tages losgebrochen und so vieles Wasser mit sich gebracht, daß Land und Leute und die ganze Stadt verschüttet worden und gar elend zu Grunde giengen. […] Hernach hat es auf dem Wurmstein geheißen nach dem Lindwurm und heißt noch also, und das Wasser, so durch das Dorf rinnt, heißt bis heute der Wurmbach.“19

Nicht immer muss es einen konkreten Anlass für eine Drachenerzählung gegeben haben. Mittelalterliche Epiker flochten hin und wieder einen Drachenkampf in ihre Geschichten ein. In zwei zwischen 1280 und 1300 entstandenen Spielmannsdichtungen aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern, im „König Ortnit“ und dessen Fortsetzung „Wolfdietrich“, ist die Rede von Würmern am Ostufer des Gardasees. König Ortnit residiert mit seiner Gemahlin, der Königin Sidrat, in seiner Burg Garda. Er hatte sie dem Machorel von Syrien geraubt, und jener schickt zur Rache zwei Dracheneier, die bei Trient ausgebrütet werden; die Ungetüme verwüsten dann das Land. Der Drache ist hier ein Import aus dem exotischen Ausland, keine heimische Spezies.20

Generell ist der Drache der Sagen ein Tier aus ferner Vergangenheit, aber manchmal knüpft sich eine Drachenerzählung auch an konkrete Funde, etwa Fossilien. Eine solche Konkretisierung kann viele Formen annehmen, zuweilen will sie nur einen Ortsnamen erklärlich machen, ein anderes Mal wird auf noch sichtbare Überreste des Ungetüms angespielt. So wurde auf der Alm Mitterbach über Weißenbach in Südtirol ein ungeheurer Drache erschlagen, und nach seiner Tötung blieb eine seiner Rippen liegen, hinter der 100 Schafe Schatten fanden!21

Ab dem 19. Jahrhundert tauchen explizit auch Tatzelwurmsagen auf, die sich wenig von den echten Augenzeugenberichten unterscheiden. Sie spielen nicht im historischen Dunkel, sondern im Hier und Jetzt. So munkelt man im friaulischen Stolvizza, in der Höhle Grotta del Serpente verberge sich der Serpengatto, eine 20 Meter lange Schlange mit Fell und Katzenkopf, die das Land unsicher mache.22

Der Journalist und Schriftsteller Rudolf Freisauff von Neudegg

„schildert in seinen ‚Salzburger Sagen‘ den Tatzelwurm, oder wie er ihn nennt, den Bergstutz als ein giftiges, äußerst gefährliches Tier, das beim Angriff sich aufrichtet und pfeift. Seine Länge beträgt 3 bis 5 Fuß [90 cm bis 1,50 m], seine Dicke erreicht die eines Bierkrügels. Die Zahl der Füße wird mit zwei oder vier, manchmal sogar mit sechs angegeben. Der kurze Schwanz soll wie abgehackt ausschauen.“23

Schließlich erzählen Sagen aus dem Wallis von einer fliegenden Viper mit schuppigem Leib, die auf dem Kopf ein goldenes Krönlein mit einem kostbaren Edelstein trug. Tagsüber schlief sie, nachts flog sie „zischend und flammend wie ein Komet“ und drang in die Keller der Häuser ein, wo sie den Wein wegtrank.24

Erste Beweise?

Von Drachenbegegnungen, die bereits als Augenzeugenberichte überliefert wurden, sollen ein Stein und ein Ei stammen, die beide als Beweis für die entsprechende Erzählung dienen: Der Stein wurde in der Schweiz, nämlich in Luzern gefunden, das Ei stammt aus der Gegend um Madonna di Campiglio im heutigen Trentino (Italien).

Der Luzerner Drachenstein fiel im Sommer 1421 vom Himmel, die Primärquelle ist der Schweizer Geschichtsschreiber Johann Leopold Cysat, Neffe von Renward Cysat, der in seiner 1611 erschienenen „Beschreibung dess Berühmbten Lucerner= oder 4. Waldstätten Sees“ darüber schreibt. Um die Besitzrechte an dem Stein war 1509 ein Rechtsstreit zwischen dem Wundarzt Martin Schryber und dem Vorbesitzer des Steins Rudi Stempflin aus Rotenburg entbrannt. Stempflin war ein Nachkomme des Finders, er hatte dem Arzt den Stein als Pfand gegeben, und dieser wollte ihn nicht wieder herausrücken.

Der Finder, der Bauer Stempflin, mähte sein Feld in der Gegend von Rothenburg bei Luzern, als er plötzlich einen Drachen über sich sah, der vom Rigi nach dem Pilatusberg flog. Stempflin fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, fand er einen Klumpen geronnenes Blut und darin den Drachenstein. Das Dokument der Auseinandersetzung überliefert den Bericht des Bauern:

Im Sommer 1421 verlor ein Drache einen Stein, als er Luzern überflog. Um den Stein wurde später prozessiert. Stich nach Johann Leopold Cysat, 1661.

„Er habe auch von synen Vorderen gehört, daß sein Aeni [Großvater] diesen Stein funden hab, in einer Matten, als er gehewet hab, sye ein grausamer Drach kommen, in dem Luft schiessen, zu nechst bei ihme hin, von einem Berg genannt Rigi, in den andern Berg Frakmont, und ihm so nahend, von der Höhi herab kommen, daß ihm geschwunden und in Ohnmacht gelegen.

Als er aufstunde, funde er eine Schwäre Bluts, so von dem Drachen gesprützt war, daselbig Blut wäre zu stund an gestanden, als eine Sulz, in demselbigen Blut sye dieser Stein gelegen und funden worden, also sye der Stein […] in seinem Geschlecht geblieben, und sither, etlich Herren und Stätt, disen Stein wollen kaufen, aber seine Vorderen haben ihn nie wolle verkauften.“25

Den fliegenden Drachen bildete Cysat in einem Stich als langhalsiges, feuerspeiendes Monstrum mit Vogelschwingen, Löwentatzen und Krokodilschwanz ab. Der Aberglaube, dass sich im Kopf von Drachen und Schlangen besondere Steine oder Kristalle befänden, die Ruhm, Reichtum und Glück versprachen, war sicherlich der Grund dafür, dass die beiden vor Gericht zogen. Was aber war der Drachenstein? Fiel er vom Himmel oder wurde die Rahmengeschichte vom Drachen nur erfunden, um seinen Wert zu steigern? Wie so oft bei diesen jahrhundertealten Geschichten ist eine eindeutige Erklärung unmöglich: Man fand besondere Steine am Boden und hielt sie für Absonderungen von fliegenden, feuerspeienden Ungeheuern. Peter zu Käß, der Rat zu Luzern und Vogt zu Rothenburg, stellte 1509 jedenfalls fest, dass der Drachenstein heilsame Wirkung aufwies: Seit 30 Jahren


Darstellung des umstrittenen Drachensteins aus Johann Jakob Scheuchzers „Natur-Geschichte des Schweitzerlandes“, 1746.

„hab auch derselbig Stein unzahlbarlich vil Menschen, Frauen und Mann, mit Hilff Gottes ernehrt und thüe groß wunderlich ding, mit verborgnen Gift zu melden, und stelle [stille] alle Flüß des Bluts, wie die genennt werden mögen, es syen die roth Stuhlgäng, zu Wunden, zu der Nasen, und sonderlich der Frauen übrigen Flüß und weiblich Krankheit, ohn allen Schmerzen“.26

Der Rat – wohl parteiisch, weil er zwischen einem studierten Arzt und einem einfachen Bauern zu entscheiden hatte – sprach dem Arzt die Rechte an dem Drachenstein zu. Hier trifft nicht nur Stadt- auf Bauernwelt, sondern auch Urwesen auf Verwaltungsapparat.

Die weitere Geschichte des Drachensteins hat der Schweizer Kryptozoologe Andreas Trottmann erforscht und dem Autor zur Verfügung gestellt. Der damalige Besitzer Martin Schryber ließ sich 1523 vom Schultheiß und Rat der Stadt Luzern die Wunderkraft des Drachensteins in einer Urkunde bestätigen, der Stein ging durch mancherlei Hände und wurde schließlich 1929 vom Kanton Luzern von der Familie Meyer von Schauensee erworben und wird seitdem im Natur-Museum Luzern ausgestellt.

Was dieser Stein nun eigentlich sei, darüber gab es vielerlei Spekulationen. Im 18. Jahrhundert bereits zeigte sich der Naturforscher und erste Drachenexperte der Alpen, Johann Jakob Scheuchzer, äußerst skeptisch. Er glaubte zwar an Drachen, nicht aber an den Stein:

„Ich halte aber ungeachtet dessen, was ich dort [im ersten Teil seines Buchs] zur Beglaubigung der Historie von dem Drachen-Stein angebracht habe, davor, daß dieser Stein ein Agat-artiger Kieselstein [also Achat] ist, welcher durch eine besondere Kunst, so wie er aussieht, gemahlet worden, davon man in genauer Betrachtung einige Anzeigungen entdecken kan. Mir ist die Kunst bekannt, welche hie und da ausgeübet wird, dadurch die harteste Agat und Chalcedonier mit beliebigen Figuren so können bemahlt werden, daß die Farbe in die Substanz des Steins, ohne die geringste Zerfressung, hinein dringet, und für natürlich kan ausgegeben werden.“27

Spätere Experten wie der deutsche Physiker Ernst Florens Friedrich Chladni (1756–1827), der als Erster bewies, dass Meteoriten Stein- und Metalltrümmer aus dem All sind, hielten einen meteoritischen Ursprung für möglich – sicher nicht wegen des Aussehens des Steins, sondern wegen der Geschichte, die über ihn erzählt wurde.

2006 erfolgte eine Untersuchung an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA.

„Dank zerstörungsfreier Analytik gewannen nun Wissenschafter des Natur-Museums Luzern, der Universität Bern und des Naturhistorischen Museums Bern zum ersten Mal einen Einblick in den Kern des Luzerner Drachensteins. Die an der EMPA in Dübendorf mit Hilfe von Computertomographie ermittelten Resultate zeigen, dass der Drachenstein vollständig aus einem Material, mit größter Wahrscheinlichkeit gebranntem Ton, besteht. Damit kann vorderhand zwar ausgeschlossen werden, dass dieser im Natur-Museum Luzern gezeigte ‚Heilstein mit wundersamen Kräften‘ einen Meteoriten enthält. Was es mit der Drachenbeobachtung vor rund 600 Jahren auf sich hat und wie die Tonkugel entstanden ist, bleibt jedoch nach wie vor ein Rätsel“,

schließt Andreas Trottmann.

Die Geschichte mit dem italienischen Drachenei ist nicht weniger kompliziert. Noch um 1850 hing in der Kirche von Madonna di Campiglio ein Drachenkopf an einer Kette vom Dach herab. „Neben ihm hing das Ei, das man angeblich bei diesem Drachen gefunden hatte.“ Beides wurde jedoch beim Umbau der Kirche weggeworfen. Der Drache stammte aus dem nahen Nambinosee, er habe Schafe, Ziegen, Lämmer und einmal sogar einen Hirten gefressen. Anrainer beauftragten daraufhin einen Sulzbacher Bärenjäger, der den Drachen erschoss, aber einige Zeit darauf an dessen Gift starb, „da das Blei das Gift anziehe“28. Somit datiert die Sage das Ereignis zumindest in die Zeit nach der Entwicklung der Feuerwaffen.

Im See von Nambino soll ein Drache gefangen worden sein, der in der Wallfahrtskirche Madonna di Campiglio ausgestellt wurde.

Die älteste bekannte Beschreibung des Drachenkadavers stammt von 1673. Michel’Angelo Mariani29 berichtet „als Merkwürdigkeit“, „daß vom Gewölbe der genannten Kirche nebst einem Straußenei eine Art Fisch im gräulichem Klumpen […] herabhänge, daß dieses Ungeheuer in einem See oberhalb Campei von einem Hirten getötet worden sei, daß aber dieser Hirte dabei sein Leben eingebüßt habe“. Carlo Colloni hörte 1888 die identische Erzählung von einem „Urgroßvater“ aus dem Rendenatal, nur hatte sich nun das Straußenei in ein Drachenei verwandelt.30

Doch es gibt weitere Augenzeugen: David Lorenzetti soll das gleiche Tier als 14-Jähriger gesehen haben, als es nach seiner Erlegung vier Tage lang ausgestellt war. Da er seine Geschichte um 1930 weitererzählte, muss sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ereignet haben. Aufgeschrieben hat Lorenzettis Bericht Ada von der Planitz, die den Bericht an den Südtiroler Forscher Karl Meusburger weiterleitete:

„Kopf und Ohren dieses Tieres waren nach [seiner] Beschreibung katzenartig, die Augen waren groß, das Gebiß zeigte viele Zähne. Die Länge betrug vielleicht 40 Zentimeter. Die vorderen Beine waren etwas länger als die hinteren, der Schwanz war zuerst breit, endete dann aber spitz. Die Farbe war ein dunkles Braun mit schwarzen Querstreifen. Vom Kopf bis zu den Schultern zog sich eine Mähne, die zu beiden Seiten herabhing.“31

Das Tier sei erlegt worden, weil es auf den Almen den Kühen an die Euter ging und ihnen alle Milch aussaugte. Nach Lorenzetti hatte sich das in seiner Jünglingszeit ereignet, denn: „Nachdem viele Neugierige es besichtigt hatten und es auch noch photographiert worden war, wurde es zum Ausstopfen nach Trento gesandt.“ Dieser Augenzeuge nahm allem Anschein nach eine bereits seit 200 Jahren in Umlauf befindliche Sage und erzählte sie so weiter, als sei er unmittelbar anwesend gewesen. Seine Schilderung ähnelt der vieler weiterer Tatzelwurmzeugen, und doch hat er nur eine vorgefundene Geschichte stark umgeformt und als eigene ausgegeben. Wie verlässlich ist wohl der Bericht, den er von dem toten Tier gibt? Es soll sich nach anderen Aufzeichnungen eigentlich nur um den Kopf eines Drachen gehandelt haben!

Der Priester und Naturforscher Karl Meusburger, der Augenzeugenberichte sonst generell wenig anzweifelte, hielt den Drachen in der Wallfahrtskirche nach Lorenzettis Beschreibung für ein künstlich geschaffenes Monster:

Die Seekatze oder Spöcke (Chimaera monstrosa) ist eine mit Haien und Rochen verwandte Knorpelfischart.

„Im Museum von Verona sind einige Exemplare eines ungefähr halbmeterlangen, drachenartigen Tieres zu sehen. In Wirklichkeit sind es keine in der Natur vorkommenden Tiere, es hat vielmehr ein geschickter Präparator […] einen echten Fisch durch Einschneiden und darauffolgendes Biegen und Verdrehen einzelner Körperteile derart umgestaltet, daß er eine drachenähnliche Gestalt bekommen hat.“

Meusburger nimmt an, der Drache sei aus einer Spöcke oder Seekatze geschaffen worden, wissenschaftlich Chimaera monstrosa. „Sogar die Katzenohren sind vorhanden, denn im männlichen Geschlecht hat die Spöcke neben den Augen zwei dünne Knochenauswüchse.“ Das Präparat sei vermutlich vor langer Zeit gekauft und in der Kirche ausgestellt worden.32

Das ist so ganz unwahrscheinlich nicht – in vielen italienischen Kirchen hängen zum Beispiel Krokodile von der Decke, die vor Urzeiten ein Adeliger erschlagen haben soll, in anderen werden Knochen von Walen oder fossilen Säugetieren als Drachenreste gezeigt.

Urgewalt und Ungetüm: vom Mittelalter bis zur Renaissance

Bis in die Zeit der beginnenden Naturwissenschaft, die Renaissance, ist das Aussehen der überlieferten Drachen recht vielfältig. Dann aber kommen nach und nach die typischen Tatzelwurmeigenschaften immer deutlicher zutage. Vor dem 18. Jahrhundert können viele Alpendrachen noch fliegen, später begegnet man dieser Eigenschaft beim Tatzelwurm seltener. Die Zeit vom Hochmittelalter bis ins 15. und 16. Jahrhundert ist noch von offensichtlich traditionellen Erzählelementen charakterisiert: Noch verkörpert der Drache Naturkatastrophen, er kündigt als Omen Unheil an, fliegt mit ledernen Schwingen durch die Luft und ist ein Tier der Grotten und Höhlen.

So hauste auf der Kötschach-Alm über Bad Gastein im Bundesland Salzburg „ain grosser lintwurmb“.

Als „im Jahre 1403 ein furchtbares Unwetter tobte und ein Wolkenbruch entstand, wurde der Lindwurm bis gegen Hundsdorf hin von den Fluten getragen. Als das Wasser sich verlaufen hatte, blieb das Ungetüm auf einem Felsen unterhalb von Hundsdorf liegen und verendete. Die Bauern der Gegend waren voller Freude, daß das Ungeheuer, das dem Lande schon so viel Schaden bereitet hatte, nun endlich tot war. Das Feld aber, auf welchem der Lindwurm liegengeblieben war, heißt bis zum heutigen Tage das Wurmfeld.“33

Laut dem Bericht verpestete das Aas die Gegend.

Auch in späteren Berichten werden noch zahlreiche Tatzelwurmkadaver als stinkend beschrieben. Zudem wurden immer wieder Fluten und Geröllabgänge in historischen Texten als Drachenausfahrten geschildert. So hielt auch der Naturphilosoph Maximilian Perty Mitte des 19. Jahrhunderts den Lindwurm von Gastein für eine personifizierte Mure, eine Schlammlawine.34 Handelt es sich nun um ein Tier, das verweste, oder um eine Gerölllawine? Offenbar funktionieren beide Erklärungen, das Geschehene bleibt im Ungewissen. Die Gegend um Luzern scheint von zahlreichen Drachen bewohnt gewesen zu sein, dem Drachenstein sind wir schon begegnet. Die Luzerner Drachen von 1420 verweilen wie auch der Gasteiner Lindwurm in dieser Zwischenwelt – einerseits noch Naturkraft, andererseits bereits zoologischer Exot. Wie viele andere Drachenberichte verdanken wir auch diesen dem Jesuitenpater Athanasius Kircher (1602–1680), der seine wissenschaftlichen Korrespondenzpartner systematisch nach Sichtungen befragte und die Ergebnisse in seinem Buch „Mundus Subterraneus“ (1665) niederschrieb, einem Werk, in dem er die These aufstellt, die ganze Erde sei von einem unterirdischen Höhlengeflecht durchzogen, in dem nicht nur Zwerge, sondern auch Drachen lebten. Der Wohnort der Drachen wird in eine kaum zugängliche Welt verlegt, sodass deren Seltenheit auch für ein skeptisches Publikum glaubhaft ist.

1420 fiel ein Fassbinder (Küfer) aus Luzern am Pilatusberg (der bereits in der Geschichte vom Drachenstein eine Rolle spielte) in einen tiefen Schacht und verlor beim Aufschlag das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, entdeckte er, dass er sich in einer Grotte befand, in der zwei geflügelte Drachen lebten, die die beiden Ausgänge bewachten. Sie waren eher handzahm und zutraulich und taten ihm nichts, ließen ihn aber auch nicht aus ihrem düsteren Gefängnis entkommen. Obwohl der Vorfall sich über die kalten Monate erstreckte, befanden sich die Echsen nicht in Winterstarre, doch war ihr Stoffwechsel ohne Zweifel herabgesetzt: Der Mann beobachtete, dass sich die Ungeheuer nur vom Tau auf den Felswänden ernährten, den sie mit ihren Zungen vom Stein leckten. Er tat es ihnen gleich und überlebte. Nach mehreren Monaten bemerkte er, wie sich die Drachen streckten und reckten und ihre ledrigen Flügel öffneten und schlossen, und er folgerte daraus, dass sie sich auf den Frühlingsausflug vorbereiteten.

In den Alpen verkörperten die Drachen oft die unberechenbaren meteorologischen Mächte; man glaubte, die Sturzbäche zur Schneeschmelze würden von Drachen verursacht, und es hieß bei plötzlich auftretenden Wassermassen: „Ein Drache ist ausgefahren.“ Offenbar geht Kirchers Konkretisierung von diesem Naturmythos aus, der nun durch typische Renaissancedrachen illustriert wird. Einer der beiden Drachen war bereits aus dem Berg in die frische Luft geflogen, und der Fassbinder nutzte seine Chance, band sich mit seinem Gürtel am Schwanz des zweiten fest und kam so wieder an die oberirdische Welt. Doch durch seinen langen Aufenthalt – er soll die Zeit vom 6. November 1420 bis zum 10. April 1421 in seinem unterirdischen Gefängnis verbracht haben – an den Tau der Felsen gewöhnt, starb der arme Mann nach allem, was er durchgemacht hatte, kurz nach seiner Rettung. Er vertrug die schwere Nahrung der oberirdischen Welt nicht mehr. Der Fassbinder hatte über seiner Rettung den Schöpfer nicht vergessen und vermachte seine Ersparnisse der Kirche. Zur Erinnerung hing in der Luzerner Kirche St. Leodegar noch lange Zeit ein großformatiges Ölbild der wundersamen Geschehnisse. Dort sah es Kircher, und ein Kupferstich in seinem Werk reproduziert das Gemälde: Man sieht ein Panoramabild des Vierwaldstätter Sees mit einer geringelten Schlange, etwa mannsgroß und mit zwei Vogelflügeln, dahinter dem zweiten Drachen mit vier Tatzen und Fledermausschwingen und dem armen Fassbinder, der sich mit einer Hand verzweifelt festklammert. Ganz oben auf dem Berg ist der Pilatussee zu erkennen, in den der Sage nach der Dämon Pilatus, der Jesus zum Tode verurteilte, bis in alle Ewigkeit verbannt wurde, um für seine Sünden zu büßen. Eine wahrhaft wilde, höllische Gegend.35 In diesem Bericht sind das noch traditionelle Drachen, aber sie deuten auf den späteren Tatzelwurm hin – schlangenförmig, mannsgroß, in Berghöhlen lebend (Stollenwurm) und zu weiten Flügen oder Sprüngen fähig.

Verschiedene Luzerner Bürger sollen nach den Aufzeichnungen Diebold Schillings 1468 einen weiteren Drachen gesehen haben, der aus dem Vierwaldstätter See kam. „Ein großer Drachenwurm schwamm in die anschwellende Reuss und unter der Brücke durch. Niemand konnte seine Länge oder Größe bestimmen.“36 Diese Erzählung geht vielleicht auf eine außergewöhnliche Überschwemmung zurück, denn Darstellungen des 15. Jahrhunderts zeigen, wie die Reussbrücke mit Holzpalisaden gegen weitere Fluten abgeschirmt wurde.

Ein Fassbinder verbrachte im 15. Jahrhundert einen ganzen Winter in einer Drachenhöhle, ehe er sich im Frühjahr daraus befreien konnte, indem er sich an ein Tier anhängte. Stich nach Athanasius Kircher, 1678.

Der erste Forscher, der Drachenberichte in den Alpen sammelte, war der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545–1614). Die Familie stammte ursprünglich aus Mailand, und in vielen der aktuellen Ereignisse, die Cysat festhielt, spielt Mailand als nächste katholische Stadt für das reformiert umzingelte Luzern eine Rolle. Cysat sammelte Meldungen von Kobolden, Dämonen, Seeschlangen und Drachen, die fast überall in der Wildnis um seine Wahlheimatstadt (er erhielt 1549 das Luzerner Bürgerrecht) hockten und auf unvorsichtige Menschen lauerten. Zum Jahr 1480 berichtet er, dass „eine große Flut im Lande war. Die Leute sahen eine große Schlange mit vier Füßen, die aus der Aare stieg und den Berg herabkam, von Zoffingen nach Ryckern.“37

Die Flüsse um Luzern sind der Schauplatz weiterer Drachensichtungen. Die Reuss mündet in die Aare, und in den frühen Morgenstunden des 26. Mai 1499 wollen Augenzeugen beobachtet haben, wie ein Drache mit großer Geschwindigkeit vom See her unter der Reussbrücke durchschwamm.38 Petermann Etterlins „Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft“ (1507) vermerkt das Ereignis; in Niklaus Schradins Reimchronik vom Schwabenkrieg „Cronigk diß kriegs gegen dem allerdurchlüchtigisten hern Romschen konig“ (1500) wird es mit folgenden Knittelversen überliefert:

„vff den xxj tag meyen ist beschechen

zu Lutzern, hat man ein seltsam ding gesehen,

ein wurm, sin hals ward geacht zwei klaffter lang,

sich vß dem sew durch die Rüßbrügk schwang.

sin houpt mit breiten oren, gestalt eins kalb,

vnd die grosse des libß allenthalb

ouch einem kalb ze glichen vnd ze schetzen,

daby hab ich die weit hören schwetzen,

des wurms lengy sy xj klaffter gewesen.“39

Das sind, bei einem Klafter zwischen 1,7 und 2,5 Meter, immerhin um die 20 Meter!

Renward Cysat kennt einen weiteren Pilatusdrachen. 1503 gingen junge Männer aus Luzern auf Hoch- und Niederwildjagd in den Wäldern gegen Malters. Einer der Hubertusjünger blieb zurück und stieß am Boden auf einen großen schlafenden Drachen:

„Zuerst meinte der junge Herr, es läge da ein alter, verfaulter Baum. Als aber das Tier einen bösen Geruch und Dampf von sich gab, merkte der Junker bald, was er vor sich hatte. Er erschrak zuerst ordentlich; als er aber einige seiner Gefährten nahen hörte, fasste er sich ein Herz und schlug dem Untier mit einer Axt auf den Kopf. Der Streich schadete dem Tier, das eine dicke gehörnte Haut besaß, nichts. Es erwachte aber davon, schwang sich in die Höhe und flog über den Wald davon.“40

Als er seine Jagdkumpane rief, fanden diese nur noch einen verbrannten Flecken vor. Cysat will diese Geschichte 60 Jahre später noch aus dem Munde eines der Beteiligten gehört haben.

Am 29. Juli 1509 erschien laut dem Schweizer Chronisten Diebold Schilling (vor 1460–vermutlich 1515) ein Monster im Zuger See,

„zur Zeit des Papstes Julius und des Kaisers Maximilian. Ein großer Fisch tauchte bei Arth auf, der seit uralten Zeiten anzeigte, wenn immer etwas Wichtiges wie ein Krieg, ein Tod oder Schaden fürs Leben bevorstand. Viele Leute verglichen seine Form mit der eines Karpfens, aber er hatte die Größe eines Bootes mit Eichenplanken. Er taucht nur vor wichtigen und vielsagenden Ereignissen auf.“41

Zwei Jahre darauf meldet der Drachenforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) in seiner „Natur-Geschichte des Schweitzerlandes“ (1716) unter Berufung auf Lindauers Winterthurer Chronik: „In dem Jahr (1511.) sahe man zu Eglisau einen grossen Wurm den Rhein hinunter fahren.“42

1559 wurde – wiederum nach Scheuchzer – ein Drache bei Chur beobachtet, aber das war nicht der erste in dieser Region, denn bereits 30 Jahre zuvor hatte ein Einheimischer

„einen sehr grossen Wurm, welcher auf einem Felsen lag, geschossen, der so vergiftig war, daß auch die Luft, welche über ihn her wähete, den Mann des Gesichts beraubte, und seinen Leib so aufgeblasen, daß er keine Hoffnung des Lebens mehr hatte. Er konnte aber mit grosser Mühe noch nach Hause kommen, und nachdem er den seinigen den Ort, wo die Schlange gewesen, angezeiget, sey sie einige Tage hernach getödtet worden.“43

Die ersten Drachen außerhalb der Schweiz kommen aus Österreich und werden von vielen Gelehrten bezeugt, darunter dem Begründer der Zoologie, dem Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gesner (1516–1565), und dessen Verleger Christoph Froschauer (1490–1564). Eine Herde vierfüßiger Schlangen, „ähnlich den Eidechsen“, soll 1543 am Himmel über der Steiermark gesehen worden sein. Gesner geht anlässlich dieser Meldung auf die Arzneimittel ein, die aus Drachen gewonnen werden, und erklärt, der Drache sei so giftig, dass eine Bisswunde nie mehr heile.44 Im zweiten Buch seiner „Geschichte der Tiere“ erwähnt Gesner, er habe gehört, dass in jener Region der Gallia Cisalpina, die man Piemonte nenne, in den Bergen ungeheure Eidechsen lebten, so groß wie Hundewelpen, deren Exkremente von den Bewohnern gesammelt würden, er habe dafür allerdings noch keinen zuverlässigen Zeugen.45 Diesen Berichten und Beobachtungen zufolge finden sich Alpendrachen nun in der Schweiz, in Österreich und Italien.

Der Chronologie der Drachenerwähnungen folgend suchte nach Renward Cysat 1566 ein Wasserdrache erneut die Reuss auf. „1566, nach einem Sommer mit nie zuvor erlebten großen Überschwemmungen, wurde wieder eine große Schlange in der Reuss bei Bremgarten gesehen. Nachts verließ sie den Fluss, betrat die Alpenhänge und riss Kälber in Stücke.“46 Bremgarten liegt zwischen dem Vierwaldstätter See und der Mündung der Reuss in die Aare. Jacob Huber, der die Schlange sah, hielt sie zuerst – wie das Monster vom Zuger See – für einen riesigen Lachs und warf seinen Fischspeer nach ihr, ohne sie jedoch zu verletzen. Das verärgerte Ungeheuer stürzte sich auf ihn: Er sprang, nun selbst erschrocken, aus dem Boot und rannte nach Hause – und starb dort sechs Wochen später. Die Ursache wird wohl wieder das schlimme Gift gewesen sein, das der Drache ausdünstet und das auch den Drachentöter dahinrafft.

Graubünden ist der Schauplatz der letzten drei Drachenbegegnungen, die alle von dem Schweizer Geschichtsschreiber Ulrich Campbell (um 1510–1582) aufgeschrieben wurden. Er berichtet von „einem glaubwürdigen Mann, nun bereits verstorben“, der einem Lindwurm beim Lac du Saint-Moritz begegnete:

„Nicht weit von Cellerina im Oberengadin stürzt der den st. Moritzer see verlassende Inn über einen felsen in eine tiefe Schlucht und bildet einen wasserfall, der in bezug auf wassermenge zu den grössten und merkwürdigsten der Schweiz gehört. Bei diesem Wasserfalle soll nach alter volkssage einst ein drache oder lintwurm gehaust haben. Ein sonst glaubwürdiger, vor wenigen jahren gestorbener mann, Johann Mallet, soll denselben gesehen und vor schrecken erkrankt und gestorben sein.“47

Ähnlich erging es Martin Massol, Campbells Großvater mütterlicherseits. Er

„beobachtete eines Tages in der Steinwüste unterhalb des Berges Alpiglia nahe Süs [Susch] ein so großes schreckliches und schlangenartiges Tier, dass er sofort davon krank wurde, sein Haupthaar gänzlich verlor und sich die Haut an den Stellen seines Körpers ablöste, die dem Anblick des Untiers ausgesetzt und nicht von Kleidern bedeckt waren.“

Zudem gingen alle seine Pferde ein.48

Den Drachen von Alpiglia wurden die Anrainer schließlich durch magische Mittel los.

„Joh. Branca von Guarda soll den kleinen see auf dem genannten berge Alpiglias bei Süs, wo ein drache wohnte, mit hülfe eines beschwörers mit blättern und zweigen überdeckt und dadurch den wurm genöthigt haben, mitten in einem gräulichen unwetter den ort zu verlassen, in folge dessen er den Inn abwärts bis Innsbruck geschwemmt und dort nicht ohne grosse gefahr getödtet wurde.“49

Der Tatzelwurm nimmt Gestalt an: das 17. und 18. Jahrhundert

Das 17. und 18. Jahrhundert stehen ganz unter dem Eindruck eines einzigartigen Gelehrten, des Schweizer Biologen und Geologen Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), der als Stadtarzt und Professor in Zürich tätig war, aber auch als Forscher, indem er als Erster und recht präzise die Gesteinsformationen und Bergketten seines Heimatlandes beschrieb. Als Erster erfasste er fossile Pflanzen (1709 im „Herbarium diluvianum“), er führte Buch über Bodenschätze50 und erlangte besondere Bekanntheit für seine Deutung eines versteinerten Riesensalamanders als Skelett eines in der Sintflut ertrunkenen Menschen, die er 1726 veröffentlichte. Man belächelt ihn deshalb in Büchern über die Geschichte der Zoologie und der Paläontologie, wer aber seine Werke zur Hand nimmt, merkt schnell, dass es sich um einen aufmerksamen und kritischen Geist handelte, der aber auch ein Kind seiner Zeit war.

In seiner „Natur-Geschichte des Schweitzerlandes“ (erstmals 1716 erschienen) widmete er, nach einem kurzen Exkurs über Funde von Riesen, ein ganzes Kapitel den Sichtungen von Drachen in seiner Heimat. Das Material umfasst Sagen, Meldungen aus Chroniken und zeitgenössische Augenzeugenberichte, teilweise stark gestützt auf Werke seiner Vorgänger, Johann Jacob Wagners „Historia naturalis Helvetiae curiosa“ von 1680 und „Mundus Subterraneus“ des jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher, erstmals erschienen 1665. „Allein ich komme nun […] auf die Betrachtung der Ungeheuern unter den Thieren, ich meyne die Drachen, an deren Würcklichkeit noch viele zweifeln.“51

Scheuchzer hatte solche Zweifel nicht, was aber nicht bedeutet, dass er blindlings alles glaubte. Manchmal fasste er über Mittelmänner am Ort der Sichtung nach. Zu jedem Kanton führt er mindestens einen Augenzeugenbericht an, seine Liste umfasst dabei die Kantone Zürich, Bern, Luzern, Unterwalden, Glarus, Appenzell und Graubünden (Pündtner-Land) sowie die Grafschaft Sargans und die Landschaft Gaster.52

Der wissenschaftliche Ansatz Scheuchzers zeigt sich in seinem Bestreben einer Kategorienbildung. Auch der Arzt und Naturforscher Johann Jacob Wagner (1641–1695) war 1680 verwirrt, weil kaum ein Drache aussah wie der andere, und machte deshalb einen ersten Versuch, die Vielfalt der gemeldeten Drachen irgendwie zu klassifizieren, und zwar nach solchen mit und ohne Flügel und nach solchen mit und ohne Füße. Diese Einordnung gilt tatsächlich für alle noch folgenden Meldungen.53 Scheuchzer stand – trotz der verglichen mit dem heutigen Material geringen Menge von rund 25 Beobachtungen – vor demselben Problem, dass sich aus den Berichten kein einheitliches Bild des Drachen herausschälte (sieht man von Katzenkopf und Flügeln ab) und dass selbst ein mit viel gutem Willen erstelltes Phantombild keinerlei zoologischen Regeln zu gehorchen schien:

„Es ist z. E. [z. B.] eine beständige Regel der Natur/ daß kein Thier ist/ welches aus Theilen von verschiednen Classen der Thieren zusammen gesezt ist. Z. E. ein Thier das den Kopf von den vierfüßigen Erd-Thieren/ Flügel oder Füsse von den Vögeln/ einen Schwanz von Fischen hat streitet wider das bemeldte Gesetz. Also muß niemand glauben/ daß ein solches Thier in der Welt ist/ wenn gleich ein Reisender uns überreden wollte/ ein solches gesehen zu haben. Diesemnach dürfen wir kecklich sagen, daß in den folgenden Erzehlungen die Umstände gewiß falsch sind/ wo von Flügeln der Drachen geredt wird/ […] Hat man aber nicht vierfüßige Thiere und Fische die Flügel haben? Ich antworte/ daß freylich bekannt und wahr ist, daß es einige vierfüßige Thiere und Fische gibt/ welche fliegen/ aber sie haben solche Glieder zum Fliegen, die mit den Flügeln der Vögel und der vermeynten Drachen keine Aehnlichkeit haben. Bey den Fleder-Mäusen z. E. sind die Flügel nichts anders/ als eine Haut/ welche von einem Fuß zu dem andern gehet; es sind Füsse, die etwas anders gestaltet sind/ als die Füsse andrer Mäusen. Bey den Fischen sind es Floßfedern/ welche/ wie die Floßfedern andrer Fischen/ aber grösser sind. Also beweist dieses nichts wider den angebrachten Satz. Was die ungeflügelten Schlangen mit vier Füssen betrifft, so sind es entweder eine Art von Crocodillen oder wie ich lieber glaube, ein Gedicht [etwas Erfundenes]. Denn daß eine Schlange würckliche Füsse haben soll/ streitet wider die Einrichtung der Gebeinen/ welche die Natur den Schlangen gegeben hat. […] Wer indessen die Art der abergläubischen und leichtglaubigen Menschen insonderheit in den vorigen Zeiten/ kennt/ der wird sich über einige von den folgenden Erzehlungen nicht wundern.“54

Einige dieser Berichte schilderten fliegende Drachen, die Scheuchzer schnell als „Luft-Zeichen“ oder Meteore deutete. Andere erschienen ihm eher wie Tiere. Scheuchzer zitiert einen Brief des Landvogts von Luzern Christoph Schorer an den Gelehrten Athanasius Kircher:

„Als ich in dem Jahr 1649. bey Nacht den hellen Himmel betrachtet, sahe ich einen glänzenden Drachen aus einem Loch einer sehr grossen Fels-Klippe an dem Pilatus-Berg, mit sehr schneller Bewegung der Schwingen vorüber fliegen. Er war sehr groß, mit einem langen Schwanz und Halß, der Kopf endigte sich in einen zackichten Schlund: Im Fliegen warff er Funcken von sich, wie das glüende Eisen, wenn es geschmiedet wird. Ich dachte anfangs, es wäre etwa eine feurige Luft-Erscheinung, allein nachdem ich alles fleißig beobachtet habe, erkannte ich, so wol aus der Bewegung, als aus der Beschaffenheit der Gliedmassen, daß es ein würklicher Drache wäre.“55

Die Vermutung, dass es sich eventuell um ein kosmisches oder meteorologisches Phänomen handeln könnte, stand damit immerhin schon mal im Raum. Letztlich erschien aber für Wagner ein Drache doch die plausiblere Erklärung zu sein. Auf der Suche nach Deutung verwandeln sich die fliegenden Drachen bald auch in Tiere, die dem Tatzelwurm ähneln. Schorer unterrichtete Athanasius Kircher brieflich von der Beobachtung eines Jägers:

„Der Jäger hieß Paul Schumperlin, welcher an einem Berg Flue genannt, welchen er des Jagens wegen besteigen wolte, an dem Eingang einer grossen Höle, in dem Jahr 1654. um den St. Jacobs-Tag [25. Juli] einen Drachen angetragen. Er hatte einen Schlangen-Kopf, der Halß und Schwanz waren gleich lang, er gieng auf vier Füssen, die einen Schuh und drüber hoch waren: an dem ganzen Leib war er schuppicht und mit vielen grauen weissen und braunen Flecken besprengt. Der Kopf war einem Pferde-Kopf nicht unähnlich. Sobald er den Jäger gesehen, erschütterte er seine Schuppen und begab sich in die Höle.“56

1658 traf Hans Egerter auf der Alp Cammor auf einen schrecklichen Drachen mit zwiegespaltener Zunge. Stich nach Johann Jakob Scheuchzer, 1723.

Ein weiterer Augenzeuge für Scheuchzers Sammlung ist Hans Egerter. Als dieser 1658

„in der Alp Cammor […] sich aufgehalten hatte, hat er […] einen erschrecklichen Drachen angetroffen, welcher sich unter einem Felsen aufhielt. Er hatte einen ungeheuren Kopf, eine in zwey getheilte Zunge, welche er weit vor den Mund hinaus streckte, er war schwarz mit gelben Strichen, der Rücken war von dem Kopfe bis an den Schwanz knotigt, der Bauch aber war goldgelb; an den Vordertheil des Leibes hatte er ein paar Füsse, ungefehr einen Schuh lang; den Hintertheil aber konnte der Mann nicht recht sehen, doch bemerckte er einen sehr langen Schwanz, welcher etliche mal umgewunden war. Als er den Mann gesehen, hat er sich aufgerichtet, und wie eine Gans durch die Nase geblasen, von welchem Hauch der Mann mit Hauptwehe und dem Schwindel überfallen worden, auch wurden ihm die Augen sehr geschwächt, und er glaubt gewiß, daß sich die Bestie an ihn gemachet haben würde, wenn er nicht davon geloffen wäre. Nachdem er aber hernach Arzneyen vor die Augen gebraucht, hat er die vorige Schärffe derselben wieder erlanget.“57

Der Tatzelwurm, der nur Vorderfüße hat, wird später noch oft geschildert, ebenso die Gefährlichkeit seines giftigen Atems.

Im Prinzip ähnlich und doch ganz anders war das Exemplar, auf das Andreas Roduner, Landschreiber der Landvogtei Sargans, 1660 beim Wangserberg traf. Als er den Hang

„mit noch einem andern bestieg, begegnete ihnen ein erstaunlich grosser Berg-Drache. Sobald er sie gesehen, richtete er sich auf die hinteren Füsse in Manns-Länge. Sein Leib war mit sehr rauhen Schuppen belegt; die Länge war ungefehr eines halben Wiesbaums, welchem er auch an Dicke gleich war. Er hatte vier Füsse; das Gesicht und die Ohren waren wie an einer Katze; der Schwanz war ungefehr drey Ellen lang; der Bauch war von den Vorder- gegen den Hinter-Füssen zu, mit braun-rothen Striemen, wie Blut-Adern, bezeichnet; der ganze Rücken bis an den Kopf war mit Burst [Borsten] besetzt, und der Kopf selbst hatte einen Haarbusch.“58

All diese Drachensichtungen versammelt Johann Jakob Scheuchzer in seinem Buch „Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones“ von 1723 und illustriert sie mit anschaulichen Kupferstichen. So auch das Erlebnis des Zeugen Hans Tinner aus dem Jahr 1668 mit einer Riesenschlange. Scheuchzer zitiert den Bericht Johann Jacob Wagners:

Der Landschreiber Andreas Roduner erblickt einen Berg-Drachen mit katzenartigem Kopf. Stich von Johann Jakob Scheuchzer, 1723.

„Hans Tinner, aus dem Dorff Frumsen, […] ein ehrbarer und glaubwürdiger Mann, welcher noch jezo im Leben ist, hat mir heiliglich bezeiget, daß er vor 12. Jahren [1668] gegen dem Ende des Monats April auf den benachbarten Berg, der Frumsen-Berg genannt, gegangen sey, und daselbst an einem Ort, in der Hauweien genannt, eine förchterliche schwarz-grüne Schlange gesehen habe, welche zuerst um sich gewunden war, hernach aber sich aufgerichtet hatte. Ihre Länge war wenigsten 7. Schuhe, die Dicke aber wie die eines Wiesbaums; der Kopf war einem Katzenkopfe nicht unähnlich; sie hatte aber gar keine Füsse. Er sagte mir ferner, daß er sie geschossen, und durch Hülffe seines Bruders völlig getödtet hätte; und daß vor dem Tode dieser Schlange die Einwohner sich beklagt haben, daß die Euter ihrer Kühe ausgeleeret werden, ohne zu wissen, wer es gethan hat; daß aber dieses Übel hernach aufgehöret habe.“59

Dass Tatzelwürmer die Kühe melken, ist schon im Bericht Lorenzettis vorgekommen. Diese Eigenschaft wird uns noch öfters begegnen. Versuchte man, mit solchen Erzählungen zu begreifen, warum manche, wohl kranke Kühe weniger Milch gaben als sonst? Unklar ist, wie viele Füße ein Alpendrache hat, doch die Form einer Schlange mit Katzenkopf kristallisiert sich allmählich zu einem der typischen Merkmale eines Tatzelwurms heraus. Dennoch scheint jeder Tatzelwurm einzigartig zu sein. Das folgende Exemplar, 1665 gemeldet, hat eine Art Hühnerkamm auf dem Kopf:

„Hans Bueler aus der Pfarrey Sennwald, ein Mittglied des Consistorii, gieng vor 15. Jahren im Sommer auf dem Frumser-Berg, und sahe an einem Orte, das Erlawäldlein genannt, an dem Kalenbach ein schwarzes Thier aus den Dornbüschen hervorkriechen, welches vier kurze Beine hatte; die Dicke war wie eines Wiesbaums; auf dem Kopf hatte dasselbe einen Busch (oder Kamm) einen halben Schuh lang. Er hat aber die ganze Länge des Thiers nicht können beobachten, weil der hintere Theil des Leibes noch in dem Gesträuch verborgen war.“60

Der nächste Drache wurde in Graubünden beobachtet. Als einziges Exemplar hat er einen zweigeteilten Schwanz, dafür führt er ein weiteres Element ein, das uns später noch öfter begegnen wird: Er löst sich, wegen seiner großen Giftigkeit, binnen weniger Tage völlig auf.

Hans Tinner, ein „ehrbarer und glaubwürdiger“ Zeuge, sah 1668 eine „förchterliche schwarz-grüne Schlange“ mit einem Katzenkopf. Stich von Johann Jakob Scheuchzer, 1723.

„Sehr seltsam ist, was mir Herr Peter von Juvat, Pfarrer zu Stul im Bergumer-Gericht, in einem Brief vom 29. October 1702. erzehlt: ‚Es begab sich in dem Jahr 1696. zu Anfang des Augusti, als ein Kühehirt Bartolome Alegro de Ponte, aus dem Plurser-Gebiet, die Kühe auf den Berg Joppatsch zur Weyde trieb, daß er auf dem Gipfel des Berges, welchen er allein bestiegen hat, in einer tieffen Grube (in un garan Fopp) eine zusammen gewundne Bestie gesehen, welche stille lag, und von den einfallenden Sonnen-Strahlen roth aussah. Der Hirt [sah das Tier] aufgewickelt und mit aufgerichtetem Leib, ungefehr zwey Ellen lang, mit einem etwas zusammen gedrückten Katzen-Kopf, welcher roth und härig war, mit funckelnden Augen, und einem weissen Gürtel um den Halß. Anstatt der Füssen hatte er schuppichte Absätze wie ein Fisch, eine Zunge gleich einer Schlange, und einen in zwey getheilten Schwanz. Durch diesen Anblick erschrocken, wolte sich der Hirt durch die Flucht in Sicherheit bringen; allein die Bestie verfolgte ihn mit schneller Bewegung. […] Indessen greifft der Mann zu seiner Büchse, welche die Alp-Hirten oft mit sich zu führen pflegen, und schießt die Bestie mit einer Kugel; sie war aber davon nicht tod, sondern verfolgte darauf ihren Feind, auf welchen sie wie ein Pfeil in einer geraden Linie zugeschossen; er aber hat sie mit Steinen tod geworffen. Drey Tage hernach ward das Aas des Thiers ganz verfault gefunden, auf welchem ein grosser Schwarm Fliegen saß. Die Anwohner dieses Berges bezeugen, daß man oft solche Drachen von dem Berg Joppatsch auf den vorüberstehenden Urgeis wie Pfeile hinfliegen gesehen.‘“61

Der doppelschwänzige Drache, den der Kuhhirt Bartolome Alegro de Ponte am Berg Joppatsch sah. Stich nach Johann Jakob Scheuchzer, 1723.

Um 1706 datiert eine Meldung, die den Drachen noch einmal mit Unwettern in Verbindung bringt:

„Unter die bösen Drachen muß auch der gezehlt werden, welchen ungefehr vor 10 Jahren ein ehrlicher Mann Namens Meyer (dessen Bruder bey Hrn. Cammerer Bumer in Diensten steht) über dem Dorff Quinten unter dem Schatten einer grossen Tanne liegen sehen. Er hatte Füsse und Flügel, welche mit rothen Flecken gezeichnet waren, und schier wie Silber glänzten. Wenn er Athem holete, so war es als wenn er seufzete und zuweilen erschütterte er die Flügel. Der Mann gieng aber zurück, so bald er ihn gesehen hatte. Zwey Tage hernach erfolgte ein Ungewitter mit Hagel.“

Scheuchzer meinte, der Drache sei vielleicht ein Wetteranzeiger wie die Molche und Salamander. Das zeugt erneut davon, wie sehr der Schweizer Naturforscher versuchte, den Drachen der Alpen als reales Tier aufzufassen, von dem er sämtliche Eigenschaften „vernünftig“ erklären wollte, ohne auf Aberglauben zurückzugreifen.

1707 und erneut im Mai 1716 sah der Bauer Caspar Gilg Drachen bei Bonstetten im Kanton Zürich. Er bezeugte dem Pfarrer Butschlin, sie seien „vier Schuhe lang [gewesen], mit vier Füssen, welche fast zwey Finger lang und breit, deren Halß ungefehr eines Arms dick und mit einem gelben Ring umgeben war. Das Thier war sonst schwarz, und hatte eine gelbe Crone auf dem Kopf.“62 Im Sommer 1717 stieß Joseph Scherer aus Nefels am Fuß des Glärnisch-Bergs, knappe zwei Kilometer von Glarus entfernt, auf ein Tier,

„welches einen Katzen-Kopf, und in demselben hervorragende Augen hatte; es war einen Schuh lang, mit einem dicken Leib, hatte vier Füsse, und etwas wie Brüste an den Bauch herunterhangen; der Schwanz war auch einen Schuh lang; sonst war der ganze Leib schuppig und bunt gefärbet. Der man hat dasselbe mit einem spitzen Stock durchstochen, es soll ganz weich und voll giftigem Blut gewesen seyn, so daß ihm von einigen Tropfen das Bein so angeschwollen, daß er einen ganzen Monat lang damit zu thun hatte.“

Die Gebeine wurden einem Herrn Tschudi übergeben, der Teile an Scheuchzer weitergab und ihm meldete, dass „auf der Alpenweyde Roßmair eine Art grosser Eidexen sich befinde“63.

Zu diesen breit dargestellten Meldungen kommen viele weitere: Scheuchzer erwähnt eine Schlange, „welche A. 1680 zu Anfang des Frühlings von Bauren bey Lausanne ist gesehen worden, und so dick gewesen, als das dünnere und dickere Bein bey einem Menschen, auch, welches sehr ausserordentlich ist, Ohren gehabt hat“64, und einen Drachen bei Weinigen, nämlich „die vierfüssige Bestie […], welche vor einigen Jahren in Bittenloo im Wellenberg bey dem Dorff Weinigen, schön gefärbt, mit einem Katzenkopf und Busch, im übrigen aber schlangenförmig, auf dem Stamm eines alten umgefallenen Baums ist gesehen worden“65.

Dass Scheuchzer durchaus nicht nur naiv kopierte, beweist ein letzter Bericht seines Buchs:

„Der dritte [Drache] ist jezt noch am Leben, wenn die Erzehlung wahr ist, daß er unlängst zu Ostergau auf dem Blutten-Esel, ungefehr eine Stunde von Willisau, von vielen sey gesehen worden. Er soll zweyfüssig seyn, ungefehr einen halben Schuh dick, schuppicht, grünlichter Farbe, und mit einem dicken Kopf. Ich habe mir Mühe gegeben, die Sache gründlich zu erforschen, habe aber erfahren, daß das Gerücht ganz ungegründet gewesen; wovon ich also der Nachwelt habe berichten wollen.“66

Wo möglich, versucht Scheuchzer, sich selbst ein Bild zu machen. Bekannt ist der Schweizer Naturforscher vor allem für seine paläontologischen Arbeiten. So veröffentlichte er mehrere Bücher mit lithografischen Abbildungen von Tier- und Pflanzenfossilien auf der Grundlage seiner umfangreichen Sammlung von Versteinerungen und Mineralien. In der Deutung war er ein Kind seiner Zeit, sah diese als Überreste der Sintflut und deutete so auch das Skelett eines ausgestorbenen Riesensalamanders fälschlicherweise als das eines in der Sintflut ertrunkenen Menschen. Es verwundert daher nicht, dass Scheuchzer als Belege für Drachen Funde von riesigen Gerippen in den Alpenhöhlen anführte. Eines sei nach Athanasius Kircher „auf dem Berg Staffelwand in einer tieffen Höle, in dem Jahr 1602. gefunden worden, nachdem der Drach durch einen von einem Erdbeben erregten Bergfall umgekommen“67, ein weiteres „Beingerüst ist an dem Pilatus-Berg, an der Unterwalder-Seite, aus einem Loch hervorgegraben worden, wie der Dr. Jacob von Sarnen, der es selbst gesehen, an Wagnern berichtet hat“68.

Besagter Johann Jakob Wagner meldete eine Reihe weiterer Drachenreste:

„In dem Jahr 1689. den 9. Julii, wurden mir einige ausgegrabene Drachen-Gebeine zugebracht, welche folgendergestalt beschaffen waren: 1) Der halbe Kiefer des Drachen mit einem sehr grossen Vorder-Zahn, seine Länge war 1 ½. viertel Ellen und einen halben Zoll, das Gewicht 7 ½. Unze. 2) Ein Vorder-Zahn besonders, […] seine Länge ist 1 ½. viertel Ellen, die Dicke ½. Viertel, das Gewicht 2. Unzen, 3. Drachmen; sie waren weiß und glänzend, wie die Pferde-Zähne. 3) und 4) Zwey Stock-Zähne, […] die Wurzel dieser Zähne ist gelb, die Crone aber weiß. 5) und 6) Zwey Klauen von den Füssen, welche stumpf und aschfarben waren, ein jeder wog 1. rachm. 7) Das Schenkel-Bein, gelblichter Farbe, seine Länge war 1 ½. Viertel einer Elle, es hatte aber die beyden End-Knochen nicht mehr, sein Gewicht war 2. Unzen, 3. Drachm.“

Scheuchzer übernimmt Wagners Bericht, glaubte selbst aber, „daß diese Ueberbleibsel nicht von einem Drachen, sondern von einem Bären seyen“69. Ebenso berichtet er „vom dem 1728ten Jahr, in welchem in einer Höle eines sehr hohen Bergs, die Ober-Urner-Schwendi genannt, einige Knochen gefunden, und vor Ueberbleibsel eines Drachen ausgegeben worden, welche aber meines Urtheils nichts anders sind, als die Ueberbleibsel eines Bären“70.

Trotz aller Skepsis gegenüber einzelnen Sichtungen und Funden hielt Scheuchzer die Existenz der Drachen für erwiesen. In seinem Buch verwendet er größte Mühe auf den Versuch, die Beinzahl des Drachen herauszufinden: Hat er vier, zwei oder gar keine Beine? Scheuchzer kam zu keinem sicheren Ergebnis und vermutete mehrere Spezies von Riesenreptilien in den Alpen:

„Dessen ungeachtet halte ich davor, daß aus den angebrachten Schweizerischen Drachen-Exempeln und deren Vergleichung mit ausländischen, klar sey, daß es solche Thiere gebe, sie mögen nun eine besondre Art der Thieren ausmachen, oder, wie viele wollen Mißgebuhrten von Schlangen seyn; denn man siehet, daß nicht alle von einerley Art sind; einige sind geflügelt, andre ohne Füsse, welche zu den Schlangen gehören, und noch andre haben Füsse, welche man mit besserm Recht mit den Eidexen vergleicht. Sie sind auch an der Farbe, Schuppen, und der Figur der Theilen verschieden.“71

Sie wurden selten gesehen, weil sie sich in Höhlen verbargen: „Ich habe oft bey mir gedacht, ob nicht die füßigen Drachen ohne Flügel vor eine Art von unterirdischen Eidexen könne gehalten werden, welche die meiste Lebenszeit in unterirdischen Grüfften, mit weniger Nahrung und vielleicht von blossem Erden-Saft lebend zubringen.“72

Vom Tatzelwurm verfolgt: erste Meldungen aus Österreich

Bislang haben wir vor allem die Ansichten der Gelehrten kennengelernt, nicht die der einfachen Leute, und die Meldungen stammten fast ausschließlich aus der Schweiz. Mitte des 18. Jahrhunderts meldet sich Österreich zu Wort, zunächst mit einer etwas fischigen Geschichte, dann mit einer der berühmtesten Darstellungen des Tatzelwurms. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem der Eigenname des Tatzelwurms zum ersten Mal auftaucht, denn anders als in der Schweiz gilt die beobachtete Spezies nicht mehr allgemein als „Drache“.

Die erste Begegnung ergab sich bei einem frühen Rekordversuch, der aber gleich international Wellen schlug. So berichtete das britische „Gentleman’s Magazine“, eine damals monatlich in London erscheinende Zeitschrift, darüber. Am 22. Juli 1750 hatte sich nämlich ein Fischer in den Kopf gesetzt, in der Donau bei Linz in Oberösterreich zum tiefsten Punkt zu tauchen:

„Als er nach einiger Zeit nicht wieder hochkam, warfen seine Kameraden ihre Netze nach ihm aus. Nach vielen vergeblichen Versuchen brachten sie letztlich doch seinen Körper nach oben, von dem ein Arm und ein Bein sich in einem verrotteten Baumstamm verfangen hatten. Als sie daran gingen, den Körper aus den Maschen zu lösen, um ihn ins Boot zu legen, erblickten ihre Augen eine Schlange von gewaltigen Ausmaßen, die sich an seine linke Brust geheftet hatte. Sie erschraken darüber so sehr, dass sie aufschrien; da ließ das Ungeheuer von seiner Beute und warf sich, nachdem es sie in furchterregender Weise angezischt hatte, in den Fluss zurück.“73

Die zweite oben angesprochene Meldung betrifft die wohl berühmteste Darstellung des Tatzelwurms, nämlich auf einem Bildstock in Unken, einem Ort im Bundesland Salzburg, gleich an der Grenze zu Deutschland. Doch es gibt zwei Überlieferungen davon.

„Im gahen [jähen] Schrecken starb hier von Springwürmern verfolget Hans Fuchs aus Unken 1779.“ So steht es auf einem Marterl, einem Bildstock mit auf Holz gemaltem Bild zur Erinnerung an ein Unglück, das in jenem Jahr dort aufgestellt wurde. Auf dem Marterl sind zwei große Eidechsen mit glatter Haut und vier Beinen mit jeweils vier Zehen abgebildet, die riesigen Salamandern gleichen. Ihre Größe mag etwa zwei Meter betragen, und eines der beiden abgebildeten Exemplare wirkt fett und wohlgenährt. Diese Darstellung hat viele Tatzelwurmforscher veranlasst, sie als erstes wahrheitsgetreues Porträt des Alpendrachen zu betrachten, es verhält sich jedoch weniger eindeutig, als es zunächst scheint.

„Da das Bild die Jahreszahl 1779 trägt, muß es öfters schon erneuert worden sein, denn unmöglich konnte es 150 Jahre allem Wind und Wetter stand halten“, äußert sich der Südtiroler Tatzelwurmforscher Karl Meusburger 1931 etwas skeptisch.74 Anscheinend stand damals das Marterl noch, bis in die heutige Zeit hat es nicht überdauert, es existieren bloß zwei Abbildungen. Keine davon zeigt das Original, sondern beide wurden nur vorgeblich nach dem Original gezeichnet. Schon deshalb lässt sich heute nicht mehr feststellen, wie die Tatzelwürmer auf diesem Marterl wirklich aussahen. Die älteste erhaltene Darstellung ist eine „getreue Copie“, die der Revierförster Nero 1859 für das Buch „Wildanger“ des Münchner Mineralogen und Schriftstellers Ritter Franz von Kobell (1803–1882) anfertigte. „Also dürften wir in dieser Zeichnung die dem Originale am ehesten entsprechende Abbildung haben“, meint dazu der Tatzelwurmforscher Hans Flucher.75 Diese Abbildung wiederum wurde 1872 für eine Reproduktion in dem „Buch der Welt“ des Verlags Carl Hoffmann kopiert. Für dieses in wöchentlichen Lieferungen als illustriertes Unterhaltungsblatt erscheinende Buch hat der Kopist allerdings die Hintergrundlandschaft, das Aussehen der Ungeheuer und des dargestellten Mannes extrem stark verändert.76 Er trägt nun neueste Tiroler Tracht, liegt auf dem Rücken und nicht mehr mit Gesicht nach unten, und was die Würmer angeht, so stellt der Zoologe Otto Steinböck (1893–1969) ganz richtig fest:

„Auf beiden Tafeln sind je zwei Tatzelwürmer in ungefähr gleicher Stellung abgebildet; der eine in Seitenansicht, der andere in der Aufsicht. Der erstere ist in der alten Fassung am ehesten noch mit einem Hund zu vergleichen; jedenfalls ist der mit Ohren versehene Kopf (abgesehen von der dreispitzigen Zunge), die Stellung der Beine und der Schwanz säugerähnlich dargestellt. Ganz anders in der neuen Fassung; da ist der Kopf, allerdings ohne Ohren, schweineähnlich, die Stellung der Beine aber und der Schwanz lurchartig dargestellt. Der seitlich zusammengedrückte Schwanz würde auf einen Molch als Vorbild hinweisen.“77

1779 starb Hans Fuchs aus Unken von Springwürmern verfolgt. Auf dieser Variante des Marterls von Unken hält sich Fuchs des Giftes wegen die Nase zu. Abgebildet in Franz von Kobells „Wildanger“, 1859.

Die Version von 1872, abgebildet in dem „Buch der Welt“ des Verlags Carl Hoffmann, zeigt eine andere Leiche und zwei anders gestaltete Würmer.

Ob nun aber die Abzeichnung von 1859 das, was ursprünglich auf dem Bild zu sehen war, getreulich bewahrt oder selbst bereits stark veränderte, ist schwer zu sagen. Das Marterl zeigt kein Foto des Tatzelwurms, sondern, wie ebenfalls Steinböck feststellte, ganz einfach zwei ins Riesenhafte vergrößerte schwarze Alpensalamander. Man fragt sich ohnehin, wie ein Toter noch erzählt haben soll, was ihn zu Tode erschreckte? Es wird sich im Laufe dieser Darstellung noch öfter erweisen, dass zusätzliche Aussagen eher Unklarheit schaffen, als dass sie strittige Fragen einer bestimmten Sichtung zu klären vermögen!

Eine weitere Beobachtung erfolgte im Sommer 1781 bei Ebensee in Oberösterreich. Schon der Landshuter Botaniker Joseph August Schultes (1773–1831) erwähnt, so schreibt Franz von Kobell 1859 in seinem Buch „Wildanger“,

„von diesem Thiere gehört zu haben, als er im Jahre 1804 eine Excursion auf die Gletscher des Dachsteins machte, auch erzählte ihm der Wundarzt Wattmann zu Ebensee, daß ein Bauer, der am Rettelstein am Gemundersee auf Gemsen ausging, einen Lindwurm, eine Schlange von der Dicke eines dreijährigen Kindes geschossen habe. Der Beschreibung nach hielt Schultes das Thier für eine große Eidechse und Wattmann vernahm auf seinen Wunsch den Bauer um den näheren Vorgang. Dieser erzählte, daß er das Thier, welches sich ihm bergan, pfeifend, mit aufgesperrtem Rachen, doch etwas unentschlossen, näherte, im Sommer des Jahres 1781 erlegt habe. Es sey 5 Fuß [1,50 m] lang gewesen, von eidechsenförmiger Gestalt, der Kopf gleich dem einer Ziege (ohne Ohren), im Rachen viele scharfe spitze Zähne. Der Leib dick wie oben angegeben, mit einem starken schweren Schwanz und mit 4 Füßen, wovon die hinteren etwas länger gewesen. Die Farbe der Haut war bräunlichschwarz, am Bauche etwas weiß gefleckt, auch hatte es ¾ Zoll lange, aber sehr dünn stehende Haare, so daß zwischen jedem etwa ein fingerbreiter Abstand gewesen. Er hatte das Skelett 5 Jahre aufbewahrt, dann aber bis auf eine Rippe, die 7 Zoll lang war, weggeworfen. Wattman sah diese Rippe. Der Schütze war als ein gerader von jeder Prahlsucht freier Mann bekannt.“78

1796 datiert die allgemeine Beschreibung eines nun Birgstutzen genannten Tieres im Salzburgischen. Der Chronist Lorenz Hübner (1751–1807) erwähnt in seiner „Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburg“ die dort ansässige giftige Eidechse:

„Die grüne Eidechse (Lacerta agil. L. im Gebirge Hadachsel genannt), eine Art Lacerta seps L. [= Gifteidechse], welche aber noch nicht genau beschrieben, und im Gebirge unter dem Nahmen Birgstutzen bekannt und gefürchtet ist. Die Alpenbewohner erzählen von diesen Thieren allerhand Mährchen, welche vermuthlich größten Theils Kinder des Schreckens sind. Die Birgstutzen haben 4 kurze Füsse, und sollen beynahe die Dicke eines Armes und die Länge einer Elle haben, wenn die Furcht nicht jedes Maß vergrößerte. Man hält sie für sehr giftig, und sie sind, so viel man aus den sehr verschiedenen Beschreibungen abnehmen kann, ein Mittelding zwischen Eidechse und Schlange.“79

Nur vereinzelte Sichtungen: die anderen Alpenländer

Vereinzelt findet man Berichte auch aus den anderen Alpenländern. 1654 soll ein Gämsenjäger im französischen Jura auf einen mit Schuppen bedeckten Drachen mit dem Schwanz und Kopf einer Schlange oder eines Pferdes sowie vier 30 Zentimeter langen Beinen gestoßen sein.80 Die ersten Südtiroler Berichte datieren um das Jahr 1780. Der 1925 im Alter von 97 Jahren verstorbene Johann Gluderer erzählte den Leuten,

„daß sein Großvater, als er im Martelltale Schafe hütete, des öftern eine ‚Steinkatze‘ nicht bloß flüchtig gesehen, sondern auch genau beobachtet habe. Das Tier war von schmutziggrauer Farbe und hätte neben der Größe auch die Gestalt einer Katze gehabt, wenn nicht die Schnauze etwas verlängert gewesen wäre und der Schwanz eine flache Spitze gehabt hätte. Vorn waren zwei Tatzen sichtbar, die, wie die in die feuchte Erde eingedrückte Fährte zeigte, mit Krallen bewehrt waren. Mit Hilfe dieser Krallen konnte das Tier auch über Felsen klettern. Ging es langsam, bediente es sich nur dieser zwei Tatzen, und schleifte den Hinterleib nach. Beim Verfolgen einer Beute aber, sowie bei der Flucht bewegte es sich sprungweise, indem es den Rücken krümmte und sich so weiter schnellte. Bergab zog es die mehr seitlich stehenden Tatzen ein und schoß, den Boden kaum berührend, wie ein Pfeil dahin. Einmal sah unser Hirt, wie es einem jungen Hasen nachsetzte, ihn ergriff und damit im Gebüsch verschwand. Das Tier muß über sehr feine Sinnesorgane verfügt haben, denn trotzdem es nicht gerade scheu war, gelang es nie unbemerkt an dasselbe heranzukommen.“81

Das sind, man wundert sich, recht viele und sehr präzise Details aus dritter Hand! Bereits acht Jahre zuvor soll auf der Tarscher Alm ein Drache erlegt worden sein.82

Will man nun die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vorherrschenden Merkmale des Tatzelwurms – so wie er sich bisher vor allem in der Schweiz, in Österreich und in nur wenigen anderen Alpengebieten gezeigt hat – zusammenfassen, so ist dieses Alpenphantom ein großes und ungewöhnliches, echsen- oder schlangenartiges Tier mit dem Kopf einer Katze oder eines Reptils und einer schwer zu bestimmenden, weil stetig anders geschilderten Zahl von Beinen. Es kann erschlagen werden, verfault aber rasch, es ist in jedem Fall giftig, trägt zuweilen eine Mähne oder einen Kamm, es pfeift und melkt die Kühe leer.

Die Eroberung des Alpenraums: die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert werden so viele Sichtungen gemeldet, dass es sinnvoller ist, die Übersicht in zwei Teilen wiederzugeben, jeweils geografisch nach den heutigen Grenzen geordnet. Aus der ersten Jahrhunderthälfte liegen 40 Berichte vor: Spitzenreiter ist Österreich mit 15, danach kommt die Schweiz mit 12 Berichten. Deutschland mit zwei, Italien mit vier (davon zwei aus Südtirol) und Frankreich mit drei Meldungen spielen keine große Rolle.

Bergstutzen in Österreich

Interessant ist, dass sich der geografische Schwerpunkt Anfang des 19. Jahrhunderts von der Schweiz nach Österreich verlagert. Aus Österreich liegen nicht nur die meisten Sichtungsberichte, sondern auch die meisten allgemein beschreibenden Texte zu dem Tier vor, das nun durchgängig als Bergstutz oder Tatzelwurm bezeichnet wird. Um 1800 soll im Mölssee, auf 2.200 Metern über dem Meer im Wattental im Südosten von Innsbruck gelegen, ein Büchsenmacher aus Hall ein „Krokodil“ erschossen haben. In seinen Todeszuckungen biss es ihn in den Arm, der daraufhin teilweise gelähmt blieb. Dieses Krokodil brachten die Einheimischen jedoch nicht mit dem Tatzelwurm in Verbindung, sondern sie dachten, es sei aus dem Meer gekommen, mit dem der Mölssee über unterirdische Tunnel verbunden sei. Das berichtet – leider ohne Angabe einer Quelle – der Innsbrucker Luis Schönherr, der sich neben UFO- auch intensiv mit Tatzelwurmsichtungen beschäftigt hat.83

Eine der bekanntesten Darstellungen des Tatzelwurms als eine Art großschuppiger Fisch mit kleinen Pfoten stammt aus Georg von Schultes Beitrag „Etwas über den Bergstutz oder Stollwurm in den Alpen“ im „Neuen Taschenbuch für Natur-, Forst- und Jagdfreunde auf das Jahr 1836“.84 Es ist keine Fantasiezeichnung, sondern illustriert eine Sichtung. Ein alter Mann erzählte ihm, wie er in jungen Jahren am höchsten Berg in den Salzkammergut-Bergen, dem Gamsfeld in der Gosau, einen „Birgstutz“ erschlug. Das Tier sei hell silbergrau gewesen, hätte geglänzt und drei dunkle Längsflecken auf dem Rücken getragen. Der Leib sei mannesarmdick und rund 60 Zentimeter lang gewesen. Der Stutz hatte zudem

Georg von Schultes „Bergstutz oder Stollwurm in den Alpen“ von 1836 in einer Umzeichnung des Autors.

„kurze, wenig bemerkbare Füsse, konnte sich aber doch ziemlich behende fortbewegen. Gierig schlage ich nach dem Thier, ohne es Anfangs treffen zu können. Es flieht einer Felsenspalte zu, wird aber von mir eingeholt und als ich einen zweiten Streich führe, schnellt sichs an meinem Rock in die Höhe und ich fühle mich in die Hand gebissen, worauf es mir bald gelingt, das wüthende Thier umzubringen. Aber schon nach wenigen Augenblicken fühle ich einen glühenden Schmerz, ich eile nach Hause und da mir Arm und Hand mächtig anschwollen, lasse ich den Wundarzt rufen, welcher den Biss für giftig erklärt und zur Abnahme des Arms schreiten will. Doch konnte ich mich zu dieser gewaltsamen Operation nicht entschliessen, sondern liess die Heilung durch gelindere Mittel versuchen, welche auch nach mehreren Monaten, die ich unter den heftigsten Schmerzen zugebracht hatte, endlich gelang.“85

Doch nicht alle glaubten, dass es sich dabei tatsächlich um einen Tatzelwurm handelte, vielleicht wäre ja doch eine andere Erklärung plausibler. Der österreichische Schriftsteller, Diplomat und Forschungsreisende Josef Freiherr von Doblhoff (1844–1928) jedenfalls identifizierte das Tier als Natter.86 Und auch die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ zeigte sich in ihrer Besprechung des Buches von Schulte kritisch:

„Dieses höchst wahrscheinlich fabelhafte Thier wird hier, nach den Sagen der Alpenbewohner nicht nur beschrieben, sondern auch abgebildet!!, was wenigstens einen Beweis für die lebhafte Phantasie des Vfs. liefert. Um dieses Thier in das naturhistorische System aufzunehmen, wird es jedoch einer bedeutenderen Autorität bedürfen, als der des alten Wirthes in der Gosau (worauf sich der Vf. vorzüglich beruft), welche Rec., gestützt auf persönliche Bekanntschaft, nicht hoch anschlagen kann.“87

Doch nicht alle waren damals bereits so skeptisch. Der Reiseführer „Der Badeort Gastein“ von 1842 schreibt über den Bergstutz:

„Er soll nach der Aussage mehrerer Augenzeugen 2 bis 3 Schuh lang sein, am Hinterteil abgestutzt, mit zwei längeren Vorderfüßen und scharfen Krallen versehen sein, einer Eidechse gleichen, die bei Annäherung des Menschen pfeifend, mit funkelndem Auge sich zur Wehr setzt und junge Lämmer und Ziegen mit unglaublicher Stärke anfällt.“88

Vielleicht erkannte man damals schon den Tatzelwurm als mögliche Touristenattraktion, denn im selben Jahr meint auch der deutsche Reiseschriftsteller und Bremer Stadtbibliothekar Johann Georg Kohl (1808–1878) in einem Reisebericht:

„Sehr verbreitet, besonders in Steiermark, ist z. B. der Aberglaube an den sogenannten ‚Bergstutzen‘. Dieser Stutzen soll eine Art Drache sein mit vier Füßen, mit einem Katzenkopf, mit einem langen dicken Schweif und mit giftigen Zähnen. Er greift die Menschen nicht von freien Stücken an; kommt man aber auf ihn zu, so beißt er, und der Gebissene muß sterben. Der Erzherzog Johann, der in allen Richtungen hin wohlthätig auf seine Aelpler einzuwirken sucht, hat einen Preis von 30 Ducaten auf die Erlegung und Einbringung eines solchen Stutzen ausgesetzt. Auch auf die Erlegung einer furchtbar großen Schlange, die in einem hohen Gebirgssee leben soll, hat er einen Preis gesetzt. Ich muß indeß sagen, ich glaube nicht, daß diese Preisaussetzung einen Einfluß auf die Veränderung des Aberglaubens haben wird. Denn selbst, wenn das Gespenst nicht erlegt wird, bleibt die Sache ganz unentschieden. […] Der Aberglaube von dem ‚Bergstutzen‘ soll auf die wirkliche Existenz einer in den Alpen vorkommenden Natter basirt sein.“89

Ob also Aberglaube oder nicht, einer Erwähnung in seinem Reisebericht war der Bergstutzen wert. Der „Forstverwalter i. Pens. C. Vogl“ berichtete dem Tatzelwurmforscher Josef von Doblhoff von einer Begegnung mit dem Wurm und fügte gleich ein paar Jagdtipps hinzu, wo man das Tier in der Steiermark antreffen könnte:

„Die meiste Aussicht, einen Tazzelwurm zu erhalten, ist in Obersteiermark, da ich dort am Lackenberg anno 1847 auf Geheiß meines vorgesetzten Districtsförsters Ramsauer einen solchen Tazzelwurm oder Birgstutzen über einen Stock, wo er aufrecht stand und ähnlich einer Gemse pfiff, mit dem Bergstock hinabschlug, dann aber im Himbeergesträuch nichts mehr weiteres sah. Dort wurden solche Thiere auch von den Senderinnen öfters wahrgenommen und als sehr gefährlich geschildert. Hier sind nur sehr vereinzelte Fälle in Fusch, Rauris und am Rettenstein bekannt und diese auch schon älteren Datums. Am sichersten werden solche Thiere in dem zerklüfteten Terrain vom Lackenberg, Griming etc. des Forstverwaltungsbezirkes Hinterberg zu treffen sein, d. h. sich erhalten haben. Nachdem ich nun in Ruhestand bin, [ist es meine Absicht,] mich eingehender mit solchen Leuten zu befassen, denen am ersten Gelegenheit geboten ist, um sie auch über Fang, Behandlung etc. zu informiren.“90

Die Anstrengungen des pensionierten Forstverwalters führten jedoch zu keinem Fang, zumindest wurde von keinem berichtet. Auch Hofoberforstrat i. R. Franz Rayl fing den Tatzelwurm nicht, obwohl er das für leicht möglich hielt. In einem Brief berichtete er 1900:

„Es war genau vor 51 Jahren, als ich im Gosauforste, am rechten Ufer des vorderen Gosausees, etwa ½ Stunde aufwärts beschäftigt war. Ich hatte vier Arbeiter an meiner Seite[, als] ich eines, mir ganz unbekannten Tieres gewahr wurde, welches mit dem Vorderteile unter dem Felsen lag, so daß ich nur den rückwärtigen Teil desselben sehen konnte. Dieser sichtbare Körperteil mag etwa 35 Zentimeter lang gewesen sein, wovon zirka die Hälfte auf den grausigen, an der Wurzel gewiß 6 Zentimeter und auf den am Stumpf abgestutzten Ende 3 Zentimeter starken, plumpen Schwanz entfielen. Zwei Füße, ähnlich der Eidechse, aber natürlich ungewöhnlich groß, lagen faul zur Seite des Körpers. Die Grundfarbe dieses ungewöhnlichen Tieres war schmutziggrau und spielte hin und wieder, aber nur ein wenig, in Braun und hatte über den Rücken bis zur Schwanzwurzel eine dunklere, ringförmige Färbung, so daß es aussah, als wären es Schuppen, die sich gegen den Schwanz zu verkleinerten. Ob der Körper mit kurzen Haaren besät war, konnte ich nicht ausnehmen, aber ich glaube, es war so.

Lange konnte ich dieses grausige Tier nicht beobachten, denn Abscheu und ängstliches Gefühl überkamen mich; ich sprang einige Schritte seitwärts, winkte den vier Arbeitern, zu mir zu kommen und sich diese Seltenheit zu besehen; aber auch diese, ansonst herzhaften und unerschrockenen Leute sprangen bei dem Anblicke dieses Wundertieres noch schneller zurück als ich und wir verließen dann die Arbeit der Probefläche gänzlich.

Es wäre ein leichtes gewesen, dieses Tier mittelst einer langen Holzgabel an den Boden festzuhalten, aber ich glaube, daß sich kaum jemand dazu herbeigelassen hätte, weil dies Angst und Schrecken vor einem solchen Tiere nicht zuließen.“91

Lindwürmer in der Schweiz

Der Berner Naturforscher Samuel Studer (1757–1834) ist ein weiterer Name in der großen Tradition früher Naturforscher der Schweiz. Der Metzgersohn schlug eine theologische Laufbahn ein, war erst Pfarrer von Büren, dann Professor für Theologie an der Berner Hohen Schule. Er interessierte sich für die Naturforschung, erfasste als Erster die Schweizer Schneckenarten, begründete die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft und die Naturforschende Gesellschaft in Bern mit und vertrat – noch vor Darwin – evolutionäre Gedanken. 1814 beschäftigte er sich mit Sichtungen großer Reptilien in der Schweiz:

„Von Unterseen weg bis einerseits auf die Grimsel, und andererseits bis gegen Gadmen hin, in einer Strecke von 10–12 Stunden, und unter Leuten die nichts von einander wissen, einander weder von Angesicht noch dem Namen nach kennen, und nur in dieser Gegend unsers [Landes, jedoch nicht] jenseits der südlichen Alpenkette in Italien oder dem Kanton Tessin, wo ich derselben Sache vergeblich nachgefragt habe, […] herrscht der beynahe allgemeine Glaube, daß zuweilen nach einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald zu ändern droht, sich eine Art von Schlangen mit ganz kurzen Füssen sehen lasse, welche die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und ein kurzer dicker Fuß ein Stollen ist, daher auch Stollenwürmer heißen. […] Mehrere Personen aus jenen Gegenden, die ich […] näher über dieselben befragte, kamen darinn überein, daß es kurze und sehr dicke Schlangen seyn sollen, mit einem fast runden Kopf, ungefähr wie ein Katzenkopf, und mit kurzen Stollfüßen. Ueber die Zahl […] waren sie indessen nicht immer einig, doch sprachen die Glaubwürdigsten, und die sich zugleich für Autopten oder Augenzeugen solcher Thiere ausgaben, stets nur von zwey, andere aber von vier, noch andere von sechs Füßen, und endlich einige sogar von einer ganzen Menge von dem Bauch herunter hängender Zizen oder Warzen auf welchen sich der Wurm, wie auf so viel kurzen Füßen fortbewegt habe. Ueber die Länge des Thiers stimmten sie auch nicht immer zusammen überein, so wenig als über seine Dicke oder Stärke. Jene geben sie von ungefähr 3 bis 6 Fuß an, und diese vergleichen sie bald mit dem Arm und bald mit dem Schenkel eines starken Mannes. Man muß aber bemerken, dass sie auch junge und alte Stollenwürmer von einander unterscheiden.“

Er kenne viele Augenzeugen, „die mich auf das Heiligste versicherten, selbst solche Stollenwürmer gesehen und wohl gar getödtet zu haben“92.

Der Berner Naturforscher Samuel Studer vermutete 1814 den Stollenwurm in der Umgebung des Grimsel. Das Foto zeigt den Blick auf den Grimselsee, das Grimsel-Hospiz und den Räterichsbodensee.

„An einem sehr heißen Maymorgen im Jahr 1811 sagte er [der Grimsel-Spitalmeister Jakob Leuthold] zu dem Schulmeister Heinr. im Dorf, der ihm daselbst die Schafe hüten half, er solle doch hingehen und sehen, ob diese sich im Gaden [Scheune] an dem Schatten befänden? Der Schulmeister ging hin, trat vor die Thür, durch welche die Sonne hell und warm an die gegenüberstehende Wand schien. Hier blickte er nun mit nicht geringem Entsetzen unter einem an der Wand angebrachten Barnen (Krippe) einen scheußlichen Stollenwurm, dessen ganze Länge kaum ein Klafter, die Dicke aber mehr als eines Mannes Schenkel betragen mochte. Das Thier stellte sich auf seine zwey, etwa 5 Zoll langen und eines starken Mannsfingers dicken Stollfüße, hob seinen Kopf, der wohl zwey Hände breit, kurz und dick war, etwa einen Schuh von der Erde in die Höhe, blickte den erstaunten Schulmeister mit Augen, die von der Größe waren, wie sie eine grosse Henne hat, an, züngelte eine zweygespaltene Zunge heraus und stellte seine Füße wohl bei 1 ½ Fuss weit auseinander. Einen eigentlichen Hals hatte es nicht, eher stand der Körper zwischen dem Kopf und Hals etwas auswärts und war daselbst am dicksten. Sonst war der Kopf wie ein anderer Schlangenkopf, nur breiter, flacher und ohne aufgeworfene Nase. Oben über den Rücken war der Wurm mit kurzen dünnen Haaren, wie mit Pflaum bekleidet, die aber keinen Kamm bilden. Nach einer kurzen gegenseitigen Betrachtung (der Schulmeister sagte etwa zweymal das Vaterunser lang, während welcher Zeit er ihn genau habe betrachten können) kam der Grausen in den Mann und er stellte thöricht draus, soweit ihn seine Füsse tragen mochten.“93

Unter Verwendung einer Vorlage, die eine Handwühle (Bipes) zeigt, fertigte Studer 1814 diese Fantasiedarstellung des Tatzelwurms.

Studer verglich sein Material mit dem Drachenkapitel von Scheuchzer und stellte viele Übereinstimmungen fest: 1) der Katzenkopf, 2) die große Dicke bei einer Länge von 6 bis 7 Fuß [1,80 bis 2,10 m], 3) die kurzen Füße, 4) die Farbe sowie 5) „in dem haarichten Ueberzug“94. Studer schloss daraus, dass es sich beim Stollenwurm um eine noch unentdeckte Form von Molch oder Kriechtier handelte.

Studer gab seinem Aufsatz den Stich eines Stollenwurms bei, der ein eigentümliches Nachleben führte. Der Stich selbst ist die spiegelverkehrte Wiedergabe der Abbildung einer Handwühle, eines Reptils aus Mexiko, aus der Naturgeschichte des französischen Gelehrten Bernard Germain Étienne de Lacépède (1756–1825), die 1788 in Paris erschien. Offenbar hielt Studer den Stollenwurm für eine solche Wühlart.

Bernard Heuvelmans (1916–2001), der Begründer der modernen Kryptozoologie, erhielt wiederum einen Brief mit einer groben Skizze nach Studers Bild, die stark verfälschend war und angeblich aus einem Almanach, den „Alpenrosen“ des Jahres 1841, stammte. Dieses Bild geistert als Augenzeugenskizze durch einschlägige Veröffentlichungen und ist doch nicht mehr als die Kopie einer Kopie eines Bildes, das keinen Tatzelwurm zeigt! Das Jahr 1841 ist wohl ein Zahlendreher von Studers Publikation von 1814; geduldige Recherchen des französischen Kryptozoologen Michel Raynal haben die ganze Verwirrung erst 2019 aufgedeckt.95

Studers Vorlage war ein Stich des französischen Forschers Bernard Germain Étienne de Lacépède von 1788.

So bildete der Kryptozoologe Bernard Heuvelmans den Tatzelwurm ab – angeblich nach einer Vorlage aus der Zeitschrift „Alpenrosen“ von 1841.

Studers These vom noch unentdeckten Alpentier fand Zustimmung: „Hier müßen wir auch der, in vielen Gegenden dieser Region ziemlich allgemein verbreiteten Sage erwähnen“, so der Schweizer Zoologe Heinrich Rudolf Schinz (1777–1861) 1815 in seinem „Die Vögel der Schweiz“,

„die sogar von feynwollenden Augenzeugen hie und da bekräftiget wird, daß es hier eine Art von großen, schwarzen, eidechsenartigen Reptilien mit zwey kurzen Füßen gebe, der man im Berner Oberland den Namen des Stollenwurms beylegt. Wenn gleich die übrigens ziemlich übereinstimmenden Nachrichten, die wir hierüber gesammelt haben, etwas abentheuerlich klingen und an die alten Fabeln vom Drachen und Lindwurm erinnern, so verdienen sie dennoch die Aufmerksamkeit der Naturforscher und können vielleicht zur Entdeckung einer noch unbekannten Eidechsen- oder Schlangenart führen.“96

1817 stellte der Schweizer Dichter und Philosoph Johann Rudolf Wyss (1781–1830) in seiner „Reise in das Berner Oberland“ nach einem kurzen Exkurs zu mythischen Lindwürmern etwas skeptischer fest:

„Während aber die Drachen in der jetzigen Schweiz als ausgestorben oder vertilgt betrachtet werden, ist das Oberland noch voll von Sagen und Zeugnissen über ein schlangenartiges Unthier, welches mit dem einheimischen Namen des Stollenwurms bezeichnet, und nach unverdächtigen Zeugnissen vieler Landleute fast jährlich hier oder dort gesehen wird. Man beschreibt dieses Wesen als eine Art von Schlange, die ganz kurze Füßchen habe; und da die Schlangen überhaupt Würmer heißen, ein kurzer dicker Fuß aber ein Stollen genannt wird, so entstand der besondere Name für dieses Geschöpf. Fast durchgängig giebt man ihm einen runden Katzenkopf, und bald 2, bald 4, bald mehrere Füße, nach der Art, wie die Raupen sie haben. Mitunter schildert man es als behaart, und gewöhnlich als verhältnißmäßig dick aber kurz. Ich wage jedoch keineswegs die Eigenthümlichkeit dieses Geschöpfes als erwiesen anzunehmen.“97

Wyss führt mehrere verbürgte Begegnungen an, bei denen Stollen- und Haselwürmer mittels Magie erlegt wurden, und meint aus eigener Anschauung, der typische Almwirt wisse fast nichts von Tieren, die keine Nutztiere seien.

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