Kitabı oxu: «Die Völkerwanderung»
Ulrich Offenberg
DIE VÖLKERWANDERUNG
EUROPA IN AUFRUHR

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH
2008, München/Grünwald
www.komplett-media.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
HEROLD Auslieferung Service GmbH
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Geschichts-Daten
| 120 v. Chr.: | Marsch der Kimbern und Teutonen |
| (Erste Völkerwanderung) | |
| 113. v. Chr.: | Schlacht der Römer gegen die Kimbern |
| bei Noreia | |
| 109 v. Chr.: | Sieg der Kimbern gegen Silanus |
| 103 v. Chr. | Sieg gegen Quintus Caepio bei Arausio |
| 102. v. Chr. | Niederlage gegen Gaius Marius bei |
| Aquae Sextiae | |
| 30. Juli 101v.Chr: | Endgültige Niederlage der Kimbern bei |
| Vercellae | |
| 58 v. Chr.: | Schlacht Cäsars gegen Ariovist bei Mühl- |
| hausen | |
| 56 v. Chr.: | Rheinüberquerung der Volksstämme der |
| Usipeter und Tenkterer | |
| 9 n. Chr.: | Schlacht im Teutoburger Wald, |
| Niederlage des Varus gegen Arminius) | |
| 85: | Gründung der römischen Provinzen |
| „Germania inferior“ und „Germania | |
| superior“ | |
| 98: | Tacitus schreibt seine „Germania“ |
| 150 – 160: | Erster Zug der Goten |
| 167: | Überfall der Markomannen |
| (Zweite Völkerwanderung) | |
| 233: | Einfall der Germanen ins Römische |
| Reich (Dritte Völkerwanderung) | |
| 250 – 270: | Diverse Einfälle der Goten ins Römische |
| Imperium | |
| 256: | Einfall der Franken in Gallien |
| 260: | Einfall der Alemannen in römische |
| Provinzen | |
| 290: | Teilung der Goten in West- und |
| Ost-Goten | |
| 311 – 383: | Bischof Wulfila, Autor der Wulfila-Bibel |
| 375: | Einfall der Hunnen in Europa |
| 376: | Beginn der großen Wanderung der |
| West-Goten | |
| 9. August 378: | Schlacht bei Adrianopel (Türkei) |
| 382: | Vertrag von Theodosius I. mit den |
| West-Goten | |
| 391 – 396: | Westgote Alarich startet Krieg im Balkan |
| 401: | Alarich überquert die Alpen |
| 402: | Stilicho besiegt Alarich bei Pollentia |
| 407: | Abzug der Römer aus Britannien, |
| Beginn der Einwanderung der Angeln | |
| und Sachsen | |
| 406: | Aufbruch der Vandalen und Sueben aus |
| Schlesien | |
| 409: | Eroberung Spaniens durch die Vandalen |
| und Sueben | |
| 24. August 410: | Eroberung Roms durch die Barbaren |
| unter Alarich | |
| 412 – 418: | Eroberung Galliens durch die |
| West-Goten | |
| 413: | Gründung einer Reichs am Mittelrhein |
| durch die Burgunden | |
| 422: | Marsch der Vandalen nach Spanien |
| 423 – 454: | Hunnen unterstützen den römischen |
| Kaiser | |
| 429-442: | Vandalen erobern Afrika unter Geiserich |
| 433: | Hunnen beherrschen Pannonien |
| 443: | Burgunden siedeln als Roms Verbündete |
| in Savoyen | |
| 445: | Attlia ermordet Bruder Bleda und wird |
| Alleinherrscher | |
| 447: | Attila erobert Ost-Europa |
| 451: | Schlacht an den Katalaunischen Feldern, |
| Hunnen ziehen gegen Rom | |
| 453: | Tod Attilas |
| 2. Juni 455: | Eroberung Roms durch die Vandalen |
| 456: | Kampf der Burgunden gegen die Sueben |
| um Spanien | |
| 471: | Thoderich wird König der Ost-Goten |
| 474/477: | Bündnisse der Vandalen mit Ost- und |
| West-Rom | |
| Höhepunkt der Vandalenherrschaft | |
| 476: | Tod des letzten römischen Kaisers Ro- |
| mulus Augustulus | |
| Eroberung Bayerns durch die „baiovarii“ | |
| 488: | Langobarden besetzen Niederösterreich |
| (Rugiland) | |
| 489/490: | Sieg Theoderichs gegen Odoaker |
| 496/497: | Schlacht von Zülpich, Franken siegen |
| über die Alemannen | |
| 497: | Theoderich wird Herrscher von |
| West-Rom | |
| Taufe des Germanenkönigs Chlodwig | |
| 532: | Niederlage der Burgunden gegen die |
| Franken | |
| 533: | Verheerende Niederlage der Vandalen |
| unter Gelimer | |
| 534: | Langobarden unterwerfen thüringisches |
| Reich | |
| 537: | Alemannia wird fränkische Provinz |
| 552: | Schlacht am Milchberg, Untergang des |
| Ost-Gotenreiches | |
| 568: | Zug der Langobarden nach Italien |
| 586 – 601: | Toledanisches Reich der West-Goten in |
| Spanien | |
| 585: | Anerkennung des langobardischen |
| Reichs in Italien | |
| 585: | Sieg des Katholizismus |
| (Bekehrung von Reccared) | |
| 711: | Arabische Expedition nach Spanien |
| 732: | Sieg gegen die Araber bei Tours und |
| Poitiers | |
| 774: | Eroberung des Langobardenreichs durch |
| Karl den Großen | |
| 788: | Inbesitznahme des Bajuwarenreiches |
| durch Karl den Großen | |
| 878: | Sieg der Angelsachsen gegen die |
| Wikinger | |
| 1066: | Niederlage der Angelsachsen gegen die |
| Normannen in der Schlacht bei Hastings |
Inhaltsverzeichnis
Die Teutonen drohen
Hinterlist der Römer
Germanische Brutalität
Der Untergang der Kimbern
Das Barbaren-Trauma
Cäsar schlägt Ariovist
Die Schlacht im Teutoburger Wald
Arminius’Abenteuer
Komplott gegen Varus
Gekauftes Wohlverhalten
Koalition gegen Rom
Die Wulfila-Bibel
Friedensschluss im Niemandsland
Die Hunnen kommen
Europa auf der Flucht
Die Schlacht von Adrianopel
Die Hunnen helfen Rom
Attila, der Fluch Gottes
Die Westgoten erstürmen Rom
Alarichs Grab
Die Vandalen
Schlacht auf den Katalaunischen Feldern
Attlilas Ende
Der Marsch der Vandalen
König Geiserich
Die Vandalen plündern Rom
Das Ende der Vandalen
Das Schicksal der Alemannen
Die Burgunden
Das Ende des Weströmischen Reiches
Theoderich der Große
Die neue Blüte Italiens
Der Untergang der Ostgoten
Justinians Reconquista
Die Langobarden
König Alboins Heerzug
Die Geburt des italienischen Volkes
Die Findelkinder der Völkerwanderung
Die Westgoten in Spanien
Der Siegeszug des Katholizismus
Spanien als geistliches Zentrum
Invasion von Allahs Kriegern
Angeln und Sachsen in England
Der Widerstand der Briten
Missionierung des Kontinents
Der Apostel der Deutschen
Die Gewinner der Völkerwanderung
Die Taufe Chlodwigs
Germanen als Wirtschaftsflüchtlinge
Seit es Menschen gibt, sind sie auf der Flucht. Auf der Flucht vor Geistern, vor gefährlichen Tieren, vor Naturkatastrophen oder Seuchen. Menschen flohen vor Überbevölkerung und Kriegen. Ganze Völker wurden von Feinden besiegt, vertrieben und irrten Jahrzehnte auf der Suche nach einer neuen Heimat umher. Manche wollten ihrem Glauben nicht abschwören und suchten deshalb ein neues Land, in dem sie ungestört ihre Religion ausüben konnten. Unter ihnen etwa die Israeliten oder die frommen Pilgerväter.
Andere trieb die Aussicht auf Beute und auch nur schiere Abenteuerlust in die Fremde. Ihnen allen gemeinsam war die Hoffnung auf ein besseres Leben. Die großen Migrationen haben in allen Teilen unserer Erde ihre Spuren hinterlassen und die Weltgeschichte maßgeblich geprägt. Armut, Verfolgung und Hoffnung auf ein freies und besseres Leben führten zur Besiedlung Nordamerikas durch die weißen Einwanderer. Die Landnahme aber brachte Hunderttausenden der „roten“ Ureinwohner den Tod. Mittel- und Südamerika hatten schon Jahrhunderte zuvor ein ähnliches Schicksal durch die spanischen Konquistadoren erlebt.
Von manchen Völkern nahmen die Geschichtsschreiber erst Kenntnis, als sie auf kriegerische Wanderschaft gingen und alte Kulturen zerschlugen. Und viele verschwanden auch wieder so plötzlich, wie sie die Bühne der Weltgeschichte betreten hatten.
Das letzte Kapitel der so genannten Völkerwanderung – oder sollen wir nicht besser Völkerflucht sagen – ist noch längst nicht geschrieben. Die Überbevölkerung in Asien, die Not Afrikas drohen irgendwann zu explodieren. Die Stoßrichtung dieser Verzweifelten ist hinreichend bekannt: Europa. Aber dieser Kontinent wehrt sich heftig gegen den Strom der Immigranten. Nur: je größer der Aufwand, mit dem sich der reiche Kontinent gegen die Armut anderer Völker abzuschotten versucht, umso stärker branden die Wellen der Verzweifelten, die nichts mehr zu verlieren haben, dagegen an.
Es bedarf keiner großen prophetischen Gabe, wenn Zukunftsforscher in dieser Frage düstere Prognosen für das Europa des 21. Jahrhunderts stellen. Ein Jahrhundert, in dem sich die Bewohner dieses Kontinents erbittert gegen Eindringlinge aus dem ärmlichen Süden und dem überbevölkerten fernen Osten zur Wehr setzen werden. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Feind aus dem Osten oder dem Süden einen ganzen Kontinent in seinen Grundfesten erbeben lassen würde.....
Die wichtigste und folgenschwerste Wanderung, die als „Völkerwanderung“ in die Geschichte eingegangen ist und allen folgenden Migrationen ihren Namen gegeben hat, ist die gro-ße Germanische Völkerwanderung. Sie wurde vom Einfall der Hunnen in Europa im Jahr 375 n. Chr. ausgelöst. Die Reiterhorden waren auf der Suche nach Beute, nach Gold und Sklaven. Sie rollten wie eine Dampfwalze aus den asiatischen Steppen über Europa hinweg und setzten so ganze Völkerlawinen in Gang.
Das Imperium Romanum, das größte und mächtigste Reich jener Zeit, zerbrach unter diesem gewaltigen Ansturm. Auf dem einst römischen Gebiet entstanden germanische Fürstentümer. Viele dieser Völker sollten zwar im Verlauf der nächsten Jahrhunderte untergehen, doch hatten ihre gewaltigen, über Jahrhunderte vollzogenen Wanderungen die Voraussetzungen für die Entstehung des europäischenAbendlandes geschaffen.
Die Teutonen drohen
Es waren zwar die Hunnen, die mittelbar das Römische Reich zum Einsturz brachten. Aber eigentlich beginnt die Geschichte der Völkerwanderung bereits mit dem Marsch der Kimbern und Teutonen um 120 v. Christus. Dieser erste große Germanenzug Richtung Süden gab einen Vorgeschmack auf das spätere Drama der Völkerwanderung. Nach diesem ersten Schock hörten die Römer nie mehr auf, mit einer Mischung aus Misstrauen und nackter Angst ihre Nordgrenzen zu beobachten. Waren diese blonden Hünen vielleicht die Vorboten immer neuer Barbarenhorden, die sich des Südens bemächtigen wollten?
Die furiosen Kämpfe der Germanen gegen die römische Weltmacht ließen den römischen Dichter und Staatsmann Tacitus einen sehr respektvollen Satz über die Kimbern verfassen, die er als „jetzt noch ein kleiner Stamm, aber von ungeheurem Ruhm“ bezeichnet.
Die Teutonen kommen bei ihm nicht vor, dafür aber beim griechischen Seefahrer Pytheas, der nach seiner spektakulären Reise in den Norden über das heutige Helgoland um 325 v. Christus berichtet: „Dort wird im Frühling reichlich Bernstein angespült, der ein Auswurf des gefrorenen Meeres ist. Die Inselbewohner verwenden ihn zum Heizen, auch verkaufen sie ihn an die Teutonen, die ihnen auf dem Festland am nächsten wohnen.“ Mit dieser ersten Nennung des Stammes der Teutonen – so die Auffassung vieler Historiker – beginnt die Geschichte der Germanen.
Was ließ nun diesen germanischen Stamm der Teutonen ihr angestammtes Territorium verlassen und auf Wanderung gehen? Alles fing wohl mit einer Sturmflut an. Sie soll Jütland, die Heimat der Kimbern, überschwemmt haben. Versalzte Böden und eine damit einhergehende Hungersnot zwangen den größten Teil des Stammes zum Verlassen ihres Siedlungsgebietes – die Teutonen haben sich ihnen später angeschlossen.
Die riesige Wandergemeinde, es mögen an die 150.000 Menschen gewesen sein, setzten sich nach Süden in Marsch. Sie zog nach Böhmen, Schlesien und Mähren, schließlich ins Donaugebiet und in die Ostalpen.
Den Städte bauenden Römern waren Naturvölker suspekt. Die Informationen über die wandernden Germanen, die in Rom kursierten, hörten sich nicht gut an – und sollten von den späteren Ereignissen sogar noch übertroffen werden: Zwei gigantische Marschsäulen von insgesamt 300.000 Menschen seien unterwegs, erzählte man sich am Tiber, riesengroße, bewaffnete Krieger mit blauen Augen, dazu noch größere Scharen an Kindern und Frauen. Diese erbarmungslosen, hünenhaften Barbaren seien auf der Suche nach Land und nach Beute in den Städten. Wer sich ihnen entgegen stellte, würde niedergemacht.
Und tatsächlich erfolgte schon bald der ersteAngriff der Kimbern und Teutonen. Ziel war zunächst das mit Rom verbündete Norikum, das heutige Elsass. Der römische Konsul Papirius Carbo ließ sogleich die Alpenpässe besetzen, um die Germanen am Durchmarsch nach Italien zu hindern. Als sie jedoch nicht angriffen, beging Carbo aus Überheblichkeit seinen ersten Fehler: Er rückte gegen die Kimbern vor und beschuldigte sie, die Noriker, die Verbündeten Roms, angegriffen zu haben.
Die Kimbern versicherten eilfertig, von dieser Freundschaft nichts gewusst zu haben und versprachen, friedlich wieder abzuziehen. Denn sie seien lediglich auf der Suche nach Siedlungsland, um sich dort niederzulassen. Carbo gab ihnen darauf Führer mit, angeblich, um ihnen bei der Suche nach einem geeigneten Gebiet behilflich zu sein.
Das war allerdings nur ein Vorwand. Der Konsul hatte seine Führer angewiesen, mit den Barbaren einen längeren Umweg zu machen, während er ihnen mit seinen beiden Legionen in Eilmärschen den Weg abschnitt und Posten bezog, um sie aus dem Hinterhalt zu vernichten. Der Konsul sollte für seine Heimtücke bitter bezahlen. Die Schlacht fand 113 v. Chr. bei Noreia statt, einem Ort nördlich des heutigen Klagenfurt.
Carbo überfiel die Kimbern während einer Rast. Warum der Konsul glaubte, die Barbaren leicht besiegen zu können, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Der primitiven aber durchaus wirkungsvollen Kampfweise der Germanen waren die überraschten Römer nicht gewachsen. Zwei Legionen – 12.000 Mann – wurden von den furios dreinschlagenden Kriegern aufgerieben. Dass sie nicht völlig vernichtet wurden, verdankten sie dem Aberglauben der Germanen. Als ein schweres Gewitter einsetzte, brachen sie den Kampf ab. Sie fürchteten den Zorn der Götter.
Hinterlist der Römer
Am Anfang des langen römisch-germanischen Ringens standen also List und Heimtücke sowie eine Selbstüberschätzung eines bis dahin meist siegreichen Großreichs. Das war nicht unbedingt der beste Einstieg für eine vertrauensvolle Zukunft. Die Römer wurden zwar heftig inAngst und Schrecken versetzt, doch das Schicksal meinte es noch einmal gut mit ihnen. Die Kimbern und Teutonen setzten ihren Marsch nicht weiter nach Süden fort, sondern zogen in den Nordwesten, zu den keltischen Helvetiern in der heutigen Schweiz. Einige wenige ließen sich an Neckar und Main nieder.
Der Großteil der vereinigten Kimbern und Teutonen jedoch wanderte weiter nach Gallien, einer Odyssee entgegen, die sie etwa nach 15 Jahren über Spanien zurück nach Gallien und Italien führen sollte. Es muss eine riesiger Marschkolonne gewesen sein: Die besten Krieger an der Spitze und in der Nachhut, Mütter und Kinder in der Zugmitte in Ochsenkarren, die Reiter an den Flanken mit dem Vieh, und ganz vorne die alten Frauen, die den richtigen Weg aus dem Blut von Gefangenen weissagten.
Zeitgenössische Chronisten schilderten das dazu gehörige Prozedere ganz genau: „Unter ihren Frauen, die an dem Heereszug teilnahmen, waren auch weissagende Priesterinnen mit ergrautem Haar, in weißen Gewändern, leinenen, mit Fibeln zusammen gehaltenen Mänteln, mit Bronzegürtel, barfüßig. Diese gingen im Heerlager mit gezückten Schwertern auf die Gefangenen zu, bekränzten sie und führten sie zu einem Bronzekessel, der etwa 20 Amphoren fasste. Dort stand auch eine Leiter, die eine der Priesterinnen bestieg, um dann oberhalb des Gefäßes einem nach dem anderen der empor Gereichten die Kehle durchzuschneiden. Mit dem in den Kessel fließenden Blut praktizierten sie eine Art Weissagung. Anderen schlitzten sie den Leib auf und prophezeiten aus den Eingeweiden, wobei sie ihren Leuten laut den bevorstehenden Sieg verkündeten. Während des Kampfes trommelten sie auf die Felle, die über die Wagenkörbe gespannt waren, so dass ein ungeheurer Laut entstand.“
Völkerwanderung zu jener Zeit bedeutete, mühsam, Tag für Tag, Monat für Monat, bei jedem Wetter den Weg zu suchen. Je weiter die Kimbern und Teutonen nach Süden vorrückten, desto erträglicher wurde es. Wenn möglich, folgten sie den Flüssen, denn sie gaben ihnen Richtung und Ziel. Die Flüsse konnten aber zugleich unüberwindbare Hindernisse darstellen. Es sei denn, die Führer fanden eine Furt für die Durchquerung. Das konnte allerdings Tage dauern.
109 v. Chr. trafen die Kimbern und Teutonen an der Rhône auf das Heerlager des römischen Konsuls Marcus Junius Silanus und baten um die Vergabe von Siedlungsgebieten, denn sie wollten keinen Krieg führen. Für das ihnen zugewiesene Land wollten sie als römische Bundesgenossen bezahlen. Damit wiederholten sie die gleich lautende Bitte, die ihre Gesandten vorher in Rom vorgetragen hatten. Diese hatten wegen ihrer äußeren Erscheinung allerdings nur Erstaunen und Spott ausgelöst. Ihr Gesuch nach Land wurde vom römischen Senat kategorisch abgelehnt.
Kurz nachdem die Gesandten zu ihrem Volk zurückgekehrt waren, wurden die Barbaren von Silanus angegriffen. Aber auch diese zweite Schlacht konnten die Römer nicht gewinnen, sie geriet erneut zum Debakel. Diesmal fielen vier Legionen auf dem Schlachtfeld, etwa römische 24.000 Soldaten. Und wieder geschah das Unbegreifliche: Statt sich nach Rom zu wenden und Rache zu nehmen, setzten die Kimbern und Teutonen ihren Wanderzug durch Gallien fort. Die weisen Frauen hatten es so entschieden.
105 v. Chr. stieß die kimbrisch-teutonische Hauptmacht auf drei starke römische Kräfte, die an der Rhône standen. Wieder das alte Spiel. Sowohl die Legionen des ehemaligen Konsuls Scaurus als auch die des Konsuls Mallius Maximus und des Prokonsuls Servilius Caepio wurden bei Arausio – dem heutigen Orange – besiegt. Diese Schlacht war mit schätzungsweise über 80.000 gefallenen Soldaten eine der größten Niederlagen in der langen römischen Geschichte.
Germanische Brutalität
In diesen Kämpfen müssen die Germanen eine oft sinnlos erscheinende Brutalität gezeigt haben. Die Schilderung des Geschichtsschreibers Livius ist überliefert. „80.000 Römer und Bundesgenossen wurden getötet, 40.000 Trossknechte und Marketender dazu. Alle Beute wurde den Göttern geopfert. Die Gewänder der Gefallenen und Gefangenen wurden zerrissen, Gold und Silber in den Strom geworfen, die Pferde ertränkt, die Gefangenen an den Bäumen aufgehängt. Von dem ganzen Heer blieben nur zehn Mann übrig, die die traurige Kunde überbrachten.“ Und Plutarch schrieb: „Unwiderstehlich in ihrer Tollkühnheit, ihrem Wagemut und der Kraft ihrer Arme, griffen sie bei den Schlachten mit der Schnelligkeit und Gewalt eines Feuersturms an. Keiner leistete ihrem Andringen Widerstand, sondern alle, auf die sie trafen, wurden wie Beutegut fortgeschleppt und später geopfert oder gleich niedergemacht.“
Selbst wenn die Zahlen übertrieben sein mögen, so dokumentieren sie deutlich das tiefe Entsetzen der Römer über den Vernichtungswillen und die Brutalität des Gegners. Auch wenn die Germanen durch die Abschlachtung der gefangenen Feinde ihren Göttern huldigen wollten – ihre Grausamkeit also einen kultischen Hintergrund hatte – ihr Verhalten trug nicht gerade zur Völkerverständigung bei. Die arrogantabweisende Haltung der Römer allerdings genauso wenig.
Trotz des neuerlichen Sieges gegen die Römer und obwohl das Land schutzlos vor ihnen lag, entschieden die weisen Frauen der Germanen gegen einen Zug nach Italien. Die Kimbern stießen über den Ebro nach Spanien vor, während die Teutonen undAmbronen plündernd durch Gallien zogen. Aber weder in Spanien noch in Gallien konnten die Germanen eine geeignete Heimat finden. Kimbern, Teutonen und Ambronen trafen sich wieder an der Seine und beschlossen nun endgültig, auf das römische Kernland, auf die Hauptstadt am Tiber in Italien zu marschieren. Die Zeit der Entscheidung war gekommen.
Die beiden Heerhaufen marschierten einige Wochen gemeinsam, dann trennten sie sich. Teutonen und Ambronen wollten über die Westalpen vordringen, die Kimbern über die Ostalpen. Zu dieser Zangenbewegung sollte es aber nicht mehr kommen. Rom hatte endlich den geeigneten Führer seiner Legionen gefunden: Gajus Marius, ein Haudegen alter Schule, machte sich mit kühlem Kopf an die Aufgabe, die Barbarengefahr ein für alle mal zu bannen.
Gajus Marius hatte die römische Kriegsmacht einer umfassenden Reform unterzogen, er hatte das Heer vergrößert und modernisiert. Die Trennung der beiden barbarischen Heere kam ihm sehr entgegen, und so erwartete er im Jahr 102 v. Chr. zunächst die Teutonen und Ambronen in der Nähe des heutigen Aix-en-Provence. Marius ließ sich vom Gegner nicht provozieren und hielt seine Soldaten im Lager zurück. Vom befestigten Wall aus beobachteten sie den Feind, um sich an die fremdartigen Gestalten zu gewöhnen und ihre Ausrüstung begutachten zu können. Dies war einer der Schlüssel zum Erfolg: dem Fremden seinen Schrecken zu nehmen.
Als sich die Germanen auf den Weg machten und am Lager der Römer vorbei zogen, dauerte es aufgrund ihrer schwindelerregend hohen Zahl ganze sechs Tage, bis der Zug vorüber war. Die Barbaren fragten die Römer lachend, ob sie ihren Frauen daheim in Rom etwas ausrichten sollten, denn in Kürze würden sie mit ihnen das Ehebett teilen. Marius war allerdings schneller und schnitt ihnen den Weg ab.
In der folgenden Schlacht gab er den übermütig gewordenen Barbaren keine Chance. Erst ging er gegen die Ambronen, dann gegen die Teutonen vor, fing sie am Flussufer ab und durchstieß ihre Reihen. Als er die Überlebenden ins Lager zurückdrängte, kamen ihnen die germanischen Frauen mit Schwertern und Äxten entgegen, um sowohl gegen die Fliehenden des eigenen Stammes als auch gegen die Römer einzuschlagen. Am nächsten Tag, die Barbaren waren besiegt, lagen 100.000 Germanen tot auf dem Schlachtfeld. Die Teutonen waren vernichtet.