Kitabı oxu: «Jesus vertrauen - aus gutem Grund»
ULRICH PARZANY

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22995-0 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6100-8 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2021 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
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Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Holzgerlingen
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
»Auf alle Gottesverheißungen
ist in Jesus Christus das Ja;
darum sprechen wir auch durch ihn das Amen,
Gott zur Ehre.«
Paulus
2. Korinther 1,20
Inhalt
Über den Autor
Frage 1 | Haben wir Gott vergessen?
Frage 2 | Wer bin ich?
Frage 3 | Warum lässt Gott das alles zu?
Frage 4 | Kann denn Liebe Sünde sein?
Frage 5 | Gibt es Leben ohne Angst?
Frage 6 | Kann man Glück lernen?
Frage 7 | Hauptsache Gesundheit?
Frage 8 | Gott vielleicht – aber warum Jesus?
Frage 9 | Fängt der Glaube an, wo das Wissen aufhört?
Frage 10 | Gehen Kamele durch ein Nadelöhr?
Frage 11 | Glaube ja – Kirche nein?
Frage 12 | Wie können Beziehungen gelingen?
Frage 13 | Ist Jesus Friedensstifter oder Störenfried?
Frage 14 | Ist die Bibel Gottes Wort?
Frage 15 | Was hat die Zukunft mit schwarzen Schwänen zu tun?
Frage 16 | Was kommt nach dem Tod?
Anmerkungen
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Über den Autor

ULRICH PARZANY (Jg. 1941) war Leiter der Projektarbeit von ProChrist. Er war Vikar in Jerusalem, Jugendpfarrer in Essen und Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland. Mit seiner Frau Regine lebt er in Kassel, hat drei Kinder und fünf Enkel.
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FRAGE 1
Haben wir Gott vergessen?
»Sie haben Gott vergessen. Und sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.« So beschrieb ein Beobachter die Einstellung vieler Menschen in Deutschland zum Glauben an Gott. Gott ist für viele kein Thema. Sie sind nicht gegen ihn. Sie wüssten nicht einmal, wogegen sie sein sollten. Aus den auch nicht mehr so ganz neuen Bundesländern Deutschlands wird berichtet, dass jemand gefragt wurde: »Sind Sie Christ oder Atheist?« Er soll geantwortet haben: »Weder noch. Ganz normal.«
Ganz normal heißt: Gott ist kein Thema. Gott kommt in seinem Leben nicht vor. Er hat sich nie gegen Gott entschieden. Schon die Großeltern sind aus der Kirche ausgetreten. Er braucht Gott nicht. Und er vermisst ihn nicht. Ihm fehlt nichts.
Was soll man darauf sagen?
Meine Antwort: »Mag sein, dass du sogar vergessen hast, dass du Gott vergessen hast. Ich habe eine Überraschung für dich: Gott hat dich nicht vergessen. Und daran möchte ich dich erinnern.« Das ist ein Zweck dieses Buches.
Viele scheinen zu meinen, dass Gott nicht existiert, wenn sie nicht an ihn glauben. Sie hätten recht, wenn Gott nur ein Produkt unseres Denkens und unserer Wünsche wäre. Dann würde er eben nur in unserer Vorstellung existieren. Wie ein Bild, das von einem Beamer auf die Leinwand projiziert wird. Wenn der Beamer ausgeschaltet wird, ist auch kein Bild mehr auf der Leinwand.
Mit unseren Gottesvorstellungen ist das so eine Sache. Sie sind wie die Bilder, mit denen wir unsere Wohnungen schmücken. Wir haben sie selbst ausgesucht. Sie gefallen uns. Sie passen irgendwie zu unserem Leben. Sie sind nicht die tragenden Mauern des Hauses. Sie sind Dekoration. Manche mögen kahle Wände und hängen sich keine Bilder auf. Geschmackssache.
Manche lieben abstrakte Gottesbilder. Für diese Menschen gibt es Gottesbilder, die von klugen Leuten erdacht wurden: Gott ist das höchste Gut, der unbewegte Beweger, der Grund allen Seins. Manche nennen Gott ein höheres Wesen oder eine höhere Macht. Vielleicht hat er die Welt gemacht wie ein Uhrmacher eine Uhr. Jetzt läuft die Uhr ohne den Uhrmacher. So oder ähnlich sehen die Gottesbilder aus, die in Europa seit etwa 300 Jahren in Mode sind. Diese Gottesvorstellungen sagen, dass Gott mit unserem Leben aktuell nichts zu tun hat. Er greift nicht in die Geschichte ein. Auch nicht in unser persönliches Leben.
Viele ziehen daraus verständlicherweise die Konsequenz, dass man eine solche Vorstellung von Gott gar nicht braucht. Es reiche völlig aus, sich mit den Gesetzmäßigkeiten vertraut zu machen, nach denen Natur und Geschichte und unser Leben funktionieren.
Interessanterweise hat Gott sich zu diesem Thema selbst zu Wort gemeldet. Die Zehn Gebote beginnen mit einer Selbstvorstellung Gottes.
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
2. Mose 20,2-3
Das in großen Buchstaben geschriebene HERR gibt in der Übersetzung Martin Luthers wieder, dass hier im hebräischen Urtext der Gottesname JAHWE steht. Damit folgte Luther der jüdischen Tradition. Juden wollten den Namen Gottes auch beim Lesen des Bibeltextes nicht aussprechen – aus Furcht, sie könnten ihn missbrauchen.
Gott offenbart sich am Sinai Mose und dem Volk Israel mit Namen. Er will persönlich bekannt und angesprochen werden. Er will zu Israel gehören – »dein Gott«. Diese Zugehörigkeit beweist Gott durch die Befreiung seines Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten. Seine Liebe ist also kein gedachtes Prinzip, sondern die eine Wirklichkeit, die sich in Gottes Handeln in der Geschichte offenbart.
Nennen wir diesen ersten Satz der Zehn Gebote getrost die Liebeserklärung Gottes an sein Volk Israel. Aus dieser Liebeserklärung folgt der Bundesschluss mit Israel am Sinai. Die Zehn Gebote sind die Regeln für das Leben in diesem Bund, den Gott gestiftet hat.
Weil Gott sich offenbart hat, kennen die Israeliten den Schöpfer der Welt. Darum müssen und sollen sie keinen anderen Göttern dienen. Es folgt logischerweise das zweite Gebot:
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
2. Mose 20,4-6
Wenn Gott sich nicht offenbart, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns unsere eigenen Vorstellungen davon zu machen, ob es ihn gibt und wenn ja, wie er sein könnte. Die Bildergalerie reicht so weit wie das Vorstellungsvermögen der Menschen. Bei allem Respekt vor menschlichen Versuchen – sie führen uns immer nur zu uns selbst zurück. Unsere Vorstellungen sind nicht größer als unser Gehirn, das sie produziert.
Die Bibel beurkundet uns die Offenbarung des lebendigen Gottes. Wir dürfen ihn mit Namen kennen und anrufen. Das dritte der Zehn Gebote warnt uns vor dem Missbrauch des Namens Gottes durch gedankenloses Geschwätz oder magischen Missbrauch.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
2. Mose 20,7
Das scharfe Verbot des Missbrauchs unterstreicht das wunderbare Angebot des rechten Gebrauchs im vertrauensvollen, ehrfürchtigen Gebet. Gott will tatsächlich, dass sein Volk Nöte und Sorgen, aber auch Freude und Dank in Gebeten persönlich ausdrückt.
Aber gilt das alles nicht nur dem Volk Israel? Die namentliche Offenbarung Gottes ging an Mose. Israel erlebte die wunderbare Retterliebe und Macht Gottes, als es aus der Knechtschaft in Ägypten geführt wurde. Der Bund am Sinai wurde mit dem Volk Israel geschlossen. Gilt das auch uns, wenn wir nicht zum Volk Israel gehören?
Schon bei der Berufung Abrahams hat Gott angekündigt:
Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
1. Mose 12,3
Die Geschichte Gottes mit Israel geht von Abraham über Mose und den König David zum Messias Jesus von Nazareth. Gott befiehlt Josef und Maria, dass sie das Kind Jesus nennen sollen. Jesus ist die griechisch gesprochene Form des hebräischen Namens Jeschua. Jeschua bedeutet »JAHWE rettet«. Gott offenbart sich also auch in Jesus mit seinem Namen. Er will, dass wir alle ihn persönlich kennen und anreden. Im Alten und im Neuen Testament finden wir das Versprechen Gottes:
Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll errettet werden.
Joel 3,5; Apostelgeschichte 2,21; Römer 10,13
Die Einladung gilt allen Menschen auch außerhalb des Volkes Israel. Wir dürfen durch Jesus Christus Gott persönlich kennen. Die Einladung richtet sich auch an alle, die Gott vergessen haben.
Sicher ist, dass viele Fragen, die wir Menschen stellen, durch Jesus beantwortet werden. Ich werde das in diesem Buch noch ausführen. Noch wichtiger aber ist, dass wir zur Kenntnis nehmen: Gott stellt Fragen an uns. Er tut es, seitdem Menschen ihm den Rücken gekehrt haben. Er ruft den ersten Menschen, der sich auf der Flucht vor Gott versteckt: »Wo bist du?« (1. Mose 3,9). Er fragt den Brudermörder Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?« (1. Mose 4,9). Klar, solche Fragen wollen wir nicht hören. Wir haben andere Interessen und andere Fragen. Aber wer sich Gottes Fragen stellt, wird vielleicht entdecken, dass seine eigenen Fragen verändert werden.
Ich habe die spöttische Kritik immer wieder gehört: »Die Christen beantworten Fragen, die keiner stellt.« Auch Christen merken das selbstkritisch an. Sie bemühen sich dann mithilfe der Psychologie darum, die Fragen zu finden, die Menschen wirklich bewegen. Wollen wir nicht alle geliebt werden? Sehnen wir uns nicht nach Wertschätzung und Anerkennung? Wünschen wir uns nicht alle Gemeinschaft, die uns stärkt, aber nicht erdrückt? Suchen wir nicht alle Hilfe in unseren Ängsten? Suchen wir nicht alle Heilung von körperlichen und seelischen Krankheiten?
Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Jesus vielen Hilfe suchenden Menschen aus ihren Nöten geholfen hat. Also ist es richtig, wenn Christen sich um die Nöte ihrer Mitmenschen kümmern. Jesus aber beließ es nicht bei der erbetenen Hilfe.
Durch die vielen Heilungen und andere wunderbare Hilfen wurde Jesus sehr beliebt. Die Leute wollten ihn sogar zum König machen, lesen wir in Johannes 6,15. Aber Jesus entzieht sich diesem Wunsch. Er erklärt ihnen, dass er durch Hingabe seines Lebens zum Brot des Lebens für die Menschen werden muss. Das kommt gar nicht gut an. Die Massen wenden sich enttäuscht von ihm ab. Sie verstehen nicht, was er will.
Jesus arbeitete nicht wie ein Kaufmann nach dem Prinzip von Nachfrage und Angebot. Wer Waren anbietet, die keiner will, bleibt darauf sitzen. Jesus macht das Angebot der Versöhnung des gottvergessenen Menschen mit Gott, obwohl es eigentlich keiner zu brauchen meint. Er bleibt bei seinem Angebot. Und auch seine Boten wie der Apostel Paulus bleiben bei diesem Angebot:
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber … Darum bitten wir an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
2. Korinther 5,19-20
Bei diesem Angebot bleibe ich auch in diesem Buch. Ich möchte viele Fragen beantworten, die Menschen heute stellen. Aber ich möchte gleich zu Anfang darauf hinweisen: Wir Boten des Evangeliums von Jesus sind keine Händler, die Kunden gewinnen wollen. Darum leitet uns auch nicht der Grundsatz »Der Kunde ist König«.
Meine eigene Erfahrung ist, dass Jesus Antworten gibt, die bei mir die notwendigen Fragen wecken und viele meiner Fragen in eine neue Richtung gelenkt haben. Natürlich wünsche ich mir, dass Sie, meine Leser, sich auf diese Erfahrung ebenfalls einlassen. Testen wir das gleich mit der nächsten Frage: Wer bin ich?
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FRAGE 2
Wer bin ich?
Ich schaue in einen Spiegel, wenn ich wissen will, wie ich aussehe. Aber bin ich der, den ich im Spiegel sehe? »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?«, betitelte der Philosoph und Journalist Richard David Precht vor Jahren ein Buch, das ein Bestseller wurde. Ziemlich abgefahrener Titel, finde ich.
Wenn man sich bei Facebook anmeldet, kann man nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern zwischen über 60 Geschlechtern wählen. In der englischen Version sogar über 70. Verwirrend, oder?
Der Spiegel des Wortes Gottes hilft uns aus diesem Durcheinander. Bereits im ersten Kapitel der Bibel sagt Gott, wer wir Menschen nach dem Willen unseres Schöpfers sind:
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.
1. Mose 1,26-28
Der Mensch ist als Ebenbild, als Spiegelbild Gottes geschaffen. Das bedeutet nicht, dass wir wie Gott aussehen oder er wie wir. Aber wir sind das Gegenüber Gottes, wie ein Spiegelbild dem gegenüber ist, der in den Spiegel schaut. Das unterscheidet uns Menschen von allen anderen Geschöpfen in Gottes Schöpfung. Wir sind Gottes Gegenüber. Er spricht zu uns. Wir dürfen ihm antworten. Er beauftragt uns als Geschäftsführer über seine Schöpfung. Gott ist der Eigentümer. Wir seine Geschäftsführer. Er hat uns einen Auftrag gegeben. Wir sind ihm verantwortlich für die Ausführung. Wir sollen über die Welt herrschen. Das heißt nicht, sie rücksichtslos zu plündern. Wir sollen sie als den Garten Gottes bebauen und bewahren (1. Mose 2,15).
Der Schöpfer beauftragt uns Menschen nicht nur, er segnet uns auch. Er selbst will den Weg weisen, Kraft geben und schützen.
Und noch eins: Zur Gottebenbildlichkeit gehört, dass der Mensch als Mann und Frau geschaffen wurde. Die Unterschiedlichkeit und Gemeinschaft von Mann und Frau sind vom Schöpfer so gewollt, damit die Menschen Kinder bekommen können und so am Leben schaffenden Wirken des Schöpfers teilhaben.
Wenn wir in den Spiegel des Wortes Gottes schauen, erkennen wir, wer wir sind. Oder doch nicht? Wir erkennen, wie wir sein sollten. Wir erkennen, wie wir gewesen sind, bevor sich die ersten Menschen gegen ihre Berufung auflehnten. Sie wollten nicht nur Geschäftsführer Gottes über die Welt, sie wollten Eigentümer der Welt sein. Sein wie Gott! Die Bibel berichtet auch von dieser ersten großen Versuchung, der Menschen nachgegeben haben. Sie wollten es besser wissen als der Schöpfer (1. Mose 3). Und diese Besserwisserei ist unser Hauptproblem bis heute.
Wir wollen unser Leben selbst bestimmen. Mein Bauch gehört mir. Meine Zeit, mein Geld – alles gehört mir. Niemand hat das Recht, darüber zu bestimmen.
Wir alle wissen, wie erbittert um diese Selbstbestimmung gekämpft wird. Am Anfang und am Ende des Lebens erleben wir die härtesten Auseinandersetzungen. Muss es ein Recht der Frauen auf Abtreibung geben? Muss nicht jeder das Recht haben, sein Leben zu beenden, wann er will? Dieses Recht hat das Bundesverfassungsgericht in Deutschland gerade (2020) grundsätzlich festgestellt. Ein Dammbruch, meinen viele Christen. Ich auch.
Es wird zwar von vielen auch in der Politik davon geredet, dass sie ihr Handeln am »christlichen Menschenbild« orientieren wollen. Zum christlichen Menschenbild gehört, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, dass er dem Schöpfer verantwortlich ist und dass Gott uns in der Unterschiedlichkeit und für die Gemeinschaft als Mann und Frau geschaffen hat. Jesus hat das ausdrücklich bestätigt:
Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau und sprach (1. Mose 2,24):
›Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein‹? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!
Matthäus 19,4-6
Die Ehe ist nach christlichem Verständnis die von Gott gewollte Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau. Sie ist also nicht eine unter vielen Lebensformen, die wir wählen.
Mir ist bewusst, dass diese Aussagen im Widerspruch zu den Ansichten stehen, die in vielen Ländern auch durch staatliche Gesetzgebung Geltung haben. Das ist für uns Christen in den vom Christentum geprägten Ländern des Westens eine schmerzliche Entwicklung. In der Geschichte der weiten Welt ist das nichts Neues. Christen haben von Anfang an nach dem Wort Gottes gelebt und sich damit sehr oft im Gegensatz zu den Anschauungen und Gesetzen der Mehrheitsgesellschaft befunden. Sie haben die Konsequenzen getragen, auch wenn sie schmerzhaft waren.
Sie haben aber nie darauf verzichtet, den Menschen das Evangelium zu sagen. Evangelium ist die gute Nachricht, dass sich Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt, in Jesus Christus offenbart hat. Wir dürfen nicht nur wissen, dass er existiert. Wir dürfen auch wissen, wie sehr er uns liebt. Wir dürfen begreifen, dass er in Jesus in die Welt gekommen ist, um uns mit sich zu versöhnen. Unsere selbstherrliche Besserwisserei will er uns vergeben. Wir dürfen Kinder Gottes sein. Wir dürfen wieder als Gottes Geschäftsführer unter seinem Segen und nach seinen Wegweisungen unser Leben in der Welt führen.
Wir können wissen, wer wir sind, wenn wir in den Spiegel des Wortes Gottes schauen. Wenn wir das tun, werden wir auch die Welt neu sehen. Dabei können wir das viele Unrecht und Leid unmöglich übersehen. Schnell stellt sich die nächste Frage.
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FRAGE 3
Warum lässt Gott das alles zu?
Was alles? Das Sterben von Kindern, das Elend der Flüchtlinge in Kriegen, die bestialischen Folterungen in Gefängnissen und Straflagern, den Terror der Fanatiker, die Seuchen, die Hungersnöte, Erdbeben und Flutkatastrophen, die Willkür der Diktatoren, die Vergewaltigungen, die Ausbeutung der Machtlosen, die Schmerzen der Kranken und Sterbenden, die Depressionen und Selbstmorde, das Fressen und Gefressen-Werden. Warum lässt Gott das alles zu?
Stellen wir die Frage als Betroffene oder als Zuschauer? Wer klagt und fragt, weil er vom Leid im eigenen Leben und dem Leben anderer Menschen getroffen und verwundet ist, hat Gott an seiner Seite. Jesus schreit am Kreuz mit den Worten aus Psalm 22:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Psalm 22,2; Matthäus 27,46
Niemand darf diesen Schrei verbieten oder verurteilen.
Eine andere Sache ist es, wenn jemand als unbeteiligter Zuschauer das Elend der Menschen als wohlfeiles Argument gegen den Glauben an Gott gebraucht, ohne auch nur ernsthaft eine Antwort zu suchen und zu erwarten, auch ohne sich um die Linderung des Leidens zu bemühen. Für solche Frager gibt es in der Bibel unvermutet schroffe Antworten.
Das überraschendste Wort in der Bibel finde ich beim Propheten Amos. Er wirkte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts vor Christus im Norden Israels. In Amos 3,6 lesen wir die herausfordernde Frage:
Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht getan?
Gott lässt das Unglück nicht nur zu, er tut es. Keinen Augenblick versucht Amos zu erklären, dass Unglück nicht von Gott kommen könnte.
Im Psalm 46 lesen wir:
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge.
Psalm 46,2 ff.
Ausgerechnet in diesem Vertrauenspsalm lesen wir auch:
Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Psalm 46,9-11
In Diskussionen über diese Warum-Frage spüre ich oft die Erwartung, dass ich Gott verteidigen müsste. Gott muss doch gut sein und kann nichts Böses tun, oder? Es kommt mir ziemlich lächerlich vor, wenn jemand versucht, Gott so zu verteidigen. »Der tut nichts.« Das sagt ein Hundehalter, wenn jemand vor seinem großen Hund Angst hat. Soll ich im Ernst Gott auf diese Weise verteidigen, damit die Menschen ihn lieb finden?
Die Vorstellung vom sogenannten »lieben Gott« ist – mit Verlaub gesagt – eine gotteslästerliche Karikatur moderner Zeitgenossen. Sie meinen, Gott müsse sich nach ihren Vorstellungen anständig benehmen, wenn sie an ihn glauben sollten. Demgegenüber gilt der Satz:
Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.
Galater 6,7
Im Buch Hiob lesen wir, dass Gott dem Satan erlaubt, den gottesfürchtigen und gerechten Hiob mit entsetzlichem Leiden zu quälen und auf die Probe zu stellen. Zunächst sagt Hiob noch:
Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?
Hiob 2,10
Dann aber verflucht er den Tag seiner Geburt. Freunde Hiobs kommen, um ihm beizustehen. Das Beste, was sie machen:
… und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.
Hiob 2,13
Dann aber reden sie wie die Wasserfälle frommes Zeug – insgesamt neun lange Kapitel! Zum Schluss sagt Gott zu Elifas von Teman, einem der Freunde:
Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
Hiob 42,7
Gott befiehlt ihnen, Brandopfer darzubringen, um ihre Sünde zu bekennen, und Hiob um Fürbitte zu bitten. Gott streicht damit alle ihre frommen Reden durch. Ungültig.
Auf eine Beantwortung der Warum-Frage warten wir im Buch Hiob vergeblich. Stattdessen stellt Gott dem Hiob herausfordernde Fragen. So begegnet Hiob dem lebendigen Gott auf neue Weise. Seine Reaktion:
Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.
Hiob 42,5 ff.
Auch Jesus reagiert auf die Erwartungen von Menschen überraschend. Zwei verschiedene Reaktionen von Jesus werden in den Evangelien berichtet.
Im Lukasevangelium 13,1-5 lesen wir:
Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.
Was Schreckliches geschehen ist, können wir nur aus diesem Bericht erschließen. Der Gouverneur Pilatus hat offensichtlich mit einem brutalen Einsatz von Soldaten galiläische Pilger im Tempel umbringen lassen, als sie ihre Opfer darbrachten. Wie kann Gott ein solches Verbrechen im Heiligtum zulassen? Die Fragesteller scheinen geglaubt zu haben, dass die Galiläer furchtbar gesündigt haben müssten, wenn ihnen das zu Recht geschah. Wenn das Geschehen aber keine Strafe Gottes für die Galiläer war, warum wird dann Pilatus nicht für seine frevelhafte Entweihung des Heiligtums von Gott bestraft?
Jesus liefert keine Erklärung. Er dreht den Spieß um.
… wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.
Die Katastrophe in Siloah muss allen Anwesenden bekannt gewesen sein. Ein Turm stürzte ein und erschlug achtzehn Leute. Ein typischer Fall für die Frage: »Wie kann Gott das zulassen?« Auch hier spitzt Jesus alles auf die persönliche Mahnung zur Umkehr zu, anstatt die Warum-Frage zu beantworten.
Das Bedürfnis, Leiden als Strafe für Böses zu erklären, scheint allgemein menschlich zu sein. Es ist jedenfalls typisch für den religiösen Menschen. Ganze Religionssysteme sind darauf aufgebaut. Die Karma-Lehre in den asiatischen Religionen besagt, dass der Mensch durch das Tun des Guten gutes Karma sammelt, das sich später in einem guten Leben auswirkt. Wenn er Böses tut, erwirbt er schlechtes Karma. Das bewirkt notwendig leidvolles Leben und wird dadurch sozusagen abgearbeitet. So besteht für den Menschen wiederum die Möglichkeit, in einem nächsten Leben Besseres zu erleben. Wenn das stimmt, ist alles erklärt. Alles Leid ist selbst verschuldet – in einer früheren Existenz. Es muss erlitten werden, damit es später mal besser wird. Alles hat seine Ordnung. Man kann am Leiden der Menschen grundsätzlich nichts ändern. Beruhigend?
Als Pfarrer habe ich von Kranken oft den Satz gehört: »Was habe ich getan, dass ich so etwas erleiden muss? Wie kann Gott das zulassen?« Ich habe noch nie gehört, dass jemand sich beschwert hat, dass Gott ihm ungerechterweise einen schönen Urlaub, strahlende Gesundheit, eine berufliche Beförderung, eine intakte Familie gegeben hat, obwohl er sich gar nicht um Gott gekümmert hat.
Jesus hat einmal sehr drastisch gezeigt, dass Leid und Schuld nicht persönlich aufgerechnet werden dürfen.
Wir lesen im Johannesevangelium 9,1-7:
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Weder dieser noch seine Eltern haben gesündigt? Ist das theologisch korrekt? Jesus hat doch selbst gesagt, dass aus dem Herzen des Menschen Böses kommt,
Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft.
Markus 7,21 ff.
Davon ist doch keiner frei. Wir leben in der Welt nach dem Sündenfall. Ja, das stimmt.
Aber Jesus wischt die Frage der Jünger einfach weg. Die Logik hinter der Frage war klar. Wenn das Schicksal des Blindgeborenen eine Strafe für Sünde war, dann kann er selbst ja nicht der Verursacher gewesen sein. Also müssen seine Eltern schuld sein. Jesus erklärt gar nichts, er weist nach vorne:
… sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
Jesus selbst vollbringt an dem Blindgeborenen das Werk Gottes, nämlich die Heilung. Er tut es auf befremdliche Weise. Spucke, Erde, Matsch, Waschen am Teich Siloah. Warum mit dieser unappetitlichen Methode? Jesus hat sonst Blinde, Lahme und andere Kranke nur mit einem Wort geheilt. Die unangenehme, umständliche Prozedur kann nur ein Hinweis darauf sein, dass Jesus die eigentliche Heilung der Menschen durch sein Leiden und Sterben am Kreuz vollbringen wird. Nur wenn wir uns darauf einlassen, wie der Blindgeborene hier auf die von Jesus vollzogene und gebotene Prozedur, werden uns die Augen aufgehen und wir werden das Licht der Welt sehen und gerettet werden.
Aber noch etwas fällt auf. Jesus sagt:
Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Er redet nicht nur von sich. Er bezieht seine Jünger mit ein:
Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat …
Jesus macht aus den Zuschauern Mitarbeiter. Die Warum-Frage haben sie als Zuschauer im Vorübergehen gestellt. Sie wollten von Jesus die Erklärung für ein schwieriges Problem. Jesus verweigert die Antwort auf ihre Frage. Stattdessen handelt er an dem Blindgeborenen und kündigt an, dass seine Jünger in dieses Wirken Gottes einbezogen werden. Genau das hat Gott mit uns vor. Er will uns von Zuschauern zu beteiligten Mitarbeitern seiner Hilfe für die Menschen machen.
Mancher ist nicht zufrieden, dass die Frage unbeantwortet bleibt. Aber was wäre die Folge, wenn wir die Warum-Frage befriedigend beantwortet bekämen? Wir könnten uns beruhigt zurücklehnen und dem Elend in der Welt zuschauen, weil ja alles seine Ordnung hat. Genau das ist die Folge in Religionen und Weltanschauungen, die behaupten, die Frage nach dem Warum des Leidens für jeden Fall befriedigend beantworten zu können. Jesus befriedigt diesen Wunsch nicht. Die unbeantworteten Fragen brennen wie offene Wunden. Jesus beruft uns, an der Linderung der Not mitzuwirken. Und er rüstet uns dazu aus.
Zwei tiefe Erfahrungen in meinem Leben haben mir geholfen, mit den brennenden offenen Fragen leben zu können.
Als Jugendpfarrer erlebte ich, dass der vierzehnjährige Sohn meines guten Freundes bei einer Fahrradtour in unserem Sommerlager tödlich verunglückte. In der Nacht musste ich die Eltern im Urlaub in Italien informieren. Ich holte mir am nächsten Morgen bei der Polizei den Schlüssel zur Totenzelle auf dem Friedhof der Stadt im Sauerland. Ich stand allein an der Bahre. Der Junge lag unter einer Decke. Ich enthüllte seinen verletzten Kopf. Nie hatte ich zuvor in meinem Leben eine so schreckliche Situation erlebt. Ich weiß nicht mehr, ob ich geweint habe oder gar nicht mehr weinen konnte. Eins habe ich nicht vergessen, weil es mich in dieser Totenzelle neben dem Leichnam des Jungen überraschte: Ich war ganz gewiss, dass der auferstandene Jesus gegenwärtig war. Selten war ich seiner Gegenwart so gewiss wie an diesem Ort und in dieser schweren Stunde.
Die zweite Erfahrung musste ich Anfang 1985 in einem sudanesischen Flüchtlingslager an der Grenze zu Äthiopien machen. In Wad Kauly hatte sich damals in wenigen Tagen ein Lager mit etwa 50 000 Flüchtlingen aus Eritrea gebildet. Ich besuchte dienstlich einen deutschen CVJM-Mitarbeiter, der mit dem sudanesischen YMCA arbeitete. Er nahm mich auf eine zehn Stunden lange Autofahrt über staubige Pisten zu diesem abgelegenen Lager mit. Es gab dort nur wenig Wasser. Keine hygienischen Einrichtungen. Noch keine ärztliche oder sonstige Versorgung. Die YMCA-Mitarbeiter hatten mit einer Hilfsernährung für kleine Kinder begonnen. Ich begleitete einen Mitarbeiter durch das Lager. Plötzlich stand eine Frau vor mir und streckte mir ihr verhungerndes Baby entgegen. Ich konnte nicht helfen. Sie ging enttäuscht weg.
Dann sah ich, wie eine andere Frau einen Hirsebrei auf eine Kochplatte strich. Unter der Platte brannte ein Feuer. Sie zeichnete in den Teig auf der Platte ein Kreuz. Brot des Lebens.
Die Nacht brach herein. Ich lag auf einem Feldbett unter freiem Himmel. Ich konnte nicht schlafen. Plötzlich hörte ich Singen. Ein YMCA-Mitarbeiter neben mir sagte: »Es sind Christen. Sie singen das Lob Gottes.« In meiner Verzweiflung, gequält von der Hilflosigkeit angesichts des sterbenden Kindes, sah ich die Frau vor mir, die das Kreuz auf das Brot gezeichnet hatte, und hörte das Lob Gottes aus der Tiefe der Not gesungen. In dieser Nacht hatte ich keine Antwort auf die quälende Frage nach dem Warum. Aber ich begriff: In diese schreckliche Welt hat Gott das Kreuz gestellt.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an den glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Johannes 3,16 (eigene Übersetzung)
Das hat Jesus selbst gesagt. Und sein Kreuz mitten im Schrecken der Welt ist das Orientierungskreuz. Gott rettet. Jesus ist der Retter. Und er rettet uns, damit wir Mitarbeiter seiner Liebe in dieser Welt werden. In Wort und Tat.
In dieser Nacht begriff ich: Gott wird mir keine beruhigenden Antworten auf meine quälenden Fragen geben. Aber er hat mich durch Jesus gerettet, damit ich ihm und den Menschen diene. Es sollen die Werke Gottes an den Menschen offenbar werden. Jesus will uns an seiner Arbeit in der Welt beteiligen. So wirkt seine Liebe. Das bringt uns zu einem großen, aber auch missbrauchten Wort: Liebe. Damit beschäftigen wir uns in der Beantwortung der nächsten Frage.
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FRAGE 4
Kann denn Liebe Sünde sein?
Sünde – was ist das? Das versteht angeblich keiner mehr, behaupten vor allem Stimmen in den Kirchen. Darum sollte man den Begriff aus dem Wortschatz streichen. Das wundert mich. Denn von Diätsünden, Verkehrssünden, Umweltsünden ist dauernd und überall die Rede. Sünde ist also geradezu ein Modewort unserer Zeit.
Das heißt allerdings noch lange nicht, dass dieses Wort so gebraucht und verstanden wird, wie es nach der Bibel sein sollte. Wörter kommen mir vor wie die Einkaufswagen in den Supermärkten. Sie sehen alle gleich aus. Man nimmt sie und füllt sie mit den Waren, die man kaufen will. An der Kasse enthalten die Einkaufswagen dann sehr unterschiedlichen Inhalt. So ist es mit Wörtern. Sie klingen gleich, können aber unterschiedlichen Inhalt transportieren. Wenn der Inhalt schlecht ist, muss man nicht den Einkaufswagen dafür verantwortlich machen, sondern den Einkäufer.
Sünde ist ein Beziehungsbegriff. Das deutsche Wort bezeichnet Absonderung, Trennung. Die wichtigste Beziehung für das Leben jedes Menschen ist die Beziehung zu Gott, dem Schöpfer und Erhalter des Lebens. Ja, für jeden Menschen ist diese Beziehung die allerwichtigste. Denn jeder Mensch ist von Gott geschaffen. Keine Sekunde können wir leben, ohne dass Gott uns erhält. Das gilt auch für Gottesleugner. Dass Gott existiert, ist nicht davon abhängig, ob Menschen an ihn glauben. Weil Gott lebt, ist unser Leben aber immer von unserer Beziehung zu ihm bestimmt. Wenn diese Beziehung gestört ist, leidet unser Leben Schaden. Solche Beziehungsstörungen nennt die Bibel Sünde.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, was die Bibel sagt.
Gott hat uns zu seinem Ebenbild – zu seinem Gegenüber – geschaffen. Er hat uns in der Unterschiedlichkeit und Gemeinschaft von Mann und Frau geschaffen. Er hat uns als seine Geschäftsführer in der Welt beauftragt und gesegnet (1. Mose 1,27f.). Das wissen wir nur dadurch, dass Gott sich als Schöpfer offenbart hat. Die Offenbarung Gottes ist in der Bibel dokumentiert.
So aber gefällt uns Menschen diese Grundbeziehung nicht. Wir wollen Eigentümer, nicht nur beauftragte Geschäftsführer sein. Wir wollen selbstbestimmt leben. Wir behaupten: Mein Körper gehört mir. Meine Zeit gehört mir. Nur ich habe das Recht, darüber zu verfügen und zu bestimmen. Niemand sonst. Das aber ist Rebellion gegen Gott. Das ist die Hauptsünde.
Natürlich wollen viele Gott nicht völlig leugnen. Sie wünschen sich Gottes Hilfe und Segen. Aber sie meinen selbst am besten zu wissen, was gut für sie ist. »Höre auf dein Herz!«, heißt das verführerische und überzeugende Gebot heute.
Die Bibel beschreibt von Anfang an, was die Folgen dieser Rebellion sind: Kain beneidet und ermordet seinen Bruder Abel. Auf die Zerstörung der Gottesbeziehung folgt sofort die Zerstörung der Beziehung zwischen den Menschen. Wie eine losgetretene Lawine weitet sich die Zerstörung aus, wie es sich in Lamechs Rachewort zeigt (1. Mose 4,23f.). Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit enden in Zerstörung und Zerstreuung nach dem Turmbau zu Babel (1. Mose 11).
Auch die Beziehung des Menschen zu sich selbst wird zerstört. Wer sich selbst an Gottes Stelle setzt, wird von Neid, Geltungssucht, Hass auf andere und oft auch auf sich selbst zerstört. Selbstsüchtig, habsüchtig und maßlos plündert er die Schöpfung Gottes, anstatt sie zu bewahren.
Sünde ist Besserwisserei. Wir wollen besser als Gott wissen, was uns guttut und glücklich macht. Wir wollen mehr haben. »Hast du was, dann bist du was.« Gott aber sagt: Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht begehren, was dem anderen gehört! Wir meinen, es besser zu wissen als Gott.
Der Schöpfer hat uns alle sieben Tage Ruhe und Introspektion bei ihm verordnet. Wir aber missachten seine Lebensregel und hetzen uns zu Tode. Gott hat uns die Sexualität für den Schutzraum lebenslanger Liebe und Treue in der Ehe geschenkt. Wir aber meinen zu wissen, dass Sex vor und außerhalb der Ehe und auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern glücklich macht. Kann denn Liebe Sünde sein?
Die Besserwisserei des rebellischen Menschen führt dazu, dass er die Gebote Gottes missachtet. Aber nicht nur diese Missachtung ist Sünde. Im Gegenteil. Es gibt auch Gottesfeindschaft auf moralisch hohem Niveau. Das ist die Sünde der Anständigen.
Der Apostel Paulus war vor seiner Bekehrung zu Jesus ein Beispiel dafür. Er konnte von sich selbst sagen, er sei »nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen« (Philipper 3,6). Gerade deshalb hasste er die Jesus-Bekenner und die Botschaft vom gekreuzigten Messias Jesus. Er meinte, keine Gnade durch den stellvertretenden Tod des Messias Jesus zu brauchen. Seine Selbstgerechtigkeit war die Waffe seiner Gottesfeindschaft, obwohl er sie für ausgemachte Frömmigkeit hielt.
Man kann sich auf sehr verschiedene Weise in die verkehrte Richtung bewegen. Es geht mit dem Mercedes oder auf dem Fahrrad oder zu Fuß oder mit dem Zug oder Flugzeug. Die Art der Fortbewegung ändert nichts an der falschen Richtung. Sünde kann unmoralische und moralische Gestalt annehmen. Die Selbstgerechten konnten und können bis heute mit Jesus am wenigsten anfangen. Und Jesus hat ihnen nichts zu bieten. Er sagt ausdrücklich:
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.
Lukas 5,32
Ein reicher junger Mann behauptete, dass er die Gebote Gottes von Jugend an gehalten habe. Jesus bestreitet das nicht einmal. Aber offensichtlich ist der Besitz des Mannes sein Gott, der ihm Sicherheit und Ansehen garantiert. Als Jesus ihn zur Abkehr von diesem Götzen und in seine Nachfolge ruft, ärgert er sich über diese Zumutung und geht traurig weg. Ein total anständiger Mensch wird von Jesus als Götzendiener entlarvt. Und leider verliert Jesus den Kampf um diesen Kerl. Der Götzendienst der Habgier und des Geizes wird bis heute perfekt als Sparsamkeit und Anständigkeit getarnt. Die Besserwisserei der Anständigen vergeht sich am ersten Gebot: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.«
Jesus hat gesagt, dass er den Heiligen Geist senden wird.
Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht.
Johannes 16,8
Der Heilige Geist schafft, dass wir unser Leben im Licht Gottes sehen. Nur der Geist Gottes kann Sündenerkenntnis bewirken. Deshalb ist es völliger Unsinn, wenn gesagt wird, die Leute verstünden heute nicht mehr, wenn wir von Sünde reden. Die Leute haben das noch nie verstanden. Sie können es nur verstehen, wenn der Heilige Geist ihr Gewissen anrührt und aufweckt.
Weil Jesus mit der Wirkung des Geistes Gottes rechnet, redet er Klartext über Sünde:
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein.
Markus 7,21-23
Weil Paulus mit der Wirkung des Geistes Gottes rechnet, redet er Klartext über Sünde, die vom Reich Gottes ausschließt:
Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
1. Korinther 6,9-11
Schauen wir also in den Spiegel des Wortes Gottes, der uns in der Bibel vorgehalten wird! Und beten wir, dass der Heilige Geist unsere Gewissen anrührt, damit wir die Sünden in unserem Leben erkennen. Blinde Flecken sind eine tödliche Gefahr. Wenn das nicht so wäre, hätte Paulus nicht so scharf und klar an die Christen in Korinth schreiben und Sünden konkret benennen müssen.
Zuerst müssen wir vor der eigenen Tür kehren. Aber es ist unbedingt nötig, dass wir auch in der Verkündigung für Christen und Nichtchristen nicht um den heißen Brei herumreden, sondern Sünde Sünde nennen. Der Heilige Geist deckt nicht nur unsere Sünden auf, sondern lenkt unseren Blick auf Jesus, den gekreuzigten und auferstandenen Retter.
Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.
1. Johannes 1,8 ff.
Später werden wir uns der Frage zuwenden, wie wahre Liebe unsere Beziehungen heilt und stärkt. Zuvor sollen noch andere Fragen Raum bekommen.
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FRAGE 5
Gibt es Leben ohne Angst?
Ich schreibe diese Zeilen an einem Montagmorgen im März 2020. »Deutschland macht dicht«, titelte unsere lokale Tageszeitung an diesem Tag. Deutschland hatte seine Grenzen zu einigen Nachbarländern geschlossen. Die Angst vor dem Coronavirus ging um.
Angst ist normal. Ein Mensch, der keine Angst empfindet, ist krank. Die Angst ist ein eingebautes Alarmsystem des Menschen wie der Schmerz. Nicht schön, aber hilfreich. Der Schmerz signalisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es muss eine Ursache geben. Die muss man suchen und finden. Hoffentlich kann man sie beheben. Ich entsinne mich an ein Kind in der Familie eines Bekannten. Es hatte in Teilen des Kopfes kein Schmerzempfinden. Ein gefährlicher Tumor hatte sich gebildet, ohne dass der Junge Schmerzen spürte. Eine lebensbedrohliche Lage hatte sich entwickelt. Leider hatte keine Schmerzwarnung rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht.
Natürlich sind Schmerzen nicht schön. Niemand wünscht sie sich. Aber es ist lebensgefährlich, wenn man keine Schmerzen empfinden kann.
Ähnlich ist es mit der Angst: Sie signalisiert, dass es eng wird. Sie weist auf eine Gefahr hin. Gut, wenn man sie erkennt und bekämpfen kann. Dann braucht man einen kühlen Kopf und eine ruhige Hand. Verantwortliches Handeln ist gefragt. Panische Reaktionen sind keine Hilfe. In Panik tut man etwas, um etwas zu tun, und fragt nicht danach, ob es hilfreich ist. In Panik trampeln sich Menschen tot, weil sie so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone fliehen wollen. Angst kann aber auch lähmen. Das sprichwörtliche Kaninchen starrt wie gelähmt auf die Schlange. Angst macht uns dann unfähig, überhaupt etwas zu tun.
Wenn der Angst-Alarm losgeht, brauchen wir Mut. Mut heißt: Ich sehe Möglichkeiten, etwas gegen die Gefahr zu tun. Vor Jahren gab es in Deutschland einen Bestseller über die Angst mit dem Titel »Flüchten oder Standhalten«1. Ein Arzt und Psychotherapeut schrieb über die Einsamkeitsangst als die Grundangst der Menschen. Und er schilderte, wie wir vor dieser Angst fliehen. Wir machen andere Menschen von uns abhängig oder wir werden anderen Menschen geradezu hörig, um nur ja nicht alleingelassen zu werden. Wir flüchten vor der Angst und schaffen dadurch nur größere Probleme. Der Autor suchte nach Möglichkeiten, wie wir dem Druck dieser Angst standhalten können. Übrigens kann auch Flucht eine angemessene Reaktion sein, wenn man eine Zuflucht findet, die Geborgenheit bietet und nicht größere Probleme schafft.
Ein Alarmsystem kann aber auch gestört sein. Der Alarm geht los, ohne dass er durch eine tatsächliche Gefahr ausgelöst wird. In solchen Angstzuständen brauchen wir fachkundige ärztliche Hilfe. Auf diese Besonderheit kann ich hier nicht eingehen. Ich will aber nicht versäumen, darauf hinzuweisen und dringend zu empfehlen, die ärztliche Hilfe auch zu suchen.
Wer Menschen ein Leben ohne Angst verspricht, belügt und betrügt sie. Jesus hat gesagt:
In der Welt habt ihr Angst.
Johannes 16,33
Das sagte er am Abend vor seiner Hinrichtung. Es gab jede Menge Gründe, Angst zu haben. Die Gefahren waren real und nicht eingebildet. Jesus stellt fest, dass die Welt voller lebensbedrohlicher Engpässe ist. Sie lösen auch bei den Leuten, die Jesus folgen, Angst aus. Das leugnet Jesus nicht.
Was hat er dagegenzusetzen? Er sagt: »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.«
Müssen wir diese Behauptung nicht kritisch hinterfragen? In der gleichen Nacht hat Jesus aus Angst Blut geschwitzt. Die Bibel berichtet das ohne Beschönigung:
Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.
Lukas 22,44
Jesus geht im Gehorsam den Weg ins Leiden und Sterben. Erst nach seiner Auferstehung wird klar: Der Tod am Kreuz war keine Niederlage, sondern der Sieg der Liebe Gottes über die Zerstörungsmacht der Sünde, des Satans und des Todes. Gott selbst, der Richter, trägt in seinem Sohn Jesus das Gericht über die Sünde. Er geht stellvertretend durch den Engpass des Gerichtes Gottes. Er erleidet die tödliche Angst der Gottverlassenheit. So besiegt er die Mächte der Zerstörung.
Der Seelsorger Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) hat gedichtet:
Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht,
sein wird die ganze Welt.
Denn alles ist nach seines Todes Nacht
in seine Hand gestellt.
Nachdem am Kreuz er ausgerungen,
hat er zum Thron sich aufgeschwungen.
Ja, Jesus siegt, ja, Jesus siegt!
Was ist die Schlussfolgerung?
Es gibt kein Leben ohne Angst, weil das Leben in unserer Welt uns immer wieder in bedrohliche Engpässe führt. Seitdem ich mich an Jesus, den Sieger über die zerstörerischen Mächte, halte, habe ich eine Zuflucht. Bei ihm bin ich geschützt. Er hilft mir durch.
Mir hilft es sehr, dass die Bibel mir in den Psalmen die Sprache für meine Gebet leiht, wenn mir selbst die Worte fehlen. Hier einige Beispiele:
Die Angst meines Herzens ist groß (Psalm 25,17).
Und mein Geist ist in mir geängstet, mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe (Psalm 143,4).
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe (Psalm 22,12).
Und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst; erhöre mich eilends (Psalm 69,18).
Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad (Psalm 142,4).
Ich will nicht verschweigen, dass die Bibel auch harte Worte zu diesem Thema enthält. Psalm 53 beginnt mit dem Satz: »Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.« Dann werden schonungslos die Konsequenzen aufgezählt. In Psalm 53,6 heißt es: »Da erschrecken sie sehr, wo kein Schrecken ist.« Auch das müssen wir leider allzu oft beobachten. Wenn keine Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott unser Leben bestimmt, tyrannisieren uns Menschenfurcht und Ängste vor allem Möglichen und Unmöglichen.
Kaum einer wird bezweifeln, dass Angst ein großes Thema in unserer Zeit ist. Das Thema Glück aber steht auf der Rangliste wahrscheinlich noch davor. Vielleicht hängen sie sogar miteinander zusammen.
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FRAGE 6
Kann man Glück lernen?
Ich fuhr in einem ICE von Nürnberg nach Kassel und las eine Wochenzeitung. Ich saß am Gang. Das große Format der Zeitung zwang mich, das aufgefaltete Blatt nach links in den Gang zu halten. Die große Überschrift eines Artikels lautete: »Kann man Glück lernen?« Ich las voller Neugier, als hinter mir im Gang eine energische Stimme erscholl: »Nein. Hat man oder hat man nicht.« Ich fuhr herum und blickte in das Gesicht einer entschlossen den Kopf schüttelnden älteren Dame. Also nichts mit Lernen?
Der Zeitungsartikel berichtete von einem Lehrer, der an seiner Schule das Fach »Glück« eingeführt hatte. Ich erinnere mich, dass diese Idee Kreise gezogen hat. Die Schüler hatten sicher nichts dagegen. Ich meine auch, inzwischen etwas über vergleichende Studien gelesen zu haben. Schüler, die nicht mit diesem Schulfach beglückt wurden, seien auch nicht unglücklicher.
»Glück gehabt.« Das sagten Arbeitskollegen zu mir. Als Student arbeitete ich als Hilfsarbeiter auf dem Bau. An einem Vormittag hörte ich Schreie. Ich richtete mich von meiner Arbeit am Boden auf und drehte mich um. Hinter mir stand kerzengerade ein großer Holzbalken. Er fiel langsam um. Er war von hoch oben aus der Baukonstruktion herabgestürzt und direkt hinter mir aufgeschlagen. Einige Arbeitskollegen hatten beobachtet, dass der Balken direkt auf mich zusteuerte. Darum die Schreie, die ich nicht verstand. Das Geschoss verfehlte mich nur knapp. »Glück gehabt«, sagten die Kollegen.
Erst langsam wurde mir klar, was passiert war. Der Schrecken kroch mir nachträglich in die Glieder. Ich merkte, wie ich zitterte. Gott sei Dank! Seine Bewahrung war mein Glück.
Solche Glückserfahrungen wünscht man sich allerdings nicht wieder.
Damit wird deutlich, wie unterschiedlich wir von Glück reden. Wenn man Glück hat, löst das in der Regel Glücksgefühle aus. Gefühle aber sind nicht von Dauer. Der Psychotherapeut Viktor Frankl hat beschrieben, dass Glücksgefühle länger anhalten, wenn sie durch langwierige Mühen erworben wurden. Das Glücksgefühl auf dem Berggipfel nach stundenlanger anstrengender Bergwanderung ist andauernder als das Glücksgefühl, das der Verzehr eines Stücks Schokolade auslöst. Aber ob länger oder kürzer – Gefühle sind nie von unbegrenzter Dauer.
Die Deutsche Post stellt nicht nur Briefe und Pakete zu, sie erstellt seit einigen Jahren auch den sogenannten Glücksatlas. Sie titelte am Tage, an dem ich diese Zeilen schrieb, auf ihrer Internetseite: »Deutschland so zufrieden wie noch nie«.2
Dann las ich: »Noch nie war die Lebenszufriedenheit der Deutschen so hoch wie 2019. Sie liegt aktuell bei 7,14 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. Damit wird das Ergebnis von 7,05 Punkten aus dem Vorjahr um 0,09 Punkte verbessert. Das ostdeutsche Glücksniveau stieg sogar um 0,11 Punkte auf das Allzeithoch von 7,0 Punkten, der höchste Wert, der jemals seit dem Mauerfall vor 30 Jahren gemessen wurde. Der Glücksabstand zwischen West- und Ostdeutschland verringerte sich weiter auf aktuell 0,17 Punkte. An der Spitze des regionalen ›Glücksrankings‹ steht unangefochten Schleswig-Holstein, das Schlusslicht bildet erneut Brandenburg.«
Glück wird hier als Lebenszufriedenheit verstanden. Diese wird unter verschiedenen Gesichtspunkten bei den Menschen abgefragt: Wohnung, Arbeit, Familie, Einkommen, Gesundheitsfürsorge und anderes.
Die statistischen Durchschnittswerte sagen leider nichts darüber aus, dass Menschen auch in den glücklichsten Landesteilen so unglücklich sein können, dass sie sich das Leben nehmen. Und ob unglückliche Menschen durch einen Umzug von Brandenburg nach Schleswig-Holstein glücklicher werden, wage ich auch anzuzweifeln.
Doch wenden wir uns nun der Frage zu, ob der christliche Glaube glücklich macht.
Ich halte die Frage schon deshalb für berechtigt, weil Jesus die Bergpredigt mit der Serie von Seligpreisungen beginnt. »Selig sind …« lesen wir in der Übersetzung Martin Luthers. Die Sätze beginnen im griechischen Urtext des Neuen Testamentes mit dem Wort makárioi.
Glücklich sind, glücklich zu preisen sind, Gratulation denen … So müssen wir das verstehen.
Lesen wir Matthäus 5,1-12 und wir werden sehen, dass Jesus merkwürdige Vorstellungen vom Glück hat:
Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg
und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet
nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.
Selig sind, die Frieden stiften;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen
um meinetwillen schmähen und verfolgen
und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen. Seid
fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich
belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt
die Propheten, die vor euch gewesen sind.
Beschenkte sind glücklich
Die erste Seligpreisung ist der Schlüssel zu allen anderen. Geistlich arm bedeutet nicht unbedingt geistig arm. Gemeint sind Menschen, die vor Gott arm wie Bettler dastehen. Warum kann man denen gratulieren? Jede Art von Armut ist doch durch beklagenswerten Mangel gekennzeichnet, oder? Ja, aber wer sich seiner Armut vor Gott wie ein Bettler bewusst ist, der lässt sich von Gott beschenken.
Jesus sagt, dass den geistlich Armen das Himmelreich gehört. Die Königsherrschaft der Himmel – so steht es genau im griechischen Text – ist die Königsherrschaft Gottes. Aus Ehrfurcht vor Gott und aus Sorge, die Bezeichnung »Gott« zu missbrauchen, sprachen fromme Juden von den Himmeln, wenn sie Gott meinten.
Die Königsherrschaft Gottes können wir nur geschenkt bekommen. Wir können sie nicht erarbeiten oder kaufen. Mit diesem ersten Satz der Bergpredigt setzt Jesus das entscheidende Vorzeichen vor alle weiteren Aussagen.
Gott wird in Jesus Mensch. Er kommt in unsere Welt, um uns mit Gott zu versöhnen. Durch Jesus dürfen wir Gott kennen, die Vergebung der Sünden empfangen, in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, leben, die Kraft des Geistes Gottes erfahren, die Wegweisungen Gottes für ein gelingendes Leben kennenlernen, in der Gemeinschaft mit allen Kindern Gottes leben. Wir leben schon jetzt und hier durch Jesus in Gottes Königsherrschaft und wir werden in der zukünftigen Herrlichkeit Gottes Herrschaft ohne Leid, Krankheit und Sterben genießen.
Dieses Geschenk ist für alle Menschen da. Schlecht dran sind nur die Hochmütigen, die sich nichts schenken lassen. Das Geschenk Gottes ist nicht wie ein Hauptgewinn im Lotto, den nur einer oder wenige bekommen, während die meisten leer ausgehen. Das Geschenk ist für jeden. Darum gratuliert Jesus denen, die leere Hände aufhalten.
Glück trotz aller Schmerzen?
Ich hoffe, die erste Seligpreisung leuchtet ein, auch wenn sie unser Leistungsdenken gegen den Strich bürstet. Was aber soll man zu den nachfolgenden Gratulationen sagen? Wir erwarten doch wenigstens weniger Probleme und Schwierigkeiten, um glücklich zu leben, wenn wir schon nicht erwarten können, dass unser Leben ganz frei von Problemen und Schwierigkeiten ist.
Jesus aber gratuliert ausgerechnet denen, die Leid tragen, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit haben, weil es daran mangelt. Die Sanftmütigen werden garantiert von den Gewalttätigen misshandelt. Wer Frieden stiften will, muss Lösungen für kriegerische Auseinandersetzungen finden. Das ist kein Spaziergang. Reinheit des Herzens bedeutet Kampf gegen Lüge und Sexgier. Kein leichter Weg und schon gar nicht populär.
Das Gegenteil von Lebenszufriedenheit scheint erreicht zu sein, wenn Menschen um der Gerechtigkeit willen oder wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus verfolgt werden. Das schließt Mobbing und Schikane, Spott, Verlust des Arbeitsplatzes, Gefängnis, Folter und Vertreibung ein. Viele Tausend Christen müssen das heute erleben. Jesus preist sie glücklich. Wie das?
Eins muss man zugeben: Wenn Glück heißt, dass es im Leben keine Schmerzen und Belastungen gibt, dann ist es wohl bei Jesus nicht zu haben. Im Gegenteil. Wer die Liebe Gottes durch Jesus empfängt, wird zum Werkzeug der Liebe und des Friedens Gottes in dieser Welt. Er wird zum Lastenträger. Die Regel im Leben mit Jesus lautet:
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6,2
Flach, oberflächlich ist das Leben nicht, wenn es von Jesus bestimmt wird. Es hat Tiefe und Weite. Es hat Format und Perspektive. Und es gibt eine Freude, die nicht zu zerstören ist. Der Apostel Paulus saß im Gefängnis. Der Ausgang seines Prozesses war höchst ungewiss. Korruption und Beugung des Rechts waren normal. Und aus dieser Lage kann Paulus schreiben:
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Philipper 4,4
Damit bestätigt Paulus, was Jesus den Verfolgten sagt: Seid fröhlich und getrost!
Kann man Glück lernen? Eins kann man lernen: Wer Glück zum Hauptziel seines Lebens macht, wird es garantiert verfehlen. Glück ist eine Zugabe und Nebenwirkung. Seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gehört das Streben nach Glück zwar zu den unveräußerlichen Grundrechten des Menschen – neben Leben und Freiheit. Trotzdem sind wir nicht gut beraten, wenn wir das Streben nach Glück zum Hauptziel unseres Lebens machen. Klüger ist es, der Aufforderung zu folgen, die Jesus in der Bergpredigt so formuliert:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Matthäus 6,33
Gott wird uns alles, was wir für unsere Lebenszufriedenheit brauchen, geben, wenn wir seinem Einfluss in unserem Leben Vorrang vor allen konkurrierenden Ansprüchen geben. Wie sieht das praktisch aus? Zum Beispiel beim Thema Gesundheit.
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FRAGE 7
Hauptsache Gesundheit?
Gesundheit ist ein großes Geschenk. Wer dauernd gesund ist, weiß das in der Regel nicht zu schätzen. Er hält die Gesundheit zu leicht für selbstverständlich. Solche Oberflächlichkeit endet zu oft mit Schrecken. Plötzlich findet der Arzt bei einer Routineuntersuchung einen lebensbedrohlichen Tumor. Was nun? Wer Gesundheit zur Hauptsache erklärt, programmiert sich auf Zusammenbruch. Ich werde meine Gesundheit wie jeder andere auch irgendwann verlieren. Was ist dann die Hauptsache in meinem Leben?
Was der Standardwunsch bei Geburtstagen war – »Hauptsache Gesundheit!« –, wurde in der Coronavirus-Zeit zur täglichen, fast beschwörenden Grußformel: »Bleiben Sie gesund!«
Wir hatten uns mit der Illusion eingelullt, dass gegen jede Krankheit ein Heilmittel oder eine Heilmethode vorhanden ist. Dieses Sicherheitsgefühl bestimmte besonders die Menschen, die wie wir in Ländern mit vergleichsweise sehr guter medizinischer Versorgung leben. Dann trat das Coronavirus SARS-CoV-2 seine Reise um die Welt an. Kein Impfstoff schützte dagegen. Es gab keine erprobte Therapie gegen die dadurch verursachte Krankheit Covid-19. Die Experten mussten das eingestehen.
Angst breitete sich aus.
Ich postete am 25. März 2020 auf Facebook:
Ich höre und lese, dass die Alten durch das Coronavirus besonders gefährdet sind und deshalb geschützt werden müssen. Ich bin gestern 79 geworden und gehöre also definitiv zu dieser Gruppe. Ich gebe meinen Altersgenossen einen doppelten Rat:
1. Betet: ›Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahre … Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.‹ (Psalm 90,10.12)
2. Bekehrt euch zu Jesus Christus. Dann könnt ihr mit dem Apostel Paulus sagen: ›Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn‹ (Philipper 1,21). Jesus ist für uns am Kreuz gestorben und Gott hat ihn am Ostermorgen auferweckt. ER allein vergibt uns unsere Sünden und versöhnt uns mit Gott. ER hat den Tod besiegt. ›In Jesus hab ich hier das beste Leben und sterb ich, wird er mir ein besseres geben.‹
Da meine Altersgenossen meist nicht bei Facebook sind, empfehle ich den Jüngeren, diese Nachricht mit herzlichen Grüßen vorzulesen oder auszudrucken und weiterzugeben.
›Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht, sein ist die ganze Welt.‹ Gratulation allen, die sagen: ›Sein sind auch wir.‹ Halleluja!
In wenigen Tagen erreichte diese Nachricht über 39 000 Personen.
Wir sind noch mittendrin, während ich dies schreibe. Wie wird die Lage sein, wenn Sie, liebe Leser, dieses Buch in der Hand halten?
Was ist die Folge, wenn »Hauptsache Gesundheit!« nicht nur ein persönlicher Wunsch, sondern auch der wichtigste Maßstab für alles politische Handeln wird?
Nie da gewesen: Gottesdienste werden vom Staat verboten. Das Verbot wird von den Kirchen begrüßt. Bisher kannte man das nur aus Diktaturen. Im April 2020 fanden das 97 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gut. Freiheitsrechte wurden eingeschränkt – zunächst sogar ohne Zeitangabe.
Der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble antwortete in einem Interview mit der Berliner Zeitung DER TAGESSPIEGEL am 26. April 2020 auf die Frage nach den Maßstäben des politischen Handelns in dieser Krise:
Man tastet sich da ran. Lieber vorsichtig – denn der Weg zurück würde fürchterlich. Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.
Gesundheit wurde früher von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) so definiert: »Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.« Nach diesem Maßstab gibt es wohl nur Kranke und solche, die noch nicht zum Arzt gegangen sind.
In der Corona-Krise ging es aber offensichtlich vor allem ums Sterben. Beunruhigend waren ja nicht die vielen Fälle von Covid-19, die mit geringen oder erträglichen Symptomen verliefen, sondern die sehr schweren Fälle, die künstliche Beatmung nötig machten. Und von den künstlich beatmeten Patienten sind viele gestorben. In Deutschland sterben an jedem Tag durchschnittlich 2400 Menschen. Dass die im Zusammenhang mit Covid-19 Gestorbenen so große Angst auslösten, hängt wohl mit der Tatsache zusammen, dass gegen diese Krankheit keine Therapie und auch keine Impfung zur Verfügung standen. Die Hoffnung, bei schweren Verläufen das Sterben abwenden zu können, hatte keine hinreichende Begründung.
Wenn es keine Hoffnung über den Tod hinaus gibt, ist der Tod die endgültige Vernichtung aller Hoffnungen. Dann wird verständlicherweise die Verlängerung des Lebens ein so wichtiges Ziel, dass schon das Reden über das Sterben zum Tabu wird. Wer aber getrost sterben kann, wird auch zuversichtlich leben. Angesichts der panischen Angst in der aktuellen Seuchenzeit muss man fragen: Können viele nicht zuversichtlich leben, weil sie nicht getrost sterben können?
Jesus hat Massen von Menschen geheilt. Das ist unübersehbar, wenn man die Evangelien liest. Diese Heilungswunder werden in der Bibel »Zeichen« genannt. Sie sind Wegweiser. Wohin? Zur neuen Welt, die Gott am Ende der Zeit schaffen wird. Dem Apostel Johannes zeigt Jesus diese neue Welt. Er berichtet:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Offenbarung 21,1-4
Schon der Prophet Jesaja hat über 700 Jahre vor Jesus angekündigt, dass die Blinden sehen, die Tauben hören, die Gelähmten springen, die Stummen Gott lobsingen werden, wenn der Messias kommt (Jesaja 35,5-6). Als Johannes der Täufer im Gefängnis saß, schickte er Boten zu Jesus. Sie sollten ihn fragen, ob er der verheißene Messias war oder nicht. Jesus nannte den Boten die Erkennungszeichen, die Jesaja angekündigt hat (Matthäus 11,1-6).
So macht die Bibel überaus klar, dass Heilung und Gesundheit zu Gottes Plan mit der Welt gehören. Vollkommen gesund werden wir aber erst in Gottes neuer Welt sein. Auf dieses Ziel freuen wir uns, wenn wir Jesus nachfolgen. Unterwegs dahin erleben wir immer wieder Zeichen von wunderbarer Heilung – mit und ohne ärztliche Hilfe. Zeichen und Wegweiser sind nicht das Ziel, sie weisen den Weg zum Ziel.
Eines der stärksten Zeichen solcher Heilung tat Jesus im Jerusalemer Bethesda-Krankenhaus. In den Hallen um die Teiche lag unter den Kranken einer, der war seit 38 Jahren gelähmt. Jesus heilte ihn durch ein Wort. Jesus traf den Geheilten später auf dem Tempelgelände und sagte:
Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
Johannes 5,14
Was kann es Schlimmeres geben, als 38 Jahre gelähmt zu sein? Jesus sagt: Sünde. Sie trennt von Gott und bewirkt ewige Verdammnis. Man kann also körperlich topfit in die Hölle laufen.
Wir werden noch der Frage nachgehen, was nach dem Sterben kommt. Ob und wie wir diese Frage beantworten, hat für die Einstellung zum Leben vor dem Tod erhebliche Bedeutung. Wie wir in Corona-Zeiten gelernt haben, gilt das nicht nur für das Leben jedes Einzelnen, sondern auch für ganze Gesellschaften.
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FRAGE 8
Gott vielleicht – aber warum Jesus?
In diesem Kapitel kommen wir zur Kernfrage dieses Buches. Beim Lesen wird Ihnen aufgefallen sein, dass auch unter den anderen Fragen gute Gründe für den Glauben an Jesus geliefert wurden. Das wird auch in den folgenden Kapiteln so sein.
Ich bin allerdings immer wieder Menschen begegnet, die es für falsch hielten, alles auf den Glauben an Jesus zuzuspitzen. Das sei zu eng, ausgrenzend und schüre nur die religiösen Konflikte. Man solle allgemeiner den Glauben an Gott in den Blick nehmen. Dann könne man auch andere Religionen mit einbeziehen.
Andere können mit Gott gar nichts anfangen, finden aber Jesus inspirierend und vorbildlich. Sie preisen ihn als Lehrer der Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit. Aussagen, dass er Gottes Sohn sei, sein Tod am Kreuz zur Versöhnung mit Gott nötig sei, seine Auferstehung, Himmelfahrt und sein Wiederkommen zum Gericht – das alles seien nachträgliche dogmatische Erfindungen von Theologen. Vor allem Paulus wird verdächtigt, diesen ganzen dogmatischen Überbau erfunden zu haben. Er habe aus dem Lehrer Jesus den Sohn Gottes gemacht. Er und seinesgleichen hätten die heute völlig unverständlichen dogmatischen Konstruktionen entwickelt. Sie hätten dem unbegreiflichen Tod des Jesus von Nazareth dadurch eine positive Bedeutung geben wollen.
Solche Behauptungen sind nicht neu. Von Anfang an haben Feinde des christlichen Glaubens solche Vorwürfe erhoben. Seit fast dreihundert Jahren gibt es allerdings auch innerhalb der christlichen Kirchen eine heftige Auseinandersetzung um die Frage, wer Jesus wirklich war und welche Bedeutung er heute hat.
Die Bibel selbst lesen
Dieses Buch trägt den Titel »Jesus vertrauen«. Und ich behaupte sogar, dass es gute Gründe gibt, ihm zu vertrauen. Das setzt voraus, dass wir wissen, wer Jesus ist. Ja, sage ich, das wissen wir. Die vier Evangelien im Neuen Testament berichten über sein Leben, seine Worte und Taten, sein Leiden und Sterben, seine Auferstehung, Himmelfahrt und sein Wiederkommen zum Weltgericht.
Ich schlage Ihnen vor, die Evangelien im Zusammenhang zu lesen. Das Markusevangelium ist das kürzeste. Wenn man langsam liest, ist man in drei Stunden durch. Oder das Matthäusevangelium: vier Kapitel pro Tag und man hat in einer Woche die 28 Kapitel gelesen. Ja, es ist sinnvoll, kurze Abschnitte in Ruhe mehrmals zu lesen und zu bedenken. Aber auch durch das schnellere Lesen des ganzen Zusammenhangs gewinnen wir wichtige Einsichten.
Die Berichte der Evangelien sind eingebettet in die Vorgeschichte Gottes mit der Welt und dem Volk Israel, wie sie im Alten Testament dokumentiert wird. Wer Jesus ist, verstehen wir nur, wenn wir diesen Zusammenhang sehen. Darauf wird in den Evangelien immer wieder hingewiesen. Und die Wirkungen seines Kommens werden in den Schriften des Neuen Testamentes beschrieben. Wer also die Bibel liest, lernt Jesus kennen. Er findet darin die guten Gründe, ihm zu glauben.
Womit alles steht und fällt
Wie schon gesagt, haben Kritiker die biblische Botschaft schon immer angezweifelt und als Irrtum oder Lüge abgelehnt. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand und steht die Frage, ob Jesus wirklich vom Tode auferweckt wurde oder nicht. Der Apostel Paulus hatte zunächst die Jesus-Nachfolger und ihre Botschaft bekämpft. Dann begegnete er dem auferstandenen Jesus auf der Straße vor Damaskus und wurde sein wichtigster Bote.
Er schreibt in einem Brief an die Christengemeinde in Korinth, dass der Glaube leer und nichtig, die christliche Verkündigung Lüge und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten unbegründet sei, wenn Jesus nicht tatsächlich auferstanden ist. Und die Tatsache, dass Jesus am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist und begraben wurde, dass er am dritten Tage auferstand, wie es in den Schriften des Alten Testamentes angekündigt wurde, wird dadurch bestätigt, dass der auferstandene Jesus von verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten gesehen wurde. Zuletzt auch von Paulus selbst.
Paulus beschreibt im ersten Korintherbrief (Kapitel 15,1-20), dass damit der Glaube an Jesus Christus steht und fällt. Auch in den vier Evangelien finden wir die Berichte der Menschen, die als Schüler drei Jahre mit Jesus gelebt haben sowie Zeugen seines Todes und seiner Auferstehung geworden sind. Sie berichten, wie der Auferstandene selbst ihre hartnäckigen Zweifel überwunden hat.
Jeder Leser kann sich heute durch das Studium der Bibeltexte ein eigenes Bild machen. Er kann die Indizien prüfen, die für die tatsächliche Auferstehung von Jesus sprechen. Dann kann er entscheiden, ob er Jesus vertrauen will oder nicht. Ich schreibe in späteren Kapiteln über Indizien für die Auferstehung und darüber, wie Glauben und Wissen zusammenhängen.
Verwirrende Kritik an der Bibel
Jetzt will ich auf eine radikale Kritik an den Aussagen der Bibel eingehen, die in den letzten drei Jahrhunderten die Auseinandersetzung verschärft hat. In dieser Zeit hat sich in den Wissenschaften die Auffassung durchgesetzt, dass man die Welt so erforschen muss, als gäbe es Gott nicht. Das hat in vielen Bereichen seine volle Berechtigung, weil Gott nicht unter dem Mikroskop zu finden ist. Der Schöpfer ist nicht Teil seiner Schöpfung. Der Schreiner ist nicht Teil des Tisches, den er gebaut hat. Man kann vielleicht beim Betrachten des Tisches auf den Gedanken kommen, dass er von einem guten Handwerker gebaut worden ist. Aber der Schreiner ist nicht im Tisch. Wer will, kann seine Existenz leugnen und behaupten, der Tisch sei irgendwie zufällig zustande gekommen.
Ich finde folgende Tatsache aufschlussreich: Die modernen Naturwissenschaften wurden von Menschen wie Galileo, Kepler, Pascal, Newton, Faraday entwickelt, die an Gott glaubten und darum überzeugt waren, dass in seiner Schöpfung Gesetzmäßigkeiten zu erkennen seien.3 Sie glaubten nicht, dass Sonne, Mond, Erde und Gestirne Gottheiten waren, die man verehren müsse, aber nicht untersuchen dürfte. Das hatten sie durch das Lesen der Bibel gelernt. Schon im ersten Kapitel der Bibel werden Sonne, Mond und Sterne als Beleuchtungskörper beschrieben, die Gott erschaffen hat. Die Bibel bestreitet glatt, was die Religionen ringsum behaupteten, nämlich dass die Himmelskörper als Götter verehrt werden müssten, weil sie das Schicksal der Menschen bestimmten.
Wissenschaftliche Weltbetrachtung steht also nicht im Widerspruch zum Glauben an Gott. Im Gegenteil. Der Glaube an Gott inspiriert zur Erforschung der Welt. Und die Erforschung der Welt führt zum Lob Gottes, des Schöpfers und Erhalters der Welt.
Dann aber breitete sich in Europa die Vorstellung aus, dass Gott die Welt höchstens in der Weise geschaffen habe, wie ein Uhrmacher eine Uhr herstellt. Ist die Uhr gebaut, läuft sie, ohne dass der Uhrmacher eingreift. Von da aus war der Schritt schnell zu der Meinung getan, dass dieser Uhrmacher-Gott nur ein Lückenbüßer für Unwissende sei. Die Wissenschaft würde irgendwann auch ohne die Gottesvorstellung erklären können, wie die Welt entstanden ist.
Wenn man mit der Brille dieser Weltanschauung die Bibel liest, kann es Gott nicht wirklich geben, auch nicht sein Reden und Handeln in Natur und Geschichte, keine Wunder, keine Offenbarung Gottes durch Propheten, erst recht nicht durch den Sohn Gottes, Jesus Christus. Die Wunderberichte müssen aus dieser Sicht Erfindungen von Menschen sein, ebenso wie die Versöhnung der Welt durch den Kreuzestod und die Auferstehung von Jesus.
Aber solche Behauptungen haben eigentlich nichts mit Wissenschaft zu tun. Sie sind die logischen Folgen einer weltanschaulichen Entscheidung, einer Glaubensentscheidung. So haben wir es heute mit Wissenschaftlern zu tun, die die Existenz, das Reden und Handeln Gottes leugnen, und solchen, die an den lebendigen Gott, wie er sich in der Bibel offenbart hat, glauben.
Man müsste annehmen, dass Leute, die das tatsächliche Reden und Handeln Gottes leugnen, aus der Kirche austreten und sich vom christlichen Glauben distanzieren. Das tun sehr viele aber nicht. Sie sagen, es gehe beim christlichen Glauben gar nicht um Tatsachen, die in Natur und Geschichte geschehen sind. Es gehe um die Gefühle und Anschauungen, die gläubige Menschen in Legenden und Märchen ausdrücken und auch früher ausgedrückt hätten. Und irgendeine Wahrheit liege ja in jedem Märchen. Jeder könne in den vielen Geschichten, die in der Welt erzählt werden, die Wahrheiten finden, die ihn überzeugen und die er als hilfreich empfindet.
Ziemlich verwirrend, nicht wahr? So ist die Lage. Das Ringen um die Wahrheit bleibt niemandem erspart. Auch nicht die Entscheidung für oder gegen den Glauben an den lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat.
Pulsuz fraqment bitdi.