Kitabı oxu: «Motte und Co Band 4: Die Insel der Drogenbande»

Şrift:

Ulrich Renz

Die Insel der Drogenbande



Sefa Verlag Lübeck

„Die Insel der Drogenbande“ ist der vierte Band der Kinderkrimi-Serie „Motte & Co“, www.motte-und-co.de

Weitere Bände der Reihe:

 Band 1: „Auf der Spur der Erpresser“

 Band 2: „Auf der Jagd nach Giant Blue“

 Band 3: „Blutspur“

1. Auflage September 2020

© 2020 by Sefa Verlag, Lübeck, www.sefa-verlag.de

Umschlaggestaltung: Ponke Grabo, Berlin,

www.ponkegrabo.de

Font Coverlogo „Motte & Co“: „Refurbished“,

© Billy Argel, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Der Refrain des von den „Jüngern der weichen Welle“ gesungenen Liedes stammt aus dem Song „Das weiche Wasser“ der Gruppe Bots (Musik: Hans Sanders)

ISBN 978-3-945090-54-1

Steckbriefe
Motte & Co

Name: Moritz Blohm,

genannt Motte

Alter: 13

Besondere Kennzeichen:

eigentlich keine

(wie er selber meint)

Name: Simon Böttcher

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: verträumter Naturfreak, Schwarm aller Mädchen, kleines Sprachproblem

Name: Mariekje Marienhoff, genannt MM

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: meerblaue Augen, Mathegenie und Computerfreak

Name: Jochen, genannt JoJo

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: Großmaul mit Übergewicht. Was Kleidung und Frisuren angeht „dem Trend immer einen Schritt voraus“

Name: Ute Blohm

Alter: gerade 12 geworden

Besondere Kennzeichen: Schwester von Motte. Ziemlich frühreif, steht gerne vor dem Spiegel, quasselt alle an die Wand.


Steckbrief Autor

Name: Ulrich Renz, genannt U

Alter: mittelalt

Besondere Kennzeichen: liebt schwäbische Spätzle, hat einen Zwillingsbruder, macht gerne Musik, war einmal Arzt, schreibt jetzt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Mehr unter www.ulrichrenz.de

Inhalt

Steckbriefe Motte & Co

„Das glaubt uns doch sowieso niemand“

Wie alles anfing

Wunder geschehen auch heute noch

Sonne, Sand und Hängematte

Die Strammscheitel

Schuss ins Schwarze

Überdosis

Das Riesenbaby

Hiermit erkläre ich …

Nur eine Rettungsübung

Die Razzia

Der Junkie

Die Abrechnung

Ein Altbekannter

Eis unter der Erde

Der tote Briefkasten

Im Strandcafé

Hausarrest

Das Haifischparadies

Voll entspannt im Aquapark

Die Fahrt auf der Banane

Der richtige Schluss

Wie im Krimi

Abschied

„Ich hab‘s ja gesagt, das glaubt uns sowieso keiner“

Mehr Motte ...

„Das glaubt uns doch sowieso niemand“,

sagte MM mit einem breiten Grinsen.

„Und Siegwart schon gar nicht“, sagte Motte. Auch er hatte ein Grinsen im Gesicht, genauso wie Simon, der aber kein Wort verlor, sondern sich nur die blonde Mähne aus dem Gesicht schüttelte und weiter mit den Füßen schlenkerte.

JoJo war der einzige, der die gute Laune seiner Freunde nicht zu teilen schien. „Was Siegwart meint, ist mir doch egal! Es ist schließlich so passiert, ob er's glaubt oder nicht“, brummte er und strich sich durch die Haare, die er neuerdings wachsen ließ. Von seinem Ziel, sie oben zu einem Knoten zusammenzudrehen, war er aber noch ziemlich weit entfernt. Wenn man ihn fragte, warum er sich gerade diese Frisur ausgedacht hatte, bekam man keine klare Antwort, aber seine Freunde lagen mit der Vermutung, dass es etwas mit dem coolen Surflehrer vom Ferienclub zu tun hatte, sicher nicht falsch. Chrissy, wie ihn alle genannt hatten, war von so ziemlich allen Mädchen heiß umschwärmt gewesen, ganz besonders natürlich von Mottes Schwester Ute. Das lag aber nicht nur an seiner angesagten Frisur, sondern auch an seinem Körperbau. Und da war JoJo, klein und dick wie er war, von vorneherein auf verlorenem Posten.

Die vier Freunde saßen nebeneinander auf dem Geländer in einer Ecke des Parkplatzes vor dem Supermarkt, wo sie nach der Schule immer eine kleine Pause einlegten, bevor sich jeder auf seinen Nachhauseweg machte.

„Jetzt krieg dich doch ein“, sagte Motte zu JoJo, „wart doch erstmal ab, wie Siegwart reagiert.“

„Klar denkt er, wir hätten uns das alles zusammen ausgedacht“, sagte MM. „Kann schon sein, dass er uns dafür ein paar Punkte abzieht, er ist ja so darauf rumgeritten, dass wir einen Tatsachenbericht schreiben sollen und keine Fantasiegeschichte …“

„Und dass ihr mir bloß nichts dazuerfindet, meine Damen und Herren“, äffte Motte den Deutschlehrer in dessen merkwürdigem Singsang nach. „Das Thema heißt: Ein unvergessliches Ferienerlebnis, jeder schreibt drei Seiten Minimum.“

„Ich werde ihm dann schon klarmachen, dass es nun mal genau so passiert ist, ob's ihm passt oder nicht!“, platzte es aus JoJo heraus. „Schließlich gibt es ja auch Beweise.“ Mit beleidigtem Gesicht fügte er hinzu: „Als ob ich es nötig hätte, mit irgendwelchen erfundenen Geschichten anzugeben“, und zwirbelte wieder an seinen Haaren herum.

„Ist doch logisch“, beschwichtigte ihn Motte, „wir schreiben alles genau so, wie es passiert ist …“

„Aber …“, unterbrach ihn MM, „eins ist doch wohl klar: kein Wort zu dem, was am Schluss passiert ist, ja?“

„Was denkst du denn?! Abgemacht ist abgemacht“, gab Motte zurück.

„Wollte das nur noch mal für uns alle klarstellen“, sagte MM und zwinkerte dabei JoJo zu. „Nicht, dass jemandem der Stift durchgeht. Bei der Banane ist Schluss, okay?“

„Klar, bei der Banane ist Schluss“, sagte Motte.

„Logo, bei der Banane ist Schluss“, brummte JoJo.

„Banane … Schluss“, murmelte jetzt auch Simon.

MM sprang von der Stange. „Ich muss los.“ Sie umarmte die Jungs einen nach dem anderen, Motte erst ganz am Schluss, dafür ein bisschen länger. „Also dann, viel Spaß beim Schreiben!“

Sie setzte sich auf ihr Fahrrad. Im Wegfahren drehte sie sich noch zu JoJo um: „Und nichts dazu dichten – es reicht auch so für einen Herzinfarkt von Siegwart …“

„Hör mal … kennst mich doch …“

„Ja, eben.“

***

Zwei Stunden später lag Motte in seinem Zimmer auf seinem Lieblingsplatz, dem weißen flauschigen Teppich unter dem Hochbett, und starrte auf das leere Heft, das aufgeschlagen vor ihm lag. Er wusste einfach nicht, wie er anfangen sollte. Und das ging jetzt schon eine ganze Stunde so.

Bisher hatte er nur seinen Namen links oben auf die Seite gekritzelt, aber das war auch schon alles. „Moritz Blohm, Klasse 7 c“. Wie immer kam es ihm ein bisschen komisch vor, seinen offiziellen Vornamen vor sich zu haben. Seit Menschengedenken nannten ihn nun mal alle nur Motte.

Gut, Siegwart hatte ihnen eine ganze Woche Zeit gegeben, er war also nicht wirklich unter Druck, aber irgendwann sollte er schon mal in die Gänge kommen. Die anderen hatten bestimmt schon ein paar Seiten geschafft, zumindest MM, und Simon sicher auch. Bei JoJo hatte er allerdings seine Zweifel, der saß jetzt vermutlich eher an seinem Spiel vor der Playstation und zog sich dazu einen Döner rein. JoJo hatte einfach zu viel Ablenkung, um sich mit Hausaufgaben zu beschäftigen. Und wenn seine Mutter abends nach Hause kam, hatte sie anderes zu tun als die Schularbeiten ihres Sohnes zu kontrollieren. Am Ende würde es wie immer auf eine seiner berühmten „Last-minute-Hausaufgaben“ hinauslaufen, kurz vor der Deutschstunde würde er die von Siegwart geforderten „drei Seiten Minimum“ hinklecksen und sich mit dem üblichen „ausreichend“ zufriedengeben.

Motte stöhnte. Er hatte ja selber noch keinen Buchstaben zustande gebracht, und jetzt zog er über JoJo her ... Das Problem war nicht, dass ihm nichts eingefallen wäre – genau das Gegenteil war der Fall. Sobald er an den Urlaub dachte, drängelten sich tausend Bilder und Erinnerungen gleichzeitig in seinen Kopf, er konnte einfach nichts dagegen machen. Es fühlte sich fast so an, als ob er immer noch auf der Insel wäre.

Er spürte die Sonne auf der Haut, den warmen Sand unter den Fußsohlen, fühlte den Wind in den Haaren, und meinte sogar, das Meer zu riechen. Er sah den Campingplatz vor sich, wo sie sich ihr Lager eingerichtet hatten, mit den vier Hängematten zwischen den Kiefern. Es war ihm, als läge er in einer von ihnen und hörte die Wellen rauschen. Er dachte an die Bucht mit dem türkisgrünen Wasser, in das sie immer von den Felsen aus reingesprungen waren.

Aber zwischen all den schönen Bildern tauchten dann unweigerlich auch die anderen auf: der fiese Leutnant mit der Narbe an der Stelle, wo das Ohr sein sollte. Das Waffenlager hinter dem Stahlgitter. Die Fahrt auf der Banane. Und dann unweigerlich auch das, was am Ende auf der Yacht passiert war.

Motte spürte sein Herz klopfen. Was für ein Wahnsinnsglück sie gehabt hatten, dass sie da heil wieder rausgekommen waren!

Seinen Eltern hatte er von der Sache auf der Yacht nur das Allernötigste erzählt, in einer harmlosen, aber fantasievollen Fassung. Aber das hatte schon für einen Nervenzusammenbruch von Mama gereicht. Und Papa hatte gar nicht mehr aufgehört, ihm Vorträge über das Verantwortungsbewusstsein zu halten. Dass man auch als Kind seine Grenzen kennen müsse. Er hatte ihn mal wieder als „Rückfalltäter“ bezeichnet, und, na ja, ganz unrecht hatte er ja nicht. Er wusste selber nicht, warum er immer wieder in solche gefährlichen Sachen hineingeriet ...

Motte seufzte. Jetzt war er in Gedanken schon am Schluss der Geschichte angekommen – und hatte immer noch nicht die geringste Idee, wie er anfangen sollte. Vielleicht könnte er zumindest mal die Überschrift hinschreiben, dann war das Blatt nicht mehr so weiß.

Er hatte gerade den Stift angesetzt, als mit einem Rums die Tür aufging.

Ute, wer sonst. Anklopfen war unter ihrer Würde.

„Na, Brüderchen?“

Ihrem Gesicht nach zu urteilen, kam sie gerade von ihrer Freundin Melanie und hatte mit ihr den Nachmittag vor ihrem aktuellen Lieblingskanal auf YouTube verbracht, „Coole Styling Tipps für coole Girls“, und den ganzen Kram natürlich gleich ausprobiert: kiloweise Mascara um die Augen, dazu lila Lippenstift. Sie sah zum Fürchten aus. Dazu trug sie die gelben Leggins und ein Oberteil mit extra krassem Ausschnitt. Und Turnschuhe. Offenbar hatte sie sich schon fürs Abendprogramm auf ihrem Hometrainer zurechtgemacht, den sie Oma Biene zu Weihnachten aus den Rippen geleiert hatte. Sie musste schon für die Wochenenden im Freibad an ihrer „Bikini-Figur“ arbeiten. Auch das unter Anleitung einer megaangesagten YouTuberin, der sie mit Melanie „followte“. Mit zwölf schon auf dem Gipfel der Pubertät zu sein, musste weh tun. Jedenfalls tat es das bei denen, die mit dabei sein mussten.

„Wir sollen einen Aufsatz über unsere Ferien schreiben, bei Frau Linowitzki in Deutsch“, platzte sie schon in der Tür heraus.

„Ach, wie originell …“, gähnte er.

„Hab vorhin in der Mensa schon angefangen, flutscht richtig, hab schon zwei Seiten, hat richtig Spaß gemacht! Irre, was wir da erlebt haben, ich kann's immer noch nicht fassen. Aber die glaubt’s ja sowieso nicht … Aber egal. Heute Abend krieg ich das fertig.“

„Aber untersteh dich! Du weißt, was wir ausgemacht haben. Bei der Banane ist Schluss, dass das klar ist.“

„Ach, muss Brüderchen sich mal wieder aufregen? Für wen hältst du mich eigentlich? Ich bin vielleicht jünger als du, aber deshalb noch lange nicht bescheuert. Und danke für die Unterstellung, dass ich mich nicht an Abmachungen halte …“

Mit einem lässigen „Schön abregen, Brüderchen“ war sie wieder draußen.

Motte atmete tief durch. Wenn nur ihre Parfümwolke auch mit verduftet wäre.

Er beugte sich wieder über sein Heft.

Aber sobald er die leeren Seiten vor sich hatte, ging wieder das Kopfkino los: Das zerfurchte Gesicht des Rastamanns tauchte auf, der bleiche Junge mit der orangenen Badehose auf der Trage, das flackernde Blaulicht der Polizeiwagen …

Mottes Gedanken wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. So leise klopfte nur Mama. Und die hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Mit einem gut vernehmbaren Stöhnen ließ er ein „Herein“ hören. Sie würde ja sowieso nicht lockerlassen.

„Ich will ja nicht stören, aber …“ Ihr Blick hatte schon das leere Heft erfasst. „... wollte doch mal schauen, wie du mit der Hausaufgabe von Siegwart zurechtkommst. Ich mach mir nämlich ein bisschen Sorgen …“

Mama mit ihren Sorgen. Es schien ihr Lebensinhalt zu sein, sich Sorgen um ihre Kinder zu machen.

Er ließ ein genervtes „Ja?“ hören. „Ich wollte jetzt eigentlich endlich mal anfangen …“

„Du, vielleicht ist es ja ganz gut, dass du noch nicht angefangen hast … Weißt du, ich hab mir überlegt … diese ganze Sache mit den Drogen … und dieser Bande … Willst du wirklich darüber schreiben? Ich meine … es ist jetzt alles noch so frisch, du hattest noch gar keine Zeit, das richtig zu verarbeiten. Weißt du, du bist jetzt in so einer sensiblen Phase, so am Anfang der Pubertät, auch für Jungs ist das keine leichte Zeit …“

Mama wieder mit ihrer Pubertät, definitiv ihre Lieblingssorge. „Ach Mama, es ist nun mal so passiert, und ich bin schließlich kein kleines Kind mehr.“

„Natürlich nicht, aber was ihr da durchgemacht habt, wäre auch für einen Erwachsenen eine große Belastung. Lass doch das mit der Drogenbande weg, ihr habt doch auch sonst so viel erlebt. Und so viel Schönes! Du könntest zum Beispiel über diesen netten Ausflug in das Städtchen schreiben, wo wir diese Stadtführung gemacht haben, das war doch so schön, weißt du noch, …“

„Mama …“

„... wie wir dann am Abend noch am Hafen in diesem Eiscafé gesessen haben und die Griechen so wunderbare Musik gemacht haben? Und dann dieser Sonnenuntergang …“

„Mama, wen interessiert das denn?“

Sie schaute Motte mitleidsvoll an, wie wenn er schlimm krank sei. „Weißt du, es war einfach zu heftig. Wenn du willst, schreibe ich dir eine Entschuldigung, dass du die Hausaufgaben nicht machen konntest.“

„Mama, ich schreibe über diese Ferien, und zwar so, wie sie waren.“

Sie hatte offenbar verstanden – und auch seinen Blick zur Tür richtig interpretiert. „Vielleicht hast du ja recht. Wahrscheinlich weißt du selber am besten, was dir guttut. Vielleicht hilft dir gerade das Schreiben dabei, alles zu verarbeiten.“ Sie ging zur Tür. „Dann will ich dich jetzt nicht länger stören.“

Im Hinausgehen warf sie noch einmal einen Blick auf das leere Heft. „Weißt du, wenn man ein bisschen durcheinander ist, hilft es manchmal, wenn man alles stur der Reihe nach sortiert. Einfach ganz am Anfang anfangen und dann eins nach dem anderen, stur der Reihe nach.“ Sie machte die Tür leise hinter sich zu.

Vielleicht hatte Mama ja recht. Stur der Reihe nach.

Er zog das Heft zu sich heran, nahm den Stift in die Hand und schrieb mit großen Buchstaben: „EIN UNVERGESSLICHES FERIENERLEBNIS“

1. KAPITEL

Wie alles anfing

Eigentlich hat alles schon lange vor den Ferien angefangen, ich kann mich noch genau an den Moment erinnern. Es war kurz nach Ostern, wir saßen abends am Tisch und waren gerade mit dem Abendessen fertig. Ich erinnere mich sogar noch, was es gegeben hatte, einen Kartoffel-Zucchini-Auflauf aus Mamas neuester Koch-Zeitschrift „Volles Rohr Öko“. Der Auflauf sollte, wie Mama uns vor dem Essen vorlas, „eine neue Epoche des Geschmackserlebnisses einleiten“. Wo in anderen Familien ein Tischgebet gesprochen wird, werden bei uns Rezepte verlesen, und zwar mindestens genauso feierlich. Das versprochene Geschmackserlebnis fand ich persönlich aber nicht so umwerfend. Wegen mir musste eigentlich keine neue Epoche anfangen.

Wir saßen also nach dem Abendessen am Tisch und ich wartete schon auf den Startschuss zum Aufstehen. Der kommt bei uns immer von Papa, er murmelt dann ein kaum hörbares „Also dann …“, und schon ist er zur Tür raus. Diesmal blieb Papa aber einfach sitzen und sagte gar nichts. Irgendwas war da merkwürdig. Ich schaute zu Mama – sie hatte eine geheimnisvolle Miene aufgesetzt und rutschte auf ihrem Stuhl herum.

„Und jetzt lasst uns mal den Sommerurlaub planen“, sagte sie unvermittelt. So verschwörerisch wie sie dabei Papa anschaute, war schon klar, dass die beiden sich etwas ganz Besonderes ausgedacht hatten. Sommerferien, das hieß bei uns so lange ich denken kann: drei Wochen in dem hellblauen Ferienhäuschen am Staffelsee. Nicht, dass ich jetzt meckern wollte, wir hatten es immer schön am See, aber ich habe mir schon manchmal gedacht, dass wir auch mal ganz woanders hin gehen könnten, irgendwo weiter weg. Besonders dann, wenn meine Mitschüler nach den Ferien in der Klasse von Safaris in Afrika, Trekking-Touren durch Nepal und Schnorcheln im Roten Meer erzählten und auf den Handys die Bilder dazu zeigten.

„Wir haben uns gedacht …“ Mama schaute wieder zu Papa und machte eine Pause. Wahrscheinlich wollte sie es damit extra spannend machen. „Sag du, Reinhard!“

„Nein du, Solvejg, du hast das doch alles so schön ausgesucht.“

„Also wir dachten, dass wir mal in den Süden fahren könnten …“

Süden, das klang schon mal gut. Obwohl der Staffelsee ja eigentlich auch im Süden lag.

„... ans Mittelmeer …“

Das klang jetzt schon viel besser.

„... nach Griechenland – da scheint jeden Tag die Sonne.“

„Und vor allem“, übernahm Papa mit einem beglückten Gesichtsausdruck, „gibt es dort Kulturschätze ohne Ende zu besichtigen. Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur – das habt ihr doch bestimmt schon im Geschichtsunterricht gehabt. Und ihr habt bestimmt schon von der Akropolis gehört – und dem Parthenon-Tempel. Und vom Hephaistos-Tempel und dem Tempel der Aphrodite.“ Er konnte gar nicht mehr aufhören mit seinen Tempeln.

„Ich will keine Tempel besichtigen, ich will chillen!“

Klar musste das jetzt von Ute kommen. Chillen war ihr neuestes Lieblingswort, neben „krasser Shit“ und „voll heftig“. Vermutlich hatte sie das von ihren YouTuberinnen. Da wir zuhause keine Smartphones oder sonstigen elektronischen Medien benutzen dürfen, weil Mama Angst vor der Strahlung und vor allem um unsere geistige Entwicklung hat, verbrachte Ute jetzt jede freie Minute mit Melanie und deren Smartphone, das natürlich voll heftig und krasser Shit und alles war. Bei dem, was bei ihr vom Verblödungsfaktor her rausgekommen war, musste man Mama eigentlich Recht geben.

„Aber natürlich darfst du auch ausspannen, Ute“, sagte Mama, „die Ferien sind ja dazu da, wieder richtig Energie zu tanken, gerade in der Pubertät ist das besonders wichtig.“

„Pubertät, von lateinisch pubertas, Geschlechtsreife“, murmelte Papa. Er hat diesen Tick, dass er jedes Fremdwort erklären muss.

Mama hatte jetzt einen bunten Prospekt in der Hand und faltete ihn feierlich auf.

„Wir haben da was ausgesucht, auf einer Insel, die soll eine der schönsten von ganz Griechenland sein. Eine Ferienanlage mit einem ganz neuartigen Konzept.“ Sie las vor: „Eine Kombination von Entspannung und Aktivurlaub. Die großzügig gestaltete Anlage liegt mitten in unberührter Natur.“ Sie legte den Prospekt auf den Tisch und strahlte uns an. „Schaut euch das mal an!“

Die Bilder sahen wirklich super aus: Auf der Luftaufnahme waren nette weiße Häuschen zu sehen, die sich um zwei türkisgrüne Swimmingpools gruppierten, ganz in der Nähe lag das Meer mit einem weiten Sandstrand.

„Und jetzt kommt’s“, fuhr Mama fort. „Für den kostenbewussten Urlauber ist ein wunderschöner Campingplatz angeschlossen.“

„Ich will nicht auf den Campingplatz“, heulte Ute los, „ich verbring doch meinen Urlaub nicht irgendwo auf dem Acker! Ich will auch am Pool chillen und schick essen gehen!“

„Das ist ja gerade das Tolle“, sagte Mama geduldig, „wir können alles nutzen, was die Anlage zu bieten hat, Swimmingpool, Cafés und das Restaurant. Aber wir müssen nicht in den teuren Appartements wohnen. Das könnten wir uns einfach nicht leisten, die Flüge kosten ja schon ein Vermögen.“

Gelegenheit für Papa, seine altbekannte Botschaft loszuwerden, dass wir „den Gürtel nun mal enger schnallen“ müssten, weil wir doch noch unser Haus abzubezahlen hätten. „Und das kostet uns jeden Monat fast tausend Euro.“ Eigentlich eine traurige Botschaft, aber er machte dabei einen ganz vergnügten Eindruck. Sparen ist sowas wie sein Lieblingssport.

„Alles steht uns offen“, fuhr Mama fort, „und natürlich dürfen wir auch den Strand nutzen. Und abends essen wir in diesem tollen Restaurant, da gibt es sogar Bio-Essen!“ Sie blätterte weiter. „Und hört euch das an, es gibt da auch ein Clubprogramm: ‚Für die aktive Freizeitgestaltung für alle Altersgruppen ist gesorgt, von Aerobic, Bogenschießen über Surfen, Schminkkurs bis Yoga und Zumba! Und jeden Abend ein buntes Unterhaltungsprogramm für Jung und Alt mit internationalen Stars in lockerer Atmosphäre‘.“

„Muss man aber nicht hingehen“, murmelte Papa. Party ist nicht sein Ding.

Ute dagegen schien die Sache mit dem Clubprogramm wieder versöhnlicher zu stimmen. „Schminkkurs“ war wahrscheinlich das Zauberwort gewesen. Jedenfalls hörte das Gemaule auf.

„Und dann haben wir uns noch was anderes überlegt …“ Mama hatte offenbar noch was im Köcher, ihrem bedeutungsvollen Blick nach zu urteilen. „Weil ihr beiden ja gerade nicht so viel miteinander anfangen könnt – es ist eben eine schwierige Phase so am Anfang der Pubertät …“

Sie kann es einfach nicht lassen.

„Wollt ihr nicht jeder einen Freund oder Freundin mitnehmen?“

„Melanie!“, platzte Ute gleich raus.

„Dann bleib ich zu Hause“, entfuhr es mir, obwohl ich eigentlich von Glückshormonen überschwemmt war. Aber Ute und Melanie, das ist für einen normalen Menschen einfach nicht auszuhalten.

Natürlich hatte ich mich jetzt der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht. Ute sprang auf und rannte raus, nicht ohne die Tür so hinter sich zuzuschlagen, dass es ein mittelschweres Erdbeben gab.

Mama nahm mich ins Gebet und war sofort wieder bei ihrem Lieblingsthema. „Du weißt doch, Motte, dass die Pubertät vor allem für Mädchen eine schwierige Zeit ist, in der die Umgebung viel Feingefühl aufbringen muss.“

„Also gut.“ Das mit dem Feingefühl hatte mich auf eine Idee gebracht. „Klar darf sie Melanie mitnehmen, aber ich bin nun mal auch in der Pubertät, jedenfalls so gut wie. Ich bring es einfach nicht übers Herz, von meinen Freunden nur einen mitzunehmen. Sollen die anderen denn zu Hause bleiben? Wenn, dann müssen alle mit.“

„Aber meinst du denn wirklich, dass Mariekje …“

Gut, da hatte sie wahrscheinlich recht, MMs Mutter würde ihre Tochter nie und nimmer zusammen mit Jungs verreisen lassen. „Aber Simon und JoJo auf jeden Fall!“

Mama schaute zu Papa. „Was meinst du? Ist doch eigentlich ein vernünftiger Vorschlag, Reinhard, oder?“ Damit war die Sache eigentlich schon geritzt. Es kommt bei uns nicht so oft vor, dass Papa anderer Meinung ist als Mama.

In dem Moment kam Ute wieder ins Zimmer gestürmt, in Tränen aufgelöst. Sie hängte sich Mama an den Hals, als ob sie am Ertrinken wäre. „Melanie kann nicht mitkommen, ihre Eltern lassen sie nicht!“ Mehr konnte sie vor lauter Schluchzen nicht sagen.

„Aber weißt du was, Ute?“, sagte Papa mit einem Augenzwinkern, das offenbar tröstend gemeint war. „Vielleicht kommt ja Simon mit.“

Böser Fehler. Er hatte es offenbar noch nicht mitgekriegt oder wieder vergessen. Mama schaute ihn beschwörend an und gab ihm einen Stoß in die Rippen.

„Simon ist mir so was von egal!“, brach es auch schon aus Ute heraus. Und schon hing sie wieder schluchzend an Mamas Hals.

Das Aus für Utes heiße Liebe zu Simon war gerade ein paar Wochen her. Und war, ich muss es gestehen, ganz und gar meine Schuld. Ich hatte es einfach nicht mehr mit ansehen können, wie der arme Simon von Ute regelrecht verfolgt wurde, er tat mir echt leid. Aber auch mit Ute konnte es so nicht weitergehen. Sie hatte nichts anderes mehr im Kopf als ihren „Saisai“, es war einfach nicht mehr normal. An einem schönen Sonntagabend sagte ich ihr dann klipp und klar, dass ihr Saisai rein gar nichts von ihr wolle und nur zu lieb sei, ihr das offen ins Gesicht zu sagen. „Merkst du denn nicht, dass du ihn nur nervst? Jetzt komm mal auf den Teppich!“ – So ungefähr. Es hatte jedenfalls gewirkt. Und zwar schlagartig. Drei Tage lang verkroch sie sich in ihrem Zimmer und hatte vermutlich pausenlos Melanie am Telefon, dann kam sie mit der Mitteilung wieder heraus, dass sie sich Simon „aus dem Herz gerissen“ hätte, und dass da jetzt eine große Wunde klaffte, die sich wohl nie, nie, nie wieder schließen würde und dass Simon für immer und ewig die „Liebe ihres Lebens“ bleiben würde, und sie auf ihn warten würde – lebenslänglich! – bis er so weit sei. Bis dahin würde sie keinen – wirklich keinen! – anderen „Mann“ auch nur mit dem Arsch anschauen, sondern geduldig warten, bis sie in ihrer gemeinsamen Liebe vereint seien. So sprach sie ein paar Tage lang. Mama war schon so verzweifelt, dass sie Ute zum Psychologen schleppen wollte. Aber dann wurde sie langsam wieder normal – soweit man bei einem Mädchen, das viel zu früh in den Strudel der Pubertät gezogen wurde, von normal sprechen kann.

Ute war inzwischen auf Mamas Schoß eingeschlafen. Mama streichelte ihr durchs Haar. „Große Ereignisse werfen nun mal ihre Schatten voraus“, sagte sie und schaute lächelnd von Papa zu mir: „Das wird ein Traumurlaub!“