Kitabı oxu: «Die Party»

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ULRIKE HAIDACHER

Die Party

EINE EINKREISUNG

ROMAN



Die Party war an dem Tag, an dem ich eigentlich zu meiner Schwester fahren wollte. Es ist nämlich so: Meine Schwester redet nicht mehr mit mir. Nein, man muss es anders zu erzählen beginnen: Ich habe jetzt eine Arbeit. Eine Arbeit, die offiziell als seriös bezeichnet werden kann. Ich bin Lektorin. An der Uni. Das liegt natürlich am Studium, das ich abgeschlossen habe, aber wie ich dann genau Lektorin geworden bin, das kann ich mir jetzt auch nicht immer so genau erklären.

Es ist eine Arbeit, die schon passt, aber nur weil etwas passt zu einem, heißt das noch lang nicht, dass man auch Geld damit verdienen kann. Also genug Geld jetzt. Ist ja nicht so, dass das Leben nichts kostet, und wer will nicht ein bisschen leben? Ich auf jeden Fall schon, also leben will ich, ein bisschen zumindest, habe ich mir gedacht, darum habe ich den Job an der Softeismaschine in dem Innenstadt-Restaurant auch nie aufgegeben. Während des Studiums nicht und danach auch nicht. Also jetzt weniger wegen Vernunft und Vorsorge habe ich diesen sicheren Job mit immerhin neun Euro in der Stunde nie aufgegeben, sondern weil ich das mit dem Kündigen immer aufgeschoben habe, auch nach dem abgeschlossenen Studium. Nicht, weil ich zu faul war zum Kündigen oder es vergessen hätte, sondern weil mir die Leute, die mit der Softeismaschine verbunden sind, leidgetan hätten, weil sie mir ja den Job einmal gegeben haben, und wenn mir jemand einmal etwas gegeben hat, will ich dem gleichen Menschen mich auch nicht wieder wegnehmen. Einmal, da hätte ich fast gekündigt, aber dann hat die Restaurantbesitzerin, eine freundliche Frau mit einer Frisur, die an eine vergangene Zeit erinnert, „schade“ gesagt, und wer will schon, dass jemand etwas wegen einem schade findet, wer will schon einen Menschen enttäuschen, der einen mag.

Und nach einiger Berufserfahrung an der Softeismaschine und vielen Überlegungen, was ich stattdessen machen könnte – es muss doch etwas geben, was man auch für mich als „richtigen Beruf“ bezeichnen kann, das hat man mir immer wieder mit fordernden Blicken gesagt, etwas „meiner Bildung Gemäßes“, „etwas Ordentliches“, einen Beruf, in dem Begriffe wie „Teambuilding“ oder „Aufstiegschancen“ oder „Karriereleiter“, „Anständigkeit“ und „Ehrlichkeit“ vorkommen – je mehr ich darüber nachgedacht habe, und je länger die Softeismaschine, die schon immer für mich da war, die man aber gemeinhin Nebenjob oder Studentenjob oder Übergangsjob nennt, wahrscheinlich weil sie kein Büro beinhaltet und keine Begriffe wie Teambuilding oder Aufstiegschancen oder Karriereleiter, sondern nur eine Softeismaschine und mich, je länger sie also zu meinem einzigen Job geworden ist, desto mehr Freude hat sie mir gemacht, und desto mehr habe ich für mich entschieden, sie von einem Job zu einem Beruf werden zu lassen, weil es schön sein kann, Menschen, die ich privat nie kennenlernen wollen würde, eine Freude mit einem Eis zu bereiten. Menschen, die sich auf dem Weg in ihre seriöse Arbeit noch ein gutes, cremiges Eis gönnen, dem sie nicht widerstehen können, von dem aber niemand wissen darf, dass sie es nicht können, bei dem sie gut darauf achten müssen, dass es nicht auf ihre seriöse Kleidung tropft, und das manchen so gut schmeckt, dass sie danach nicht mehr zufällig vorbeikommen, aber immer noch so tun, als wäre es zufällig, so erstaunt bemerken sie jedes Mal aufs Neue, dass sich in der Auslage des Restaurants jetzt eine Eismaschine befindet, und sie fragen mich jedes Mal unverbindlich nach dem Preis, bevor sie auffällig schnell über die Sorten in meinem Sortiment, das zugegebenermaßen nicht besonders groß ist, Bescheid wissen, zugreifen, das Eis bis zur nächsten Straßenecke in ihre Mägen leeren, oft schon um neun am Vormittag, schnell einen Blick in einen Autospiegel werfen, ob man ihren Mundwinkeln das Eis auch nicht mehr ansieht, und dann in ihrem Alltag verschwinden.

Es ist eine Freude, diese Menschen dabei zu beobachten, wie sie es sich gut schmecken lassen, und zu sehen, wie jeder auf seine individuelle Art mit dem Eisverzehr umgeht, es ist eine Freude, diese Menschen dabei so kennenzulernen, wie es außer mir sonst sicher niemandem gestattet ist, wer außer mir sieht Menschen mit strengem Gesicht, gut frisiertem Haar und korrekter Kleidung gleich bei einem ersten Treffen ein gutes Eis genießen? Außerdem kann es eine Freude sein, kein seriöses Kostüm tragen, ein Team nur mit einer Eismaschine builden zu müssen, vor der ich mein Eis auch nicht verstecken muss, nebenbei über Dinge nachdenken zu können, zum Beispiel darüber, wie das mit meiner Schwester passieren hat können, manchmal sogar ein wenig in einem Buch zu lesen und Zukunftspläne für mich und die Eismaschine zu machen.

Und als ich an einem kühleren Vormittag viel Zeit gehabt habe, mit meiner neuen Entscheidung, einen Job zu haben, den ich ab jetzt Beruf nennen will, zufrieden zu sein, ist aus dem Nichts der Anruf direkt von der Uni gekommen, die meinen Kontakt noch von einer Bewerbung gehabt hat, an die ich mich zu dieser Zeit schon gar nicht mehr erinnern habe können, aber jetzt haben sie angerufen, dass sie genau jetzt dringend jemanden brauchen zum Unterrichten, jemand ist ausgefallen und sie finden sonst niemanden, also es ist zwar nur für ein Semester und auch nicht wirklich so bezahlt, dass man davon leben könnte, aber immerhin eine Erfahrung und eine Chance auf mehr, und wie aus Reflex habe ich von einer Sekunde auf die andere vergessen, dass ich ja schon zufrieden war, mit dem was ich habe, und habe zugesagt. Was bei näherer Überlegung aber auch wieder nicht so schlecht war, weil, nur weil die Softeismaschine mir Freude bereitet, heißt das wie gesagt eben nicht, dass man von ihr leben kann, also kann es auch nicht schaden, für ein paar Monate einen Nebenjob zu haben, um mir diese Freude quasi zu ermöglichen. Es muss die Softeismaschine ja nicht für immer ein Nebenjob sein, mit dem Alter darf sich auch etwas ändern und so eine Uni kann zum Nebenjob von einer Softeismaschine werden.

Auf jeden Fall habe ich an diesem Tag, also an dem Tag, an dem ich eigentlich zu meiner Schwester fahren wollte, nach dem Unterrichten – was mir übrigens nicht schlecht gefallen hat, aber vielleicht nur deshalb, weil das Wissen in mir war, dass es in ein paar Monaten wieder vorbei sein wird – an der Softeismaschine gearbeitet. Und der Zufall war ein unglücklicher, weil ich an genau diesem Tag ein Buch mitgenommen habe, was ich sonst nie mache, also ein Buch mitnehmen, nein, lesen eigentlich auch nicht, also schon, sicher lese ich, aber ungern Bücher in letzter Zeit, was am Studium und dem Unterrichten liegen muss, aber weder das eine noch das andere dürfen meine Studierenden wissen. Aber an diesem Tag habe ich eben dieses Buch mitgenommen. Vielleicht war das das Unglück im Zufall oder auch das Glück, das kommt jetzt auf die Sichtweise an, dass es genau dieses Buch war, das ich mitgehabt habe. Das Buch habe ich nämlich zum letzten Geburtstag gekriegt, nicht nur einmal habe ich es gekriegt, nein, zweimal sogar, weil es eine Autorin geschrieben hat, „stell dir vor“, haben die Verwandten zu mir gesagt, „auch eine Frau ist die, so wie du, und jung ist sie auch, so wie du, und studiert hat sie auch, so wie du, und so ein freches Gör ist sie auch, so wie du.“ Wirklich, da waren überall Berichte über sie, über die Autorin, dass sie frech ist, aber auch schlau, dass sie einen tiefschwarzen Humor hat und mit ihrem österreichischen Frauenfinger in Wunden bohrt, in die sich sonst keiner zu bohren traut, nicht einmal ein normaler Männerfinger traut sich so zu bohren, aber sie traut sich das, die Frau, und das, obwohl sie jung ist und eine Frau, und studiert hat sie auch und ist auch noch frech dabei. Und wirklich schlau, ob das schon erwähnt worden ist, dass sie wirklich schlau ist? Und trotzdem schön? Und wirklich mutig, weil so was wie sie traut sich ja sonst niemand zu sagen! „Du, und da haben wir uns gedacht, das passt gut zu dir, vielleicht inspiriert es dich zu etwas Höherem als zur Eismaschine.“

Und ich war zwar einerseits verwundert, warum wir jetzt beide freche Gören sind, die Autorin und ich, nur weil wir beide jung sind und Frauen und studiert haben, aber manchmal ist es auch schön, Gemeinsamkeiten mit jemandem zu haben, den man nicht kennt, also habe ich das Buch natürlich gleich lesen wollen und war schon gespannt auf den Mut und die Neuheit ihrer Gedanken. Und dann ist etwas Interessantes passiert: In diesem Buch von dem jungen, frechen Gör, das auf dem Foto hinten im Buch eh wie eine ernst zu nehmende Person ausschaut, was mich durchaus überrascht hat, weil nachdem sie überall und von allen nur als „freches Gör“ bezeichnet worden ist, hätte ich mir weiß nicht was vorgestellt, vielleicht so einen kleinen, frechen Kobold, der irgendwo keck hervorlugt, aber jedenfalls keinen seriösen Menschen – wie auch immer – also, das Interessante war: In dem Buch dieser Autorin werden viele ältliche Philosophen zitiert, die schon lang nicht mehr leben, ihr Werk ist in Hexametern geschrieben, die auch schon lang nicht mehr leben, und in diesen Hexametern werden Themen besprochen, die auch schon lang nicht mehr leben, zum Beispiel wird die Frage aufgeworfen, ob denn niemand mehr Lust verspüren und Humor haben darf in dieser heutigen lustlosen Frauenzeit. Also für sie, die Autorin, ist ein freundliches Kompliment oder ein kleiner männlicher Witz noch keine Belästigung, was haben eigentlich alle gegen Komplimente in dieser heutigen Zeit oder auch gegen heimatverbundenen Humor, so ein Humor kann schon Freude machen und die Menschen verbinden, vor allem die jungen Menschen, so wie sie einer ist, sollten noch Freude empfinden und sich verbunden fühlen dürfen, was die meisten leider nicht tun, aber sie, die Autorin schon, sie empfindet Freude, nicht nur am Kompliment, sondern auch am Witz und an der Tradition, und die Tradition muss nicht immer heiter für sie sein, sie darf auch wehtun, da kann auch geschimpft und beschimpft werden, aber nur als Zitat und Kritik am Beschimpfen, nein, so klar wird das nicht, weil es sollen auch wirklich alle was zu lachen haben, und das sagt sie hiermit auf über 500 Seiten in traditionellen Reimen, die nicht so einen gegenwärtigen Ton besitzen, der nur Verbote beinhaltet, sondern einen freien Ton, der noch die Freiheit der damaligen Zeit charmant in sich trägt, ja, man könnte ihn auch als ironische Vintage-Poetry bezeichnen. Auf der Buchrückseite wird ein renommierter Wiener Regisseur zitiert, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört habe, er sagt, dass die junge Autorin, also das freche Gör, wie er sie humorvoll, aber liebevoll nennt, DIE Stimme des zeitgenössischen Feminismus ist, weil es wirklich beeindruckend ist, wie sie auf den Feminismus und alles, was einem heutzutage sonst noch aufgezwungen wird, „scheißt“. Und dabei hat er „scheißt“ in Anführungszeichen gesetzt, was mich wiederum zu der Frage gebracht hat, warum er das macht, warum setzt er „scheißt“ in Anführungszeichen, meint er das ironisch oder hat er Sorge, dass „scheißt“ wörtlich verstanden werden könnte oder falsch, wie soll man ein einfaches Wort wie „scheißt“ falsch verstehen, so blöd kann ja keiner sein, jetzt habe ich mir die Frage aber nicht zu Ende stellen und somit auch nicht beantworten können, weil ich mir plötzlich vorstellen habe müssen, wie dieser Regisseur dieses Buch liest und dabei: „So eine Powerfrau, endlich denkt eine das, was schon immer alle gedacht haben, und das als Frau“ vor sich hin murmelt und sich dabei ausgiebig über seine Erektion streicht. Und danach habe ich das Buch auch wieder vergessen, bis zu dem Tag der Party, da hat eine Studentin mit Haarknoten und rotem Lippenstift aus dem Nichts gesagt, „unglaublich mutig diese Frau“, und hat damit die Vintage-Poetry- Autorin gemeint, in der sie ein Role Model sieht und über die sie bald ein Referat halten wird, und weil ich mir gedacht habe, in dem Fall sollte ich vielleicht eine Kompetenz aufweisen, habe ich das Buch erneut hervorgeholt und zum Arbeiten nach dem Unijob mitgenommen und fürs Erste auf die Softeismaschine gelegt. Dabei war ich mit den Gedanken eigentlich ganz woanders: Weil das Problem ist eben, dass meine Schwester nicht mehr mit mir redet, und das seit fünf Jahren, und seitdem trage ich diese Schuld mit mir herum. Aber so ein Nichtreden und Schuldsein kann zu so einer Normalität werden, dass man sie nicht einfach unterbrechen kann, das kostet schon was, eine Entschuldigung zum Beispiel, aber vielleicht war gar niemand an irgendetwas Schuld und es ist reiner Zufall, dass meine Schwester nicht mehr mit mir spricht. Und wenn ich mich jetzt nach fünf Jahren für etwas entschuldigen würde, was es gar nicht gibt, könnte das schon auch peinlich für mich werden. Außerdem habe ich mich an das Schweigen und die Schuld auch schon gewöhnt, sodass ich mir gar nicht mehr vorstellen habe können, ohne sie zu leben, weil was so lange mit einem lebt, wird man vielleicht auch vermissen, wenn es nicht mehr da ist. Das alles hätte mir aber auch egal sein können, ich hätte mir weder Gedanken über meine Schwester noch über meine Schuld machen müssen, wenn meine Schwester jetzt nicht auch noch ein Kind gekriegt hätte, das schon ihr zweites war. Und dieses zweite Kind ist genau an diesem Tag, an dem auch diese Party war, auf diese Welt gekommen, und weil ich diese Schuld jetzt schon so lange vor mir herschiebe, aber ich dem Kind als Geburtsgeschenk lieber etwas anderes geschenkt hätte als alte Schuld, wollte ich an diesem Tag dieser Schieberei endlich ein Ende setzen und zu meiner Schwester fahren.

Aber dann war da plötzlich dieser Mann, der sagt: „Einmal Erdbeere, bitte.“ Dieser Mann Ende vierzig, dem man ansieht, dass er einmal sehr hübsch gewesen sein muss, mit dunkelblonden, verwegenen Haaren bis kurz über die Schulter und kompetenten Bewegungen, dessen Leben auf seinem Körper aber einige Sichtbarkeiten hinterlassen hat, sagt einfach: „Einmal Erdbeere, bitte.“ Seine durchdringenden Augen kämpfen sich durch rötlich geschwollene Hautsäcke, während er an seiner E-Zigarette mit Waldbeergeschmack zieht und sich mit seinen großen Händen über den fettigen Film auf seiner Stirn streicht, wodurch ich vermuten muss, dass er einen ordentlichen Kater hat und jetzt seinen Brand mit Waldbeerduft und Erdbeereis löschen muss. Aber ich habe ihm das Erdbeereis natürlich widerstandslos gegeben, „einen Euro, bitte“, ich war nämlich auch recht froh, dass überhaupt jemand ein Eis kaufen wollte und ich dann sogar noch Zeit gehabt habe, den Ende vierzigjährigen Jugendlichen dabei zu beobachten, wie er geschäftig seiner Wege geht, aber an der nächsten Hausecke stehen bleibt und sein Erdbeereis konzentriert und eilig, aber nicht gierig finalisiert und – und wieder umdreht, zurückkommt und sagt: „Noch einmal Erdbeere, bitte“, und sich dabei völlig selbstverständlich mit der kleinen Serviette über den Mund wischt. Es ist ja nicht so, dass ich beim ersten „einmal Erdbeere, bitte“ nicht schon etwas erstaunt gewesen wäre, ich hätte nämlich nicht vermutet, dass dieser verblühte Mädchenschwarm Sätze wie „einmal Erdbeere, bitte“ sagt. Ich hätte mich nicht gewundert über „einen Espresso, bitte“ oder „ein Extrawurstsemmerl, bitte“ oder „Hast du auch einen Ayran?“ oder wenn er zumindest Pistazie als Eissorte gewählt hätte, was ich durchaus im Sortiment gehabt hätte, aber „einmal Erdbeere, bitte“, das hat mich schon wirklich verwundert. Und so habe ich gar nicht anders können, als ein bisschen berührt zu sein von dem aufgedunsenen Schönen mit seiner unstillbaren Lust auf das chemiefabrizierte Eis. Und aus dieser Berührung heraus habe ich zu sprechen begonnen, ich weiß bis heute nicht, wie das passieren hat können, weil ich beginne eigentlich nie zu sprechen mit Fremden, die ein Erdbeereis bestellen, genau deshalb, weil das ungeahnte Auswirkungen haben kann, so wie an diesem Tag, und so habe ich wie von selbst zu erzählen begonnen, während ich das Erdbeereis aus der Maschine rinnen habe lassen, dass ich auch Erdbeereis mag, was im Übrigen gar keiner Wahrheit entspricht, ich in dieser Situation aber sagen habe müssen, nur so kann ich mir meinen Redeschwall im Nachhinein erklären, um ihm zu zeigen, dass es für mich wirklich sehr in Ordnung ist, zwei Portionen Softerdbeereis einzunehmen, denn es hätte doch sein können, dass er sich für sein Wiederkommen nur wegen eines guten Eises geniert, wozu es keinen Grund gegeben hätte, und das wollte ich ihm zeigen, für so eine Eiseslust braucht sich niemand zu genieren, keine Sorge. Und ich erzähle, während ich das Eis professionell übergebe, dass ich erst letztens auch dieses Erdbeereis gegessen habe, auch mehrere Portionen, warum lüge ich, eine gute Wahl also, so ein Erdbeereis! „Einen Euro, bitte“, und in dem Moment, also viel zu spät, weil es war, nachdem ich mich schon um Kopf und Kragen geredet habe, ist mir erst aufgefallen, dass die Aufmerksamkeit des Mannes, dessen verblasste Attraktivität sich in genau diesem Augenblick kurz erahnen hat lassen wie eine Sonne im Dauernebel, gar nicht auf mich, sondern auf das Buch gerichtet war, das da vergessenerweise auf der Eismaschine gelegen ist, was mich ein bisschen geärgert hat, das muss man jetzt schon sagen dürfen, weil wenn ich schon wegen ihm lüge, könnte er mir auch die meiner Lüge gebührende Aufmerksamkeit schenken. „Guter Geschmack“, er klopft mit seinen Fingerknochen auf das Buch, mit einem Selbstbewusstsein, das offensichtlich zeigen will, dass er im Recht ist, und zwinkert mir verschwörerisch zu, als hätte ich irgendwas richtig gemacht, von dem ich aber nicht genau weiß, was das sein könnte, als ob nur wir beide etwas wüssten, was die schnöde Allgemeinheit nicht weiß. Und weil es mir auf einmal unangenehm ist, dass ausgerechnet ich jetzt die Verbündete sein soll von genau ihm, dem verblühten Erdbeereisjunkie, sage ich möglichst unbefangen: „Ah ja, das Buch … Hab ich noch gar nicht gelesen.“ Der Fremde hört mich nicht, schleckt eine kompetente Runde über sein Erdbeereis, fährt sich gleichzeitig nachdenklich durch sein Haar, schaut in die Ferne und sagt: „Ja, ja, ja. Ein Ausnahmetalent. Für mich ist sie DIE Stimme des zeitgenössischen Feminismus. Weißt du, ich darf doch Du sagen, oder? Neben ihrem scharfsinnigen Blick auf die österreichische Seele finde ich es einfach unglaublich, wie sie auf den Feminismus scheißt. Mutig. Wirklich mutig.“ Und bei dem Wort „scheißt“ deutet er mit seinen Fingern Anführungszeichen an und sagt: „Entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Künstler. Regisseur.“ Jetzt ist es so weit, jetzt hat er sich vorgestellt, das ist der Moment, in dem wir ein Gespräch beginnen müssen, der Moment, ab dem niemand mehr niemandem auskommt, hätte ich nur nicht zu sprechen begonnen! Da haben wir es wieder, man darf nicht zu viel mitfühlen mit den Menschen. Und alles nur, weil ich gedacht habe, er könnte sich für seine Eiseslust genieren, was er sicher nicht getan hat. Leute wie er genieren sich nicht, für nichts, Leuten wie ihm ist es scheißegal, ob es vielleicht einer Eisverkäuferin komisch vorkommen könnte, dass sie „einmal Erdbeere“ sagen, und das gleich zweimal, Leute wie er machen das einfach, sagen einfach zweimal „einmal Erdbeere“, das ist für Leute wie ihn völlig normal, und sie sagen dann auch noch „guter Geschmack“, klopfen mit ihren Fingerknochen dabei auf fremde Bücher und sagen, „ich bin Künstler“, wie bin ich überhaupt auf die Idee gekommen, dass sich irgendjemand für ein Eis genieren könnte, kein Mensch geniert sich für ein Eis! Ich schaue auf die Buchrückseite, dann auf den Regisseur, und nachdem ich in seinem Blick erkennen kann, wie er sich freut, dass er nicht nur Regisseur, sondern der Regisseur ist, der auf der Buchrückseite zitiert wird, was ihn nicht nur zu einem Regisseur, sondern zu einem renommierten Wiener Regisseur macht, ist meine Wut plötzlich weg und die Berührung von vorhin wieder da, und so will ich ihm seine Freude nicht verderben und bereite mich schon darauf vor, irgendwas zu sagen, was ihn freuen könnte, wie: „Ja, wirklich sehr beeindruckend, dieser Mut, sie legt den Finger wirklich dorthin, wo es wehtut, und das noch dazu als Frau, tiefschwarz und so mutig, und du, ich darf doch Du sagen, du hast es erkannt.“ Aber während der Vorbereitung für diese passenden Sätze kommt die Wut plötzlich zurück, allerdings habe ich jetzt überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken, warum, ob ich wütend bin wegen seines verschwörerischen Blicks, der noch immer da ist, der mir aber abgesehen von allem viel zu intim ist und, ganz ehrlich, ich habe jetzt keine Zeit für Intimitäten, oder ob ich wütend bin, weil der Regisseur nicht anerkennt, dass ich aus purer Selbstlosigkeit mit ihm zu sprechen begonnen habe, und er diese Selbstlosigkeit unverschämt ausnutzt, um nur über sich zu sprechen, und während ich keine Zeit habe, über all das nachzudenken, spricht aus mir plötzlich ein über die Maßen lautes „Hä?“ heraus, sodass ich selber einen Schrecken kriege. Es ist ein richtig fassungsloses, ja, ins Angewiderte gehendes „Hä?“, von dem ich bis dahin nicht gewusst habe, dass ich es überhaupt in mir trage, unglaublich eigentlich, wie viele gut versteckte Laute ein Mensch in sich herumträgt, und erstaunlich auch, wie unerwartet diese dann aus demselben Menschen heraustreten können. Und weil der Regisseur, der ebenfalls einen Schrecken kriegt, sodass er minimal zusammenzuckt und dadurch ein Erdbeereistropfen auf seinen alten Sneaker-Schuh tropft, mich völlig ratlos anschaut, weiß ich, dass ich dieses „Hä?“ zu erweitern habe, dass die Macht dieser Situation auf meiner Seite ist, dass er mir nicht mehr auskommt, so ein „Hä?“ kann selbst einen renommierten Wiener Regisseur mit Erdbeereis aus der Fassung bringen, reglos steht er da, traut sich keinen Finger zu rühren, und wir beide wissen, dieses „Hä?“ ist nur die Vorbereitung auf etwas Größeres gewesen, was der Regisseur so noch nie gehört hat, zum Beispiel: „Du, ich darf doch Du sagen, oder? Du kannst hundert Mal betonen, wie sehr du diese Frau bewunderst, du kannst auch hundert Mal betonen, wie mutig du sie findest. Ich aber, ich weiß genau, dass du nix anderes machst, als dich in deinen eigenen Sätzen zu suhlen, ich weiß, dass es deine eigenen Sätze sind, die dir das Gefühl geben, am Puls der Zeit zu sein, der Förderer unentdeckter Künstlerinnen, der sich nicht scheut, furchtlos und bestimmt das Talent junger Frauen anzuerkennen, denen du selbstlos nicht nur erstaunliches Talent zubilligst, sondern sogar auch noch Mut und Schlauheit, was du normalerweise nur dir selber zugestehst oder längst Verstorbenen. Du, der du gerne Visionär wärst, bist aber einfach nur feig und fad. Woher ich das weiß? Weil ich dich kenne! Du bist der Professor auf der Uni, der der Studentin mit Mittelscheitel, die über vergangene Mythologie schreibt, eine bessere Note gibt als der gleichen Studentin, wenn sie eine tiefe Stimme hätte und über was Echtes von heute schreiben würde, du bist der mit den großen Ideen, der es aber nicht einmal schafft, seine Kreditkarte zu kündigen, weil du noch immer vermutest, zu Höherem geboren zu sein, wofür bis heute aber jeder Beweis aussteht, und du bist auch der, der genau weiß, dass es Tausende andere gibt, bei denen der Beweis nicht mehr aussteht, weil diese Tausenden anderen im Gegensatz zu dir weder feig noch fad sind, und weißt du, was daraus folgt? Ich sage dir, was daraus folgt: Daraus folgt, dass du dich magisch angezogen fühlst von Menschen, die dir genauso ungefährlich sind wie du dir selbst oder die längst Verstorbenen, und wenn sie dann auch noch verpackt sind, diese Menschen, in junge Frauen, mit denen du dich aber nicht konfrontieren musst, weil sie eh keine Gefahr für dich sind, dann, ja, also dann, Verzeihung, darauf wollte ich hinaus, dann hast du das Gefühl, gewonnen zu haben. Weil dann bist du nicht nur Frauenförderer und entsprichst einem guten Bild, nein, du hast noch mehr davon, weil du liest in ihren Texten das, was du selber geschrieben haben könntest. Du bewunderst also nicht die Künstlerin. Du findest sie nicht einmal mutig. Du fühlst dich sicher. Weil sie das schreibt, was du dir denkst, was aber so banal und alt ist, dass du es dich nicht einmal in dein heimliches Tagebuch zu schreiben trauen würdest. Und weil diese Frau kein Dirndl trägt und keinen Knödeltopf in der Hand hat, sondern städtischen Schick besitzt und ein Fremdwort benutzt, schreibst du ‚revolutionär‘ und ‚neu‘ dazu. Aber der Inhalt ist alt. Älter als du und all die Verstorbenen je sein werden. Aber der Unterschied ist: Sie weiß wenigstens, was sie da tut. Bei dir bin ich mir nicht so sicher. Du feiger Sack.“

So circa habe ich mir das vorgestellt und deshalb auch so lange geschaut, aber das zu sagen wäre mir dann doch etwas zu langatmig geworden, so lange muss ich jetzt nicht mit ihm Zeit verbringen, außerdem war mein Dienst auch gleich vorbei, und ich sage also stattdessen: „Ja, voll. Nein … ich meine, ja. Mhm, spannend.“ Und der Regisseur steckt sich den letzten Rest von seinem Erdbeereis in den Mund und sagt in Gedanken versunken: „Ja. Spannend.“ Und dann, dass er es spannend findet, mit mir zu diskutieren, er mich zwar schweigsam findet, aber merkt, da ist noch viel dahinter, also durchaus spannend und vielschichtig findet er mich, ob er mir dieses Kompliment machen darf? Und dass er eine Party macht heute Abend, ja, das ist jetzt eine spontane Einladung, weil er das Gefühl hat, wir sind auf einer Ebene, und er ist da immer recht offen und lädt Leute, mit denen er auf einer Ebene ist, eben gerne ein, und es könnte auch für mich interessant sein, weil heute Abend kommen viele Leute aus vielen verschiedenen Kontexten, und zu dieser Verschiedenheit würde ich gut passen. Die Party ist übrigens in seinem Jugendhaus auf dem Lande, nicht weit von der Stadt, Nostalgie pur, da haben seine Eltern nämlich ein Wochenendhaus, in dem sie ihr Wochenende nie verbringen, und darum veranstaltet er dort regelmäßige Kochevents. Nein, das ist zu viel gesagt, eigentlich ist es viel schlichter: Kochpartys. Ja, das könnte das richtige Wort sein. Jeder bringt mit, was er will, und am Ende kommen viele verschiedene köstliche, individuelle Gerichte von vielen verschiedenen köstlichen, individuellen Menschen heraus. Das ist oft besser als ein Haubenrestaurant, die mag er sowieso nicht, er ist da eher schlichter, deswegen die schlichten Kochpartys mit dem schlichten Namen und das schlichte Selber-Mitnehmen und Selber-Kochen und so. Das macht er jetzt schon seit Jahren und es ist jedes Mal ein Riesenspaß. Ob mir das gefallen könnte? Und mir gefällt immer noch, dass er mich vielschichtig nennt, ich habe bis dahin nicht gewusst, dass man Menschen Vielschichtigkeit ansehen kann, aber gut zu hören immerhin, und darum sage ich einfach: „Ja, unbedingt. Danke für die Einladung“, obwohl ich jetzt schon weiß, dass ich ihn nicht wiedersehen werde, was ich gar nicht so schade finde, und bevor er die Möglichkeit hat weiterzureden, entschuldige ich mich, dass ich jetzt leider losmuss, runter in den Keller, Erdbeereisnachschub holen, und während der Regisseur seiner Wege geht, gehe ich meiner, die steile Kellerstiege hinunter, die nur von einer dumpfen Glühbirne beleuchtet wird, und ich frage mich, wenn er wiederkommen würde, würde er dann wieder Erdbeere bestellen oder eine Sorte, die besser zu ihm passt.

Am Abend, also am frühen Abend, der fast noch später Nachmittag war, bin ich dann zu meiner Schwester gefahren. Und in der S-Bahn war alles wie immer. Dabei hätte das Leben ruhig ein bisschen mehr an meiner Veränderung teilnehmen können. Die Menschen zum Beispiel hätten anders reden können als sonst, hätten sich anders verhalten können oder ein bisschen anders ausschauen. Oder zumindest das Licht hätte anders sein können – heller oder dunkler – aber nichts. Alles war gleich und auch die Gegend war wie immer. Eine typische Fahrt in das Wiener Umland eben, mit Industrie und fehlender Landschaft. Und seltsamerweise war ich selbst auch wie das nicht an meiner Veränderung teilnehmende Leben, wie immer war ich, unverändert und ganz ruhig in mir drin. Obwohl ich es schon erstaunlich gefunden habe zu wissen, dass sich in einer Stunde mein Leben komplett verändert haben wird. Ich werde ein Kind gesehen haben, das ich bis dahin nicht gesehen habe, und dieses Kind wird mich gesehen haben, wird mich kennenlernen, ich werde seine Tante sein, und irgendwann wird es für es, das Kind, dann so sein, als wäre ich schon immer da gewesen. Und in einer Stunde werde ich auch wieder mit meiner Schwester geredet haben. Und eigentlich ist es auch völlig wurscht, in welche Richtung sich mein Leben verändern wird, Hauptsache ist, dass das mit meiner Schwester geklärt ist, manchmal muss man eben etwas klären im Leben, denn zum Leben gehört Mut, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und gerade wie ich anfange, in Sprichwörtern zu denken, wird mir ganz heiß und alles, was vorher noch klar war und wie immer, ist jetzt unklar und anders, die Leute, die vorher noch einfach da waren, stinken jetzt nach Schweiß und Frittatensuppe, die ganze S-Bahn verschwimmt vor mir, alles dreht sich, zu wenig Luft ist da, und als die S-Bahn endlich stehen bleibt, springe ich aus dem Zug. Ein alter, bewaldeter Bahnhof, wo nichts nach Mensch riecht, sondern nur nach Wald, und ich gehe einfach los, auf der Straße, durch den kleinen Wald, herrlich dieser Waldgeruch, wer kennt das heutzutage in der Stadt noch, ich fühle mich fast wie der Peter Rosegger oder wer anderer Naturverbundener, gehe eine Schotterstraße entlang, die mich an ganz früher erinnert, wie sehr habe ich dich vermisst, Schotterstraße, der Donaugeruch, der jetzt immer näherkommt, gehe, immer dem fauligen Wassergeruch nach, beginne zu rennen, immer schneller, auf die Donau zu, ach Donau, was verbinde ich mit dir, nichts, renne hinein in die Donau, bis ich nicht mehr rennen kann, falle über das viele Wasser und lande im Querformat, quasi auf allen vieren. Bleibe so liegen, Füße und Arme ausgestreckt, der Kopf im Wasser, mache die Augen auf, sehe nichts außer fahlem Grün, blubbere das eiskalte Wasser aus, bleibe so liegen, wenn man sie überwunden hat die Eiseskälte, wird sie geil, die Augen tun weh, aber der Atem hält noch, blubbere weiter, geiles, fahles Donaugrün, bis die Luft ausgeht, ich tauche auf, das war noch einmal knapp, das war jetzt wirklich kurz vor dem Untergang, fast hätte ich keine Luft mehr gekriegt, fast wäre es aus gewesen mit mir, ein existenzielles Gefühl, da fällt mir auf, dass ich im Wasser auch knien hätte können, weil es so seicht ist. Und ich entscheide mich, noch ein bisschen im Wasser zu knien, sie ist angenehm, diese Nässe, um währenddessen zu überlegen, wie ich mit dieser Situation jetzt umgehen soll und welche Schritte eingeleitet werden könnten, da sehe ich plötzlich vor mir ein Bein, das aber nicht meines sein kann. Und an diesem Bein einen Körper mit zwei Armen und Händen, an denen jeweils ein dünnes Plastiksackerl, gut gefüllt, hängt. Ein unbekannter Reflex empfiehlt mir, schnell wieder unterzutauchen, aber da ertönt bereits die Stimme aus diesem fremden Körper: „Ich bin jetzt ganz schön lang hinter dir hergelaufen, ich laufe sonst nie hinter jemandem her – Respekt also.“ Der Mann, der zu dieser Stimme gehört, erklärt mir, dass da so ein innerer Wunsch in ihm war, mich zu retten, uh, das klingt jetzt so, wie es nicht klingen sollte, natürlich ist er sich sicher, dass ich mich auch gut selbst retten hätte können. Aber wie soll er sagen, er hilft eben gerne, nicht in seiner Arbeit, in seiner Arbeit ist er Visionär und kann dabei nicht an andere denken, weil das die Vision zunichtemachen würde, aber in seiner Freizeit, von der er leider viel zu wenig hat, ist Helfen für ihn wirklich eine wunderbare Beschäftigung, viel zu wenig denkt er da an sich, viel zu viel an das Wohl der anderen. Und er erklärt mir, dass ich jetzt ordentlich abgetrieben bin, ich soll die Strömung der Donau nicht unterschätzen. Er schaut mit seinem stechenden Blick so weit in mich hinein, wie es ihm möglich ist, fährt sich durch sein dünnes Haar, das bis knapp über die Schulter reicht, und sagt: „Entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Künstler. Regisseur.“ Und er streckt mir sein Bein hin, als würde er das mit der Hilfe erneut versuchen, aber diesmal eher so nebenbei, als könnte es auch eine einfache Begrüßung sein, so ganz klar ist das nicht zu verstehen. Ich starre ihn an, er starrt mich an, der wiedergefundene Erdbeereisjunkie, aber er schaut irgendwie nicht so, als würde er mich erkennen, dabei ist unser Kennenlernen nicht einmal drei Stunden her, es ist schon erstaunlich, wie wenig man jemanden erkennen kann nach so kurzer Zeit. Andererseits ist es auch gut, dieses Nichterkennen, dann kann alles so weitergehen wie geplant, was auch immer geplant war, wie komme ich da weg, warum starrt er nur und bewegt sich nicht, ganz gut macht er das eigentlich, wie er da mit ausgestrecktem Bein in den Sonnenuntergang hinein posiert, und das, obwohl der aus der Donau hervortretende Kanalgeruch gar nicht zu diesem Bild passt, aber zu ihm schon, so geheimnisvoll, „Verwelkte Schönheit vor Kanalgeruch“, das wäre ein mögliches Bild, das einmal gemalt werden könnte, wenn ich malen könnte, würde ich das malen, aber darum geht es nicht, und da, plötzlich, ohne dass ich es vorhersehen konnte, spricht aus mir erneut dieses bis zu diesem Tag in mir gut versteckte, viel zu laute „Hä?“, sodass ich selber wieder einen Schrecken kriege und ein Donauwasserrest aus meinem Mundwinkel rinnt. Der Regisseur zuckt ebenfalls zusammen, woraufhin seine Plastiksackerln minimal vibrieren. Und ich: „Also, ich mein, wir kennen uns eh. Von vorher“, der Regisseur neigt den Kopf leicht, das Bein noch immer anbietend, und ich wieder: „Von der Eismaschine. Ähm. Das Buch? Das wir beide lesen? DIE Stimme des zeitgenössischen Feminismus?“ Da erhellt sich noch unvorhergesehener als mein „Hä?“ sein Gesicht: „Ja, die Eisprinzessin!“

„Entschuldigung, wer bin ich?“ Und der Regisseur auf einmal ganz fröhlich: „Durch die Nässe hätte ich dich fast nicht erkannt! Entschuldige, ich kenne so viele Gesichter, da kann ich nicht jedes wiedererkennen, aber jetzt, wo du mich zitierst, kommst du zurück in meine Erinnerung. Welche Freude, dass du meiner Einladung gefolgt bist, und was für ein Zufall, vielleicht sogar ein Schicksal, dass ich dich hier treffe! Weißt du, ich war nämlich gerade bei der Gerti Grammelknödel und Zucchini holen, schau, runde Zucchini, darum war mir ein Abstellen der Sackerln vorhin nicht möglich, sonst wären sie vielleicht davongerollt, haha, das war jetzt ein humorvoller Witz, aber schau, da ist schon das elterliche Haus.“

Während ich im Wasser knie und in der Nähe des Ufers ein gemütliches Haus erkenne, aus dem warmes Licht strömt und aus dessen Kamin wohliger Holzgeruch dringt, spüre ich, wie sich meine Kleidung voll selbstbewusster Nässe an meinen Körper schmiegt, ich steige aus dem Wasser in die kalte Luft und folge dem wärmenden Holzgeruch und somit dem Regisseur ins Haus, während dieser nicht aufhört zu reden: „Ich richte schon einmal die Grammelknödel an, mein heutiges Motto ist die Ursprünglichkeit, ja, ja, jede Kochparty hat ihr Motto! Schau, da geht es hinein, ich gehe schon mal runter in den Keller, du kannst dann nachkommen, runter, in den Partykeller, vorher nimm dir aber bitte etwas Trockenes zum Anziehen, nicht, dass du dich verkühlst, schau, da ist das Bad und da, in diesem Zimmer findest du trockenes Gewand, meine Freundin hat circa die gleiche Größe wie du und rennt sowieso immer nur nackt herum, nein, Spaß beiseite, also bitte, bedien dich einfach und fühl dich wie zu Hause!“ Und so plötzlich, wie er vor mir aufgetaucht ist, ist er auch wieder verschwunden.

Ich stehe allein in einem fremden Zimmer vor einem fremden Kleiderhaufen, aus dem Waschmittel vermischt mit Hautgeruch dringt, ich betrachte das Wasser, das von meiner Kleidung auf den Boden tropft, eine kleine Lacke Donauwasser bildet sich vor mir, und ich frage mich, ob es noch so viel Wasser werden wird, dass ich mein eigenes Spiegelbild darin erkennen kann, und auf einmal kommt es mir völlig unangebracht vor, in einem fremden Kleiderhaufen zu wühlen, an dem noch fremder Hautgeruch hängt, und es wäre mir auch sehr unangenehm, jetzt dieser Nackten zu begegnen, also ziehe ich schnell das Nächstbeste aus dem Haufen, ein weißes T-Shirt, viel zu groß, eine alte Jean und weiße Turnschuhe. Ein guter Moment, um wieder zu gehen. Ich gehe also den Gang entlang zur Haustür, da fallen mir erst die Eindeutigkeiten auf, die dieses Haus zu einem ehemals elterlichen Haus machen: der durchsichtig genoppte Plastikteppich im Vorraum, der Hagebuttenkranz an der Glastür zur Küche und der alte Küchengeruch, der sich mit dem aus dem Vorzimmer schon vor vielen Jahren vermischt haben muss. Am Vorzimmerkastenspiegel klebt noch die Hälfte eines Mickey-Mouse-Stickers, den vor langer Zeit jemand zu entfernen versucht haben muss, ein heimatliches Gefühl aus einer alten Kindheit durchströmt mich, durch das mir fast wieder einfällt, dass ich ja eigentlich auf dem Weg zu meiner Schwester bin, was mein aufgeregtes Magengefühl vielleicht erklären hätte können, woran ich aber schon wieder aufhöre zu denken, bevor ich überhaupt damit begonnen habe, weil sich jetzt vor mir die Kellerstiege auftut, die ich hinuntergehe, ja hinuntergehen muss, weil man sich an ihrem Ende unmöglich eine Party vorstellen kann. Es ist eine erdige Stiege, die gelagerte Kartoffeln immer näherbringt, nur eine dumpfe Glühbirne leuchtet mir über den steilen Stiegen den Weg.

„Bedauerlicherweise muss ich Sie um Ihre Gästekarte bitten.“ Ein Zweimeter-Mann, der monoton und sehr langsam spricht, in einem grau melierten Rollkragenpullover und mit schwarzem, gescheiteltem Haar, steht unten vor einer massiven Kellertür als quasi privater Türsteher. Und ich, leicht irritiert: „Ähm. Bedauerlicherweise habe ich keine.“ „Bedauerlicherweise kann ich Sie dann nicht …“, da erstarrt er auf einmal, er mustert mich, in derselben Geschwindigkeit, in der er spricht, von oben bis unten, und setzt fort: „Oh. Oder sind Sie der kleine Wassermann?“

„Wer bin ich?“

„Jene Dame, welche bedauerlicherweise in die Donau gefallen ist.“

Und da fällt mir erst auf, dass er bei jedem „bedauerlicherweise“ den Kopf leicht senkt wie bei einer kleinen Verbeugung, was ich recht höflich finde, und automatisch mache auch ich eine kleine Verbeugung, zu der ich, auch für mich durchaus überraschend, meine Hände leicht falte, es ist eine schöne Situation, in der der Zweimeter-Mann und ich uns befinden, so friedlich, und ich sage trotzdem möglichst knapp, ich meine, was soll ich sonst sagen: „Ja.“

„Oh, bitte, treten Sie ein.“

„Und Sie? Sind Sie auch ein Gast?“ Was für eine Frage, aber was soll ich sonst fragen in so einer Situation, ich weiß über solche Situationen auch nicht Bescheid, schließlich war ich noch nie in so einer, und der Zweimeter-Mann in seiner monotonen Art: „Sind wir nicht alle Gäste?“ Ich verstehe nicht recht, starre ihn an, er lächelt monoton, ich versuche zurückzulächeln, da öffnet er mir mitsamt einladender monotoner Geste und lächelnder Verbeugung die Kellertür.

Ein alter Partyraum tut sich vor mir auf, also ein Partyraum, der einmal ein Partyraum war, in einer Jugendzeit in den 80er-Jahren wahrscheinlich, vereinzelt stehen Menschen herum. Am Ende des Raumes eine eindeutig selbst gebastelte Bar, alles in Weiß gehalten und alles schon leicht verstaubt. Auf den Fensterbänken, deren Fenster nirgends hinführen, sind alte Austernschalen aufgestellt, in denen sorgfältig hineingelegte Murmeln liegen, wahrscheinlich, weil es schön ist, umsäumt von alter Asche und vereinzelten Zigarettenstummeln. Rechts eine Tür mit einem Schild: „Siehst du die Reste deiner Würste, sei so nett und nimm die Bürste“ – ich schaue durch die leicht geöffnete Tür, dahinter eine Duschkabine, vollgeräumt mit Stapeln Handtüchern und Kübeln, ein Waschbecken, in dem ein alter Fön und ein bemerkenswerter Haufen Bart- und/oder Schamhaare liegen, ein elektrischer Rasierapparat umgeben von ähnlichem Schmuck liegt am Waschbeckenrand. Zwischen Dusche und Waschbecken ist ein Klo mit alter Spülkette, daneben eine Klobürste in Form einer Blume. Ich schließe die Tür, gehe weiter in einen Raum, aus dem Partylaute und Essensgeruch dringen – das ist er also, der offizielle Partyraum, gut gefüllt mit Menschen. Ich bleibe im Türrahmen stehen, wie viele Menschen dort sind, kann ich gar nicht zählen, mit jedem Blick werden es mehr, weil sie verteilt sind und der Raum groß, im geheimnisvollen Licht kann ich nur ihre Silhouetten erkennen, menschlicher Geruch, der aber noch nicht zu verbraucht riecht, sondern wie der Anfang von etwas, Parfum- und Mentholgeruch, dem bereits leichter, noch frischer Schweißgeruch untergemengt ist, ein beginnender Partygeruch also, strömt in meine Nase, angenehm warm ist er und lässt die kalte Donau vergessen. Und plötzlich ist da wieder diese Stimme: „Bedauerlicherweise muss ich Sie um ein wenig Platz bitten.“ Der Zweimeter-Mann im grau melierten Rollkragenpullover trägt jetzt einen Edelstahl-Riesentopf behäbig zuerst an mir, dann an den anderen Gästen vorbei in die Mitte des Raumes, wo leicht erhöht eine Kochinsel zu erkennen ist, auf der sich Kochgeräte befinden, die ich noch nie gesehen habe. Der Zweimeter-Mann platziert den Edelstahl-Riesentopf auf ebendieser Kochinsel. Hinter der Kochinsel steht der Regisseur. Er hat ein Tuch um seinen Kopf gebunden, das ihn, was mich jetzt beinah unangenehm überrascht, erstaunlich gut aussehen lässt, erst als ich näher hingehe und das Licht ehrlicher wird, gleicht er wieder einem gealterten, zu aufgeschwemmten Mitte Zwanzigjährigen. Der Regisseur nimmt feierlich einen Kochlöffel und beginnt zu rühren, auch das feierlich, jede Rührrunde mit allen Sinnen genießend, staunende Partygäste um ihn herum, warum staunen sie, und während ich nicht anders kann, als auch zu staunen, schießt eine circa dreißigjährige Frau im Business Outfit energisch auf mich zu. Es ist eine Frau, die sich wahrscheinlich selbst als „um die dreißig“ bezeichnet und die sich, seit sie „um die dreißig“ ist, wundert, wo die Zeit hin ist, als sie noch die Wirtschaftsuni oder eine FH oder irgendwas anderes Nützliches besucht hat, eine Frau, die vor Kurzem – so schaut sie zumindest aus – das Social-Media-Business für sich entdeckt hat, weil der Job, den sie seit Jahren täglich ausübt, zwar eine Karriere bringt, mit Sicherheit und allem, was richtig ist, aber ihr nicht so viel gibt wie ihr eigenes Business, das strebt sie eigentlich an, ihr eigenes Business, und jetzt verkauft sie – je genauer ich sie betrachte, desto überzeugter bin ich davon – über Videos Produkte, so Pulver, die man in einen Shaker werfen muss und die man dann als Shake statt Brot zum Frühstück trinken kann, Brot sollte man sowieso meiden, vor allem wenn man beginnt, um die dreißig zu sein, Shakes, mit irgendwelchen Flocken drauf und Beeren, Shakes, in dem die wichtigsten Vitamin- und Nährstoffe drin sind und die trotzdem nach gutem Schokobrei schmecken, und dann sieht man sie, die Frau, die um die dreißig ist, in dem Video, wie sie über die Geräusche ihres Shakers in die Kamera schreit, in einem bestimmten österreichischen Dialekt, auf den ich mich gerade nicht einigen kann, aber so schreit sie in ein Live-Video hinein, dass sie jetzt nur mehr diesen Shake trinkt und nie mehr Brot isst, dass sie diesen Brei so liebt, weil sie da sündigen kann, ohne zu sündigen, und dann schleckt sie genüsslich den guten Brei von ihren Fingern und schreit, dass sie schon einen Bärenhunger hat und dass die Mägen von ihren Haustieren, den beiden Hunden, bereits gut gefüllt sind und jetzt sie dran ist, sie hat das nämlich auch verdient, so einen gut gefüllten Magen, nicht nur ihre Haustiere, die ja fast wie ihre Kinder sind, ja, echt, Hunde sollten wirklich ernster genommen werden in unserer Gesellschaft, trotzdem hat auch sie das Recht, endlich ihren Bärenhunger zu stillen, den sie hat, und ihren Magen zu füllen, nämlich mit dem Brei, dem guten, der gehört jetzt fix zu ihrer Morgenroutine, wer hätte gedacht, dass megagesund so superlecker sein kann?

Und während ich sie mir gar nicht mehr anders vorstellen kann, wirft sie ihre Haare zurück und streckt mir ein volles Glas entgegen und sagt mit einer leicht schrillen, aber trotzdem seriös klingenden Stimme und einer Sprache, die nur irgendwo aus der Obersteiermark kommen kann: „Jägerbomb? Das ist ein Jägermeister mit einem Energydrink.“ Und natürlich weiß ich, was das ist, ein Jägerbomb, ist ja nicht so, dass ich nie fünfzehn war, und antworte der Frau, die mir bei näherer Betrachtung irgendwie bekannt vorkommt, mit einer Selbstverständlichkeit, wie gerne ich das freundliche Angebot eines Jägerbombs annehme würde.

„Hab ich’s gewusst! Hallo übrigens, ich bin die Verena.“

Sie zeigt mit ihrem Finger auf mich, während ich mich frage, warum Menschen immer so ausschauen wie sie heißen, sie zeigt also auf mich, mit einem Lächeln, irgendwie verschwörerisch, als würden wir gleich beste Freundinnen werden, Angst steigt in mir hoch, was haben die alle, warum wollen sich alle mit mir verbünden, und während ich überlege, wie ich mich verhalten könnte, dass die Menschen hier merken, dass meine Anwesenheit reiner Zufall ist, mit dem ich eigentlich nichts zu tun haben will, weil ich viel lieber schon längst bei meiner Schwester wäre, die schon eher zu mir gehört, weil wir zumindest verwandt sind, fällt mir die Verena um den Hals, viel zu enthusiastisch, sie begrüßt mich mit Bussi-links-Bussi-rechts, das hat mir noch gefehlt, ich kann viel zu gut das süßlich schwere Parfum riechen, das auf ihr lastet, da hält sie inne, zeigt mit ihrem Zeigefinger, langsam gewöhne ich mich daran, erneut auf mich: „Wir kennen uns aber auch irgendwoher, oder?“

Und da fällt mir wieder ein, woher, und ich voller Selbstbewusstsein: „Ja, ich glaub, ich hab dich …“

„Sag nix, sag nix!“, die Verena ist auf einmal extrem aufgeregt und fragt mich, ob sie mich nicht bei der letzten Premiere vom Regisseur, der übrigens ein uralter Freund von ihr ist, gesehen hat. Ich verneine, was die Verena aber nicht akzeptieren will: „Bist du nicht in der Pause von Romeo und Julia in so einem fetzgeilen Pepita-Blazer neben mir am Champagner-Buffet gestanden?“

„Was? Romeo und Julia?“

„Ja, weißt eh! Das mit dem fetzgeilen Plakat: eckige Klammer auf – Romeo – eckige Klammer zu – Slash – und Julia – Rufzeichen – ohne Klammer, verstehst?“

„Äh, nein.“

„Also die eckige Klammer bedeutet …“

„Nein, ich mein: Ich war das nicht.“

„Hashtag Shakespeare? Das sagt dir gar nix?“ Die Verena ist fassungslos.

„Nein, du, aber ich glaub, ich hab dich“, sie unterbricht mich, haut mir viel zu fest auf die Schulter und sagt viel zu laut: „Sag nix! Jetzt weiß ich’s! Jetzt hab ich dich! Fix! Du bist neben mir gesessen! Bei der Uraufführung von Die hirnlose Frau!“

„Bitte? Wo?“

„Ja, das hat er selber geschrieben!“

„Nein, das war ich nicht!“

„Was?! Bist du leicht keine Feministin?“

„Schon. Aber.“

„Er auch!“ Sie zeigt feierlich auf den Regisseur, der im Hintergrund gerade dabei ist, einen Deckel auf dem Edelstahl-Riesentopf zu installieren.

„Okay. Aber du arbeitest bei der Raika, oder?“

„Ja, ist doch wurscht! Komm, ich stell euch einmal vor“, sie hängt sich bei mir ein, sodass ich nicht nur ihr Parfum, sondern auch ihren erregten Partyschweißgeruch, der aus ihrer Business-Bluse hervorströmt, riechen kann, sie zieht mich zur Kochinsel und räumt dabei alles und jeden aus dem Weg.

Der Regisseur hat seinen Kopf samt Tuch und Händen in dem Edelstahl-Riesentopf, er atmet mit all seinen Sinnen den Dampf ein, wirft seinen Kopf zurück, atmet mit geschlossenen Augen noch einmal geräuschvoll ein und aus, während ich mich plötzlich sagen höre: „Geiler Topf.“ Der Regisseur atmet und murmelt nebenbei und mit großer Sinnlichkeit: „Das ist kein Topf, das ist ein Autoklav.“

„Oh, na dann. Geiler Autoklav.“

Er könnte jetzt durchaus ein Gespräch mit mir beginnen, immerhin ist er der Grund, warum ich in einem fremden Keller festsitze, und immerhin ist er der Einzige, den ich da kenne, außer der Verena natürlich, die jetzt aber schon in einer neuen Gruppe gut integriert steht mit einer Flasche Wein in der Hand, lachend, fröhlich und bei jeder Bewegung und jedem Wort einen Deut zu laut. Der Regisseur schaut mich an, warum sagt er nichts, er könnte schon etwas sagen, was einen Eintritt in ein Gespräch erleichtern würde, „Wie geht’s?“ oder eine andere Kleinigkeit, „Herzlich Willkommen“ zum Beispiel oder „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“, aber der Regisseur schaut mich einfach an, mustert mich und sagt dann: „Dich kenn ich jetzt aber nicht.“

Das Ganze wird langsam absehbar, und ich nuschle schnell irgendwas von Eismaschine und Donau, es kann unangenehm sein, ständig der gleichen Person erklären zu müssen, woher man sie kennt, vor allem, wenn sie diejenige ist, die einen eingeladen hat, und dann, eine Nuance zu laut: „Das Buch.“ Er schüttelt den Kopf, irgendwie fühlt sich hier alles an wie ein seltsames Déjà-vu, „DIE Stimme des zeitgenössischen Feminismus?“, da erhellt sich aus dem Nichts sein Gesicht: „Ah! Der kleine Wassermann! Welche Freude, dass du da bist!“, und mit unerwarteter, spontaner Herzlichkeit fällt er mir um den Hals, holt zu einem Bussi links aus, jetzt geht das schon wieder los, warum denkt hier niemand an mich, auch ich habe Gefühle, aber ich setze an zu einem ausgelassenen Lachen, bemühe mich um ebenbürtigen Enthusiasmus, der aber, wie sich gleich herausstellen wird, zu gut gemeint war, und so lässt mich dieser Enthusiasmus in der Hitze des Gefechts die Wangendistanz falsch einschätzen und mit zu hoher Geschwindigkeit steuert meine linke Wange auf seine linke Wange zu, und mein Wangenknochen klescht gut hörbar gegen seinen durchaus markanten Wangenknochen. Ein kurzes Schwindelgefühl überkommt mich, aber ich nehme es diskret hin, jetzt folgt Bussi rechts, der Gedanke daran versetzt mich in Panik, bitte nicht schon wieder Schmerzen, wir kennen uns doch noch gar nicht! Aber ich lache, freudig, hole wieder aus und wir kleschen erneut zusammen, nur diesmal noch heftiger, weil wir durch den vorangegangenen Unfall beide überfordert sind, beide unseren guten Willen zeigen wollen, und dadurch die zu hohe Geschwindigkeit diesmal von beiden Seiten ausgegangen ist. Ich ignoriere es diskret, aber der Regisseur schreit indiskret „Au!“ und greift sich schmerzerfüllt an seine Wange, was mich in die unangenehme Situation bringt zu denken, dass der Unfall meine Schuld war, aber gut, es hätte schlimmer ausgehen können, wir hätten zum Beispiel beide Sonnenbrillen aufhaben können, die dann aneinander hängen bleiben, auch das soll schon vorgekommen sein, und das kann noch unangenehmer sein als das Wangenknochen-Zusammenkleschen, oder, was auch unschön ist, ist, wenn man unvorbereitet umarmt wird und einem der andere seine Schulter in die Gurgel rammt, so was kann tödlich enden, und plötzlich rammt er seine Schulter in meine Gurgel, wobei ich mir diesmal gar nicht sicher bin, wer diesen Unfall jetzt schon wieder verursacht hat, wer da jetzt wem welchen Körper zu fest entgegengerammt hat, also es könnte schon auch ich gewesen sein, weil ich nicht gewusst habe, ob in dem Fall jetzt umarmen auch noch angebracht ist oder nur mehr einfaches Händeschütteln folgen hätte sollen, was mir unter diesen Umständen durchaus recht gewesen wäre, und da habe ich ihm vielleicht gleich meinen Körper zur Umarmung entgegengeworfen, weil ich gedacht habe, das macht man vielleicht so, meine Güte, ich weiß es ja auch nicht besser. Und so hänge ich jetzt mit einem Würgegefühl in seinen Armen, er lässt mich nicht los, meine pochende Gurgel liegt an seiner Schulter, aber dann lässt er los, endlich, und schaut mich so glücklich an, dass ich ihn fast noch einmal umarmen will, aber ich will natürlich kein Risiko mehr eingehen, Sicherheit geht vor.

Der Regisseur lächelt mich an, seine Hände noch auf meinen Schultern, schaut über mich drüber und lächelt glücklich in den Raum. „Ach, es ist so schön, wenn alle Freunde zusammenkommen. Wart, ich stell dir alle vor. Schau, das da ist mein Schwungradschneider.“ Und dann fragt er mich, ob ich auch einmal seinen Schwungradschneider verwenden will, es wäre ja blöd, wenn ich jetzt nichts zu tun hätte, es ist eine Kochparty, da sollen schon alle die Möglichkeit haben zu kochen, wo bleibt denn sonst der Spaß? Eine Mischung aus Respekt und Verwirrung entsteht in mir, als ich vor diesem Gerät stehe, das ich überhaupt nicht zuordnen kann – einerseits fühle ich mich, als würde ich mitten in einer Wurstabteilung stehen und meinen ersten Praktikumstag beginnen, so ratlos und aufgeregt bin ich, gleichzeitig schaut das Gerät aber mehr aus wie ein Dekoartikel, der das Innenleben eines italienischen Restaurants darstellen will, mit seiner knallroten Farbe und seinen unzähligen kleineren und größeren Rädchen. „Funktioniert der wirklich?“, frage ich schmunzelnd, schmunzelnd, damit die Frage auch ein ironischer Scherz sein könnte, weil, vielleicht müsste ich mich auskennen bei roten Schwungradschneidern, die echt oder nicht echt sind, wer weiß das schon. Der Regisseur lacht laut auf, als hätte ich einen ungewöhnlich guten Witz gemacht, was mir die kurze Hoffnung beschert, dass es sich tatsächlich um einen Dekoartikel handelt, und ich nicht meine noch nie ausprobierte Schneidefähigkeit unter Beweis stellen muss, da holt er aus einem alten Kühlschrank ein beeindruckend großes Schweinebein, das sich gleich als Rohschinken entpuppen wird, und den soll ich jetzt schneiden, den Rohschinken. Mit seiner gesamten Kraft und lautem Ausatmen lässt der Regisseur das Rohschinkenbein auf die Ablage sinken. Übrigens ist das ein wertvoller Rohschinken, den hat ihm ein befreundeter Maler geschenkt, der einen exquisiten Geschmack hat, und ich darf den jetzt schneiden, den echten Malerschinken. Das ist doch eine schöne Aufgabe, oder? Nur vorsichtig soll ich bitte sein beim Schwungradschneiderbedienen und mit Gefühl soll ich es machen, weil das braucht man nämlich, ein Gefühl dafür. Ich will für mich überlegen, ob das tatsächlich eine schöne Aufgabe für mich werden könnte, aber der Regisseur hat noch viel zu sagen: Also jetzt weniger ein alltägliches Haushaltsgefühl, das er schnell einmal jemandem zutraut, nein, für seinen Schwungradschneider, übrigens billig war der nicht, braucht man mehr so ein künstlerisches Feingefühl, das werde ich dann schon merken, wenn ich erst zu schneiden begonnen habe und erst recht dann beim Essen, weil je nach Schneidefeingefühl schmeckt der Schinken anders. Und so ein künstlerisches Feingefühl, das traut er wiederum nicht allen zu, außer sich selbst natürlich, was ja logisch ist, er ist ja auch Künstler, Regisseur, ob er mir das schon erzählt hat, dass er Regisseur ist? Und sonst traut er das nur einigen wenigen zu, mir zum Beispiel, mir traut er das zu, das sagt er ganz offen, ohne mir bauchpinseln zu wollen. Er als Künstler sieht da durchaus Potenzial in mir, und das, obwohl er mich genau genommen noch gar nicht kennt, aber Potenzial erkennt er, dafür muss er einen gar nicht kennen, vor allem künstlerisches Potenzial, das erkennt er, ohne einen zu kennen, was vielleicht daran liegt, dass er Künstler ist. Während seiner Rede hat er damit begonnen, dünne Scheiben vom Rohschinken zu schneiden, und hat dabei immer gut darauf geachtet, dass ich ihm nicht nur zuhöre, sondern auch zusehe, es dürfte sich um die Einschulung handeln, ganz nervös bin ich schon und kann es gar nicht mehr erwarten, auch ein Schneiden zu probieren. Der Regisseur tritt feierlich zur Seite und deutet mir mit einer einladenden Armbewegung zu übernehmen. Ich beginne also zu drehen, es ist ein gutes Gefühl, wie aus dem dicken, fleischigen Bein sanfte, durchsichtige Scheiben werden, die durch mich entstehen. Der Regisseur nickt vorsichtig optimistisch, als er meine Schneidefähigkeiten betrachtet, und kündigt an, er wird in der Zwischenzeit seinen Autoklaven bedienen, während ich schneide, so kann er auch mein Schneiden überwachen. Nein, das war jetzt nur ein Scherz, natürlich weiß er, dass ich das ganz gut allein kann. Aber trotzdem auf das Feingefühl achten! Der Autoklav, den er jetzt bedienen wird, also das, was ich vorher so salopp Topf genannt habe, ist aber eigentlich ein Überdruckkocher, wenn wir schon unbedingt alltägliche Sprache verwenden wollen, die der Autoklav aber nicht verdient hat. Und den traut er mir noch nicht zu, den Autoklaven, weil für den Autoklaven braucht man neben dem künstlerischen Feingefühl auch physikalisches Talent und auch Wissen, was ich wahrscheinlich nicht habe und auch sonst niemand in diesem Raum, aber er schon, weil er, und das wird mich jetzt überraschen, weil das eher unüblich ist, in seiner Freizeit kein Künstler ist, nein, da trennt er ganz strikt Berufliches und Privates, nein, in seiner Freizeit, da ist er Physiker. Und ich drehe also am Schwungrad, mit Vorsicht und Ehrfurcht, natürlich will ich alles richtigmachen, manchmal ist es auch für mich schön, auserwählt zu sein von einem Fremden. Der Regisseur blickt immer wieder lächelnd von seinem Autoklaven auf, um meine Schwungradtätigkeit zu betrachten, zwischendurch zieht er leicht besorgt eine Augenbraue in die Höhe, und während er immer wieder schon seine Hände zum Eingreifen ausstreckt und dann aber doch wieder zurückzieht, murmelt er: „Ich vertrau dir. Ich vertrau dir.“

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