Kitabı oxu: «Die Germanen»
Dr. Ulrike Peters, geboren 1957, Studium der Vergleichenden Religionswissenschaft, Altamerikanistik und Völkerkunde in Bonn und Wien. Wissenschaftliche Mitarbeit am Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko City und an den Universitäten Bonn und Paderborn im theologischen Bereich. Heute als Sachbuchautorin und als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Publikationen zu den Themenbereichen Weltreligionen, Judentum, Kirchengeschichte, Tierschutzethik, Esoterik, altes Mexiko und Kelten.
Zum Buch
»(…) die Stämme Germaniens (…): grimmige blaue Augen, rotblonde Haare, große Körper, die jedoch nur zum Angriff geeignet sind.«
TACITUS, GERMANIA
Germanen, die Geschichte schrieben, stellt dieser Band in Biografien vor: Angefangen von Ariovist und Arminius, die durch ihren Widerstand gegen die Römer berühmt wurden, über Geiserich, Theoderich oder Chlodwig und Karl den Großen, die bekanntesten Herrscher der germanischen Reiche bis hin zu anderen bedeutenden Persönlichkeiten, wie z. B. Wulfila, dem Missionar der Goten und Erfinder der gotischen Schrift, Brunichilde, einer germanischen Powerfrau, dem Wikinger Leif Eriksson, dem Entdecker Amerikas oder Snorri Sturluson, dem Verfasser der Edda. Der Lauf der Weltgeschichte wird bestimmt durch das Leben, die Taten, den Erfolg oder die Niederlagen einzelner Personen. In diesem Sinne soll anhand dieser germanischen Biografien, in denen sich oft Mythos und Realität vermischen, die Geschichte und Kultur der Germanen beispielhaft dargestellt werden.
Ulrike Peters
Die Germanen
Ulrike Peters
Die Germanen
Geschichte in Lebensbildern

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© by marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014
Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014
Korrektur: Karin Flörchinger, Hattersheim
Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH
Hamburg Berlin
Bildnachweis: Kreidelithographie von Nikolai D. Dmitrijeff-Orenburgsky n. Gemälde v. F. Tüshaus (1832–1885), © akg-images GmbH, Berlin eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0458-5
www.verlagshaus-roemerweg.de/marixverlag
»Ich selbst allerdings stimme der Meinung jener zu, die glauben, dass die Stämme Germaniens durch keinerlei Verbindung mit anderen Nationen beeinträchtigt sind, sondern ein eigenes und reines und nur sich selbst ähnliches Volk darstellen. Daher ist auch die Körpergestalt trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: grimmige blaue Augen, rotblonde Haare, große Körper, die jedoch nur zum Angriff geeignet sind. Für Mühe und Anstrengung besitzen sie nicht dieselbe Geduld, am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze, an Kälte und Hunger dagegen haben sie sich durch das Klima und die Bodenbeschaffenheit gewöhnt.«
Tacitus
INHALT
VORWORT
1.WER WAREN DIE GERMANEN? MYTHOS UND WIRKLICHKEIT
Germanenbilder
Geschichtlicher Überblick
Germanische Kultur
2.ARIOVIST († 54 V. CHR.) – DIE ERFINDUNG DER GERMANEN
Caesars »Gallischer Krieg« und die Erfindung der Germanen
Ariovist contra Caesar
3.ARMINIUS (CA. 17 V. CHR. – 21 N. CHR.) – »BEFREIER GERMANIENS«
Zwischen Anpassung und Widerstand – das freie Germanien zur Zeit des Augustus
Arminius – der »Befreier Germaniens«?
Nachleben
4.EXKURS: DER ARIANISMUS – DAS CHRISTENTUM DER GERMANEN
5.WULFILA (CA. 311–383) – MISSIONAR DER GOTEN
6.GEISERICH (CA. 389–477) – DAS VANDALENREICH IN AFRIKA
»Wie die Vandalen hausen …«
Geiserich – der Barbar, der keiner war
Nachleben
7.EXKURS: DIE GOTEN
8.THEODERICH DER GROSSE (CA. 451–526) – DAS OSTGOTISCHE REICH
Geiselhaft in Konstantinopel und erste Herrschaftsjahre
Herrschaft in Italien: Das Ostgotenreich
Theoderich, der Arianer und die katholische Kirche
Die letzten Jahre und Theoderichs Nachfolge
Theoderichs politische Erfolge als Diplomat zwischen Römern und Germanen
Nachleben als Dietrich von Bern
9.EXKURS: DIE FRANKEN
10. CHLODWIG (CA. 465–511) – GRÜNDER DES FRANKENREICHES
Childerich
Chlodwig – die militärischen Erfolge
Eine Taufe von weltgeschichtlicher Bedeutung
Die letzten Jahre
Nachleben
11. BRUNICHILDE (CA. 550–613) – EINE GERMANISCHE POWERFRAU
Das Leben der Königin und Powerfrau Brunichilde
Nachleben als Brünhild der Nibelungensage
12. KARL DER GROSSE (CA. 747–814) – »VATER EUROPAS«
Die militärischen Erfolge
Herrscher von Gottes Gnaden und Erneuerer des Reiches
Aus dem Alltags- und Privatleben Karls
Nachleben
13. EXKURS: DIE SACHSEN UND DIE SACHSENKRIEGE
14. WIDUKIND (8. JH.) – REBELL DER SACHSEN
Widukind und der Widerstand der Sachsen
Nachleben
15. EXKURS: DIE WIKINGER – DIE GERMANEN DES NORDENS
16. OLGA VON KIEW (CA. 900–969) – DER ANFANG RUSSLANDS
Die Anfänge der Rjurikiden
Olga, Herrscherin und Heilige der Rus
Nachleben
17. ERIK DER ROTE (CA. 950–1003) UND LEIF ERIKSSON (CA. 975–1020) – DIE ENTDECKUNG GRÖNLANDS UND AMERIKAS
Erik der Rote
Leif Eriksson
Nachleben
18. OLAF HARALDSSON (995–1030) – DER HEILIGE WIKINGER
Olaf – König von Norwegen
Nachleben als Heiliger
19. HARALD SIGURDSSON (1015–1066) – DER LETZTE WIKINGER
20. SNORRI STURLUSON (1179–1241) – DIE MYTHEN DER GERMANEN
Snorri Sturluson: Politiker, Dichter und Historiker
Die Edda und die Mythen der Germanen
21. TACITUS UND DIE FOLGEN: DAS NACHLEBEN DER GERMANEN VON WAGNERS »RING DES NIBELUNGEN« BIS ZU DEN »NEUEN GERMANEN«
Richard Wagners »Ring des Nibelungen«
Von der Völkischen Bewegung bis zum national-sozialistischen Rassenwahn
»Neue Germanen« heute – Neuheidnische Religion (Erdreligion)
BIBLIOGRAFIE
VORWORT
Germanen, die Geschichte schrieben, stellt dieser Band in ausgewählten Biografien vor. Zunächst wird im ersten Kapitel versucht, der Frage nachzugehen, wer die Germanen eigentlich waren – verbunden mit einem Überblick über Geschichte und Kultur der Germanen. Dann folgen die Lebensbilder berühmter Germanen, deren Nachleben und Nachwirkung bis in unsere Zeit reichen: Ariovist, Arminius, Wulfila, Geiserich, Theoderich der Große, Chlodwig, Brunichilde, Karl der Große, Widukind, Olga von Kiew, Erik der Rote und Leif Erikisson, Olaf Haraldsson (Olaf der Heilige), Harald Sigurdsson und Snorri Sturluson. Entsprechende Exkurse zu Stichworten wie Arianismus, Goten, Franken, Sachsen oder Wikinger ergänzen die Biografien und liefern zusätzliche Informationen. Ein abschließendes Kapitel »Tacitus und die Folgen« zeigt auf, wie die Germanen bis heute weiterleben und nachwirken: In den Opern Richard Wagners, in der deutschvölkischen und nationalsozialistischen Ideologie bis hin zu den Neuheiden bzw. Neuen Germanen heute.
Ariovist († 54 v. Chr.) ist der erste Germane, den wir »persönlich« in Caesars »Der Gallische Krieg« kennenlernen als Anführer der Sueben. Caesar war es, der die Germanen erstmals beschrieb und letztlich »erfand«. Der Mythos des Arminius (17 v. Chr. – 21 n. Chr.) als »Befreier Germaniens«, der den Römern in der Varusschlacht eine vernichtende Niederlage zufügte, lebt bis heute weiter. Durch Wulfila (ca. 311–383), Missionar und Bischof der Goten, verbreitete sich das Christentum in Form des Arianismus nicht nur bei den Goten, sondern auch bei anderen germanischen Stämmen. Wulfila verdanken wir aber auch die »Gotische Bibel« als erstes germanisches Schriftzeugnis und das gotische Alphabet. Geiserich (ca. 389–477) gründete das Reich der Vandalen in Afrika, Theoderich der Große (ca. 451–526) das Ostgotische Reich in Italien und Chlodwig (ca. 465–511) das Frankenreich. Nur dem Frankenreich war ein dauerhafter Erfolg beschieden. Brunichilde (ca. 550–613), Tochter des Westgotenkönigs Athanagild und Frau des Frankenkönigs Sigibert, übernahm nach der Ermordung ihres Mannes die Herrschaft und gilt als Vorbild der Walküre Brunhilde im Nibelungenlied. Karl der Große (ca. 747–814), König der Franken und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, galt schon zu Lebzeiten als »Vater Europas«, da er mit der Einigung des Frankenreiches die Grundlage des späteren Europas schuf. In den Sachsenkriegen, die Karl der Große führte, war Widukind (8. Jh.) sein Gegner und der Anführer des sächsischen Widerstandes – bis er sich taufen ließ. Olga von Kiew (ca. 900–969) war Fürstin von Kiew aus der Dynastie der Rjurikiden, die am Anfang der russischen Geschichte und der Christianisierung Russlands steht und eine der wichtigsten russischen Heiligen ist. Der Wikinger Erik der Rote (ca.950–1003) entdeckte Grönland, sein Sohn Leif Eriksson (ca. 975–1020) Amerika – 500 Jahre vor Kolumbus! Olaf Haraldsson (995–1030), der heilige Olaf, war norwegischer König und wird bis heute als Nationalheiliger Norwegens verehrt. Harald Sigurdsson (1015–1066), ebenfalls norwegischer König, gilt als der letzte Wikinger. Mit seinem Tod in der Schlacht bei Stamford Bridge in England 1066 endet offiziell die Wikingerzeit. Snorri Sturluson (1179–1241) war einer der bedeutendsten Männer in der Geschichte Islands: Politiker, Historiker und Dichter. Als Verfasser der Snorra-Edda verdanken wir ihm unser heutiges Wissen über die Gottheiten und Mythen der Germanen. Anhand dieser Biografien soll beispielhaft die Kultur und Geschichte der Germanen dargestellt werden. Aufgrund der unterschiedlichen Quellenlage sind wir über einige dieser germanischen Persönlichkeiten mehr informiert und über andere weniger – entsprechend gestalten sich auch die einzelnen Biografien etwas unterschiedlich.
Das vorliegende Buch ist als Einführung und Einladung gedacht, germanische Geschichte und Kultur anhand einer Auswahl von Lebensbildern und Einblicken kennenzulernen. Für diese innovative Idee sei Herrn Lothar Wekel von marixverlag herzlich gedankt. Wenn der Leser dadurch angeregt wird, sich darüber hinaus über Geschichte und Kultur sowie weitere berühmte Germanen zu informieren, ist das Ziel dieses Buches erreicht.
| Bonn, Juni 2014 | Ulrike Peters |
1. WER WAREN DIE GERMANEN? MYTHOS UND WIRKLICHKEIT
Wer waren die Germanen? Germanenbilder
»Grimmige blaue Augen, rotblonde Haare, große Körper« – dieses Germanenbild des römischen Geschichtsschreibers Tacitus ist nicht nur eines der ersten, sondern auch dasjenige, das unsere Vorstellung von den Germanen bis heute geprägt hat –, wie im Folgenden noch aufzuzeigen ist.
Wer waren die Germanen? Eine Frage mit vielen Antworten. Ähnlich wie man mit dem Begriff Indianer die Einwohner zweier Kontinente und der unterschiedlichsten Kulturen von den Sammlern und Jägern bis hin zu Hochkulturen weitläufig zusammenfasst, so verwendete man auch den Begriff Germanen ungenau-schwammig und inflationär. Während aber die Indianer sich selbst auch als solche bezeichnen, hat es im Unterschied dazu ein Volk, das sich selbst als »Germanen« bezeichnete, nie gegeben. »Germanen« war eine Fremdbezeichnung und blieb es: Die Römer waren es, die den »barbarischen« Völkern jenseits des Rheins den Namen Germanen gaben. Als Barbaren (von griech. barbaros = Stammler) galten bei den Griechen und Römern alle Völker, die nicht Griechisch bzw. Lateinisch sprachen und nicht der griechischen bzw. römischen Kultur angehörten. Von Beginn an bis in die Gegenwart ist die Einordnung bestimmter Stämme als germanisch, keltisch, slawisch etc. nie eindeutig klar gewesen, sondern immer mit einem Fragezeichen zu versehen. Die Wissenschaft ist auf die »Fremdzeugnisse« der römischen Geschichtsschreiber angewiesen, es gibt keine eigenen schriftlichen Berichte der Germanen. Auch die archäologischen Zeugnisse geben relativ wenig Antworten auf unsere Fragen. Zur Zeit der Völkerwanderung (375–568) haben wir bereits mehr Quellen, aber auch hier gibt es mehr Fragen als Antworten. Dazu kommt, dass der Begriff »Germanen« von Beginn an bis zur Gegenwart oft mit ideologischen Ansichten und Zielen verbunden wurde und nach wie vor wird.
Schon bei den allerersten Beschreibungen der Germanen von Caesar und Tacitus diente ein bestimmtes Germanenbild als Projektionsfläche, um diverse Ziele zu erreichen: Caesar verfolgte mit seiner Einteilung der linksrheinischen Kelten und rechtsrheinischen Germanen seine politischen Ziele und Karriere, nicht zuletzt die Eroberung Galliens. Tacitus versuchte mit einem idealisierten Germanenbild vor allem die Dekadenz der römischen Gesellschaft zu kritisieren. Im nationalstaatlichen Denken des 18. und 19. Jh. und vor allem im Nationalsozialismus dienten die Germanen als Schablone für die Entwicklung einer nationalen Identität der Deutschen, die man mit den Germanen gleichsetzte.
Dazu kommt ein anderes Problem, nämlich das der Entwicklung und Veränderung der germanischen Stämme im Laufe der Geschichte. Die einzelnen germanischen Stämme haben sich während ihrer Wanderungen und in ihrer jeweiligen neuen Heimat verändert, sind mit anderen germanischen und nichtgermanischen Stämmen Bündnisse eingegangen, haben sich durch Heiraten vermischt etc. So ist beispielsweise zu fragen, ob und inwiefern die Goten, die von ihrer ursprünglichen Heimat im heutigen Polen aufbrachen und ihre Wanderung begannen, im Oströmischen Reich öfter ihren Aufenthaltsort wechselten, noch »dieselben« Goten waren, die dann, Jahrhunderte später, das Ostgotische und Westgotische Reich in Italien und Spanien errichteten. Auch die Wissenschaft betont heute, dass sich germanische Stämme wie die Goten durch die »fremden« Einflüsse veränderten. Denn die Goten hatten sich im Laufe der Geschichte mit verschiedenen Stämmen und Völkern verbunden wie z. B. den Karpen, den Herulern, den Hunnen und nicht zuletzt den Römern. So schloss sich ein Teil der Greutungen bzw. Ostgoten den Hunnen an und übernahm deren Lebensweise als nomadisches Steppenvolk. Nicht zuletzt römische Einflüsse spielten eine maßgebliche Rolle in der geschichtlichen Veränderung der germanischen Stämme.
Zur näheren Erläuterung sei kurz auf die Entstehung ethnischer Identität eingegangen: Der Begriff Ethnie, der heute statt des vorbelasteten Begriffes »Volk« verwendet wird, ist ein taxonomischer Begriff, d. h. ein Begriff, der der Klassifizierung dient. Ethnische Identität ist eine Form der kollektiven Identität, eines Wir-Bewusstseins, aufgrund gemeinsamer Traditionen wie z. B. Abstammung, Geschichte, Sprache, Religion, Lebensraum etc. Ob diese Traditionen real oder fiktiv sind, ist nicht entscheidend, entscheidend ist das Wir-Bewusstsein, das Zugehörigkeitsgefühl der einzelnen Person zur Gruppe. Die ethnische Gruppe entsteht und stabilisiert sich durch Abgrenzung von anderen Gruppen und Interaktion mit anderen Gruppen. Ethnische Identität ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisch-kreativer Prozess mit latenten und – in Krisenzeiten, wie z. B. Krieg oder Eroberung – aktiven Phasen. Und es sind nicht objektive Kriterien, sondern in der Regel allein soziale Faktoren ausschlaggebend, so vor allem die eigene Zuordnung zu einer Gruppe A, auch wenn die objektiven Kriterien für eine Zuordnung zu Gruppe B sprechen. Wie sich »Völker« und Gesellschaften ändern, können wir auch in unserer sogenannten multikulturellen Gesellschaft beobachten. Ein modernes Beispiel: Ein Sohn deutsch-türkischer Eltern, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ist als Türke anzusehen, wenn er sich selbst als solcher »fühlt« und von der Umwelt als solcher eingestuft wird, auch wenn er überhaupt nicht türkisch spricht. Umgekehrt kann er sich aber auch ganz als Deutscher fühlen, als solcher von der Umwelt gesehen und akzeptiert werden, und ist dann in diesem Fall auch als Deutscher einzuordnen. Dieses Beispiel zeigt gleichzeitig die Schwierigkeit, selbst in der Gegenwart, eine Gruppe als Ethnie genau ein- und abzugrenzen. Auch im Falle von Wulfila, Geiserich oder Theoderich war jeweils ein Elternteil nichtgermanischer Herkunft. Sie selbst sahen sich aber als zu den Goten bzw. Vandalen gehörig und wurden von außen auch als solche eingeordnet.
Zurück zu den ersten Quellen über die Germanen. Die Herkunft und die Bedeutung der Bezeichnung »Germanen« ist nicht geklärt. Poseidonios (135–51 v. Chr.) verwendet erstmals die Bezeichnung »Germanen« in seinen sogenannten Historien (um 80 v. Chr.) für die am Rhein lebenden und den Kelten verwandten Stämme. Auch Strabon (63 v. Chr. – 33 n. Chr.) betont die Verwandtschaft zwischen Germanen und Kelten. Aber erst Caesar machte die Bezeichnung populär und unterschied klar zwischen den Germanen als rechtsrheinische und den Kelten als linksrheinische Stämme. Überspitzt kann man sagen, dass Caesar es war, der die Germanen »erfand«. Denn Caesars Unterscheidung zwischen Germanen und Kelten ist so nicht korrekt, weil auf beiden Rheinseiten sowohl Germanen als auch Kelten lebten. Caesar verfolgte mit seiner Einteilung ein bestimmtes Ziel – nämlich die Eroberung Galliens, das links des Rheines lag.
Gaius Julius Caesar (100–44 v. Chr.) machte eine Karriere in römischen Staatsdiensten, wurde Prokonsul in Illyrien und Gallien. Während des Gallischen Krieges 58–51 v. Chr. gelang es ihm, das bis dahin freie Gallien zu erobern und zur römischen Provinz zu machen. Im Römischen Bürgerkrieg 49–45 setzte sich Caesar erfolgreich gegen seinen Konkurrenten Pompeius durch und wurde Diktator auf Lebenszeit. Als Caesar 44 einem Attentat seiner politischen Gegner zum Opfer fiel, führte sein Nachfolger und Neffe Gaius Octavius das Kaisertum in Rom ein und nannte sich Kaiser Augustus. Über den Gallischen Krieg, den Caesar führte, schrieb er einen Bericht: »Der Gallische Krieg« (Commentarii de Bello Gallico). Gerade Caesar gilt als Paradebeispiel für die tendenziöse Geschichtsschreibung, denn er schrieb den »Gallischen Krieg«, um seinen Feldzug nach Gallien politisch zu rechtfertigen und um damit finanzielle und berufliche Erfolge zu erlangen. (Vgl. Kap. Ariovist)
Eine andere Hauptquelle zu den Germanen ist neben Caesars »Der Gallische Krieg« die »Germania« von Tacitus. Publius Cornelius Tacitus (58–120) machte wie Caesar schon früh Karriere im römischen Staatsdienst. Er war Senator, unter anderem auch Militärtribun und Prokonsul in der Provinz Asia (heute Türkei). Aber unsterblichen Ruhm erwarb sich Tacitus als Historiker vor allem mit den Werken »Agricola«, »Historien«, »Germania« und den »Annalen«. »Agricola« ist eine Biografie seines Schwiegervaters, dem Konsul Gnaeus Julius Agricola, die wertvolle Informationen über Britannien zur Römerzeit enthält. In den nur zum Teil erhaltenen »Historien« stellte Tacitus die Geschichte des Römischen Reiches von Galba im Jahr 69 bis Domitian im Jahr 96 dar. In den nur zur Hälfte erhaltenen »Annalen« stellt er die Geschichte des Römischen Reiches von Augustus bis Nero im Jahr 68 dar. Die »Germania« (De origine et situ Germanorum liber) ist eine Beschreibung der Germanen, in der Tacitus auf die Geschichte, Kultur und Lebensweise und die einzelnen Stämme eingeht. Seine Quellen sind neben der eigenen Anschauung unter anderem Schriften aus staatlichen oder privaten Archiven, Augenzeugenberichte und historische Werke, vor allem die nicht mehr erhaltenen »Germanenkriege« von Plinius dem Älteren.
»Ohne Zorn und Eifer« (= sine ira et studio) oder »über niemanden mit Zuneigung und von jedem ohne Hass« (= neque amore quisquam et sine odio) sprechen – diese Sätze stellte Tacitus seinen Annalen bzw. den Historien voran, gemeint ist damit eher die abschließende Beurteilung der Sache als die Darstellung selbst. Es sind die Sätze eines exzellenten Rhetorikers und eines Schreibers von hoher stilistischer Qualität, dem es gelingt, die Personen und Ereignisse scheinbar objektiv darzustellen, aber dem Leser durchaus subtil seine Sicht der Dinge zu vermitteln. Vor allem mit der »Germania« verfolgte Tacitus das Ziel, die Dekadenz, den Sittenverfall der römischen Gesellschaft in der Kaiserzeit zu kritisieren und diese Kritik mit einer Darstellung der Germanen sozusagen als positives Gegenbild zu veranschaulichen: Bei seinem Vergleich zwischen Germanen und Römern schneiden die Germanen besser ab. Tacitus schreibt den Germanen die Tugenden zu, die er bei den Römern vermisst, und fordert sie damit indirekt zu einer Rückkehr zu diesen Tugenden auf. Aber Tacitus versuchte mit der »Germania« auch zu erklären, warum die Römer die Germanen nicht vollständig unterworfen hatten so wie die Gallier oder Britannier. Zudem muss man generell bei den antiken Schriften, auch wenn sie sich als »Historie« ausgeben, immer berücksichtigen, dass es sich nicht um objektiv-wissenschaftliche Beschreibungen handelt. Neben Klischees betonen die antiken Autoren gerne das Ungewöhnliche, Fremde und Exotische.
Hatten die Werke Tacitus’ in der Antike keine große Breitenwirkung und wurden sie im Mittelalter sogar vergessen, feierten die »Germania« und die »Annalen« seit der Wiederentdeckung im Humanismus bis zur Gegenwart eine Renaissance von nicht zu unterschätzendem Ausmaß. Bis heute, vor allem aber im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, übernahm man in selektiver, auswählender Weise die Verherrlichung der starken, reinrassigen, freiheitsliebenden und treuen Germanen von Tacitus, die von ihm erwähnten negativen Eigenschaften der Germanen ignorierte man. Die von Tacitus beschriebenen Germanen und ihre Geschichte wurden dabei als erste Phase der Geschichte der modernen Deutschen gesehen und mit ihnen fälschlicherweise gleichgesetzt. »Rein von fremder Vermischung (…) lebt in den Ländern jenseits des Rheins ein Volk mit trotzigen blauen Augen, hochgelben Haaren, von starkem Körperbau und riesenhaftem Wuchs, abgehärtet gegen Kälte und Hunger, nicht gegen Durst und Hitze, von kriegerischem Geist, bieder, treu, freundlich (…).« Dieses Zitat stammt nicht etwa von Tacitus, sondern aus dem Brockhaus von 1834 und belegt, wie verbreitet das Germanenbild des Tacitus in der deutschen Öffentlichkeit war. Überspitzt kann man sagen, das Germanenbild der Deutschen war das von Tacitus.
Bei Tacitus heißt es: »Die Germanen selbst sind (…) in keiner Weise durch Zuzug oder Gastfreundschaft mit anderen Völkern vermischt worden (…)« (Tacitus, Germania 2) Weiter glaubt Tacitus, dass die Germanen »ein eigenes und reines und nur sich selbst ähnliches Volk darstellen. Daher ist auch die Körpergestalt trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: grimmige blaue Augen, rotblonde Haare, große Körper, die jedoch nur zum Angriff geeignet sind. Für Mühe und Anstrengung besitzen sie nicht dieselbe Geduld, am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze, an Kälte und Hunger dagegen haben sie sich durch das Klima und die Bodenbeschaffenheit gewöhnt.« (Tacitus, Germania 4)
Das Germanenbild des Tacitus diente den Deutschen zunächst politisch – vor allem in Abgrenzung zu den Franzosen – zur Entwicklung einer nationalen Identität. Diese »germanische« Identität wurde später durch rassenkundliche und sozialdarwinistische Theorien in pseudowissenschaftlicher Weise untermauert. Bei den Nationalsozialisten genoss Tacitus so große Verehrung, dass sie ihn zum Arier erklärten. Die »Germania« des Tacitus stand so hoch im Kurs, dass die Nationalsozialisten die älteste Abschrift von diesem Werk, den Codex Aesinas, von Italien nach Berlin holen wollten. Als Mussolini seine Zusage, den Codex an die Deutschen zu übergeben, nicht einhielt, befahl der SS-Führer Heinrich Himmler einer SS-Gruppe, in den Palazzo der Familie Balleani einzudringen und den Codex nach Berlin zu bringen. Allerdings erfolglos, denn die Balleanis konnten den Codex rechtzeitig woanders verstecken.
Außer Caesar und Tacitus sind als weitere antike Autoren, in deren Werken sich Informationen über die Germanen finden, unter anderem Appian (Römische Geschichte), Strabon (Geographie), Plinius der Ältere (Germanische Kriege, verloren gegangen) oder Ammianus Marcellinus (Res Gestae) zu erwähnen.
Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über Geschichte und Kultur der Germanen gegeben, der den Schwerpunkt auf die römische Zeit legt. Zu weiteren Informationen siehe auch die Exkurse, die einigen Kapiteln vorausgehen (Goten, Arianismus, Franken, Sachsen und Sachsenkriege, Wikinger).
Geschichtlicher Überblick
Die Sprache der Germanen ist der Westgruppe der indogermanischen bzw. indoeuropäischen Sprachen einzuordnen. Zu den indoeuropäischen Sprachgruppen zählen unter anderem auch die indoarischen, romanischen, italischen oder keltischen Sprachen sowie das Griechische.
Die germanischen Stämme, die Tacitus auflistet, sind vor allem die Bataver, Mattiaker, Chatten, Usipeter, Tenkterer, Brukterer, Dulgubiner, Chasuarier und Friesen im Westen, Chauken, Cherusker, Kimbern im Norden sowie die Sueben, Semnonen, Langobarden, Nerthusvölker, Hermunduren, Narister, Markomannen, Quaden, Lugier, Goten, Swionen und Sithonen. Heute teilt man die vielen germanischen Stämme meist nach ihrem Siedlungsgebiet ein. So gehören zu den linksrheinischen Germanen die Vangionen, Triboker, Nemeter und Ubier, zu den rechtsrheinischen Germanen die Sugambrer, Marser, Brukterer und Chamaven. Die Cherusker siedelten an der Weser, die Chatten im heutigen Hessen (Rhein-Weser-Germanen). An der Nordseeküste lebten die Friesen, Amsivarier und im Gebiet der Elbe die Chauken. Die Sueben, Semnonen, Markomannen und Quaden siedelten in Böhmen und Mähren. Vandalen, Goten, Burgunder und Rugier hatten ihren Ursprung im Gebiet zwischen Oder und Weichsel und gelten als Ostgermanen. Als Nordgermanen bzw. Wikinger bezeichnet man die Völker Skandinaviens. In späterer Zeit gewannen die großen germanischen Stämme der Ost- und Westgoten, Vandalen, Franken, Burgunder, Langobarden, Alemannen, Thüringer, Sachsen, Friesen, Bajuwaren und die Wikinger an Bedeutung.
Diverse Kulturen der Eisenzeit gelten als Vorläufer der germanischen Kultur. Vor allem die Jastorf-Kultur, die zeitlich der vorrömischen Eisenzeit (600 v. Chr. bis zur Zeitenwende) zuzuordnen ist, gilt als Beginn der germanischen Kultur. Das Zentrum dieser Kultur war zunächst in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, sie breitete sich dann nach Thüringen, Niederrhein und Niederschlesien aus. Nahm man früher an, dass die Jastorf-Kultur durch Einwanderung aus Skandinavien entstanden sei, geht man heute von einem starken Einfluss der keltischen Hallstatt-Kultur aus.
Träger der eisenzeitlichen Przeworsk-Kultur (300 v. Chr. – Mitte 5. Jh. n. Chr.) im Gebiet des heutigen Polens zwischen Warthe/Oder bis zu den Karpaten waren Vorläufer der Vandalen, Burgunder und Lugier. In neuester Zeit wurde die Verwandtschaft der Przeworsk-Kultur mit der Kultur der Eisenzeit im Rhein-Weser-Gebiet nachgewiesen.
Träger der Wielbark-Kultur im heutigen Polen (Ostpommern, Ostpreußen) vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 4. Jh. n. Chr. waren wahrscheinlich die »ersten« Goten. Die Wielbark-Kultur breitete sich später bis zur Ukraine aus. Nahm man früher aufgrund der »Gotengeschichte« von Jordanes an, die Goten seien aus Skandinavien eingewandert, geht man heute davon aus, dass die Wielbark-Kultur sich vor Ort und nicht aufgrund von Einwanderung entwickelt hat.
Im Jahre 113 v. Chr. kam es zu der ersten Begegnung zwischen Germanen und Römern. Damit traten die Germanen erstmals in der Geschichte in Erscheinung. Denn zur damaligen Zeit schrieben die Römer die Geschichte im buchstäblichen Sinne: Die Historiker, die die geschichtlichen Ereignisse aufschrieben, waren Römer, und nur von dem, was sozusagen im Gesichtsfeld der Römer passierte, berichteten sie, und nur durch sie haben wir heute davon Kenntnis. Von dem, was sie unerwähnt ließen, fehlen uns bis jetzt konkrete Informationen und bleiben uns nur wenige archäologische Funde und Zeugnisse. Denn die Germanen selbst begannen erst später, vor allem im Mittelalter, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben.
Wie kam es zu dieser ersten germanisch-römischen Begegnung? In Skandinavien, genauer in Jütland, der Heimat der Kimbern, Teutonen und Ambronen, verschlechterte sich das Klima im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends immer mehr, die Ernten fielen aus und es kam zu Hungersnöten. Als Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. noch eine Sturmflut an Dänemarks Küsten hinzukam, veranlasste das die Stämme der Kimbern, Teutonen und Ambronen, aus ihrem Gebiet in Jütland Richtung Süden aufzubrechen. Um 113 v. Chr. trafen die Germanenstämme bei Noreia in der Steiermark erstmals auf die Römer. Die Römer wollten die Germanen daran hindern, weiter bis nach Rom zu ziehen, lockten sie in eine Falle und griffen sie an. Aber nicht die Römer, sondern die Germanen siegten in dieser Schlacht von Noreia. Das römische Heer unter Gnaeus Papirius Carbo wäre vollkommen vernichtet worden, hätte es nicht ein einbrechendes Unwetter davor bewahrt. Die Germanen zogen weiter nach Gallien, verteidigten sich erfolgreich gegen römische Angriffe und gelangten bis zur Iberischen Halbinsel. Unterwegs schlossen sich ihnen die Tiguriner an, ein Stamm der keltischen Helvetier. Von der Iberischen Halbinsel ging die Wanderung wieder in Richtung Italien. Dabei trennten sich die Wege der Teutonen und Ambronen von denen der Kimbern. Das bedeutete letztlich ihr Ende. Denn nun konnten die Römer unter Gaius Marius die Teutonen und Ambronen 102 v. Chr. in der Schlacht von Aquae Sextiae (Aix-en-Provence) besiegen. 20.000 Teutonen wurden gefangen genommen, auch der teutonische Anführer Teutobod. Ein Jahr später wurden die Kimbern bei Vercellae in der Poebene von den Römern besiegt. Die Wanderung der Kimbern, Teutonen und Ambronen wird von den römischen Schriftstellern als Raubzug dargestellt, in Wirklichkeit waren die Germanenstämme aber auf der Suche nach fruchtbarem Siedlungsland. Der Zug der Kimbern, Teutonen und Ambronen rief bei den Römern die alte Furcht vor den Galliern hervor, als diese im Jahre 387 v. Chr. in Rom einmarschiert waren. Aufgrund der verlustreichen Kämpfe mit den Germanen gestaltete Gaius Marius das römische Heer zu einer Berufsarmee um. Diese Umgestaltung des Heeres zu einer Berufsarmee war einer der Gründe, warum Caesar so erfolgreich im Gallischen Krieg war. Von den Kimbern, Teutonen und Ambronen berichten die römischen Geschichtsschreiber danach nichts mehr, und sie verschwinden damit aus dem Blickfeld der Geschichte. Die Berichte der römischen Historiker aber wirken bis heute nach, vor allem hatten die Teutonen im Gedächtnis der Römer einen nachhaltigen Schrecken hinterlassen. Man sprach von »furor teutonicus«, von der »teutonischen Raserei« der »tollkühnen und unerschrockenen« Teutonen. Diese Darstellung der Teutonen bei den Römern führte letztlich dazu, dass die Deutschen sich gerne selbst auch als Teutonen bezeichneten aufgrund der – nicht korrekten und nicht zutreffenden – Ableitung des Wortes »deutsch« von »teutonisch«. Noch heute wird im Deutschen ein großer, starker Mann als »Teutone« bezeichnet oder man spricht vom »Teutonengrill« und meint damit Strände wie den »Ballermann«, die vorwiegend von Deutschen bevölkert sind. Ob die Teutonen überhaupt ein germanischer und nicht vielleicht ein keltischer Stamm waren, ist nicht sicher geklärt. Die zweite Begegnung der Römer mit den Germanen, mit den Sueben, fand zur Zeit Caesars während des Gallischen Krieges 58–51 v. Chr statt. Es war die historische Begegnung Caesars mit dem Germanenführer Ariovist während des Gallischen Krieges, über die im Kap. Ariovist ausführlich berichtet wird.
Unter Kaiser Augustus, dem Nachfolger Caesars, kam es immer wieder zu Unruhen an der Grenze zu Germanien, sodass er schließlich beschloss, das rechtsrheinische Germanien bis zur Elbe zu erobern. Er beauftragte seinen Stiefsohn Drusus mit der der Eroberung Germaniens. Dieser konnte auch zwischen 12–9 v. Chr. die Friesen, Chauken, Brukterer, Marser und Chatten in mehreren Feldzügen besiegen, aber nicht vollkommen unterwerfen. Nach seinem Tod konnte Tiberius im Jahre 4 n. Chr. die Cherusker unterwerfen und war gerade dabei, im Jahre 6 das Markomannenreich von Marbod im heutigen Böhmen zu erobern, als er wegen eines Aufstandes in Pannonien den Rückzug antreten musste. Varus, der Nachfolger des Tiberius, wurde von Arminius, dem Anführer der Cherusker und einiger anderer Stämme, in der Varusschlacht im Jahre 9 vernichtend geschlagen. Augustus gab daraufhin seine Pläne, das rechtsrheinische Germanien zu erobern, auf. Der Nachfolger des Varus, Germanicus, unternahm zwischen 14 und 16 einige Feldzüge im rechtsrheinischen Germanien. (Vgl. dazu Kap. Arminius)
Zu erwähnen ist dann der Aufstand der Bataver im Jahr 69 unter Julius Civilis, einem römischen Offizier germanischer Herkunft. Den Batavern gelang es zusammen mit dem keltischen Stamm der Treverer, viele römische Truppen zwischen Köln und Mainz auf ihre Seite zu ziehen und Teile des Nordosten Galliens und das Rheinland zu erobern. Bei Trier kam es zur entscheidenden Schlacht zwischen den germanischen Stämmen der Bataver, Ubier, Brukterer, Tenkterer sowie den gallischen Stämmen der Treverer und Lingonen auf der einen Seite gegen die römischen Truppen auf der anderen Seite. Dabei konnten die Römer die Germanen und Gallier in die Flucht schlagen. Bei der letzten Schlacht im Jahr 70 bei Xanten siegten die Römer endgültig.
Nicht zuletzt als Folge des Bataveraufstandes wurde im 1. Jh. unter Domitian die als Limes bekannte Grenze entlang des Rheins zwischen dem römischen und dem freien Teil Germaniens angelegt. Es entstanden die Provinzen Germania superior (Obergermanien) mit Teilen der heutigen Länder Schweiz, Frankreich und dem Südwesten Deutschlands und Germania inferior (Untergermanien) mit Teilen der heutigen Niederlande, Belgiens und Deutschlands. Sitz der Statthalters von Obergermanien war Mainz und von Untergermanien Köln.
Die nächste Etappe in der Geschichte germanisch-römischen Beziehung waren die Markomannenkriege von 167 bis 180: Die ins Römische Reich drängenden germanischen Stämme der Markomannen, Quaden, Langobarden und Vandalen, die schon unter König Marbod sich als größerer Verband zusammengeschlossen hatten, sowie die zentralasiatischen Sarmaten wurden in Pannonien von Kaiser Mark Aurel in vier Feldzügen besiegt. Es war ein knapper Sieg der Römer, und in der Folgezeit geriet das Römische Reich in eine schwere Krise durch den Druck germanischer Stämme einerseits und des Sassanidenreiches andererseits. Die Markomannenkriege werden heute als Anfang vom Ende des Römischen Reiches gesehen und als erste Stufe der Völkerwanderung.
Die Zeit der Völkerwanderung wird in den Jahren 375–568 angesetzt, es ist die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Sie wird ausgelöst durch den Einfall der aus Asien kommenden Hunnen, die die Völker zur Wanderung nach Süden und Westen trieb. Aber auch Bevölkerungszuwachs und damit verbunden Landnot sind Gründe der Völkerwanderung, ebenso Eroberungs- und Kriegslust. Ganz Europa bis hin zum Schwarzen Meer ist im Umbruch, die meisten Völker verlassen ihre alten Siedlungsgebiete, um neue zu erobern. Es ist das Ende des Römischen Reiches. Nicht mehr Rom, sondern die neue Kultur der Germanen nördlich der Alpen bestimmt von nun an das Geschehen. Zunächst bestehen nacheinander verschiedene Herrschaftsgebiete bzw. Reiche: Das von Geiserich gegründete Vandalenreich in Nordafrika (429–534), das Westgotenreich in Gallien bzw. Spanien (418–711), das Reich der Burgunder (443–534), das von Theoderich errichtete Ostgotenreich in Italien (493–553) und das Langorbardenreich in Italien (568–774).
Es sind die ostgermanischen Stämme der Goten, Gepiden, Vandalen, Burgunden und Langobarden, die die weiten Wanderungszüge in der Zeit der Völkerwanderung unternahmen. Die westgermanischen Stämme wie Franken oder Sachsen unternahmen keine großen Wanderungen. Erst später kam es wieder zu Wanderzügen der Nordgermanen bzw. Wikinger. Die ostgermanischen Stämme gründeten machtvolle Reiche, denen aber keine Dauer beschieden war. Mit ihnen starben auch die ostgermanischen Sprachen aus, während die west- und nordgermanischen Sprachen sich weiterentwickelten und bis heute präsent sind. So hatte das von Chlodwig im 5. Jh. gegründete und von Karl dem Großen erheblich ausgedehnte Frankenreich Bestand, das von nun an die Geschichte des Abendlandes prägte.
Noch zu Lebzeiten Karls des Großen traten die Wikinger aus Skandinavien mit ihren Raubzügen an den Küsten und auf den Flüssen Europas in Erscheinung. Diese »neuen« Germanen des Nordens waren Piraten, Händler und Entdecker. Die Zeit der Wikinger ist ziemlich genau eingegrenzt durch zwei kriegerische Daten in England: Der Wikingerüberfall auf das Kloster Lindisfarne 793 und die Schlacht von Hastings 1066.
Die Rus, vor allem auch Olga von Kiew, stehen am Anfang der Geschichte Russlands. Erik der Rote entdeckte Grönland, sein Sohn Leif Eriksson Amerika – lange vor Kolumbus. Es folgt die Phase der Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen Dänemark, Norwegen und Schweden um die – immer wieder wechselnde – Vorherrschaft. Als Könige sind vor allem zu nennen: Godfred (804–810), Harald Blauzahn (958–987), Sven Gabelbart (986–1014), Knut der Große (1018–1035), Harald Schönhaar (reg. ca. 870–933), Olaf Tryggvason (995–1000), Olaf, der Heilige (1016–1028), Magnus I. (1035–1047) oder Harald der Harte (1047–1066). Auch England gerät zeitweise unter dänische Herrschaft, Island wird im 10. Jh. von den Norwegern kolonialisiert. Von Island aus wird auch Grönland besiedelt. 960 ist Dänemark, 1030 Norwegen weitgehend christianisiert. Als bekannteste Wikingerkönige sind zu nennen der norwegische König Olaf, der die Christianisierung Norwegens begann und zum Nationalheiligen Norwegens wurde. Und ebenso Harald der Harte, ebenfalls König von Norwegen Er gilt als der letzte Wikinger. Mit seinem Tod in der Schlacht von Stamford Bridge 1066 endet die Wikingerzeit offiziell. Die Wikingerzeit findet aber eine Fortführung bzw. Wiederbelebung durch die Edda des Snorri Sturluson.
Germanische Kultur
»Die« einheitliche germanische Kultur hat es ebenso wenig gegeben wie »die« Germanen. Die einzelnen Stämme unterschieden sich hinsichtlich Gesellschaft, Lebensweise und Religion. Allerdings gab es gewisse Gemeinsamkeiten, die im Folgenden vereinfacht als Überblick dargestellt werden sollen. Die Darstellung orientiert sich schwerpunktmäßig an den Beschreibungen von Caesar und Tacitus und entsprechenden archäologischen Befunden.
Die Mehrheit der Germanen lebte als Bauern, betrieb Viehzucht und Ackerbau. Als Haustiere wurden Rinder, Schweine, Pferde und, wenn auch seltener, Schafe und Ziegen gehalten. Das Rind diente nicht nur als Lieferant von Fleisch, Milch, Butter und Leder, sondern vor allem auch als Zugtier beim Ackerbau und zum Transport von Lasten. Schweine wurden – da es die Kartoffel als Futtermittel noch nicht gab – in der Nähe von Eichen- und Buchenwäldern geweidet. Das Grundnahrungsmittel der Germanen war aber weniger Fleisch, als vielmehr Getreide wie Gerste, Hirse oder Emmer. Durch Handel erhielten die Germanen von den Römern Keramik, Geschirr, Schmuck oder Waffen und lieferten dafür Felle und Pelze, Honig oder Sklaven. Germanische Exportschlager, vor allem bei den römischen Frauen, waren blondes Haar für Perücken und Bernstein für Schmuckartikel.
Kleidungsmäßig unterschieden sich die Germanen von den Römern dadurch, dass die Männer Hosen trugen, die bei den Römern unbekannt waren. Die Frauen trugen Röcke. Männer und Frauen trugen dazu eine Art Kittel. Darüber wurde eine Art Mantel getragen, den Tacitus so beschreibt: »Als Kleidung haben sie alle einen Überwurf, der mit einer Fibel (…) zusammengehalten wird. (…) Sie tragen auch Tierfelle (…)« (Tacitus, Germania, 17)
Germanen lebten in Dörfern oder Siedlungen mit Bauernhöfen. Im Unterschied zu den Römern oder Kelten gab es keine germanischen Städte. Ein Bauernhof bestand aus Wohngebäude, Stall, Werkstatt und Speicher. Die Gebäude bestanden aus einem Holzgerüst, in dem die aus Flechtwerk bestehenden Wände mit Lehm verputzt wurden. Das Dach bestand aus Stroh oder Schilf. Innen war das Wohngebäude nicht durch einzelne Zimmer abgetrennt, es war ein einziger großer Wohnraum, in dem sich alles von Kochen bis Schlafen abspielte. Mittelpunkt des Inneren war eine offene Feuerstelle. Sitz- und Schlafstellen waren mit Fellen und Decken ausgestattet. Archäologisch sind ca. 130 Siedlungen zwischen Rhein und Oder bekannt, rund 100 davon an der Nordseeküste.
Germanien war eher durch eine offene Landschaft geprägt als durch dichte Wälder und Sümpfe, die nur für die Mittelgebirge kennzeichnend waren. Zum anderen gab es ein Netz von Wegeverbindungen und regelrechte Fernstraßen, über das schon die Kimbern und Teutonen schnell nach Italien gelangten oder sich die Cherusker schnell zum Widerstand unter Arminius versammeln konnten.
Als Kennzeichen der germanischen Gesellschaft wird die Stammesordnung genannt. Ein Stamm umfasste einige Tausend Personen, nicht zehn- oder hunderttausend, wie es oft heißt. Ein Stamm war kein statisches Phänomen, sondern veränderte sich durch Kriege oder Wanderungen, indem Angehörige anderer Stämme hinzukamen oder der Stamm löste sich auf. So verschwanden die Sueben, die Ariovist nach Gallien geführt hatte, oder die Cherusker, die unter Arminius die Römer besiegt hatten, relativ schnell wieder von der Bühne der Weltgeschichte.
Die germanische Gesellschaft war hierarchisch gegliedert, vom König und Adel, den Kriegern, Bauern, Handwerkern und Händlern bis hin zu den Unfreien und Sklaven. Die Bauern bildeten die Mehrheit der Bevölkerung. Die Regierung wurde von einem König (lat. rex) oder einem Heerführer (lat. dux) im Kriegsfall ausgeübt. Es gab auch Fälle, wo zwei Könige zusammen regierten. Gern wird auch von Sakralkönigtum bei den Germanen gesprochen, d. h. dass ein König auch als Priester fungierte. Bei Tacitus ist keine Rede von Sakralkönigtum, aber es ist durchaus möglich, dass es diese Institution gab. Möglich war auch eine Herrschaft der Adligen oder Fürsten, der obersten Gesellschaftsschicht.
Ein Kennzeichen der germanischen Verfassung war das Thing (oder Ding, germ. = Versammlung), die Volks- und Gerichtsversammlung aller waffenfähigen bzw. volljährigen Männer. Bei dieser Volksversammlung wurde über politische, gesellschaftliche oder militärische Fälle entschieden. Die Fürsten fällten aber nicht selten schon eine Vorentscheidung. Auch Könige oder Heerführer wurden auf diesen Volksversammlungen gewählt. Die Wahl wurde dann meist durch eine Schilderhebung, indem man den Kandidaten auf einem Schild, wie man es im Kriegsfall benutzte, »erhob«, bestätigt und öffentlich gemacht. Vor allem Gerichtsverfahren wurden bei einem Thing durchgeführt. So schreibt Tacitus: »Es ist erlaubt, bei der Volksversammlung (dem Thing) anzuklagen und ein Verfahren auf Leben und Tod einzuleiten. Die Unterscheidung der Strafen folgt aus den Vergehen: Verräter und Überläufer hängen sie an Bäume, Schwächlinge und Feiglinge und Verbrecher gegen die Sexualmoral versenken sie im Moor und im Sumpf, indem sie darüber Flechtwerk legen.« (ebd., 12)
Ein Fürst hatte eine Gefolgschaft von Männern, die ihm durch Treueschwur vor allem im Krieg verpflichtet war, ihm zu dienen und ihn zu schützen, notfalls mit dem eigenen Leben. Tacitus darüber: »Es besteht ein großer Wettstreit unter den Gefolgsleuten darum, wem der erste Platz bei seinem Fürsten gebührt, und unter den Fürsten, wer die meisten und härtesten Gefolgsleute hat. Dies macht seine Würde aus, dies seine Kräfte: Stets von einem großen Kreis ausgewählter junger Männer umgeben zu sein, ist im Frieden eine Zierde und im Krieg ein Schutz. (…)
Wenn sie in den Krieg ziehen, gilt es als schändlich, vom Gefolgsherrn an Tapferkeit übertroffen zu werden, als schändlich für die Gefolgsleute, es der Tapferkeit des Gefolgsherrn nicht gleich zu tun, und erst recht ein Frevel und ehrlos für das ganze Leben ist es, als Überlebender seines Gefolgsherrn aus der Schlacht zu kommen. Ihn zu verteidigen, zu beschützen, seine eigenen tapferen Taten seinem Ruhm zuzuschreiben, ist das oberste heilige Gebot. Die Gefolgsherren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Gefolgsherrn.« (ebd., 13 f.) Diese »germanische Treue« galt bis in die moderne Zeit als Tugend der Deutschen.
Der Krieger hatte also eine gesellschaftliche angesehene Position. Nicht zuletzt dies weist darauf hin, dass die germanische Gesellschaft patriarchalisch geprägt war und der Mann das Sagen hatte. Tacitus betont die »Keuschheit« der Frauen: »Daher leben sie behütet in Keuschheit, durch keine Schauspiele gestört, durch keine Reizungen von Gelagen verdorben. Heimliche Liebesbriefe des Mannes oder der Frau kennen sie nicht. Höchst selten sind in diesem so zahlreichen Volk Ehebruchsfälle, deren Strafe auf dem Fuß folgt und dem Mann vorbehalten ist: Er jagt sie mit abgeschnittenen Haaren und entblößt vor den Angehörigen aus dem Haus und treibt sie mit der Rute durch das ganze Dorf. Für die der Scham Preisgegebenen gibt es keine Nachsicht, nicht wegen ihres Aussehens, nicht wegen ihres Alters, nicht um ihrer Reichtümer willen wird sie wieder einen Mann finden.« (ebd., 19) Diese Stelle zeigt, wie Tacitus mit einer positiven, idealisierenden Beschreibung der Germanen den Römern sozusagen einen Spiegel vorhält und gleichzeitig den römischen Sittenverfall kritisiert. Ein Beispiel mehr, wie schon bei Tacitus die Germanen als Projektionsfläche für die eigene Gesellschaft dienen sollen. Nur manchmal nahm eine Frau eine bedeutende Position ein, wie z. B. die Wahrsagerin Veleda von der Lippe beim Bataveraufstand um 69. In späterer Zeit sind Fälle bekannt, in denen die Frau (oder Tochter) eines verstorbenen Herrschers für ihren noch minderjährigen Sohn die Regentschaft übernahm. So regierte Amalasuintha, die Tochter Theoderichs des Großen, nach dessen Tod anstelle ihres Sohnes Athalarich. Brunichilde (s. Kap. Brunichilde) ist das beste Beispiel einer germanischen Powerfrau, die nach dem Tod ihres Mannes jahrelang stellvertretend zunächst für ihren Sohn und dann für ihren Enkel regierte. Sie war dann auch Vorbild der amazonenhaften Walküre Brunhild in der Nibelungensage. Und beim Stichwort Amazonen: Jordanes berichtet in seiner Gotengeschichte, dass die Amazonen der antiken Sagen gotische Frauen waren. Als deren Männer abwesend waren und sie von einem benachbarten Volk überfallen wurden, »widerstanden [diese Frauen], von ihren Männern darin gelehrt, tapfer und wehrten die Feinde, die über sie kamen, mit großem Anstand ab. Nachdem dieser Sieg erreicht war, ergriffen sie mit der Kühnheit größeren Selbstvertrauens die Waffen, ermunterten sich gegenseitig und wählten zwei besonders wagemutige, Lampeto und Marpesia, zu ihren Anführerinnen. Während diese beiden die Leitung übernahmen, um sowohl das Eigene zu verteidigen als auch das Fremde zu verwüsten, blieb Lampeto, die das entsprechende Los gezogen hatte, um das heimatliche Gebiet zu schützen, da. Marpesia aber führte, nachdem sie eine Schlachtreihe aufgestellt hatte, eine ganz neue Art von Heer nach Asien, wobei sie verschiedene Stämme im Krieg besiegte, andere aber in Frieden für sich gewann (…)« (Jordanes, Die Gotengeschichte, 49). Weiter berichtet Jordanes: »Weil diese fürchteten, dass ihre Nachkommen immer weniger würden, strebten sie nach geschlechtlichen Verbindungen mit den benachbarten Völkern und hielten einmal im Jahr Markt, um denen, die im nächsten Jahr am gleichen Tag wiederkamen, was auch immer an männlichen Kindern geboren worden war, den Vätern zurückzugeben; was aber an Töchtern geboren worden war, bildete die Mutter an Waffen aus.« (ebd., 56)
Über die Religion der Germanen zur Römerzeit wissen wir wenig. Ausführlicher über Mythen, Sagen, Gottheiten und Helden werden wir erst durch die fast tausend Jahre spätere Edda informiert (vgl. ausführlich Kap. Snorri Sturluson). Aus der antiken Zeit kennen wir zwar einige der germanischen Götter, auch Opferriten, aber über Jenseitsvorstellungen oder den Ablauf von Kulthandlungen wissen wir nichts. Erschwerend hinzu kommt, dass es nicht »eine« einheitliche germanische Religion gegeben hat, sondern dass sich Gottheiten und Kult regional unterschieden. Erst durch die christlichen Missionare entstand die Vorstellung einer einheitlichen germanischen Religion. Die antiken Autoren nennen die römischen Götter Merkur, Herkules und Mars, die von den Germanen verehrt wurden. Der Gott Merkur wurde mit Wodan, dem Gott des Krieges und des Todes, Herkules mit dem germanischen Thor bzw. Donar, dem Gott des Donners, und Mars mit dem germanischen Kriegsgott Tyr gleichgesetzt. Genannt wird auch die Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus. Daneben gab es viele regionale Gottheiten.
Eine Besonderheit, nicht nur bei den Kelten, sondern auch bei den Germanen während der römischen Kaiserzeit, waren die sogenannten Matronen. Es handelte sich bei ihnen um Fruchtbarkeits- bzw. Muttergottheiten, die vor allem in der Zeit vom 2.–4. Jh. n. Chr. verehrt wurden. Insgesamt sind ca. 1100 Weiheinschriften und Bilddarstellungen erhalten. Diese Matronen sind stets als Gruppe von Dreien dargestellt, sitzend, mit Früchten, Ähren etc. in der Hand, verheiratet oder unverheiratet (ohne Haube und mit aufgelösten Haaren).
Caesar betont, dass die Germanen keine Priester hatten, im Unterschied zu den Druiden der Kelten. Kultstätten waren heilige Wälder, Berge, Gewässer und Moore. An diesen Kultstätten hat man oft aus Holzpfählen geschnitzte Götterfiguren aufgestellt. Auch die von Karl dem Großen zerstörte Irminsul der Sachsen könnte eine solche Pfahlgottheit gewesen sein. Nach den antiken Quellen kannten die Germanen keine Tempel. Ausnahmen sind Sakralhütten aus Holz in Oberdorla, deren Spuren man gefunden hat, oder Empel am Niederrhein, wo die Bataver dem Kriegsgott Herculus Magusanus einen Tempel in griechisch-römischem Stil errichtet hatten.
Als Opfer wurden Tiere dargebracht, aber auch Menschen. Nach dem Sieg des Arminius über den Varus opferten die Cherusker römische Krieger auf Altären, die sie im Wald errichtet hatten. Geopferte Tiere gab man auch einem toten Fürsten oder König als Grabbeigabe mit. So fand sich im Umfeld des Grabes von Childerich, dem Vater von Chlodwig, eine Reihe von Pferden als Beigabe. Auch Waffen und Rüstungen des Feindes opferte man, indem man sie unbrauchbar machte oder verbrannte. In Bad Pyrmont (Weserbergland) hat man im Brunnen einer Mineralquelle eine Menge von Fibeln, mit denen man Kleider verschloss wie heute mit Knöpfen oder Reißverschluss, gefunden, die dort wohl geopfert worden waren.
Ab dem 3. Jh. n. Chr. verbreitete sich die germanische Runenschrift. Interpretierte man früher die Runen als magische, heilige Zeichen, so sieht man in ihnen heute durchaus eine Schrift in unserem Sinne, d. h. ein Mittel zur Kommunikation.
Diese Ausführungen zu germanischen Geschichte und Kultur sollen im Folgenden anhand von beispielhaften Biografien veranschaulicht werden. Es ist eine Auswahl von Persönlichkeiten, deren Nachwirkung bis in unsere Zeit und Kultur reicht.
2. ARIOVIST
Ariovist († 54 v. Chr.) ist der erste Germane, über dessen Person wir einige, wenn auch wenige Informationen erhalten. Caesar besiegte Ariovist, der sich mit dem Stammesverband der Sueben in Gallien niedergelassen hatte, und berichtet von diesen Ereignissen im »Gallischen Krieg«. In diesem Werk beschrieb Caesar auch erstmals die Germanen sowie die Kelten als Volk und prägte damit das Germanenbild. Caesar »erfand« so die Germanen, denn seine Beschreibung der Germanen entspricht nicht immer der historischen Wirklichkeit, sondern diente der Erreichung bestimmter Ziele.
Caesars »Gallischer Krieg« und die Erfindung der Germanen
Die Lektüre von Caesars Werk »Der Gallische Krieg« gehört bis heute zum Lateinunterricht in den Schulen. Eine Mitschuld daran trägt nicht zuletzt der Germanenführer Ariovist. Denn dessen Widerstand ist letztlich nach Darstellung Caesars einer seiner Gründe für sein Eingreifen in Gallien und für den Gallischen Krieg. In seinem »Gallischen Krieg« (Commentarii de bello Gallico) beschreibt Caesar die Ereignisse und seine Eroberungen in Gallien während der Jahre 58–50 v. Chr. Das Werk ist in acht Bücher eingeteilt, die thematisch jeweils die Ereignisse eines Jahres oder auch zweier Jahre behandeln. Es ist nicht nur die wichtigste Quelle und ein Augenzeugenbericht über die Gallier, die Kelten in Gallien, sondern beschreibt auch erstmals ausführlicher die Germanen.
Gallien, dessen Gebiet ungefähr dem heutigen Frankreich, Belgien und einem Teil von Westdeutschland entspricht, hatte einiges zu bieten: Es war bekannt für sein Gold, für eine florierende Landwirtschaft und gute Handelswege. Für den jungen hochverschuldeten Politiker Gaius Julius Caesar (100–44 v. Chr.) buchstäblich ein Objekt der Begierde. Caesar stammte aus der Familie der altrömischen Adelsfamilie der Julier und schlug die Ämterlaufbahn ein. Nicht nur in Gallien, auch in Afrika unternahm Caesar erfolgreiche Feldzüge. Im Jahr 46 v. Chr. übernahm er als Diktator die Alleinherrschaft in Rom. Das war das Ende der Römischen Republik. Daran änderte sich auch nichts mit der Ermordung Caesars 44 v. Chr. durch eine Gruppe von Senatoren. Denn mit Caesars Nachfolger Octavian, bekannter als Kaiser Augustus, beginnt die römische Kaiserzeit. Caesars Bericht über den »Gallischen Krieg« ist die erste Beschreibung der Germanen und wurde prägend für das Germanenbild bis heute. Mit seiner Unterscheidung von Kelten und Germanen war dieses Germanenbild mehr künstlich als dass es historisch zutraf, sodass man überspitzt sagen kann, dass Caesar die Germanen »erfand« – wie weiter unten noch ausführlicher darzustellen ist. Zum anderen war es Caesar, der als erster römischer Feldherr den Rhein überquerte und Expeditionen ins rechtsrheinische Germanien unternahm, allerdings ohne die Absicht, das Gebiet dauerhaft zu erobern. Erst unter seinem Nachfolger Augustus versuchten die Römer, das germanische Gebiet rechts des Rheins gezielt zu erobern.
Zurück zum Jahr 59 v. Chr., das Jahr, als Caesar Konsul und Provinzverwalter wurde von Gallia Cisalpina und Gallia Narbonensis, den Teilen Galliens, die bereits römisch waren. Es war der erste Schritt nach oben auf seiner Karriereleiter, aber er brauchte immer noch dringend Geld, um seine Schulden zu begleichen. Denn zu seinen Ämtern war er – wie eine ganze Reihe anderer Politiker auch – nur durch Bestechung der Volkstribune gekommen. Und um zu Geld zu kommen, brauchte Caesar militärische Erfolge. Die Eroberung des Teils Galliens, der noch nicht römisch war, bot sich an, war aber ohne einen triftigen Grund, der auch vom Senat in Rom akzeptiert wurde, nicht möglich. Dies ist der Beginn des Gallischen Krieges, der von 58–51 v. Chr. dauert. Einen Teil des späteren südlichen Galliens hatten die Römer schon 125–118 v. Chr. erobert. Caesar eroberte im sogenannten Gallischen Krieg 58–51 v. Chr. dann den übrigen Teil Galliens. Caesar gelang ein Sieg nach dem anderen: über Ariovist, gegen die Belger, die Nervier und schließlich die nordwestlichen Stämme (57/56 v. Chr.) unter Führung der Veneter (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Bewohnern des Gebietes um Venedig). Danach ist Gallien weitgehend durch die Römer unterworfen. Zweimal überquerte Caesar in den Jahren 55 und 54 v. Chr. den Rhein und machte auch Stippvisiten in England – allerdings sind dies nur Episoden, keine Eroberungen. Als Caesar den gallischen Heerführer Vercingetorix, der mit einem Bündnis gallischer Stämme gegen die Römer Widerstand leistete und sich zuletzt in der Stadt Alesia verschanzt hatte, besiegte, war der Gallische Krieg – bis auf ein paar noch folgende Feldzüge – so gut wie beendet.
Gallien war das Siedlungsgebiet keltischer Stämme, der Gallier. Die Bezeichnung Kelten (vom griechischen Keltoi, lateinisch dann Celtae oder Galli = die »Tapferen«, die »Edlen«) stammt – ebenso wie die der Germanen – aus den ethnografischen Schriften der griechischen und römischen Antike und wurde in der Neuzeit in Geschichte, Archäologie und Sprachwissenschaft übernommen. Dabei diskutiert man nach wie vor über eine allgemeingültige Definition der »Kelten«. Denn die Bezeichnung Kelten stellt sich in den Bereichen der antiken Ethnografie, in der Archäologie und in der Sprachwissenschaft durchaus unterschiedlich dar. Keltische Kultur ist durch archäologische Zeugnisse seit der Eisenzeit, konkret mit der späten Hallstattkultur (650–400 v. Chr.) und der Latènezeit (400–50 v. Chr.) belegt. Im Fall der Latènekultur liegen sowohl archäologische als auch antike schriftliche Quellen vor. Und die antiken Quellen bestätigen zudem, dass die Träger der Latènekultur keltisch sprachen, so in Gallien gallisch. Andererseits ist die genaue Unterscheidung keltischer und germanischer Stämme schwierig: Manche Stämme werden von antiken Autoren als keltisch, von anderen wiederum als germanisch eingeordnet. So sahen die Römer die Kimbern und Teutonen zunächst nicht als germanische, sondern keltische Stämme an.
Ziel und Zweck von Caesars Schrift »Der Gallische Krieg« war die Rechtfertigung seiner Feldzüge in Gallien. Und der gallische Krieg war für Caesar ein Mittel, Macht und Reichtum zu erlangen und vor allem dem Senat in Rom seinen militärischen Erfolg nachzuweisen. Entsprechend erscheinen die Kelten als Gefahr und Bedrohung für Rom, andererseits stellte Caesar sie als durchaus fähig zur Zivilisation und Assimilation dar, um Teil des Imperium Romanum zu werden. Caesar grenzt die Kelten stark von den »unzivilisierten« Germanen ab – nach dem Motto, die Kelten als Untertanen zu gewinnen lohnt sich, eben weil sie im Unterschied zu den Germanen zivilisationsfähig sind, und deshalb lohnt sich auch ein Krieg in Gallien! Die Eroberung des germanischen Gebietes rechts des Rheins lohne sich dagegen nicht. Caesar war der Erste, der konkret und sehr genau die Kelten als die Stämme links des Rheines und die Germanen als die Stämme rechts des Rheines unterschied. Eine Unterscheidung, die so nicht zutrifft. So waren die Kelten erst ein paar Jahrzehnte vorher aus rechtsrheinischen Gebieten von den Germanen verdrängt worden und außerdem kam es auch zur Vermischung keltischer und germanischer Bevölkerung. Nach Caesar haben die Germanen – im Gegensatz zu den Kelten – weder eine ausgebildete Landwirtschaft, sondern leben von der Jagd, noch haben sie eine Religion mit Priestern, ausgebildeten Opferkult und Pantheon.
Trotz dieser »Mängel« ist Caesars Bericht die erste und wichtigste Information über die Germanen, die uns vorliegt und die deshalb hier in einem Ausschnitt zitiert sei: »Die Germanen unterscheiden sich von diesen Gewohnheiten [der Kelten] sehr; denn sie besitzen keine Druiden [d. h. Priester], die den religiösen Angelegenheiten vorstehen oder sich den Opferfeiern widmen. In der Reihe der Götter zählen sie nur die, die sie wahrnehmen und deren Kraft ihnen offensichtlich hilft, Sol [Sonne], Vulcanus und Luna [Mond], die übrigen haben sie noch nicht einmal dem Namen nach vernommen. Ihr ganzes Leben besteht aus der Jagd und dem Eifer für Kriegsdinge. Von klein auf widmen sie sich der Müh und der Abhärtung. (…) Vor dem zwanzigsten Lebensjahr Kenntnis von einer Frau zu haben, wird zu den schändlichsten Dingen gerechnet. Doch können sie diese Sache auch nicht ganz verbergen, da sie sich gemeinsam in Flüssen waschen und Felle oder kurze Decken als Bekleidung nutzen und so ein großer Teil des Körpers nackt bleibt.
Der Landwirtschaft widmen sie sich nicht, der größere Teil ihrer Nahrung besteht in Milch, Käse und Fleisch. (…) Wenn ein Stamm mit Krieg überzogen wird oder diesen erklärt, werden Anführer gewählt, die dem Kriegszug vorstehen und die Macht über Leben und Tod haben. Im Frieden gibt es keine gemeinsame Anführer, sondern die Anführer der einzelnen Gegenden und Gaue sprechen Recht und regeln Streitigkeiten. Verbrechen halten sie nicht für unerlaubt, wenn sie außerhalb der Stammesgrenzen geschehen, und sie empfehlen, dass diese geschehen zur Übung der Jugend und zur Verkleinerung der Begehrlichkeiten. Und wenn in der Versammlung ein Häuptling sagt, dass er der Anführer sein wolle und wer ihm folgen wolle, so stehen die, die den Anlass und die Person billigen, auf und versprechen ihm Unterstützung und werden von der Menge gefeiert. Wenn dann einer von diesen nicht folgt, so wird er für einen Fahnenflüchtling und Verräter gehalten und ihm später die Treue in allen Angelegenheiten abgesprochen. Einen Feind zu verletzen, wird nicht für Unrecht gehalten. Wer aus welchem Grund auch immer zu ihnen kommt, den verteidigen sie gegen jedes Unrecht und halten ihn für unantastbar, dem steht im Hause alles offen, und sie teilen die Nahrung mit ihm. (…)
Da nun die Germanen noch in demselben Mangel, der Bedürftigkeit und der Not leben, in welchen sie schon zuvor steckten, gebrauchen sie dieselbe Nahrung und dieselbe Körperpflege. Den Galliern dagegen wurde durch die Nähe zu den Provinzen und die Kenntnis zahlreicher überseeischer Güter viel Wohlstand und Bequemlichkeit zuteil (…)« (Caesar, Der Gallische Krieg VI, 21–24).
Ariovist contra Caesar
Nicht nur diese erste Beschreibung der Germanen verdanken wir Caesar, sondern wir lernen durch ihn als Zeitzeugen auch erstmals eine germanische Führergestalt, Ariovist, »persönlich« kennen. Sein »Gallischer Krieg« ist die Hauptquelle zu Ariovist, aber auch Cassius Dio (153–229) erwähnt ihn in seiner »Römischen Geschichte«. Ariovist war ein Anführer der Sueben, »König der Sueben« nennt ihn Plinius der Ältere (23–79) in seiner »Naturalis Historia«. Gemeint sein dürfte damit eher ein Heerführer als ein König im heutigen Sinne. Caesar nennt ihn »Germanenkönig«. Die Sueben, von deren Name sich die spätere Bezeichnung Schwaben ableitet, waren ein Verband germanischer Stämme, deren Gebiet sich von der Ostsee bis zu den Mittelgebirgen und zwischen Elbe und Weichsel erstreckte. Nach Tacitus zählten die elb- und ostgermanischen Stämme zu den Sueben, so z. B. die Semnonen, Markomannen, Hermunduren, Quaden und Langobarden. Tacitus erwähnt auch die typische Haartracht der Sueben, den auf dem Scheitel hochgebundenen, sogenannten Suebenknoten. Der Suebenknoten war ein Statussymbol der Krieger, um damit »eine gewisse Größe zu erlangen und um Schrecken zu erregen« (Tacitus, Germania 38). Generell galten für die römischen Autoren zunächst die Sueben als Inbegriff der Germanen und prägten das damalige Germanenbild, bis diese Rolle dann später den Goten zukam.
Herkunft und Geburtsjahr des Ariovist sind unbekannt. Ariovist war ein keltischer Name, er soll auch die keltische bzw. gallische Sprache gut beherrscht haben. Neben seiner ersten Frau, einer Suebin, hatte er zudem eine Keltin zur Frau, die Schwester von Voccio, des Königs des keltischen Stammes der Noriker.
In den Blickpunkt der Römer und damit auch in unseren trat Ariovist erstmals, als er um 71 v. Chr. mit 15.000 Mann den Rhein überschritt und nach Gallien kam. Im Gefolge des Ariovist waren Söldner aus den suebischen Stämmen der Haruder, Triboker, Nemeter, Markomannen, Vangionen und Sedusier. Warum dieser Aufbruch? Der keltische Stamm der Sequaner im Gebiet zwischen Loire und Saône hatte Ariovist um Unterstützung gebeten in seinem Kampf mit den keltischen Haeduern um die Vorherrschaft in Gallien. Diese Kämpfe mit den Haeduern zogen sich zehn Jahr lang hin. Aber schließlich siegten die Sequaner mit Hilfe von Ariovist über die Haeduer 61 v. Chr. in der Schlacht von Magetobriga (heute La-Moigte-de-Broie an der Saône in Burgund). Einmal gerufen und durch den Sieg über die Haeduer an die Macht gekommen, blieb Ariovist mit seinem Stamm im Land der Sequaner, besetzte zunächst ein Drittel des Landes und forderte ein paar Jahre später, 58 v. Chr., ein weiteres Drittel. Dies ist auch ein Hinweis darauf, dass Ariovist nicht nur dem Hilferuf der Sequaner gefolgt war, sondern dass für ihn wahrscheinlich von Anfang an auch die Suche nach neuem, fruchtbarem Siedlungsgebiet auschlaggebend war. Und fruchtbar und ergiebig war das Land der Sequaner in der Tat. Ariovist erhöhte sein ursprüngliches Gefolge von 15.000 Mann auf 250.000, wie Caesar schreibt – ebenfalls ein Hinweis, dass er sich dauerhaft niederlassen wollte. Gruppen von Haruden, Vangionen, Markomannen, Triboker, Nemeter und Sedusier kamen und siedelten sich in Gallien an. Die Gallier baten daraufhin Rom, sie gegen Ariovist zu unterstützen. Rom unternahm aber zunächst nichts, um zu helfen. Im Gegenteil, noch im Jahre 59 v. Chr. wurde Ariovist vom römischen Senat zum »Freund des römischen Volkes« (amicus populi Romani) ernannt. Caesar höchstpersönlich war an dieser Ehrung als Konsul mitbeteiligt. Es war eine Ernennung, die das Ansehen Ariovists in Rom und seine bedeutende Stellung als germanischer Heerführer belegt. Von dieser Ehrung erhofften sich die Römer wohl Vorteile und ein Gleichgewicht der Kräfte in Gallien zu ihren Gunsten. Es sollte noch etwas dauern, ehe Caesar gegen Ariovist einschritt.
Denn zunächst – im Jahr 58 v. Chr. – ging Caesar gegen die Helvetier vor. Die Helvetier wollten nach Westen ins Gebiet der Santonen auswandern, weil Germanen in ihr Gebiet, die heutige Schweiz, vordrangen. Dabei wollten sie friedlich durch die römische Provinz ziehen. Caesar versperrte ihnen den Weg bei Genf, die Helvetier wurden zu einem Umweg durch das Juragebirge gezwungen. Die Haeduer richteten einen Hilferuf an Caesar, wie er selbst berichtet, weil sie sich von den Helvetiern bedroht fühlten. Ob dies stimmt oder nur erfunden ist, um einen Grund für seinen Angriff zu haben, ist unklar. Jedenfalls zog Caesar mit sechs Legionen gegen die Helvetier und besiegte sie bei Bibracte (Mont Beuvray). Nur ein Drittel der Helvetier überlebte und wurde zur Rückkehr in das Gebiet der Schweiz gezwungen.
Nach diesem Krieg gegen die Helvetier fand eine Versammlung der Gallier statt, bei dem sich der haeduische Häuptling Dividiacus gegenüber Caesar über die »grausame« Herrschaft des Ariovist beklagte: »Ariovist aber gab (…) grausame Befehle, forderte als Geiseln die Kinder jeweils der Vornehmsten und gab dabei alle Beispiele der Grausamkeit, wenn eine Sache nicht nach seinem Wunsche und zu seiner Zufriedenheit ausgeführt wurde. Er sei ein barbarischer Mensch, unbesonnen, man könne seine Befehle nicht länger ertragen.« (ebd., I, 31,12 f.)
Dieser Appell kam für Caesar wie gerufen, und es war ein willkommener Grund für ihn, in Gallien militärisch in Aktion zu treten. Zunächst schickte Caesar eine Gesandtschaft zu Ariovist, um sich mit ihm zu einer Unterredung zu treffen. Ariovist lehnte ein Treffen ab. Caesar schickte nochmals Gesandte zu Ariovist, um sich mit ihm zu unterreden. Caesar forderte in seiner Botschaft Ariovist auf, keine weiteren Germanen nach Gallien zu holen und die Geiseln der Haeduer freizugeben. Dabei erinnerte er Ariovist auch an seine Verpflichtung gegenüber den Römern, die er mit der Ehrung als »Freund des römischen Volkes« schuldig sei. Ariovist verweigerte wiederum ein Treffen mit Caesar und verwies selbstbewusst auf die Stärke seiner »unbesiegten Germanen, die erfahrensten Männer in Waffen« (ebd., I, 36,7) hin für den Fall, dass Caesar sie angreife. Kurz danach erhielt Caesar die Nachricht, dass Haruden, ein Unterstamm der Sueben, ins Gebiet der Haeduer eingefallen waren und weitere suebische Stämme auf dem Weg seien, sich im Gebiet der Treverer niederzulassen. Caesar wollte Ariovist zuvorkommen und besetzte daraufhin die strategisch wichtigste Stadt der Sequaner, Vesontio (Besançon). Die römischen Soldaten waren durch verschiedenste Informationen beunruhigt wegen der germanischen Kampfes- und Truppenstärke. Caesar konnte sie mit einer Rede überzeugen, weiter in das heutige Elsassgebiet zu marschieren. Dort im Elsass bei Mülhausen, ca. 8 km vom Rhein, wie Caesar angibt, trafen Römer und Germanen aufeinander. Es war im September des Jahres 58 v. Chr. Nun kam es doch noch zu einer Unterredung zwischen Caesar und Ariovist. Wie es im »Gallischen Krieg« heißt, »erinnerte Caesar am Anfang seiner Rede an die Wohltaten des Senats ihm [Ariovist] gegenüber, dass er König genannt wurde vom Senat und Freund, dass überaus großzügige Geschenke geschickt wurden (…)« (ebd., I, 43,4). Caesar forderte dann Ariovist auf, keinen Krieg gegen die Haeduer zu führen und deren Geiseln zurückzugeben. »Ariovist antwortete nur kurz auf Caesars Forderungen, viel dagegen sprach er von seinen eigenen Tugenden. Er sei nicht aus eigenem Antrieb über den Rhein gekommen, sondern durch Bitten der Gallier herbeigerufen worden. Er habe nicht ohne große Hoffnungen auf große Belohnungen sein Haus und seine Angehörigen verlassen. Die Wohnsitze, die er in Gallien habe, seien ihm von den Galliern zugestanden worden, die Geiseln auf deren Wunsch hin gegeben worden, Abgaben hätte er gemäß Kriegsrecht genommen, wie sie es gewohnt seien, sie den Besiegten aufzuerlegen. (…) Die Freundschaft des römischen Volkes müsse ihm eine Zierde und ein Schutz sein und dürfe ihm nicht zum Schaden gereichen. (…) Dass er eine große Zahl von Germanen nach Gallien geführt habe, geschehe, um sich selbst zu schützen, nicht um Gallien anzugreifen. (…) Er sei früher nach Gallien gekommen als das römische Volk, niemals zuvor sei das römische Volk aus dem Gebiet seiner gallischen Provinz herausgetreten. Was er [Caesar] eigentlich von ihm wolle? Warum er in seine Besitzungen eindringe? Seine Provinz sei dieses Gallien (…)« (ebd., I, 44,1-8). Noch während des Gesprächs griffen einige germanische Reiter die Römer mit Steinen und Geschossen an. Caesar beendete daher die Unterredung. Der Zwischenfall war sicher nicht im Interesse und im Sinne von Ariovist, der zwei Tage später Caesar um eine Fortsetzung des Gespräches bat. Caesar lehnte ein persönliches Erscheinen ab und schickte stattdessen Gesandte zu Ariovist. Der aber ließ diese Gesandten als angebliche Spione »in Ketten legen« (ebd., I, 47,6). Das war ein Verstoß gegen die Freiheit und Unversehrtheit von Gesandten. Ariovist war inzwischen zum römischen Lager vorgerückt und wollte mit der Festnahme der Gesandten verhindern, dass die Römer davon erfuhren, dass er bereits in Richtung ihres Lagers vorrückte.
Die anschließende Schlacht zwischen Römern und Germanen, die im September des Jahres 58 v. Chr. stattfand, dauerte mehrere Tage. Die Römer, die in der Überzahl waren und eine bessere Ausrüstung hatten, besiegten Ariovist und die Germanen. Der Sieg der Römer wird den Germanen bereits klar, als sie zum letzten Gefecht gegen diese aufbrechen und die in einer Wagenburg zurückgelassenen Frauen sie »mit Händeringen und weinend anflehten, sie nicht der Sklaverei bei den Römern zu überlassen« (ebd., I, 51,3). Am Ende des Kampfes bleibt den überlebenden Germanen nur die Flucht über den nahe gelegenen Rhein. »Unter diesen war auch Ariovist selbst, der ein kleines, am Ufer angebundenes Schiff erreichte und mit diesem floh. Ariovist hatte zwei Ehefrauen (…). Beide starben auf der Flucht. Zwei Töchter hatte er. Von diesen wurde die eine gefangen, die andere getötet.« (ebd., I, 53,3 f.) Caesar gibt an, dass die Römer 80.000 Germanen, fast zwei Drittel von Ariovists Truppen, in dieser Schlacht getötet hätten. Das ist sicher eine zu hohe Zahl, die den Verdienst von Caesar hervorheben soll.
Vermutlich starb Ariovist noch vor dem Jahr 54 v. Chr. Darauf weist eine kurze Randbemerkung Caesars hin, dass »der Schmerz der Germanen über den Tod Ariovists« (ebd., V, 29,3) groß sei. Mehr erfährt der Leser nicht. Mit Ariovist hatte erstmals ein Germane in der Geschichte eigene, persönliche Konturen erhalten – auch wenn wir nur wenige Informationen über ihn besitzen und dies auch nur von dem nicht ganz neutralen Bericht Caesars. Caesar konnte am Beispiel seiner Kämpfe mit Ariovist deutlich machen, dass die Germanen durchaus eine Bedrohung für die Römer darstellten und dass deshalb eine sichere Abgrenzung entlang des Rheins notwendig sei.
Die Konfrontation Caesars mit Ariovist war nicht das einzige Zusammentreffen Caesars mit den Germanen. Drei Jahre später, 55 v. Chr., kam es am Zusammenfluss von Rhein und Maas zu einer folgenreichen Auseinandersetzung zwischen Römern und den germanischen Stämmen der Usipeter und Tenkterer, die von der anderen Rheinseite her in Gallien eingefallen waren und die Caesar besiegte. Dabei nahm Caesar einen Übergriff der Germanen während eines Waffenstillstandes zum Anlass, eine Gesandtschaft von germanischen Führern, die um Entschuldigung bat, festzunehmen. Im anschließenden Gefecht verloren die meisten, nach Caesars Angaben insgesamt 430.000 Germanen, einschließlich Frauen und Kinder, ihr Leben (vgl. dazu »Der Gallische Krieg«, Buch V). Heute würde man dieses Vorgehen als Genozid bezeichnen. Aber auch damals in Rom war man darüber entsetzt, und Cato veranlasste die Einsetzung einer Untersuchungskommission zu diesem Vorfall.
Für Aufsehen in Rom sorgte Caesar aber auch danach, in den Jahren 55 und 53 v. Chr., mit zwei Überquerungen des Rheins. Denn er war der erste römische Feldherr, der in das rechtsrheinische Germanien militärische Expeditionen unternahm. Caesar wollte damit den Germanen zeigen, dass das römische Heer durchaus in der Lage war, den Rhein zu überqueren, und sie mit dieser Demonstration römischer Macht von Überfällen in Gallien abhalten. Für die erste Überquerung des Rheins im Jahr 55 v. Chr. ließ Caesar innerhalb von nur zehn Tagen eine Brücke aus Holz über den Rhein erbauen und überquerte so mit dem Heer den Fluss. Nahm man früher Bonn als Ort dieser Brücke an, spricht heute aufgrund von archäologischen Funden vieles dafür, dass sie zwischen Andernach und Koblenz erbaut wurde. Die zweite Brücke wurde wohl 53 v. Chr. bei Urmitz errichtet. Wie erwähnt, diente dieses Vordringen in das rechtsrheinische Germanien nur der Demonstration römischer Macht und es war keine dauerhafte Präsenz damit beabsichtigt. Caesars Ziel war mit der Eroberung Galliens erreicht und er hatte keine Ambitionen, das Gebiet des rechtsrheinischen Germaniens zu erobern.
Das änderte sich unter Augustus, dem Nachfolger Caesars, bald. Denn durch die Eroberung Galliens waren die Germanen zu direkten Nachbarn des Römischen Reiches geworden. Es kam immer wieder zu Überfällen der Germanen und die Römer reagierten darauf immer wieder mit Strafexpeditionen. Schließlich entschloss sich Augustus, das Gebiet des rechtsrheinischen Germaniens zu erobern. Das ist die Zeit des Arminius, des zweiten Germanen, der Geschichte mit weitreichenden Folgen schrieb.
3. ARMINIUS – »BEFREIER GERMANIENS«
Arminius (ca. 17 v. Chr. – 21 n. Chr.), einem Fürsten der Cherusker, gelang es, die Weltmacht Rom herauszufordern und ihr in der sogenannten Varusschlacht eine vernichtende Niederlage zuzufügen. Bis heute wird Arminius als »Befreier Germaniens« und als deutscher Nationalheld verehrt. Aus Arminius wurde Hermann der Cherusker, der in zahlreichen Dramen, Gedichten, Romanen und Opern verewigt wurde. Dabei vermischten sich Mythos und Wahrheit.
Zwischen Anpassung und Widerstand – das freie Germanien zur Zeit des Augustus
»Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden …:« heißt es in einem Lied über die Varusschlacht aus dem 19. Jh. von Joseph Viktor von Scheffel. Aus römischer Sicht dagegen waren es die rechtsrheinischen Germanen, die immer wieder Unruhen verursachten in der eigentlich durch Frieden gekennzeichneten Herrschaftszeit des Kaisers Augustus. Mit ständigen Überfällen versuchten sie, in das linksrheinische Gebiet einzudringen. Der Rhein als Grenze zwischen dem römischen und dem rechtsrheinischen freien Germanien war dementsprechend für die Römer nicht sicher. Ziel des Augustus war es daher, die Rheingrenze vor diesen germanischen Überfällen abzusichern. Dies schien ihm letztlich nur möglich, indem er die germanischen Gebiete rechts des Rheins eroberte und zur römischen Provinz machte. Deshalb wurden zunächst Legionen aus Gallien an den Rhein verlegt und für diese dann später Legionslager errichtet, wie etwa Xanten, Neuss, Bonn oder Mainz. In der Zeit der römischen Feldzüge gegen die Germanen zwischen 12. v. Chr. bis 16 n. Chr. versuchten mit wechselndem Erfolg Drusus, Tiberius, Varus und Germanicus als militärische Oberbefehlshaber, das rechtsrheinische Germanien zu erobern.
Drusus war der erste Oberbefehlshaber im rheinischen Germanien, den Augustus mit der Eroberung Germaniens beauftragte. Nero Claudius Drusus (38–9 v. Chr.) war der Stiefsohn des Augustus und der jüngere Bruder des Tiberius. Er war zuvor Statthalter in Gallien gewesen, ehe er durch seine Germanenfeldzüge Ruhm und Ansehen erlangte. Dabei besiegte er die Sugambrer, führte Feldzüge gegen die Chauken, Usipeter, Tenkterer, Cherusker und Chatten. Im Jahre 9 v. Chr. drang er bis zur Elbe vor. Die Rückkehr nach Rom erlebte er aber nicht mehr. Es wird von wundersamen Zeichen kurz vor seinem Tod berichtet. So sei ihm eine riesige Frau erschienen, habe ihn vor weiterem Vordringen gewarnt und zur Umkehr bewogen. Tatsache jedenfalls ist, dass Drusus auf seinem Rückweg von der Elbe vom Pferd stürzte und im September des Jahres 9 v. Chr. an den Folgen der Verletzungen starb. Sein Halbbruder Tiberius überführte den Leichnam des Drusus nach Rom, wo er ehrenhaft bestattet und ihm posthum der Titel »Germanicus« als »Bezwinger Germaniens« verliehen wurde. Diesen Titel erbte sein Sohn Nero Claudius (15 v. Chr. – 19 n. Chr.), der sich fortan einfach nur Germanicus nannte.
Tiberius Julius Caesar Augustus (42 v. Chr – 37 n. Chr.), Stiefsohn des Augustus und dessen späterer Nachfolger als Kaiser, übernahm nach seinem Bruder Drusus das Amt des militärischen Oberbefehlshabers in Germanien. Er hatte zuvor an Kämpfen in Spanien und Armenien teilgenommen. Tiberius unternahm erfolgreiche Feldzüge in Germanien, der Historiker Velleius Paterculus, der auch über Arminius berichtete, nahm an diesen Feldzügen als Offizier teil und schreibt: »Nichts blieb mehr in Germanien, das hätte besiegt werden können, außer dem Stamm der Markomannen.« (Paterculus, Römische Geschichte II, 108,1) Germanien war nun weitgehend befriedet und den Römern tributpflichtig. Auch gegen die Markomannen in Böhmen war Tiberius im Jahr 6 v. Chr. im Begriff, einen aussichtsreichen Feldzug zu unternehmen, als er zu einem Aufstand in Pannonien, einer römischen Provinz zwischen dem Wiener Wald im heutigen Österreich und Westungarn, abberufen wurde. Tiberius handelte aber vor seinem Abzug mit Marbod (lat. Maroboduus), dem König der Markomannen, einen Friedensvertrag aus. Drei Jahre dauerte die Niederschlagung des Aufstandes in Pannonien. Die Römer wurden dabei von germanischen Hilfstruppen unterstützt, bei dem auch die Cherusker und mit ihnen Arminius aufseiten der Römer kämpften. Die Stämme im Westen Germaniens wie z. B. Chauken, Chatten oder Cherusker befanden sich nun in einer Situation zwischen germanischer Tradition und der Anpassung an den römischen Way of Life, wie Cassius Dio schreibt: »Auch fügten sich die Germanen bereits nach römischer Sitte, kamen auf die Marktplätze und pflegten friedlichen Umgang mit ihnen, konnten aber doch ihrer Väter Sitten, ihre Landesgebräuche, ihre ungebundene Lebensweise, ihre Waffenmacht nicht vergessen. Bis jetzt sollten sie sich nur allmählich und unter Anwendung großer Behutsamkeit derselben entwöhnen, fanden sich auch unmerklich in ihre neue Lebensweise und hatten die mit ihnen vorgehende Veränderung selbst nicht gefühlt.« (Cassius Dio, Römische Geschichte LVI, 18,2 f.) Vor allem die adlige Oberschicht der Germanen passte sich der römischen Kultur an. Der sogenannte Hildesheimer Silberschatz (Staatliche Museen Berlin), prunkvolles Tafelgeschirr aus dieser Zeit, ist ein Beispiel für die Übernahme römischen Luxus in Germanien.
Arminius – der »Befreier Germaniens«?
Zwischen Tradition und Anpassung, das war auch die Situation des Arminius, der um das Jahr 17 v. Chr. oder ein Jahr später geboren wurde. Sein Vater Segimer wurde von Velleius Paterculus »Erster seines Stammes« genannt im Sinne von Fürst. Der Name der Mutter des Arminius ist nicht bekannt. Auch der germanische Name des Arminius ist uns unbekannt, überliefert ist – wie bei seinem Bruder Flavus (= der Blonde) – nur der römische Name. Die Ableitung des Namens von »Armenius« im Sinne von »der Armenische« ist nicht korrekt, da in diesem Fall der Name dann »Armenicus« lauten müsste. Den Namen Hermann, abgeleitet von »Heer-mann« (dux belli), erhielt Arminius erst in der Zeit Luthers. Arminius’ Vater Segimer und dessen Bruder Inguiomer vertraten die Gruppe in ihrem Stamm, die aufseiten der Römer stand und diese unterstützte.
Insgesamt gibt es über das Leben des Arminius mehr Spekulationen als gesicherte Tatsachen und der Mythos vermischt sich mit der Realität. Die Hauptquelle zur Biografie des Arminius und zur Varusschlacht sind die »Annalen« des römischen Geschichtsschreibers Tacitus (um 58–120) und die »Römische Geschichte« des Cassius Dio (um 163–229). Ein Zeitzeuge ist Velleius Paterculus (um 20 v. Chr. – 30 n. Chr.), der beim Aufstand in Pannonien und bei den Feldzügen des Tiberius in Germanien dabei war und in seiner »Römischen Geschichte« auch über Arminius berichtet. So beschreibt Paterculus Arminius als »Mann von vornehmer Abstammung, der persönlich tapfer, schnell von Begriff und über das Maß der Barbaren hinaus begabt war (…); das Feuer seines Geistes verriet sich schon im Blick seiner Augen; auf unserem früheren Feldzug war er ein unablässiger Begleiter gewesen, der zu Recht auch die Auszeichnung des römischen Bürgerrechts, den Rang eines Ritters, erlangt hatte; er nutzte die Trägheit des Feldherrn zu einem Verbrechen aus, denn er hatte scharf beobachtet, dass niemand schneller überwältigt wird als derjenige, der nichts befürchtet, und dass die Sorglosigkeit der häufigste Beginn des Unglücks ist.« (Paterculus, Römische Geschichte II, 119,2)
Es wird vermutet, ist aber nicht sicher, dass Arminius und sein Bruder Flavus Kindheit und Jugend als Geiseln in Rom verbrachten und so römische Kultur und Lebensart kennenlernten. Auf jeden Fall dienten beide Brüder im römischen Heer. Und beim Heeresdienst machte Arminius schnell Karriere, indem er nicht nur – wie sein Vater – das römische Bürgerrecht erhielt, sondern sogar auch in den Stand eines römischen Ritters aufstieg. Die Römer verliehen Rittertitel gerne an germanische Führer, um ihre Integration im Römischen Reich zu fördern und für die Unterstützung ihrer Herrschaft zu gewinnen. Arminius wurde Heerführer eines Verbandes von Cheruskern und unterstützte mit diesem die Römer in den Jahren 7–9 bei der Niederschlagung des Aufstandes in Pannonien. Auf diese Weise lernte Arminius auch die römische Kriegsführung bestens kennen, was ihm später von großem Nutzen sein sollte.
Publius Quinctilius Varus (46 v. Chr. – 9 n. Chr.) wurde im Jahr 7 n. Chr. Statthalter in Germanien. Wie seine Vorgänger hatte auch er den Auftrag, das freie Germanien zu erobern und zur römischen Provinz zu machen. Varus kam aus einer adligen Familie Roms, hatte in zweiter und dritter Ehe jeweils eine Großnichte des Kaisers Augustus geheiratet und seine Schwestern hatten ebenfalls in die kaiserliche Familie eingeheiratet. Das erklärt den Aufstieg des Varus zum Konsul und Statthalter von Syrien, dann von Germanien. Aber – wie der folgende Verlauf der Geschichte zeigt – mit dem Posten in Germanien war er überfordert. Vor allem aber – und das war der Hauptgrund dafür, dass die Germanen ihn ablehnten – verhielt er sich sehr undiplomatisch auf seinem neuen Posten, wie Cassius Dio berichtet: »Als aber Quintilius Varus nach seiner Statthalterschaft in Syrien Germanien zur Provinz erhalten hatte, stimmte er einen groben Ton an, wollte alles zu rasch umformen, behandelte sie herrisch und erpresste Tribut wie von Untertanen. Dies wollten sie sich nicht mehr gefallen lassen. Die Häupter des Volkes strebten nach der früheren Herrschaft; die Menge fand die hergebrachte Regierungsweise besser als fremde Zwingherrschaft. Weil sie aber am Rhein und im eigenen Land die Streitkräfte der Römer zu stark fanden, empörten sie sich vorerst nicht offen, empfingen vielmehr Varus, als ob sie alle seine Forderungen erfüllen wollten (…) und ließen ihn glauben, dass sie selbst ohne Gewalt der Waffen seinen Befehlen demütigst nachkommen würden.« (Cassius Dio, Römische Geschichte LVI, 18,3 f.)
Arminius kehrte um 8 oder 9 n. Chr. von Pannonien in seine Heimat zurück und hier kam es dann zur buchstäblich schicksalhaften Begegnung mit Varus. Zunächst sah ihre Beziehung ganz nach einer Freundschaft aus. Arminius und sein Vater Segimer wurden häufig zusammen mit Varus gesehen und waren oft zu Gast bei ihm, wie Cassius Dio schreibt: »Die Häupter der Verschwörung, der tückischen Nachstellung und des Krieges, der sich nun entspann, waren unter anderen Arminius und Segimer, die immer um sie waren und oft an seiner Tafel schmausten.« (ebd., LVI, 19,2)
Wann, warum und wie bei Arminius die Wende vom Römerfreund zum Römerfeind eintrat, wissen wir nicht. Aber es liegt auf der Hand, dass die starke Einflussnahme des Varus auf die Verwaltung Germaniens, die Forderung von Tributen und sein undiplomatisches Verhalten die Hauptgründe für diesen Wandel waren. Möglich ist auch, dass Arminius selbst eine eigenständige Führungsrolle anstrebte und die Mehrheit der Cherusker, die gegen die Römer eingestellt war, für sich gewinnen wollte. Tacitus nennt die Motive des Arminius in dem Gespräch mit seinem Bruder Flavus vor einer späteren Schlacht, wo Arminius »von den heiligen Pflichten gegenüber dem Vaterland, von der von den Vätern ererbten Freiheit, von den heimischen Göttern Germaniens« spricht (Tacitus, Annalen II, 10).
Varus war im Sommer des Jahres 9 n. Chr. mit drei Legionen ins Gebiet der Weser gezogen. Mit dabei waren auch Frauen, Kinder und Sklaven. Das zeigt, dass dies weniger eine militärische Aktion als vielmehr ein Zeichen römischer Präsenz sein sollte. Im Herbst wollte Varus ins Winterquartier aufbrechen, sein Ziel sollte er nie erreichen. Mit einem Angriff der Germanen rechnete er nicht im Mindesten, selbst dann nicht, als er gewarnt wurde. Varus war sich seiner Sache sehr sicher und Arminius hatte sein vollstes Vertrauen. Warum sollte Arminius, der ein Freund der Römer, ein römischer Bürger, ja sogar ein römischer Ritter war, plötzlich ein Feind und Verräter der Römer sein? Zu spät erkannte Varus, dass Arminius sich gewandelt hatte. Arminius und seine Leute hatten alles sorgsam geplant: Zunächst wurde das Vertrauen des Varus durch Lob gestärkt – und Lob hört jeder gerne. Dann baten Germanen aus entfernterem Gebiet um Hilfe. Varus kam der Bitte nach und schickte ihnen Truppen, die ihm später bei der Schlacht im Teutoburger Wald fehlen sollten. Die Warnungen einiger römerfreundlicher Germanen nahm er nicht ernst. Segestes, der Schwiegervater des Arminius, forderte Varus sogar auf, Arminius in Ketten zu legen. Das waren nur Familienstreitereien, so dachte Varus und vertraute weiterhin Arminius. Dieser konnte währenddessen die meisten germanischen Stammesfürsten der Chatten, Marser, Brukterer und Angrivarier für die Sache des Aufstandes gewinnen und Varus weiterhin in Sicherheit wiegen.
Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. wollte Varus sich gerade auf den Weg in sein Winterquartier aufmachen, als er von den Cheruskern eine gefälschte Meldung von einem Aufstand erhielt. Varus wollte diesen Aufstand beenden und machte deshalb einen Umweg in ein ihm unbekanntes Gebiet. Der Zug des Varus bestand aus drei Legionen (eine Legion bestand aus 4000–6000 Soldaten), drei Reitereinheiten und sechs Kohorten sowie zusätzlich die bereits erwähnten Frauen, Kinder und Sklaven. Arminius und andere germanische Verbündete der Römer zogen zunächst mit, entfernten sich dann aber vom Heer des Varus, angeblich um Verstärkung und Hilfe bei den germanischen Stämmen zu holen. In Wirklichkeit versuchten sie zum einen, die germanischen Stämme für den Widerstand zu gewinnen, zum anderen überfielen sie die römische Einheiten an ihren Standorten in Germanien und eilten dem Varus voraus, um ihn dann aus dem Hinterhalt anzugreifen.
Die Römer kamen nur langsam in dem unübersichtlichen, schwer zugänglichen Moorgebiet voran: Sie mussten Bäume fällen, Wege bahnen und Brücken bauen. Hinzu kam starker Regen und Sturm. Diese Situation nutzte Arminius erfolgreich zum Angriff und Überfall auf die Römer, wie Cassius Dio es beschreibt: »Die Gebirge waren voller Schluchten und Unebenheiten und die Bäume dicht und hoch gewachsen, sodass die Römer schon vor dem Ausfall der Feinde mit dem Fällen der Bäume, dem Wegbahnen und dem Schlagen von Brücken, wo es nötig war, volle Arbeit hatten. Sie führten auch viele Wagen und Lasttiere wie im Frieden nach sich, auch Kinder, Frauen und Dienerschaft in Menge folgten ihnen, sodass sie schon deshalb sich auf dem Zug ausdehnen mussten. Ein heftiger Regenguss und Sturmwind überfiel und trennte sie noch mehr, und der Boden und die Wurzeln und Stämme der Bäume, schlüpfrig geworden, machten ihre Tritte unsicher, die Gipfel der Bäume brachen ab und vermehrten durch ihren Fall die Verwirrung. In dieser Not fielen die Feinde aus den dichtesten Wäldern von allen Seiten über die Römer her, indem sie, der Wege kundig, sie umflügelten und anfangs aus der Ferne sie beschossen, dann aber, als sich niemand zur Wehr setzte und viele verwundet wurden, ihnen zu Leibe gingen. (…) Es war der vierte Tag, dass sie so daherzogen, ein heftiger Regen und starker Wind überfielen sie wieder und ließen sie weder weiterziehen noch auch sicheren Fuß fassen, ja setzte sie sogar außer Stand, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, denn Pfeile, Wurfspieße und Schilde waren durchnässt und nicht gut zu gebrauchen. Die Feinde dagegen, meist leicht bewaffnet, hatten, da sie ungehindert vordringen oder zurückweichen konnten, weniger darunter zu leiden. Überdies waren sie auch an Zahl weit überlegen (denn auch die früher Bedenklichen hatten sich jetzt, wenigstens um Beute zu machen, gleichfalls eingefunden) und umringten nun die schwächeren Römer, welche schon in den vorausgegangenen Kämpfen viele Leute verloren hatten, umso leichter und machten sie nieder, sodass Varus und die angesehensten Führer, aus Furcht, lebendig gefangen zu werden oder durch die Hand ihrer verhassten Feinde zu fallen (denn verwundet waren sie schon), den traurigen, aber durch die Not gebotenen Entschluss fassten, sich in ihre eigenen Schwerter zu stürzen. Sobald dies verlautete, setzte sich keiner, wenn er auch noch Kräfte hatte, weiter zur Wehr. Die einen ahmten das Beispiel ihres Anführers nach, die anderen warfen die Waffen weg und ließen sich von dem nächsten Besten niedermachen, denn an Flucht war, wenn man auch wollte, nicht zu denken. Es wurden nun ohne weitere Gefahr Mann und Ross niedergestoßen.« (Cassius Dio, Römische Geschichte LVI, 20–22)
Drei Tage lang dauerte die Schlacht zwischen Römern und Germanen. Fast alle Römer wurden gefoltert, getötet oder den Göttern geopfert. Der Leichnam des Varus wurde zerstückelt. Arminius ließ den Kopf des Varus an Marbod, den König der Markomannen, überbringen als Zeichen seines Sieges und auch als Aufforderung, sich mit ihm zu verbünden. Marbod war aber nicht am Kampf, sondern an einem guten Einvernehmen mit den Römern interessiert und schickte den Kopf des Varus daher an Augustus. Als Augustus von der Vernichtung des römischen Heeres durch die Germanen erfuhr, zerriss er seine Kleider und rief aus: »Quinctilius Varus, gib die Legionen zurück!« (Sueton, Vita Divi Augusti, 23) Dieser Ausruf war nicht nur Ausdruck der Trauer, sondern auch des Bewusstseins, dass Arminius dem Römischen Reich eine der schlimmsten Niederlagen zugefügt hatte und damit verbunden der Furcht vor weiteren Übergriffen der Germanen. Sechs Jahre später besuchte der Statthalter Germanicus den Ort der Varusschlacht und ließ die Gebeine der getöteten Legionäre bestatten. Tacitus berichtet darüber wie folgt: »Mitten in dem freien Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, je nachdem die Leute geflohen waren oder Widerstand geleistet hatten. Dabei lagen Bruchstücke von Waffen und Pferdegerippe, zugleich fanden sich an Baumstämme angenagelte Köpfe. In den benachbarten Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und die Centurionen der ersten Rangstufe geschlachtet hatten. Die Leute, die diese Niederlage überlebt hatten und der Schlacht oder der Gefangenschaft entronnen waren, erzählten, hier seien die Legaten gefallen, dort die Adler von den Feinden erbeutet worden; sie zeigten, wo Varus die erste Wunde erhalten, wo er mit seiner unseligen Rechten sich selbst den Todesstoß beigebracht habe; wo Arminius von der Tribüne herunter eine Ansprache gehalten habe, wie viele Galgen für die Gefangenen, was für Martergruben er habe herstellen lassen, wie er Feldzeichen und Adler übermütig verhöhnt habe.« (Tacitus, Annalen I, 61)
Nach der Niederlage schickte Augustus im Jahre 10 Tiberius, seinen Adoptivsohn, diesmal mit acht Legionen nach Germanien. Über 25 Legionen insgesamt verfügte das Römische Reich, mit den acht Legionen befand sich jetzt ein Drittel des gesamten römischen Heeres in Germanien. Ziel war es, zunächst die Lage wieder zu normalisieren. Entsprechend ging Tiberius eher defensiv vor, um kein großes Risiko einzugehen. Im Jahr 13 schickte Augustus seinen Großneffen Germanicus, Adoptivsohn von Tiberius, Vater des späteren Kaisers Caligula nach Germanien. Er löste Tiberius ab, der nach Rom zurückkehrte. In den Jahren zwischen 14 und 16 versuchte Germanicus wieder Fuß in den verlorenen germanischen Gebieten zu fassen und sie zurückzugewinnen. Arminius andererseits versuchte, dieses Vorhaben als Führer eines Verbandes germanischer Stämme zu verhindern. Es blieb bei den Gefechten bei einer Pattsituation, keine der Parteien konnte entscheidende Erfolge für sich verbuchen. Die Einheit der Cherusker bröckelte, die römerfreundliche Partei unter Führung von Segestes war wieder gestärkt.
Hinzu kam der persönliche Konflikt zwischen Segestes und Arminius: Arminius hatte sich nämlich dessen Tochter Thusnelda zur Frau genommen, gegen den Willen des Segestes, der sie schon mit einem anderen verlobt hatte. Segestes wiederum gelang es im Jahr 15 Thusnelda zu entführen. Diese war inzwischen schwanger. Arminius wollte Thusnelda wieder zurückholen und belagerte Segestes. Segestes schickte Gesandte zu Germanicus mit der Bitte um Hilfe, der Germanicus natürlich gerne nachkam. »Germanicus hielt es für lohnend, kehrtzumachen. Es kam zum Kampf mit den Belagerern und Segestes wurde mit zahlreichen Verwandten und Klientel befreit. Darunter waren vornehme Frauen, auch die Gattin des Arminius, die ja die Tochter des Segestes war und mit dem Herzen mehr auf der Seite ihres Mannes als ihres Vaters stand. Sie ließ sich keine Träne entlocken und ließ kein demütiges Wort verlauten; die Hände unter dem Bauch ihres Kleides gefaltet, schaute sie auf ihren schwangeren Leib.« (ebd. I, 57)
An dieser Stelle sei kurz das Ende dieser Geschichte erwähnt: Im Jahr 17, als Germanicus seine Mission in Germanien beendet hatte, zog er im Triumphzug in Rom ein und führte dabei Thusnelda und ihren Sohn Thumelicus als Kriegsbeute mit sich. Üblich war es, die Kriegsgefangenen nach einem Triumphzug zu töten oder ins Gefängnis zu werfen. Bei Thusnelda machte man eine Ausnahme, wohl wegen ihres römerfreundlichen Vaters, und schickte sie nach Ravenna ins Exil. Über das weitere Leben von Thumelicus ist nur ein einziger Satz von Tacitus überliefert: »Der Knabe wuchs in Ravenna auf. Von dem Spiel, das das Schicksal später mit ihm getrieben hat, werde ich zu gegebener Zeit berichten.« (ebd., I, 58) Tacitus ist aber nicht mehr dazu gekommen, ausführlicher darüber zu berichten. So kann man nur Vermutungen anstellen, z. B. dass Thumelicus bei einem Gladiatorenkampf ums Leben kam und Tacitus das mit »Spiel« gemeint haben könnte. Denn die Stadt Ravenna war für ihre Gladiatorenkämpfe berühmt. Tacitus berichtet in den Annalen nicht über die Jahre 30 und 31, möglicherweise starb Thumelicus in dieser Zeit, vielleicht aber auch erst später. Von Thusnelda wird nichts mehr überliefert. Im Zuge der Arminius-Verehrung war ihr Name noch im 19. Jh. als Vorname beliebt, ehe er seine heute abwertende Bedeutung erhielt: So bezeichnet man unliebsame Ehefrauen als Tusnelda und dumme, oberflächliche Frauen als Tussi.
Zurück zum Jahr 14, in dem Kaiser Augustus starb und Tiberius sein Nachfolger wurde. Obwohl die Römerpartei unter Segestes stärker geworden war, konnte Arminius doch einen großen Teil der Cherusker, auch seinen bisher römerfreundlichen Onkel Inguiomerus und andere germanische Stämme von einem Widerstand gegen die Römer überzeugen. Von 14–16 kam es zu mehreren Widerstandskämpfen des Arminius, dem sich diverse andere Stämme wie Chatten, Chauken, Marser oder Brukterer angeschlossen hatten. Sie alle folgten dem Aufruf des Arminius, um Widerstand gegen Rom zu leisten. Er konnte sie mit seiner Persönlichkeit überzeugen, zudem stellte er den Überläufern Lohn in Aussicht, nämlich wie Tacitus schreibt: »Frauen und Ländereien und für die Dauer des Krieges täglich hundert Sesterzen« (ebd., II, 13).
Es war allerdings Germanicus, der im Jahr 15 zuerst angriff, sodass die Cherusker sich in sumpfiges, schwer zugängliches Gebiet zurückzogen. Es folgten Kämpfe ohne einen klaren Sieg für eine Seite. Germanicus gab schließlich auf. Arminius verfolgte nun Aulus Caecina Severus, der die niederrheinischen Legionen befehligte. Dabei konnte er in einem sumpfigen Gebiet die Römer einkesseln und angreifen. Schon waren die Römer fast besiegt, aber statt weiterzukämpfen, stürzten sich die Germanen auf die Beute. So konnten sich die Römer in der Zwischenzeit in offenes, übersichtliches Gelände zurückziehen. Arminius wollte die Römer abziehen lassen und später wieder angreifen. Sein Onkel Inguiomerus riet zum direkten Angriff, der dann auch durchgeführt wurde. Während die Germanen auf die Schutzwälle zustürmten, griffen die Römer von hinten an, und im folgenden Nahkampf waren die Germanen unterlegen und mussten aufgeben. Inguimerus wurde in der Schlacht schwer verwundet.
Im Jahr 16 kam es zu einem weiteren Kampf zwischen Germanicus und Arminius an der Weser, der von einem Bruderzwist begleitet wurde: Vor der Schlacht kam es zu einem dramatischen Disput zwischen Arminius und seinem aufseiten der Römer kämpfenden Bruder Flavus, bei der es fast zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen wäre. Tacitus berichtet davon: »Dann entspann sich ein Wortwechsel: der eine sprach von der Größe Roms, von der Macht des Caesars und der schweren Bestrafung, die die Besiegten zu erwarten hätten, während dem, der sich unterwerfe, Milde zuteilwerde. Weder seine Gattin noch sein Sohn werde als Feind behandelt. Der andere sprach von der heiligen Pflicht gegenüber dem Vaterland, von der von den Vätern ererbten Freiheit, von den heimischen Göttern Germaniens, von der Mutter, die sich seinen Bitten anschließe. Er solle nicht zum abtrünnigen Verräter an seinen ferneren und näheren Verwandten, ja an seinem eigenen Volke, vielmehr dessen Heerführer werden. Dann kam es allmählich zu einer richtigen Zankerei (…).« (ebd., II, 10) Die Schlacht im Weserbergland, deren genauer Ort heute nicht mehr bekannt ist, wurde zu einer verlustreichen Niederlage für Arminius, weil er nicht verhindern konnte, dass die Germanen vorschnell und ungeordnet angriffen und von den Römern eingekesselt wurden. Arminius floh mit blutverschmiertem Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Trotz der Niederlage griff Arminius nochmals die Römer an. Aber auch diesmal konnte er nicht siegen. Zum einen wurden die Germanen an Germanicus verraten und zum anderen waren sie im Nahkampf den Römern nicht gewachsen. Allerdings gelang es auch Germanicus nicht wie geplant, das rechtsrheinische, freie Germanien zur römischen Provinz zu machen. Tiberius berief Germanicus noch im Jahr 16 zurück nach Rom und gab sich mit der römischen Herrschaft in Germanien bis zur Rheingrenze zufrieden.
Für Arminius hätte der Abzug der römischen Truppen eigentlich ein Happy End sein können. Zunächst konnte er sich auch erfolgreich gegen die Sueben und gegen den König der Markomannen, Marbod, durchzusetzen. Semnonen und Langobarden wechselten die Seiten von Marbod zu Arminius. Allerdings trat Inguiomerus, der Onkel des Arminius, mit seinem Gefolge zu Marbod über. Im Jahr 17 kam es zur Schlacht zwischen Arminius und Marbod. Marbod zog sich daraufhin nach Böhmen zurück. Die Römer hielten sich aus dieser Fehde ganz heraus.
Arminius wollte nicht nur ein Heerkönig in Kriegszeiten sein, sondern strebte die dauerhafte Herrschaft als König über die Cherusker an. Dabei zeigte sich, dass längst nicht alle Cherusker hinter Arminius standen, sondern er stieß vor allem bei der adligen Oberschicht auf Widerstand. Von einem Verwandten wurde Arminius schließlich ermordet. »Indessen stieß Arminius bei dem Abzug der Römer und nach der Vertreibung von Marbod in seinem Streben nach dem Thron auf den Widerstand seiner freiheitsliebenden Landsleute. Es kam zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, bei der er mit wechselndem Glück kämpfte und durch die Hinterlist seiner Verwandten fiel. Unstreitig war er der Befreier Germaniens, der das römische Volk nicht am Anfang seiner Geschichte, wie andere Könige und Heerführer, sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat, in den einzelnen Schlachten nicht immer erfolgreich, im Kriege unbesiegt. Er wurde 37 Jahre alt, zwölf Jahre hatte er die Macht in Händen, und noch immer besingt man ihn bei den barbarischen Völkern.« (ebd., II, 88)
Nach dem Tod des Arminius kam es zu Konkurrenz- und Führungskämpfen innerhalb des Stammes der Cherusker, bei denen fast alle Cheruskerfürsten starben. Im Jahr 47 baten die Cherusker daher Kaiser Claudius in dieser Sache um Unterstützung. Daraufhin wurde Italicus König der Cherusker. Er war der Sohn des Flavus und Neffe des Arminius. Aber auch Italicus konnte die Stammesfehden nicht ganz beenden. Er wurde sogar einmal vertrieben und von den Langobarden wieder eingesetzt, wie Tacitus schreibt. Nach Tacitus wurden die Cherusker von den Chatten unterworfen.
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