Kitabı oxu: «Kafka und Felice»
Unda Hörner
Kafka und Felice
Roman

»Wie kam man nur auf den Gedanken,
dass Menschen durch Briefe mit einander
verkehren können! Man kann an einen
fernen Menschen denken und man kann
einen nahen Menschen fassen, alles andere
geht über Menschenkraft.«
Franz Kafka
Inhalt
Ein Brautkleid für Felice
Damals bei Brods
Post aus Prag
Fröhliche Weihnachten
Verschwörung der Frauen
Der Tänzer vom Silvesterball
Rendezvous mit Kleist
Ist das noch Berlin?
Das Frankfurter Schweigen
Allein auf Ruinen
Körper und Geist
Der verlorene Sohn
Schlaflos auf Sylt
Brief an den Schwiegervater
Deine Hand in meiner
Der Wille zum Glück
Hochzeitsvorbereitungen
Mazel tov zu Pfingsten
Vermittlung der Schlange
Wenn der Postmann nicht mehr klingelt
Franz im Blaubeerwald
Letzte Nacht in Marienbad
Liebesdienst im Scheunenviertel
Auf den Leib geschrieben
Doppelporträt mit schwarzer Handtasche
Begegnung in der Leipziger Straße
P. S.
Hinweise
Ein Brautkleid für Felice
Franz und Felice, zwei Namen wie erfunden füreinander. Mit der Aussicht auf die bevorstehende Hochzeit im kommenden Mai lässt sich sogar der Gedanke an den harten Berliner Winter ertragen. Mit dem unsteten Leben zwischen Postämtern und Bahnhöfen, auf Parkwegen und in Hotels wird endlich Schluss sein, wenn Franz erst in Berlin ist, für immer. Schönen Feierabend, Fräulein Bauer, ruft der Pförtner Felice aus seiner Loge zu, als sie das Gebäude der Technischen Werkstätten verlässt und hinaustritt auf die Markusstraße. ›Sprungbrett der Lustigkeit‹, so hatte Franz die letzte Arbeitsminute vor dem Büroschluss mal bezeichnet.
Felice geht gern zu Fuß durch die Straßen der Stadt, ihr knöchellanger Rock schwingt bei jedem Schritt auf den Granitplatten, die noch die Sommerwärme abstrahlen. Eine S-Bahn hält kreischend am Bahnhof Jannowitzbrücke, ein Eisenbahnzug dampft in Richtung Ostkreuz, unter der Spreebrücke zieht ein Apfelkahn dahin. Die Uhr auf dem Spittelmarkt zeigt halb fünf, Tauben umschwirren die Postmeilensäule auf dem Dönhoffplatz, in der Leipziger Straße herrscht Hochbetrieb. Den Läden auf dem prächtigen Einkaufsboulevard sieht man auf den ersten Blick nicht an, dass das Angebot jetzt im dritten Kriegsjahr 1917 äußerst eingeschränkt ist, dass es alles nur auf Marken gibt und die Konsumtempel zu Magazinen geworden sind, zu Verteilstellen für rationierte Waren. Erst abends, bei Einbruch der Dunkelheit, wirkt die Stille befremdlich, und es bleibt seltsam schummrig, denn die Geschäfte sind angehalten, bestenfalls eine Notbeleuchtung einzuschalten. Aber jetzt, am späten Nachmittag, fällt die Augustsonne schräg von Südwesten in die schnurgerade Straße und vergoldet die Fassaden. Die große Weltkugel auf dem Dach des Kaufhauses Tietz scheint sich zu drehen im Licht, Hermes, Gott der Kaufleute, reckt sein Haupt in den Himmel, üppige, halb nackte Frauengestalten füttern Greifvögel und zähmen Bestien in luftiger Höhe, Bären und Stiere, und hinter der spiegelnden Glasfassade schemenhaft die Parade kopfloser Kleiderständer. Felice Bauer träumt sich in ein Brautkleid hinein, das sie im Journal Die elegante Welt gesehen hat, ein schulterfreies Modell, eng anliegende Seide und ein üppiger, bodenlanger Volantrock aus Tüll. Aber nein, es ist vermessen, jetzt, wo selbst Kleidung nur auf Karte zu haben ist und zum Umarbeiten alter Kleider aufgefordert wird, an ein prächtiges Brautkleid zu denken, wer trägt denn Weiß in diesen Zeiten? Zahllos die Frauen in Schwarz, alte wie junge, Witwenschleier haben Konjunktur. Doch Träumen ist erlaubt. Dass Kersten & Tuteur im prächtigen Eckhaus Berlins erste Adresse für Damenmode ist, daran erinnert ein purpurrotes Kleid im Schaufenster wie ein Traum von besseren Zeiten. Ein farbiges Brautkleid wäre ein Ausdruck künftiger, neuer Lebensfreude; ohnehin ist es zu spät für unschuldiges Weiß.
Felice Bauer ist verlobt, zum zweiten Mal mit ein und demselben Mann, mit Franz Kafka, einem Schriftsteller aus Prag. Da er bislang kaum etwas veröffentlicht hat und weit davon entfernt ist, seinen Lebensunterhalt mit der Schreiberei zu verdienen, geschweige denn, damit eine Familie ernähren zu können, ist es beruhigend, dass er auch einen ordentlichen Beruf hat. Franz ist in solider Stellung bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen, falls es mit dem Schreiben nichts wird, lässt sich in Berlin notfalls an diese Vita anknüpfen. Dass er Beamter ist und sogar promovierter Jurist, beruhigt auch Felices Eltern. Ein Herr Doktor, das gibt es noch nicht in der Familie. Dass er außerdem stiller Teilhaber an einer Fabrik ist, die Asbest herstellt, bedeutet eine zusätzliche Absicherung. Franz Kafka kommt aus gutem Hause, der Vater ist ein tüchtiger Kaufmann, er führt ein Galanteriewarengeschäft im prächtigen Kinsky-Palais am Altstädter Ring, im Herzen Prags. Für Felice ist es vor allem ein Segen, dass Franz keine Soldatenuniform tragen muss. Seine Vorgesetzten sind ihm wohlgesonnen und schätzen sehr, dass ihr Mitarbeiter größte Sorgfalt selbst auf nüchterne und staubtrockene Texte verwendet, in denen er versicherungstechnische Vorgänge und Gefahren beschreiben muss, die von so unaussprechlichen Geräten wie Sicherheitshobelmesserwellen ausgehen. Franz legt jedes Wort auf die Goldwaage, als zuverlässiger Diener des Unternehmens ist er unabkömmlich, es kommt gar nicht infrage, den fragilen jungen Mann den Gefechtsmühlen an der Front auszuliefern. Für Franz indessen ist die Arbeit im Kontor nur eines von zwei Übeln. Er hasst den täglichen Trott der Büroarbeit, der ihm alle Kraft zum Schreiben absaugt. Lieber heute als morgen würde er seinen Beamtenposten hinschmeißen, um sich ausschließlich seiner größten Leidenschaft zu widmen, der Literatur.
Einen von Franz’ Briefen hat Felice auswendig im Kopf: »Meine Lebensweise ist nur auf das Schreiben hin eingerichtet und wenn sie Veränderungen erfährt so nur deshalb, um möglicher Weise dem Schreiben besser zu entsprechen, denn die Zeit ist kurz, die Kräfte sind klein, das Bureau ist ein Schrecken, die Wohnung ist laut und man muss sich mit Kunststücken durchzuwinden suchen, wenn es mit einem schönen geraden Leben nicht geht.«
Vor fünf Jahren, im November 1912, als Franz dies schrieb, da hatte Felice noch fest an einen schönen, geraden Lebensweg geglaubt, an eine gemeinsame Zukunft in den üblichen Verhältnissen, er der Ernährer, sie die Hausfrau, irgendwann Kinder. Doch ein bürgerliches Familienleben ist nichts für Franz, das hat sie längst eingesehen, und auch Felice liebt ihre Arbeit in der Firma mehr, als sie es sich früher eingestehen wollte. Auch als verheiratete Frau Kafka wird sie beruflich nicht zurückstecken, sondern weiter als Prokuristin tätig sein. Manchmal übt sie den neuen Namen schon auf dem Papier: Felice Kafka, mit freundlichen Grüßen.
Wie unendlich lange haben sie gebraucht, wie viele Briefe mussten zwischen Berlin und Prag hin und her gehen, um einander zu finden! Wohl kein anderes Brautpaar auf der Welt hatte eine solche Achterbahnfahrt hinter sich wie Franz und Felice.
Damals bei Brods
Am 13. August 1912 war Felice Bauer Dr. Franz Kafka zufällig im Hause der Familie Brod in der Prager Schalengasse begegnet. Sie war auf Durchreise nach Budapest und stattete Max Brod, mit dem sie um Ecken verwandt war – ihr Cousin hatte Max’ Schwester Sophie geheiratet –, am frühen Abend einen Besuch ab. Felice, der durch seine Brille etwas neunmalklug blickende Max, dessen jüngerer Bruder Otto und die Eltern Brod saßen beim Nachtmahl am Tisch, als es an der Tür läutete. Mit dem Eintreffen des seltsamen Herrn Kafka zu vorgerückter Stunde, neun Uhr war schon vorüber, empfand Felice sich unversehens als Störenfried. Der schriftstellernde Doktor war eigens hergekommen, um mit seinem Freund Max über Literatur zu sprechen, über sein Manuskript, das den Titel Betrachtung trug. Einen fremden, unerwarteten Gast in der Familie vorzufinden, schien ihm daher so gar nicht in den Kram zu passen. Und dass Otto später auch noch anfing, zur Unterhaltung der Gäste auf dem Klavier herumzuklimpern! Felice versuchte, ihre Verunsicherung zu verbergen, sie verschanzte sich hinter einer förmlichen Begrüßung des mit unhöflicher Gleichgültigkeit dreinblickenden Herrn Dr. Kafka, die jede Herzlichkeit vermissen ließ. Umso überraschter war Felice, als der alsbald auftaute und während des Essens Fotografien aus der Tasche zauberte, die jemand auf einer Fahrt mit dem Dampfschiff Thalia gemacht hatte, das neben anderen fernen Ländern auch Palästina ansteuerte. Felice legte das Besteck auf den Teller und schaute sich, vor allem erleichtert über die unvermittelte Lockerung des späten Gastes, aber durchaus mit Interesse, die Aufnahmen an, die er ihr über den Tisch hinüberreichte. Sie zeigten eine luxuriöse Schiffskabine und den stattlichen, weißen Dampfer, der vor einer malerischen Kulisse an der Küste Palästinas vor Anker lag. Unvorsichtigerweise prahlte Felice damit, dass sie angefangen habe, Hebräisch zu lernen, der Doktor fühlte ihr gleich auf den Zahn: Ob sie dann auch wisse, was der Name der Stadt Tel Aviv bedeute. Peinlich, Felice musste passen. Ihr Unwissen bedeute aber keineswegs, dass sie sich nicht für den Zionismus interessiere, schickte sie rasch hinterher, die Bewegung, die einen israelischen Staat in Palästina anstrebe, sei der beste Impuls gegen den Antisemitismus, der auch in Berlin immer wieder aufflamme. Max Brod pflichtete bei, seit er Martin Buber in Prag übers Judentum hatte sprechen hören, sei er ein glühender Anhänger des von Theodor Herzl 1897 ins Leben gerufenen Zionismus. Prager Deutsche und Tschechen waren sich nicht besonders grün, doch arrangierten sie sich zwangsläufig unter der Krone, und was sie einte, war der Hass auf die Juden, unter diesen Umständen erschien der Siedlungsgedanke im Nahen Osten wie ein Silberstreif am Horizont, Palästina, das klang wie ein magisches Zauberwort. Wie auf Kommando zog Kafka eine Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift aus der Tasche, und Felice traute ihren Ohren nicht, als der Fremde, den sie gerade eben kennengelernt hatte, ihr nun allen Ernstes eine gemeinsame Reise ins Gelobte Land vorschlug. Sie lächelte höflich, mit entwaffnender Geste streckte ihr Franz Kafka über den Tisch die Hand entgegen. Überrumpelt, leicht amüsiert und durchaus geschmeichelt durch diesen Überfall, schlug Felice ein.
Da Franz Kafka auch noch das jiddische Jargontheater ansprach, für dessen Tradition er sich interessierte, brachte Felice das Gespräch geschickt auf Berlin und die lustige Aufführung der Posse Das Autoliebchen, die sie neulich im Thalia-Theater in der Dresdener Straße gesehen hatte. Ja, das haben die Mädchen so gerne war ein Ohrwurm aus der Revue, der seitdem die Runde machte und auf Schellackplatte zu haben war. Kein Thema, das bei den Männern auf fruchtbaren Boden fiel, mit populären Possen schienen sie sich nicht abgeben zu wollen. Franz kannte das Theater von einem früheren Berlin-Besuch, hatte allerdings »mit einem Gähnen meines ganzen Menschen größer als die Bühnenöffnung« in dem prächtigen Saal gesessen. Das Duett aus dem Autoliebchen ging Felice aber nicht aus dem Kopf: ›Hat ein Jüngling sich erklärt, dass er Herz und Hand begehrt, heißt es: Nun mal flink den Verlobungsring!‹ Felice, die gern mal ein Liedchen anstimmte, verkniff es sich lieber, das schmissige Couplet hier in der ernsten literarischen Runde zum Besten zu geben.
Als Kafka seine drei Schwestern erwähnte, erzählte Felice ihrerseits von drei Schwestern, alle brünett wie sie, und von Ferdinand, genannt Ferri, ihrem einzigen Bruder, der sie, Felice rieb sich demonstrativ den Unterarm, als sei der Schmerz bis heute nicht von ihr gewichen, immer gehauen hatte, als er ein kleiner Junge war, so heftig, dass sie blaue Flecke davontrug. Ob der so wohlerzogen wirkende Herr Kafka seine Schwestern auch derart malträtiert hatte? Schwer vorstellbar, dass er nicht schon als Kind jene Ernsthaftigkeit ausgestrahlt hatte, mit der er auftrat. Frau Brod kümmerten weder Zionismus noch Berliner Revuen oder Geschwister; sie schwärmte den ganzen Abend vom schönen Batistkleid, das sie in Felices Hotelzimmer gesehen hatte, wo man sowas Feines in Prag wohl bekommen könne?
Zu Felices eher unbehaglichen Erinnerungen an den Abend bei Brods in Prag gehörten vor allem ihre durchnässten Schuhe, mit denen sie tagsüber durch den schrecklichen Dauerregen gelaufen war, bis hinauf auf den Hradschin, den ihr ein Prager Kollege trotz des Hundewetters unbedingt hatte zeigen wollen. Wie hatte sie bloß ihren Regenschirm in der Bahn vergessen können! Als das Geschirr abgeräumt wurde und sie ins Klavierzimmer wechselten, und als Felice sich vom Tisch erhoben hatte, fiel Herrn Kafkas verwunderter Blick auf ihr Schuhwerk: Sie trug die Pantoffeln der Frau Brod, weil die Stiefel austrocknen mussten. Etwas verlegen, weil sie glaubte, ihren leicht schlurfenden Gang erklären zu müssen, verriet Felice, dass sie zu Hause an Pantoffeln mit Absätzen gewöhnt sei. Dass es sowas wie Pantoffeln mit Absätzen überhaupt gab, löste bei Kafka große Verwunderung aus, offenbar hatte er sich trotz dreier Schwestern nie näher mit Damenpantoffeln befasst.
Im Klavierzimmer saß Felice Herrn Kafka direkt gegenüber, der nun endlich dazu kam, seine Manuskriptseiten auf dem Tisch auszubreiten, noch unentschieden, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Erzählungen der Betrachtung präsentieren sollte. Ob das Stück mit dem Titel Das Unglück des Junggesellen vor dem stehen sollte, das Entlarvung eines Bauernfängers hieß, oder ob der Junggeselle besser ganz ans Ende gehöre und der Bauernfänger an den Anfang. Felice ließ die beiden Schriftsteller wissen, sie schriebe gern Manuskripte ab, vielleicht könne Max ihr gelegentlich ein wenig Arbeit schicken. Kafka schlug bei ihren Worten energisch mit der Hand auf den Tisch. In sein Gesicht trat ein erstaunter Ausdruck. Mit Frauen, die sich zutrauten, literarische Texte fehlerfrei zu kopieren, schien er noch keine Bekanntschaft gemacht zu haben. Auch hatte er bislang noch nichts veröffentlicht, blieb zu hoffen, dass er nicht den gleichen modischen Quatsch fabrizierte wie Max, Felice hatte sich schon mehrmals am expressionistischen Stil des schreibenden Verwandten die Zähne ausgebissen. Max lobte die Junggesellengeschichte seines Freundes, die kaum eine Seite lang war.
Felice warf einen Blick auf das Blatt mit Kafkas flüssiger Handschrift, und was sie las, ließ hoffen: »Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehen, immer vor dem Haustor Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe hinaufzudrängen, in seinem Zimmer nur Seitentüren zu haben, die in fremde Wohnungen führen, sein Nachtmahl in einer Hand nach Hause zu tragen, fremde Kinder anstaunen zu müssen und nicht immerfort wiederholen zu dürfen: ›Ich habe keine‹, sich im Aussehn und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.«
Wenn ich diesen Text kopieren müsste, dachte Felice, würde ich mir vielleicht erlauben, aus dem einen langen Bandwurmsatz drei Sätze zu machen. Ein bisschen schwer zu folgen, bis endlich der Punkt am Ende kam. Worum es in dem Text ging, verstand Felice jedoch sehr gut, es ging um die Notwendigkeit zu heiraten. Es ging um nichts anderes als um das, was die Mädchen so gerne hatten.
Über der Frage, wie seine Betrachtung auf dem sichersten Wege zum Verleger Rowohlt gelange, wobei Max sich erfolgreich als zuverlässiger Sendbote anpries, hatte Otto sich ans Klavier gesetzt und zu spielen begonnen. Frau Brod duselte während des kleinen Hauskonzerts auf dem Kanapee ein und sah aus, als träumte sie vom Berliner Brokatkleid, der alte Herr Brod machte sich am Bücherregal zu schaffen, er schien einen bestimmten Band zu suchen. Das Gespräch kam unglücklicherweise auf Max’ Roman Schloss Nornepygge.
Den konnte ich leider nicht bis zu Ende lesen, gab Felice unumwunden arglos zu.
Das lange Schweigen, das ihrer Offenbarung folgte, klang so, als hätte Felice Max soeben einen Stümper geheißen, eine heillose Anmaßung. Diese konfuse Geschichte über einen ewig unentschiedenen Helden hatte Max vor vier Jahren als jungem Spund immerhin das Entrée in die eitlen Berliner Literatenkreise verschafft. Der Roman war aber wirklich schlecht, Felice ermüdeten die seitenweisen, angestrengt originellen Formulierungen, die sich zu keinem Sinn fügten, doch jetzt musste sie schleunigst zurückrudern.
Schon gut, Max, ich muss mir deinen Roman wirklich noch mal vornehmen, beeilte sie sich betont gelassen zu sagen, irgendwas muss ich da nicht begriffen haben.
Gottlob, da hatte sie gerade noch die Kurve gekriegt! Felice blätterte betont interessiert in dem Propyläen-Band mit Goethe-Darstellungen herum, den Max’ Vater ihr in den Schoß gelegt hatte, mit den Worten: Goethe, der Dichterfürst.
Felice suchte nach einer Steigerung: Er bleibt ein König auch in Unterhosen, kam es ihr über die Lippen.
Franz Kafka verzog bei diesem saloppen Spruch jäh das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Schon wieder ein Fettnäpfchen, die lauerten überall. In diesen hochsensiblen Literatenkreisen musste man höllisch aufpassen, was man so von sich gab. Der Unterhosen-Spruch stammte aus einer Märchenaufführung, die Felice vor einiger Zeit sehr gefallen hatte, aber der war jetzt wahrscheinlich wieder zu respektlos gewesen. Felice lenkte das Gespräch auf ebeneres Terrain. Sprach über ihre Arbeit in verantwortlicher Stelle als Prokuristin bei der namhaften Grammofonfabrik Lindström, über die Kolleginnen in der Registratur, die so flink tippen konnten, über die internationale Kundschaft des expandierenden Unternehmens. Brods und Kafka hörten aufmerksam zu. Mit den beruflichen Themen war sie immer auf der sicheren Seite.
Es war spät geworden, Felice hatte ihre Sachen im Hotelzimmer noch nicht zusammengepackt, wollte im Bett noch ein wenig lesen und drängte zum Aufbruch. Sie beeilte sich, die Pantoffeln loszuwerden und in ihre inzwischen im Flur getrockneten Stiefel zu schlüpfen. Du bist ja flink wie eine Gazelle, bemerkte Frau Brod. Felice setzte ihren Hut auf und befestigte ihn mit Nadeln an ihrer Steckfrisur. Herr Kafka ließ es sich nicht nehmen, Felice zusammen mit Max Brods Vater Adolf noch durch die dunklen Straßen in ihre Unterkunft, das Hotel Blauer Stern am Graben, zu begleiten, gegenüber vom Pulverturm.
Ob sie viel ausgehe in Berlin, fragte Kafka, mit einem Fuß im Rinnstein neben ihr herlaufend, und Felice verneinte, sie gehe aber, wie gesagt, hin und wieder ins Theater, und beim späten Nachhausekommen öffne ihr die Mutter auf lautes Händeklatschen hin die Tür. Offenbar kannte Kafka das neuartige Berliner System mit dem Durchstecker nicht, ein schwerer Schlüssel mit zwei Bärten, den man durchs Schloss schieben musste, um ins Haus hineinzukommen, und den sie ungern in ihrer Handtasche herumtrug. Adolf Brod fragte nach dem Straßenverkehr in Berlin, man höre ja einiges vom enormen Verkehrsaufkommen, und Felice erzählte von den in dichter Folge die Leipziger Straße hinunterfahrenden Elektrischen, nein, kein Vergleich mit dem beschaulichen Prag, wo sich auch die Anzahl von Automobilen in Grenzen hielt. Über den technischen Fortschritt redeten sie, über das Problem, dass in der Leipziger Straße immer öfter Kutschpferde durchgingen, die wegen der zunehmenden Elektrisierung erregt waren. An den Kreuzungspunkten stauten sich die Straßenbahnen oft derart, dass man ernsthaft darüber nachdenke, sie unter den Straßendamm zu verlegen, erklärte Felice dem Herrn Brod.
Vorm Hotel angekommen, komplimentierte ein Page Felice hinein, die Drehtür kreiselte, und statt, wie es sich vielleicht gehört hätte, einen Moment zu warten, zwängte sich Kafka, der seit der Schlüsselgeschichte schweigend neben Felice hergelaufen war, in dasselbe Abteil der Drehtür wie sie. Für einen kurzen Augenblick im Niemandsland zwischen draußen und drinnen, verharrten beide auf Tuchfühlung zwischen zwei Glasscheiben. Im Foyer überspielte Felice diesen peinlichen Moment, indem sie sich an den Pagen wandte, sie bräuchte keine Droschke morgen früh, sondern gehe gern zu Fuß zum Bahnhof, es sei ja nicht weit. Auf die Ankunft des Fahrstuhls wartend, erinnerte Herr Kafka Felice an ihr Reiseversprechen, ob sie es wirklich ernst meine damit.
Ich bin keine wankelmütige Person, ließ Felice ihn wissen und reichte ihm abermals die Hand, bevor die Fahrstuhltür sich zwischen ihnen schloss und Felice alleine nach oben fuhr. Im Zimmer sah sie sich im Spiegel an, ihre Steckfrisur sah ganz zerzupft aus. Dieser Doktor Kafka mit seinem forschenden Blick hatte sie so nervös gemacht, dass sie ständig mit den Händen in ihrem Haar herumgenestelt hatte.
Tags darauf, recht früh am Morgen, reiste Felice weiter zu ihrer Schwester Else. Die war seit zwei Jahren mit dem ungarisch-jüdischen Maler Bernát Braun verheiratet und junge Mutter, die kleine Gerda Vilma, von allen nur Muzzi genannt, zählte noch kein Jahr. Schon im Zug nach Budapest, als Felice ihr Frühstück im Speisewagen einnahm, verlor sie kaum einen Gedanken mehr an den Vorabend bei Brods und den etwas wunderlichen Herrn Kafka. Ihre Überlegungen kreisten angestrengt um die Frage, wie sie der Schwester, die sich in Ungarn noch nicht recht eingelebt hatte und sich ein wenig einsam fühlte, am besten unter die Arme greifen konnte.
Post aus Prag
Damit hatte Felice überhaupt nicht mehr gerechnet: Sechs Wochen nach dem Besuch im Hause Brod hielt sie erstaunt einen Brief mit dem Kopf der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in den Händen. Der Doktor aus Prag schrieb wie ein scheuer Knabe, der einen höflichen Bückling vor ihr machte: »Sehr geehrtes Fräulein! Für den leicht möglichen Fall, dass sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern könnten, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka und bin der Mensch, der sie zum erstenmal am Abend bei Herrn Doktor Brod in Prag begrüßte.« Ob sie sich noch ans Versprechen der gemeinsamen Palästinareise erinnere, über die man an jenem Abend gesprochen habe.
Wie sich nicht an den seltsamen Herrn und seinen Auftritt mit dem Manuskript erinnern? Freilich hatte sie auch das Versprechen nicht vergessen, das sie ihm in die Hand gegeben hatte. Und natürlich war der Gedanke an eine solche Expedition an Bord eines Schiffes reizvoll, ja, verwegen. Doch je länger der Augustabend bei Brods zurücklag, desto unwirklicher wurde er, und desto mehr deutete Felice das bei einer Zufallsbegegnung ernsthaft Ausgesprochene als flüchtige Laune des Herrn Kafka. Was für ein Wagnis auch, eine so abenteuerliche Orient-Exkursion mit einem fremden Mann, den sie zwar nicht unsympathisch fand, jedoch schwer einschätzen konnte. Womöglich entpuppte er sich auf der Reise als Tyrann oder als Klotz am Bein. Immerhin war der fremde Herr ein enger Freund der Brods, das musste man als Vertrauensbonus gelten lassen.
Wie Herr Kafka denn an ihre Adresse in der Immanuelkirchstraße komme, wollte Felice wissen, als sie ihm eine Woche nach Erhalt des Briefes aus Prag zurückschrieb. Die Antwort kam stante pede, natürlich, von Max’ Schwester Sophie. Der nächste Brief, den Felice nur einen Tag später in den Händen hielt, war eine Art närrische Abhandlung übers Schreiben, deren Lektüre Felice leicht benommen werden ließ. Er handelte von ungeordneten Gedanken, die aufs Papier drängten, sich aber bereits im Kopf wieder verflüchtigten und erst wieder in kruden Wortbrocken auftauchten, die sich nur mit Mühe in einen vernünftigen Zusammenhang fügen wollten, schon wegen des schlechten Gedächtnisses, unter dem Kafka litt, wie er sagte. Dass Felice eine geschlagene Woche nicht auf seinen ersten Brief geantwortet hatte, stürzte ihn in größte Verunsicherung, doch nun, da sie endlich von sich hören ließ, fasste er Mut: Er forderte Felice auf, ihm wie in einem Tagebuch genau aufzuschreiben, wie sie zu frühstücken pflege oder wie ihre Freundinnen hießen, und Felice fragte sich, ob sie es mit einem pedantischen und leicht verschrobenen Beamten oder mit einem Dichter zu tun hatte, den der Wahnsinn zart geküsst hatte. Wie sollte sie auf seine Fragen reagieren, solange sie nicht einschätzen konnte, welcher Person sie die Antworten anvertraute?
Von Sophie erfuhr Felice, dass Kafka sehnlichst auf einen neuerlichen Gegenbrief warte, und Felice ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, dass eine lebhafte Korrespondenz doch längst im Gange sei. Reichlich übertrieben, in Wahrheit hatte sie einen Antwortbrief höchstens im Kopf. Ja, schon, Felice wünschte sich brennend einen Verehrer, der ihr werbende Briefe schrieb, vielleicht hatte sie deshalb Sophie gegenüber vorgegriffen. Doch die krausen Gedanken in Franz Kafkas zweitem Brief, in dem es auf über vier Seiten um die volatilen Wortbrocken ging, schreckten Felice gleichzeitig ab. War sie vielleicht zu dumm, um seinen Überlegungen folgen zu können, oder war er nur ein selbstverliebter Schwafler? Felice war verunsichert.
Nun lass ihn nicht so zappeln, so ähnlich hatte Sophie gesprochen, doch erst geschlagene drei Wochen nach Erhalt des ausführlichen Tintenergusses aus Prag setzte Felice sich an ihren Schreibtisch und leistete der Aufforderung des Briefschreibers Folge. Sie überlegte eine Weile, bevor sie ihre Anrede formulierte und die Feder aufs Papier setzte: »Werter Herr Dr. Kafka!« In wohlgewogenen Worten kam sie wieder auf ihre Arbeit als Sekretärin mit Prokura bei der Lindström AG, erwähnte abermals die netten Kolleginnen, die sie mit Büchern, Bonbons und Blumen beschenkten, die Brühl, die Lindner und die Grossmann, und erzählte, dass die Firma eine eigene Produktionsstätte in der Kreuzberger Schlesischen Straße unterhielt, ein großer Backsteinbau direkt an der Spree, wo nicht nur Grammofone hergestellt wurden, sondern auch ein neuartiges Diktiergerät, der Parlograf, der der Lindström AG gerade einen Aufschwung bescherte und bei der Erledigung von Post 50 Prozent Zeitersparnis garantierte. Stenografie war gestern; man diktierte seinen Text einfach in einen Schalltrichter hinein, der durch einen Metallschlauch mit dem Gerät verbunden war. Mittels feiner Nadeln wurde die Stimme auf eine elektrisch betriebene Wachswalze übertragen. Drückte man die Wiedergabetaste, ertönte mit geheimnisvollem Knistern der gesprochene Text, den man dann zu einem gewünschten Zeitpunkt abtippen konnte. Das Gerät steckte in einem schwarzen Metallkasten und wog stolze 18 Kilo, man brauchte also schon einen festen Standort dafür. Felice kam richtig in Fahrt, nun bereute sie es gar, diesem Herrn Kafka nicht doch schon eher geschrieben zu haben. Ich bin ihm eine Erklärung für das lange Schweigen schuldig, dachte sie und rettete sich mit den letzten Zeilen ihres Briefes in eine kleine Notlüge: Ihr erster Antwortbrief müsse auf dem Weg von Berlin nach Prag wohl verloren gegangen sein. Bevor sie das Kuvert zuklebte und zur Post brachte, legte sie als Geste künftiger Zugewandtheit eine kleine Blume zwischen die Seiten, ein Symbol für den geheimen Garten, der seit dem Spätsommer 1912 seltene Blüten trieb.
Dass schon am darauffolgenden Tag wieder Post aus Prag ankam, Felice hätte es sich denken können. Diesmal wollte sie Herrn Kafka nicht so lange auf die Folter spannen, sondern schrieb sogleich zurück, wunderte sich aber, dass er während der Bürostunden Zeit für seine wahrlich epischen Ausführungen fand. Sie selbst war bei Lindström in jeder Sekunde eingespannt, in einer Tour kam der Bote mit Telegrammen und Einschreibebriefen, deren Eingang sie bestätigen musste. Als Entscheidungsträgerin wohnte sie allen wichtigen Konferenzen bei und war auf Einkaufsmessen präsent.
»Aber man zerreißt Sie ja vor meinen Augen!«, empörte sich Kafka. »Geben Sie sich nicht mit zuviel Menschen ab, mit unnötig vielen?«
Nichts zu machen, auf der Arbeit hatte sie eben viel Publikumsverkehr. Und genau den mochte sie: das Abschätzen eines Kaufinteresses, die Demonstration des Parlografen, das selbstständige Verhandeln mit ausländischen Kunden. Inmitten der Geschäftigkeit des Büros, die ihr kaum Zeit für Pausen ließ, war sie in ihrem Element. Freilich, beeilte Felice sich in ihrem Brief an Franz Kafka hinterherzuschicken, dürfe er ihr nach Belieben schreiben, wann immer er wolle.
Die von Felice leichthin erteilte Lizenz zum Schreiben öffnete in Prag die Schleusentore für eine nicht mehr versiegende Briefflut. Kaum vermochte Felice noch all die Fragen zu beantworten, die jetzt auf sie einstürmten. »Was sehen Sie«, wollte Franz Kafka wissen, »wenn Sie aus dem Fenster Ihres Büros hinausschauen?«
Felice blickte, wenn sie denn einen Moment zum Nachsinnen fand, auf die Große Frankfurter Straße hinunter, die breite, schnurgerade Ausfallstraße, die vom Alexanderplatz nach Lichtenberg führte und weiter bis nach Frankfurt an der Oder, auf der jederzeit viel Verkehr herrschte. Morgens zur Arbeit nahm Felice die Elektrische, und war sie in Eile, sprang sie auf der Großen Frankfurter aus der langsam fahrenden Bahn, kurz bevor die an der Haltestelle stoppte. Warum springen Sie aus der Elektrischen, viel zu gefährlich, schallte ihr die erschrockene Frage entgegen. Nun, weil die Straßenbahnhaltestelle ein ganzes Stück hinter der Firma lag und Felice die Strecke nicht wieder zurücklaufen wollte. Sie musste Kafka versprechen, dies nicht wieder zu tun.
Kafka wollte mehr wissen: »Welchen Weg haben Sie zur Arbeit, verehrtes Fräulein Bauer?«
Mit der Elektrischen machte man einen Umweg über den Alexanderplatz, zu Fuß war es direkter und näher. Von der Wohnung in der Immanuelkirchstraße in die Große Frankfurter lief man nur eine Dreiviertelstunde, vorausgesetzt, man verzettelte sich nicht vor den Schaufenstern. Felice liebte es, nach Büroschluss durch den frühen Abend zu laufen, vor allem im Frühjahr, wenn die Tage länger wurden, die Linden in den Straßen zu duften begannen und der Volkspark Friedrichshain, durch den ihr Weg führte, sich mit Leben füllte. Diesen ersten warmen Tagen voller Verheißung wohnte eine vage Sehnsucht inne, die sich erst genauer bestimmen ließ, wenn Felice die Verliebten im Park sah. Wie die Immanuelkirchstraße aussah, hatte Felice noch gar nicht beantwortet, da kam Franz Kafka ihr mit einer Beschreibung zuvor. Er hatte einen Bekannten in die Immanuelkirchstraße ausgeschickt, Jizchak Löwy, einen Schauspieler aus Polen, der mit dem jiddischen Theater in Berlin gastierte. Er war also im Auftrag von Dr. Kafka konspirativ durch ihre Straße geschlichen und hatte einen ausführlichen Bericht verfasst, der Felice schmunzeln ließ, als Franz ihn wiedergab: »Von Alexander Platz ziht sich eine lange, nicht belebt Straße, Prenzloer Straße, Prenzloer Allee. Welche hat viele Seitengässchen. Eins von diese Gässchen ist das Immanuel. Kirchstrass. Still, abgelegen, weit von den immer roschenden Berlin. Das Gässchen beginnt mit eine gewenliche Kirche. Wi sa wi steht das Haus Nr. 37 ganz schmall und hoch. Das Gässchen ist auch ganz schmall. Wenn ich dort bin, ist immer ruhig, still und ich frage, ist das noch Berlin?« Leider hatte der heimliche Kundschafter sich in der Hausnummer geirrt, die Bauers wohnten nämlich nicht in der 37, sondern in der 29, ein ähnliches Gründerzeithaus zwar, aber eine Straßenkreuzung weiter. Es amüsierte Felice auch, dass Kafka sich fragte, wer um Himmels willen Immanuel Kirch gewesen sei. Erst, als er erfuhr, dass das evangelische Gotteshaus als Namenspate am Ende der Straße die Immanuelkirche war, löste sich ihm ein Rätsel.
Wie ein Maulwurf grub sich der Frager immer weiter in die Gänge von Felices Berliner Lebensraum vor: »Und wie genau sieht es in Ihrem Zimmer in der Immanuelkirchstraße aus?«
Felice schaute sich in ihrem eigenen Zimmer um wie mit fremden Augen. Sie sah ein Bücherregal, einen zierlichen Damenschreibtisch, darauf eine Kassette für Briefe, vor den Fenstern waren hölzerne Jalousien angebracht, die bei Wind klapperten. Es handelte sich um das typische Zimmer einer jungen Frau ihrer Zeit, die Spiegelkommode, auf der Cremedöschen und Flacons standen, gerahmte Fotos an der Wand mit dezent geblümten Tapeten, von eigener Hand mit bukolischen Motiven bestickte Kissen auf einer kleinen Chaiselongue.
Mit seinen Fragen drang Kafka bis dicht an ihr Bett vor: »Welche Lampe brennt auf Ihrem Nachttisch, Liebste?«
Zur altmodischen Gaslampe auf dem Nachttisch wollte Felice nichts einfallen, was der Beschreibung wert gewesen wäre. Sie fand überhaupt nichts Außergewöhnliches innerhalb ihrer vier Wände, das es wert gewesen wäre, dem wissensdurstigen Mann aus Prag mitzuteilen. Erst am Abend, Felice saß vor ihrer Spiegelkommode und löste ihr Haar, betrachtete sie ihr Ebenbild und fand sich verändert. Waren ihre Gesichtszüge nicht weicher geworden, die Augen verträumter? Sah so nicht eine Frau aus, die von einem Mann umworben wurde? Sie würde Herrn Kafka gern schreiben, dass ihr der Gedanke durchaus nicht unangenehm sei, im fernen Prag jemanden zu wissen, der in Liebe an sie dachte. Der Verehrer schien in Prag vor Felices Briefen zu sitzen wie die Besucher des Kaiserpanoramas in der Passage an der Friedrichstraße, begierig, jedes Detail dreidimensional und wie durch ein Vergrößerungsglas zu erhaschen. Alles, was Felice besaß, geriet durch Kafkas Aufmerksamkeit unversehens zu einer Kostbarkeit von ungeahntem Wert. Sie schaute sich die altmodische Gaslampe noch mal an, den Fuß aus Messing, den Schirm aus mattgelbem Milchglas, und begann zu schreiben, über das milde Licht.
Spätabends stand Felice oft in der Küche neben der Kochmaschine und wartete darauf, dass das Wasser im Topf zu sieden begann. Sie goss einen Schwall in die Porzellankanne, dem silbernen Tee-Ei entströmten bernsteinfarbene Schwaden, zwei Minuten ziehen lassen, stand auf der Packung Meßmer-Tee. Eine Zitrone lag noch in der Obstschüssel, Felice liebte das heiße Getränk mit Zitrone und Zucker. Franz hatte Nerven, er fragte, ob der schwarze Tee ihr nicht den Schlaf raube, oh nein, nicht der Tee, es war Franz höchstselbst, für den sie sich mit Tee wach hielt, kannenweise. Wann sollte sie schreiben, wenn nicht nachts? Wenn Felice mit der Genauigkeit antwortete, die Kafka von ihr erwartete, entrollte sich wie ein großes Wollknäuel der Faden, an den sich ihre Familiengeschichte knüpfte. Sie schrieb nach Prag, dass sie im trüben Monat November geboren sei, am 18.11.1887 im oberschlesischen Neustadt, und der Umzug aus dem ruhigen Städtchen nach Berlin um die Jahrhundertwende ein wahrer Kulturschock gewesen sei. Dass ihre Mutter Anna, eine geborene Danziger, die Tochter eines Färbers aus Neustadt war und acht Geschwister hatte, darunter Tante Natalie und die etwas wankelmütige Tante Clara. Der Vater Carl war zwar in Ungarn geboren, sprach jedoch mit Wiener Akzent, da die Familie früh in die Mozartstadt gezogen war. Vaters Schwester Emilie stand immer auf der Matte, wenn sie einen Skandal witterte. Gleich nach der Hochzeit der Eltern 1882 wurde Else geboren, dann in rascher Folge Ferri, Erna und Felice, fünf Jahre später kam noch Toni, als Anna Bauer mit dreiundvierzig für eine Mutter schon recht alt war. Toni war unternehmungslustig, sie riss sich darum, mit den großen Schwestern auszugehen, aber in manchen Momenten war sie vollkommen in sich versunken und schien mit der Welt zu hadern. Tagelang war sie unansprechbar, um eines schönen Morgens wieder trällernd durch die Räume der Wohnung zu laufen. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, so nannte der Vater das. Womöglich hatte Toni den Wankelmut von der Tante Clara geerbt. Toni war jetzt Anfang zwanzig, vielleicht trug ja die Verbindung mit einem Mann, die gewiss nicht mehr lange auf sich warten ließ, zur größeren Ausgeglichenheit der Schwester bei. Felice blickte vom Papier auf. Interessierte das den Mann in Prag wirklich? Dass Toni ein Spielball ihrer Stimmungen war und die Tante Emilie sich gern ungefragt in die Familienangelegenheiten einmischte? Felice zerriss die Seite mit den Ausführungen über Toni und die Tante kurzerhand wieder. Ohnehin musste sie sich in Acht nehmen, Kafka gegenüber ihre Prinzipien von Diskretion nicht aufzugeben, gar nicht so leicht, weil sie an den Mann aus Prag dachte wie an eine lang vertraute Brieffreundin. Erst vor Kurzem hatte Felice ihrer Schwester Erna versprechen müssen, zu schweigen wie ein Grab. Erna hatte ihr ein Geheimnis anvertraut, das, wenn es herauskäme, die gesamte Familie Bauer in Verruf bringen würde. Am besten, sie erzählte wieder von ihrer Arbeit und den Zufallsentdeckungen auf der Straße. Felice schrieb, dass sie die Sommerferien in Binz auf Rügen sehr genossen habe, aber auch sehr gern durch die Straßen von Berlin gehe in ihrer freien Zeit. Dass sie einer Bekannten zum Einzug in die neue Wohnung Orchideen geschenkt hatte, dass sie zweimal die Woche turnte, am Sonntag handarbeitete und zur Mutter ein gutes Verhältnis hätte. Dass das nur so war, weil Felice die brave Tochter spielte, die keine Widerworte gab, wenn die Mutter mal wieder was an Felice auszusetzen hatte, schrieb sie nicht. Nicht leicht, der tägliche Spagat zwischen Zuhause und Büro. Hier galt das Gesetz der über alles wachenden Mamme, dort hatte Felice weitgehend freie Hand. Hier war sie Tochter, dort die Seele des Büros. »Manchmal«, holte Felice aus, »ärgert sich meine Mutter, wenn ich so lange im Büro bleibe.« Anna Bauer verstand einfach nicht, dass Felice berufliche Verantwortung trug und nicht pünktlich wie die Maurer gehen konnte, wenn noch kurz vor Feierabend ein Kunde etwas wollte. »Fehlt jetzt etwa noch etwas zur Vervollständigung der Kenntnis meiner Vergangenheit?«, schloss Felice ihren Brief.
Franz Kafkas Echo schallte ihr sogleich entgegen: Wie sehr sie seine Begierde unterschätze, alles zu erfahren!
Ihrerseits erfuhr Felice aus Prag, dass Franz sich als Erstgeborener gar nicht wohl in seiner Haut fühlte. »Ich bin der älteste von sechs Geschwistern, zwei Brüder, etwas jünger als ich, starben als kleine Kinder durch Schuld der Ärzte, dann war es eine Zeitlang still, ich war das einzige Kind […]. So habe ich lange allein gelebt und mich mit Ammen, alten Kindermädchen, bissigen Köchinnen, traurigen Gouvernanten herumgeschlagen, denn meine Eltern waren doch immerfort im Geschäft.« Er sei ein ängstliches Kind gewesen und beneidete seine Schwestern Elli, Valli und Ottla, die fester in der Welt zu stehen schienen als er und von den Erfahrungen profitieren konnten, die ältere Geschwister vor ihnen gemacht hatten. Vor allem Ottla liebte Franz sehr, er nannte sie seine ›Prager Freundin‹. »Nur der Vater und ich, wir hassen einander tapfer.«
Felice war berührt vom kleinen, unsicheren Franz, der da vor ihren Augen auflebte, nur eines verstand sie nicht, wieso sich Franz so unerbittlich in die Abneigung gegen den Vater hineinsteigerte, der zur Zielscheibe seines geballten Hasses wurde. Hermann Kafka hatte klein angefangen, als Hausierer, der mit einem Bauchladen voller Gemischtwaren von Tür zu Tür zog. 1882 lernte er Julie Löwy kennen, via Heiratsvermittler. Nach der Eheschließung kam die berufliche Karriere in Schwung, nicht zuletzt durch eine ordentliche Mitgift. Die Kafkas wollten mit den armen Ostjuden nichts mehr zu tun haben, und Hermann Kafka eröffnete seinen Laden jenseits des Prager Ghettos. Der Vater war von einer Lebenstüchtigkeit, die dem Sohn offenbar zutiefst suspekt war. »Mein Leben«, bekannte Franz, »besteht und bestand im Grunde von jeher aus Versuchen zu Schreiben und meist aus misslungenen. Schrieb ich aber nicht, dann lag ich auch schon auf dem Boden, wert hinausgekehrt zu werden.« Mit dem Hang zum Aus-der-Reihe-tanzen kam Franz eher nach der mütterlichen Seite, nach den sehr eigenwilligen vier Brüdern der Mutter. Richard Löwy war ein einfacher Kleiderhändler in Prag, Rudolf Löwy Buchhalter in einem Brauhaus in der Umgebung und zum Katholizismus konvertiert; er galt als Narr der Familie, mit dem Hermann Kafka seinen Sohn oft verglich. Sehr gern mochte Franz den Onkel Siegfried Löwy, einen Landarzt in Mähren, der einen speziellen Humor besaß und dessen eigenbrötlerische Seiten ihm sympathischer waren. Als schillernde Figur machte vor allem der älteste Bruder der Mutter von sich reden: Alfred Löwy, ein eingefleischter Junggeselle, war nach Spanien ausgewandert und hatte es in Madrid bis zum hochdekorierten Eisenbahndirektor gebracht. Franz hatte Felice ein eindrucksvolles Foto des Mannes geschickt, das ihn in einem schwer an Orden und Abzeichen tragenden Anzug zeigte. Dass Felice den Onkel Alfred wiederholt irrtümlich in Mailand statt in Madrid lokalisierte, wurmte Franz, denn er interpretierte diese Verwechslung als einen Mangel an Aufmerksamkeit ihm und seinen Briefen gegenüber. »Du liest sie nur flüchtig«, warf er Felice häufig vor, »zwischen Tür und Angel.«
Fröhliche Weihnachten
Novembernebel, schlingernde Fahrradfahrer im nassen Laub auf den Berliner Straßen – der Briefwechsel mit Franz Kafka hatte Fahrt aufgenommen und trug einen hellen Glanz in die trüben Tage des Spätherbstes. Felice hatte sich auf den so wortgewandten und dennoch stets rätselhaft schwankenden Kandidaten eingelassen. Ihr war klar, was das bedeutete. Franz klang zwar wie die sensible Brieffreundin, doch war er, jeder Zoll, ein Mann. Die Dinge nähmen ihren Lauf, so wie im bürgerlich-jüdischen Milieu üblich: höfliche Vorstellung des Kandidaten bei den Eltern in Berlin, vielleicht schon zu Weihnachten, der Doktor würde bald um ihre Hand anhalten, Verlobung, Hochzeit womöglich im kommenden Jahr.
Fräulein Bauer, für Sie, ich glaube, es ist privat! In der Telefonzentrale der Lindström AG streckte ihr eine Mitarbeiterin den Hörer entgegen. Am Apparat war Max Brod, der sich gerade in Berlin aufhielt. So nervös, wie er sich räusperte, hatte er etwas auf dem Herzen.
Ist was mit Sophie oder mit deinen Eltern?, fragte Felice.
Nein, aber mit Franz, sagte Max. Der wünsche, wieder knarrte ein Räuspern durch die Leitung, den Briefverkehr zu beenden.
Felice entfuhr ein lautes Lachen. Erst vor ein paar Tagen hatte Franz sich mit theatralischen Zeilen von ihr verabschiedet: »Sie dürfen mir nicht mehr schreiben, auch ich werde Ihnen nicht mehr schreiben. Ich müsste Sie durch mein Schreiben unglücklich machen und mir ist doch nicht zu helfen […] ich habe es ja vor meinem ersten Briefe klar gewusst und wenn ich mich trotzdem an Sie zu hängen versucht habe, so verdiente ich allerdings dafür verflucht zu werden, wenn ich es nicht eben schon wäre. […] Vergessen Sie rasch das Gespenst, das ich bin, und leben Sie fröhlich und ruhig wie früher.« Felice hatte diesen Brief zu den anderen gelegt und dem finalen Paukenschlag keine weitere Bedeutung beigemessen. Franz Kafka beherrschte die gesamte Partitur der Selbstanklage und des Dramatisierens. Der Mann, der seinen Mandanten von Berufs wegen tagtäglich weismachen musste, dass es für jedes Risiko eine Absicherung und für jedes Problem eine Lösung gab, stand vor allem sich selbst im Wege.
»Unmöglichkeiten auf allen Seiten!« Kafka litt unter dem Joch seiner Arbeit, krankhafter Geräuschempfindlichkeit, chronischen Magenproblemen, dem Gefühl des Verlorenseins und diagnostizierte sich eine »in sich selbst verliebte Hypochondrie.« Wahrlich kein Profil für ein gestandenes Mannsbild, doch Felice blieb gelassen; den Hörer in der Hand, versicherte sie Max, dass sie keineswegs vorhabe, den Kontakt abzubrechen, auch wenn sich Franz’ Briefe oft um sich selbst drehten, sodass Felice beim Lesen ein wenig schwindlig wurde. Das Denken der Gedanken war offenbar sein liebster Sport.
Ich weiß nicht, wieso das kommt, sprach sie ins Telefon, Franz schreibt mir ziemlich viel, aber es ergibt sich aus den Briefen kein rechter Sinn, ich weiß nicht, um was es sich handelt, wir sind einander nicht näher gekommen, und es ist keine Aussicht, vorläufig. Vorläufig, das betonte Felice, aber wir kennen uns ja noch gar nicht richtig.
Franz wusste es schließlich selbst: Briefe erzeugen keine Gegenwart, vielmehr einen Zwitter zwischen Gegenwart und Entfernung. Vier Monate war die Zufallsbegegnung bei Brods jetzt her, höchste Zeit, die Gegenwart aufzufrischen, ihr neues Leben einzuhauchen, bevor die Erinnerung an den Augustabend wieder verblasste.
Max Brod stimmte zu, ihr solltet euch wieder sehen, du tätest ihm gut. Er legte sich mächtig für seinen Freund ins Zeug, sprach entschuldigend über Franz’ übergroße Sensibilität, ja, ganz recht, sie stehe seinem Handeln manchmal im Wege. Und dabei schreibt er einen Roman, der alles Literarische, das ich kenne, in den Schatten stellt. Was könnte er leisten, wenn er frei und in guten Händen aufgehoben wäre! Ein so einzigartiger und wundervoller Mensch wie Franz verdiene es eben, anders behandelt zu werden als Millionen banaler Dutzendleute.
Aufs Urteil des klugen Max gab Felice viel. Vielleicht, dachte sie, kann ich dazu beitragen, dass eine Literatur in die Welt kommt, die größer ist als alles Voraufgegangene, auch wenn ich sie nicht verstehe. Ich muss sie auch gar nicht verstehen.
Seit wir uns Briefe schreiben, Franz und ich, sagte Felice zu Max und strich eine Haarsträhne glatt, die aus ihrer Steckfrisur ausgebrochen war, fühle ich mich so sichtbar.
Mit Ungeduld sehnte Felice den Feierabend herbei. Noch nie seit Beginn der Korrespondenz mit Franz hatte es sie so wie jetzt gedrängt, ihm zu schreiben. Das übliche Stimmengewirr aus der Telefonzentrale, ich verbinde, Fräulein Brühl kämpfte im Nebenzimmer leise fluchend mit einem verklemmten Schreibmaschinenhebel, Felices verdiente Mittagspause fiel aus, weil ein englischer Großkunde, den man nicht einfach hinauskomplimentieren konnte, sich ausführlich über den Parlografen informieren ließ und Fragen über Fragen zur Handhabung des neuen Geräts stellte. Automatische Aufzeichnung, erklärte Felice dem Engländer, dachte, dass Franz gerade jetzt in seiner Zerrissenheit einen Menschen brauchte, der für ihn da sein konnte. Ob man Spezialpapier für die Walze bräuchte, fragte der Kunde mit dem charmanten Akzent. Felice hatte sich anfangs so schwer getan, einen Briefwechsel mit dem Mann aus Prag zu beginnen; sie hatte den Weg zögerlich beschritten, nun aber war sie umso entschlossener, ihn bis zum Ende zu gehen. Ja, Spezialpapier, gab sie zur Auskunft, selbstverständlich auch bei uns erhältlich wie sämtliches Zubehör. Ob bei der Abnahme von fünf Parlografen ein Sonderpreis gewährt würde. Felice nickte. Ja, doch, Franz, jetzt erst recht! Gleich, wenn sie zu Hause wäre, würde sie ihm mit kühlem Kopf schreiben und seine überreizten Nerven beruhigen. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Anscheinend wollte Franz den Briefwechsel bloß aus lauter Rücksicht beenden, weil er glaubte, Felice mit seinen gedanklichen Ausschweifungen zu überfordern, aber war sie bis jetzt nicht mit allem Möglichen fertig geworden? Jetzt hatte sie erst recht eine Aufgabe, sie musste den Zauderer an die Hand nehmen und ihn von seinen nagenden Zweifeln erlösen! Am Ende des Weges stand der Tempel, in den sie eintreten würden, um, masel tov, die Ehe einzugehen, die ihnen ein schönes, gerades Leben aufzeigen würde. 50 Prozent Zeitersparnis beim Diktat, dafür garantiert die Lindström AG. Okay, bestens. Der britische Kunde verabschiedete sich mit Handschlag.
Good bye Miss Bauer! Thank you very much!
Der Engländer war aus der Tür, Felice kam endlich dazu, ihr Mittagessen nachzuholen. Zu mehr als drei Riegeln Schokolade, die sie sich in den Mund steckte, fehlte ihr jedoch schon wieder die Zeit, denn Rosenbaum, der nette Mitarbeiter, kam mit einem Einschreiben gelaufen, das sie abzeichnen musste, und dann wurde sie erneut in die Telefonzentrale gerufen. Diesmal war es zum Glück nicht privat.
Noch einmal an diesem Tag, spätabends und schon halb im Bett, setzte Felice ihren Namen auf ein Blatt Papier. Das reibungslose Funktionieren des Parlografen versprach sie ihren Kunden zehnmal am Tag. Jetzt steckte sie einen Brief ins Kuvert, mit dem sie Franz Kafka ihrer bedingungslosen Zuneigung versicherte. »Wenn wir uns erst besser kennen«, schrieb sie, »werden unsere Worte füreinander nicht mehr so fremd klingen.« Es gibt nur Heilung von Mensch zu Mensch, so Franz’ eigene Worte, es war das Gebot der Stunde. Etliche Generationen vor ihnen hatten den Fehler begangen, wie zwei Fremde in die Ehe zu tappen. Bis heute war es gerade in jüdischen Kreisen üblich, dass die Eltern eine Ehe anbahnten und die Verkuppelten sich zum ersten Mal überhaupt im Tempel erblickten, wenn der Bräutigam den Schleier der Braut lüpfte. Kein Wunder, dass es da zu Verwerfungen kam wie bei Felices eigenen Eltern, diese ewigen Missverständnisse, die im Hause Bauer herrschten und vor denen Felice am liebsten die Augen verschloss.
Felice musste nicht lange auf eine Antwort warten. Prag schrieb postwendend: »Gott sei Dank! sage auch ich. Ich habe Sie also nicht verloren.« Felice beschlich der leise Verdacht, Kafka habe sie mit seinem Adieu nur auf die Probe stellen wollen. Ermutigt durch ihr Treuebekenntnis, sprang er von einem Satz zum nächsten vom Sie ins Du: »Ich antworte z. B. auf Ihren Brief und liege dann scheinbar still im Bett, aber ein Herzklopfen geht mir durch den Leib und weiß von nichts als von Ihnen. Wie ich Dir angehöre, es gibt wirklich keine andere Möglichkeit es auszudrücken und die ist zu schwach.« Felice verspürte eine Wallung, ein warmes Gefühl durchströmte ihren gesamten Körper bis in die Fingerspitzen, in denen Franz’ Brief leicht zitterte. »Ich bin noch knapp gesund für mich«, las sie weiter, »aber nicht mehr zur Ehe und schon gar nicht zur Vaterschaft.« Felice musste sich setzen. Der eiskalte Guss auf ihre erwärmten Gefühle trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Mal hü, mal hott, Franz warf Nebelkerzen. Doch die entscheidenden Begriffe waren im Spiel, das ließ sich nicht mehr leugnen, und das allein zählte. Was Franz mit Herzklopfen zu Papier brachte, waren eindeutig Liebesbriefe, auch wenn sie eine merkwürdige Verneinung ihrer selbst in sich bargen. Er schien sich über diesen Widerspruch allerdings genau im Klaren zu sein, denn er fragte Felice erneut, ob sie ihm bei all dem Irrsinn tatsächlich weiter schreiben wolle?
»Schmonzes«, beruhigte mütterlich Felice, »quäl Dich nicht immer so.«
Vermutlich war Franz’ Schwanken eine Art Masche, sie erst recht anzulocken, seine geradezu feminine Koketterie mit der eigenen Unzulänglichkeit konnte durchaus amüsant sein. Felice hatte sein Du erwidert, und schon hatte sie ihn wieder ganz für sich gewonnen.
»Du Liebste! Kann ich jetzt Deiner sicher sein? Das ›Sie‹, das gleitet wie auf Schlittschuhen, in der Lücke zwischen 2 Briefen kann es verschwunden sein, man muss dahinter her jagen mit Briefen und Gedanken am Morgen, am Abend, in der Nacht, das Du aber, das steht doch, das bleibt wie Dein Brief da, der sich nicht rührt und sich von mir küssen und wieder küssen lässt. Was ist das für ein Wort! So lückenlos schließt nichts zwei Menschen aneinander, gar wenn sie nichts als Worte haben wie wir zwei.« Franz drehte den Spieß einfach um: Er war ja der Wackelkandidat gewesen, der sie in Unsicherheit gelassen hatte, nicht sie. Doch Felice war glücklich, Franz mit der Erwiderung des Du beruhigen zu können. Ein ähnliches Glücksgefühl verspürte sie, wenn sie den Kindern auf der Straße von ihren Bonbons schenkte.
»Wie kamst Du zu dem Namen?«, wollte Franz nun wissen.
Damit traf er einen wunden Punkt, denn Felice hatte ein kleines Problem mit ihrem Vornamen; die Leute waren sich unsicher, wie sie ihn aussprechen sollten. Der eine intonierte französisch, der andere italienisch, die meisten sprachen den Namen aus wie Felize oder nannten sie Felicitas. Und als sie es auf einer Messe einmal mit einem waschechten Italiener zu tun bekam, wunderte der sich, dass der Verfasser der Geschäftsbriefe, die er von Lindström erhalten hatte, eine Frau war. Am liebsten hätte Felice Franz geantwortet: Ich heiße so, weil Franz und Felice klingt wie füreinander erfunden.
Ob er sie kurz ›Fe‹ nennen dürfe, fragte er. Das erinnere ihn an die Fee aus dem Märchen, ein Kosename zum ins Ohr flüstern. Gewiss dürfe er das, schrieb Felice. Franz schwenkte auch bei Kleinigkeiten gern um: »Wieder gefällt mir Fe nicht so gut wie Felice, es ist zu kurz, der Atem weht nicht lange genug hindurch. […] es ist für Mitschülerinnen gut, für flüchtige Berührungen; Felice ist mehr, ist schon eine ordentliche Umarmung.«
Auf ihrem niedlichen Schreibtisch mit den schlanken Beinen wuchs ein ansehnlicher Stapel in die Höhe. Sie nahm ihn einmal mehr zur Hand und blätterte durch das Konvolut wie durch ein Daumenkino. Allein, dass Franz so quengelte, wenn sie nicht postwendend antwortete, ließ sie bei der Ankunft jedes Briefes aus Prag nach Luft schnappen, denn das hieß, sie musste sofort nachlegen, wollte sie Vorwürfe vermeiden: »Liebste, das solltest Du nicht! Versprechen, dass ein zweiter Brief kommt und es nicht halten.« Sie kam kaum nach mit dem Schreiben, dabei nutzte sie jede freie Minute, verdarb sich die Augen im Schein ihrer Nachttischlampe. Felice bekam einen Totenschreck, als plötzlich die Mutter in ihrem Zimmer stand und fragte, wie, musst du nicht morgen früh raus? In flagranti erwischt, ließ sie den Federhalter sinken. Löschte das Licht, schlief ein paar Stunden und wieder viel zu kurz, am nächsten Morgen schrieb sie in schlechter Haltung mit dem Briefbogen auf den Knien in der Elektrischen weiter, verwackelte, aber leserliche Zeilen, hin und wieder opferte sie auch die Mittagspause und tippte ihre Privatpost auf der Oliver. Oft zerriss sie eine vollgetippte Seite wieder. Wie schwer es doch war, die Zwischentöne zu treffen, Briefe bekamen gleich sowas Bekenntnishaftes. Felice schwindelte; jedes Mal, wenn sie die Feder zur Hand nahm oder an der Schreibmaschine saß, blickte sie ein Ungeheuer an, das sie zu verschlingen drohte.
Ende November schon, das Jahr 1912 eilte mit Riesenschritten davon, ohne dass Felice den emsigen Schreiber wiedergesehen hatte. Die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage boten doch die beste Gelegenheit für ein Treffen; Felice bekam eine ganze Woche Urlaub, und auch bei der Prager Versicherung würde die Arbeit ruhen. Sie zog einen Briefbogen aus der Schreibtischschublade und setzte den Federhalter aufs Papier: »Lieber Franz, was wirst Du in den Weihnachtstagen machen?«
Sie stellte sich vor, wie sie über die im festlichen Lichterglanz erstrahlende Leipziger Straße flanierten und auf dem Schlachtensee Schlittschuh liefen, vielleicht gab es weiße Weihnachten. Andererseits, Berlin war groß und laut, und ein Treffen mit Franz im Kreise der Familie erschien noch zu früh. Außerdem, Felices Erholungsbedürfnis war enorm, warum also nicht erstmal zu zweit oder anstandshalber in Gesellschaft der Brods ins Gebirge, am besten an einen Ort, den Franz von Prag aus gut erreichen konnte, zur Schneekoppe oder ins Erzgebirge, das wäre für sie beide etwa der halbe Weg. Felice brütete an jenem Abend über einer Landkarte von Böhmen und Mähren, und als sie gegen Mitternacht das Licht löschte, schlief sie über dem vielversprechenden Reisegedanken ein, träumte, wie sie mit Franz eine glitzernde Winterlandschaft durchwanderte.
Franz’ Antwort, zügig wie immer, fiel diesmal kurz und knapp aus: Er müsse schreiben. An einem neuen Manuskript, das zu einem Roman werden sollte, Max Brod hatte es schon angedeutet, es hieß Der Verschollene, vorläufig. Schon bevor er Felice über den Weg gelaufen war, hatte er an dieser Prosa gesessen, und die war die Geliebte mit den älteren Rechten. Felice vermochte es nicht zu leugnen, sie war eifersüchtig auf die Geister, mit denen Franz sich umgab. Lieber verbrachte er Zeit mit diesen Luftgestalten als mit ihr, einer Frau aus Fleisch und Blut. Da half es auch nichts, dass Franz ihr wortreich erklärte, alle seine erdichteten Menschen liefen vereint Arm in Arm auf sie zu, um letzten Endes ihr, Felice, zu dienen. Was hatte sie denn davon? Abgesehen vom, zugegeben, erhabenen Gefühl, mit einem hoffnungsvollen Dichter zu korrespondieren, nichts, bis jetzt jedenfalls. Und was meinte er mit dem Nutzen, den sie von den Geistern hätte? Beim Blick in die Auslagen der nahen Buchhandlung in der Prenzlauer Allee sah sie die Bücher, die sich derzeit gut verkauften, Romane von Hermann Sudermann und Gerhart Hauptmann, und dann der Dauerbrenner Quo Vadis, den Erfolgsroman des Polen Henryk Sienkiewicz über Nero und den Niedergang des alten Rom. Der Autor war steinreich geworden damit, hatte den Nobelpreis erhalten und konnte nun schreiben, was er wollte, oder er musste überhaupt nicht mehr schreiben. Der konkrete Nutzen der Geister konnte doch nur sein, dass Franz eines Tages von der Literatur eine Familie würde ernähren können, so wie die Schriftsteller, die in allen Buchhandlungen lagen. Vorerst bewirkten die Geister aber nichts anderes, als ihn, Franz, von ihr fernzuhalten. Sein Urlaub vom Büro schien auch nicht gerade üppig auszufallen: »Übrigens erinnere ich mich nicht, jemals Weihnachten eine Reise gemacht zu haben; irgendwo hinzurollen und nach 1 Tag zurückzurollen, die Nutzlosigkeit einer solchen Unternehmung war mir immer erdrückend.«
Felice ließ den Brief in den Schoß sinken. Schroffe Worte aus der Feder desselben Mannes, der sie bereits als seine Liebste anschmachtete und der seine Briefe, ja, so gestand er, mit Küssen versiegelte. Wohl eher die romantische Anwandlung eines Moments. Wenn er seine Liebesschwüre wirklich ernst meinte, müsste es ihn dann nicht mit allen Fasern zu Felice nach Berlin drängen? Und hatte Franz ihr nicht noch vor wenigen Tagen, zum fünfundzwanzigsten Geburtstag, Flauberts Éducation sentimentale übersandt und einen Blumenboten in der Immanuelkirchstraße vorbeigeschickt, mit einem Strauß duftender roter Rosen? Der Strauß stand in einer Vase in Felices Zimmer, doch die Blumen ließen längst die Köpfe hängen. Felice hatte Franz’ heutigen Brief noch nicht zu Ende gelesen. Die letzten Zeilen schürten erneut Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen: »… ist es nicht wichtiger, als der Schreibwut die Freiheit von 6 fortlaufenden Tagen und Nächten zu geben, meine armen Augen endlich mit Deinem Anblick zu sättigen? Antworte Du, ich sage für mich ein großes ›Ja‹.« Die Schneekoppe ragte wieder auf am Horizont.
Felice konnte sich sogleich an den Schreibtisch setzen, einen unternehmungslustigen Brief an Franz schreiben: »Habe sechs Tage Berghotel Wilder Mann gebucht.« Oder sie konnte schon jetzt zwei Karten vorbestellen für die hochgelobte Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Rose Bernd im Lessing-Theater oder für Orpheus in der Unterwelt, der über Weihnachten im Theater am Nollendorfplatz gegeben wurde. Die Ballets Russes gastierten in der Kroll-Oper, die Truppe unter Leitung ihres Impresarios Sergeij Djagilev wurde überall mit Brio empfangen, die Kritiker überschlugen sich mit Lob, aber Franz hatte die Compagnie bereits in Prag erlebt. Ohnehin gab er den Tanzaufführungen von Dalcroze den Vorzug, die in Dresden-Hellerau Schule machten, wo sich gerade neuartige Reformideen Bahn brachen und über jedes bestehende Gesetz der Kunst hinwegsetzten, sei es im Tanz, in der Architektur oder in der Gestaltung von Möbeln. Felice wollte Franz etwas Spektakuläres bieten, in einer Stadt wie Berlin herrschte ja kein Mangel an Auswahl. Das Berliner Tageblatt war voller Vorankündigungen für die Feiertage, und bei Wertheim waren die Bestellungen für Präsentkörbe mit Entenstopfleber, Marzipankugeln und Dresdner Stollen in vollem Gange. Felice konnte sich noch nicht entscheiden.
Das entschlossene Ja, das Franz Felice am Ende seines letzten Briefes entgegengerufen hatte, verhallte ohne Antwort. Felice war gerade vollauf mit den aufwendigen Vorbereitungen fürs bevorstehende zehnjährige Firmenjubiläum der Lindström AG beschäftigt. Für den 30. November war eine große Feier mit Tanz und Theateraufführung geplant, in einem Saal in der Potsdamer Straße. Tanzen, ja, das konnte Felice, nur für ihre Rolle als Verkörperung des ›Humor‹ in einem kleinen Sketch, von den Mitarbeitern selbst verfasst, musste sie noch ein wenig üben und ihren Text lernen. Am Abend der Betriebsfeier erschien Felice in Begleitung ihrer Schwester Toni. Der Empfang begann mit Reden der beiden Lindström-Chefs Straus und Heinemann. Bereits im Jahre 1906, zogen sie selbstbewusst Bilanz, habe man auf die stolze Zahl von 150.000 verkauften Grammofonen schauen können. Auch die Weiterentwicklung der Klanggeräte durch einen beweglichen und zurückklappbaren Tonarm sei ein Verdienst der Lindström AG. Seit der Fusion mit Odeon habe man die Verkaufszahlen noch weiter steigern können und die Schallplatte ins Angebot aufgenommen. Herausragend auf dem Markt seien die unterschiedlichen Sprechmaschinen der Lindström AG, vor allem der Parlograf, das Flaggschiff unter den Lindström-Produkten. Die Angestellten wurden für ihr Engagement gelobt, Felice dankte den Vorgesetzten für die angenehmen Arbeitsbedingungen und die Kollegialität, die in der Firma herrsche. Applaus, Musik hob an, eine Schallplatte drehte sich auf dem Odeon-Grammofon, der muntere Schlittschuhwalzer.
Die Aufführung des Sketchs ging mit viel Gelächter über die Bühne, flott berlinernd gab Felice den Humor in Person, mit dem sie schlagfertig einen schwierigen Kunden zufriedenstellte, den der Kollege Rosenbaum spielte und der die absurdesten Fragen zu den Lindström-Produkten stellte. Ob der Parlograf auch moderne Schlager spielen könne? Ob es die schöne Verkäuferin gratis dazu gebe? Felice verdrehte die Augen, fertigte den Kunden alias Rosenbaum mit einem unterschriebenen Kaufvertrag über zehn Parlografen ab und freute sich demonstrativ über das gute Geschäft. Applaus, Gelächter, jemand aus dem Publikum fragte Felice nach der Darbietung, ob sie schon mal in München gewesen sei, da trete neuerdings ein beliebtes Komikerpaar auf, Karl Valentin und Liesl Karlstadt, an die erinnere der Auftritt, Kompliment! Felice und Toni ließen sich den Spaß an jenem Abend nicht nehmen. Sie tanzten Walzer und Polka mit Rosenbaum und dem Prokuristen Salomon, bis der letzte Ton verklang und sie mit einer Droschke von der Potsdamer Straße nach Hause fuhren zum Prenzlauer Berg. Am nächsten Morgen schmerzten Felice immer noch die Füße.
Eine geschlagene Woche war über den Festivitäten verstrichen, und Felice war Franz immer noch eine Antwort auf sein Ja zum Wiedersehen schuldig. Öffnete sie die Tür zu ihrem Zimmer, fiel ihr Blick auf den Schreibtisch, da lag wie ein Vorwurf das Briefpapier, lauter unbeschriebene, weiße Seiten. Endlich nahm sie die Feder zur Hand: »Weihnachten bleibe ich nun doch in Berlin.« Aber Franz, der könne ja reisen und nach Berlin kommen. Verwandtenbesuch hatte sich angekündigt, ein Haufen Einladungen war inzwischen ins Haus geflattert, wahrscheinlich würde man über die Feiertage von einer Gesellschaft zur nächsten fahren, auch eine weitere Tanzveranstaltung in einem der zahlreichen Ballsäle Berlins stand auf dem Programm sowie ein Termin beim Fotografen für ein aktuelles Familienporträt. Wenig einladende Aussichten für einen wie Franz, kam es Felice in den Sinn, als ihre Post mit einem dumpfen Geräusch ins Dunkel des nächsten Briefkastens fiel. Nein, Weihnachten wäre ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für ein erstes Wiedersehen. So sehr Felice sich wünschte, Franz die Grunewaldseen zu zeigen, auf denen Schlittschuhläufer ihre Pirouetten drehten, ihn der Familie vorzustellen, die sie schon lange mit neugierigen Fragen nach dem Herrn aus Prag löcherte, neben ihm über einem Orchestergraben zu sitzen und den Berliner Philharmonikern zu lauschen – größer als all diese Wünsche zusammen war Felices Angst vor dem Theater, das sie Franz vorspielen müsste, käme er tatsächlich nach Berlin. Jetzt rächte sich, dass sie in den vielen Briefen, die sie seit dem Spätsommer nach Prag geschickt hatte, inmitten harmloser Plaudereien über Berliner Tanzvergnügen und den revolutionären Parlografen, eine Mauer des Schweigens errichtet hatte. Denn Felice verheimlichte Franz ein Familiendrama.
Verschwörung der Frauen
Felices Schwester Erna war schwanger, im fünften Monat. Der Kindsvater, ein unsicherer Gesell, hatte sich aus der Affäre gezogen. Felice war die Einzige, der Erna sich in ihrer Zwangslage anvertraut hatte. Auf Felice war stets Verlass, früher schon, wenn man was angestellt hatte, holte sie die Kastanien aus dem Feuer. Felice half, wo immer sie konnte, flickte zerrissene Strümpfe, rettete bei Hausaufgaben, legte gute Worte bei Vater und Mutter ein. Aber ein uneheliches Kind, das war weiß Gott eine andere Größenordnung als eine schlechte Schulnote. Die beiden Schwestern kamen überein: kein Sterbenswort zu den Eltern. Auch vor dem Gerede der Leute musste Felice Erna schützen, nicht auszudenken, wie schief man sie ansähe als gefallenes Mädchen. Erna musste weg aus dem kleinen Ort Sebnitz bei Dresden, wo jeder jeden kannte. Das Kind woanders zur Welt bringen, eine Pflegefamilie finden, darum kreisten Felices schwere Gedanken. Das hieß, Erna musste ihre solide Sekretärinnenstelle bei einer Elektroinstallationsfirma kündigen und Felice für die Schwester finanziell in die Bresche springen.
Das Stakkato der Schreibmaschinenmusik verklang, die Kolleginnen wünschten einander wie immer einen schönen Feierabend, die Räume der Lindström AG leerten sich, doch Felices Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Sie hatte sich vor Kurzem auf eine Kleinanzeige im Tageblatt gemeldet, da suchte jemand eine tüchtige Schreibkraft in Nebentätigkeit für die Abendstunden, das passte. Felice wurde bei einem Professor vorstellig, der schnell erkannte, welch hoch qualifizierte junge Frau er engagiert hatte. Dreimal die Woche wurde vereinbart, Felice konnte sofort anfangen. Während ihr der Professor mit sonorer Stimme naturwissenschaftliche Abhandlungen diktierte, von denen sie nur Bruchstücke kapierte, flogen ihre flinken Finger mechanisch über die Tastatur einer Remington. Kein Wunder, dass Felice der Sinn wenig nach Briefeschreiben stand, wenn sie am fortgeschrittenen Abend nach Hause kam, die Hand ins Kreuz gestützt wie eine alte Frau. Sie lehnte sich mit dem schmerzenden Rücken an den warmen Kamin, um sich etwas Linderung zu verschaffen, im Bett fielen ihr sofort die Augen zu. Als die Fakturistin bei Lindström krank wurde und Felice auch noch deren Arbeit übernehmen musste, bekam sie zu allem Überfluss Ärger mit der Mutter, die zeterte, als sei Felice auf krummen Pfaden unterwegs gewesen: Jetzt kommst du erst nach Hause? Weißt du eigentlich, wie spät es ist, Felice? Alle Handarbeiten bleiben liegen, soll ich etwa den Pullover für Ferri fertigstricken? Der gereizte Ton der Mutter war nicht zu überhören. Die selbstständige Tochter entzog sich ihrer Kontrolle, und dann auch noch diese Gestalt aus Prag, von der man nichts Genaues wusste. »Ihr letzter Brief ist so nervös«, schrieb Franz, »dass man das Verlangen bekommt, Ihre Hand einen Augenblick lang festzuhalten.«
Ja, gerade jetzt hätte Felice dringend einen Vertrauten in ihrer Nähe gebraucht, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Aber Händchenhalten war ein Kunststück zwischen Spree und Moldau, und was nutzte es schon, Franz mitzuteilen, dass sie gern Strindberg las, oder ihm Anekdoten der Bürokolleginnen zum Besten zu geben, wenn sie über das Wichtigste, was sie beschäftigte, über Ernas missliche Lage, schweigen musste wie ein Grab? Franz reinen Wein einschenken, viel zu riskant. Nicht auszudenken, wenn er mit seinem Antwortbrief in deutlichen Worten auf die derzeitige Situation einginge. Felice hatte ihre Mutter ja bereits dabei ertappt, wie sie unter dem Vorwand, nur eine Briefmarke zu suchen, neugierig in ihren privaten Papieren herumkramte, als sei ihr Schreibtisch ein offener Zeitungskiosk. Auch Toni war schon mal mit hochrotem Kopf aus Felices Zimmer hinausgeschlüpft, als die früher als erwartet nach Hause kam, weil der Professor ausfiel. Noch schlimmer wäre, wenn Franz’ Mutter Wind von der Sache bekäme und das Geheimnis der beiden Schwestern auf dem Umweg über Prag nach Berlin vordringen würde.
Unwahrscheinlich war das nicht. Erst vor ein paar Wochen, Mitte November, hatte wieder ein Brief aus Prag auf Felices Schreibtisch gelegen, doch die Schrift auf dem Kuvert war nicht die gewohnte. Felice riss den Brief auf, unterschrieben hatte Julie Kafka. Wie kam die Frau dazu, ihr zu schreiben?
»Ich habe durch Zufall einen an meinen Sohn adressierten Brief vom 12/11 datiert und mit Ihrer w. Unterschrift verseh’n zu Gesicht bekommen. Ihre Schreibweise gefiel mir so sehr dass ich den Brief zu Ende las, ohne zu bedenken, dass ich dazu nicht berechtigt war.« Felice versuchte sich zu erinnern, was sie an jenem 12. November an Franz geschrieben hatte, vielleicht vom bevorstehenden Firmenjubiläum, von einem Besuch beim Zahnarzt? Felice war erbost, man steckte seine Nase nicht in Briefe, die jemand anderem galten. Wie weitsichtig, kein Wort über Erna verloren zu haben! Trotzdem saß Felice beim Weiterlesen die Angst im Nacken, was wollte Julie Kafka, die sich so schmeichlerisch wand, bloß von ihr? Es ging, das stand nach wenigen Zeilen fest, um Franz: »Dass er sich in seinen Mußestunden mit Schreiben beschäftigt, weiß ich schon viele Jahre. Ich hielt dieß aber nur für einen Zeitvertreib. Auch dieß würde ja seiner Gesundheit nicht schaden, wenn er schlafen und essen würde wie andere junge Leute in seinem Alter. Er schläft und isst so wenig, dass er seine Gesundheit untergräbt, und ich fürchte dass er erst zur Einsicht kommt, wenn es Gott behüte zu spät ist. Darum bitte ich Sie sehr, ihn auf eine Art darauf aufmerksam zu machen und ihn befragen wie er lebt, was er isst, wie viel Mahlzeiten er nimmt, überhaupt seine Tageseintheilung. Jedoch darf er keine Ahnung haben, dass ich Ihnen geschrieben habe überhaupt nichts davon erfahren, dass ich um seine Correspondenz mit Ihnen weiß. Sollte es in Ihrer Macht stehen, seine Lebensweise zu ändern, würden Sie mich zum großen Dank verpflichten und zur glücklichsten machen.« Da schlug ein besorgtes Mutterherz. Julie Kafka sah nachts die Lampe im Zimmer ihres Sohnes brennen, aber tagsüber kam er kaum aus dem Bett. Er war ein schlechter Esser, magerte ab und wurde immer blasser. Schließlich wäre ein regelmäßiger Lebenswandel auch ganz in Felices Sinn, hinsichtlich einer gemeinsamen Zukunft mit Franz. Konnte Felice der Frau lange böse sein?
Als brave Schwiegertochter in spe erfüllte sie Julie Kafkas Bitte. Acht Stunden Schlaf, riet sie Franz, weniger sei der Gesundheit abträglich. »Halte Maß! Behalte das Ziel im Auge! Ist es Dir nicht möglich, Dein literarisches Schaffen auf zwei, drei Stunden täglich zu beschränken?« Welch absurder Vorschlag für einen wie Franz! Wahrscheinlich brauchte er an manchen Tagen schon ein bis zwei Stunden, um die Wortbrocken in seinem Kopf zu ordnen und überhaupt einen einzigen Satz zu formulieren, der ihn zufriedenstellte. Er hatte es ihr doch beschrieben, und von Max wusste sie, dass diese Literaten sich einen Dreck um den Feierabend scherten, die kriegten schlechte Laune, wenn man sie nicht schreiben ließ, sobald ihnen Sätze kamen. Trotzdem warf sie den Brief an Julie Kafka noch am selben Tag ein.
Die Verschwörung der Frauen blieb Franz nicht lange verborgen. Denn in einem Brief an Max Brod entschlüpfte Felice die Frage, ob Franz seine Post denn nicht an sicherem Orte aufbewahre. Der konnte eins und eins zusammenzählen: »Ich nahm Deine heutigen Briefe als ein Ganzes und Deine Ratschläge betreffend das Essen und den Schlaf verblüfften mich nicht besonders, was sie doch eigentlich hätten tun müssen, da ich Dir doch schon geschrieben hatte, wie froh ich bin, die gegenwärtige Lebensweise gefunden zu haben, welche die einzige halbwegs befriedigende Lösung der Widersprüche ist, in denen ich leben muss. Als mir aber Max heute eine auch nur ganz zarte Andeutung machte, wegen der Aufbewahrung von Briefen und wie seine Sachen vor den Eltern niemals sicher sind – seines Vaters Suchen und Forschen in allen Zimmerecken ist mir geradezu schon aus der Anschauung bekannt – da liefen mir mit diesen Bemerkungen alle zugehörigen Bemerkungen aus Deinen heutigen Briefen zusammen, denn Deine Briefe waren mir wie immer so auch diesmal so gegenwärtig wie der Gesichtsausdruck des Menschen, mit dem ich spreche – und ich wusste bald nicht alles zwar, aber genug, um Max zu zwingen, alles zu sagen.« Franz machte Felice keine Vorwürfe, er fing an, sich für seine kleine Schlamperei zu rechtfertigen: »Natürlich trage ich jetzt nicht alle Briefe bei mir herum wie in jenen ersten armseligen Zeiten, aber den letzten oder die zwei letzten noch immerhin. Ich trage zuhause einen anderen Rock und hänge den Rock des Straßenanzuges an den Kleiderrechen in meinem Zimmer. Die Mutter gieng durch mein Zimmer, als ich gerade nicht darin war – mein Zimmer ist ein Durchgangszimmer oder besser eine Verbindungsstraße zwischen dem Wohnzimmer und dem Schlafzimmer der Eltern – sah den Brief aus der Brusttasche schimmern, zog ihn mit der Zudringlichkeit der Liebe heraus, las ihn und schrieb Dir.« Franz hatte seine Mutter daraufhin zur Rede gestellt. Sie war nicht nur in sein Zimmer, sondern in einen verbotenen Raum eingebrochen, wo sie nichts zu suchen hatte. Franz versprach Felice hoch und heilig, in Zukunft besser achtzugeben. Konnte Felice sich darauf verlassen?
Über Erna also weiterhin kein Wort. Die konspirative Geschichte mussten die Schwestern allein zu Ende bringen. Womöglich servierte Felice Franz mit Ernas Dilemma ein gefundenes Fressen, Stoff, den er in neue Prosa verwandeln konnte. Wenn er nun Weihnachten nach Berlin käme, im engen Familienkreis in der guten Stube säße, hätte Felice zwei Möglichkeiten: ihn vorher einweihen oder nicht. Im ersten Fall wäre er gezwungen, sich angestrengt auf die Zunge zu beißen und das Versteckspiel mitzumachen – entschieden zu viel verlangt für einen Antrittsbesuch bei künftigen Schwiegereltern, der Franz sicher schon so genug belastete. Im anderen Fall müsste sie ihm direkt ins Gesicht lügen, denn Verschweigen war auch eine Lüge. Das widerstrebte Felice, die am liebsten geradeheraus und eine ehrliche Haut war, zutiefst. Wie eine geballte Faust drückte sich das zermarterte, übermüdete Hirn gegen ihre Schläfen: Die ständigen Kopfschmerzen, unter denen sie seit einiger Zeit litt, bekämpfte sie mit Aspirin und Pyramidon. Als sie einmal mehr beim Arzt im Wartezimmer saß, weil sie ein neues Rezept brauchte, als sie schließlich aufgerufen wurde und ins Behandlungszimmer trat, schaute der Doktor sie aufmunternd an: Na, junge Frau, Sie sehen ja aus wie eine Leiche auf Urlaub! Diese Formulierung entlockte der geplagten Felice spontan ein Lächeln. Sie schrieb Franz noch am Abend, dass der Arzt ihr dazu geraten hatte, sich alle Sorgen frei von der Leber zu reden, und dass sie deshalb in Zukunft keine Geheimnisse mehr vor ihm haben wolle. Doch um welche Geheimnisse es sich handle, das verschwieg sie Franz weiterhin. Schön dumm. Jetzt wollte er erst recht wissen, was sich hinter ihren kryptischen Bemerkungen verbarg. »Bald wird die Bombe platzen«, vertröstete sie ihn. Und gab Franz damit noch mehr Rätsel auf.
Weihnachten stand unmittelbar vor der Tür, und der Brief, den Felice von Franz bekam, enthielt die enttäuschenden, gleichwohl von ihr selbst heraufbeschworenen Worte: »Meine Weihnachtsreise ist noch zweifelhafter geworden.« Franz’ Schwester Valli heiratete am ersten Feiertag, schon deshalb war er unabkömmlich. Also Besuchstrubel nicht nur bei den Bauers, sondern auch bei den Kafkas. Vor den Festtagen machte Felice sich mit einem Päckchen auf den Weg zur Post, wo sie Schlange stand mit anderen Weihnachtskunden, die schwer an ihren Geschenken trugen. Das Päckchen enthielt ihre Gabe an Franz, ein Täschchen, darin ihr Foto, eines, auf dem sie sich einigermaßen gut getroffen fand, mit festem, offenem Blick. Als sie endlich an die Reihe kam, das Päckchen über die Theke schob und der Schalterbeamte es mit einer Briefmarke versah, als das Päckchen in einem großen schwarzen Kasten verschwand, den ein grau gewandeter Diener in einen fensterlosen Raum am Ende eines Ganges beförderte, schien Felice eine gemeinsame Zukunft mit Franz in unendliche Ferne gerückt. Auf dem Rückweg von der Post liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Tränen waren Felices einziges Ventil. Sie flossen auf offener Straße, im Büro, in der Elektrischen. Sie kamen Felice unvermittelt am Esstisch und abends beim Handarbeiten. Sie stahl sich in ihr Zimmer, bevor die Mutter aus der Küche hereinkam und ihr verweintes Gesicht sehen konnte. Die Tränen bahnten sich den Weg in dem Riss, der durch ihr Leben ging. Hier Verantwortungsgefühl, dort Sehnsucht des Herzens. Aber Blut war dicker als Wasser, und die pflichtbewusste Felice hatte dem eigenen Glück die Tür versperrt. Sie musste sich für die Eltern unbedingt noch eine Ausrede überlegen, warum Erna dieses Jahr zu Weihnachten nicht kommen konnte.
Im Büro war Felice viel unbeschwerter als zu Hause, denn in der Familie herrschte, wie so oft, auch heute eine gespannte Atmosphäre. Nur auf den ersten Blick sah alles friedlich aus, die Mutter und Toni, zwei links, zwei rechts, mit Strickzeug im Wohnzimmer, der Vater zurückgezogen mit Lesestoff im Schlafzimmer. Es war ihm nicht gelungen, seine Ehefrau wieder auszusöhnen, obwohl das, was sie ihm zur Last legte, Schnee von gestern war, die einstige Geliebte. Noch so eine Geschichte, dachte Felice, die ich Franz unmöglich erzählen kann: dass der Vater sich aus dem engen Korsett der jüdischen Mischpoche befreit hatte. Vor elf Jahren war das gewesen, Felice war ein vierzehnjähriges Mädchen und hatte zu vermitteln versucht zwischen dem gutmütigen, lebensfrohen Papa und der strengen, alles überwachenden Mutter, aber er war ausgezogen, zu seiner Geliebten. Seine Kinder hatte er fortan nur noch in Cafés und Restaurants getroffen, Felice fungierte als Geldbotin und überbrachte der Mutter den Unterhalt des Vaters in bar. Nach drei Jahren starb die Geliebte, und Carl Bauer, der die Einsamkeit nicht ertrug, kehrte reumütig zu seiner Familie zurück. Da saß er nun allein im Schlafzimmer, und Anna Bauer war noch immer ein wandelnder Vorwurf. Sie konnte es einfach nicht lassen, giftige Pfeile auf ihren Gatten abzuschießen, ihre Spitzen trafen auch Felice, die dem Vater längst verziehen hatte und kein Hehl aus ihrer Tochterliebe machte.
Die Ehe ist die einzig gültige Form des Zusammenlebens, sprach die strickende Anna Bauer, als sei das der kategorische Imperativ, und wies mit einer stummen Kopfbewegung auf den dicken Brief, der an Felices Platz auf dem Esszimmertisch lag.
Felice wagte sich sehr weit vor, als sie die Mutter zaghaft darauf hinwies, dass auch eine Ehe kein Garant für ewiges Glück sei, das müsse sie doch aus eigener Erfahrung wissen.
Anna Bauer ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und bohrte die lange Nadel in die Luft.
Ja, wann lässt sich dein Herr Doktor denn mal blicken?, fragte sie so, als hätte sie die Hoffnung auf eine Begegnung mit dem großen Unbekannten ohnehin schon abgeschrieben.
Dass Herr Kafka sehr beschäftigt sei, antwortete Felice, schließlich sei er neben seinem anspruchsvollen Posten bei der Versicherung Teilhaber einer Fabrik, und außerdem schreibe er ja auch noch an einem Buch.
Was muss er denn schriftstellern, entgegnete Anna Bauer, er hat doch einen richtigen Beruf.
Der Mutter war die Vorstellung von einem Dichter vollkommen fremd, und wenn Felice ehrlich war, fiel es auch ihr nicht leicht, sich in ein Gehirn wie das von Franz hineinzuversetzen, in einen Menschen, der in geistigen Höhenflügen Sätze formte, bis ihm die Geister aus den Sätzen leibhaftig entgegentraten.
Franz erscheint mir mit seinen feinen Gedanken wie ein Mysterium, in ihm steckt etwas ganz Großes, das fühle ich, entfuhr es ihr stattdessen laut und trotzig.
Anna Bauer ließ nicht locker: Das Dichten ist wohl ansteckend, kein Wunder, dass du dir die Nächte mit Briefeschreiben bei Kerzenlicht um die Ohren schlägst und gähnst, wenn der Wecker in der Frühe klingelt! Das ist dein Ruin!
Felice erschrak dieser Tage ja selbst über ihr wenig liebliches Spiegelbild: Augenringe, eine angestrengte steile Falte stieg auf der Stirn empor, und sprießte da nicht ein erstes graues Haar am Scheitel?
Das hat mit Franz gar nichts zu tun, sagte sie abwehrend. Sie schob ihre Erschöpfung auf die viele Arbeit, auf diesen Herrn Neble, ein Vertreter der übelsten Sorte, der sich wegen irgendwelcher unvollständigen Materiallisten beim Chef über sie beschwert hatte.
Die Stricknadeln klapperten wieder gleichmäßig in Anna Bauers Händen, als Felice sich mit dem Brief aus Prag in ihr Zimmer entfernte und die Tür hinter sich schloss. Unmöglich, ihn im Beisein der Mutter zu öffnen; das wäre wie eine große Umarmung vor fremden Leuten. »Liebste meine Liebste«, las sie, »aus Liebe wollte ich, nur aus Liebe, mit Dir tanzen, denn ich fühle jetzt dass das Tanzen, dieses Sichumarmen und Sichdabeidrehn, untrennbar zur Liebe gehört und ihr wahrer und verrückter Ausdruck ist. […] Dein Franz.« Felices Tränen flossen ungebremst und wollten nicht versiegen, als sie die Feder zur Hand nahm und schrieb: »Wir gehören unbedingt zusammen.«
Doch der Zug von Prag nach Berlin, der noch rechtzeitig zum Fest ankäme, war bereits abgefahren.
Die Weihnachtstage fielen wider Erwarten recht angenehm aus, auch Felices Kopfschmerzen hielten sich in Grenzen. Die Wertheim-Kaufhäuser blieben ausnahmsweise am Sonntag vor Heiligabend ab 13 Uhr geöffnet, das Stündlein der lebenden Karpfen und der Oderbruchgänse hatte geschlagen. In der zentralen Warenhaushalle voller echter Palmen und plätschernder Brunnen duftete es würzig nach Lebkuchen. Die Gedecke bei Wertheim waren köstlich, und jetzt, wo die Leute sich die Adventszeit veredeln wollten, bot die Küche besonders feine Speisen an, Sarah-Bernhardt-Suppe und Mandelpudding. Felice gönnte sich Spargel, die weißen Stangen aus Übersee schmeckten ebenso köstlich wie im Frühling die aus Beelitz, und weil Franz auch jedes Detail ihrer Ernährung wissen wollte, beschrieb Felice ihm ihre Gaumenfreuden. Spargel im Winter! Das löste beim enthaltsamen Fan der Reformküche einen kleinen Skandal aus.
Die Bauers wussten das christliche Fest durchaus zu genießen. Zwar hatte man keinen lamettageschmückten Weihnachtsbaum aufgestellt, zu Hause auf dem Vertiko im Wohnzimmer brannten die Kerzen eines Chanukkaleuchters. An den Feiertagen kamen wie angekündigt Bekannte der Eltern zu Besuch, man saß bei Punsch und selbst gebackenen Plätzchen am Tisch. Ein ausgedehnter Spaziergang führte die Familie bis in den Grunewald, wo sie in einer Ausflugsgaststätte einkehrten und schon nachmittags mit Wein anstießen. Man freute sich an der elektrischen Beleuchtung, die zunehmend die Berliner Straßen erhellte, Sterne und Schneekristalle passend zum Fest. Felice kam sogar dazu, das Berliner Tageblatt zu lesen, ein Luxus, den sie sich bei ihrer knapp bemessenen Zeit sonst nicht leisten konnte; gewöhnlich erhaschte sie nur die Schlagzeilen der Zeitungen in den Händen der Leute in S-Bahn und Elektrischer.
Am ersten Weihnachtstag lancierte das Tageblatt eine launige Umfrage unter dem Motto ›Muss er hübsch sein? Muss sie klug sein?‹ Rede und Antwort standen die russische Primaballerina Anna Pawlowa, der junge Prager Schriftsteller Franz Werfel oder eine Berliner Malerin: »Sobald er einen Schnurrbart trägt, ist’s aus«, antwortete diese, und das erinnerte Felice daran, dass sich, lange bevor sie Franz kennenlernte, ein Herr um sie bemüht hatte, den sie schon wegen seiner Glatze nicht leiden konnte. Was der verrückte Dichter Paul Scheerbart schrieb, entzückte Felice: »Das Schwierigste bei der Sache ist dieses: Sie muss wahrhaftig eine ganze Fülle von Klugheit besitzen, um Ihm geschickt was vormachen zu können … aber – wehe, wenn Ihr einfällt, eine ›wirklich‹ kluge Frau zu werden! Dann würde sie ja unter Umständen geneigt sein, ›kritisch‹ gegen Ihn vorzugehen. Na – und da kann ich nur aus langjähriger Erfahrung sagen: die Kritik löst die besten Ehen auf.«
Felice schnitt den Artikel aus und schickte ihn Franz, gespannt auf seine Antwort, die vielleicht etwas über seine Zukunftsvorstellungen verriet. Postwendend kam Antwort, darin stand nichts, was Felice auch nur annähernd zu mehr Aufschluss verhalf. Franz hatte wenig Sinn für die Blüten, die der Journalismus in den Feiertagsbeilagen trieb: »Was für urdumme Fragen da gestellt sind! Die Zeitung bekommt dadurch eine Art menschlichen, wenn auch idiotischen Gesichtes. […] Also ›er‹ muss allerdings hübsch sein. ›Sie‹ dagegen muss nichts mehr und nichts weniger sein, als ganz genau so, wie sie ist.«
Der Tänzer vom Silvesterball
Zu Silvester tanzte Felice, ohne Franz. Der saß zu Hause in Prag allein in seinem Zimmer, trank, in ein warmes Tuch gehüllt, heiße Limonade und träumte von ihr. In allen Ballhäusern Berlins war ordentlich was los, Berlin war voller Festsäle, die buntes Programm boten, Bühlers Ballhaus in der Auguststraße, der Saalbau in der Pappelallee, das populäre Riviera in Grünau. Felice musste sich entscheiden, ob sie mit Arbeitskolleginnen in den vornehmen Admiralspalast oder mit Schwester Toni in eins der näher gelegenen Etablissements im Prenzlauer Berg gehen wollte.
Kein Geheimnis, dass Bälle der Eheanbahnung dienten, schon jetzt war Franz eifersüchtig auf die vielen Leute, mit denen Felice sich zuprosten, lachen und tanzen würde, das ließ er sie wissen.
Als Felice am Silvesternachmittag im rosaroten Samtkleid vor einem hohen Spiegel stand und sich auf dem Absatz ihrer Tanzschuhe drehte, wünschte sie sich Franz herbei. Sie nahm das Foto zur Hand, das sie neben dem von Nichte Muzzi in einem Medaillon um den Hals trug. Schwarzes, offenbar extra für den Atelierbesuch pomadisiertes Haar, Mittelscheitel, hochgeschlossener Kragen, ziemlich elegant. »Ein verdrehtes Gesicht habe ich in Wirklichkeit nicht, den visionären Blick habe ich nur bei Blitzlicht, hohe Kragen trage ich längst nicht mehr«, so Franz’ Kommentar zu seinem Porträt.
Ein schöner Mann, der sich doch nicht spreizte wie ein eitler Pfau, und dem man nicht ansah, welch absonderliche Ideen in seinem Kopf herumturnten. Und dennoch, dachte Felice mit geschlossenen Augen, ist es wirklich Franz, nach dem ich mich sehne? In ihrem Traum vom Sichumarmen und Sichdabeidrehn kam er, so sehr sie ihre Fantasie bemühte, nicht vor, und zu Franz’ Stimme, die sie aus seinen Briefen vernahm, gehörte gar kein Körper. Felice öffnete die Augen wieder und sah sich im Spiegel neben einem unsichtbaren Tänzer stehen. Heute, dachte sie, bin ich frei.
Willkommen auf dem Silvesterball! Die feierfrohe Berliner Gesellschaft strömte aus der Winterkälte hinein ins warme Foyer des Ballhauses, unter ihnen Felice und Toni. Der große Saal füllte sich, man nahm Platz an runden, mit Kristallgläsern auf gestärktem Damast festlich eingedeckten Tischen. Kellner flitzten umher und nahmen Bestellungen auf, Blicke wanderten von Tisch zu Tisch, auf einer Bühne stimmte ein Orchester die Instrumente und hob zu einem flotten Schieber an. Nicht lange, und Toni war im Gewimmel auf dem Parkett verschwunden, Felice saß verloren am Tisch, sah man ihr etwa an, dass sie bereits jemandem versprochen war? Ragtime, Walzer, noch ein Schieber, nach einer alleine verbrachten Stunde, vor sich ein leeres Glas und umgeben von ausgelassen tanzenden Menschen, fühlte sich Felice in ihrem schönen rosaroten Samtkleid welken wie ein Mauerblümchen. Sie hatte nicht übel Lust, ihren Mantel von der Garderobe zu holen, durch die Berliner Feiernacht nach Hause zu fahren und in der Stille ihres Zimmers einen Brief an Franz zu schreiben. Das Orchester hob zu einer neuen Melodie an, Toni winkte von der Tanzfläche aus und tauchte wieder im Getümmel unter; natürlich konnte Felice jetzt nicht gehen, sie hatte der Mutter versprochen, die Schwester im Auge zu behalten. Andere allein Herumsitzende taten verlegen mit Zigaretten und Gläsern beschäftigt, Felice nippte missmutig am Weißwein, da trat jemand vor sie hin. Ein schlanker, gut aussehender Mann mit tiefer Stimme, rotblondem Haar und im Smoking machte einen höflichen Bückling.
Darf ich bitten, gnädiges Fräulein?
Von der Tanzfläche aus, im Arm des Unbekannten, sah die Welt wieder anders aus. Der Fremde erwies sich als guter Tänzer, Felice spürte ihre eigenen Muskeln, wie sie sich unter seiner kräftigen Hand bewegten. Nach drei Tänzen, Felice war richtig ins Schwitzen gekommen, fragte der Mann, ob er sich an ihren Tisch setzen dürfe.
Gewiss, sagte sie, und ja, gern ein Glas Wein.
Galant wurde Felice ein Stuhl zurechtgerückt, sie tupfte sich dezent mit einem Batisttüchlein über die Stirn. Der Kellner trat mit einer schlanken, grünen Flasche in einem Silberkübel an den Tisch und ließ den Herrn probieren. Der hob das Glas, trank, nickte zufrieden, Felice sah, dass er keinen Ring am Finger trug. Was er von Beruf sei, fragte sie und erfuhr, dass sie es mit einem Kinderarzt zu tun hatte. Eine Unterhaltung kam in Gang, über die Abnahme der Säuglingssterblichkeit hierzulande und die dringend nötigen Wohnungsneubauten für Arbeiterfamilien, deren Geißel nach wie vor die Tuberkulose war. Auch der Mutterschutz müsse verbessert werden, fand der Arzt. Einen Augenblick überlegte Felice, ob sie hier einhaken und von Ernas bevorstehender Niederkunft berichten sollte, doch galt die ärztliche Schweigepflicht denn auch für Konversation auf Silvesterbällen? So fragte sie nur, ob er zufällig im neuen Kinderkrankenhaus in Weißensee tätig sei, Felice hatte es auf ihrem Weg zur Arbeit als Stenotypistin bei Odeon noch im Bau gesehen. Der Arzt nickte, er kenne die Geburtshilfeabteilung, da herrschten modernste Standards. Nun wolle er aber endlich wissen, was Felice so mache, beruflich, sie wirke auf ihn nicht gerade wie ein sittsames Fräulein, das sich mit Handarbeiten am Kamin zufriedengebe.
Der Parlograf, hob Felice schwungvoll an, und erklärte einmal mehr, was es mit dem neuartigen Gerät auf sich hatte, der Schalltrichter, die tickenden Nadeln auf der rotierenden Wachswalze, die aufgezeichnete Stimme wie von fern. Felice vergaß darüber fast, ihre weiblichen Reize spielen zu lassen, hin und wieder ein unschuldiger Augenaufschlag, ein aufreizendes Lächeln, ein absichtslos zu Boden gleitender Handschuh, zugegeben, genau dieses Repertoire fiel ihr schwer. Denn wenn sie bei Lindström, wo sie gern den Verkehr mit Geschäftskunden pflegte, eines gelernt hatte, dann den sachlich-freundlichen Umgang mit dem männlichen Geschlecht. Noch nie war ihr etwas Unangenehmes widerfahren, eine anzügliche Bemerkung, eine Äußerung des Zweifels an ihrer Kompetenz. Felice hatte ihr sachliches Verhalten Männern gegenüber auf der Arbeit derart gut eingeübt, dass ihr ein Rollenwechsel partout nicht gelingen wollte, sie konnte nicht aus ihrer Haut, nein, sie wollte es gar nicht. Ihrem Tischherrn schien auch gar nichts zu fehlen, er hörte Felice mit aufmerksamer Miene zu, als sie erläuterte, dass Odeon-Grammofongeräte inzwischen ein großer Exportschlager seien, ebenfalls Schellack-Schallplatten.
Ganz bezaubernd, wie anschaulich, wie begeistert Sie von Ihrem Beruf erzählen können, gnädiges Fräulein! Der Kinderarzt war ein guter Zuhörer. Die Rede kam auch auf Jascha Heifetz, das zwölfjährige Wunderkind, das die Berliner vor Kurzem im Beethovensaal entzückt hatte, ob es von dem jugendlichen Geiger auch schon Schallplattenaufnahmen gebe, fragte der Arzt. Es ging auf Mitternacht zu, die Weinflasche war längst geleert. Wir brauchen noch was zum Anstoßen, rief Felices Tischherr dem vorbeieilenden Kellner zu, Champagner!
Die letzten zehn Sekunden des alten Jahres wurden heruntergezählt, das Orchester hob an, der Mitternachtswalzer. Der Kinderarzt verneigte sich vor Felice, Prost Neujahr!
Felice hatte schon einen leichten Schwips. Noch ein Tanz, man holte die Mäntel von der Garderobe und ging hinaus; Feuerwerk prasselte über der Stadt, mit Raketendonner wurde die Zahl 1913 in den Berliner Nachthimmel geschrieben.
Zum Abschied hauchte der Kinderarzt Felice einen Kuss auf den Handschuh: Darf ich hoffen, Fräulein Bauer, Sie bald wiederzusehen?
»… ein fröhliches neues Jahr meinem liebsten Mädchen; ein neues Jahr ist eben ein anderes Jahr und wenn das alte uns auseinandergehalten hat, vielleicht treibt uns das neue Jahr mit Wundern und mit Gewalt zusammen. Treibe, treibe, neues Jahr!« Mit diesen Wünschen aus Prag begann 1913. Dass Wunder und Gewalt es richten sollten, war für Felices Geschmack allerdings allzu schweres Geschütz. Sie wusste, was wirklich half: Offenheit und Vertrauen. Bekämen sie das nicht hin, sollte sie den Briefwechsel mit Franz von heute auf morgen lieber beenden. Dem Spuk ein Ende machen. Sich auf den sympathischen, rotblonden Kinderarzt einlassen, der mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen schien, statt auf einen sensiblen Künstler und unzufriedenen Büroangestellten zu warten.
Doch schon am ersten Arbeitstag im neuen Jahr wurde Felice von ihren Kolleginnen mit Fragen bombardiert. Kein Mensch interessierte sich für den Festtagsbraten, für den Silvesterball und den Kinderarzt. Stattdessen wollte die Stenotypistin Emmy Brühl wissen, was denn der Doktor aus Prag geschrieben hätte? Warum er über die Feiertage nicht in Berlin gewesen sei? Weil er einen Roman schreiben müsse, Der Verschollene, eine Geschichte, die in den Vereinigten Staaten von Amerika spiele, gab Felice bedeutungsschwanger zur Auskunft, als verlange die Welt bereits händeringend nach diesem Buch, das außer in Franz’ Kopf noch kaum existierte.
Den Kolleginnen bei Lindström waren die Veränderungen in Felices Leben nicht verborgen geblieben. Denn das Phantom Franz schrieb auch an die Büroadresse, Felice hat schon wieder Verehrerpost, so wurde getuschelt, wenn auf ihrem Schreibtisch ein Kuvert lag, abgestempelt in Prag und mit der gleichmäßigen Handschrift, die alle schon bestens kannten. Niemandem war entgangen, dass Felice häufig ein Gähnen unterdrückte, doch den Kolleginnen fiel auch ein neues Leuchten in ihren Augen auf.
Na, wen hast du da an der Angel?, fragte Emmy Brühl.
Für einen kurzen Moment gewährte Felice der Brühl, deren Neugier unbezähmbar war, einen Einblick in das Medaillon an ihrer Brust.
Hui, fuhr es aus der heraus, fescher Bursche!
Wenn Felice im Heer der vielen Angestellten in geschäftsmäßigem Schneiderkostüm durch die Straßen der Stadt hastete, um die nächste Elektrische zu erwischen, fühlte sie sich herausgehoben aus der grauen Menschenmasse und von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Nie, noch nie zuvor im Leben, war Felice so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden. Es klang paradox: Dieser Mann, der so weitschweifig über seine finsteren Abgründe schreiben konnte, trug ein hell strahlendes Licht in ihre von Sorgen umwölkten Tage. In diesem Meer aus Lügen und Verschweigen waren Franz’ Briefe eine von reinen Blumen bewachsene Insel, auf die sie sich jederzeit retten konnte. Als Felice dem netten Kinderarzt gleich in der ersten Januarwoche zufällig erneut begegnete und der sie unumwunden fragte, ob sie ihn auf den vor der Tür stehenden Faschingsball im Eispalast begleiten wolle, griff sie kurzerhand zu einer Notlüge, die all sein Werben im Keim erstickte. Nein, sagte Felice, es gibt da einen Mann. Ich bin verlobt.
Offenheit und Vertrauen: Beseelt von diesem Vorsatz schilderte Felice Franz den Silvesterabend mit großem Orchester und Feuerwerksspektakel und ließ, auch hier wollte sie Farbe bekennen, den netten Kinderarzt nicht aus. Normale Männer verabredeten sich mit dem Rivalen in einer nebligen Schlucht zum Duell, zumindest in Romanen las man das, aber einer wie Franz trat nur allein gegen sich selbst an: »Nein, ich klage, ich jammere eigentlich, ich hätte wollen, dass der Kinderarzt zu Euch hinaufgekommen wäre, dass er sich als der nette Mensch, der er an Sylvester war, auch weiterhin bewährt hätte, dass er lustig gewesen und lustig aufgenommen worden wäre. Wer bin denn ich, dass ich mich ihm in den Weg zu legen wage? Ein Schatten, der Dich unendlich liebt, den man aber nicht ans Licht ziehn kann. Pfui, über mich!« Franz’ Brief nahm mit dem nächsten Satz eine jähe Kehrtwendung: »Ich wäre zerfressen vor Eifersucht, wenn ich aus der Ferne hören müsste, dass dem Kinderarzt tatsächlich alles das gelungen ist, was ich ihm auf der vorigen Seite so dringend wünschte und die Unwahrheit, die Du ihm sagtest, war nicht aus Deinem reinen Innern, sondern aus mir heraus gesprochen und ich will fast glauben, dass Deine Stimme in jenem Augenblick einen kleinen Beiklang von der meinigen gehabt hat.«
Derlei Liebesbriefe klangen so anders als das übliche Säbelrasseln der strammen preußischen Kerle, anders auch als das Süßholzraspeln der Schmocks auf dem jüdischen Heiratsmarkt. Nur Franz’ Strenge befremdete Felice, und sie fragte ihn, ob er denn auch herzlich lachen könne. Ja, unbedingt, behauptete er: »… ich bin sogar als großer Lacher bekannt …« Natürlich, hatte er sich nicht mit der ahnungslosen Brühl schon einen Scherz erlaubt? Felice hatte zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag im November Geschenke der Kolleginnen auf ihrem Platz gefunden, nebst einem Gedicht, das die Brühl gereimt hatte. In etwas holperigen, aber lustigen Versen wünschte sie Felice einen Ehemann mit Adelstitel. Felice hatte Franz das verraten, und er konterte mit einem Wunsch für das Fräulein Brühl, es sollten »… von heute ab Abend für Abend nach Geschäftsschluss ein Jahr lang bis zu ihrem nächsten Geburtstag zwei rasende Prokuristen rechts und links neben sie treten und ihr ununterbrochen und gleichzeitig, bis Mitternacht Briefe diktieren.«
Kurze Zeit später schickte Franz aus reinem Spaß am Jux eine anonyme Glückwunschkarte an die Brühl. Die Kollegin drehte und wendete die Karte ratlos in den Händen, und Felice, die in Franz’ Schabernack eingeweiht war, verspürte eine diebische Freude über ihr Rätselraten. Ein heimlicher Verehrer? Ein Kunde? Ja, Franz hatte auch Humor, eine Seite an ihm, die Felice besser kennenlernen wollte. Es fiel so schwer, auf dem Papier zu lachen.
Franz konnte überdies Gedanken lesen. »… was würdest Du Frl. Lindner antworten, wenn sie statt allgemeiner Fragen geradeaus fragen würde: War eigentlich dieser Mensch im Laufe des letzten Vierteljahres schon einmal in Berlin? Nicht? Und warum nicht? Er fährt Samstag mittag von Prag weg oder wenn das nicht geht, am Abend, ist über den Sonntag in Berlin und fährt abend nach Prag. Es ist ein wenig anstrengend, aber im ganzen eine Kleinigkeit. Warum macht er das nicht? Was wirst Du arme Liebste antworten?«
Die Antwort erübrigte sich, als eines Tages ein schmales, aber veritables Buch im Büro ankam, auf dem braunen Umschlag der Name, den die Kolleginnen schon so oft gelesen hatten: Franz Kafka. Der unsichtbare Verehrer aus Prag, es gab ihn wirklich, da stand es schwarz auf weiß. Dafür lohnt es sich doch zu warten, sagte jemand, der Mann ist ein richtiger Dichter. Einer wie Goethe! Wie haben Sie den denn kennengelernt, Fräulein Bauer?
Betrachtung war Franz’ erstes Werk, das Manuskript hatte er eines vergangenen Augustabends noch zu Max Brod getragen, voll Sorge um die sichere Expedition zum Verleger, und nun war es tatsächlich im Buchhandel zu haben. Felice schlug das Buch auf und fand eine handschriftliche Widmung: »Für Fräulein Bauer, um mich bei ihr mit diesen Erinnerungen an alte unglückliche Zeiten einzuschmeicheln.« Felice rätselte noch, wie Franz das meinte, aber die Lindner, die Brühl und die Grossmann waren komplett aus dem Häuschen. Die Lindner kniete gar vor Felice nieder wie vor einer Ausersehenen, auf die der Heilige Geist gekommen war. Wann Felice ihnen diesen bedeutenden Mann endlich mal persönlich vorstellen könnte?
Da müssten sie sich wohl noch ein wenig gedulden, sagte sie, jeden Moment der Befragung durch die aufgeregten Frauen genießend.
Statt nach Berlin zu kommen, spazierte Franz hin und wieder absichtsvoll durch die Prager Ferdinandstraße, dicht vorbei an dem Haus, in dem die Lindström-Vertretung saß, um sich Felice nahe zu fühlen. »Wenn ich Dir nicht schreibe, bin ich Dir viel näher, wenn ich auf der Gasse gehe, und überall und unaufhörlich mich etwas an Dich erinnert«, teilte er mit. Aber eine Beziehung zwischen Postämtern und Bahnhöfen, in Briefen und Eisenbahnen, das reichte Felice nicht mehr aus. Die Briefe aus Prag lagen vor ihr wie eine Patience.
Ob sie sich aus der Hand lesen lassen wolle, nur so aus Scherz, fragte Emmy Brühl.
Sie lese lieber Fahrpläne, entgegnete Felice, die, wenn Franz schon nicht kam, längst eine Reise nach Prag in Erwägung gezogen hatte. Sie war weder abergläubisch, noch glaubte sie an faulen Zauber mit Glaskugeln oder Kaffeesatz, sie beschäftigte sich weder mit Astrologie noch mit der Kabbala, doch die Brühl griff ungefragt nach ihrer Hand und lachte: Wovor hast du Angst? Ist ja nur zum Spaß.
Nun gut, da der abwesende Franz Felice immer wieder Rätsel aufgab, musste sie eben das Orakel befragen. Felice öffnete ihre Hand und streckte sie der Kollegin bereitwillig entgegen. Eine gepflegte Stenotypistinnenhand hielt die andere, ein Zeigefinger wanderte über Lebenslinie, Marslinie, Kopflinie. Die Brühl analysierte: Selbstständigkeit und Karrierechancen, sehr gut. Aber entscheidend ist die Herzlinie, je breiter, desto größer die Chance auf eine lange, glückliche Liebe. Ist sie unterbrochen, könnte der Partner untreu sein. Was für ein Segen, Felices Herzlinie verlief als lange, ununterbrochene und ausgeprägte Furche quer über die Handfläche. Bedaure, sagte Emmy Brühl zögernd, während sie weiter über Felices Hände tastete, aber reich wirst du wohl niemals werden, deine Sonnenlinie ist kaum zu sehen.
Warum überrascht mich das nicht, sagte Felice.
Ein Leben in Saus und Braus war mit Franz schwer vorstellbar. Die Anteile an der Asbestfabrik wäre er lieber heute als morgen los, er träumte ja sogar davon, bei der Versicherung zu kündigen, damit er zum Schreiben käme, und zwar nicht über Sicherheitsfräsköpfe und dergleichen, aber, mal ehrlich, wer konnte schon von der Literatur leben, so wie Sienkiewicz, Sudermann oder Gerhart Hauptmann?
Weil das Handlinienorakel als geschickter Hinweis auf Felices konkrete existenzielle Bedenken dienen konnte, als willkommener Wink mit dem Zaunpfahl, schrieb sie Franz von dem kurzen Ausflug in die Chiromantie während der Arbeitszeit. »Wenn Frl. Brühl nicht nachgeholfen hat«, schrieb er zurück, »dann ist die Handdeutung eine schöne Kunst und besonders gegebenen Falls in der Prophezeiung des ›niemals-reich-werdens‹ leider unanfechtbar, allerdings steckt auch ein grober Fehler darin.« Felice überlegte lange, welcher Fehler sollte das denn sein, wieder erging er sich in recht nebulösen Formulierungen. Klar, es gehörte keine große Kunst dazu, bei einem wie Franz ein eher genügsames Leben vorauszusagen. Er machte kein Geheimnis aus seinem recht bescheidenen Jahreseinkommen: »… im günstigsten, vergleichsweise günstigsten Fall, werden meine Frau und ich arme Leute sein, welche diese 4588 K sorgfältigst werden einteilen müssen. Wir werden viel ärmer sein als z. B. meine Schwestern, die gewissermaßen wohlhabend sind. […] Und wenn irgendwelche große Ausgaben eintreten werden, durch Krankheit oder sonstwie, werden wir gleich verschuldet sein. Wird sie auch das ertragen?«
Franz’ Betrachtung lag neben Felices Bett, seit dem Tag, an dem das Buch im Büro angekommen war. Sie hatte noch keine einzige Zeile darin gelesen, auch die Junggesellengeschichte nicht, die sie bereits als Manuskript kannte. Immer wenn sie einen Blick hineinwerfen wollte, zuckte ihre Hand reflexartig zurück. Der bloße Anblick des Buches beunruhigte sie. Franz machte tatsächlich Ernst mit der Schreiberei. Ein Satz von Strindberg kam ihr in den Sinn: ›Solltest du einmal heiraten, so nimm den Verleger, nicht den Dichter.‹ Das brachte Felice endlich darauf, welchen groben Fehler der spitzfindige Franz in Emmy Brühls Handliniendeutung ausgemacht hatte: Die Geister, mit denen sie um ihn konkurrieren musste, waren Büttel, die am Bettelstab gingen. Mit Reichtum meinte Franz nicht klingende Münze. Reichtum, das war für ihn die Freiheit, schreiben zu dürfen. Ein Reichtum, zweifellos, den sie mit ihm würde teilen müssen. Sie würde mit ihm zusammen im Keller leben, wie er es prophezeite. Franz war vor allem gierig darauf, das fertige Buch in den Händen zu halten, er erwartete gar keine horrenden Vorschüsse vom Verleger, und man brauchte schon viel Optimismus, um daran zu glauben, dass die Leute seine kryptischen Texte kaufen würden wie geschnitten Brot. Doch die persönliche Widmung in dem Buch auf ihrem Nachttisch, die schmeichelte ihr ungemein, denn es lag ein großer Reiz darin, einen Verehrer zu haben, der schrieb, richtige Bücher. Felice wagte es und schlug vor dem Einschlafen eine beliebige Seite in der Betrachtung auf: »›Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann man ja niemals eine klare Auskunft bekommen. Das ist ein Hinundher. Diese Gespenster scheinen über ihre Existenz mehr im Zweifel zu sein, als wir, was übrigens bei ihrer Hinfälligkeit kein Wunder ist.‹ – ›Ich habe aber gehört, dass man sie auffüttern kann.‹«
Pulsuz fraqment bitdi.