Kitabı oxu: «"Du sollst nicht töten"»

Şrift:


Ursula Corbin

»Du sollst nicht töten«

Nachrichten aus dem Todestrakt

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Erste Auflage Frühjahr 2021

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Alle Namen der Gefangenen sowie weiterer ProtagonistInnen wurden geändert; ihre Geschichten entsprechen den Tatsachen.

Bildnachweis:

© Laila Defelice: Cover, S. 12, 36, 62, 92, 126, 154, 166, 210

Privatbesitz Ursula Corbin: S. 18, 43, 50, 67, 72, 77, 80, 138, 161, 175, 186, 197, 215, 224

Schrift: Filo Pro, Arnhem

E-Book-Realisation: Bookwire

ISBN: 978-3-906304-80-9

eISBN: 978-3-906304-97-7

Inhalt

–Tausende von Briefen über den Atlantik

1.Abdullah alias Clifford – »Ich bin schon oft gestorben

–Grüße aus dem Radio

2.Pablo – Eine fatale Entscheidung

–»Die Angst vor dem Sterben nehmen«

3.Steven – »Die Hölle ist hier auf Erden«

–Vom Filmen im Todestrakt Rolf Lyssy, Filmregisseur

4.Fred – Eine verhängnisvolle Beziehung

–Auge um Auge

5.Lee – »Never ever give up!«

–Nicht mehr als 30 Dollar

6.Ramon – Geister der Vergangenheit

–»Wird wohl jemand auf mich da drüben warten, wenn ich sterbe?«

7.Andy – »El Rey« – der König

–Fragen, die mir immer wieder gestellt werden

8.Levi – Das Gras unter den Füßen

–Epilog

–Dank

Biografie der Autorin

»Returning violence for violence multiplies violence, adding deeper darkness to a night already devoid of stars. Darkness cannot drive out darkness, only light can do that. Hate cannot drive out hate, only love can do that.«

Martin Luther King

Tausende von Briefen über den Atlantik

Schon als Teenager träumte ich davon, eines Tages in die USA auszuwandern. Ich war überzeugt, dass dort alles so viel besser, größer und freier sei als in unserer kleinen engstirnigen Schweiz. Mit knapp 18 Jahren zog ich von zu Hause aus und lebte anschließend viele Jahre auf verschiedenen Kontinenten – bis ich schließlich in den USA landete: Ich hatte einen Amerikaner geheiratet und lebte mit ihm einige Jahre in verschiedenen Staaten. Mit dem Alltagsleben veränderte sich meine Sicht der Dinge jedoch gewaltig, das Leben war alles andere als leicht und unbeschwert. Es war ein harter Überlebenskampf, dem wir uns täglich zu stellen hatten, und zu alledem musste man ständig auf der Hut sein. Die Kriminalitätsrate war sehr hoch, und die Menschen hatten Angst. Auch ich hatte mehrere Schlösser an meinen Türen, auch ich fuhr mit dem Auto die 200 Meter bis zum Lebensmittelladen, auch ich vergewisserte mich vor dem Einsteigen jedes Mal zuerst, ob sich jemand hinter meinem Sitz versteckte, und auch ich schnallte – wie viele Mütter – meinen kleinen Sohn im Einkaufswagen fest, damit ihn niemand mitnehmen konnte. Im Fernsehen gab es jeden Tag vor allem Nachrichten über Morde, Vergewaltigungen und schreckliche Unfälle, man sah kaum etwas Positives.

Kaum zu glauben: Das war also das Land meiner Träume, das Land der großen Freiheit, und dabei ging es so vielen Menschen schlecht. Ich kam recht viel herum in diesem Land, und an so vielen Orten sah ich Armut. Ganze Familien lebten in ihren Autos, weil sie die Miete nicht bezahlen konnten und ihr Haus verloren hatten. Am Strand richteten sich jeden Abend Menschen ihren Schlafplatz ein, weil sie weder ein Zuhause hatten noch einen Job; in den Abfalltonnen vor den Fast-Food-Ketten suchten sie nach Essbarem.

Zum ersten Mal hörte ich auch, welch horrende Strafen für relativ harmlose Verbrechen gesprochen wurden (wohl zur Abschreckung) und dass in den USA immer wieder die Todesstrafe vollzogen wurde. Zwar waren es jeweils nur kleine Randnotizen in den Zeitungen, wenn wieder ein Mensch auf dem elektrischen Stuhl getötet worden war, aber ich fand es jedes Mal grauenhaft. Ich hatte mein Leben lang daran geglaubt, dass die USA ein wirklich fortschrittliches Land sei, denn es hieß ja, dieses Land sei ein Vorbild für die ganze Welt.

Dass weite Teile der Bevölkerung wegen der hohen Kriminalitätsrate in Angst lebten, konnte ich verstehen. Aber wie konnte man nur so simpel denken, dass man dieses Problem loswürde, indem man die Täter für Jahrzehnte wegsperrte und die Schlimmsten von ihnen tötete? Und wenn man wirklich davon überzeugt war: Warum wurde es dann nie besser? Warum fragte niemand nach den Ursachen? Dabei waren doch gerade in diesem Land die Menschen so religiös und gingen in die Kirche – wie konnten sie das gesetzliche Töten mit dem christlichen Glauben vereinbaren? Ich verstand das nicht und war entsetzt und zutiefst enttäuscht von diesem Land.

Ein paar Jahre später kehrte ich in die Schweiz zurück. Noch einmal startete ich mein Leben neu, und ich war glücklich und zufrieden, mit meinem Sohn hier leben zu dürfen. Aber all das, was ich in den USA wie in einigen anderen Ländern gesehen und erfahren hatte, hatte sich tief in mir eingeprägt, und ich wollte unbedingt etwas gegen all dieses Unmenschliche und Ungerechte tun. Also trat ich unserer Quartiergruppe von Amnesty International bei. Ich schrieb viele Protestbriefe und nahm an Standaktionen auf den Plätzen von Zürich teil. Meist ging es um politische Gefangene oder um Menschen, die aus religiösen oder ethnischen Gründen verfolgt, gefoltert, verschleppt, inhaftiert und oft auch getötet wurden. Wir sammelten Unterschriften und schrieben massenweise Briefe, um die entsprechenden Regierungsstellen unter Druck zu setzen. Um Geld für diverse Projekte aus aller Welt aufzutreiben, organisierten wir Mittagstische, führten einen Stand am Quartierfest und verkauften Schokoherzen. Ich war überall dabei.

Regelmäßig trafen wir uns in einem Saal eines Pfarreizentrums, und an einer dieser Sitzungen las unser Präsident einen Brief von einem Mann in einer Todeszelle in Texas vor. Dieser Gefangene schrieb, er habe ein Hinrichtungsdatum erhalten und werde in drei Monaten hingerichtet; sein großer Wunsch lautete, noch mit jemandem zu korrespondieren, bis es so weit sei. Der Brief war auf Englisch geschrieben, und unser Kollege fragte in die Runde, ob denn jemand genug Englisch beherrsche, um eine solche Korrespondenz zu führen. Ja, ich konnte dies tun und wollte diesen Mann in diesen letzten drei Monaten begleiten – wenn auch nur mit meinen Briefen.

So begann mit meinem ersten Brief an Clifford im Sommer 1986 mein Engagement, das bis zum heutigen Tag andauert. Fast 35 Jahre sind inzwischen vergangen; in diesen vielen Jahren haben wohl Tausende Briefe den Atlantik überquert, und ich war unzählige Male zu Besuch in den Gefängnissen von Texas und Kalifornien.

Mit insgesamt 15 Männern, die alle zum Tode verurteilt waren, habe ich in diesen Jahren korrespondiert und viele von ihnen auch regelmäßig besucht. Acht von diesen Lebensgeschichten habe ich ausgewählt für dieses Buch – es sind die acht Gefangenen, mit denen ich am intensivsten und längsten Kontakt hatte. Alles was ich hier berichte, habe ich von ihnen persönlich erfahren, das Einzige, was ich bei einigen geändert habe, sind ihre Namen – ansonsten entspricht alles genau dem, was sie mir über die Jahre geschrieben und erzählt haben.

In liebevoller Erinnerung an meine beste Freundin Gisela

1948–2005

Eine hochintelligente Frau und engagierte Ärztin, mitfühlend und sozial denkend, sensibel und weltoffen. Und trotz ihrer zierlichen Gestalt hatte sie ein riesengroßes Herz.


1.Abdullah alias Clifford

»Ich bin schon oft gestorben«

Inhaftierung: Februar 1982

Haftanstalt: Ellis One, Huntsville, Texas, USA

»Hallo, hier ist das Büro von Herrn Schwartz, was kann ich für Sie tun?« Die weibliche Stimme am anderen Ende war ausgesprochen freundlich.

»Guten Tag, hier spricht Ursula Corbin, ich rufe aus der Schweiz an. Könnten Sie mich bitte mit Herrn Schwartz verbinden?«

»Moment, ich schaue nach, ob er im Büro ist.«

Die Minuten schienen endlos. Dann meldete sich ein sonorer Bariton: »Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Schön, dass ich Sie erreiche, vielleicht erinnern Sie sich an mich? Sie waren letzte Woche in Zürich und haben einen Vortrag über die Todesstrafe in den USA gehalten. Danach habe ich Sie angesprochen, ich bin die Frau mit den langen, dunklen Haaren, die mit einem zum Tode verurteilten Mann in Texas korrespondiert. Sie haben mir Ihre Visitenkarte gegeben und angeboten, dass ich mich melden solle, falls ich Hilfe brauchen könnte. Und jetzt brauch ich tatsächlich Ihre Hilfe. Der Gefangene, den ich erwähnte, hat ein Hinrichtungsdatum erhalten, und sein Termin ist schon in drei Wochen. Besteht die Möglichkeit, dass sich ein Anwalt eurer Organisation diesen Fall anschaut? Vielleicht gelingt es ja, diese Hinrichtung zu stoppen?«

»Ja, ich kann mich gut an Sie erinnern, und auch an das, was Sie mir erzählt haben. Ich werde prüfen, ob wir jemanden haben, der nach Texas reisen kann und sich der Sache annimmt. Versprechen kann ich Ihnen aber gar nichts. Vielleicht gelingt uns ein Aufschub, dann gewinnen wir Zeit, um den Fall genauer anzusehen. Aber wie gesagt, versprechen kann ich gar nichts.«

»Was immer Sie tun können, wir sind Ihnen sehr dankbar. Clifford hat aber kein Geld, um Ihre Arbeit zu bezahlen. Wäre es trotzdem möglich, einen Anwalt von euch zu schicken?«

»Wir bei ACLU arbeiten alle unentgeltlich, also machen Sie sich keine Sorgen um das Finanzielle. Das ist im Moment noch das kleinste Problem. Ob wir noch Zeit haben, etwas zu bewirken, das ist die entscheidende Frage. Also lassen Sie mich aktiv werden, Sie hören von mir!«

Ich hörte nichts mehr von ihm und wurde zunehmend nervöser. Die Tage verstrichen, von Clifford bekam ich fast täglich einen Brief, aber keinerlei Neuigkeiten von Harry Schwartz. Ich konnte mich erinnern, dass er während seines Vortrags in Zürich erzählt hatte, dass er sein Leben lang als Anwalt für diverse Menschenrechtsorganisationen tätig gewesen sei und nun gedenke, bald in Pension zu gehen. Hatte er den Fall von Clifford vergessen?

Die ACLU (American Civil Liberty Union – www.aclu.org) ist eine Organisation mit Sitz in New York, die sich für Bürgerund Freiheitsrechte in den USA einsetzt. Sie wurde 1920 von einer Gruppe aus Privatpersonen und Anwälten gegründet und wird durch Spenden finanziert.

Über meine Kontaktaufnahme zu ACLU hatte ich Clifford nicht informiert, denn er bereitete sich mental auf die Hinrichtung vor, und ich wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen. Man hatte ihn unterdessen gefragt, was er sich als letzte Mahlzeit wünsche, ob er lieber einen gelben, blauen oder orangen Overall zur Hinrichtung tragen wolle und ob er noch ein Telefongespräch kurz vor der Hinrichtung führen möchte. Auch wollte man von ihm wissen, ob er für die letzten zwei Stunden einen Priester an seiner Seite wünsche und ob er, kurz bevor es dann so weit sei, ein Beruhigungsmittel einnehmen möchte. Die Häftlinge in Ellis One durften damals tatsächlich wählen, in welcher Overallfarbe sie ihre letzte Reise auf Erden antreten wollten; man könnte das zynisch nennen.

Etwa eine Woche vor der Hinrichtung die Nachricht: Aufschub! Harry Schwartz hatte tatsächlich einen Anwalt aus New York nach Texas geschickt, und dieser hatte in Zusammenarbeit mit Cliffords Pflichtverteidiger wegen eines Formfehlers einen Aufschub beim Gericht erzielt. Aufgeschoben – nicht aufgehoben. Doch das bot immerhin etwas Luft und Zeit, den Fall noch einmal genauer anzusehen.

Wie die meisten Häftlinge im Todestrakt hatte Clifford nie die finanziellen Mittel, um sich einen guten Anwalt zu nehmen, und so wurde ihm ein Pflichtverteidiger zugeordnet. Dieser riet ihm vor dem Prozess, er solle nicht aussagen – er werde das schon erledigen. Also schwieg Clifford und vertraute darauf, dass der Pflichtverteidiger schon wisse, wie er ihn am besten verteidige. Es war der erste Mordfall, den dieser Verteidiger zugeteilt bekommen hatte. Die Bezahlung des Staates an einen Pflichtverteidiger für eine solche Arbeit war limitiert und betrug nur ein Bruchteil der horrenden Honorare, die sie für »normale« Fälle erhielten. Zugleich ist jeder Anwalt in Texas verpflichtet, pro Jahr mindestens einen der ihm vom Staat zugewiesenen Fälle anzunehmen. Cliffords Fall war für diesen Anwalt finanziell völlig uninteressant, deshalb setzte er wenig Zeit dafür ein und bereitete sich nur mangelhaft auf diesen Prozess vor.

Der Staatsanwalt hatte leichtes Spiel: Clifford war dunkelhäutig – das Opfer eine weiße Frau. Zudem stammte die Frau aus der Oberschicht und war eine Bekannte der Präsidenten familie Bush, der Täter lebte auf der Straße, konsumierte Drogen und war schon mehrfach wegen Diebstahl und Drogenbesitz verurteilt worden. Die Jury bestand ausschließlich aus weißen Bürgern der Stadt Houston, und innerhalb weniger Stunden wurde Clifford wegen vorsätzlichen Mordes zum Tode verurteilt.

Die Tat gemäß Gerichtsurteil

Im Januar 1981 war Clifford auf Bewährung frei, nachdem er eine Strafe wegen Drogendelikten verbüßt hatte. Er fand in Houston einen Job in einem Kino als Platzanweiser und Hauswart und musste sich – eine Bestimmung der Bewährungsauflage – jede Woche bei der Polizei melden. In jener Nacht habe er seinen Dienst im Kino erledigt und gesehen, dass noch Licht im Büro der Chefin brannte. Als niemand mehr da war, sei er mit der Absicht, die Chefin umzubringen und ihre Wertsachen zu stehlen, ins Büro eingedrungen. Er habe sie erwürgt, ihre Geldbörse gestohlen, den Autoschlüssel genommen und sei weggefahren. Ein paar Tage später wurde er gefasst, weil er immer noch in ihrem Auto unterwegs und vollkommen bekifft in eine Verkehrskontrolle geraten war. Clifford habe den Mord gestanden, und auch wenn es keine Zeugen gebe, sei dieser Fall eindeutig als geplanter Raubüberfall mit Todesfolge einzustufen. Ein Vergehen, auf dem in Texas zwingend die Todesstrafe steht.

Cliffords Version der Tat

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er in Houston, Texas, einen Job in einem kleinen Kino gefunden. Zu seinen Aufgaben gehörte es, spätabends nach Theaterschluss jeweils überall Ordnung zu machen, zu putzen und alle Türen zu schließen. Einige Monate lief alles gut, doch eines Nachts passierte ihm das Missgeschick, den Hauptschlüssel im Kinoraum zu vergessen, sodass sich die Tür automatisch hinter ihm schloss. Clifford hatte keine Möglichkeit, wieder ins Kino hineinzukommen, es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Vorfall seiner Chefin Mrs. Smith zu melden und sie zu bitten, ihm ihren Ersatzschlüssel zu überlassen, um das Kino wieder öffnen zu können. Die Chefin war sehr wütend auf ihn und nach einem kurzen und heftigen Wortwechsel kündigte sie ihm. Da er, wie in den USA üblich, keinen schriftlichen Arbeitsvertrag hatte, hieß dies, dass er ab sofort arbeitslos war.

Ein harter Schlag für Clifford, denn die Arbeit hatte ihm gefallen und er war gut darin. Diese Kündigung konnte und wollte er nicht einfach so hinnehmen. Ein paar Tage nach seiner Entlassung entschied er sich deshalb, das Gespräch mit seiner Chefin zu suchen und sie zu bitten, ihm nochmals eine Chance zu geben. Im Büro von Mrs. Smith, das direkt über dem Kino lag, sah er nach Kinoschluss noch Licht und entschloss sich hinaufzugehen. Auf sein Klopfen öffnete ihm niemand und auch auf sein Rufen hin blieb alles ruhig. Die Tür war nicht verschlossen, also öffnete er sie und trat ein. Mrs. Smith saß an ihrem Pult und erschrak heftig, als sie ihn plötzlich vor sich stehen sah. Sie fühlte sich bedroht und schrie umgehend um Hilfe. Auf seine Bitte, sie solle ruhig sein, er wolle doch nur mit ihr reden, sei sie völlig hysterisch geworden. Sie habe noch lauter geschrien und nach dem Telefonhörer gegriffen, um die Polizei zu rufen. Clifford, der nur auf Bewährung draußen war, wusste, dass ihm niemand seine gute Absicht glauben würde und er vermutlich wieder ins Gefängnis musste, wenn jetzt die Polizei auftauchte. Ihr lautes Geschrei und der Versuch, die Polizei zu rufen, lösten Wut und Panik aus. Clifford verlor die Nerven, packte sie und hielt ihr den Mund mit beiden Händen zu. Die Kinobesitzerin wehrte sich mit aller Kraft, woraufhin Clifford sie auf ihr Pult presste und sie mit dem Telefonkabel würgte, damit sie endlich still sei. Als sie nicht mehr um sich schlug, realisierte er, dass sie nicht mehr atmete; Mrs. Smith war tot.

Anscheinend hatte niemand ihre Schreie gehört, und Clifford wollte so schnell wie möglich verschwinden. Ihre Handtasche und den Autoschlüssel nahm er an sich und machte sich davon. Das Geld aus ihrer Tasche setzte er für Essen und Drogen ein. Mit dem Auto schaffte er es anschließend bis nach Kalifornien. Dort wurde er ein paar Tage später von einer Polizeistreife angehalten, weil er ein Rotlicht missachtet hatte. Da er offensichtlich unter Drogen stand, nahmen sie ihn mit auf die Wache und fanden schnell heraus, dass er in Texas gesucht wurde.

Clifford in Untersuchungshaft

Zwei Versionen einer Tat

Der Staatsanwalt bezichtigte Clifford des kaltblütig geplanten und ausgeführten Raubmords. Clifford dagegen behauptete, die Tat nicht geplant zu haben; sein Vergehen wäre laut Gesetz als Diebstahl mit Todesfolge und demnach als Totschlag einzustufen. Nun lag Cliffords letzte Chance darin, dass der Anwalt der ACLU das Gericht davon überzeugen konnte, den Fall nochmals aufzurollen.

Tatsächlich gelang diesem Anwalt das Kunststück, dass nicht nur die Hinrichtung aufgeschoben wurde, er erreichte auch eine Weisung des Obergerichtes an das Bezirksgericht, den Fall nochmals genau zu prüfen. Die Tatsache, dass die Jury ausschließlich aus weißen Bürgern zusammengesetzt gewesen war und der Pflichtanwalt seinen Klienten nur mangelhaft verteidigt hatte, warf Fragen auf und musste nochmals überprüft werden.

Acht Jahre sollte das Ganze dauern! Immer wieder wurden Anträge formuliert und Berufungen eingereicht. Der Fall wurde ständig weitergezogen – vom Bezirksgericht ans höhere Gericht des Staates Texas und von diesem ans überstaatliche Gericht weitergereicht. Leider scheiterten alle Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Es hieß jeweils, dass die Gründe für eine Wiederaufnahme nicht gewichtig genug seien und somit werde das Begehren abgelehnt.

Immer wieder gab es neue Hinrichtungsdaten, immer wieder wurden die Daten verschoben.

Im Oktober 1991 schrieb Clifford:

»You know dear Ursula, in a way, I feel like I have died several times! Each time these wardens come to pick up one of us to get him executed, I am going that way with him – in my mind! It kills me to say goodbye and to know exactly what they are going to do with him and that he will never return! It harshly reminds me that it is only a question of time until it is going to be my turn! Do you have any idea how this feels?

I have told you that up to this day, I was able to survive several execution dates! I can assure you, that this has been hell! Can anybody out there possibly figure how it is, to get ready for your own execution, over and over again? Each time to get an official letter with a new date, to prepare mentally, write good-bye letters to the people you love, feel hopeless, alone and frightened – and praying to God for strength in these last days … And then, the count down of the remaining days, the hours and finally – the minutes! At the end of it all you just want it to be over with as quickly as possible! And suddenly – after all of what you went through – there is a phonecall from some office and you are told, that there is a stay of execution! A stay of 30 or 60 days ! Whatever – it is only a stay! I can honestly tell you that they have killed me several times up to now!«


»Weißt du, liebe Ursula, auf eine gewisse Art bin ich schon oft gestorben. Jedes Mal, wenn die Wärter einen Mitgefangenen zu seiner Hinrichtung abholen, dann mach ich im Geiste alles mit ihm durch! Es macht mich fertig, mich von ihm zu verabschieden und genau zu wissen, was sie jetzt mit ihm machen werden und dass er nie mehr zurückkehren wird. Es wird mir dann brutal bewusst, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch ich an der Reihe bin! Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Ich hab dir ja erzählt, dass ich schon einige Hinrichtungsdaten überlebt habe. Ich kann dir versichern, da geht man durch die Hölle! Kann sich irgendein Mensch da draußen überhaupt vorstellen, wie das ist, sich immer wieder auf die eigene Hinrichtung vorzubereiten? Wieder einen Brief mit einem neuen Hinrichtungsdatum zu bekommen, sich erneut geistig darauf einzustellen, sich schriftlich von seinen Angehörigen und Freunden zu verabschieden und jedes Mal von Neuem mit dem Leben abzuschließen! Man hat keine Hoffnung mehr, ist alleine, hat Angst – und kann nur noch zu Gott beten, dass er einem Kraft für diesen letzten Tag geben möge! Und dann kommt die Zeit, in der man die Tage und Stunden zählt und schließlich die Minuten – und irgendwann will man nur noch, dass es jetzt schnell geht und alles vorbei ist! Aber dann – nach all dem, was du durchgemacht hast in diesen letzten Tagen – kommt plötzlich ein Anruf aus irgendeinem Büro, und man teilt dir mit, dass die Hinrichtung aufgeschoben wurde! Ein Aufschub von 30 Tagen oder 60 – was immer – es ist ja nur ein Aufschub! Ich kann dir sagen, ich bin schon etliche Male gestorben!«


Manchmal kam die Nachricht über den Aufschub erst kurz vor der Hinrichtung. Clifford hatte die letzte Mahlzeit bereits gegessen, das letzte Telefonat beendet, das Gespräch mit dem Pfarrer geführt und ein Medikament zur Beruhigung eingenommen. Bei ihm war es sogar so, dass er an einem dieser Termine schon auf dem Bett festgeschnallt lag, um im nächsten Moment die Giftspritze verabreicht zu bekommen, doch dann kam der Anruf, dass der Gouverneur angerufen habe … Später habe ich von seinem ehemaligen Pflichtanwalt erfahren, dass der Bescheid über den Aufschub schon Stunden vorher im Büro der Gefängnisleitung eingetroffen war!

In den letzten drei Wochen seines Lebens schrieben wir uns fast täglich. Ich wusste langsam nicht mehr, was ich ihm mehr wünschte: Ein erneuter Aufschub würde bedeuten, dass er nochmals alles durchleben müsste. Alle Berufungsmöglichkeiten waren ausgeschöpft und alle Gnadengesuche abgelehnt worden, wozu sollte ein weiterer Aufschub noch gut sein? Die Hinrichtung schien unausweichlich, war es da nicht besser, sie endlich zu vollziehen?

Das Thema Tod und was nachher kommen werde, war in diesen letzten Briefen sehr wichtig. Clifford betonte darin, er sei bereit zu sterben, durch die Konvertierung zum Islam habe er seinen Weg in Allah gefunden. Angst verspüre er keine mehr, denn er habe seinen Frieden gefunden.

Bevor Clifford nach Texas gezogen war, hatte er im Norden der USA, in Illinois, gelebt. Er war damals verheiratet, hatte einen kleinen Sohn und ein gut gehendes kleines Unternehmen, das darauf spezialisiert war, alte Häuser zu renovieren. Er war auch aktiv in einer religiösen Gemeinschaft und führte ein ganz normales Leben. Bis seine Ehe in die Brüche ging. Die Situation wurde für ihn unerträglich, und er wollte nur noch weg. Als ihm ein Kollege erzählte, dass es leicht sei, in Texas einen Job zu finden, ließ er alles stehen und liegen und machte sich auf nach Texas. Somit verlor er auch jeglichen Kontakt zu seiner Exfrau und seinem Sohn.

Seine Eltern waren beide verstorben, und mit seinen Geschwistern hatte er schon lange keinen Kontakt mehr. Es war ganz einfach niemand mehr da von seiner Familie, denen er etwas bedeutete.


Etwa zwei Wochen vor der Hinrichtung besuchte ich Clifford noch ein letztes Mal. Wie immer flog ich nach Houston, mietete am Flughafen ein kleines Auto und fuhr auf dem Highway 45 etwa eine Stunde Richtung Norden. Kurz nach der Ausfahrt Huntsville steht das Motel 6. Es ist eine billige, aber saubere Unterkunft. Die Tage verbrachte ich im Gefängnis, und mehr als ein sauberes Bett und eine gute Dusche brauchte ich nicht. Frühmorgens fuhr ich jeweils hinaus aufs Land. Die Straße nach Ellis One führte an großen Farmen mit Rindern vorbei und entlang endloser Felder. Die letzten Kilometer waren bewaldet, und man musste sehr aufpassen, die Einfahrt zu Ellis One nicht zu verpassen. Dies war das Gefängnis, in dem mehrere Hundert Männer einsaßen, die schwere Verbrechen begangen hatten. Sie waren alle entweder zum Tode verurteilt worden oder hatten lebenslange Haftstrafen ohne Bewährungsmöglichkeit abzusitzen.

Wenn man mit dem Auto bei Ellis One ankam, musste man etwa 200 Meter vor der Einfahrt stehen bleiben. Von einem Turm wurde an einer Leine ein Korb heruntergelassen, in den man seinen Pass legen musste, woraufhin der Korb wieder hinaufgezogen wurde. Welch altmodische Einrichtung in diesem hoch technologischen Land! Wurde der Pass wieder im Korb heruntergelassen, hieß dies, man dürfe nun hineinfahren und den Wagen vor dem Gefängnis auf einem großen Parkplatz abstellen. Als Nächstes betrat man eine kleine Baracke, in der die obligate Leibesvisitation durchgeführt wurde. Oft war dafür eine blonde, sehr kühle Frau zuständig; wir nannten sie den »Eisengel«. Sie entschied, ob man anständig genug angezogen sei, und sie durchsuchte jede Person ganz genau. Erst wenn sie zufrieden war, durfte man durch das erste verschlossene Tor gehen. Kaum befand man sich auf dem schmalen Asphaltstreifen zwischen den Zäunen, wurde hinter einem das Tor wieder geschlossen und das nächste geöffnet. Drei elektrische Zäune musste ich auf diese Weise passieren, bis ich das eigentliche Gefängnisgebäude betreten konnte. Dort musste ich mich am Schalter anstellen, meinen Pass abgeben und warten. Nach rund 15 Minuten erhielt ich eine Nummer und musste mich auf den entsprechend nummerierten Stuhl setzen. Bis der Gefangene gebracht wurde, verging nochmals mindestens eine halbe Stunde, dann konnten wir durch eine Scheibe und ein Eisengitter über einen Telefonhörer miteinander sprechen.

Clifford und ich blendeten die Möglichkeit aus, dass dies unser letzter Besuch sein könnte. Ich schaute ihn durch das Gitter genau an. Ein gut aussehender Mann, groß, kräftig und gesund. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme, ein sympathisches Lachen und er konnte wunderbar zuhören. Wenn er über gewisse Themen wie Religion oder Politik sprach, war er ein leidenschaftlicher Redner, dem man einfach zuhören musste; unmöglich, mir vorzustellen, dass er in Kürze nicht mehr leben würde. Dass man diesen Mann, dieses Menschenleben, mit einer Giftspritze auslöschen würde. Es war unerträglich. Ich musste mich zwingen, an etwas anderes zu denken.

Wir sprachen über sein Leben und was alles hätte möglich sein können, wenn diese verhängnisvolle Nacht nie geschehen wäre. Wäre er nur in Illinois geblieben, zusammen mit seiner damaligen Ehefrau und dem kleinen Sohn hatte er doch ein gutes und sorgenfreies Leben gehabt. Die Scheidung von ihr hatte alles in seinem Leben durcheinandergebracht. Er hätte sicher gut für seinen kleinen Sohn gesorgt. Die Frage, wo sein Sohn wohl jetzt sein möge und wie es ihm wohl gehe, beschäftigte ihn sehr. Das Schlimmste für ihn war, dass er seinen Sohn seit seinem Umzug nie mehr gesehen hatte, er musste inzwischen ein erwachsener Mann sein.

Bei einem Rundgang auf dem Hof in Ellis One hatte er einen sehr interessanten Mitgefangenen kennengelernt. Dieser war ein glühender Anhänger von Louis Farrakhan und Mitglied in dessen Gruppe »Nation of Islam«. Aufgrund der Erzählungen des Mitgefangenen begann Clifford sich intensiv mit dem Islam zu beschäftigen. Seine Schlussfolgerung: Der Islam ist die richtige Religion für ihn und für alle Menschen. Diese Erkentnis schrieb Clifford dem Imam, der wöchentlich in Ellis One vorbeischaute, und teilte ihm mit, dass er übertreten wolle. Nach der Konvertierung gehörte er mit Leib und Seele zum Islam und hieß nicht mehr Clifford (das sei ja sicherlich nur ein Name eines weißen Sklavenhalters), sondern nannte sich Abdullah. Er bat mich, ihn ab sofort nur noch mit Abdullah anzusprechen, und sagte, er wünsche sich so sehr, dass ich mich auch mit dieser Religion befasse. Auch ich würde dann begreifen, dass das Christentum leider nur ein Irrglaube sei. Er werde mir sofort einen Koran zuschicken. Meine Einwände, dass ich viele Jahre in arabischen Ländern gelebt habe und diese Religion recht gut kenne und ich zufrieden sei mit meinem Glauben und auf keinen Fall konvertieren würde, ließ er überhaupt nicht gelten. Nach meiner Rückreise lag ein dicker Koran in meinem Briefkasten und jeder Brief von ihm handelte fast nur noch vom Islam.

Ab und zu sprachen wir über Mary, seine zweite Frau. Er bat mich, mit ihr in Kontakt zu bleiben, denn es war ihm bewusst, wie schwierig sein Tod für sie werden würde.

Lange redeten wir auch über den Tod und seine bevorstehende Hinrichtung. Diesmal werde es passieren, meinte er, er glaube nicht mehr an einen Aufschub. Ich versuchte noch, ihm zu sagen, dass dies ja schon so viele Male geschehen sei, doch er blieb dabei, er glaubte nicht mehr an einen Aufschub.

Als die Wärterin ankündigte, die Besuchszeit sei in fünf Minuten abgelaufen, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er versuchte mich zu beruhigen, aber auch ihm liefen Tränen über die Wangen. Schließlich erschienen zwei Wärter, und ich musste den Raum verlassen. Ich winkte ihm noch ein letztes Mal zu, und er nickte und lächelte – zurückwinken konnte er nicht, da seine Hände auf dem Rücken in Handschellen gelegt waren.

Bis am späteren Nachmittag des 15. Dezember 1993 wussten wir alle nicht, ob dies das definitive Datum war. Oder ob es doch nochmals einen Aufschub geben würde?

Die Stunden vergingen ätzend langsam, und ich begleitete ihn im Geist auf seinem letzten Gang. Um ein Uhr morgens unserer Zeit rief schließlich seine Frau an. Clifford war tot, gestorben durch eine Giftspritze; es war sein neunter Hinrichtungstermin gewesen.


Das erste Mal traf ich mich mit Mariam alias Mary in Huntsville, Texas. Eine rothaarige, sommersprossige Frau, etwa 40 Jahre alt. Sie trug ein Kopftuch und erzählte mir gleich, dass sie eigentlich Mary heiße, aber nun den moslemischen Namen Mariam angenommen habe und auch so angesprochen werden wolle. An diesem Treffen tauschten wir ein paar Nettigkeiten aus und schrieben uns später auch hin und wieder ein paar Sätze, doch ich spürte kein Bedürfnis, sie näher kennenzulernen.

Mariam war Engländerin und hatte ihr ganzes Leben in England verbracht. Sie war dort verheiratet und hatte zwei kleine Mädchen von sechs und acht Jahren. Im Teilzeitpensum arbeitete sie dort als Krankenschwester, ihr Mann in einem Büro. Durch eine Organisation bekam sie die Adresse von Clifford und fing an, ihm zu schreiben. Sie schrieben sich immer öfter, und es dauerte nicht lang, bis sie das Gefühl von Verliebtheit empfand. Sie hatte ein paar Fotos von ihm bekommen – er war ein gut aussehender Mann, sie war angetan davon, dass er sehr gut zuhören und schreiben konnte. Auch wenn er nur die Highschool absolviert hatte, war er doch an vielem interessiert. Zudem hatte er alle Zeit der Welt, ihr jeden Tag zu schreiben, und Mary genoss diese Aufmerksamkeit sehr. Sie konnte ihm sogar ihre Eheprobleme anvertrauen, und er half ihr, damit irgendwie zurechtzukommen.

Bald einmal erzählte er ihr dann auch vom Islam, und sie nahm alles dankbar auf. Sie besorgte sich einen Koran, begann ihn zu lesen, und in ihren Briefen besprachen sie jedes einzelne Kapitel. Schließlich fand sie, dass sie eigentlich nie eine richtig gläubige Christin gewesen sei und der Islam ihr viel mehr bieten könne.

Ihr irischer Ehemann war entsetzt, als sie ihm eines Tages erklärte, sie trete aus der katholischen Kirche aus. Zudem teilte sie ihm kurz darauf mit, sie habe sich entschieden, aus diesem eintönigen Leben auszubrechen, und sie gedenke, in Kürze nach Amerika zu ziehen. Mary gestand ihm, sich in einen Amerikaner verliebt zu haben und dass sie mit ihm ein neues Leben beginnen wolle. Sie erzählte ihm jedoch nicht, dass dieser Mann in der Todeszelle saß. Nach tagelangem heftigem Streit, vor allem um die Frage, was mit den beiden Mädchen passieren solle, verließ Mary ihren Mann und ihre Kinder und zog nach Texas.

In einem Spital in Houston fand sie rasch eine Anstellung als Krankenschwester und mietete nicht weit entfernt vom Gefängnis eine kleine Wohnung. Kaum richtig angekommen, konvertierte sie sehr zum Gefallen von Abdullah (alias Clifford) zum Islam, nannte sich von da an Mariam und trug immer ein Kopftuch und einen Gebetsteppich mit sich. Zwei Wochen später heirateten die beiden, eine rein amtliche Sache: Sie musste in einem Gemeindebüro die Papiere unterschreiben, und er anschließend dasselbe Papier in seiner Zelle. Kein Treffen, kein besonderer Besuch, keine Umarmung – nur ein amtliches Papier.

Eine Mutter verlässt ihre Kinder wegen eines Mannes, der zum Tode verurteilt ist, den sie nur durch ein Glasfenster sehen und mit dem sie nur per Telefonhörer kommunizieren kann. Sie heiratet einen Mann, mit dem sie nie einen Abend allein verbracht hat und den sie nicht einmal nach der zivilen Trauung in die Arme nehmen durfte. Das ist schwer zu verstehen, geschweige denn nachzuvollziehen.

Mariam fühlte sich unendlich tief verbunden mit diesem Mann, und der Islam schweißte sie zusammen. Sie glaubte daran, dass Allah ihre Gebete erhören und dass Abdullahs Strafe vielleicht doch noch in lebenslängliche Haft umgewandelt würde. Ihre Hoffnung ging so weit, dass er bei guter Führung nach Verbüßung seiner Strafe wieder freikommen und sie eines fernen Tages mit ihm zusammen noch die restlichen Jahre verbringen könne. Sie schmiedete bereits Pläne, wo und wie sie dann mit ihm leben werde.

Nach der Hinrichtung von Abdullah war Mariam am Boden zerstört. Sie wollte auf keinen Fall länger in Texas bleiben, sondern so schnell wie möglich zurück nach England. In der Zwischenzeit hatte ihr ehemaliger Mann die Scheidung durchgezogen und erreicht, dass Mariam ihre Kinder nicht mehr sehen durfte. Alles Bitten half nichts, der Ehemann wollte nichts mehr von ihr wissen, und Mariam musste in einer anderen Stadt ihr Leben noch einmal von vorne beginnen.

Danach habe ich nie mehr etwas von ihr gehört.


Im Laufe der vielen Jahre, in denen ich mit Gefangenen korrespondierte, habe ich etliche Frauen kennengelernt, die sich in ihre Brieffreunde im Gefängnis verliebt und sie manchmal auch geheiratet haben. Immer wieder habe ich in Gesprächen mit ihnen versucht herauszufinden, wie es so weit kommen kann. Es muss ihnen doch klar gewesen sein, dass diese Männer nie mehr freikommen – im Gegenteil, dass sie irgendwann hingerichtet würden. Es gibt nicht die geringste Chance auf ein gemeinsames Leben, darauf, eine Familie zu gründen …

Da ist auf der einen Seite ein Mann, der verurteilt ist und der weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Er ist womöglich seit Jahren in eine winzige Zelle eingesperrt, völlig isoliert von der Welt, und wünscht sich nichts mehr, als mit einem Menschen über seine Ängste, sein Leben, seine Tat, seine bevorstehende Hinrichtung, seine Gedanken über den Tod, über Gott – über alles, was ihn zutiefst beschäftigt – zu sprechen. Wer auch immer ihm schreibt, er ist einfach nur froh, endlich jemanden gefunden zu haben, dem er sich anvertrauen kann. Dieser Mann hat den ganzen langen Tag Zeit, um auf seine Brieffreundin einzugehen und ihr zu schreiben. Er hört sich ihre Sorgen an, gibt Ratschläge, vermittelt ihr das Gefühl, dass sie gebraucht wird. Oft hat er recht schnell das Gefühl, dass er sie liebe. Sie ist ja meist der einzige Mensch, der noch an seinem Leben teilnimmt.

Auf der anderen Seite eine sozial denkende Frau. Sie möchte etwas Gutes tun, möchte mit ihren Briefen etwas Menschlichkeit in ein verpfuschtes Leben bringen. Vielleicht ist sie auch einsam, vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen in ihrem Leben gemacht. Auch sie ist froh, endlich jemanden zu haben, dem sie alles anvertrauen kann. Auch ihr bedeutet diese Brieffreundschaft immer mehr und wird zu einem wichtigen Teil in ihrem Leben. Je mehr sie sich verbunden und verstanden fühlt, desto leichter kommen auch bei ihr Gefühle auf.

Oft wird dann verdrängt, dass dieser Mann kein unbeschriebenes Blatt ist und dass er nun wegen eines Mordes zum Tode verurteilt wurde. Die Frau beginnt alles erdenklich Gute auf ihn zu projizieren – all das, was sie sich von einem Mann erträumt. Auf einmal sieht sie in ihm den idealen Mann, der Einzige, der sie versteht, der einfühlsam ist und sie bedingungslos liebt, so wie sie ist. Sie will gar nicht mehr daran denken, dass sie niemals die Gelegenheit haben wird, mit ihm zusammen zu sein. Sie versinkt in ihrer Fantasiewelt, was für beide ja auch schön sein kann: raus aus der brutalen Wirklichkeit, hinein in eine Welt voller Möglichkeiten.

Solange nur die beiden involviert sind in einer solchen Beziehung, ist das auch in Ordnung. Beide haben nichts zu verlieren, und es geht auch nur sie beide etwas an. Problematisch wird es dann, wenn, wie im Falle von Mary, ein Ehemann oder Kinder betroffen sind und Familien oder Beziehungen daran zerbrechen.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, es ist oft eine äußerst schwierige Gratwanderung: Zu geben – und doch nicht zu viel –, zu nehmen – und doch immer Grenzen aufzuzeigen!

Grüße aus dem Radio

Es war wieder einer dieser feucht-heißen Tage in Texas; mein Auto hatte sich auf dem Parkplatz des Gefängnisses von Ellis One in einen Backofen verwandelt. Völlig erschöpft von der emotionalen Anspannung während meines Besuches bei Clifford und dieser Hitze, kam ich eine halbe Stunde später im Motel in Huntsville an. Obwohl es eine billige Unterkunft war, gab es eine Klimaanlage im Zimmer. Die kühle Luft half dennoch nicht, es roch muffig.

Ich zog meine Schuhe aus und schlüpfte gleich in die Flipflops, um mit meinen Füßen auf keinen Fall den garantiert mit Bakterien getränkten Teppich im Zimmer betreten zu müssen. Wie bei nahezu allen amerikanischen Motels gab es auch in diesem nur ebenerdige Zimmer, ständig gingen Leute vor dem Fenster hin und her, darum ließ ich die Vorhänge des Fensters immer zu. Ohne das Licht anzumachen, ließ ich mich aufs Bett fallen. Als ich die Augen wieder öffnete, bemerkte ich das blinkende rote Licht am Telefonapparat; jemand hatte eine Nachricht für mich an der Rezeption hinterlassen. An der Rezeption erzählte mir die ältere, rundliche Frau, die Dienst hatte, dass während meiner Abwesenheit ein Anruf von einer lokalen Radiostation für mich gekommen sei. Sie reichte mir einen Zettel mit einer Nummer und der dringenden Bitte um einen Rückruf.

Unter der Nummer meldete sich eine weibliche Stimme, die sofort wusste, wer ich war. Sie hatte von irgendjemandem erfahren, dass ich mit Clifford Phillipps in Kontakt stehe und ihn regelmäßig besuche. Da Mr. Phillipps in wenigen Tagen hingerichtet werde, sei mein jetziger Aufenthalt in Huntsville vermutlich der letzte Besuch bei ihm. Ob ich bereit wäre, ihnen ein Interview zu gewähren, das sie im Rahmen ihrer Berichterstattung über Cliffords Hinrichtung ausstrahlen möchten? Ich fühlte mich überrumpelt, sagte dann trotzdem zu, ihren Kollegen am folgenden Tag in einem mexikanischen Restaurant gleich um die Ecke von meinem Motel zu treffen. Sein Erkennungsmerkmal: eine Zeitung unter dem Arm.

Ein großer, hagerer und nicht unsympathischer Mann stellte sich als John Hudson vor, Reporter bei der lokalen Radiostation, und er lotste mich in eine ruhige Ecke des Restaurants. Zuerst bestellten wir etwas zu essen und plauderten über Belanglosigkeiten, doch er wurde zunehmend ungeduldiger und signalisierte, dass er so schnell wie möglich mit dem Interview beginnen wollte. Kaum hatte er das Mikrofon eingestellt, legt er los: Warum ich ausgerechnet jemandem schreibe, der zum Tod verurteilt worden sei? Ob mir klar sei, dass Clifford Philipps schuldig sei? Und ob ich wisse, dass er eine Frau umgebracht habe? Er wollte wissen, was mir in Bezug auf die bevorstehende Hinrichtung durch den Kopf gehe und ob ich mich entschieden hätte, dabei zu sein. Selbst die Angehörigen der getöteten Frau brachte er ins Spiel, er wollte wissen, ob ich mich auch mit ihrer Seite der Geschichte beschäftige und sie kontaktiert hätte?

Eine ganze Stunde dauerte das Gespräch, und ich beantwortete geduldig jede seiner Fragen. Ein paar Tage darauf wurde dieses Interview in der Umgebung von Huntsville ausgestrahlt.

In den 1990er-Jahren hatte jeder Gefangene noch die Möglichkeit, sich eines der kleinen, simplen Radios im Gefängnisladen zu kaufen, die dort von den Behörden zu völlig überteuerten Preisen angeboten wurden. Nur die Gefangenen, die etwas Geld von ihrer Familie oder von Freunden erhielten, konnten sich ein Radio leisten. Das Programm der lokalen Radiostation, das für alle Bewohner der Region gedacht war, wurde in den verschiedenen Gefängnissen gut empfangen und war bei den Gefangenen ausgesprochen beliebt.

Etwa zwei Wochen nach Ausstrahlung meines Interviews in Huntsville begann sich mein Briefkasten in Zürich mit Briefen aus Texas zu füllen. Der Sender hatte jedem Insassen, der bei der Redaktion nach meiner Anschrift fragte, meine genaue Adresse in der Schweiz bekannt gegeben, und ich wurde mit Anfragen von Gefangenen überhäuft. Falls Clifford nun hingerichtet werde, könnte ich vielleicht ihnen schreiben.

Ich war völlig überrumpelt und legte die Briefe vorerst auf die Seite. Noch lebte Clifford, und ich hatte weder die Absicht noch die Zeit, andere Brieffreundschaften anzufangen. Ein paar Monate später nahm ich die vielen Briefe trotzdem hervor, denn ich empfand es als feige von mir, nicht wenigstens zu antworten und zu erklären, warum ich nicht mehr schreiben wollte. Also las ich jeden einzelnen Brief und legte dar, dass Cliffords Tod für mich kaum zu verkraften war und ich das, so leid es mir tue, nicht noch einmal durchstehen könne.

Doch einige dieser Gefangenen gaben nicht auf und antworteten wieder. Jeder bat mich darum, wenigstens seine Adresse zu behalten für den Fall, dass ich meine Meinung ändern würde und doch eines Tages wieder mit jemandem korrespondieren möchte …

Das Ganze endete damit, dass ich ein paar Monate später doch wieder anfing, vier von diesen Männern regelmäßig zu schreiben. Und es blieb nicht dabei. Eine Kollegin stand in Briefkontakt mit einem Gefangenen in der Todeszelle in San Quentin, Kalifornien. Dieser wiederum hatte einen guten Freund im Gefängnis, der unbedingt eine Brieffreundschaft suchte. Also fragte sie mich, ob ich nicht vielleicht auch ihm schreiben könne …

Wie wichtig das Medium Radio für Gefangene ist, zeigt die Geschichte der Station KDOL, die ich im Internet fand.

»The Shout-out Show« auf Radio KDOL 96.1

Eine kleinere Radiostation, KDOL 96.1 in Livingston, Texas, durchbricht Gefängnismauern. Die »Shout-out Show« wird jeweils sonntags zwischen 14:00–19:00 Uhr ausgestrahlt und gibt Familienmitgliedern, Freunden und vor allem den Gefangenen in Polunsky Unit die Möglichkeit, sich per Radio zu verbinden.

KDOL, eine lokale Radiostation, die von Jim und Joy Wolf im Jahre 2003 gegründet wurde, sendet ihr Programm aus dem Hause der Wolfs im Zentrum von Livingston. Alles begann damit, dass die Wolfs mit einem Mann in der Todeszelle namens Greg Summers zu korrespondieren begannen. Dieser war ein eifriger Hörer ihres Programms und fragte sie eines Tages an, ob sie für ihn »Irish Blessings« spielen könnten. Daraufhin baten auch andere Gefangene darum, dass ihre Musikwünsche gesendet wurden. Im Mai 2005 wurde KDOL via Web Radio online gestellt, und die »Shout-out Show« entwickelte sich schnell von einem einfachen Wunschkonzert zu einem Kommunikationskanal zwischen Gefangenen und ihren Angehörigen.

Die Gefangenen erzählten sich untereinander von dieser Sendung. Da sie keine Möglichkeit haben, live anzurufen und so ihre Grüße und Nachrichten durchzugeben, schicken sie ihre Botschaften per Brief. Die Wolfs bekommen jede Woche zwischen 35 und 60 Briefe aus dem Gefängnis. Darin enthalten sind Musikwünsche und Dankesworte, aber auch Nachrichten für Familien und Freunde, in denen die Gefangenen ihre Zuneigung und Verehrung ausdrücken.

Zusätzlich erhalten die Wolfs jede Woche fast 250 Anfragen für »Shout-outs« von den Familienangehörigen und Freunden. Um diese Briefe und E-Mails alle durchzulesen und zu sortieren, arbeiten sie zwischen 60 und 70 Stunden pro Woche. Sie müssen vorsichtig sein, nichts zu verlesen, was eine Nachricht von einem Gefangenen an einen anderen Gefangenen sein könnte. Als einmal ein Gefangener von Huntsville wollte, dass man seinen Brief am Radio vorlese, der für seinen Sohn gedacht war, der im Todestrakt in Livingston einsaß, durften sie dies nicht tun, denn das Gesetz verbietet die Kommunikation von Gefangenen mit anderen Gefangenen.

KDOL macht auch eine eigene Sendung für diejenigen, die sterben müssen. Sie beginnt jeweils am Abend der Hinrichtung um 19:00 Uhr und macht es so möglich, dass Familien und Freunde jenes Mannes noch Worte der Unterstützung an ihn durchgeben können. Während der ganzen Sendung werden dann die von ihnen gewünschten Songs gespielt. Diese Sendung begann im Mai 2005 mit der Hinrichtung von Richard Cartwright und wurde danach vor jeder neuen Hinrichtung ausgestrahlt. Meistens kommen an diesen Abenden die Familienmitglieder und Freunde ins Studio und geben dort ihre Nachrichten persönlich durch!


Radio KDOL war wirklich etwas Besonderes. An gewissen Wochentagen und zu bestimmten Zeiten durften Angehörige oder Freunde eines Gefangenen anrufen und Nachrichten für ihn hinterlassen sowie ein Musikstück für ihn auswählen. Anschließend wurde der Name des Gefangenen aufgerufen, die Nachricht verlesen und die Musik für ihn gespielt.

Natürlich missfiel das den Gefängnisbehörden, denn nun gab es eine Möglichkeit für Angehörige und Freunde, mit den Insassen persönliche Nachrichten auszutauschen, ohne dass sie die Kontrolle darüber hatten.

Unzählige Male habe ich aus der Schweiz angerufen und Nachrichten für Pablo, Steven, Andy und andere übermittelt und Musikstücke für sie spielen lassen. Ich schaute auch jedes Mal kurz auf der Redaktion vorbei, wenn ich wieder Besuche in Livingston machte. So konnte ich meine Nachrichten persönlich am Mikrofon durchgeben.

Leider war es aber so, dass die Radiomacher immer weniger Spenden von Angehörigen und Freunden der Gefangenen erhielten, um die Miete des Hauses und die Unkosten zu bezahlen und den MacherInnen einen bescheidenen Lebensunterhalt zu ermöglichen. Zu alledem machten aber auch noch die Behörden der Stadt Livingston ihnen das Leben schwer, die alles daransetzten, die Genehmigung zu entziehen.

Als ich 2006 wieder in Livingston war und in der Station vorbeisehen wollte, um Nachrichten durchzugeben, war die Station geschlossen, und im Haus wohnten andere Leute. Niemand konnte mir je genau sagen, was geschehen war. Die Wolfs waren weggezogen, ohne eine Adresse zu hinterlassen.

Vorbei die Zeit, in der die Angehörigen, die meistens weit weg wohnten und keine Möglichkeit für einen persönlichen Besuch hatten, ihre Nachrichten per Radio durchgeben konnten. Noch Jahre später sprachen die Gefangenen von der guten Zeit mit Radio KDOL. Doch leider hat bisher niemand mehr eine ähnliche Initiative gestartet.


2.Pablo

Eine fatale Entscheidung

Inhaftierung: Mai 1992

Haftanstalt: bis 1999 Ellis One, ab dann

Polunsky Unit, Livingston, Texas, USA

Er war der liebenswürdigste und sanfteste Gefangene, den ich je gekannt habe. Über 20 Jahre habe ich ihm geschrieben und nach Hunderten von Briefen und den vielen Besuchen bei ihm bestand zwischen uns eine wahre und tiefe Freundschaft. Für mich war es schwer zu verstehen, warum dieser freundliche Mann im Todestrakt gelandet war und dort nun seit so vielen Jahren auf seine Hinrichtung wartete.

Aber – auch er war schuldig und bezahlte für eine Tat, die niemals hätte geschehen dürfen! Dass er seine Tat zutiefst bereute und alles gegeben hätte, die Zeit zurückzudrehen und alles ungeschehen zu machen, das spielte keine Rolle mehr. Nur hoffte er darauf, dass sein Anwalt es eventuell doch noch schaffen würde, die Todesstrafe, die gegen ihn verhängt worden war, in eine lebenslängliche Strafe umzuwandeln.

Pablo durchlief zunächst ein für Amerika typisches Migrantenschicksal. Seine Eltern waren sehr arm und lebten im Norden von Mexiko. Von Nachbarn erfuhren sie, man suche in den USA ständig Arbeitskräfte für die Landwirtschaft und man könne dort etwas verdienen. So machte sich die Familie mit ihren drei Kindern Isabel, Eliana und Pablito auf den Weg. Die Reise war Ende der 1960er-Jahre überhaupt nicht schwierig, denn die Grenze wurde noch kaum überwacht. Im Süden der USA warteten riesige Farmen auf die dringend benötigten und hoch willkommenen Arbeitskräfte für die Ernten, denn es war nahezu unmöglich, Amerikaner für diese harte und schlecht bezahlte Arbeit zu finden. Die Familie erreichte Texas und konnte für den Anfang bei Verwandten unterkommen. Sehr schnell fanden sie Arbeit auf einer der gigantischen Baumwollplantagen. Man stellte keine Fragen nach Aufenthaltsgenehmigungen oder sonstigen Papieren, und natürlich bezahlte man diesen Menschen nicht einmal das gesetzliche Minimum eines Stundenlohns. Die Farmer wussten genau, dass sich die Arbeiter wegen ihres illegalen Status nicht wehren konnten.

Die Mexikaner arbeiteten hart und waren froh, etwas zu verdienen. Alle mussten mit anpacken, auch die Kinder. Da blieb keine Zeit und kaum Möglichkeiten für die Schule – jede Hand wurde gebraucht. Pablo erzählte mir in seinen Briefen oft, dass er schon als kleiner Bub von frühmorgens bis spätabends in der brütenden Sonne arbeiten musste. »Das Schlimmste war aber nicht die brütende Hitze, sondern die Stacheln an den Baumwollkapseln, die wir pflücken mussten. Jeden Abend waren unsere Hände zerstochen und bluteten.« Pablo und seine älteren Geschwister wünschten sich nichts mehr, als eines Tages nicht mehr auf den Feldern arbeiten zu müssen und vielleicht doch einmal in eine Schule gehen zu können.

Die Familie entschied sich schnell, in Texas zu bleiben. Trotz der harten Arbeit ging es ihnen dort besser als in Mexiko, und dank den Löhnen aller Familienmitglieder konnten sie sich eine Unterkunft mieten und hatten genug zu essen. Mit der Zeit fanden sie sogar eine bessere Arbeit auf den Feldern von Gemüseanbauern.

Obwohl sie sich illegal im Land aufhielten, durften die Eltern die Kinder für die Schule anmelden – damit sie wenigstens eine rudimentäre Bildung erhielten. Pablo war schon fast ein Teenager, als er Lesen und Schreiben lernte, und er war ein sehr guter Schüler! Eine Highschool durfte er dann aber nicht mehr besuchen, dies ist in den USA keine Pflicht, und so endete Pablos Schulzeit schon nach wenigen Jahren. Er war jetzt ein kräftiger junger Mann, und seine Eltern erwarteten, dass er einen Job finden und zum gemeinsamen Haushalt beitragen würde.

Ständig auf der Suche nach Arbeit, packte er mal hier, mal dort an – überall, wo es gerade etwas zu verdienen gab. Ein Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter, das war eigentlich nicht das Leben, das sich Pablo erträumt hatte. Er war clever und fleißig, ohne weitere Bildung würde er nie aus dieser Umgebung rauskommen, das war ihm durchaus bewusst. Doch von seinem kleinen, unregelmäßigen Einkommen blieb nichts übrig für weitere Schulen, und zu Hause erwartete man von ihm finanzielle Unterstützung.


Pablo liebte die Fiestas, die Frauen und immer mehr auch den Alkohol. Er war beliebt, hatte viele Freunde und ging gerne und oft in die Bars von San Antonio. An diesen Abenden wurde viel getanzt, gefeiert und getrunken. Häufig kam der damals knapp 17-Jährige nachts betrunken nach Hause, was zu heftigen Streitereien mit den Eltern führte. So jung wie er war, hatte er doch schon etliche Frauengeschichten hinter sich, und sein Leben wurde mangels Perspektiven immer unsteter. Bis zu dem Tag, als er Wendy an einem Fest kennenlernte. Hals über Kopf verliebte er sich in die weiße Amerikanerin, dies war die Frau, mit der er eine Familie aufbauen und bis ans Lebensende zusammen sein wollte. Auch sie war verliebt, und so heirateten die beiden recht überstürzt. Pablo zog von zu Hause aus und fand Platz in Wendys kleiner Wohnung.

Durch diese Heirat konnte Pablo nun auch seinen Aufenthalt in den USA legalisieren, und er beschaffte sich die amerikanische Staatsbürgerschaft. Wendy ermunterte ihn, doch noch die Highschool zu absolvieren, und Pablo versuchte tatsächlich, neben seinen verschiedenen Hilfsjobs zur Schule zu gehen. Ob er die Highschool je abgeschlossen hat, weiß ich nicht – ich hab ihn nie danach gefragt, und er hat es mir von sich aus nie erzählt. Ich hab mich nur immer wieder gewundert, wie fehlerfrei seine Briefe waren.

Eigentlich hätte das Leben des jungen Paares gut verlaufen können, wenn Pablo nur nicht so viel getrunken hätte. Die beiden bekamen kurz nacheinander zwei Kinder, und Pablo vergötterte seine Familie – Tochter Cindy und Sohn Pablito waren sein Ein und Alles. Mit Wendy hingegen lief es nicht so gut, sie stritten immer öfter wegen Geld und wegen seines übermäßigen Alkoholkonsums. Ein paar Mal versuchte er, mithilfe der Organsiation AA – Alcoholics Anonymous – vom Alkohol loszukommen, allerdings hielt er nie lange durch. Für Wendy und die kleinen Kinder wurde die Situation unhaltbar. Nach einem besonders schlimmen Vorfall entschloss sie sich deshalb, zusammen mit ihren beiden Kindern zu ihrem neuen Freund zu ziehen.

An diesem Abend, an dem Pablos Leben völlig aus den Fugen geriet, hatte er nach der Arbeit noch ein Lokal besucht und schon einiges getrunken. Erst ziemlich spät machte er sich auf den Heimweg zu ihrer Wohnung in einem Block in einem Houstoner Arbeiterquartier. Pablo stieg die Treppen bis ins oberste Stockwerk hoch und schloss die Wohnungstüre auf, wo Wendy bereits wütend auf ihn wartete. Er hatte versprochen, gleich nach der Arbeit nach Hause zu kommen, um auf die Kinder aufzupassen. Sie war verabredet, und nun war es viel zu spät geworden! Pablo hatte keine Lust, sich ihre Vorwürfe anzuhören, er suchte nach Bier im Kühlschrank, konnte aber keines finden. Ohne ein Wort machte er sich nochmals auf den Weg, um Nachschub zu besorgen.

Das war für Wendy zu viel. Kaum hatte Pablo die Wohnung verlassen, packte sie so schnell sie konnte ein paar Sachen von sich und den Kindern zusammen und wollte gerade gehen, da stand Pablo bereits wieder in der Tür. Es gab einen heftigen Streit, und Wendy schrie, dass sie endgültig genug habe von seiner Sauferei und ihn verlasse. Die Kinder nehme sie mit, er solle sie alle von jetzt an einfach in Ruhe lassen. Sie versuchte sich mit den vollgepackten Taschen und den Kindern an ihm vorbeizudrängen, aber er hielt sie fest und ließ sie nicht durch. Pablo tobte, er werde es niemals zulassen, dass sie Cindy und Pablito mitnehme, und er sie umbringen werde, wenn sie es wagen sollte. Als Pablo merkte, dass seine Drohungen nichts bewirkten, ließ er plötzlich von Wendy ab und stürmte aus der Wohnung die Treppe hinunter zu seinem Auto. Im Handschuhfach seines Wagens schnappte er sich seinen Revolver und rannte zurück in die Wohnung. Wendy befürchtete inzwischen Schlimmes und flüchtete mit den beiden Kindern zur Nachbarin. Diese war schon öfter Zeugin schlimmer Auseinandersetzungen zwischen den beiden geworden; sie ließ die drei in ihre Wohnung und verriegelte die Tür.

Als Pablo zurückkam, war die gemeinsame Wohnung leer. Er hatte niemanden aus dem Wohnblock gehen sehen, also musste Wendy noch irgendwo da drin sein. Pablo wusste, dass die Nachbarin eine gute Freundin seiner Frau war, und war sich sicher, dass sich Wendy dort versteckte. Nachdem ihm auf sein Klingeln und Gepolter niemand aufmachte, trat er die Tür ein. Wendy und die Nachbarin standen in der Nähe der Tür – Pablo trat zurück auf den Flur und schoss, die Nachbarin wurde schwer verletzt, Wendy starb auf der Stelle.

Inzwischen war die Polizei eingetroffen, die Nachbarin hatte sie gerufen, kurz nachdem sie die drei bei sich aufgenommen hatte. Als die schwer bewaffneten Polizisten ins Treppenhaus stürmten, fanden sie Pablo mit der Waffe vor. Er richtete sie gegen sich selbst und schrie, er werde sich sofort erschießen, wenn die Polizisten näher kommen würden. Man versuchte ihm gut zuzureden, aber erst einem Psychologen gelang es, Pablo davon zu überzeugen, an seine Kinder zu denken und sich nichts anzutun. Er solle doch bitte die Waffe fallen lassen und sich ergeben – alles andere werde sich sonst zu einer enormen Tragödie für alle Zurückgebliebenen auswachsen. Nach langem Hin und Her ergab sich Pablo und gestand die Tat sofort.

Dass Wendy tot war, begriff Pablo erst, als er in der Zelle wieder nüchtern wurde. Seine größte Sorge war, was nun mit seinen beiden Kindern geschehen würde – sein eigenes Leben war nicht mehr wichtig. Er wusste genau, dass er nie mehr lebend aus dem Gefängnis rauskommen würde, um noch für die Kinder da zu sein. Durch seine unkontrollierbare Wut hatte er alles verloren, was er geliebt hatte.

Da Pablo nie genug Geld verdient hatte, um etwas für den Notfall auf die Seite legen zu können, bekam er vom Gericht einen Pflichtverteidiger zugeteilt. Dieser hätte versuchen können, auf Mord im Affekt zu plädieren – tat er aber nicht. Anscheinend gab es damals in Texas ein Gesetz, das Mord im Affekt als Tatbestand nur zuließ, wenn die Tat in der eigenen Wohnung oder im öffentlichen Raum passiert war. Da Wendy in der Wohnung der Nachbarin lag, als sie tot zusammenbrach, sah die Gesetzeslage anders aus. Die Tat wurde als vorsätzlicher Mord eingestuft. Hätte Wendy draußen im Flur gelegen – an einem öffentlichen Ort –, hätte Pablo für Mord im Affekt wahrscheinlich eine lebenslange Haftstrafe erhalten. Doch Pablo war alles egal, er wollte ohnehin nicht mehr leben. Die Verkündung des Todesurteils brachte ihn nicht im Geringsten aus der Fassung.


Die ersten Jahre nach seiner Verurteilung verbrachte Pablo im Todestrakt von Ellis One. Und langsam fand er sich mit dem Leben dort ab; er erwies sich als vorbildlicher Gefangener, war stets höflich den Wärtern gegenüber und schloss Freundschaften mit anderen Gefangenen, die, wie er, zum Tode verurteilt waren.

Doch seine Kinder fehlten ihm mehr als alles andere, und die Schuld, für den Tod ihrer Mutter verantwortlich zu sein, lastete schwer auf ihm. Cindy und Pablito lebten nun bei Verwandten, und diese hatten entschieden, dass es besser für die Kinder sei, jeglichen Kontakt zum Vater zu unterbinden. Die Briefe, die Pablo immer wieder an seine Kinder schrieb, blieben unbeantwortet.

Ursula und Pablo

Pablo war der erste Gefangene, der nach dem Interview bei Radio Huntsville mit mir Kontakt aufnahm. Seine berührenden Zeilen erreichten mich jedoch kurz nach der Hinrichtung von Clifford, und so fand ich erst nach etlichen Wochen die Kraft zu antworten. Ich bat ihn um Verständnis, dass ich jetzt wirklich nicht bereit für eine neue Brieffreundschaft sei. Zudem wolle ich auch gar nicht mehr mit jemandem aus dem Todestrakt korrespondieren, weil die Erfahrung, die ich erst vor Kurzem gemacht hätte, viel zu schmerzhaft gewesen sei. Und so gab ich ihm eine Adresse von einer Organisation, an die er sich wenden konnte, um eine Brieffreundin zu finden.

Aber Pablo ließ nicht locker. Er habe alles Verständnis der Welt, und es tue ihm leid, dass ich im Moment so leide. Sein Brief war einfühlsam und schön, und ich legte ihn auf die Seite für den Fall, dass ich doch eines Tages wieder jemandem schreiben wollte. Nach ein paar Monaten fühlte ich mich wieder bereit und begann Pablo zu schreiben. Pablo erzählte mir viel aus seinem Leben – von seiner Kindheit auf den Feldern, seinen Träumen, die er nie verwirklichen konnte, von seiner Familie und von seinen beiden Kindern, die er unendlich vermisste. Auch die Gedanken über seine Tat teilte er mir mit, über Gott, seinen Glauben und den Tod. Er beteuerte immer wieder, dass er alles dafür geben würde, seine Tat ungeschehen zu machen – dass er doch seine Wendy und die Kinder über alles geliebt habe.

Die Frage, ob Gott ihm vergeben werde, wenn er tot sei, und ob so etwas wie die Hölle auch wirklich existiere auf der anderen Seite, beschäftigte ihn sehr. Ich besorgte Bücher für ihn, die vom Sterben und dem Leben danach handelten, Bücher über das Christentum, die Reinkarnation, den Buddhismus und solche über Spiritualität. Pablo war auf der Suche nach Antworten, und ich versuchte, ihm so gut wie möglich dabei zu helfen.

In meinen Briefen berichtete ich von meinem alltäglichen Leben, von meinen vielen beruflichen Reisen in ferne Länder, meiner Familie, meinen Hobbys und Interessen. Wir diskutierten intensiv und lange über die amerikanische Politik, den Rassismus, den Kapitalismus und die soziale Ungerechtigkeit in den USA.

Es interessierte ihn brennend, wie das Leben in Europa und der Schweiz funktioniert, er wollte unsere Politik, unsere Mentalität, unsere Lebensweise und unsere Traditionen kennenlernen, denn er war nie in seinem Leben gereist, nie aus Texas herausgekommen.

Pablo war ziemlich klein und rundlich, nicht besonders attraktiv, aber sehr sympathisch. Alle Mitgefangenen, die ich kannte, mochten ihn, und er hatte auch nie irgendwelche Auseinandersetzungen mit den Wärtern. Er versuchte, mit ihnen immer anständig und freundlich zu bleiben, auch wenn dies oft nicht leicht war. Seine Haltung war: Es nützt eh nichts, sich zu wehren, damit macht man sich das Leben da drin nur noch schwerer. Pablo versuchte einfach nur, mit allen gut auszukommen und nie Anlass zu einer Beschwerde zu geben. Falls es dann vielleicht doch einmal zu einem Wiederaufnahmeverfahren käme, könnte ihm ein vorbildhaftes Benehmen nur helfen.

Wir korrespondierten abwechslungsweise auf Englisch und Spanisch, und es zeigte sich schnell, dass er trotz seiner Situation seinen Humor nicht ganz verloren hatte. Während meiner Besuche im Besucherraum gab es immer viel zu lachen; es war Pablo wichtig, dass unsere Gespräche auch eine gewisse Leichtigkeit enthielten, und auch ihm tat es gut, eine kleine Pause vom tristen Gefängnisalltag zu haben.

Leider war die Gefängniskost miserabel und sehr karg. In den ersten Jahren, als er noch in Ellis One einsaß, hatte Pablo einen Job bei der Essensvergabe ergattert, und es blieb stets etwas für ihn übrig. Die größte Freude konnte ich ihm machen, wenn ich während meines Besuches die 30 Dollar, die ich mitbringen durfte, in Root Beer, Cola, Sandwiches, Salat und Süßigkeiten für ihn investierte. Die Wärterin brachte ihm dann jeweils alles in mehreren Papiertüten in die Besucherzelle, und er konnte während unseres vierstündigen Zusammenseins alles aufessen. Manchmal steckte er die übrig gebliebenen Süßigkeiten in seine Socken und hoffte, dass man ihn auf dem Rückweg in seine Zelle nicht so genau durchsuchen würde. Er war einer der wenigen Gefangenen, denen die Wärter wohlgesonnen waren. Und so kontrollierten sie ihn nur oberflächlich oder drückten auch mal ein Auge zu, wenn sie ihn in die Zelle begleiteten.

Gegen Ende 1999 wurden alle zum Tode Verurteilten wegen eines misslungenen Ausbruchsversuchs einiger Gefangener ins Hochsicherheitsgefängnis von Livingston verlegt, etwa eine Autostunde von Huntsville entfernt. Für Pablo und auch alle anderen war dies ein sehr einschneidendes Erlebnis, denn in Ellis One hatten sie bei guter Führung noch ein paar Privilegien gehabt. So konnte er sich dort zum Beispiel mit Bastelmaterialien wie Holzstäbchen und Farbe in der Zelle beschäftigen und kleine Objekte herstellen, die er später verschenkte. Die Gefangenen durften in der Kleiderfabrik (oder, wie Pablo, im Essensservice) arbeiten, konnten während drei Stunden am Tag in einen Innenhof und mit anderen Gefangenen reden oder Basketball spielen. Die Zellen waren zum Gang hin mit eisernen Zellstäben versehen, was es ihnen erlaubte, durch die Zwischenräume miteinander zu reden. Es gab sogar einen TV-Apparat am Ende des Traktes, und so konnten sie durch die Zellenstäbe hindurch die Sendungen schauen, die die Wärter eingestellt hatten. Unten an den Türen gab es eine kleine Spalte. Mit viel Geschick und langen Angelruten, die sie selbst bastelten, gelang es ihnen, durch diesen Spalt hindurch kleine Dinge auszutauschen. Wenn kein Wärter in der Nähe war, ging da so einiges von Zelle zu Zelle – auch Zigaretten, die Pablo selber drehte und gegen Briefmarken »verkaufte«. Dies war essenziell für Pablo,

es gab ja kein Taschengeld, und er musste sich alles selber beschaffen.

In Livingston war alles auf einen Schlag ganz anders. Niemand durfte mehr arbeiten, keiner etwas basteln. In den Zellen herrscht totale Isolation, nichts, womit man sich beschäftigen könnte. Auch gibt es niemanden zum Reden, denn die Zellen in Livingston sind rundherum aus Beton, und eine eiserne Tür mit einer Klappe, die nur aufgeschlossen wird, wenn das Essen durchgereicht wird, bildet den einzigen Zugang zur Welt. Hoch oben an der Wand gelangt durch einen kleinen Fensterschlitz ein Streifen Tageslicht in die Zelle; um da hinauszusehen, muss man die Matratze geschickt zusammenfalten und sich daraufstellen. Allerdings sehen sie von diesem wackeligen Konstrukt nur auf den Parkplatz oder an den nächsten Gefängnisblock.

An diesem unwirtlichen Ort existiert keine Bibliothek, auch kein Kontakt zu anderen Gefangenen, jeder schmort 22 bis 23 Stunden pro Tag in einer winzigen Zelle – alleine. Dreimal pro Woche dürfen sie duschen, begleitet von einem Wärter, und zweimal in der Woche für ein bis zwei Stunden »Ausgang«: Die Todeskandidaten werden in eine Art großen Käfig in einem Innenhof gebracht, der auf allen Seiten von Gittern umgeben ist. Durch das obere Gitter können sie den Himmel sehen. Zwei dieser Käfige stehen nebeneinander, und durch das Gitter können sie mit dem Gefangenen im Käfig nebenan ein wenig reden. An den Wochenenden ist weniger Personal im Einsatz, folglich dürfen die Gefangenen an diesen zwei Tagen außer zur Dusche gar nicht aus der Zelle.

Für Pablo war Livingston die absolute Katastrophe. Er, der so gerne redete und unter Menschen war, der gerne arbeitete und sich mit allerlei kleinen Basteleien und Malereien beschäftigte, der gerne mit kleinen Dingen wie Esswaren und Zigaretten handelte, war abgeschnitten von allem, ihn umgab die totale Einsamkeit.

Seit er in Livingston saß, erhielt ich beinahe jede Woche Post von ihm, und ich fühlte mich manchmal etwas überfordert. In der Zwischenzeit hatte ich auf Ersuchen von Emma Wilcox, der Gefängnispfarrerin, angefangen, auch anderen Gefangenen zu schreiben, und es war zunehmend schwierig für mich, allen gerecht zu werden und schnell zu antworten. Es war mir bewusst, wie sehr sie auf meine Briefe warteten und enttäuscht waren, wenn der Wärter wieder nicht vor ihrer Zelle stehen blieb, um einen Brief durchzuschieben.

Meine Besuche im Gefängnis waren für die Gefangenen sehr wichtig. Pablo freute sich jeweils sehr auf meinen Besuch und zählte lange vorher schon die Wochen und Tage. Jedes Jahr im Herbst nahm ich Ferien und flog auf eigene Kosten in die USA. Zuerst verbrachte ich ein bis zwei Wochen mit Besuchen von Gefangenen in Kalifornien und Texas, anschließend flog ich in meine alte Heimat in Virginia, um noch ein paar Tage nur Ferien zu machen.


Stets hatte Pablo für mich gebastelt oder gemalt, und jedes Mal, wenn ich in Texas ankam und im Hotel eincheckte, lag ein Brief an der Rezeption für mich bereit. Einmal fand ich sogar einen Strauß Blumen mit einer Karte von ihm in meinem Hotelzimmer. Wie er das organisieren konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Bis auf ein einziges Mal im Herbst 1999 waren die Besuche bei Pablo immer sehr schön. Ahnungslos ging ich ins Gefängnis und setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz. Bald darauf wurde Pablo gebracht, und wir saßen uns wie immer gegenüber, getrennt durch die Glasscheibe. Plötzlich hörte ich, wie die Frau, die auf dem Stuhl neben mir saß, laut anfing zu weinen. Durch die Fensterscheibe vor ihr sah ich einen sehr jungen Mann, der verzweifelt versuchte, sie über das Telefon zu trösten. Pablo sagte mir, dass dies der Mann sei, der heute Abend hingerichtet werde, und die Frau, die neben mir weine, sei seine Mutter. Es war mir schlichtweg nicht mehr möglich, mit Pablo noch eine richtige Konversation zu führen – es brach mir das Herz, diese Mutter zu sehen, die neben mir die letzten Stunden mit ihrem Sohn verbrachte. Ich spürte ihre Verzweiflung, sah sie leiden, und ich sah ständig diesen jungen Kerl, der mein Sohn hätte sein können, und der versuchte, seine Mutter zu trösten. Unweigerlich hörte ich viel von dem, was sie sprachen, und irgendwann musste auch ich weinen. Dann trat ein Pfarrer dazu und betete mit den beiden, und am Schluss musste sich die Mutter durch die Glasscheibe endgültig von ihrem Sohn verabschieden. Keine letzte Umarmung, nur die Glasscheibe und ein Telefonhörer. Der junge Mann wurde abgeführt und seine Mutter aufgefordert, den Raum zu verlassen. Pablo hatte sich so auf meinen Besuch gefreut, und hier saß ich nun und weinte um den jungen Mann und seine Mutter, und ich konnte mich einfach nicht beruhigen.

Wenigstens hatten wir am nächsten Tag nochmals vier Stunden, doch mir ging das Ganze einfach nicht mehr aus dem Kopf. Der Staat Texas hatte den jungen Mann am Abend zuvor getötet, und ich wollte von Pablo wissen, wofür er so unmenschlich bestraft worden war. Pablo erzählte, der Junge habe mit Kollegen einen Laden überfallen und dabei sei ein Mann erschossen worden. Da niemand gestand und man nicht nachweisen konnte, wer der eigentliche Schütze gewesen war, hatten alle drei die Todesstrafe erhalten. Nach der Verurteilung habe der junge Mann dann auf alle Berufungen verzichtet und schriftlich erklärt, er wolle lieber sofort sterben, als jahrelang auf eine Hinrichtung zu warten. Und nun habe man das Urteil vollstreckt.

Dieses Erlebnis verfolgte mich noch lange.


Eines Tages schrieb Pablo, er habe jetzt noch eine zweite Brieffreundschaft mit einer Frau aus Deutschland angefangen, was mich erleichterte, denn nun gab es einen weiteren Menschen in seinem Leben, der sich um ihn kümmerte. Und diese Frau startete einen Spendenaufruf für Pablo, weil sie mit diesem Geld einen guten Anwalt für ihn engagieren wollte. Aufgrund eigener Erfahrungen und vieler Berichte über die wirklich sehr geldgierigen Anwälte in Texas hatte ich meine Zweifel, aber es war einen Versuch wert.


Weihnachten in der Zelle, Zeichnung von Pablo

Nach unzähligen Aufrufen und Bittbriefen an alle Freunde und Verwandten und mit dem eigenen Ersparten hatte sie nach etwa einem halben Jahr 50000 Dollar zusammengebracht! Damit reiste sie nach Texas zu einem Anwalt, der ihr empfohlen worden war. Von genau diesem Anwalt hatte ich schon einiges gehört, und das war nicht sehr positiv. Also bat ich Pablo, dass er diese Bedenken seiner deutschen Brieffreundin übermitteln solle, doch es war bereits zu spät, sie hatte den Vertrag schon unterschrieben, weil er auf sie einen guten Eindruck gemacht hatte.

Zu Beginn machte dieser Anwalt seine Arbeit sehr gut. Er fand heraus, dass ein psychologischer Gutachter vor Gericht behauptet hatte, der größte Teil der Mexikaner sei kriminell und würde sich niemals bessern, selbst wenn sie die Chance dazu hätten. Diese Aussage war ganz offensichtlich diskriminierend und hätte nicht zugelassen werden dürfen. Der Anwalt reichte deswegen Klage bei einem höheren Gericht ein, weil diese Aussage die Jury beeinflusst und wesentlich dazu beigetragen hatte, dass Pablo zum Tode verurteilt worden war.

Es dauerte wie immer viele Monate, bis das Urteil bekannt wurde. Darin hieß es, jeder mexikanische Gefangene, der von diesem voreingenommenen Gutachter beurteilt und anschließend zum Tode verurteilt worden war, hätte Anrecht auf einen neuen Prozess. Man hatte festgestellt, dass er in jedem Prozess die gleiche negative Beurteilung über mexikanische Männer abgegeben hatte. Mit diesem Gerichtsurteil bekamen gleichzeitig mit Pablo noch sieben weitere mexikanische Gefangene eine neue Chance!

Hoffnung kam auf, wir waren alle ganz euphorisch: Das Todesurteil gegen Pablo war mit sofortiger Wirkung aufgehoben, und er hatte jetzt gute Chancen, »nur« lebenslänglich ins Gefängnis zu müssen. Lebenslänglich hätte bedeutet, dass man ihn bei guter Führung nach 25 Jahren vielleicht freigelassen hätte. Und er hatte ja schon 15 Jahre davon abgesessen. Gewisse Gesetze waren in den letzten Jahren abgeändert worden, und Mord ersten Grades wäre gar nicht mehr zur Debatte gestanden. Da war Licht am Ende des Tunnels, und Pablo getraute sich, Pläne für die Zukunft zu machen.

Das Gericht entschied, der neue Prozess müsse innert sechs Monaten stattfinden. Das war nicht gut, für die Verteidigung blieb nicht viel Zeit für die Vorbereitung. Wir trösteten uns damit, dass sein Anwalt gut eingearbeitet war und mit solchen Fällen Erfahrung hatte – also verdrängten wir unsere Bedenken und warteten.

Drei Monate später erhielt Pablos Brieffreundin Sabine aus Norddeutschland einen Brief des Anwaltes. Er gedenke, in einen anderen Bundesstaat umzuziehen, um dort zu praktizieren. Zwar sei er bereit, Pablos Fall noch zu Ende zu führen, und er könne ihr versichern, dass er ihn erfolgreich vertreten werde. Die Sache sähe diesmal nämlich sehr gut aus für Pablo, nach der neuen Gesetzeslage werde er allerhöchstens noch eine lebenslängliche Strafe erhalten. Allerdings könne er leider gar nichts mehr tun, bevor sie ihm nochmals 50000 Dollar überweise. Und er brauche das Geld so schnell wie möglich.

Sabine war verzweifelt, diese Summe konnte sie niemals aufbringen, schon gar nicht in ein paar Tagen. Sie bat um Zeit, doch der Anwalt ließ nicht mit sich reden und stellte ein Ultimatum: Entweder sei das Geld in einer Woche da, oder er werde sich nicht weiter für Pablo engagieren. Und genauso verhielt er sich: Ohne Skrupel legte er den Fall nieder.

Das Gericht war nicht bereit, den Termin zu verschieben, und stellte Pablo einen Pflichtverteidiger zur Verfügung. Dieser hatte gerade sein Studium beendet und keinerlei Erfahrung in Sachen Todesstrafe. Auch schien er recht desinteressiert, besuchte Pablo kaum und sagte gleich zu Anfang, er werde es in den verbleibenden zweieinhalb Monaten wohl kaum schaffen, sich jetzt noch so richtig in den Fall einzuarbeiten.

Der neue Prozess begann, und der Staatsanwalt forderte nochmals die Todesstrafe. Pablos Pflichtverteidiger sagte kaum etwas während des ganzen Prozesses, er war äußerst schlecht vorbereitet und wusste über viele wichtige Umstände nicht Bescheid. Er berief sich darauf, dass man ihm zu wenig Zeit gelassen habe, diese Hunderte von Seiten durchzulesen, machte keine Einwände und ging etliche Male während der Verhandlung nach draußen, um zu rauchen. Am Schluss hielt er ein äußerst schlechtes und kurzes Plädoyer. Pablo wurde innert weniger Stunden zum zweiten Male zum Tode verurteilt. Unsere Enttäuschung und das Entsetzen waren grenzenlos! Eine Berufung war gesetzlich nicht mehr möglich, jetzt würde Pablo wohl bald ein Hinrichtungsdatum erhalten.

Pablo wollte nicht sterben, aber er hatte keine Hoffnung mehr. Er ließ sich nichts anmerken, und wir redeten wie immer über alles Mögliche, nur nicht über das, was jetzt unausweichlich schien. Allerdings waren jetzt öfters der Tod und unsere Vorstellungen von dem, was nachher kommt, ein Thema. Immer wieder wünschte er sich, seine beiden Kinder noch einmal zu sehen, sie waren inzwischen erwachsen. Aber der Sohn wollte schon zuvor die Beziehung zum Vater nicht mehr aufnehmen, und mit der Tochter hatte er nur wenig Kontakt in all den Jahren. Beide wollten einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben, schließlich hatte er ihnen ihre Mutter genommen.

Wie erwartet, bekam Pablo nach einigen Wochen den Hinrichtungsbefehl zugestellt. Es wurde ihm im Namen des Staates Texas hochoffiziell mitgeteilt, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er getötet würde. Er hatte noch drei Monate zu leben.

Ich besuchte Pablo zwei Wochen vor der Hinrichtung ein letztes Mal. Es ist kaum in Worte zu fassen, was es bedeutet, im Gefängnis für immer von jemandem Abschied zu nehmen. Pablo war ja nicht todkrank, er war ein Mann in mittleren Jahren und gesund. Doch die Geschworenen hatten entschieden, dass er nicht das Recht habe weiterzuleben. Und dabei war es genau dieser Pablo, der in meinen Augen eine zweite Chance verdient hätte. Er war ein herzensguter und freundlicher Mann – der eine katastrophale Entscheidung getroffen hatte. Eine Entscheidung, die ihm alles nahm, was er liebte, und ihn am Schluss auch sein eigenes Leben kostete.

Den Ablauf der Hinrichtung erklärte er mit einer unglaublichen Ruhe, und wir sprachen wieder über den Tod und das Leben danach – aber auch über seine Beerdigung und all das, was ihn jetzt noch so sehr beschäftigte. Dann kam die Wärterin, kündigte die letzten fünf Minuten an und forderte uns auf, Abschied zu nehmen. Wir konnten nichts mehr sagen, drückten unsere Hände gegeneinander an die Fensterscheibe, schauten uns nur noch an und weinten. Dann hieß es, ich hätte nun zu gehen. Ich winkte ihm noch ein letztes Mal zu und wartete, bis er durch die eiserne Tür verschwand.

Wie in Trance fuhr ich zurück ins Hotel und blieb stundenlang wie gelähmt auf dem Bett liegen. Man konnte nicht einmal ahnen, wie Pablo sich fühlen musste. Ich hatte mein Flugticket für den nächsten Tag und konnte zurückkehren in mein Leben, ihm blieben nur noch Tage, um von allem Abschied zu nehmen.

Am Abend von Pablos Hinrichtung waren meine Tochter und ich zu Hause in Zürich. Unerwartet kam ein Anruf aus den USA von Pablo! Man hatte ihm drei Anrufe bei Angehörigen und Menschen erlaubt, die ihm wichtig waren. Auch wenn ich versuche, mich zu erinnern, worüber wir in den zehn Minuten redeten – ich weiß es nicht mehr. Das Einzige, an was ich mich noch erinnern kann, ist, dass er am Schluss noch einen Scherz machte. Er sagte, dass er oben auf mich warte und im Begrüßungskomitee sein werde, wenn ich eines Tages auch an der Himmelstür erscheine … und »Good bye, wir sehen uns wieder«.

Eine Stunde später war er tot. Vergiftet. Im Namen des Staates Texas.

»Die Angst vor dem Sterben nehmen«

Emma Wilcox, pensionierte Pfarrerin einer evangelikalen Freikirche, wohnte zusammen mit ihrem kranken Ehemann etwa eine Autostunde entfernt von Polunsky Unit, dem riesigen Gefängniskomplex für Lebenslängliche und zum Tod verurteilte Männer. Äußerlich entsprach sie ziemlich genau dem Bild, das man sich von einer Texanerin macht: blond gefärbte und toupierte Haare, viel Make-up, Kaugummi kauend, Lippenstift und Fingernägel knallrot, etwas schrille und bunte Kleidung und dieser breite texanische Akzent. Jeden Tag besuchte sie drei bis vier Insassen des Todestrakts und verbrachte so fünf Tage die Woche im Gefängnis. Und dies alles neben der Betreuung ihres Ehemannes, der an Alzheimer erkrankt war.

Die Erste, die frühmorgens in der Autoschlange der Besucher vor dem Gefängnis wartete, war stets Emma Wilcox. Es war ihr wichtig, auch gleich als Erste kontrolliert und durchsucht zu werden, denn sie plante, jeden Tag so viele Insassen wie möglich zu besuchen. Da ständig etwa 350–400 Männer im Todestrakt einsitzen, kann man sich vorstellen, dass es Monate dauerte, bis jeder wenigstens einen Besuch von ihr bekam.

Es war aber nicht so, dass sie jeden besuchen durfte; der Insasse musste auch einverstanden sein. Die meisten, die vom Wachpersonal gefragt wurden, stimmten jedoch sofort zu, ob sie nun religiös waren oder nicht. Ein Besuch bot ihnen die Gelegenheit, für ein paar Stunden aus der Zelle zu kommen, Zeit im Besucherraum zu verbringen – eine sehr willkommene Abwechslung in ihrem tristen Gefängnisalltag. Dort sah man endlich wieder einmal andere Menschen von draußen. Und außerdem kaufte ihnen Mrs. Wilcox am Automaten immer etwas zu trinken und ein Sandwich, Meist wurde zuerst Persönliches besprochen, anschließend nahm sie jeweils das Neue Testament hervor und las ihnen mit ihrer leicht brüchigen Stimme die zuvor von ihr markierten Stellen daraus vor. Nicht alle hörten so richtig zu – aber es war einfach gut für sie, etwas anderes zu sehen als ihre vier Wände.

Ich lernte Emma 1996 im Besucherraum des Gefängnisses kennen. Wir beide warteten auf das Eintreffen unserer Gefangenen, was manchmal bis zu einer Stunde dauern konnte. Nach etwas Small Talk beugte sie sich zu mir und bemerkte, sie kenne meinen Namen, sie habe von etlichen ihrer besuchten Insassen von mir gehört. Sie wusste auch, dass ich ein- bis zweimal pro Jahr herkam, um Gefangene zu besuchen, und kannte auch Pablo und Steven recht gut.

Immer wieder trafen wir uns entweder vor dem Eingang des Gefängnisses oder im Besucherraum, und jedes Mal führten wir interessante Gespräche. Emma Wilcox war liebenswürdig, offen und freundlich, und sie betrachtete es als ihre Mission, den Menschen im Gefängnis von Jesus zu erzählen. Sie war zutiefst überzeugt davon, dass diese Männer, wenn sie erst einmal die Heilige Schrift kennen würden, mit ihrem Schicksal besser umgehen könnten: »Der Glaube kann ihnen Halt bieten und die Angst vor dem Sterben nehmen.« Die Gefangenen waren für Emma Wilcox von Gott geschaffene Wesen, die trotz ihrer Taten immer noch Menschen waren und dementsprechend behandelt werden sollten.

Eines Tages fragte sie mich, ob ich nicht vielleicht noch Kapazitäten hätte; sie kenne zwei Insassen, die wirklich niemanden hätten, der sie je besuchen würde und die weder Familie noch Freunde zum Schreiben hätten. Sie kritzelte mir ihre Namen und Nummern auf ein Stück Toilettenpapier und betonte, diese Männer lägen ihr sehr am Herzen und sie wäre mir äußerst dankbar, wenn ich mit den beiden – Eric und Fernando – einmal Kontakt aufnehmen könnte.

Zunächst zögerte ich, denn meine Tage waren mehr als ausgefüllt mit Besuchen. Zu jener Zeit besuchte ich fünf verschiedene Insassen aus dem Todestrakt, und da ich aus dem Ausland anreiste, hatte ich Anrecht auf acht Stunden Besuch pro Gefangenen. Trotzdem habe ich kurz nach meiner Heimreise begonnen, Eric, 38, und Fernando, 46, zu schreiben. Ein reger Briefwechsel folgte, und in den kommenden Jahren besuchte ich auch diese beiden Häftlinge regelmäßig.

Ich weiß nicht, wie viele Jahre und wie viele Besuche vergingen, aber irgendwann war Emma Wilcox nicht mehr da. Ich versuchte via Gefängnisleitung herauszufinden, was passiert sei. Doch es hieß nur lapidar, man wisse, dass sie krank sei, und deshalb komme sie nur noch sehr selten ins Gefängnis. Ein Jahr später, Mitte 2007, schrieb mir Fernando völlig entsetzt, dass die beliebte Pfarrerin Emma Wilcox verstorben sei. Welch bitterer Verlust, für viele Gefangenen im Todestrakt war sie die einzige Person gewesen, die sich je für sie interessiert hatte und zu der sie Vertrauen aufbauen konnten. Und es war leider niemand da, der ihren Platz hätte einnehmen können.

Meine Brieffreundschaft mit Fernando und Eric hielt nicht zuletzt wegen Emmas Initiative an. Doch eines Tages wurde Fernando in ein anderes Gefängnis verlegt. Sein Anwalt hatte auf Geisteskrankheit plädiert, und nach fast 30 Jahren in der Todeszelle wurde Fernando in ein spezielles Gefängnis für psychisch Kranke verlegt. Leider liegt es sehr weit von Houston entfernt, und es war mir nicht mehr möglich, ihn dort zu besuchen. Die Korrespondenz mit ihm wurde auch zunehmend schwieriger. Wir schrieben uns immer seltener, und in einem seiner Briefe erzählte er schließlich, dass er immer mehr erblinde und auch sonst nicht mehr gut beisammen sei.

In diesem neuen Gefängnis wurde er durch einen anderen Gefangenen stark beeinflusst und war Mitglied einer Freikirche geworden. Seit er zu den Wiedertäufern gehörte, drehten sich seine Briefe meist nur noch um seine religiöse Überzeugung. In meinen Antworten klammerte ich die Religion aber aus, denn ich mag es nicht, wenn man mich zu bekehren versucht. Also schrieb ich ihm meist über alltägliche Dinge und über Politik – etwas, was auch ihn sehr interessierte. In seinem letzten Brief schrieb er mir über die lächerlichen Sicherheitsvorkehrungen im Gefängnis wegen Covid-19. Sie hätten zuerst keine Masken tragen dürfen, aus Sicherheitsgründen – weil man sonst ihre Gesichter nicht gesehen hätte. Als es im Sommer 2020 zu einem großen Covid-19-Ausbruch kam, hätten sie plötzlich doch Masken, notdürftig hergestellt aus ihren alten Leintüchern, tragen müssen. Den Brief, den ich ihm daraufhin schrieb, bekam ich vier Wochen später mit zwei Stempeln – »entlassen« und »neue Adresse unbekannt« – versehen wieder zurück. Instinktiv wusste ich, dass da etwas nicht stimmen konnte, und forschte im Internet über seinen Verbleib. Dann fand ich die Notiz: Er war im Juli, kurz nach seinem letzten Brief, schwer an Covid erkrankt und kurz darauf im Spital verstorben –

Bei Eric sah die Sachlage anders aus. Nach vielen Jahren in der Todeszelle gelang es seinem Anwalt zu beweisen, dass sein IQ bei lediglich 68 lag. Fazit: Der kräftige Kerl, dem man wegen seines sympathischen Lächelns im Gefängnis den Namen Big Smile gegeben hatte, hätte gar nie zum Tode verurteilt werden dürfen. Ein Gutachten eines Schulpsychologen aus Erics Jugendzeit, das im Prozess vorgelegt worden war, bestätigte zwar, dass er geistig zurückgeblieben war. Doch obwohl laut Gesetz niemand zum Tode verurteilt werden darf, der einen IQ unter 70 besitzt, hatte man dieses Gutachten nicht anerkannt und ihn dennoch zum Tode verurteilt.

2005 wurde Eric aufgrund von mehreren neuen psychiatrischen Gutachten in ein spezielles Gefängnis verlegt. Die Gutachter waren zum Schluss gekommen, dass er tatsächlich nur einen IQ von knapp 68 habe und deshalb die Todesstrafe aufzuheben sei. Das Todesurteil wurde daraufhin von einem Gericht umgehend in »Lebenslänglich« umgewandelt. In Erics vorletztem Brief, den er mir 2015 schrieb, teilte er mir mit, dass er große Hoffnung habe, bald auf Bewährung freizukommen. Schließlich sei er nun schon 22 Jahre im Gefängnis – mehr als die Hälfte seines Lebens – für einen Mord, bei dem er nicht der Täter, sondern nur ein Mitläufer gewesen sei. Aber in Texas gilt: mitgegangen, mitgefangen – und alle vier, die bei dieser Schießerei nach einem Raubüberfall auf ein Restaurant dabei waren, wurden zum Tode verurteilt.

Im Sommer 2020 erhielt ich wieder einen Brief von ihm. Traurig berichtete Eric, dass er immer noch im Gefängnis sei. Die Freilassung auf Bewährung habe nicht geklappt. Im Sommer 2021 steht erneut die Entscheidung eines Rechtsausschusses an, ob man ihn auf Bewährung freilasse oder nicht. Seine ganze Hoffnung liegt nun auf einer positiven Beurteilung seines Falles. Er hatte mir vor Jahren während meiner Besuche immer wieder davon erzählt, dass seine von ihm über alles geliebte verstorbene Mutter ihm ein kleines Stück Land vermacht habe – grad genug, um einen Wohnwagen draufzustellen und im kleinen Garten davor Gemüse anzupflanzen. An diesem Plan hält er auch nach 28 Jahren unbeirrbar fest.

Eine Freilassung von Eric wäre ein Ergebnis ganz im Sinne von Emma Wilcox. Sie glaubte an Gerechtigkeit und dass einige dieser verurteilten Männer nochmals eine Chance im Leben bekommen sollten. Ihr Einsatz für die Männer im Todestrakt beschränkte sich ja nicht alleine auf das Vorlesen der Bibel, sie versuchte auch immer wieder, den Männern Mut und Hoffnung zu machen und sie zu trösten.

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