Kitabı oxu: «Tödlicher Spätsommer»
Ursula Dettlaff
Tödlicher Spätsommer
Kriminalroman
MÖNNIG-VERLAG ISERLOHN
© Mönnig-Verlag, Iserlohn, 3. Auflage 2013
Alle Rechte an Bild und Text, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen Wiedergabe und der Vervielfältigung bleiben dem Verlag vorbehalten.
Buchgestaltung, Textbearbeitung und Produktion: Mönnig-Verlag, Iserlohn
Cover: Klaud Design - Marie-Katharina Wölk
© pure-life-pictures - Fotolia.com, © sjhuls - Fotolia.com, © burak çakmak - Fotolia.com
Gedruckte Ausführung unter www.moennig.de
Print: ISBN 978-3-933519-63-4
E-Book: ISBN 978-3-933519-64-1 EPUB
E-Book: ISBN 978-3-933519-65-8 MOBI
Teil I
Die Sicherheit des alltäglichen Lebens
„Haben Sie das Richtige gefunden“, erkundigte sich Helene freundlich. Drei Minuten vor Ladenschluss hatte die Kundin das Geschäft betreten und an der Kasse nach einem Reiseführer über Westjütland gefragt. Mit wenigen Schritten ging Helene hinüber zum entsprechenden Regal und reichte der Frau verschiedene Ausgaben. „Griechenland ist uns im Sommer zu heiß. Auf der Insel Patmos mieten wir regelmäßig im Frühjahr einen Bungalow. Im Herbst ist das Licht in der Toskana einfach unvorstellbar schön. Da fanden wir auch schon ein ganz süßes Urlaubsdomizil. Und weil die Wetterprognose für den gesamten Juni so gut ist, buchte ich für die kommenden beiden Wochen ganz spontan ein Ferienhaus in Dänemark. Machen Sie auch bald Urlaub? Ach, nein, Sie nehmen sicher jetzt gerade Schulbuchbestellungen entgegen, was?“
Annette schaltete bereits mehrere Lampen aus.
Die Kundin schien das nicht zu bemerken. „Dieser hier ist ganz aktuell. In welche Region von Westjütland geht denn Ihre Reise?“, versuchte Helene den Verkauf zu beschleunigen. „Ach“, entgegnete die Frau, „so genau weiß ich das gar nicht. Ich kann ja zuhause mal nachsehen und dann wiederkommen.“
Das Kaufinteresse der Frau schien blitzschnell verschwunden zu sein.
Annette hatte mittlerweile die Ladentür verschlossen und wartete. „Die sind im Moment sehr gefragt“, wandte Helene ein. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass morgen Abend noch einer da ist.“
Macht nix, gibt ja Internet. Helene las die Antwort in den Augen ihrer Gesprächspartnerin voraus. „Nutzen Sie das World Wide Web eigentlich auch privat?“, wollte die jetzt wissen. „Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen.“
Helene outete sich als geizig, was ihr wegen ihres Aussehens – streng frisierte Steckfrisur, sportlicher dunkelblauer Rock, weiße Bluse, Schuhe, die zeitloser Chic auszeichnete, spontan jeder abnahm.
„Ich kaufe lieber im Laden, statt zusätzlich Versandkosten zu zahlen“, bekannte die Verkäuferin, schaute auf ihre Armbanduhr und wollte eben die lästige Kundin hinauskomplimentieren, als diese seufzte „Na, dann geben Sie schon her. Was macht das noch mal?“ Helene druckte den Kassenbon, nahm das Geld und verabschiedete sich.
„Mensch, ich dachte, die will gar nix kaufen“, ereiferte sich Annette, ihre junge Kollegin, kurz darauf. „Bloß gut, dass diese schreckliche Angeberin raus ist.“
Heiner kam aus seinem Büro. „Musste das sein, dass du wieder so ewig herumpalaverst?“, grantelte er und öffnete die Kasse. Die Abrechnung erledigte er in der Regel persönlich.
Ihm war natürlich klar, dass die kompetente Beratung das einzige war, das kleine Läden der Konkurrenz des Internethandels entgegen zu setzen hatten. Aber seine Verkäuferin präsentierte sich heute nicht gerade in bester Stimmung.
„Wenn ich da meinen Vater von den 70er Jahren reden höre. Damals kauften die Leute Bücher wie verrückt. Keine Ahnung, ob sie die alle gelesen haben“, erzählte er.
An diese Zeit konnte Helene sich gut erinnern. Als „Lehrmädchen“ schickte man sie damals täglich zum Einkauf für alle Mitarbeiter. Heiner besuchte damals das Mannesmann-Gymnasium.
Helene machte noch ein wenig Ordnung. Erst im Laden, dann im Aufenthaltsraum, aus alter Gewohnheit. Sie kannte die Leier zur Genüge.
„Lenchen, Süße, kannst Du meine Tasse in die Spülmaschine stellen. Timo und ich wollen gleich ins Kino. Da läuft der neue Film mit Jonny Depp. Lässt du mich eben raus.“, Annettes Bitte war eher eine Feststellung. Helene tat, worum sie gebeten wurde. Spaß zu haben ist etwas für junge Leute.
Die Tüte mit dem Puddingteilchen und der Nussecke faltete sie zu und legte sie in ihren Schrank. Das Gebäck schmeckte sicher morgen noch genauso gut. Ceylontee und Filter reichten ebenso bis zur kommenden Woche, wie der Zucker. „Bis morgen“, verabschiedete sie sich und ging heim.
Eine gute halbe Stunde später zappte sie sich durch das Abendprogramm. Auf dem Tisch hatte sie sich ein Glas Rotwein, Joghurt, Nudeln aus der Mikrowelle und Besteck bereitgelegt. Bevor sie sich müde auf die Couch fallen ließ, vergewisserte sie sich, dass ihre Wolldecke in Reichweite lag.
Ein Film nach einem Roman von Rosamunde Pilcher. Schöne Landschaft, vorhersehbare Handlung. Leichte Kost. Ideal zum Entspannen. Chillen, wie ihr Patenkind Julia sagen würde.
Vom Klingeln des Telefons erwachte Helene. Seufzend erhob sie sich. „Hier ist Ihre T-Netbox. Sie haben zwei neue Sprachnachrichten. Zur sofortigen Abfrage drücken Sie die eins.“
Petra wollte wissen, ob Helene mal wieder Lust zum Shopping hätte. Am besten Donnerstag. Um 10 vor dem Haupteingang von Karstadt. Wie immer. Helene war verärgert.
Den freien Tag musste sie schließlich zum Einkaufen und Putzen nutzen.
Am liebsten hätte sie Petra auf der Stelle zurückgerufen. Heiner konnte es ohnehin nicht leiden, wenn sie während der Arbeit telefonierte. Andererseits wäre es vielleicht ganz gut, der ewig gleichen Tretmühle für ein paar Stunden zu entrinnen.
Nachricht zwei stammte von Kommissar Schumann. „Ja, Schumann hier, hallo Frau Schneider. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir die Ermittlungen einstellen. Tut mir leid. Kommen Sie doch Donnerstag um 9 bei mir vorbei. Die Akte wird geschlossen. Wir konnten kein Motiv für die Tat finden.“
Helene war mit einem Schlag hellwach. Das war die Nachricht, die sie schon so lange befürchtet hatte.
Der Alltag gab ihr Halt, diesen sinnlosen Tod ein wenig zu vergessen. „Du wirst darüber hinwegkommen“, versuchte Petra sie immer zu trösten, wenn Helene dieses Thema ansprach. „Die Zeit heilt alle Wunden“.
Wie oft musste sie sich diese Floskel schon anhören. Zugleich konnte sie Petra nicht böse sein. Was hätte sie sagen sollen?
Nach der langen Zeit ohne irgendeinen Fortschritt fehlten der Freundin einfach die Worte. Helene schaltete den Fernseher aus, legte die Decke zusammen und räumte den Tisch ab.
Sie hasste es, am Morgen, direkt nach dem Aufstehen, auf Unordnung blicken zu müssen.
Sie konnte lange nicht einschlafen, wälzte sich von einer Seite auf die andere. Später trank sie ein Glas warme Honigmilch.
Doch es half nichts. Zu stark war die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Sommers. Entsprechend müde blickte ihr am Morgen ihr Spiegelbild entgegen.
„Mensch Helene, mit deiner finsteren Miene vergraulst du mir noch die Kunden“, begrüßte Heiner am nächsten Morgen seine Angestellte.
„Die Polizei hat angerufen. Die Ermittlungen werden eingestellt“, sagte sie leise. „Ja, da kann man nichts machen. Na, wenigstens hast du jetzt wieder Zeit, dich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.“
Den Chef fragt man nicht, wie verkaufsfördernd seine Stimmung ist. Und sowieso saß Heiner rasch wieder in seinem Büro und wandte sich unter anderem Computerspielen zu.
Während Helene die Warensendung mit der Bestellliste abglich, klingelte zum ersten Mal die kleine Glocke an der Ladentür.
Ein Freund von Heiner kam herein und für die nächsten beiden Stunden ereiferten sich die Männer über Fehlpässe, verpasste Torchancen und falsche Schiedsrichterentscheidungen, die alles in allem unweigerlich zur schmählichen Niederlage der Borussia geführt hatten.
„Na, und bei dir alles wie immer?“, fragte der Besucher, als Helene eben eine leere Bücherkiste ins Lager zurückstellte.
„Ach, du kennst doch Helene. Die beschäftigt sich immer bloß mit demselben Thema“, nahm ihr Chef die Antwort vorweg. Helene selbst hielt es für besser zu schweigen.
Die erste Kiste enthielt Kinderbücher. Liebevoll gestaltete Bilderbücher, Fußballbücher für das erste Lesealter, Pferde und Tiergeschichten. Teenieromane und natürlich genügend Angebote für Eltern, die ihren Sprösslingen schon im Kindergartenalter Schreiben und Rechnen beibringen wollten.
Um 15 Uhr kam der Dekorateur. Helene legte schon einmal eine bunte hölzerne Raupe und verschieden hohe Regale bereit. Drüben an der Kasse hatte Annette Mühe, die Kunden relativ schnell zu bedienen.
„Macht 19,80 €. Hätten Sie vielleicht 30 Cent? Dann gebe ich Ihnen 50 zurück“, erkundigte sie sich gerade, als Helene die nächste Kiste in den Laden holte.
Strandlektüre, Thriller, Sience-Fiction und Biografien. Einen Teil der Bücher räumte Helene in die Regale. Einzelne Exemplare legte sie auf die Theke.
„Kennen Sie das?“ fragte ein Kunde, als Helene gerade den Strandliegestuhl aus dem Keller nach oben trug.
„Frag´ nicht nach ihr“ von Carlene Thompson. „Ja“, gab sie zurück. „Ich lese gern Romane dieser Autorin.
„Anders als in manchen TV-Krimis denke ich dabei nicht die ganze Zeit ,Na, war doch klar‘. Schließlich ist er oder sie mir die ganze Zeit so merkwürdig vorgekommen. Vielmehr wandeln sich die Dinge schleichend. Das Ende ist dann irgendwie logisch.“
Dem Kunden schien die Inhaltsangabe zu gefallen. Er nahm das Buch, ging ohne eigenes Blättern zur Kasse, zahlte und Helene sah, dass er gegenüber an der Bushaltestelle stehen blieb und in Richtung Düsseldorfer Straße schaute.
Der Wagen des Dekorateurs parkte vor dem Laden. Der Mann trug einen sperrigen, ziemlich großen Karton ins Geschäft und stellte ihn neben dem Liegestuhl ab.
„Haben Sie jetzt etwas Zeit für die neue Deko?“ erkundigte er sich freundlich, während er Helene die Hand gab.
Eigentlich wollte sie sich gerade eine Tasse Tee aufbrühen. „Trinken Sie vorher einen Tee mit mir?“, gab sie zurück. „Lieber was kaltes, Cola oder Wasser“, kam die Antwort. Die Beiden kannten sich seit vielen Jahren und tauschten gern kreative Ideen aus.
Viele Gestaltungsvorschläge hatte sie in der Vergangenheit mit Jutta besprochen. Die griff ihrerseits gern den einen oder anderen Tipp auf.
Über die Jahre wechselten der Dekorateur und Helene auch gelegentlich ein privates Wort. „Olala, Helene. Den hast du ja mal wieder ganz schön angebaggert. „Der ist nicht zum Teetrinken, sondern zum Arbeiten bestellt“, mokierte sich Heiner später.
„Du zahlst ihm eine monatliche Pauschale. So steht`s im Vertrag“, stellte Helene klar. „Ach, echt, weiß ich nichts von. Vielleicht sollten wir sie kürzen.“
Keine gute Idee, fand Helene. Immerhin handelte es sich bei einigen Dekorationsstücken lediglich um Leihgaben. Dieser Deal sparte nicht nur Geld, sondern auch spätere Lagerfläche.
Das neu gestaltete Schaufenster erwies sich, kaum dass der letzte Handgriff erledigt war, als sprichwörtlicher Hingucker. Viele Passanten blieben stehen und nicht wenige betraten nach einem kurzen Blick auf die Titel den Laden, um die „Neuentdeckung“ zu erwerben.
Helene gefiel die scheinbar ungewollte Anordnung der Bücher ebenfalls. Mal als Stapel auf dem Boden, mal ein Einzelexemplar im Regal. Einige Regale ließen den Blick in den Laden zu. Andere lehnten an der zartgrünen Rückwand.
Unvermittelt merkte Helene plötzlich, dass sie den ganzen Tag noch nicht an Jutta gedacht hatte. Tränen schossen ihr in die Augen. Müdigkeit und das Alter, dachte sie. Mit 50, so hörte sie immer wieder, spielen langsam aber sicher die Hormone verrückt. Da wird Frau leicht zur Heulsuse.
Heute war sie mit dem Auto zur Arbeit gekommen. Zwei- vielleicht dreimal pro Woche machte sie das so. Statt vom Laden aus direkt nach Hause zu fahren, entschied sie sich für einen Abstecher zum Schwimmbad. Die Tasche mit den nötigen Utensilien lag immer im Auto. Einfach nur ein paar Bahnen ziehen. Manchmal half das, die Gedanken zu ordnen.
Oft allerdings wollte sie sich am liebsten nur verkriechen, dasitzen, nichts tun und mit niemandem reden.
Der Wecker klingelte um halb sieben wie immer. Gerade am freien Tag hielt Helene an klaren Strukturen fest. Dazu gehörte das Einschalten der Waschmaschine vor dem Frühstück, damit die Sachen aufgehängt werden konnten, bevor sie das Haus verließ.
Vorher noch die Einkaufsliste zusammenstellen. Instinktiv legte sie einen kleinen Notizblock und ihren Füller in die Handtasche. Man konnte nie wissen.
Für Lachs und die kleine Portion Walnusseis war es wohl am besten, die Tiefkühlbox mitzunehmen. Einen kleinen Frischkäsekuchen mit Erdbeerfüllung zu bevorraten, konnte ebenfalls nicht schaden.
Helene war, als habe soeben jemand geklingelt. Sie brauchte nur die Tür zu öffnen und Jutta stünde vor ihr. Na bestens, dachte sie, während sie laut in ihr Taschentuch schnäuzte. Genau die richtige Stimmung für ein Gespräch mit Schumann.
Klare Fakten
Wie oft hatte sie in den vergangenen Monaten das Präsidium betreten. Am Anfang spürte sie lediglich eine große innere Leere und vor allem weiche Knie.
Verwundert nahm sie zur Kenntnis, dass das Leben um sie herum weiterging, als sei nichts geschehen. Die Straßenbahn rollte die Düsseldorfer Straße entlang. Autos surrten über das Kopfsteinpflaster.
Am unerträglichsten erschien Helenes herzliches Lachen.
Der Leere folgte die Wut auf die ermittelnden Beamten beider Länder. Von großem Interesse, den Fall aufzuklären, konnte keine Rede sein. Alles sah nach einem ganz normalen Unfall aus, wie er im Jahr tausendfach vorkommt. Bedauerlicherweise mit tödlichem Ausgang, zugegeben. „Das ist für die Hinterbliebenen schlimm“, meinte Schumann zur Begrüßung.
Er war von seinem Schreibtischstuhl aufgestanden, um der Frau entgegen zu gehen und ihr die Hand zu reichen. Im Laufe der Zeit hatte der Oberkommissar seine Meinung über die „eiserne Jungfrau“ wie Helene im ganzen Präsidium genannt wurde, geändert.
Zwar ging ihm noch immer ihre Beharrlichkeit gründlich auf die Nerven. Noch dazu diese Unterstellung, man sei untätig gewesen. Was dachte sich diese Tussi dabei? Wie sollte ein so kleiner Stab von Mitarbeitern so viele Fälle aufklären?
Vor allem der Vorwurf, nicht jeder erdenklichen Spur mit der nötigen Sorgfalt nachgegangen zu sein, wurmte ihn ziemlich.
Ein Ferienhaus ist nun mal nicht so gegen Einbruch gesichert, wie ein Bankgebäude. Muss es aber auch nicht. Vermutlich gab es ganz logische Erklärungen für die wenigen verbliebenen Ungereimtheiten, obwohl, die Spurensicherung an der Türklinke, der Spüle und dem Kühlschrank beispielsweise überhaupt keine Fingerabdrücke sicherstellen konnte, war bestimmt mit der kurzen Zeit erklärbar, die die Tote in dem Haus verbracht hatte. Sie muss einen Reinlichkeitstick gehabt haben.
Schumann warf noch einmal einen Blick auf die Tatortfotos. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand ein Glas, in dem sich ein Rest Saft befand, daneben ein Teller mit Brotkrümeln. Alles verschimmelt, was mit der Zeit, in der die Sachen unbenutzt dastanden, erklärbar war.
Im Kühlschrank fanden die dänischen Kollegen die angebrochene Saftflasche, Käse, verschiedene Aufstriche und Brot.
Man hatte die Lebensmittel auf Spuren von giftigen oder auf andere Weise verdächtige Substanzen untersucht. – Ergebnislos. – Am Geschirr konnte die DNA der Verstorbenen nachgewiesen werden.
Immer und immer wieder hatte Schumann mit der Eisernen Jungfrau, die sich schon zum Schrecken des Präsidiums entwickelt hatte, den Fall durchgekaut.
Anfangs kam sie fast täglich, um sich über die Ermittlungsergebnisse zu informieren. Möglich, dass er dabei zu viel Verständnis zeigte.
Irgendwann musste er ihr unmissverständlich klarmachen, dass sie mit ihren Kontrollvisiten die Arbeit der Polizei behindere. Was sie nicht davon abhielt, wöchentlich reinzuschneien. Aber die dänischen Kollegen sahen keinen Grund für eine länderübergreifende Zusammenarbeit.
Wozu auch? Die Fakten waren klar: Eine deutsche Touristin lag tot am Fuße einer Treppe in ihrem Ferienhaus. Sie war erst kurz zuvor eingetroffen.
Niemand kannte sie in der Feriensiedlung, keiner vermisste sie also.
Die Reinigungskraft, die das Haus vor dem Eintreffen der nächsten Gäste säubern wollte, fand schließlich die Tote. Schumanns Mitleid galt der Putzfrau. Sie stand tagelang unter Schock.
Für die Mordtheorie der Schwester gab es keinerlei Beweise. Es war an der Zeit, die Akten zu schließen und im Keller zu archivieren.
„Nur für Sie habe ich sogar schwarzen Tee gekauft“, erklärte der Mann freundlich und mitfühlend, schaltete den Wasserkocher ein und hängte einen Teebeutel in eine Tasse.
Helene warf einen Blick auf das Päckchen. „Jetzt ist es wohl schon ein wenig zu spät dazu“, sagte sie gedehnt.
Als Schumann sie fragend anblickte, erklärte sie: „Der Discounter wirbt doch mit dem Slogan: Bei Nichtgefallen Geld zurück! Immerhin würde das für die Brötchentaste der Parkuhr reichen.“
Charmant, freundlich und humorvoll wie immer, die Schneider, dachte Schumann, während er das kochende Wasser in die Tasse goss und sie der Frau über den Schreibtisch reichte.
„Mit Höflichkeit können Sie nicht umgehen, oder?“, fragte er.
Nachdenklich blätterte er ein letztes Mal die dicke Akte durch.
Das fehlende Handy war so etwas wie der Strohhalm, an den sich die Frau klammerte. Verständlich in ihrer Situation.
Angeblich trug die Tote es immer bei sich. Im Haus und im Fahrzeug der Verstorbenen wurde keines gefunden. Benutzt wurde es zuletzt am Todestag, wie ein Anruf beim Provider ergab.
Die Verbindung dauerte genau eine Minute dreißig. Der Anruf ging an ein Prepaid-Handy.
Über den breiten Schreibtisch konnte Helene das allerdings nicht lesen. Umso deutlicher hatten sich die Bilder ihrer toten Schwester mit den weit geöffneten Augen in ihr Gedächtnis gebrannt.
Dass heute ein endgültiger Schlussstrich gezogen werden sollte, versetzte Helene buchstäblich einen Fausthieb in die Magengrube.
„Darf ich mal sehen. Ich würde mir gern etwas abschreiben“, bat sie.
Diese störrische Alte war nicht ganz bei Verstand. Die konnte einen ja so was von aufregen. „Das geht nicht“, erwiderte Schumann barsch. „Das sollten Sie eigentlich wissen. Schauen Sie lieber nach Ihrem Tee und nehmen den Beutel raus. Der wird sonst zu bitter.“
Schumann brauchte auf der Stelle eine Zigarette, obwohl er seit mindestens einer Woche stolzer Nichtraucher war.
„Sie werden doch wohl hoffentlich nicht gegen das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden verstoßen, Herr Kommissar. Wie hoch ist die entsprechende Ordnungsstrafe?“, gab Helene zu bedenken, als sie sah, wie er eine Zigarettenschachtel aus der Schublade ziehen wollte, die er nun mit lautem Rums wieder zuwarf.
Vorsichtig schielte er auf seine Armbanduhr. Gleich war er die lästige Besucherin los. Wissend, was ihn erwartete, hatte er mit einem Kollegen verabredet, dass der ihn anrufen würde.
Helene trank den Tee langsam und in kleinen Schlückchen.
Die Frau sieht eigentlich gar nicht so übel aus, sie müsste einfach mehr aus sich machen, dachte Schumann.
„Sie haben große Ähnlichkeit mit Jutta“, durchbrach er das Schweigen schließlich. „Kunststück, wir sind Zwillingsschwestern“, giftete Helene.
Wo blieb bloß der verabredete Anruf, verflucht? „Ich will doch lediglich wissen, wo es passiert ist“, bettelte Helene und zog gleichzeitig ihr Schreibzeug aus der Tasche.
Mit einer ruckartigen Bewegung klappte Schumann die Akte zu und stellte sie hinter sich in den Schrank. Helene war sprachlos vor Wut und Enttäuschung.
Einen Augenblick lang genoss Schumann die Mimik. Ein Spiel, das er noch toppen konnte, indem er sich seelenruhig in seinem Stuhl zurücklehnte, eine andere Schublade aufzog und einen Ferienkatalog hervorholte. „Ach, ich könnte gut ein paar Tage Urlaub gebrauchen“, meinte er und blickte aus dem Fenster. „Ein Strohdachhaus mit schöner Terrasse, direkt am Strand, das wäre genau das richtige. Pool und Sauna brauche ich nicht. Und auch sonst könnte ich auf Schnickschnack, wie Bars und Diskos in der Nähe getrost verzichten“, fügte er hinzu. „Was halten Sie zum Beispiel von diesem hier?“, erkundigte er sich und zeigte auf ein rotes Backsteinhaus. Erst als er vom Katalog aufblickte, merkte er, dass Helene das Büro längst verlassen hatte.
Sein Telefon klingelte. „Sie ist schon weg“, schnauzte er in den Hörer.
Draußen vor der Eingangstür des Präsidiums blieb sie einen Moment stehen und lehnte sich an die Bruchsteinmauer.
Sie schämte sich.
Schumann durfte ihr seine Ermittlungsergebnisse nicht preisgeben. Und sie war nun einmal nicht klug genug, um das Gespräch so führen zu können, dass sich der erfahrene Beamte ganz zufällig verplappern würde.
Schluss, Ende, Akte zu. Viel zu sehr nahmen die Ereignisse des vergangenen Sommers von ihren Gedanken Besitz.
Ihr blieb doch keine Wahl.
Sie spürte eine unvorstellbare Leere.
Sah vor sich nichts als ein tiefes Loch.
Ein Leben ohne Jutta war sinnlos. Die täglichen gemeinsamen Mahlzeiten waren ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Fernsehabende.
Sie wohnen in dem Haus, in dem sie geboren wurden.
Sollte sie jetzt ,wohnten‘ sagen?
Als Teenager hatte der Vater „seinen Mädchen“ die Dachgeschosswohnung ausgebaut. Nach dem Tod der Eltern war Helene in deren Wohnung gezogen. Jutta wandelte sich das Dachgeschoss vom Kinderzimmer in ein gemütliches Single-Appartement.
Jetzt gab es nur noch Helene. Sie fühlte sich unglaublich allein.
„Ist Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?“ Die Fragen eines Passanten holten Helene in die Gegenwart. „Nein, nein, danke, alles in Ordnung“, antwortete sie hastig und merkte, wie ihr Gesicht rot anlief.
Helene wartete einen Moment, bis der Mann nicht mehr zu sehen war. Ihr Gang, ihre Haltung, die Mimik, überall zeigte sich ihre Unsicherheit.
Veränderungen
Sie blickte auf den wolkenlosen Himmel und der strahlend helle Sommertag tat ihr gut.
Vom Kantpark waren fröhliche Kinderstimmen zu hören. Einen Moment lang wollte sie sich hier auf eine Bank vor der alten Lokomotive setzen und den Kindern einfach nur zusehen, wie sie darauf herumkletterten. Ein bunter Mix Sonnenhungriger bewegte sich an ihr vorbei. Radfahrer, die lieber ein paar Meter durch den Park, statt entlang der dicht befahrenen Straße fuhren.
Eine junge Frau mit einem schätzungsweise zweijährigen Kleinkind im Kinderwagen lief stadtauswärts. Wahrscheinlich befand sie sich mit ihrem Einkauf schon auf dem Heimweg. Ein Salatkopf und Pfirsiche im Einkaufsnetz deuteten jedenfalls darauf hin. Das Kind schleckte versonnen an einer Kugel Vanilleeis.
Einen kurzen Moment lang sog Helene diese Unbeschwertheit in sich auf.
„Pass auf, dass du nicht runterfällst“, rief eine Frau einem angehenden Lokführer zu. Der befand sich auf der zweiten Stufe vor dem Fahrerstand.
Helene konnte sich ruhig noch ein wenig Zeit lassen, denn Petra nahm es mit der Pünktlichkeit nie so genau.
„Grüß dich. Du, ich bin schon völlig geschafft“, seufzte sie dann auch prompt als sie sich an der Straßenbahnhaltestelle begrüßten.
„Der Kindergarten fährt heute in den Dortmunder Zoo“, fügte sie hinzu. Als gäbe es hier keinen, aber egal. Die Erzieherinnen brauchten natürlich die Unterstützung einiger Mütter. „Nur weil ich bei Annas älteren Geschwistern auch immer mitgefahren bin, heißt das noch lange nicht, dass ich es jetzt wieder so mache“, erzählte Petra.
Immerhin habe sie gerade Anna und ihre beiden engsten Freundinnen zum Bahnhof gebracht. „Die Erzieherinnen sind der Ansicht, die Kinder sollten unbedingt mal mit dem Zug fahren“, erklärte sie weiter.
„Kommende Woche betreue ich in der Grundschule das Radfahrprojekt. Da gibt`s noch jede Menge vorzubereiten und auszuprobieren“, verteidigte sie sich.
Helene bewunderte ihre Freundin für die Energie mit der sie sich für die Familie einsetzte. Kaum anzunehmen, dass die lange Einkaufsliste, die Petra gerade aus ihrer Tasche zog, besonders viele Dinge für sie selbst enthielt.
„Gehen wir zuerst ins Stoffgeschäft“, sagte Petra, als könne sie Gedanken lesen. Dort angekommen steuerte sie zielstrebig auf einen Stoffballen mit hellen, freundlichen Naturtönen zu. Auf Petras Bitten hin wickelte eine Verkäuferin etwas Stoff ab. Auf diese Weise bekam die Kundin einen besseren Eindruck vom Gesamtmuster. Schließlich rieb sie ein wenig Stoff zwischen beiden Händen. Der Beginn eines umfassenden Prüfverfahrens.
Beim letzten Elternabend sei beschlossen worden, das triste Grau des Klassenzimmers mit bunten Vorhängen abzumildern, erzählte Petra, als sie auf dem Weg zu ihrem Lieblingscafé waren.
Im Umgang mit der Nähmaschine legte die Freundin ein beachtliches Geschick an den Tag. Sie spielte gar mit dem Gedanken, sich mit einer kleinen Änderungsschneiderei selbstständig zu machen. Kein Wunder also, dass die Eltern sie baten, sich um die neuen Vorhänge zu kümmern.
Der Kauf war schnell erledigt. Petra hatte den Stoff ausgesprochen großzügig berechnet. Jedenfalls kam es Helene so vor, gemessen am Gewicht der Tasche an ihrem Arm. Petra plagten die üblichen Schulterschmerzen, deshalb gab sie Helene die Tasche.
Im Café waren um diese Zeit nur wenige Gäste. Geht man fünfzehn Jahre lang in ein und dasselbe Café, überlegt man nicht mehr, welcher Platz es diesmal sein soll, weil man längst die Position gefunden hat, von der aus es sich gemütlich plaudern lässt, ohne dass man so laut werden muss, dass das Gespräch vom Nebentisch aus mitgehört werden kann.
Die Einrichtung blieb über die Jahrzehnte unverändert. So mussten sich die Freundinnen nie an Neuerungen gewöhnen.
Helene nahm auf der Couch mit dem altrosa Samtbezug Platz. Von hier aus konnte sie einen Blick auf die umfangreiche Kaffeemühlensammlung an den Wänden werfen. Es folgte Petras obligatorischer Blick in die Speisekarte und Helenes erneuter Versuch, die Anzahl der Mühlen wenigstens einer Wand zu zählen.
Obschon sich alle ähnelten, schien nicht ein Exemplar doppelt. Die länglichen mit Porzellankörper waren zur Wandmontage vorgesehen.
Gern gekauft wurde offenbar das Modell „Delfter Kachelmuster“, oder „Gediegene Rosen.“ Helene stellte sich vor, wie viel Zeit die Hausfrau Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Drehen der Kurbel verbrachte. Das ging bestimmt ziemlich in die Arme.
Diese Methode, Kaffee zu mahlen schien ihr jedoch immer noch praktischer, als die Benutzung der Standmaschine.
Dabei hatte es bei ihrer Großmutter so simpel ausgesehen. Mit einem Kaffeelot maß sie die erforderliche Menge Bohnen ab, die sie auf das Mahlwerk gab. Blitzschnell ließ die alte Frau anschließend die Kurbel kreisen. Die gerösteten Bohnen machten ihr die Arbeit schwer.
Gleichzeitig entfaltete sich ein herrlicher Duft. Durch Klopfen gegen die Seitenwand der Mühle fielen die letzten Kaffeemehlkrümel in die Schublade des Küchengerätes.
Im Kessel auf dem Gasherd wurde das Wasser erhitzt. Sobald ein wenig Dampf entwich, war das Wasser warm genug, um etwas davon zu entnehmen, um die Kanne auszuspülen. Dann wurde der mit einer sorgfältig gefalteten Papiertüte ausgekleidete Porzellanfilter aufgesetzt und der Inhalt aus der Schublade hineingegeben.
Das Signal des Flötenkessels meldete, dass das Wasser jetzt die richtige Temperatur hatte. Langsam goss die Großmutter das heiße Wasser in den Filter. Etwa zwei Zentimeter unterhalb des Randes setzte sich das feuchte Kaffeemehl ab. Der fertige Kaffee sickerte langsam in die Kanne. Erst als der Filter kein Wasser mehr enthielt, füllte die Großmutter ihn ein weiteres Mal nach. Diesmal aber nur bis zur Hälfte.
Solange die Kaffeekanne nicht voll war, verließ die Großmutter die Küche nicht, sondern sie schenkte der Zeremonie ihre ganze Aufmerksamkeit. Kaffee musste frisch zubereitet und heiß auf den Tisch. Undenkbar, ihn lauwarm in die Tassen der Familienmitglieder oder Gäste zu gießen.
„Helene, wo bist du bloß mit deinen Gedanken“, hörte sie plötzlich Petras Stimme.
„Ich habe schon bestellt. Zwei halbe Brötchen und ein Kännchen Ceylontee, ist doch richtig, oder?“
Petras Handy lag neben ihrem Frühstücksteller. „Man weiß ja nie. Vielleicht ruft jemand aus der Schule an“, meinte sie. „In letzter Zeit häufen sich Beschwerden über Sebastian.“
Es gebe keine Schlägerei, an der der Junge nicht beteiligt sei. „Schule bedeutet bestimmt Stress. Zu mir ist er immer freundlich“, warb Helene um Verständnis. „Außerdem muss er sich doch wehren.“
Typisch Helene, ärgerte sich Petra. Die hatte schließlich keine Kinder, ging Tag für Tag bloß ins Geschäft. Was sollte da schließlich Aufregendes passieren?
Als Mutter hingegen hatte Petra täglich mit neuen Herausforderungen zu tun. Und richtig machen kannst du´s sowieso nie. „Wenn Julia heute zum Beispiel ihre Deutscharbeit zurückbekommt, dann heißt es von den Anderen entweder: Du könntest ruhig einmal über einen Ausrutscher hinwegsehen, oder: Mich lobst du nie für ein ,gut‘. Und überhaupt hat das Mädchen nur noch diesen Freund im Kopf.“
„Ich wollte dir eigentlich erzählen, dass ich mich gerade saublöd benommen habe“, begann Helene und erzählte der Freundin von der Begegnung mit Kommissar Schumann.
„Das meiste hättest du sowie nicht lesen können“, versuchte Petra sie zu trösten. „Oder kannst du vielleicht Dänisch? Du solltest dich endlich wieder auf andere Dinge konzentrieren“, setzte sie hinzu.
Helene mochte Petras Art, die Dinge praktisch zu sehen und sie beneidete im Stillen die Freundin manchmal darum, weniger gefühlsbetont zu agieren.
In einem nicht enden wollenden Redeschwall berichtete Petra spontan, was sie gern wieder einmal machen würde. Essen gehen, einen Tanzkurs besuchen, endlich wieder im Kirchenchor mitsingen, oder verschiedene Kreativangebote in der Volkshochschule anbieten. Aber solange die Kinder sie als Hausaufgabenbetreuerin oder wenigstens gelegentliche Ansprechpartnerin brauchten, war an derlei Luxus nicht zu denken. Helene hingegen standen diese Möglichkeiten offen. Wieso also sollte sie Dingen nachhängen, die nicht zu ändern seien.
Es war kein guter Tag für ein gemeinsames Frühstück. Was sollte Helene im Kirchenchor? Stand der nicht ohnehin kurz vor der Auflösung?
„Im Augenblick sind Gospelchöre angesagt“, kommentierte Helene ein wenig besserwisserisch.
„Und du willst mir nicht ernsthaft raten, mich zu einem Tanzkurs anzumelden.“
Eben, als Helene Petras Tipps als völlig daneben ablehnen wollte, klingelte Petras Handy. Ein glücklicher Zufall, der den aufkommenden Streit verhinderte.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein“, brauste sie auf. „Nun informiert Julia mich mit einer kurzen SMS darüber, dass sie heute Mittag nicht zuhause sein wird, sondern sich mit diesem Freund trifft. Na, die kann was erleben, soviel ist sicher. Ich fahre schnell zur Schule und passe sie dort ab.“
Während die Freundin davon eilte, beglich Helene die Rechnung, und kaufte vorne an der Verkaufstheke noch Teilchen für den Nachmittag. Das schöne Wetter trug nicht dazu bei, ihre Stimmung aufzuhellen.
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, zur selben Uhrzeit, traf Jutta in der dänischen Ferienhaussiedlung ein. Sie fühlte sich herrlich leicht und beschwingt.
Ein völlig neuer Lebensabschnitt lag vor ihr. Ohne Last, ohne Verantwortung für Andere, ohne ständige Kontrolle und vor allem ohne die dauernde Heimlichtuerei.
Hier und jetzt wollte sie allein sein, die Seele baumeln lassen, ganz in Ruhe die nächsten Schritte überlegen. Schließlich wollte sie keinen Streit. Große Aussicht auf Verständnis bestand nicht, das war klar.
Sie parkte den Wagen vor dem großen Backsteingebäude. Bevor sie hineinging, schritt sie erst einmal um das Haus herum und betrachtete es neugierig. Mit seiner rot gestrichenen Fassade und den hellblauen Fensterrahmen war es zweifellos das markanteste Haus in der ganzen Siedlung. Stockmalven und Klitrosen umzäunten das Grundstück und boten gleichzeitig effektiven Windschutz.
Das Haus war zweckmäßig und gemütlich eingerichtet. Aquarelle mit Landschaftsmotiven – vorwiegend hohe Wellen mit brausenden Schaumkronen – hingen über dem langen, etwas unbequemen Sofa.
Jutta nahm sich vor, schnell die Koffer auszupacken, das Bett zu beziehen, um dann endlich zum Strand zu gehen.
Die linke Seite der Couch richtete sie sich als gemütliche Leseecke ein, faltete die mitgebrachte Wolldecke zurecht, legte den Bücherstapel auf den Tisch und brachte schon einmal die Leselampe in die richtige Position.
Eine freitragende Wendeltreppe führte in die erste Etage. Hier befanden sich die beiden Schlafräume. Jutta bezog das Zimmer mit Meerblick. Herrlich, diese unendliche Weite. – Helene fühlte sich wie versteinert in ihrer Trauer.
In einer solchen Situation fällt es schwer, die Dinge in der unmittelbaren Umgebung wahrzunehmen.
„Ist das Ihrer?“ fragte die Verkäuferin unfreundlich und wies auf ein beinah ponygroßes Zottelwesen draußen vor dem Schaufenster.
Trotz ihrer häufigen Besuche bei Dobbelstein kannte Helene weder diese Verkäuferin, noch jemand anderen aus dem heutigen Team.
„Nein, wie kommen Sie darauf?“, gab Helene zurück während sie ihr Portmonee in die Handtasche legte.
„Also das ist doch eindeutig, so wie der sie anstarrt. Das ist doch wieder typisch. Erst schaffen sich die Leute einen Hund an und dann wird ihnen die Arbeit zu viel. Sieht man ja, in welch bedauernswertem Zustand das arme Tier ist“, fügte sie hinzu.
Stimmt, dachte Helene, das verfilzte, schmutzige Fell ist sicher ein Paradies für Flöhe und andere Parasiten. Helene fröstelte.
„Der Hund saß die ganze Zeit hier und starrte nur Sie an. Nun wollen Sie mir erzählen, dass Sie ihn nicht kennen? Vielleicht ist das arme Geschöpf ja auch krank und Sie wollen die Arztrechnung sparen. Kennt man doch, so was. Stand neulich noch in der Zeitung. Das ist eindeutig ein Fall für den Tierschutz. Ich informiere jetzt das Ordnungsamt“, wetterte sie und hatte auch sogleich ein Telefon in der Hand.
„Sie irren sich“, gab Helene ganz ruhig zurück „und deshalb werde ich jetzt gehen. Auf Wiedersehen.“ Mit großen Schritten eilte sie Richtung Kantpark, wo sie im Randbereich ihren Wagen abgestellt hatte.
„Der ist aber gut erzogen. Läuft ohne Leine und setzt sich, ohne dass Sie ihn beachten, an der Gehwegkante hin“, sagte eine ältere Frau.
Helene brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie angesprochen wurde.
„Haben Sie gar keine Leine dabei? Wirklich toll. In all dem Gewühl interessiert sich der Hund nicht einmal für Radfahrer.“
Helene blickte nach links. „Ist nicht meiner, läuft mir lediglich hinterher“, brummte sie.
Spuren auf ihrem Rock zeigten, wie nah das Tier Helene gefolgt war. Vergeblich versuchte sie, Schmutz und Hundehaare wegzuwischen.
Mittlerweile hatte sie ihr Fahrzeug erreicht.
Ihretwegen konnte der Zottel ruhig hier stehen bleiben, bis sein Besitzer kam.
„Weg da, lass mich einsteigen“, zischte Helene. Das Zottelwesen gab ein kurzes dunkles „Wuff“ von sich und wedelte mit dem Schwanz.
Es war klar, dass die Szene nicht unbemerkt bliebe.
„Gucken Sie doch mal, das arme Tier hat Hunger“, meinte ein alter Mann, drehte seine Gehhilfe um und setzte sich bequem hin, um in aller Ruhe den weiteren Fortlauf der Ereignisse beobachten zu können.
Langsam dämmerte es Helene, dass sie sich ihres unerwünschten Begleiters nur durch einen eigenen Anruf beim Ordnungsamt entledigen konnte.
Als die Beamten wenig später eintrafen, war die Zuschauergruppe auf ein gutes Dutzend angestiegen.
„Nein, so ein niedliches Tierchen. Schauen Sie doch bloß in diese treuen Augen“, schwärmte eine Frau.
Helene fand zwar die Bezeichnung „niedliches Tierchen“ unpassend, dem traurigen Blick der großen Kulleraugen konnte sie sich jedoch ebenfalls nicht entziehen.
Beim Anblick der Polizisten sträubte sich das Fell des Hundes und er begann bedrohlich zu knurren.
„Sehen Sie doch, wie stark er auf Sie fixiert ist.“ Für die Beamten war der Fall klar. „Da kommt ein saftiger Bußgeldbescheid auf Sie zu, soviel ist schon mal sicher“, meinten sie und warfen einen Blick auf Helenes Kennzeichen. „Die Fahrzeugpapiere bitte!“
Helene zog die gewünschten Papiere aus ihrer Handtasche und reichte sie weiter. „Hören Sie, das wird mir hier langsam zu dumm. Ich habe auch noch etwas anderes zu tun, als mir Ihre falschen Behauptungen anzuhören“, wetterte Helene. „Ist denn so´n Tier nicht irgendwie gekennzeichnet?“
Einer der Beamten holte einen Scanner aus dem Dienstfahrzeug und wollte damit das Tier abtasten. Näher als einen Meter kam er allerdings nicht heran. Der Hund knurrte erneut.
„Machen Sie“, forderte der Jüngere Helene auf und drückte ihr das Gerät in die Hand.
Während sie unbeholfen damit herumhantierte, legte der Vierbeiner sanft seinen Kopf in Helenes Hand, sah sie an und ließ die kurze Prozedur klaglos über sich ergehen. Eine Kennzeichnung trug er ebenso wenig wie ein Halsband.
Einige Parkplätze weiter stieg eine junge Frau aus einem Kombi. „Tierschutzverein Duisburg“ stand in großen Lettern auf den Fahrzeugtüren.
„Gut, dass Sie da sind.“ Helene war erleichtert. „Ich kenne diesen Hund nicht. Und nur weil er mir schon eine ganze Weile folgt, meint alle Welt, er gehöre mir“, fügte sie hinzu.
Die Tierschützerin ging in die Hocke und schlang beide Arme um den Hund.
„Na, du bist aber ein Feiner“, sagte sie mit sanfter Stimme. Zottelhund bewegte den Kopf heftig erst nach rechts, dann nach links, bis er sich aus der Umarmung gelöst hatte.
Die vielen Menschen ringsum schienen ihn zu beunruhigen, denn er machte den Versuch, sich unter Helenes Wagen zu verstecken, was angesichts seiner Körperfülle nicht gelang. Lediglich Kopf und Nacken des Tieres verschwanden unter dem Auto. Ein erschreckendes Bild, zeigte es doch, in welcher Not sich der Hund offenbar befand.
„Es ist Urlaubszeit und unsere Hundeboxen sind alle mehr als belegt. Dasselbe gilt für unsere Pflegestellen“, sagte die Tierschützerin, die sich erst jetzt vorstellte. „Heike Brassert“, sagte sie und streckte Helene ihre Hand entgegen.
„Helene Schneider“.
Die Männer vom Ordnungsamt verabschiedeten sich schließlich und auch einige Gaffer wandten sich gelangweilt ab.
„Ja, komm du doch mal her, guck mal, was ich hier Gutes habe“, versuchte Heike Brassert den Vierbeiner aus der Reserve zu locken. Erfolg hatte sie allerdings damit nicht.
„Ein so ängstlicher Hund hat so gut wie keine Aussicht auf Vermittlung. Wer will sich schon um einen Problemfall kümmern müssen“, vermutete sie und schaute Helene hilfesuchend an. „Versuchen Sie es doch einmal, bitte“, schlug Brassert vor und reichte Helene einen stinkenden Minikeks. Sofort kam das Tier unter dem Auto hervor.
Helene hatte sogar einen Moment lang das Gefühl, der vordere Wagenteil sei ins Wanken geraten. Als der Hund sich kurz darauf gehörig schüttelte, wirbelten kleine Staubflusen durch die Luft.
Helene traute sich kaum vorzustellen, wie ihre Hand stinken würde. Unbedacht hielt sie dem Hund den Keks so entgegen, wie sie ihn angenommen hatte: zwischen Daumen und Zeigefinger. Vorsichtig streckte das Tier den Kopf nach vorn, öffnete die Lippen und nahm den Leckerbissen.
„Sie hätten das Leckerchen in die flache Hand legen müssen“, sagte Brassert. Erwartungsvoll saß der Hund vor Helene.
„Nehmen Sie doch bitte einmal seine Lefzen hoch, ich möchte mir sein Gebiss ansehen“, bat die Tierschützerin. „Was Sie von mir verlangen, ist eine Zumutung“, entgegnete Helene, kam jedoch der Bitte nach. Wenn jemandem die Berührung unangenehm war, dann nicht dem Hund.
„Alles tadellos, der ist noch kein Jahr alt“, schätzte Brassert. „Wenn ich mich nicht täusche, handelt es sich um einen reinrassigen Bearded Collie. Aber genau kann das nur der Tierarzt sagen“, schränkte sie ein.
„Na dann viel Spaß noch“, verabschiedete sich Helene, schob den zotteligen Vierbeiner zur Seite, setzte sich hinter das Lenkrad ihres Wagens, schaltete die Zündung ein und steuerte das Auto aus der Parklücke, an einigen Fahrzeugen vorbei auf die Straße .
Beim Blick in den Rückspiegel schien es ihr, als stünde ihr kurzzeitiger Begleiter wie erstarrt.
Zuhause angekommen brühte sie sich einen Tee auf und schrubbte nach kurzer Pause Bad, Flur, Wohnzimmer und Küche.
Plötzlich musste sie an den traurigen Hundeblick denken. Was mochte das Tier erlebt haben?
Im Wohnzimmer neben der Tür wäre Platz für den Hundekorb, kam ihr in den Sinn. Nein, Quatsch, idiotische Vorstellung.
Dicke Regentropfen trommelten von außen gegen die Fensterscheibe. Wie gut, dass sie im Trocknen saß.
Helene hatte bewusst den Donnerstag als ihren freien Tag ausgewählt. Motiviert und mit Schwung bewältigte sie so die beiden stressigsten Arbeitstage der Woche. Freitags hatten es die Kunden oft besonders eilig. Samstags kamen meist Paare, die viel Beratungsbedarf hatten, sich nach dem Gespräch noch miteinander über das jeweilige Buch unterhielten, um am Ende zu der Überzeugung zu gelangen, man könne sich den Band ebenso gut in der Bücherei ausleihen.
Merkwürdig, dass Helene trotz der vielen Arbeit immer wieder an den dicken Zottel denken musste.
Schon allein, um ihr Gewissen zu beruhigen, wollte sie am Sonntagnachmittag im Tierheim vorbeischauen.
Ihre Pause nutzte sie zum Einkauf in einer Zoohandlung. Sie entschied sich für Spielzeug und Knabbereien. Vorsichtshalber behielt sie den Kassenbon. Der Hund hatte sicher neue Besitzer gefunden, redete sie sich ein. Deshalb konnte sie bei schlechtem Wetter auch getrost in der Wohnung bleiben.
Am Sonntag schließlich ertappte sie sich beinahe dabei, die nötigen Aufräumarbeiten eilig zu erledigen.
Im Tierheim wurde sie mit freudigem Gebell begrüßt. Etliche Vierbeiner rieben ihre Nasen an den Gitterstäben, um nur ja von Helene beachtet zu werden. An verschiedenen Stellen des Grundstücks unterhielten sich Mitarbeiter des Tierheims mit Besuchern, die ihrerseits gerade irgendeinen Hund streichelten.
Helene war verwundert und gleichzeitig irgendwie erleichtert, als sie nirgends den dicken Zottel entdeckte.
„Guten Tag, kann ich Ihnen weiterhelfen?“, erkundigte sich eine Frau in Gummistiefeln, grüner Latzhose und Karohemd. „Was, nein danke. Ich wollte nur mal gucken“, stammelte Helene.
„Vielleicht möchten Sie ja einen Spaziergang mit einem unserer Hunde machen “, knüpfte die Tierpflegerin den Gesprächsfaden weiter.
„An was für einen Hund dachten Sie denn? Sollte es ein eher kleiner, oder ein größerer, ein sportlicher oder besser ein ruhiger sein“, hakte sie nach und erkundigte sich auch, ob Helene bereits Erfahrung im Umgang mit Hunden hatte.
Helene hörte gar nicht richtig zu, sondern schaute sich suchend um. Erst jetzt bemerkte sie, dass nicht alle Hunde nach vorn an die Stäbe gekommen waren. Einige lagen apathisch, oder ängstlich dreinblickend abseits.
„Ist Frau Brassert heute nicht da?“, erkundigte sich Helene. „Gerade unterwegs“ lautete die knappe Antwort. Einen Augenblick lang sah die Frau Helene prüfend an.
„Jetzt weiß ich, wer sie sind. Heike hat sie uns beschrieben. Sie haben den Bearded Colly g-e-f-u-n-d-e-n“, sagte sie misstrauisch. „Wo ist er denn?“, fragte Helene.
„Ein Hund ist kein Spielzeug, das man einfach abschieben kann, wenn es einem gerade in den Kram passt. Sie scheinen ein schlechtes Gewissen zu haben. Na, zeigen Sie mal her, was Sie da mitgebracht haben.“ Ihr Ton klang eine Spur versöhnlicher. Von oben herab.
Helene zog den Beutel mit den Hundesnacks aus der Tasche. „Einige Stückchen drücke ich hier in die Löcher dieses Zahnpflegeknochens“, fügte Helene hinzu.
Einen Moment lang starrte die Tierheimmitarbeiterin überrascht auf den blauen Stab.
Dann lachte sie so laut, dass sie die Blicke selbst der entferntesten Besucher auf sich zog.
„Sie haben wirklich keine Ahnung“, glaubte Helene dann zu verstehen, während sie sich beeilte, mit der Frau Schritt zu halten.
Als sie Helenes verärgerten Blick bemerkte, entschuldigte sich die Tierheimmitarbeiterin schnell.
Sie gingen an den Boxen entlang. Das laute Kläffen eines Tierheimbewohners ließ Helene unwillkürlich einen Schritt zurückweichen.
Sein Nachbar zur Linken wiederum versuchte Helenes Aufmerksamkeit mit einem charmanten Blick auf sich zu ziehen.
Sehr sauber hier. Manche Boxen sind sogar leer. Von Überbelegung also keine Spur. Hat er es doch gar nicht so schlecht hier, ging es Helene durch den Kopf.
„Nach dem Gesundheitscheck beim Arzt und einer gewissen Quarantänezeit können sich die Hunde im Freilauf austoben, wenn sie sich mit ihren Artgenossen vertragen“, sagte die Tierpflegerin.
Vorgestellt hatte sie sich nicht, dafür konnte sie Gedanken lesen.
„Seit Tagen liegt er so da, frisst nicht, trinkt nicht. Und das bei der Hitze“, erklärte sie schließlich.
Minutenlang stand Helene vor der Box, ohne dass sich das Tier rührte.
„Ist er tot?“ fragte sie traurig. In diesem Augenblick wandte sich der Hund ihr zu, erhob sich schwerfällig. Die Frau in der Latzhose öffnete die Box.
Als sei in seinem Kopf ein Schalter umgelegt, wirkte er plötzlich hellwach und sprang mit einem Satz so unerwartet auf Helene zu, dass sie fast umgefallen wäre.
Ohne zu zögern steckte er den Kopf in die Tasche und nahm sein Geschenk, das sich zum Glück zusätzlich in einer Plastiktüte befand, selbst heraus. Wohlig schmatzend biss er auf das Kunststoffteil.
Die Hundezahnbürste war für ein so starkes Gebiss offenbar nicht konzipiert. Blaue Einzelteile fielen zu Boden, manche kullerten noch ein Stück.
Der Collie suchte den Boden nach den Leckerchen-Bröckchen ab.
Als er alle verspeist hatte, nahm er ein Zahnrad in die Schnauze und legte es stolz Helene in die Hand.
Sabber tropfte aus seinen Lefzen. „Igitt“, entfuhr es Helene. Sie wich einen Schritt zurück und ließ prompt das Geschenk fallen.
„Wo kann ich mir die Hände waschen?“, rief sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme. Der Hund erschrak und zog sich in die hinterste Ecke zurück.
„Ich komme mit Tieren eben nicht klar“, sagte Helene, machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Tierheim ohne der Tierpflegerin in die Büroräume zu folgen, wo sich auch der Waschraum befand.
Der Mantel war reif für die Reinigung, sah Helene zuhause.
Was scherte sie sich auch um Dinge, die sie wirklich nichts angingen, ärgerte sie sich und widmete sich endlich der riesigen Bügelmenge, die schon seit Tagen auf sie wartete.
Wie üblich schaltete sie das Radio ein. „Ihr Gute-Laune-Sommerradio“, dröhnte es aus dem Lautsprecher. Als sei das ganze Leben ein herrlicher Spaß. Helene hätte das Ding am liebsten aus dem Fenster geworfen.
Ob sie doch wieder einmal in Urlaub fahren sollte? Aber zum Alleinsein muss man nicht wegfahren. Das Geld konnte sie sich sparen.
Sie hatte keine Lust, im Restaurant den kleinen Tisch neben der Toilette zugewiesen zu bekommen, oder vom Kellner geringschätzig taxiert zu werden.
Kaum auszudenken, wie lange sie am Bügelbrett stünde, wenn sie nach zwei Wochen nach Hause käme.
Ob Jutta wohl jemals gebügelt hat? Was wusste sie eigentlich über Jutta?
Hallo, Helene, es ist Anfang Juni, nicht Mitte November, herrlicher Sonnenschein, nicht Tristesse.
Zeit, das Leben zu genießen, schallt sie sich selbst.
Morgen. Bestimmt.–Vielleicht.
Sie ordnete die Sachen in den Schrank ein, warf einen Blick in den Kühlschrank und bereitete sich drei, besser vier Vollkornbrote mit Käse und Tomaten zu, legte sie auf einen Teller, den sie dann auf den Wohnzimmertisch stellte.
Halb sechs, gute Zeit für eine Tasse Tee, überlegte sie gerade, als das Telefon klingelte.
„Ich bin´s“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung nur. „Kommst du vorbei?“ „Ja“, antwortete sie knapp. Es bedarf nur weniger Worte, wenn man sich so lange kennt. Es tat gut, wie aufmerksam er ihr aus dem Mantel half.
„Ich wäre heute gern um die Regattabahn gewandert, oder die Sechs-Seen-Platte“, sagte sie. „Und, warum biste nicht?“, fragte er zurück. „Allein macht es keinen Spaß“, entgegnete sie.
„Oh, diese ewigen unterschwelligen Vorwürfe. Das ist ja nicht zum Aushalten“, beschwerte er sich.
„Ich kann ja wieder gehen“, antwortete sie trotzig und beeilte sich, ihren Mantel wieder anzuziehen. Er war noch warm. „Wie du willst“, murmelte er. Sie hatte es wohl nicht mehr gehört, eben warf sie die Tür ins Schloss.
Zuhause wollte sie noch ein wenig fernsehen, dann zu Bett gehen und sobald der Wecker klingelte war endlich diese Routine wieder da, diese Richtschnur, dieser Leitfaden, der das Leben einfacher machte. Routine ließ keine Spielräume offen.
„Danke für den schönen Abend“, begrüßte Heiner seine Mitarbeiterin am nächsten Morgen bissig.
„Das Kompliment gebe ich gern zurück“, giftete Helene ihn an.
„Was läuft da zwischen euch?“, mischte Annette sich ein.
„Oh nein, dafür seid ihr zu alt, oder zumindest zu spießig“, lachte sie und schaute sich im Laden nach Menschen um, denen sie diese unfassbare Neuigkeit mitteilen konnte.
Natürlich. Die alte Frau Hüttmann blätterte gerade in einer Illustrierten und interessierte sich scheinbar brennend für den neuesten Klatsch.
Helene ging eilig ins Lager, um die neue Warenlieferung auszupacken. Heiner stand in der Nähe der Kasse, rückte hier ein Buch gerade, ordnete da einen Stapel und wirkte ausgesprochen beschäftigt.
Schon kurz vor der Mittagspause wartete Timo vor dem Laden auf Annette. Sie stürzte auf ihn zu, er umarmte sie, hob sie in die Höhe und beide küssten sich innig.
„Muss Liebe schön sein“, dachte Helene grimmig und verschloss die Ladentür hinter der jungen Frau. Wie kann man nur jeden Mittag sein Geld so zum Fenster hinauswerfen, überlegte sie.
Helene war zum Glück sehr genügsam und sparsam. Aber davon kannte Annette ja nichts.
Jutta hätte jetzt sicher die Sonne genossen und sich zum Beispiel bei Heinemann auf dem Sonnenwall einen bunten Salatteller bestellt, kam ihr plötzlich in den Sinn.
So teuer ist der nicht. Und ebenso wenig Fast Food wie die Suppe, die Helene sich nun auf der Herdplatte erwärmte.
„Weißt du eigentlich, dass ich dir gestern einen Heiratsantrag machen wollte?“, fragte Heiner.
Helene schaute ihn wortlos an. „Wir kennen uns jetzt schon so lange. Du könntest den alten Kasten verkaufen und steuerlich hätte das für uns nur Vorteile“, zählte er auf.
„Und du sparst das Gehalt für die Verkäuferin und den Lohn für die Putzfrau. Als Ehefrau mach´ ich das doch liebend gern“, säuselte Helene gespielt. Heiner fiel buchstäblich die Kinnlade herunter.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihn ihre Abfuhr so tief verletzen könnte.
Nun tat er ihr fast ein bisschen leid. Doch als sie seine Schulter anfasste und eine Entschuldigung zu stammeln versuchte, drehte er sich barsch weg. Warum musste sie auch nur immer so mit der Tür ins Haus fallen?
Schon als Kind ärgerte sie sich hinterher über solche Missgeschicke. Jutta wäre das nie passiert. Ihr „Nein“ wäre so charmant verpackt gewesen, dass Heiner und sie am Ende sicher beide gelacht hätten.
So verschieden waren die Schwestern schon als Kinder gewesen. Helene erinnerte sich an viele Begebenheiten, in denen Jutta die Umwelt mit ihrer netten, fröhlichen Art um den Finger wickelte.
Wie wurde die Zwillingsschwester in der Schule von der Deutschlehrerin beschrieben „Helene ist erschreckend ehrlich.“ Und damals war sie auch noch stolz darauf.
Heiner und Helene gingen sich in den folgenden Tagen aus dem Weg.
Als Helene Dienstagabend durchs Treppenhaus ging, öffnete Frau Schulte ihre Wohnungstür. Die kleine rundliche Frau mit den weißen Haaren trug heute selbstverständlich eine sorgfältig gebügelte bunte Kittelschürze über ihrem Rock und der hellen Bluse.
„Ach, Helene, da bist du ja endlich. Ich warte schon seit zehn Minuten auf dich“, jammerte die alte Frau vorwurfsvoll. „Für mich ist es Zeit, ins Bett zu gehen“, fügte sie hinzu. Dieser Überfall bedeutete nichts Gutes, ahnte Helene, grüßte freundlich und schickte sich an, weiter zu gehen.
„Mein Enkel kommt morgen nach der Schule zum Mittagessen“, erklärte die Seniorin.
„Dat hat sich ganz kurzfristig ergeben, weiße. Ich halt nix davon, mich wat auf Vorrat zu legen, außerdem reicht ´de Rente da nich für. Un ich fahr ja erst übbermogen widder mit mein Tochter einkaufen. Ich könnt Bratkartoffeln mit Salat machen. Aber mir fehlen zwei Bratwürstchen“, überfiel sie Helene mit ihrem Wortschwall.
„Er isst doch so gern die Bratwurst von Reher“, setzte sie zu ihrem Anliegen an. „Und deshalb habe ich schon dort angerufen, zwei bestellt und Bescheid gesagt, dass du sie morgen um 8 abholst.“
Ihre Mieterin schien in Helene noch immer die Achtjährige zu sehen. Nach Ausflüchten zu suchen war zwecklos. „Ich mach´s“, antwortete Helene. „Komm rein, Kind, ich geb´ dich direkt dat Jält“, die Stimme der alten Frau klang plötzlich entschlossen und fest.
„Nicht nötig, das machen wir morgen Abend. Ich hänge die Tasche an die Klinke“, entgegnete Helene, die inzwischen ihre Tür geöffnet und die Handtasche an die Garderobe gehängt hatte. „Du kannst ruhig klopfen. Ich bin früh aufe Beine, weil ich noch aufräumen wollt.“
Beim Blick auf die Uhr entschied Helene am nächsten Morgen, den Miniatureinkauf auf der Münchner Straße zu Fuß zu erledigen.
Sie hatte genug Zeit dafür.
Den Lärm, den die vielen Fahrzeuge auf der Lindenstraße und der Sittardsberger Allee erzeugten, ignorierte sie ebenso wie den Benzingestank. Ganz egal, es war Sommer, die Sonne schickte ihre hellen Strahlen nach Buchholz. Was für Helene allerdings noch lange kein Grund war, ohne ihren beigen Zweireiher das Haus zu verlassen.
Sollten doch Andere rumlaufen, wie es ihnen gefiel, Helene legte Wert auf Stil.
Eine Sekunde lang drehte sich Jutta tanzend im luftig bunten Chiffonkleid auf der großen Wiese vor dem Küchenfenster.
Helene freute sich an dem Bild, das sie plötzlich vor Augen hatte.
Das Grundstück umfasste beinah 1500 Quadratmeter. Viele Nachbarn hatten ihre Grundstücke schon vor etlichen Jahren geteilt und als teures Bauland verkauft. So war der Schneiderische Garten so etwas wie ein Exot. Mit einer großen Wiese, altem Obstbaumbestand und am Nordende mit einer großen Gartenlaube. Dort wo die schwere Sitzgruppe mit dem Pavillon als Überdachung gestanden hatte, sah man noch immer die Abdrücke im Rasen. Wie oft hatten die Schwestern hier gesessen, gelacht, geredet, gestritten, sich vertragen.
Ja, was denn jetzt?
Die textilen Seitenwände des Pavillons dienten je nach Jahreszeit und Witterung als Sonnen-, Regen- oder Windschutz und wurden an manchen Tagen mehrfach ab- oder aufgebaut. Zu zweit war das kein Problem, machte im Gegenteil sogar Spaß. „Ihr seid wie die kleinen Kinder“, kommentierte Frau Schulte das Treiben dann.
Allein mochte Helene nicht hier sitzen und weil die Möbel ohnehin beim Rasenmähen störten, landeten sie im Keller. Sogar der Garten trauerte um Jutta.
Das Stück unter der Eisenbahnbrücke legte Helene im Eilschritt zurück. Oben donnerte die S-Bahn Richtung Innenstadt, vor der Auffahrt auf die A59 beschleunigten die meisten Autofahrer und ließen die Motoren so richtig aufheulen. Hinter vielen LKWs wehte eine graublaue Dieselwolke.
Im Dreispitz wohnte ihre Schulfreundin Insa. Schade, dass der Kontakt irgendwie abgebrochen ist. Im Grunde war Insa Juttas Freundin.
Mutter konnte es nicht leiden, wenn ihre Tochter allein zuhause blieb. „Du gehst doch wohl nicht ohne deine Schwester“, hatte sie Jutta oft vorwurfsvoll hinterher gerufen, wenn sich die Schülerin nachmittags verabschiedete. Während Jutta dann je nach Stimmung mal ergeben, mal wütend „Komm“, hervorstieß, zog sich Helene bewusst langsam Schuhe und Jacke an, hielt den Rücken gerade und blickte ihre Schwester trotzig an. Sie waren neun und Jutta wagte es nicht, sich der mütterlichen Autorität zu widersetzen.
„Guten Morgen, Frau Schneider, Sie möchten bestimmt die beiden Bratwürstchen für Ihre Nachbarin abholen“, grüßte die Metzgerfrau. „Was? Ja, richtig. Guten Morgen“, gab Helene abwesend zurück.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Die Frage war nichts als Routine, von der nörgeligen alten Jungfrau erwartete die Verkäuferin nichts weiter als ein spitzes „Nein, danke.“
Doch zu ihrer Überraschung blickte Helene in die Theke und ließ sich zwei Scheiben Corned Beef abschneiden.
Bloß nicht zu viel, dachte die Verkäuferin, sagte aber freundlich: „Ja, noch was?“ In den folgenden Minuten wurde nicht nur ihre, sondern auch die Geduld einiger weiterer Kunden auf eine harte Probe gestellt.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis Helene sich entschieden hatte, zwei Scheiben gekochten Schinken, ein hauchdünnes Stück Fleischwurst ohne Knoblauch und 100 Gramm Schinkenblockwurst auszusuchen.
„Mensch, hamm´ Ses bald, andere müssen zur Arbeit“, platzte einem Kunden nun endgültig der Kragen. Helene ignorierte sowohl diese wie auch die Bemerkung des Schülers: „Hättest ruhig Knobiwurst nehmen können. Bei dir hält jeder ohnehin Abstand.“
Zwei Bons, doppelt abgezähltes Geld. Tschüss!
„War das nicht die Frau, deren Zwillingsschwester so plötzlich verstorben ist?“, erkundigte sich eine Frau.
„Sie kann einem leidtun. Man sagt ja immer, diese Geschwister hätten ein besonders enges Verhältnis. Ich glaube, sie ist noch vergrämter geworden“, fügte sie hinzu.
Einsamkeit lässt Menschen sonderlich werden. Tapetenwechsel und Urlaub sah die Frau als Lösung.
„Apropos Urlaub – wo geht es denn dieses Jahr hin“, griff die Verkäuferin das Thema dankbar auf.
Zeit zum Ausruhen blieb Helene am Samstag nicht. Sie hatte gerade den Rasenmäher aus der Garage geholt, wollte den Motor starten, als Frau Schulte das Wohnzimmerfenster öffnete. Das dicke Sofakissen, das sie sich im Rahmen zurechtlegte, ließ Helene befürchten, die alte Frau würde sich auf ein längeres Gespräch einrichten.
„Hör ma, Helene. Ich hab heut´ schon mitti Sigrid dadrüber gered´. Willze Juttas Wohnung nich endlich vermieten?“, sagte sie in freundschaftlichem Ton. Wusste ich doch, dachte Helene.
„Dat hätt für dich nur Vorteile. Du weißt schon, Mieteinnahmen. Und Heizen müsstese oben auch nich mehr“, versuchte die alte Frau sie zu ködern.
Ihr kleine Besorgungen abzunehmen, ist ein Fehler, ärgerte sich Helene.
Vor lauter Langeweile hatte sie nicht besseres zu tun, als mit der Putzhilfe zu tratschen. „Ich hab jetzt keine Zeit“, sagte Helene.
„Ach, Kind, sei nicht eingeschnappt. Mit dem neumodischen Kram ist das Mähen ja wirklich kein Problem mehr. Wenn ich da noch an die schmalen Handmäher von früher denke…“ Den Rest der Ansprache verschluckte der laute Motor.
Nach dem Unkrautzupfen im Vorgarten genoss Helene minutenlang die warme Dusche.
„Das ist dein Ressort, ich kann das nicht“, hatte sie sich früher stets vor der Arbeit zu drücken versucht. „Dann stellen wir eben Bücherregale vors Haus. Schon ist es dein Job“, schlug Jutta dann lachend vor.
Eine andere Welt
Helene stieg die Treppe hinauf und betrat die unbewohnten Räume.
Gewohnheitsgemäß stapelte Sigrid die Post auf der Flurkommode. Im Laufe der vergangenen Monate ebbte die anfängliche Briefflut ab. Noch immer fühlte sie sich unwohl beim Öffnen der nicht für sie bestimmten Korrespondenz. Kontoauszüge.
Sie musste endlich endscheiden, wie es mit dem kleinen Geschenkelädchen weitergehen sollte. Heute nicht. Dazu war sie zu müde und für Entscheidungen…
Warme Terrakottafarben und zartes Gelb bestimmten die Räume. Das merkwürdig eckige Sofa passte nach Helenes Geschmack so gar nicht zu den wenigen Kiefernholzmöbeln.
Jutta brauchte Platz. Nur die Räume nicht überfrachten, lautete ihr Credo. Blauer Teppich, blaue Bilderrahmen, na ja. – Alle in Din A3.
Helene setzte sich einen Moment auf „ihren“ Platz und ließ die Atmosphäre auf sich wirken.
Das riesige bodentiefe Giebelfenster flutete das Zimmer mit hellen, warmen, freundlichen Sonnenstrahlen. Sigrids Ärgernis-Objekt. „Habt ihr, als ihr euch für dieses Fenster entschieden habt, je gefragt, wie das geputzt werden soll?“
Juttas bevorzugtes Bildmotiv: Natürlich Wasser, wohin das Auge blickte, Sommerstimmung. Ein kleines Schiff im Hafen von Wittdün.
Eine Tour „Rund um die Insel“ mit der „Eilun“ gehörte zu Juttas Pflichtprogramm im Sommer. Seehunde genießen ungestörte Ruhe. Sonnenuntergang, mal vor wolkenlosem, mal vor leicht bewölktem Himmel. Hat sie das Bild doppelt? Nein, beim Nächsten ist der rote Ball ein Stück tiefer im Wasser versunken.
Vor einem Fahrradverleih nehmen Urlauber Drahtesel in Augenschein. Kommen die sich da nicht gegenseitig in die Quere?
Die Tischdecke müsste wieder gewechselt werden, stellte Helene fest, während sie sich im Raum umsah.
Nachdem Sigrid sich strikt geweigert hatte, regelmäßig wenigstens alle zwei Wochen frisches Obst auf den Teller zu legen, arrangierte Helene ein wenig Sand und verschiedene Muscheln darauf.
So hatte sie wenigstens ein bisschen das Gefühl, Juttas Geschmack getroffen zu haben. Obwohl sie glaubte, es läge noch ein wenig der frische Duft ihres Lieblingsparfüms in der Luft, wirkte die Wohnung wie das Vorzeigeexemplar eines Möbelgeschäftes. Menschenleer im wahrsten Sinne des Wortes.
Keine Strickjacke über der Stuhllehne, keine zusammengefaltete Wolldecke auf der Couch. Helene ging hinüber ins Schlafzimmer.
Während sie vorsichtig den Kleiderschrank öffnete, beschlich sie das Gefühl, eine Spionin, eine Diebin zu sein. Mit einem lauten Knall schloss sie den Schrank und verließ die Wohnung, in der sie auch ein Stück ihrer Trauer bewältigte.
Neben der Tür hing das neueste Foto. Helene hatte es aufgehängt. Es war eine der letzten Aufnahmen, die Jutta kurz vor ihrem Tod gemacht hatte.
Die Kamera war in dem Koffer mit den Sachen der Toten, die man Helene nach der Spurensicherung aus Dänemark zugesandt hatte. Sonnenuntergänge hatte Jutta unzählige Male fotografiert.
An diesem Abend, ihrem ersten im dänischen Ferienhaus, führte sie ihr Weg natürlich ebenfalls an den Strand. Sie ahnte nicht, dass dies das letzte Mal sein würde. Der Besuch kam völlig überraschend.
Juttas erste Nacht in den Ferien war kurz. Sie konnte sich wie immer nicht satt sehen an diesem unglaublichen Naturschauspiel: ein Sonnenuntergang am Meer.
Als Postkarte würde ich meinen, die Farben seien nachbearbeitet und kitschig, staunte sie und blieb, wie viele andere Urlauber, bis zum frühen Morgen am Strand. Sie fühlte sich ein wenig wie ein kleines Kind, dem es schwerfiel, ein Geheimnis für sich zu behalten.
Doch der Plan, ihrem Leben eine ganz andere Ausrichtung zu geben, konnte nur gelingen, wenn er so lange wie möglich geheim blieb. – Falls nötig mit einer frechen Lüge. Es ging schließlich um ihre Zukunft.
Sie hörte quasi schon das Getratsche der Nachbarn und Kunden, wenn alles zu früh bekannt würde.
Auf welchem Weg könnte ein Mieter für das Geschenkelädchen gefunden werden? Wenn sie so den neuen Hausbesitzer unterstützen könnte, bliebe für die Meisten alles beim Alten.
Sie wurde durch das lauter werdende Klopfen an der Küchentür geweckt. Sie öffnete lediglich den oberen Teil der Tür, weil sie damit die vage Hoffnung verband, das Pyjamaoberteil könne als Bluse angesehen werden.
„Oh, habe ich dich geweckt? Das wollte ich nicht“, lautete die Begrüßung.
Jutta war völlig sprachlos. Sie versuchte, die Situation zu überbrücken, indem sie Müdigkeit vortäuschte. Sie gähnte und streckte die Arme nach oben.
Sie bedauerte den Streit der vergangenen Wochen und wusste noch keinen Ausweg.
„Ich habe frische Brötchen mitgebracht“, plapperte der Gast unbeschwert als habe es diesen Disput nie gegeben und streckte ihr die Tüte entgegen.
„Du bist mir nicht mehr böse?“, fragte Jutta und fiel dem Gast um den Hals, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. „Wie kommst du hierher? Was machst du hier?“, sprudelte es aus ihr heraus. Sie war viel zu aufgeregt, um Antworten abzuwarten.
Die Beiden beschlossen, den Tag im nahe gelegenen Ringköbing zu verbringen. Während der Gast die Küche aufräumte, sprang Jutta rasch unter die Dusche.
Sie nahmen den Bus. Das war einfacher, als in einer fremden Stadt auf Parkplatzsuche zu gehen. Schon während der Fahrt lachten sie ausgelassen wie Teenager. Arm in Arm schlenderten sie durch die alten Gassen.
Am Hafen bestaunten sie die Fischerboote und sahen einem alten Mann zu, der ein Netz reparierte. Jutta befand sich in Shopping-Stimmung. Sie probierte T-Shirts und Blusen, taxierte sich mit bunten Schals und riesigen Sonnenhüten im Spiegel.
„Wir wären wohl doch besser mit dem Auto gefahren“, überlegten sie lachend, als Stunde um Stunde verging und die Taschen schwerer wurden.
„Wo ist eigentlich dein Wagen?“, fragte sie. „In Flensburg konnte ich mit zwei Kollegen eine Fahrgemeinschaft bilden“, erklärte der Gast. Erschöpft ließen sie sich auf eine Bank am Marktplatz fallen.
So spontan, fröhlich und unbefangen wie Jutta war Helene nie.
Helene war ernster. Sie reagierte lieber auf die Aktivitäten der Anderen, als selbst aktiv zu werden. Diese Haltung musste sie nach dem Tod ihrer Schwester ändern.
Den anstehenden Besuch schob Helene lange vor sich her. Sie wollte die Rolle der Arbeitgeberin – in gewisser Weise als Kontrolleurin – nicht annehmen. Der Gegensatz zwischen Juttas Wohnung und dem Geschenkelädchen hätte größer kaum sein können.
Helene wusste nicht, was ihr unangenehmer war: das erneute Eintauchen in Juttas Welt oder die Enge der winzigen Verkaufsfläche. Buchstäblich jeder Zentimeter schien ausgefüllt mit Wohnaccessoires, wenigen Schnitt- und Topfblumen, Aufstrich, Marmeladen, hübschem Porzellan, diversen Kristallglasartikeln.
Im Nebenraum, der dem Vorbesitzer als Personalraum gedient hatte, duftete es nach Kaffee- und Teespezialitäten sowie feinen Schokoladen und Pralinen. Eine riesige hölzerne Getreidemühle bot die Gelegenheit, den Kunden frisch gemahlenes Mehl anzubieten. Ihr Stil passte absolut nicht zu dem hochmodernen teuren Kaffeeautomaten, der neben ihr auf der Anrichte stand.
An der Wand mit Blick auf die Straße bzw. auf die Kasse stand der winzige schmiedeeiserne Tisch mit seinen beiden furchtbar unbequemen Stühlen. Die Gruppe war eher zum Betrachten als zum Benutzen gedacht, mokierte Helene sich regelmäßig.
Für eine Schwingtür war kein Platz. Die Schiebetür, die sich über die gesamte Breite des Ladens erstreckte – Juttas Idee übrigens – erwies sich in mehrfacher Hinsicht als kluge Geschäftsidee. Zum einen boten die beiden Stufen vor dem Laden gewissermaßen weitere Stellflächenebenen, zum anderen ging fast niemand am Laden vorbei, ohne einen Blick auf das Sortiment zu werfen.
„Schön, dass du mal wieder reinschaust“, begrüßte Helga ihre neue Arbeitgeberin. „Setz´ dich. Bis eben kam eine Kundin nach der anderen. Da bin ich froh, ein bisschen verschnaufen zu können. Trinkst du einen Kaffee mit?“ Helga machte sich an dem Monstrum zu schaffen. So eine Geldverschwendung, dachte Helene, eine ganz normale Kaffeemaschine hätte es auch getan.
„Nun zieh nicht so ein Gesicht“, lachte ihr Gegenüber. „Erstens ist die längst abgeschrieben und zweitens braucht man heute so ´n Ding um mithalten zu können.“
Ein wenig unsicher reagierte sie auf Helenes Bemerkung, ein Geschäft wie dieses gebe es im weiten Umkreis kein zweites Mal.
Auf Helga konnte sie sich verlassen. Sie war von Anfang an dabei, seit Jutta vor mehr als 30 Jahren den Laden eröffnet hatte. Bis vor einem Jahr arbeitete sie nur etwa 12 Stunden pro Woche, jeweils als Juttas Vertretung. Zum Glück konnte Helga nach Juttas Tod ihre Stundenzahl aufstocken.
Beide, Jutta und Helga, verband das Interesse an Mode und Zeitgeist, was dazu führte, dass das Geschenkelädchen neben der alten Stammkundschaft auch von jungen Kundinnen und Kunden frequentiert wurde.
„Wir brauchen wieder Visitenkärtchen und Aufkleber“, sagte Helga. „Druckst du uns welche?“, fügte sie hinzu.
Ein kleines Mädchen von vielleicht acht oder zehn Jahren hatte schon eine Weile unsicher vor dem Geschäft gestanden. „Ich möchte diesen Tischläufer“, sagte sie jetzt mit entschlossener Stimme und ihre Augen strahlten dabei. „Meine Mama hat nämlich morgen Geburtstag“, erklärte sie weiter.
„Oh, damit machst du ihr bestimmt eine Riesenfreude“, lächelte Helga, die schon begann, das Geschenk fächerartig in durchsichtige Folie einzuwickeln und das Ganze mit einer hübschen Schleife zu versehen.
Die Kleine zählte umständlich ihr Geld auf den Münzteller. Am Ende fehlten zehn Cent, mochte sie auch noch so gründlich die Fächer ihrer Geldbörse durchsuchen. „Schon gut“, half Helga dem Kind aus der Verlegenheit. „Hast du eine Tasche dabei?“ Das Mädchen hatte an alles gedacht. Sichtlich stolz verließ sie das Geschäft.
Helga holte eine Zehn Cent Münze aus ihrem Portmonee und legte sie in die Kasse. „Der Laden läuft gut“, sagte sie unvermittelt.
„Die Nachricht von Juttas Verschwinden breitete sich scheinbar wie ein Lauffeuer aus, fast verkaufsfördernd nach der Sommerpause. Als sie dann gefunden wurde, wollten wohl alle die aktuellen Neuigkeiten erfahren und später stellten sie fest, dass das Geschäft von den Angestellten weitergeführt wurde“, erläuterte Helga.
„Es ist keine Goldgrube, aber mit mir als Vollzeitkraft und der Teilzeitbeschäftigten wirft es immerhin so viel ab, dass du den Job in der Buchhandlung eigentlich an den Nagel hängen könntest“.
Helga legte den Arm um Helene. „Ich weiß doch, wie schwer es dir fällt, dass sie nicht mehr da ist“, tröstete sie, schnäuzte mit lautem Trompeten in ein ziemlich benutztes Taschentuch und fügte mit belegter Stimme hinzu: „Sie fehlt uns allen sehr.“
Helene spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. „Ich muss jetzt gehen“, schluchzte sie und wandte sich ab. Helgas Frage: „Und was soll jetzt werden?“ ließ sie unbeantwortet.
Ein Sommertag wie er im Buche steht, bedeutete selbstverständlich Hochbetrieb an der Sechs-Sechs-Platte. Helene nahm wie immer den Weg vom Unfallkrankenhaus aus. Oder besser, sie reihte sich in die Prozession der Freizeithungrigen ein.
Der Rummel war vorhersehbar: Parkende Fahrzeuge blockierten den breiten Fußgängerweg entlang der Großenbaumer Allee, mit fröhlichem Klingeln versuchten sich Radfahrer einen Weg zu bahnen.
Auf den meisten Gepäckträgern klemmten Wolldecken oder Picknickkörbe. Es ging Richtung Freibad.
Ein kleines Mädchen, an dessen rosa Fahrrad Stützräder befestigt waren, fuhr behutsam mit seiner Puppe genau in der Mitte des Weges. Unebenheiten hätten das Fahrzeug womöglich ins Wanken gebracht. Das wollte das Kind nicht riskieren.
Sie „führte“ ihre Eltern auf den Weg zum Spielplatz. Der bildete wie stets an solchen Sommertagen das Zentrum für viele Familientreffen im weiten Umkreis. Und wenn alle Eltern und Großeltern ein wenig zusammenrückten, fand jeder noch einen Platz auf den Sitzbänken.
Manche Besucher breiteten Tischdecken aus. Von klein geschnittenen Äpfeln, über frische Erdbeeren und Kirschen bis zu (Kinder-) mundgerecht belegten Brötchenstücken und riesigen Apfelschorle-Flaschen sah Helene alles, was das Herz spielender Kinder begehrt. Eine Weile betrachtete Helene das bunte Treiben. Jetzt, am späten Vormittag spürten die Kleinen noch keine Müdigkeit.
Die Jüngeren saßen im Sand und ließen versonnen die Körner durch die kleine Faust rieseln. Ein kurzer Blick Richtung Bank genügte, um sicher zu sein, dass Mama und Papa noch da waren.
Zwei Mädchen standen rechts und links an der Leiter zum Turm.
Mit dieser flankierenden Maßnahme wollten sie verhindern, dass der kleine Junge, der die Leiter hinaufstieg, stürzte. Mit ihrem Ruf: „Passt auf, dass er nicht zu hoch klettert“, setzte die Mutter dem Höhenflug des Kindes ein jähes Ende, denn sofort griffen ihm die Mädchen beherzt unter die Arme und setzen ihn auf den Boden der Tatsachen. Wut und Enttäuschung spiegelten sich im Gesicht des Kindes wider. Dicke Tränen kullerten über seine Wangen.
„Dafür bist du noch zu klein“, versuchte die Mutter ihn zu trösten, während sie ihn auf dem Arm hielt.
„Hier, schau doch mal, die Wackelente.“ Es folgte eine noch lautere, weil empörte Schreiattacke. Für echte Kletterer war das Babykram.
Die beiden Mädchen lieferten sich unterdessen auf der Hängebrücke ein wildes Verfolgungsrennen. Sie hatten ihren verantwortungsvollen Job erfüllt und konnten sich wieder um sich selbst kümmern.
Vorsichtige Annäherung
„Das ist aber wirklich nicht richtig“, hörte Helene plötzlich eine alte Frau schimpfen. „Hunde haben auf einem Spielplatz nichts zu suchen“, rief sie.
„Entschuldigung“, entgegnete der Hundebesitzer ruhig, „dies hier ist der Weg, der am Spielplatz vorbeiführt und mein Hund ist angeleint. Er stört doch niemanden.“
Helene teilte die Bedenken der Passantin. Es dauerte gewiss nicht mehr lange bis der Hund den Spielplatz verunreinigen würde.
„Nun sagen Sie doch auch mal was“, forderte die Frau Helene auf, Stellung zu beziehen. Das musste ja wohl nicht sein. Eilig wandte sie sich ab und lief Richtung Freibad.
„Wir haben uns vor einigen Tagen im Tierheim gesehen“, hörte sie dann hinter sich eine Stimme, tat jedoch, als fühle sie sich nicht angesprochen. Ihr war nicht nach Gespräch. Der Mann war nun neben ihr. „Überlegen Sie noch, ob Sie einen Hund bei sich aufnehmen?“, hakte er nach. „Der Besuch war übereilt“, tat Helene ihren Tierheimbesuch ab. „Ich habe überhaupt keine Zeit für ein Tier.“
Es kam, wie sie befürchtet hatte. Der Mann ließ sich nicht abwimmeln. Faselte was von, käme ja drauf an, wen man sich aussuche. Fragte, ob sie nicht wie er in der Nähe wohne. Ideale Voraussetzungen, meinte er. Helene lief schneller, bog auf die Zuwegung zum Restaurant ab. „Auf Wiedersehen“, wunderte sich ihr Gesprächspartner.
Kurz vor der Eingangstür drehte sie sich noch einmal um. Der Mann befand sich in Hörweite. „Ist er noch da?“, fragte sie beinah im Flüsterton. „Jap“, stieß er knapp hervor und eilte über die Brücke. Was bildete dieser blöde Kerl sich ein, ihr ein schlechtes Gewissen einzureden.
Na, der Appetit war ihr gründlich vergangen. Helene machte auf dem Absatz kehrt und lief ohne Umweg nach Hause. In nächster Zeit, das war klar, würde sie einen großen Bogen um das Naherholungsgebiet machen und es sich auf dem Balkon gemütlich machen.
Jede freie Minute verbrachte sie in den kommenden Tagen dort und freute sich an den üppig blühenden Geranien.
Wer den lieben langen Arbeitstag ständig mit anderen kommuniziert, freut sich auf Stille und Einsamkeit, zumal sie wöchentlich mindestens zwei aktuelle Titel las, die Voraussetzung für qualifizierte Kundenberatung. Und beim Lesen mochte sie keine Ablenkung.
Die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht. Schon um sechs Uhr früh kündigte sich gleißende Hitze an.
Für den Abend hatte der Wetterbericht Starkregen mit einhergehender Abkühlung vorhergesagt.
Die Stimmung im Geschäft war angespannt. Jeder Kunde wollte so schnell wie möglich bedient werden.
Wie sehr sich das Verkaufsteam auch bemühte freundlich zu bleiben, abschätzige Kommentare waren nun einmal nicht zu überhören. Viele potentielle Kunden schauten sich nur einen Moment suchend um, verließen dann postwendend das Geschäft. Das Ergebnis in der Kasse fiel am Abend entsprechend gering aus.
Auf der Heimfahrt überlegte Helene, ob es wohl besser sei, die Balkonkästen ausnahmsweise ins Wohnzimmer zu stellen. Doch sie war einfach zu abgespannt für diese aufwendige Aktion. In letzter Zeit fand der Begriff „Unwetter“ inflationär häufig Verwendung in den Wettervorhersagen. Sie vertraute darauf, dass schon nichts passieren werde.
Helene stellte eben den Teller mit den belegten Broten und das Glas Rotwein vor den Fernseher, als das Bild plötzlich bedenklich flackerte. Dunkle Wolken hingen über den Dächern der Häuser an der Lindenstraße.
Sie schloss gerade die Fensterläden, als dicke Tropfen gegen die Scheiben klatschten. Fernseher aus, Leselampe an. Helenes aktuelle Lektüre hieß: „Was die Schule unseren Kindern antut“. Die Diskussion um bessere Bildungschancen für alle Kinder beherrschte im Augenblick den Sachbuchmarkt.
Helene kam plötzlich die eigene Kindheit in den Sinn. Ha, die Lehrer konnten nicht einmal ihre Handschrift unterscheiden. Davon profierten beide, Jutta in Deutsch, Helene in Mathe. Sie brachte den Text über Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll so schnell und fließend zu Papier, dass sie in der angegebenen Zeit mühelos zwei Exemplare abliefern konnte und eines davon der Schwester „unterschob“. Die rackerte sich in der Zwischenzeit mit ziemlichem Kauderwelsch ab, was am Ende reif für den Tornister war. Bloß nicht in den Papierkorb in der Klasse werfen, denn dort entdeckte es am Ende noch der Lehrer. Die Vorgabe galt umgekehrt für Kurvendiskussionen. Sie sind bis heute ein Orakel für Helene.
Die Fensterläden rappelten unentwegt. Hoffentlich hielten die Dachpfannen, wünschte sie sich. Wind pfiff durch jede Ritze der Fassade.
Schon um kurz vor acht war es stockdunkel. Als es an der Haustür klingelte, erhob sie sich nur langsam und unwillig von der Couch und drückte den Knopf der Gegensprechanlage. „Ja bitte?“, rief sie.
„Holtmann, guten Abend, können Sie mir bitte öffnen. Ich habe das Wetter völlig unterschätzt und nun sehen Mia und ich buchstäblich wie zwei begossene Pudel aus“, kam die Antwort.
„Ich kenne weder einen Herrn Holtmann noch eine Mia“, entgegnete Helene. Was zugegebenermaßen nicht ganz richtig war, denn sie erkannte die Stimme des Mannes.
„Sehen Sie, dann haben Sie jetzt die Gelegenheit dazu“, lautete die selbstbewusste Retourkutsche. „Sowieso ist die Haustür bereits abgeschlossen.“ „Dann müssen Sie wohl herunterkommen.“ Sein Ton wurde langsam ungeduldig.
Helene schaltete das Licht im Treppenhaus ein und lief seufzend die Treppe hinunter. Obwohl die beiden Gestalten unter dem Vordach etwas im Trocknen standen, hatte der Besucher nicht übertrieben.
Noch immer lief das Wasser nur so an ihnen herunter. „Du lieber Himmel, Sie sehen ja aus, als stünden Sie unter der Dusche“, lachte Helene. Im Flur bildete sich um die ungebetenen Gäste sofort eine riesige Pfütze.
„Wir werden uns erkälten und ich befürchte, tagelang das Bett hüten zu müssen“, jammerte Holtmann. „Was kann ich dafür?“, wollte Helene wissen.
„Dagegen“, berichtigte er. „Ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn ich Ihre Dusche benutzen könnte und Sie in der Zwischenzeit Mia trockenrubbeln könnten.“
Helene setzte soeben zu einer Erwiderung an, als, wie nicht anders zu erwarten, Frau Schulte ihre Wohnungstür öffnete.
Was sich hier abspielte, war unterhaltsamer als jeder Film und im Fernsehen werden ohnehin nur noch Wiederholungen gesendet.
Die Augen der alten Dame funkelten vergnügt. Sie wollte keinen Moment verpassen.
Da kümmerte es sie wenig, im Nachthemd und ausgelatschten Plüschschluffen dazustehen. „Frau Schulte, es ist nicht…“
Oh nein, Helene wäre am liebsten im Boden versunken. „Duschen können Sie auch hier unten und die Sportsachen meines Enkels, die ich heute gewaschen habe, sind schon trocken. Sie müssten Ihnen passen“, bot Frau Schulte an.
Herr Holtmann schenkte der alten Dame ein warmherziges jungenhaftes Lächeln, dankte artig und stand einen Moment lang unentschlossen da.
„Na, dann ist ja alles geregelt. Schönen Abend allerseits.“ Erleichtert wandte sich Helene zum Gehen.
„Benutzten Sie etwa eine Rheumasalbe?“ Holtmann litt augenblicklich unter erheblicher Atemnot. „Junger Mann, denken Sie bloß nicht, das Alter sei lustich“, belehrte Frau Schulte ihn. „Tut mir leid, Allergie“, stammelte Holtmann, fasste sich an die Brust und schleppte sich schwerfällig die Stufen hinauf.
„Haben Sie gehört: Junger Mann hat Sie gesagt“, tirilierte er nun. „Simulant!“, schimpfte Helene. „So können Sie das nicht sagen“, kam die Antwort. „Ich fühlte mich plötzlich um Jahrzehnte gealtert“, argumentierte er.
Ungefähr eine Stunde später, als er es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatte, wirkte er in seinem TuS-Trikot eher wie ein Schuljunge. „Deine Butterbrote schmecken ausgezeichnet“, glaubte Helene zu verstehen.
Ihrem Gast gelang es, zwei Brotscheiben gleichzeitig in den Mund zu schieben. Vom Sessel aus betrachtete sie ihn genauer.
Seine schlanke sportliche Statur war ihr schon an der Haustür aufgefallen. Allerdings war seit dem letzten Frisörbesuch wohl schon eine ganze Weile vergangen. Widerspenstige blonde Strähnen standen in alle Himmelsrichtungen. Der stoppelige Drei-Tage-Bart wies indes graue Stellen auf.
„Ich bin übrigens Matthias“, stellte er sich vor. – „Helene“, entgegnete sie tonlos.
Seit sich dieses Hundeungetüm auf ihren Füßen gemütlich gemacht hatte, fühlten sich ihre Beine nass und schwer an. Obwohl sie das alte Handtuch, mit dem sie den Hund unbeholfen trocken rubbelte – man weiß ja nie, ob so ein Tier unvermittelt zuschnappt – bereits in die Waschmaschine gesteckt hatte, roch die Wohnung nach nasser Gartenerde.
„Ich weiß, wie du Mias Herz im Sturm eroberst“, sagte Matthias. „Gibt es bei dir Fleischwurst?“ Wortlos zeigte Helene auf den Kühlschrank. Fast gleichzeitig erhoben sich Herrchen und Hund.
„Hast du niemanden, der euch abholen könnte?“, fragte Helene vorsichtig und merkte sofort, dass die Stimmung kippte. „Nein“, entgegnete er, verabschiedete sich knapp und verschwand. Dem Hund blieb nicht einmal genug Zeit, die Wurst zu verschlingen.
Konnte es sein, dass das Leben plötzlich irgendwie leichter, schöner war?
Kindischer Unfug! Der Sonnenschein hatte eben positive Auswirkungen auf die Laune der Menschen, die Stadt schien sauberer, die Häuserfassaden strahlten freundlicher.
In ihrer Trauer gestand sie sich keine unbeschwerten Gedanken zu, basta! Als erstes bekamen die Balkonkästen die verdiente Runderneuerung.
„Ich habe den Zettel für dich auf die Treppe gelegt“, begrüßte Frau Schulte eines Abends ihre Vermieterin schmunzelnd.
„Er hat die Sportsachen heute vorbeigebracht. Sauber, wenn auch nicht ganz ordentlich gefaltet. Wir haben en Tass Kaff getrunken und uns dabei herrlich unterhalten. „Der wohnte früher am Uhlenhorst, ist noch gar nicht lange hier“, erzählte die alte Frau.
„Die Sachen lagen in so ´nem Stoffbeutel von einer Zoohandlung. Matthias hat gesagt, ich soll den Zettel in dem Beutel auf die Treppe legen. Aber dat is ja Quatsch. Die Tasche kann ich beim nächsten Einkauf gut gebrauchen. Oder hast du wat dagegen?“ Helene verneinte.
War die Tasche ein Wink mit dem Zaunpfahl? Vielleicht zu weit hergeholt. Helene stutzte, als sie das doppelseitig handbeschriebene Papier aus der Tasche zog.
Ohne Anrede kam er auf den Punkt: „Weder der AC Mailand, ManU noch die Borussia brauchen in dieser Saison einen erstklassigen Stürmer. Mein Agent hat strenge Anweisung, keinen Kontakt mit Bayern München aufzunehmen.
So schraubte ich meine Ansprüche herunter und fragte schließlich sogar bei TuSpo Huckingen nach, ob er an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert sei. Weißt Du, welche Gegenfrage mir stattdessen gestellt wurde? Ob ich über eine Trainerlizenz verfüge? Unter diesen Umständen kann der rechtmäßige Besitzer die Sportbekleidung gern wieder haben.
Gruß Matthias P.S. Sehen wir uns bald?
„Der jeht janz schön ran“, meinte Frau Schulte, „das hat das Team in der Physiotherapiepraxis vorhin auch gesagt.“ – „Waaas?“, fragte Helene mit weit aufgerissenen Augen.
„Das Gekritzel kann doch niemand entziffern. Und die Leute in der Praxis sind doch so nett. Es hätte ja schließlich etwas Wichtiges sein können“, verteidigte sich die alte Frau. „Ich habe den Zettel mitgenommen, als ich eben zur Therapie musste und gemeinsam konnten die Leute dort den Text lesen“, erzählte Frau Schulte.
Helene packte das Papier und hastete so eilig hinauf, dass sie fast ins Stolpern geriet. „Immerhin hat sie den Brief nicht zerrissen“, murmelte die alte Frau und schlurfte in ihre Wohnung.
Eine unmögliche Person, wie konnte er sie so in Verlegenheit bringen? Beinah mechanisch legte Helene den Brief auf den Wohnzimmertisch.
Duschen, Schuhe putzen, Fernsehen. Sie fühlte sich leicht und fast ein bisschen glücklich. Ob es dem Hund gut ging? Bestimmt! Während der Schulferien besuchten sicher viele Familien das Tierheim. Und der Hund war ja eigentlich ganz nett.
Helene fühlte sich ein wenig verantwortlich für den Hund und lenkte ihren Wagen bei nächster Gelegenheit zum Tierheim.
„Während der Ferien ist es genau umgekehrt“, informierte die grüne Latzhose. „Etliche Leute denken bei der Urlaubsplanung nicht an ihr Haustier. Und abgesehen davon, dass Tierpensionen auch nur über begrenzte Kapazitäten verfügen, ist die Unterbringung dort selbstverständlich nicht kostenlos.“
So sehr sich haupt- und ehrenamtliche Tierheimmitarbeiter auch engagierten, der Hund, den Helene nun zum zweiten Mal besuchte, lehnte jeglichen Kontakt ab. „Wenn er ausgeführt wird, zieht er schon nach wenigen Metern Richtung Box zurück“, sagte die Latzhose.
„Und ob ich Sie zu dem armen Hund bringen soll, weiß ich wirklich nicht. Die letzte Begegnung mit Ihnen munterte ihn ehrlich nicht auf.“
„Ich weiß“, gestand Helene. Ihr Gang entlang der Boxen war von lautem Bellen, munterem oder auch ergebenem Winseln und unüberhörbarem Jaulen begleitet.
„Jeder will sich so gut wie möglich präsentieren“, erklärte die grüne Latzhose.
Der Fundhund hatte noch immer keinen Namen. Er zeigte der Welt wieder die kalte Schulter, oder besser, er drehte ihr den Hintern zu.
Weil Helene ihn mit „Na du, wie geht´s denn so?“, begrüßte, rollte Latzhose entsetzt mit den Augen und fasste sich an die Stirn.
Als habe er nur auf dieses Signal gewartet, drehte sich das Tier blitzschnell, blieb jedoch abwartend in der ihn schützenden Ecke. „Das gibt es doch nicht“, wunderte sich die Tierpflegerin.
„Na, komm“, flüsterte Helene freundlich. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie gar kein Leckerchen dabei hatte. „Kreischen Sie nicht wieder rum, wenn er auf Sie zustürzt“, riet die Expertin leise.
Fast schleichend näherte sich das Tier und legte winselnd seinen Kopf unter die Hand der Besucherin. Erst den Kopf, dann den ganzen Körper. Helene ging in die Hocke und schlang lachend beide Arme um den Hund, strahlte und flüsterte ihm Liebkosungen ins Ohr.
„Was ist denn mit Ihnen passiert? Haben Sie was genommen, oder waren Sie in der Hundeschule?“ „Wie heißt er?“ fragte Helene.
Im Trubel der vergangenen Tage hatte niemand daran gedacht, diesem traurigen Vierbeiner einen Namen zu geben, erfuhr sie.
„Was hältst du von Bommel?“ schlug Helene vor und informierte unvermittelt: „Ich nehme ihn mit.“
Na so etwas hatte Uta noch nie erlebt. Das ging ja gar nicht. Der Hund würde der alten Schrulle die Bude auf halb acht drehen, nachdem er die Autopolster zerrupft hatte.
Das vorhersehbare Ende vom Lied wäre im besten Fall ein erboster Anruf, bloß jetzt und auf der Stelle das Tier abzuholen. Genauso wäre die blöde Schabracke aber auch im Stande, den Hund einfach irgendwo auszusetzen.
Ihr Bemühen um einen freundlichen Ton führte unbeabsichtigt dazu, dass sie hochnäsig und belehrend rüberkam. „So geht das nicht. Sie müssen sich erstmal kennen lernen.“
Helene, die noch immer quasi mit vollem Körpereinsatz den Hund streichelte, verstand die Welt nicht mehr. „Aber das tun wir doch“, protestierte sie.
„Sie müssen mir glauben, wir wollen wirklich nur das Beste für den Hund und das heißt eben, dass wir ihm Enttäuschungen ersparen möchten. Was halten Sie davon, wenn Sie gemeinsam einen Spaziergang machen?“, schlug die Tierheimmitarbeiterin vor.
Vielleicht keine schlechte Idee, überlegte Helene. „Ich habe mir in den vergangenen Tagen viele Gedanken über Bommel gemacht“, räumte sie kleinlaut ein.
Minuten später schlenderte sie mit Bommel am Ruhr-Ufer entlang und hoffte insgeheim, sie müsse niemals diese Tüten benutzen, die ihr von Latzhose in die Hand gedrückt worden waren. Helene legte zwar Wert auf ihre Lernfähigkeit, doch müsste die nicht unbedingt überstrapaziert werden.
Nach anfänglich vorsichtigem Schnuppern am Wegrand hüpfte Bommel schon bald wie ein Schaukelpferd abwechselnd auf Vorder- und Hinterbeine. Fröhlich und ausgelassen legte er dann ein ordentliches Tempo vor.
Helene hielt entschlossen die Leine fest, ihr blieb also nichts anderes übrig, als mitzulaufen. In diesen Schuhen ein schwieriges Unterfangen. Der enge Rock tat ein Übriges.
Doch die gute Laune des Hundes übertrug sich auf sie und schon bald kümmerte sich das ungleiche Paar nicht mehr um die eigene Außendarstellung.
Andere Hunde ließ Bommel gewähren, zumindest jene, die Helene nicht zu nahe kamen. Rollende Fahrradreifen fand er wiederum so lustig, dass er am liebsten hineingebissen hätte. Schnell begriff er jedoch, dass nicht nur Helene davon gar nichts hielt.
Und ihr wollte er schließlich unbedingt gefallen. Sobald sie mit ihm sprach, schaute er sie mit großen Augen an, so als wolle er sagen: „Sag an, was soll ich tun?“
Als er merkte, dass es zurückging, setzte er sich mitten auf den Gehweg und starrte ins Leere. „Komm, du musst zurück, die warten doch schon auf dich“, erklärte Helene.
Offenbar hatte sich der Hund entschieden, Denkmal zu spielen. Helene versuchte es anstelle von Einsicht mit Ablenkung.
Bommel gab sich kompromissbereit. Vorwärts lief er zwar nicht mit, nach links und rechts aber schon. Und so standen sie schließlich doch vor dem Tor des Tierheims. Mit gesenktem Kopf ließ er sich in seine Box führen.
Helene wollte eigentlich noch: „Ich komme morgen wieder“, rufen. Doch der Hund tat ihr einfach viel zu leid.
Gut, dass mir niemand begegnete, den ich kannte, dachte sie.
Am Auto ordnete sie mit wenigen geübten Handgriffen ihre Frisur. Zog die Klämmerchen aus den Haarsträhnen und steckte sie an anderer Stelle so zusammen, dass sie wieder wie eine Deutschlehrerin aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts wirkte. Eine breite Laufmasche schlängelte sich am linken Bein hinunter.
So wäre sie unter keinen Umständen mit der Straßenbahn gefahren, allenfalls mit dem Taxi.
Erst zuhause merkte sie, dass ihr Arm und die Schulter schmerzten. Wohl von den ruckartigen Bewegungen des Hundes.
„Frau Schneider, so geht das nicht. Hier ist Schnöring.“ Der Mann, der auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, klang sehr verärgert. „Wir haben Sie nun schon dreimal angeschrieben. Ich verlange, dass Sie eine Entscheidung treffen. Setzen Sie sich bitte unverzüglich mit uns in Verbindung. Die Nummer kennen Sie ja.“ Ende der Nachricht.
Helene hatte nicht die leiseste Ahnung, was diese Nachricht bedeutete. Sie beschloss, die Angelegenheit an ihrem freien Tag zu klären.
In der folgenden Zeit besuchte sie Bommel täglich. Zur eigenen Verwunderung freute sie sich bereits beim Frühstück darauf.
Der Bearded Colly saß mittlerweile nicht mehr so traurig in seiner Box. Stück für Stück schien er wieder Vertrauen zu Menschen zu fassen. Und Helene hatte Anteil an dieser positiven Entwicklung. „Du bist plötzlich so anders als sonst“, meinte Annette einmal.
Die Idee, der Kollegin von Bommel und vielleicht Matthias zu erzählen, verwarf sie schnell. Bekanntlich gehörte Zuhören nicht zu Annettes hauptsächlichen Charaktereigenschaften. Sie würde sich allenfalls über die ältere Kollegin lustig machen.
Petra beschäftigte sich gerade mit Themen wie Zeugnissen, Schulwechsel, Urlaubsvorbereitungen. Man könnte sagen, genügend Aufgabenfelder.
Würde Helene Petra nun von Bommel berichten, schlüge die nur die Hände über dem Kopf zusammen.
Helene war es gewohnt, die Dinge mit sich allein auszutragen. Ein Hund jedenfalls passte nicht in ihr Leben. Da musste sie sich keine Illusionen machen.
Es wäre gut, wenn Bommel eine nette Familie fände und sie ihren Egoismus zurückstellte. Helene war so sehr in Gedanken, dass sie Matthias zunächst gar nicht erkannte. Die Begegnung hier, ausgerechnet im Tierheim, war ihr unangenehm.
Zwar bildete sie gemeinsam mit Bommel nicht mehr das wilde, alberne Gespann. Es verging jedoch nicht ein Nachmittag, an dem sich nicht mindestens ein Passant über den ungestümen Hund beschwerte, obwohl der ja nichts für sein schlechtes Benehmen konnte. Mia hingegen verfügte, jedenfalls soweit Helene das beurteilen konnte, über keinerlei negative Eigenschaften.
Dass Matthias gerade mit Latzhose sprach, erschwerte die Situation zusätzlich. „Du schaust dich nach einem weiteren Hund um?“, fragte sie nach knapper Begrüßung. „Irgendwie schon“, antwortete „Latzhose“ etwas zögerlich. Matthias schwieg.
„Man sieht doch, dass Bommel und sie Spaß miteinander haben“, führte sie weiter aus. „Doch sie haben eben keine Erfahrung mit Hunden. Von weitem hören wir, wie sich der Hund gegenüber Artgenossen oder Passanten mit lautem Gebell zu behaupten versucht“. In Helene keimte ein Gefühl von Wut auf.
„Herr Holtmann ist Hundetrainer und half schon häufig bei erfolgreichen Vermittlungen. Er könnte Ihnen ein paar Tipps bei der Erziehung geben. Bommel ist ja noch jung. Er lernt sicher schnell.“ So war das also, Matthias spielte den Aufpasser.
„Nicht weit von hier ist ein Straßencafé. Bei diesem herrlichen Wetter ist es sicher noch geöffnet“, meinte Matthias. Helene lachte. „Bist du gegen Hundevandalismus versichert?“, erkundigte sie sich.
So sehr sie auch die Vorstellung von einer herrlichen Tasse Tee reizte, aber Bommel zwischen vielen sonnenhungrigen Menschen und Tischen voller Eisbecher, Kuchen und Kaffeegedecke? Nein, das hatte sie bis jetzt aus gutem Grund noch nicht getestet.
„Du meinst, ob ich eine Hundehaftpflichtversicherung für Mia abgeschlossen habe? Schon, aber zum Glück musste ich sie noch nie in Anspruch nehmen“, antwortete er.
Helene überließ Matthias die Leine. War wohl ratsam unter diesen Umständen. Hunde reagieren eben nicht alle gleich. Mal sehen, ob sich Bommel neben Matthias anders benahm als mit ihr.
„Wir tauschen einfach“, schlug er vor und ging hinter dem Tierheim zielstrebig auf ein wirklich hässliches Fahrzeug zu. Große alte Bäume spendeten dem Wagen Schatten.
Erst jetzt sah Helene, dass die doppeltürige Heckklappe geöffnet war. „Betreibst du einen Lieferservice?“, erkundigte sie sich skeptisch.
„Nicht, wenn du ofenfrische Pizza, leckere Pasta oder köstliches Sushi meinst“, entgegnete Matthias gut gelaunt.
Mit einem Satz sprang Mia aus dem Auto heraus, begrüßte zunächst Matthias, dann Bommel, zuletzt Helene.
„Hier ist der Einstieg für Mia nicht ganz so hoch, wie er bei einem Geländewagen wäre. Trotzdem kann sie es sich bequem machen. Darauf kam es mir an. Außerdem ist der Spritverbrauch geringer“, erklärte Matthias.
Zumal ein Offroader in der Stadt irgendwie deplatziert wirkt, fand Helene.
Mia, das Ergebnis einer stürmischen Begegnung zwischen einer reinrassigen Königspudeldame und einem ein wenig eingebildeten ebenfalls reinrassigen Afghanen, und Bommel waren etwa gleich groß.
Matthias hielt Bommels Leine jetzt locker in der rechten Hand. „Fuß, ja fein machst du das“, lobte er. Der Hund schaute ihn mit großen Augen an. Man spürte deutlich Bommels Bemühen um Anerkennung. „Ja schau, das machst du schon richtig gut“, sagte Matthias.
Er wählte nicht den direkten Weg zum Café, sondern nahm den Umweg über eine große Wiese. Dann ließ er seine Hündin an einem Tennisball, den er aus seiner Tasche zog, schnüffeln.
Unter fast allen Bäumen hatten es sich Menschen bequem gemacht. Da wurde gelesen, Karten gespielt, ein Picknickkorb ausgepackt oder einfach nur ein Nickerchen gehalten.
„Mia, sitz und bleib“, sagte Matthias. Instinktiv blieb auch Helene stehen und mit ihr Bommel. Kurze Zeit später verschwand Matthias für Sekundenbruchteile hinter der einzigen „leeren“ Baumgruppe.
Mia konnte es kaum erwarten, bis er neben ihr stehend, das Kommando „Such“ gab. Freudig lief der Hund los, die Nase immer dicht am Boden. Mal folgte er Matthias Spur direkt, dann im Zick Zack.
Helene war sich plötzlich nicht ganz sicher, ob Matthias den Ball da oder dort versteckt hatte. Der Hund schien die Spur verloren zu haben.
Ausdauer und Beharrlichkeit führten ihn schließlich doch ans Ziel, so dass Mia ihrem Herrchen am Ende stolz den Ball präsentierte.
Nun hatte Bommel, der sich bis jetzt von Helene liebevoll streicheln ließ, lange genug gewartet. Er bellte auffordernd, als wollte er sagen: „Jetzt bin ich an der Reihe.“ Dass er allerdings die Ausflügler in Ruhe ließ, bezweifelte Helene. Aber Bommel, der in Mia eine gute Lehrerin fand, erwies sich als sehr lernfähig. Die Vier setzten das Suchspiel noch eine ganze Weile fort, denn die Hunde ignorierten die übrigen Passanten.
Das Straßencafé hatte längst geschlossen, als Helene und Matthias dort ankamen.
„Treffen wir uns gleich noch irgendwo?“, fragte Matthias, als sie wieder vor dem Tierheim standen.
„Besser nicht“, antwortete Helene, „ich muss mich auf den morgigen Tag vorbereiten. Es gibt etwas zu erledigen, das ich schon viel zu lange vor mir herschiebe.“
„Heißt das, du kommst morgen auch nicht hierher?“, wollte Matthias wissen. „Ich meine nur wegen Bommel“, fügte er eilig hinzu.
„Am Abend komme ich natürlich hierher. Bis dahin weiß ich Näheres. Es sei denn, das Tierheim hat bis dahin ein nettes Zuhause für ihn gefunden.“
Matthias sah sie verständnislos an. „Ich dachte, du willst ihn aufnehmen.“
Den folgenden, stockend vorgetragenen Monolog richtete Helene mehr an sich selbst als an ihr Gegenüber.
Soviel war doch klar, man konnte die Angelegenheit drehen und wenden, wie man wollte, Bommel hatte keinen Platz in Helenes Leben. Er konnte unmöglich den ganzen Tag allein zuhause bleiben und die Mittagspause war einfach zu kurz, um nach Hause zu fahren, mit dem Hund einen kleinen Spaziergang zu unternehmen und dann wieder ins Geschäft zu fahren.
„Du machst dir immerhin schon Gedanken darum“, stellte Matthias fest.
Als Helene am nächsten Morgen geduscht hatte, erkundigte sie sich bei Frau Schulte, ob sie ihr etwas vom Bäcker mitbringen könne.
Sie ließ sich Zeit für ein ausgedehntes Frühstück auf dem Balkon. Dann stieg sie die Treppe zu Juttas Wohnung hinauf.
Pulsuz fraqment bitdi.