Kitabı oxu: «Blindgänger»
Über dieses Buch
Ein Mann erwacht nach einem Sturz im Krankenhaus und hat sein biografisches Gedächtnis verloren. Widerspenstig setzt er sich mit dem ‹Andern› auseinander, der er zuvor gewesen sein soll, ein eher farbloser Französischlehrer an einem Gymnasium.
Frau und Tochter besuchen ihn – keine Erinnerung. Wie mag ihre Ehe gewesen sein, ihr Familienleben? Sein offenbar bester Freund, ein Lehrerkollege, erzählt von ihrer beider Frust und ihren Aussteigerträumen. In den Dateien auf ‹seinem› Laptop macht er sich auf die Suche nach seiner Geschichte und verarbeitet auf Anraten des Arztes seine eigenen, ihm nun fremden Aufzeichnungen des vergangenen Sommers. Vor dem Unfall hat der Französischlehrer ein Sabbatical in Royan an der französischen Küste verbracht. Offenbar soll er dort in den letzten Kriegswirren geboren und als Waisenkind in die Schweiz gebracht worden sein.
Je mehr er über die Person erfährt, die er angeblich ist, desto weniger weiss er, ob er in deren Leben zurück will. Aber Frau und Tochter warten auf seine Rückkehr, der Arzt auf seine Erinnerungen …
«Blindgänger» ist ein überraschender Roman über die Verweigerung gegenüber der Geschichte – der kleinen biografischen wie der großen geschichtlichen –, der zurückführt in einen Sommer am Atlantik und in die Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs.

Foto Ayșe Yavaș
Ursula Hasler ist in Schaffhausen aufgewachsen und lebt heute in Baden. Sie studierte in Zürich Germanistik und Psychologie. Aus einem Studienjahr in Frankreich wurden in der Folge fast zehn Jahre Leben und Arbeiten in Paris. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz arbeitete sie als Übersetzerin und Dozentin an der Dolmetscherschule Zürich. Sie ist heute als Professorin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften tätig und hat zu wissenschaftlichen Themen publiziert. «Blindgänger» ist ihr erster Roman.
Ursula Hasler
Blindgänger
Roman
Limmat Verlag
Zürich
Die nette Frau, die behauptet, meine Frau zu sein, hat mir gestern das Laptop ihres Mannes mitgebracht.
«Typische Ausdrucksweise von Marty», habe ich an den Rand meiner Gesprächsnotizen unserer ersten Therapiesitzung gekritzelt. Jean-Pierre Marty war ohne Zweifel mein sonderbarster Fall, und an eigenartigen Fällen mangelte es mir beileibe nie.
In weiser Voraussicht hatte ich kraft meiner Autorität als leitender Arzt der Klinik Rychenegg den Fall Jean-Pierre Marty zur Chefsache erklärt. Zu Beginn deutete nichts darauf hin, dass seine Krankengeschichte in irgendeiner Weise ungewöhnlicher wäre als vergleichbare Anamnesen von Gedächtnisverlust. Im Gegenteil, meine Einschätzung der Heilungschancen war aufgrund der neurologischen Abklärungen vorsichtig optimistisch. Dann nahm die Geschichte eine merkwürdige, für mich bis heute kaum nachvollziehbare, geschweige denn medizinisch erklärbare Entwicklung. Ich bin auf der ganzen Linie ratlos, was beim Fall Marty wahr ist, ob irgendetwas wahr ist.
Die erste Sitzung war am Dienstag, 9. September 2003, auf zehn Uhr angesetzt, in meinem Büro im alten Ostflügel der Klinik, in dem jegliche Assoziation mit einer ärztlichen Praxis sorgsam vermieden wird, ein herrschaftlicher Raum mit hohen Fenstern, durch die an diesem Vormittag eine kräftige Septembersonne drängte, in Schach gehalten von unästhetischen, aber äußerst praktischen Hängestoren, die eine subtile Regelung des Lichteinfalls ermöglichen.
Beim Eintreten fiel Martys Blick sogleich auf die Couch, von mir zwar nie gebraucht, aber doch als analytisches Requisit vorhanden. Er wünsche ein gleichberechtigtes Gespräch, face à face.
Ich bat ihn, im Sessel mir gegenüber Platz zu nehmen.
Er sei mit dem festen Vorsatz zur Sitzung gekommen, sich nicht in therapeutische Spielchen verwickeln zu lassen, er wolle klare Antworten auf schwierige Fragen. Ob ich als Psychiater in der Lage sei, seine Lage zu erfassen?
Ich schluckte, die Professionalität gebot mir, vorerst zu schweigen.
Marty sprach jedoch nicht weiter, er saß im Besuchersessel mit Blick auf das Fenster, sah mich unverwandt an und bat nach einiger Zeit, die Plätze zu tauschen.
Er brachte mich ein erstes Mal aus dem Konzept.
Bitte schön, ich erhob mich, schritt um den breiten Glastisch herum und überlegte fieberhaft, welches Spiel er zu spielen beabsichtigte. Nach dem Platzwechsel saß Marty mir gegenüber, hinter dem Schreibtisch auf dem ledernen Therapeutensessel, meinem Sitz, und ich befand mich erstmals auf dem leicht tieferen Klientensessel, eine wesentliche Kleinigkeit. Ich sah Marty und sah ihn nicht, sah auf der andern Seite der spiegelnden Tischplatte im Gegenlicht einen Schattenriss, eine dunkle Silhouette.
Wie weiß man, wer man ist?
Marty hatte eine Weile gewartet, sich zurückgelehnt und die Frage gestellt: Wie weiß man, wer man ist? Was, wenn mit dem Gedächtnis auch das Ich ausgelöscht ist?
Ich schwieg vorsichtshalber, die Fragen stellt eigentlich der Therapeut. Aber auf dessen Sessel saß jetzt Marty.
Hmh, wer kann schon von sich behaupten zu wissen, wer er ist? Die Identität, vielleicht ist sie ein Sammelsurium der Spekulationen über die Bilder, die andere von einem haben.
Es klang wenig überzeugend, ich nahm einen neuen Anlauf.
Eine psychologische Theorie besagt, dass die Identität der Filter ist, der entscheidet, wie Erlebnisse als Erinnerungen gespeichert werden.
Marty zuckte die Schultern. Eben, dann verschwinde logischerweise bei Gedächtnisverlust auch die damit verbundene Identität. Er habe keine mehr.
Seine Hände schoben die Patientenakten auf meinem Tisch umher. Die Sinnlosigkeit der entstehenden Unordnung machte mich ganz nervös.
Wie war einer, der sich so kleidete wie der Besitzer dieser Kleider? Marty zupfte nun an seinem Hemd herum.
Jeden Morgen betrachte er, was ihm in den Kleiderschrank gehängt worden war, und wähle aus. Heute das hellblaue Leinenhemd und die dunkelbeige Twillhose, die Hosen seien ihm übrigens alle ein bisschen zu weit. Da hingen noch feine Cordhosen mit Bundfalten und eine Jeans, weitere unifarbene Hemden, zwei feine Wollpullover, dunkelblau mit Rundausschnitt und dunkelgrün mit V-Ausschnitt, und eine braune Wildlederjacke. Auch drei Schlafanzüge aus bestem Baumwolljersey. Unterwäsche und Socken seien nicht weiter nennenswert. Dass er hier nicht in rotglänzendem Trainingsanzug und klotzigen Sportschuhen mit drei Streifen vor mir sitze, ich muss erstaunt den Kopf gehoben haben, ja, solche Exemplare seien ihm in den Gängen begegnet, das beweise doch nur, abgesehen davon, dass solches nicht im Schrank hänge, dass er, oder müsste er vielmehr sagen: der Besitzer dieser Kleider, damit die Zugehörigkeit und Identifikation mit einer bestimmten sozialen Gruppe signalisieren wolle.
Meine Frage, ob er sich denn unwohl fühle in diesen Kleidern, wusste er nicht gleich zu beantworten.
Keine Gefühle, nein. Ohne Vorstellung einer Identität wisse er schlicht nicht, welcher Kleiderstil ihm entsprechen würde. Also sei es egal, wie er sich zurzeit kleide, er könne genauso gut die Kleider dieses Gymnasiallehrers Marty tragen, offensichtlich ein Feingeist mit ganz gutem Geschmack. Vielleicht auch derjenige seiner Frau.
Marty schwieg, und ich nutzte die Gelegenheit für einen den konventionellen Standard wieder etablierenden Platzwechsel. Auf dem vertrauten Sessel und mit der Sicherheit der hergestellten Ordnung, auch die Patientenakten säuberlich zurück auf einer Beige, lenkte ich den weiteren Verlauf der Therapiesitzung, wie es sich gehörte.
Gut, ich denke begriffen zu haben, dass Ihr Problem nach dem totalen Verlust der Erinnerungen die Frage nach der Identität ist. Ob er sich hier in der Klinik Rychenegg wohlfühle, ob er bereits Gelegenheit hatte, den wunderschönen Park mit dem alten Baumbestand zu erkunden, ich klang schon wie der Marketingfritz unserer Klinik.
Er nickte abwesend.
Ob er mir nicht erzählen wolle, wie er die beiden Tage seit seiner Ankunft verbracht habe? Das ihn überweisende Kantonsspital hatte eine retrograde Amnesie als Folge eines Sturzes mit seitlichem Aufschlagen des Kopfes diagnostiziert. Marty schien aufgrund erster Untersuchungen unter einem kompletten Verlust persönlicher Erinnerungen zu leiden, jedoch ohne Beeinträchtigung der andern Gedächtnissysteme, ich vermutete ein mnestisches Blockadesyndrom des episodischen Langzeitgedächtnisses.
Er nickte erneut. Die nette Frau, die behaupte, seine Frau zu sein, habe ihm gestern Vormittag das Laptop ihres Mannes mitgebracht.
Martys demonstrative Abwehr machte mich hellhörig, er akzeptiere doch, dass keine Zweifel über seine faktische Identität bestünden? Dass er Jean-Pierre Marty sei. Es sei leider nicht zu überhören, wie angestrengt er die Ichform zu vermeiden trachte, wenn er über die Zeit vor dem Gedächtnisverlust spreche. Es höre sich für einen Außenstehenden an, als handle es sich bei Jean-Pierre Marty vor dem 15. August um eine andere Person.
Richtig. Unerwartet erhob sich Marty, beugte sich erregt über den Schreibtisch, ich hätte den Finger treffsicher in die Wunde gelegt. Täglich erwache er in einem ihm komplett fremden Körper. Jeden Morgen putze er sich die Zähne mit dessen Zahnbürste, benutze dessen Rasierer und Rasierwasser, unsicher, ob er den Duft überhaupt möge. Jeden Morgen ziehe er sich die Hüllen des Besitzers dieser Kleider über, selbstverständlich alles frisch gewaschen, schlüpfe täglich in dessen Haut, und manchmal ekle es ihn. Sein Ich sei, er rechnete kurz, genau neunzehn Tage alt, davor steckte ein Jean-Pierre Marty im gleichen Körper, ja, diese Tatsache sei ihm bestens bekannt. Er sei ein Schauspieler, der zwar den Namen seiner Figur kenne, bloß leider das Stück nicht, das gespielt werde.
Ich bat ihn, sich wieder zu setzen. Und weiterzuerzählen.
Ja. Das Laptop liege seither auf seinem Tisch, genau in der Mitte, eine zugeklappte Auster. Er habe Kreise um den Tisch gedreht, wollte es erst öffnen, wenn er sichergehen konnte, nicht mehr gestört zu werden. Nach dem Essen lasse man ihn gewöhnlich in Ruhe. Aber dann habe er nicht gewagt, das Ding zu berühren. Er habe die Balkontür aufgerissen, kühle Luft mit heiteren Geräuschen sei von außen in den Raum geflossen und er habe sich draußen in den Korbstuhl gesetzt, als ihn plötzlich eine unbändige Lust zu rauchen anfiel. Keiner habe ihn vorgewarnt, offensichtlich sei Marty kein starker Raucher gewesen, der süchtige Körper hätte dem unwissenden Kopf sonst längst gezeigt, was er braucht. Hastig habe er einen Schluck Wasser getrunken, überall und jederzeit stünden in der Klinik ja Mineralwasserflaschen und Gläser herum, Wassertrinken als Grundlage und Voraussetzung jeglicher Behandlung, wenn nicht der Existenz überhaupt. Trinken Sie, Herr Marty, Sie haben ja heute noch gar nichts getrunken! Wie oft er das zu hören bekomme, der Wasserstand in der Flasche markiere seine Folgsamkeit oder Rebellion. Die sei schwach, gegen die Überzeugungskraft des Wassers komme er nicht an, also trinke er, soll sich dieses Gehirn, das ihn so schmählich im Stich lasse, doch vollsaugen wie ein Schwamm, besser noch ersaufen im lauwarmen Mineralwasser. Er habe mit der Faust auf das Eisentischchen geschlagen, das Glas sei weggerutscht, auf dem Steinboden zersprungen. Solche Wutanfälle überfielen ihn häufig, unvorbereitet und kurz, vermutlich Hinweis auf eine cholerische Persönlichkeit, nicht wahr.
Ich schüttelte den Kopf, es sei unwichtig, ob er aus der Erinnerung beschreiben könne, was er von seinem Balkon aus sehe.
Marty verzog den Mund, belustigt, ihm sei schon klar, dass ich ihn testen wolle, nur zu. Also, er habe sich ans Geländer gelehnt, es laufe das ganze Stockwerk entlang, bestimmt hundert Meter, auch über die zwei Stockwerke darunter und noch eines über ihm. Eine uniforme Balkonfassade auf der Südseite des Gebäudes, halb transparente, in Eisenrahmen gefasste Glaswände begrenzten die jedem Zimmer zugeteilten Balkonmeter. Vermutlich ehemals ein Kurhotel, nicht wahr, Jahrhundertwende, wie er angesichts der hohen Räume und verzierten Eisengeländer schätze.
Ich nickte.
Im Klinikpark rauschende Eschen oder Ulmen, so gut kenne er die Bäume nicht, aber die Namen tauchten ohne Nachdenken im Kopf auf, wie er mit Erleichterung festgestellt habe. Unten schlängelten sich Wege zwischen mächtigen, in die Jahre gekommenen Büschen. Rhododendren, Azaleen, Hortensien, auch die Sträuchernamen fielen ihm problemlos ein, sein Gedächtnis könne also Schulwissen abrufen, welch lächerlicher Trost.
Ich nickte erneut und notierte: semantisches Gedächtnissystem funktionsfähig.
Er möge den Blick von oben, Personal in weißen Schürzen querte den Park, immer beschäftigt, oder sie taten so, andere Personen spazierten oder ruhten auf Bänken, in der bequemen, das heißt unverkennbar schlabbrigen Bekleidung, mit der sich niemand ins Freie trauen würde, außer im Schutz einer Klinik.
Ich schmunzelte und schrieb: perzeptuelles Gedächtnissystem ebenfalls nicht betroffen.
Die jetzt überall draußen sitzenden Insassen seien Patienten, man werde aber mit professionellem Lächeln, das mit keinem Widerspruch rechne, als Gäste bezeichnet. So viel habe er gelernt. Auch er ein Gast, Aufenthaltsdauer unbestimmt, Ende ungewiss.
Selbstredend enthielt ich mich einer Antwort, schrieb: ausschließlich retrograde Amnesie.
Er wisse, warum er hier sei, und wisse doch nichts. Täglich falle sein Blick beim Aufstehen als erstes auf die Uhr und das leuchtende Datum, beides zu wissen gehöre wohl zur Therapie, Uhrzeit, Datum, unbestechliche Messgrößen für Realität und die stumme Aufforderung an ihn, sie sich zu merken. Das dürfte doch die wirkliche Bestimmung des Digitalweckers sein, nicht wahr. Nicht ihn zu wecken. Jeden Morgen hole ihn eine weiß gekleidete Person mit weißen, leise knirschenden Gesundheitsschuhen aus dem Schlaf. Aus einem schweren, traumlosen, vermutlich medikamentösen Schlaf, man nötige ihn zur Einnahme einer beachtlichen Menge von pharmazeutischen Mitteln. Noch schicke er sich drein, eines nach dem andern, aber zu gegebener Zeit würde er sich genauer mit dem Pharmacocktail beschäftigen.
Ich beruhigte ihn, Wahl und Dosierung der medikamentösen Behandlung seien Teil der Therapie und würden gemeinsam mit ihm beschlossen. Dazu brauche es jedoch genauere Kenntnis meinerseits über seinen eher ungewöhnlichen Fall. Ich bat ihn, nun an den Anfang zurückzugehen, zum Zeitpunkt des Aufwachens aus dem Koma.
Ja, der Anfang seines jetzigen absurden Zustands lasse sich genau festlegen, es begann an jenem Sonntag, dem 24. August, als er im Kantonsspital erwachte, in einem älteren Männerkörper, da gab es nichts zu deuteln. Und kein Ende in Sicht. Der Kopf fühle sich merkwürdigerweise nicht leer an, obwohl da nichts Brauchbares mehr drin war. Marty fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, diese Geste, sehen Sie, scheint eine typische Handbewegung von mir zu sein. Unverständliche Gesten, unwillkürliche kleine Ticks, er beobachte sich gnadenlos. Ein neugeborener Geist im erfahrungsmüden Körper eines bald Sechzigjährigen. Es sei nicht auszuhalten.
Das Aufwachen aus dem Koma, in dem er nach Aussagen der Ärzte des Kantonsspitals über eine Woche gelegen hatte, war schubweise verlaufen. Nach einigen Anläufen habe er es geschafft, wach zu bleiben, fühlte sich gesund und wusste nicht, weshalb er an Schläuchen angeschlossen in einem Spitalbett lag, an dem ein Schild mit Jean-Pierre Marty hing. Die Pflegerin, deren freundliche Stimme unermüdlich versucht hatte, ihn bei seinen Auftauchern festzuhalten, begrüßte ihn fröhlich, so Herr Marty, diesmal haben wir es geschafft, möchten Sie was trinken? Ja, sein Mund fühlte sich pelzig an. Aber in welchem Irrenhaus war er da gelandet? Warum sie ihn ständig Marty nenne, das Sprechen fiel ihm schwer, die Zunge so dick, er heiße doch … Bleierne Leere im Kopf und keine Vorstellung, wer er war. Ein Panzer lag ihm auf der Brust, er rang nach Luft, bloß weg hier, gleich würde er aus dem Albtraum aufwachen, er sank wieder weg. Die Pflegerin schüttelte ihn unsanft, nicht mehr einschlafen, Herr Marty, bleiben Sie hier. Gut, dann blieb er halt, auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, wer dieser Marty war und wo er bleiben sollte. Keine Erinnerung. Nichts.
Das wortlose Entsetzen nach dem Aufwachen vermöge er auch jetzt, zwei Wochen später, noch beliebig auszulösen, sobald er den inneren Film wieder ablaufen lasse. Die Leere liege nicht im Kopf, nein, im Herzen, in der Seele, falls es denn so was geben sollte, flaumig weich und nicht zu fassen. Der Geist erwachte in einem unbekannten Leib. Wieder und wieder habe er seine Hände betrachtet, eher schmal, schlanke Finger, die sich Tausende Male gedehnt und die zugepackt hatten, Haut mit Falten und ohne Schwielen, welche Tätigkeit gehörte zu diesem Mann? Jede Minute habe sich im Gedächtnis eingebrannt, das nach dem Neustart, so nenne er das Aufwachen an jenem Sonntag, 24. August, wieder zuverlässig arbeitete, geradezu auf Hochtouren, sich alle Einzelheiten einprägte, wie um das Verlorene bei ihm gutzumachen.
Am Sonntagnachmittag war nach dem Erwachen nur wenig Zeit geblieben, das Ungeheure zu erfassen. Die Ärzte beruhigten ihn, solch temporäre Amnesien könnten nach einem mittelschweren Schädel-Hirn-Trauma wie in seinem Fall auftreten, die Erinnerungen seien in der Regel nach Stunden, manchmal auch Tagen langsam wieder abrufbar. Er solle sich keine unnötigen Sorgen machen, Aufregung sei ganz schlecht, jetzt werde erst mal abgewartet. Kaum hatten die Ärzte die ersten Untersuchungen beendet, öffnete sich die Tür, und eine nicht mehr ganz junge, gutaussehende Frau und ein etwa gleich großes Mädchen stürzten freudig ins Zimmer. Mit knapper Not habe er der Umarmung der beiden fremden Frauen ausweichen können.
Das Drama begann. Stunden, Tage, Nächte vergingen, er marterte sein Gehirn, sprach die Namen Annet und Nadine laut aus, vielleicht gab es über die Ohren einen Zugang zum Gedächtnis, er suchte fiebrig, kein noch so winziges Bildfetzchen blitzte auf, nur graue Flusen, wo einst seine Erinnerungen lagen. Hartnäckig besuchten ihn die Frau und das Mädchen, versuchten alles Mögliche, gemeinsame Erlebnisse, Familienausflüge, Kindergeschichten von Nadine, Vertrautes aus dem Alltag. Sie kamen mit Fotoalben, lieb gewonnenen Gegenständen, Souvenirs. Hilflos und gerührt ließ er alles über sich ergehen, kam gar in Versuchung, Erkennen zu simulieren, die Kleine tat ihm leid.
Er musste unbedingt wissen, weshalb er ins Koma gefallen war. Die Frau hatte ihn in seinem Studierzimmer am Boden liegend gefunden, als sie von der Arbeit kam, an jenem Freitagabend des Jahrhundertunwetters, am 15. August. Beim offenen Fenster in einer Wasserlache. Vermutlich war er ausgerutscht und mit dem Kopf seitlich so unglücklich an der Möbelkante oder am Boden aufgeschlagen, dass er bewusstlos wurde. Ein Rätsel, weshalb er bei dem heftigen Regen das Fenster nicht geschlossen hatte.
Ein Unfall also. Sie fügte an, dass das Laptop lief, als sie ins Zimmer kam, sich jedoch später ausgeschaltet hatte, Akku leer. Die Frau zögerte, nervös, wollte seine Hand ergreifen und brach rechtzeitig ab, er ertrug keine Berührung. Seine Sinne reagierten überscharf, unterfordert, wie sie waren, sie vermochten keinen Eindruck mit Erlebtem zu vergleichen, besonders Geruchssinn und Tastsinn. Die ganze Haut schien ihm in ständiger Alarmbereitschaft.
Der wahre Schock stand ihm noch bevor. Zwei Tage nach dem Aufwachen hatten sie all die hinderlichen Schläuche entfernt und ihn von der Intensivstation auf die Medizin verlegt. Er fühlte sich fit, hatte bloß seitlich eine kleine Platzwunde am Kopf, er konnte aufstehen. So erlebte er beim Betreten der Toilette den zweiten Schlag. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken blickte ihn ein Mann an, dem das blanke Entsetzen im Gesicht stand.
Langsam hob er seine Hände, der Unbekannte im Spiegel fixierte ihn. Er sah, wie beide Hände über die stoppeligen Wangen strichen, die Haut noch mit einer Sommerferienrestbräune, die Mundwinkel zuckten, die Finger pressten auf jeder Seite die Schläfen, die Augenlider flatterten kaum merklich, der Mann im Spiegel hatte auffällig blaugrüne Augen. Die Finger spreizten sich und strichen die dunklen, bereits stark angegrauten Strähnen zurück, die ins Gesicht fielen. Ein Haarschnitt war überfällig.
Er schloss die Augen, gab dem Mann im Spiegel drei Sekunden, um zu verschwinden, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Der Mann hatte sich nicht geregt, blickte ihn unverwandt an, nun eher neugierig. Ich. Nein.
Er begriff zum ersten Mal die volle Bedeutung des Wortes Gesichtsverlust. Genau genommen hatte er nicht sein Gesicht verloren, sondern ein unbekanntes gefunden. Was auf dasselbe hinauslief. Die Physiognomie eines Mannes in den sogenannt besten Jahren. Der Spiegelmann sah recht gut aus, feingeschnittene Gesichtszüge, er gefiel ihm. Glücklicherweise. Aber ich bin es nicht.
In den folgenden Tagen hatte er beim Rasieren stundenlang auf das Spiegelbild gestarrt, prägte sich Hautporen, Bartstoppeln, Hautfalten ein. Jeden Quadratzentimeter musste er sich aneignen, die Falten füllen mit Erfahrungen, das Erlebnis erfinden, das mit der kaum sichtbaren Narbe an der Unterlippe geendet hatte. Man brachte ihm mit fragendem Blick den zweiten Spiegel, um den er gebeten hatte. Mit der Verdoppelung des Spiegelbildes würde er den Mann so sehen, wie die andern ihn sahen. Das Bild des Bildes schafft erst die Wirklichkeit. Doch es half nicht, der andere blieb ein Anderer, täglich wusch er unvertraute Haut, rasierte einen Fremdling und fuhr mit dem Kamm durch den Haarschopf eines völlig Unbekannten.
Frau und Tochter schwankten zwischen Verzweiflung und Zweifel, Unglauben, Zuversicht und Ratlosigkeit. Nichts konnte er tun, er begriff, dass der Albtraum jeden Morgen erneut beginnen würde. Selbst der unerschütterliche Optimismus der Ärzte zeigte Risse, immer öfter besprachen sie sich bei der Visite so, dass er kein Wort verstehen konnte. Sie ordneten neue oder ergänzende Untersuchungen an, Elektroenzephalogramm, Computertomografie, prüften seine Verarbeitung von Reizen, während er Bilder eines unbekannten Hauses und von fremden Leuten betrachten musste. Natürlich löste das keine emotionalen Reize in seinem Gehirn aus, wie sollte es auch.
Man meinte etwas hilflos, dass die Wissenschaft seinen Zustand sehr wohl einzuordnen und zu benennen wisse, nämlich retrograder, das heiße rückwirkender Gedächtnisverlust, ausschließliche Störung des episodisch-autobiografischen Gedächtnisses, normale Funktion der Gedächtnissysteme für Motorik, Priming, Perzeption, Semantik. Kurz, mit Ausnahme der persönlichen Erinnerungen funktionierte sein Gedächtnis einwandfrei, er wusste, wie Geräte zu bedienen waren, kannte belanglose Jahreszahlen, die Namen von unwichtigen Politikern und konnte auf Bildern Schädlinge korrekt bezeichnen. Man könne sich medizinisch jedoch nicht plausibel erklären, weshalb seine nur mittelschwere und mittlerweile wieder ausgeheilte Gehirnerschütterung die anhaltende Amnesie induziere. Eine allfällige psychogene Ursache werde nicht mehr ausgeschlossen.
Als er das gehört habe, sei ihm nur noch Sarkasmus geblieben.
Ich sah in Martys Blick bodenlose Verzweiflung. Wieder seine Geste mit beiden Händen im Haar, nach vorn gebückt.
Der ganz persönliche Erinnerungsschatz, die unwiederbringlichen Erlebnisse aus einem achtundfünfzigjährigen Leben, sein Alter hatten sie ihm sagen müssen, alles weg. Verschwunden. Und mit ihnen auch die Gefühle. Alles auf einen Schlag unzugänglich, was er in seinem Lebensarchiv abgelegt und vermeintlich mittels Erinnerungen gesichert hatte. Zugriff verweigert. Was bloß habe der «Andere» getan, dass das Gehirn zu einem solchen Radikalschnitt gezwungen wurde. Und ihn als Ahnungslosen schutzlos ins Leben zurückgeworfen habe.
Jetzt wollte ich die Sache ansprechen. Ob er es auch so ausdrücken könne: Ich, was bloß habe ich getan, dass mein Gehirn jegliche Erinnerung daran blockiert?
Er schüttelte den Kopf, er habe kein Bild eines Ichs. Und schuld an seiner Misere jetzt sei doch eindeutig der frühere Andere, nicht sein frisch geborenes Ich, oder?
Ich schwieg, beunruhigt, eine merkwürdige Abspaltung, vermutlich notwendig, um nicht auch noch die Schuld am Gedächtnisverlust tragen zu müssen, die Verantwortung dafür lag beim «Anderen». Im Auge behalten.
Es sei ihm schlicht unmöglich gewesen, nach dem Krankenhaus, aus dem sie ihn nach drei Wochen entlassen hatten – organisch sei alles in Ordnung –, an den Ort zurückzukehren, den die Frau und das Mädchen als Zuhause bezeichneten, wo er ihren beharrlichen Bemühungen, mit allen Mitteln sein Gedächtnis zu wecken, hilflos ausgeliefert gewesen wäre. Deshalb habe er sich für eine nachbehandelnde Therapie hier in die Klinik Rychenegg einweisen lassen, bekannt für Behandlungen von posttraumatischen Störungen, auf Empfehlung einer jüngeren Oberärztin im Kantonsspital. Er brauche einen neutralen Ort, ohne den Druck von scheinbar vertrauten Gegenständen, sowie Zeit. Zeit herauszufinden, wer der «Andere» war, dieser Kerl mit Namen Jean-Pierre Marty. Warum er ihm diese Amnesie eingebrockt habe.
Meine Worte wog ich mit wissenschaftlicher Vorsicht ab. Es bestehe durchaus Hoffnung, dass sich durch Gedächtnistraining und spezifische Therapien die Erinnerungen wieder schrittweise öffnen lassen. Das episodische Langzeitgedächtnis sei ja nicht organisch gestört, nur der Zugang blockiert.
Marty zweifelte, er habe Angst vor weiteren Streichen seines Gehirns. Die Panik, eines Morgens wieder in einem unbekannten Zimmer zu erwachen und erneut mit einem fremden Namen begrüßt zu werden, begleite ihn hartnäckig.
Ich schlug vor, ihn für eine PET/CT-Untersuchung in das Universitätsspital Zürich zu überweisen, und erklärte auf seinen skeptischen Blick, dort sei dieses neue bildgebende Verfahren zur Sichtbarmachung der Stoffwechselprozesse in den verschiedenen Hirnarealen vor zwei Jahren weltweit erstmals klinisch eingesetzt worden. Ein hervorragendes diagnostisches Verfahren, um die Aktivität von Hirnzellen über Stoffwechselvorgänge sichtbar zu machen.
Marty nickte, gut, einverstanden.
Jetzt Hausaufgaben auf die nächste Sitzung, das sei ihm als Lehrer bestimmt vertraut. Ich bat ihn alles aufzuschreiben, was er über sein früheres Leben in Erfahrung bringen könne, Fakten, aber ebenso eine Charakterisierung seiner Persönlichkeit durch seine Familie.
Sie meinen wohl über diesen Unbekannten namens Jean-Pierre Marty; er zweifle, dass das etwas bringe, aber er tue sein Bestes.
Noch am selben Nachmittag suchte ich Marty in seinem Zimmer auf, seine Frau hatte am Mittag beim Empfang eine Plastiktüte für ihn abgegeben. Ich öffnete auf sein Herein wohl etwas schnell die Tür, Marty schloss ertappt den Kleiderschrank.
Ach, warum sollen Sie es nicht wissen, und er zog mit einem kräftigen Ruck die leicht klemmende Schranktür wieder auf, an deren Innenseite der Spiegel hing. Er vermöge an keinem Spiegel vorbeizugehen, ohne kurz das Gesicht zu prüfen. Was, wenn ihn unerwartet wieder ein anderer, neuer Unbekannter anstarrte? Er beruhige sich jeweils erst, wenn er den gleichen vertrauten Fremden erblicke.
Keine Sorge, ich stellte die prall gefüllte Tüte auf den Stuhl, es gebe wahrlich schlimmere Zwangshandlungen, und die seinige sei durchaus nachvollziehbar. Ich wies auf die Tüte, die habe er laut Aussage seiner Frau so aus Royan zurückgebracht nach seinem dreimonatigen Weiterbildungsurlaub und seither offensichtlich nicht mehr angerührt. Ich überreichte ihm auch einen Brief, der in seinem Postfach lag. Postbote zu spielen zählte zwar nicht zu meinen Kernaufgaben, diente diesmal aber als praktischer Vorwand, ich wollte mit Marty besprechen, wie er mit den Inhalten seines Laptops umgehen solle, meines Erachtens eine heikle Angelegenheit.
Er riss den an Jean-Pierre Marty adressierten Brief auf. Das Gefühl, unrechtmäßig fremde Post zu lesen, verlasse ihn nicht. Briefpapier des Rektorats der Kantonsschule, unterschrieben von der Rektorin, die Jean-Pierre Marty duzte, eine offizielle Mitteilung, aber in herzlichem Tonfall, die beiden schienen sich seit Langem und bestens zu kennen. Seine Beurlaubung aus Krankheitsgründen sei vom Personalamt des Kantons bis nach den Herbstferien am 20. Oktober bestätigt worden, danach würde man weitersehen. Sie schicke ihm die Besserungswünsche aller Kolleginnen und Kollegen, man respektiere seinen Wunsch, keine Besuche zu erhalten. Marty rechnete, ihm blieben sechs Wochen. Entweder er würde die Gedächtnisblockade lösen oder genug über diesen Jean-Pierre Marty in Erfahrung bringen, um zu entscheiden, ob er dessen Leben weiterführen wolle. Was, wenn nicht? Gab es eine dritte Option, ein neues Leben ab achtundfünfzig ohne Erinnerung? Kann man die Zukunft gestalten, ohne eine Vergangenheit zu haben?
Er ließ sich in den Lehnstuhl fallen, die Finger strichen über den dunkelgrünen, an einigen Stellen abgewetzten Samt, immer gegen den Strich. Er sitze oft hier und betrachte sein Zimmer, ein helles Eckzimmer, auf der Südseite der große, gedeckte Balkon, auf der Westseite ein weiteres Fenster, durch das jetzt bereits die blasse Nachmittagssonne schien. Er traue seinem neuen Gedächtnis keine Sekunde und präge sich zum wiederholten Mal alle Details ein. Sein Kopf arbeite jetzt ohne Ballast der Erinnerungen logisch und effizient. Welch eine Ironie, nicht wahr.
Mein Blick fiel auf den Tisch, das Laptop lag in der Mitte, nach wie vor geschlossen. Wie er das Material sichten wolle? Gemäß Aussagen seiner Frau habe er auf dem Laptop immer schon eine Art Tagebuch geführt. Er müsse darauf gefasst sein, dass seine eigenen Texte, ganz besonders die Mails der vergangenen Monate, unter Umständen unerwartete Reaktionen provozieren könnten. Weiter wies ich ihn darauf hin, dass im Haus weder Mobiltelefone noch Laptops erlaubt, die Zimmer ohne Internetzugang seien. Sein Laptop habe er dank einer Ausnahmebewilligung erhalten, als Teil der Therapie. Und dass ich den Prozess des Auswertens eng zu begleiten wünsche.
Ich klang wohl etwas autoritär, Marty erhob sich, ergriff die Plastiktüte und leerte sie kurzerhand über dem Bett aus, wild flatterten Zettel und Prospekte heraus, landeten auf dem Boden.
Marty hatte während seines Sabbaticals in Royan alles gesammelt, Restaurantrechnungen, Busfahrscheine, Mietvertrag der Wohnung und Quittungen für bezahlte Mieten, unzählige Prospekte über Royan und sehenswerte Orte der Umgebung, Programme von Aktivitäten, mehrere gleiche Stadtpläne mit markierten Stellen, Michelinkarten der Gegend und Region in allen Maßstäben, Ausleihscheine der städtischen Bibliothek. Zahlreiche Ausdrucke von Webseiten und Onlinetexten, alle zu Themen aus dem Zweiten Weltkrieg. Marty blätterte sie flüchtig durch, Leben unter deutscher Besatzung, Bau des Atlantikwalls, Wehrmachtsbordelle, obligatorischer Arbeitsdienst in Deutschland, Befreiung und Epuration, Kollaboration. Sogar ein dickes Bündel gehefteter Fotokopien, es sah aus wie ein komplettes Buch, mit vielen Fotos von Bombardierungen und zerstörten Städten.
Was soll ich damit? Er schob alles achtlos zusammen und legte den Haufen auf die Kommode.
Vielleicht ergebe alles Sinn, wenn er den Inhalt des Laptops kenne.
Er nickte und strich mit der Hand über die grauschimmernde Oberfläche, wie wusste er, wie es zu bedienen war? Gestern habe ihm das Mädchen einen CD-Player und Musik mitgebracht, die der Vater gerne hörte. Musik könne ebenfalls durch Blockaden dringen. Nichts, er habe ihr nicht zu sagen gewagt, dass er mit dieser Art von Musik – Funky-Jazz, hatte sie ihn belehrt – beim besten Willen nichts anfangen konnte. Aber er habe den CD-Player problemlos zum Funktionieren gebracht, vielleicht klappe es auch mit dem Computer. Er öffnete den Laptopdeckel, entnahm der Tasche Netzkabel und Maus, die Frau hatte an alles gedacht. Es sei ihr nicht gelungen, sich einzuloggen, das Passwort stimme nicht mehr, mit diesen Worten habe sie ihm das Laptop übergeben. Die vorwurfsvolle Verärgerung in ihrer Stimme sei unüberhörbar gewesen, der Inhalt des Laptops war also nicht für die Augen der Frau bestimmt, der Besitzer hatte vorgesorgt. Er zögerte, auf den Startknopf zu drücken, etwas Lauerndes gehe vom Laptop aus.
Und wenn ihm nun das Passwort nicht einfalle, wo speichert das Gehirn ein Passwort?
Nicht nachdenken, einfach tun, schärfte ich ihm ein, Routinebewegungen seien direkt mit dem prozeduralen Gedächtnissystem verbunden.
Also steckte er geschäftig, Spiel der Muskeln gegen Leere im Gedächtnis, das Netzkabel ins Laptop und in die Steckdose, hängte die Maus an, drückte auf den Startknopf, starrte auf die herunterlaufenden Programmierzeilen, die Einlogmaske, tippte Namen und Passwort ein, ohne Nachdenken, es glückte, er war erleichtert.
Bloß verunmögliche der Trick, dass er das Passwort jetzt kenne.
Ich schob ihm einen Zettel zu, hatte ihm beim Einloggen über die Schultern gesehen, außergewöhnliche Situationen legitimierten leicht unkorrekte Methoden. Er könne es ja jetzt erneut ändern. Marty grinste dankbar.
Das Desktopbild zeigte eine lang gezogene Meeresbucht mit kargem Strand und mächtiger Düne dahinter. Im Sand lagen verschiedene Ordner verstreut, er entschied sich für ROYAN und klickte den Ordner an. Er bemerkte nicht mehr, wie ich das Zimmer verließ.
Auch das prozedurale Gedächtnissystem konnte ich somit abhaken, funktionierte alles. Obwohl es laut seiner Frau in den letzten Monaten vor dem Sturz keinerlei außergewöhnliche Vorkommnisse gegeben hatte, abgesehen von seinem Weiterbildungsaufenthalt in Frankreich, war auch ich je länger je mehr von einer psychogenen Ursache von Martys Amnesie überzeugt.
Ich kann mittlerweile auf über zwanzig Jahre ärztliche Tätigkeit in der renommierten Privatklinik Rychenegg zurückblicken, davon die letzten zehn Jahre als Chefarzt der psychiatrischen Abteilung, eine Position, die ich, daran ist kaum zu zweifeln, meiner Expertise für alle Formen von Störungen des Erinnerungsvermögens verdanke. Seit meiner ersten Begegnung noch als Oberassistent mit einer Amnesiepatientin faszinieren mich die Kapriolen des Gehirns. Als Psychiater und Psychotherapeut begegne ich dem menschlichen Gehirn mit größtem Respekt, und als Amnesiespezialist unterschätze ich in keiner Weise dessen Fähigkeiten, bei Bedarf passende Realitäten zu erschaffen oder störende Wirklichkeiten auszuschalten. Auch mein Psychiatergehirn verdrängt erfolgreich, wie anmaßend es doch ist, mit dem eigenen Denkwerkzeug das Funktionieren dieses Werkzeugs bei andern beurteilen zu wollen. Welch Größenwahn des menschlichen Gehirns, sich selbst verstehen zu wollen.
Meine intensive Beschäftigung mit den Manipulationen der Gedächtnisfunktionen durch das, was wir Bewusstsein nennen, trug mir in der Folge zahlreiche, von Kollegen in Kantonsspitälern überwiesene Amnesiefälle zu. Die im Laufe der Jahre entwickelte Spezialisierung fand ihren Niederschlag auch in meinen stark beachteten Fachartikeln zum Thema. Die Klinik Rychenegg gilt nicht zuletzt dank meines Renommees in Fachkreisen, ich darf dies in aller Bescheidenheit anmerken, landesweit als erste Adresse für komplexe Fälle jeglicher Art von funktionellen Gedächtnisstörungen. Zum großen Bedauern der Klinikleitung leider kein lukrativer Geschäftszweig.
Rychenegg erlebte in den vergangenen Jahren eine starke Expansion. Das Klinikmanagement hatte, gemäss Eigeneinschätzung, dank weitsichtiger Marketingstrategie auf dem boomenden Markt psychosomatischer Erkrankungen und Stresssyndrome, man denke an Burn-out, rechtzeitig in ein Image von Exzellenz investiert. Oder um es mit den Worten der in unserer Institution ein- und ausgehenden Consultants auszudrücken: Als Privatklinik ohne öffentlichen Leistungsauftrag fokussieren wir ärztliche Dienstleistungen auf psychische Störungen mit hoher Renditeerwartung. Die Behandlung meiner unrentablen, aber medizinisch interessanten Amnesiefälle rechtfertige ich gegenüber dem Direktor durch Querfinanzierung mit einträglicheren Therapien. Und auch diese gut zahlende Klinikgäste sind schließlich Patienten, so jedenfalls bringe ich meine idealistische Bedenken jeweils erfolgreich zum Schweigen.
Die zweite Sitzung, an der ich mich zu meinem ziemlich ungewöhnlichen Therapievorschlag hatte hinreißen lassen, fand eine Woche später wiederum in meinem Büro und wiederum um zehn Uhr statt.
Marty brachte ein Notizheft in der Art von Schülerheften mit. Hausaufgaben erledigt dank intensiver Gespräche mit der Frau und dem Mädchen, ob ich zuerst die Fakten oder die gesammelten Bemerkungen zur Persönlichkeit von Jean-Pierre Marty hören wolle.
Die Fakten.
Er blätterte kurz im Heft und schob es mir mit der betreffenden Seite geöffnet zu.
Ob er es bitte laut lesen würde? Ich wollte auf feinste Veränderungen in Stimme und Intonation achten.
Marty überflog seine Notizen, obwohl er sie bestimmt auswendig kannte, und räusperte sich so gründlich, dass das anfänglich verhalten kratzende Geräusch sich bald zu einem veritablen Husten auswuchs. Er las mit reichlich belegter Stimme.
– Jean-Pierre Marty, geboren angeblich am
31. März 1945, tatsächlicher Geburtstag und -ort
unbekannt, französisches Kriegswaisenkind, adoptiert von Hanspeter und Elisabeth Marty
– erfuhr erst als Dreißigjähriger durch Zufall, dass adoptiert
Er blickte auf, die Frau habe ihn irgendwie lauernd beobachtet, als sie das erzählte, als habe sie einen Erinnerungsdurchbruch erwartet, natürlich vergeblich.
Ich bat ihn fortzufahren.
– Kindheit in Murten, Vater Direktor der örtlichen Kantonalbank, Mutter Hausfrau, aufgewachsen mit vier Jahre älterem Stiefbruder Daniel Marty, leiblicher Sohn von Hanspeter und Elisabeth Marty
– Vater 1993 gestorben
– 1965–73 Studium, Romanistik und Geschichte
an der Universität Bern, Abschluss mit Doktorat, erste Stellen als Hilfslehrer an Gymnasien in Bern und in Biel, 1980 Wahl zum Hauptlehrer für Französisch und Italienisch an der Alten Kantonsschule Aarau. Tätig dort als Gymnasiallehrer bis heute
– Verheiratet seit 1983 mit Annet Uttenberg, geb. 25.11.1953 (verbürgt!) in Hamburg, hat Betriebswirtschaft studiert, leitet das Marketingteam
bei einer mittelgroßen Softwarefirma in Aarau, kennengelernt im September 1979 bei der Weinlese in Südfrankreich, Frau zog 1982 in die Schweiz
– 19. Oktober 1986 Geburt von Nadine, einziges Kind (warum keine weiteren?)
– Familie wohnt seit Sommer 1987 in Einfamilienhaus, alternative Wohnsiedlung, in ehemaligem Bauerndorf, heute zersiedelter Vorort, enge, zuverlässige (??) Nachbarschaft
– wichtig die letzten Monate: drei Monate Weiterbildungsurlaub von Mai bis Anfang August in Royan, französische Atlantikküste, Auszeit, wollte über den Atlantikwall und die deutsche Besatzungszeit in Frankreich recherchieren. Besuch der Frau ab Mitte Juli und gemeinsame Heimreise. Verbrachte die Tage bis Beginn des neuen Schuljahres mit Unterrichtsvorbereitungen
– Sturz am Freitag, 15. August (letzter Ferientag, Montag, 18. August Schulbeginn – Zusammenhang?)
Nach dem anfänglichen Husten vermochte ich keine Regung mehr aus seiner Stimme herauszuhören, Marty las die Angaben zu seinem Leben unbeteiligt, beinahe gelangweilt.
Ein fades Leben, er frage sich, ob es sich lohne, die Erinnerungen dieses Langweilers zu finden, ob es überhaupt etwas zu finden gebe. Das einzig Bemerkenswerte vielleicht die unbekannte Herkunft, ein ziemlich auffälliges Detail in dieser banalen Biografie.
Ich ging nicht darauf ein. Wie das Gespräch mit seiner Frau denn verlaufen sei?
Während er vom letzten Besuch seiner Frau erzählte, spielten seine Hände unaufhörlich mit dem Notizheft, rollten es ein, ließen es dank sperrigem Material wieder aufspringen, drehten den Zylinder wieder enger, er schob die Rolle von der linken in die rechte Hand und zurück, unaufhörlich.
Sie hätten ins Städtchen spazieren können, er war schließlich nicht in einer geschlossenen Anstalt. Jedoch die Vorstellung von Menschenmengen sei ihm nach wie vor unerträglich. Jegliche Situation draußen im Leben sei eine mögliche Ursache für Panik, er wisse nie, ob er intuitiv richtig reagieren würde. Sie seien also im Klinikpark spazieren gegangen, schlenderten langsam über die Kieswege, auch der Park hielt am frühen Nachmittag Siesta, weder Angestellte, die jetzt ihre übliche lange Mittagspause hielten, waren zu sehen noch andere Gäste, er halte sich an die offizielle Namensregelung, die hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Die Wege gehörten ihnen.
Er habe bei jedem Schritt sorgfältig darauf geachtet, einen ausreichenden Abstand zu seiner Begleiterin einzuhalten, um auch eine unbeabsichtigte Berührung ihrer unbekleideten Arme zu verhindern. Es war spätsommermild, er trug die Wildlederjacke an einem Finger über die Schulter geworfen. Die Distanz war so austariert, dass sie als zusammengehörend wirkten, aber für eine Berührung hätte einer von ihnen den Arm ausstrecken müssen. Die Faktenlage war nicht zu diskutieren, er war Jean-Pierre Marty und die Frau, die ebenfalls nicht sehr locker neben ihm herschritt, somit seine Ehefrau.
Er blickte sie verstohlen an, manchmal auch unverhohlen. Bald fünfzig wurde sie also, wirkte aber eindeutig jünger. Ihr sportlicher Stil, auch das fahlblonde Haar, mittellang und gerade geschnitten, gefiel ihm. Was sie beruflich machte und ihre gemeinsamen Lebensfakten kannte er bereits, sie schien mit beiden Beinen im Leben zu stehen.
Ihre beiden Körper kannten sich also seit einem Vierteljahrhundert, vertraut durch viele Umarmungen, anfänglich bestimmt leidenschaftlich. Und heute? Mochten sich, begehrten sich ihre aneinander gewöhnten Körper noch? Schliefen sie noch zusammen? Er habe seine Begleiterin unbemerkt gemustert, er konnte sie ja nicht unverblümt danach fragen. Wie hatte er sie verführt? Mochte er ihre Brüste? Wie fühlte sich die Haut ihrer Schenkel an? Er versuchte sich seinen Körper verschlungen in ihren vorzustellen. Nichts, keine Fantasien formten sich. Keine Regung, nur sein Rücken wurde steif. Er wäre ziemlich nervös geworden, hätte er nicht mittlerweile die Bestätigung, dass bei ihm physisch alles noch funktionierte.
Unter Männern könne er ja darüber reden, das habe ihn stark beschäftigt, klappte diesbezüglich noch alles bei diesem fremden Körper, in dem er steckte. Nach dem Aufwachen aus dem Koma sei, obwohl er sich körperlich fit fühlte, tagelang alles schlaff geblieben. Es brauchte einige Überwindung, bis er das Thema im Spital anzusprechen gewagt hatte. Der Arzt hatte ihm augenzwinkernd einschlägige Magazine zugesteckt, das buche er unter Therapie ab. Auch Sexualität sei eine Frage der Bilder im Kopf, die ihm eben fehlten. Er habe die Fotos eingehend studiert, Schmollmünder, verkeilte Leiber, Zoom auf erigierte Körperteile und Öffnungen. Dasselbe in der nächsten Bildstrecke und wieder in der nächsten, nur andere Blickwinkel und andere Körper. Nichts zu machen. Fußballbilder aus dem Sportteil der Zeitung erregten ihn fast mehr. Der Arzt riet zur Geduld. Die Angelegenheit beunruhigte ihn jedoch zutiefst.
Bis er hier in der Klinik eines Morgens von einer neuen Pflegerin geweckt worden sei, einer Wochenendvertretung, er hatte sie noch nie zuvor bemerkt. War es die Leichtigkeit ihrer Schritte, die Anmut ihrer Armbewegung, als sie die Vorhänge aufzog, das Maliziöse in ihren Augen oder ihr reizendes Lächeln? Jedenfalls strahlte die Frau, als Person interessierte sie ihn keineswegs, eine Erotik aus, auf die sein Körper in Sekundenschnelle reagierte. Völlig überrumpelt von dieser unbekannten, aber lange erwarteten Empfindung habe er instinktiv die Decke hochgezogen, ihr ziemlich betreten einen guten Morgen gewünscht. Alles in Ordnung, alles bestens.
Aber seine Reglosigkeit jetzt bei der Frau, die seit zwanzig Jahren seine Ehefrau war, bedeutete wohl, dass in der Ehe zwischen den beiden nicht alles in Ordnung war. Dass in dieser Hinsicht nicht mehr viel los war. War es denkbar, eine Ehe ohne jegliche sinnliche Anziehung weiterzuführen? Vielleicht reichten ja im Normalfall langjährige Zuneigung und die Erinnerung an vergangene Leidenschaft. Nur fehlte ihm beides. Also war es schwer denkbar.
Die mittägliche Leere im Park zwang die beiden einzigen Spaziergänger zusammen, gerne wäre er jetzt durch Entgegenkommende abgelenkt worden, wäre mit einem Lächeln ausgewichen. Er dankte seiner Begleiterin höflich, was eher einer Fremden gegenüber angebracht war, dass sie sich den Nachmittag freigenommen und so schnell gekommen war. Er hoffe auf ihre Hilfe, viele der tagebuchartigen Aufzeichnungen von Marty auf dem Laptop seien für ihn unverständlich, beruhe auf Wissen, das er nicht habe.
Sie hielt den Blick konzentriert auf den Weg gerichtet, hob die Schultern, er solle fragen.
Weshalb ihr Mann diesen Weiterbildungsurlaub gemacht habe und warum gerade in Royan?
Schon die erste Frage könne sie nicht beantworten. Ihre Stimme klang leicht bitter. Das Sabbatical nach über zwanzigjähriger Lehrtätigkeit war dein Recht und die Chance auf eine Auszeit. Das Unterrichten befriedigte dich seit einiger Zeit nicht mehr. Dann war irgendein Vorfall in der Schule, darüber wolltest du aber nie sprechen. Wie immer. Ziemlich sicher hast du auch eine andere Auszeit gesucht, Eheferien, Abstand von mir. Jedenfalls hast du mir nie angeboten mitzukommen, wenigstens für einen Teil der Zeit.
Es habe ihn ziemlich irritiert, so direkt angesprochen und mit unterschwelligen Vorwürfen konfrontiert zu werden, die den Andern betrafen. Der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich merklich. Er hakte nach. Und darüber habe es zwischen ihnen keine Diskussion gegeben?
Sie zögerte, offensichtlich auf der Hut, sie wusste ja nicht, ob er davon in den Aufzeichnungen gelesen hatte. Im vergangenen Herbst sei er erstmals mit der Idee gekommen, einen Weiterbildungsurlaub zu beantragen, habe dabei die Möglichkeit, dass sie mitkommen könnte, mit keinem Wort auch nur angedeutet. Du hast diese Option mit einer Bestimmtheit ausgeschlossen, die nicht einmal zuließ: Es wäre schön gewesen wenn. Die Kränkung brodelte wochenlang wie Gift in mir, nachher war ich zu stolz, selber den Vorschlag zu machen, ich hätte gut vier Wochen unbezahlten Urlaub nehmen und Nadine in dieser Zeit bei ihrer Freundin Lea wohnen können. Es war klar, du hast allein gehen wollen. Nadine und ich sollten im Juli nachkommen und als Abschluss wollten wir alle gemeinsam die Sommerferien dort verbringen. Ich bin gefahren, aber Nadine hat es vorgezogen, den Urlaub mit Freunden zu verbringen. Du warst sehr aufgebracht.
Er vermied es, sie anzublicken, bereits zum dritten Mal bogen sie nun in den Weg ein, der sich zwischen ausladenden Rhododendrenbüschen windend zur Lichtung mit der Statue führte. Es war unwichtig, welchen Weg man einschlug, irgendwann kam man in diesem Park immer an den Ausgangspunkt zurück. Was sie mit Eheauszeit gemeint habe?
Die Frau war unzufrieden mit ihrer Ehe, er sei immer ausgewichen, seine Absicht, ohne sie zu fahren, hatte sie so gedeutet. Sie hoffte auf einen Neuanfang, das einzig Positive, das sie seinem Urlaub abgewinnen konnte. Wenn schon mehr als zwei Monate allein zu Hause mit der pubertierenden Tochter, mit Arbeit, Haus, Garten, wollte sie herausfinden, ob sie alles alleine schaffe, als Rückversicherung. Dass sie sich nicht aus Angst vor dem Alleinsein an eine Beziehung klammerte, die es nicht mehr wert war. Sie rechnete sehr wohl mit der Möglichkeit, dass die mehr als zehnwöchige Trennung ihre Beziehung nicht wiederbeleben, sondern die Entfremdung besiegeln könnte.
So war das also, er habe endlich begriffen, warum seine Amnesie mehr Ratlosigkeit als Verzweiflung bei der Frau auslöste. War es möglich, dass sie sich bereits getrennt hatten, dass da andere Beziehungen waren, sie, oder er? Was, wenn der Andere eine Affäre hatte, die jetzt irgendwo verzweifelt auf Nachricht wartete? Es ließe sich manch hübsches Melodrama zusammenfantasieren. Aber kann eine Beziehung weitergeführt werden, wenn der eine die Geschichte der Beziehung kennt, der andere nicht? All die Paare, die nur noch von der Geschichte ihrer Liebe leben. Was bleibt nach zwanzig Jahren Ehe, wenn die Erinnerung weg ist und nicht wieder kommt? Nur ein Neuanfang, aber dazu müsste er sich neu in die Frau verlieben. Er war weit weg davon.
Und, wie kam es heraus? Er habe sie direkt gefragt.
Darüber wolle sie nicht sprechen, das finde er bestimmt in aller Ausführlichkeit in seinen eigenen Aufzeichnungen. Sie beschleunigte ihre Schritte, sodass sich der Abstand zwischen ihnen wieder vergrößerte. Der Kiesweg bog um die Büsche und endete vor dem Herrn Kurhoteldirektor. Sie blieb stehen, die Gründerfigur des ehemaligen Kurhotels in Überlebensgröße mit steinernem Gehrock, Stock und Hut in der Hand, ein patriarchalisches Lächeln unter dem majestätischen Bart, mit festem Blick in die erfolgreiche Zukunft. Nase, Stirn und Haar weiß gefleckt, jahrzehntealter Taubendreck, dem auch der Regen nichts mehr anzuhaben vermochte. Der Herr Kurhoteldirektor trug es mit Würde. Kam ohnehin selten einer bis in die hinterste Parkecke. Sie drehten um, nur ein Weg führte weiter, im großen Bogen zurück. Die Baumwipfel rauschten, unten zwischen den Büschen war es angenehm windstill, auch heute keine Fernsicht, in großer Höhe zogen dunkle Wolken über den weißen Himmel.
Marty blickte mich leicht verunsichert an, die Notizheftrolle mit beiden Händen umklammert. Sie habe gezögert, ihren Mann zu beschreiben, auf der Hut, in ihren Augen habe er Zweifel an seinem Gedächtnisverlust gelesen. Es scheine viel Misstrauen zwischen ihr und dem Mann gegeben zu haben. Ihm sei klar geworden, dass sie ihm genau das erzählen würde, was er denken solle. Jetzt hatte sie die Gelegenheit, ihrer beider Ehevergangenheit ganz nach ihren Absichten und ohne Protestmöglichkeit seinerseits zu beschreiben. Beim Sprechen habe sie Augenkontakt vermieden. Er habe in ihrer Stimme viel enttäuschte Erwartungen gehört, wenn auch das, was sie über ihren Mann sagte, eher nach Nichts-Schlechtes-über-einen-Toten-sagen als nach ehrlicher Meinung klang.
Sie sei sichtlich verunsichert gewesen, ob sie im Präsens oder in der Vergangenheitsform über ihn reden sollte. Ja, was kann ich dazu sagen, du entzogst, also du entziehst dich erfolgreich allen nachbarschaftlichen Annäherungen und den damit verbundenen Verpflichtungen, die sozialen Kontakte pflege vor allem ich. Auch um die Erziehung der Tochter kümmere ich mich in erster Linie, du bist zwar körperlich anwesend, geistig aber meist anderswo. Eigentlich genau wie jetzt, fügte sie bitter an. Irgendwann habe sie aufgehört zu fragen, was er eigentlich ständig lese und schreibe. Er sei eher nicht so entscheidungsfreudig, um nicht zu sagen konfliktscheu. Geschätzt im Lehrerkollegium, sie habe den Eindruck auch von den Schülern, und äußerst charmant, wenn ihm danach sei. Er könne brillante Diskussionen führen, um ein Gegenüber zu beeindrucken, bei dem es sich lohne, aber auch scharf und sarkastisch sein, wenn ihn jemand nerve. Nein, ein Langweiler bist du nicht.
Sie schwieg, ergänzte dann, dass er nach der Zeit in Royan stark verändert gewesen sei, sehr launisch, nur noch Extreme, mal sprühend vor Zuvorkommenheit ihr gegenüber, dann plötzlich kränkend abweisend. Etwas sei in Royan vorgefallen. Eine andere Frau, vielleicht. Vielleicht auch nicht, sie habe nie irgendwelche Hinweise gefunden. Mehr hatte sie nicht sagen wollen und war bei den letzten Worten seinem Blick noch hartnäckiger ausgewichen.
Besser das Thema wechseln. Zweite Frage, ihr Mann – es war ihm einfach nicht möglich, ich zu sagen – habe in Royan einen Weiterbildungskurs für Französischlehrer besucht, weshalb habe er sich denn mit der Besatzungszeit beschäftigt?
Sie nickte. Jeder Teilnehmer hatte ein landeskundliches Thema als persönliches Projekt zu bearbeiten. Du bist ja auch Historiker und hast deshalb als Thema die Besatzungszeit durch die Deutschen gewählt. Royan an der Atlantikküste war nicht nur besetzt, sondern befestigt, Atlantikwall, und wurde kurz vor Kriegsende von den Alliierten bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht.
Ja, das hatte er in den Notizen gelesen. Aber ihr Mann erwähne persönliche Recherchen, die er damit verbinden wollte. Etwas, was mit einem Besuch bei seiner Mutter an Ostern in Verbindung stand.
Sie blieb stehen, schaute ihn lange und nachdenklich an. Nein, von persönlichen Recherchen wisse sie nichts, aber eine Ahnung, worum es gehen könnte. Sie blickte sich um, suchte eine Bank, wo sie ungestört sein konnten.
Inzwischen kreuzten sie immer häufiger andere Klinikgäste, die Mittagsruhe war zu Ende. Den einen oder die andere kannte er aus dem Speisesaal, er grüßte und ignorierte ihre neugierigen Blicke auf seine Begleiterin, stellte sie niemandem vor, als was auch.
Als sie eine leere Bank gefunden hatten, zögerte sie plötzlich, setzte sich nicht, schaute vielmehr auf die Uhr, sie müsse zurück, sie habe um halb vier noch einen Termin. Er solle besser seine Mutter fragen, sie komme ja am Sonntag. Sie bedaure. Sie wich einem Spaziergänger aus und eilte davon, flüchtig zurückwinkend. Es sah ganz nach Flucht aus.
Also habe er sich alleine auf die Bank gesetzt, die Arme verschränkt und die Beine gestreckt, passender Moment für eine Zwischenbilanz. Mehr als zwei Wochen war er nun hier, er habe die Besuche Revue passieren lassen, die Frau kam heute zum dritten Mal, vor drei Tagen war überraschend der Bruder erschienen. Sein Besuch dauerte nur kurz, es gab wenig zu sagen, von seiner Seite ohnehin nichts, aber auch der Bruder blieb merkwürdig wortkarg, die Brüder schienen nicht sehr verbunden zu sein.
Er habe versucht, die verschiedenen Gespräche wieder aus dem Gedächtnis abzurufen, schwierig, Kopfschmerzen kündigten sich sofort an. Er notiere deshalb nach jedem Gespräch sorgfältig, was er als behaltenswert erachte. Er hielt die Hand hoch, in der sich die Heftrolle gerade befand. Sich Neues zu merken erweise sich als äußerst anstrengend. Er könne das Gehörte nicht mit Bildern verknüpfen, auch nicht mit Tönen oder Gerüchen.
Das Mädchen sei gestern zum zweiten Mal gekommen, sie mochte ihren Papa und habe es ihm offen gesagt, vermutlich keine Selbstverständlichkeit bei einer Sechzehnjährigen. Sie hatte ihren schulfreien Nachmittag geopfert, kam mit Zug und Bus hierher, nur um ihrem Vater einen Besuch abzustatten, einem Vater, der vermutlich immer stärker mit seinen eigenen Dingen beschäftigt war als mit seiner Tochter. Er habe Nadine an der Bushaltestelle abgeholt, sie verspürte keine Lust auf einen langweiligen Spaziergang, also setzten sie sich auf die Terrasse der Klinikcafeteria und bestellten für sie einen Eisbecher und für ihn ein Bier.
Das Mädchen kicherte, du hast mich noch nie so offiziell auf ein Eis eingeladen. Dann verlegenes Schweigen. Er konnte doch unmöglich fragen, na, wie war denn dein Vater so?, und noch weniger, na, wie war ich denn so als Vater? Er habe sie die ganze Zeit aufmerksam beobachtet, ihre Gesten, die unnachahmliche Weise, wie sie die zu langen Ponysträhnen aus dem Gesicht pustete, bevor der nächste Löffel Eis in den Mund geschoben wurde, wie sehr möchte er die Bilder von früher im Kopf finden. Ein kleines Mädchen, das auf seinem Arm ein Eis am Stiel schleckt, es tropft auf seinen Ärmel. Eine klebrige kleine Hand, die sich vertrauensvoll von der sicheren Vaterhand führen lässt. Nichts. Kein Bild. Kein Gefühl. Sie beugte sich nach vorn und meinte verschwörerisch, er habe ihr ohne Wissen von Mama öfter großzügig etwas zugesteckt, wenn das Taschengeld wieder alle war.
Marty sah mich hilflos an, nicht einmal das habe er richtig einzuordnen gewusst, brauchte sie etwa Geld? Er habe ihr zwanzig Franken über den Tisch geschoben. Sie habe gestrahlt und weitergeplaudert. Als ihr irgendwann auffiel, wie wortkarg er war, habe sie geseufzt, und nun behaupte er, nichts mehr zu wissen, das verstehe sie einfach nicht.
Nachdenklich blickte Marty auf das Heft in seiner Hand, er hoffe sehr, dass ihr Vater stolz auf sie war und es ihr auch gesagt hat. Ihr hilfloser Schmerz beschäftige ihn, er habe ihr den Vater weggenommen, den sie mit sechzehn mehr denn je brauche. Nadine habe schließlich gemeint, eigentlich sei es nicht so schlecht, wenn er von ihren Dummheiten nichts mehr wisse und ihre Streiche vergessen habe, davon erzähle sie ihm bestimmt nichts. So könne sie nun alles richtig machen. Er habe geschwiegen, ihm blieb das Richtigmachen verwehrt, ohne Vorstellung, was ihr Vater früher alles falsch gemacht hatte. Auch keine Vaterschaft lässt sich weiterführen, wenn nur einer die Geschichte kennt.
Aber Nadine war rührend, so ein Gedächtnisverlust sei doch eine unglaubliche Chance, nochmals anzufangen. Diesen Satz der Sechzehnjährigen habe er sofort aufgeschrieben, sie habe ihm die Augen geöffnet. Ja, was auch immer diesen Jean-Pierre Marty früher belastet hatte, war nun einfach weggepustet. Er sei zwar ein Heimatloser in seinem eigenen Leben, aber frei.
Ich nickte, das sei ja schon eine ganze Menge. Und zum Schluss, was sich denn nun auf dem Laptop befinde?
Marty nickte, eine umfangreiche Sammlung von tagebuchartigen Dokumenten aus der Zeit in Royan, alle ohne Titel, aber mit Datum, die ersten habe er gelesen, dann einzelne herausgepickt, zudem noch ein ziemlich großes PDF, könnte ein Manuskript sein, er sei ratlos. Eher unwahrscheinlich, dass ihm die stichwortartigen und für ihn oft unverständlichen Aufzeichnungen helfen würden, die Person dieses Jean-Pierre Marty zu verstehen. Die Hoffnung, dass sie ihm eine Spur zu seinem verschütteten Gedächtnis öffnen könnten, zerbrösle, je mehr er davon lese. Ihm fehlten zahlreiche Fakten, um Anspielungen einordnen zu können. Denn etwas habe er in seiner anfänglichen Euphorie nicht bedacht. Die persönlichen Notizen seien nicht für das Lesen durch fremde Augen bestimmt gewesen, Marty habe mit wenigen Ausnahmen weder Hintergründe noch Fakten notiert, die kannte er ja, meist nur kryptische Eindrücke, Beobachtungen, Gefühle. Kurz, die Notizen seien für Außenstehende schwer verständlich und erwiesen sich nun für das Wiederlesen durch den Schreiber mit Gedächtnisverlust als unnütz.
Ich schüttelte den Kopf, dessen sei ich mir nicht so sicher. Es war sein letzter Satz, der mich auf die unorthodoxe Therapie brachte. Da war vor einigen Monaten ein Fachartikel zum Thema Sprache und Erinnerung erschienen, die Rolle des Erzählens beim Speichern von Erinnerungen, der mich fasziniert hatte. Ich hatte der Thematik nachgehen wollen, mangels Zeit jedoch die Sache ad acta gelegt. Jetzt bot sich unvermutet eine einmalige Gelegenheit. Denn, fuhr ich fort, es gebe durchaus Hoffnung. Die PET/CT-Untersuchungen der Uniklinik zeigten zwar, dass im rechten Schläfenlappen, wo die Steuerung des autobiografischen Gedächtnissystems vermutet wird, der Stoffwechsel praktisch inaktiv sei, obwohl bei ihm keine Gewebeschädigung vorliege. Es gebe verschiedene Gründe, weshalb die biochemischen Austauschprozesse in dieser Gehirnregion gestört sein könnten, zum Beispiel Ausschüttung eines blockierenden Stresshormons. Das sei durchaus beeinflussbar. Ich würde ihm nun eine ungewöhnliche Behandlungsmethode vorschlagen, die ich wissenschaftlich begleiten wolle.
Dazu müsse ich etwas ausholen. Der Mensch kenne mittels eines ordnenden Gedächtnisses seine Vergangenheit, er habe eine mentale Vorstellung, wer er in der Gegenwart ist, und weil der Mensch auch wisse, dass er unaufhörlich auf seinen Tod zugehe, verhülle das menschliche Bewusstsein dieses unerträgliche Wissen mit Zukunftsplänen. Kurz, der Mensch könne kraft seines Bewusstseins seine eigene Geschichte erzählen, gestalten und planen.
Marty folgte mir stirnrunzelnd.
Ihm sei momentan durch eine Blockade der Zugang zu seiner Vergangenheit verwehrt, damit die Grundlage der gegenwärtigen Identität entzogen und die Imagination für Zukunftsplanung verunmöglicht. Auf der andern Seite liege ihm außergewöhnlich viel sprachliches Material in Form von eigenen Tagebuchnotizen vor, die ihm zurzeit fremd und unverständlich erschienen, aber eine einmalige Chance darstellten, zumindest die fehlende Vergangenheit der letzten Monate mittels Sprache wieder Wirklichkeit werden zu lassen.
Mein Vorschlag: Er solle die Journaltexte auf dem Laptop als Stoff, als Material für seine Wunschvergangenheit betrachten. Er solle sich das dort Erzählte aneignen und so umformulieren, dass es seine Aufzeichnungen würden. Er dürfe hemmungslos eingreifen, weglassen, erfinden. Fabulieren solle er, fantasieren, erdichten, die Gedanken im Journal zu seinen eigenen machen, die Notizen der drei Monate in Frankreich neu schreiben, sodass es seine Geschichte werde.
Marty starrte mich zweifelnd an, und wie das mit der Wahrheit sei? Wie es wirklich war?
Kein Problem, ich persönlich würde ihn von der moralischen Wahrheitspflicht entbinden. Als Bestätigung unterstrich ich die Vergabe meiner therapeutischen Lizenz zum Lügen noch mit einer wegwerfenden Geste. Was in den vorliegenden Aufzeichnungen stehe, stelle bloß eine Wahrheit dar. Er sei frei für andere Wahrheiten. Übrigens, was das Gedächtnis als Erinnerung darstelle, wenn wir etwas Vergangenes erzählen, habe weder mit realen Erlebnissen noch mit Wahrheit etwas zu tun. Es präsentiere eine Version, die zum aktuellen Zeitpunkt gerade die passendste sei. Erinnerungen sind immer Fiktionen, die wir laufend anpassen und neu erzählen. Sie haben ein neues Ich, aber keine Vergangenheit dazu? Dann erfinden Sie sie.
Aha, ich würde also nicht beabsichtigen, die Gedächtnisblockade mit Gedächtnistraining zu therapieren. Ich wolle seine Blockade oder vielmehr ihn überlisten, via Hintertür des Wunschdenkens und Neuerfindens die tatsächlichen Erinnerungen zu provozieren. Ja, das Spiel gefalle ihm, obwohl er selbst der Proband sei. Er nickte, einverstanden.
Zwei Tage später bat er einen Pfleger, mich rufen zu lassen, es hätten sich neue Erkenntnisse ergeben, über die er mit mir vor unserer nächsten Sitzung sprechen müsse, es sei fraglich, ob er dann wie ausgemacht die ersten Überarbeitungen der Royantexte mitbringen könne. Als ich ins Zimmer trat, lag Marty auf dem Bett, ein feuchtes Tuch auf der Stirn, die Balkontüren weit geöffnet.
Nie zuvor hätten ihn solch stechende Kopfschmerzen angegriffen, jetzt verlangsame sich das Hämmern zum Glück, und zwar mitten im Gespräch mit der liebenswürdigen alten Dame, der Mutter von Jean-Pierre Marty, die nicht seine biologische Mutter sei, was er bereits wusste. Der Tatsache, dass sein Alter Ego, so nenne er den Andern jetzt, adoptiert war, habe er bisher nicht so viel Wichtigkeit beigemessen, bloß ein interessantes biografisches Detail. Er habe die Bedeutung gewaltig unterschätzt, ein Lebensdrama war damit verbunden. Die Mutter sei bereits einmal im Spital vorbeigekommen und habe ihre Tränen nicht zurückhalten können. Erst jetzt, nach diesem Besuch, verstehe er ihren mysteriösen Satz, sie habe ihn ein zweites Mal verloren.
Ich setzte mich in den Lehnstuhl, womit wir uns, ohne es zu beabsichtigen, in klassischer Therapieaufstellung wiederfanden, mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass ich nicht am Kopfende, sondern zu seinen Füßen saß. Aber Marty war in jeglicher Hinsicht mein Sonderfall. Erzählen Sie bitte.
Auch mit ihr sei er im Park spazieren gegangen, die alte Dame war nicht mehr so gut zu Fuß, sie gehe leicht gebückt, klein, aber mit Haltung halte sie das Alter im Griff, elegante Kleidung, bestimmt vor Jahren maßgeschneidert, trägt sie mit zeitloser Würde, er sei der liebenswürdigen Dame sehr zugetan. Dann habe er sie nach jenem Ostermittagessen bei ihr gefragt. Sie war nach seiner Frage direkt auf die nächste Bank zugesteuert, es erzähle sich besser im Sitzen. Sie habe seine Hand genommen, sie trug feine weiße Stickereihandschuhe.
Du kennst die Fakten, begann sie, du hast von der Adoption erst als Dreißigjähriger durch einen unglücklichen Zufall erfahren, dein Bruder hatte damals einen schweren Unfall, und es ging um eine Blutspende, die Blutanalyse ergab, dass ihr beide nicht verwandt sein konntet. Natürlich sei es dumm von ihnen gewesen, ihm das nicht früher zu sagen, aber der Zeitpunkt sei eben nie der richtige bei unangenehmen Sachen. In blinder Kränkung habe er jahrelang nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Die Stimme der alten Dame zitterte kaum merklich. Er habe ihnen den Verrat, so nannte er ihr Verschweigen der Adoption, nicht verzeihen können. Erst als seine Tochter auf der Welt war, habe er seine sture Haltung gelockert. Sie und Vater hätten sehr unter der Zurückweisung gelitten. Du, der aufgeklärte, rationale Intellektuelle, bist durch die Entdeckung, dass zwischen dir und uns keine Blutsbande bestanden, in eine existenzielle Krise gestürzt. Was haben wir uns nicht alles anhören müssen. Die Familie eine einzige große Lüge, keine verwandtschaftliche Beziehung, keine Großeltern und Urgroßeltern, hinter dem Zeitpunkt der Geburt weiße Leere. Ja, du hast deinen Weltschmerz kultiviert. Sie habe seine Selbstbemitleidungen irgendwann nicht mehr hören können.
Marty schob das Stirntuch beiseite, setzte sich auf und blieb gebückt am Bettrand sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Die Mutter habe an jenem Ostersonntag ihm und seiner Familie erstmals alle Einzelheiten seiner Adoption erzählt, ausgelöst durch Nadine, die für eine Geschichtsarbeit ihren Familienstammbaum recherchieren sollte. Er dürfe auf keinen Fall vergessen, das Mädchen beim nächsten Besuch nach dieser Arbeit zu fragen. Mutters Erzählung, er habe alles stichwortartig aufgeschrieben, hier, er reichte mir sein Notizheft.
Ich winkte wiederum ab, er möge es mir bitte vorlesen.
Hochzeit der Eltern 1939, kurz danach Generalmobilmachung, Geburt des Bruders Daniel 1942, mit Komplikationen, keine weiteren Kinder möglich. Vater im Grenzdienst, bei Waldarbeiten verwundet, wurde 1944 entlassen. Leiter der freiburgischen Kantonalbankfiliale in Murten, ehrenamtlicher Treuhänder verschiedener Heime im Kanton, Familie nahm mehrmals Flüchtlingskinder auf, zeitlich befristet, Kinder mussten zurück. Mutter litt, wollte noch ein Kind adoptieren.
Marty blickte auf. In einem Nonnenkloster mit Kinderheim, Frankreich war nicht weit weg, habe es einige Flüchtlingskinder gegeben, die illegal über die jurassische Grenze gebracht und so gerettet wurden. Es waren vor allem Kriegswaisen oder Kinder, die in den Flüchtlingsströmen ihre Eltern verloren hatten, davon gab es Hunderte, sie waren beim Roten Kreuz gemeldet. Aber auch Kinder, die man bei der Kirche versteckte, weil ihre Eltern deportiert wurden. Vichy-Frankreich sei in der Judenverfolgung ja übereifrig gewesen. Die Schwestern brachten die Kinder bei ihren Ordensgemeinschaften in der Schweiz unter, mit dem stillschweigenden Einverständnis der Schweizer Grenzwache. Beim Grenzübertritt schauten die vermutlich konzentriert durch ihre Feldstecher oder auf die andere Seite.
31. Juli 1945, Vater brachte aus dem Heim einen kranken Säugling, Vollwaise, zur Pflege in die Familie, keine Geburtspapiere, der Säugling sehr klein und das Alter schwierig zu bestimmen, Arzt schätzte etwa vier Monate, also wurde der 31. März 1945 als Geburtstag in die Adoptionspapiere eingetragen.
Der «Andere» sei an Ostern völlig in Rage gekommen, weil auch der Geburtstag ein beliebiges Datum war, sein ganzes Leben eine einzige Erfindung, seine Identität eine reine Fiktion. Wie immer übertrieben und Mutter sehr gekränkt. Der Kleine wurde Jean-Pierre genannt, die französische Version von Hanspeter, Vorname seines Adoptivvaters. Der Säugling war lange kränklich, hatte vermutlich Traumatisches erlebt, lange blieben sie im Ungewissen, ob er durchkommen würde. Für Mutter war sein Überleben ein Sieg über den Krieg.
Das Wichtigste komme jetzt, Marty vergewisserte sich, dass ich zuhörte. Offizielle Bescheinigung des französischen Staates, dass Eltern unbekannt, Findelkind, leibliche Eltern vermutlich in den Befreiungskämpfen an der Westküste Frankreichs umgekommen, Kriegswaise, somit adoptierbar. Nonnen verweigerten weitere Auskünfte. Adoptivvater fand dank Beziehungen später heraus, dass das Kind aus dem Département Charente gekommen sein müsse, Gegend zwischen La Rochelle und Girondemündung, dort heftige Befreiungskämpfe und Bombardierungen Anfang 1945, die Deutschen in Atlantikfestungen verschanzt. Säugling war vermutlich Waisenkind nach Bombardierung.
Ihm sei nun klar, welche Recherchen der Andere mit seinem Weiterbildungsurlaub verbunden habe. Ein verrückter Kerl, seine Familie aufspüren zu wollen, ohne verlässliche Hinweise, nicht einmal seinen Familiennamen kannte er. Bloß ein Monogramm, GQ, falls die Mutter die gestickten Buchstaben auf dem Tuch richtig gelesen hatte, das einzige materielle Indiz für die Herkunft. Der Säugling war den Schwestern in einen Kissenbezug und ein Stück Wolldecke eingewickelt übergeben worden. Sagten sie jedenfalls. Mutter hütete das Stoffstück wie eine Reliquie und hatte es dem Andern vor einem Monat, kurz vor dem Unfall, geschickt.
Und jetzt, erregt stand Marty auf und begann im Zimmer auf und ab zu marschieren, während ich versuchte, durch Sitzenbleiben einen Kontrapunkt zur Unruhe zu bilden. Es bestehe kein Zweifel, er stehe am selben Punkt. Eine Vergangenheit zu finden, zu der alle Verbindungen gekappt waren. Aber diesmal mit miserablen Karten. Mit dem Gedächtnisverlust werde die große Lebensproblematik der unbekannten Vergangenheit quasi wiederholt, nein, auf die äußerste Spitze getrieben. Marty rieb sich die rechte Schläfe, die stechenden Kopfschmerzen hatten schlagartig wieder eingesetzt. Er blieb an der geöffneten Balkontür stehen, holte tief Luft. Er, der Mann ohne Vergangenheit, müsse die Erinnerungen eines Mannes finden, der selber auf der Suche nach seiner Vergangenheit war. Wer blicke da noch durch. Was, wenn der Andere vor dem Unfall nichts über seine Herkunft herausbekommen hatte? Dann suche er jetzt die Identität von einem, der nicht wusste, wer er war. Er frage sich, ob er die Erinnerungen des Andern, falls sie wieder auftauchten, überhaupt ertragen würde.
Er starrte durch die Baumwipfel in die Ferne. Draußen begann es zu dunkeln, hinter den schwarzen Umrissen der Parkbäume funkelte tiefblau der Abendhimmel.
Marty presste beide Fäuste gegen die Schläfen, es muss einfach einen tieferen Sinn für diesen wahnwitzigen Albtraum geben. Erregt schloss er die Balkontür und setzte sich mir gegenüber an den Tisch, der alte, verzogene Fensterflügel klirrte ob der uneleganten Heftigkeit.
Er zermartere sich das bockige Gehirn, wie es nach der Klinik weitergehe. Man könne das kaum als Leben bezeichnen, so wie er zurzeit Tag für Tag hinter sich bringe und mühsam einen Lebenslauf zusammenstückle, der ihn zunehmend befremde. Leben bedeute doch, Wünsche zu haben. Er habe keine. Ohne Erinnerungen keine Wünsche und somit auch keine Lebensziele. Da habe einer die Tür hinter ihm zugeschlagen. Die Neuschreiberei des Journals bringe nichts, er bedaure, aber er steige aus dem Schreibprojekt aus.
Ich hatte es geahnt, wollte aber unter allen Umständen den vorzeitigen Abbruch verhindern. Falls es nicht gelingen sollte, damit die Gedächtnisblockade zu lockern, nicht einmal Haarrisse zu provozieren, durch die feinste Erinnerungen zu dringen vermochten, dann habe er sich mit den neu formulierten Texten immerhin doch Wunscherinnerungen erschrieben, habe zumindest etwas in der Hand respektive im Kopf, und vielleicht reiche dies bereits, damit sich Ziele und Wünsche für die Zukunft formierten, seien sie noch so bescheiden.
Marty blickte mich nachdenklich an. Klingt nachvollziehbar. Er stand auf, begann zwischen Tisch und Fenster hin und her zu gehen, blieb dann schließlich vor mir stehen. Gut, er werde also versuchen, mögliche, wahrscheinliche, wünschbare Vorstellungen zu entwerfen, wie das Leben seines Alter Ego in den vergangenen drei Monaten gewesen sein könnte. Aber er zweifle, ob man mit Wörtern das Vergessen zurückbuchstabieren könne. Trotz Lizenz zum Lügen. Sein Lächeln geriet ziemlich schief.
Das war am Sonntagabend, am folgenden Freitagmorgen brachte Marty die ersten Überarbeitungen seines Royan-Journals, oder, wie er zu sagen pflegte, der «Aufzeichnungen des Anderen», auf dem USB-Stick zum Ausdrucken ins Sekretariat und hinterließ die Mitteilung, dass er um ein zusätzliches Gespräch mit mir außerhalb der abgemachten Sitzungen bitte, so bald wie möglich.
Royan, Montag, 5. Mai 2003
Die Geschichte ist besser vorstellbar, wenn zuerst die Kulissen aufgestellt werden. Royan. Badeort mit kleinstädtischem Charakter an der französischen Westküste, genauer am nördlichen Ufer der Girondemündung gelegen, es ist nicht ganz klar, ob das Wasser bereits dem Atlantik oder noch der Gironde gehört, jedenfalls salzig, aber in der Ferne sieht man das gegenüberliegende Ufer. Achtzehntausend Einwohner und in der Badesaison über hunderttausend mehrheitlich französische Sommergäste. Vorzeigestadt für Fünfzigerjahre-Stadtarchitektur, fast in Reinkultur, fast museal. Architekturschulen studieren am Objekt die für den Wiederaufbau in den Fünfzigern entwickelte neue Architektursprache, royano-brésilien. Eine Mischung von Bauhaus aus den Zwanzigern, Art déco aus den Dreißigern und dem brasilianischen Lyrismus eines Oscar Niemeyer aus den Vierzigern. Jedenfalls gewöhnungsbedürftig.
Doch die Vergangenheit geistert herum, will sichtbar werden. Jahrhundertwende, Belle Époque, die Eleganz des pompösen Grandhotels, der Casinos, Tennisplätze, gestreiften Strandkabinen, prächtigen Badehotels und Sommervillen. Im herrschaftlichen Seebad Royan traf sich die Welt, Künstler, Dichter, ganz Paris und die Reichen aus Bordeaux. Meerbäder kamen in Mode, die Perle des Ozeans, wuchs und glänzte während Jahrzehnten, überstand den Ersten Weltkrieg ohne Kratzer, aber nicht den Zweiten. Das Ende der luxuriösen Epoche kam in drei Schritten. Die sozialistische Regierung hatte 1936 in Frankreich zwei Wochen bezahlten Urlaub eingeführt. Der Volkssturm auf die Seebäder brachten Royan die zweifelhaften Segnungen des modernen Massentourismus, der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 24. Juni 1940 nahm dem Badeort sodann allen Glanz. Aber endgültig beendet wurde die prunkvolle Vergangenheit mit der beinahe kompletten Zerstörung der besetzten Stadt durch alliierte Bomber am 5. Januar 1945.
Danach blieb nur ein resoluter Blick in die Zukunft. Etappenweise eine Stadt vom Reißbrett aufbauen, mutig im Zeitgeist der radikalen Moderne, weder geleitet von pragmatischer Ökonomie noch nostalgischer Restauration. Aber mögen muss man diesen Fünfzigerjahrearchitekturstil schon. Zum Beispiel der berühmte Front de Mer, Symbol des eigenwilligen Wiederaufbaus von Royan in den Fünfzigern, mittlerweile mehrmals renoviert, Bausubstanz eher schlecht, und unübersehbar auf allen Ansichtskarten. Zwei je fast zweihundert Meter lange Gebäude mit Appartements, nur drei Stockwerke hoch, die in einer elegant gezogenen Kurve der Linie des Meers folgen und die dahinter liegende Stadt abschirmen. Aber eine imaginäre Wasserlinie, die ganze Anlage liegt nicht mehr am Meer. Das kleine Stadtzentrum, symmetrisch angelegt, dominieren großstädtisch doppelspurige, um nicht zu sagen großspurige Boulevards.
Hier trifft man auf JP. Er ist seit zwei Tagen in Royan, ein heller, heißer Nachmittag. Er schlendert den menschenleeren Cours de l’Europe hinunter, kneift die Augen zusammen, hält von Zeit zu Zeit die schützende Hand davor. Die Hitze schmerzt in den Augen, er drückt sich in den schmalen Schattenstreifen, den die Häuser gnädig noch bieten, aber immer wieder gezwungen, einem Hindernis auszuweichen, einige Schritte in der Mitte des grellen Trottoirs zu gehen, mal sind es die leeren Stühle eines Cafés, die Leute sitzen drinnen, mal parkt einfach ein Auto auf dem Gehweg, normale Sache hier, keinen störts, alle tuns. Die verrückten Hochsommertemperaturen lähmen die Menschen, die noch auf Wärmesuche eingestellten Körper wissen nicht, wie das plötzliche Zuviel abwehren. Gereizt wischt er sich über die Stirn. Obwohl mit leichter Sommerhose und Kurzarmhemd bekleidet, leidet der aus der kühlen Schweiz Angereiste stärker als die Einheimischen.
Er zögert, unklar, in welche Richtung es ihn zieht. Es ist halb zwei, in Frankreich sitzt zu dieser Zeit bei Tisch, wer etwas auf sich hält, alles ruht, daran wird sich JP gewöhnen müssen. Er durchschreitet die breite Parkanlage, bemerkt die verlassenen Boulefelder unter Pinien und Akazien kaum und überquert die Fahrspur achtlos, bis er im Schatten der weißen Häuser auf der linken Seite angelangt ist. Man bemerkt sofort, dass er nicht zu den Zweitwohnungsbesitzern gehört, den frohgemuten Rentnern, die sich am Ende des Arbeitslebens in Royan eine kleine Wohnung leisten. Obwohl er etwa im gleichen Alter ist, fehlt ihm die lederne Sportlichkeit der junggebliebenen Senioren. Seine Kleidung zeigt aber auch keinerlei touristischen Missgriffe, er verkneift sich die Sonnenbrille, die ihn, Anfang Mai, ohne jeglichen Zweifel als Touristen deklassiert hätte. Er trägt eine mappenähnliche Umhängetasche und über die Schulter eine am Zeigefinger aufgehängte Wildlederjacke. Richtig, die gleiche Jacke und dieselbe Geste, nicht zu leugnen.
Einer, der in der Morgenkühle aus dem Haus gegangen ist und doch eindeutig kein Einheimischer, seinem Gang fehlt deren Zielstrebigkeit. Eine kaum merkliche Verzögerung beim Aufsetzen des Fußes, erwartungsfreudig, sofort bereit, die Richtung zu ändern, verrät den Neuangekommenen. Intensiver Schwebezustand, er saugt das Fremde ein, labt sich am Unbekannten, es sprengt das Herz, die Freiheit ist zum Greifen, ein Luftsprung und ein Jauchzer sind jetzt das einzig Richtige. Nur innerlich, versteht sich, JP ist Schweizer. Das bisschen Exotik des Badeorts, das bisschen salzige Meeresbrise, das reicht noch nicht, um fünfzig Jahre Wohlbenehmen und Selbstkontrolle abzuwerfen wie ausgetragene Kleider. Es wird noch etwas dauern.
JP bleibt unschlüssig am Ende des Cours de l’Europe stehen. Alle Geschäfte geschlossen, teilweise sogar die Gitter heruntergelassen. Auch die Grünanlage ist ausgestorben, sie wird gegen Ende des Boulevards schmaler, Sträucher ersetzen die Pinien, Parkplätze bald diese und schließlich beendet ihn ein erhöhtes Asphaltdreieck mit Verkehrsampel und Wegweisern. Weiße Stille liegt über dem weiten Platz vor der Post. Warum ist er überhaupt jetzt und hier in Royan? Gute Frage. Eigentlich zwei Fragen.
Jetzt: weil er ausgelaugt ist, zynisch, jeder Schultag wurde unerträglicher. Sein Antrag auf ein Freisemester, Sabbatical klingt besser, ist ihm anstandslos bewilligt worden. Wiedersehen am Montag, 18. August, zum neuen Schuljahr. Er fährt sich über die feuchte Stirn. Vieles muss sich in diesen knapp vier Monaten ändern. Diese Leere, nicht einmal Schülerarbeiten kann er mehr beurteilen, alle Kriterien sind ihm abhanden gekommen. Keine Ahnung, was gut ist, was ungenügend, wer ist so anmaßend, das wissen zu wollen. Ihm ist einfach scheißegal, was die Schüler schreiben, denken, nicht denken, nicht überlegen, nicht wissen. Was hat das mit ihm zu tun?
Eine Zeitlang kann man noch so tun als ob, man hat ja schließlich Expertise nach so vielen Jahren Berufstätigkeit, die Phrasen sprechen und schreiben sich von allein, schlängeln sich gekonnt in die Beurteilungen, die aus luftigen Satzmodulen bestehen, die man mal so, mal so aneinanderreihen kann. Glauben muss das keiner. Leider wird nach einiger Zeit das Unbehagen schwer, würgt dich, ja schneidet dir die Luft ab. Spuck es endlich aus. Dass du genauso oberflächlich und uninteressiert geworden bist wie deine Schüler. Von Jahrgang zu Jahrgang schlimmer, ewiges Lamento der Kollegen. Oder dass nichts mehr in deinem Kopf ist, keine Meinung zu den Dingen, selbst nicht, ob du Meinungslosigkeit gut oder katastrophal findest. Altersweisheit ist es bestimmt nicht. Es gab nur eins – weg. Auszeit. Eine unbekannte Umgebung verdampft zumindest für eine gewisse Zeit die breiige Langeweile, denn täglich sind unzählige banale Entscheidungen zu treffen, wenn alles neu ist, zum Beispiel, welche Straße er jetzt nehmen soll.
Endlich das Meer sehen. Wo liegt das Meer? Die blendende Helligkeit am Atlantik überrascht ihn auch diesmal wieder, grenzenloses Licht, es gibt keine hohen Gebäude, die Straßen offen, die Häuser weiß, über dem flachen Land der unbegrenzte Himmel. Keine Bergschranken. Als Schweizer ist man halt anfällig für die Weite. JP überquert zügig den breiten Boulevard.
Der erste Kurstag heute Vormittag hat sich ganz gut angelassen. In der Pause gab es Gelegenheit für den unvermeidlichen Smalltalk, eine kleine Kursgruppe mit acht Teilnehmern, drei männlichen, außer ihm noch ein Schweizer, Marco aus dem Tessin, und der Deutsche Sven, und fünf weiblichen, die Spanierin Gracia, eine etwas arrogant wirkende Mailänderin namens Chiara, zwei unkomplizierte Kanadierinnen aus Ottawa, Maureen und Pam, und die geschwätzige Monika aus Linz. Sie alle unterrichten Französisch an einem Gymnasium in ihrem Land, sie alle haben das Bedürfnis, ihr Französisch wieder à jour zu bringen, Fehler auszumerzen, die sich einschleifen, wenn man ständig nur mit Nichtfrankofonen spricht. Eine ganz angenehme Truppe, obwohl JP dieser Aspekt reichlich egal ist, ihm geht es nicht um neue Freundschaften, zudem ist er vermutlich einiges älter. Der Kurs dient bloß als offizielle Rechtfertigung für das Sabbatical, und wenn er dabei ein paar nützliche Sachen für den Unterricht lernt, tant mieux. Bis jetzt ist es allerdings mäßig spannend.
In der zweiten Hälfte des Vormittags hat jeder sein Projekt kurz vorgestellt, als Leistungsnachweis für das Kursdiplom wird eine selbständige Recherche zu einem lokalen Thema mit Präsentation in der Klasse verlangt. Einige haben sich bereits bei der Vorstellung ihres Vorhabens in Details verloren, das lässt Schlimmes für die Schlusspräsentation ahnen. Er selber hat auch ein bisschen ausholen müssen. Seit er vor Jahren in der Bretagne die ersten Bunkerruinen des ehemaligen Atlantikwalls entdeckte, habe er den Wunsch, mehr über das gigantische Küstenbefestigungsprojekt der Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg zu erfahren. Überall in den Dünen hier gebe es die Überreste der Bunker, die nun malerisch im Sand versinken. Der Bau der Befestigungsanlagen sei auch der Grund für die katastrophalen Zerstörungen der französischen Küstenstädte durch die alliierten Bomber gewesen. Er wolle deshalb mehr über die Jahre der deutschen Besatzung und die Befreiungskämpfe hier in der Region wissen.
Mit Genugtuung bemerkte er, wie die Kursleiterin hellhörig wurde. Kein Wort selbstverständlich, dass der Atlantikwall nur als Vorwand dient. So kann er die Recherche gleich mit seiner Familiensuche verbinden. Sein Blick in die Runde ist am Schluss bei der Kursleiterin Françoise hängengeblieben, sie würde er gerne beeindrucken. Ein anspruchsvolles Thema, sie hat ihm anerkennend zugenickt, gerne gebe sie ihm Tipps für Quellenmaterial, sie habe selber ausführlich dazu recherchiert. Sie lächelt. Nur für ihn. Seine Hände sind augenblicklich kaltfeucht, ein Wunder, dass er nicht stottert, und ein Glück, dass die zu langen Haare die glühenden Ohren verdecken.
JP konnte die Augen kaum von ihr lassen, die Frau ist einfach umwerfend. Ein nonchalanter Kleidungsstil, diese natürliche Eleganz der Französinnen sieht aus wie nicht beabsichtigt. Schmale Hose, kann sie mit ihrer Figur tragen, anschmiegende Bluse, man ahnt, was man sich vorstellen will. Für den Inhalt ihrer Ausführungen, es ging um Internetterminologie oder ähnliches, war er weniger empfänglich.
Ist sie eine schöne Frau? Nach gängigem Schönheitsideal eher nicht, aber ihr Gesicht ist lebhaft, dunkle volle Haare, trägt sie schlicht nackenlang, mit zufälligen (oder raffiniert platzierten?) grauen Mêches durchzogen. Welch erregender Kontrast zu ihren hellen Augen. Farbe undefinierbar, vielleicht meerfarben, ja, alle Farbtöne des Wassers. Am meisten beeindruckt ihn ihre Sprechweise, geschliffene Formulierungen, druckreif, natürlich zu erwarten bei einer Französischlehrerin, trotzdem, er ist hingerissen. Ihr Alter fünfzig, fünfundfünfzig allerhöchstens, er ist schlecht im Schätzen
Aber er hat weder Lust auf Abenteuer noch auf Komplikationen. Vergiss nicht, warum du hier in Royan bist. Du hast nur wenige Wochen, die Zeit ist zu kostbar für Frauengeschichten.
Ungeheuer mutig ist es doch, nach bald zwanzigjähriger Ehe erstmals für fast drei Monate, elf Wochen, um es ganz genau zu nehmen, wieder allein zu leben, in einer fremden Stadt und ohne vertrauten Arbeitsrhythmus. Immer mulmiger wurde ihm zumute in den letzten Monaten, als der Wunschtraum des Wegfahrens, das Wort Flucht war auch in Gedanken tabu, Schritt für Schritt Wirklichkeit wurde.
Und nun liegt der erste bedrohlich leere Nachmittag allein in einer fremden Stadt vor ihm. Vorsorglich hat er eine lückenlose Beschäftigung programmiert. Mit Listen, nach Prioritäten geordnet, bewältigt er zu Hause seinen Alltag, sie entfalten bestimmt auch hier ihre Wirkung:
Meer
nächstgelegene Bäckerei
Markthalle Öffnungszeiten
Maison de la Presse, deutsche Zeitungen?
Internetcafé
Das Internetcafé braucht er, weil es in der Ferienwohnung wie erwartet keinen Internetanschluss gibt und Internet für seine Recherchen unerlässlich ist. JP weiß seit dem Osterbesuch bei der Mutter, dass seine Herkunft mit großer Wahrscheinlichkeit hier in der Gegend liegt, seither ist er hochgradig beunruhigt. Hat er Royan wirklich nichts ahnend für seinen Weiterbildungsurlaub gewählt – alles war längst organisiert, als er an Ostern davon erfuhr –, oder lenkte eine Vorsehung perfide die Entscheidung? Wer zieht die Fäden, Schicksal oder Zufall?
JP ist sehr wohl bewusst, wie wahnwitzig die Idee ist, seine Familie zu suchen, ohne Fakten, ohne Geburtsdatum, ohne Namen. Er hat magere vier Anhaltspunkte: erstens ein Monogramm GQ, zweitens Herkunft Département Charente, drittens vermutlich Bombardierungsopfer und viertens ein willkürliches Geburtsdatum, 31. März 1945. Mehr nicht. Aber die Hoffnung, dass es möglich wäre, sitzt als bohrender Stachel in seinem Kopf. Es gibt eine Nanowahrscheinlichkeit, er muss die bloß finden. Selbstverständlich hat er niemandem davon erzählt, die pragmatische Annet hätte es ohnehin nicht verstanden, seinen Plan bestimmt als hirnrissig und ihn als Fantasten bezeichnet. Sie hat nicht ganz unrecht. Wie immer. Seit er hier vor Ort ist, mehren sich die Zweifel, seine Familiensuche ist tatsächlich spinnert, zu Hause aus der Ferne schien alles machbar.
JP sucht immer noch das Meer. Er dreht den Stadtplan in Blickrichtung, das Meer muss sich links gleich hinter dem Pinienpark befinden. Er durchquert ihn, ein Rummelplatz mit einigen Schatten spendenden Bäumen, alle Schaubuden noch gnädig geschlossen. Eine luftig leichte Frühsommerstimmung liegt in den Gesichtern der Spaziergänger, keiner hat es eilig. Der Schweizer kontrolliert kurz die Uhr, von seiner Wohnung bis ans Meer braucht er knappe zehn Minuten, perfekt.
Hinter dem kleinen Pinienpark entdeckt er aber erst eine gigantische Sandfläche. Noch nie hat er dergleichen in einer Stadt gesehen, sie wird von einer bestimmt fünfhundert Meter langen Steinarena begrenzt, die von der Promenade auf der ganzen Länge in drei einladend breiten Stufen, auf die man sich gemütlich hinsetzen kann, zum Sand hinunter führt. Die Sonne scheint durch diffusen Dunst, das ist es, was das Licht so unerträglich macht, ohne Sonnenbrille. Auf den Stufen, im Sand, überall sitzen oder stehen Leute, Kinder tollen herum, Hunde bringen wedelnd Holzstücke zurück, die keiner will. Er setzt sich auf die mittlere Stufe, lehnt zurück, schließt die Augen. Da ist es wieder. Das aufregend Freie. Neuanfang ohne jegliche Last. Warm. Weit. Alle Poren öffnen sich. Alles auf Empfang. Endlich leben.
Keine Sorge, er sonnt sich einfach ein bisschen, alles unter Kontrolle. Vergängliche Sekunden von Leichtigkeit, ein Versprechen von Sorglosigkeit und Ruhe, niemand hat Ansprüche an ihn. Aber es ist nicht zu verhindern, dass Annet sich vor seine Augen drängt, schnell, bevor ihm zu wohl wird. Schwieriges Kapitel, die Beziehung zu Annet. Der Abschied von seiner Frau war merkwürdig, er ist nach wie vor ratlos, nicht gekränkt, vielleicht aber doch.
In den Tagen vor der Abreise lähmte ihn die Erwartung, die mit dem Unausgesprochenen wuchs, die karge Verabschiedung am Montagmorgen im Auto vor dem Bahnhof, sie hat ihn sogar nach Olten gefahren, eine verlegene Umarmung und der Versuch eines ehelichen Kusses. Was gab es noch zu sagen, nirgendwo lagen brauchbare Wörter herum. Sie vermieden beide eine Abmachung, wie häufig sie miteinander in Kontakt bleiben wollten. Alles blieb ungesagt dumpf. Sie hat ihn nicht auf den Bahnsteig begleitet, in Eile und bereits verspätet für ihren ersten Termin. Kein kindisches Winken, das versteht sich; als er wider besseres Wissen doch zurückblickte, war ihr Auto verschwunden. Ja, er ist gekränkt.
Die Sonne verbrennt soeben den letzten Dunst und blendet nun erbarmungslos, er zieht die Sonnenbrille hervor, ein Tourist, tant pis. Keiner schaut ihn an, keiner nimmt es ihm übel, keinen interessierts. Vielleicht nimmt er sich ein bisschen zu wichtig.
Er steht auf, streckt sich mühsam, seit neuestem diese Steifheit in allen Gliedern. Dabei bräuchte er nicht weit zu suchen, reine Folge seiner faulen Unsportlichkeit. Soll er nach rechts oder links, dort beginnt der Strand. In weiter Ferne, offensichtlich herrscht Ebbe, sieht er es endlich, eine graubraune Fläche, das Meer ist zu seiner Verwunderung alles andere als blau. Welche Enttäuschung, JP wendet sich ab. Er will später an den Strand gehen. Wenn die Flut steigt.
Rechts erblickt er den berühmten Front de Mer. Die Gebäude wirken auch nach fünfzig Jahren sehr modern, er nähert sich über die Promenade, eine gedeckte Passage führt der ganzen Länge entlang, überall mit Geschäften, Touristenfallen und billigen Snacks verbaut. Er schlendert in dem engen Markt von Geruch zu Duft und umgekehrt, Frittiertes, Waffeln, Räucherstäbchen, Meeresfrüchte, wieder Fast Food, das Getümmel in der Sommersaison will er sich lieber nicht ausmalen. Es wäre an der Zeit, die Liste hervorzuholen, es gibt noch einiges abzuarbeiten.
Das Telefon in der Hosentasche piepst kurz, SMS von Nadine, französischtest sosolala. wann kommst du zurück.
Er ist augenblicklich empört, was soll das. Jahrelange Vatererfahrung ermöglicht ihm, sosolala sofort mit ungenügend zu übersetzen. Es ist hart, eigentlich kaum zu ertragen, dass die Tochter des Französischlehrers eine Niete in Französisch ist. Er starrt auf das Telefon in seiner Hand, der Ärger verdrängt augenblicklich die Gedanken, die tausend Kilometer zwischen ihnen nützen nichts. Das Gymnasium ist eine permanente Streitquelle zwischen Vater und Tochter, sein langjähriger Arbeitsort und für ein paar Jahre die Schule von Nadine. Vielleicht, sie schlingert ständig knapp an der Grenze zur Nichtbeförderung in die nächste Klasse. Am meisten wurmt JP das heuchlerische Verständnis der Lehrerkollegen.
Tief durchatmen, ruhig bleiben, Urlaub ist auch Waffenruhe, kein Kommentar zum Französischtest. Er tippt ungelenk, bleibe 3 monate, das weißt du doch! du kommst mit mama mitte juli hier nach r, sommerferien.
Ihre Antwort kommt postwendend: r??
Ruhig bleiben, aufregen lohnt sich nicht, die Tochter hört immer erst zu, wenn ihr die Folgen nicht passen. royan, westküste frankreich, antwortet er kurz.
Diesmal dauert es einige Minuten mit ihrer Antwort: weiß noch nicht ob ich mitkomme.
Jetzt ist er stocksauer, die Ferienpläne haben sie ausführlich diskutiert und familiendemokratisch festgelegt. Er schaltet das Telefon aus.
Und jetzt wohin? Das kurze Intermezzo mit der Tochter hat ihm die Stimmung zerstört, die häuslichen Spannungen sprühen Funken in seinen Gedanken. Der stehengebliebene JP ist ein Hindernis im Passantenstrom und wird ständig angerempelt. Schon wieder schubst ihn jemand, zieht ihn am Arm. Lachend steht Gracia hinter ihm, die Kollegin aus Valencia, neben ihr hat er heute Morgen im Kurs gesessen, sie ist die temperamentvollste der kleinen Gruppe. Er strahlt, welch reizender Zufall, er ist hocherfreut über die Ablenkung. Sie setzen sich in ein Café an der frischen Luft zwischen den beiden Gebäudehälften des Front de Mer.
Was sie davon halte? Er macht eine ausholende Geste, die alles um sie herum einschließt, natürlich sprechen sie Französisch. Aufregend, Gracia ist beeindruckt von der riesigen Anlage, ihre Begeisterung erstaunt ihn, ihm kommt typisch schweizerisch nur Kritik in den Sinn. Er blättert in ihrem Führer und findet tatsächlich alte Fotos des Front de Mer kurz nach der Fertigstellung Ende der Fünfzigerjahre, damals eine elegante offene Galerienpromenade. Und heute alle Arkaden verschandelt mit Vorbauten und billigem Touristenkommerz.
Gracia sieht ihn verständnislos an, das Gewimmel störe sie nicht, im Gegenteil, alles wunderbar. Zu gern lässt er sich von ihrem Enthusiasmus anstecken. Man plaudert über die jeweiligen Unterkünfte. Gracia mietet ein Zimmer bei einem älteren, charmanten Ehepaar, ganz in der Nähe, ein ruhiges Quartier hinter der Kirche, mit Frühstück und wenn sie wolle, pension complète, aber zwei warme Mahlzeiten am Tag schaffe sie nicht, wieder lacht sie hell, sie wäre noch vor Ende des Kurses kugelrund.
Ein leichter Wind vom Meer schiebt regelmäßig Wolken vor die Sonne, wenn sie sich zeigt, brennt sie sofort, die Sonnenbrille ist in Gegenwart von Gracia angebracht, bei der Spanierin ist sie ohnehin fester Körperbestandteil, wenn nicht auf der Nase, dann im Haar. Gracia wedelt sich mit der Getränkekarte Luft über die erhitzten Wangen, bei uns haben sie angekündigt, dass 2003 ein Jahrhundertsommer werde. Selbst sie als Spanierin stöhnt, jetzt schon Hochsommerhitze, wie wird das bloß im Juli. Er hat seinen Stuhl längst unter den Sonnenschirm gezogen, keine Chance, mit der Südländerin in der brütenden Sonne mitzuhalten.
Seine schlechte Laune ist weggeblasen. Die Aufmerksamkeit eines attraktiven weiblichen Wesens genügt, und es liegt Übermut in der Luft. Man tratscht über dies und jenes, die Kollegen im Kurs, Lehrererlebnisse von zu Hause, und meint ganz anderes. Er fragt sich, wie lange das Kaffeetrinken schicklicherweise dauern darf. Ihr auf keinen Fall lästig werden. Verstohlen blickt er auf die Uhr, beinahe vier Uhr, der halbe Nachmittag wäre geschafft. Er zögert den Aufbruch hinaus, der Tag ist noch lang, es drohen einige leere Stunden.
Irgendwann kommt der unvermeidliche Moment, Gracia hat Besorgungen zu erledigen, er hat ebenfalls noch einiges auf der Liste, zum Beispiel Internetcafé. Ach, es eilt ja nicht mit seinen Recherchen. Gerade ist das Leben licht und heiter. Sie stehen auf, Küsschen auf die Wange links rechts, zwei oder drei oder vier, das ist offensichtlich landesspezifisch, ein kurzer Augenblick neckischer Verwirrung, bereits vertraut und leicht verlegen trennt man sich. Beschwingt schreitet er mit ausholenden Schritten über die Promenade Richtung Meer. Mannomann, seit Jahren nicht mehr so als Kerl gefühlt. Das erhoffte neue Leben beginnt.
Ein Uhr nachts, Fenster weit offen, ein kräftiger warmer Wind rauscht, Tauben gurren verschlafen in den Pinien, wieder dieses Knacken in der Zimmerdecke, woher bloß bei einem Betonbau aus den Fünfzigern. Geräusche voller Magie. Schwerelos, weit, alles ist leicht. Es wird gelingen. Nennt man einen solchen Zustand glücklich? Er weiß es nicht, seit Jahren nicht mehr gespürt.
Erst zwei Tage ist es her, seit er kurz vor Mitternacht, erschöpft von der zwölfstündigen Bahnfahrt, in Royan angekommen ist und erwartungsfreudig die Wohnungstür geöffnet hat, der Schlüssel lag wie vereinbart, und wie hätte es anders sein können, unter der Fußmatte. Die Unterkunft ist günstig, sie befindet sich in einem der typischen zweistöckigen Immeubles aus den Fünfzigern und sie hat ihm, dem ironischen Romantiker, auf Anhieb gefallen.
Die Wohnung könnte glatt als Mustereinrichtung für die Fünfzigerjahre in einem Museum stehen. Die Stube füllen ein Esstisch, wichtigstes Möbelstück in einer französischen Wohnung, und ein mächtig geschwungenes Buffet. In einer Ecke wartet ein Lehnstuhl mit Spitzendeckchen dort, wo der Kopf mit schuppigem Haar anzulehnen pflegt, ausgerichtet auf den Servierwagen mit dem Fernseher drauf, er zweifelt, ob das Ungetüm bereits Farben kennt. Ein abgewetztes Perserimitat deckt schonend das hübsche alte Parkett aus schmalen Eichenbrettchen. Die Tapeten mit ihrem geometrischen Design in Braunorange und Grün sind vermutlich in den frühen Siebzigern zum letzten Mal erneuert worden.
Sorgfältig über die Wohnung verteilt hängen Kunstdrucke, Monets Seerosenteich, van Goghs Sonnenblumen, Rosenbilder, zwei düstere Stillleben und ein echtes Ölbild mit flammendem Sonnenuntergang hinter schwarzer Kirchturmsilhouette und schwankenden Schiffsmasten davor. Ohne Zweifel Royan, gemalt von einem lokalen Hobbykünstler. Die kleinen Schlafzimmer vollgestopft je mit einem dunklen Eichenschrank voller rustikaler Schnitzereien, die sich an Bettstatt und Nachttischchen wiederholen. Zweifel haben ihn beim Anblick der sogenannten französischen Betten beschlichen, je eins in jedem Schlafzimmer und kaum breiter als eins dreißig, unvorstellbar, zu zweit darin zu schlafen.
Wie nicht anders zu erwarten, hat er dann auch miserabel geschlafen, die müden Sprungfedern im Bettrost gaben unter seinem Gewicht nach und ließen ihn in einer tiefen Kuhle liegen, jede Spirale unter der dünnen Matratze drückte wahlweise in den Rücken oder in die Rippen. Aber er verfügt ja über Auswahl. Gestern Nacht hat er das zweite Bett getestet und sich, da leicht weniger gerädert heute Morgen, in diesem Zimmer häuslich eingerichtet. Er hat bis Mitte Juli Zeit, das Bettproblem zu lösen, dann kommen Frau und Tochter.
Mager, was er bisher unternommen hat. Heute Abend erstmals im Cybercafé, wie sich das Internetcafé hier nennt, erst vor kurzem eröffnet. Alles voll, er hat eine Ewigkeit auf einen freien Computer gewartet, dann hat er Glück angesichts der knappen Zeit, um Mitternacht schließen die das Café. Er will für die Resultate der Recherchen eigene Dateien anlegen, je eine Datei zu den vier Anhaltspunkten. Raus damit aus dem persönlichen Journal. Man weiß nie.
Datei «Monogramm», 8. Mai 2003, unverändert übernommen
Webseite gefunden, irgendwas mit Genealogie, mit häufigsten Familiennamen nach Departementen. Monogramm GQ, Familiennamen mit Q zum Glück selten, in der Charente gibt es:
Quichaud (der häufigste von allen Q-Namen, weiterverfolgen?)
Quatravaux
Quemerais
Quenton
Queraux
Quet
Quintard
Querrec (bretonische Endung, nicht verfolgen)
Quilhac (typische Endung Namen aus Südwesten, eher nicht).
Gestickte Monogramme auf Wäsche gehörten zur Aussteuer der Frauen, also Familie meiner Mutter? Und wenn jemand das gerettete Baby während der Flucht in eine irgendwo gefundene Kissenhülle gesteckt hatte, eine Art Schlafsack? Das Monogramm ein völliger Zufall? Damit wäre das einzige konkrete Indiz weg …
So geht das nicht. Wenn ich bei jedem Ergebnis den Zufall ins Spiel bringe, ist das Vorhaben sinnlos und die Probabilität gleich null. Ab jetzt gilt die Devise: allfällige Funde sind Schicksal und keineswegs Zufall. Also immer mit der Variante weiterfahren, mit der es eine Chance gibt, weiteres zu finden, egal wie plausibel. Aus Sicht Logik, Rationalität, Wissenschaftlichkeit vermutlich eine absurde Strategie (wie der Mann, der seinen verlorenen Hausschlüssel unter der Straßenlaterne sucht, weil er nur dort etwas sieht). Aber die einzige, die mir bleibt. Statistisch gibt es eine errechenbare Wahrscheinlichkeit, dass der Schlüssel im Lichtschein der Laterne liegt. Also: unwahrscheinlich ist ab jetzt tabu.
Royan, Sonntag, 11. Mai 2003
Ein erstes komplettes Wochenende in Royan hat JP einigermaßen überstanden, trotz Unvorhergesehenem, Zeit für Bilanz. Warum schreibt er all dieses Zeug eigentlich auf? Um später, zu Hause, diese Einmaligkeit der «ersten Male» wieder nachzuvollziehen. Sie sind anfänglich intensiv und verschwinden mit der Gewöhnung in die Nichtmehrwahrnehmbarkeit. Wie dicht die Zeit ist, wenn alles ungewohnt ist. Die Erinnerung festigen mit Schreiben. Sie willentlich formen. Selber entscheiden, wie und woran er sich erinnert, er überlässt das nicht der Willkür, um nicht zu sagen der Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses.
Seit er hier in Royan ist, laufen im Kopf zwei Filme ab. Aber die Spulen rollen gegeneinander. Der eine Film nimmt das Neue auf und fließt ins Gedächtnis. Der andere bringt von dort ständig unerwünschte Szenen hoch, Ereignisse der letzten Wochen zu Hause, die hier nichts zu suchen haben. Gallige Blasen, die in Momenten, wo seine Wachsamkeit abgelenkt ist, aus der Brühe steigen und seine Stimmung vergiften. Wie könne er bloß die gut gelaunte Gesellschaft, die Ferienstimmung und herrliche Sommersonne am Strand genießen, während sie neben dem Arbeitsstress noch Haus, Garten und die letzten Erziehungsversuche der Tochter am Hals habe. Annets spitze Bemerkungen beim gestrigen Telefonat zeigen wie immer die beabsichtigte Wirkung, sie weiß treffsicher, was sie nur anzudeuten braucht, damit die Mühle seiner Schuldgefühle sich dreht. Auch hier schafft sie es, ihn via schlechtes Gewissen fernzusteuern, eine Marionette ist er.
Sonntagmorgen. Missmutig hockt er auf dem Küchenstuhl, ihm fehlt die Lust auf Filterkaffee, die Baguette von gestern ist ungenießbar, er zerbröselt das ausgetrocknete Stück Brot. Der Rücken fühlt sich wieder ganz steif an, er hat eine miserable Nacht hinter sich. Um vier rumpelte die städtische Müllabfuhr während mindestens einer halben Stunde, so kam es ihm vor, all die Plastikcontainer von den Hauseingängen zum Müllwagen und wieder zurück. Nachher lag er hellwach.
Er leidet unter Schlaflosigkeit, seit er sich erinnern kann. Er hat viele Taktiken entwickelt: eine ziemlich erfolgreiche ist, sich nicht zu rühren, sich schlafend stellen. Heute Morgen gelang es beinahe, der Schlaf ließ sich täuschen, kam heran, ganz nahe. Zum Greifen. Dabei wartete der nur, bis er wieder eine unüberlegte Bewegung machte. Hellwach. Wütend. Das sind die gefährlichen Momente, wo die Giftblasen aufsteigen.
Szenen der Lehrerkonferenz kurz vor seiner Abreise, Ärger und Resignation wirbeln durcheinander, aus diesem Karussell kann man nicht herausspringen. Heute fragt er sich, weshalb er nur hingegangen ist, sein Urlaub hatte mit den Frühlingsferien begonnen, seine Teilnahme war keineswegs notwendig. Scheißpflichtgefühl. Ist ja bekannt, dass Perfektionisten ihr fehlendes Selbstwertgefühl mit Kontrolle kompensieren. Trotzdem ist er unfähig loszulassen.
Diese provokativen jungen Kollegen mit ihrer penetranten Energie für Verbesserungen, ihrem Glauben an die Veränderbarkeit des Systems. Die Lehrerschaft ist seit Längerem in zwei Lager geteilt, die Jungen gegen die Gelassenen, die nicht daran denken, jede behördlich verordnete Reform gleich umzusetzen, eine inflationäre Menge in den vergangenen Jahren, man kann sie auch aussitzen. Seine Parole. Pech ist, dass seine Schule als sogenanntes Reformgymnasium auserwählt wurde, Testgelände für Schulversuche, bevor sie kantonsweit eingeführt oder stillschweigend abgeblasen werden.
Doch der Sarkasmus einiger ausgebrannter Kollegen stößt ihn ab. Aufpassen muss er, höllisch aufpassen, denn er befindet sich selber schon bedrohlich nahe am Hang der Abgelöschten. Er wankte in den letzten Monaten meist nur noch zwischen Lethargie und Gereiztheit. Jedes Jahr kommt unweigerlich ein August und fängt wieder ein Schuljahr an, mit neuen und immer gleichen Schülern, und nirgendwo Lebendiges in Sicht oder wenigstens ein kleines Erdbeben. Nur diese Auszeit kann dich retten. Doch auch dieses Jahr wird ein August unweigerlich den langen Urlaub beenden. Und das Schlimmste wäre, wenn sich nichts geändert hätte.
Er hält es nicht mehr aus im Bett. Wie kann man sein Gehirn leeren, die Gedanken löschen, an nichts denken? Das kann keiner. Auch die heiße Dusche hilft nicht, lange hat er die Wärme über seinen Körper rieseln lassen, doch miese Laune ist wasserdicht.
Wütend knallt er die Baguette von gestern in den Abfallkübel, die Wippe der Öffnung überschlägt sich. Er steht vor der geöffneten Kühlschranktür, auch dort eisige Leere, also nicht nur Kaffee, sondern Frühstück in einem Café.
Als er fünf Minuten später auf dem roten Platz zwischen dem Front de Mer und dem Boulevard Aristide Briand ankommt, bemerkt er erleichtert die belebten Straßen, in der Ferne vor der Markthalle sogar dichte Menschenmengen, Sonntagmorgen ist ja alles geöffnet, das hilft ungemein. Er setzt sich in das gleiche Café, in dem er mit Gracia war. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und sucht die vertrauten Orte. Er könnte ja regelmäßig hier sein Frühstück einnehmen, das gäbe seinem Alltag einen Rhythmus. Er blickt sich um, ein Fensterplatz wird gerade frei, er bestellt Espresso und Croissants und packt seine Zeitung aus. Da fährt einer tausend Kilometer gegen Westen, um dem Alltagstrott zu entfliehen, und was macht er als erstes, er schafft sofort wieder eine Routine. Sie hilft gegen seine niedergedrückte Stimmung.
Aber er mag nicht lesen, starrt auf die Schlagzeilen. Wie geht es mit Annet weiter, er fühlt sich ratloser denn je. Der Kellner stellt Café und zwei Croissants vor ihn auf das Tischchen. War der Abend vor seiner Abreise eine Versöhnung oder die Besiegelung einer Tatsache, die sie beide noch leugnen? Vorsicht, das wird wieder eine Giftblase. Es lag wohl auf der Hand, dass er vor der langen Trennung mit seiner Frau schlafen wollte, bei ihm staute sich ausreichend körperliches Bedürfnis, seit einer halben Ewigkeit keinerlei Aktivitäten, auch kein Alleingang. Und so ist es geschehen, sie haben sich geliebt oder vielmehr, sie hatten ehelichen Geschlechtsverkehr, und der ist sogar ziemlich gut gewesen. Wenn er mit den rar gewordenen Kontakten davor vergleicht. Annet nachgiebig, beinahe ein Anflug von Leidenschaft, wie er sie sich wünscht, keine Missverständnisse, beide kennen sie die Regeln und die Reaktionen des andern, wissen, wo die Sackgassen liegen. Alles eingeschliffen und über die Jahre geglättet. Das ist auch gut so. Kein Bedürfnis nach neuen Praktiken und Unruhe, nicht mit der Frau.
Der Kellner will wissen, ob er noch was wünsche, er schüttelt unwillig den Kopf, sitzt er etwa schon zu lange hier? Er ist überzeugt, kein schlechter Liebhaber zu sein. Seit physische Entspannung nicht mehr so drängt, ist er aufmerksamer, ob sie auch wirklich will, und gelassener, wenn er ihre Ablehnung spürt. Verloren aber auch die Verführungsenergie. Annets Ausweichen wird zu ihrer beider Gewohnheit, reizt sein Begehren nicht mehr.
JP bestellt doch noch einen Kaffee, jetzt beginnt die Zeit der schonungslosen Ehrlichkeit. Er ist keineswegs unglücklich, von der Frau in dieser Hinsicht nicht mehr gefordert zu werden. Offen gestanden, sogar erleichtert, dass sie ihn in Ruhe lässt. Ist sexuelle Unlust der Anfang vom Ende? JP blickt, er merkt es nicht, einer jungen Frau nach, die zwischen den Tischen Richtung Bar balanciert. Er ist wie so viele seiner männlichen Artgenossen überzeugt, sich gegen Verführungen im Griff zu haben. Nein, die Möglichkeit eines amourösen Abenteuers war bei der Planung des Urlaubs nie ein Hintergedanke, wirklich nie.
Und seine Frau? Vielleicht ist Annet sehr wohl für die Aufmerksamkeit eines fremden Mannes anfällig. Wenn er erst mal aus ihrem Blickfeld ist. Er schluckt, keine Lust, darüber nachzudenken. Gereizt zieht er sein Portemonnaie aus der Hosentasche, der Kaffee inzwischen kalt, auch die Zeitung heute unglaublich langweilig.
Er legt die Münzen ins Tellerchen mit der Quittung, steht auf und tritt auf den Platz hinaus, schon beinahe elf, wieder das grelle Grau, die Wolken werden sich bald auflösen, er spaziert mit der Menge Richtung Markthalle. Dort herrscht reges Treiben, vorwiegend älteres Publikum. Zahlreiche Zweitwohnungsbesitzer sind übers Wochenende angereist, man trifft sich, bleibt stehen, bevorzugt dort, wo der Durchgang eh schon eng ist. JP drückt sich unwillig an den plaudernden Hindernissen vorbei. Nerv dich nicht, du hast Zeit, er schlendert zu den farbenfrohen Gemüsen und Früchten, duftenden Erdbeeren, Spargeln, ersten Artischocken aus der Bretagne, frischen sandigen Karotten, Frühlingszwiebeln, Bergen von Salaten, das meiste aus der Region. Annet wird begeistert sein.
JP tritt durch einen der Bögen in die Markthalle und ist auf Anhieb fasziniert, tatsächlich eine Muschel, über ihm wölbt sich ein gigantisches rundes Betondach mit gewellten Rändern, die an dreizehn Punkten auf dem Boden aufsetzen und das Ganze tragen, ohne jegliche Innenstütze. Am höchsten Punkt im Dach sind Glasziegel in den Beton eingelassen, von denen sternförmig Licht in die Halle strömt und ihr etwas Magisches verleiht.
Eindrücklich, nicht wahr? Die Frau lacht hell, sie ist unbemerkt neben JP getreten, während er in die Höhe staunt. Françoise. Sie schaut ebenfalls hoch, erklärt ihm, die Markthalle sei das einzige Gebäude aus der Reconstruction in den Fünfzigern, das von allen Leuten mit Begeisterung aufgenommen wurde, im Gegensatz zu den andern Bauten, insbesondere der Kirche, da bekämpften sich über Jahre die Lager der enthusiastischen Befürworter und der vehementen Gegner.
JP überfällt augenblicklich ein unangenehmer Zustand, zwischen Aufregung und Schüchternheit, eines Schuljungen. Aus Verlegenheit, ihm fällt partout nichts Gescheiteres ein, und er möchte um alles in der Welt verhindern, dass sie gleich weitergeht, bittet er Françoise um Tipps einer Einheimischen, wer der beste Metzger sei. Warum bist du bloß so trottelig, es gibt keinen Grund.
Sie führt ihn zu Maître Boucher Gérard, alles Tiere aus der Region, hier geschlachtet und von Maître Gérard selbst verarbeitet, sie empfiehlt ihren Kursteilnehmer aus der Schweiz dem Metzgermeister, nur das Beste vom Besten bitte. Das bringt ihn vollends aus der Fassung, hastig kauft er ein gewichtiges Stück Rinderfilet, eine ganze Kalbshaxe und eine riesige Côte de bœuf, ausreichend für drei Personen. Unmöglich, sich nach dieser zuvorkommenden Einführung durch Françoise einfach mit einem Schnitzelchen zu begnügen, er übersieht ihren verwunderten Blick, hofft inständig, dass es im Kühlschrank ein Gefrierfach gibt.
Françoise hat bereits den Großteil ihrer Einkäufe erledigt, er will noch ein paar Austern kaufen, schließlich sei hier die Hochburg der Austernproduktion. Beide Hände hat er schwer behangen mit Plastiktüten in allen Farben, als Françoise vorschlägt, gemeinsam den Aperitif zu nehmen. JP ist mehr als einverstanden, unbedingt den köstlichen Augenblick in die Länge ziehen. Er hat sie nicht einzuladen gewagt, will auf keinen Fall aufdringlich sein.
Sie finden im Café an der Ecke des Boulevard Briand mit Glück ein freies Tischchen, draußen, nun scheint tatsächlich die Sonne, langsam weiß er die Entwicklung des Wetters einzuschätzen. JP hat allerdings in der halben Stunde, in der sie dort sitzen und an ihrem Pastis respektive Kir nippen, nicht sehr viel von der Dame an seiner Seite. Ständig gehen Leute vorbei, die sie kennt, manchmal nur ein flüchtiger Gruß mit der Hand, bei andern steht sie auf, mal zwei Küsschen links rechts, mal vier, er kann beim besten Willen keine Regel ableiten, meist plaudert sie kurz, setzt sich wieder und entschuldigt sich. Kein Problem, wehrt er ab. Was geht dich ihr Privatleben an. Aber sie kennt entschieden eine Menge Leute hier, ein bisschen zu viele, und die meisten Männer in den sogenannt besten Jahren, wie er festzustellen gezwungen ist.
Sie fragt nach seinen Plänen für den Nachmittag, er lacht gegen die hartnäckige Verlegenheit, natürlich für den Kurs arbeiten, das höre sie als Lehrerin sicher gern. Sie rät ihm, angesichts des herrlichen Wetters lieber der Küste entlang nach Pontaillac zu spazieren, knapp zwei Kilometer und sehr abwechslungsreich.
Er seufzt, eigentlich sollte er dringend seine Mails lesen, ob es in Royan noch weitere Cybercafés gebe.
Leider nicht, wir sind hier nicht in Paris. Auch sie lacht und bietet ihm an, er könne von Zeit zu Zeit bei ihr zu Hause vorbeikommen und ihren Internetanschluss nutzen. Hat er richtig gehört, ist das nur Höflichkeit oder meint sie es ernst? Er ist vorsichtig, aber sie schreibt ihm gerade die Adresse auf die Rückseite der Quittung, Boulevard de Cordouan, und kreuzt auf dem Stadtplan, den der Schweizer immer bei sich hat, ihr Haus an.
Schon Viertel nach eins, sie ist noch mit Bekannten zum Mittagessen verabredet. Zudem, Françoise steht auf, müssten sie sich unbedingt mal über die Besatzungszeit unterhalten, sie habe wie gesagt ein ganzes Regal voller Material dazu, da dürfe er sich gerne bedienen. Sie könne ihm, wenn er Lust habe, auch ein paar Orte an der Küste mit gut erhaltenen Überresten des Atlantikwalls zeigen.
Und ob er Lust hat. Ein Küsschen links, ein Küsschen rechts, die Luft zwischen ihnen vibriert, wenn du nur die Regel kennen würdest. Weg ist sie.
JP bleibt noch eine lange Weile sitzen. Er hat keine Eile, ihn erwartet niemand. Die Verlorenheit schleicht von hinten heran, wie üblich. Sonntagnachmittage allein sind am allerschlimmsten. Die Tische haben sich geleert, alle Leute sitzen mit jemandem beim Mittagessen, du harrst als einziger der Dinge, die nicht kommen, trotzig bestellt er ein Bier, verspürt keinen Hunger. Auf dem Platz vor der Markthalle verstauen die letzten Marktfahrer die letzten Kleiderständer, knallen die Türen ihrer Lieferwagen zu, verabschieden sich mit kumpelhaften und für ihn unverständlichen Zurufen, man kennt sich, und die Geschäfte sind gut gelaufen. Auf der andern Seite beginnt der Reinigungswagen der städtischen Werke den Platz abzuspritzen.
Seine Finger spielen mit der Quittung, zerknüllen sie, Recherche steht auf dem Programm. Diese Suche ist doch einfach hirnrissig. Aber es gibt kein Zurück, Wissen lässt sich nicht mehr in Nichtwissen verharmlosen, schlimmer noch, wenn es nur Halbwissen ist. Vier windige Anhaltspunkte, von denen keiner faktisch verbürgt ist. Nichtsdestotrotz wuchert es in seinem Kopf als wildes Geschwür, seine Familie finden, endlich wissen, woher er stammt, vielleicht gibt es Brüder, Schwestern,
ein Haus. Heimat. Hirngespinste, Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten oder Gewissheit.
JP lehnt sich zurück, es ist erstickend schwül. So oder so, ihm bleibt keine Wahl, er hat Blut geleckt, muss die Sache jetzt ein für alle Mal klären. Und das Ergebnis in jedem Fall annehmen. Falls er etwas findet, das ihm nicht passt, und ebenso, falls er nichts findet. Im Klartext: endlich seine Biografie mit der Leere hinter der Geburt akzeptieren. Sie nicht mehr als willkommene Ausrede für seine Schwächen missbrauchen. Du selbst bist für deine Persönlichkeit und alles, was dir daran nicht gefällt, verantwortlich und nicht unbekannte Gene.
Der Lärm des Reinigungswagens entfernt sich, schon erobert das erste Auto die freigegebenen Parkfelder. Das Bier inzwischen lau, die Quittungskugel rollt unaufhörlich zwischen den Fingern, steinhart. Flirrende Mittagsstille legt sich über den gefegten Platz, er bleibt als einziger Gast zurück.
Als er am Nachmittag nach Pontaillac spaziert, er hat beschlossen, den Rat von Françoise zu befolgen, kommt er am Museum von Royan vorbei, das zur Zeit noch in einem Nebengebäude des Rathauses untergebracht ist, und entscheidet sich kurzerhand für einen Besuch als beste Ablenkung. Am Eingang liest er, dass die Fotos und Objektsammlungen zur Geschichte von Royan Ende Jahr in die ehemalige Markthalle von Pontaillac, die gerade umgebaut wird, verlegt werden.
«Die Apokalypse vom 5. Januar 1945
Angeführt von leichteren Mosquito-Bombern, die mittels Leuchtraketen das zu treffende Stadtgebiet markierten, griff die erste Welle von 217 viermotorigen Lancasterbombern der RAF von 4 bis 4.15 Uhr an. Die Bewohner erlebten unter dem Bombenhagel einen apokalyptischen Albtraum, in dem ihre Welt unterging, aber es gab wenig Opfer. Sobald die Bombardierung aufhörte, rannten die Überlebenden hinaus, in die Nacht, in den Schnee, in die eisige Kälte, an die zehn Grad unter Null in jener Nacht, zu den Sanitätsposten. Da griff eine weitere Welle von 124 Bombern von 5.28 bis 5.43 Uhr an, diesmal absichtlich tödlich mit 2-Tonnen-Bomben. Nach dieser zweiten Welle war die Stadt, bisher noch einigermaßen intakt, dem Erdboden gleichgemacht. Royan gab es nicht mehr. Ein Fünftel der 2223 noch in Royan ausharrenden Bewohner, 442 Personen, wurden getötet, dazu kamen 300 bis 400 Verwundete. Die Deutschen hingegen hatten weniger als 40 Mann verloren.»
Royan, der elegante Badeort der Belle Époque, war nach der absurden Bombardierung ein desolates Ruinenfeld. Man kennt solche Bilder aus Deutschland. JP war nicht bewusst, dass Frankreich nach Deutschland das am stärksten zerstörte Land Europas war, wohlverstanden von den Alliierten bombardiert. Insgesamt über 140 000 Opfer der Bombardierungen, gemäß eigenen Schätzungen der Alliierten, genau 67 178 tote und 75 660 verwundete Franzosen, alles Zivilbevölkerung. Städte wie Caen, Vire, Saint-Malo, Brest, Le Havre, Lorient, Saint-Nazaire wurden dem Erdboden gleichgemacht, Nantes, Rennes, Rouen teilweise zerbombt. Massive zerstörerische und wiederholte Bombenangriffe mit Tausenden von Zivilopfern auf Paris und Region (Boulogne-Billancourt, Noisy-le-Sec, Le Bourget, Courbevoie und Asnières, Juvisy, Versailles und mehrfach wahllos die Banlieue), ebenso auf Städte wie Bordeaux, Nîmes, Toulon, Marseille, Nizza, Avignon, Saint-Étienne, Lyon, Grenoble, Chambéry, Poitiers, Angers, Tours, Orléans, Strasbourg, Amiens, Lille, um nur die größten aufzuzählen. Hier in der näheren Umgebung im Juni 1944 Angoulême und Saintes.
Alles muss er wissen über die Bombardierungen, welche Orte wurden nach der Landung der Alliierten im Mai 1944 noch zerstört, die Bombardierungen der französischen Städte hörten keineswegs auf, im Gegenteil. Diejenigen, die als Befreier in die Nachkriegsgeschichte eingingen, haben Frankreich als Land der Achsenmächte betrachtet. Zivile Kollateralschäden sind anfänglich als Zielungenauigkeiten, weil sehr hohe Flughöhe, entschuldigt worden, nachher wurde die gezielte Bombardierung der Zivilbevölkerung aber offen zugegeben, alle Franzosen waren in ihren Augen Kollaborateure. Er liest jede der ausführlichen Legenden.
Die deutsche Wehrmacht hat sich am Schluss des Krieges in den Befestigungen des Atlantikwalls verschanzt, dabei war das Hinterland größtenteils schon befreit, so entstanden die sogenannten poches, von denen auch Royan eine war. Die Bevölkerung der Stadt, damals noch etwas mehr als zweitausend Personen, war seit September 1944 mit den über sechstausend Mann der deutschen Besatzung in ihrer eigenen Stadt eingeschlossen, belagert von den französischen Befreiungstruppen.
Die Bombardierung der Stadt im Januar 1945, militärisch völlig unsinnig, wurde später mit einem Missverständnis in der Kommunikation zwischen dem französischen Generalstab und der alliierten Luftwaffe RAF entschuldigt, es waren britische und kanadische Bomber. Beide Seiten verteidigten später eine andere Version, die entsprechenden Dokumente wurden bis in die Neunzigerjahre unter Verschluss gehalten. Der französische Generalstab hatte massive Bombardierungen von Royan gefordert, man sicherte den Alliierten zu, dass die französische Zivilbevölkerung bis zum 15. Dezember evakuiert sei, was völlig unrealistisch war und auch nicht geschah. Warum dies die Alliierten nicht wussten und warum die französische Militärführung nicht rechtzeitig über den genauen Zeitpunkt der Bombardierung informiert worden war, ist bis heute offiziell nicht geklärt und wird es auch nie sein.
Eine Museumsangestellte, auf den intensiven Leser aufmerksam geworden, raunt JP zu, obwohl er der einzige Besucher ist, sie verfügten auch über eine kleine Bibliothek mit Fachbüchern zum Zweiten Weltkrieg in Royan, er dürfe sie gerne konsultieren. Er bedankt sich höflich. Eigentlich möchte er nur wissen, wo Ende März 1945 in der Gegend noch Bomben fielen. Nämlich nach seiner Geburt, sagt er ihr nicht. Sie flüstert weiter, ihres Wissens nur noch in Royan, aber zu dem Zeitpunkt sei kein Mensch mehr hier gewesen, alle evakuiert, sie zeigt ihm die Fotos.
Royan war Mitte April 1945 während der mehrtätigen Befreiungskämpfe erneut und wiederholt bombardiert worden, 2500 Bomber warfen in der Gegend 7000 Tonnen Bomben ab, über Royan mit 72 5000 Liter Napalm, das die Amerikaner in Europa erstmals testen wollten. Das Resultat war enttäuschend, aber spektakulär. Napalm entfachte ein sinnloses danteskes Inferno, völlig nutzlos gegen die Bunker, aber die Ruinen von Royan standen in höllischen Flammen. Am Schluss blieb von der Perle des Ozeans eine verkohlte bizarre Landschaft verkrümmter Eisen, schwarzer Steinhaufen, verbrannter Erde.
Eine Woche vergeht, wieder Samstag. Er sollte dringend in Erfahrung bringen, unter welchen Umständen ein Säugling im März 1945 hier ohne Geburtspapiere zur Welt kommen und offiziell als Kriegswaise deklariert werden konnte. Wahrscheinlich ist, dass totales Chaos geherrscht und keine Zivilbehörde mehr funktioniert hat. Das würde seine Hypothese des Findelkindes nach der Bombardierung bestätigen. Erster Schritt also herausfinden, wie die Lage in der Region im Frühjahr 1945 genau war. Präzise Grenzen der poches, der besetzten Gebiete sowie der befreiten Gebiete, genaue Daten der Bombardierungen. Er braucht Bücher zur Besatzungszeit, gibt es bestimmt in der Gemeindebibliothek. Er kennt die Öffnungszeiten, seit einer halben Stunde ist die Ausleihe geöffnet, nichts wie hin.
Datei «Bombardierungen nach März 1945», 22. Mai 2003, unverändert übernommen
Die Bibliothek hat spezielle Regale voller Bücher zur Kriegsgeschichte der Region! Sehr viel Material, die Qual der Wahl. Konzentriere mich auf die Besatzungszeit, Zeugenberichte, Militärische Details zu den poches. Konnte nur fünf Bücher mitnehmen, und gegen Kaution, da kein fester Wohnsitz in Royan …
Internetrecherche mit Suchbegriff «Bombardements Charente-Maritime 1945» bringt nichts Brauchbares, außer zu Royan.
2. Bombardierung von Royan 14.–16.4.1945 (Details ville-royan.fr) ist keine brauchbare Spur. Vermutlich unsinnig, Stadt war zerstört. Keine Zivilisten mehr, sicher keine Frauen mit Säuglingen. Napalmbomben brannten den Rest der Stadt völlig aus. Bleibt einzig die andere poche, wo Deutsche die Festung hielten: La Rochelle. War die letzte befreite Stadt in Frankreich, einen Tag nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Aber kaum mehr Bombardierungen, La Rochelle wurde den Siegermächten ohne weitere Zerstörungen übergeben.
(Interessante These: Die Wehrmacht habe sich in den poches nicht aus Widerstand bis zum Äußersten verschanzt, sondern in relativer Sicherheit die Kapitulation im fernen Deutschland abgewartet …)
Nur die völlig unerwartete erste Bombardierung Royans am 5. Januar würde Sinn machen (so was Absurdes!), aber ausgeschlossen wegen Geburtsdatum 31. März. Die Frage ist, um wie viel sich ein Arzt im Alter bei einem schwächlichen kranken Säugling verschätzen kann. Ein bis zwei Monate höchstens. Gäbe frühestens zwischen Mitte und Ende Januar als Geburtstermin, also nach der Bombardierung. Bin ich womöglich noch älter??
Zivilgesellschaft: tatsächlich keine funktionierende Ziviladministration mehr im besetzten Royan nach Bombardierung bis zur Befreiung am 16. April. Außerhalb schon. Adoptionspapiere wurden schnell ausgestellt, ein Kind weniger in den unterversorgten Heimen.
Also, rebelote, zurück an den Start. Wie weiter? Keine Ahnung …
Royan, Freitag, 23. Mai 2003
Eine griffige Definition von Heimat wäre jetzt hilfreich. Das Problem: diffuse Heimatlosigkeit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, an Wohnorte, an Häuser, an Orte, selbst an andere Menschen. Winkt am Ende des Gewöhnens dann Heimat? Sind Kinder und Familie Heimat? Braucht das einer (wie er)? Er hat im Unterschied zu all den andern im Leben Herumstolpernden doch eine bequeme Entschuldigung für seine Verlorenheit. Wer seine Herkunft nicht kennt, hat auch keine Heimat.
Heute weiß er, warum die Tatsache seiner Adoption ihn so aus der Bahn geworfen hat, damals. Er war nicht mehr in den Zeitstrom der Generationen eingefügt, wurde brutal hinausgeworfen. Erst die Geburt von Nadine half ein bisschen. Damit steht er am Anfang einer Generationenkette, ein Adam. Seine Tochter führt sie fort, und für alle nach ihr wird es immer unbedeutender, dass hinter ihm, dem Gründer, nur Leere ist. Annet wirft ihm vor, er weiche immer aus, würde keine Verantwortung für sein Leben übernehmen. Unsinn. Wahr ist, dass das Nichts hinter ihm oft eine praktische Ausrede liefert, wenn die Dinge falsch laufen. Die Schuld der unbekannten Gene, manchmal ganz praktisch. Ein kleiner Vorteil sei ihm vergönnt.
Die irrationale Sehnsucht, eine Geschichte zu haben, schmerzt manchmal richtig körperlich, wie jetzt. Ein Brennen hinter dem Brustbein. Ja, ein Heimweh nach Familiengeschichte. Aufgehoben sein in Geschichten, Anekdoten, über Generationen erzählt. Die Familiensagen der Martys gehen ihn nichts mehr an, nicht seine Vorfahren. Ist so verdammt wichtig, dass es seine Blutsverwandten sind. Alles, was sie taten, war notwendig und richtig, weil es zur Existenz seines Vaters und seiner Mutter geführt hat. Was die Voraussetzung für seine Zeugung und sein Leben war. Voilà. Von seinem Leben aus gesehen, ist die ganze Ahnenreihe nur dazu da, damit er gezeugt wurde. Er will wissen, welche Zufälle oder Schicksalsfügungen es brauchte, um seine Existenz zu ermöglichen. Wessen Gene seinen Körper so geformt haben, wie er ist.
Wie sah eine Frau, wie ein Mann aus, damit ein Kind wie er entstehen konnte: dunkle Haare (als Kleinkind blond), helle Augen, etwas zwischen blau und grün. An die Vererbungslehre müsste man sich erinnern, dominante und rezessive Merkmale, braune Augen dominieren blaue, schwarze Haare blonde. Haben aber zwei braunäugige dunkelhaarige Elternteile beide ein rezessives blaues Auge und verstecktes Blondhaar, besteht ein Viertel Chance, dass das Kind helle Augen und Haare hat. Also gab es in seiner Ahnengalerie blonde, helläugige Vorfahren. Ist er das Viertelskind, hatten die Eltern braune Augen. Ist er aber ein Dreiviertelskind, hatten Vater oder Mutter oder beide helle Augen. Alle Kombinationen sind möglich, er steht mit seiner lächerlichen Laiengenetik wieder am Anfang.
Wie steht es mit Körperbau und Charakter: mittelgroß, eher feingliedriger Körperbau, lange, schmale Hände, eher unmusikalisch, unsportlich, unsicher, untüchtig im Leben, aber scharfer, manchmal zersetzender Intellekt und so weiter. Anzufügen wären noch die zerfleischenden Selbstzweifel. Was angeboren, was anerzogen – nicht zu beantworten.
Datei «Charente», 13. Mai 2003, unverändert übernommen
Problem mit Departementsbezeichnung: Charente-Maritime (hier in Royan, Dept. 17) hieß bis 4. September 1941 Charente-Inférieure. Die Charente (Dept. 16, Hauptstadt Angoulême) liegt östlich, nicht am Meer.
Mutter sprach nur von Charente. Charente wurde aber im Sommer 1944 befreit, keine Bombardierungen mehr nachher. Muss sich also um die heutige Charente-Maritime handeln. Umso besser, schränkt Radius ein.
Ein weiterer Morgen. Er hat mittelprächtig geschlafen, verglichen mit den normalen schlaflosen Nächten zu Hause sogar gut. Er liegt noch ein Weilchen auf dem Rücken, wie meist, Arme hinter dem Kopf verschränkt, das Zimmer noch beinahe im Dunkeln, nur wenig Licht dringt durch die Ritzen der Läden ohne Jalousien. Zu wenig Licht, um das Wetter zu erraten. Etwa halb acht, wie immer. Er schlägt die Bettdecke zurück, die Latschen liegen nicht in der Nähe, der Boden ist kalt, wie immer, barfuß schließt er das Fenster, er kann nur bei geöffnetem Fenster schlafen, wenn überhaupt. Wie immer erster Gang auf die Toilette, auf dem Weg dorthin Kaffeemaschine anstellen, wie immer hat er am Abend Filterpapier eingelegt, dazu zwei Löffel Kaffeepulver und in den Wasserbehälter zwei Tassen Wasser geleert. Noch bevor er um die Küchentür Richtung WC biegt, blubbert sie schon, wie immer.
Wenn er danach ins Badezimmer geht, zieht bereits Kaffeeduft durch den Korridor. Jeden Morgen ärgert er sich über den Duschvorhang, der an seinem nassen Körper klebt. Vor dem Rasieren ein prüfender Blick in den Spiegel, schwere Augenlider heute, das hingegen ist nicht jeden Morgen der Fall. Anzeichen des Alters. Im Schlafzimmer faltet er die sperrigen Holzläden des Fensters zurück, heute grau verhangener, windstiller Himmel. Kaffee trinken, Zeitung von gestern nochmals durchblättern, meist ist danach bereits halb neun, Zeit sich langsam bereit zu machen, um neun beginnt der Unterricht, für den Weg braucht er kaum zehn Minuten, er mag aber nicht zu knapp eintreffen, man plaudert vorher noch ein bisschen herum. Heute ist kein Unterricht, sie sollen an ihren Projekten arbeiten.
Sein Alltag läuft am Schnürchen, ohne dass er den Kopf noch benötigt. Wann kippt das, wann beginnt beim Ungewohnten das «Un» zu verblassen und sich in das Gewohnte aufzulösen? Nach etwa zwei Wochen. Die Zeit der ersten Tage an einem fremden Ort ist dehnbar, sie kann unendlich viel aufnehmen und in Erinnerung umwandeln. Nur einer, der fremd ist, sieht die Dinge. Nur einer, der sich selbst fremd wird, sieht sich wieder.
Diesen aufregenden ersten Blick auf das Neue mit geschärften, hungrigen Sinnen. Damals, als er nach der ersten Nacht früh durch sein Sträßchen schritt. Die Frische der Morgenluft mischte sich mit der verbrauchten Nachtfeuchte aus den geöffneten Haustüren der alten Häuser. Und als er in der Dämmerung nach dem ersten Tag auf dem Balkon stand, die Silhouette der Pinien im Hinterhof schnitt eine schwarze Fläche aus dem grünen Abendhimmel, schnalzten in der Schwärze wilde Tauben im Liebeswerben oder im Träumen davon. Wie kann einer diesen Zustand halten oder immer wieder herstellen?
Die Tücke der Gewohnheit ist, dass sie das Leben erleichtert und einen blind macht. Jahrelang hat er sich mutlos nur im gewohnten Alltag bewegt, er ist ein Langweiler gewesen und die Zeit vorübergerast, nein falsch, es gab keine Zeit mehr, auf jeden Fall kein Zeitgefühl. So kommt man sich selbst abhanden. Man hat kein Sinnesorgan für Zeit. Man sieht nur die Millimeter oder Zentimeter, die Uhrzeiger auf dem Ziffernblatt sichtbar zurücklegen. Er verabscheut Digitaluhren, sie zeigen nur Zahlen, keine Bewegung mehr, du siehst nicht, wie die Zeit von Stunde zu Stunde fortschreitet.
Schluss. Er steht auf und giesst den schwarz konzentrierten Kaffeerest aus dem Glaskrug in die henkellose Tasse. Er könnte zum Beispiel: Beim Gehen durch Straßen das vorher nie Bemerkte bemerken. Vielleicht lässt sich das Gehirn so trainieren, lassen sich die Erkennungsmuster so auszuschalten, wie er es mit den Wörtern kann. Sie immerzu wiederholen, bis sich jeglicher Sinn auflöst. Etwas anschauen, anschauen, anschauen, bis man es nicht mehr erkennt. Bis der Stuhl zu einer bedeutungslosen Konstruktion aus Holz wird. Dekonstruktion der Bedeutung auch beim Sehen.
Auf der Küchenuhr, ebenfalls Relikt aus den Fünfzigern, gehen die Zeiger unaufhaltsam ihre Wege, die Zeit einer kompletten Umdrehung auf dem Ziffernblatt, bald zehn Uhr. Bon, was steht heute an?
An diesem außerordentlichen Sitzungstermin am Freitagabend, 19. September 2003, saß Marty pünktlich um fünf mir gegenüber, ordnungsgemäß auf dem Klientensessel, und erkundigte sich leicht betreten, ob ich Zeit gefunden hätte, den Text zu lesen. Ja, ich wies auf die vor mir auf dem Schreibtisch liegenden Ausdrucke und sah ihn auffordernd an, erleichterte ihm aber in keiner Weise den Einstieg in das von mir gefürchtete Eingeständnis, er sei der Aufgabe nicht gewachsen.
Es war ihm sichtlich peinlich. Er komme nicht weiter. Er habe sich völlig verheddert in den Aufzeichnungen. Dann noch diese Datei mit dem fremden Manuskript. Es bringe nichts. Es funktioniere nicht. Es könne nicht funktionieren. Nichts geschehe in seinem Kopf.
Er wartete auf Einspruch von mir, der ihm Widerspruch und Gegenargumente ermöglicht und die unangenehme Entscheidung auf uns beide verteilt hätte.
Ich konzentrierte mich auf die Blätter vor mir, ich höre.
Also fuhr er fort, unvorstellbar mühsam sei das Verarbeiten der Tagebuchnotizen. Dieses fremden Kerls. Voraussetzung sei doch, dass er sich mit dem Verfasser der Aufzeichnungen identifiziere. Der aber bleibe ein kompletter Fremdling, nicht mal in der Fantasie gelinge es ihm, in dessen Haut zu schlüpfen. Seine Aufgabe sei, sich den Inhalt anzueignen und wiederzugeben, wie ihm beliebe, nicht wahr. Genau das schaffe er nicht. Unmöglich. Mit der Zeit, ich hätte das bestimmt bemerkt, habe er mehr oder weniger nur noch abgeschrieben, was diesem Marty in Royan alles durch den Kopf ging. Und das sei ja wohl nicht der Zweck der Übung.
Ich sah kurz auf, nickte.
Schon lange bereue er seine Einwilligung, ich solle ihm bitte nicht mit den Sprüchen kommen, gerade in den Widerständen liege der Schlüssel zum verschütteten Zugang zu seinem früheren Leben.
Ich verkniff mir ein Schmunzeln.
Er gebe sich wahrhaftig alle erdenkliche Mühe. Sich aus den kargen, oft nur stichwortartigen Einträgen vorzustellen, was sich abgespielt hatte, nein, abgespielt haben könnte, sei äußerst anstrengend. Nicht machbar. Ihm fehlten Stoff, Erfahrung, Gefühle, Bilder. Höchst selten einmal laufe es wie von alleine, wenn die Sätze in die Tastatur fließen, als wäre das Denken ausgeschaltet. Meist aber, fast immer eigentlich, ende der Versuch vor einer mächtigen Wand. Da quere eine weiße Mauer sein Gehirn mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Rechtfertigung brauche, unüberwindbar. Er könne sich nicht in diesen Jean-Pierre Marty hineinversetzen. Geschweige denn sich mit ihm identifizieren. Er wolle nicht.
Ich schwieg längere Zeit. Meinte dann, ich würde das selbstverständlich akzeptieren.
Die erwarteten und nun ausbleibenden Einwände und Überzeugungsversuche meinerseits brachten Marty aus dem Konzept. Seine Widerstandsenergie, die er im Hinblick auf dieses Gespräch mit mir kräftig aufgebaut hatte, fiel zusammen. Er war bereit, auf neue Vorschläge meinerseits einzugehen, als Wiedergutmachung für seine Unzuverlässigkeit, schließlich brach er sein Versprechen.
Ich setzte ihm meinen Vorschlag auseinander. Am Dienstag, in vier Tagen also, finde ja unsere reguläre Sitzung statt. Seine Texte, ich hielt die Blätter in die Höhe, hätten mich beeindruckt, ob er bereit wäre, zumindest für einige Tage, probehalber sein eigenes Journal zu führen, er über sich jetzt hier in der Klinik, und zwar in einer Form, welche die anschließende Lektüre durch mich erlaube.
Ich musste Marty irgendwie dazu bringen, die selbst auferlegte Fixierung zu lösen, dass er sich notwendigerweise mit «dem Andern» zu identifizieren habe, in seine Haut schlüpfen müsse, wie er es selbst ausgedrückt hatte. Der aktuelle Marty mit Amnesie sollte vielmehr, ausgehend von seiner jetzigen Verfassung, die Aufzeichnungen seines früheren Ichs frei umgestalten. Ich hoffte, dass er durch das Schreiben eines eigenen Journals mit unmittelbaren Reflexionen des gegenwärtigen Ichs die notwendige Souveränität über seine alten Tagebücher gewinnen würde.
Marty blickte mich misstrauisch an, in seinem Gesicht standen deutliche Zweifel, was das bringen solle, welche therapeutische Manipulation ich damit wieder anzuwenden gedachte. Er überlegte lange. Ohne Vorstellung einer eigenen Identität sei es ihm nicht möglich, ein Tagebuch in der Ich-Form zu schreiben, in einem eigenen Journal noch weniger als bei dem andern in Royan. Kein innerer Bezugspunkt da. Es gehe höchstens mit der Distanz der Außenbetrachtung. Er willigte unter der Bedingung ein, im Stil seiner eigenen Aufzeichnungen völlig freie Hand zu haben, was ich ihm selbstverständlich zugestand.
Vier Tage später, rund eine Stunde vor unserer Sitzung, was mir die Lektüre gerade knapp ermöglichte, warteten die ersten eigenen, vom Sekretariat ausgedruckten Journalseiten von Marty auf meinem Tisch. Das Schreibproblem löste sich unerwartet auf glückliche Weise auf.
Klinik Rychenegg, Sonntag, 21. September 2003
Es ist, wie befürchtet, nirgends ein Ich in Sicht, das den Gefühlen und Eindrücken eine Perspektive und festen Halt böte. Eine erzählende Annäherung an den Schreibenden durch den Schreibenden ist nur von außen möglich. Dr. Klarer wird es akzeptieren müssen.
Entschlossen klappte der Mann ohne Erinnerung und Identität das Laptop zu, Viertel nach zwölf, ohnehin höchste Zeit essen zu gehen, man schätzte es, wenn die Patienten pardon Gäste pünktlich bei Tisch erschienen. Er wird es heute mit der Mahlzeit kurz machen, für zwei Uhr hatte sich Besuch angekündigt, Dr. Franz Brodbeck, Studienkollege und ältester Freund des Andern, Gymnasiallehrer für Deutsch und Philosophie, ebenfalls an der Alten Kantonsschule Aarau. Von ihm erhofft sich der Mann ohne Gedächtnis wertvolle Hinweise auf die Ereignisse der vergangenen Monate.
Als er gedankenverloren die breite, mit dicken Teppichen ausgelegte Steintreppe hinunterstieg, gesellte sich im ersten Stock eine reizende ältere Dame zu ihm, begrüßte ihn freundlich, schöner Tag heute, Herr Marty, nicht wahr. Wie peinlich, er lächelte ihr verlegen zu, woher kannte sie ihn. Die Treppe machte ihr Mühe, er bot ihr seinen Arm und so blieb sie an seiner Seite bis in den Speisesaal. Das Rätsel war schnell gelöst, ihr Platz befand sich am selben Tisch, ihm schräg gegenüber, er hatte sie gestern nicht einmal bemerkt. Kaum erstaunlich, so sauer wie er gestern war. Aus gutem Grund.
Bei seiner Ankunft in Rychenegg hatte er um einen Einzeltisch gebeten, den man ihm ausnahmsweise, es war gegen die Philosophie der Klinik, für die Tage der Eingewöhnung zugestand. Er fühle sich physisch unfähig, mit andern Personen, die ihn ohnehin nicht interessierten, höfliche Tischkonversation zu betreiben. Wie könne einer, der kein Leben habe, darüber plaudern. Man zeigte Verständnis und rückte einen Zweiertisch vom Sechsertisch weg für ihn allein, dadurch saß er zwar unangenehmerweise im Verkehrsbereich des emsigen Servierpersonals, das ihn voll beladen mit Tellern oft beinahe streifte, wohl damit er sich nicht allzu sehr an den Einzelplatz gewöhnte. Aber davon ließ er sich nicht stören, Hauptsache, sie ließen ihn in Ruhe.
Gestern hatte man den Ausnahmezustand beendet. Ohne ihn zu warnen. Als er am Mittag den Speisesaal betrat, war sein einsames Tischchen weg, es hatte Anschluss bei einem Vierertisch gefunden. Dort jedenfalls entdeckte er nach verärgertem Suchen sein Namensschildchen. Offenbar war die Gelegenheit benutzt worden, seine Rückkehr in die Gesellschaft mit der Zusammenstellung eines neuen Tisches zu kombinieren. Wie immer am Samstag, fand gestern reger Gästewechsel statt, als ob psychische Krankheiten im Wochenrhythmus ausbrachen und geheilt würden. Er war als letzter an den Tisch gekommen, hatte einen Gruß gegenüber und seitlich links gemurmelt, ein Glück, dass sein Platz am Rand war. Und unhöflich schweigend gegessen, keiner konnte ihn schließlich zur Konversation verpflichten.
Aber die reizende alte Dame verdiente seine Grantigkeit nicht, galant rückte er ihr heute den Stuhl zurecht und versuchte diskret einen Blick auf ihr Tischkärtchen zu werfen. Mathilda Trummer. Er wünschte einen gesegneten Appetit und fragte sie später, als der Hauptgang serviert war, Rinderbraten mit Kartoffelstock und mediterranem Gemüse, schmeckt es Ihnen, Frau Trummer? Fräulein Trummer, korrigierte sie, noch bevor sie die Gabel in den Mund schob. Amüsiert entschuldigte er sich. Wohl eine strenge Geigenlehrerin, die noch mit achtzig unerschütterlich optimistisch das Letzte aus untalentierten Schülern herausholte.
Er schaute sich heute seine Tischnachbarn etwas genauer an, um dann mit ausgesuchter Höflichkeit gleich klarzustellen, dass man mit ihm fürs Gespräch nicht rechnen durfte.
Ihm gegenüber war eine ziemlich verhärmte Frau mittleren Alters platziert worden, sie blieb still, schien sich ausschließlich für ihren Teller zu interessieren, stocherte aber nur im Essen herum. Von ihr hatte er nichts zu befürchten. Eher von seinem Nachbarn links, einem jovialen Mittsechziger, Typus Vertreter, der seinerseits nach links gewendet seine Nachbarin mit einem nicht unterbrechbaren Monolog unterhielt, stirnrunzelnd von Fräulein Trummer mitverfolgt. Otto Stutz. Garage Stutz, Carrosserie, Pneus, Toyota-Vertretung, freut mich, das Händeschütteln war nicht zu vermeiden. Er begnügte sich mit einem verschluckten Jean-Pierre Marty, nichts zu machen, er brachte den Namen nicht über die Lippen.
Der Rest der Mahlzeit verlief für ihn angenehm ruhig, die Garage Stutz hatte sich wieder der seinem Charme zugänglicheren Dame links zugewendet. Am weitesten von ihm entfernt, ganz links auf der andern Tischseite, saß ein weiterer Mann, um die fünfzig, hagere Sportlichkeit, vermutlich viel Selbstkasteiung. Die Vergrämte ihm direkt gegenüber hatte den Tisch mit einer Entschuldigung vor dem Dessert verlassen, von Zeit zu Zeit nickte er Fräulein Trummer lächelnd zu. Warum waren die alle hier in diesem diskreten Haus für psychische Reha? Keiner schnitt das Thema an.
Es wurde im ehemaligen Speisesaal des Kurhotels gegessen, den man allerdings vor einigen Jahren mit besten Absichten und zweifelhaftem Resultat modernisiert hatte, funktionell, praktisch, zeitgemäß. Über solch bauliche Unsensibilitäten konnte er nur den Kopf schütteln. Aber alles dezent luxuriös, Sechsertische, gepflegt gedeckt mit weißen Tischtüchern, Stoffservietten, täglich erneuert wie im Restaurant, täglich frische Blumen, auch das Servierpersonal gekleidet wie in der Gastronomie. Die Gäste ließen sich die perfekte Hotelkulisse eine schöne Stange Geld kosten. Vermutlich auch er, die Frau hatte seinen Aufenthalt hier organisiert, er musste sie dringend danach fragen. Er durfte nicht Geld verschwenden, das nicht seines war.
Vor dem Kaffee zog er sich aufs Zimmer zurück, wollte sich noch mal ein paar Fotos von Franz Brodbeck ansehen, um sich ein Bild zu machen, wortwörtlich. Das Wenige, was er über ihn wusste, hatte ihm die Frau erzählt. Es war wie eine Eingebung vor ein paar Tagen, wer denn der beste Freund ihres Mannes sei. Das Fotoalbum, das Mädchen hatte ihm die Alben der letzten Jahre hoffnungsvoll mitgebracht, lag auf der richtigen Seite geöffnet auf der Kommode. Er setzte die Brille auf und ging mit dem Album ans Fenster, Marty und Brodbeck beide mit Schürzen und Zangen in der Hand lachend hinter einem Grill stehend. Marty, Brodbeck und das Mädchen Nadine im Gras hockend mit Sandwich in der Hand, Bergpanorama, vermutlich eine Wanderung. Marty, Brodbeck und Annet in der gleichen Wanderkleidung an einem rustikalen Tisch sitzend und der Fotografin zuprostend, diesmal vermutlich Nadine. Nirgends eine Partnerin von Brodbeck zu sehen. Er schien eher klein, schlank, halblange, mehrheitlich ergraute Haare mit Mittelscheitel, randlose Brille, das Abbild eines Deutsch- und Philosophielehrers. Offener Blick, lachend, auf den Fotos zumindest, er fand ihn sympathisch.
So auch in Wirklichkeit, auf Anhieb. Sie hatten sich beim Empfang verabredet, er erkannte ihn dank der Bilder problemlos, andersherum stellte sich das Problem ja nicht, Brodbeck reichte ihm zögernd die Hand, die Verunsicherung stand ihm ins Gesicht geschrieben, vermutlich hatten sich die Freunde jeweils zur Begrüßung umarmt. Er schlug vor, Richtung Städtchen zu spazieren, er wollte raus aus der Klinik, Brodbeck war alles recht.
Mit ihm kam man leicht ins Gespräch, sogleich war eine Vertrautheit zwischen ihnen, dabei kannte er ihn seit kaum einer halben Stunde, es könnte eine neue Freundschaft entstehen. Ja, unerklärlich, weshalb ihn dieser Gedanke bisher noch nie gestreift hatte, er musste sich um neue Freunde bemühen, falls der Gedächtnisverlust irreparabel war. Mit achtundfünfzig und ohne Lebensgeschichte neue Freunde finden, wie packte man so was an? Wie wohltuend, dass er mit Brodbeck über seine groteske Erfahrung von verschwundenen Erinnerungen sprechen konnte wie über einen medizinischen Fall. Ohne die lästigen Schuldgefühle wie bei der Frau und dem Mädchen, weil er nicht wusste, was sie von ihm erwarteten. Brodbeck hörte aufmerksam zu, mit beinahe wissenschaftlicher Anteilnahme.
Erkenntnistheoretisch eine hochinteressante Ausgangslage, meinte der Philosoph Brodbeck schließlich, welchen Stellenwert Erinnerungen für das Selbstbild eines Menschen haben. Hast du mit den Erinnerungen auch deine Persönlichkeit verloren? Brodbeck blieb abrupt stehen, lachte verlegen, die Frage kannst du ja nicht beantworten, nur ich könnte. Er musterte ihn lange. Gestik, Mimik, Art zu sprechen, genau wie immer, äußerlich habe sich nichts verändert, das mache die Amnesie für seine Familie, auch für ihn, so schwer vorstellbar. Brodbeck sah ihm lange in die Augen, es wurde ihm schrecklich peinlich, sie standen mitten auf dem Trottoir, andere Passanten waren gezwungen, auf die Straße auszuweichen. Dein Blick ist anders, nicht leer, aber irgendwie ausdruckslos, nein, eher verloren.
An der nächsten Straßenkreuzung, sie spazierten langweiligen Vorgärten entlang auf der Kantonsstraße Richtung Stadt, zweigte ein Fußgängerweg ab, der ebenfalls ins Zentrum führte, aber angenehm den Fluss entlang.
Als sie die Autos hinter sich hatten, nahm Brodbeck den Faden wieder auf. Denken wir mal logisch, wenn die Persönlichkeit noch da ist, ist es auch die Identität und mit der Identität auch das Selbstbild.
Er, der Mann ohne Erinnerung, nickte, theoretisch schon, aber er könne beides nicht abrufen, leere Hülle, die Inhalte verschüttet. Er sei am 24. August auf diese Welt gekommen, im Körper und mit dem faktischen Wissen eines Achtundfünfzigjährigen, jetzt besitze er emotionale Lebenserfahrungen und erinnerbare Erlebnisse von der Dauer eines Monats.
Brodbeck schien erst jetzt wirklich zu begreifen, du hast also keine Vorstellung von dir als Person, wie du bist, was du magst, was nicht, was dich freut, dir Angst macht, was du suchst, was du vermeidest, was du liebst, was du hasst?
Wieder nickte er, er erkenne die Handschrift von Marty nicht, wisse nicht, wie er unterschreiben solle, versuchsweise habe er am Anfang mal mit Jean-Pierre Marty eine Unterschrift versucht, sie habe völlig anders ausgesehen als die früheren, die man ihm zeigte. Er esse Pfirsiche, die er gemäß Aussagen der Frau verabscheut habe, gestern Krevetten, auf die er früher allergisch reagiert haben soll, jetzt ohne Wirkung, und so weiter. Also, ist die frühere Persönlichkeit noch da oder nicht? Auch sie nährt sich doch von Erinnerungen. Die bange Frage für ihn sei, ob jetzt die Persönlichkeit, je länger die Erinnerungen abgeschnitten sind, Facette um Facette verloren gehe. Wie die Farbe von einem Bild abblättert, bis nur noch graue Leinwand da ist.
Brodbeck schwieg, was hätte er auch antworten können.
Ob er als bester Freund von Jean-Pierre ihm sagen könne, ob es sich lohne, dessen Leben weiterzuführen.
Brodbeck blieb erneut abrupt stehen, wich gar einen Schritt zur Seite, schaute ihn befremdet an. Er werde sich nicht in sein privates Leben einmischen, und wenn seine Frage darauf abziele, ob seine Ehe glücklich sei, wolle er das nicht beantworten. Warum er nicht Annet frage. Dann schien auch Brodbeck klar zu werden, dass von der Frau kaum eine uneigennützige Antwort auf eine solche Frage zu erwarten war. Gut, er verstehe, was jedoch seine berufliche Zufriedenheit betreffe, da hätte er allerdings einiges zu sagen.
Es sei ein offenes Geheimnis, dass die Arbeit als Lehrer sie beide schon lange nicht mehr befriedige, oft hätten sie diskutiert, ob der Verlust der Motivation eine unvermeidliche Entwicklung sei oder ihre Schuld. Nämlich zu viel enttäuschter Enthusiasmus. Ja, da waren diese vielen Schulreformen in den letzten Jahren, und kein Ende in Sicht, fortschrittsgläubig haben auch wir geglaubt, dass neu immer besser bedeutete. Bis wir erlebten, mehr als einmal übrigens, wie Lehrpläne, in die wir Herzblut und viel Freizeit investiert hatten, durch die nächste Reform einfach über den Haufen geworfen wurden. Es gab gehässige Spannungen in der Lehrerschaft. Junge Kollegen sind gekommen, nicht so dumm wie wir, für die der Lehrerberuf ein Job ist, den sie professionell erledigen. Aber keine Berufung, an der man in der heutigen Zeit ja nur scheitern kann. Wie wir.
Erregt machte Brodbeck ein paar Schritte, kam zurück, setzte ihm den Zeigfinger auf die Brust. Ja, wir beide hatten die größte Lust, den Lehrerberuf hinzuschmeißen. Wir fantasierten verrückte Alternativen, tun, was uns Spaß macht, ein Antiquariat führen, alte Manuskripte aufstöbern, schreiben. Im Träumen sind wir beide gut, im Umsetzen weniger. Zu wenig Mut. Die finanzielle Sicherheit, halt das bequeme Leben. Tja, Feiglinge eben. Brodbeck ließ die Hand sinken, dein Unfall, nein, dein Gedächtnisverlust hat für dich alles weggefegt, dich auf einen Schlag von all dem befreit. Ich beneide dich. Komm nie wieder in die Schule zurück.
Brodbeck brach ab. Es war deutlich.
Der Fußweg endete vor der Holzbrücke und führte über eine lange Treppe zur Straße hoch. Oben angekommen, keuchte er, und was er, Franz, zum Thema Sportlichkeit zu berichten habe.
Der lachte ebenfalls, du bist sogar auf das Wort allergisch.
Beruhigend, offensichtlich ein solider Teil seiner Persönlichkeit, er verspürte nach wie vor keinerlei physischen Betätigungsdrang. Das nächste Stück, es blieben nur noch rund zweihundert Meter bis ins Zentrum, mussten sie wieder der belebten Straße entlanggehen, reger sonntäglicher Ausflugsverkehr herrschte.
Da geschah es. Eine empörte Autohupe heulte von links an ihm vorbei, im letzten Moment wurde er am Rücken zurückgerissen, er verlor das Gleichgewicht. METRO, weiße Schrift auf rot, Réaumur-Sébastopol, ein poetischer Doppelname durch zufällige Kreuzung zweier Boulevards, er mag den Namen, Köpfe hetzen vorbei, viele unter Regenschirmen, die Autos geben nervös Gas, da sie endlich Grün haben, ein Gedränge quillt aus dem Untergrund.
Pulsuz fraqment bitdi.