Kitabı oxu: «Reiterhof Dreililien 6 - Eine Welt für sich»

Şrift:

Ursula Isbel

Reiterhof Dreililien 6 – Eine Welt für sich

Saga

Reiterhof Dreililien 6 – Eine Welt für sichCover Bild: Shutterstock Copyright © 1995, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219630

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Das Zwielicht des Sommerabends erfüllte Jörns Zimmer im alten Gutshaus, breitete seinen sanften Schimmer über die gemalten Rosen der Bauerntruhe. In den Ecken aber lagerten schon die ersten Schatten. Die Sträuße aus getrockneter Minze, Kamille und Johanniskraut, die von der Decke hingen, bewegten sich sacht im Luftzug.

Jörn kramte in einer Schublade und murmelte etwas; ich aber war mit den Gedanken weit fort, auf Amsterdams Straßen, während Don McLean sang: „Stary, stary night, paint your pallet blue and gray . . .“

Wir hatten dieses Lied über Vincent van Gogh zum erstenmal in einer Amsterdamer Kneipe gehört, Jörn und ich, und es war uns tagelang nicht aus dem Sinn gegangen, während wir im Vondelpark saßen und an stillen Grachten mit träg fließendem Wasser entlanggingen. Dann, Monate später, hatte Jörn es wiederentdeckt, unter Mikeschs alten Platten, und wir hatten es auf Kassette aufgenommen. Seitdem war „Vincent“ zu einem unserer Lieblingslieder geworden. Wir spielten es oft, wenn wir beisammen waren. Für uns war es ein Lied, das trotz aller Schwermut zu Amsterdam gehörte, obwohl die Tage damals für uns glücklich gewesen waren.

„Weinst du?“ fragte Jörn. Er setzte sich neben mich und nahm meine Hand.

„You took your life, as lovers often do“, sang Don McLean. „But I could have told you, Vincent – this life was never meant for one as beautiful as you . . . “

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Nase. „Es ist so traurig“, sagte ich, denn ich hatte an van Gogh gedacht, der sich das Leben nahm, aus Liebeskummer und weil keiner ihn und seine leidenschaftlichen, flammenden Bilder verstand.

Schweigend hörten wir das Lied bis zum Ende. Dann schaltete Jörn den Recorder aus. Durch das geöffnete Fenster drang das Wiehern einer Mutterstute, die nach ihrem Fohlen rief, und das sehnsüchtige, lustvolle Schreien der Lerchen, die sich in den Abendhimmel schwangen.

Ich schnüffelte ein bißchen, und es ging mir durch den Sinn, wie dicht beieinander doch Glück und Traurigkeit liegen. Vielleicht gehörte beides auch zusammen, wer weiß. In zehn Tagen waren Ferien, und irgendwo draußen im verwilderten Garten von Dreililien übte Matty auf seiner Mundharmonika.

„Meinst du, daß sie dir den Urlaub bewilligen?“ fragte ich.

„Die ganzen sechs Wochen bestimmt nicht, weil jetzt zu viele Schwestern und Pfleger ihren Sommerurlaub nehmen wollen. Aber zwei Wochen müßten schon drin sein. Die Oberschwester will mir morgen Bescheid sagen.“

Zwei Wochen; das war nicht viel, aber besser als gar nichts. Endlich konnten wir tagsüber wieder Zusammensein, gemeinsam im Waldweiher baden, ausreiten, im Obstgarten liegen und den Sommer genießen. Während der knapp zehn Monate, die Jörn nun seinen Zivildienst in einem Rosenheimer Krankenhaus leistete, hatten wir viel zu wenig Zeit füreinander gehabt. Ich wartete sehnsüchtig auf diese gemeinsamen Ferien.

„Ich glaube, ich muß die beiden Wochen dazu benutzen, endlich den Dörrboden auszubauen“, sagte Jörn mit düsterer Stimme in meine Gedanken hinein. „Es geht jetzt nicht mehr lang so weiter. Ich kriege ständig Streit mit Vater. Manchmal würd ich am liebsten alles hinschmeißen und abhauen. Du kennst ja meinen Vater, Nell.“

Das schöne Bild von gemeinsamen Ausritten und sonnigen Waldweiherstunden verschwand. Trotz meiner Enttäuschung konnte ich Jörn verstehen. Ich wußte längst, wie schwierig das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater war. Der alte Moberg war immer starrköpfig und herrschsüchtig gewesen. Jetzt, wo Jörn erwachsen war und seine eigene Meinung vertrat, gerieten die beiden fast täglich aneinander.

„Ich mag mich schon gar nicht mehr zum Abendessen an den Tisch setzen, weil er ständig etwas an mir herumzumeckern hat. Der Appetit vergeht mir, wenn ich bloß sein saures Gesicht sehe.“ Jörn starrte vor sich hin. „Vielleicht wär’s besser, wenn ich mir in Rosenheim ein Zimmer nehmen würde, aber . . .“

Ich erschrak, doch er sprach schon weiter, „ . . . aber andererseits mag ich auch nicht weg von zu Hause. Du bist doch hier, und ich hänge an Dreililien und den Pferden. Ich kann’s mir nicht vorstellen, in einem möblierten Zimmer herumzuhängen. Da würde ich eingehen wie eine Primel.“

Rasch sagte ich: „Es wird bestimmt alles besser, wenn du für dich allein wohnen kannst. Der Dörrboden ist ja neben Mikeschs Zimmer, und er hat jetzt Wasseranschluß und elektrische Leitungen nach oben legen lassen. Da könnte man die Anschlüsse bestimmt leicht nach nebenan führen. Wenn du vielleicht sogar eine eigene Küche und eine Dusche hättest . . .“

„So perfekt wird’s nicht werden“, sagte Jörn. „Dazu hab ich einfach nicht das Geld. Ich bin schon froh, wenn’s für ein Waschbecken, einen kleinen Heißwasserboiler und eine Kochplatte reicht. Ein ehemaliger Schulfreund, mit dem ich hier zur Grundschule gegangen bin, ist inzwischen Elektriker. Er würde mir vielleicht helfen.“

„Ja“, sagte ich erleichtert. „Und der alte Dörrofen ist doch auch noch da oben. Dann brauchst du wenigstens keinen Ofen mehr.“

„Zum Heizen kann man das Ding nicht benutzen. Aber es ist schon prima, daß ein Kaminanschluß da ist. Sonst müßte man eigens einen Kamin hochziehen lassen, und das wäre einfach nicht drin.“

„Mikesch wird dir helfen“, sagte ich.

Jörn grinste. „Das ist immer der erste, der dir einfällt, wenn’s Probleme gibt. Natürlich bin ich um jeden froh, der mit anpackt, aber Mikesch wird jetzt bald genug mit den Ferienreitern zu tun haben.“

„Ich helfe dir auch“, sagte ich. „Ich kann Balken saubermachen und den Boden schrubben oder mit Stahlwolle abziehen, die Fenster verkitten und streichen, all so was.“

„Ich werde dich beim Wort nehmen“, erwiderte er.

„Und was meint dein Vater dazu? Ist er einverstanden, daß du auf den Dörrboden ziehst?“

„Er hat nicht viel dazu gesagt. Aber ich glaube, er wird auch froh sein, wenn wir uns nicht mehr dauernd in den Haaren liegen. Außerdem weiß er, daß ich sonst ganz von hier verschwinden würde, und das möchte er wohl doch wieder nicht.“ Jörn schwieg eine Weile. „Manchmal glaube ich, er haßt sich selbst.“

„Matty wird’s schwer haben ohne dich“, sagte ich.

„Ach, der kann besser mit Vater umgehen als ich. Er streitet sich nicht lange mit ihm herum, sondern hält einfach den Mund und tut am Ende doch das, was er für richtig hält.“

Ich dachte an den kleinen, drahtigen Herrn Moberg mit den Krücken und dem verbissenen, abweisenden Gesicht, das von Schmerzen gezeichnet war. Nein, ich stellte es mir nicht einfach vor, ihn zum Vater zu haben. Und obwohl er sich mir gegenüber nie unfair verhalten hatte, war ich ihm in den drei Jahren, die ich nun im Tal von Dreililien lebte, stets ausgewichen, soweit es ging.

„Mich wundert’s, daß Mikesch mit ihm auskommt“, murmelte ich.

„Weil Vater Respekt vor Mikesch hat. Er behandelt ihn höflicher als jeden anderen, weil er weiß, daß der Laden hier ohne Mikesch nicht laufen würde – und weil Mikesch sich nicht einschüchtern läßt. Ich glaube manchmal, da ist so eine Art unsichtbare „Bis-hierher-und-nicht-weiter“-Schranke, die Mikesch um sich herum aufbaut, und die mein Vater genau spürt.“ Jörn seufzte in komischer Verzweiflung. „Wenn ich den Trick bloß auch raushätte!“

Ich lachte. „Ich glaube nicht, daß es funktionieren würde – jedenfalls nicht zwischen dir und deinem Vater. Du bist schließlich sein Sohn. Da gibt’s solche Schranken vielleicht nicht.“

Jörn zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht – jedenfalls ist ’s sauschwer, sich mit seinen Eltern auseinanderzusetzen; schwieriger als mit den meisten anderen Leuten. Nur glaube ich, wenn man’s nicht lernt, sich gegen sie zu behaupten, wird man sich später auch gegen keinen anderen behaupten können. Und ohne das geht’s nun mal nicht. Wenn du nicht wärst, Nell . . .“ Er stockte und fuhr dann fort: „Wenn du nicht wärst, hätte ich vielleicht schon längst das Handtuch geschmissen und wäre abgehauen. Aber das ist natürlich auch keine Lösung.“ „Nein“, sagte ich und legte den Kopf an seine Schulter. „Und der Dörrboden wird bestimmt eine schöne Wohnung. Roddy kann dir auch helfen. Er macht jetzt immerhin schon seit einem Dreivierteljahr eine Schreinerlehre. Einen Schreiner kann man immer brauchen.“

Draußen war es unversehens dunkler geworden. Wind kam auf, und in der Ferne grollte der Donner. Wir gingen ans Fenster.

„Da steht ein Gewitter über dem Gebirge“, sagte Jörn. „Hoffentlich verzieht es sich. Falls es herkommt, müssen wir die Mutterstuten und ihre Fohlen von der Koppel holen. Die Jährlinge auch, die drehen sonst durch.“

„Wenn’s bloß keinen Hagel gibt“, murmelte ich besorgt. „Heute war es den ganzen Tag so schwül.“

„Vorerst sieht es nicht danach aus. Bei Hagel ist der Himmel gelb, und da hinten ist’s rabenschwarz.“

Zwischen den Fliederbüschen tauchte Matty auf. Er sah zu uns hoch und schrie: „Das sieht nach einem mordsmäßigen Gewitter aus. Wenn’s hierherzieht, müssen wir die Pferde hereinholen!“

„Stell dir vor, das haben wir uns auch gerade überlegt!“ schrie Jörn zurück.

Matty grinste uns freundschaftlich zu. Er trug seit neuestem einen „Spezialhaarschnitt“, den Carmen ihm verpaßt hatte. Seine ehemals schulterlangen Haare, die er mit großer Geduld hatte wachsen lassen, waren jetzt sehr kurz geschnitten. Da sie immer die Neigung hatten, in die Höhe zu stehen, hatte Carmen sie so geschnitten, daß sie nun wirklich wie ein Mop von Mattys Kopf abstanden, was ausgesprochen frech und lustig aussah. Der kleine Goldring, den er seit ein paar Wochen im rechten Ohr trug – weil das angeblich gut für die Augen wäre, wie er sagte –, paßte dazu.

Matty verschwand um die Hausecke. „Aber woran soll man rechtzeitig erkennen, ob das Gewitter herkommt oder in eine andere Richtung zieht?“ fragte ich. „So lange, bis es hier ist, können wir jedenfalls nicht warten.“

„Wenn sich der Wind in der nächsten Viertelstunde nicht dreht, kann man ziemlich sicher sein, daß es bald losgeht.“

Wir setzten uns auf die Fensterbank. Wie meistens vor einem herannahenden Sommergewitter verstummten die Vögel, und alle Gerüche schienen sich zu verstärken. Es roch nach den nahen Kornfeldern, dem Bach, nach Tannennadeln und frischem Heu. Der Misthaufen machte sich kräftiger als sonst bemerkbar, und aus den Futterkammern kam der Geruch der eingeweichten Rüben. Vom Garten her duftete es nach wilden Rosen und Jasmin.

Ein Fensterflügel begann zu klappern. „Ich glaube, wir sollten runtergehen und die Fenster schließen“, sagte Jörn. „Im Gesindehaus sind die Dachluken offen, und ich weiß nicht, ob Mikesch seine Fenster zugemacht hat, ehe er weggefahren ist. Im Stall regnet es auch auf der Nordseite leicht herein.“

Wir verließen das Haus und trennten uns auf dem Innenhof. Jörn ging ins alte Gesindehaus hinüber, gefolgt von Diana, der gefleckten Jagdhündin, Ich sah in der Fuhrknechtskammer nach dem Rechten, die Mikesch sich zur Wohnung ausgebaut hatte.

Der Wind riß mir die Stalltür aus der Hand. In der Ferne rumpelte und krachte es bedrohlich. Von einem der Stallfenster aus sah ich Blitze über die Berge zucken wie auf einer Opernbühne. Matty erschien mit total zerzausten Haaren.

„Du siehst aus wie der Fliegende Holländer“, sagte ich.

Offenbar war ihm nicht nach Witzen zumute. „Sollten wir die Pferde nicht besser gleich hereinholen? Was meint Jörn?“ fragte er.

„Er wollte erst noch abwarten, ob sich der Wind dreht.“

„Hm. Blöd, daß wir ausgerechnet heute allein sind. Der Sepp kommt bestimmt nicht mehr. Der wird versuchen, noch rechtzeitig einen Teil von seinem Heu einzubringen.“

„Aber Mikesch taucht sicher auf, wenn’s brenzlig wird“, sagte ich. „Er ist zum Abendessen zu Gesine geradelt.“

„Bei Liebespaaren weiß man das nie so genau“, meinte Matty düster.

„Auf Mikesch kann man sich verlassen, ob er verliebt ist oder nicht.“

Matty verzog das Gesicht. Wir kletterten über die Leiter auf den Heuboden, und er sagte: „O Verzeihung, ich wollte deine heilige Kuh nicht angreifen!“

„Mikesch ist nicht meine heilige Kuh“, versetzte ich, während wir die Dachluken schlossen. „Jetzt fängst du auch noch an! Es reicht schon, daß Jörn mich immer damit aufzieht.“

In der Futterkammer streckten wir die Köpfe wieder aus dem Fenster. „Ich glaube, es zieht zum Chiemsee“, sagte ich, während Matty behauptete, das Unwetter käme direkt zu uns herüber.

„Wetten, daß es kommt!“ sagte er.

„In Ordnung, wetten wir. Wenn’s nicht kommt, mußt du meine Gummistiefel putzen – die für den Stall und die zum Reiten. Sie starren nämlich schon vor Dreck.“

„Pfui Teufel!“ sagte Matty. „Aber gut, das Gewitter kommt sowieso. Wenn ich gewinne, machst du mir so eine indianische Tasche, wie Jörn sie von dir zu Weihnachten bekommen hat.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das ist zuviel. Das Leder allein hat schon fast dreißig Mark gekostet.“

Dann besserst du meine Pulloverärmel aus. Bei mir wetzen sich die Ellbogen immer so schnell durch. Lederflecke gehören drauf, das könntest du machen.“

Ich kann aber nicht richtig nähen“, sagte ich.

„Klar kannst du das, es ist keine Kunst.“

„Warum machst du’s dann nicht selbst?“

„Weil ich solche Popelarbeiten hasse.“

„Wie viele Pullover sind’s denn?“ fragte ich mißtrauisch.

„Drei.“

„Also gut, ich mach’s. Aber beklage dich hinterher nicht, wenn es dir nicht schön genug ist!“

Wir gaben uns feierlich die Hand. Es donnerte – gefährlich nahe, wie ich fand.

Ein seltsam fahles Licht lag über dem alten Innenhof. Der Wind schüttelte die Krone der Linde und verstreute ihre Blüten über dem abgetretenen Pflaster. Der Wetterhahn auf dem First des Gesindehauses drehte sich wie verrückt und quietschte verzweifelt. Die Schwalben und Ringeltauben duckten sich unter den Dachvorsprüngen.

Jörn kam, und wir gingen gemeinsam in sein Zimmer, um nachzusehen, wohin die Wetterfront gezogen war. Über dem Bergmassiv der Schlafenden Jungfrau ballte sich eine schwarze Wand, die unablässig von Blitzen erhellt wurde.

„Hoffentlich kraxeln da droben nicht wieder ein paar Urlauber in Shorts und Stöckelschuhen herum“, meinte Matty. „Sonst geht’s ihnen dreckig.“

„Es hat schon fast die Hochries erreicht“, sagte Jörn. „Ich glaub, es ist am sichersten, wir holen erst mal die Mutterstuten mit ihren Fohlen herein. Wenn wir sie umsonst in den Stall gebracht haben, ist das auch kein Beinbruch.“

Die Fohlen waren kein Problem. Sie folgten ihren Müttern ohne Widerstreben, und die Stuten waren klug genug, die Zeichen des herannahenden Unwetters richtig zu deuten. Sie drängten sich schon am Gatter und schienen es an der Zeit zu finden, daß wir sie in den Stall holten.

Schwieriger war es mit den Jährlingen, das wußte ich aus bitterer Erfahrung. Man konnte sie nur mit List und Tücke einfangen. Für sie war jede Änderung im normalen Tagesablauf nichts als ein lustiges Spiel, das sich jemand zu ihrem Vergnügen ausgedacht hatte. Meist ließen sie einen dicht an sich herankommen, rasten dann aber mit Bocksprüngen davon, ehe man sie noch erwischen konnte, und freuten sich diebisch, wenn man mit hängender Zunge hinter ihnen herkeuchte.

„Wenn bloß dieses halbstarke Volk nicht wäre“, sagte Matty, als wir die Stalltür hinter den Mutterstuten und ihren Fohlen schlossen und uns auf den Weg zu den Koppeln machten. „Die lachen sich jetzt bestimmt wieder ins Fäustchen, wenn wir wie die Blöden hinter ihnen herjagen. Paß bloß auf, Nell, daß dir nicht wieder einer der Jährlinge einen Tritt versetzt.“

„So dumm bin ich nicht mehr“, verteidigte ich mich. „Außerdem war damals, als ich den Unfall hatte, das Gewitter schon voll da, und . . .“

„Er hat sich gedreht!“ sagte Jörn.

„Wer?“

„Der Wind natürlich. Seht ihr’s nicht? Die Wolken ziehen jetzt in östliche Richtung.“

Wir blieben auf dem Pfad zwischen den Koppeln stehen. Tatsächlich bewegte sich die schwarze Wand nun mit erstaunlicher Geschwindigkeit weg von unserem Tal und über die Wälder, begleitet von dramatischen Blitzen und knallenden Donnerschlägen.

„Ich glaube, da haben wir noch mal Glück gehabt – auch wenn ich deine Stiefel putzen muß, Nell“, sagte Matty. „So ein Unwetter kann verdammt unangenehm werden. Erst vor kurzem hab ich in der Zeitung gelesen, daß im Rottal ein Blitz in ein Bauernhaus eingeschlagen hat. Der ganze Hof mitsamt den Ställen ist abgebrannt.“

„Haben sie die Tiere retten können?“ fragte ich.

„Ja, zum Glück. Aber wir mit all unseren Pferden . . . das wäre die totale Katastrophe.“

„Aber ihr habt doch einen Blitzableiter!“ sagte ich ängstlich.

„Wenn’s ganz dick kommt, nützt der auch nicht immer was“, erwiderte Jörn.

Erleichtert sahen wir zum Gebirge hinüber. Ein paar versprengte Tropfen klatschten uns ins Gesicht. Die Stuten standen dichtgedrängt am Koppelzaun der Südweide und wieherten. Es klang vorwurfsvoll.

„Sie haben gesehen, daß wir die Mutterstuten in den Stall gebracht haben. Jetzt möchten sie natürlich auch hinein“, sagte Jörn.

Wir legten uns ins Gras und beobachteten den Himmel. Überall standen Gewitterfronten. Manche waren so weit entfernt, daß wir nur die Blitze sahen, aber keine Donnerschläge hörten.

„Schaut euch das bloß an!“ murmelte Matty andächtig. „Wahnsinn, diese Stimmung!“

„Ich glaub, ich hab eine Idee“, sagte ich.

„Ich auch“, sagte Jörn. „Vielleicht ist’s die gleiche. Geht das Wort mit einem B an?“

„Nein, mit einem W wie Waldweiher.“

Er grinste. „Und B wie Baden!“

„Nicht übel“, sagte Matty väterlich. „Bei diesem Wetter ist das bestimmt saustark. Reiten wir, oder meint ihr, daß die Pferde zu unruhig sind?“

„Die haben bestimmt schon gemerkt, daß sich das Gewitter verzogen hat“, meinte Jörn.

Ich sprang auf. „Ich ziehe schnell meinen Bikini an“, sagte ich.

„Gut. Wir kümmern uns inzwischen um die Pferde.“

Wir ritten in den Badeanzügen ohne Sattel und Zaumzeug am Waldrand entlang. Vom Gewittersturm war nur noch ein sanfter, warmer Wind übriggeblieben. Die Vögel hatten schon ihre Schlafbäume aufgesucht, und durchs Gebüsch strichen die ersten Nachttiere – Füchse, Marder und Igel. Wir hörten ihr heimliches Rascheln und Tappen und das Knacken von Zweigen unter ihren Pfoten, denn die Pferdehufe verursachten keinen Laut im dichten Gras. Ein Käuzchen schrie. Jetzt waren mir all diese Geräusche vertraut, die ich früher, als ich noch in der Stadt gelebt hatte, so unheimlich und bedrohlich gefunden hatte.

Der Waldweiher glänzte still und verträumt unter dem Abendhimmel – ein winziger Teil dieser Erde, der noch nicht zerstört, überbaut, verändert oder „erschlossen“ war; ein Einschnitt zwischen Waldstücken, gespeist von unterirdischen Quellen, in dem es noch Fische und kleine Molche gab, Libellen in den Binsen, Frösche und Scharen von Wasserläufern.

Dazwischen war nur eine einzige Uferstelle nicht vom Schilf zugewachsen. Dort ritten wir mit den Pferden ins seichte Wasser. Sie genossen die Erfrischung nach dem schwülen Tag ebenso wie wir, sie prusteten laut und platschten mit den Hufen wie Kinder, die im Wasser spielen.

„Wenn bloß die verdammten Bremsen nicht wären!“ brummte Matty und schlug zu, daß es klatschte. „Immer muß irgendwas sein, das die Romantik zerstört!“

Als die Pferde bis zum Widerrist im Weiher standen, ließen wir uns ins Wasser gleiten und schwammen, denn wir wußten, daß in ihre Augen und Ohren kein Wasser dringen durfte. Hazel kehrte als erste ans Ufer zurück; dann folgte ihr Jörns Schimmelstute Katama. Als letzte watete Rapunzel an Land, schnaubend und triefend wie ein Nilpferd.

Im Licht der fernen Blitze sahen wir, wie sich die Stuten im Gras wälzten und die Beine in die Luft streckten, während wir unter den tiefhängenden Weidenzweigen schwammen, still, die Gesichter vom Wasser umspült. Meine Haare trieben schwer hinter mir her, vollgesogen von Nässe. Fledermäuse schwirrten über den Weiher auf der Suche nach Beute. Das Wasser gluckste zwischen den Schilfhalmen. Ein Frosch quakte, und beim Schwimmen berührte Jörns Arm den meinen.

Ebenso warm wie das Wasser war der Wind, und die beginnende Nacht war hell wie von einem riesigen Feuerwerk. Immer schwächer wurde das Donnergrollen, doch unablässig zuckte Wetterleuchten über dem Gebirge, den fernen Dörfern und Gehöften. Am Rand der Gewitterzone schimmerten die Sterne zwischen Wolkenfetzen. Der Duft der Sommerwiesen mischte sich mit dem Geruch des Wassers. Ein Vogel rief.

2

Der erste Ferientag begann wie im Bilderbuch – mit milchig blauem Himmel, malerischem Sonnenaufgang hinter den Tannenwipfeln, Vogelgesang vor meinem Fenster und mit Kater Carlo, der sich voller Behagen auf meiner Bettdecke räkelte.

Ich sagte: „Stell dir vor, heute fangen die Sommerferien an! Aber so was versteht einer wie du natürlich nicht, für den das ganze Leben fast nur aus Ferien besteht.“

Er gähnte und sah mich an mit Augen, die so grün waren, daß jede Filmschauspielerin ihn darum beneidet hätte. Aus dem jämmerlichen Winzling, den ich zu Weihnachten von meiner Freundin Carmen bekommen hatte, war nun ein großer schwarzer Kater geworden mit dicken Pfoten und dem Kopf einer ägyptischen Göttin; ein Kater, der in jeder Lebenslage genau wußte, was er wollte, und der augenblicklich Kirstys beliebtestes Modell für ihre Tonplastiken war.

Ich sah auf die Uhr und stellte fest, daß ich verschlafen hatte. Eigentlich hätte ich schon seit einer halben Stunde im Stall sein müssen, um bei der Morgenfütterung zu helfen; doch am ersten Ferientag konnte man wohl mal eine Ausnahme machen und ausschlafen. Außerdem hatten wir schon seit einer Woche ein Dutzend Reitschüler aus anderen Bundesländern, in denen die Ferien bereits begonnen hatten; und einige von ihnen waren so pferdenärrisch, daß sie sogar freiwillig bei der Stallarbeit halfen.

Der Frühstückstisch war schon im Garten unter der Eiche gedeckt, als ich mit Kater Carlo im Schlepptau aus dem Haus kam. Mein Vater war längst zur Arbeit gefahren, und Kathrinchen, meine kleine Stiefschwester, wackelte auf ihren komischen krummen Beinchen zielstrebig durchs Gras und brachte mir einen verschrumpelten grünen Apfel.

„Affel!“ verkündete sie stolz.

„Vielen Dank“, sagte ich. „Den esse ich zum Frühstück. Er sieht köstlich aus.“

Sie lachte erfreut und wandelte wieder davon, wohl, um weiter nach Fallobst zu suchen. Offenbar hatte ich genauso reagiert, wie sie es sich erhofft hatte. Jetzt konnte es passieren, daß sie unermüdlich alle grünen Äpfel anschleppte, die sie fand, einen nach dem anderen, und mir jeden mit der gleichen feierlichen Geste überreichte, um sich dann wie ein Schneekönig zu freuen, wenn ich mich immer wieder dafür bedankte.

Kirsty tauchte aus ihrer Töpferwerkstatt auf, die Hände und Arme voller Ton. Ihre Augenbrauen und Wimpern waren ganz hell von der Sonne. „Kaffee ist in der Thermoskanne“, sagte sie. „Ich hab schon mit deinem Vater gefrühstückt. Hast du’s sehr eilig, oder könntest du nachher noch die Malven aufbinden, ehe du gehst?“

„Kann ich, klar“, erwiderte ich großzügig. „Heute ist der erste Ferientag, den gehe ich gemütlich an.“

Kirsty seufzte. „Dann laß dich bloß von Kathrinchen nicht in Streß bringen. Die hat heute ihren Jäger- und Sammlertag. Vorher hat sie einen Wurm gefunden und mir aufs Butterbrot gelegt. Dann war sie mordsmäßig enttäuscht, weil ich nicht in Jubelgeschrei ausgebrochen bin und mich geweigert habe, ihn zu essen.“

Ich mußte lachen. „Deshalb hat sie sich jetzt aufs Vegetarische verlegt!“

Kathrinchen erschien wieder mit einem Apfel. Diesmal war er total wurmstichig, so klein und grün er auch noch war, was bei unserem Obst nicht selten vorkam, weil wir prinzipiell keine Spritzmittel verwendeten.

„Affel!“ sagte sie erwartungsvoll.

„Mmm, vielen Dank, köstlicher Apfel!“ versicherte ich und tat so, als würde ich davon abbeißen. „Mampf, mampf!“

Meine kleine Schwester beobachtete mich begeistert. Ihre dünnen Haare, von denen man nicht wußte, ob sie blond oder dunkel werden oder über Nacht plötzlich ganz ausfallen würden, kringelten sich über den Ohren. Ihr Mund war schmutzverschmiert wie immer, was ihr in unserer Familie den Namen „Katharina Erdschwein“ eingetragen hatte.

Ich trank meinen Kaffee, aß ein Honigbrot, zwei Marmeladenbrote und ein Erdnußbutterbrot, während Kater Carlo seine Milch zierlich aus einer Schüssel leckte, und fand, daß man das Leben so lassen konnte, wie es an diesem Sommermorgen war – mit dem Duft der Rosen, die sich an der Südseite unseres Hauses emporrankten, dem Zwitschern der Schwalben, dem Gesumm der Bienen und Hummeln in den Kleeblüten und dem würzigen Stallgeruch, den der Wind von Dreililien zu uns herübertrug. Kirsty sang in ihrer Werkstatt, und Kathrinchen erschien mit dem vierten Apfel und hielt ihn Kater Carlo unter die Nase, der verächtlich nieste und ihr den Rücken zuwandte.

Als ich eine Stunde später nach Dreililien kam, war dort schon die Vormittagsreitstunde in vollem Gang. Ich blieb nur kurz am Gatter der Schwammerlwiese stehen, um Hazel zu holen. Helge, der seit dem vergangenen Sommer als Pferdepfleger ausgebildet wurde, wendete auf der Hangwiese das Heu, und Matty stand im Schatten unter einer Baumgruppe und longierte eines der Jungpferde.

Hazel war am Bachufer und trank in langen Zügen, den braunen Kopf elegant gesenkt. Das Wasser tropfte ihr von Nüstern und Lippen. Sie war jetzt fast zwölf Jahre alt, ein schönes, kräftig gebautes Tier mit glänzendem Deckhaar. Ich liebte sie wegen ihres sanften, geduldigen Wesens, dem bedingungslosen Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte. Daß sie wegen ihrer Hufrehe kein vollwertiges Reitpferd mehr war, sondern nur ganz vorsichtig geritten werden konnte und einen Spezialhufbeschlag brauchte, störte mich nicht. Nur diesem Umstand hatte ich es ja zu verdanken, daß Herr Moberg mir Hazel für ein Spottgeld überlassen hatte, daß sie nun mein Pferd war, das nicht beim Reitschulbetrieb eingesetzt oder verkauft werden konnte. Ich selbst konnte zwar reiten, aber nur „für den Hausgebrauch“, wie Jörn immer sagte. Schon beim harmlosesten Dressurwettbewerb wäre ich bestimmt mit Pauken und Trompeten durchgefallen, doch das war mir nicht weiter wichtig, denn ich hatte in dieser Richtung keinerlei Ehrgeiz. Mir reichte es, daß ich in unserem Tal ausreiten konnte, notfalls auch ohne Sattel – und dazu gehörte nicht viel, denn meine gutmütige Hazel war zuverlässiger und fügsamer als jedes andere Pferd, das ich kannte.

Ich wartete, bis sie ihren Durst gestillt hatte. Dann rief ich nach ihr. Sie spitzte die Ohren, hob den Kopf und kam den Trampelpfad zwischen Gatter und Pferdetränke herauf, den Schweif unternehmungslustig von sich gestreckt.

Ich begrüßte sie ausgiebig, gab ihr eine Banane und sagte: „Haben sie dir heute früh ordentlich zu fressen gegeben? Ich hab verschlafen, weißt du. Aber jetzt nehme ich mir endlich mal wieder Zeit, dich gründlich zu waschen. Das wird dir guttun bei der Hitze.“

Ich öffnete das Gattertor, und sie folgte mir den Pfad hinauf zum Gutshof, wo es am rückwärtigen Stalltor einen großen Steintrog gab, in den Tag und Nacht aus einer Waldquelle ein dünnes Rinnsal sauberes, klares Wasser floß. Dieses Wasser, das im Sommer durch die Sonne gewärmt wurde und deshalb nicht so kalt war wie Leitungswasser, das auch kein Chlor enthielt, benutzten wir, um die Pferde zu waschen.

Geduldig blieb Hazel stehen, während ich in die Sattelkammer ging und in meiner Kiste nach den Schwämmen suchte. Für Huf- und Mähnenhaar benutzte ich eine alkalifreie Feinseife, die ich eigens im Reformhaus kaufte und die ein schweinemäßiges Geld kostete, wie Matty meinte. Natürlich war die Seife zuunterst in einer Ecke. Als ich sie hervorkramte, entdeckte ich, daß Motten in Hazels Winterdecke gekommen waren und sich da von dem schönen kirschroten Filz die Bäuche vollschlugen.

Ich fluchte laut und ausgiebig, zog die Decke hervor und beschloß, sie im Bach einzuweichen und die Mottenbrut zu ersäufen. Anschließend blieb mir wohl nichts anderes übrig, als den Filz in mühseliger Kleinarbeit zu flicken, denn für eine neue Decke hatte ich kein Geld.

Da Hazel es liebte, wenn man an ihr herumpusselte, ließ sie die Wäsche mit Hingabe über sich ergehen. Für Augen und Nüstern benutzte ich den kleineren der beiden Schwämme, den ich mit einem roten Wollfaden markiert hatte. Mit dem zweiten wusch ich ihr, ebenfalls mit klarem Wasser, After und Geschlechtsteile. Ein und denselben Schwamm für vorn und hinten herzunehmen, wäre äußerst leichtsinnig gewesen, wie Mikesch mir beigebracht hatte, da man auf diese Weise die Wurmeier vom After direkt in die Nüstern reiben kann, wenn man Pech hat.

Zum Abschluß spülte ich Hazel noch die Fesseln mit kaltem Wasser, und als ihre Hufe trocken waren, rieb ich sie ordentlich mit Huffett ein. Während ich mich bückte, zupfte sie an meinen Haaren, die ich zur Arbeit immer im Nacken zu einem Zopf geflochten trug. Das war einer ihrer bevorzugten Zärtlichkeitsbeweise – sie stülpte dabei ihre Lippen vor und zog mich ganz vorsichtig und liebevoll am Haar, und ich bildete mir dann immer ein, daß das hieß: Ich hab dich lieb und weiß, daß du’s gut mit mir meinst – oder etwas Ähnliches.

Später ritten wir ganz gemütlich einen schattigen Waldpfad entlang, auf dem ich sicher sein konnte, daß uns keiner der Ferienreiter begegnete. Diana war uns nachgeschlichen, obwohl sie wußte, daß sie zur Zeit nicht mit in den Wald durfte, da es zu viele Jungtiere gab. So hatte ich noch einmal umkehren und sie ins Haus bringen müssen, und es war mir schwergefallen, unter ihrem sehnsüchtigen Blick hart zu bleiben.

Alles war sehr schön und friedlich, bis ich zur Holzbrücke kam, die über den Mühlbach führte. Wir ritten am Dickicht vorbei, das das Bachufer begrenzte. Zuerst merkte ich nur, daß Hazel unruhig wurde und die Ohren spitzte. Dann hörte auch ich einen Laut. Es war halb Knurren, halb Jaulen – ein Geräusch, das ich nie zuvor gehört hatte und das ich doch sofort als Schmerzenslaut erkannte.

Ich zügelte Hazel und schaute mich um. Nichts war zu sehen. Die Geräusche schienen aus dem Dickicht zu kommen. Auf meinen Armen bildete sich Gänsehaut, und plötzlich wurde mir deutlich bewußt, daß ich mitten im Wald allein war.

Am liebsten wäre ich mit Hazel umgekehrt und davongeritten, so schnell es ging, zurück nach Dreililien. Und doch sagte mir eine innere Stimme, ein Wissen, das jenseits meiner Erfahrung lag, daß diese Geräusche von einem Tier in Not stammten, und daß ich mich nicht einfach feige aus dem Staub machen durfte.

Ich stieg ab und band Hazel am Brückenpfeiler fest. Sie sah mich an und schnaubte leise, und ich streichelte ihren Hals und sagte mit nicht ganz fester Stimme: „Ich hab auch Angst, Hazel. Trotzdem muß ich nachsehen, was es ist.“

Als ich zum Waldsaum kam, verstummte das Geräusch. Der Bach murmelte und gluckste. Irgendwo flatterte ein Vogel auf. Ich blieb stehen und lauschte. Zwischen den Bäumen fiel ein Streifen Sonnenlicht über Wurzeln und bemooste Steine. Eine Ameisenstraße führte durch die Tannennadeln. Farnkraut wehte im Sommerwind.

Ich versuchte mir einzureden, daß ich mich getäuscht hatte, doch ich wußte, so war es nicht. Ich hatte die Klagelaute gehört und Hazel ebenfalls.

Als ich den Kopf nach links wandte, sah ich etwas in der Sonne aufblitzen. Es waren die Augen eines Tieres. Ich hielt den Atem an: Da kauerte ein Tier mit rotem Fell zwischen den Wurzeln – ein Fuchs.

Jörn und Matty hatten mich mehrmals davor gewarnt, Füchsen zu nahe zu kommen. „Wenn du einem Fuchs begegnest, und er läuft nicht vor dir weg, sieh zu, daß du verschwindest. Er könnte Tollwut haben“, hatten sie gesagt. Auch dieser Fuchs lief nicht vor mir weg. Er rührte sich nicht von der Stelle und sah mit Augen zu mir auf, die vor Angst und Schmerz fast wahnsinnig wirkten.

Er lief nicht weg, weil er nicht weglaufen konnte; das begriff ich rasch. Sekundenlang starrten wir uns an, regungslos, und ich werde seine Augen nie vergessen. Dann bemerkte ich, daß er mit der Hinterpfote in eine Falle geraten war. Es mußte ein Tellereisen oder ein ähnliches Folterinstrument sein. Die Pfote war nur noch ein blutverkrusteter Klumpen, der Waldboden war schwarz von geronnenem Blut. Auch das Maul des Fuchses blutete. Wahrscheinlich hatte er in seiner Verzweiflung versucht, das Eisen aufzubeißen, das ihn peinigte.

Ich begann schrecklich zu zittern. Eine Welle von Hilflosigkeit, Zorn und Mitleid stieg in mir auf. Ich hätte am liebsten losgeheult. Als ich einen Schritt auf den Fuchs zutrat, fletschte er die Zähne, und seine Augen funkelten so drohend, daß ich mich nicht weiterwagte.

Ich wollte ihn befreien und wußte doch, daß ich es nicht konnte, daß er es nicht zugelassen hätte. Ich durfte nicht in seine Nähe kommen, konnte ihm nicht klarmachen, daß ich es gut mit ihm meinte. Und selbst wenn ich ihn befreit hätte – mit dieser verstümmelten Pfote hätte er innerhalb weniger Tage jämmerlich verenden müssen.

Jetzt begann ich wirklich zu weinen. Ich konnte den Fuchs nicht länger ansehen, die Qual in seinen Augen nicht mehr ertragen. Rasch drehte ich mich um und lief stolpernd zur Brücke zurück, wo Hazel auf mich wartete.

Sie wieherte unterdrückt und drängte ihre warme Nase an mein Gesicht. Schluchzend sagte ich: „Wir müssen Hilfe holen, Hazel – wir können ihn nicht in der Falle umkommen lassen. Warum sind die Menschen nur manchmal so gemein, so verdammt gemein . . .“

Der Heimweg kam mir sehr lang vor. Mir war so elend, als hätte ich etwas Verdorbenes gegessen. Ich dachte an all die geschundenen Tiere, wehrlos wie dieser Fuchs menschlicher Grausamkeit ausgeliefert. Ich dachte an das, was Gesine uns aus ihrer Tierschutzarbeit erzählt hatte – von Leuten, die nachts in Laboratorien eingedrungen waren, um Versuchstiere zu befreien, und dabei gebissen worden waren, weil diese Tiere jedes Vertrauen zu den Menschen verloren hatten, weil der Mensch für sie zum Inbegriff des Bösen geworden war.

Fallen waren verboten, das wußte ich. Und doch wurden sie in unseren Wäldern noch immer aufgestellt, nicht nur von Bauern, manchmal sogar von Sonntagsjägern, die Jagdgründe gepachtet hatten. Was waren das für Menschen, die so etwas taten? Ich konnte es einfach nicht begreifen, hatte es nie begreifen können – und doch wurden Tiere täglich zu Tausenden gequält und umgebracht.

Als ich Dreililien erreichte, war mein Gesicht so verheult, daß ich kaum noch aus den Augen sah. Der erste, dem ich begegnete, war Mikesch, und ich erzählte ihm alles – schluchzend und in unzusammenhängenden Worten.

„Was sollen wir bloß machen, Mikesch? Befreien kann man den Fuchs nicht, verstehst du – er ist wie wahnsinnig und läßt keinen an sich heran! “

Er hörte schweigend zu. Dann holte er ein Glas Zwetschgenschnaps, zwang mich, es in einem Schluck auszutrinken und sagte: „Daß es überall so verfluchte Idioten geben muß! Der Teufel soll diese Leute holen . . . Natürlich ist es verboten, Fallen aufzustellen. Aber die Strafen für Zuwiderhandlungen sind so gering, daß sich viele nicht um das Verbot kümmern. Unser Tierschutzgesetz ist einfach lächerlich, es bewirkt fast gar nichts. Paß auf, wir rufen jetzt die zuständige Forstverwaltung an. Die werden am besten wissen, was zu tun ist. Ich weiß zwar, wem der Wald am Mühlbach gehört, aber es ist wohl besser, den Bauern vorerst nicht einzuschalten. Vielleicht hat er die Falle sogar selbst aufgestellt.“

Mikesch hatte die richtige Art, mit den Leuten zu reden. Nach knapp zwanzig Minuten erschienen zwei Männer von der Forstverwaltung in einem grünen Auto. Sie hatten ein Gewehr dabei und ließen sich von mir den Weg zur Brücke beschreiben und die Stelle, an der ich den Fuchs entdeckt hatte. Mitkommen wollte ich nicht.

„Was werden Sie mit ihm machen?“ fragte ich.

Einer der beiden erwiderte: „Wir werden ihn wohl erschießen müssen, wenn er so schwer verletzt ist, wie du sagst. Aber wir haben auch ein Betäubungsmittel dabei. Falls die Pfote noch zu retten ist, bringen wir ihn in die Tierklinik.“

„Und was wird aus dem Kerl, der die Falle gestellt hat?“ fragte Mikesch. „Man sollte ihm wirklich die Jagdlizenz entziehen, falls es ein Jäger war.“

„Wir werden schon herausfinden, wer es war“, meinten die beiden. „Natürlich muß Anzeige erstattet werden. Aber vor allem müssen wir erst mal feststellen, ob es nicht vielleicht eine Füchsin ist, die irgendwo in der Nähe der Falle ihren Bau hat. Falls sie Junge hatte, müssen wir uns um sie kümmern, sonst verhungern sie – wenn es nicht schon zu spät ist.“

Ich begann wieder zu weinen, während die Männer zum Waldrand fuhren. Die Vorstellung, daß das verletzte Tier vielleicht wirklich ein Weibchen war, daß zu dem körperlichen Schmerz auch noch die Qual einer Mutter kam, die nicht zu ihren Jungen konnte, machte alles noch schlimmer.

Ein paar von den Ferienreitern kamen und wollten wissen, was passiert war, und ich ging nach Hause, denn ich wollte nicht mehr darüber reden. Ich wollte mich nur noch verkriechen und für eine Weile nichts mehr von dieser Welt hören und sehen, die so grausam sein konnte, in der es Menschen gab, die ihre Mitgeschöpfe so bedenkenlos quälten.

Das Kavaliershäusl wirkte im Licht der Nachmittagssonne sehr friedlich und verträumt mit seinem roten Dach, den grün gestrichenen Fensterrahmen, dem Rosenspalier und dem blühenden Vorgarten. An diesem Nachmittag erschien es mir fast kitschig, so, als würde es mir eine heile Welt vorgaukeln, die es eigentlich nicht gab. Und doch war auch das ein Stück Wirklichkeit, war meine Zuflucht, wenn ich mich vom Leben zu sehr gebeutelt fühlte.

Kirsty war nicht zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. „Bin mit Kathrinchen zu Gesine geradelt“, stand da. „Gemüse ist im Kühlschrank. Wärm dir etwas auf, wenn du magst.“

Ich hatte keinen Hunger, aber es tat gut, allein zu sein. Ich ging in mein Zimmer hinauf, mit schleppenden Schritten, als trüge ich eine Last auf meinen Schultern. Durch das geöffnete Fenster kam die warme Sommerluft und der Duft sonnenbeschienener Rosen.

Ich zog meine Schuhe aus und legte mich aufs Bett. Als ich die Augen schloß, sah ich den Fuchs vor mir, seine grausam zerschundene Pfote, seine Augen. Meine Kehle krampfte sich zusammen. Ich stand wieder auf, um das Fenster zu schließen und die Vorhänge vorzuziehen. Als ich die Hand nach dem Fenstergriff ausstreckte, erklang in der Ferne ein Schuß.

3

Es war eine Füchsin gewesen. Man hatte ihren Bau nicht gefunden, und keiner wußte, ob sie Junge gehabt hatte, die nun vielleicht hungrig und hilflos durch den Wald irrten oder zur Beute wildernder Hunde geworden waren. Der Bauer, dem der Wald am Mühlbach gehörte, stritt es ab, je eine Falle aufgestellt zu haben, und behauptete, ein Wilddieb treibe sich in unserer Gegend herum. Der Jäger von Mariabrunn bestätigte das.

„Haltet die Augen offen, wenn ihr ausreitet“, warnte Mikesch. „Paßt auf die Hunde auf und verlaßt um Himmels willen nie die Pfade. Wenn eines der Pferde mit dem Fuß in ein Tellereisen gerät, wäre das sein Todesurteil!“

Der Jäger versprach, sich in nächster Zeit häufiger im Wald am Mühlbach umzusehen, um nach weiteren Fallen Ausschau zu halten und den Wilddieb vielleicht auf frischer Tat zu ertappen.

„Dann wird er sich aber öfter mal die Nacht um die Ohren schlagen müssen“, meinte Matty. „Wilddiebe sind vor allem nachts unterwegs, da fühlen sie sich am sichersten. Aber der Kerl muß ja wohl kommen, um nachzusehen, ob ihm etwas in die Falle gegangen ist – und das ist eine Chance für den Jäger, ihn zu erwischen.“

Jörn äußerte sich nicht zu der Sache. Er machte nur ein düsteres Gesicht, als ich es ihm erzählte. Ich dachte wieder einmal, daß er nicht mehr so belastbar war wie früher, seit er im Krankenhaus arbeitete. Was er dort sah und erlebte, war manchmal fast zuviel für ihn. Ich konnte verstehen, daß er abends, wenn er nach Hause kam, einfach das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung hatte. Das war wohl auch der Grund, weshalb er den Streit mit seinem Vater nicht länger ertrug.

Eine Woche nach Ferienbeginn bekam Jörn Urlaub, und wir begannen den Dörrboden auszuräumen. Aus den Ecken förderten wir mumifizierte Mäuse und Ratten ans Tageslicht. Überall lag der Staub so dick, daß wir Schleimhautreizung bekamen. Unsere Nasen liefen um die Wette, und die Augen tränten. Die Tragebalken waren voll vom Mist der Tauben, die durch die zerbrochenen Fenster aus und ein geflogen waren und hier genistet hatten; dazwischen hingen riesige Spinnweben wie in einem Spukhaus. An der Decke klebten Wespennester, die zum Teil noch bewohnt waren und mit Hilfe eines Sackes und einer Wasserspritze entfernt werden mußten, was nicht ohne Stiche abging.

Wir hängten die Fensterflügel mit den zerbrochenen Scheiben aus und brachten sie zum Glaser nach Frasdorf. Ich begann die Rahmen abzuschmirgeln und zu streichen, während Roddy kam und Jörn half, die morschen, von Holzwürmern zerfressenen Dielenbretter auszubessern.

Am dritten Tag unserer Schufterei tauchte ein Riese von einem Kerl auf, mit einer Figur wie Arnold Schwarzenegger. Er entpuppte sich als Jörns ehemaliger Schulfreund Sigi und fing sofort an, Löcher für die elektrischen Leitungen in die Trennwand zwischen der Fuhrknechtskammer und dem Dörrboden zu bohren.

Am fünften Tag waren die elektrischen Leitungen verlegt, die Fenster wieder eingehängt, die Balken gesäubert, die Wände frisch gekalkt. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke, so daß wir auch spätabends noch arbeiten konnten. Sigi brachte einen „Spezi“ mit, der Installateur war und sich daranmachte, die Wasserleitungen zu verlegen. Die beiden hämmerten und schlugen, daß man fast taub wurde; gleichzeitig begann Roddy den Fußboden abzuhobeln. Carmen und ich schleppten die Eingangstür hinters Haus, wo wir sie am nächsten Tag gemeinsam abbeizen wollten, und Jörn und Matty schafften den Schutt hinaus, den Sigi und der Installateur aus den Wänden schlugen.

Sogar Helge half mit. Während Carmen und ich am folgenden Tag mehrere Farbschichten von der Tür spachtelten, bearbeitete er einen eisernen Ofen aus der Remise mit der Stahlbürste. Der Ofen mochte schon seit der Jahrhundertwende dort zwischen Fahrzeugen und Kutschen gestanden haben und war dementsprechend verrostet; doch Helge behauptete, mit ein bißchen Mühe und schwarzer Ofenfarbe würde er wieder ganz passabel werden.

„Die Leute zahlen heutzutage in der Stadt ein Schweinegeld für solche alte Öfen“, sagte er. „Wenn Jörn ein richtig langes Ofenrohr quer durch den Dörrboden zieht, kriegt er im Winter garantiert Wärme in die Bude.“

Ich wunderte mich, daß Helge so ohne weiteres bereit war, in seiner Freizeit mit anzupacken. Sonst drückte er sich meist erfolgreich vor gemeinsamen Unternehmungen und Arbeiten. Möglicherweise gefiel es ihm, daß Jörn versuchte, sich selbständig zu machen. Helge war und blieb schwierig – daran hatte sich in dem Jahr, das er nun auf Dreililien lebte, wenig geändert. Zwar schien sich das tief verwurzelte Mißtrauen, das er gegen alle Menschen hegte, ein bißchen gelegt zu haben, doch seine Angriffslust, seine Neigung, wegen jeder Kleinigkeit sofort die Haare aufzustellen, war die gleiche geblieben. Wenn ich in Ruhe darüber nachdachte, verstand ich ihn sogar. Er hatte eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich, war von einem Heim ins andere abgeschoben worden und schließlich auch folgerichtig in einer Jugendstrafanstalt gelandet, das hatte ihm dann den Rest gegeben. Da konnte er wohl nicht so schnell begreifen, daß es auch Menschen gab, die ihn nicht ständig „in die Pfanne hauen“ wollten, wie er es nannte. Doch wenn Helge wieder einmal besonders streitsüchtig und unleidlich war, nützten mir all diese Einsichten und guten Vorsätze nichts. Da konnte es schon passieren, daß ich ihn zum Teufel wünschte und ihm das auch ohne Umschweife sagte.

Nachmittags brachte Kirsty Kaffee in zwei Thermosflaschen und Kuchen dazu. Wir setzten uns um den Brunnen auf dem Innenhof und legten eine Pause ein, bis die Ferienreiter von ihrem nachmittäglichen Ausritt zurückkamen und tausend Fragen stellten. Die Pferde waren ungeduldig, denn sie wollten Sattel und Zaumzeug loswerden und auf die Koppel gebracht werden. Wir verzogen uns rasch wieder auf den Dörrboden und bearbeiteten die Ecken und Winkel des Fußbodens, in die Roddy mit dem Hobel nicht gekommen war, mit Rostpapier, was eine absolut scheußliche Knochenarbeit war.

Kurz nach sechs tauchte Roddy getreulich mit seinem Mofa auf. Aus alten Brettern, die er und Jörn aus der Scheune herbeiholten, begann er eine Wand zu errichten, die Kochnische und Waschecke vom Wohnraum trennen sollte. Eine halbe Stunde später erschienen auch Sigi und sein Spezi mit dem Auto. Sigi hatte einen gebrauchten Warmwasserboiler und ein nicht mehr ganz taufrisches Waschbecken aufgetrieben, beides recht billig und noch total brauchbar, wie er versicherte.

Carmen, die nachmittags auf dem Hof ihrer Eltern bei der Heuarbeit geholfen hatte, kam mit dem Traktor und einem Anhänger angefahren und brachte ein paar riesige Rollen Isoliermaterial aus Steinwolle, die ihrem Vater beim Dachausbau übriggeblieben waren; die konnte Jörn verwenden, um seine Zimmerdecke zu isolieren, ehe sie mit Holz verkleidet wurde.

„Da bin ich aber verdammt froh!“ sagte er. „Diese Matten kosten ein Vermögen. Ich hab schon hin und her überlegt, woher ich das Geld dafür nehmen soll. Jetzt brauche ich nur noch zwei oder höchstens drei Matten zusätzlich zu kaufen.“

Während der Installateur das Waschbecken in die Wand dübelte und Sigi den Boiler montierte, kam uns die Erleuchtung, daß wir die Sache mit dem Fußboden verkehrt gemacht hatten.

„Wir haben den Gaul am Schwanz aufgezäumt“, sagte Roddy finster. „Eigentlich hätten wir zuerst den Dachstuhl isolieren und verkleiden müssen und dann erst den Fußboden abhobeln. Jetzt wird beim Arbeiten wieder alles schmutzig und voller Kratzer.“

Ich schlug vor, den Boden mit Zeitungen und Packpapier auszulegen und alles an den Seiten mit Klebestreifen festzukleben. Natürlich bedeutete das zusätzliche Arbeit, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern.

„Man macht halt so seine Erfahrungen“, meinte Sigi philosophisch, als wir ausschwärmten, um in den Nebengebäuden nach Abdeckmaterial zu suchen.

Zeit zum Abendessen nahmen wir uns nicht. Hopfi, eine ältere Frau aus dem Dorf, die auf Dreililien als Haushaltshilfe arbeitete, wenn die Ferienreiter kamen, erbarmte sich und brachte uns belegte Brote und Mineralwasser.

„O mei, schaugt’s da herob’n aus!“ rief sie, als sie die Brotzeit hereintrug, und schüttelte erschrocken den Kopf. „Daß aus dem Saustall no amoi was Gscheit’s werd, dös glaub i nie net!“

Das klang nicht besonders ermutigend. Als Sigi nach einem Bier zu seinem Brot verlangte, weigerte sie sich standhaft, ihm etwas Derartiges zu bringen. „A Bier, da werd’ ma bloß müd davo!“ brummte sie und hielt uns einen langen Vortrag, der in der Erkenntnis gipfelte, daß jede Form von Alkohol ein Werk des Teufels sei.

Der nächste, der kam, war Mikesch mit einer Tragetüte in der Hand. Die stellte er vor Jörn hin und sagte: „Ich hab dir ein Geschenk gebracht – als kleinen Ausgleich dafür, daß ich euch beim Ausbau nicht helfen kann. Ohne die Ferienreiter ginge es ja, aber so komme ich einfach nicht um die Runden.“

Er setzte sich zu uns. Jörn holte eine große Dose aus der Tüte und strahlte. Es war Bio-Fußbodenfirnis, genau die Sorte, die er sich gewünscht hatte! Ich wußte das, denn wir hatten vor einiger Zeit ein Buch über Wohngifte gelesen, und Jörn wollte auf dem Dörrboden nur umweltfreundliche, schadstofffreie Farben und Lacke verwenden. Die Schwierigkeit war bloß, daß die meisten dieser giftfreien Mittel so unverhältnismäßig teuer waren.

„Die Leute, die solche Produkte herstellen, haben zwar den Anspruch, umweltfreundlich zu sein; aber solange sie ihr Zeug so teuer verkaufen, daß nur eine kleine Schicht sich’s leisten kann, gesünder zu wohnen, kann ich ihnen ihre umweltschützerischen Ideale auch nicht so recht abnehmen“, hatte Jörn gesagt.

Es tat gut, Pause zu machen und sich eine Weile in Ruhe über den Ausbau zu unterhalten. Der Installateur meinte, es wäre ein Glück, daß Jörn die Möglichkeit hatte, Mikeschs Toilette mitzubenutzen, die erst vor einem Dreivierteljahr eingebaut worden war. Er sagte, eine eigene Toilette oder gar ein Badezimmer wären eine mordsmäßige Ausgabe, während der Wasseranschluß für ein Waschbecken vergleichsweise kaum der Rede wert sei.

Zum Glück verlangte er für seine Arbeit wirklich nur hundertzehn Mark, als er sich an diesem Abend verabschiedete. Sigi dagegen weigerte sich, auch nur einen Pfennig zu nehmen.

„Von am Schulfremd nehm i glei gar nix!“ versicherte er und schlug Jörn auf die Schulter, daß der fast in die Knie ging. „I hob net vergess’n, daß du mi im Rechnen immer abschreib’n hast lassen. Jetzt san mir quitt, Burschi!“

Am nächsten Tag begannen wir mit der Dachisolierung. Es war ein heißer Tag, und wir schwitzten elend. Die Steinwolle stach und klebte auf der Haut, setzte sich in der Kehle, der Nase und den Ohren fest, juckte in den Augen, den Haaren und im Nacken. Wir wurden mürrisch und immer mürrischer und bekamen Streit, weil die Aluminiumfolie riß. Schließlich schrie Jörn Matty an, er solle sich nicht so dumm anstellen, und Matty brüllte zurück: „Mach doch deinen Scheiß allein, wenn du alles besser kannst, du Rindvieh!“

Nach längerem guten Zureden gelang es mir, Frieden zu stiften. Dann fiel Matty von der Leiter und prellte sich das Steißbein, und Jörn stieß sich den Kopf an einem Balken, daß er Sterne sah.

Nachmittags hielten wir es plötzlich nicht mehr aus. Wir holten Hazel, Katama und Rapunzel von der Koppel, ritten zum Waldweiher, badeten ausgiebig, ritten wieder zurück und arbeiteten mit neuem Schwung weiter. Helge überließ Sepp die Heuarbeit und fuhr mit dem Lastauto zum Baumarkt nach Rosenheim, um noch zwei Isoliermatten zu holen. Frau Moberg brachte uns Kaffee. Sie seufzte ein paarmal tief, als sie das Durcheinander und unsere verschwitzten Gesichter sah, und verschwand dann wieder. Drei Ferienreiter kamen, beobachteten uns bei der Arbeit und nervten uns mit ihrem Gekicher und ihren sinnlosen Ratschlägen so lange, bis wir sie hinauswarfen.

Abends waren wir hundemüde. Zum Glück erklärte sich Sepp bereit, ausnahmsweise länger zu bleiben, um bei der Fütterung der Pferde zu helfen. So konnten Jörn und ich mit dem Lastauto zur Schreinerwerkstatt von Roddys Onkel fahren, wo wir eine Ladung Kiefernholzbretter für die Dekkenverkleidung bekommen sollten. Die Bretter waren zweite Wahl und obendrein durch den Transport ein bißchen beschädigt, doch Roddy hatte gemeint, man könnte sie trotzdem noch gut verwenden. Außerdem waren sie um mehr als die Hälfte billiger als im Sägewerk, und das war der entscheidende Punkt.

Pulsuz fraqment bitdi.