Kitabı oxu: «Wieder da und doch nicht hier»

Şrift:

UTA-CAECILIA NABERT

Wieder da
und doch
nicht hier

WELTENBUMMLER

UND IHR LEBEN NACH

DER REISE


Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt.

Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden.

(George Moore)

Für Jan und für Neuseeland

Vorsicht ist das, was wir bei anderen Feigheit nennen.

(Oscar Wilde)

Inhalt

Vorwort

Was bleibt, ist die Erinnerung –

Die Geschichte von Uta-Caecilia Nabert

Ausbruch und Aufbruch –

Die Geschichte von Valeska von Mühldorfer

Gastbeitrag: Auf der Flucht –

Die Geschichte von Helge Timmerberg, aus: Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs, Solibro Verlag

Die geilste Lücke im Lebenslauf –

Die Geschichte von Nick Martin

Das Hostel am Ende der Welt –

Die Geschichte von Ivan Kitson

Bloggen gegen das Fernweh –

Die Geschichte von Aylin und Stefan Krieger

Plötzlich hatte ich Flausen im Kopp –

Die Geschichte von Johannes Erdmann

Ja verdammt, ich arbeite! – Tacheles über Geld, Zeit und Reisen –

Die Geschichte von Sarah Bauer

Radeln, wo das Fernweh ist –

Die Geschichte von Jonas Deichmann

Ich war fremd im eigenen Land –

Die Geschichte von Sabine Wackenroder

Der härteste Teil ist die Rückkehr nach Hause –

Die Geschichte von Mihal Greener

Furcht vor der Heimkehr, Respekt vor dem Aufbruch –

Die Geschichte von Denis und Tanja Katzer

Gastbeitrag: Gehe langsam, wenn du es eilig hast –

Die Geschichte von Dr. Mark Weinert, aus: Doc Why Not: Der Arzt, dem die Kiwis vertrauen, Conbook Verlag

Verheerende Diagnose –

Die Geschichte von David Pattison

Zum Teufel mit dem Pflichtgefühl –

Die Geschichte von Stephanie Cordelia Butler

Angekommen auf dem Bauernhof –

Die Geschichte von Berit Hüttinger

Ich will Deutschland noch eine Chance geben –

Die Geschichte von Sofia Thalbach

Gastbeitrag: Heimkehr nach einem Highschool-Jahr –

Die Geschichte von Joachim Meyerhoff, aus: Alle Toten fliegen hoch, Teil 1: Amerika, KiWi Verlag

Ich habe einen Traum –

Die Geschichte von Dariane Aguiar

Gepackt von Australien, packen für Australien –

Die Geschichte von Stefanie Mayer

Morgen könnte es zu spät sein –

Die Geschichte von Alice Mason

Beim ersten Mal Rückkehr, beim zweiten Mal Heimkehr –

Und noch eine Geschichte von Uta-Caecilia Nabert

Heute hier, morgen dort –

Folksong von Hannes Wader

Zwischen Emanzipation und Abhängigkeit –

Die Geschichte vom kastrierten Hänschen klein

Heimkehr leicht(er) gemacht –

Die wichtigsten Tipps für die »Zeit danach«

Falls jede Hilfe zu spät kommt

(und du wieder auf Reisen gehen musst …)

Die WWWelt liegt dir zu Füßen –

Hilfreiche Seiten im World Wide Web

Für den Bücherwurm in dir –

Literatur, die dir jetzt weiterhilft

Vorwort

Am Anfang war die Heimkehr. Schnell folgte die Erkenntnis, dass der härteste Teil der Reise jetzt erst angefangen hatte. Keiner hatte mich davor gewarnt. In einer Nacht schrieb ich einen Nachruf auf die Zeit in Übersee. Und ich beschloss, auch anderen Heimkehrern eine Plattform zu bieten. Die Welt wird immer globaler, jährlich zieht es Millionen junger Menschen für eine Weile in die Ferne. Doch was geschieht, wenn sie nach Hause kommen? Die Vorfreude auf German bread, Freunde und Familie weicht schnell der Frage, wie es weitergehen soll. Nur eines ist sicher: Es kann nie wieder so werden, wie es war.

Aber wie wird es dann?

Dieses Buch kann nur in Teilen Antworten auf diese Fragen liefern, es ist keine Bedienungsanleitung. Sonst stünde auf dem Buchcover so etwas wie: »Heimkehr für Dummies« oder »Glücklich wieder zu Hause – Leicht gemacht in zehn Schritten«. Die meisten Reisenden, deren Geschichten ich aufgeschrieben habe, sind noch lange nicht angekommen. Sie probieren sich aus, suchen nach Wegen. Wie sie das machen, beschreiben sie in den Erzählungen.

Ich selbst kam an einem Sonntag zurück. Am nächsten Tag musste ich schon aufs Amt und meine Angelegenheiten als deutsche Staatsbürgerin regeln. Das Rädchen im System hatte wieder anzuspringen, so wollten es die Behörden. Mir fiel meine Wahrnehmungsschärfe auf, mit der ich meine Mitmenschen in der Bahn beobachtete, die Häuser ansah, die an mir vorbeizogen, das bisschen Natur betrachtete, das wir in Deutschland noch haben. Und ich fragte mich: Ist das noch mein Land? Gehöre ich noch hierher? Immerhin sah ich auch hier Menschen, die lächelten. Man konnte hier also glücklich sein? Diese Erkenntnis beruhigte mich irgendwie nicht.

Auch ich bin noch nicht angekommen, doch es hat mir geholfen, mit anderen Weltreisenden zu sprechen, denen es so geht wie mir, die im heimischen Großstadtdschungel den Tiger nicht finden, die sich zu Tode langweilen und sich nach »der Welt da draußen« sehnen – so sehr, dass es ihnen manchmal Tränen in die Augen treibt. Sie alle wünschen sich einen Post-Weltreiseführer. Und deswegen heißt eines der letzten Kapitel wirklich »Heimkehr leicht(er) gemacht« und ist eine Sammlung der wichtigsten Tipps für die »Zeit danach«. Ergänzt werden sie von Weblinks und Literaturanregungen, die den Neustart in der Heimat ebenfalls erleichtern sollen.

In diesem Sinne:

Willkommen zu Hause – du bist nicht allein!


Was bleibt, ist die Erinnerung
Die Geschichte von Uta-Caecilia Nabert

»Sie will tatsächlich zurück nach Deutschland. Kannst du dir das vorstellen?«, sagt Ivan zu seinem Nachbarn. Beide stehen in ihrem Garten, eigentlich mehr ein Wald als ein Garten, jeder auf seiner Seite des Zauns. Sie lachen. Oben auf dem Hügel, man sieht es kaum hinter den Bäumen und Farnen auf ihren hohen Stämmen, steht Ivans Hostel. Er hat es selbst gebaut. Man möchte meinen, Hundertwasser habe neben ihm gestanden, als er die geschwungenen Wände mauerte, neben ihm am Boden gekniet, als er die Mosaiken verlegte, und ihm die Leiter gehalten, als er die Dächer bepflanzte. Gemeinsam mit seiner kleinen Gästeschar – so wenigen, dass es auch seine eigenen Kinder sein könnten, und so vielen, dass es ein Hostel ergibt – lebt Ivan in diesem Haus. Auch ich habe hier sehr lange gewohnt, zwischen Hibiskus und Ananaspflanzen, hinter mosaikverkleideten Wänden, unter Solarzellen. Bis heute. Doch jetzt verabschiede ich mich von ihm, während von der Veranda oben die vertrauten Klänge des Windspiels herunterwehen. Wie immer in diesem Jahr ist Jan an meiner Seite, meine Hand in seiner. Ich lache gemeinsam mit den Männern, bevor ich antworte: »Was soll ich machen? In zwei Tagen schmeißen sie mich raus aus Neuseeland. In Deutschland lassen sie gerade jeden rein, Flüchtlingswelle und so.« Wir schreiben das Jahr 2016.

Am nächsten Tag weine ich. Da stehe ich und weine, Jan vor mir, hinter uns die Schalter der Fluglinien. Aus irgendeinem Grund habe ich Gummibärchen dabei. Vielleicht weil ich weiß, wie sehr er sie mag. »Hier«, sage ich und halte ihm die Tüte hin, bevor ich ihm mit dem Daumen über den Wangenknochen fahre. Ein Träne rollt dagegen. In einer Stunde geht der Flieger, der mich zu meinem Verlobten bringen wird. Jan weiß das.

Nach dem Start schaue ich hinab auf die Wolken und zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben habe ich keine Flugangst mehr. »Diesmal wäre es schon in Ordnung, wenn …«, denke ich. Mir kommt die Erkenntnis, dass ich in den letzten 365 Tagen alles erlebt habe, was ich erleben wollte: Ich war so frei und unbeschwert wie zuletzt in meiner Kindheit – beim Baden im Pazifik, beim Lagerfeuer am Meer, beim Kiwipflücken, beim Arbeiten im Café, beim Cruisen im weißen Mazda GLX 626 über die Küstenstraßen mit den gelben Mittelstreifen; hinten die Matratze im Kofferraum, auf der wir nachts die Sterne betrachteten. Ein Jahr lang einfach nur »Ich« sein unter dem Himmel Neuseelands, in den Wäldern Neuseelands, an den Stränden Neuseelands. An der Seite von Jan, meinem schönen Reisenden, dessen Wege die meinen für kurze Zeit kreuzten. Ich spüre noch die letzten 24 Stunden unseres Zusammenseins auf der Haut.

Ich war so frei und unbeschwert wie zuletzt in meiner Kindheit.

Ich hätte mich um die Verlängerung meines Visums kümmern können. Er hatte das vorgeschlagen. »Lass uns versuchen, hierzubleiben«, hatte er gesagt. »Dann bauen wir genau hier ein Haus.« Damals standen wir gerade auf einer Klippe, neben uns ein Schild: »For Sale – Zu verkaufen«. Vor uns lag die Unendlichkeit des blauen Pazifiks, hinter uns das Grün von Great Barrier Island. Er überlegte: »Allerdings gibt es hier auf der Insel keine High School.« – »Was ist?«, fragte ich spöttisch: »Willst du noch mal zur Schule gehen?« Dann drehte ich ihm den Rücken zu und lief zurück zu unseren Rädern, die am Rand eines Trampelpfads im Sand lagen. Wir sprachen nie wieder über das Thema. Ich hatte zu keiner Zeit an eine Zukunft mit ihm geglaubt. Er war zu schön und zu jung. Und ich zu verlobt.


Nachdem sie zurück in Deutschland war, wurde ihr schmerzlich bewusst, wie weit weg das Meer wieder ist. In Neuseeland schaute Uta fast täglich auf den Pazifik.

»Was willst du noch von mir?« Ich schaue aus dem Fenster, schaue in den geteerten Innenhof, in dem zwei zurechtgestutzte Gingkobäume ihre Blätter verlieren. Dahinter verbaut ein dreigeschossiger Klinkerbau, dem unseren nicht unähnlich, die Sicht. Unwillkürlich halte ich Ausschau nach Männern in gestreiften Pyjamas, die da unten ihre Runden drehen. Keiner da. Auch ich nicht, obwohl ich mir vorkomme wie eine Gefangene. Ich wende den Blick ab, richte ihn auf Milan. Da steht er neben dem Esstisch, den ich damals von Neuseeland aus im Internet ausgesucht hatte. Aus der Ferne hatte ich ihm so gut es ging geholfen, diese Wohnung hier für uns zu finden und einzurichten. Wie viel Mühe er sich gegeben hat – damit ich mich wohlfühlen würde, wenn ich wieder zurückkäme. Es fällt mir schwer, ihn anzusehen. Er ist groß, muskulös, hat extra für mich trainiert – damit er mir gefallen würde, wenn ich wieder zurückkäme. Zurück zu ihm. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ja, was will ich noch von ihm? Wir wollten einmal heiraten. Ich kann nicht zugeben, dass ich ihn nicht mehr liebe. Oder dass ich Jan so stark geliebt habe, dass da kein Platz mehr ist für ihn. Ich kann nicht zugeben, dass ich auch nicht sagen kann, ob ich wirklich Jan an sich so sehr geliebt habe, oder ob es an Neuseeland lag. Und dennoch. Wenn es überhaupt eine Zukunft gibt, dann liegt sie bei Milan. Sie muss dort liegen. Wo denn auch sonst? Der Gedanke, ihn jetzt aufzugeben – undenkbar.

Seit vier Monaten bin ich zurück in Deutschland. Gemeinsam haben wir uns auf zwei Hochzeiten blicken lassen. Um zu zeigen, dass wir noch nicht aufgegeben haben, dass wir es noch einmal miteinander versuchen werden. Milan weiß mittlerweile von Jan.


In den ersten Wochen nach meiner Heimkehr bin ich arbeitslos. Also kümmere ich mich um unseren Haushalt. Eines Nachmittags stehe ich vor einem Wäscheberg, der sich in der Enge zwischen Küchenzeile und Esstisch wie ein Gebirge auftürmt. Aus einer Bergflanke hängt der blaue Ärmel meines Pullis. Ich gebe ihm die Hand und sage: »Danke. Danke, dass du mich in den vergangenen zwei Jahren auf meiner Reise durch mehr als zehn Länder begleitet und gewärmt hast. Du, mein Freund, hast es wahrlich verdient, gewaschen zu werden. Ich meine, richtig gewaschen, nach allen Regeln der deutschen Ingenieurskunst, bei 40 °C, in einer Maschine, die sich 90 Minuten Zeit für dich nimmt.«

Ich verspreche ihm ein Waschpulver, das sich gewaschen hat, das es schaffen wird, Dreck und Flecken nicht nur in der Werbung zu entfernen, sondern auch aus diesem Pullover. Dass ein Waschmittel dazu im Stande sein kann, wenn man nur im richtigen Land ist, habe ich gestern an einer Strickjacke erlebt: Nach zwei Jahren Tortur in asiatischen und neuseeländischen Trommeln sah sie wieder aus wie neu. Dieser Vorher-Nachher-Wow-Effekt! Das brachte Glanz ins düstere Farbenspiel meines Post-Reise-Blues.

Dieser Vorher-Nachher-Wow-Effekt! Das brachte Glanz ins düstere Farbenspiel meines Post-Reise-Blues.

Zugleich war es auch ein wehmütiger Moment gewesen, ein »Good bye«-Sagen zum roten Sand des Outbacks, ein »Ka kite ano« zu den Kiwipollen Neuseelands, ein »Doswidanja« zum Rauch der herbstlich beheizten russischen Holzhäuser. Ich wusch die Welt aus meinen Kleidern – mit deutscher Gründlichkeit. Ich machte sie wieder alltagstauglich für das Leben in meiner Heimat. Dass es kein Waschmittel der Welt schaffen würde, dasselbe mit mir anzustellen, wusste ich damals noch nicht.


Ein halbes Jahr lang hielten wir es noch miteinander aus, Milan und ich. Mein Verlobter zeigte viel Geduld mit mir. Ich nahm meine Karriere wieder auf. Recht schnell fand ich einen Job als Redakteurin in unserer Stadt. Doch dann, sie hatten mich gerade eingestellt, verlor er die Geduld. Da standen wir uns gegenüber. Wieder neben dem Esstisch, den ich von Neuseeland aus ausgesucht hatte. Diesmal war es dunkel draußen. Der Gingko vor dem Fenster war mittlerweile kahl. Weihnachten stand vor der Tür. Wir lächelten uns an, wir umarmten uns, wir bedankten uns für die gute Zeit, die wir einmal miteinander gehabt hatten. Dann zog ich aus.

Mittlerweile ist es viele Jahre her, dass Uta in Neuseeland lebte. An den meisten Tagen ist ihr Herz noch heute dort.

Nun hatte ich keine Partner mehr, keinen Jan und keinen Milan. Dafür einen Job, der mir schon nach kurzer Zeit nichts Neues mehr zu bieten hatte – keine Überraschungen, viele Wiederholungen, ganz anders als meine Abenteuer in den Monaten zuvor, in denen jeder Tag anders war. Die Wälder und der Strand waren weit weg. Manchmal schien die Sonne, aber von meiner Küche aus konnte ich sie nicht sehen. Die Abende verbrachte ich allein, hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken. »Tja«, ging es mir manchmal durch den Kopf.Du bezahlst jetzt dafür, dass du ein Jahr lang einfach nur glücklich warst. Rücksichtslos glücklich. Alles hat seinen Preis. Wie konntest du nur so naiv sein, nicht daran zu denken? Auf der anderen Seite: Hätte ich vorher gewusst, wie schwer es später werden würde, zurückzufinden – wäre ich trotzdem aufgebrochen? Ja.

Die Abende verbrachte ich allein, hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken.

Für Jan und für Neuseeland.

Uta-Caecilia Nabert

•heute 38, Deutschland, Journalistin

•sechsmonatige Reise durch Russland, die Mongolei, China, Südostasien, Australien

•ein Jahr und drei Monate Working Holiday in Neuseeland

•zwei Jahre zu Hause (Redakteurin bei einer Zeitschrift für den Lebensmitteleinzelhandel)

•erneuter Aufbruch und Ausbruch: Reisen und Jobben in Kanada, freie Journalistin im zweitgrößten Land der Erde

•seit Februar 2021 zu Hause in Deutschland

•seit August 2021 Redakteurin bei der NGO »Christoffel-Blindenmission«, die die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern verbessert

•ehrenamtliche Texterin bei planted.green, einem Start-up, das Deutschlands Wälder aufforsten will

•www.ohwieschoenistkanada.com


Ausbruch und Aufbruch
Die Geschichte von Valeska von Mühldorfer

Eigentlich habe ich mir das Leben geschaffen, das ich haben will: Ich liebe meinen Job, habe tolle Freunde, eine Eigentumswohnung. Ich liebe Berlin.

Ich muss wieder weg. Seit fünf Jahren kämpfe ich dagegen an und komme langsam zu dem Schluss, dass ich nicht gewinnen kann. Ich lege mich nicht mehr fest, schließe keine langfristigen Jobs ab, noch nicht mal langfristige Handyverträge. Ich führe eine Kalkulationstabelle: Wie gebunden bin ich? Welche laufenden Ausgaben habe ich, wie viele Rücklagen, wie viel braucht es noch, um wieder reisen zu können? Ich versuche, mein Leben so zu gestalten, dass da jederzeit ein Notausgang wäre. Ich weiß überhaupt nicht, was in sechs Monaten sein wird, habe keine Pläne, kein Lebensziel. Manchmal rührt mich das zu Tränen. Dann liege ich im Bett, will gar nicht wieder rauskommen.

Alles fing mit einem geregelten Leben an. Einer der Höhepunkte war das Abitur, ein zweiter der Vertrag bei Siemens, ein dritter der Abschluss meines dualen Studiengangs. Und dann ging es los: Depressionen. Ich saß heulend zu Hause und wurde immer fetter. Meine Mutter wunderte sich – »Warum?«, fragte sie. »Zahlen die schlecht? Du bist doch jetzt abgesichert. Es ist doch alles gut.« Man muss dazu wissen: Ich komme aus Augsburg. Mein Umfeld ist konservativ. Da heißt es: Erst machst du eine Ausbildung, dann gehst du arbeiten, und dann bist du glücklich.

Mir war selbst nicht klar, warum ich unglücklich war. Denn Siemens zahlte in der Tat gut. Sogar sehr gut. Damals – mit Anfang 20 – war mein Gehalt doppelt so hoch wie jetzt mit beinahe 30. Was sollte ich meiner Mutter sagen? Keine Ahnung. Und trotzdem sah ich mit 22 so aus wie mit 40 und saß regelmäßig beim Psychiater. 60-Stunden-Wochen füllten mein Leben mehr als aus, und dennoch war da diese Leere. Für wen oder was die ganze Arbeit und die ganze Kohle? Keine Ahnung. Eine Frage keimte in mir auf: »Wenn ich mich jetzt schon so alt fühle – wie wird das dann in 20 Jahren?«

Was ich mir antun musste für dieses Gehalt, dass mir das nicht guttat, war mir lange nicht klar. Ich hatte nie ein richtiges Studentenleben gehabt, keine Zeit zum Chillen, für Partys, Jungs, dafür, herauszufinden, was es noch so gibt im Leben. Wenn ich nicht studierte, arbeitete ich. Das Bachelorzeugnis war gerade aus dem Drucker gefallen, da bot mir Siemens schon einen Folgevertrag an. Ich war in einer Eliteblase gefangen, in der ich langsam zur Managerin herangezüchtet wurde.

Dann hörte ich von »Escape the City«, so einer Art Jobbörse für frustrierte Konzernarbeiter. Die war damals gerade gestartet. Es folgte ein kurzer Mailaustausch mit den Jungs in London. Mir ging es gar nicht darum, dass sie mir irgendeinen verrückten Job in Lateinamerika oder so vermitteln, aber ihre Antworten halfen schon. Sie führten mir vor Augen: Ich bin nicht die Einzige, und: Ich kann jederzeit kündigen. Das war ein Lernprozess, dass das geht, dass man einen Job kündigen kann – auch wenn er gut bezahlt ist.

Danach ging es los. Weltreise. Ein Jahr lang. Kanada, USA, Hawaii, Asien. Whatever. Danach die Rückkehr. Mein Leben back home? Es ist seit fünf Jahren dominiert von den immergleichen Gedanken. Es ist dieses ständige Gefühl des »Ich will hier wieder weg!« Und dann frage ich mich: »Will ich hier wirklich wieder weg? Kann ich dem trauen, oder ist das ein Wegrenn-Mechanismus? Und wenn ja, vor was?« Oh Gott, es geht so tief. Ja, es ist Fernweh. Latent war es immer da, aber seit dem Trip ist es ausgebrochen wie das Coronavirus. Es ist diese Idee, dass wegfahren besser wäre als bleiben. Und wenn man so will, hat für mich das Reisen auch nach der Heimkehr nicht wieder aufgehört: Von München ging es nach Schweden; von Schweden später nach Berlin. Ein anderes Phänomen: War ich früher nicht in der Lage, einen Job zu kündigen, bin ich nun nicht mehr in der Lage, einen Job länger als zwei Jahre zu behalten.

Es ist dieses ständige Gefühl des »Ich will hier wieder weg!«

Aber der Reihe nach. Ich komme von der Reise zurück. Aus dem Flieger steigt gemeinsam mit mir ein gut gebauter, blonder Schwede, den ich sehr liebe. Wir haben uns in Argentinien kennengelernt, und ich bin mir sicher: Unsere Zukunft liegt in Östersund – 50.000 Einwohner, Wasser, Wälder, Elche. Das Einzige, was mir ein bisschen Angst macht, ist die Kündigung bei Siemens. »Gehen Sie nicht, Frau von Mühldorfer«, hatte mein Chef mich damals gebeten. »Ich will eine gute Kraft wie Sie nicht verlieren. Machen Sie ein Sabbatical. Schauen Sie sich die Welt an, und dann kommen Sie zurück.« Nun also gehe ich die Flure meines ehemaligen Büros entlang. Vor mir die Tür meines Chefs. Nach dem Klopfen ein »Herein!«. Er sitzt am Schreibtisch. Er hat sich kaum verändert. Es freut mich, ihn zu sehen, und zugleich spüre ich einen Kloß im Hals. Ich mag ihn. Es schmerzt, als ich ihm nun den weißen Briefumschlag mit der Kündigung hinhalte. Undankbar komme ich mir vor. Er sieht mich an, nickt, weist mit der Hand auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch. Es sind immer noch die gleichen, die, in denen man so schön wippen kann. Wippe ich eben noch ein letztes Mal. Es wird ein gutes Gespräch. Er selbst werde die Firma in drei Wochen verlassen. Mühsam suche ich nach Worten. Was? Dass mein alter Boss jemals seine Abteilung verlassen würde, seine geliebte Abteilung. Undenkbar. Das war vor einem Jahr nicht abzusehen gewesen. Alles hat sich verändert. Alles verändert sich ständig. Alles ist unaufhörlich im Wandel.

Alles hat sich verändert. Alles verändert sich ständig. Alles ist unaufhörlich im Wandel.

Der nächste Gang ist der zu meiner alten Wohnung. Noch bevor der Schlüssel im Schloss steckt, kommen mir all die Kisten in den Sinn, die ich gleich werde packen müssen, und die ich eigentlich gar nicht packen will. Von mir aus könnte einfach alles hierbleiben. Materielles juckt mich nicht. Nichts davon wird mit nach Schweden kommen. All diese Möbel! Wird es mir gelingen, sie in den nächsten zwei Wochen zu verkaufen? Die Tür geht auf, ich gehe um die Ecke. Das Sofa ist nicht mehr da, das Bett fehlt auch. Die Wände sind jungfräulich weiß, auf dem Dielenboden zeichnet sich ein blasses Rechteck ab – dort lag einmal ein Teppich. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Es hätte mir gleich auffallen müssen: Der Schuhschrank im Flur fehlt. Allmählich macht sich in meinem Kopf die Leere breit, die in dieser Wohnung herrscht. Beim Blick ins Bad wundere ich mich schon nicht mehr, dass der Duschvorhang fehlt. Die Einbauschränke in der Küche sind noch da, doch die geringelten Eierbecher, meine Lieblingstasse mit den blauen Punkten, die gelben Teller, nichts ist mehr drin, Töpfe, Besteck, Küchengeräte – alles weg. Langsam lasse ich mich auf einen einsamen Stuhl sinken, der aus irgendeinem Grund noch da ist. Ich atme ein, ich atme aus, ich atme auf. Ich bin frei! Meine Zwischenmieterin hat tatsächlich bis auf den hölzernen Vierbeiner unter mir alles mitgenommen. Alles. Der Stuhl findet sich kurz darauf auf dem Bürgersteig unter meinem alten Wohnzimmerfenster wieder. Ein Zettel daran: Zu verschenken. Mit zwei Taschen ziehe ich nach Schweden zu meinem Partner und fange noch einmal ein Studium an – diesmal mit Chillen, Liebesleben und Party. Wir lassen es krachen!

Mit zwei Taschen ziehe ich nach Schweden zu meinem Partner und fange noch einmal ein Studium an – diesmal mit Chillen, Liebesleben und Party. Wir lassen es krachen!

Zwei Jahre später, den Master gerade in der Tasche, macht mein Freund Schluss mit mir. Herzschmerz ohne Ende, mir geht es unendlich schlecht. Aber da ist noch etwas, nämlich die Erkenntnis, dass ich wieder frei bin! Der erste Impuls: Mich hineinstürzen. Mitten in die Welt, mitten ins Abenteuer. Ich will dorthin gehen, wo was geht. Von Östersund kann man das nicht gerade behaupten, also sind meine Bewerbungen die verzweifelt-euphorische Antwort auf Stellenausschreibungen in Tel Aviv, Delhi, San Francisco, London. Aber dann ruft mich meine Halbschwester, meine Vernunftstimme seit eh und je, an. Sie sagt: »Komm zur Ruhe, komm nach Berlin. Erhol dich. Dein Freund hat gerade mit dir Schluss gemacht. Kehr zu deinen Wurzeln zurück, leb mal wieder in deiner eigenen Kultur. Du musst deine Balance wiederfinden.« Zum ersten Mal nach Wochen des Kummers kann ich wieder lachen. Sehr laut. »Berlin als Kurort! Der war gut!«

Gruppenbild mit Dame: In Vietnam rannte ein Pulk lächelnder Schüler auf Valeska zu und bat sie, Englisch mit ihnen zu üben.

Dennoch höre ich auf sie, bewerbe mich in der Hauptstadt, erhalte nach nur wenigen Tagen die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Meine paar Habseligkeiten sind schnell im Kofferraum verstaut, bevor es losgeht. 3.000 Kilometer und zwei Tage später verkündet das Navi: »Sie haben ihr Ziel erreicht, bekomme ich jetzt ein Eis?« Yup, das fragt es tatsächlich jedes Mal.

Gefühlt so lange wie es gedauert hat, nach Berlin zu fahren, dauert es nun, eine Parklücke zu finden. Nach einer Ewigkeit ziehe ich in dem blassen übermüdeten Gesicht, das mir im Rückspiegel entgegenblickt, Kajal und Lippenstift nach. Fünf Minuten und drei Häuserblocks später bringt mich ein für meinen Zustand viel zu heller Fahrstuhl zu zwei Niederländern mit modischen Frisuren in einen fünften Stock irgendwo in Berlin. Die Jungs schütteln mir schwungvoll die Hand, die kurz darauf einen Latte Macchiato hält. Sie erzählen ein bisschen über sich, stellen ihr Start-up vor, ein kleines Unternehmen, das Animationen für Erklärvideos erstellt. Das Interview läuft so gut, dass sie keine 30 Minuten später sagen: »Yeah, dann machst du am besten Deutschland.« »Yeah, mach ich eben Deutschland«, denke ich. »Und was heißt das jetzt?« Am Folgetag trocknet schon die Tinte auf dem Arbeitsvertrag, und für zwei Jahre »mache ich Deutschland«, bin ihre Geschäftsleiterin in Berlin, helfe ihnen, in »meiner Kultur«, wie meine Schwester es nennt, Fuß zu fassen. Hatte sie, meine Schwester, nicht auch gesagt, ich solle zur Ruhe kommen? Nun, für zwei Jahre gelingt mir das halbwegs, dann kommt die Unruhe zurück, packt zu, lässt nicht los. Wie gesagt, seit der Weltreise ist es die magische »Zwei«. Zwei Jahre und nicht länger.

Nun, für zwei Jahre gelingt mir das halbwegs, dann kommt die Unruhe zurück, packt zu, lässt nicht los.

Ich habe ein grundlegendes Problem: Egal, wie gut es mir in einem Job gefällt – als kleine Angestellte fühle ich mich extrem eingeengt. Vermutlich hat dieses Streben nach Freiheit schon immer in mir geschlummert, sonst wäre ich damals bei Siemens nicht so unglücklich gewesen. Diese kürzlich gewonnene Erkenntnis macht mich fast wahnsinnig. Letztens sagte ich zu einem Freund: »Ich würde gern zu einer Voodoo-Frau gehen, die mir erklärt, dass ich im letzten Leben Seefahrer war. Das würde es leichter machen, dieses ständige Verlangen nach Bewegung und Veränderung zu akzeptieren. Es würde es endlich erklären.« Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, kamen mir wie so oft in den letzten Jahren die Tränen. Da merkte ich: Wow, das alles belastet mich wirklich stark, dieser verdammte innere Konflikt! Von Geburt an bekommst du erzählt, dass es normal ist, durchgehend Arbeit zu haben und für immer an einem Ort zu bleiben. Und dann das!

Nach dem Start-up beginne ich eine einjährige Ausbildung zur Fotografin. Diesmal steht der Wandel unter dem Motto: Warum nicht mal etwas ganz anderes tun? In Schweden hatte ich dort angeknüpft, wo ich in München aufgehört hatte, hatte einen Master in Marketing und Management gemacht. Auch die Niederländer hatten mich wegen meiner Skills auf diesem Gebiet ins Unternehmen geholt. Bis heute macht mir diese Arbeit Spaß, dennoch sollte es jetzt etwas ganz anderes sein. Schon auf der Reise hatte ich gern Bilder gemacht, während der Shootings stand jedes Mal die Zeit still. Das gleiche Gefühl stellt sich nun während der Ausbildung ein, und von Anfang an kommen die Aufträge – für Hochzeitsfotografie und Porträtbilder – Gelegenheitsjobs, die wirklich Spaß machen!

Ja, man könnte meinen, damit wäre ich am Ende meiner Reise angekommen, das wäre die Lösung: als Freelancerin arbeiten. Der Begriff sagt doch echt alles: Freelancer. Free. Frei. Frei sein! Sich nicht eingeengt fühlen! Eine Zeit lang lebe ich so, habe immer mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer: fotografiere, betreibe Projektmanagement, lese Korrektur, schreibe Buchzusammenfassungen. Das reicht zum Leben – obwohl meine Arbeitswoche weniger als 40 Stunden hat. Bis heute wären da genug Ideen, die ich freiberuflich verwirklichen könnte, aber aus tausend Gründen nicht umsetze. Ich weiß auch nicht. Alles klingt gut, aber nicht gut genug, um sich dafür wirklich reinzuhängen.

Irgendwann aber fehlt mir dann die Sicherheit, die Gewissheit, im nächsten Monat genug Geld auf dem Konto zu haben. Außerdem ist Homeoffice nichts für mich. Es vermittelt mir dieses Gefühl, dass ich den ganzen Tag im Pyjama bleiben kann. Erst abends, wenn man ausgeht, macht man sich dann mal zurecht.

Kurz und gut: Ich versuchte, wieder eine Stelle in meinem alten Beruf zu bekommen. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir ernsthaft einen festen Fulltime-Job. Und zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich keinen. Sechs Monate lang suchte ich – dann begann ich zu zweifeln: »Oh Gott, vielleicht wird das nie wieder was mit einer Stelle. Hätte ich doch die letzte behalten, die war doch gar nicht so schlecht.« Ich saß also im Schlafanzug in der Wohnung, starrte das Handy vor mir auf dem Tisch an, das einfach nicht klingeln wollte, war frustriert wie nie und völlig ohne Hoffnung.

Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir ernsthaft einen festen Fulltime-Job. Und zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich keinen.

Eines Tages, an einem dieser zähen Pyjama-Vormittage, an denen ich gar nicht weiß, wofür ich mich aus dem Bett gequält habe, klingelt das Handy. Wie elektrisiert zuckt meine Hand nach vorn. »Jetzt wird alles gut!«, denke ich. »Wer auch immer mir einen Job anbietet, kann mich haben!« »Du klingst ja so gut gelaunt!«, lässt sich die Stimme einer Freundin vernehmen. »So habe ich dich seit Wochen nicht erlebt. Mein Chef sucht einen Fotografen für die Firmenfeier – Interesse?« »Bleib ich also Freelancerin«, denke ich und sage zu.

Wieder hält das Leben eine Überraschung für mich bereit: Auf der Party lande ich an der Bar zufällig neben dem Unternehmensgründer. Wir unterhalten uns, er fragt mich, was ich so mache, lädt mich zum Vorstellungsgespräch ein. Zunächst kassiert er eine Abfuhr, seine Jobangebote sind allesamt nicht mein Ding, und das sage ich ihm auch. Scheinbar beeindruckt von meiner Offenheit meldet er sich ein paar Wochen später wegen einer anderen Stelle bei mir. Und die passt. Ich hatte mich schon gewundert, denn diese Begegnung konnte doch kein Zufall gewesen sein.

Ja, und jetzt überwache ich seit vier Monaten den Bau eines Bürohauses, habe richtig viel Spaß und … fühle mich trotzdem eingeengt. Es ist zum Heulen! Ich habe gerade den geilsten Job der Welt, bin total verliebt in Berlin, doch in Gedanken schon wieder woanders. Am besten wären für mich wahrscheinlich Halbjahresprojekte. Dann wäre mir für eine gewisse Zeit das Gehalt sicher, die Herausforderung wäre garantiert, und nach Ablauf der Projektphase könnte ich auf etwas zurückblicken, das ich geschaffen habe. Und dürfte wieder gehen.

Zu Gast in einem Bauernhaus in Vietnam. Den Menschen so nahe zu kommen, machte Valeska glücklich. Die Erinnerungen daran lösen bis heute Fernweh in ihr aus.

Gehen. Ja, es ist Zeit. Nur soll es diesmal keine Reise sein, sondern ein Projekt im Ausland. Vielleicht könnte ich einer NGO helfen, mich an einem Kunst- oder Buchprojekt beteiligen oder irgendetwas Journalistisches machen. Ich muss nur noch das Richtige finden. Aber diesmal wird es schwer. Damals in München gab es nichts, das mich gehalten hätte. Doch jetzt sind da Berlin, der fantastische Job, die tollen Freunde. Manchmal wache ich auf und denke: »Geil, ich habe hier einfach alles. Warum nur will ich weg?« Aber langsam realisiere ich, dass ich ständig diesen inneren Schrei unterdrücke, diese Stimme, die mir sagt, dass ich wieder etwas ganz anderes tun und fortmuss. Das kann doch nicht gesund sein, das immer zu unterdrücken – nun schon seit fünf Jahren!

Da ist es hilfreich, dass ich derzeit keinen Partner habe, und dauernd denke ich: »Nur niemanden kennenlernen«, wenn ich durch die Straßen laufe, in Bars sitze oder an der Haltestelle stehe. Denn es ist nicht so, dass ich an Liebesdinge so herangehen würde wie an Jobs. Bei jedem Rendezvous keimt in mir die Hoffnung auf, dass das jetzt fürs Leben sein könnte. Dafür jedoch wäre jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt.

Meine Eltern wissen noch nichts von den neuen Ausbruchplänen. Mittlerweile haben sie sich ein wenig an mein Leben gewöhnt. Klar, Eltern wollen ihre Kinder immer beschützen, und dann bringen sie auch mal Themen wie Altersarmut ein. Aber meistens sagt meine Mutter: »Du machst das schon«, wobei ich wünschte, sie würde mir manchmal etwas Input geben, die Dinge mit mir gedanklich durchspielen, so wie eine gute Freundin. Mein Vater ist meinem Lebensstil gegenüber immer noch skeptisch, aber auch er hat sich entspannt. Er meint, ich hätte ja in den letzten sechs Jahren bewiesen, dass ich ihm nicht auf der Tasche liege. Dennoch sucht er noch nach der Schublade, in die er mich einsortieren kann. Dabei ähneln wir uns sehr – vermutlich macht ihm genau das Angst. Mit meiner Rastlosigkeit lebe ich vieles aus, das er nie zugelassen hat.

Ob ich einmal Kinder möchte? Vielleicht. Ist gerade nicht in Planung, aber es sind ja auch noch zehn Jahre Zeit. Wenn es passiert, passiert es halt. Erst mal muss der Partner stimmen, der auf jeden Fall bereit sein muss, mit mir ins Ausland zu gehen. Wir könnten je zwei Jahre lang in einem Land leben, bevor wir weiterziehen.

Wie wäre es weitergegangen, wenn ich damals in München nicht ausgebrochen wäre? Sicherlich wäre ich ängstlicher. Heute betrachte ich alles mit Abstand, lasse mich von den Dingen nicht so sehr stressen, denn sie sind – global betrachtet – unbedeutend. Diese Erkenntnis ermöglicht es mir, Probleme in aller Ruhe anzugehen, sie zu lösen, und zu akzeptieren, wenn etwas nicht klappt – ein Vorteil meinen Mitarbeitern gegenüber. Die flippen schon aus, wenn mal eine Mail über den falschen Verteiler rausgeht. Ich frage dann: »So what?«

Mein Team kennt mich als Leaderin, die ruhig bleibt, auch in stressigen Situationen. Meine Freunde kennen mich als Heulsuse. Seit der Reise bin ich mir meiner Gefühle bewusster, mit meinem Bauchgefühl in ständigem Kontakt. Klar, das hat sich ja auch auf der Reise, in all den fremden Ländern, als nützlich erwiesen. Leider spüre ich seitdem aber auch meine Ängste und Sorgen deutlicher. Ganz klar bin ich weicher geworden. Wie gesagt, manchmal verstecke ich mich im Bett und breche in Tränen aus.

Seit der Reise bin ich mir meiner Gefühle bewusster, mit meinem Bauchgefühl in ständigem Kontakt.

Aber ich habe nicht nur für mich ein besseres Verständnis entwickelt, sondern auch für andere Kulturen. Im Büro ist das hilfreich, weil wir international arbeiten. Und noch etwas: Ich gehöre nicht zu denen, die nach Deutschland zurückkommen und auf Heimat und Gesellschaft schimpfen. Im Gegenteil: Ich habe gesehen, wie gut wir es haben. In Südamerika kann dein Geld von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert sein, und wenn dein Bus vor einer roten Ampel steht, könnte es sein, dass ihn im nächsten Moment Männer stürmen, die Kameras und Bargeld wollen. Passiert dir hier nicht. In Ländern wie Vietnam sagten die Menschen zu mir: »Oh, du kommst aus Deutschland. Wie toll! Großartiges Land!« Tatsächlich war ich überrascht vom guten Ansehen unserer Heimat in der Welt. Wir können uns auf unsere Regierung verlassen. Mein Blick auf mein Zuhause hat sich durch die Weltreise verbessert. Damals, vor dem Aufbruch, war in meinen Augen alles hier schlimm. »Ich komme nie wieder«, schwor ich mir in jenen Tagen und kaufte einen Umschlag für meinen Pass, damit mich auf der Reise nicht andauernd irgendwelche »Mitbürger« in Tennissocken und Trekkingsandalen anquatschen würden.

Jetzt bin ich stolz darauf, Deutsche zu sein, und sehe mich auch in der Verantwortung, mein Land vernünftig zu repräsentieren – selbst hier in Berlin. 90 Prozent meiner Freunde sind Ausländer. Tja, was bleibt? Was ist die Bilanz so weit? Wo will ich hin? So oft wünsche ich mir einen Mentor, der mich anleitet, mir ganz klar sagt: »Jetzt machst du A, dann B, dann C.« Eines aber ist sicher – Berlin wird immer meine Base bleiben. Die Stadt erdet mich. Der Lärm der Großstadt ist mein Lebenselixier. Man mag darüber lachen, aber dann erst komme ich tatsächlich zur Ruhe. Genau: Berlin, mein Kurort! Ob ich irgendetwas bereue? Nur den Moment, in dem ich mich von der Kurzzeitarbeitslosigkeit habe herunterziehen lassen. Doch es wird weitergehen. Es geht immer irgendwie weiter.

Der Lärm der Großstadt ist mein Lebenselixier.

Nachtrag: Valeska war nur noch einmal, für drei Monate, im Ausland – in den USA. Abgesehen davon wohnt sie seit mittlerweile acht Jahren in Berlin. Jetzt fühlt sie sich wohl. »Der Drang ist verschwunden, ich habe mir den Alltag über die letzten Jahre so gestaltet, dass es eine gewisse Grundzufriedenheit gibt und ich nicht ständig das Gefühl habe, daraus mit einem großen Abenteuer ausbrechen zu müssen. Ich habe mich viel ausprobiert, weiß jetzt, was ich mag und was nicht. Dafür waren die Reisen toll, jetzt sind sie aber nicht mehr so dringend nötig«, sagt sie. Beruflich steckt Valeska gerade mitten in ihrem zweiten Bauprojekt. Sie leitet drei Teams in einem der größten deutschen Start-ups/Grown-ups. »Es ist eine stark skalierende Firma, die sich genauso oft verändert wie ich, so wird mir nie langweilig.«

Heute, nach all den Jahren, würde sie sich als relativ gesettled beschreiben. Berlin ist für sie eine wichtige Basis und ein guter Ausgangspunkt für Reisen und Besuche. Nach wie vor schätzt Valeska ihren multikulturellen Freundeskreis, sie ist seit Dezember 2020 mit dem Reise-Enthusiasten und gebürtigen Rumänen Mihai verlobt. Ihre Hochzeit steht kurz bevor, langfristig steht ein Umzug aufs Land an – nah heran an die Natur, doch nicht zu weit weg vom nächsten Flughafen.

Valeska von Mühldorfer

•heute 33, Teamleiterin in einem berühmten Start-up und ausgebildete Fotografin

•Einjährige Reise durch die USA, Kanada, Hawaii, Asien

•Dreimonatige Ausbildung zur TEFL-Sprachlehrerin in den USA, um weltweit Englisch unterrichten zu können

•drei- bis viermonatiges Sabbatical geplant für eine Reise nach Südamerika, gemeinsam mit Partner Mihai

•www.valeskasblog.wordpress.com


Auf der Flucht
Die Geschichte von Helge Timmerberg, aus: Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs, Solibro Verlag
Ein Gastbeitrag

Meine Flucht begann im Alter von zwölf Jahren. Bis dahin kämpfte ich, wenn etwas nicht anders zu regeln war. Und ich war klug, stark und mutig und gab nie auf. Das hat mich in unserer Bande zur Nummer zwei gemacht. Was ich nicht leiden konnte, war Ungerechtigkeit. Drei Mitglieder einer polnischen Familie in unserer Nachbarschaft verdanken mir eine relativ unbeschwerte Kindheit. Ich habe mich ständig für sie geradegemacht.

Ich war der Zweitstärkste meiner Klasse. Der Stärkste war der Sohn eines Schlachters, von dem bekannt wurde, dass er zu Hause jeden Tag einen Liter frisches Blut zu trinken bekam. Sein Name war Frankie. Und Frankie war brutal. Der Schwächste in der Klasse war der Sohn eines Frauenarztes. Schwach, weil fett wie ein Mastschwein. Und blöd war er auch. Aber er konnte nichts dafür. Er hat mir immer leidgetan. Eines Vormittages steht der Dicke vor unserem Lehrer und scheißt sich vor Angst in die kurzen Hosen. Und als er zu seinem Platz zurückgegangen war, hatte er tatsächlich eine Spur von kleinen, festen Koddeln hinterlassen. Dafür wollte ihn Frankie nach der Schule verprügeln. Ich nahm den Hosenscheißer in Schutz.

Frankie war einfach nicht zu besiegen. Jeden Tag einen Liter Blut! Als es offensichtlich wurde, dass ich verlor, feuerte der Dicke plötzlich Frankie an. Das Hosenscheißer-Schwein. Ich ließ mich für ihn verprügeln, und als ich am Boden lag, trat er sogar auf mich ein. Seit diesem Tag habe ich mich nicht mehr geschlagen. Die Meister der Martial Arts befürworten übrigens dieses Verhalten: Kämpfe erst, wenn du nicht mehr flüchten kannst, sagen sie. Die Flucht ist die kluge Schwester des Kampfes. Und du willst doch kein dummer Krieger sein.

Damit sind wir bei Castaneda und Don Juan. Ich habe seine Bücher mit 17 verschlungen. Dazu ein bisschen Timothy Leary und ein bisschen Aldous Huxley, und bevor ich wusste, was geschah, saß ich auf einer begrünten Verkehrsinsel auf dem Autobahnkreuz Kamen. Im Grunde war alles wie immer ein Missverständnis. Ich wollte an der Grenze zwischen Belgien und Deutschland das LSD nicht schlucken. Ich hatte es nur zum Schmuggeln in den Mund getan. Aber es war, wie in diesen Tagen üblich, auf Löschblätter geträufelt. Wir fuhren noch ein wenig über das Autobahnnetz des nächtlichen Ruhrgebiets, dann wurden wir ausgesetzt (natürlich waren wir per Anhalter unterwegs), und auf der Verkehrsinsel, auf der wir nun standen, entfaltete das LSD plötzlich seine volle Wirkungskraft. Wir mussten auf die andere Seite, und jeder weiß, wie breit eine deutsche Autobahn ist, doch mir erschien sie breiter, und zudem erschien ein Licht von rechts, gekoppelt an ein Heulen, und Licht und Heulen nahmen in geradezu erschreckender Geschwindigkeit an Intensität zu. Schlussendlich wurde eine Supernova daraus, ein explodierender Kometenschwarm, kurz: Das Kamener Kreuz nordöstlich von Dortmund, südwestlich von Hamm und südlich von Münster war bereits 1970 viel befahren, und was soll ich sagen: Wir trauten uns nicht vor Sonnenaufgang auf die andere Seite der Autobahn, von der ich dann zum ersten Mal nach Indien trampte – mit 17. An dem Tag, an dem Jimi Hendrix starb.

Könnte man nicht alles über die Drogen streichen und den Text hier beginnen! Aber nein! Denn es fing mit den Drogen an. Sie waren das Problem. Jede Region hat ihre eigenen Drogen. In kalten Ländern wie Deutschland greift man zu Bier und Schnaps, und beides hilft, das Wetter zu ertragen. Dabei geht es nicht nur um die Kälte, sondern vor allem um die Abwesenheit von Licht. Es graut einem vor diesem Grau, wenn man nicht besoffen ist. Graue Häuser, graue Straßen, graue Hosen, graue Gesichter, und das Fernsehen war schwarz-weiß. Rosa Löschblätter brachten Farben in dieses Leben. Außerdem begann ich zu kiffen. Haschisch war die Volksdroge des Orients und eigentlich in Ostwestfalen völlig fehl am Platz, denn sie hilft Hitze und zu viel Sonne gut zu ertragen sowie Armut und andere Mangelerscheinungen. Weil sie auf Reichtümer aufmerksam macht, die nichts zu kosten scheinen. Stichwort: Sensibilisierung. Ich bekam ein Ohr für Musik und ein Auge für musikalische Formen und ein Herz für den Müßiggang, und damit war Deutschland für mich gestorben. Also Kulturflucht! Ich habe es Reisejournalismus genannt.

Denn es fing mit den Drogen an. Sie waren das Problem.

Seit 25 Jahren permanent auf Achse, bis auf Australien, die Fidschis und Alaska alles gesehen, anfangs konnte ich zwischendurch noch immer einige Monate in Deutschland verweilen, aber bald hielt ich auch das nicht mehr aus. Drei Wochen Heimaturlaub wurden Obergrenze. Dann hatte ich die Vorteile satt (gutes Brot, gute Schokolade, gute Freunde), und jede Art von Depression übernahm das Regiment. Es sei denn, es war Sommer. Aber wann ist schon Sommer in diesem Land?

Ist das Flucht? Habe ich selten so gesehen. Im Gegenteil. Wann immer ich in einem Flieger saß und durch die Wolkendecke stieß, die wie hintapeziert über Hamburg zu hängen scheint, beschlich mich das Gefühl, Probleme zu überwinden, statt ihnen zu entfliehen. »Ihr könnt mich mal« war das Substrat meiner Gedanken bei jedem Start. Flucht als aggressiver Akt. Das klappte etwa 14 Jahre. Dann wurde ich des Reisens müde und suchte einen Hafen. Settle down in Marrakesch. Ich mietete ein großes Haus im Labyrinth der kleinen Gassen und glaubte, ich würde den Rest des Lebens unter den duftenden Orangenbäumen in meinem Patio verbleiben. Ich blieb drei Jahre. Settle down in Havanna. Andere Düfte, andere Früchte, Salsa for ever. Ich blieb zwei Jahre. Settle down in Indien? Ich versuchte es im letzten Jahr. Ich blieb sieben Wochen. Bin ich von einem Dämon getrieben, oder was ist das für ein Phänomen? Ich kann nicht bleiben. Egal, wo ich bin. Nach drei Jahren Marokko hatte ich hinter jeden Schleier geschaut und sah nur noch Nervenkranke auf staubigen Straßen. Nach zwei Jahren Kuba konnte ich definitiv keine Mulattin1 mehr sehen. Und Indien machte mich rasend. Und noch etwas: Diese Kulturen assimilieren nicht. Anderslautende Versicherungen aus Kreisen der Gastgeberländer sind geschäftsbedingtes Gewäsch. Schon mal in Marokko ohne Geld dagestanden? Oder in der Karibik? Oder in Asien? Man konnte mit aufgeplatzten Pestbeulen durch die Gegend reisen und erfreute sich derselben Reaktion. Du kommst als Freund und gehst als Fremder. Es sei denn, du heiratest inländisch. Dann wirst du Mitglied der großen Familie, die du von nun an ernährst. Ich muss es jetzt endlich mal sagen. Je länger ich vor Deutschland flüchte, desto deutscher werde ich. Oder sagen wir, desto europäischer.

Das klappte etwa 14 Jahre. Dann wurde ich des Reisens müde und suchte einen Hafen.

Nach einem Vierteljahrhundert des rastlosen Rasens um diesen Planeten im Zickzackkurs identifiziere ich mich als Europäer, und das tut gut. Bin ich aber in Europa, sehne ich mich nach dem Orient. Nach diesen anderen Farben, in diesem anderen Einfallswinkel des Lichts. Das Gras in Nachbars Garten ist immer grüner, und wenn ich über den Zaun hüpfe, verblasst es und wird normal. Und dann hüpf ich wieder und wieder, und so bleibt man jung, könnte man sagen, und fidel. Blödsinn. Ab einem bestimmten Alter wird das Reisen sinnlose Qual. Das ewige Packen, Schleppen, Schlangestehen, Einchecken, Auschecken, der Kampf mit dem Zimmer, den Fliegen, den Kakerlaken. Ich habe selbst im Taj Mahal, Bombay, zwei gesehen. Zwei riesige, fette Kakerlaken. Ich kann Paul Bowles verstehen. Ein großer Schreiber war er, viel gereist. Irgendwann wurde ihm klar: »Meine größten Feinde sind meine Füße.« Und er blieb stehen. Für immer. Paul Bowles fand seinen Hafen kraft Einsicht, da, wo er gerade war. Und er war zufällig in der Altstadt von Tanger. Vor 20 Jahren. Klasse, das war klasse. Und das kann ich mit ganzem Herzen sagen. Und mir von ganzem Herzen wünschen. Und wann werde ich es wagen? Jetzt? Hier?! Lieber würde ich den Strick nehmen. Ich bin in New Delhi. Einmal muss ich mindestens noch in den Flieger, um die Flucht zu beenden. Nur noch einmal.

Ab einem bestimmten Alter wird das Reisen sinnlose Qual.

Helge Timmerberg

•heute 70, Deutschland, Weltreisender/Abenteurer/Journalist/ Reiseschriftsteller

•seine Versuche, sesshaft zu werden, schlugen lange fehl. Er lebt mittlerweile in Wien, Berlin und St. Gallen

•schreibt unter anderem für »Stern«, »Die Zeit«, »Merian«, »SZ Magazin« und »Playboy«.

•Bücher (Auswahl):

•Lecko mio. Siebzig werden, Piper

•Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs, Solibro Verlag

•Timmerbergs Reise-ABC. Mit 21 Cartoons von Peter Puck, Piper

•Shiva Moon. Eine Reise durch Indien, Rowohlt

•In 80 Tagen um die Welt, Rowohlt

•Die rote Olivetti. Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja, Piper

•www.utiya-magazine.com (Reportagemagazin)

1 Der Duden rät heutzutage von der Verwendung des Begriffs Mulattin ab. Ihm zufolge stammt er vom spanischen mulato = Maultier, nach dem Vergleich mit dem Bastard aus Pferd und Esel. Die Orientalistik jedoch sieht in dem Wort nichts Diskriminierendes: Ihr zufolge liegt sein Ursprung im arabischen Begriff muwallad, der eine Person mit Eltern unterschiedlicher Herkunft bezeichnet. So oder so: Der Text »Auf der Flucht« stammt aus dem Jahr 2001, und es lag der Herausgeberin mehr als fern, auch nur eine Silbe daran zu ändern.


Die geilste Lücke im Lebenslauf
Die Geschichte von Nick Martin

Wie alles begann … Ich bin rein in den Van, ich habe das Rauschen der Wellen gehört und bin mit einem Grinsen im Gesicht eingeschlafen. Das ist mir noch nie passiert. Und dann ist noch etwas passiert. Dieses Grinsen war beim Aufwachen noch da. Das ist im Jahr 2009 gewesen. Ich hatte meinen gesamten Jahresurlaub auf einmal genommen, um drei Wochen lang in Neuseeland zu reisen.

Schnell ging die Zeit vorüber und ich zurück ins Büro. Ich bin gelernter IT-Kaufmann, habe im Anzug Businesssoftware verkauft. Nun wartete ich darauf, dass die Routine zurückkam wie nach jedem Urlaub. Doch das klappte diesmal nicht, der Alltag stellte sich einfach nicht wieder ein. Meine Kollegen waren top, wir rissen Witze, verbrachten die Mittagspause zusammen, unterhielten uns auch mal über Privates. Der Job war auch super, die Software verkaufte sich wie geschnitten Brot. Mein Chef klopfte mir manchmal auf die Schulter. »Du kannst es zu was bringen«, sagte er dann. Aber ich habe auf einmal nur noch halbherzig gearbeitet, und mir wurde klar, dass mein ganzes Leben schon vorgezeichnet vor mir liegt: Karriere als Vertriebsleiter, irgendwann der eigene Firmenwagen, Aufstieg zum Niederlassungsleiter. Ich dachte: Wow, ich werd’ ’ne Menge Asche machen. Aber war’s das? Eigentlich nicht. Und der reichste Mann auf dem Friedhof werden – das ist eigentlich nicht mein Ziel.

Da bin ich hin zu meinem Chef, hab die Tür aufgerissen, auf den Boden gespuckt und gerufen: »Ich kündige!«

Nein, so war es nicht. In Wahrheit habe ich vor ihm gesessen und fast geheult. Es war mehr eine Frage, als ich sagte: »Also … dann … kündige ich?« Es war meine Reaktion darauf, dass er mich nicht gehen lassen wollte. Eigentlich hatte ich ihn nur gebeten, mir ein Jahr lang unbezahlten Urlaub zum Reisen zu geben – Rückkehr nicht ausgeschlossen.

»Bist du bescheuert?«, fragten mich meine Eltern. Sie wussten es, ich wusste es: Ich schmeiße alles weg. Meinen guten Job, der mir meinen A3 Sportback sichert, meine geräumige Dreizimmerwohnung, meine Karriere. Auch meine Freunde verstanden es nicht. »Das alles willst du aufgeben? Für eine Reise?« Ich konnte nur nicken. »Ja.«

Ich schmeiße alles weg. Meinen guten Job, meine geräumige Dreizimmerwohnung, meine Karriere.

Meine damalige Freundin hingegen bestärkte mich, obwohl sie selbst fürs Studium daheimbleiben musste. Sieben Jahre waren wir schon zusammen. Sie sagte: »Wenn du jetzt nur wegen mir bleibst, wirst du unglücklich.« Sie ließ mich gehen, entließ mich in eine wunderbare Zeit.

Die Rückkehr. Ich stehe an einem Bushaltestellenhäuschen, und der Novemberregen rieselt auf mich herab. Ich schaue auf das Datum meiner Uhr. Heute vor genau einer Woche bin ich auch nass geworden – von einer fast perfekten Welle an einem der besten Surferstrände der Welt. Da, auf meinem Board, schoss mir das Adrenalin pur durch die Adern. Ich kann es immer noch spüren. Und dann spüre ich wieder den Regen. Er dämpft die Freude, die gerade in mir aufgestiegen ist. Stattdessen steigt einmal mehr das Bild meiner Freundin vor meinem inneren Auge auf. Wie sie mir gestern gegenübersaß. Wie eine fremde Person. Ich erzählte ihr von meinen Abenteuern, doch so richtig, das war ganz deutlich zu sehen, interessierte sie sich nicht dafür. Sie erzählte mir von ihren Schülern, sprach darüber, wie sie täglich nach der Schule noch mehrere Stunden zu Hause am Schreibtisch verbringt, wie sie Klassenarbeiten korrigiert. Wenn ich ehrlich bin: So richtig interessiere ich mich auch nicht mehr für ihre Geschichten, für ihren sich permanent wiederholenden Alltag. Wir beide leben jetzt in zwei verschiedenen Welten, und die sind sehr weit voneinander entfernt.

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Die alte Frau neben mir hat angefangen zu keifen: »Warum muss dieser Bus immer zu spät kommen?« Eine andere fällt mit ein: »Ja, gestern war er auch erst um fünf nach da.« Ich schaue auf meine Hand, sehe die Schussverletzung von Fidschi. Und während ich gerade noch unter dem nassen Glasdach der Bushaltestelle stehe, befinde ich mich auf einmal unter dem warmen Wasserstrahl einer Dusche am Strand. Eine leichte Brise weht vom Meer zu mir herüber; nach mehreren Stunden Volleyball die perfekte Erfrischung. Die anderen Backpacker und ich haben gerade haushoch gegen ein paar Locals verloren, aber die Stimmung ist gut, Sieger und Verlierer albern herum, auch jetzt noch während meiner Dusch-Session.

Gerade wasche ich mir kopfüber die Haare, da höre ich, wie jemand meinen Namen ruft: »Nick! Nick, schau mal!« Ich mache die Augen auf, kann aber nichts sehen durch meine langen Strähnen. Schnell aus dem Gesicht gewischt, geben sie den Blick auf Knox frei. Er ist einer der Fidschianer aus der Siegermannschaft und zugleich einer der Angestellten meines Hostels. Keine zwei Meter steht er nun vor mir und hält etwas in der Hand. Es ist eine Harpune. Eine Harpune, die er auf mich gerichtet hält. »Der Junge macht Spaß«, geht es mir durch den Kopf. »Willst du mich abschießen oder was?«, rufe ich und lege mir eine Hand auf die Brust. Knox lacht, albert herum, visiert mich an, springt ein wenig auf der Stelle herum. Im nächsten Moment spüre ich eine Art Taubheit im rechten Daumen, mache zwei Schritte nach hinten, schaue an mir herunter, und erkenne, dass sich ein Speer in meine Brust gebohrt hat. Die Harpune war geladen?! Unter mir breitet sich langsam eine Blutlache aus.

Ein großer Wassertropfen zerplatzt mir auf der Nase. »10 Minuten Verspätung«, leuchtet die gelbe LED-Anzeige in der Novemberdunkelheit auf. »Oh nein!«, die Frau neben mir stöhnt. »Der Typ hätte mich damals fast umgebracht!«, will ich sie anschreien. Mache ich natürlich nicht, aber weiß plötzlich: In diesem Land hält mich nichts mehr.

Ein paar Tage später trennen meine Freundin und ich uns, und die wichtigste Bezugsperson geht damit verloren. Das weiche Bett in meinem alten Kinderzimmer kann den tiefen Sturz auch nicht abfangen. Da liege ich – habe keine eigene Wohnung, kein Auto, keinen Job und jetzt auch keine Freundin mehr. Ich starre Löcher in die Luft, verfalle in eine Reisedepression, während draußen vor dem Fenster unablässig der Regen fällt. Man muss sich das vorstellen, ich hatte zwei Jahre lang am Stück nur Sommer erlebt.

Ich starre Löcher in die Luft, verfalle in eine Reisedepression.

Aber sofort flüchten will ich auch nicht. Der Grund dafür ist eine andere Frau, die mir begegnet ist. Sie ist auch gerade erst von einer langen Reise zurückgekehrt, und es stellt sich heraus, dass wir zur selben Zeit am selben Ort in Australien gearbeitet haben – für die zwei miteinander konkurrierenden Hotelketten. Hier in Deutschland sehen wir uns zum ersten Mal, kommen zusammen und sind bis heute ein Paar.


Im Grunde ist es so: Wenn du nach einer solchen Reise zurückkommst, wirst du nur nicht verrückt, wenn du dir eine Beschäftigung suchst. Du musst dich ablenken. Du hast so viel erlebt, und dein Kopf kam die ganze Zeit nicht dazu, das zu verarbeiten. Nun, da du wieder sesshaft bist, bekommt dein Hirn diese Gelegenheit und spielt verrückt. War halt alles ein bisschen viel, nicht wahr?

Dennoch wehre ich mich jetzt dagegen, als mich das Arbeitsamt wieder in meiner alten Branche vermitteln will. Diese graue Maus beim Amt versteht einfach nicht, dass das nicht mehr geht. Ich will mich selbstständig machen, aber die wollen mir dann das Geld nicht weiterzahlen. Also schreibe ich mit Absicht Scheißbewerbungen, so lädt mich wenigstens niemand zum Gespräch ein.

Nick führt heute ein Leben ganz nach seinem Geschmack. Die verregneten deutschen Winter hat er gegen Sonne und Strand eingetauscht.

Die Konsequenz: Die vom Amt verdonnern mich zur Teilnahme an einem Bewerbungstraining. Jeder von uns soll sich dort zu Beginn kurz vorstellen. Also sage ich: »Hallo, mein Name ist Nick, ich habe mir gerade meinen Lebenstraum erfüllt und war zwei Jahre auf Weltreise.« Da steht allen der Mund offen. Am zweiten Tag kommt der Chef vom Amt zu mir und meint: »Sie passen nicht in den Kurs, aber Sie tun der Gruppe gut.« Er gibt mir die Erlaubnis, mein Reisetagebuch abzutippen, während die anderen Lebensläufe verfassen. Es dauert dann nicht mehr lange, und ich gehe sowieso wieder auf Tour.


2014 komme ich erneut nach Deutschland zurück – und lande wieder in einem Kurs vom Amt. Das Thema diesmal interessiert mich schon ein bisschen mehr, denn es beschäftigt sich mit einer Frage, die mich schon lange umtreibt: »Wie mache ich mich selbstständig?« Wenn man so lange auf Reisen war, so viel gesehen hat, dann kann man nicht mehr als kleiner Angestellter im Büro arbeiten, das geht einfach nicht mehr. Wie auch immer, der Zufall will es, dass der Chef des Arbeitsamtes von damals selbst den Kurs leitet und mich wiedererkennt. »Na, womit wollen Sie sich denn selbstständig machen, Herr Martin?«, fragt er mich. »Ich möchte als Motivationstrainer arbeiten.« Er nickt, denkt kurz nach und sagt: »Okay, dann kommen Sie mal nach vorn.« Im nächsten Moment stehe ich neben ihm: »Jetzt zeigen Sie mal, was Sie können. Sprechen Sie zur Gruppe, motivieren Sie die Leute!« Er tritt zur Seite ans Fenster, verschränkt die Arme und beobachtet mich. Da stehe ich also mit dem Rücken zur Wand, gut 20 Leute vor mir. Es ist die Probe aufs Exempel. Kurz geräuspert, fange ich an, erzähle von meinen Reisen, davon, wie es mir gelungen ist, meine Pläne zu verwirklichen, Probleme zu überwinden, Zweifel zu bekämpfen. Eine Stunde lang.

Das Thema beschäftigt sich mit einer Frage, die mich schon lange umtreibt: »Wie mache ich mich selbstständig?«

»Sie haben den Job«, sagt der Chef am nächsten Tag zu mir. »Welchen Job?«, frage ich. »Sie bekommen Ihren eigenen Kurs – als Leiter, als Motivationstrainer.«

Von März bis September arbeite ich nun mit Langzeitarbeitslosen zusammen. Man muss sich das mal vorstellen: In dem Kurs sitzen Leute, die teilweise seit zehn Jahren zu Hause geblieben sind. Denen hat noch nie jemand zugehört. Ich nehme mir Zeit für sie. Es geht um Inspiration und Motivation, darum, wie man erreicht, was man möchte. Wir verfassen gemeinsam Bewerbungsschreiben, stellen eine Kamera auf und filmen uns gegenseitig, während wir üben, uns beim Bewerbungsgespräch bestmöglich zu verkaufen: in die Augen schauen, auch selbst mal eine Frage stellen, gerade sitzen, deutlich sprechen … »Ja! Ja! Lächeln nicht vergessen! Das wirkt souverän und bricht das Eis!« Ich sage ihnen, wie ich es machen würde an ihrer Stelle. Einen schicke ich eines Tages spontan, mitten im Kurs, in die Stadt, damit er sich bewirbt. Oh, da gab es Ärger vom Chef!

Vor bis zu 1.300 Zuschauern spricht Nick über seine Abenteuer. Für ihn sind sie »die geilste Lücke im Lebenslauf«.

Meine Pläne für die Zukunft? Gibt es nicht. Nach meiner zweiten Weltreise war nur klar: Ich will nicht ewig in Deutschland bleiben, will aber auch nicht ewig reisen. Damals, das war 2013, war ich eigentlich nur zurückgekommen, weil ein Freund seine Hochzeit feierte.

Kurz danach bin ich ein halbes Jahr lang sogar dafür bezahlt worden, mir die Welt anzuschauen. Swiss Air suchte einen Reise-journalisten für so eine befristete Marketinggeschichte. Ein Freund machte mich darauf aufmerksam, meinte: »Bewirb dich doch mal, Nick.« Tatsächlich, der Job schien mir wie auf den Leib geschneidert. Unter 1.400 Bewerbern haben sie mich dann auch tatsächlich ausgewählt.

Danach habe ich den deutschen Sommer genossen und wieder ein bisschen an meiner Selbstständigkeit gebastelt. Mittlerweile habe ich die virtuelle »Reise-Uni« travel-echo gegründet, an der User das Reisen studieren können und den Mut finden, es auch zu tun. Ja genau, ich bin jetzt tatsächlich Motivationscoach geworden! Daneben halte ich deutschlandlandweit vor bis zu 1.300 Menschen Vorträge über meine Reisen. Außerdem habe ich das Reisekochbuch Fuck Pasta N Ketchup! geschrieben und ein Buch über meine Abenteuer: »Die geilste Lücke im Lebenslauf«.

Und diese Lücke wird immer größer: Mittlerweile bin ich gemeinsam mit meiner Freundin unterwegs. Sie hat einen Job, den sie online von überall auf der Welt aus erledigen kann. In zwei Monaten wollen wir nach Ägypten zu einem Camp für digitale Nomaden fliegen. Ist schon geil, du kannst am Strand sitzen und arbeiten. So was will ich auch machen. Meine Vorträge in Deutschland sind ganz gut gelaufen, mehr als 25.000 Zuhörer hatte ich 2019 insgesamt. Nun schwebt mir vor, mich auch im Ausland auf die Bühne zu stellen.

Dabei geht es mir immer auch darum, den Leuten Mut zu machen, aus dem Alltag auszubrechen, mal etwas zu wagen. Auf meiner Website heißt es: »Sechs Jahre Weltreisen – Die geilste Lücke im Lebenslauf«. Viele fürchten sich davor: »Oh Gott, niemand wird mich mehr einstellen, wenn ich mal länger nicht an der Karriere gebastelt habe!« Das ist Bullshit! Spreng doch mal das deutsche Sozialklischee: gute Noten, Uni, Partner, Kinder, Kredit, Haus. Du bist so viel mehr! Du verdienst so viel mehr! Reisen ist das beste Erlebnis des Lebens, und meiner Meinung nach sollten die Personalchefs das anerkennen. Da hat jemand mal über den Tellerrand geschaut, ist herausgegangen aus der eigenen Gesellschaft, dem eigenen Umfeld und hat – ganz wichtig – sich selbst in ganz neuen Situationen kennengelernt. Man reift unwahrscheinlich.

Spreng doch mal das deutsche Sozialklischee: gute Noten, Uni, Partner, Kinder, Kredit, Haus. Du bist so viel mehr!


Und wie habe ich mir das alles finanziert? Die Antwort lautet: manchmal so richtig ranklotzen. Gegen Ende meiner Zeit als IT-Kaufmann arbeitete ich nachts parallel als Barmann. Auf meiner Reise gab es eine Phase, da hatte ich fünf Jobs gleichzeitig. Das war in Perth, Australien. Ich restaurierte Boote, war Barkeeper in einer afrikanischen Bar, schob Nachtschichten an einer Hotelrezeption, mixte als VIP-Barkeeper Cocktails auf einer Yacht und verkaufte Tacos auf dem Wochenmarkt.

Ich bin 2010 mit 9.000 € losgefahren und danach mit 12.000 € in der Tasche zurückgekommen. Siehst du? Es geht! Ich kann dir nur raten: Überleg dir, auf welchem Gaul du gerade sitzt, ob es der richtige ist, ob du glücklich bist. Es ist nie zu spät, etwas zu ändern. Ich meine, was hast du zu verlieren? Wir Deutschen machen uns immer viel zu viele Sorgen. Doch eigentlich ist es doch so: You are born with nothing, you’re going with nothing. What do you lose? Nothing.


Jetzt erzähle ich noch die Geschichte zu Ende, wie das damals war, angeschossen zu werden. Um ein Haar wäre ich gestorben. Ich musste stundenlang auf Hilfe warten. Die kam schließlich in Gestalt eines Fischers herangeschlendert, der mich zu einer löchrigen Nussschale mit Außenborder brachte – seinem Boot. Bötchen. ’Ner Nussschale halt. Er hatte den Auftrag, mich zum Medical Centre auf der Nachbarinsel zu bringen. Das entpuppte sich leider als ärmliche Hütte mit so ’ner Art Hexe drin, der Krankenschwester. Mit fleckiger Schürze stand die da und rührte in einem Topf. Ich hatte ja schon einiges gesehen, aber das ging gar nicht. Hier wollte ich nicht sterben. Noch nicht ganz ins Halbdunkel eingetreten, drehte ich mich wieder um und dem Licht entgegen, das schon stark abgenommen hatte. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und noch immer lief ich mit einem blutigen Loch in der Brust herum. Trotz der einsetzenden Kühle schwitzte ich. Ich war wie betäubt, wusste nicht, wohin mit mir. Instinktiv lief ich in die Richtung, aus der ich gekommen war, zurück zum Bootssteg, immer dem staubigen Weg nach, den Blick fest darauf geheftet.

»Nick!« Zuerst hörte ich sie gar nicht, die Stimme, die da meinen Namen rief. Doch dann: »Nick!« Und wieder: »Nick!« Mir fiel ein, dass das mein Name ist. Der Name, den mir meine Eltern vor knapp 30 Jahren gegeben haben. Wenn die wüssten … Ich kapierte nicht, warum den hier jemand kannte, hier mitten in der Fremde, auf einer Insel, auf der eine Hexe in einem Topf rührte. Waren das einsetzende Halluzinationen? War ich meinem Ende schon so nah? Die Stimme klang nach einem jungen Mann – mein Alter, mit irgendeinem Akzent. Auf jeden Fall kein Fidschianer. Plötzlich stand er vor mir, noch etwas außer Atem. Shorts, nackter Oberkörper, so Mitte 20, Lockenkopf. Er sah aus, als wäre er auf dem Weg zum nächsten Beachvolleyball-Turnier, doch seine ernste Miene passte irgendwie nicht dazu. Sie passte mehr zu mir, zu meiner Stimmung, zu meiner Scheißsituation. Himmel! Mir hatte sich mitten im Paradies ein Pfeil in die Brust gebohrt, keine Eva in Sicht, wahrscheinlich würde ich sterben, und jetzt stand auch noch dieser Typ vor mir! Was wollte er denn? »Nein, ich kann heute nicht mitspielen«, wollte ich schon sagen, da übernahm er das Reden: »Ich hab dich überall gesucht, ich bin gelernter Krankenpfleger.«

Michael untersuchte die klaffende Wunde, kam zu dem Schluss, dass die Organe wohl nichts abbekommen hatten, weil ich noch am Leben war, öffnete einen kleinen Verbandskasten und vernähte den Krater ohne Betäubung.

Später am Abend rettete ich dann meinem Angreifer, Knox, das Leben. Der Hotelbesitzer fragte mich, welcher der Angestellten auf mich geschossen hatte, nur dann würde er mir die Hotelkosten erlassen. Ich entschied mich, die Rechnung zu bezahlen. Später erfuhr ich, dass sie ihn verbannt hätten. Er hätte nicht mehr arbeiten dürfen, nie wieder seine Familie sehen … Yeah, ich habe mich für nur 60 US-$ anschießen lassen. Wäre mir das in Amerika passiert, hätte ich den Typen verklagt, und die Insel, auf der es geschehen ist, würde heute mir gehören.

Nick Martin

•heute 35, Deutschland, gelernter IT-Kaufmann

•seit 2010 auf Weltreise

•Bücher:

•Fuck Pasta N Ketchup! – Das Kochbuch für Backpacker

•Die geilste Lücke im Lebenslauf: 6 Jahre Weltreisen, Conbook Verlag

•www.travel-echo.com


Das Hostel am Ende der Welt
Die Geschichte von Ivan Kitson

Wenn ich aus den Fenstern in meinen Garten sehe, sehe ich Bananenstauden, Orangen- und Zitronenbäume. Ich weiß, dass es nicht weit ist zu den Cashewbüschen, zu den Avocados und den Mangobäumen. Ich muss nur den Hang hinuntergehen. Vor der Küche steht ein Kava-Kava. Seine Blätter haben eine heilende Wirkung, sagen die Maoris. Man kann sie zum Beispiel als Tee trinken.

Dieser Ort, das Bioshelter, das ist mein Kaitiaki. Kaitiaki, das heißt, ich bin nicht der Besitzer dieses Stück Lands – obwohl es per Gesetz mir gehört. Ein Maori-Wort sagt manchmal mehr als 1.000 Worte: Das Grundstück gehört mir nicht, ich habe nur das Privileg, hier zu wohnen, darauf aufzupassen, solange ich lebe. Dafür ernährt es mich. Als ich es zum ersten Mal betrat, wusste ich, dass es der Platz ist, an dem ich bleiben möchte. Hier fühle ich mich mit der Erde verbunden.

Es gibt einen Wasserlauf und den Wald, in dem ich wohne. Ich habe kaum etwas verändert, nur ein paar Obst- und Nussbäume hineingepflanzt – so wie es die Stämme im Amazonas tun, so wie ich es bei ihnen gelernt habe. Sie beziehen ihre Nahrung ausschließlich aus den Wäldern.

Hier also ist mein Kaitiaki, hier ist meine Basis – auch wenn man immer Reisender sein wird, hat man erst einmal damit angefangen. Aber meine Partnerin und ich wollten nach unseren Jahren in Südamerika zurück in unsere Heimat, zurück nach Neuseeland – dorthin, wo wir geboren und aufgewachsen sind. Sie war schwanger und das Kind sollte in Sicherheit und den stabilen Verhältnissen der Heimat aufwachsen, nicht in einem von den Militärs besetzten Guatemala oder dem Bolivien der 70er-Jahre. Neben der Sicherheit bot uns unsere Heimat zudem etwas, das wir in Südamerika lieben gelernt hatten: den Regenwald.

Kurzum: Durch die Reise fingen wir an, zu schätzen, was wir in der eigenen Heimat hatten, und wollten im Grunde nur noch eines: Unsere eigene wundervolle Natur beschützen und etwas gegen den Klimawandel tun. Wir hatten so viel Verschmutzung in der Welt gesehen – dreckige Meere, vermüllte Landschaften, wir waren schockiert. Zugleich hatten wir von den Völkern im Amazonas gelernt, welchen Reichtum man genießt, wenn man im Regenwald lebt – sei es in Südamerika oder eben auf unserer Seite der Welt.

Wir hatten so viel Verschmutzung in der Welt gesehen – dreckige Meere, vermüllte Landschaften, wir waren schockiert.


Aufgewachsen in Palmerston North, war ich viele Jahre vor der Reise in den Norden nach Auckland gezogen, um Architekt zu werden. An diese Karriere wollte ich nun anknüpfen, doch die Bewerbungsgespräche liefen schlecht. Die Branche hatte ein Problem damit, dass ich so lange weg gewesen war, und ich wiederum wollte raus in die Natur. Die Vorstellung, die nächsten 40 Jahre in einem Büro zu sitzen, gefiel mir nicht.

Ich fing an, in einer Baumschule auf Waiheke Island zu arbeiten, das liegt vor Auckland. Später kaufte ich auf der kleinen Insel das Stück Land und pflanzte die ersten Bäume, die mich und meine Familie einmal ernähren sollten. Am Rand des Grundstücks stand ein kleines Cottage aus Holz – vier mal fünf Meter, mit einem Wellblechdach. Darin lebten wir, während ich anfing, nach meinen eigenen Plänen das Bioshelter drum herumzubauen, einen Ort, an dem es möglich war, eng mit der Natur zusammenzuleben. Pflanzen würden darauf und darin wachsen, die uns ernähren sollten, Sauerstoff spenden, Schatten, Wärme. Die damalige Architektur weltweit war menschenfeindlich, sie schnitt die Bewohner von der Natur ab. Ich wollte eine Wohnskulptur erschaffen, die sich mit ihr verbindet. In meiner Studienzeit hatte ich an der Universität in Auckland den Künstler Friedensreich Hundertwasser als Gastdozenten gehört. Seine und meine Ideen sind sich sehr ähnlich, wir haben die gleiche Vision davon, wie »Lebensraum« aussehen sollte, und diese setzte ich um.

Die Menschen und die Kultur Lateinamerikas haben Ivan für immer geprägt. Dieses Foto, aufgenommen in La Paz, Bolivien, begleitet ihn seit den 70er-Jahren.

So lebten meine Familie und ich damals in der Hütte, während um uns herum nicht nur der Wald, sondern auch das Haus wuchs. Unser Sohn war gerade erst geboren, und später bekamen wir noch eine Tochter. Ich halte es für richtig, Kinder in diese Welt zu setzen, auch heutzutage. Auf unserem Planeten können noch viel mehr Menschen wohnen, es gibt genügend Platz für alle. Viel wichtiger ist doch, wie wir leben: wie viele Ressourcen, wie viel Platz wir verbrauchen, wie viel Müll wir produzieren, wie viel wir verschwenden. Schauen wir uns nur das große Problem mit Lebensmitteln hier in Neuseeland an: Ein Drittel davon landet im Müll!

Unseren Kindern haben meine Frau und ich versucht beizubringen, im Einklang mit der Natur zu leben – wenn auch nicht so spartanisch wie zu Beginn, als wir nur einen Gaskocher hatten, ein Plumpsklo und zum Duschen in den Schuppen gegangen sind. Unter der Woche arbeitete ich in der Baumschule, in jeder freien Stunde am Haus. Ich hatte kein Geld für Handwerker. Zu Beginn dachte ich, dass ich mehr Hilfe bekommen würde, aber so war es nicht. Also dauerte es fünf Jahre, bis das Bioshelter fertig war.

Unseren Kindern haben meine Frau und ich versucht beizubringen, im Einklang mit der Natur zu leben.

Irgendwann während dieser Jahre bekam meine Partnerin Depressionen. Ich musste mich nun auch um sie kümmern und gleichzeitig die Kinder versorgen. Das waren harte Jahre – die härtesten. Gezweifelt habe ich dennoch nie, und ich verspürte auch nicht den Wunsch, alles hinter mir zu lassen und wieder auf Reisen zu gehen. Aber ich habe mich irgendwann schon gefragt, wann das Haus endlich fertig sein wird.

Mittlerweile leben wir getrennt; schon sehr lange. Nun habe ich auch wieder Zeit und Geld, mir andere Länder anzusehen – nicht mehr für Jahre, so wie damals, nur für Monate, aber immerhin. Die Baumschule gehört mir mittlerweile, mein Sohn führt sie, wenn ich unterwegs bin. Er ist ein wahres Kind des Regenwaldes geworden.

Nicht nur im Amazonasgebiet stehen atemberaubende Bäume. Das erkannte Ivan nach seiner Rückkehr in die neuseeländische Heimat. Seitdem pflanzt er Wälder.

Und das Bioshelter? Nun, manchmal sind an einem Abend alle fünf Kontinente an meinem Esstisch versammelt. Mittlerweile ist das Haus ein Hostel; meine Kinder sind ausgezogen, und es können immerhin 15 Reisende gleichzeitig hier wohnen. Sie bringen mir die Welt nach Hause, wenn ich mal nicht unterwegs bin. Es ist wie eine große Familie mit wechselnden Mitgliedern, manche kommen immer wieder. Umgekehrt besuche ich sie auf meinen Reisen.

Wenn ich daheim bin, arbeite ich bis heute am Haus. Es gibt immer was zu tun. In diesem Jahr habe ich zusätzliche Solarzellen angebracht. Außerdem muss das Dach isoliert werden, und ich möchte im Wintergarten einen Frischwasserpool für Lobster anlegen. Think global, act local. Das habe ich auf den Reisen gelernt. Die Hummer werden ein weiterer Bestandteil meiner Ernährung sein, und ich muss schon heute das Wenigste im Supermarkt kaufen.

Gleichzeitig versuche ich, mit meiner Art zu leben, meine Gäste zu einem nachhaltigeren Lebensstil zu inspirieren – so wie mich damals die Stämme im Amazonas inspiriert haben. Manche meiner Besucher haben noch nie etwas von Mülltrennung gehört, spülen ihr Geschirr unter fließendem Wasser und verbrauchen eimerweise Seife beim Wäschewaschen. Manche sagen mir beim Abschied, dass sie von nun an versuchen wollen, in ihrer Heimat umweltbewusster zu leben. Manche kommen auch, weil sie von meinem Garten und Haus gehört haben und es sich anschauen wollen, bevor sie ihr eigenes Projekt starten.

Gleichzeitig versuche ich, mit meiner Art zu leben, meine Gäste zu einem nachhaltigeren Lebensstil zu inspirieren.

Wie ich die Natur so lieben kann und es mir gleichzeitig erlaube, zu fliegen? Nun, zum einen bin ich zuversichtlich, dass wir eines Tages in Elektroflugzeugen unterwegs sein werden. Außerdem pflanze ich jedes Jahr ehrenamtlich Hunderte von Bäumen.

Ich bin Mitglied einer Umweltgruppe auf Waiheke Island, die jährlich öffentliche Flächen des Landes bewaldet. In den vergangenen Jahrhunderten haben die europäischen Siedler rund 80 Prozent der Bäume in Neuseeland abgeholzt. Auch Waiheke hat nur noch wenige Wälder. Die Regierung hat uns Flächen zur Verfügung gestellt, die wir nun wieder aufforsten können. Das Geld dafür kommt vom Land und aus Spenden. So konnten wir allein in diesem Winter 1.700 Bäume pflanzen.

Aber das ist noch nicht alles. Nicht nur auf Waiheke werden Wälder gepflanzt, sondern im ganzen Land. Zusätzlich hat unsere Regierung eine Milliarde neuer Bäume versprochen. Vor Kurzem waren Wahlen in Neuseeland, und zum ersten Mal war dabei Umweltschutz das größte aller Themen.

Immer mehr junge Menschen reisen, und ich denke, dass Globalisierung auch das bewirken kann: den Gedanken weiterzutragen, dass wir diesen Planeten erhalten müssen. Weil er so atemberaubend schön ist.

Ivan Kitson

•heute 71, Neuseeland, Architekt/Betreiber eines Hostels und einer Baumschule

•vierjährige Reise durch Südamerika, seitdem immer wieder mehrere Monate weltweit unterwegs

•facebook: bioshelter backpackers


Bloggen gegen das Fernweh
Die Geschichte von Aylin und Stefan Krieger

Aylin: Da sitze ich also. Vor mir im Büro der Bildschirm, neben mir an der Wand ein großer Kalender mit Panoramafotos, aufgenommen auf der ganzen Welt. Es könnten meine Bilder sein. Vieles davon habe ich auch schon fotografiert. Auch Angkor Wat, das Motiv des Monats. Ich schaue aufs Datum: Ja, so ziemlich genau heute vor vier Jahren waren Stefan und ich in Kambodscha.

18 Monate waren wir unterwegs. Als wir nach Hause kommen, habe ich große Pläne: Auf keinen Fall will ich wieder in der freien Wirtschaft arbeiten. In meinem Lebenslauf steht als letzter Punkt: »Personalreferentin«. Ich male mir aus, was bald als Nächstes dort stehen könnte: »Doktorandin an der XY-Universität«. Ja, das gefällt mir. Schon im Flugzeug kommen mir die Ideen: Ich werde mir eine Uni suchen, an der ich promovieren kann, und nebenbei jobben, um das Ganze zu finanzieren.

Stefan und ich landen ein paar Tage vor Weihnachten. Bevor wir ankommen, tauschen wir die kurzen Hosen gegen lange aus, die Flipflops gegen Winterschuhe. Wir freuen uns auf die Familie, Glühwein, den Weihnachtsmarkt, all die leckeren Dinge, die es in deutschen Supermärkten zu kaufen gibt – Brot, Schokolade, guten Käse. Dennoch ahnen wir, was uns bevorsteht. Stefan tippt den letzten Blogeintrag: Während mir die Entscheidung für diese Reise leichtfiel, merkte ich erst unterwegs, was meinen unfreiwilligen Mut erforderte: Zurückzukehren. Und da hatte ich sie also entdeckt – meine Angst.

Zunächst war die Heimkehr schön. Die ersten Tage fühlten sich an wie Urlaub. Niemand hatte Erwartungen an uns. Wir futterten, erzählten, zeigten Bilder, tauschten uns mit den Verwandten aus, feierten Heiligabend. Dann gingen alle wieder auseinander, tauchten ab in ihren Alltag, gingen ins Büro, zur Uni … an ihren Platz eben, den sie in dieser Gesellschaft hatten. Doch wo war unser Platz? Wo war meiner, der von Aylin Berktas? Morgen musste ich zum Amt. Arbeitsamt. Ich wollte das Wort nicht einmal denken. Das klang so nach um Almosen bitten, nach Hilflosigkeit, Perspektivlosigkeit. Der Gedanke daran hing über mir wie eine schwere dunkle Wolke und verdrängte fast die stolze Idee, dass ich bald Doktorandin sein könnte. Und da kroch sie in mich hinein, auf direktem Weg in meine Seele, in meinen Kopf, hinein in die Magengrube. Panik. Ich verstand das nicht. Vor ein paar Tagen noch war ich megagechillt gewesen, selbstsicher, überzeugt, dass ich alles schaffen könnte, was ich mir vornehmen werde. Und jetzt … als hätte sich ein Schalter umgelegt.

Ich kam zurück vom Amt und hatte – nichts zu tun. Das konnte ich mir nicht erlauben. Das hatte ich auf der Reise machen dürfen, da hatte das zum Konzept gehört. Doch jetzt war es ein komisches Gefühl, einfach in den Tag hineinzuleben wie eine Hartz-IV-Empfängerin.

Da ich es mir also nicht erlauben konnte, nichts zu tun zu haben, packte mich der Aktionismus. Ich setzte mich an den Computer, besuchte die einzelnen Homepages der Unis, und als ich nach zwei Monaten immer noch keine Doktorandenstelle ergattert hatte, fing ich an, mich auch auf andere Stellen zu bewerben, die irgendwie passten.

Der Grund, warum sie mich einstellten? Berufserfahrung, Auslandserfahrung, Reisebereitschaft, Englischkenntnisse.

Eines Tages entdeckte ich auf der Homepage einer Uni die Ausschreibung für … nein, nicht für eine Doktorandenstelle. Die suchten eine Studentenbetreuung. Ich bewarb mich, erhielt eine Zusage, Stefan und ich mussten schnell von Hamburg nach Bremen ziehen. Der Grund, warum sie mich einstellten? Berufserfahrung, Auslandserfahrung, Reisebereitschaft, Englischkenntnisse. Zu 75 Prozent nämlich kamen die Studenten, mit denen ich zu tun haben würde, aus anderen Ländern, und das kam mir gelegen. Zweimal im Jahr sollte ich außerdem nach China fliegen.

Ich wurde also nicht Doktorandin, doch durch meinen neuen Job lebte ich mich definitv leichter wieder in Deutschland ein. Und dennoch: Diese Affekthandlung, die mich in diesen Kompromiss geführt hatte, musste ich ausgleichen. Innerhalb des nächsten Jahres spürte ich immer deutlicher: Ich brauchte wenigstens nebenher ein Herzensprojekt, etwas, das ich wirklich tun wollte – wie zum Beispiel die Weiterführung unseres Reiseblogs.

Stefan: So ging es auch mir. Mit dem Blog angefangen hatten wir auf unserer Reise – sie war der Startschuss. Nun stellte sich die Frage: Warum sollten wir damit aufhören? Dennoch lag der Blog erst mal ein knappes Jahr brach. So lange brauchten wir, um uns zu orientieren, uns wieder einen Job zu suchen, in Bremen anzukommen, die Wohnung einzurichten. Erst dann konnten wir uns ihm wieder widmen. Eines Tages setzte ich mich hin und las mir noch einmal den letzten Eintrag durch – den, den ich kurz vor der Landung verfasst hatte: Während mir die Entscheidung für diese Reise leichtgefallen war, merkte ich erst unterwegs, was meinen unfreiwilligen Mut erforderte: Zurückzukehren. Und da hatte ich sie also entdeckt – meine Angst. Unwillkürlich nickte ich. Wo stand ich jetzt, ein Jahr, nachdem ich diese Zeilen geschrieben hatte? Wie war es mir ergangen?

Aylin: Der Blog half mir dabei, das Fernweh zu verarbeiten – eben jenes Fernweh, das mich im ersten Jahr davon abgehalten hatte, mich mit dem Blog zu befassen. Es hätte zu sehr wehgetan. Schon sehr schnell hatte mich die Mühle des Alltags fest im Griff, das war mir bewusst, und zugleich erzählte ich noch lange, ich käme gerade von einer Weltreise zurück. Ich fand es sehr schade, dass sie vorbei war, auch wenn ich mich gar nicht hinein ins nächste Abenteuer stürzen wollte. Aber ich konnte auch nicht so leben, als wäre nie etwas gewesen. Am liebsten hätte ich dieses Lebensgefühl für immer konserviert. Mir graute vor einer Zukunft, in der nie wieder etwas passieren würde.

Vor allem aber kaufte ich mir nach der Ankunft in Deutschland erst einmal eine bessere Kamera und konzentrierte mich auf die Fotografie, knipste, probierte, wurde besser … bis der Zeitpunkt kam und wir sagten: »Entweder machen wir es jetzt richtig, oder wir begraben den Blog.«

Stefan: Wir machten es richtig, überarbeiteten die Seiten, und sie wurden Bestandteil unseres Lebens. Seitdem hat sich das Niveau stetig verbessert. Früher haben wir Reiseberichte nach Schema F geschrieben, stereotypische Texte, in denen stand: Wir haben das gemacht und dann das und dann das. Wenn wir jetzt unterwegs sind, suchen wir nach einem Thema, verfolgen es, und reflektieren vor diesem Hintergrund unsere Erlebnisse. Schreiben ist für mich zu einer Passion geworden. Nach der Reise hat es mir unheimlich viel gegeben, es wirkte befreiend. Manchmal saß ich am Ende des Tages noch mal kurz am Computer. Und wenn es nur eine halbe Seite war, die ich füllte, dann gab mir das schon ein Gefühl der Zufriedenheit. Es verband mich wieder mit unserer großen Reise – auch wenn ich nur noch über die kleinen Trips schrieb, die wir in den Alltag integrierten.

Aylin: »Worüber wollt ihr denn jetzt noch berichten?«, hatten viele gefragt. Das traf mich. Ich fragte mich dann selbst, ob es denn nun überhaupt noch genug Themen geben würde, so zurück im Alltag. Mittlerweile weiß ich: Ja, es gibt sie noch. Uns zieht es ständig wieder hinaus. Wir probieren, an jedem freien Tag zu reisen. Zum Beispiel werden wir über Ostern für zwei Wochen nach Griechenland fliegen. Man muss sich gut organisieren, um den Urlaub mit unseren beiden Berufen zu koordinieren. Die Reisen selbst wiederum sind vollkommen ungeplant. Das machen wir seit der Weltreise so. Zum Beispiel haben wir diesmal nur den Flug gebucht. Nach der Ankunft … mal sehen. Das klappt super! In dieser Spontaneität sind wir mittlerweile so routiniert, dass es immer gut geht.

Die Reisen selbst wiederum sind vollkommen ungeplant. Das machen wir seit der Weltreise so.

Große Pläne unter Palmen. Auf Reisen wachsen die Träume. Die Kunst ist es, sie, zurück in der Heimat, in die Realität umzusetzen.

Stefan: Aber auch bei anderen Gelegenheiten können wir reisen: Wir sind viele Kooperationen mit Reiseveranstaltern eingegangen, die uns Tickets, Unterkunft etc. bezahlt haben. Im Gegenzug haben wir auf unserem Blog oder auf ihren Portalen über die Erlebnisse berichtet.

Aylin: Ich bin froh, dass wir die Seite wiederbelebt haben. Mein Beruf ist okay, aber eben nur Beruf, nicht Berufung. Bloggen und fotografieren – das ist es, was ich wirklich machen möchte. Dank des Blogs führe ich kein Nullachtfünfzehn-Leben, an dem die Tage vor dem Fernseher auf der Couch enden.

Stefan: Wie ich mich wieder eingelebt habe? Im Gegensatz zu Aylin bewirkte die Reise tatsächlich einen Bruch in meiner Biografie. Irgendwo zwischen Asien und den USA war mir klar geworden, dass es nicht wie vorher weitergehen konnte. Ich traf eine Entscheidung und setzte sie nach der Heimkehr konsequent um: Ich ging noch mal zur Uni und wurde Lehrer. Vorher hatte ich als Shopmanager für ein großes Mobilfunkunternehmen gearbeitet. Hauptsächlich hat sich meine Arbeit mit der Frage beschäftigt, wie wir den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen können. Das passte nicht zu mir, weswegen dieser Beruf mich auch nie glücklich gemacht hatte. Während der Reise erkannte ich, dass ich so etwas Sinnloses nie wieder tun will, und dass ich mich in Wirklichkeit für Sprachen und für Menschen interessiere. Außerdem gebe ich gern Jugendlichen etwas mit auf den Weg. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich mal im Tischtennisverein die Kids trainiert hatte.

Für mich war das Heimkommen damit zwar ein Bruch, aber zugleich ein lockerer Übergang vom Reisealltag hinein in den heimischen Alltag. Ich rutschte nicht in die knallharte 40-Stunden-Woche, in der ich um 8 Uhr rasiert und im Anzug irgendwo auftauchen musste. Während des Studiums hatte ich noch sehr viel Zeit für die Dinge, die ich gern tat, zum Beispiel für den Blog.

Aylin: Mittlerweile habe ich intern noch mal den Job gewechselt. Die Studentenbetreuung hat zwar Spaß gemacht, ist aber nicht besonders anspruchsvoll gewesen. Jetzt bin ich für das Online-Marketing zuständig, ich bespiele die sozialen Medien und blogge für die Uni. Die Stelle habe ich vor allem bekommen, weil ich das auch privat mache und fotografieren kann. Zu der Zeit, als man mir die Stelle anbot, war meine eigene Seite bereits drei Jahre alt, ich bewegte mich in der Bloggerszene und besuchte regelmäßig die ITB Berlin, eine internationale Messe der weltweiten Tourismusbranche. Ohne die Reise hätte ich das sicher nicht zum Beruf gemacht. Die neue Stelle ist super, und das ist gut so, denn den eigenen Blog beruflich zu betreiben, kann ich mir bis jetzt nicht vorstellen. Wie sollte sich das finanzieren?

Stefan: Ich habe die Rückkehr nach Deutschland als entspannt empfunden – anders als erwartet, wie mein Blogeintrag während der letzten Stunden im Flieger beweist, in dem ich von der Angst vor der Heimkehr schreibe und dem Mut, den man dafür aufbringen muss. Ich dachte, es wird so schlimm werden wie als Abiturient, als ich ein Jahr lang durch die USA getourt war. Damals fiel ich nach meiner Rückkehr in ein emotionales Loch.

Aber der Trip gemeinsam mit Aylin ist eben nicht meine erste »Time-of-my-Life-Erfahrung« gewesen, und mit über 30 war ich sicher auch gefestigter als direkt nach meinem Schulabschluss. Ja, klar war ich ein wenig wehmütig, als es vorbei war, aber bereits die letzte Zeit vor der Rückkehr ist von unserer Vorfreude auf zu Hause geprägt gewesen. Wir sind freiwillig zurückgekommen, nicht weil das Visum abgelaufen oder uns das Geld ausgegangen ist. Ich hatte einfach auch das Gefühl: Jetzt will ich mal wieder vorwärtskommen, das Leben aktiv gestalten und das umsetzen, was ich mir auf der Reise vorgenommen habe.

Aylin und ich sind nicht die Hippie-Aussteigertypen, dazu haben wir zu viel Antrieb, müssen immer irgendetwas machen, uns weiterentwickeln. Zum Beispiel haben wir dann auch erst mal geheiratet, wir waren also mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten gut beschäftigt.

Aylin: Die Reise hat mich, und das was ich mache, sehr verändert. Ich weiß jetzt, dass ich fotografieren und schreiben möchte und langfristig keinen x-beliebigen Job mehr haben will. Das war keine »Boom«-Erkenntnis während der Reise. Sie hat sich in den Jahren danach langsam eingeschlichen. Allerdings hat der Trip diesen Prozess angestoßen. Kontinuierlich arbeite ich jetzt auf die Verwirklichung meiner Ideen hin, der Prozess ist also noch im Gang. Ich nähere mich in kleinen Schritten dem, was ich irgendwann einmal hauptberuflich machen will: bloggen.

Die Reise hat mich, und das was ich mache, sehr verändert.

Geld spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, denn wir brauchen nicht viel. Wir haben kein Auto, kein Eigentum, wir leben in einer Dreizimmerwohnung in einem ganz normalen Stadtteil, in dem viele junge Familien wohnen. Wir selbst haben keine Kinder, also können wir sparen. Karriere bedeutet mir nichts. Wichtig ist mir allerdings, dass ich Teil der Reiseszene bleibe. Ein Lob für unseren Blog bedeutet mir viel.

Was ich mir für die Zukunft wünsche? Flexiblere Arbeitszeiten, sodass Stefan und ich in den drei Monaten, die er als Lehrer insgesamt Urlaub haben wird, reisen können. Oder er bekommt eine Stelle an einer Schule im Ausland. Dann gehe ich mit, und wer weiß, vielleicht wage ich ja dann den Schritt in die Selbstständigkeit. Was mir nämlich von der Reise geblieben ist, ist der Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit. Und so schlecht ist die Auftragslage schon jetzt nicht: Gerade baue ich zum ersten Mal für jemanden eine Website auf. Außerdem haben Stefan und ich das Buch 101 Dinge, die ein Weltenbummler wissen muss herausgebracht. Von den Erträgen aus dem Buchverkauf können wir uns immerhin schon zwei Reisen pro Jahr finanzieren. Außerdem war das Buch ein Türöffner für weitere Projekte.

Aber bei all den Trips, die wir unternehmen, sind wir der Auffassung, dass Reisen generell eine Geisteshaltung ist. Das Leben an sich ist die Reise, und jeder von uns bestimmt täglich, wohin sie geht. Es geht darum, den offenen, neugierigen Blick auf die Umwelt und die Mitmenschen zu bewahren, egal, ob in Patagonien oder in Hamburg-Altona.

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