Kitabı oxu: «Der verwehte Brief»
Utta Keppler
Der verwehte Brief
SAGA Egmont
Der verwehte Brief
Copyright © 1974, 2018 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788726030884
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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I
Straßburg! In der ersten Morgendämmerung hielt die Postkutsche aus Paris. Man gähnte, streckte sich, fragte verwirrt wo und was? Der alte Mann neben Ludovike zog die prallsitzende Weste stramm, griff über einen schmalen Jungen hinüber und rüttelte am Fenster. Schneeluft fuhr scharf herein und stieß in die verschlafenen Gesichter. Eine blasse Frau, Ludovike gegenüber, faßte instinktiv nach ihrem Kind, das sich wie ein Kätzchen auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte. In der Enge waren seine Beine mit den langen Spitzenhosen einem schwarzbärtigen Herrn auf die Knie gerutscht, der sie ärgerlich zurückschob.
Ludovike nahm sich zusammen: Unwirklich war das alles, die verzerrten, dämmerdummen Mienen, gedrängte Gestalten, verbrauchte Luft, Geschrei von der Straße. Sie hob das Kinn und sog begierig den Winterhauch ein, der sie streifte.
Da wurde die Tür aufgerissen. Kutscher und Pferdeknechte sprangen ab und traten zurück, die Reisenden stiegen aus. Ein paar Männer beruhigten die Frauen, jetzt sei es nicht mehr gefährlich, sie hätten doch alle ihre Pässe und Papiere, die sie sich, mühsam genug, in Paris verschafft, und die Ausweise, in denen stehe, daß man nicht – weiß Gott, noch niemals – dem verwerflichen lästerlichen Louis Capet angehangen habe. Für die Geflüchteten war er freilich noch immer der König, Ludwig der Sechzehnte von Frankreich, der nun gefangen auf sein Ende wartete. Wenn sie erst in Süddeutschland unterkamen, waren sie gerettet, ob willkommen und auf die Dauer geliebt, mußte sich erweisen. Sie waren heraus, an Land gezogen, entronnen: Unzählige Verdächtige lagen noch in den Kellern der Bastille.
Ludovike zeigte den Uniformierten ihre Papiere vor: Ludovike Simanowiz, geborene Reichenbach, Gattin eines wirtenbergischen Leutnants, dessen Verbleib ungewiß, auf der Heimreise vom Studium in Paris, Malerin, Porträtistin, dort auch im Kreise des Brigadegenerals Bonaparte und des Finanzministers Necker bekannt.
»Und wo in Paris gewesen?«
Sie murmelte etwas, und man gab sich mit dem halbverstandenen Bescheid zufrieden, sie habe bei einer Freundin aus der Heimat gewohnt; das war genug, denn Rosa Helene Baletti, Sängerin aus Ludwigsburg, hatte den spanischen Grafen Lacoste geheiratet und ein kleines Pariser Palais bewohnt.
Niemand hielt sie auf. Der Bärtige in den gestreiften Hosen war auf einmal fort. Er hatte sich um irgendeine Ecke, in eine Tür geschoben, und Ludovike fand beim Wiedereinsteigen auf seinem Sitz eine Uhr, die er wohl in der Eile vergessen hatte. Man rief ihm besser nicht nach; sie reichte das Ding mit dem eingravierten Krönchen auf den Kutschbock hinauf, ehe die Pferde wieder anzogen.
Weiter, der Heimat zu! Breite Hoftore in den Dörfern, dazwischen die Täler weiß von Schnee, flache Hügel, bräunlich vereistes Wasser; dann, wie Inseln aufgetaucht aus dem Nebel, strähnige Buschgerippe.
Ludovike schlief ein. Erschöpft und gelöst schaukelte sie in der schlecht gefederten Kutsche über Mulden und Schneewehen. Langsam verwischte sich die Gegenwart. Da tauchte es herauf, halb Traum, halb Erinnerung: der Hof hinter dem Lorcher Haus, schattig, von blitzenden Sonnenflecken gesprenkelt, der bittere Holundergeruch; und vom Brunnenrand spritzt bei jedem Windhauch ein Sprühregen über die Steinplatten, der schnell verdunstet. Die Kinder kauern auf dem Rasenstreifen, die Conzischen und Schillers Christophine, sie selber im Haustor; und alle starren zum Fritz hinüber, der mit den dünnen weißbestrumpften Beinen auf einem Schemel steht. Sie sieht die hellgrauen Augen blinzeln und hört das heisere Stimmchen: »Liebe Gemeinde im Herrn!« Die Hände breiten sich aus.
»Herr Pfarr!« ruft Christophine dazwischen, »Herr Pfarr, Euer Ehren haben den Talar vergessen!« Christophine ist schon acht Jahre alt, zwei Jahre über ihr und dem Fritz, und fühlt sich erhaben.
Der kleine Prediger schweigt verwirrt, das rote Zöpfchen bebt, er will schon heruntersteigen vom Kanzelpodest, als sie selber aufspringt und ins Haus läuft. »Ich hol ihm einen!« Die Küchentür steht offen, Frau Schiller dreht sich am Herd um. »Frau Hauptmännin, Ihr habet doch gewiß was Schwarzes, das ein bißle feierlich aussieht?«
Frau Elisabeth hebt den Deckel von einem Topf. »Was Schwarzes? Was treibet ihr denn schon wieder?«
»Ha, der Fritz predigt!« Kurz darauf läuft sie mit einer seidenen Sonntagsschürze wieder auf den Hof. Ludovike schrak bei ihrem eigenen Lachen zusammen: die Schillerkinder, Getuschel und Gehüpfe und Gekicher, der Duft vom Holunderbaum, die Stimme der Frau Elisabeth… hat’s das wirklich gegeben? Der »liebe Fritz« ist inzwischen vierunddreißig, Professor in Jena, liest Geschichte, ein berühmter Mann, ein großer Dichter… Man möchte ihn fragen, ganz schnell, gleich jetzt, was er heute denkt über den französischen Aufbruch, den er zuerst begrüßt hatte.
Vor das gute Bild unter dem Holunder schiebt sich ein anderes: ein schauerlicher Baum ragt gegen den Dunsthimmel von Paris, gegen die Mauern – das Gerüst. Und der Troß schiebender, keuchender Männer und Weiber taumelt darauf zu, die Karren rattern; es klingt anders als das friedliche Rumpeln und Mahlen hier im elsässischen Schmelzschnee. Durch den Lärm der Masse dringt ein unmenschliches Ächzen; gebunden, gekrümmt hängen die Verurteilten in den Stricken und holpern dem Schafott zu…
Ludovike schrie, jemand griff nach ihrem Arm.
»Madame, Sie träumt immer noch davon – es liegt doch hinter uns!«
Sie riß die blauen, kindlichen Augen auf und erkannte im hellen Winterlicht, das die schütternde Scheibe hereinließ, die Reisenden um sich, den Alten, der sie angesprochen hatte, braune Pferderücken, ihr Auf und Ab im Trott, und den grauen Umriß des Kutschers. Sie bedankte sich verlegen.
Der Dicke neben ihr sah sie lächelnd an. »Wir sind schon bald am Ziel, Madame. Dort ist doch wohl jemand, der Sie erwartet?«
»Mein Mann war im September bei Valmy.«
»Dann ist er ja heraus, vielleicht ist er schon da, wenn Sie heimkommen.«
Ludovike lächelte beklommen.
Dann stand sie mit steifen Gliedern, verwirrt und frierend, in Ludwigsburg vor dem Wagen. Sie schickte einen der Burschen, die immer vor den Poststationen warteten, zum Elternhaus, und einen zweiten mit dem Gepäck dem ersten nach. Sie selbst wartete unschlüssig und sah dem wackelnden Zweiradkarren nach, auf dem jetzt ihre Tasche schwankte. Dann ging sie mit entschlossenen Schritten durch den Schneematsch heim. Der Vater mochte Botschaft haben, Franz konnte schon bei ihm sein – aber der lähmende Druck auf ihrer Seele wurde nicht leichter. Sie ahnte, daß ihr Mann nicht da war.
Sie sah den Alten in seiner Hauptmannsuniform am Tor stehen, die Hand über den Augen, durch Sonne und Schnee geblendet. »O Kind, Mädle, bist da?!« Ludovike lag ihm im Arm, roch den abgestandenen Tabaksduft, spürte den zitternden Mund auf ihrer Wange; dann schob sie den Vater vor sich her in die Stube. Mit dem ersten Blick erfaßte sie den schiefgeknöpften Rock, die Flecken, die unordentliche Frisur, und weiter das ungeputzte Zimmer, das Suppentöpfchen in der Ofenmulde. Die beiden sprachen kaum; der Vater fing übereilt von der Mutter an, von ihrem Tod und seinem Alleinsein. Von einem Brief war keine Rede. Schließlich fragte sie. Reichenbach senkte den Kopf, dünnsträhniges graues Haar fiel ihm in die Stirn. Er habe nach Stuttgart geschickt, wo Franzens Regimentskameraden wohnten, habe auch die eigenen alten Freunde gefragt, von denen der und jener ja noch in der Etappe mitmachte, die Schillerschen auch, und auch Christophine, die manchmal nach ihm schaue. Doch niemand wisse etwas.
Ludovike besuchte in den ersten Tagen nur diese Freundin, aber es kamen andere, die Voßler, die Conzin, und alle fragten nach ihrem Mann, dem blassen, freundlichen Franz, dem guten Simanowiz.
Ludovike gab gequält Antwort. Sie empfand das Fremde dieser kaum Versehrten Welt – sie hatten im Krieg liebe Menschen verloren, in den Kämpfen oder kleinen Gefechten gegen die vorrückende Revolutionsarmee, sie hatten Einquartierungen überstanden und Hunger gelitten; aber sie hatten nicht das tägliche unentrinnbare Gemetzel um sich her erlebt, das sie selbst wie einen Alptraum durchwatete, dieses Entsetzliche, das sich dem Mitlebenden darbot als ein zerfleischtes, fleischlüsternes Fratzengesicht.
Ludovike ging bedrückt herum, putzte, räumte auf, wusch und flickte ohne Lust und nur dem Vater zuliebe. Endlich nahm sie sich – zum wievielten Mal! – vor, zu malen: exakt, gegenständlich und phantasielos, eine Fleißarbeit, eine Übung – wenigstens das müßte ihr gelingen, damit es die Träume verstellte.
Der Vater Reichenbach hatte ihr Atelier zu seinem Rauchzimmer gemacht, die Mappen waren an die Wand gelehnt, die Stifte und Tuben in ein Kistchen verpackt, nur ein alter Ohrenstuhl stand noch da. Ludovike war froh über die Unordnung, die sie mit ihren raschen Händen zurechtbringen konnte. Reichenbach ließ sie gewähren, er fügte sich sogar gern, jetzt, wo sie den Takt seines ereignisarmen Lebens bestimmte.
II
Der Februar dämmerte, die Tage wurden nie ganz hell, ein kraftloser Wind schlich um die Ecken, manchmal flirrte dünner Schnee aus den verblasenen Wolken. Christophine Schiller kam oft und erzählte Ludovike von ihrem großen Bruder. Er sei viel krank, sagte sie bekümmert, er huste und brauche Medizinen, aber er schreibe, lese seine Kollegs, zu denen freilich nicht mehr so viele Hörer kämen wie anfangs – ach, er lebe nur seinen Schriften.
Ludovike tastete über das blaue Tuch ihres Kleides, als male sie.
»Du solltest ihm schreiben, daß ich da bin.«
»Das hab’ ich längst getan.«
Die beiden saßen noch eine Weile stumm vor dem Ofen, Christophine zeichnete, und Ludovike verbesserte mit sicheren Strichen, lobte und erklärte. Reichenbach machte einen »Schneegang«, wie er seine Wege vor die Stadt nannte.
Es schellte draußen am Haustor. Christophine empfahl sich hastig und lief durch den Küchengang in den Garten; sie wolle noch etwas besorgen. Ludovike machte die schwere Tür auf. Draußen stand in der ersten Dämmerung eine zottige Gestalt. Sie schrie – er mußte es ja sein –, griff heftig nach ihm, nach seinem Arm, und zog ihn heran. Licht fiel aus der Stube auf das Gesicht. Sie fuhr zurück: »Du? Der Mettenleiter?« Der Mund grinste breit. »Du kommst zu mir?«
Der Gast wankte herein, schob sie zur Seite, griff sich einen Sessel und fiel hinein; er lachte laut. »Von mir aus hättest du noch länger glauben dürfen, er wär’s!« Er hob das Stoppelgesicht. »Er ist also noch nicht da?« Ludovike drängte sich unsicher in die Sofaecke. »Johann Jakob Mettenleiter – den hätt’ ich am wenigsten erwartet«, murmelte sie verwirrt.
»Warum so feierlich? Du wirst’s hinnehmen müssen, daß ich zuerst den Weg gefunden hab’!« Er streckte die Beine in den schmutzigen Stiefeln aus. »Es ist weit genug von Italien herauf und lang genug her, seit ich damals entlaufen bin, als mich unser erhabener Herzog gern hätt’ greifen lassen«, er sah sie eindringlich an, »und um ein Haar wär’ ich umgekommen auf den verdammten Seglern, im Sturm oder am Skorbut oder unter den Meuterern oder, wenn das alles noch nicht gelangt hätt’ – im Seuchenlazarett, wie die meisten.« »Hör auf! ›Die meisten‹– ihm muß es ja nicht so gehen!«
Mettenleiter knurrte: »Ihm! Daß du den Leutnant Simanowiz hast nehmen mögen, das ist schier komisch – du! Malst denn nimmer?« Er ließ sie nicht zu Wort kommen. »Mir hat’s die Kunst ausgetrieben bis auf einen schäbigen Rest; ich bin halt ins Schwimmen geraten – siehst’s ja«, er klopfte verlegen auf die verschmierte Weste und strich die Haarsträhne aus der Stirn, »seit ich weg bin, seit du es nicht einmal mehr für nötig gehalten, mir zu antworten…«
Sie sah erstaunt auf.
»Oder wär’ ich sonst so plötzlich fort? Wär’ ich nicht
– trotz Herzog und Verbot – geblieben, solang es irgend ging? Wer hat mich denn so weit gebracht, wer?«
»Du trinkst, ich seh’s doch«, sagte sie traurig.
»Ja, was sonst?« fuhr er auf. »Da steckt man im Elend bis an den Hals, unter den Menschenschindern, und hätte doch zurückkommen können; sie hätten’s toleriert, wenn ich’s versucht hätt’, wenn ich ein braver Hofmaler hätt’ werden wollen. Alles hätt’ ich getan, auch das, mich gezwungen und gezwängt, wenn du…« Sie lenkte sofort ab. »Das wäre dir auch gelungen, Jakob, und ich traue dir zu, daß dein Genie sich durchsetzen könnte, auch wenn sie dir ihre abgelebten Motive vorschreiben – die Apotheosen und Gloriolen ums Haupt des hohen Herrn…«
»Das meinst du?« Er sprang auf und stützte sich auf den Tisch. »Das hab’ ich auch einmal geglaubt, damals. Ich hatte es dir gesagt; du wußtest, daß ich auf deine Antwort wartete. Ich hab’ so gewartet…«
Mettenleiter legte die Hände vors Gesicht und warf sich wieder in den Stuhl. »Wir zwei hätten den Himmel gestürmt, die große Kunst wäre uns zugefallen wie ein reifer Apfel, dir und mir, du hättest mich gehalten; aber du hast nicht einmal Antwort geben mögen.« Er wühlte den Kopf in den Händen hin und her, mit verdeckten Augen. Die Stimme war schwankend geworden, als säße ihm das Weinen in der Kehle.
Ludovike ging schnell auf ihn zu. »Ich hab’ nicht gewußt, daß du wartest!«
»Nicht?« Er nahm die verkrampften Finger auseinander und ließ die Arme sinken. »Du hättest es vielleicht doch gewagt? Mit mir?« Er fragte feierlich: »Es hat also nicht an dir gelegen?«
Ludovike stellte sich ans Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer. »Jakob, es fällt mir jetzt schwer, dir das zu sagen, aber ich hätt’ es nicht gewagt mit dir.« Mettenleiter wurde blaß. Er packte die Armlehnen und warf sich im Sitzen herum, als schlüge ein Pendel wild aus. »So? So! Du hättest es nicht mit mir gewagt? Hast mich mit Willen vor die Hunde gejagt, mein ›Genie‹ – du hast das Wort gebraucht – verludern lassen und mit Wissen zerrissen, was zueinander gehört von Anfang an? Du weißt wohl nicht, was du sagst!« Er lachte gereizt.
Sie versuchte, zu ihm durchzudringen, und spürte gleich, daß alles nichts nützte. »Jakob, hör doch, Jakob!«
Irgendein Mensch jetzt, eine Hilfe! dachte sie verzweifelt.
In Mettenleiters Gesicht zuckte es wie eine böse Flamme.
»Also, wie die Madame Leutnant befehlen! Deswegen stirbt der Jakob noch lange nicht; aber heute war’s das letzte Mal, daß ich gekommen bin; das Tor ist zu. Es hat was umgeschlagen, Ludovike, sollst sehen wohin, du!« Er stieß den Stuhl an den Tisch, daß die Gläser zusammenklirrten.
Da schepperte die Glocke draußen. Sie hastete hinaus und riß den Riegel zurück; erleichtert erkannte sie den Postboten und führte ihn herein. Gestern sei wieder ein Reitender mit etlichen Säcken aus Straßburg gekommen. Es sei Pariser Postzeug dabei, und hier – er kramte in der großen Umhängetasche – ein versiegelter Umschlag an die Madame Simanowiz; sie möge quittieren.
Als sie den Mann hinausbegleitet hatte und wieder hereinkam, fand sie den Maler noch am Tisch stehend, mit gesenktem Kopf. Er sah nicht auf. »Ein Brief aus Paris!« rief sie, um ihn aus seinem dumpfen Brüten zu reißen.
»Lies nur«, knurrte er und schielte sie von der Seite an. Sie las gebeugt, ganz selbstvergessen. »Verehrte Madame! Ihre Anfrage in Eile beantwortend, da ihre Gnaden, die Gräfin Lacoste, mit dem Herrn Grafen verreist sind, unbekannt wohin…« Ludovike wandte sich um und wurde sich erst jetzt wieder bewußt, daß Mettenleiter sie beobachtete. »Ach Gott, es ist auch nichts Sicheres, die deutsche Köchin bloß. Und dabei schon der zwölfte Brief – und keine Spur! Nur lauter höfliches Bedauern… Daß er nicht schreibt, daß er keinen darum bittet, wenn er’s nicht kann! Einer muß ihn doch kennen, mit ihm im Gefecht gewesen sein, einen Offizier sieht man doch! Und wenn er verwundet wäre…«
Mettenleiter lachte vor sich hin. »…liegt er im Seuchenlazarett und krepiert an der Ruhr. Schöner Tod! Dulce et decorum est pro patria mori.«
Sie hielt sich die Ohren zu. »Still, Jakob! Was soll ich denn tun?«
»Warten, warten, warten – und danach die Hoffnung begraben, wenn du alt geworden bist.«
»Jakob, willst du mir denn nicht helfen?«
»Hast du mir geholfen? Ich weiß so nimmer, wie dein Leutnant aussieht. Seit Batavia ist’s lang her, wir Kerle waren braun wie die Mohren, bezahltes Schlachtvieh im Dienst der Holländer, zerstochen von den Mücken.« Er schwieg eine Weile und rieb seinen Handrücken. »Von den Malariamücken, Ludovike, zum ewigen Angedenken«, setzte er gedehnt hinzu.
»Hast du auch Malaria?«
»Hm, ja, genau wie dein Leutnant.«
Ludovike fuhr zusammen. »Er sprach wenig von dort«, sagte sie halblaut, »bloß manchmal, wenn er im Fieber phantasierte.«
»Das ist auch kein Thema für Damen, kaum für die säuselnden Männer hierzuland. Gut, daß er geschwiegen hat.«
Sie standen sich gegenüber. Ludovike suchte nach einem Abschluß, sie war am Ende ihrer Kraft. »Willst du nicht nach ihm fragen – irgendwo? Du kennst doch so viele Soldaten, die Lazarette, die Wundärzte?«
»Ja doch, ich werd’ fragen, wann er zurückkommt; vielleicht mag er«, höhnte er bissig.
Er stellte sich mit einer Verbeugung vor sie hin und stapfte hinaus. »Empfiehl mich dem Herrn Papa!« rief er noch unter der Tür.
Abends, als Reichenbach heimkam, verschwieg sie den Besuch, um den alten Mann nicht noch mehr aufzuregen. Sie las ihm den Brief aus Paris vor, in dem stand, was sie schon gerüchtweise erfahren hatten: Daß Ludwig der Sechzehnte enthauptet worden war.
»Der König hat sich brav gehalten vor dem Tod – und war doch kein großer Soldat, kaum ein rechter Mann.« Der Alte holte die Pfeife aus dem Rock und kramte nach dem Feuerzeug. »Armer Kerl, der sechzehnte Louis! Der hat auch für andere büßen müssen und ist doch an keinem schuldig geworden, nur so hineingeraten…«
»Ach, Vater, schuldig werden wir alle und wissen’s oft kaum und können gar nicht anders.« Ludovike räumte die Gläser weg, die von Mettenleiters Besuch noch dastanden.
Pulsuz fraqment bitdi.