Kitabı oxu: «Marianne Pirker - Die Sängerin am Hofe Carl Eugens»

Şrift:

Utta Keppler

Marianne Pirker
Die Sängerin am Hofe Carl Eugens

SAGA Egmont

Marianne Pirker - Die Sängerin am Hofe Carl Eugens

Copyright © 2017 Utta Keppler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711708576

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Der Acker

Schmerz pflügt mich.

Schollen brechen empor

Aus der blutenden Furche.

Wehrlos lieg ich zerrissen,

Grelles Licht verdorrt,

Was ich nicht mehr bewahre.

Tau der Tränen,

Lösender Trost der Nächte,

Hülle Du mir das Herz!

Einmal wirft mir der Gott

Aus der allschaffenden Rechten

In die Krume den Samen.

Utta Keppler

Marianne Pirker

Ludwigsburg – Rokoko – – – Im Boudoir sitzt Friederike Charlotte von Ansbach-Bayreuth, seit ein paar Jahren blutjunge „Herzogin von Württemberg“, auf dem seidengepolsterten Schminkstühlchen vor dem Spiegel, einem riesigen, goldgerahmten blitzenden Widerspiel, in dem das ganze Kabinett eingefangen ist, soweit es der geschwungene Rahmen fassen kann: Die Bänke an den Raumseiten mit den geblümten Bezügen, die gerafften Vorhänge und Draperien, „unnötige Verhüllungen der Helligkeit“, wie Carl Eugen sie nennt, obwohl er hier selten hereinkommt – aber vielleicht mag er auch dieses spielerische Zwielicht, die farbigen Schatten, die unverhofften Durchblicke.

Carl Eugen ist jung, mit sechzehn Jahren zum Herzog gekrönt, vom großen Onkel, dem preußischen Friedrich, regierungsfähig erklärt – freilich mit einem sehr ernsten und peniblen Brief auf seine Pflichten und Möglichkeiten hingewiesen, auf seine Verantwortung.

Und nicht zufällig hat Friedrich auch seine Ehe gestiftet, in der Hoffnung, die beiden jungen, wohlgewachsenen, hübschen Leute würden sich ineinander verlieben und danach zueinanderfinden – jedes in seinem Bereich.

Dem Fürsten gebühre die Überschau und Sicherheit des gerechten Abwägens, Verstand und die kühle Leidenschaft des teilnehmenden Abstands, wie er sie selber übe, der jungen Frau die Fähigkeit zur Einfühlung und die Freude an der Repräsentation und der eigenen Schönheit, die von ihr erwartet werden könne … mehr mag der Skeptiker kaum erhofft haben – danach freilich von Beiden die fügsame Rücksicht auf seine, Friedrichs, eigene weitgreifende europäische Politik.

Friederike sitzt also gespannt, mühsam geduldig, vor dem Glas …

Sie hat Spiegel gern, sinnt sich hinein, sieht sich in allerlei Gestalten darin, denn sie hat Phantasie: als Sylphe und Venus, als Apotheose königlicher Anmut –. Ein Erbteil ihrer sensiblen Mutter, diese Bilderlust, denn die Markgräfin Wilhelmine von Ansbach-Bayreuth hatte, wie ihr Bruder, der preußische König, sehr viel musische Anlagen, die sie freilich nur in schwachen Ansätzen entwickeln kann, neben einem derberen, banausischen Gemahl, dem sie – Schicksal der Fürstentöchter – ohne eigene Neigung angetraut worden ist … und den sie erst allmählich lieben gelernt hat. Friederike winkt.

„Mach er schon, Reich! Seine Durchlaucht lieben das Pünktliche!“ ruft sie mit ihrer etwas grellen, lauten Stimme, die immer noch ein wenig kindlich klingt. „Ich will des Abends um acht Uhr in der Opera sein! – Die Coiffure Malmaison, s’il vous plâit!“

Es war eine Weile still, allzulang, schien es Friederike, sie schaute ärgerlich auf. „Also?“

Dann setzte sie ungeduldig hinzu: „Ist doch Mode geworden, seit wir das Jahr 1756 schreiben, ist ganz neu – das muß Er doch kennen?!“

Reich zögerte, hüstelte, kratzte an seinen Bürsten herum. Dann sagte er stockend: „Darf ich untertänigst darauf verweisen, Durchlaucht, daß die Coiffure Malmaison nicht mehr ganz als letzte Nouveauté gilt, seit … Madame …“ Er schwieg erschrocken.

Die Herzogin drehte sich auf ihrem Stühlchen um: „Wer? Wer trägt sie bereits? Red’ Er!“

„Ach, Durchlaucht …“, flüsterte der Friseur gequält, „es ist ja keine Person von Stande …“

Friederike hob den Kopf. „Wenn es keine Person von Stande ist, braucht es mich doch nicht zu kümmern! Wer achtet schon auf sowas! Sie wird ohnehin nicht im Hoftheater erscheinen!“

Reich, des brünette Gesicht verstört ins Jabot gesenkt, hauchte, noch leiser als vorher: „Eben das, Durchlaucht, steht zu befürchten …“

Friederike fuhr zusammen. „Was? Wer?“ Sie stand halb auf, hielt den weißen Pudermantel fest und sah den Friseur durchdringend an. „Was! Er macht so ein unbehagliches Gesicht, Reich, daß ich befürchten muß … es könnte wieder … wie damals, man sagte mir …“ Sie fing plötzlich an zu weinen.

Reich hob den Spitzenumhang auf, der von ihren Schultern geglitten war. „Aber Durchlaucht!“ Seine Stimme zitterte, es klang fast flehend. „Aber Durchlaucht! Eine so schöne, junge, kluge, angebetete Fürstin! Und wenn Sie weinen, zerfließen die zartesten Töne von Rouge und Poudre de Paris …“ Jetzt klang es auch bei ihm weinerlich.

Friederike setzte sich steil auf. „Laß er nur!“ sagte sie schroff. „Mach Er mir irgendeine modische Frisur, die Er für gut findet, etwas Kleidsames, aber nicht die Malmaison!“

„Wie Durchlaucht befehlen!“ murmelte Reich devot und fing erleichtert an zu hantieren. Brennschere und Klammern klapperten, Nadeln fielen gelegentlich zu Boden, Friederike hielt den Kopf steif und zuckte nicht.

Reich montierte mit Bändern und Drähten ein hochgetürmtes Gebilde auf ihrem schmalen Kopf, drehte Löckchen und drechselte Fransen und steckte endlich, asymmetrisch verteilt, zwei rosa Blüten dazwischen.

Ein Samtschleifchen fand er graziös, einen dunklen Schönheitsfleck neben dem Kinn hielt er für angebracht, während die Herzogin noch immer starr dasaß, als wäre sie ein Grenadier in ihres königlichen Onkels Regimentern. Die großen Augen waren weit offen, der Mund krampfhaft gepreßt, und das blasse Gesicht hätte nicht elender und verzweifelter aussehen können, wenn sie – wie mancher Grenadier – Stockprügel erwartet hätte.

So saß sie eine Weile, mit steilem Nacken, den Reich nur hie und da mit sanftem ehrfürchtigem Druck nach seinen Ideen drehen mußte – bekümmert über das mißmutige, bedrückte Aussehen seiner Herrin.

Friederike ruckte plötzlich jäh mit dem Kopf. „Ist das meine Pirkerin?“ Draußen klang eine zaghafte Koloratur, ein sanfter Sopran, wie eine Glocke, als gälte es ein Signal.

„Laß sie herein, Jeanne!“ rief Friederike rasch und schlüpfte dem Friseur unter den Händen weg; aufstehend streckte sie die Hände aus, als eine füllige dunkelhaarige Dame unter der Tür erschien und gleich in einen rauschenden Hofknicks sank.

Marianne Pirker war eine europäische Berühmtheit, eine von London bis Paris begehrte Opernsängerin, eine reife, schöne Frau, die Sicherheit und Frohsinn ausstrahlte. Die junge Herzogin zog sie aus ihrer Verbeugung zu sich herauf, nahm ihr gerötetes Gesicht unterm Kinn in einen freundlichen Griff und sah ihr in die Augen.

„Pirkerin! Sie kommt zur rechten Stunde mit ihrem Gesang – ich bin gerade sehr betrübt …“

Inzwischen hatte ein Kammerdiener einen Stuhl herangeholt und verneigte sich diensteifrig. Die Sängerin, einem Wink der Herzogin folgend, setzte sich, die rauschenden Röcke ausgebreitet, verstummt, mit erwartungsvollem Lächeln. Dann fragte sie leise, was denn die Durchlaucht so trüb gestimmt habe?

Friederike von Württemberg seufzte und griff nach ihrem Umhang. „Reich, sind wir noch nicht fertig? Wie spät ist es denn?“

Reich hantierte mit dem Puderbeutel, legte vorsichtig den Spitzenumhang faltenlos um die Schultern der Dame und wischte mit der Hasenpfote die Puderreste von Armen und Ausschnitt.

„Sofort, Durchlaucht, bitte, sich zu überzeugen …“

Friederike stand auf, vorsichtig, um die kostbare Pyramide nicht zu erschüttern, die Reich da aufgetürmt hatte.

Marianne Pirker reichte ihr die Hand.

„Er kann gehen, Reich, es ist gut so!“ sagte die Herzogin unter der Tür.

„Komm Sie, Pirkerin!“

Reich räumte auf, er schüttelte den Kopf in Gedanken an die verstörte Herzogin – in Gedanken an die kindliche Naivität, mit der sie ihren Gemahl geliebt und zärtlich verehrt hatte, ihre Unschuld, die nichts ahnte von den Sitten und Unsitten der Höfe, aller Höfe, soweit er sie kannte, wo die harmlosen jungen Prinzessinnen nur Spielfiguren der Politik waren, und die Herrscher, junge und alte, hemmungslos und selbstgewiß ihren vielerlei Vergnügungen nachgingen. Der vierzehnte Ludwig in Paris rühmte sich seiner wilden Nächte, die ihn nicht an den schwierigsten Verhandlungen und scharfsinnigsten Beschlüssen des Tages hinderten. Er war das Vorbild aller ehrgeizigen europäischen Herrscher – und wehe jedem, der ihn zu kritisieren wagte … freilich, selbst er hatte sterben müssen, auch wenn er gesagt haben sollte, daß „fast alle Menschen sterben müßten“.

Dem Friseur war irgendwie bang, er nahm sich vor, noch am Abend mit dem Pirker zu reden, dem Mann der Marianne und ihrem Impresario.

Er traf freilich Franz Pirker nicht an, der war in der „Opera“, in den Kulissen, um seiner Frau ein wenig beizustehen, die sich kaum von anderen helfen ließ.

Die Pirker stammten aus der Steiermark. Marianne hatte eine herrliche Stimme, war kürzlich in London gefeiert worden, überall bewundert, und beherrschte alle schwierigen Solopartien der gängigen barocken Opern.

Sie sang fast immer italienische Texte, die meist Jomelli komponiert hatte, der große Musikdirektor des Hofes.

Was der Herzog an berühmten Sängern und Tänzern, an Ausstattern und Bühnenmalern irgendwo entdeckte, zog er an sich; mit riesigen Summen bezahlte er den berühmten Tänzer Vestris, den er aus Paris heranlockte, die Dugazon, eine weitbekannte Schauspielerin, Uriot, den Arrangeur seiner Feste.

Metastasio setzte antike Mythen in Musik, „Dido“ und „Theseus“ bevölkerten mit geschwungenen Melodien und wortreichen Reimen, rührend und gefühlsselig, die schwäbischen Bühnen.

Das Volk hungerte, die Abgaben an Wild und Geflügel, an Milch und Korn, gingen den Bauern ab, die nicht einmal das Recht hatten, Hirsche und Schwarzwild abzuschießen, ja kaum die Tiere zu vertreiben, die ihre Äcker verwüsteten, da die Wildmast das „Jagdgut“ verbessern sollte. Es gab – Reich wußte das wie fast jeder am Hof – die Treibjagden zu Ehren politisch wichtiger Gäste im Bärensee, bei denen von den Pavillons aus auf die von Treibern ins Wasser gejagten Tiere geschossen wurde … Aber der Friseur – wie viele andere – wagte das alles nicht zu sehen, noch weniger anzudeuten, weil es der gottgefügten Ordnung widerspräche, dem Souverän, diesem Vertreter der Gottheit, entgegen zu sein; – ach – nicht allein aus solcher pseudoreligiösen Meinung, sondern einfach aus Angst, primitiver Angst um Leib und Leben, nicht nur um Verdienst.

Und so erwies sich dann auch ein späteres Gespräch mit dem Pirker als sinnlos, der nichts, aber auch gar nichts von der „Tristesse“ der Herzogin gehört haben wollte, auch nicht durch seine Frau, die Primadonna, die doch so häufig bei ihr war.

Solch ein Abend in der Hofoper war ein glitzerndes Schaustück für einen wie Reich, dem Anmut und Schönheit geradezu beruflich oblagen, und er genoß schon das Bild, den farbigen Schein, den beschwingten Abglanz, wenn er durch einen Vorhangspalt in den Zuschauerraum hinauslugte.

Die Luft war schwül, duftend von vielerlei Parfums, das vage Licht über den gepuderten Frisuren spiegelte sich in glitzernden Gehängen und Gestecken, die gedämpften zarten Farben schwammen vor seinen Augen ineinander.

Droben in der Hofloge saß in dunkelrotem Samtfrack, mit Spitzen und Tressen der junge Herzog, ein schöner Mann, schlank, sehr sicher.

Neben ihm die Herzogin, blaß trotz der rosigen Puderschicht, mit großen blauen Augen, zierlich in einem azurblauen, perlmutterschimmernden Kleid: enges dekolletiertes Mieder, Rosengesteck, Atlasumhang; Reich sah sie mit den Augen des beglückten Bildners, weil er auch bei der Auswahl der Toiletten mithalf.

Marianne Pirker stand am Pudertisch, fertig gekleidet in Rokokoantike, erregt wie jedesmal vor dem Auftritt, der bald nach der Öffnung des Vorhangs kommen sollte, und sah den treuen Mann, ihren Pirker, den Helfer in jeder Verlegenheit, wie er bereit war, sie zu schützen und zu stützen, obwohl die beiden in einer komplizierten Beziehung miteinander lebten, die eigentlich keine Liebesbeziehung mehr sein konnte.

Dann rauschte der Vorhang auf, langsam die kunstvollen Applikationen in seinen Falten verdeckend, langsam die hellerleuchtete Bühne freigebend, mit der griechischen Felsenlandschaft, den imitierten Silberbächen, dem schleierverwehten rosa Himmel und den blauschwarzen Wolkenballen auf gemalten Kulissenwänden – eine Artistenwelt, künstlich und geziert, eine Atmosphäre von verdeckten Unsauberkeiten, sogar von Lastern, die mit scheinheiligen Attitüden übertüncht und mit ästhetischer Lust übertönt wurde.

Doch das empfand Reich nur undeutlich und verdrängte es schnell.

Als das begeisterte „Ah!“ des Publikums verrauscht war, das jedesmal die Öffnung des Vorhangs begleitete, erschien mit hallendem Pathos irgendein griechischer Held, in goldstrotzendem Schuppenpanzer, mit weitwedelndem Federbusch – ein Rokokogrieche, der seine strengen Formen mit lauter schwingenden blitzenden Zierlitzen verblümt hatte, da das Harte hier niemand gutgeheißen hätte –, übrigens ein ansprechender Tenor, der seinen hinschmelzenden Liebesschmerz vibrierend in Richtung der Hofloge erklingen ließ.

Als dann die Pirkerin auftrat, wirkte sein Geträller freilich blaß und verstaubt: Ihre starke Stimme klang volltönend und mit echter Empfindung. Sie sang, zuerst verhaltener, dann, in der Szenenfolge, immer beteiligter, immer ergriffener, und riß das Publikum, das begeisterungswillig mitging, in eine Ekstase, in eine Welle von Mitfühlen, in dem die tändelnden Melodien zu einer großen Linie zusammenschmolzen.

Es war die Arie: „Laß, barmherziger Himmel, mich atmen!“, im Italienischen viel bewegender, ein Ausdruck der gefangenen Seele, der gedemütigten Frau, der unglücklich Liebenden – alles floß da zusammen in einem Aufschrei des Widerstandes: „Lasciami respirar, o ciel pietoso, lasciami respirar!“

Friederike von Württemberg drückte die Augen zu, sie weinte und wollte es nicht zeigen.

Carl schaute kritisch-eitel auf seine große Errungenschaft, die dem Londoner Hof abgehandelte, die europäische Berühmtheit, die er jetzt nach seinem Willen einsetzte.

Das Publikum applaudierte, es dauerte eine Weile, bis Marianne sich, nach lächelndem Verneigen, zu einer Wiederholung bereitfand: „Lasciami respirar …“

Da – mitten in der Arie, wurde laut geklatscht. Eine Männerstimme rief: „Bravo! Bravissimo!“

Man drehte sich um, man sprang auf: Es war nicht üblich, ohne ein herzogliches Zeichen …

Carl Eugen stand an der Logenbrüstung: „Wer wagt hier zu applaudieren, ehe ich es tue? Was für ein freches Stück!“

Marianne hatte ihren Gesang unterbrochen, sie wartete, bis sich die Unruhe gelegt hatte.

Carl Eugen sagte nach hinten zu Friederike etwas wie: „Dabei war die Pirkerin recht mäßig …“

Die Herzogin tupfte die Augen: „Ach, Carl, sie war doch herrlich – dieser Schmelz, die Stärke des Gefühls – aber du hast kaum zugehört – immer schaust du drüben in die Loge …“

Friederike spürte, daß er sie kränken, daß er sie herausfordern wollte. Sie wiederholte trotzig: „Drüben in der Loge, was ist denn da Besonderes?“

„Das geht dich nichts an – sind meine Affären!“ murmelte der junge Herr böse. Friederike hauchte: „Du redest von Affären, Carl? Du meinst doch nicht – o Carl! Du weißt, ich ertrag’ das nicht!“

Eine peinliche Pause entstand, die Primadonna wartete auf ein Signal zum Fortfahren … die Herzogin schluchzte leise, tief gekränkt, der ganze Hof saß, flüsternd und zitternd, unter ihr – da brach unverhofft noch einmal das Händeklatschen auf, obwohl es gar nichts zu applaudieren gab.

Carl Eugen rief scharf: „Kammerherr! Bringen Sie mir den Claqueur sofort herauf! Die Geschichte wird ein Nachspiel haben …“

Carl Eugen lachte spöttisch, als die Logentür aufgerissen wurde. Der Kammerherr verbeugte sich und ließ einen schlanken, eleganten Mann vor sich hereintreten, brünett, mit dunklen Augen, im meergrünen Frack. „Der Seigneur de Seingalt!“

Das Orchester intonierte eben die Einleitung zum zweiten Akt, während der Herzog laut dazwischenfuhr: „Ich habe Sie rufen lassen, Monsieur …“

Der Kammerherr wiederholte leise: „… Seigneur, Durchlaucht!“

Der Herzog überhörte die Korrektur. „Sie haben …“

Verbeugungen, Kratzfüße, Friederike lächelte beherrscht. „Untertänigster Diener, Euer Durchlaucht! Enthusiasmierter Anbeter Euer königlichen Hoheit, Frau Herzogin!“

Der Herzog verkniff die Lippen, und der andere fuhr mit erhobener Stimme fort: „Geruhen die Herrschaften gnädigst zu gestatten, daß sich Ihr unwürdiger Bewunderer submissest bekannt macht?“

Carl Eugen winkte und wedelte zugleich mit der freien Hand gegen die Bühne, was als Zeichen zur Fortsetzung der Ouvertüre sofort verstanden wurde.

Leiser, etwas heiser, ging die Vorstellung vor sich: „Casanova, Seigneur de Seingalt, nicht ganz unbekannt an den Höfen Europens, seit kurzem hier zu Ludwigsburg damit befaßt, den glanzvollsten Hofhalt neben Paris und London mit hohem Genuß kennenzulernen!“

Erneute Verbeugung, während Friederike sich ein wenig ins Dunkel der Loge zurücklehnte.

„Ah, der Casanova! Heißt Neuhaus zu deutsch!“ bemerkte der Herzog ironisch. „Sind Sie nicht Venezianer, Seigneur?“

„Ich bin ein Sohn dieser heiteren, geistvollen, kapriziösen Stadt, Euer Durchlaucht!“ „Hm!“ machte Carl Eugen jetzt, „ich habe dort die Carnevalswochen erlebt …“

Die Unterhaltung wurde jetzt leiser und französisch geführt, Friederike hörte abwesend zu und schaute aus ihrer Dunkelheit immer wieder nach der Loge gegenüber, die vorhin den Herzog so angezogen hatte: Eine leuchtendrot gekleidete, tief dekolletierte Dame saß an der Brüstung, behangen mit blitzenden Steinen, derbe Züge – soweit das zu erkennen war –, eine auffallend hochgetuffte Frisur – eine Frisur à la Malmaison!

Friederike verstand auf einmal, was der Friseur angedeutet hatte: Die Loge, die Malmaison, das ordinäre Gehabe, die grelle Aufmachung – und Brillanten und Carls Interesse und … und … Das kindliche, zarte Gesicht verzog sich schon wieder zum Weinen. Was würde mein Vater sagen, der Markgraf? Und meine Mutter erst? Und wer hilft mir hier? Carl wird nur wutend, wenn ich weine! Hätt’ ich doch das Kindchen behalten dürfen, mein süßes Mädelchen – aber es war kaum ein Jahr alt – hätt’ ich’s selber gepflegt – vielleicht wär’s noch da! Und er schielt nach der … der – – – und lädt sie in eine Loge!

Inzwischen ging das halblaute Gespräch zwischen den Herren fort, während drunten auf der Bühne ein Duett mit vergnügtem Tanz endete – Jomelli hatte von seinem großen Meister Lully die befeuernde Rhythmik übernommen, die Orchestrierung, den Vorrang der Streicher …

„Venezia!“ seufzte Casanova pathetisch, „Heimat, aber auch Stätte meiner bittersten Leiden!! meiner tiefsten Erniedrigung!“

„Ich habe davon reden hören, Seigneur!“ Der Herzog setzte das Gespräch unbekümmert fort, während drunten der Vorhang von neuem geschlossen und wieder geöffnet, die Kulissen verschoben wurden und das Orchester gedämpft und dezent noch immer weiterspielte. Gelegentlich warf er einen Seitenblick auf Friederike, die jetzt aufmerksamer zur Bühne schaute, da die Pirkerin eben aus den Kulissen trat, stürzte, taumelte und in einem ungeheuren Affekt eine Soloarie zu singen begann.

„Carl“, unterbrach die Herzogin das Gewisper der Männer, „Carl“!

Ärgerlich drehte sich Carl Eugen um.

„Hör doch, Carl, wie merveilleuse! Sie hat die schönste Stimme der Welt!“

Unfreundlich winkte Carl Eugen; Casanova, ermutigt, redete weiter, als seien sie beide allein, der Herzog und er, da er wohl merkte, daß der Fürst ihm seine ganze Aufmerksamkeit zuwandte.

„Die berüchtigten Bleikammern der Piazzetta di San Marco hielten mich fest! Aber es gelang mir, diesen glühenden Löchern, dieser Hölle der übelriechenden Drangsal zu entfliehen …“

„Ich habe davon rühmen hören, Seigneur, kaum einer entkommt den Sbirren des Vatikans … Wie ist das möglich? Wer entschlüpft den sichersten, streng bewachten, grausamen Kerkern der Signoria?“

Friederike senkte resigniert den Kopf – wieder einmal war sie als eine unwerte Quantité négligeable beiseite getan, nicht gehört, nicht ernst genommen worden, und drüben in der Loge … Sie stand auf, ihr Fächer fiel zu Boden, Casanova sprang hoch und kniete nieder, um ihn aufzuheben.

Carl, nun doch verlegen wegen seiner sichtlichen Unhöflichkeiten, wandte sich ihr zu. „Das hier ist interessant, Friederike“, sagte er entschuldigend, „aber wenn dich unser Diskurs stört, Friederike …“ Er schob seinen Sessel zurück. „Mein Kammerherr wird sich die Ehre geben, Euer Liebden Gesellschaft zu leisten –.“

Friederike schwieg erschrocken – es würde großes Aufsehen machen, wenn der Herzog die Loge verließe und sie bliebe, nur mit einem Höfling. „Carl! Bitte … ich will es ja gern auch hören, was er erzählt!“ sagte sie angstvoll. Und: „Danke, Seigneur, der Fächer – verzeih, Carl!“

Der junge Herzog hatte kaum darauf geachtet, er lächelte ein wenig süffisant und brummte: „Die berüchtigten Bleikammern ein Wahnsinnsstreich, ein Irrsinn …“

„Und gelungen!“ rühmte sich Casanova und legte den Fächer – einen glitzernden Schmetterling aus Perlmutter und Flitter – in den Schoß der Herzogin. „Ein wenig Scharfsinn, Phantasie, genaue Überlegung, dazu ein ergebener, dummer, leicht zu betörender Schicksalsgenosse … Also, Altezza: Wir baten, uns über dem Sitzungssaal der Richter unterzubringen, ein Ort, der denen besonders sicher schien; aber ich wußte, daß die Decke darüber kaum einzusehen war, und die törichte Meinung der Bewacher schützte uns – wir krochen aufs Dach, wir hatten Laken und Vorhangschnüre … jede Minute lauerte die Entdekkung, der Absturz … die fürchterliche Folter …“

Friederike, hin- und hergerissen zwischen der dramatischen Schilderung des Berichtes und dem Geschehen auf der Bühne, die jetzt ins Dämmer einer Felsenkluft verwandelt, mit düsteren Klängen der Musikbegleitung untermalt, unterstrichen, ihre kindliche Phantasie erregte, hielt den Fächer vor den Mund, um nicht zu seufzen, als Casanova, leise und mit tragischem Pathos schloß: „Wer die ,Ponte dei sospir‘ überschritten hat, als wehrloser Gefangener, der lasse alle Hoffnung hinter sich – ,lasciate ogni speranza!‘ heißt es beim großen Florentiner Dante!“

„Du wirst das hoffentlich verstehen?“ schaltete Carl Eugen ein: „Die Seufzerbrücke … und ,laßt alle Hoffnung hinter euch …‘ heißt das!“

Friederike flüsterte: „Die Seufzerbrücke, über die schleppt man doch nur Verbrecher zum Verhör, zum peinlichen Verhör!“

Und der Herzog fragte, mit einem scharfen Blick: „Was hatte man Ihnen denn zur Last gelegt, Seigneur de Seingalt?“

Der Erzähler verneigte sich gegen Friederike und blitzte sie aus dunkeln Augen an: „Ich war ein freierer Geist, als es den Sbirren und der Geistlichkeit paßte, hatte Magie getrieben, deren Erfolge sich wohl sehen lassen durften, hatte mich den Schriften des Nostradamus und der Kabbala offen gezeigt, verschwiegene Zirkel berufen und viel rühmliches Aufsehen erregt!“

„… und eine Schar geneigter Damen um sich versammelt!“ ergänzte Carl lachend. „Das sind keine Themen für die Herzogin, Sie Adept, Spekulant, Geheimniskrämer! Aber dennoch – ich bewundere Ihr Wissen, Ihr Sprachgenie und – das sag’ ich Ihnen wegen der Damen – Ihren Charme …

Casanova flüsterte dagegen: „Zu gütig, Durchlaucht, zu gnädig! Wie soll ich mich dessen wert erweisen?“

Jetzt ging’s unten auf der Bühne gegen den Schluß der Oper zu, einen tragischen Schluß, der die gefangene Primadonna ihrem Ende nahe sah. Noch einmal, mit höchstem Stimmeinsatz und spürbarer innerer Bewegtheit, sang die Pirker die Arie, die sie berühmt gemacht hatte: „Lasciami, o ciel pietoso, lasciami respirar!“

„Laß mich atmen …“ wiederholte Friederike mit einer Ergriffenheit, die ihr einen Schauder über den Rücken jagte.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
90 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711708576
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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