Kitabı oxu: «Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen»
Valerio Curcio
DER TORSCHÜTZENKÖNIG IST UNTER DIE DICHTER GEGANGEN
FUSSBALL NACH PIER PAOLO PASOLINI
Aus dem Italienischen von Judith Krieg

»Wie fühlt sich der wahre Sieg an?
Klatschende Hände oder
Erhöhung des Herzschlags?«
Inhaltsverzeichnis
Moritz Rinke: Jedes Tor ist eine eigene Erfindung
Einleitung
DER FUSSBALLFAN
Bologna, die Rot-Blaue
Die Siegermannschaft, vor der die Welt erzittert
Eine Fernbeziehung
Gastmahl der Liebe
Zwei Fußball-Legenden
Sympathien für den AS Roma
DER FUSSBALLSPIELER
In Bologna
Im Friaul
Die Jahre in Rom
Die Nazionale dello Spettacolo
1900 gegen 120
Das letzte Spiel?
DER ERZÄHLER
Fußball in der Vorstadt
Körper im Singular, Körper im Plural
Der Fußball der »Unverdorbenen«
Die Reportage über den Gott
DER SPORTREPORTER
Das Schauspiel auf den Rängen
Die Olympischen Spiele 1960
Der Volkssport
DER INTELLEKTUELLE
Opium fürs Volk?
Die Linguistik des Fußballs
Der letzte sakrale Ritus
INTERVIEWS ZUM FUSSBALL
Fußball als Sprache, Fußball als Ritus – Im Gespräch mit Guido Gerosa
Pasolinis letztes Interview zum Thema Fußball
Claudio Sabattini: Sport – Religion unserer Tage
Fußball als Therapie – Pasolini im Gespräch mit Claudio Sabattini
Im Gespräch mit Dacia Maraini
ANHANG
Dank
Bibliografie
Anmerkungen
VOR DEM ANSTOSS
Moritz Rinke Jedes Tor ist eine eigene Erfindung
Pier Paolo Pasolini, der große, freibeuterische Autor von Ragazzi di vita und Petrolio war offenbar besessen vom Biavati-Übersteiger. Amedeo Biavati war der vielleicht beste italienische Halbstürmer vor dem Krieg. Er begann seine Karriere bei Pasolinis Herzensverein, dem FC Bologna. Bei seinem Debüt 1933 in Serie A erzielte er innerhalb von zwei Minuten zwei Tore gegen den AC Casale, im nächsten Spiel traf er gleich wieder zweimal gegen den AC Mailand.
Pasolini muss das alles während seiner Schul- und Studienzeit verfolgt haben, auch die Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich. Drei Spieler des neuen Weltmeisters Italien kamen aus Bologna, darunter natürlich auch Biavati mit zwei Vorlagen zum 4:2 gegen Ungarn.
Von diesem Finale existieren noch ein paar holprige, mal dunkler, mal heller flackernde Filmaufnahmen. Die Technik und Bewegungen der Spieler wirken von heute aus betrachtet wie aus der Bezirksklasse, aber in der zweiten Halbzeit sieht man einmal einen Sturmlauf von diesem Biavati über rechts, der schon ein bisschen die späteren Sturmläufe des Arjen Robben vorwegnimmt.
Ich bin alle Filmarchive durchgegangen, um weitere Spielszenen mit Biavati zu finden, weil sie mir plötzlich als Schlüssel zum Verständnis des Pier Paolo Pasolini erschienen, aber Aufnahmen vom berühmten Biavati-Übersteiger konnte ich nirgendwo finden.
Biavati hat den Übersteiger auch nicht erfunden. Diese Technik, bei der ein Spieler einen Fuß über den Ball setzt und damit einen Richtungswechsel antäuscht, sah man offenbar zuerst bei dem argentinischen Flügelstürmer Pedro Calomino, der ab 1911 für die Boca Juniors spielte. Amedeo Biavati aber machte die Technik in Italien bekannt, wo sie in den Dreißigern als doppio passo (Doppelschritt) in die Geschichte einging. Heute ist sie auf der ganzen Welt bekannt, insbesondere durch Cristiano Ronaldo und seine manchmal etwas affig wirkende Technik des Mehrfach-Übersteigers.
Pasolini muss sich ab dem 11. Lebensjahr in Bologna, auf den Wiesen von Caprara, mit dem Übersteiger Biavatis beschäftigt haben – so wie ich mich auf den Wiesen des Worpsweder Teufelsmoors mit dem Fallrückzieher von Klaus Fischer beschäftigte, den ich dann das erste Mal Mitte der Achtziger in einem Spiel für den FC Worpswede gegen den TSV Ritterhude einsetzte. Ich weiß es noch, als sei’s erst gestern gewesen.
Es sind diese besonderen Spieler und ihre Bewegungen, die einen für ein ganzes Leben prägen können. So muss es auch mit Pasolini und Biavatis Übersteiger gewesen sein. Er übte ihn als Gymnasiast auf den Caprara-Wiesen, später auf den Plätzen der römischen Vorstadt, und er wendete ihn dann sein ganzes Leben an, wann immer er ein Spiel hatte. Und Pasolini hatte viele Spiele.
Es gibt noch eine andere besondere Begebenheit, die von Pasolinis Liebe zum Fußball erzählt und die mich wirklich tief berührt.
1963, in der Saison, als der FC Bologna zum siebten Mal italienischer Meister werden sollte, interviewte Pasolini die Spieler des FC Bologna. Das Thema war leider nicht der Übersteiger von Biavati, sondern das Verhältnis der Italiener zur Sexualität; das Ganze war für einen Dokumentarfilm mit dem Titel Gastmahl der Liebe gedacht. Pasolini hatte sich lange auf das Interview vorbereitet, war bereits Tage vorher an den Drehort gekommen, das Sportzentrum des FC Bologna.
Die Videoaufnahme des Interviews ist heute bei YouTube anzusehen. Pasolini im schwarzen Anzug, offenbar auch gerade beim Friseur gewesen, steht geradezu feierlich vor den Spielern in ihren Trainingsanzügen. Er wirkt wie ein hilfloser Liebender vor den Anbetungswürdigen, die dumpf, auch etwas stumpf wirken und ihm keinen brauchbaren Satz schenken können.
Mir ist das, was Pasolini mit den Spielern vom FC Bologna widerfuhr, auch schon passiert. In meine Nibelungen kam einmal bei den Wormser Nibelungenfestspielen die gesamte Mannschaft von Bayer 04 Leverkusen, kein Herzensverein wie der FC Bologna, aber immerhin spielten da gerade eine Reihe illustrer Profis. »Hat euch die Darstellung des Siegfrieds gefallen?«, fragte ich das Team danach. Michael Ballack kaute Kaugummi, als ob er mich gar nicht gehört hatte; Bernd Schneider starrte in die Kulissen, Lúcio lächelte an mir vorbei.
Die Liebe der Kulturschaffenden zum Fußball ist manchmal so glühend und blind, dass wir in die Protagonisten des Fußballs – unsere Sterne! – alles hineinprojizieren, was ohnehin schon in uns an Überhöhung vorhanden ist.
Der italienische Regisseur Sergio Citti, berichtete nach einem Treffen von Pasolini mit Bulgarelli, dem jungen Kapitän vom FC Bologna, dass Pasolini gewirkt hätte, als habe er Jesus gesehen.
So etwas kann ich mir bei Pasolini absolut vorstellen, weil ich es von mir selber kenne. Man vergisst in dem Moment auch den eigenen kulturellen Stellenwert und steht plötzlich ganz blank und zart vor seinen Kindheitsträumen und jenen, die sie verkörpern. »Meiner Ansicht nach lebte Pier Paolo mit rückwärtsgewandtem Blick. Er blickte seinem Kinder-Ich hinterher, das sich davongemacht hatte. Wenn er spielte, dann nahm dieses Kind zusammen mit dem Fußball wieder Gestalt an; wenn er mit dem Spielen aufhörte, verwandelte er sich aufs Neue in den unruhigen, geplagten Erwachsenen, zu dem er geworden war« – genauer und schöner als die Schriftstellerin Dacia Maraini kann man diese Liebe aus Kinderzeiten nicht beschreiben. (Wie Pasolini im Friaul an den Lippen von Fabio Capello, dem früheren italienischen Nationalspieler, hing, das lese man nach in diesem Buch!)
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch vor einigen Jahren mit Günter Netzer bei einem Länderspiel in Mönchengladbach. Wir saßen danach an der Hotelbar, und ich hörte zu, wie Netzer von den alten Zeiten erzählte. Auch ich hing an Netzers Lippen. Ich erinnerte mich, dass meine Tante Anfang der Siebziger in ihn verliebt war und wie sie, ohne eigenes Fernsehgerät, immer zu uns kam, wenn es Länderspiele gab, bei denen Netzer mitspielte oder sich sogar selbst bei Spielen einwechselte. Ich erinnerte mich auch an die Begeisterung von Joseph Beuys für Netzer: Er hatte ihm sogar eine Professur für angewandte, ausübende und praktizierende Kunst an der Kunsthochschule in Düsseldorf angeboten!
Ich fragte Netzer an diesem Abend an der Hotelbar, ob er sich noch an das Angebot von Beuys in Sachen Kunsthochschule Düsseldorf erinnern könne. Netzer sah mich an, sagte nichts und sprach dann mit den anderen über Fortuna Düsseldorf, nicht über die Kunsthochschule. Ich dachte sofort, dass Beuys oder irgendjemand anderes sich das damals mit Netzer und der Professur nur ausgedacht hatte, um die Liebe der Kultur zu den auratischen Spielern noch weiter zu erhöhen.
Pasolini ließ für den Fußball sogar seine berühmte Kapitalismuskritik ruhen, als er von einem Bekannten auf der Frankfurter Buchmesse hörte, dass es in der Nähe ein neues Fachgeschäft gebe mit neuartiger Adidas-Fußballbekleidung. Pasolini verließ sofort die Buchmesse und kaufte für seine Mannschaft ein, offenbar ohne seine berühmte Verachtung für bourgeoise Kaufgier.
Natürlich hatte auch Pasolini eine eigene Mannschaft gegründet, genau wie ich. Seine hieß die Nazionale dello spettacolo, meine die Autorennationalmannschaft, abgekürzt: Autonama, ein Name, der Pasolini bestimmt gefallen hätte.
Mein Leben als Schriftsteller hatte sich mit der Gründung einer eigenen Mannschaft seltsam verwandelt, wie das von Pasolini, als er seine Mannschaft hatte und quer durch Italien und Europa reiste, um Fußball zu spielen.
Begonnen hatten wir 2005 in Mecklenburg-Vorpommern. Auf einer Wiese ohne Tore trafen sich 11 Schriftsteller, um in einer feierlichen Zusammenkunft die deutsche Autorennationalmannschaft zu gründen. Einer stand am Rande und versuchte ein ums andere Mal den Ball hochzuhalten, wie Sisyphos; ein anderer fiel in eines der Löcher in der Wiese und brach sich den Arm. Immerhin stand, kopfschüttelnd zwar, auch ein ausgewiesener Trainer auf der Wiese: der damalige Coach von Hertha BSC, Hans Meyer. Mit ihm reisten wir dann zur ersten Autoren-Weltmeisterschaft nach Italien, in die Toskana, nach San Casciano, es gab vorerst nur vier Teams. Wir spielten zuerst gegen Italien. Hätte dieses Spiel 30 Jahre früher stattgefunden, ich könnte wetten, bei der Gelegenheit hätte ich Pasolini kennen gelernt. Er hätte auf der einen Seite gestürmt, ich auf der anderen. Und er hätte dann mein 1:0 gesehen, kein Fallrückzieher, aber ein Flugkopfball aus acht Metern, bei dem ich in eine halbhohe Flanke von rechts hechtete.
Es gibt einige Berichte über dieses Tor, auf Italienisch, auf Deutsch. Manchmal habe ich dieses Tor gegen Italien auch selbst kommentiert, wie Pasolini seine Tore manchmal ebenfalls selbst kommentiert bzw. Spielberichte nachkorrigiert hat: »Ich füge euch diese Notiz aus dem Popolo del Friuli an, die – unter anderem – fehlerhaft ist und wie folgt angepasst werden muss: ›Als Erster traf Cecchet mit einem Elfmeter in der 20. Minute. Darufhin kam es auf dem Platz zu Krawallen zwischen Spielern, Schiedsrichter und Zuschauern; doch als wenige Minuten später wieder Ruhe eingekehrt war, schoss Pasolini mit einer Einzelaktion das zweite Tor.‹«
So etwas will man später über sich in den Biographien und Geschichtsbüchern lesen, und darum korrigieren Autorenspieler wie Pasolini oder ich die Spielberichte. »Jedes Tor ist eine eigene Erfindung«, schreibt Pasolini. »Jedes Tor ist Unausweichlichkeit, Geistesblitz, Staunen, Irreversibilität. Genau wie das dichterische Wort. Der Torschützenkönig einer Meisterschaft ist jedes Mal der Jahresbeste unter den Dichtern.«
Längst ist der DFB auf meine Mannschaft aufmerksam geworden und kleidet uns wie eine richtige Nationalmannschaft. Wir haben bereits mit Hymnen gegen England, Frankreich, natürlich immer wieder gegen Italien, gegen Ungarn, Israel, Norwegen, gegen die Ukraine und die Türkei, gegen Polen, Brasilien, Argentinien usw. gespielt. Manchmal rief mein Verlag an und fragte, wo denn das neue Theaterstück bliebe, und ich antwortete: Bald, nach dem nächsten Spiel! Pasolini machte es ja genauso, er richtete sogar seine Drehpläne nach seinen Spielen aus. Es ist eben eine Sache des Herzens und der Prioritäten.
Nach der Autoren-WM in der Toskana (bei der wir im Finale unterlagen) bereitete sich meine Mannschaft schon auf die nächste WM in Schweden vor, sie fand in Malmö statt, genau in dem Stadion, in dem der junge Pelé 1958 mit Brasilien Weltmeister geworden war. Das war auch mein Ziel, Weltmeister werden. Ich war nicht nur klassischer Mittelstürmer der Mannschaft, sondern mittlerweile auch eine Art Oliver Bierhoff der Rahmenbedingungen. Hans Meyer, nunmehr Cheftrainer beim 1. FC Nürnberg, konnte ich dazu bewegen, für uns das Nürnberger Trainingsgelände freizumachen; der DFB stellte den offiziellen WM-Mannschaftsbus von 2006 sowie zwei Physiotherapeuten zur Verfügung. Testspiele gegen Österreich, Saudi-Arabien und Finnland verliefen vielversprechend. Wir waren Gast im Aktuellen Sportstudio und begannen, Fußballbücher herauszugeben. Wir hatten wie Monty Python auf einer Wiese begonnen und jetzt waren wir im Aktuellen Sportstudio! Und Hans Meyer erwähnte mich sogar im Kicker, im geliebten Kicker! Er hängt noch heute am Kühlschrank.
Ich traf mich in der Folge mit Philipp Lahm. Wir sollten uns im Auftrag einer Wochenzeitung über das Schreiben von Büchern unterhalten, er hatte gerade ein Buch über sein Leben herausgebracht, ich eines über Fußball. Ich ging mit Thomas Tuchel in die Bar Tausend und trank die ganze Nacht Mineralwasser. Ich traf mich mit Jürgen Klopp, wir tranken Bier und sprachen über Samuel Beckett. Ich saß mit Thomas Hitzlsperger in der Schaubühne, und er wollte danach über moderne Dramatik sprechen, ich über den VFB Stuttgart. Mit Torsten Frings tauschte ich Stirnbänder in Bremen, Ralf Rangnick nahm mich mit zum Champions League-Finale Barcelona gegen Juventus Turin und telefonierte dabei die gesamten 90 Minuten mit dem Berater von David Selke, während ich versuchte, mich auf Lionel Messi zu konzentrieren. Mittlerweile war es wirklich so, dass die Fußballer sich offenbar gerne mit mir unterhielten, da war etwas entstanden – so wie man in diesem Buch erstaunliche Aussagen Fabio Capellos über Pasolini lesen kann.
Besonders schön war ein Treffen mit Horst Eckel, dem Weltmeister von 1954, der mir von jenem Lied erzählte, dass Sepp Herberger unter der »Brause« nach dem Wundersieg gegen Ungarn zu singen angeordnet hatte. Eckel schloss für einen Moment die Augen, dann sang er: »Hoch auf dem gelben Wagen«, und es war, als stünde ich plötzlich mit unter der Brause in Bern.
Wenn es mir doch vergönnt gewesen wäre, Pasolini kennen zu lernen! All das und mehr hätte ich ihm erzählt. Er hätte von seinen partite, seinen Spielen erzählt, ich von den meinen. In allen Einzelheiten hätte ich ihm mein Tor gegen Italien geschildert, und er hätte gesagt, dass er den Übersteiger à la Biavati immer noch beherrsche.
Einleitung
Pier Paolo Pasolini und der Fußball – das klingt nach einem reizvollen Gespann. Auf der einen Seite der Sport, eine besonders florierende Sparte der weltumspannenden Unterhaltungsindustrie: ein Spektakel, das trotz seiner ungebremsten Vermarktung weiterhin die Gemüter bewegt, dank der Geschichten seiner Protagonisten und der besonderen Beziehung zwischen den Fans und ihrer Mannschaft. Auf der anderen Seite ein sich seinerzeit jeder Vereinnahmung entziehender Intellektueller, dem bald fünfzig Jahre nach seinem Tod eine Anerkennung besonders auch kommerzieller Art zuteilwird, wie sie wohl größer nicht sein könnte – ja, es ließe sich mit Bezug auf die jüngeren Generationen gar von einer Wiederentdeckung sprechen. Das soll nun nicht heißen, Pasolini wäre in Vergessenheit geraten und bedürfte jetzt zum Jahrestag seines 100. Geburtstags einer Exhumierung. Ganz im Gegenteil. Nur wird an ihm, schmerzlich, das Paradoxon sichtbar: Einer der in aller Munde ist, ist umso unbekannter. Was bleibt heute von ihm, der sein Leben lang auch von der Justiz verfolgt wurde? Der sich als Kommunist bekannte, eine widerständige Dichtung schuf, aber wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses stante pede aus der Partei ausgeschlossen wurde? Dem scharfen Kritiker der Konsumgesellschaft, dem tiefschürfenden Ermittler, der politische und industrielle Machtgruppierungen und ihre Verbindungen untereinander ins Visier nahm? Der mit seinen immer unbequemeren Wahrheiten, die er mit allen Mitteln der Kunst zum Ausdruck brachte (man denke an seinen Film Salò oder den unvollendeten Roman Petrolio), diese Gesellschaft schütteln, aufrütteln, wecken wollte? Der immer wieder für Skandale sorgte, aber nicht um des Skandals willen, sondern der Erkenntnis und der Wahrheit wegen?
Die Figur Pasolini hat – unter anderem im Rahmen eines öffentlichen Interesses an der städtischen Peripherie – seit geraumer Zeit sämtliche Medien und Kommunikationskanäle erobert: von Filmen und Graffitis über soziale Netzwerke und Ausstellungen bis hin zu Theateraufführungen und themenbezogenen Stadtrundgängen. Sein menschliches und künstlerisches Erbe wird dabei häufig auf stark vereinfachende, oberflächliche und auch verklärende Weise nachgezeichnet, verengt sich der Blick doch auf die Figur des »Dichters der Borgate«1, auf den Intellektuellen, der am Leben in den Vorstädten Anteil nahm und ihnen durch seine Kunst Würde und Wert verlieh. Und diese Vereinfachung macht Pasolini »konsumierbar«, für alle verfügbar: Gerade der stets auf seine Unabhängigkeit bedachte Intellektuelle ist mittlerweile vollends zu einer Art offiziell abgesegneter Heldenfigur, einer Pop-Ikone geworden. Heute erschrickt er niemanden mehr von den Mächtigen dort im Palazzo, den er zeit seines Lebens durchleuchtet und bekämpft hat. Ja, er wird von jedermann nach Belieben gefeiert, Politiker der Linken, der Mitte und sogar der Rechten bedienen sich einzelner Aussprüche, Sätze, schmücken sich mit seiner Figur. Dazu tragen sicher auch die heutigen Möglichkeiten medialer Verbreitung bei: Denn ebenjene Konsumgesellschaft, die Pasolini schon damals aufs Schärfste verurteilte, reproduziert nun sein Abbild in Serie, macht aus ihm im Zuge einer Kampagne post mortem eine Marke, wie es bereits bei Che Guevara als illustrem Vorläufer geschehen ist. Und sein politischer Standpunkt, sein Leben, seine Persönlichkeit, ja sogar seine Werke treten hinter dem übermächtigen Bild zurück.
Um Pasolini gerecht zu werden, müssen wir dieses vereinfachende Narrativ der Popkultur verlassen, uns ihm auf anderen Wegen nähern. Insofern sollte es nicht verwundern, dass sich nun ein Buch just Pasolinis Verbindung zum Fußball annimmt, die in der Betrachtung seines Lebens und Werks bislang eine Nebenrolle gespielt hat. Für Pasolini aber war der Sport die reinste Form der Erkenntnis, seiner selbst und der anderen, und so können wir mit Adriano Sofri sagen: »Es gibt nichts, was Pasolini, sein Wesen, besser erklären könnte als der Fußball.«2
Die beschriebene Gemengelage war also Anstoß und Grundlage für dieses Buch, in dem Pasolini und der Fußball im Mittelpunkt stehen: Es handelt sich selbstredend nicht um eine schlaglichtartige, oberflächliche Momentaufnahme, wie sie etwa ein Foto von ihm auf einem kleinen Fußballplatz aus festgestampfter Erde, er in eleganter Kleidung inmitten von zerlumpten Jugendlichen, oder ein kurzes Zitat zur liturgischen Funktion des Stadionbesuches in der heutigen Gesellschaft bieten. Nein, bei Pasolinis Verbindung zum Fußball geht es um sehr viel mehr: um ein vollkommenes, authentisches, tiefes und zugleich kaleidoskopisches Sich-Versenken, wie man es so selbst beim begeistertsten aller Fußballfans nur selten findet.
Vor diesem Hintergrund also wird der Versuch unternommen, Pasolinis vielseitigen Zugang zum Fußball allumfassend zu rekonstruieren. Die Erzählung folgt einer Art Mosaik aus fünf Kapiteln, den unterschiedlichen, nebeneinander existierenden Linien gewidmet, an denen entlang sich Pasolinis Liebe zum Fußball entwickelt hat: Da ist die nie erkaltete Leidenschaft für den FC Bologna, schon in Jugendtagen Verein seines Herzens; da sind seine eigenen Erfahrungen als Spieler, ob auf kleinen Plätzen der römischen Peripherie oder in großen Stadien in ganz Italien; die Spuren, die der Fußball in vielen seiner Werke hinterlassen hat, in den Erzählungen wie in den Romanen; seine zwar sporadische, aber intensive Arbeit als Sportjournalist, etwa anlässlich eines römischen Derbys oder bei der Olympiade im Jahr 1960; und zu guter Letzt seine so gewichtigen wie originellen Beiträge zur Rolle des Fußballs in der zeitgenössischen Gesellschaft. Möglicherweise lässt sich der originellste Wesenszug dieser Beziehung zwischen Pasolini und dem Fußball besonders gut anhand seiner persönlich gefärbten, sozialanthropologischen Deutung aufzeigen: jener »Linguistik des Fußballs«, die im Ballsport ein Zeichensystem sieht, auf dessen Grundlage der »heilige Ritus« im Stadion Gestalt annimmt, ein Ritus, der in gleichzeitiger physischer Anwesenheit sowohl der Fans/Gläubigen auf den Rängen als auch der zweiundzwanzig Spieler/Priester auf dem Platz zelebriert wird. Kurzum, Pasolini begreift den Fußball als universelle Sprache, als Mittel der Kommunikation, der Interaktion, der Teilhabe: Und dies gilt im gleichen Maße für die Schotterplätze der römischen Peripherie wie für die großen Spektakel der ersten Liga.
DER FUSSBALLFAN
Die Fußballbegeisterung ist ein Jugendleiden, das einen ein Leben lang begleitet.3
Bologna, die Rot-Blaue
Pasolinis Leidenschaft für den Fußball nahm in Bologna, seiner Geburtsstadt ihren Anfang; die Familie war mit ihm, er war noch ein Kind, weggezogen und erst als er die Oberschule besuchte, war sie wieder nach Bologna zurückgekehrt. Fußballspielen wurde für ihn zur alltäglichen Gewohnheit. Als Gymnasiast und später als Student bolzte er zusammen mit seinen Altersgenossen unermüdlich auf den Wiesen von Caprara jenseits der Stadtmauern im Nordwesten – ein lärmendes Durcheinander, das sich erst bei einsetzender Dunkelheit auflöste. Diese Nachmittage wird er später als die schönsten seines Lebens bezeichnen: So unbeschwert wie damals ist sein Leben vermutlich nie mehr gewesen. Von 1937 an besuchte er das Liceo Galvani, dann die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Bologna, war endlich für einige Zeit sesshaft, nachdem er mehrmals innerhalb Norditaliens hatte umziehen müssen. In jener Zeit entwickelte er seine Leidenschaft für den Fußball mit all seinen Facetten. An erster Stelle stand das eigene Spiel, ein Hobby, dem er auch in seinen reiferen Lebensjahren in Rom frönte. In der Hauptstadt der Emilia-Romagna wurde er darüber hinaus zum begeisterten Anhänger des FC Bologna, dem er voller Leidenschaft ohne Brüche und Pausen sein Leben lang treu blieb. Der Bologna Football Club erlebte damals seine Glanzzeit, und Pasolini wurde zum eingefleischten Fan.
Diesem Thema der Fußball-Leidenschaft widmete er sich 1969 in seiner Il Caos (Das Chaos) betitelten Kolumne in der Wochenzeitung Tempo: »Ich bin Bologna-Fan. Nicht so sehr, weil ich aus Bologna gebürtig bin, vielmehr, weil ich (nach langen, legendären, eines Heldenepos würdigen Aufenthalten in der Poebene) mit vierzehn dorthin zurückgekehrt bin und mit dem Fußballspielen begonnen habe.«4 Einige Jahre später äußert er sich in einem Interview mit Giulio Crosti für Paese Sera auf ähnliche Weise: »Der Geburtsort hat keine Bedeutung, er ist nicht maßgeblich dafür, ob man ein Fußballbegeisterter, ein Fan wird. Ausschlaggebend ist, wann und wo man selbst die ersten Bolzversuche unternommen hat. Die Fußballbegeisterung ist ein Jugendleiden, das einen ein Leben lang begleitet.«5
Die enge Bindung an einen bestimmten Fußballverein auf den Schauplatz zurückzuführen, an dem man zum ersten Mal gebolzt hat, mag ungewöhnlich erscheinen. Pasolini hätte problemlos beteuern können, dass er Bologna-Fan sei, weil es sich eben um seine Geburtsstadt handele, aber nein: Er hielt Bologna die Treue, weil er dort seine Fußball-Initiation gehabt hatte.
An dieser Aussage können wir bereits erkennen, was Fußball für Pasolini bedeutete. Spieler-und Fan-Sein gehörten für ihn untrennbar zusammen, was dazu führte, dass sich die Spiele, denen er im Stadion beiwohnte, auch in den Spielen im Freundeskreis widerspiegelten. Der Fußball war für Pasolini, wie bei einem Kind, ein Spiel ohne Grenzen, bei dem man selbst in die Rolle der sonntäglich bewunderten Helden schlüpft, und gleichzeitig ein von Profis ausgeübter Sport, dem man mit ebenso grenzenloser Begeisterung folgen kann, ohne deshalb als unpolitisch angeprangert zu werden.
Das rot-blaue Trikot, das er anlässlich der offiziellen Spiele oder solcher im Freundeskreis trug, wie auch die Spieler des FC Bologna als seine Vorbilder, diese Details sind es, die Pasolinis Beziehung zum Fußball ausmachten. Besonders häufig griff er auf den »Übersteiger à la Biavati« zurück, eine Technik, in der er sich sein Leben lang versuchte.
Die Siegermannschaft, vor der die Welt erzittert
Pasolini hatte das Glück, den FC Bologna auf dem Gipfel seines Erfolgs zu erleben: Die goldenen Zeiten des Vereins fielen mit seinen Bologneser Schul- und Studienjahren zusammen. So konnte er jenes Team aus nächster Nähe verfolgen, das als »Siegermannschaft, vor der die Welt erzittert« in die Geschichte eingehen sollte. Jahrzehnte später erinnert er sich folgendermaßen daran: »Damals stand der FC Bologna im Zenit: Das war der FC Bologna von Biavati und Sansone, Reguzzoni und Andreolo (der König des Spielfelds), von Marchese, Fedullo und Pagotto. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als die Doppelpässe zwischen Biavati und Sansone (Pascutti war Reguzzoni nun schon ein wenig voraus). Was für Sonntage im Stadion von Bologna!«6
Zwischen 1932 und 1941 gewannen die Rot-Blauen viermal die italienische Meisterschaft und zweimal den Mitropa-Pokal, womit sie in Italien die Spitzenreiter Juventus und Ambrosiana-Inter und auf europäischer Ebene die Führung der österreichischen und ungarischen Mannschaften herausforderten. Der FC Bologna erkämpfte sich außerdem eine Hauptrolle bei einem wichtigen Ereignis in der Geschichte des europäischen Fußballs: 1937 kehrte die Mannschaft siegreich vom internationalen Fußballturnier anlässlich der Weltausstellung in Paris zurück, der erste offizielle Wettstreit, bei dem ein englisches Team, der FC Chelsea, gegen Mannschaften vom europäischen Festland angetreten war. Im Olympiastadion von Colombes7 schlug die Mannschaft aus der Emilia-Romagna die Londoner mit 4:1 und sicherte sich so den Pokal.
Zurück in Bologna wurde sie auf dem Bahnhofsvorplatz von einer begeisterten Menge empfangen. Der Kritiker Massimo Raffaeli berichtet von einer Anekdote, die Paolo Volponi, Schriftsteller und enger Freund Pasolinis, häufig zum Besten gab – Volponi stammte aus Urbino, war aber ebenfalls Bologna-Fan: In den Fünfzigerjahren entdeckten er, Pasolini und Roberto Roversi während einer Redaktionssitzung der Zeitschrift Officina8, dass sie am Morgen des 7. Juni 1937 alle drei die Schule geschwänzt hatten, um am Bahnhof ihre Helden zu feiern.9
Neben dem Pariser Pokal konnte der junge Pasolini während seiner Schul- und Studienzeit insgesamt drei italienische Meistertitel feiern. Und als wäre dem nicht genug, gewann Italien 1938 auch noch den zweiten Weltmeistertitel seiner Geschichte. Drei Spieler des FC Bologna wurden im azurblauen Trikot zu Weltmeistern gekürt: Amedeo Biavati, Michele Andreolo und Carlo Ceresoli. Einem anderen Bologna-Spieler, Angelo Schiavio, war es zu verdanken, dass die Trophäe auch im Jahr 1934 an Italien ging: Im Spiel gegen die Tschechoslowakei hatte er mit einem Tor in der Nachspielzeit für den Triumph der italienischen Nationalmannschaft gesorgt. Ganz nüchtern betrachtet – es war schwer, in jenen Jahren in Bologna zu leben und einer solchen Mannschaft nicht zu verfallen.
Eine Fernbeziehung
Im November 1945 beschloss Pasolini das Studium an der Universität seiner Geburtsstadt mit einer Arbeit über den Dichter Giovanni Pascoli. Er kehrte jedoch nicht mehr dauerhaft nach Bologna zurück, sondern blieb in Versuta im Friaul, wenige Kilometer von Casarsa della Delizia, dem Heimatort seiner Mutter entfernt, und widmete sich dort voller Eifer seiner Arbeit und auch politischen und kulturellen Aktivitäten. Im Februar desselben Jahres hatte er die Academiuta di lenga furlana (Akademie der friaulischen Sprache), einen produktiven Kreis von Mundartdichtern, gegründet. Wenige Tage zuvor war in Porzûs, jenseits des Flusses Tagliamento, sein jüngerer Bruder Guido zusammen mit weiteren sechzehn Partisanen der Osoppo-Brigade von kommunistischen Partisanen ermordet worden. Die schreckliche Nachricht erreichte die Familie jedoch erst im Mai. 1947 erhielt Pasolini eine Anstellung als Italienischlehrer an der Mittelschule von Valvasone, wo er bis 1949 unterrichtete. In jenem Jahr begann der Spießrutenlauf, der ihn schließlich dazu brachte, die Region für immer zu verlassen. Eine Anklage wegen Verführung Minderjähriger und obszöner Handlungen in der Öffentlichkeit – wegen Letzterem wurde er erstinstanzlich verurteilt, im Berufungsverfahren jedoch freigesprochen – führte dazu, dass er auf bösartige Weise öffentlich an den Pranger gestellt wurde, ein Zustand, der sein Leben lang andauern sollte.
Aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, aus dem Schuldienst entlassen, mit dem Vater bis aufs Blut zerstritten, von der öffentlichen Meinung niedergemacht: Das Leben im Friaul war für Pasolini unerträglich geworden. Im Winter des Jahres 1949 beschloss er, aus diesem Albtraum auszubrechen: Er wagte einen radikalen Schnitt und zog vom Land in die Stadt, vom Norden in den Süden, vom vertrauten Umfeld ins Unbekannte. Seine Reise nach Rom gemeinsam mit der Mutter Susanna war eine veritable Flucht, einer Romanhandlung würdig, wie er selbst schreibt.
Die ersten Jahre in der Hauptstadt brachten ein Gemisch aus Entbehrungen und Lebensfülle mit sich. Pasolini kam zunächst an der Piazza Costaguti unter, im ehemaligen jüdischen Ghetto, wo seine Mutter als Hausangestellte bei einer wohlhabenden Familie arbeitete, während er sich mit journalistischen und literarischen Texten über Wasser hielt. Doch das Leben ohne feste Arbeit war belastend. Dank der Vermittlung von Vittorio Clemente, seines Zeichens Mundartdichter aus den Abruzzen, erhielt Pasolini eine Stelle als Lehrer an der privaten Mittelschule »Francesco Petrarca« in Ciampino. Lauscht man den Erinnerungen der wenigen Schüler, die das Privileg genossen, in den Jahren 1951 bis 1953 von ihm unterrichtet zu werden, so zeigt sich, dass der Fußball ein zentraler Bestandteil seiner pädagogischen Methode war. Für seine Klasse war es ganz selbstverständlich, sich während der Unterrichtszeit auf die Wiesen an der Via Appia Antica zu begeben und dort Fußballpartien im Schatten der Aquädukte, auf den noch brachliegenden Grünflächen an den Rändern der Stadt zu organisieren. Die Wettkämpfe zwischen »Versetzten« und »Nachprüflingen«, zwischen »Langen« und »Kurzen« oder anderen originellen improvisierten Teams fanden auf diesen bukolischen Spielfeldern statt, oder auf dem Fußballplatz des kirchlichen Jugendzentrums im Einzugsbereich. Doch da war nicht nur der Fußball. Der Regisseur und Schriftsteller Enzo Lavagnini berichtet, dass die Schüler im Vorfeld der olympischen Spiele 1952 eine Olympiade in Miniaturform auf die Beine stellten: Sie maßen sich etwa im Kugelstoßen mit Pflastersteinen und im Speerwurf mit Rohren, die sie auf Baustellen gesammelt hatten.10
Dank seines Lehrergehalts konnte Pasolini eine einfache Wohnung in der Via Tagliere im Viertel Ponte Mammolo mieten, am äußersten Stadtrand im Nordosten. Von dort aus musste er vier Straßenbahnen nehmen, um zur Schule in Ciampino im Süden Roms zu gelangen. Es waren schwierige Jahre, denn an die Stelle des christlich-ländlichen Idylls im Friaul traten nun die rauen Sitten und Mühen der »afrikanischen« Metropole: »Das Leben ist grausam in Rom, und wer nicht hart ist, nicht zäh und zum Kampf entschlossen, der kann hier nicht überleben. Es kommt mir vor wie ein Traum, dass ich früher Tage, Wochen, ganze Monate nur für mich hatte, ohne andere Verpflichtungen als ein Fußballspiel oder einen Tanz auf der Kirchweih.«11
Und doch wurden die prekäre wirtschaftliche Situation und die Alltagsmühen wettgemacht durch erste Schritte im kulturellen Leben der Hauptstadt: Die Genugtuung über die veröffentlichten Erzählungen und Artikel verband sich mit der Begeisterung über die städtische Peripherie, die Pasolini auf menschlicher, sozialer und sprachlicher Ebene für sich entdeckte.
Von den Gedichten, die im ersten Jahr in Rom entstanden sind, beschwört besonders eines Pasolinis wehmütige Erinnerungen an die Sonntage im Stadio Littoriale in Bologna (das heute Stadio Renato Dall’Ara heißt): »Und ich weiß, wie klar der Hügel / von San Luca sich im Oktober über dem Meer / aus Köpfen erhebt, welches das Rund des Stadions bedeckt.«12 In der Hauptstadt frönte Pasolini nämlich weiterhin seiner großen Liebe zum FC Bologna, wie es vor allem seinen zahlreichen Briefen an Freunde und Kollegen zu entnehmen ist. Im Jahr 1954, Pasolini wohnte nun schon im Viertel Monteverde, schrieb er vor der Begegnung zwischen Inter und FC Bologna an den Dichter Vittorio Sereni, bekennender Inter-Fan: »Zu guter Letzt lasse ich dich wissen, dass mein Herz, wie auch das verfettete von Volponi, am Sonntag in Mailand schlägt: Und beide werden sie bis an den Rand der Thrombose klopfen. Und ich bedauere, dass unsere Freude eure Niederlage bedeuten wird …«13
Und nach dem Spiel, das unentschieden endete, da der FC Bologna in einer Aufholjagd noch zwei Tore schoss, schrieb Sereni zurück: »So wie Severinus Boethius dem sterbenden Theoderich erschien, habe ich gestern im Zenit über San Siro die Erscheinung deines Grinsens und das gönnerhafte Lächeln dieses Fuchses von Volponi erkannt.«14
Pasolini hat, das steht fest, den FC Bologna wenn auch nicht regelmäßig, so doch mehrmals beim Auswärtsspiel im römischen Olympiastadion angefeuert. Daran erinnert sich auch Franco Citti: »Nur ein einziges Mal habe ich ihn wirklich stinksauer gesehen. Das war, als wir zum Match AS Roma – Bologna ins Olympiastadion gegangen sind und sein Verein 4:1 verloren hat.«15 Obwohl Pasolini damals schon seit über zehn Jahren in Rom lebte und wahrlich anderes im Kopf hatte, konnte er über ein Spielergebnis seines geliebten FC Bologna noch immer in Rage geraten. Im Übrigen schilderte er 1973, im bereits genannten Interview mit Giulio Crosti seine Leiden als Fan folgendermaßen: »Damals, als ich in Bologna lebte, litt ich mit meiner Herzensmannschaft und auch heute leide ich noch fürchterlich. […] Sich gedulden zu müssen, ist aufwühlend, eine Zerreißprobe. Später, nach dem Spiel, ist es etwas anderes; man resigniert angesichts des Ausgangs oder man jubelt.«16
Ein greifbares Zeichen von Pasolinis »Fernbeziehung« ist im Elternhaus seiner Mutter in Casarsa della Delizia, einem alten Bauernhaus, zu sehen, wo sich heute ein nach ihm benanntes Studienzentrum befindet: Die Wände des Zimmers, das Pier Paolo und sein Bruder bewohnt haben, sind rundum rot-blau gestreift. Wie Angela Felice, Direktorin des Studienzentrums, berichtet, hatten die Bombardements im Jahr 1944 zur Folge, dass das Haus mitsamt dem übrigen Dorf verwaiste. Nach dem Krieg wohnten dort Pasolinis Tanten, später stand es aufs Neue leer. Als dann die Region Friaul die Immobilie erwarb und restaurierte, kamen unter einigen Schichten Putz wieder die Farben des FC Bologna zum Vorschein: Vermutlich hatten ebenjene Tanten den Raum auf diese originelle Art und Weise streichen lassen, um Pasolini bei einem seiner Besuche im Dorf damit eine Überraschung zu bereiten.

Das ehemalige Jungenzimmer in der Casa Colussi, dem Haus der Mutter und heutigem Sitz des Centro di Studi Pier Paolo Pasolini.
© Centro Studi Pier Paolo Pasolini
Gastmahl der Liebe
Im Jahr 1964, Pasolini lebte nun schon seit vierzehn Jahren in Rom, gewann der FC Bologna seinen siebten und letzten Meistertitel. Ein Erfolg, den Pasolini aus der Ferne miterlebte, war er doch mit den Dreharbeiten von Il Vangelo secondo Matteo (Das 1. Evangelium – Matthäus) und anderen Buch- und Filmprojekten beschäftigt. Obwohl mehr als zwanzig Jahre vergangen waren, seit der FC Bologna den Meistertitel errungen hatte, gab es doch noch eine Gemeinsamkeit mit der »Siegermannschaft« aus Pasolinis Jugend: und zwar den Präsidenten. Der allseits beliebte Renato Dall’Ara, nach dem dann 1983 das Stadion von Bologna benannt wurde, lenkte nach wie vor die Geschicke des Clubs. Vier Tage vor dem Entscheidungskampf, bei dem zum ersten und letzten Mal in der Geschichte des italienischen Fußballs zwei genau gleichauf liegende Mannschaften um den Meistertitel kämpfen sollten, starb er an einem Herzinfarkt, als er sich gerade am Sitz der Profiliga aufhielt.
Zu Beginn jener unvergesslichen Fußballsaison, im Herbst des Jahres 1963, gelang es Pasolini, sich einen Traum zu erfüllen: Er konnte eine Begegnung mit den Spielern des FC Bologna organisieren, um sie zu interviewen. Die Gespräche wurden für den Dokumentarfilm Comizi d’amore (Gastmahl der Liebe), eine Reportage über das Verhältnis der Italiener zur Sexualität, mit der Filmkamera aufgezeichnet. Schauplatz dieser besonderen Zusammenkunft war das Sportzentrum neben dem Stadion, wo der FC Bologna trainierte. Pasolini hatte dort bereits zwei Tage zur Vorbereitung der Aufnahmen verbracht. Vor der Kamera wirken die Spieler ziemlich verlegen angesichts der unverblümten, allzu direkten Fragen des Regisseurs, der sie, in seiner Begeisterung über diese Begegnung, damit regelrecht bestürmt, aber nur recht einsilbige Antworten erhält.
Hören Sie, Pavinato, ist der Gedanke an das Sexualleben für Sie mit angenehmen Gefühlen verbunden oder beunruhigt Sie das?
Angenehm ist richtig, ohne Zweifel.
Sie fühlen sich also frei. Sie kommen aus Venezien, wenn ich nicht irre. Das ist ja im Allgemeinen eine sehr katholische Gegend. Denken Sie nicht, dass die Menschen dort von ihrer katholischen Erziehung beeinflusst sind?
Ich glaube nicht.
Und Sie, Bulgarelli?
Wir sind alle zum Katechismus gegangen und haben mitgemacht bei den Dingen in der Kirche und in der Gemeinde, also gibt es bei jedem von uns diesen Druck im Hintergrund.
Hören wir einen Torjäger, Pascutti: Fühlen Sie sich ebenso frei wie Pavinato, wenn es um gewagte Unternehmungen geht?
Ohne Frage.
Sehen Sie, ich meine frei nicht nur im Sinne, dass Sie ins Bett gehen können, mit wem es Ihnen gefällt, sondern auch in einem intellektuellen Sinne, in Ihrem Urteil über die anderen.
Na ja, ich fühle mich in beiderlei Hinsicht frei, ohne Frage.
Und Sie, Negri?
Bei mir ist alles in Ordnung. Ich verschwende keinen Gedanken an diese Dinge.
Ein zäher Charakter also. Und Sie, Furlanis, denken Sie, dass diese Zurückhaltung, die man Ihnen abverlangt, nur physiologische oder auch moralische Gründe hat?
Physiologische.
Meinen Sie nicht eher, man fordert von Ihnen, Ihre Bedürfnisse zu unterdrücken, damit Sie dann auf dem Platz aggressiver sind?
Selbstverständlich.17
Wie sehr er sich auch über die Gelegenheit freute, Pasolini war von den Interviews enttäuscht. Seine Bekanntheit und die Natur seiner Fragen schüchterten die Spieler ein, und ihre Antworten fielen nicht so aus, wie er es sich erwartet hatte. Nur einer ließ sich wirklich auf die Sache ein, und zwar Giacomo Bulgarelli, der ohne Heuchelei den kulturellen Hintergrund der Italiener zur Sprache brachte: die katholische Erziehung, von der die sexuelle Orientierung und die Gewohnheiten im Land nach wie vor, in jenen Jahren sogar mehr denn je, beschränkt und behindert wurden.
Bulgarelli kam später auf jenes Interview zurück: »Wir lebten damals in einer sexualfeindlichen Welt. Ich erinnere mich, dass alle Reißaus nahmen vor diesem etwas anstößigen Mikrofon: Keiner hatte Lust, offen zu sprechen.«18
Zwei Fußball-Legenden
Bulgarelli und Pasolini waren einander von den Sechzigerjahren an bis zum Tod des Regisseurs in gegenseitiger Wertschätzung verbunden. Und es kommt nicht von ungefähr, dass der Fußballer, damals gerade 23 Jahre alt, vor Pasolinis so unbequemen wie hartnäckigen Fragen als Einziger nicht gekniffen hat. Bulgarelli berichtete später davon, wie Pasolini zur Vorbereitung des Interviews an mehreren Tagen zum Training gekommen war und im Anschluss mit den Spielern zu Abend gegessen hatte. Und der Regisseur wollte ausschließlich über Fußball sprechen: »Ich wollte protestieren, mich interessierten auch andere Dinge. Er aber riss alle Gespräche an sich, wollte alles über das Umfeld wissen, in dem wir lebten.«19
Pasolini entwickelte für den jungen Mannschaftskapitän eine Bewunderung, die der eines Kindes für seinen Lieblingschampion in nichts nachstand: Sergio Citti berichtet in scherzhaftem Ton davon, dass er beim ersten Zusammentreffen »wirkte, als hätte er den Heiland in Person gesehen«.20 Und diese Wertschätzung bezog sich nicht nur auf den Sport, denn der Regisseur bemühte sich auch – jedoch vergeblich –, Bulgarelli für einige Szenen in I racconti di Canterbury (Pasolinis tolldreiste Geschichten) zu verpflichten.
Bulgarelli rief in Pasolini also kindliche Begeisterung wach, und daher ist es nur legitim, hier auch an den eigentlichen Helden seiner Kindheit zu erinnern: an Amedeo Biavati, legendärer Rechtsaußen, der in ihm jene tiefe, zur Nachahmung anspornende Leidenschaft weckte, wie sie für Heranwachsende typisch ist. Während seiner Schul- und Studienzeit konnte Pasolini Biavatis Leistungen im Trikot der Rot-Blauen erleben: Wie auch Bulgarelli (den er schon als Junge entdeckte und förderte) stammt der Rechtsaußen aus Bologna; in die Geschichte des italienischen Fußballs ist er seines »Übersteigers« wegen eingegangen, den er vielleicht nicht erfunden, aber mit Sicherheit doch als einer der Ersten und auf besonders meisterhafte Art eingesetzt hat. Dieser besondere Trick, der nach Gianni Brera darin besteht, »das Dribbling mit dem rechten Fuß zu beginnen, der gestreckt ist, dann zurückgehalten und so scheinheilig wie geschmeidig wieder eingesetzt wird, wenn der Gegner längst mit dem linken Fuß rechnet«21, zog Pasolini während der unvergessenen Nachmittage im Stadion in seinen Bann. Von den Wiesen in Bologna über die Plätze der römischen Vorstadt bis zu den Stadien, in denen er für wohltätige Zwecke zusammen mit Schauspielern und Fußballprofis kickte, das virtuose Dribbling sollte immer eines von Pasolinis Markenzeichen bleiben.
Giulio Nascimbeni beschreibt ein Treffen mit Pasolini im Oktober 1975, bei einem Abendessen auf der Frankfurter Buchmesse, wenige Tage vor der tragischen Nacht am Idroscalo, dem Wasserflughafen in Ostia. So wichtig diese Buchbranchen-Veranstaltung auch sein mochte, Pasolini war gelangweilt und wollte lieber über Fußball sprechen: »Den Übersteiger à la Biavati beherrsche ich immer noch. Erinnern Sie sich an Biavati?«22 Seine Begeisterung für den FC Bologna war so groß, dass ihm auch die anderen Tischnachbarn »staunend lauschten. Der Dichter, der Autor der Freibeuterschriften listete Nachrichten aus der Welt des Sports einschließlich der Spielergebnisse auf, als handelte es sich um den Abschlussbericht eines Jahrbuchs. Es war, als sähe er auf einem imaginären Bildschirm Spieler mit viel Brillantine im Haar vorbeiziehen, weiße Tücher um die verschwitzte Stirn geknotet, und hochfliegende Fallrückzieher, ein völlig erschöpftes Knäuel im Schlamm der letzten Minuten …«. Es folgt eine weitere außergewöhnliche Momentaufnahme aus Frankfurt: »Als er seinen Redefluss unterbrach, erzählte ich ihm, dass ich für meinen Sohn eine komplette Fußballgarnitur gekauft hatte, im Geschäft einer deutschen Firma, die inzwischen mit ihrer Sportbekleidung weltbekannt ist. Er fragte mich sofort nach der Adresse. Dann überlegte er es sich anders: ›Begleiten Sie mich morgen früh? Am Nachmittag reise ich ab, und ich würde gern für meine Mannschaft Kleidung kaufen.‹ Und so machten wir es. Pasolini stromerte fasziniert zwischen den Verkaufstischen herum. […] Angesichts seiner Statur wählte er für sich selbst die kleinsten Größen. Der ›Übersteiger‹ à la Biavati würde beim nächsten Mal mit Sicherheit im neuen Trikot zum Einsatz kommen.«
Noch eine weitere Episode zeugt von Pasolinis tiefer Bewunderung für Biavati. Im Frühjahr 1975, während der Dreharbeiten zu Salò o le 120 giornate di Sodoma (Die 120 Tage von Sodom), gelang es dem Regisseur, gegen ein Team anzutreten, das sich aus früheren Stars des FC Bologna zusammensetzte, vor allem aus den Siegern der italienischen Meisterschaft von 1964. Das Spiel fand im Velodrom von Bologna statt und wurde durch Paolo Ferraris Fotos verewigt, die Pasolini dabei zeigen, wie er sich gerade in der Umkleide einen Kniestrumpf anzieht oder zu Spielbeginn mit Marino Perani, dem Kapitän der gegnerischen Mannschaft, auf dem Platz steht. Sein Team trat im traditionellen rot-blau gestreiften Trikot an, die Gegner trugen das neuere weiße Trikot mit dem diagonal verlaufenden zweifarbigen Streifen. Neben Perani spielten auch Carlo Furlanis, Paride Tumburus, Ezio Pascutti und Romano Fogli. Bulgarelli fehlte, aber an seiner statt nahm für ein paar Minuten, als Vertreter der Vorläufer-Generation, Biavati teil. Nach dem Spiel suchte Pasolini ihn in der Umkleide auf und bat ihn um ein Autogramm: Soweit bekannt, war Pasolini nur dieses einzige Mal an einem Autogramm interessiert.
Pulsuz fraqment bitdi.