Kitabı oxu: «Die Verdammte vom Ikenwald»
Vanessa S. Morolt
Die Verdammte vom Ikenwald
Die Wiedergängerin - Band Eins
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Tanz in den Mai
Des Glückes Krönung
Fieber
Unter Räubern
Der erste Morgen
In der Schlucht
Einfache Tage
Energiefunken
Darum ist Veith der Hauptmann
Wie die Herrin so die Katz
Nachtrauschen
Der Pfad durch den Nebel
Ein italienischer Herr
Der rote Engel
Blutsauger
Die Entführung
Die Burg des Fürsten
Ein edler Retter?
Ein erlesener Tropfen
Konsequenzen
Der Ausbruch
Unruhestifter
Impressum neobooks
Vorwort
Die
Wiedergängerin
"Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr."
Die Kinderfrau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden war, ging sie zum König und erzählte ihm alles. Sprach der König: "Ach Gott, was ist das! Ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde wachen." Abends ging er in die Kinderstube, aber um Mitternacht erschien die Königin wieder und sprach:
"Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr."
Und pflegte dann des Kindes, wie sie gewöhnlich tat, ehe sie verschwand. Der König getraute sich nicht, sie anzureden, aber er wachte auch in der folgenden Nacht. Sie sprach abermals:
"Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr. "
Aus: Brüderchen und Schwesterchen
Buch Eins
Die Verdammte vom Ikenwald
„Ein Dutzend Jahre lang war ich das Eheweib des Tischlers Wilm. Eine zufriedene und im gesamten Dorf angesehene Frau. Dann starb ich und wurde in der Schattenwelt die Buhle eines verfluchten Räubers, was für mich mit großer Schande einhergeht und zuletzt soll ich nun die Braut eines Blutsaugers werden.
An Erlösung kann ich nicht mehr glauben. Das Einzige, was mir nun noch am Herzen liegt, ist die Rettung meiner Tochter. Theresia darf nicht in die Klauen dieses Monsters geraten und dafür werde ich alle Kraft, die mir verbleibt, aufbringen, auch wenn das bedeuten sollte, dass mein Geist in Unzählige von glühenden Funken gesprengt und im Dunst verglimmen wird!
Und nun bitte ich dich nach all diesen Jahren, die du heimlich an meiner Seite gewacht hast, – Ja, ich habe es wohl bemerkt! – mir beizustehen und dafür zu sorgen, dass die unschuldigen Seelen dieser Kinder nicht für die Ewigkeit verflucht werden.
Du magst es anders sehen, doch ich sage: Das bist du mir schuldig!“
Tanz in den Mai
Von allen Seiten wabert der Nebel auf mich zu. Der Boden brodelt und blubbert grau und braun wie ein übler Sumpf, der mich verschlucken will. Der sichere Boden auf dem ich mich befinde, ist zu einer kleinen Insel geschrumpft und von Minute zu Minute schluckt das Gewaber Stückchen für Stückchen meiner Sicherheit. Verzweiflung sprudelt in mir hoch. Der Nebel darf mich nicht verschlucken! Ich muss bei ihr bleiben! Sie braucht mich doch und ich brauche sie so sehr…
Dabei ist erst ein Tag vergangen, seit ich noch ein Mensch war. Ich lebte und ich war glücklich und schön…
Mein Gesicht spiegelte sich in der blankpolierten Pfanne. Mit beiden Händen raffte ich mein üppiges dunkles Haar zusammen und flocht es zu vier einzelnen Zöpfen, die ich wiederum miteinander verflocht und diese Kreation steckte ich dann am Hinterkopf auf. Die Frisur schmeichelte dem Schwung meiner Kinnlinie und betonte den hellen, zarten Nacken – mein Wilm sagte immer, ich besäße einen Schwanenhals – aber zu viel Hoffart durfte ich mir nicht erlauben, weshalb ich die schwarze Pracht ordentlich unter der hellen Haube versteckte. Das braune Mieder über dem sandbraunen, knöchellangen Rock konnte ich beim besten Willen nicht festschnüren. Ich stand acht Tage vor der Niederkunft und obwohl sich mein Bauch nur zu einer ebenmäßigen Kanonenkugel gerundet hatte und meine Gestalt ansonsten schlank geblieben war, war die Schwangerschaft nun nicht mehr zu verbergen. Wenn ich ehrlich bin, gab ich mir auch nur die wenigste Mühe, meine Umstände zu überspielen. Wilm und ich konnten uns kaum zurückhalten vor Stolz und Freude. Zwölf Jahre hatten wir auf dieses Kind gewartet und schon die Hoffnung aufgegeben. Nach drei Fehlgeburten hatte ich nicht mehr empfangen, bis zum letzten Sommer. Dann begannen die Wochen des Bangens und jeden Morgen fürchtete ich mich, dass ich die Frucht wieder verlieren könnte. Aber nachdem die ersten drei Monate vergangen waren und die Übelkeit nachließ, versicherten mir die erfahreneren Weiber, dass nun die gefährlichste Phase für eine Fehlgeburt hinter mir läge. Wenn sie mich sahen, nahmen sie mir den Wassereimer hilfreich ab. Sie boten mir an, die Wäsche für mich zu walken und obwohl mir diese Aufmerksamkeit ein wenig peinlich war, ließ ich sie doch gewähren und nähte ihnen zum Dank diesen und jenen Rock, bestickte die Säume oder flickte die Hemden ihrer Männer und Söhne.
Wilm trat von hinten an mich heran – ich sah sein dunkles Gesicht in der spiegelnden Pfanne – und umschlang meinen Körper.
„Du willst dir diesen Menschenauflauf wirklich zumuten?“, flüsterte er an meinem Ohr und fuhr mit den Lippen über meinen Hals.
„Den Tanz in den Mai lasse ich mir sicher nicht entgehen. Mir geht es so gut.“ Ich strahlte ihn fröhlich an und schlang die Arme um seinen Nacken. Wilm überragte mich um gut einen Fuß und ich musste mich immer auf die Zehenspitzen stellen, um ihn küssen zu können.
„Nun gut“, er trat einen Schritt zurück und musterte mich mit Wohlwollen, „machen wir uns auf den Weg.“ Aus seinem dunklen Gesicht konnte ich den Besitzerstolz herauslesen. Im Dorf hatte ich immer als das hübscheste Mädchen von allen gegolten und viele hatten Wilm beneidet, als mein Vater Alfons ihm meine Hand und damit die örtliche Tischlerei übergab. Ich galt als guter Fang. Über die Jahre hinweg verloren die Blicke der anderen Frauen an Neid und stattdessen wurden sie immer mitleidiger. Was war schon eine Frau, die kein lebendes Kind zur Welt bringen konnte? Wilm war ein herausragender Tischler und hatte einen gewissen Reichtum angehäuft. Er war ein beliebter und angesehener Mann von schneidigem Aussehen und ruhigem Charakter, immer hilfsbereit und keinem Menschen ein Dorn im Auge. Ich liebte ihn auf eine beständige, liebevolle Art und war sehr dankbar, dass er mir niemals meine Unfähigkeit vorwarf. Denn wie jeder weiß, liegt die Fruchtbarkeit einer Ehe an der Frau und nicht am Mann.
Aber nun sollte sich alles ändern und es gab andere, die ein schlimmeres Los lebten. Meine liebe Freundin Annamaria hatte wie ich das dreißigste Jahr schon überschritten und keinen Mann gefunden. Als alte Jungfer fristete sie ihr Dasein als Haushälterin ihres verwitweten Onkels Anton und seiner beiden halbwüchsigen Söhne, die arge Raufbolde waren. Ich beneidete sie nicht.
Hand in Hand durchquerten mein Gatte und ich die Straßen und gingen mit den anderen Nachbarn aus dem Dorf hinaus und zur Anhöhe nahe des Waldes, von dessen Fichten ein betörender harziger Duft zu uns strömte. Hinter den Baumkronen ging eine rotgoldene Sonne unter, deren letzte Strahlen den Himmel in warmes Rot tauchten. Einige junge Burschen stellten ausgehöhlte Baumstümpfe auf, in denen brennende Dochte in Öl schwammen und die Tanzfläche wurde von brennenden Fackeln umsäumt.
Die älteren Frauen verteilten eine dicke Suppe in Tonkrügen und es gab auch Met und Bier. Ich lieferte die beiden Brote ab, die ich als Spende für das Fest gebacken hatte.
Und dann spielten die Musiker endlich auf. Mit Flöte und Fidel.
Manches Mal musste Wilm mich bremsen, weil ich mich beim Tanz so verausgabte. Aber das Kleine schien sich wohl zu fühlen und schwang seine Tanzbeine zum Takt der Musik in meinem Körper.
Panisch sah ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch der Nebel war auf allen Seiten gleichmäßig dick und undurchdringlich und es gab nichts, auf das ich hätte klettern können, um mich zu retten …
Als der Abend schon fast in die Nacht übergegangen war, fand ich mich plötzlich mutterseelenallein am Waldrand wieder. Der Klang der Musik hallte noch leise an meinem Ohr und ich wusste gar nicht, wie ich mich so weit vom Festplatz hatte entfernen können. Nicht einmal die Geräusche der Liebenden, die sich in jedem Jahr nach und nach absonderten und sich in den Büschen liebkosten, waren zu vernehmen. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht als ich an die Nacht dachte, als Wilm mich zwischen die Bäume und hinunter zur Schlucht gezogen hatte um mich unter Küssen und Versprechungen zu seiner Frau zu machen. Keines seiner Versprechen hatte er jemals gebrochen.
Nun hielt sich niemand in meiner Nähe auf, nicht einmal die Spechte oder die Eichhörnchen, die sich sonst in den Baumkronen tummelten. Die Stille hätte mich stutzig machen können, doch obwohl ich keine berauschenden Getränke genossen hatte, war ich trunken vor Übermut.
Angst verspürte ich nicht. Ich liebte den Wald und hatte mich immer gern ins Gehölz geschlichen. Schon als kleines Mädchen hatte ich Pilze gesammelt und Kräuter und Blumen. Oft hatte ich nicht gewusst, was ich da überhaupt in meinen Korb legte und musste eine Nachbarin nach den Eigenschaften der Pflanzen fragen. Es ging mir auch nicht darum, eine Heilkundige zu werden. Ich genoss es einfach, die Ruhe des Waldes in meinen Geist eindringen zu lassen und das Kräutersammeln war ein Vorwand, um mich fortschleichen zu dürfen. Auch jetzt liebte ich den harzigen Geruch, der in meine Nase stieg. Ich schloss die Augen, breitete die Arme aus und drehte mich langsam im Kreis.
‚Ist es nicht wunderschön hier, mein Kind?‘ Ich dachte den Satz nur, weil ich mir sicher war, dass es meine Gedanken hören konnte.
Und so drehte und drehte und drehte ich mich, bis ich stolperte und erschrocken die Augen aufriss. Zwei starke, kalte Hände fingen mich auf und ich sah in die blassgrünen Augen eines fremden Mannes. Vor Schreck schrie ich kurz auf, doch der Mann ließ mich sofort los, als meine Füße wieder Halt fanden.
„Ich danke Euch, mein Herr.“
Ich machte einen kleinen Knicks, denn offensichtlich war dieser Mann von edler Herkunft.
Er erwiderte nichts. Sein Blick war traurig und er schüttelte den Kopf wie ein Vater, den die Dummheit seines Kindes wundert. Das Kind in meinem Bauch strampelte aufgeregt und plötzlich schlug mir das Herz bis zum Hals.
Der Mann stand einfach nur da in seinen Kniehosen und dem altmodischen Wams mit dem viereckigen Hemdkragen. Das rötliche Haar war lang und fiel ihm seidig über die Schultern. Er sah aus, als wolle er einen Ball besuchen und die Spangenschuhe waren weder für einen Spaziergang durch den Wald, noch für einen Ausritt geeignet. Zumal sich auch kein Pferd in Sichtweite befand.
„Habt Ihr Euch verlaufen, Herr? Der Hof des Grafen von Blausee liegt 5 Meilen gen Süden.“
Ich zeigte in die entsprechende Richtung und machte einen Schritt auf den jungen Mann – er war sicherlich einige Jahre jünger als ich – zu. Er dagegen machte bei jedem meiner Schritte nach vorn einen zurück. Er sah bleich aus. Nicht nur seine Haut, sondern auch sein Haar und seine Kleidung wirkten wie mit einem Grauschleier überzogen, als stehe er im Nebel.
„Herr, kann ich Euch helfen?“
Da plötzlich näherte er sich mir, trat ganz nah und je näher er kam, desto durchscheinender wirkte er. Als seine Lippen nur eine Spur von meinem Mund entfernt waren, flüsterte er rau und heiser – als habe er seit Jahren nicht mehr gesprochen: „Erlöse mich.“
Und dann spürte ich den Kuss des Todes. Zart und kalt. Mir wurde schwindlig, doch ich genoss dieses Gefühl und drückte meine Lippen fester auf diesen schönen Mund.
Von weitem hörte ich Wilms Stimme, die meinen Namen rief. Der Fremde war verschwunden. Mein Kind hatte sich beruhigt und bewegte sich nur noch wenig in mir.
„Ich komme, Wilm! Ich komme!“
Wilm schalt mich auf seine zaghafte Art, dass es sehr verantwortungslos von mir gewesen sei, bei Nacht in einen Wald zu gehen, in dem es Wildschweine gab und sich durchaus auch einmal eine Räuberbande verbergen könne. ‚Und schöne, junge Männer mit zarten Lippen,‘ dachte ich bei mir und verbarg ein Lächeln. Annamaria dagegen schimpfte laut und unnachgiebig.
Ich ließ alles ruhig über mich ergehen, schon ein wenig gelöst von der Menschenwelt, was ich damals noch nicht ahnte. Alles war unwirklich und fern mit einem Mal. Den leisen Schmerz, der in dieser Nacht in meinen Unterleib kroch, bemerkte ich kaum.
Meine Gedanken weilten bei dem jungen Mann. Er war so wunderschön gewesen, hatte die gleichmäßigen Züge eines Engels gehabt. Das Grün seiner Augen war hell wie Steinkraut und seine kühlen Lippen hatten einen Hauch in meinen Körper geblasen wie der eisige Wind an einem Wintermorgen, wenn sich der Atem in weißen Schwaden mit der eisigen Winterluft zu einem Tanz vermischt.
„Du schwitzt, Liebste.“ Wilm wischte mir mit seinen großen dunklen Händen die schweißverklebten Haare aus der Stirn. Verwirrt sah ich ihn an, überrascht, nicht den schmalen, rotblonden Mann aus meinen Gedanken vor mir zu haben. Wilm war riesig, breit und hatte eine solch dunkle Haut, als stamme er aus den Ländern vom Mittelmeer. Er hatte einmal erzählt, dass sein Großvater als Söldner im Dreißigjährigen Krieg in unsere Gegend gekommen war und sich mit einer Frau von hier vermählt habe. Man hatte ihn Jupp genannt, aber sein richtiger Name lautete Guiseppe und er kam von einer Insel, wo gelbe Früchte von der Größe eines Apfels an den Bäumen wuchsen, die furchtbar sauer schmecken sollen. Von diesem Großvater hatte Wilm, eigentlich Wilhelm, seinen dunklen Teint und die tintenschwarzen Locken geerbt. Angeblich auch das dichte Kraushaar auf seiner Brust, in dem ich so gern meine Finger vergrub.
Auch jetzt kuschelte ich mich an seine breite Brust. Wilm fror selten und trug nur in den kältesten Wintermonaten ein Nachthemd. Den Rest des Jahres schlief er nackt unter den Decken und er liebte es, wenn ich es ihm gleichtat, denn er strömte genug Hitze für zwei aus. Natürlich verriet ich niemandem von meinem sündigen Tun. Es gehörte sich nicht, nackt zu schlafen, eigentlich war es nicht einmal recht, wenn mein Gatte mich komplett nackt sah. In Ermangelung einer Mutter hatte meine Tante Alke mir in meiner Brautnacht erklärt, ich müsse das Nachtgewand bis zu den Hüften schürzen und lernen zu ertragen, was dann geschah. Das war eine weitere Sünde, die ich nicht zur Beichte tragen konnte: ich genoss den Beischlaf mit meinem Mann über alle Maßen und oft war ich es, die ihn herausforderte, meine Hüften zu nehmen. Dabei sollte ich doch die Schüchterne, Passive spielen und seine Berührungen nur erdulden. Die nächste Sünde war es, dass ich sogar jetzt noch meine ehelichen Pflichten erfüllte, obwohl ich das Kind schon in mir trug. Dabei wurde uns in der Kirche immer gepredigt, dass der Beischlaf einzig der Vermehrung diene und keinesfalls der Lustbefriedigung. Aber um Sünden hatte ich mich nie groß geschert.
Des Glückes Krönung
Nun bin ich tot und die Rauchwolken des Fegefeuers wollen mich verschlingen! Das kann ich nicht zulassen, meine Aufgabe auf Erden ist noch nicht erledigt! Wilm wird über seinen Kummer hinwegkommen, er ist stark … aber meine Kleine, ich kann doch meine Kleine nicht im Stich lassen!
Eine kleine Schmerzwelle wanderte durch meinen Körper und ich zuckte ein wenig. Der Morgen graute, aber wir konnten noch ungefähr zwei Stunden ruhen.
„Mir ist ein wenig übel“, murmelte ich und presste die Stirn an seine Brust.
Wilm schob mich von sich weg und sah mir tief in die Augen. „Ist es das Kind? Wird es kommen?“
Eine Geste der Ahnungslosigkeit war die Antwort. Die anderen Frauen hatten gesagt, ich werde es wissen, wenn es so weit sei, doch mein Geist war so verwirrt, dass ich mich kaum auf meinen Körper konzentrieren konnte.
Sanft bettete Wilm mich zurück und strich mit den Händen über meine Brüste, drückte und knetete die Warzen.
Ein Lachen gluckerte in mir. „Was machst du denn da?“
„Bei den Ziegen bildet sich ein Harz am Euter und später beginnt die Milch zu fließen, wenn das Zicklein kommt.“
Ich kicherte. „Bin ich eine Ziege?“
Er verrieb ein wenig gelbe Flüssigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger. „Sieh her!“
Dann spreizte er meine Beine und sah auf meine intimste Stelle. Nun schnappte ich laut nach Luft und schubste ihn zurück. „Das gehört sich nicht, Wilm!“
„Pah“, schnaubte er, der zwar ein tiefgläubiger, aber eben auch ein sehr praktischer Mensch war. Seiner Meinung nach hatte Gott den Menschen die Gelüste gegeben, um Freude aneinander zu haben und er glaubte nicht, dass sie Teufelswerk waren, um die Beständigkeit des Menschen zu prüfen. Er fuhr mit seiner Untersuchung fort, dann schnalzte er mit der Zunge und sprang federnd aus dem Bett.
„Ich werde die Hebamme holen.“
„Aber Wilm, ich spüre kaum etwas!“
„Glaub mir, noch heute wird unser Kind geboren werden. Du hast gestern sicherlich ein Tänzchen zu viel genossen.“ Eine leise Andeutung von Missbilligung schwang in seiner Stimme mit, während er in sein Wams und die Hosen schlüpfte. Durch die geöffnete Tür tappte unsere graugetigerte Katze Luise und sprang zu mir ins Bett, wo sie sich wohlig schnurrend an meinem Bauch zusammenrollte.
„Dann bereite ich schon mal das Mittagessen für dich vor, denn vielleicht habe ich nachher nicht mehr die Gelegenheit dazu“, grinste ich meinem Mann zu.
Er zog mich zu einem innigen Kuss an sich und machte sich auf den Weg.
Meine Mutter ist im Kindbett gestorben. Zusammen mit meinem kleinen Bruder. Er lebte nur fünf Stunden, sie nur noch zwei Tage nach der Geburt. Der Pfarrer war rechtzeitig da, um meinen Bruder auf den Namen Alfons zu taufen und meiner Mutter die Beichte abzunehmen. Dann starben sie und wurden auf dem Friedhof in einem gemeinsamen Grab beigesetzt. Als mein Tod nahte, nahm mir niemand die Beichte ab und ich verließ diese Welt mit einer Seele, die dunkel und fleckig war von den Sünden, die ich auf mich geladen hatte: Eitelkeit, Ignoranz, Lust, Überheblichkeit und manches mehr …
Nun liegen meine Überreste verscharrt in ungeweihter Erde und der Nebel kommt näher und näher …
Gegen Mittag waren die Schmerzen stärker geworden, aber noch gut zu ertragen. Kurz nach dem Mittagsläuten betrat Annamaria unser Haus. Ihr langes, dunkles Haar trug sie wie immer offen, eine Tradition ihrer Jugend, die sie nicht aufgeben wollte. Annamaria war keine unansehnliche Frau. Sie war nur sehr groß, größer als mancher Mann, was einige Burschen abschreckte und sie selbst hatte mir einmal verraten, dass sie keinen Ehemann ernst nehmen könne, dem sie auf den sich lichtenden Scheitel sehen könne. Sie hatte eine helle, fast blasse Gesichtsfarbe, die ihre dunklen Augen unnötig betonte. Ihr Körper war sehr schlank und sie war nahezu flachbrüstig. Sie hätte einen stattlichen, jungen Mann abgegeben, aber leider war sie eine Frau geworden.
Sie zeichnete sich mit Intelligenz und Fleiß aus, geschickt in der Handarbeit und beim Gärtnern und ihr Bruder und die Neffen konnten froh sein sie zu haben, dankten es ihr aber nicht, weil sie ihr Dasein als selbstverständlich hinnahmen.
Zudem war Annamaria mit einer spitzen Zunge geschlagen, die sie oft nicht kontrollieren konnte und sie war so bettelarm, dass sich kein Mann ihrer erbarmen konnte. In den letzten Jahren hatte ich oft verspürt, dass ihre Stimme immer schneidender geworden war und sich ein bitterer Zug in ihren Mundwinkel gegraben hatte, aber kaum war mir dieser Gedanke gekommen, hatte ich ihn auch schon wieder vergessen.
Ich war kein mitfühlender Mensch. Mit Freundlichkeit, Heiterkeit und Leichtlebigkeit eroberte ich meine Mitmenschen, aber ich kümmerte mich nicht besonders um ihre Probleme, wie ich heute zugeben muss. Bezeichnend dafür ist, dass ich mich von einem wildfremden Mann küssen ließ, ohne auch nur ein schlechtes Gewissen zu verspüren.
Wenn ich ehrlich bin, stellte ich mir sogar vor, wie diese kühlen, blassen Hände meine Taille umfingen, wie seine hellen Lippen über meine Schultern und den Ansatz meiner Brüste streiften.
Annamaria griff sich als Erstes den Besen und begann, alle drei Räume, die Bettkammer, den Wohnraum und selbst Wilms Werkstatt auszukehren. Irgendwie fand ich mich innerhalb weniger Minuten mit einem Becher voll Kräutertee auf einen Hocker gedrückt und sah meiner Freundin zu, wie sie das Regiment übernahm.
„Hast du in deinem Haus nicht genug zu putzen?“, fragte ich schwach lächelnd.
Annamaria winkte ab. „Bei den drei Banausen ist alles vergebene Mühe. Spätestens heute Abend hat der Erste sich wieder in die Binsen erbrochen und fast täglich finde ich die Scherben eines zerbrochenen Krugs auf dem Boden …“
Sie klagte ihr Leid in jeder Einzelheit und ich vergaß kurzfristig die immer wiederkehrenden Schmerzen, die mich durchzuckten. Für einen Moment krampfte sich die Haut wie eine Faust über dem Kind zusammen und riss dabei alle meine Gefäße mit sich, bevor eine Welle der Entspannung folgte.
„Geh ein wenig spazieren!“, befahl Annamaria. „Aber nur bis zum Brunnen und komm dann wieder zurück, damit ich nicht nach dir suchen muss.“
Ich nickte. Der Brunnen auf dem Dorfplatz befand sich ungefähr dreihundert Meter von unserem Haus entfernt. Es gelang mir unterwegs, mich mit der alten Hedwig zu unterhalten, ohne dass sie meine Beschwerden erriet. Eine Weile saß ich im Schein des warmen Maitages und bewunderte die bunten Bänder, die ein junger Bursche um einen Maibaum gewunden hatte, der an der Hauswand des Bäckers Gustav lehnte. Gustav hatte zwei halbwüchsige, blonde Töchter, die gerade anfingen, den Männern schöne Augen zu machen.
Ich selbst hatte meine Backfischzeit genossen. Ein tiefer Blick hier, ein aufreizender Wimpernschlag da und ein kokettes Lächeln als besondere Dreingabe. Jedes Jahr hatte ein Maibaum vor unserem Haus auf mich gewartet. Mehr als auffordernde Blicke durfte ich mir natürlich nicht erlauben, wenn ich meinem Ruf nicht schaden wollte und auch so hörte ich von Zeit zu Zeit die gehässige Stimme diverser alter Damen, die meinen Vater darauf hinwiesen, dass ich für ihren Geschmack etwas zu keck sei.
Mein Vater hatte dann nur gelächelt und mir später den Kopf getätschelt mit den Worten:
„Nun tu doch wenigstens so, als seist du ein respektvolles Kind, wenn die Alten in der Umgebung sind.“
„Aber Vater“, ich schlackerte unschuldig mit den Wimpern, „du hast mir nie beigebracht, wie sich ein respektvolles Kind zu verhalten hat.“
Dafür erntete ich einen halbherzigen Klaps. Mein Vater wusste ganz genau, dass er mir mein Lebtag keine Regeln auferlegt hatte und in Wilm bekam ich einen Mann, der ebenso großherzig wie nachlässig war. Ich dankte es ihm mit ergebener Treue und deshalb denke ich nicht, dass Wilm einen Nachteil in der Ehe mit mir hatte.
So saß ich in Gedanken versunken am Brunnenrand, als ein Schwall warmen Wassers von einem Moment auf den anderen an meinen Beinen hinabrann und meinen Rock durchnässte. Hatte ich einen gefüllten Eimer übersehen und umgestoßen? Doch das Brunnenwasser war kalt und nicht warm! Mein Bauch fühlte sich plötzlich anders an und es kam mir vor, als sei er von einer Sekunde auf die andere herabgesackt.
Schon umringten mich zwei Bäuerinnen, die auf dem Rückweg vom Markt waren und gerade ihre Esel tränkten und redeten auf mich ein.
„Dein Kind wird bald kommen, … das Wasser ist abgegangen … nach Hause …“
Die Schmerzen überfluteten mich erneut, diesmal stärker und ich war erleichtert, als Wilms erschrockenes Gesicht vor mir auftauchte und er mich auf seinen starken Armen nach Hause trug. Die kleine, alte Frau, die sich bemühte, Schritt mit ihm zu halten, war die Hebamme. Sie wohnte ein paar Dörfer entfernt und musste zu Fuß an die zwei Stunden laufen, bis sie bei uns war. Wilm war schon am frühen Vormittag mit dem Eselskarren aufgebrochen, hatte allerdings warten müssen, wie er mir erzählte, bis sie einem anderen Kind auf die Welt geholfen hatte.
Etta ging schon auf die sechzig zu und hatte mehr Kinder ins Leben gebracht, als es Einwohner im Dorf gab. Sie war ruhig und erfahren, sah sich zufrieden in unserem gepflegten Haus um und lobte Annamarias Vorarbeit, die saubere Tücher bereitgelegt und die Bettstatt abgedeckt hatte.
Ich selbst bekam nicht mehr besonders viel von dem mit, was die Frauen besprachen, spürte nur Wilms festen Kuss und hörte seine aufmunternden Worte ohne ihren Sinn zu erfassen, bevor er hinausgeworfen wurde. Männer galten bei einer Geburt als Störfaktor.
Dann folgten die Stunden des Kampfes. Der Tag ging in die Nacht über, der Morgen graute und noch immer war das Kind nicht geboren. Lange hatte ich geschrien vor Schmerz, dann erfasste mich eine tiefe Müdigkeit und die Wehen hörten auf. Nun dämmerte ich vor mich hin, während Etta Annamaria erklärte, dass ich das Kind nicht auf die Welt bringen könne. Mein Becken sei zu schmal, das Kind liege nicht richtig und ich sei ohnehin schon zu sehr geschwächt.
„Du kannst die beiden doch nicht einfach sterben lassen“, empörte Annamaria sich. „Beide leben sie noch. Der Bauch bewegt sich. Lass dir gefälligst etwas einfallen!“
An der Unterlippe nagend sah Etta auf meinen nahezu reglosen Körper und erst jetzt bemerkte ich, dass ich dieses Gezänk nicht vom Bett aus mitbekam – ich hatte mich schon gewundert, warum mein Verstand plötzlich wieder so klar war – sondern, dass ich an der Decke schwebte. Ich sah mich selbst, blass, aber wunderschön auf dem Bett liegen und Annamaria, die wild mit den Händen gestikulierte und mit dem Fuß aufstampfte. Gute, tapfere Annamaria.
„Ich kann sie aufschneiden und das Kind herausheben. Du musst es sofort nehmen und reinigen und ich nähe deine Freundin wieder zu. Es muss ganz schnell gehen, sonst wird sie mir verbluten und wenn ich zu tief schneide, werde ich das Kind treffen …“
„Du musst es versuchen“, bekräftigte Annamaria. „So“, sie wies auf meinen ohnmächtigen Körper, „wird sie es nicht schaffen!“
Sie wollten mich aufschneiden? Nein, nein, das konnten sie doch nicht tun! Die meisten Leute starben schon an winzigen Stichverletzungen, bekamen Wundbrand und Fieber und diese beiden wollten meinen Bauch aufschlitzen?
„Ich werde mit dem Vater sprechen.“
Die Hebamme wollte hinausgehen, doch Annamaria hielt sie fest und sah sie eindringlich an.
„Nein, Etta, du musst es jetzt sofort machen!“
Resigniert nickte die alte Frau. Es war schwierig, Annamaria zu widersprechen, es sei denn, man hörte ihr die halbe Zeit nicht zu, so wie ich es tat. Und dann war ich plötzlich wieder in meinem Körper, spürte einen furchtbaren, schrecklichen, stechenden Schmerz und der Raum um mich wurde schwarz, als ich das Bewusstsein verlor.
Auf den Zehenspitzen stehend kann ich dem Nebel noch ein wenig standhalten. Er wird dichter, grauer, der Boden blubbert und wabert. Die ersten Schwaden streichen an meinen Zehen entlang. Ich schreie …
Als ich erwachte, spürte ich Wilms wohlbekannte, kurze Locken an meiner Wange. Er saß auf einem Schemel an meinem Bett und hielt meine Hände umschlungen. In dieser Stellung war er eingeschlafen und atmete gegen meine Schulter. Ich wollte mich zu ihm umdrehen, doch bei der winzigsten Bewegung durchfuhr mich ein stechender Schmerz und ließ mich fast wieder ohnmächtig werden. Zudem musste ich wohl einen Klagelaut ausgestoßen haben, denn Wilm erwachte und sah mich mit geröteten Augen an. Hatte er etwa geweint?
„Liebste.“ Er streichelte mein Gesicht. „Da bist du ja.“
„Das Kind?“, krächzte ich.
Ein strahlendes Lächeln war die Antwort. „Wir haben eine gesunde Tochter. Sie ist groß und kräftig.“ Er stand auf und verließ mein Blickfeld, um wenige Momente später mit einem Bündel zurück zu kehren, das er auf meine Brust legte.
Mit einer Hand schlug ich die Decke zur Seite und bewunderte dieses herrlich schöne, kleine Wesen. Dichtes, pechschwarzes Haar bedeckte seinen Kopf, die Haut war warm und rosig und als ich mit den Fingern über die winzige Handfläche fuhr, griff das kleine Mädchen fest zu. Eine heiße Welle der Liebe zu diesem neuen Menschen durchflutete mich, wie ich sie noch nie gekannt hatte. Diese Liebe hüllte mich und meine Tochter vollkommen ein. Sie war nicht zu vergleichen mit der Zuneigung zu Annamaria oder der Verbundenheit mit meinem verstorbenen Vater. Auch die Gefühle für Wilm ließen sich nicht mit den überwältigenden Emotionen vergleichen, die mich in diesem Moment überwältigten.
„Ich liebe sie“, flüsterte ich mit tränenschwerer Stimme.
Wilm lächelte. „Und ich euch. Wie soll sie heißen?“
„Theresia. Annamaria sagt, das bedeutet Geschenk.“
Da ahnte ich noch nicht, wie bald mir dieses Geschenk entrissen werden sollte oder eher, dass ich diesem Geschenk genommen werden würde…
Fieber
Theresia trank gierig meine Milch. Wilm und Annamaria – die so flink wie möglich ihre Männer versorgt hatte und zu uns zurückgekehrt war - legten sie abwechselnd an, weil ich noch zu schwach war, um sie zu halten. Um ehrlich zu sein, wurde ich immer schwächer, während meine Tochter an Kraft gewann. Es war, als sauge sie mit der Milch die Lebenskraft aus mir heraus.
Dann kam das Fieber und ich drehte jedes Mal den Kopf weg, wenn Annamaria mir energisch einen Löffel Suppe an die Lippen hielt. Irgendwann forderte Annamaria Wilm auf, den Pfarrer zu wecken – es war wieder Nacht. Ich sah den zärtlichen Blick, den sie meinem vollkommen aufgelösten Mann schenkte. Ein Blick, der ihre Züge zum Strahlen brachte und sie hübsch aussehen ließ, wie ich sie nie gesehen hatte. Wilm gehorchte unter Schluchzern, weshalb ich glaubte, träumen zu müssen. Das konnte nicht mein starker, immer fröhlicher Mann sein!
„Ich bringe Theresia in den Nebenraum“, sagte Annamaria zu mir oder zu sich selbst. Als sie die Tür hinter sich schloss, wallte Panik in mir auf.
‚Sie will meine Tochter stehlen! ‘ Durchschoss es mich. ‚Sie hat keine eigenen Kinder und nun nimmt sie meins! Nur deshalb hat sie mir beigestanden! ‘
Alle Kräfte mobilisierend kämpfte ich mich fieberheiß aus dem Bett. Mein Körper fühlte sich an, als werde er auseinandergerissen und dann drehte sich das Zimmer um mich herum wie ein Kreisel und mein Kopf schlug hart auf dem festgestampften Boden auf.
Wieder umfing mich Schwärze.
Langsam, Stück für Stück, kriechen die Nebelschwaden meine Knöchel hinauf, schlingen sich um die Waden, die Kniescheiben… Ich kann mich keinen Schritt mehr rühren. Meine Schreie verhallen. Die Zeit zu kämpfen ist verstrichen, ich ergebe mich der Umarmung des Nebels als schwämme ich in einem warmen See.
Ein weiteres Mal schwebte mein Geist an der Decke unseres Schlafzimmers und erneut sah ich die blasse Schlummernde am Boden liegen. Wunderschön. Einem Glorienschein gleich umwallten die langen, dunklen Locken ihr makellos weißes Gesicht. Die Arme lagen locker ausgestreckt und das weiße, züchtige Nachtgewand ließ sie wie einen gefallenen Engel wirken. Nur die dunkelrote Blutlache, die den hellen Stoff dunkel gefärbt hatte, störte das schöne Bild. Oder machte sie das Schauspiel erst perfekt? Schwarz wie Ebenholz, weiß wie Schnee und rot wie Blut …
Annamaria kam ohne den Säugling in den Raum gestürzt und brach klagend und schluchzend über meinem Leichnam zusammen. Ja, ich war tot. Das wusste ich sofort, aber es war zu unwirklich für mich. Viel mehr überraschte mich, wie sehr Annamaria ihre Selbstbeherrschung verlor. Kurz darauf betraten Wilm und der Pfarrer das Zimmer und was dann geschah, verschwamm vor meinen Augen. Wilms Trauer war zu groß, als dass ich sie greifen konnte.
Das heftige Weinen meiner Theresia holte mich in die angrenzende Küche. Ich wollte zu ihr eilen, sie in die Arme nehmen und beruhigen, doch ich bestand nur aus Luft. Annamaria war es, die mein Kind beruhigte. Eine Welle von Hass überflutete mich. Meine beste Freundin stahl mein Kind! Und meinen Mann wollte sie noch dazu!
Mein Bewusstsein versank in Schwärze. Als ich wieder auf die Erde hinabsehen konnte, befand ich mich nicht mehr in unserem Haus, sondern oben am Waldrand, nicht weit entfernt von der Stelle, wo ich dem Fremden begegnet war.
Ich sah einen Sarg, geschnitzt von Wilm – seine Arbeit erkenne ich immer und überall – und dieser Sarg befand sich in einer Grube. Wer beerdigt denn einen Menschen am Waldrand? Der Friedhof lag an der entgegengesetzten Seite des Dorfes. Nur Räuber und Diebe wurden hier draußen beigesetzt und das kam so selten vor, dass ich nur vom Hörensagen wusste, dass es so war.
Zudem hatten Verbrecher keine Trauergesellschaft und an der Grube standen zumindest vier oder fünf Menschen. Mein Mann Wilm und Annamaria mit ihrem Bruder. Ihre Neffen schaufelten Erde auf den Sarg. Die alte Hedwig ließ den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten und betete. Von einem Pfarrer keine Spur. Was hätte er auch am Grab eines Verdammten zu suchen?
Ohne Vorwarnung brach Wilm an der Grabstätte zusammen und grub die Hände in die Erde. Er weinte und schrie: „Magda! Magda!“
Warum nur rief er meinen Namen?
Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als wolle er sich in das tiefe, schwarze Loch stürzen, bis Annamarias großer, korpulenter Onkel ihn zurückriss, Annamaria ihn fest mit den Armen umfing und er sich an ihrer Schulter ausweinte.
Da begriff ich, wer in dem Sarg lag. Ich war verdammt, verflucht. Ohne den Segen der Kirche wurde ich wie ein Mörder in ungeweihter Erde verscharrt. Gott helfe mir!
Der Nebel zieht mir in Mund und Nase und in die Öffnungen der Ohren. Sein würgender Griff umschließt mich und ich werde von grauen Wolken einverleibt. Eine gewaltige Hitze umfängt meinen Geist und verbrennt mich zu Staub. Ich bin im Fegefeuer …
Unter Räubern
Dunkle Erde. Unter meinen Zehenspitzen lag schwarzer Boden, kalt und fest. Die spinnwebrigen Finger des Nebels zogen sich hinter und über meinem Kopf zusammen und auf allen Vieren krabbelte ich auf die Umrisse zu, die vor meinen Augen entstanden: knorrige Wurzeln, bedeckt mit trockenem gelbem Moos. Faltige Blätter in verblichenem Grün bedeckten spärlich den graslosen Boden. Waldboden. Ich befand mich im Wald.
Erschöpft ließ ich mich fallen, die Wange auf ein Ahornblatt gedrückt, und atmete schwer und stockend. Obwohl ich nicht einmal ahnen konnte, wo ich war, ließ mich die Erleichterung schwach werden. Ich war dem blicklosen, zeitlosen Kerker des Brodems entkommen. Ich konnte sehen und was ich sah, war schön. Bäume im Herbstlaub, Pilze, Schachtelhalme, Erdbeersträuche, die bereits abgeerntet waren.
Irgendwann hob ich den Kopf und zog mit zwei Fingern das Blatt von der Stelle in meinem Gesicht, wo es sich festgeklebt hatte. Hatte ich geschlafen? Munter fühlte ich mich nicht, immer noch bleiern und erschöpft, wie aus langer Krankheit kaum genesen. Entschlossen kämpfte ich mich auf die Füße. Mein Kopf war so leer.
Gedankenfetzen schossen zusammenhanglos durch meinen Kopf: Tod, Theresia, Wilm, Annamaria, verflucht, begraben …
Nichts konnte ich greifen, aber mein Körper tat das einzig Menschliche: er beförderte mich weiter, auf der Suche nach einem sicheren warmen Ort, weg von der Kälte in meinem Nacken, auf der Hut vor gefährlichen Tieren, die vielleicht im Unterholz auf mich lauerten.
Der Weg führte mich in eine neue Existenz, wie ich sie mir niemals hätte ausmalen können …
Zwischen den glühenden Holzscheiten des nächtlichen Lagerfeuers züngelten zwei winzige Flammen dunkelrot in die Höhe und schienen die Gestalt eines Fingers anzunehmen, der auf einen Punkt hinter seinem Rücken wies. Niemand außer ihm, Veith, schien dieses Zeichen zu bemerken. Ruhig wandte er sich um und da sah er sie. Zwischen den Bäumen stand eine Frau und an ihren nackten Füßen und den weißen Fingern hing noch der Dimensionsnebel wie Spinnweben. Das pechschwarze Haar, struppig und ungekämmt, war von einem grauen Schleier bedeckt.
„Och nee, nicht schon wieder Eine“, rief Eber entnervt aus. Der fettleibige Mann, der zu Lebzeiten ein Metzger gewesen war, hatte die Frau ebenfalls entdeckt. „Wieder so ´ne Kindsmörderin.“
Der Schluss, sie für eine Kindsmörderin zu halten, lag nahe, da sie ein langes Nachthemd trug, das von ihrem Schoss abwärts mit Unmengen von Blut getränkt war. Aber Veith sah, wie sich die hellblauen Augen bei diesen Worten entsetzt weiteten.
„Schickt sie zur Schlucht, wo sie hingehört“, schrie Irmer, ein hitzköpfiger Dieb, vor dem die Bande sich besser hütete. Auch traute Veith Irmer durchaus zu, dass er einen zweiten Blick auf die Frau werfen und ihre Schönheit erkennen könnte. Diese Erkenntnis nötigte Veith, nun schleunigst zu handeln. Langsam richtete er sich auf, während ein anderer Räuber sich einmischte:
„Geben wir ihr gleich einen Gnadenschuss, dann hat sie es hinter sich. Wer einen Säugling tötet, hat keine zweite Chance verdient.“
Zwei oder drei der anderen Männer stimmten nickend zu. Aber Veith näherte sich ruhigen Schrittes der verschreckten Frau. Als sie ihm ins Gesicht sah, wurde sie noch eine Spur blasser und wich ein paar Schritte zurück, um dann aber aus Angst vor dem Nebel, der noch immer seine Klauen nach ihr ausstreckte, stehen zu bleiben.
Eine hässliche Grimasse überzog Veiths Gesicht. Ja, sein Anblick verängstigte sie, aber das Grauen, das hinter ihr lag, war schlimmer. Veith war sich seiner Erscheinung bewusst. Das zerstörte linke Auge, die wulstigen Narben, die sich von der Stirn bis zum Mundwinkel zogen und die v-förmigen Brandmale auf den Wangen, waren ein Zeugnis der Zerstörung, dem sich selbst die härtesten Männer kaum zu stellen wagten. Das zu Borsten abgeschorene Haar bot dem Ganzen noch einen passenden Rahmen und Veith bemühte sich auch nicht, seine Hässlichkeit mit einer Augenklappe oder einem Tuch abzumildern.
Mit einer ruckartigen Bewegung griff er ihre Hand und zerrte sie hinter sich her zum Lagerfeuer auf der Mitte der Lichtung.
„Ich beanspruche sie für mich“, tönte er in den Wald hinein.
Selbst sein einziger Vertrauter, der alte Helge, legte nun seine Wildschweinhaxe beiseite und warf einen erstaunten Blick auf den Neuankömmling in dem weißen Gewand.
„Senke den Blick“, zischte Veith ihr zu, weil er nicht wollte, dass die Männer zu viel von ihr sahen. Einen Moment machte es den Anschein, als wolle sie sich gewaltsam von ihm losreißen, doch dann schien sie irgendwie in sich zusammenzusacken und sich zu fügen.
„Du?“ Irmer schien erstaunt. „Was willst du mit dem Weib? Gibt doch Huren genug in der Schlucht. Muss es eine Mörderin sein?“
„Wir sind doch alle Mörder“, antwortete Veith leichtfertig.
„Na Mädel, willkommen im Fegefeuer,“ Waldo lachte rau. „Dass du mit so ̓ner Fratze für deine Sünden büßen musst, haste dir sicher nich‘ mal ausmalen können, was?“
Alle Männer grölten einstimmig und Veith nutzte die Ablenkung, um sie mit sich zur Hütte zu schleppen.
„Der hat‘s aber eilig“, hörte er noch jemanden johlen.
Ich hatte nicht die Kraft, mich in der kleinen Holzbaracke umzusehen, in die mich das grässliche Ungeheuer gebracht hatte. Mir fehlte jegliche Erinnerung, wie ich hergekommen war und was aus mir geworden war. War ich denn nicht tot?
Aber alles in diesem Wald schien so wirklich. So grauenvoll wirklich. Eine Bande von mindestens einem Dutzend Räubern hatte ich auf der Lichtung gesehen und sie hatten gegessen und getrunken und die Beute ihres letzten Überfalls untereinander aufgeteilt.
„Wo bin ich?“, hauchte ich, den Blick zur Wand gewandt, die aus Holzlatten bestand und kahl war, bis auf einen Haken, an dem ein Gürtel und eine Peitsche hingen.
„In meiner Hütte“, antwortete der entstellte Mann mit einer tiefen, rauen Stimme, die sehr einnehmend klang, jetzt, wo der Befehlston fehlte. „Ich bin Veith, der Hauptmann dieser Bande.“
„Nein … wo … wo bin ich?“
„Im Ikenwald, an der Grenze zum Tal“, antwortete er.
Nun drehte ich mich doch um und starrte ihn an, um gleich wieder den Blick zu senken.
„Aber …“
Zwar war mir die Lichtung und der eine oder andere Baum bekannt vorgekommen, aber ich konnte nicht im Ikenwald sein, nur zwei Meilen von Wilm und Theresia entfernt. Es war Herbst und gestern oder vorgestern … Jedenfalls als ich … gestorben … war, war Mai gewesen.
Der Mann, Veith, machte eine Handbewegung und hielt mir plötzlich einen hölzernen, mit Wein gefüllten Becher und ein Stück schwarzen Pumpernickels hin.
Woher hatte er das Brot genommen?
In diesem Moment knurrte mein Magen und ich griff zögernd zu.
„Es ist Herbst“, murmelte ich kauend.
„Ist es das?“, fragte Veith. „Das Wetter und die Jahreszeiten sind hier so unbeständig. Ich achte gar nicht mehr darauf.“
„Ich … ich war tot.“
„Nein“, widersprach er. „Du bist tot. Und ich bin es auch.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Wo bin ich?“, wiederholte ich.
Veith zuckte die Achseln. „Keiner weiß das so ganz genau. Ein Ort der Verdammten, von einem Zaun aus Nebel umgeben. - Wie heißt du, oder möchtest du dir einen neuen Namen geben?“
Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Magda.“
„Mehr brauche ich nicht zu wissen.“ Er kam auf mich zu und umfasste mit festem Griff mein Kinn. Tief sah er mir in die Augen und ich fixierte sein gesundes Auge, das blaugrau schimmerte, wach und intelligent. Er machte eine Handbewegung und ich spürte, wie sich mein verknotetes Haar entwirrte, wie sich die Locken seidig um meine Schultern legten. Das verschmutzte Nachthemd war fort und ich spürte die kühle Luft auf meinem nackten Körper. Zitternd bemühte ich mich um Haltung. Was war das für ein Mensch? War er ein Mensch, ein Zauberer, oder ein Dämon?
„Du bist sehr schön“, hauchte er an meiner Wange. „Und du bist mein.“
Er drehte mich um, so dass ich mit dem Rücken zu ihm stand, und umfasste fest meine Hüften.
„Nein!“ Voller Grauen wurde mir klar, was er mit mir vorhatte. Unwillig wollte ich mich von ihm befreien, doch seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mein Fleisch und er zischte: „Ich muss dir mein Zeichen aufdrücken, sonst bist du Freiwild.“
„Bitte, bitte, tu das nicht! Ich bin verheiratet! Ich …“
„Du bist keine Lebende mehr, alle irdischen Bindungen sind von dir abgefallen“, erklärte er mir hart und schob von hinten sein Glied in meine Scheide.
„Ich will dich lieben und ehren, in guten wie in schlechten Tagen, in gesunden wie in kranken, bis das der Tod uns scheidet“, knurrte er an meinem Rücken. Dieser Mann beging ein Sakrileg. Er verhöhnte das Sakrament der Ehe.
In meiner Haltung musste ich seinen Anblick zwar nicht ertragen, aber ich kam mir auch vor wie eine läufige Hündin, die von einem Straßenköter gedeckt wird. Schluchzend ließ ich ihn gewähren. Er verletzte mich nicht, schien auch keine besondere Lust zu empfinden bei dem, was er mir antat, aber die Scham über meinen Ehebruch brannte sich in meine Seele. Denn egal, was er sagte, ich fühlte mich als Wilms Gattin.
Unversehens war es vorbei und er ließ von mir ab. Ich starrte auf den Rücken meiner juckenden, linken Hand, mit der ich mich auf einem kleinen Holztischchen abgestützt hatte: ein riesiges, tintenblaues V prangte auf der Haut. Mit der Rechten berührte ich die Hautstelle, die nicht erhaben war, sondern nur verfärbt. Ich rubbelte und leckte, aber das Mal blieb.
„Solange du unter meinem Schutz stehst, wird mein Zeichen bleiben“, sagte Veith zu meinem Entsetzen und goss sich selbst Wein ein.
„Schutz?“, echote ich verständnislos.
Er berührte kurz mein Handgelenk, leicht, einem Windhauch gleich und mein Körper begann von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln zu jucken. Nur ein paar Sekunden, aber danach fühlte ich mich anders und fremd.
„Sieh‘ in den Spiegel“, befahl er und zeigte auf einen riesigen, ovalen Spiegel in einer Zimmerecke. War der schon eben dort gewesen? Ich hatte ihn nicht bemerkt, dabei war er so prächtig, dass niemand ihn übersehen konnte. So prächtig, als hätten die Räuber ihn einem wahren König gestohlen. Mit Ornamenten verziert und vergoldet, in die geschnörkelten Blütenkelche waren Edelsteine eingelassen. Er war dermaßen protzig, dass jeder ordentliche Bürger sich geschämt hätte, ihn zu besitzen. Mein Spiegelbild in der Scheibe jedoch zog nun zu meinem Schrecken meine Aufmerksamkeit auf sich.
Das war nicht ich. Vielmehr: die Person sah mir nicht ähnlich, trotzdem wusste ich, dass ich sie war. Ein kleines Weib mit einem unauffälligen Gesicht, das sowohl einem Burschen als auch einer Magd hätte gehören können. Die Nase größer und breiter als meine eigene, die Augen nicht so lang bewimpert und nicht strahlendblau, sondern graubraun, die Lippen gerader und schmaler, die Poren der Haut nicht so fein.
Eingerahmt wurde dieses wenig einnehmende Äußere von kurzem, mattem Haar über einem kräftigen, nicht geschwungenen Hals. Mein Schwanenhals! Wo war er? Meine Schultern wirkten eckiger, der Busen war kaum vorhanden, die Taille breiter, die Hüften schmaler. Nahezu jede Kurve an meinem Körper, den Wilm so geliebt hatte, war verschwunden.
„Was hast du mit mir gemacht?“ Mit flammendem Blick schoss ich auf ihn zu. „Ich bin hässlich!“
„Eitelkeit …“, Veith grinste hämisch. „Hat diese Todsünde dich hierhergebracht? – Mach dir keine Sorgen. Hässlich sieht anders aus.“ Er wies vage auf seine leere Augenhöhle, deren Anblick mir Übelkeit bereitete.
„Niemand wird von nun an den Kopf nach dir verdrehen. Zu deinem eigenen Schutz.“
„Schutz?“, wiederholte ich abermals, diesmal schnaubend vor Wut.
„Deine süße Larve und dein schwingender Apfelarsch würden mich nur in Schwierigkeiten bringen und dich noch dazu. In diesen vier Wänden“, er machte eine raumumfassende Geste, „wirst du so sein, wie du dich selbst als Lebende sahst, aber da draußen“, er nickte zur Tür hin, „wirst du keine Blicke auf dich ziehen. Es reicht schon, dass du eine Frau bist.“
Er machte eine Fingerbewegung und wieder juckte alles. Dann sah ich im Spiegel mich selbst. Wunderschön, mit perfekten Zügen und Rundungen, glänzend gelocktem Haar und in meinem weißen Nachthemd, das nun blütenrein und unbefleckt war. Nur das V auf meiner Haut blieb.
Er musste mir nicht befehlen, mich auf der zweiten Pritsche hinzulegen und zu schlafen. Freiwillig rollte ich mich auf dem Strohsack zusammen und schluchzte vor mich hin.
Alles hatte ich verloren: mein Leben, meine Freiheit, meine Schönheit. Wie sehr ich litt. Wie erbarmungslos Gott mich bestrafte! Warum ich? Warum ich? Warum ich?
Ich war die Buhle eines Räubers geworden. Eine Verdammte des Fegefeuers!
Der erste Morgen
Im Morgengrauen erwachte ich mit steifen Gliedern. Selbst in meinem unruhigen Schlaf hatte ich mich krampfhaft bemüht, so nah wie möglich an der Wand und weit weg von Veiths Kopf zu liegen. Die beiden Pritschen waren im L an der linken und an der hinteren Wand aufgestellt, so dass sich die Kopfteile im neunzig Grad Winkel berührten.
Trotz meines Widerwillens zog mich der Schädel meines Mitbewohners magisch an. Das streichholzkurze Haar war kräftig und dicht und hatte im trüben Licht des Morgens einen Farbton, der irgendwo zwischen dunkelblond und hellbraun pendelte. Der Mann schlief auf der Seite, das Gesicht zur Wand, und ich sah den kräftigen Nacken und darunter eine der breiten Schultern.
Nachdem ich eine Weile in der Ecke gekauert und auf den gleichmäßigen Rhythmus seines Atems gehorcht hatte, begann mein Verstand sich zu regen. Wieso atmete Veith? Wieso schliefen wir? Wieso aßen wir Brot und tranken Wein?
Wir waren doch tot! Das wusste ich und das hatte er gesagt. Bruchstücke meines Todeskampfs, verschwommene Erinnerungen an meine Beisetzung in der ungeweihten Erde schwirrten durch meine Gedanken.
Und doch hockte ich mit diesem Verbrecher in einer armseligen Hütte und fühlte mich lebendig. Mein Magen knurrte bereits wieder vor Hunger und im Unterleib spürte ich den heftigen Druck einer vollen Blase, die nach Erleichterung schrie. Mich im Raum umsehend, schien er über Nacht gewachsen zu sein. Neben meiner Bettstatt entdeckte ich eine große, hölzerne Brauttruhe, die mir am Abend zuvor nicht aufgefallen war und dahinter befand sich eine schmale Tür.
Leise schlüpfte ich aus dem Bett und weckte Veith dabei nicht. Ein Lederriemen, der über einen fingerdicken Nagel in der Wand gestülpt war, diente als Riegel. Vorsichtig öffnete ich die Tür und entdeckte einen winzigen Raum, der als Abort diente. Erleichterung durchflutete mich und während mein Urin in der Erde versickerte, wunderte ich mich erneut, wie eine Tote sich so über das Vorhandensein einer Latrine freuen konnte. In der Truhe fand ich ein schlichtes Kleid mit einer festen Schürze, das so gut saß, als hätte ich es nach meinem eigenen Maß geschneidert. Welches arme, beraubte Mädchen wohl nun dieses gute Stück entbehren musste?
„Guten Morgen, Magda“, begrüßte Veith mich bei der Rückkehr in den Wohnraum. Ich war gerade dabei, meinen geflochtenen Zopf zu einer Schnecke aufzurollen, wie ich es gewohnt war.
„Deine Kleidung hast du also schon gefunden. Ich will dir alles Weitere zeigen.“
„Warte, bitte“, unterbrach ich ihn. „Ich kann keine Haube finden.“
Ein leichtes Schnauben entwich seiner Kehle. „Es gibt keine Haube. Die steht nur einem ehrbaren Eheweib zu, keiner Räuberkebse.“
Heiße Scham flammte in meine Wangen. Erinnerungen an die vergangene Nacht kamen hoch.
Er führte mich vor die Hütte, wo er über eine kleine Pumpe Wasser in einen Bottich pumpte. Danach zog er sich das Leinenhemd über den Kopf. Furchtbare Narben bedeckten seinen Rücken von den Schultern bis zu den Hüften. Vor Schreck entfuhr mir ein Laut, den er zu überhören schien, während er sich Gesicht und Hals mit dem klaren Wasser wusch. Ein zweifingerdicker roter Wulst umgab wie ein Joch sowohl seinen Halsansatz, als auch beide Armansätze. Offensichtlich war er gefoltert worden. Ob in dieser Welt oder zu Lebzeiten wusste ich natürlich nicht, aber es erschütterte mich, wie brutal Menschen zueinander sein konnten.
In den folgenden Minuten erklärte er mir meine Aufgaben, die in etwa der Beschäftigung einer Magd entsprachen. Wütende Empörung kochte in mir hoch.
„Was glaubst du, wer ich bin?“
„Finden wir es heraus“, leiser Spott umgab seine Mundwinkel, als er mit einer Geste über den Hof wies. Weißer Nebel waberte vom Wald über den spärlichen Rasen, der zu dem festgestampften Boden des Hofs führte. Die unausgesprochene Drohung war nur zu verständlich.
Das Gefühl der Angst, das meine Schultern durchzuckte, drohte meine Entschlossenheit zu übermannen. Doch andererseits, was hielt mich in der Hütte des Räuberhauptmanns?
Mit langen Schritten überquerte ich den Hof und ließ die vier anderen Hütten links liegen. Meine Haut kribbelte und von einem Moment auf den anderen hing das Kleid wie ein unförmiger Sack an mir. Vorsichtig berührte ich die raue Haut meiner Wangen und meine knubbelige Nase. Meine Finger fuhren zitternd durch das zerzauste Haar, das mir gerade noch bis zum Kinn reichte.
Ich war verhext! Dieser Dämon hatte mich verflucht! Ich musste den Pfarrer aufsuchen und mir die Beichte abnehmen lassen, den Teufel austreiben lassen … Aber das ging ja nicht … Hier war ich nicht in meinem Wald und unten im Tal war nicht mein Dorf … nicht mein Haus … nicht mein Kind …
Mein Kind, mein Kind, meine Theresia! Ich musste zu ihr. Sie musste gestillt werden. Ohne mich würde sie verhungern. Ich musste zu ihr. Sofort!
Ohne zu überlegen, drehte ich mich um und rannte den Weg entlang, der mich immer nach dem Feuerholzsammeln nach Hause geführt hatte. Schneller, immer schneller und direkt in den Nebel hinein.
Eine harte Hand riss mich brutal zurück. Ich geriet ins Straucheln.
„Verdammt noch mal! Ich bin nicht dein Kindermädchen!“ Veiths tiefe Stimme donnerte mir entgegen. „Wenn du in den Nebel läufst, kommst du nicht wieder hinaus.“
Wild riss ich an meinen Armen, die er an den Handgelenken umklammerte.
„Ich muss zu meiner Theresia! Ich hätte sie fast vergessen …“ Meine Worte prallten an ihm ab und er lockerte seinen Griff nicht ein wenig. Mit voller Kraft sprang ich vor und biss ihm in die Schulter. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll war seine Antwort und seine Finger drückten fest auf meine Kehle. Dann war alles schwarz.
Ein starker Druck lag auf meinem Hals, als ich mich regte. Meine Sicht war verschwommen, auf nichts konnte sich mein Blick fixieren. Langsam bewegte ich den Kopf.
Der Druck von Veiths groben Fingern hatte eine schmerzende Stelle an meinem Hals hinterlassen und ich berührte sie vorsichtig.
„Du hast einen blauen Fleck da“, hörte ich eine fremde Stimme.
Mein Blick glitt zu den mächtigen Baumkronen über mir, dann sah ich mich um.
„Ich bin Helge“, begrüßte mich ein älterer Mann freundlich, „bleib liegen.“
„Wir sind im Wald“, stellte ich matt fest. Der Mann, der neben mir hockte, war kräftig und unrasiert. Silberne Stoppeln bedeckten seine Wangen bis kurz unter den lustig funkelnden, braunen Augen.
„Wer ist Er?“ Ich benutzte die halbförmliche Anrede, die sich für Menschen schickte, die nicht adlig waren, von denen man aber auch nicht wusste, ob sie rangniedriger waren als man selbst.
„Helge“, er tätschelte ohne Berührungsängste meine Hand. „Und wie heißt du?“
Zögernd strich ich meine Röcke glatt. Das Mädchen, das er sehen konnte, war nicht ich. Es war die Räuberkebse.
„Ich bin Lenchen“, murmelte ich mit gesenktem Blick. Es war mir nicht mehr recht, mit diesem Gesicht Magda genannt zu werden.
„Du hast sicher Fragen, Lenchen?“, Helge grinste.
„Zu viele, um sie zu stellen.“
Helge lachte.
„Fangen wir so an. Wir befinden uns im Ikenwald. Und ich bin hier seit 1525 …“
Als ich hochfuhr, redete er hastig weiter. „Manche sind schon seit 1299 da, andere kamen erst vor kurzem, also 1722 oder 1723 …“
Jetzt konnte ich nicht mehr an mich halten und unterbrach ihn: „1723? Ich bin 1720 gestorben und ich bin erst seit einer Woche tot.“
Nachsichtig lächelnd sagte Helge: „Zeit ist nur eine Illusion. Ein Tag kann eine Woche sein oder zehn Tage oder ein Monat. Der Letzte, der aus dem Nebel kam, sagte, er sei im Winter 1722 erfroren und das war am Tag, bevor du zu uns gestolpert bist. – Jetzt hör mir zu: Die Toten, die am und im Wald den Tod fanden, oder deren Knochen in diesem Areal begraben liegen, kämpfen sich durch den Nebel in unsere Welt. Wir führen unser menschliches Leben innerhalb dieser Grenzen fort. Aber von dem Nebel halten wir uns fern.“ Er sah mich direkt an. „Der Nebel ist tabu!“
„Ich muss nach meiner Tochter sehen.“
„Für dich gibt es keinen Weg zurück. Zudem sind mittlerweile drei oder vier Jahre vergangen. Sie braucht deinen Beistand nicht mehr.“
„Ein Kind braucht immer den Beistand der Mutter, egal, wie alt es ist,“ empörte ich mich. „Es muss einen Weg zu den Lebenden geben.“
Helge schüttelte traurig den Kopf. „Wir sind hier. Für eine Weile, bis unser Weg uns weiterführt.“
Aber ich hörte nicht mehr zu, sondern rappelte mich hoch und lief davon. Mein Weg führte zur Schlucht hinab, was nicht gerade gut war.
Pulsuz fraqment bitdi.