Kitabı oxu: «Marie Heim-Vögtlin - Die erste Schweizer Ärztin (1845-1916)»

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Dr. Adolf Streuli-Stiftung, Zürich
Aargauische Gemeinnützige Frauenvereine
Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit, Zürich
Chan Schrafl, Maur
Walter Stoll & Co., Kaffee-Rösterei, Zürich
Zonta-Club, Zürich
Dieses Buch ist nach den neuen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckige Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Lektorat: Simon Wernly, hier + jetzt
Gestaltung: Christine Hirzel, hier + jetzt
Bildverarbeitung: Humm dtp, Matzingen
©2007 hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden
www.hierundjetzt.ch
eBook-ISBN 978-3-03919-729-3
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Einleitung
Das Kind vom Land – Leben in Bözen
Die Eltern: Henriette Benker und Julius David Vögtlin
Eine durchaus gediegene Mädchenbildung
Rudolfine oder die grosse, städtische Welt
Fritz Erismann, charmanter Rebell und Maries erster Verlobter
«Zu sterben wäre ich freudig bereit gewesen» – Schicksalsjahr 1867
Marie Ritter, die verlässliche Vertraute
Das Brugger Kinderspital und seine Gründerin «Tante Rahn»
Die Würfel fallen
Ein «schüchterner Versuch, vom Baum der Erkenntnis zu naschen»
Erste Schritte in der akademischen Welt
Maries Kolleginnen – «über alle Massen zuvorkommend und liebevoll»
Sophie Heim – von der Freundin zur Schwägerin
Susan Dimock, unternehmungslustige Kollegin, schmerzlich vermisste Freundin
Wie man in den Wald ruft, kommt es zurück – Maries Studienkollegen
«Der liebe Professor war überaus besorgt für uns»
Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert
Die Russinnen kommen – oder: Sturm im Wasserglas
«Jetzt fällt mir der letzte solche Stein vom Herzen» – Studienabschluss
Das «Haus, wo es mir so durch und durch wohl ist» – Marie bei Familie Heim
«An ihrem Ziel das höchste geistige Interesse genommen» – Albert Heim
«… wo die Zitronen blühn» – Marie und Albert auf Hochzeitsreise
Mit Feuer und Flamme für das Frauenstimmrecht
Maries Praxis – das Leben ihrer Wahl
Arnold – Maries «Alleinherrscher»
Im Sommer das «Hüsli», im Winter der Christbaum
Helene und Marie – eine Mutter-Tochter-Beziehung mit Tücken
Die Sternschnuppe – Röslis Geburt und Tod
Der grosse Onkel und sein kleines Geheimnis
«Diese Kinder lasse ich nicht fahren …» – das Ende einer langen Freundschaft
Die Geschichte einer schmerzhaften Ablösung – Arnolds Erwachsenwerden
«Denke an Goethe! Was wäre er als Euer Kind geworden?»
Maries Wunsch: «recht helfen können, nicht nur tröpfliweise»
Von Frauen ins Leben gerufen und von Frauen geleitet – die Pflegerinnenschule
Schwerer Abschied vom Leben
Wie es weiter ging
Anmerkungen
Bibliografie
Bildnachweis
Personenregister
Einleitung
Für mehrere Generationen war Marie Heim-Vögtlin ein wegweisendes Vorbild. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die an der Landesausstellung von 1939 in der Galerie bedeutender Schweizerinnen und Schweizer mit einem Porträt geehrt wurden. Mit der Neuen Frauenbewegung nach 1968 verblasste ihr Stern. Diese Generation stiess sich daran, dass Marie Heim-Vögtlin keiner politischen Bewegung angehörte, dass sie als verheiratete Frau den Schutz eines prominenten Gatten genoss und dass sie private Wohltätigkeit betrieb, statt eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu fordern.
Nachdem diese «Neue» Frauenbewegung ihrerseits ins Alter gekommen ist, fördert ein Blick auf Maries Leben Erstaunliches zu Tage. Genau wie die erste Schweizer Ärztin jonglieren auch heutige berufstätige Familienmütter mit zu vielen Bällen aufs Mal. Marie bewältigte ihren anspruchsvollen Alltag trotz regelmässig wiederkehrenden Migräneattacken. Für sich und ihre Nachfolgerinnen hatte sie das Recht auf Bildung erkämpft. Zahlreiche andere Pionierinnen der alten Frauenbewegung setzten sich ihrerseits für die rechtliche und politische Besserstellung der Frau ein. So veränderte sich in der Schweiz gerade in den letzten Jahrzehnten manches zugunsten der Frauen. Marie hätte sich über das Stimmrecht und die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann gefreut, denn die damalige juristische Benachteiligung der Frau zermürbte sie im Alltag.
Als sich die 23-jährige Marie Vögtlin zum Studium entschloss, hatte sie das Glück, an der Universität Zürich auf verständnisvolle Professoren zu stossen. Solche Männer waren die Ausnahme. Die älteste Schweizer Universität, Basel, liess Frauen erst 1890 zu. Marie stand bereits über zwei Jahrzehnte im Beruf, als der Direktor des Klinischen Instituts für Chirurgie an der Charité Berlin, Ernst von Bergmann, 1896 die Frage nach dem Frauenstudium mit einem Satz abschmetterte: «Ich halte die Frauen zum akademischen Studium und zur Ausübung der durch dieses Studium bedingten Berufszweige für in körperlicher und geistiger Beziehung für völlig ungeeignet.»1 Im Jahr 1900 gab es in der Schweiz erst 26 Ärztinnen, 1928, im Jahr der ersten SAFFA (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit), waren von den rund 3300 in der Schweiz praktizierenden Ärzten 128 Frauen, knapp 3,9 Prozent. In den 1930er-Jahren meldete sich gar eine – allerdings einsame – Stimme in der «Schweizer Ärztezeitung», die Frauen seien vom Medizinstudium auszuschliessen und zum Pflegeberuf hinzuführen, um die Konkurrenz unter Ärzten abzuschwächen.
Der stille Held dieser Biografie ist Maries Vater Julius David Vögtlin. Ohne die Unterstützung dieses konservativen Theologen hätte sie nie ihren Weg gehen können. Er verdient umso mehr Bewunderung, als er persönlich ein Gegner des Frauenstudiums war und aus reiner Liebe zu seiner Tochter handelte. Mutig setzte er sich über die Vorurteile seiner Umgebung hinweg. Nicht nur vertraute er seiner Tochter, er war bereit, für ihre Ausbildung ein halbes Vermögen zu investieren. Die Familienkonstellation erwies sich für Marie ebenfalls als günstig: Die ältere Schwester Anna war bereit, dem verwitweten Vater den Haushalt zu führen. Da der Bruder als Kleinkind gestorben war, standen finanzielle Mittel für eine Ausbildung der Tochter zur Verfügung.
Wäre Marie ein berühmter Staatsmann gewesen, hätten öffentliche Amtsstellen rechtzeitig ihre Dokumente gesammelt und archiviert. Bei Privatpersonen ist die Überlieferung mehr oder weniger zufällig. Kurz nach Maries Tod verfasste die Schriftstellerin Johanna Siebel (1873–1939) eine Biografie. Das Buch erlebte sechs Auflagen, und der Verkauf von 12 000 Exemplaren ist ein Hinweis für das Ansehen, das Marie in jener Zeit genoss. Eine Reihe Briefe, die Siebel zitierte, sind heute verschollen. Bei jenen Briefen, die zum Beispiel im Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich erhalten sind, lässt sich Siebels Zuverlässigkeit überprüfen. Alle direkten Zitate sind korrekt, einzig Auslassungen werden nicht angegeben. In der Regel betreffen diese Auslassungen Drittpersonen. In dieser Biografie werden inzwischen verschollene Briefe, die Siebel wörtlich zitiert, als Quelle benutzt.
Johanna Siebel und die Autorinnen und Autoren der zahlreichen Nachrufe betonen, Marie Heim-Vögtlin sei eine wunderbare Hausfrau und keine emanzipierte Frauenrechtlerin gewesen. Sie verstanden es als Kompliment. Spätere Generationen übernahmen diese Wertung unkritisch und machten Marie die Häuslichkeit zum Vorwurf. Wer die Quellen mit heutiger Brille liest, entdeckt eine junge Frau, die das überlieferte Frauenbild radikal in Frage stellte. Dass Marie daneben eine tüchtige Hausfrau und fleissige Gärtnerin war, sollte niemanden erschrecken. Sie war ebenso eine weit überdurchschnittlich sportliche Bergsteigerin, die einige Professoren von der Gleichwertigkeit der Studentinnen ausgerechnet auf strengen Touren überzeugte, wo sie und ihre amerikanische Freundin mehr Ausdauer als die jungen Männer zeigten.
Von Anfang an war sich Marie bewusst, dass sie im Interesse der Frauen nicht scheitern durfte. Als sie die nachgeholte Maturitätsprüfung bestanden hatte, jubelte sie: «Ich bin doch so froh; niemals dachte ich, dass es so gehen würde; mehr froh noch wegen der Frauen im allgemeinen als wegen mir selbst.»2 Diese Vorbildfunktion war nicht immer einfach.
Maries Gatte, Albert Heim, war bedeutender Geologe und Kynologe und wichtiger Professor am Polytechnikum (ab 1911 Eidgenössische Technische Hochschule ETH). Die Familie überliess seinen und den Nachlass des Sohnes Arnold der ETH. In diesen Nachlässen befinden sich Dokumente, die sich direkt auf Marie Heim-Vögtlin beziehen. Andere Papiere sind indirekt mit ihr verknüpft, wie die betont wissenschaftliche Chronik der Hochzeitsreise oder das Tagebuch, das der Vater über seinen kleinen Sohn Arnold verfasste und das einen Einblick in Alberts Gemütsleben erlaubt. Im Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich sind vor allem Dokumente aus der Studienzeit verfügbar.
Mehr noch als heute lebten die Menschen im 19. Jahrhundert in einem engmaschigen Netz. Auf kleinem Raum wohnte man nahe beieinander, so dass es kaum private Rückzugsmöglichkeiten gab. Innerhalb der Familie besuchte man sich regelmässig oder pflegte fortwährend schriftlichen Kontakt. Marie schrieb beispielsweise ihrer Schwester Anna jede Woche einen Brief. Diese Korrespondenz ist zum grössten Teil verloren, weshalb die Persönlichkeit Anna Vögtlins blass bleiben muss. Von Maries Vater ist kein einziges privates Schriftstück überliefert.

Lauter tüchtige Hausfrauen: Die Schwestern Roth aus Lenzburg, später Elise Ringier-Roth und Emilia Louise Tobler-Roth, Trogen, waren mit Marie befreundet. Im Album für Arnold gibt es immer wieder knappe Hinweise auf Begegnungen. Marie, zweite von links, sitzt im Vordergrund.
Freundinnen waren wichtige Vertraute. Glücklicherweise schrieb Maries Jugendfreundin Marie Ritter aus Schwanden ihre Lebenserinnerungen auf, die einen ausgezeichneten Einblick in das Leben einer unverheirateten, hochintelligenten Frau ihrer Epoche erlauben. Hätte Marie keine Gelegenheit zum Studium gehabt, wäre ihr Leben vielleicht in ähnlichen Bahnen verlaufen. – Für die historische Überlieferung wirkte sich der frühe Tod von Maries amerikanischer Studienfreundin Susan Dimock ebenfalls günstig aus. Die geschockten Freunde sammelten Erinnerungen und veröffentlichten sie als «Memoir», das Einblicke in Studien- und Arbeitsbedingungen jener Zeit gibt.
Andere Freundinnen Maries kennen wir höchstens mit Namen. So gab es mehrere Schwestern Roth aus Lenzburg, die gemäss Alberts Kindertagebuch als «Frau Tobler-Roth oder Frau Ringier-Roth» zu Besuch kamen, aber weiter nicht fassbar sind.
Verschiedene Männer spielten in Maries Leben eine grosse Rolle. Mit ihrem Vater muss sie zutiefst verbunden gewesen sein. Ihr erster Verlobter, Friedrich Erismann, öffnete ihr den Blick auf eine grössere Welt. Als er sie verliess, um Nadejda Suslova, die erste russische Ärztin zu heiraten, fand Marie nach einer schweren Krise die Kraft, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Ihr Ehemann Albert Heim liebte seine Frau und legte ihr keine Steine in den Weg. Seine eigene Berufstätigkeit nahm ihn allerdings voll in Beschlag, sodass Marie in vielem auf sich selbst gestellt war. Eine enge, teils recht konfliktreiche Beziehung verband sie mit ihrem erwachsenen Sohn Arnold. Ihre Freundschaft mit dem Vater ihres Pflegekindes, Johannes Hundhausen, lässt sich nicht mehr dokumentieren, war aber zeitweise sehr herzlich.3
Maries Leben spielte sich vor dem Hintergrund eines rasanten politischen und gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen und technischen Wandels ab. In ihrem Leben spiegelt sich immer wieder diese bewegte Epoche. Marie war zwei Jahre alt, als die erste Eisenbahn zwischen Zürich und Baden den Betrieb aufnahm. Am 3. Oktober 1898 überquerte ihr Gatte im Ballon «Wega» die Alpen, vier Jahre nach ihrem Tod kaufte sich Sohn Arnold 1920 ein Flugzeug. Marie erlebte die Einführung der Elektrizität und des Telefons. Sie war drei Jahre alt, als der Bundesstaat gegründet wurde, als Studentin verfolgte sie 1871 die Entstehung des deutschen Kaiserreichs mit, sie starb mitten im Ersten Weltkrieg, der den Untergang des alten Europa einläutete.
Als Marie zum Studium nach Zürich kam, zählte die Stadt rund 20 000 Einwohner. Im Jahr von Arnolds Geburt, 1882, verkehrte in Zürich das erste Rösslitram. Mit der Eingemeindung der umliegenden Dörfer – auch Maries Wohnort Hottingen gehörte ab dem 1. Januar 1893 zur Stadt – schnellte die Einwohnerzahl auf 121 057. 1901 lebten bereits 150 000 Menschen in Zürich, 1912 über 200 000.
Solche Veränderungen kannten nicht nur Gewinnerinnen und Gewinner. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts taten sich Frauen zusammen, um den Menschen auf der Schattenseite des Lebens beizustehen. Marie Heim-Vögtlin nahm ihre soziale Verantwortung wahr und engagierte sich nicht nur in privater Wohltätigkeit, sondern auch in der Sittlichkeits- und Abstinenzbewegung. Als eine der Gründerinnen der Schweizerischen Pflegerinnenschule schuf sie ein Frauenwerk, das rund 100 Jahre Bestand hatte. Die Privilegien, die sie dank ihrer akademischen Ausbildung genoss, empfand sie – ganz im Geist des 19. Jahrhunderts – stets als Verpflichtung.
Das Kind vom Land – Leben in Bözen
«Ich erlebte meine ganze Kindheit auf dem Lande. Da ich in dem einsamen Dorfe Bözen keine Gespielen hatte, so suchte ich meine Vergnügungen in Feld und Wald und es ist wohl dieser Umstand, dem ich meine spätere Liebe zu Naturwissenschaften verdanke. Die Freude meiner frühesten Kinderjahre, zu denen meine Erinnerung zurück reicht, waren Blumen und Wurzeln auf Wiesen und Feldern zu Hausmitteln zu suchen; ich sammelte Schneckenschalen von allen Arten, erzog Raupen zu Schmetterlingen, beobachtete die verschiedenen Arten von Ameisen und brachte ihnen allerlei Futter […].»1 Mit dieser Beschreibung einer idyllischen Welt beginnt die 25-jährige Studentin Marie Vögtlin einen Lebenslauf, den sie für die Aargauer Erziehungsdirektion schrieb.
Am Zürcher Schreibtisch erinnert sich die junge Frau 1870 an die Abgeschiedenheit ihres Dorfes, an das Fehlen seelenverwandter Freundinnen, an beglückende Naturerlebnisse, an erste wissenschaftliche Neugier. Dann kokettiert sie mit Wissen, das sie sich wohl vor nicht allzu langer Zeit erworben hatte: «Die Glanzpunkte meiner Tage waren die Entdeckungsreisen auf die benachbarten Hügel, wo ich in glühender Sonne stundenlang umher kroch, um die im Jura häufig versteinert vorkommenden Ammonites und die gegliederten Stiele des Haarstern Cuerium liliformis zu suchen.»2 Maries Liebe zur Botanik begleitete sie ein Leben lang, wie Briefe aus der Studienzeit und Fotos der alten Frau belegen.

An ihre Schwester Anna Vögtlin schrieb Marie während Jahrzehnten jede Woche einen Brief, die Korrespondenz ist grösstenteils verschollen. Anna besorgte den Haushalt ihres verwitweten Vaters bis zu dessen Tod.
Marie Vögtlin kam als jüngstes Kind ihrer Familie am 7. Oktober 1845 im Pfarrhaus des «einsamen Dorfes» Bözen zur Welt. Das Aargauer Strassendorf Bözen liegt westlich des eigentlichen Bözbergs, damals die kürzeste Landverbindung von Zürich nach Basel. Bis heute sind in der Nähe Spuren der alten Römerstrasse sichtbar; völlig im Abseits, wie es dem kleinen Mädchen schien, lag Bözen also nicht.
Die Volkszählung von 1850 zeichnet ein buntes Bild von Maries Umfeld. Die Statistik führt neben der fünfjährigen Marie ihre Mutter Henriette Vögtlin-Benker (*1802), den Vater, Pfarrer Julius David Vögtlin (*1813), die zwei Jahre ältere Schwester Anna (*1843) sowie die Dienstmagd Elisabeth Brändli (*1799) als Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses auf – für damalige Verhältnisse eine ausgesprochene Kleinstfamilie. Der ältere Bruder Julius (1842–1843) war im Alter von knapp einem Jahr gestorben und bleibt unerwähnt. – Das Pfarrhaus selbst wurde 1824/25 als schlichtes, klassizistisches Gebäude errichtet. An der Rückseite befindet sich eine Holzlaube über vier dorischen Eichen-Säulen.3 In Maries Kindheit war die Liegenschaft recht modern, aus heutiger Sicht wirkt sie romantisch und bescheiden.
Am Stichtag der Volkszählung hatte die Gemeinde 539 Einwohner, die vornehmlich in Landwirtschaft und Rebbau – rund 50 Hektaren – tätig waren. Während Maries Kindheit besserten zahlreiche Haushalte ihr mageres Einkommen mit dem Zurichten von Stroh für die Strohindustrie auf.4
In Bözen lebten der Gemeindeschreiber, je ein Wagner, Krämer, Küfer und Steinhauer, zudem jeweils ein Drechsler, Wegknecht, Stationsadjunkt, Bäcker und Schmied. Es gab je zwei Metzger, Zimmerleute und Schreiner, Näherinnen und Maurer, ebenfalls zwei Wirte und zwei Postillione (Postkutscher). Später wurde Marie Zeugin des Eisenbahnbooms, doch während ihrer Kindheit bedeutete die Pferdepost Mobilität.

Im Pfarrhaus in Bözen kam Marie 1845 zur Welt und verbrachte da ihre Kindheit.
Die Schneider waren zu viert, man zählte diverse Dienstmägde, Dienstknechte sowie Lumpensammler-Landarbeiter. Der Pfarrer mit seinem Siegrist und schliesslich ein Johann Heuberger (*1764), der als Beruf «Capitalist» angab, waren vermutlich zusammen mit dem «medicinischen Doktor», dem 1817 geborenen Johann Gottlieb Märk, so etwas wie die Prominenz des Ortes. – Im Dorf lebten auch einige Fremde: Vier Dienstknechte, zwei Dienstmägde und die beiden Postillione stammten aus dem benachbarten Grossherzogtum Baden. – Am Stichtag hielten sich andererseits 20 Bözener im Ausland auf, 19 lebten in Amerika und einer in Frankreich.5
Die zwei Schullehrer betreuten jeder eine Abteilung, die Unter- und die Oberstufe. 1825 hatte Bözen diese Aufteilung eingeführt und für die Oberstufe Johannes Kistler eingestellt. Dieser war einer der ersten Aargauer Schulmeister, der eine fachliche Ausbildung im damals neu gegründeten Lehrerseminar besucht hatte. Seine Klasse zählte jeweils zwischen 60 und 70 Kinder. Zu Beginn seiner Laufbahn erhielt er eine Entschädigung von jährlich 130 Franken. Über fünf Jahrzehnte prägte er das Schulleben, erst am 28. Mai 1878 ging er in Pension.6
Unter mühseligen Bedingungen produzierten Kleinbauern auf winzigen Flächen für den Eigenbedarf. Im Dorf gab es zudem eine Anzahl Rebberge. 1866, zwei Jahre nachdem Marie mit ihrer Familie Bözen verlassen hatte, fand eine Viehzählung statt. Sie erlaubt einen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse. In Bözen lebten im Stichjahr 1866 82 Kühe, 99 Schweine und 85 Ziegen, jemand besass zwei Schafe, keiner der Bauern hatte ein Pferd.7 Der Charakter dieses Viehbestands deutet auf ein armes Dorf, man zählte mehr Ziegen als Kühe, die Milch diente in erster Linie der Selbstversorgung. – Im April 1902 machte Marie mit ihren Kindern einen Ausflug nach Bözen und zeigte ihnen ihr Geburtshaus und «Grossdättes» Kirche. Ihr Sohn Arnold hielt das Ereignis fotografisch fest: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts holten die Frauen Wasser am Dorfbrunnen.8

Im April 1902 fotografierte Maries Sohn Arnold auf einem Familienausflug den Dorfbrunnen in Bözen. Noch immer holten die Frauen hier das Wasser.
Die kleine Pfarrerstochter ging nicht nur in der freien Natur auf Entdeckungsreise, sondern half – wie die Bauernkinder ihrer Umgebung – tüchtig mit: «Daneben arbeitete ich viel auf dem Feld mit unsern Tagelöhnern, und mein grösster Stolz war, wenn ich ebenso schwer geladene Kartoffelkörbe, ebenso grosse Garben wie unsere Nachbarskinder nach Hause tragen konnte.»9 Ihre Biografin Johanna Siebel berichtet über Maries Kindheit: «Die kleinen Mädchen wurden streng gehalten, mussten stundenlang nähen und stricken, und für geringfügige Vergehen wurden sie mit Freiheitsstrafen bedacht.»10 In Maries Lebenslauf für die Aargauer Regierung sind Handarbeiten kein Thema. Für eine junge Frau waren solche Fertigkeiten selbstverständlich und, im Gegensatz zu den Naturbeobachtungen, für Maries angestrebtes Berufsziel unerheblich.
Die sonnige Erinnerung an das Bözen ihrer Kindheit steht in merkwürdigem Gegensatz zu tragischen Vorfällen, die in jenen Jahren den Kanton Aargau und die künftige Schweiz erschütterten. In Maries Geburtsjahr schlossen sich die katholischen Kantone zum Sonderbund zusammen – ein Entscheid, der 1847 den bislang letzten innerschweizerischen Bürgerkrieg auslöste. Erst nach dem Sieg über die «Sonderbündler» war ein moderner Bundesstaat möglich, gab es Platz für die neue Schweiz. Ob die dreijährige Marie «hinter den sieben Bergen» etwas davon mitbekam? Ihre etwas ältere Freundin Marie Ritter (1842–1933) beschrieb in ihren Lebenserinnerungen den Abmarsch der Soldaten in ihren farbigen Uniformen.
Doch zurück ins Jahr 1845. Damals vernichtete eine Pilzkrankheit, die Braunfäule, europaweit die Kartoffelernte. Innert weniger Wochen wurden grüne Felder braun, die Erdäpfel schrumpften schon im Boden und waren ungeniessbar. – Bereits seit rund hundert Jahren waren Kartoffeln im Aargau ein Hauptnahrungsmittel der Kleinbauern und Kleinhandwerker. Deshalb hatte die Kartoffelfäule vor allem für die arme Bevölkerung verheerende Folgen. In zahlreichen Gemeinden mussten Sparsuppenanstalten die Menschen vor Hunger und Krankheit bewahren. Diese Katastrophe läutete eine Auswanderungswelle ein. Die Missernte von 1850 war ein weiterer Rückschlag für arme Dorfbewohner. 1854, auf dem Höhepunkt der Auswanderung, suchten 41 Bözener ihr Glück in Übersee.11
Wie erwähnt, war Marie im Lauf ihres Lebens Zeugin, wie die Schweizer Industrie aufblühte und wie ihre Heimat zum Eisenbahnland wurde. 1847 fuhr die sogenannte Spanischbrötlibahn zwischen Baden und Zürich. Während ihrer Kindheit stritt man sich heftig über die Frage des Verlaufs der Bahnlinien. Grosse wirtschaftliche und lokale Interessen standen auf dem Spiel. Durch welche Gegenden sollte beispielsweise die Bahnlinie von Baden in Richtung Basel führen? Die Zürcher «Handels- und Gewerbezeitung» kommentierte: «Der Plan [einer Bözbergbahn] erhält eine europäische Wichtigkeit. Der diametrale Handelsweg über die Landenge von Suez nach Ostindien kann für den Westen Europas keine kürzere Route einschlagen.»12
Maries Landschaft als Teil der grossen Welt – ein Punkt auf der Landkarte zwischen Paris und dem 1869 eröffneten Suez-Kanal? Maries Bözener Träume waren handfester. In jenem Jahr 1869 schrieb die Studentin aus Zürich an ihren Vater, sie habe von der Pfarrwahl in Bözen geträumt: «Am Himmelsfahrtstag früh träumte ich so lebhaft, ich war in der Kirche von Bözen und sah, wie man die Stimmen zählte und Herr Keller hatte die Mehrheit für sich.»13 Jakob Keller wurde tatsächlich gewählt.
Während ihres ganzen Lebens blieb das Dorf in Maries Briefen gegenwärtig. Wenige Wochen vor ihrem Tod bat sie ihre Schwester Anna um Hilfe: «Wo muss man dies Jahr Härdöpfel hernehmen? […] Wie steht es wohl damit in Bözen? Haben sie gute und übrig zum Verkaufen? Ich würde ja den höchsten Preis bezahlen. Und dann nimmt mich wunder, wie es dort dem Chüeli geht.»14 Wie in ihrem Geburtsjahr waren auch 1916 die Kartoffeln im Boden verfault.
Die Eltern: Henriette Benker und Julius David Vögtlin
Maries Mutter Henriette Benker stammte aus einer Thurgauer Theologendynastie. Ihr Vater – Maries Grossvater – Johann Ulrich Benker1 (1766–1850) war Theologe wie schon zuvor sein Vater, sein Grossvater und der ältere Bruder. Einzig der jüngere Bruder Conrad entzog sich der Familientradition und wurde Arzt. Gute Stellen waren damals rar, junge Theologen warteten oft jahrelang auf ein geregeltes Auskommen und sahen sich gezwungen, eine Familiengründung immer wieder aufzuschieben. In Benkers Heimatstadt Diessenhofen hatte sich bereits Johann Ulrichs Bruder Leodegar niedergelassen, als sich mit dem Untergang des Ancien Régime Johann Ulrich Benker eine unerwartete Karrieremöglichkeit eröffnete.
Nach dem Einmarsch der französischen Truppen brach 1798 die Alte Eidgenossenschaft zusammen. Die meisten Berner Theologen, die bis anhin die kirchlichen Ämter im Aargau besetzt hatten, zogen sich überstürzt aus dem ehemaligen Untertanenland zurück.2 Die militärische Besetzung brachte viel Leid ins Land, doch eröffneten die Wirren manchen Menschen auch neue Perspektiven. Maries Grossvater nutzte seine Chance, verliess die thurgauische Heimat und wanderte aus.
Ein Blick auf Benkers Stammbaum zeigt eine Familiengeschichte, wie sie für jene Epoche typisch ist. Innerhalb von 24 Jahren brachte Johann Ulrichs Mutter neun Kinder zur Welt. Susanne Benker-Huber, Maries Urgrossmutter, wurde 39 Jahre alt und starb vermutlich in Zusammenhang mit der Geburt ihrer jüngsten Tochter. Drei Buben und drei Mädchen hatte sie als Kleinkinder verloren, nur drei Söhne – die beiden Theologen und der Mediziner – erreichten das Erwachsenenalter. Beim Tod seiner Mutter war Johann Ulrich elf, sein jüngster Bruder, der spätere Arzt, ein Jahr alt. Sterben war in jener Zeit allgegenwärtig und nicht wie heute mit Alter oder Gebrechlichkeit verknüpft.
Johann Ulrich Benker hatte in Zürich und Halle Theologie studiert. Von 1787 bis 1800 wirkte er in seiner Heimatstadt Diessenhofen, dann setzte er seine Laufbahn als Provisor in Brugg fort. 1801 wurde er Lateinlehrer und Klasshelfer. In Brugg kam 1802 die Tochter Henriette, Maries Mutter, zur Welt. Drei Jahre später verheiratete sich Johann Ulrich zum zweiten Mal.3 1808 schaffte Benker den Sprung ins Pfarramt Bözen, 1813 verpflanzte er seine Familie nach Schinznach-Dorf.
Bis zu ihrer späten Heirat lebte und arbeitete Henriette Benker im elterlichen Haus. Nach der Kindheit in Bözen verbrachte sie ihre Jugend in Schinznach-Dorf, wo der Pfarrer damals gleichzeitig auch Zivilstandsbeamter, Schulinspektor und Sittenrichter war. Als einziger Auswärtiger hatte Johann Ulrich Benker im Sittengericht allerdings einen schweren Stand. Niemand wollte sich mit Wirtsleuten anlegen, die sich nicht an das Gesetz hielten. So donnerte er am 28. November 1813 von der Kanzel: «[…] ein solches Unwesen ist besonders in der gegenwärtigen Zeit sündlich, wo Gottes Führsehung uns durch das Stillestehen der Gewerbe, durch Misswachs in den Weinbergen und durch die Gefahr, in der sich unser Vaterland befindet, vom herrschenden Leichtsinn heilen und zum Ernst, zur Mässigkeit und Nüchternheit führen will.»4
Benkers Weltbild stand im Einklang mit seiner Zeit. In der aargauischen Kirche war in der Predigt zu Herzen gehende Erbauung nicht gefragt: «Vernunftgemässe Tugendlehre und staatserhaltende Pflichterfüllung waren die Hauptthemen.»5
Die folgenden Jahre brachten neues Elend. Mit der Verbannung des Kaisers nach St. Helena war die napoleonische Epoche 1815 endgültig zu Ende, doch konnten die Europäer noch immer nicht aufatmen. 1816 herrschte nasskaltes Wetter: «An keinem Baum war Obst zu finden, die Weinreben blühten spärlich im August, die Trauben erfroren vor Michaeli, die Kornernte begann Ende August, […] der Hafer wurde im Christmonat und im Jänner noch unter dem Schnee hervorgesucht. Die Kartoffeln waren verfault, das Futter vergraut.»6 Nicht nur die bisherigen Armen, auch rechtschaffene Familienväter gerieten in Not. Das Pfarrhaus war gefordert.
Pfarrer Benker empfahl die Verteilung der sogenannten Rumfordischen Suppe und anerbot sich, «dieselbe in seinem Hause und von seinen eigenen Leuten bereiten zu lassen.»7 Es meldeten sich 52 Familien, an die im Februar 1817 pro Tag 133, im März 169 und im April 183 Portionen ausgeteilt wurden.
Die Rumfordische Suppe war eine Armenspeise, die nach dem Rezept des Amerikaners B. Thompson – «Graf Rumford» – gekocht wurde. Im Protokoll der Armenpflege beschreibt Benker die Zutaten: «Es wurde beschlossen, unter den verschiedenen Rezepten dasjenige auszuwählen, welches die Aargauische Kulturgesellschaft bekannt gemacht hat. Es besteht dasselbe für 100 Portionen aus 38 Maass Wasser, 6 Mässlein Habermehl, 8 Mässlein Erdäpfeln, ½ Pfund Anken, 1 Pfund Salz und 6 Pfund Brot.»8 Mit keinem Wort werden die Frauen des Hauses erwähnt, die diese grosse Zusatzarbeit leisteten.
Benker vertrat eine harte Linie. Teuerung und Hunger hatten in diesem Unglücksjahr 1817 sieben Kinder veranlasst, täglich Lebensmittel zu stehlen. In der Schule wurden sie mit der Rute bestraft, ihre Eltern vor die Armenpflege zitiert, der Pfarrer hielt eine Predigt, alles umsonst. Schliesslich verfügte der Oberamtmann auf Bitte Benkers, «dass der Landjäger die ertappten sieben Kinder vor Anfang des Morgengottesdienstes zur Kirche führen, dieselben in dem Chor auf eine besondere Bank setzen, nach vollendetem Gottesdienst aber sie vereint mit ihren Vätern und Müttern in Gegenwart der ganzen Gemeinde vor das ehrenwerte Sittengericht stellen soll […].» Zum Schluss kommentiert der Pfarrer: «Dies geschah an dem heutigen Tage, zur Zufriedenheit und Sicherstellung aller Rechtschaffenen und hoffentlich zur Warnung so vieler […].»9
Im Alter von 63 Jahren traute sich Benker letztmals eine neue Aufgabe zu. Er liess sich 1829 nach Schöftland wählen, wo er 1850 im Amt starb. In seinem neuen Wirkungskreis betreute er fast 4000 Gläubige, ein Riesenpensum für einen älteren Herrn, kein Wunder also, dass ihm ein junger Vikar wie Julius Vögtlin zur Seite stehen musste. Zudem hatte Benker allerhand Ärger mit seinem Umfeld. Mit der Schulpflege stritt er sich wegen der Ansetzung des Konfirmandenunterrichts, der mit dem Stundenplan der Bezirksschule kollidierte. Auch der Staat machte ihm gelegentlich das Leben schwer. So sollte die Pfarrscheune in ein Schuloder ein Spritzhaus umgewandelt werden.10 Trotzdem war er mit seinem Schicksal nicht unzufrieden. Es wäre undankbar gewesen, den Kanton Aargau zu verlassen, da habe er viel Freundschaft und Zuneigung erfahren, schrieb er neun Monate vor seinem Tod.11
Der Bildungsstand der männlichen Angehörigen der Familie Benker beeindruckt. Dies umso mehr, als damals ein Grossteil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte und der Besuch der Universität ein Vermögen kostete. Immerhin gab es in Diessenhofen eine ausgezeichnete Lateinschule, sodass die Grundausbildung lokal gesichert war. Als sich die Thurgauer in den 1830er-Jahren ernsthafte Gedanken zur Verbesserung der Lehrerbildung machten, organisierten die Verantwortlichen aufgrund der Lateinschule an diesem Ort einen ersten Kurs. Die Behörden vertrauten dem Ortspfarrer Leodegar Benker den erfolgreichen Lehrgang an. Leodegars Sohn wandte sich als Theologe ebenfalls der Pädagogik zu. Henriette Benker kannte diesen Cousin von seinen Besuchen in Schinznach-Dorf.12 Er wurde zum ersten Rektor der neu gegründeten Thurgauischen Kantonsschule in Frauenfeld ernannt.13 Benkers durften sich zur Thurgauer Bildungselite zählen, die von den Errungenschaften des 19. Jahrhunderts unmittelbar profitierte.
Mit weiblicher Gelehrsamkeit dagegen taten sich diese bildungsfreudigen Männer schwer. Über Henriette Benker schreibt Johanna Siebel: «In ihrer Jugend ein hochstrebender Mensch, geistreich und witzig und voller Ideale, war Henriette Benker durch die Macht der Zeitverhältnisse, die sich der harmonischen Entwicklung der Frau entgegenstellte und sie in Haus und Küche bannte, nicht dazu gelangt, ihre Talente auszubilden. Ihr grosser Wunsch, Lehrerin zu werden, scheiterte an der Strenge ihres Vaters, der trotz leidenschaftlichen, kniefälligen Flehens von einer beruflichen Ausbildung der Tochter nichts wissen wollte. Auch die übrigen aristokratischen Verwandten stellten sich mit ihren starren Anschauungen dem Bildungsverlangen des Mädchens entgegen.»14

Maries Mutter, die Pfarrerstochter Henriette Vögtlin-Benker, heiratete spät und war oft krank. Sie muss eine für ihre Zeit gebildete Frau gewesen sein.
Es ist unbekannt, wie es Henriette Benker gelang, sich trotz ungünstigem Umfeld eine gewisse Bildung anzueignen, denn, berichtet Marie, ihre Mutter habe sie in «Französisch und Clavier» unterrichtet.15
1829 folgte Henriette ihrer Familie nach Schöftland. Dort begegnete sie dem viel jüngeren Vikar ihres Vaters, Julius David Vögtlin, und entschloss sich zu einer späten Ehe. Sie hatte Zeit gehabt zu lernen, was die Gesellschaft von einer Frau Pfarrer erwartete.
Maries Beziehung zu Henriette bleibt ein Geheimnis. Nach einer recht stürmischen Pubertät verlor sie als 19-Jährige ihre Mutter. In ihren Briefen taucht ihre Mutter nicht mehr auf. Nur einmal – vermutlich im Sommer 1867 – spricht sie von ihr zu Marie Ritter: «Wenn ich bei Dir bin, so fühle ich mich wie ein ganz kleines Kind von Dir geschützt und behütet; es ist ein Gefühl ganz ähnlich dem, was ich für meine Mutter hatte, als ich noch ein kleines Kind war. Aber auch ebenso wenig als damals für sie, kann ich jetzt für Dich tun.»16
Ihrem Vater, dem konservativen Theologen Julius David Vögtlin, stand Marie sehr nahe. «Wenn doch mein Vater ein anderes Amt hätte! Er ist auf der äussersten Rechten, und zwar einer von denen, welche es kaum der Mühe wert halten zu polemisieren, weil die Ansichten der Gegner ihm unmoralisch vorkommen […]. Wunderbar ist die Kombination von soviel natürlicher Güte und Gerechtigkeitssinn mit diesen Theorien. Wunderbar namentlich seine Toleranz mir gegenüber. Er sucht nie eine Kontrolle auf mich auszuüben, er lässt mir die absoluteste Freiheit, und trotz meiner für ihn verwerflichen Theorien hat er zu mir das vollkommenste Vertrauen. – Aber nun musst Du daraus nicht ein Vorurteil gegen meinen Vater schöpfen, – erinnere Dich an die Selbständigkeit, an die Stärke, mit der er meinen Gegnern widerstand, nachdem er sich einmal entschlossen hatte, mich ziehen zu lassen, und du wirst ihn darüber wie ich bewundern und lieben.»17
Mit kritisch-zärtlichen Worten beschrieb Marie Vögtlin ihrem Verlobten Albert Heim die Persönlichkeit Julius David Vögtlins (1813–1894). Sie war ihm zutiefst verbunden, wie die Briefe aus der Studienzeit zeigen. Nachdem sich Julius durchgerungen hatte, seine Tochter den Beruf ihrer Wahl lernen zu lassen, war er offensichtlich stolz auf sie. Nur wenige Monate nach Studienbeginn schrieb Marie: «Mein lieber Vater scheint nun völlig beruhigt; er ist sehr guter Dinge –, hört sehr gern von allen meinen Angelegenheiten und erzählt andern gern davon.»18 Auch als berufstätige Frau besuchte Marie ihren Vater regelmässig in Brugg, der glückliche Grossvater tauchte gelegentlich in Zürich auf.19
Aus Julius’ Feder sind keine Originaldokumente erhalten, Maries Antworten lassen seine Sicht der Dinge nur vermuten, einiges lässt sich rekonstruieren. Im Vergleich zu anderen Vätern seiner Generation verbrachte der Pfarrherr während Maries Kindheit recht viel Zeit mit seiner kleinen Tochter. So gab er ihr Unterricht in Deutsch und Rechnen. «Von ihm lernte Marie die Pflanzen und Gesteine ihrer Heimat nach Namen und Eigenschaften kennen; unter seiner Leitung legte sie auch systematisch die ersten Sammlungen an und vertiefte ihr grosses Interesse für Naturgeschichte», ergänzt Siebel Maries Beschreibungen in ihrem Lebenslauf.20 Die Tochter begleitete den Vater auf seinen Gängen zu den Pfarreiangehörigen. Früh entwickelte sie einen Sinn für soziale Verpflichtungen, der ihr bis zum Lebensende erhalten blieb.
Die Vögtlins sind ein altes Brugger Bürgergeschlecht. Wie bei Henriette finden sich auch in Julius’ Stammbaum Theologen. Sein Vater sowie sein Grossvater dagegen arbeiteten bei der Post, Maries Urgrossvater als Postcommis in Brugg, ihr Grossvater als Postkontrolleur in Aarau, ein Amt, das mit der Führung einer heutigen Kreispostdirektion vergleichbar ist.21
Am 8. November 1830 immatrikulierte sich Julius an der theologischen Fakultät der Universität Basel.22 Sein um ein Jahr älterer Bruder Jakob Samuel studierte dort bereits Jurisprudenz, was dem 17-Jährigen den Abschied von zu Hause bestimmt erleichterte. Die Studienzeit fiel in eine unruhige Epoche. Nach der Pariser Julirevolution von 1830 forderten Liberale die Revision und Modernisierung des Bundesvertrags von 1815. Ein bürgerkriegsähnlicher Konflikt lag unmittelbar vor der Basler Haustüre. Julius’ Studienkollege Johann Georg Ritter erinnerte sich: «Die ganzen zwei Jahre meines Basler Aufenthaltes waren erfüllt mit Kriegslärm. Professoren und Studenten taten Militärdienst, De Wette stand Schildwache.»23 Der Schildwächter De Wette lehrte Neues Testament. – Nach längeren Wirren und einer bewaffneten Auseinandersetzung, die 67 Menschen das Leben kostete, anerkannte die Tagsatzung 1833 die Aufspaltung Basels in die beiden Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Ganz besonders schmerzlich war für die Stadt die Aufteilung des Vermögens.

«Wunderbar namentlich seine Toleranz mir gegenüber», schrieb die junge Marie über ihren Vater, den Pfarrer Julius David Vögtlin.
Julius David Vögtlin war Mitglied der 1819 gegründeten Studentenverbindung Zofingia.24 Ihre Devise lautete: Vaterland, Freundschaft, Wissenschaft. Vögtlins Karteikarte vermerkt, dass er keine Chargen übernommen hat. Der Verein förderte das Chorsingen, Turnen, organisierte patriotische Feste und wünschte eine Bundesverfassung, wie sie schliesslich 1848 verwirklicht wurde. In welchem Mass sich der – in den Augen seiner Tochter – konservative Julius mitreissen liess, ist nicht bekannt.
Wie immer er sich dazu stellen mochte, Zeitfragen interessierten Julius. Gemäss Vorlesungsverzeichnis besuchte er im ersten Semester neben theologischen Veranstaltungen «Die Geschichte der letzten 40 Jahre oder neueste Geschichte» bei Friedrich Kortüm. Im folgenden Sommersemester 1831 hörten die beiden Brüder Vögtlin die «Geschichte der gegenwärtigen Zeit».25 Friedrich Kortüm war eine berufene Persönlichkeit, um über Gegenwartsgeschichte zu referieren. In jungen Jahren hatte er an den Freiheitskämpfen der Deutschen und der Spanier gegen Napoleon teilgenommen, fand Zuflucht vor den Verfolgungen der Reaktion in der Berner Erziehungsanstalt Hofwil und kam dann für kurze Zeit nach Basel. Seine Laufbahn beendete er als gefeierter Professor in Heidelberg.26 Mit Kortüm lernte Julius einen Vertreter jener deutschen Gelehrten kennen, denen später auch seine Tochter Marie begegnete. Es waren Männer, die sich neben ihrer wissenschaftlichen Berufung zumindest zeitweise politisch engagierten und denen die jungen Schweizer Hochschulen, Zürich, Bern und das Eidgenössische Polytechnikum, viel verdankten.
Wenige Monate nach Studienbeginn starb Julius’ Vater. Die Witwe Verena Vögtlin-Erismann kehrte mit der einzigen Tochter Rosa nach Brugg zurück, wo sie ihren Gatten um über drei Jahrzehnte überlebte. Ob der Tod des Vaters die jungen Studenten in eine finanzielle Klemme brachte? Am 8. Oktober 1831 reichte Julius ein Stipendiengesuch ein: «Die Candidaten Frey und Voegtlin bitten um eine Unterstützung zur Fortsetzung ihrer Studien in Berlin oder doch um Prolongation ihrer bisherigen Beneficien und Stipendien.»27 Die Antwort liegt nicht vor.
Julius’ Studienfreund Johannes Georg Ritter schildert die Reise der drei Theologen nach Berlin. Zunächst rüsteten zwei Professoren die jungen Männer mit Empfehlungsschreiben für die Berliner Kollegen Schleiermacher und Neander aus. Dann ging es mit der französischen Post nach Strassburg: «Von da nach Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim, Mainz, Coblenz, Wiesbaden, Frankfurt, Leipzig, Wittenberg […]. Ich […] sage nur, dass wir in Frankfurt Schnyder von Wartensee und den jungen Fichte und in Leipzig Alexander Schweizer kennen lernten; dass wir die Festung Ehrenbreitenstein genau besichtigten und einem Manöver beiwohnen durften; auf der Wartburg und in Weimar vergangener Zeiten gedachten.»28 Ritter kommentiert die damalige Art des Reisens: «Reisen überhaupt, aber besonders solche, wie man sie damals machte, nicht im Eisenbahnwagen, sondern bald zu Fuss, bald mit einem Hauderer [= Lohnkutscher], der überall, auch auf dem Lande, die Pferde füttern und warten muss, haben etwas Befreiendes, Bildendes. Meine Reise nach Berlin hat mir mehr genützt, als ein fünftes Semester in Basel hätte tun können.»29
Die Schweizerkolonie an der Universität Berlin zählte 75 Studierende. Die Neuankömmlinge fanden freundliche Aufnahme: Am Donnerstag traf sich die Gruppe jeweils zu einer gemeinsamen Kneipe. Nach Schleiermachers Tod verliess Julius mit zwei Kollegen Berlin, Ritter blieb länger in Deutschland. Doch auch Julius wagte sich nochmals in die grosse Welt hinaus. Seinen zweiten Urlaub von der Universität Basel verbrachte er im Wintersemester 1833/34 in Bonn.
Julius’ Beziehung zu Ritter hatte später für Marie unmittelbare, glückliche Folgen. Wie zuvor ihre Schwester Anna freundete sie sich mit Ritters Tochter Marie und deren Bruder Johannes an. Schwanden, wo Johann Georg Ritter während Jahrzehnten als Pfarrer wirkte, wurde für Marie zum wichtigen Bezugspunkt. Marie Ritter begleitete Marie Vögtlin als treue Freundin durchs Leben. Die an sie gerichteten Briefe sind eine der wichtigsten Quellen dieser Studie. Auf die Schwandener war in jeder Hinsicht stets Verlass, wie sich noch und noch zeigen wird.
Julius begann seine berufliche Tätigkeit als Vikar in Kulm, dann zog er zu Pfarrer Benker nach Schöftland. Am 22. Oktober 1840 heiratete er die Tochter seines Vorgesetzten. 1842 liessen sich Henriette und Julius in Bözen nieder. Für Henriette war es eine Art Heimkehr. Wie wir uns erinnern, hatte ihr Vater zwischen 1808 und 1813 fünf Jahre hier gewirkt. Fast das ganze Eheleben der Vögtlins spielte sich in diesem Dorf ab, hier kamen die Kinder zur Welt, hier erlebten sie Schmerzliches, wie den Tod des kleinen Sohnes Julius, verschiedene Fehlgeburten, die Kränklichkeit Henriettes, und hier in Bözen verbrachte Marie ihre «Kindheit auf dem Lande».
Eine durchaus gediegene Mädchenbildung
«Ich wage nun […] dennoch vor Sie hinzutreten, indem ich Sie erinnere an die grossen Schwierigkeiten, welche einem Mädchen in den Weg treten, das sich eine Bildung zu verschaffen wünscht, ähnlich derjenigen, zu deren Erlangung den jungen Männern alle Thüren offen stehen. Wäre mir früher Gelegenheit geboten worden, ein Gymnasium zu besuchen, so hätte ich mich glücklich genug geschätzt, dies zu thun und in diesem Falle würde ich auch keine Schwierigkeit gehabt haben, allen Forderungen einer normalen Maturitätsprüfung zu entsprechen.» 1
Mit deutlichen Worten beklagte sich Marie in ihrem Gesuch um Zulassung zur Maturitätsprüfung an der Kantonsschule Aarau über die fehlenden Bildungschancen für Mädchen. Sie wusste, dass ein Pfarrerssohn mit ihrer Begabung das Gymnasium besucht hätte. Ihre spontane intellektuelle Neugier liess sie früh Fragen stellen, auf die eine traditionelle Mädchenbildung keine Antwort hatte. Vor allem vermisste sie gründliche naturwissenschaftliche Kenntnisse. Nach dem Entscheid zum Studium verbrachte Marie Jahre damit, Lücken in ihrem Allgemeinwissen zu stopfen.
Bei ihren Zeitgenossen hätten Maries Bemerkungen Kopfschütteln ausgelöst, denn in deren Augen schien ihre Bildung richtig «gediegen». Die Eltern Vögtlin hatten sich redlich bemüht, der Tochter einen soliden schulischen Rucksack auf den Lebensweg mitzugeben, und dafür weder Aufwand noch Kosten gescheut. In den modernen Fremdsprachen Französisch und Englisch beispielsweise war sie jungen Männern überlegen. Allerdings sollte sie ihre Schulung nicht auf wissenschaftliches Denken oder einen Beruf, sondern auf das Leben einer Ehefrau ihrer Gesellschaftsschicht vorbereiten. Dazu gehörten handwerkliche Fertigkeiten wie Nähen, Stricken, Flicken, Sticken, Kochen, aber auch Fremdsprachenkenntnisse und eine gewisse musikalische Bildung. In den Jahrhunderten vor Radio und Schallplatte hörte man nur Musik, die man selbst machte. Einzig in Städten gab es ein bescheidenes Konzertleben. Marie spielte Klavier und in der Kirche Harmonium;2 auch in späteren Jahren sang sie häufig und offensichtlich gerne. Doch all das war der jungen Frau zu wenig.
Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts fällt auf, dass Marie stets privat unterrichtet wurde. An der Universität nutzte sie erstmals das Angebot einer öffentlichen Institution. Über ihre Grundausbildung berichtet sie: «Bis zum zwölften Jahr wurde ich aber nicht zu strenger Arbeit angehalten, sondern trieb mit aller Musse die Elementarfächer entsprechend den Stadtschulen für Kinder meines Alters. Mein Vater lehrte mich Deutsch und Rechnen, meine Mutter Französisch und Clavier, und bei meinem Lehrer, der die übrigen Schulfächer übernommen hatte, trieb ich mit vorzüglicher Freude Schweizergeographie, Singen und Zeichnen.»3 Interessant ist der Hinweis auf die Stadtschulen. Offenbar hatte die Familie Vögtlin Vorbehalte gegen die Bözener Dorfschule und setzte die Latte für ihre Tochter etwas höher. Ob es in einer Aargauer Dorfschule zuging wie auf den Bildern Albert Ankers?
Siebel glaubte, die schwächliche Gesundheit der Mutter sowie Konflikte zwischen den beiden Schwestern Marie und Anna hätten die Eltern veranlasst, die Zwölfjährige zur weiteren Ausbildung zu Jakob Immanuel Hunziker und seiner Frau ins Pfarrhaus in Thalheim zu schicken.4 In Maries Thalheimer Zeit fällt Annas Welschlandaufenthalt in Montmirail 1859.
In einer grosszügigen Liegenschaft aus dem 18. Jahrhundert betrieben Hunzikers eine kleine Pension.5 Marie beschreibt diese erste Internatszeit: «Mit zwölf Jahren kam ich, da in unserem kleinen Dorf keine Gelegenheit zu weiterer Ausbildung geboten war, in eine kleine Privatmädchenanstalt im Aargau, wo ich während der folgenden 3½ Jahre unterrichtet wurde. Hier fing ich an, Englisch zu lernen, und da wir nur abwechselnd Französisch und Englisch sprechen durften, so lernte ich rasch, mich etwas in diesen Sprachen zu unterhalten. Ich genoss guten Unterricht in allen Schulfächern; Naturwissenschaft trat in den Hintergrund, dagegen trieb ich mit grosser Freude allgemeine Weltgeschichte, Geographie, Rechnen, Zeichnen und Musik. Unsere Anstalt war in einem völlig abgeschlossenen Dorf, wir hatten keine Gelegenheit, mit anderen Mädchen zusammen zu kommen, um so grössere Freude hatten wir am Lesen, und ich werde nie den tiefen Eindruck vergessen von den Abenden, als uns zuerst Götz von Berlechingen, Schillers Wallenstein und Jung frau von Orléans vorgelesen wurde. An den Sonntagen pflegten wir die Kinder des Dorfes zu versammeln und hielten ihnen, in viele Classen abgetheilt, Schule.»6

Im Pfarrhaus in Thalheim AG besuchte Marie mit zwölf Jahren als Internatsschülerin den Unterricht bei Pfarrer Jakob Imanuel Hunziker und seiner Gattin.
Gerade die «Jungfrau von Orléans» war Marie aus nahe liegenden Gründen ans Herz gewachsen: eine junge Frau, die ihrer Berufung folgt und Grosses leistet. In ihrem Maturitätsaufsatz über die Rolle der Frauen in der Geschichte schreibt sie: «AUS DEM VOLKE sind keine Frauen hervorgegangen, welche DIREKT ihrem Staat in der Administration desselben Dienste geleistet haben, selten solche, welche ihrem Vaterland durch ihren Arm gedient haben. Die grösste und unvergesslichste Frau, welche, von reiner Vaterlandsliebe getrieben, das letztere gethan hat, ist Jeanne d’Arc.»7
Das Vorlesen spielte früher eine ähnliche Rolle wie heute der gemeinsame Fernsehkonsum. Bücher waren so teuer, dass sich selbst bürgerliche Familien höchstens eine bescheidene Bibliothek leisten konnten. Vortragen mit verteilten Rollen oder Lesungen des Familienvaters, während sich die Frauen mit Handarbeiten nützlich machten, waren klassische Abendvergnügungen. Zuhörerinnen und Zuhörer sassen oft im Dunkeln, Elektrizität gab es keine, Petrollampen oder Kerzen spendeten kärgliches Licht.
Während der Thalheimer Jahre verbrachte Marie ihre Ferien nach wie vor in Bözen: «In den Ferien, die ich zu Hause zubrachte, eilte ich dann wieder meinen alten Freunden unter Blumen und Thieren in Wald und Feld nach.»8 Über das Familienleben erfahren wir nichts.
Die Beziehung zu den «Thalheimern» hielt mindestens bis in die Zürcher Zeit. Im Mai 1869 erhielt die Studentin Besuch von der «alten treuen Luise». Im Brief an ihre Schwester Anna lässt sie durchblicken, dass Hunzikers noch immer wenig Verständnis für ihren Berufsentscheid haben. «Ihr [Luises] Besuch hat mich herzlich gefreut […], sie schien auch über mein Leben etc. beruhigt, als sie mich so gesund und frisch und zufrieden fand, dass hoffentlich ihr Befund in Thalheim ein kleines Gewicht in die Waagschale zu meinen Gunsten legen kann.»9
Das Welschlandjahr galt als Höhepunkt eines traditionellen Jungmädchenlebens. Erstmals war die Grundschulabsolventin weit von zu Hause fort, sie erhielt den letzten intellektuellen und gesellschaftlichen Schliff und schloss oftmals Freundschaften für das Leben. Marie besuchte – wie zahllose Pfarr- und Bürgerstöchter vor und nach ihr – das Herrenhuter Internat Montmirail bei Neuenburg, eine Schule mit internationalem Ruf.
Kern der malerischen Anlage ist ein Schloss aus dem Jahr 1618. 1766 übernahm die Herrenhuter Brüder-Sozietät das Anwesen. Das Gegenstück für junge Männer befand sich im Schloss Prangins in der Nähe von Nyon, dem heutigen Westschweizer Landesmuseum. Kurz bevor Marie in Montmirail eintrat, waren neue Bauten entstanden, so 1853 ein Haus für die Pensionärinnen.10 Die Bildungsstätte überlebte bis 1991, als die Brüder-Sozietät das Institut aufgab und die Liegenschaft umnutzte.
«Während dieser Jahre wurde ich in den Schulfächern so weit gefördert, dass, wie ich im sechzehnten Jahr in ein grösseres Internat im Ct. Neuenburg eintrat, ich mit den höhern Classen folgen konnte. Hier wurde die Abwechslung zwischen französischer und englischer Conversation fortgesetzt, so dass ich bald mit diesen Sprachen völlig vertraut war. Ich fing nun auch Italienisch zu lernen an, trieb mit grossem Eifer alle übrigen Fächer, namentlich Musik und Zeichnen.» 11
Maries spätere Freundin Marie Ritter schildert in ihren Lebenserinnerungen das Leben im Internat: «Es gab so viel Neues zu erleben, dass ich nicht dazu kam Heimweh zu haben […]. Ich kam ins 5te Zimmer […]. Im Zimmer waren 15 Mädchen und 2 Lehrerinnen. Es waren im Ganzen 5 Zimmer und ein Haufen Lehrerinnen zum Theil recht gute.»12
In Montmirail wurde Marie am 22. Dezember 1861 konfirmiert.13 Das heisst, sie hatte auch ausgedehnten Religionsunterricht besucht, was sie jedoch in ihrem Lebenslauf unterschlägt. War ein Hinweis darauf in einem offiziellen Bewerbungsschreiben überflüssig, oder hatte sie sich innerlich bereits so sehr von der Kirche entfernt, dass sie nicht mehr darüber sprechen mochte?
Religiös mündig verabschiedete sich Marie von Montmirail. Das Niveau ihrer Allgemeinbildung war für eine Frau überdurchschnittlich gut. Für Alltag und Erwachsenenleben gerüstet, konnte sie sich dem Ernst des Lebens stellen.
Rudolfine oder die grosse, städtische Welt
Zurück in Bözen zeigte sich der Ernst des Lebens zunächst in Form von gelangweilter Verlorenheit. Modern ausgedrückt: Marie erlebte einen kleinen Kulturschock: «Nach einem Jahr kam ich in meine Heimat zurück. Hier fühlte ich schmerzlich den Mangel an Gelegenheit, das was ich gelernt hatte, weiter auszudehnen, ich fand nicht die Bücher, welche meinem Standpunkte entsprachen, und so war ich genöthigt, neben den häuslichen Arbeiten mich auf Musik und Italienisch, worin ich mir am besten allein helfen konnte, zu beschränken.»1 Die «alten Freunde Blumen und Thiere», tröstende Gefährten während der Ferien in der Thalheimer Zeit, reichten nicht mehr aus. Zu viele geistige Türen hatte der Aufenthalt in Montmirail aufgestossen.
Nach Siebel rieben sich auch die beiden Schwestern Anna und Marie aneinander: «Räumlich getrennt, doch durch regen Briefwechsel verbunden, fühlten sich die Schwestern immer einander näher, als im täglichen, ihre Gegensätze offener aufdeckenden Beisammensein.» Ablenkung fand Marie am Klavier: «Am liebsten versenkte sie sich in die Werke Beethovens.»2
Maries kränkliche Mutter war inzwischen 60 Jahre alt. Auf engem Raum mit einer unzufriedenen 18-Jährigen zusammenzuleben, strapazierte das Umfeld sowie die betroffene junge Frau. Dank ihrer weitläufigen Familie fand Henriette Vögtlin-Benker einen Ausweg. Sie wandte sich an eine Verwandte in Zürich, Rudolfine Blumer, und bat sie, Marie für einige Zeit bei sich aufzunehmen. Dieser Aufenthalt wurde ein Erfolg: «Dann brachte ich einen Winter in Zürich zu, wo ich zum ersten Mal Gelegenheit hatte, das rege geistige Treiben einer Stadt kennen und schätzen zu lernen.»3 Nach der Natur entdeckte Marie also ein zweites kongeniales Umfeld, die Stadt.
Anna Rudolfina Blumer-Eckenstein (1831–1923), über ihre Mutter Susanne Benker eine direkte Cousine, war nur 14 Jahre älter als Marie. Obschon erfahrene Familienmutter, war sie also noch recht jung. Wie Marie hatte sie ihre Kindheit in einem Aargauer Pfarrhaus verlebt – in ihrem Fall in Reitnau. Ihr Gatte Johannes Blumer, Teilhaber der Seidenstofffabrik «Nägeli, Wild & Blumer», entstammte einer alten Glarner Textildynastie. Die junge Familie war kurz vor Maries Zürcher Aufenthalt aus der französischen Seidenmetropole Lyon in die Schweiz zurückgekehrt.
Beruflich war der Seidenhändler Johannes Blumer international, ja interkontinental vernetzt und entsprechend weltoffen.4 Anders als bei ihren beiden Internatsaufenthalten trat Marie nun erstmals wirklich aus dem Schatten des Pfarrhauses heraus. Die neue Umgebung nutzte ein städtisches Kulturangebot und verfügte über ganz andere finanzielle Ressourcen als Maries Eltern, selbst wenn man berücksichtigt, dass sich konjunkturelle Hochs und Tiefs unmittelbar auf die Geschäfte auswirkten.
In Bözen – und später in Brugg – hiess es, knappe Mittel möglichst geschickt und sparsam einzusetzen. In Zürich lernte Marie, wie man einen gepflegten Grosshaushalt nach französischem Muster führt, ohne sich von dieser Aufgabe völlig vereinnahmen zu lassen. In den Kreisen, in denen sich Blumers bewegten, waren die gängigen Grundfähigkeiten einer Hausfrau selbstverständliche Voraussetzung. Die Gattin sollte sich jedoch nicht nur auf Kochen, Waschen oder Kindererziehung verstehen, sondern ein offenes, gastfreundliches Haus führen, sich für Kultur aufgeschlossen zeigen sowie sich gelegentlich sozial engagieren. Solch vielfältige Ansprüche setzten grosses organisatorisches Talent voraus. Im Hause Blumer erwarb sich Marie Fertigkeiten, die ihre Chancen auf dem traditionellen Heiratsmarkt enorm verbessert hätten. Obwohl sie schliesslich einen andern Weg einschlug, war der praktizierenden Ärztin das Gelernte bei der Bewältigung von Berufs- und Familienarbeit später sehr nützlich.
Als Marie nach Zürich kam, hatte Rudolfine bereits vier Kinder: Die Töchter Mina (8), Alice (6), Emma (3) und den Sohn Albert (1). In einem Brief vom 11. April 1864 an ihre Familie in Brugg schildert Marie ihren Alltag. Rudolfine war für einige Tage verreist: «Die letzte Woche ist unter den vielen Beschäftigungen, die sie mir brachte, pfeilschnell dahingegangen. Ich bin jetzt also Haushälterin und als solche habe ich manches zu denken und zu besorgen; es ist aber bisher alles auf ’s Beste gegangen und ich bin schon sehr fröhlich und vergnügt bei meinen Geschäften, obschon ich mich auch wieder herzlich auf unserer rechten Hausmutter Rückkehr freue […]. Alice hat bis morgen Ferien; da habe ich mich auch viel mit ihr abgegeben und sie hat mir recht Freude gemacht. Ich muss mich oft verwundern, wie sie so sehr an mir hängt. Ich glaube, ich könnte alles mit ihr anstellen, ohne dass sie bös auf mich würde. Auch Emma will nun bei niemand anders sein, als bei mir und ich muss sie fast immer tragen oder auf dem Schoss haben. Ich habe aber eine grosse Freude an dieser Anhänglichkeit […]. Am Freitag hatte ich fünf kleine Freundinnen für Alice eingeladen, um ihr eine rechte Ferienfreude zu machen. Ich spielte die ganze Zeit mit den Kindern und wir machten es uns sehr lustig zusammen.»5 Von Mina und dem kleinen Albert hören wir in diesem Brief nichts, vielleicht waren sie in diesen Tagen auswärts.
Eine Hausmutter musste improvisieren können: «Gestern war ich in einem argen Pech. Ich kam eben von einer wundervollen Predigt von Dr. Held zurück; da hiess es, ein Lyoner Freund von Herrn Blumer sei hier gewesen und werde wahrscheinlich hier bleiben; ich hatte schon viel von ihm gehört, als dem vornehmsten und reichsten von all den befreundeten Lyonern […], um 11 Uhr endlich liess man mir sagen, Herr Dobler werde bei uns zu Mittag essen und zwar gleich nach zwölf […], stellt Euch meine Verlegenheit vor; ich hatte ein ganz einfaches Mittagessen bestellt.»6 Offensichtlich beschäftigten Blumers eine Köchin, der Marie in Rudolfines Abwesenheit die entsprechenden Aufgaben zuteilte. Die Bözener Wirklichkeit lag in weiter Ferne.
Marie durfte Blumers zu Gesellschaften begleiten, wo man sie als junge Dame von Welt behandelte, sie wurde auf den Ehrenplatz neben dem Gastgeber platziert: «Donnerstag Abend waren wir in einer grossen Gesellschaft bei Herrn Nüschelers; ich traf wenig Bekannte, hatte aber zum Tischnachbarn den Hausherrn, der sehr amüsant ist und mit dem ich mich auf’s Beste unterhielt. Beim Heimgehen war es sehr kalt; ich hatte einige Tage nachher sehr entzündete Augen, die mir ziemlich Schmerzen machten.»7

Marie als junge Frau, vermutlich kurz nachdem sie bei Rudolfine Blumer die Führung eines Grosshaushaltes gelernt hatte.
Bis ins hohe Alter spielte Rudolfine im Leben der Grossfamilie eine zentrale Rolle. In ihrem Haus herrschte stets ein lebhaftes Kommen und Gehen. Immer wieder drängten sie die Umstände in die Rolle der «Anstandsdame», die ihre ländlichen Verwandten bei ersten Gehversuchen in der Stadt vor allerhand Fallstricken bewahren sollte. Auswärtige Familienangehörige auf Durchreise nutzten ihre Adresse gerne als Hotel.8 So liess sich auch Maries Schwester Anna in Zürich beherbergen, um den Zahnarzt zu besuchen: «Rudolfine ist gerne bereit, Dich zu empfangen, wenn Du kommen willst, das Zimmer sei immer bereit.»9
Rudolfines Heim war Schauplatz einiger biografisch wichtiger Ereignisse und Begegnungen. Hier traf sich Marie immer wieder mit ihrem ersten Verlobten, Friedrich Erismann, und hier kamen die beiden am 3. Januar 1867 überein,10 ihre Beziehung aufzulösen. «Fritz», Henriettes Neffe, war als Cousin mit Rudolfine genau so nahe verwandt wie Marie und profitierte in jungen Jahren häufig von ihrer Gastfreundschaft. – Kurz vor Studienbeginn musste Marie ganz besonders auf ihren guten Ruf achten. Was lag näher, als bei Rudolfine zu logieren, um in Zürich Einzelheiten über die Immatrikulation abzuklären? Nachdem sie in Zürich bereits eine eigene Adresse hatte, lernte Marie im Hause Blumer die Italienischlehrerin Sophie Heim kennen und traf – bei Rudolfine selbstverständlich – erstmals deren Bruder, ihren künftigen Gatten Albert Heim.
Wie sehr sich die Welt der Familie Blumer vom bescheidenen Pfarrhaus in Bözen unterschied, mögen einige Hinweise illustrieren. Wenige Jahre nachdem Marie ihre Praxis in Hottingen eröffnet hatte, bezogen Blumers in ihrer Nachbarschaft eine Mietwohnung an der Zürichbergstrasse,11 für die sie eine Jahresmiete von 3000 Franken bezahlten. Möglicherweise war in dieser Summe die Miete für ein Seidenlager enthalten. Das damals neue Gebäude bot einen herrschaftlichen Wohnkomfort. (Zum Vergleich: Albert Heims Gehalt als junger Professor an der ETH betrug jährlich 3800 Franken.)
Die kleinen Mädchen, die Marie so sehr ans Herz gewachsen waren, heirateten alle erfolgreiche Ehemänner: Mina, die Älteste, wurde die Gattin des damals reichsten Zürchers, Gustav Adolf Tobler, und lebte in der Jugendstilvilla an der Winkelwiese. Alice und Emma lebten in Basel. Alice heiratete den künftigen Präsidenten des Schweizerischen Bankvereins, Emma einen Direktor der Gesellschaft für Chemische Industrie, der späteren Ciba-Geigy. Über die Ehe der kleinen, anschmiegsamen Emma schrieb eine Verwandte: «[…] Emma Blumer, die sehr energisch und streberisch war und ihn [Eduard Ziegler], den ‹Ultragutmütigen›, ganz leitete. Es war aber wirklich zu seinem Glück.»12
Fritz Erismann, charmanter Rebell und Maries erster Verlobter
«Jetzt lese ich etwas Hochinteressantes. Tante Lotte hat unsere ganze Korrespondenz aus meinen ersten Jugendjahren, meiner ersten Brautzeit und dann der inneren Entwicklungsjahren aufbewahrt und angeordnet, immer Antwort auf Antwort, und mir die Briefe zum Aufheben übergeben. Ich habe sie schon jahrelang bei mir gehabt, aber nie Zeit zum Lesen gefunden. Jetzt in diesen Tagen des Hierseins nehme ich sie vor – und wie ist das hochinteressant! Es ist mir ja fast, wie wenn es ein anderes Wesen gewesen wäre, nicht ich. – Ich habe mich völlig in jene Werdezeit hinein gelebt, zuerst in meine erste Brautschaft, die kindliche, wie zu einem Gott aufschauende, grenzenlose Liebe, dann ihr allmählicher Rückgang von der anderen Seite, das Erziehungswerk, mein allmähliches, unter schwersten Leiden und Kämpfen erzwungenes Selbständigwerden. Dann die Trennung ohne Bitterkeit, aber für mich in grenzenlosem Leid; trotzdem Mut und Kraft zum Kampf für ein neues Leben: Die Bahn zu öffnen für Frauenärztinnen.» 1
Die Botschaft der 67-jährigen Frau ist eindeutig: Ohne die gescheiterte Liebe zu ihrem Cousin Fritz Erismann (1842–1915) hätte Marie kaum ihre traditionellen Pfade verlassen. Seine Bedeutung für ihr persönliches Schicksal und das Schweizer Frauenstudium ist zentral. Leider sind die Dokumente, von denen Marie ihrem Sohn Arnold schreibt, nicht mehr erhalten. Sie waren bereits vernichtet, als Johanna Siebel wenige Jahre nach Maries Tod ihre Biografie verfasste.2

Fritz Erismann (in der Bildmitte), Maries grosse Liebe, als Mitglied des schlagenden Studentencorps Tigurinia im Wintersemester 1862/63. Neben seinen Studien muss er Fechtunterricht genommen haben. In der Studentenverbindung lernte er den späteren General Ulrich Wille (1848–1925) kennen.
Die engere Beziehung mit Fritz begann Ende 1864 oder wenig später. Im Herbst 1864 verlor Marie kurz nacheinander im September ihre Mutter Henriette Vögtlin-Benker und im November ihre Grossmutter Verena Vögtlin-Erismann. In dieser emotional schwierigen Zeit war die junge Frau bestimmt für jede Art von Zuwendung offen und dankbar. Damals übernahm Marie die Pflege der Mutter von Fritz, ihrer Tante Willhelmine Erismann-Benker, in Aarau. Am Krankenbett kam sie Fritz näher. Ferner lernte sie hier die Haushalthilfe Jette Schaffner kennen, die später in der Familie Heim eine grosse Rolle spielte.
Das traurige Schicksal von Maries Tante war für die damalige Zeit nicht aussergewöhnlich. Nach wenigen Ehejahren starb 1846 Willhelmine Erismanns Gatte, der als Theologe in Gontenschwil tätig gewesen war. Nicht nur hatte sie ihren Partner verloren, sie musste auch ihr Logis für den Nachfolger räumen. Mit drei kleinen Kindern – Fritz, der Älteste, war vier Jahre alt – kehrte die Witwe ins elterliche Pfarrhaus nach Schöftland zurück, wo Fritz Kindheit und Jugend verbrachte. Seine beiden Schwestern starben in jungen Jahren.
Als sich Marie in ihn verliebte, studierte Fritz in Zürich Medizin. Wenn sie in ihrer Rückschau von «kindliche, wie zu einem Gott aufschauende, grenzenlose Liebe» spricht, übertreibt sie nicht. Fritz war nicht nur ein willkommener Gefährte, er baute für sie Brücken zu bislang unbekannten Welten, auf die Marie gleichsam gewartet hatte.
Während ihrer Verlobungszeit erkrankte Marie an Typhus. Ihr Liebesglück beschreibt sie in ergreifenden Worten: «Wie war ich doch mitten in aller Krankheit innerlich so leicht und froh; mir träumte dann zuweilen, ich fühle seine liebe weiche Hand auf meiner Stirne, und dann erwachte ich und die Hitze und Unruhe war einem ganz süssen Gefühl gewichen, dass ich wieder ganz ruhig daliegen und im Gedanken an ihn mich freuen und erheitern konnte. Und dann hatte ich immer die lieben Briefe unter dem Kopfkissen, und wenn ich nicht zu schwach war, zog ich sie hervor und las ein paar Worte und hielt sie in der Hand, und dann war mir ganz wohl. Damals war ich noch ein rechtes Kind und sonnte mich in seiner Liebe.»3
In der Familie weckte Fritz’ Einfluss offenbar Misstrauen. Noch 1869, als sie bereits an der Universität studierte, verteidigte sich Marie bei ihrem Vater: «Was ich jetzt denke, das denke ich völlig selbständig ohne Rücksicht auf irgend einen Menschen.»4 Im selben Brief verglich sie den geistigen Austausch mit den zwei ihr damals unendlich nahe stehenden Menschen, Fritz und Marie Ritter: «Der Unterschied liegt nur darin, dass Fritz mitten draussen in der Welt ist, wo er ein weiteres Feld zur Beobachtung hat, während Marie Ritter das Ihre in einem kleinen Kreise thut.»5
Vetter Fritz, der «Bruder», wie sie ihn nach der Trennung in ihren Briefen an Marie Ritter nannte, war schon in jungen Jahren eine schillernde Persönlichkeit, brillant, charmant und unkonventionell. Der Mediziner spezialisierte sich auf Augenheilkunde und arbeitete als Assistent bei Friedrich Horner, Professor für Augenheilkunde in Zürich. Ausser in Zürich studierte er in Heidelberg, Wien, Würzburg und Berlin. Nach einiger Zeit wechselte er das Fach, bildete sich als Hygieniker in München weiter und leistete in diesem Bereich Bedeutendes.
Nach Siebel war Fritz über Nadejda Suslova zum sozialistischen Gedankengut gekommen. Denkbar ist ebenfalls, dass ihm die aargauischzürcherische Welt allmählich zu eng geworden war und er sich deshalb für die Russenkolonie an der Universität zu interessieren begann. War es Zufall oder Absicht, dass er in der gleichen Studentenpension wie Nadejda Suslova logierte? Am 14. Dezember 1867 bestand sie ihr Doktorexamen und im Februar 1868 heiratete sie in Wien Friedrich Erismann. Sie kehrte nach St. Petersburg zurück und eröffnete ihre Praxis. Fritz blieb zunächst im Westen und studierte weiter.6 Fasziniert las er «Das Kapital» von Karl Marx, kam 1869 nach St. Petersburg, bestand die russische Zulassungsprüfung und nannte sich fortan Feodor Feodorovich.7
Bevor Fritz 1869 nach Russland übersiedelte, verbrachte er einige Zeit bei Professor Horner in Zürich. In Briefen bat Marie ihren Vater um die Erlaubnis, Fritz sehen zu dürfen. Vermutlich war auch Fritz in diesem Sinne bei Julius Vögtlin vorstellig geworden. Marie hatte Fritz und seine Kollegen bereits zufällig auf der Strasse getroffen, nun wollte sie sich – immer im Einverständnis mit ihrem Vater – mit ihm bei sich zu Hause verabreden. «Die wenigen Male nun, die er zu mir kommen wird, fallen natürlich auf den Abend, wo ihn niemand sieht […]. Ich glaube wirklich, dass es nur das grosse Misstrauen ist, das Ihr gegen alles, was in Zusammenhang mit Fritz steht, fühlt, was Euch die Folgen unseres jetzigen kurzen und beschränkten Verkehrs in so trübem Lichte erscheinen lässt.»8 Diese Argumente überzeugten den Vater wohl nicht wirklich, denn wenige Tage nachher doppelte Marie nach. «Ich kann Dich heilig versichern, dass diese Gefühle, für deren Vernichtung ich die ersten Monate des Jahres 1867 alle meine Kräfte aufgewendet habe, auch wirklich innerhalb jener Zeit gänzlich verschwunden sind, um den Banden der unzertrennbaren Freundschaft zu weichen, die jetzt bestehen und immer bestehen werden.»9 Wie die Geschichte ausging, ob sich Fritz und Marie je privat sehen durften oder ob die Angst vor dem Geschwätz obsiegte, ist nicht überliefert.

Die Russin Nadejda Suslova schloss als erste Frau ein Studium an der Universität Zürich ab und heiratete kurz darauf Maries ehemaligen Verlobten Fritz Erismann.
«Wie war Nadejda Suslova?», fragte Marie sich und andere. Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit einer ihrer Studienkolleginnen, Mrs. Atkins, wollte sie es genauer wissen: «Sie sprach mir mit grosser Verehrung von Nadeijda, sie sagte, ‹she is not pretty, but a very nice face, so good and gentle, she is exceedingly gentle.›»10
Auch das Porträt einer unvoreingenommenen Zeugin überrascht. Im April 1872 traf eine russische Studentin in einer Zürcher Pension das Ehepaar Friedrich Erismann und Nadejda Suslova. «Ich erwartete eine energische, selbstbewusste Persönlichkeit. Das Gegenteil war der Fall. Frau Suslova hatte nichts von einer emanzipierten Frau an sich. Es war eine stille, ernste Natur von tiefem Gemüt und nachdenklichem, melancholischem Blick aus etwas tief liegenden braunen Augen.»11 Ob Marie die Erismanns bei diesem Zürcher Aufenthalt auch traf?
Neben seinen medizinischen Zielen verfolgte Fritz auch seine politischen Pläne konsequent. Nach der vorübergehenden Rückkehr aus Russland schloss er sich im Frühjahr 1870 der Sozialdemokratischen Partei an: «Er war der erste Schweizer mit dem Doktortitel in unseren Reihen. Jung wie wir, aber uns überragend durch sein Wissen und sein klares Denkvermögen leistete er unserer Bewegung unschätzbare Dienste», erinnerte sich der sozialdemokratische Nationalrat Hermann Greulich an Erismanns Abdankung 1915.12
Friedrich Erismann wollte seine sozialen Vorstellungen im Zarenreich in der Arbeitsmedizin umsetzen. So suchte er nach Schulbänken, die nicht krank machten, untersuchte die Kurzsichtigkeit bei Kindern, kämpfte für gesunde Arbeiterwohnungen usw. Immer mehr wandte er sich von der praktischen Medizin ab und widmete sich der Wissenschaft sowie der Publizistik.
Nach einer kurzen Zeit des Einvernehmens lebten sich Erismann und Suslova bald auseinander. Vielleicht waren seine radikaleren Vorstellungen von einer idealen Zukunft der Grund, möglicherweise waren die beiden aber auch einfach in ihrer Art zu verschieden. 1873 interessierte sich die Geheimpolizei für Fritz, während einer gewissen Zeit durfte er nicht ins Zarenreich zurückkehren. – Suslova zog nach Nishni Novgorod zu ihren Eltern, 1885 heiratete sie den wohlhabenden Histologen A.Y. Golubew. Sie starb 1918 auf der Krim.
Erismanns Aufgaben wurden immer umfassender. Im russisch-türkischen Krieg von 1877 leitete er auf dem ausgedehnten Kriegsschauplatz die Desinfektionsarbeiten auf den Schlachtfeldern, in Kriegsspitälern und Wohnstätten. 1879 verlegte er sein Arbeitsfeld nach Moskau, wo er 1881 einen Ehrendoktorhut erhielt. 1882 berief die Universität Erismann auf den Lehrstuhl für Hygiene. Sein Privatleben nahm ebenfalls eine neue Wende: 1883 liess er sich von Nadejda Suslova scheiden, im gleichen Jahr kam sein ältester Sohn Theodor zur Welt, und 1884 heiratete er seine zweite Frau, die russische Ärztin Sophie Hasse. Auch sie hatte in Zürich studiert, schloss aber aus politischen Gründen das Studium in Bern ab, da der Zar ein Weiterstudium in Zürich verboten hatte.13
In seiner Wahlheimat genoss Erismann hohes Ansehen. 1894 wurde er Präsident der russischen Ärztegesellschaft. Auch in Amt und Würde blieb sein politisches Gewissen wach, was ihn an hoher Stelle weiterhin verdächtig machte. Mehrmals intervenierte er bei Studentenunruhen zugunsten der Studierenden. Im Sommer 1896 weilte er mit seiner Familie ferienhalber in der Schweiz. Der russische Unterrichtsminister nützte diese Abwesenheit und entzog Erismann die Professur. Sein berufliches Leben schien zerstört.
Die Familie liess sich in Zürich nieder – in unmittelbarer Nähe von Maries Praxis. Zunächst arbeitete Erismann als Privatgelehrter, doch dann holte ihn die Politik wieder ein. Seine letzte Karriere begann 1898 mit der Wahl in den Grossen Zürcher Stadtrat (Legislative), von 1901 bis zu seinem Tod 1915 war er Mitglied des Stadtrats (Exekutive) und von 1902 bis 1914 sass er zudem im Zürcher Kantonsrat. Im Stadtrat betreute er das Gesundheitswesen. Dies war ein vielfältiges Dossier, zu dem nicht nur Sanitäts- und Wohnungsfragen und die Planung des Stadtspitals auf dem Käferberg gehörten, sondern auch die Aufsicht über die Kehrrichtverbrennungsanlage, den Schlachthof und die Beseitigung von Tierkadavern. Ausserdienstlich engagierte er sich für den Bau des Volkshauses und die Pestalozzigesellschaft, die öffentliche Bibliotheken für ein breites Publikum betrieb.
In einer Hinsicht glich Fritz Maries späterem Ehemann Albert Heim: «Die Arbeit war Dr. Erismann ein Lebensbedürfnis»,14 meinte Stadtpräsident Robert Billeter (1857–1917), als er seinen Kollegen im Stadtrat die Todesnachricht überbrachte. Und der Tagesanzeiger wusste: «Wenn er ausnahmsweise einmal Urlaub nahm, so gingen die Aktenmappen trotzdem eifrig zwischen seinem Amtszimmer und seiner Wohnung hin und her. Sein Leben war Arbeit.»15
Sogar die freisinnige «Neue Zürcher Zeitung», gewiss keine Freundin der Sozialdemokratie, fand lobende Abschiedsworte. In Russland hatte er sich Fähigkeiten erworben: «[…] die ihm bei der Leitung unseres Gesundheitswesens sehr zustatten kamen. Unter seiner Amtsführung hat denn auch die Stadt Zürich der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege grosse Aufmerksamkeit zugewendet.»16
Erismanns Persönlichkeit kommentierte Billeter in seiner Trauerrede: «Wohl gewährte er mitunter seinem Temperament freie Bahn, aber es machte sich nie in verletzenden Formen Luft und deshalb freute man sich darüber. Wie alle mit sonnigem Humor begabten Menschen übte er einen wohltätigen Einfluss auf seine Umgebung aus.»17
Die Erismannhäuser, eine soziale Wohnsiedlung in Zürich-Aussersihl, erinnern noch heute an den rührigen Politiker und ungewöhnlichen Menschen. Marie erlebte ihre Einweihung 1928 nicht mehr.
«Zu sterben wäre ich freudig bereit gewesen» – Schicksalsjahr 1867
Bis Ende 1866 verlief Maries Leben in den üblichen Bahnen: Internat, etwas Grossstadtluft, Mithilfe in der Familie, Betreuung kranker Angehöriger, Verlobung mit einem angehenden Akademiker, ehrenamtliche Tätigkeit in der Armenpflege. 1867 wurde plötzlich alles anders. Ein schicksalhafter Bruch in ihrer Biografie wurde nach schweren inneren Kämpfen zum Ausgangspunkt für ein eigenständiges Leben. Dazu musste Marie das überlieferte Frauenbild in Frage stellen und aus der vorgegebenen Rolle ausbrechen. Sie tat dies zunächst für sich selbst und sehr bald auch für viele andere Frauen, wie ihr rasch bewusst wurde. In dieser Zeit des Übergangs stützte sie sich auf zwei Menschen, die kluge Freundin Marie Ritter und den etwas zögerlichen Vater Julius Vögtlin.
1867 begann mit einem Donnerschlag. Marie war zu Besuch bei Blumers in Zürich, wo sie mit Fritz zusammentraf und eine der grössten Erschütterungen ihres Lebens erfuhr. In einem Brief mit offiziellem schwarzem Trauerrand informierte Marie am 4. Januar 1867 ihren Vater in Brugg über die Auflösung der Verlobung. «Vor zwei Jahren habe ich dir geschrieben, gerade wie heute, mit vollem vollem Herzen, um dir zu sagen, dass ein Ereignis eingetreten sei, dessen Folgen meinem ganzen Leben eine neue Gestaltung geben werden. Dieses Geständnis kam dir aber nicht völlig unerwartet. Heute komme ich wieder zu dir, um dir zu sagen, dass meine Zukunft anders werden wird, als ich damals und seit zwei Jahren sie geträumt hatte, dass nicht mehr Freude und persönliches Glück auf mich warten, sondern ein Leben voller Ernst, voller Kämpfe und Beschwerden; dabei hoffentlich auch Arbeit, die mir Ersatz leisten soll für alles, was ich jetzt – unter wie bitteren Schmerzen! – dahin gegeben habe. Fritz und ich, wie haben uns gestern verständigt, dass wir uns nie verheiraten werden.»
Dann erklärte Marie ihrem Vater, Fritz habe sich seit Frühjahr 1866 auf eine Weise entwickelt, die «seiner socialen Laufbahn eine vollständig andere Richtung geben wird […]. Unsere Trennung ist eine nöthige und unabwendbare Consequenz davon.» Auch sie selbst habe bereits viele Stadien dieser Entwicklung durchlebt, «und ich schöpfe jetzt aus den Ergebnissen dieser Entwicklung die Kraft, allem zu entsagen, was zu meinem Glück die Grundbedingungen gewesen wären, denn in meinen Gefühlen zu Fritz hat sich bis jetzt noch nichts geändert.»1
Marie stellte ihrem Vater in Aussicht, sie und Fritz würden ihm mündlich Rechenschaft über alles Vorgefallene geben. Sofort rief Julius seine Tochter zurück nach Brugg. Als die Katastrophe über sie hereinbrach, war Marie gut 21 Jahre alt. In diesem ersten Trauerbrief deutete sie bereits an, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte: «Arbeit, die mir Ersatz leisten soll für alles, was ich jetzt dahin gegeben habe.» Eine erstaunliche Reaktion für eine junge Frau ihrer Zeit. In der Beziehung mit Fritz hatte sich nicht nur der junge Mann, sondern auch Marie entwickelt.
Zunächst aber war Marie einfach nur liebeskrank. «Zu sterben wäre ich freudig bereit gewesen; aber lebend mein Leben zu opfern, ich fühlte, das konnte, das durfte ich nicht.»2
Ihr wohlmeinender Vater hatte sie zur Kur nicht in die Einsamkeit, sondern nach Obstalden GL gebracht. Die andern Kurgäste nahmen neugierig Anteil an ihrem Schicksal, weshalb sie sich nicht gehen lassen durfte: «Nun haben sie mich fortspediert, und ich bin wider Erwarten hierher gekommen, wo ich nun versuchen soll, gesund und heiter zu werden. Aber ich sehe, dass der Aufenthalt hier in verschiedener Beziehung gar nicht dem entspricht, was ich nach meiner vollen Überzeugung nötig hätte. Ich hatte gewünscht, an einen Ort zu gehen, wo sich niemand um mich bekümmert, und ich auf niemand Rücksicht zu nehmen hätte, wo ich ganz nach meinem Bedürfnis leben könnte, ohne von Leuten beobachtet zu werden, die meine Lebensgeschichte kennen. Und dann hatte ich ein so grosses Verlangen nach echter Alpenluft und hoher Lage und namentlich nach Alpenflora […]. Statt fremd zu sein, habe ich hier fast ausschliesslich halbe Bekannte angetroffen, die sich in grosser Freundlichkeit meiner annehmen wollen als einem jungen Mädchen, das doch nicht ohne mütterlichen Schutz an einem fremden Ort gelassen werden darf. Mein guter Vater hat mich hieher geführt und glaubte, es mit mir gar gut zu machen; aber ich kann mich hier nicht recht zufrieden geben. Ich hatte mich so unendlich auf das schöne hohe Klöntal gefreut, wo ich ohne Zweifel gefunden hätte, was ich bedarf. Ich bin ja kein Kind mehr, das man nicht für sich selbst darf sorgen lassen, darum fällt auch bei mir die Sorge wegen Mangel an Gesellschaft ganz weg; – ich wünsche eben ganz bestimmt keine Gesellschaft und weiss, dass es das ist, was ich nötig habe, nun einmal ausruhen zu können von der beständigen Spannung und dem Zusammennehmen aller Kräfte, um die Pein und Qual im Innern vor andern verbergen zu können.»3
Erneut gab ihr Vater nach und erlaubte den Umzug nach Richisau GL. Endlich war Marie in ihrem Element. Ihr Leben lang blieb sie dieser Landschaft und den Richisauer Wirtsleuten verbunden. Aus Schwanden kam Marie Ritter zu Besuch – und erfuhr das Neueste. Mit einem Sinn für theatralische Inszenierungen offenbarte ihr Marie am Grenzstein zwischen Schwyz und Glarus den Zukunftsplan. Sie wollte Ärztin werden.4 Marie Ritter ermunterte sie. Dies ist umso beachtlicher, als die hochbegabte Marie Ritter keine Aussicht hatte, ihre vielfältigen Talente auszuleben und stets an ihre häuslichen Aufgaben im Glarnerland gekettet blieb.

Mit den Wirtsleuten Friedli und Martha Stehli in Richisau war Marie während Jahrzehnten eng befreundet.
Maries Ausbrechen liess sich als Egoismus deuten und verurteilen, weshalb sie sich in einem Brief an die Freundin verteidigte: «Aber ich fühle so tief, wie sehr weit ich von dem Punkt bin, auf dem Du stehst, wie tief ich noch versunken bin im Sumpf der Selbstsucht, wie ich nicht aufhören kann, für mich immer noch etwas von diesem Leben zu verlangen, wenn ich auch glaube, einmal gesiegt zu haben über diesen bösen Feind. Weisst Du, das ist mir so furchtbar schwer, dass ich für Fritz nichts mehr sein kann, jetzt wenigstens, da wir so ferne von einander sind.»5
Auf der Heimreise von Richisau nach Brugg fuhr Marie über Zürich, wo eben die Cholera wütete. «Im ganzen steht es in Zürich schlimm, man sieht fast keine Reisenden. Als ich nun zu Hause ankam, da war Anna, die von meinem kleinen Aufenthalte in Zürich schon gehört hatte, in solcher Bestürzung, dass sie mich kaum mit Freuden empfangen konnte.»6 Obschon sich Marie bereits für eine unabhängige Zukunft entschlossen hatte, setzte sie kurzfristig ihre ganze Hoffnung auf die Epidemie. Entweder würde ihr die Infektionskrankheit den Tod oder interessante Arbeit bringen. «Hier wird nun die Cholera ziemlich sicher erwartet, und bereits sind alle Massregeln getroffen, um Kranke zu verpflegen und abzusondern. Und denke, ich werde hoffentlich von meinem Vater die Erlaubnis erlangen, mich als Wärterin zu melden, wenn wir Kranke bekommen; ich bin ganz glücklich darüber, denn eines von den beiden Dingen, nach denen ich mich sehne, wird mir ja dann zuteil werden, entweder die ewige Ruhe, oder dann doch wenigstens rechte Arbeit.»7
Anders als Epidemien wie die Pest breitete sich die Cholera erst im 19. Jahrhundert mehrmals von Asien nach Europa aus. Auch beim dritten Seuchezug von 1867 wurde sie von Italien in die Schweiz eingeschleppt. Cholerapatienten leiden unter Erbrechen und wässrigen Durchfällen, schlimmstenfalls dauert die Krankheit bis zum Tod nur Stunden oder einige Tage. Zwei Drittel der Betroffenen starben, im Kanton Zürich waren es über 500. Schuld an der Übertragung des Erregers war in erster Linie verunreinigtes Trinkwasser, weshalb in den folgenden Jahrzehnten Städte wie Zürich von Grund auf saniert wurden.
Vorsorglich richteten die Ärzte ein Absonderungshaus ein, die glücklichen Brugger blieben aber von der Cholera verschont. Marie war enttäuscht, erneut blieb sie auf sich gestellt. Ihr Liebeskummer hatte sich zu einer existenziellen Krise verdichtet. Für die Umwelt war Maries Schicksalsjahr alles andere als einfach. Oftmals musste die junge Frau in Aufruhr für alle eine echte Nervenprobe gewesen sein: «Die schlimmste Einsamkeit ist die, alleine zu sein in einer Menge; das ist eben mein Los […]. Das Bewusstsein, dass die Atmosphäre, in der ein Mensch lebt, nicht die richtige wahre Lebensluft ist, ist doch gewiss einem stumpfen Dahinleben in der starren Kälte, ohne etwas Besseres nur zu kennen und zu verlangen, weit vorzuziehen. Wenn ein Mensch erfahren gelernt hat, was Liebe ist, so wird er diese Liebe doch wieder an andern ausüben, sie andere lehren können, und auf diese Weise sich selbst und andere glücklich machen. – Ich habe das an mir selbst gefühlt – früher lebte ich in meiner verhältnismässig kühlen Atmosphäre dahin, selbst um keinen Grad wärmer als das mich umgebende Medium, bis ich dann auf einmal erfahren lernte, dass ich selbst und mein Medium nicht die normale Temperatur habe, und ich darum vor allem aus [mir] selbst wärmer werden müsse. Das bin ich nun geworden, und ich verdanke es meinem Bruder. Nun allerdings ist die Temperatur um mich her die nämliche, niedrige geblieben und mich fröstelt darin in einem fort – dennoch bin ich weit entfernt, obschon dies Missbehagen mich fortwährend sehr peinlich drückt, zu wünschen, dass ich nie gelehrt worden wäre, was das Richtige ist. Allerdings strebe ich nun heraus aus der Kälte in ein wärmeres Land, in ein moralisches Italien oder auch Indien.»8
Was für Maries persönliche Entwicklung notwendige Voraussetzung war, erlebte das Umfeld als unangepasste Aufmüpfigkeit. «Ich weiss nicht, ob ich zu weit gehe, aber da ich einmal Überzeugungen, nicht nur Ansichten habe und diese so oft angefochten werden, so gewöhne ich mich nach und nach, hartnäckig fest daran zu halten, und kein Jota mir nehmen zu lassen. Darum herrscht so Entsetzen unter meinen Leuten über meinen fürchterlichen Starrkopf.»9
Marie war sich bewusst, dass sie ihre Krise als Chance verstehen durfte – aber noch war nichts ausgestanden: «Du musst nicht meinen, ich sehe nicht jetzt schon ein, dass mein Unglück mir zum Segen werden soll – ich habe mich darüber nie getäuscht; denn ich fühlte von Anfang an, wie nötig ich es hatte, ein schweres, ausnahmsweise schweres Kreuz zu tragen.»10
In diesen Monaten verglich Marie in ihren Gedanken das Schicksal der Unterprivilegierten mit dem Leben der Privilegierten, das «schauderhafte Missverhältnis» der Möglichkeiten von Männern und Frauen ihrer Gesellschaftsschicht. Sie kam zu ernüchternden Schlüssen. «Ich habe in dieser harten Zeit wieder manches fühlen und einsehen gelernt, was mir von grosser Wichtigkeit ist – wenn man so in seiner Bequemlichkeit dahin lebt, so vergisst man immer wieder an die zu denken und für die zu fühlen, welche ein so ganz anderes Leben haben, – denen die Arbeit, welche ich z. B. zur Seltenheit verrichte und die mir unsympathisch ist, das ganze Leben ausfüllt, welche so in dieser Arbeit versinken, dass sie nun nicht mehr ahnen, dass ein höheres Leben, ein Leben, dessen jeder Mensch würdig ist, auf der Welt von Rechts wegen jedem ohne Unterschied zugänglich sein sollte.
Hast Du nicht auch ein unaussprechliches Mitleid für die Millionen, welche so dahinleben müssen in jämmerlichem Kampf um ihr Dasein, welche alle die geistigen Kräfte, welche ihnen so gut wie uns zur Benutzung geschenkt sind, elendiglich vergraben müssen? Ich habe viel Zeit während des Kochens und Abwaschens und Kehrens mit solchen Gedanken zubringen müssen.
Und andere Punkte auch sind mir wieder klar vor Augen getreten wie kaum je, so z. B. das schauderhafte Missverhältnis zwischen dem Leben der Männer und Frauen unserer Klassen. Es fährt mir manchmal bis in die Fingerspitzen, wenn ich sehe, wie die Männer durch nichts aus der Fassung und aus dem Genuss ihrer geliebten Bequemlichkeit zu bringen sind, wie das ganze Leben der Frauen eigentlich nur dazu da sein muss, um ihnen diese Bequemlichkeit möglich zu machen. Und das gilt gewiss von der überwiegenden Mehrzahl. Und doch ist es gar nicht so, dass ihre geistige Arbeit dann immer der Sorg falt entsprechend sei, mit der wir sie umringen sollen, um alles Störende fern von ihnen zu halten.
Wenn ich so spreche, so musst Du nicht meinen, dass ich um meiner selbst willen diese Klage aufwerfe; die eigene Erfahrung und Beobachtung hat mich für mein ganzes Geschlecht wieder jammern gemacht.
Ich fange an wie Du innerlich zu jammern, wenn ein Mädchen zur Welt kommt – und die Sehnsucht, dass einmal alles anders werden möge – dass Erlösung komme aus dieser Sklaverei wird brennender als je.» 11
Mit solchen Schlüssen musste Marie ihre Umgebung vor den Kopf stossen. Wie fast immer nahm sie auch hier ihren Vater in Schutz: «Und glaube auch nicht, dass ich dies besonders in Bezug auf meinen Vater sage; er ist ja nur wie die andern, und allerdings auch in dieser wie in mancher anderen Beziehung besser als viele andere.»12
Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts ist klar, dass Marie mit ihren Analysen ins Schwarze traf. Für ihr Brugger Umfeld waren diese Gedanken Häresien. «Ich habe keinen Menschen, dem ich solche Gedanken aussprechen dürfte; ich denke aber, Du musst auch in dieser Hinsicht ähnlich fühlen wie ich. ‹Du denkst eben anders als andere Leute›, das ist immer die Bemerkung, mit der die Verhandlung schliesst, wenn ich einmal einen eigenen Gedanken ausspreche.»13
Zu Recht vermutete Marie in Marie Ritter eine verwandte Seele. In ihren Lebenserinnerungen berichtet die Glarnerin, wie sie als Kind unzufrieden war, wie sie anders dachte als ihre Umwelt und deshalb glaubte, mit ihr stimme etwas nicht. Gerade im Schicksalsjahr 1867 war die Freundschaft der beiden Frauen entscheidend. Ein weniger kritischer Geist als Marie Ritter wäre erschrocken und hätte das kühne Vorhaben kaum unterstützt.
Gegen Jahresende war Marie bereit, sie setzte alles auf eine Karte, nun sollte der Vater von ihren Plänen erfahren. «Was ich entschlossen bin, mir von meinem Vater zu erbitten, ist unendlich schwer zu erlangen, so schwer, dass ich oft an der Möglichkeit verzweifle. Und doch bin ich fest entschlossen, alles daran zu setzen, weil ich die Überzeugung habe, dass das, was ich verlange, recht ist, dass es mein wahrer Beruf ist. Nach Neujahr denke ich, das grosse Wagnis zu unternehmen, von dessen Resultat ich sowohl vor Furcht der Niederlage, als vor Hoffnung auf Erfolg zittere.»14
Marie Ritter, die verlässliche Vertraute
Einzig ihre Schwester Anna begleitete Marie länger durchs Leben als die treue, gescheite Glarner Freundin Marie Ritter (1842–1933). Wie ein roter Faden zieht sich die jahrzehntelange Beziehung der beiden Maries durch ihre Biografien. Während den turbulenten Monaten des Abschieds von Fritz und des Entscheids zum Studium war Marie Ritter vermutlich die einzige Person, die Maries intimste Geheimnisse kannte. Stets begleitete und ermunterte Marie Ritter liebevoll-kritisch Marie auf ihrem Weg. Die Briefe aus Schwanden sind verloren, dagegen existieren Maries Antworten aus der Studienzeit. Neben den Briefen an Vater Julius sind sie die wichtigste Quelle für Maries Schicksalsjahre. In zwei Anläufen, im Alter von 81 und 86 Jahren, verfasste Marie Ritter einen Rückblick auf ihr Leben. Dank dieser Arbeit ist ihre Stimme nicht ganz verstummt.
Die um drei Jahre ältere Glarner Freundin blieb ledig. Ihr Werdegang ist beispielhaft für eine hochbegabte Frau, die auf ihre Weise – ähnlich wie Marie – nicht in ein vorgegebenes Lebensmuster passte. Selbst an der Abdankung war ihr Zivilstand ein Thema: «Man möchte vielleicht das Schicksal anklagen, das einem solchen tiefangelegten Menschen, in dem ein starker Familiensinn gewachsen war, die Gründung einer eigenen Familie versagte, aber gerade im Leben unserer Verstorbenen ist offenbar geworden, dass auch im Dasein der Ehelosen die feinsten, zartesten Lebensäusserungen sich entfalten können, dass auch ein solches Leben ein überaus reiches, gesegnetes und beglückendes werden kann.»1
Die Voraussetzungen der beiden Maries waren ähnlich. Die Väter Julius Vögtlin und Johann Georg Ritter hatten miteinander in Basel und Berlin studiert. Beide führten ein Pfarramt auf dem Land, waren theologisch der konservativen Richtung verpflichtet und intellektuell sehr interessiert. Pfarrer Ritters Eltern hatten ihr Vermögen verloren, in seiner Jugend lebte er in engen wirtschaftlichen Verhältnissen. Das Geld für sein Studium streckte ihm ein Onkel aus Diessenhofen vor, «mit sehr wenig Aussicht, es wieder zu erhalten.»2 Als Johann Georg Ritter die erste Pfarrstelle antrat, nahm er seine Eltern zu sich. Während Marie Ritters Kindheit lebte die Grossmutter noch immer im Haushalt des Sohnes.
1845 zogen Ritters nach Schwanden. Hier verbrachte Marie Ritter, mit Ausnahme einiger weniger Jahre in Montmirail und Elm, den Rest ihres ausserordentlich langen Lebens. Sie erlebte tief greifende politische und wirtschaftliche Umbrüche. Als Fünfjährige fieberte sie 1847 im Sonderbundskrieg mit: «Die allgemeine Aufregung ergriff auch mich; ich stand auf der Fensterbank im Stillstandzimmer und sah zu, wie die Soldaten in ihren engen Fräcken und Tschakkos fortmarschierten.»3 Marie Ritter starb im Januar 1933, im selben Monat wurde Adolf Hitler in Deutschland Reichskanzler, und in der Sowjetunion wütete Stalin. Statt zu Fuss oder mit der Postkutsche reiste man nun mit der Eisenbahn oder im Flugzeug, abends versammelte sich die Familie nicht mehr um eine einzige Kerze, in den Häusern gab es Elektrizität und fliessendes Wasser.
Doch zurück zur kleinen Marie Ritter: «Sie hatten bestimmt einen Buben erwartet […], es war eine sehr strenge Zangengeburt […]. Natürlich waren dann alle froh, wenn’s auch nur ein ganz mageres Mädchen war. Aber weil Alle so bestimmt auf einen Buben gerechnet hatten, so ist das wohl der Grund, dass ich mein Leben lang mehr Freude an Bubenbeschäftigungen hatte.»4
Marie Ritter besuchte die Primar- und Sekundarschule an ihrem Wohnort Schwanden. Das Lernen fiel ihr leicht. Da immer zwei Klassen gemeinsam unterrichtet wurden, schaffte sie die Unterstufe im Eiltempo, mit 10½ Jahren (statt mit dreizehn) kam sie in die Sekundarschule. Das unterforderte Mädchen sorgte offenbar für Betrieb und liess sich, nachdem sie ihre erste Schüchternheit überwunden hatte, immer wieder neue Streiche einfallen. «Übermut und Frechheit kamen in volle Blüte.» Dieses Verhalten wurde im Pfarrhaus wenig geschätzt: «[…] daheim wartete meiner gewöhnlich die Ruthe. Die machte aber auch nicht den gewünschten Eindruck auf mich. Ich dachte, ich wolle es machen wie der berühmte Römer Mucius Scaevola, der Schmerzen erduldete ohne zu muksen. Ich liess also drauf los schlagen ohne einen Laut und dachte, es sei ja eigentlich gleich, ob ich mich so oder so aufführe, die Ruthe werde ich ja so wie so bekommen.»5 Der kleine Bruder Hans dagegen verhielt sich unauffällig und angepasst und blieb von Schlägen verschont.

Während den kritischen Monaten des Entscheids zum Studium war die Glarner Freundin Marie Ritter Maries engste Vertraute.

Marie Ritter, «eine ganz gemütliche alte Jungfer geworden», marschierte noch mit 90 Jahren regelmässig von Schwanden nach Glarus. Die Nachkommen ihres Bruders schätzten sie als hochintelligente, liebenswürdige Persönlichkeit.
Marie Ritter liebte und achtete ihre Eltern, und doch war ihre Kindheit keine Idylle: «Ich war überhaupt als Kind gar nicht recht zufrieden. Ich fühlte, dass ich in den meisten Dingen anders denke als das allgemeine Publikum, und stellte mir vor, weil die Mehrheit anders denke, so werde ich wohl nicht recht im Kopf sein. Im späteren Leben habe ich aber noch viele gleichgesinnte Seelen und Bücher gefunden und mich darüber beruhigt, wenn ich nicht ganz mit der öffentlichen Meinung übereinstimmte.»6
Die klassische Frauenrolle war nichts für Marie Ritter: «Die Puppen konnte ich nie ausstehen, sie stiessen mich förmlich ab mit ihren Glotzaugen und ihren steifen, unnatürlichen Leibern, höchstens grübelte ich ihnen etwa die Sägespäne heraus, um zu sehen, was sie eigentlich für Eingeweide haben.»7 Auch Mode war für sie kein Thema: «Mir war schon von Kind auf alle Eleganz ein Gräuel; ich war todunglücklich, wenn ich etwas Neues oder Auffallendes anziehen musste […]. Bei dieser Wertschätzung der Toilette kann man sich denken, dass ich meine Kleider nicht besonders schonte. In allem Schmutz und auf allen Leitern und Bäumen kletterte ich herum.»8 Ihre Mutter reagierte verständnisvoll und sorgte für eine widerstandsfähige Ausrüstung.
Gerne arbeitete Marie Ritter im Stall, täglich holte sie am Dorfbrunnen viele Liter Wasser für die Küche, eine Arbeit, die besonders an Waschtagen streng war, Putzen war ihr lieber als Handarbeiten: «Lismen hatte ich schon ganz früh bei der Mutter gelernt; hätte es auch ganz gut können, that es aber nicht gern. Als ich dann grösser wurde, sollte ich täglich etwa 4 Gänge an meinem Strumpf lismen; wenn ich aber die andern Kinder auf der Gasse hörte, heulte ich so, dass ich vor Thränen die Maschen nicht mehr sah.»9 Mehr als an Textilien war Marie Ritter an Pflanzen und Tieren interessiert. Mit sieben Jahren hatte sie Gelegenheit, auf der Reise zum Onkel in Diessenhofen in Zürich die Naturaliensammlung mit ihren ausgestopften Tieren zu sehen. Der Wissensstand der kleinen Besucherin beeindruckte den Konservator.
Zur Ergänzung der Volksschulbildung durfte Marie Ritter bei ihrer Patin, die länger in England gewesen war, Englisch lernen. Als Lehrbuch diente das Prayer Book der High Church. Frisch konfirmiert, reiste Marie Ritter 1859 zur Abrundung ihrer Ausbildung nach Montmirail. In Baden warnten sie zwei Cousinen, diese «schilderten mir Montmirail, wie wenn ich in ein Gefängnis käme.»10 Glücklicherweise kam es anders: «Es gefiel mir alles sehr gut; nur das fehlte mir, dass man auch gar keinen Augenblick, weder Tag noch Nacht allein sein konnte. Da ich im alten Haus schlief, bin ich bisweilen dort auf die Russdiele hinauf gestiegen und habe ganz allein ein wenig zum Fensterchen hinaus geschaut, was aber Niemand wusste.»
Als Marie Ritter am 6. Mai 1859, begleitet von ihrem Vater, im Töchterinternat Montmirail ankam, traf sie noch am selben Abend auf Maries ältere Schwester Anna. «Als ich sie dann einmal in Brugg besuchte, lernte ich auch ihre jüngere Schwester Marie kennen, und da wir in Vielem übereinstimmten, schlossen wir in kurzer Zeit eine grosse Freundschaft und die hat meinem Leben viel Anregung und Freude gebracht.»11
Nach der Heimkehr aus dem Internat muss Marie Ritter eine ähnliche Krise wie Marie durchgemacht haben. Mit Freundinnen gründete sie ein französisches Lesekränzchen, doch eine wirkliche Aufgabe fehlte: «Auch wurde ich wieder mit einer armen, kinderreichen Familie bekannt und einige derselben waren auch täglich bei mir. Daneben half ich ein wenig im Hauswesen, wichtig war es nicht. Strengere Arbeit wäre besser für mich gewesen.»12 Zwischendurch half sie in der Kinderschule aus.
Allmählich verschwanden ihre Freundinnen in die Ehe. 1872 wurde ihr vier Jahre jüngerer Bruder Hans als Pfarrer nach Elm gewählt. Die Geschwister gingen zu Fuss an den neuen Arbeitsort. Bis zu seiner Verheiratung führte Marie Ritter während drei Jahren dem Bruder den Haushalt. Wie sein Vater hatte Johann Ritter an verschiedenen Universitäten studiert und ein Semester in Deutschland, in seinem Fall in Tübingen, verbracht. Was Marie Ritter über die ungleichen Bildungschancen von Frauen und Männern dachte, ist nicht überliefert.
«Bis zum Tode ihrer Mutter waltete die Heimgegangene an der Seite ihrer Mutter; hernach war sie ihrem greisen Vater Stütze und Pflegerin.»13 Zudem betreute Marie Ritter auch fremde Kinder, zweimal nahm sie Kinder mehrere Jahre bei sich auf. Ihren glücklichen Lebensabend verbrachte sie schliesslich mit der Familie eines ihrer Neffen, der 1908 mit seiner jungen Frau in ihr Haus einzog.
Für die Pflege der unterschiedlichsten Freundschaften hatte Marie Ritter eine grosse Begabung. Marie berichtet schwärmerisch über den Anfang der Freundschaft mit Marie Ritter: «[…] als nun wirklich alles von Dir mir aus den Augen gerückt war, da habe ich lebhaft gefühlt wie vor zwei Jahren bei Deiner Abreise; ich denke, wir zwei gehören doch eigentlich zusammen; es besteht zwischen uns die Wahlverwandtschaft, die mir höher steht als die Blutsverwandtschaft, weil es ein rein geistiges Band ist, fern von dem Zwang, von dem blossen Zusammenhalten aus Pflicht, das so oft Verwandte allein aneinander bindet […].»14
Während Maries Studium zeichnete sich eine Krise ab, Marie Ritter fürchtete, sie stehe nun nicht mehr an erster Stelle. Marie stellte richtig: «Und doch fühle ich so lebhaft, wie ferne ich bin von der Veränderung, die Du Dir dachtest; ich fühle, dass ich Dich immer mehr und mehr lieben werde, wenn das sein kann – ich weiss dass keine andere Frau – Mady15 ausgenommen – mir so nahe stehen könnte wie Du.»16
Und an anderer Stelle: «Ich freue mich so sehr, wenn Du früher kommst; aber ist es möglich, dass Du nicht bei mir wohnen willst? Was kann dich zu diesem Entschluss bewegen? Ich wundere mich, ob doch zu innerst in Deinem Herzen ein Gefühl steckt, wie wenn mein jetziges Leben mich von Dir entfremden müsste? Ich wollte, Du sagtest es mir ganz aufrichtig. Ist es so, so kann ich nichts machen, bis wir einander sehen. Solche Gefühle lassen sich durch Worte nicht töten, ich weiss es.»17
Wie Marie vermutete, schloss Marie Ritter auch Maries amerikanische Studienfreundin Susan Dimock (1847–1875) ins Herz. Grosszügig suchte sie für Susan Dimocks Weihnachtsferien 1868 eine Unterkunft in Schwanden. «Sie war ein seltsamer Mensch, angenehm, gebildet, gutherzig, dabei einfach und anspruchslos.» Und die 86-Jährige fährt fort: «Sie ist mir unvergesslich und wenn ich ans Sterben denke, so freue ich mich allemal darauf, sie wieder zu sehen.»18
Marie Ritter blieb lange erstaunlich rüstig. Noch im hohen Alter marschierte sie von Schwanden nach Glarus. «Man ist im Handumdrehen 90», soll sie jeweils gesagt haben.19 Obschon ihr nicht die Möglichkeiten späterer Generationen offen standen, schliessen Marie Ritters Lebenserinnerungen versöhnlich: «Am meisten freut mich, dass ich es daheim so schön habe und eine ganz gemütliche alte Jungfer geworden bin.»20
Das Brugger Kinderspital und seine Gründerin «Tante Rahn»
«Durch die Pflege von kranken Familiengliedern lernte ich diese Beschäftigung lieben, und als ich während einiger Zeit in unserem kleinen Kinderspital die Stelle der Hausmutter versah, und dabei Wunden versorgen und innerliche Krankheiten beobachten lernte, überzeugte ich mich, dass das Gebiet der Sorge für Kranke meine Bestimmung sei. Anfänglich dachte ich blos an Krankenpflege, aber bald entstand in mir ein so grosses Bedürfnis nach medicinischem Wissen, dass ich beschloss, alle meine Kräfte darauf zu verwenden, um dahin zu gelangen, die medicinische Wissenschaft in ihrer ganzen Ausdehnung zu studiren, mit dem Ziel, später die ärztliche Behandlung von Frauen und Kindern übernehmen zu können.» 1
Die Erfahrungen im Kinderspital mit seinen schwer kranken kleinen Patienten prägten Maries Weltbild. Ihr Wunsch, Medizin zu studieren, war nicht die Frucht einer romantischen Laune, sondern entwickelte sich aus der praktischen Arbeit am Krankenbett. Weshalb sie sich nicht mit Krankenpflege begnügen wollte, wie es ihre Zeitgenossinnen getan hätten? Vielleicht spielte der elende Zustand ihrer Schützlinge eine gewisse Rolle. Wirkliche Hilfe setzte gründliches medizinisches Wissen voraus.
In den schwierigen Monaten vor Beginn des Studiums (Frühling/Sommer 1868) fand Marie Trost im Umgang mit den kranken Kindern. Damals ging sie davon aus, dass sie nie eine eigene Familie haben würde: «Im Kinderspital geht mir das Herz am meisten auf, wo ich mich der Liebe der Kinder freuen und auch sie hin und wieder glücklich machen kann. Wenn ich so bei den Kindern bin, so kann ich mich oft kaum mehr von ihnen trennen, sondern möchte sie ganz alleine für mich haben, damit sie die unendliche Lücke in meinem Herzen füllen könnten.»2
Emotional blieb Marie den kleinen Patienten im Spital auch als Studentin verbunden. Aus ihren ersten Semesterferien schrieb sie: «Weihnachtsabend habe ich bei den lieben Spitälikindern zugebracht; ihr Willkommen hat mein Herz erfreut; ich weiss nicht, wie es kommt, dass sie mich so sehr lieben, während ich doch nichts für sie tue. Ich kleide auf Neujahr eine grosse Puppe für sie; die muss dann jedenfalls Marie heissen.»3
Im «Aargauischen Hausfreund» erschien 1867 ein erster Jahresbericht über die Arbeit des Kinderspitals. Der medizinische Teil stammte aus der Feder des Hausarztes Rudolf Urech, mit dem sich Marie immer wieder austauschte. Er gab Auskunft über die Krankheiten der betreuten Patienten: «Knochenfrass4 und Hüftgelenkvereiterung, Entzündung der Hals- und Rückenwirbel, Skrofuloseentzündung beider Augen und chronische Bronchitis, Lungenentzündung, Knochenhautentzündung und Beinfrass der linken Hand und beider Füsse, Herzübel und Wassersucht, Knochenschwamm, von Ungeziefer bevölkerter Ausschlag und fressendes Geschwür an der Backe (lupus), Beinhautentzündung und Knochenbrand.»5 Die beschriebenen Knochen, Gelenke, die Haut sowie die Lymphknoten waren vermutlich alle von Tuberkulose befallen, eine damals weit verbreitete und gefürchtete Krankheit. Zwei Mädchen konnte nicht mehr geholfen werden, sie starben.
Gründerin des Kinderspitals war Maries Tante Rosa Rahn-Vögtlin (später Urech-Vögtlin, 1820–1897). Rosa Vögtlin, Julius Davids jüngere und einzige Schwester, war beim Tod ihres Vaters knapp elf Jahre alt. Mit der Mutter zog sie von Aarau zurück nach Brugg. Ihre beiden Brüder waren inzwischen Universitätsstudenten und lebten auswärts. Über ihre Kindheit und Ausbildung ist nichts bekannt. 1841 heiratete sie den Zürcher Juristen Johann David Rahn (1811–1853),6 der in ihr, gemäss Stammbuch der Familie Rahn, eine «gleichgesinnte Lebensgefährtin»7 fand.
Durch ihre Heirat wurde Rosa Vögtlin Teil einer bedeutenden, gelehrten Zürcher Familie, die zutiefst traditionellen Werten verpflichtet war. Die Rahns sind ein altes Zunftmeister- und Ratsherrengeschlecht. Rosas Schwiegervater, Dr. med. David Rahn (1769–1848), war bis zur Gründung der Universität Zürich «Archiater», das heisst Staatsarzt beziehungsweise der höchste Zürcher Arzt. Nach seinem Rücktritt aus dem Berufsleben bekleidete er weiterhin verschiedene wichtige Ämter. Bis wenige Wochen vor seinem Tod präsidierte er beispielsweise die Vorsteherschaft der Höheren Töchterschule.

Maries «Tante Rahn», Rosa Urech-(Rahn-)Vögtlin (1820–1898) gründete in Brugg das erste Aargauer Kinderspital, das 1866 seinen Betrieb aufnahm. Sie war eine begabte Organisatorin, die es verstand, für die gute Sache immer wieder die nötigen Mittel aufzutreiben.
Rosa zog in eine Stadt, in der die politischen Wogen hochgingen. Die rasante Modernisierung, die sich die liberale Zürcher Regierung auf ihre Fahnen geschrieben hatte, machte auch vor der jungen Universität nicht halt. So hatte der Erziehungsrat den rationalistischen Bibelinterpreten David Friedrich Strauss (1808–1874) als Professor für Neues Testament berufen. Konservativen Christen – darunter Vertretern der Familie Rahn – missfiel dessen bibelferne Auffassung des Christentums. Auf der Zürcher Landschaft gärte es seit längerem, denn auch die Wirtschaft befand sich im Umbruch, die von der Obrigkeit bestimmte Zwangsmodernisierung verunsicherte viele Menschen. Die Ernennung des Theologen löste deshalb eine breite Protestbewegung aus. Im sogenannten Zürich-Putsch vom 6. September 1839 drang die unzufriedene Landbevölkerung in die Stadt ein, bürgerkriegsähnliche Zustände wurden knapp verhindert. Strauss kam nie nach Zürich, sondern wurde gleich in Pension geschickt.
Rosas Schwager, Hans Conrad Rahn (1802–1881), war wie sein Vater Arzt. In diesen unruhigen Tagen spielte er eine aktive Rolle, was sich unmittelbar auf die Laufbahn seines jüngsten Bruders – Rosas Gatten – auswirkte. Für kurze Zeit hatten die Konservativen das Sagen. Hans Conrad Rahn zog in den Grossen Rat und in den Erziehungsrat ein, wo er für die Wahl einiger bedeutender Universitätsprofessoren verantwortlich war. Getreu seiner Überzeugung, ein Kanton habe sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen einzumischen, liess er einige Jahre später – im März 1845 – den Luzerner Schultheiss vor dem zweiten liberalen Freischarenzug warnen. Auf seine Weise bezog er – konservativ – Stellung in der Sonderbundsfrage und mischte diskret doch ein bisschen mit.
Rosas Ehemann Johann David Rahn hatte in Göttingen, Berlin und Bonn Jurisprudenz studiert. Nach dem Zürich-Putsch wurde auch er in den Grossen Rat gewählt und zudem zum Staatsanwalt des Kantons Zürich befördert. Als die Liberalen 1849 an die Macht zurückkehrten, verlor er diese Stellung wieder. Rahns juristische Fähigkeiten waren unbestritten. So kam er 1851 ans Bezirksgericht, das er bald präsidierte. Das Rahn’sche Stammbuch gibt einen Überblick über sein soziales Engagement. Johann David Rahn kümmerte sich um die Errichtung von Sonntagslesesälen für Arbeiter und Lehrlinge, schuf den Verein für entlassene Sträflinge und gründete mit Freunden die Rettungsanstalt Friedheim bei Bubikon.8 Im August 1847 nahm dieses Heim für arme verwaiste und verwahrloste Kinder seinen Betrieb mit 18 Zöglingen auf.
Am 24. September 1853 starb Johann David Rahn im Alter von erst 42 Jahren ganz unerwartet – vielleicht an Typhus. «Nervenfieber», die offizielle Diagnose, existiert heute nicht mehr als anerkannte Krankheit. Irgendwann kehrte die junge Witwe nach Brugg zu ihrer Mutter zurück. Den Kontakt mit ihrer Schwiegerfamilie pflegte sie weiter. Während ihres Studiums übermittelte Marie immer wieder Grüsse von Onkel Doktor (Hans Conrad Rahn) aus Zürich.
Mit ihrem Unternehmen suchte Rosa Rahn-Vögtlin nach einer Lösung für eine eigentliche Versorgungslücke. Generell lag das Gesundheitswesen im Argen. Die Aargauer Kantonalen Krankenanstalten befanden sich im ehemaligen Kloster Königsfelden. Diese historischen Gebäude genügten modernen Anforderungen in keiner Weise. Rosas Berater und künftiger zweiter Gatte, der Arzt Rudolf Urech, hatte während Jahren in Königsfelden gewirkt und war mit den prekären Verhältnissen bestens vertraut. In einer Schrift beklagte er sich bei den Behörden «über die ganz ungenügenden Räumlichkeiten, über die dadurch bedingte Erschwerung und die Unmöglichkeit einer richtigen Behandlung.»9
Kinder hatten noch weniger Zugang zu medizinischer Versorgung als Erwachsene. Aus Platzgründen wurden sie in Königsfelden kaum aufgenommen. Hatte Rosa den Notstand erkannt, und sann sie auf Abhilfe, oder stand Urech hinter der Idee des Kinderkrankenhauses, wie gewisse Leute glauben wollten? Wer immer es war, Rosa nahm die Sache an die Hand und verfasste gemeinsam mit einflussreichen Freunden verschiedene Aufrufe, um das nötige Geld für das wohltätige Unternehmen zu sammeln.
In einem gemieteten Haus nahm das Kinderspital am 19. Juli 1866 seinen Betrieb auf. Rosa führte es zusammen mit einer Krankenschwester und einer Spitalmagd. Für bestimmte Brugger Kreise soll es anstössig gewesen sein, dass eine Frau ein solches Werk ins Leben rief.10 Immerhin tat sie es nicht «zum Zwecke des Erwerbs, sondern aus Nächstenliebe und Erbarmen gegenüber leidenden Menschenkindern.»11
Als das Spital funktionierte, wendete sich das Blatt. Zahlreiche Brugger steuerten Naturalgaben wie Holz, Mobiliar oder Seife bei. Die Gemeinde bestimmte eine Weihnachtsgabe von 138.36 Franken, sieben Bäcker taten sich zusammen und spendeten 80 Franken, statt ihren Kunden Neujahrsgeschenke zu überreichen. Fräulein Elise Stäblin richtete ein Legat an «den hiesigen von Frau Rahn-Vögtlin gestifteten Kinderspital zur beliebigen Verwendung» aus. Aus dieser Formulierung geht klar hervor, dass Rosa tatsächlich als Stifterin wahrgenommen wurde. Selbst die Regierung in Aarau unterstützte die Einrichtung mit 200 Franken, was im Grossen Rat zu einem Nachspiel führte. Die Prüfungskommission beanstandete, dass der Regierungsrat das Geld seiner Kompetenzsumme entnommen habe, die ausschliesslich ausserordentlichen Aufwendungen vorbehalten war.
Zu Beginn konnten acht Kinder betreut werden, weitere Anmeldungen wurden aus Platzmangel nicht berücksichtigt. Bereits dachte die Leiterin über eine Erweiterung nach. Einen Spendenaufruf vom August 1867 unterzeichneten neben anderen wichtigen Bruggern Rosas Bruder Julius sowie Rudolf Urech.
Der Brugger Mediziner Rudolf Urech12 (1815–1872), der Rosa seit der Gründung mit Rat und Tat zur Seite stand, betreute die Institution auch als Hausarzt. Als die beiden ihre Zusammenarbeit aufnahmen, hatte Urech bereits eine bewegte Karriere hinter sich. 1847–1862 war er Spitalarzt in Königsfelden gewesen, dann eröffnete er eine eigene Praxis in Brugg. Gleichzeitig sass er im Grossen Rat. 1862–1866 war er Regierungsrat, eine Aufgabe, die er nicht gesucht hatte und die er nach einer Amtszeit aufgab, um in seinen medizinischen Beruf zurückzukehren. 1868 wurde er in den Nationalrat gewählt.
Als Rudolf Urechs zweite Frau 1866 starb, lebten noch drei seiner Söhne zu Hause, Rosa und Urech dachten an Heirat. Wegen der angeschlagenen Gesundheit des Bräutigams zögerte sich eine eventuelle Hochzeit immer wieder hinaus. Marie verfolgte die Geschichte mit grosser Anteilnahme. «Tante Rahn ist immer noch Tante Rahn, und denke, Hr. Dr. Urech ist letzte Woche sehr krank gewesen, so dass man ernstlich besorgt war. Ich denke mir immer wie merkwürdig es wäre, wenn er sterben müsste und Tante wieder frei würde. Es thäte mir aber sehr leid und Tante würde erst dann fühlen wie gross seine Liebe war», kommentierte Marie im November 1868.13 Im Dezember schrieb sie wiederum an ihre Freundin: «Herr Dr. Urech ist immer noch nicht gesund, jede Erschütterung macht ihm Schwindel, diese Krankheit hat natürlich nun wieder alles in die Länge gezogen.» Und im Januar 1869: «Herr Dr. Urech ist an und für sich schon viel besser, aber die Schwindeldisposition ist immer da und auch hat er Ohrengeschichten; er glaubt, das eine Trommelfell sei zerrissen. Also ist der Bräutigam noch als solcher ins neue Jahr geschlittert; vor 14 Tagen sei von Heirathung keine Rede; nun vermuthlich ist der Januar wieder hinausgeschoben – du begreifst, dass ich unter solchen Umständen nicht blos nicht mehr fragen, sondern über die Sache auch nicht mehr nachdenken möchte – es kommt mir sonst in die Fingerspitzen.»14
Schliesslich wagten die beiden 1869 den Schritt, doch war das Glück nur von kurzer Dauer. Rudolf Urech starb 1872 bei einem ärztlichen Einsatz, nachdem er eine 3½-stündige Amputation abgeschlossen hatte. Rosa liquidierte das Erbe und baute sich als Alterssitz das Wohnhaus, in dem sie bis zu ihrem Tod 1897 lebte.
Das Kinderspital dagegen verblieb vorläufig in einem Mietshaus. Dies führte immer wieder zu prekären Situationen. Auf die Dauer brauchte das Spital für seine Schützlinge ein eigenes Gebäude. Erneut wandte sich Rosa an die Öffentlichkeit und bat um finanzielle Hilfe. Auf einem eigenen Grundstück und auf eigenes Risiko entstand 1881 endlich ein Haus für zwölf kleine Patienten. «Darin werden kranke Kinder aus mittleren und ärmeren Volksklassen gepflegt, namentlich solche, die langwierige Leiden haben oder die schwieriger Operationen bedürfen.»15 Für einen Verpflegungstag bezahlten die Kinder pauschal 50 Rappen.
1894 übertrug die 74-jährige Stifterin die Spitalleitung einer Kommission. Der Stiftungsrat ernannte seinerseits zusätzlich ein «Damenkomitee», in dem bis zu Rosas Tod Marie Rahn, ihre Zürcher Nichte, einen Sitz hatte. Anna Vögtlin, die Nichte aus Brugg, löste sie ab und war von 1899 bis 1922 Mitglied.
Rosas Stiefkinder waren alle vor ihr verstorben. «Sie überlebte ihre Brüder, hinterliess allein ihre Nichten Anna Vögtlin und Maria Heim-Vögtlin, von ihrer Anverwandtschaft aus Zürich besonders die Nichte Maria», hiess es in der Todesanzeige. Der nicht dem Kinderspital übermachte Nachlass ging an Anna Vögtlin und Marie Heim-Vögtlin. Nach dem damaligen Stand des Rechts musste sich Marie von ihrem Ehemann Albert Heim vertreten lassen. Die Erben verkauften Rosas Wohnhaus. Dem Spital überliessen sie die vorhandenen Schuldbriefe, Obligationen und Sparhefte im Wert von 53 000 Franken.
Obschon 1887 in Aarau das neue Kantonsspital mit einer Kinderabteilung eröffnet worden war, hatte die Brugger Institution weiterhin Bestand. Eine Spitalmagd und zwei Diakonissen aus Riehen führten das Haus. Eine der Diakonissen war gleichzeitig die Gemeindeschwester. Da die Kapitalbasis längerfristig nicht ausreichte, brauchte das Unternehmen ein neues juristisches Kleid. 1905 entstand deshalb eine gemeinnützige Stiftung unter dem Namen «Urech’scher Kinderspital Brugg» – ein ehrendes Denkmal für die Gründerin. Im 20. Jahrhundert wandelte sich das Krankenhauswesen von Grund auf, Tante Rahns Gründung wurde zum «Reformierten Kinderheim Brugg.»
Als Marie sich in Zürich mit ihrem ehemaligen Verlobten Fritz Erismann treffen wollte, musste sie von Tante Rahn äusserst heftige Kritik einstecken. Marie berichtete ihrem Vater: «[…] vielleicht weisst du es zwar schon, dass Tante Rahn mir letzte Woche einen Brief geschrieben hat, der mich wirklich am ganzen Körper zittern machte, der mich furchtbar betrübt hat. Es ist mir unbegreiflich, wie eine Christin so mit solcher Härte und grenzenloser Rücksichtslosigkeit sprechen kann. Ohne auch nur von Ferne zu zögern, alle Gefühle seines Nebenmenschen anzugreifen, bitter zu verletzen. Ich habe gegen Tante durchaus keinen Groll gefühlt, weil ich überzeugt war, dass sie das Rechte zu thun glaubt, aber es hat mich unendlich betrübt, dass sie mit mir, dass sie überhaupt gegen einen Menschen so verfahren könne.»16
Dass die Tante um den guten Ruf der Nichte besorgt war, ist nachvollziehbar. Aber auch mit Maries Entscheid, Ärztin zu werden, tat sie sich trotz ihrem erfüllten Leben – oder gerade deswegen? – schwer. Selbst nachdem ihre Nichte bereits über ein Jahr mit Vergnügen an der Universität studiert hatte, unterliess sie Sticheleien gegen Maries Werdegang nicht. So unterstellte sie im Gespräch mit Marie einem ihrer Professoren (Biermer), er habe gesagt, das Gesetz betreffend Maturitätsprüfungen sei «eine Demonstration gegen die studierenden Frauen.» Ausgerechnet jener Professor war ein überzeugter Anwalt des Frauenstudiums, und es war Marie selbst, die mit ihren Freundinnen auf eine Gesetzesänderung hingewirkt hatte. Marie rief ihrem Vater in Erinnerung: «Zweitens hat sie ja zu Neujahr noch behauptet, ich meine und sage jetzt nur, ich sei glücklich in meiner neuen Lage, während jeder, der irgend unbefangen urtheilen will, gut genug sieht aus meiner ganzen geistigen Verfassung, dass alles für mich anders geworden ist […]. Dass sie es gut mit mir meint und mich in ihren Briefen sehr liebt, weiss ich und anerkenne ich vollständig.»17
Im Sinn ihrer Zeit hatte Rosa trotz viel Schwerem eigentlich eine weibliche Bilderbuchkarriere gemacht. Ihre beiden Ehemänner waren erfolgreiche, bedeutende Persönlichkeiten, beruflich herausragend, politisch und sozial engagiert, finanziell abgesichert. Im gemeinnützigen Bereich fand die Witwe eine Aufgabe, bei der sie ihre vielfältigen Talente unter Beweis stellen und echte Not lindern konnte. Anders als ihrem Bruder gelang es ihr allerdings nicht, über den konservativen Schatten zu springen.
Die Würfel fallen …
«Verzage nicht. Du hast ein schönes, weites Leben vor Dir, das Du gestalten kannst nach Deinem freien Willen, und Du wirst etwas schönes daraus machen. Ich weiss ja aus Erfahrung, dass ein doppelt gesegnetes Leben daraus werden kann.»1 Mit diesen Worten tröstete Marie ihren Sohn Arnold, nachdem seine Freundin einen anderen Mann geheiratet hatte.
Im Januar 1868 hielt sich Marie im Kurhaus Brestenberg auf, das Adolf Erismann, einem Onkel von Fritz gehörte. Von dort aus schrieb sie ihrem Vater über ihren Plan, Medizin zu studieren. Was sie nie zu hoffen gewagt hatte, traf ein: Ihr Vater gab sein Einverständnis. Selbst für einen jungen Mann wäre ein Medizinstudium eine Herausforderung gewesen. Im ganzen Kanton Aargau praktizierten zu jener Zeit keine hundert Ärzte! Marie berichtete ihrer Freundin Marie Ritter die aufregenden Neuigkeiten: «Wie soll ich es heute anfangen, Dir zu schreiben? Ich kann es fast nicht unternehmen, weil ich Dir so unendlich vieles sagen möchte, was ich ja niemals mit der kalten Feder tun kann – ich möchte bei Dir sein, o nur eine Stunde, wie wäre das für mich eine Wohltat!
Seit ich zum letzten Mal geschrieben, habe ich mehr durchlebt, als früher in zehn Jahren zusammen genommen, und ich kann kaum glauben, dass von diesem Jahr erst ein Monat vorbei sei. Immer ist es für mich der Anfang des Jahres, der in meinem Leben zum entscheidenden Moment wird. Marie, ich werde voraussichtlich mein Ziel erreichen! Ich werde Medizin studieren, irgendwo ein Staatsexamen machen und dann das Leben antreten, wonach meine heissesten Wünsche streben. Die letzte Woche war ich in Brestenberg; von dort aus habe ich schriftlich meinem Vater alles gesagt; ich habe ihm erklärt, wie es so hat kommen müssen, dass ich für keine Arbeit Lust und Mut habe als für diese. Als ich heimkam, zitternd vor Spannung, da erkannte ich mehr als je, wie gut, wie treu mein Vater an mir gehandelt, wie sehr er mich liebt. Er gibt mir seinen Segen zu meiner Arbeit, er lässt mich gewähren, mit grossen Sorgen allerdings, aber er versteht, dass dies für mich der allein richtige Weg sei. Und ich werde nun nicht einmal grosse Umwege einschlagen müssen, um zu meinem Ziel zu gelangen – ich kann ihm direkt entgegengehen. Wahrscheinlich bleibe ich nun bis zum Herbst noch zu Hause, um unter meines gütigen Onkels Doktors Leitung gründliche Vorstudien zu machen. Und nachher werde ich nach Zürich auf die Universität gehen.
O Marie, nicht wahr, Du freust Dich mit mir? Für mich war die Macht der Freude, die plötzliche Entladung der schweren Last so gewaltig, dass ich fast krank davon wurde, und mehrere Tage ganz betäubt war. Nach und nach komme ich nun zum Verständnis, wie gross die Erleichterung ist, und ich werde nun wieder zu leben anfangen.
Allerdings ein ernstes Leben, in welchem jede Minute mich erinnern wird an die grosse Verantwortlichkeit, die nun auf mir ruht. Denn wenn mein Weg auch ein schöner und lohnender ist, so ist er dennoch ein dorniger Weg, voller Schwierigkeiten. Aber keine davon ist unüberwindlich, ich will sie alle überwinden.» 2
Gerne wäre Marie gleich im Frühjahr losgezogen, doch damit war Julius nicht einverstanden. Ob er in einem Winkel seines Herzens noch hoffte, Marie könnte ihre Meinung ändern? Die Verwandtschaft jedenfalls machte sofort Schwierigkeiten, ein junges Mädchen aus angesehener Familie sollte keine unpassenden Emanzipationsgelüste hegen. Die lieben Angehörigen zweifelten – wie so viele ihrer Zeitgenossen –, ob Frauen zu einer Hochschulbildung fähig seien. Um Maries guten Ruf nicht zusätzlich zu gefährden, verbot Pfarrer Vögtlin jeden weiteren Briefwechsel mit dem früheren Verlobten. Der Sturm der Entrüstung verbreitete sich von Brugg aus nach Bern und Zürich. Die Berner Zeitung «Der Bund» schrieb am 6. April 1868:
«Der Leser erinnert sich noch der Russin, die voriges Jahr in Zürich zur Doktorin der Medizin ernannt wurde. Bald darauf hiess es, sie sei bei der Rückkehr nach Russland verhaftet worden, weil die russische Polizei in Erfahrung gebracht habe, dass sie in Zürich Verkehr mit Polen gehabt und Briefe von denselben mitgenommen habe. Daran scheint nach der ‹Neuen Zürich Zeitung› kein wahres Wort zu sein, denn vor kurzem hat sich die Dame in Wien mit einem Dr. med. aus dem Aargau verlobt. Dies Ereignis habe eine Aargauerin zu dem Entschluss gebracht, ebenfalls Medizin zu studieren und sich den drei Engländerinnen anzuschliessen, die gegenwärtig die medizinischen Vorlesungen in Zürich besuchen.»
Übelwollende Brugger witterten Ungemach, anders lassen sich die folgenden Zeilen Maries an ihre Freundin Marie Ritter nicht verstehen:
«Die Zeit hat nun begonnen, wo der allgemeine Sturm losbricht, wo mein Plan das Tagesgespräch wird. Der ‹Bund› und die ‹Neue Zürcher Zeitung› haben sich bereits derselben bemächtigt, um ihn in die Öffentlichkeit zu tragen und ihm einen so unaussprechlich gemeinen Beweggrund zu geben, dass ich lange den liebenswürdigen Artikel nicht verstand. Mir selbst, wie Du Dir denken kannst, macht dies sehr wenig Eindruck – ich habe ein gutes Gewissen bei der Sache und werde mich vor niemandem ihrer schämen – es sind ja schon bessere Menschen als ich verdächtigt, verleumdet worden, und ich habe mich entschlossen, auch diese Widerwärtigkeit mir zum besten dienen zu lassen, indem ich dadurch nur fester und stärker werden will. Aber denke, nun hat dieser gemeine Zeitungsartikel, der keiner Notiz würdig ist und dem Einsender gewiss nur zur Schande gereicht in den Augen von rechten Leuten, meine Verwandten dergestalt in Aufruhr gebracht, dass sie sich gebärden, als wären sie die Träger und Märtyrer der Frauenschande, die ich nun über sie bringe. Es ist wirklich bunt!
Fremde Menschen, um deren Urteil ich mich nicht zu kümmern brauche, mögen über mich sagen, was ihnen beliebt; ich weiss ja, sie können mir doch nichts schaden, und meine Sache kann dennoch triumphieren, ihnen zum Trotz; aber dass diejenigen, mit denen umzugehen ich beständig gezwungen bin, deren entsetzliche Vorstellungen und Bedenken ich nun noch sieben Monate lang anhören muss – mir nur mein Leben erschweren wollen, das ist wirklich schlimm, und mir kommt es vor, es sollte sich niemand wundern, wenn es mich an allen Haaren aus diesem Spektakel hinauszieht.» 3
Unter dem Druck seiner Umgebung wurde Pfarrer Vögtlin beinahe schwach. Er beriet sich mit zwei seiner besten Freunde, Dr. Stäbli in Aarau sowie Maries Pate, Pfarrer Hagenbuch. Die beiden Herren und die Schwester Anna stellten sich auf Maries Seite. Andere Verwandte wollten das verirrte Kind auf den rechten Weg zurückbringen.
«Ich habe nur mit sehr wenigen Leuten in letzter Zeit über mein Projekt gesprochen und diese haben dasselbe mit grossem Interesse aufgefasst und durchaus nichts von dem Entsetzen gezeigt, welches meine Verwandten beseelt; diese machen sich selbst und anderen immerfort weiss, ich werde ‹will’s Gott› bis zum Herbst noch anderen Sinnes werden. –
Nun muss ich Dir danken, dass Du mich auf die Gefahr aufmerksam machst, ich möchte zu eigensinnig werden. Diese Mahnung ist gewiss am passenden Ort angebracht, denn meine Naturanlage und meine augenblicklichen Verhältnisse kommen einander jetzt zu Hilfe, um meinen Kopf zu einem unaussprechlichen Eigensinnbehälter zu machen. Es ist wahr, ich bin durch all den Sturmwind noch um kein Haar breit in meinen Überzeugungen wankend gemacht worden, denn alle diese Einwendungen bin ich jetzt, wenn ich mein Gewissen genau befragt habe, zu überwinden imstande gewesen. Überzeugungen kann und will ich nicht zum Opfer bringen – nicht wahr, Du kannst das doch nicht unrecht finden? […] Gegen meinen Vater und Anna habe ich jedenfalls am wenigsten Versuchung, zu eigensinnig zu sein, da sie beide mich niemals auf die Spitze getrieben haben. Ich glaube, dass sie nicht diesen Eindruck von mir haben; denn sobald ich sehe, dass bei jemand auch nur eine Spur von Willen vorhanden ist, auf das, was ich vorzubringen habe, einzugehen, so bekomme ich ein ganz anderes Gefühl, während in den Disputationen mit den andern ich in der Tat meinen Kopf jedes Mal in einen Eisenklumpen sich verwandeln fühle.
Bis jetzt haben dem Publikum gegenüber weder Vater noch Anna eine unangenehme Stellung gehabt; mein Vater wird nicht, wie er gefürchtet hatte, verurteilt, weil er seine Erlaubnis gibt, sondern die ganze Sache wird, wie es mir am liebsten ist, mir selbst aufgeladen, und im allgemeinen scheint hier zu Lande wirklich das Urteil entschieden gegen mich zu sein, während an grösseren Orten, wie z. B. Zürich und Basel, wo man noch ein bisschen über die Stadtmauern hinaussieht, man ganz anders spricht.»
Neben allen Schwierigkeiten, die sie in diesen Monaten zu überwinden hatte, litt Marie noch immer an der Trennung von Fritz.
«Übrigens habe ich unter dem ganzen Getümmel der mir entfernt Stehenden sehr wenig gelitten, denn ich habe ja immer genug anderes durchzukämpfen, was mir weit schwerer fällt. Die gewaltsame Trennung von meinem Bruder [Fritz] quält mich unaufhörlich, und oft fühle ich mich dadurch so unendlich vereinsamt, dass es mir schwer wird, geduldig zu sein. Und der Umgang mit ihm mangelt mir um so mehr, da ich nun von niemandem mehr zum Guten angeregt, sondern so ganz mir selber überlassen bin. Mir ist oft bange vor mir selbst; ich fürchte, ich werde in dieser kalten frostigen Luft, wo ausser Deinen Briefen mich selten ein warmer Hauch anweht, selbst wieder kalt und hart wie früher, und davor habe ich eine unaussprechliche Furcht. Wenn ich doch jemanden hier hätte, es wäre ein ganz anderes Leben! Der Umgang mit Armen könnte mir, ich weiss es, dies ersetzen; aber wir haben hier wenige und ich darf unmöglich jetzt so viel Zeit aufwenden, um sie in der Weite aufzusuchen – ich bin gezwungen, damit zu warten, bis mein Ziel erreicht ist.» 4
Trotz allen Probleme war Marie erstaunlich selbstbewusst. Sie ging davon aus, dass sie ihre Prüfungen bestehen und als Ärztin praktizieren würde, die Frage war nur wo. «Ich habe in letzter Zeit sehr viel nachgedacht über die Wahl meines späteren Wirkungskreises, welche ich um der Examen willen schon jetzt im Auge haben muss. Und ich bin so ziemlich zum Resultat gekommen, vom Kanton Aargau zu abstrahieren, wo man wahrscheinlich zuerst bereit wäre, mir für die Examen Schwierigkeiten zu machen, und statt dessen die Konkordatsprüfung zu wagen. Ich wäre dann frei für eine Anzahl von Kantonen; Zürich habe ich immer am meisten im Auge; denn wenn ich mir während meiner Studienzeit die Achtung der Professoren erlangen kann, so werde ich später für meinen Beruf eine bedeutende Stütze haben.»5
Verschiedenste Gerüchte machten Marie Sorgen. So hiess es plötzlich, die Zürcher Regierung würde das Maturitätsexamen als Zutrittsbedingung verlangen. Marie geriet in Panik und erkundigte sich bei Marie Ritter nach den Glarner Verhältnissen. Ausgerechnet Marie selbst unternahm dann 1870 mit Kolleginnen Schritte, um die Zulassungsbedingungen zur Hochschule zu verschärfen!6
Im August 1868 reiste Marie ins Wallis, bestieg den Gornergrat und erreichte als Erste den Gipfel. In diesem Brief verglich Marie die Wanderung mit ihrer Gemütslage und ihrem Lebensziel: «Ich habe, seit ich wieder zu Hause bin, innerlich unendlich viel erlebt; – und selten habe ich so Minute für Minute, ich möchte sagen in gespannten Gedanken zugebracht, wie jetzt diese zehn Tage. Darum erscheinen sie mir auch wie zehn Wochen. Ich hoffe, die Reise ist mir auch moralisch zum Segen geworden in ihren Folgen; die Empfindungen alle, die sie in mir geweckt und zu einer so wilden Lebhaftigkeit gebracht hat, haben mich einen tieferen Blick in mein eigenes Herz hinein tun lassen, als dies seit dem Frühjahr der Fall war. – Freilich waren es lauter traurige Entdeckungen, die ich gemacht habe – aber immerhin besser, diese verborgenen tückischen Falten des Herzens kennen, als sie wie heimlich lauernde Abgründe in sich zu tragen. Ich bin sehr unglücklich gewesen diese Zeit, unglücklich über mich selbst in vielen Beziehungen, und ich habe mir aufs neue gesagt, wie hohe Zeit es ist, dass ich hinauskommen aus diesem Traumleben, das ich hier führe, hinaus in die Welt, die harte, kalte, raue, wo ich selber warm und lebendig sein muss – oder dann erfrieren und zugrunde gehen – es gibt keine andere Alternative in der Welt draussen […]. Ich habe diese Zeit hier wieder deutlicher als je gefühlt, wie diese Arbeit meine Bestimmung, mein Beruf ist, wie ich ohne sie versumpfen und versinken würde in den alten Schlamm. Ich habe gefühlt, dass ich alles in der Welt, was mir teuer ist, eher hingeben könnte als diesen Beruf […], mir ist, ich möchte mich freudig rädern und foltern lassen, wenn nur endlich aus mir das würde, was ich werden soll, und was ich einzig und allein, ich weiss es, durch bitteres Leiden werden kann. Glück und Schlaf und Lauheit sind für mich gleichbedeutend – nur nicht Ruhe für mich, lieber Sturm und Wellen und wildes Toben um mich her – ach, ich glaube, ich danke es den herrlichen Bergströmen, dass ich dies wieder so neu und lebendig erkennen gelernt habe. Aare und Rhone und Visp haben mich aufgerüttelt aus dem Halbschlaf mit ihrem wilden, herrlich frischen, immer ruhenden Leben; ja, das war Lebenslust für mich.»7
Pulsuz fraqment bitdi.