Kitabı oxu: «Tillas Mühle»

Şrift:

Tillas Mühle

1  Titel Seite

2  Über die Autorin:

3  Personenübersicht

4  Prolog

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43  39

44  40

45  41

46  Epilog

Titel Seite
Verena Maria Mayr
Tillas Mühle
Roman
Impressum
Texte: © 2021 Copyright by Verena Maria Mayr
Umschlag: © 2021 Copyright by Nathalina Prettner
Lektorat: Mayrei
1. Auflage November 2021
Verantwortlich ür den Inhalt: Verena Maria Mayr
epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Über die Autorin:

Verena Maria Mayr, geboren 1975 in Graz, studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Wien. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Eventorganisatorin, Journalistin und Texterin. Sie lebte einige Jahre in der Toskana, wo ihr erster Roman entstand. Verena Maria Mayr liebt verschiedene Länder und Kulturen. Wenn sie nicht gerade durch die Welt reist, verarbeitet sie ihre Erlebnisse in einem Roman, ist in ihrem Garten zu finden oder sie steht in der Küche und bekocht Familie und Freunde. Sie lebt mit ihrer Familie in der Südsteiermark. Mehr Informationen zur Autorin gibt es auf: www.facebook.com/verenamariamayr.fanseite

Der Ort Mureck existiert tatsächlich. Ich lebe hier. Mit Kürbiskernöl kenne ich mich auch aus. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten eine Ölmühle. Dennoch ist dieser Roman reine Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen waren von mir nicht beabsichtigt und sind – sollte dies jemand so interpretieren – purer Zufall.

Wenn der Kürbis sich gelb verfärbt hat, kann er geerntet werden. Er wird aufgebrochen, das weiche Fruchtfleisch entfernt und die grünen Kerne hervorgeholt. Schimmert die Farbe der Kerne dunkelgrün und erinnert die samtige Oberfläche an die Berührung der ersten Liebe, kann die Magie aus ihnen gepresst werden.

Personenübersicht

 Familie Herzog

Hans Herzog, Mühlenbesitzer der Herzog-Mühle am Birkenhof, vor 2 Jahren gestorben

Maria Emilia, geb. Petrin, Hans‘ Frau, 65

Eduard Herzog, Sohn von Hans und Maria Emilia, 44

Ilsa, geb. Schober, Eduards Frau, 40

Tilla Herzog, Maria Emilias adoptierte Nichte, 40

Arthur Herzog-Steinhoff, Tillas Sohn, 12

Louis Herzog, Hans‘ Adoptivbruder, 69

Elisabeth Marer, Tillas Mutter und Maria Emilias Cousine, mit dem Auto verunglückt

Alexander Hofbauer, Tillas Vater, mit dem Auto verunglückt

Konrad Steinhoff, Arthurs Vater und Tillas Ex-Mann, 43

 Herzog-Geschwister

Elli Herzog, als kleines Kind im See ertrunken

Renate Herzog, lebt in der Schweiz *

Christa Herzog, nach N.Y. gezogen *

Georg Herzog, mit dem Auto verunglückt

Joachim Herzog, Dirigent *

*haben sich zu Lebzeiten ihr Erbe auszahlen lassen

 Sonstige Figuren

Nikolaus Veit, Geschäftsinhaber und Gemeinderat, 43

Paulina Papst, Tillas beste Freundin, 41

Conni Steger, Tillas Freundin, Lehrerin und Gemeinderätin, 40

Hannah Steger, Connis Tochter und Arthurs Freundin, 12

Gabi, 33, Eduards Geliebte

Tillas Murecker Freundinnen: Bine, Kaffeehausbetreiberin und Bäckersgattin; Lilo, Boutiquebesitzerin; Nina, Floristin

Prolog

Wenn die Frauen auf den Feldern ihre Lieder anstimmten, schloss Louis die Augen und fing an zu träumen. Er musste ihnen nicht mehr zusehen, er wusste, wie sie jede ihrer Bewegungen, die sie von ihren Müttern und Großmüttern gelehrt bekommen hatten, wie von selbst und als wären sie in Trance ausübten. Er sah sie auf ihren Holzschemeln im Kreis auf dem Feld umringt von gelben Köpfen in der späten Nachmittagssonne sitzen. Bunte Kopftücher schützten sie vor den noch immer heißen Septemberstrahlen. Singend gruben sich ihre Finger in das weiche, klebrige Fruchtfleisch, um die zarten grünen Kerne auszulösen. Gelegentlich würde eine sich aufrichten und den Rücken strecken, weil die gekrümmte Haltung steif machte. Dafür würde die raue Haut ihrer abgearbeiteten Hände am Abend zart wie Seide sein.

Bald würde die Ernte bei ihm in der Mühle ankommen und dann konnte er endlich mit Maria Emilia die erste Pressung vornehmen. Das Herzog-Öl war tatsächlich herzoglich und das grüne Gold machte seinem Namen zurecht alle Ehre.

Gemeinsam würden sie die Kerne waschen und trocknen. Ein Teil wurde sofort verarbeitet, ein Teil wurde gelagert, damit immer frisch gepresst werden konnte. Es war Louis‘ Aufgabe, die trockenen Kerne in das Steinmahlwerk zu füllen. Wasser und Salz mengte Maria Emilia bei.

Louis begab sich zu seiner Schallplattensammlung, die in einer Mauernische des Pressraums eingerichtet war. Sein Plattenspieler stand ebenso dort auf einem der groben Holzbretter, die er der Nische maßgeschneidert verpasst hatte. Wie immer würde er „My way“ von Frank Sinatra, mit dem er eine gespenstische Ähnlichkeit besaß, spielen. Wie immer hatte er eine Cordhose an. In seinem Kleiderschrank variierten sie in der Farbe von braun über beige bis grau. Diesmal trug er eine mittleren Brauns, das dem Kürbisacker glich. Ein flüchtig gebügeltes hellblaues Hemd war genauso flüchtig in den Hosenbund gestrickt worden. Dafür saß die umgebundene dunkelblaue Fliege so perfekt wie sein dunkles Haar, das mit einer duftenden Pomade zurückgegelt worden war. Er strich sich noch einmal mit der Handfläche über das dichte, vom Gel gehärtete Haar, als die Tür aufflog.

Maria Emilia sauste in einem zitronengelben Kleid herein „sie kommen, die Kerne kommen!“ und umarmte Louis stürmisch, der sie einmal hochhob und durch die Luft fliegen ließ, dass es vor Leidenschaft knisterte.

„Mein allerliebster Louis, presst du wieder mit Hemd und Fliege?“ Mimi liebte es, ihn zu necken. In all den Jahren hatte sie ihn noch nie nachlässig gekleidet erlebt.

„Wie immer, meine Liebe“, erwiderte er und stellte sie rasch auf dem Boden ab, bevor jemand sie zusammen sah.

Da ging auch schon die Tür auf und zwei Arbeiter zerrten Jutesäcke gefüllt mit getrockneten Kernen in die Mühle.

„Gute Ernte“, sagte der erste und öffnete seinen Sack, damit Louis und Mimi sich selbst überzeugen konnten.

Plötzlich flog die Tür wieder auf und die vierjährige Tilla, verfolgt von Mimis Sohn Eduard stürmte herein. Die Kleine mit ihren schwarzen Korkenzieherlocken jauchzte vor Freude, weil sie meinte, ihren älteren Cousin, der ihr einen Vorsprung gewährt hatte, abgehängt zu haben. „Gegen Edo gewonnen!“

Sie liefen beide auf Louis zu, der ihnen seine Arme entgegenstreckte. Er umfasste Tilla an beiden Händen und wirbelte sie wie ein Karussell ein paar Mal um seine eigene Achse. Nachdem er sie sicher auf dem Boden abgestellt hatte, umarmte er Eduard kurz und klopfte ihm leicht unbeholfen die Schulter.

„Wer will Öl pressen?“ Mimi stand mit den Händen in den Hüften breitbeinig vor ihnen.

„Ich, ich“, schrien sie gleichzeitig. Die beiden Kinder fassten sich an den Händen, nahmen Mimi in die Mitte und hüpften ausgelassen um sie herum.

„Nicht so wild. Mir wird schon schwindlig. Holt eure Arbeitsschürzen und bringt mir meine auch gleich mit.“ Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Sofort zischten sie los.

Der Blick mit dem Louis Mimi bedachte drückte Wehmut aber auch Freude aus. Liebevoll lächelte sie ihn an. „Wie Geschwister, nicht wahr?“

Louis‘ Ausdruck wechselte schlagartig. Er täuschte einen Hustenanfall vor und drehte sich von Mimi weg. Sie wusste nicht, dass ihre Bemerkung sich in einigen Jahren tatsächlich bewahrheiten sollte.

Als die Kinder zurückkehrten, hatte Louis sich wieder im Griff. Sie banden sich gegenseitig die Schürzen und fingen an, die Kerne in das Mahlwerk zu füllen. Dort wurde gemahlen und geknetet.

„Tilla und Eduard, ihr dürft mir helfen, Wasser und Salz beizumengen“, sagte Mimi und verteilte Messbecher. Stolz halfen die beiden mit.

Wenn das Wasser verdampft war, wurde die Masse unter ständigem Rühren schonend geröstet. Das war Louis‘ Aufgabe, denn bei der Röstung war die Erfahrung des Pressmeisters ausschlaggebend. Eine kleine Unachtsamkeit und die richtige Temperatur war verloren. Diese musste jedoch unbedingt stimmen, denn die Kerne sollten nicht zu hell, aber auch nicht zu dunkel werden. Schwitzend krempelte er seine Ärmel hoch und lockerte seine Fliege.

„Ich weiß es, dieses Mal wird es fantastisch“, hauchte Maria Emilia. Eine Strähne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und hing ihr in die Stirn.

Ja, heute würde die zauberhafte Magie ihrer tiefen Gefühle füreinander in das kostbare Öl fließen. Louis hatte vorhersehend einige der kleinen Flaschen vom Speicher geholt.

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Die drückende Hitze der Großstadt machte Tilla zu schaffen. Normalerweise fegte in Wien immer der Wind durch die Gassen. Heute schien es auch ihm zu warm zu sein und für Ende September war es eindeutig zu heiß. Dieser Sommer wollte kein Ende nehmen und verlangte den Städtern alles ab. Ungeduldig stupste Tilla die Sonnenbrille zurück über den Nasenrücken an ihren Platz, damit sie gleich darauf wieder vom Schweiß ihrer geraden Nase entlang Richtung Spitze geschoben werden konnte.

Sie sehnte sich nach Platz, genauer gesagt nach leerer Weite, aber die konnte sie in ihrer Mittagspause nicht so schnell finden. Der kleine Park um die Ecke ihres Büros musste es auch tun. Dort tummelten sich bereits viele, die die gleiche Idee hatten und sich ein kühles Plätzchen im Schatten erhofften. Tilla zuckte frustriert mit den Schultern und beschloss, einen Salat im klimatisierten Café in der Roten Turm Straße zu essen.

Das Kürbiskernöl auf den welken Blättern und Treibhaus gereiften Tomaten war letztklassig, obwohl es einen stolzen Preis verlangte. Als Tilla daran roch, strömte ein leicht ranziges, auf jeden Fall übel riechendes Aroma in ihre Nase, die sie angewidert kräuselte. Das Öl war keinesfalls aus heimischen Kernen gepresst und zudem gestreckt worden, was sie an der hellen Farbe und an der zu dünnen Konsistenz erkannte. Vermutlich wurde es auch nicht richtig gelagert.

Tilla schob ihren Teller missmutig von sich und seufzte enttäuscht auf, weil ihr Bedürfnis nach einem knackigen grünen Salat mit Kürbiskernöl, der sie an ihre unbeschwerte Kindheit erinnerte, nicht befriedigt wurde. Der Geruch von frisch gepresstem Kernöl fiel ihr ein und bahnte sich seinen Weg durch ihr olfaktorisches Gedächtnis. Der erste fette, dunkelgrüne Tropfen, den sie mit einem Brotstück auftunkte, war der beste und hinterließ ein einzigartiges Geschmackserlebnis, wenn sich das grüne Gold um ihre Zunge schlängelte.

In ihrem Kopf erschien plötzlich das kühle Mühlengebäude mit seinen dicken Mauern, das spannende Geschichten erzählte, und dahinter der schattenspendende Apfelgarten, der mit seinen süßen Früchten lockte. Schnell war ein rot-grüner Apfel vom Baum gepflückt und herrlich frisches Fruchtfleisch abgebissen.

Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Tilla schluckte und bedeutete der Kellnerin, dass sie die Rechnung bringen sollte. Nachdem sie bezahlt hatte, verließ sie das Lokal und ging nach draußen, wo ihr das Großstadtleben die Luft nahm. Auf dem Gehsteig wurde sie von einer jungen Frau mit plärrendem Kleinkind an der Hand angerempelt, die es für unnötig hielt, sich zu entschuldigen. Tilla vernahm ein genervtes „… muss auch so blöd im Weg herumstehen …“ und schloss kurz ihre Augen und atmete tief durch, um sich nicht aufzuregen. „Ich bündle meine Energie“, murmelte sie mantraartig. Sie stellte sich vor, wie sie durch den Murecker Auwald neben der beruhigend dahinplätschernden Mur entlangspazierte. Nicht, dass sie sich danach sehnte in die kleine Stadt im Süden Österreichs zurückzukehren, um dort zu leben. Zu sehr hatte sich ihre Lebenssituation und sie selbst sich verändert. Was hätte sie in dem Städtchen, das nicht mit der Zeit ging, anfangen sollen? Dass sie sich nach dem Land sehnte bedeutete schlicht und einfach, dass sie urlaubsreif war.

„Na, gehen’S doch weiter!“, herrschte sie eine unfreundliche Stimme an, die zu einem grantigen Pensionisten gehörte. Das war zu viel. Sie hastete über die Straße, eilte in das Lokal einer Fast-Food-Kette gegenüber und schlang einen Burger mit Pommes und Ketchup hinunter. Für einen Moment fühlte sie sich getröstet und lehnte sich in die rote Kunstledercouch, auf der ihre nackten Beine unangenehm kleben blieben. Nein, heute war definitiv nicht ihr Tag. Die Sättigung war ein kurzes Vergnügen und schlechtes Gewissen stellte sich ein, weil sie nicht standhaft bleiben konnte und sich dem ungesunden Genuss hingab. Deprimiert kehrte Tilla an ihren Arbeitsplatz zurück.

Ihr Großraumbüro teilte sie sich mit drei Kolleginnen. Weil es im vierten Stock eines Altbaus lag, gab es dort keine Klimaanlage. Angeblich isolierten die dicken Mauern doch so schön … Zum Glück gab es einen Lift, denn um die Stiege zu nehmen, fehlte ihr die Kraft.

Seit einem halben Jahr hasste Tilla ihre Arbeit als PR-Sachbearbeiterin in einer Werbeagentur. Ihre Kolleginnen, die sie als Freundinnen gesehen hatte, bezeichnete sie innerlich bereits als Ex-Freundinnen. Lisa, Marie und Juli hatten sich gegen sie verschworen. Zuvor hatten sie Rücksicht auf sie und ihre Situation als alleinerziehende Mutter mit psychisch labilem Ex-Mann genommen, ihr Arbeit, Wege und Tagungen abgenommen, obwohl sie gar nicht geschont werden wollte. Sicher hatten sie es nur gut gemeint, aber damit Tilla ausgeschlossen. Sie fühlte sich bald wie das fünfte Rad am Wagen, aber schlimmer noch, in letzter Zeit inkompetent. Sie begann, an sich selbst zu zweifeln. Tilla gehörte nicht mehr dazu. Sie war nicht mehr in die aktuellsten Geschehnisse eingeweiht, nicht mehr am Laufenden was den Büroklatsch betraf und als Einzige übergewichtig. Die drei gingen zusammen zum Zumba.

„Komm doch mit“, hatte Lisa gemeint. Und Marie hatte – fast schadenfroh – hinzugefügt: „Da kann man seine Kilos richtig gut loswerden.“

Tilla hatte dafür keine Zeit, weil die Trainingseinheit am späten Nachmittag stattfand und die drei gleich nach der Arbeit hingingen. Sie musste nach Hause zu ihrem Sohn und konnte sich keinen Kindersitter für zehn Zumba-Stunden leisten, obwohl Arthur mit seinen elf Jahren bestimmt schon gern allein blieb. Allerdings hätte sie somit die komplette Kontrolle über die Playstation verloren. Außerdem hatte sie Koordinationsprobleme und ihr wurde schon bei der Vorstellung der verschiedenen Bewegungsabläufe schwindlig.

Im letzten Horrorjahr, als die Scheidung endlich durchging sowie ihre letzten Ersparnisse, hatte Tilla aus lauter Frust einige Kilos zugenommen und war nicht mehr ihres Körpers Freundin. So weich ihr ihr Bauch und ihre Schenkel erschienen, so verweichlicht empfand sie ihr Inneres. Zuvor hatte sie sich als selbstbewusste Frau mit Charme und Elan wahrgenommen. Jetzt fühlte sie sich unsicher und oft entsetzlich müde. Vielleicht sollte sie diese Diät mit den Eiweißshakes ausprobieren, von der sie neulich in der Gratisstadtzeitung gelesen hatte, die versprachen Gewichtsabnahme und mehr Energie. Ach, was soll’s? In Hinblick auf gelegentliche, sehr sporadisch ausfallende, sexuelle Abenteuer war es egal.

Nach der Arbeit könnte sie ihren Sohn Arthur von der Schule abholen und mit ihm ins Strombad nach Kritzendorf fahren. Die öffentlichen Schwimmbäder der Stadt Wien waren heute bestimmt hoffnungslos überfüllt und Tilla wusste, dass Atti sich wegen seiner pummeligen Figur vor den anderen Kindern genierte. Wie gut konnte sie ihren Sohn verstehen.

Nur am Strand in Santorin – ein günstiges Hofer-Angebot zu Pfingsten, dass Tilla sich und Atti trotz schlechten Gewissens wegen ihrer prekären finanziellen Situation gönnte –, wo ihn niemand kannte, amüsierte er sich und konnte ein paar unbeschwerte Ferientage mit seiner Mutter genießen. Weiß getünchte Häuser umrankt von fuchsiaroter Bougainvillea, das Meer in unverschämtem Blau und Türkis, streunende Katzen und wunderschöne Kellner. Die vier Tage waren vorbei, ehe sie Dimitris aussprechen und die gesamte Speisekarte von Tzatziki, Souvflaki über Moussaka und würziges Spetzofai durchkosten konnte. Arthur wünschte sich, dort bald wieder hinzufliegen. Als sie wieder in Wien gelandet waren, kam ihnen Griechenland wie eine exotische, andere Welt vor, die sie sich kurz erträumt hatten.

Lachend stürzten sich Mutter und Sohn am Nachmittag in die Fluten des Donaustroms und ließen sich ein paar Meter mitreißen. Aufgrund der starken Strömung mussten sie sich konzentrieren, um nicht abgetrieben zu werden.

„Lass uns rausgehen“, rief Tilla Atti zu, der dicht neben ihr kraulte.

„Ok, aber wir machen es gleich noch einmal“, forderte er.

„Ist gut“, versprach sie. „Lass uns kurz rasten. Gleich bin ich wieder bereit.“

Sie liebte diese Momente der fröhlichen Zweisamkeit mit ihrem Sohn, der in letzter Zeit oft unnahbar wirkte. Wenn sie ihn darauf ansprach, tat er es stets als Einbildung ihrerseits ab. Nach außen hin schien alles gut zu sein, aber Tilla spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie legte sich auf ihr Badetuch und versuchte, ihren Körper an die großen Steine anzupassen. Richtig bequem war es nicht. Tilla nahm sich vor, beim nächsten Mal eine Strandmatte einzupacken. Ach, wie schön wäre jetzt ein Sandstrand …

„Komm, genug gerastet“, riss Arthur sie aus ihren Gedanken.

„Ok, einmal noch rein, dann abtrocknen und zur Bahn. Wir sollten die um 19.05 Uhr erwischen. Morgen ist Schule und ich muss ins Büro.“

Arthurs Blick trübte sich, die ausgelassene Heiterkeit war aus seinem Gesicht verschwunden. Heftiger als vorhin stürzte er sich in die noch wilder gewordene Strömung.

„Atti, pass doch auf“, schrie Tilla und hechtete ihm nach. Gemeinsam kämpften sie sich ans Ufer und ließen sich erschöpft auf den Rücken fallen.

Als Tilla nach dem Büro-Jour-fixe am nächsten Tag einen Blick auf ihr Handy warf sah sie, dass die Schule bereits dreimal angerufen hatte.

„Sorry“, sagte sie zu ihrer Kollegin Juli. „Da muss ich jetzt unbedingt zurückrufen.“

Juli nickte verständnisvoll.

Die Sekretärin der Direktorin stellte Tilla sofort durch.

„Frau Herzog“, begann diese freundlich. „Es tut mir leid, wenn ich Sie störe.“

„Nein, nein, gar nicht. Wir hatten eine Teamsitzung und da war mein Telefon auf lautlos gestellt.“

„Kein Problem. Ich melde mich, weil ich mit Ihnen über Ihren Sohn sprechen wollte. Ich weiß, dass Sie alleinerziehend und berufstätig sind. Wenn es Ihnen recht ist, dann besprechen wir das am Telefon. Geht es bei Ihnen jetzt oder sollen wir einen Termin ausmachen?“

„Gleich jetzt, bitte“, stammelte Tilla und warf einen Blick auf Lisa, Marie und Juli. Nervös schob sie ihren Bleistifthalter hin und her, der stets am exakt gleichen Platz neben den anderen Büroutensilien vor der Schreibtischtrennwand stand, über die hinweg ihre Kolleginnen sie jetzt verstohlen beobachteten.

„Frau Herzog, wir kennen Arthur als liebenswerten, wissbegierigen und fleißigen Jungen.“ Die Direktorin machte eine Pause, als wollte sie die richtigen Worte wählen und fuhr zögernd fort: „In letzter Zeit allerdings hat er sich sehr … verändert.“

Und dann erfuhr Tilla, dass Arthur seine Hausübungen nicht oder nur unvollständig ablieferte, keine guten Noten mehr bei Schularbeiten oder Tests schrieb und offensichtlich einige Male die Unterschriften dieser gefälscht hatte. Tilla fühlte sich wie betäubt.

„Frau Herzog, ich möchte direkt sein: Hat Arthur zu Hause Probleme?“

„Ich ... nein, ich meine, … ich hatte ja keine Ahnung“, stammelte Tilla.

„Das hatte ich mir gedacht. Sie möchten bestimmt einmal mit ihrem Sohn reden. Frau Herzog, wir sind ein angesehenes Gymnasium. Wenn sich seine Leistungen und sein …“, Tilla spürte, wie die Direktorin ihre Worte noch sorgfältiger abwog „… Benehmen nicht bessern, …“ Der Rest des Satzes blieb in der Luft hängen.

Als das Gespräch beendet war, blieb Tilla mit hochrotem Kopf und pochendem Herzen kerzengerade auf ihrem Drehsessel sitzen, als würde jegliche Bewegung das eben Erfahrene noch mächtiger erscheinen lassen.

„Probleme?“, flötete Lisa.

„Geht so. Arthur scheint einige Schwierigkeiten in der Schule zu haben“, flüsterte Tilla. Ihre Kehle schien wie zugeschnürt.

„Da kann ich Gott sei Dank nicht mitreden. Meine Kinder sind Vorzugsschüler und sehr brav. Da gibt es gar nichts.“ Lisa versprühte ihr Gift lächelnd und fächerte sich mit ihren perfekt manikürten Händen etwas Luft zu.

„Bei mir auch nicht“, stimmte Marie ein und winkte dieses Thema als abgehakt und unbedeutend mit einer lässigen Handbewegung ab. Juli hatte noch keine Kinder und zuckte desinteressiert mit den Schultern.

„Wie schön“, meinte Tilla lapidar und wandte sich ihrem Computer zu. Um sich zu beruhigen, hätte sie gerne ihren Schreibtisch zusammengeräumt, aber der bestach bereits durch perfekte Ordnung, was sie von ihrem Innenleben gerade nicht behaupten konnte. Sie schob lediglich den Schreibtischhalter wieder an seinen Platz. Konzentrieren konnte sie sich nun überhaupt nicht mehr. Zu Recht durfte ihr Chef ihr diesmal vorwerfen, dass sie nicht ganz bei der Sache war.

Am liebsten hätte sie geheult und sich ihrer besten Freundin Paulina in die Arme geworfen. Hier im Büro wäre das nicht gut angekommen und so schluckte sie mühevoll ihren Kummer hinunter und rang um Beherrschung. Sie konnte es nicht mehr ertragen allein zu sein, immer alles allein auf sich laden und entscheiden zu müssen. Allein, allein, allein. Sie wollte sich in Selbstmitleid suhlen und ihren Tränen freien Lauf lassen. Ihren Kolleginnen gönnte sie diesen Zusammenbruch nicht. Als Tilla endlich aus dem Büro trat und um die Ecke bog, kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen mehr.

Sie musste weg. Dieser Job und die Stadt nahmen ihr die Luft zum Atmen. Als sie vor Jahren in Wien ankam, war sie dabei, die Welt und sich selbst zu entdecken. Sie wollte vergessen und neue Erfahrungen sammeln. Ihre Tante Mimi nannte es Flucht. Für sie war es ein Neubeginn nach dem Tod ihrer Eltern. Ihr PR-Studium machte ihr Spaß, sie war ständig unterwegs und lernte viele interessante Menschen kennen. Einer von ihnen war Paulina, die in kurzer Zeit ihr Herz eroberte und zu ihrer besten Freundin wurde.

Tillas erster Job in einer großen internationalen PR-Agentur war gleich ein Volltreffer. Am liebsten nahm Tilla Auslandsaufträge an. Nachdem sie Arthur bekommen hatte und ihre Karenzzeit vorbei war, ließ sie sich von ihrem nunmehrigen Ex-Mann Konrad einreden, in einer kleineren Agentur anzufangen, wo sie mit fixen Dienstzeiten rechnen konnte und die Wochenenden für die Familie frei hatte.

Jetzt musste sie feststellen, dass sie sich selbst wieder verloren hatte und in ein berufliches Korsett gepresst war, das ihrer Kreativität keinen freien Lauf ermöglichte und ihr Handlungsspielraum sehr eingeschränkt war.

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„Verdammter Mist!“, ärgerte sich Eduard. Er kam gegen seine Mutter nicht an. Stur wie eh und je. Vielleicht konnte er seine verhasste Frau Ilsa auf sie ansetzen. Hätten sie seine Mutter einmal auf ihrer Seite, würde auch Louis ihrem Plan zustimmen. Er tat immer was Maria Emilia sagte. Oder er redete direkt mit Louis, den er liebte wie einen zweiten Vater. Vielleicht würde er seinem Vorhaben etwas abgewinnen können. Er wurde auch nicht jünger. Da war dann noch seine Stiefschwester Tilla, die ebenfalls zum Verkauf bewogen werden musste. Sie war ohnehin nie da. Und irgendwie würde er dann auch Ilsa loswerden.

Es war der größte Fehler seines Lebens gewesen, diese Frau zu heiraten. Sie hatte ihm schöne Augen gemacht – wie so viele andere auch, damals beim Maifest vor zwanzig Jahren. Alle hätte er haben können! Er, der aussah wie der junge Robert Redford, mit seinen strohblonden Haaren, die widerspenstig von seinem hübschen Kopf abstanden, und blitzblauen Augen.

Als gute Partie bezeichnete er sich in junger Selbstsicherheit. Eduard sprühte vor Lebensenergie und Ideen, um die Mühle zu modernisieren. Sie produzierten das beste Kürbiskernöl auf dem gesamten Erdball - nun sollte auch die ganze Welt davon erfahren. Ihm - Eduard Hans Herzog - stand die Welt offen. Jedoch das süße, blonde Hannerl mit den violett-blauen Augen hatte es ihm angetan. Sie hatte sich geziert und ihren Kopf auf die andere Seite gedreht, sodass ihre geflochtenen Zöpfe durch die Luft flogen. Ihre hellen Augen hatten frech geblitzt. Er begehrte sie umso intensiver, weil sie ihn wieder einmal abblitzen ließ.

Aus Frust und Ärger hatte er zu viel Wein getrunken und sich aus verschmähtem Stolz mit Ilsa, die nur allzu willig war, eingelassen. Jede andere wäre besser gewesen, warum war er ausgerechnet bei ihr hängen geblieben? Drei Wochen später hatte Ilsa ihm erklärt, dass sie schwanger sei. Was heißt erklärt, sie hatte es ihm irgendwie weisgemacht und er Idiot hatte es geglaubt und sich seinem Vater anvertraut. Der korrekte, angesehene Hans Herzog hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er zu seinen Taten stehen müsse. Dass sein Sohn ein Ehrenmann sei – wie er.

Eduard fühlte sich ganz und gar nicht danach, und hatte noch weniger Lust, dementsprechend zu handeln. Sie könne es doch wegmachen lassen. Beinahe angefleht hatte er Ilsa und ihr viel Geld geboten. Sie hatte ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Zorn bloßgestellt. Nie zuvor in seinem Leben hatte Eduard sich so gedemütigt gefühlt.

„Bitte Vater, unterstütze mich nur noch dieses eine Mal“, hatte er ihn gebeten.

„Dieser Fehler ist nicht rückgängig zu machen“, hatte Hans ihm steif erklärt. So hatte er es genannt. Fehler. Mehr war da nicht zu sagen gewesen.

Ein einziges Mal hatte er sich Louis anvertraut, der mit betrübtem Gesicht geantwortet hatte: „Wir wissen nicht, warum Dinge passieren. Irgendwann werden sie einen Sinn ergeben.“ Damit hatte Eduard nichts anfangen können, aber dass Louis ihn fest umarmt hat und er weinen konnte, hatte ihn besänftigt. Und dass er nicht über sein Verhalten urteilte. Er nahm ihn, wie er war. Louis war ihm mehr Vater gewesen, als Hans Herzog.

Das fesche Hannerl redete nie wieder ein Wort mit ihm, und Ilsa erklärte ihm einen Tag nach der Hochzeit, die einer Begräbnisfeier glich, dass sie sich mit der Schwangerschaft wohl geirrt hätte. Er hasste sie aus ganzem Herzen.

Seit diesem Tag versuchte Eduard seinen Schmerz, seine Wut, seinen Frust zu ersaufen. Bier, Wein, Schnaps, es war ihm egal - vollkommen egal, denn eine Scheidung kam nicht in Frage. Wegzugehen getraute sich Eduard nicht. Wohin auch? Welchem Mädchen hätte er erklären können, das er eine gute Partie sei, wohl eher gewesen war. Der Gedanke entpuppte sich als zu lächerlich. Wer hätte einen von Zuhause verstoßenen genommen? Da konnte er noch so gut aussehen. Welchem Beruf hätte er nachkommen können? Er hatte von klein auf in der Mühle gearbeitet.

Seit er jedoch betrunken eine frisch gefüllte Palette Kürbiskernöl zu Sturz gebracht hatte, ließen ihn seine Eltern – besser gesagt sein Vater – nicht mehr hinein. Er erledigte von nun an unwichtigen Bürokram, traf sich mit unwichtigen Kunden und ließ sich auf Messen etwas dezenter volllaufen. Nein, seine Eltern warfen ihn nicht raus, das hätte den Ruf der Herzog-Mühle eventuell ruiniert, und die war schließlich seit sieben Generationen in Familienbesitz. Er, Eduard Hans Herzog war ein Versager. Das schwarze Schaf der Familie bestätigte sich per se durch ihn – Edi-Redford-Versager. Hans Herzog wollte seinem Sohn eine Lektion erteilen, indem er ihn innerhalb des Mühlenablaufs degradierte, um ihm die Bedeutung des über Generationen gewachsenen Betriebes in Erinnerung zu rufen. Der Schuss ging nach hinten los und in der Stadt wurde gemunkelt, dass dies dem alten Herzog über die Jahre das Herz gebrochen hätte. Nach einem kurzen, sehr heftigen Schlaganfall wurde er schließlich von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen.

Seit zwei Jahren war sein Vater, der stattliche Hans Herzog, nun tot, und die Mühle war seit einem Jahr außer in Betrieb. In diesen beiden Jahren hatte Eduard sich ein zweites Standbein aufbauen müssen, denn er war nicht mehr in der Lage, die Mühle, die er nun endlich wieder hätte haben können, zu übernehmen. Im letzten Jahr, als Mimi und Louis noch einen letzten Durchgang pressten, zog er sich endgültig aus dem Mühlengeschäft zurück. Um das Vertrauen der langjährigen Kunden zu gewinnen hätte er sich keinen Fauxpax erlauben dürfen. Es wäre unendlich viel Arbeit gewesen, die neue Klientel davon zu überzeugen, dass sie ihr Kernöl ausschließlich bei ihm kaufen sollten. So qualitativ hervorragend das Öl auch war, so gut sein Ruf noch immer war, so schlecht war seiner mittlerweile und er konnte sich mit der Mühle nicht mehr identifizieren. Sie war nicht mehr seine Lebensaufgabe. Er war aus der Tradition ausgeschlossen worden. Dabei machte ihn nichts so zufrieden und glücklich wie der Geruch von frisch gepresstem Kernöl, das sein Aroma durch die ganze Mühle verströmte. Am liebsten kostete er es direkt von seinem Finger, den er in die warme, dunkelgrüne Flüssigkeit tunkte. Die Mühle, immer wieder die Mühle … Eduard liebte das alte Gebäude mit seinen soliden Sockeln, das im Winter die Wärme speicherte und im Sommer die Hitze fern hielt. Das Surren der Maschinen, die Katze, die die Mäuse jagen sollte, die gestapelten Ölkuchen. Sosehr Eduard die Mühle liebte, er konnte und wollte den Ausschluss nie verkraften. Sollte sie doch verkauft werden. Mit dem Geld wusste er bestimmt Besseres anzufangen.

Schließlich war Eduard als Kundenberater für einen befreundeten Autohändler, mit dem er bereits in den Kindergarten gegangen war, tätig geworden, und insgeheim musste er zugeben, dass es ihm Spaß machte mit begeisterten Autoliebhabern Probefahrten in teuren Luxuswägen zu unternehmen oder betagte Damen bei der Wahl ihres Kleinwagens zu beraten, den sie nur zum Einkaufen nützen würden. Er freute sich jedes Mal ehrlich, wenn er einem hart arbeitenden Familienvater einen Rabatt gewähren konnte und wenn er jungen, hübschen Frauen zu einem schnittigen Wagen verhalf. Bald hatte er sich einen Ruf als seriösen Verkäufer erworben und sein Freund entlohnte ihn großzügig.

Seinen luxuriösen Lebensstil würde er sich allerdings bald nicht mehr leisten können. Seine aktuelle Geliebte war sehr anspruchsvoll. Wenn er nicht so viel Spaß mit ihr gehabt hätte - Gabi brachte ihn zum Lachen, ließ ihn Sorgen vergessen und zeigte ihm, wie man im Jetzt lebte -, hätte er sie schon längst auf charmante Weise weiterziehen lassen. Allerdings war sie auch nicht so leicht loszuwerden wie ihre unzähligen Vorgängerinnen. Diesmal wollte sie keinen Schmuck, keine Designermode, sie wollte einen knallroten Porsche mit dem Wunschkennzeichen „Herz 1“. Auffälliger ging es nicht. Das würde ihm Ilsa nie verzeihen. Seine Mutter allerdings auch nicht.

Er brauchte Geld, viel Geld. Mutter sollte endlich alles verkaufen. Die Mühle und ihr Haus lagen bestens und würden sehr viel einbringen. Die Ölmühle stand still, das Haus war für Mutter und Louis allein viel zu groß, der Garten immens. Sie war Mitte 60 – Vaters Stiefbruder wurde nächstes Jahr 70 – und könnte ihrem einzigen Sohn endlich das Erbe überschreiben. Er war immerhin der echte Sohn und zudem Erstgeborener. Tilla war nur adoptiert, jünger als er und im Grunde keine echte Herzog. Diesen Plan würde er Ilsa schmackhaft machen, sie sollte Mutter davon überzeugen. Auch wenn die beiden kein inniges Verhältnis zueinander hatten, aber zu wem hatte seine spröde Frau das schon?, war ihre ruhige, sachliche Art zu kommentieren bestimmt überzeugender, als seine emotionale. Ja, das konnte die Rettung sein. Er würde seine Schulden begleichen, Ilsa verlassen und mit Gabi in die Karibik abhauen oder wohin auch immer. Zufrieden lächelte er in sich hinein. Den schalen Beigeschmack spülte er mit einem eisgekühlten Bier und ein paar Schnäpsen hinunter.

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Mimi stöhnte, als sie sich in den bequemen alten Ohrensessel, der schräg zum Kamin stand, sinken ließ. Der Besuch ihres Sohnes Eduard, der sie diesmal ohne Louis sprechen wollte, hatte sie, wie immer in letzter Zeit, erschöpft. Sogar seine Frau Ilsa hatte diesmal, wenn auch ihrer Ansicht nach nicht überzeugend genug, versucht, sie zum Verkauf der Ölmühle zu überreden. Das war eigentlich nichts Neues, denn zum ersten Mal war ihnen, sogar ihr selbst, der Gedanke gekommen, als Mimis Mann Hans vor zwei Jahren gestorben war. Die Mühle hatte sie selbst dann noch ein Jahr lang mit Louis‘ Hilfe, der seit jeher über der Mühle wohnte, weiter geführt.

Seit gut einem Jahr stand sie komplett still. Die Wirtschaftskrise, Louis ging auf die 70 zu, fehlende Motivation ihrerseits, Eduard, der mit dem Ölgeschäft ohnehin nichts mehr zu tun haben wollte, hatten diese Überlegungen bewirkt.

Diesmal ließ Ilsa zum ersten Mal anklingen, dass Mimi auch das Haus verkaufen sollte, es sei doch alles viel zu groß, jetzt wo sie sich den Fuß gebrochen hätte und auf Hilfe angewiesen sei. Die verpachteten Ackerflächen, auf denen früher der eigene Kürbis angebaut worden war, könnten zum Verkauf angeboten werden. Wie wollte sie sich denn außerdem um den großen Garten kümmern? Das konnte auch Louis nicht mehr bewältigen, er hatte es ja immerhin mit der Gicht. Welche Gicht? Sie wären – auf einmal hatte sie in Wir-Form gesprochen und Zustimmung heischend zu Eduard geschaut, der peinlich berührt aus dem Fenster starrte – ganz zufällig auf eine wunderschöne Einrichtung, die betreutes Wohnen hieße, gestoßen. Das sei extra für rüstige, Mimi hasste das Wort rüstig in Verbindung mit sich selbst, Damen wie sie konstruiert worden, denn da könnte sie alles selbst machen, würde jedoch, was?, jetzt fehlte Ilsa das richtige Wort und sie blickte Unterstützung suchend zu ihrem Mann.

„Eduard, jetzt sag doch auch mal was“, forderte sie ihn leise, ohne ihn anzusehen, auf.

Edi blickte seine Mutter unsicher an. „Mama, wir machen uns halt Sorgen. Du weißt schon. Du ganz allein hier …“

„Louis ist doch auch hier“, warf Mimi ein.

„Mama, er ist …“ Eduard hielt im Satz inne, denn der Blick seiner Mutter schien zu sagen „sag auf keinen Fall alt“.

Er räusperte sich. „… er hat gesundheitliche Probleme. Die Gicht.“

„Woher habt ihr bloß das mit der Gicht?“ Mimi war entnervt, aber Eduard ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „… und ist nicht mehr der Jüngste. Welche Hilfe kann er schon für dich sein?“, entgegnete Eduard.

Ilsa nahm den Faden wieder auf. Sie schien sich gefasst zu haben und Mimi wusste, dass ihr Edi nicht sehr durchsetzungsstark war.

„Maria“, setzte Ilsa zum Schlussplädoyer an. Niemand außer Ilsa nannte sie so. „Die Zeiten sind schlechter geworden. Der Grund hier liegt abseits, niemand würde dich hören, wenn du überfallen werden oder du wieder stürzen solltest. Du weigerst dich ja ein Handy zu benützen. Dabei haben wir dir so ein schönes mit extra großen Tasten letzte Weihnachten geschenkt. Louis ist gleich stur wie du, und er könnte sich auch niemandem mehr zur Wehr setzen. Es wäre doch für alle am besten, wenn du“, sie räusperte sich, „wenn ihr hier alles abstoßen und euch eine gemütliche Rente machen würdet. Ihr könntet reisen und euer Leben genießen.“ Wehmütig sah sie Mimi an, die den Verdacht hegte, dass sie sich selbst eine Auszeit herbeisehnte.

Mimi hatte nie etwas von Yoga oder Meditation gehalten. Jetzt wünschte sie sich, eine richtige Atemtechnik gelernt zu haben, um einige Sekunden Bedenkzeit zu gewinnen. Mimi atmete tief durch die Nase ein und wieder aus. „Meine Lieben, ich bin gerührt, dass eure Gedanken um mich kreisen. Aber macht euch bitte nicht zu viele Sorgen. Ich werde über euren Vorschlag nachdenken und mir etwas einfallen lassen.“

Eduard und Ilsa schienen erleichtert und voller Vorfreude auf Aussichten, die Mimi unbekannt waren. Lächelnd verabschiedeten sich ihr Sohn und ihre Schwiegertochter. Na also – geschafft! Eine Zeit lang war sie die beiden los.

Maria Emilia wäre nicht verwunderter gewesen, wenn ihr Sohn ihr die Mitteilung gemacht hätte doch mehr Gefallen am männlichen Geschlecht zu finden, als an Ilsa. Für einen kurzen Moment war sie sogar geschockt gewesen. Doch ihr angeborener Pragmatismus übernahm rasch wieder das Kommando. Sie hätte sich lediglich eine herzlichere, weniger distanzierte Schwiegertochter gewünscht. Und auf den Enkel, der nie das Licht der Welt erblickte, hatte sie sich lange umsonst gefreut, obwohl ihr Louis immer wieder zu verstehen gegeben hatte, dass sie auch ohne Großmutter zu werden glücklich sein würde. Sie war weder dumm noch blind und wusste, dass sich die beiden nicht liebten. Wie karg es um ihr Liebesleben bestellt war, konnte sie jedoch nur ahnen.

Nach Hans‘ Tod gestand sie sich ein, dass weder Ilsa noch Eduard ihr sehr nahe standen. Ihr Sohn hatte sich nach seiner Hochzeit vollkommen verändert. Sie erkannte ihn nicht wieder. Jeder Versuch ihrerseits ihm nahe zu sein, wurde von ihm abgebrochen. Irgendwann sagte sich Mimi, dass ihr Sohn als Erwachsener Wege einschlug, die sich mit ihren nicht kreuzten. Louis brauchte viel Zeit und Liebe, um sie zu trösten.

Einzig zu ihrer Nichte und Stieftochter Tilla und deren Sohn Arthur hatte sie eine liebevolle, innige Verbindung. Aber die beiden lebten weit weg in Wien und kamen nicht sehr oft zu Besuch, weil Tilla ihren spärlichen Urlaub als alleinerziehende Mutter sorgsam einsetzen musste. Maria Emilia mied die Stadt so gut sie konnte.

Als Tilla noch mit Konrad verheiratet gewesen war, waren sie gelegentlich gemeinsam in die Südsteiermark gekommen. Tillas Mann gab bald zu Bedenken, dass die Fahrt für ein Wochenende zu lang wäre, und im Urlaub wollte er gerne neue Ziele erkunden. In Wahrheit fürchtete er Mimis analytischen Blick mit der hochgezogenen linken Augenbraue und ihre entwaffnende Ehrlichkeit, die keine Widerrede duldete.

Er war Mimi von Anfang an nicht sympathisch gewesen und sie fragte sich, was ihre kluge Nichte wohl an diesem unselbständigen Waschlappen von Mann gefunden hatte. Vor Hans hatte Konrad regelrecht Angst gehabt und Louis war ihm suspekt, weil er ihn in kein Schema einordnen konnte. Lediglich Eduard und Ilsa konnten ihm einige Worte und Wohlbehagen abringen.

„Das Anwesen ist wundervoll – man könnte natürlich noch viel mehr daraus machen –, deine Familie ist etwas gewöhnungsbedürftig“, waren seine Worte zu Tilla nach ihrem ersten Besuch auf Birkenhof gewesen, die Mimi zufällig mitgehört hatte. Daraufhin war er ihr noch unsympathischer gewesen und am liebsten hätte sie ihn des Hofes verwiesen. Doch sie befürchtete, Tilla dann noch seltener zu sehen und hielt sich zurück.

Nach Jahren des Wartens hatte anscheinend auch Tilla es aufgegeben an Konrads Gewöhnung zu hoffen. Dennoch telefonierten sie und Mimi immer wieder miteinander und schrieben sich ab und zu Briefe, was Mimi wegen Tillas knapper Zeit sehr schätzte. Aber sie war schon mit ihrem Sohn nicht zurechtgekommen, wie sollte sie es diesmal besser machen? Obwohl – sie hatte Eduard immer geliebt und versucht, im beizustehen.

Natürlich hatte sie getan, was ihr Mann Hans für richtig hielt. Das war so gewesen und sie hatte es beizeiten nie in Frage gestellt, weil sie aufgrund ihrer Lüge meinte, nicht das Recht dazu zu haben. Nur in letzter Zeit stellte sich der eine und andere Zweifel ein. Hätte sie sich gelegentlich durchsetzen sollen? Hätte sie sich gar gegen ihn stellen sollen? Sie war schließlich nicht immer einer Meinung mit ihrem Mann gewesen. Genauer betrachtet fast nie.

Louis. Louis war immer für sie da gewesen und sie verstanden sich ohne Worte. Mutter Herzogs Einmischung – sie hätte die Mühle niemals geopfert – gepaart mit Mimis Eheversprechen und dem einzigen Erben ließen sie bei ihrem Mann Hans bleiben. Wenigstens konnte sie ihre Liebe zu Louis ausleben ohne, dass er oder die Leute im Dorf etwas bemerkten, denn Mutter Herzog hatte diesbezüglich Wort gehalten. Niemanden wunderte es, dass Louis und Maria Emilia gemeinsam auf Birkenhof leben blieben. Für Außenstehende konnten sie Geschwister sein. Der Nachname war ohnehin derselbe.

Louis schlenderte grinsend ins Wohnzimmer mit zwei Tassen Tee in der Hand. Die dunkelrote untergehende Sonne tauchte das Wohnzimmer in ein warmes Licht. „So, so, die Gicht.“

„Sag mir, dass nichts Wahres daran ist“, fuhr Mimi ihn aufgebracht an.

„Wenn es so wäre, wärst du die erste, die davon erfahren würde.“ Er grinste sein charmantestes Altmännergrinsen. Mimi kannte es so gut. Nein, ihr Louis würde sie niemals anlügen.

„Es geht dir also gut?“

„Es ist mir niemals besser gegangen.“

„Hör auf zu grinsen.“

„Einen Schuss in den Tee, meine Liebe?“

„Ach, wenn ein Tee uns helfen könnte … Dieses Land ist unsere Heimat. Soll nun alles, wofür wir gelebt haben für immer zu Ende sein?" Mimi seufzte, Tränen standen ihn ihren Augen.

„Maria Emilia, mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut. Bald ist es soweit." Louis lächelte beruhigend, wie er meinte und knipste das Licht der alten Biedermeier-Stehlampe an.

„Edi will die Mühle nicht! Wann kapierst du das endlich, du alter Sturkopf? Es liegt doch auf der Hand!“ Mimi war wütend und setzte nach: „Die Mühle steht seit mehr als einem Jahr still. Unser lieber Sohn möchte sie verkaufen, nicht wiederbeleben“, fasste Mimi enttäuscht zusammen.

Louis betrachtete sie amüsiert. „Edi liebt die Mühle. Es wird alles gut. Es kommt, wie es kommen muss. Und bald ist es soweit“, wiederholte er sich.

„Sei nicht immer so kryptisch." Mimis Ton war zum Schneiden.

„Was bin ich?" Louis schüttelte sich vor Lachen und seine weißen Stirnfransen baumelten lustig.

„Kryptisch."

„Wo hast du dieses Wort denn aufgeschnappt?" Er wischte sich eine Träne aus seinem faltigen Augenwinkel. „Du liest gerade wieder einen deiner Romane!“

„Ich trinke meinen Tee heute allein", fauchte Mimi und zog sich in ihre geliebte Küche zurück, von wo aus sie noch immer Louis' Lachen hören konnte.

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Louis liebte Maria Emilia seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Er hatte eine Pause beim Aufkehren in der Ölmühle gemacht und verträumt aus dem Sprossenfenster gesehen. Ein fröhliches blondes Mädchen hüpfte seiner Mutter hinterher, dass die Locken nur so wippten und es eine Freude war sie anzusehen. Ein Ausdruck grenzenloser Neugier und Zuversicht lag in den Augen der etwa Elfjährigen, der ihr elegantes blaues Kleid egal zu sein schien, denn sie blieb immer wieder stehen, um einen Laubfrosch, eine Blindschleiche oder einen Regenwurm zu berühren.

„Mach dich bloß nicht dreckig“, hörte Louis die Mutter mahnen, die, ohne sich umzudrehen, die Angewohnheiten ihrer Tochter zu kennen schien.

„Ich pass schon auf, Mama“, erwiderte das bezaubernde, unbekümmerte Mädchen und drehte sich übermütig im Kreis, sodass sich eine blaue Schleife von einem ihrer Zöpfe löste. Louis verwahrte sie andächtig in seiner selbst gezimmerten, hölzernen Schatzkiste, von der er Mimi nie erzählte, von der sie aber wusste, dass es sie gab.

Maria Emilias Mutter Lilia und Mutter Herzog, die seit ihrer Vermählung mit Josef Herzog, niemand anders nannte, schmiedeten seit je her den Plan, ihre Familien zu vereinen. Das hatten sie sich im Internat für Mädchen aus gut situierten Familien versprochen. „Wenn schon nicht adelig, dann wenigstens sehr gut begütert“, war ihr Leitspruch gewesen. Zu lange hatten sie zu viele Entbehrungen erdulden müssen. Lilia verließ sich ganz und gar auf Maria, denn sie wusste, dass ihre Freundin weit durchsetzungsfähiger war als sie selbst.

Die zarte Lilia, deren Anmut oft mit der einer Lilie verglichen wurde, starb beinahe bei Maria Emilias Geburt – ein weiteres Kind war niemals Thema zwischen ihr und ihrem Mann, der seine Lust mit schlechtem Gewissen außer Haus befriedigte, denn er liebte seine Frau bis zu seinem Tod. Lilia ertrug ihr Schicksal tapfer. Eines Tages jedoch – mit nur 37 Jahren wachte sie nicht mehr auf. Sie war friedlich und leise, so wie sie sich ihr gesamtes Leben lang verhalten hatte, eingeschlafen. Maria Emilia war damals 17 Jahre alt gewesen.

Maria, die Namensgeberin und Taufpatin von Lilias einzigem Kind wurde, gebar fröhlich vor sich hin, ihr Mann Josef hätte es nie gewagt, sich auch nur einmal - nicht mal aus dem Augenwinkel - nach einem anderen Rockzipfel umzusehen. Als ihre beste und einzige Freundin Lilia starb, nahm sie Maria Emilia zu sich, denn ihr Vater starb drei Monate später an gebrochenem Herzen.

Die junge Maria Emilia entwickelte sich unter Mutter Herzogs Fittichen zu einer selbstbewussten, umsichtigen jungen Frau. Die Blicke zwischen Louis und ihr waren der resoluten, lebensklugen Frau nicht entgangen, auch nicht, dass der von ihrem Mann adoptierte Louis über eine besondere Gabe verfügte. Louis konnte Geschehnisse vorhersehen und ihrer Meinung nach mit Tieren sprechen.

Mutter Herzog konnte gewisse Ereignisse bestimmen, oder wie sie selbst es gerne nannte, in die richtigen Bahnen lenken. Sie machte keine große Sache daraus und hütete sich stets davor davon zu erzählen. Die Leute im Dorf hätten sie als hellsichtig bezeichnet und ihr die Tür eingerannt. Oder sie hätten sie verflucht, wenn sie einen Fehler beging. Louis‘ Gabe schien ungleich stärker ausgebildet. Es war ihr durch Zufall aufgefallen, als der junge Louis ihre Elli – Gott hab sie selig – nicht zum See lassen wollte. Er wusste es damals selbst noch nicht. Mutter Herzog begrub ihre kleine Tochter und begann, Louis sachte und beiläufig auszufragen.

Ging es dem Elektriker gut? Es wurde erzählt, er hätte die Arthrose und könne keine Leitungen mehr verlegen. In seiner jugendlichen Unschuld verneinte Louis und meinte, dass es einen anderen Grund gäbe. Wenig später erfuhr Mutter Herzog, dass der Elektriker geerbt hatte und ohne das Wissen seiner spröden Frau das Land verlassen wollte. Louis erriet, dass der Pfarrer ein Verhältnis mit der Pfarrersköchin hatte. Mutter Herzog erwähnte es niemandem gegenüber, stellte den Pfarrer aber vernichtend zur Rede, sodass dieser sich versetzen ließ. Sie war schließlich Vorsitzende des Kirchenrates und sah es als ihre Pflicht, das Ansehen der Kirchengemeinde zu bewahren. Über ihren Glauben ließ sie nichts kommen.

Der gesellschaftliche Wandel versprach ihrer Meinung nichts Gutes. Die Kirche war ihr Anker und musste es für ihre gesamte Familie sein. Niemand ihrer Kinder wagte auch nur, die sonntäglichen Kirchgänge in Frage zu stellen. Im Mai war es auch die Sieben-Uhr-Andacht und das täglich.

Die Lotteriezahlen konnte Louis nicht vorhersehen, was Mutter Herzog betrübt zur Kenntnis nahm. Egal, dafür überredete sie ihren Mann, das brachliegende Grundstück hinter ihrem Apfelgarten zu kaufen. Dieses Feld rettete in Zukunft einige Kürbisernten, weil die meisten Bauern vor Ort Mais und Raps anbauen wollten und die Herzogs auf Kürbiskerne angewiesen waren, seit sie keine eigene Bäckerei mehr betrieben, keinen Wein mehr produzierten und keine Schweine mehr züchteten.

Mehr als ihr Mann hatte Mutter Herzog ein Gespür für die Entwicklung und das Bedürfnis der Menschen. Sie wusste, dass das dunkle Öl einen gigantischen Durchbruch erleben würde. Mutter Herzog begann Kerne zu horten, sie informierte sich über den Gesundheitswert des Kernöls und ließ ihr Patenkind an allem teilhaben. Maria Emilia sog begierig alles Wissen in sich auf und begann, das Öl zu lieben. Gemeinsam mit Louis presste sie das zähflüssige dunkle Öl. Zu Beginn gab es keine vergleichbaren Werte. Aber Louis hatte gesagt, dass das Öl mit Gold zu vergleichen wäre. Mehr war dem schweigsamen jungen Mann nicht zu entlocken gewesen – Mutter Herzog hatte es genügt.

Bald produzierte die Herzog-Mühle mehr Kürbiskernöl als alle anderen Nachbarn und befreundeten Bauern, die sie mild belächelten. Mutter Herzog und ihr Mann motivierten die gesamte Familie und sie arbeiteten rund um die Uhr. Das am besten eingespielte Team waren Louis und Maria Emilia. Etwas an dem Geschmack war anders. Niemand konnte es bei gleicher Produktionsweise nachahmen. Nach kurzer Zeit war das grüne Gold im benachbarten Ausland wegen seiner gesundheitsfördernden Wirkstoffe bekannt. Die Herzog-Mühle erlebte einen unvergleichbaren Aufschwung und über die Grenzen kannte man das wunderschöne Gut. Mutter Herzogs Sohn Hans verfügte über einen exzellenten Geschäftsinstinkt und war nicht nur Louis` Adoptivbruder, sondern auch sein bester Freund.

Als es an der Zeit war Hans zu verheiraten, beschloss Mutter Herzog, dass nur Maria Emilia für ihn in Frage käme. Sie war bereits Teil der Familie, sie verfügte über die nötigen Kenntnisse und sie war geschickt, wenn es um Verkaufsargumente ging. Die Schwärmerei für Louis musste enden.

Eines Nachts, als Mutter Herzog die Treppe zur Küche hinunterstieg, um sich eine warme Milch mit Honig zu machen, glaubte sie, in einer chemischen Experimentierküche gelandet zu sein. Louis zog langsam zur leisen Musik von Frank Sinatra, den er über alles verehrte, einen Tropfen Öl mit einer Glaspipette aus einer Kernölflasche und ließ ihn in ein Gefäß aus Glas fallen. Diesen Vorgang wiederholte er einige Male. Er schien eine Figur in dem niedrigen Glasbehälter zu zeichnen. Ganz andächtig, um nichts zu vergeuden, ging er vor. Er wirkte so konzentriert, dass er Mutter Herzog nicht wahrnahm.

Sie ließ ihren Blick durch die Küche schweifen und erspähte ein Foto auf dem das Gesicht Maria Emilias zu erkennen war sowie eine Fotografie, eine der raren Aufnahmen, von ihm selbst. Hin und wieder betrachtete er die äußerst gelungene Schwarzweißaufnahme, die Maria Emilia in einem schlichten, hellen Sommerkleid, offenen, ungekämmten Haaren und lachendem Gesicht darstellte, liebevoll und summte verliebt „Strangers in the night“ vor sich hin. Louis schien etwas hinzuzufügen, die Tropfen im Glas fingen nach Mutter Herzogs Beurteilung nach an zu blubbern, er setzte das Gefäß ab, füllte es mit weiterem Kernöl auf und verteilte es anschließend auf einige kleine, dunkle Flaschen.

Die genaue Anzahl konnte sie nicht ausmachen. Mutter Herzog wischte brüsk mit einem gestärkten, weißen Taschentuch über ihren ausgetrockneten Mund, um ein Stöhnen zu unterdrücken und wünschte sich einen Schnaps. Was hatte das alles zu bedeuten? Rasch drehte sie sich um und verließ das nächtliche Küchenlabor.

In ihren Couchsessel vor dem Kamin mit heruntergebranntem Feuer eingesunken, starrte sie in die letzte, schwache Glut, die am Auslöschen begriffen war und überlegte. Als sie aufstand, war die Asche kalt. Sie hatte einen Entschluss gefasst. Sie ließ Louis nicht mehr aus den Augen.

Beim Mittagessen am nächsten Tag war es soweit. Mutter Herzog beobachtete, wie Louis heimlich aus einer der kleinen, dunklen Flaschen einen Tropfen Öl über Maria Emilias und seinen eigenen Salatteller träufelte. Sie ließ ihn von ihrem Mädchen in die Küche rufen und tauschte die Teller aus. In diesem Moment durchfuhr Louis ein Stoß, der sein Herz zu zerreißen schien. Keuchend hielt er inne, er konnte weder schreien noch laufen, denn sein Mund und seine Beine waren wie gelähmt.

Als Maria Emilia und Hans Herzog gemeinsam ihren ersten Bissen an den Mund führten, sank er bewusstlos auf den kalten Küchenboden. Am Tag darauf machte Hans Herzog Maria Emilia einen Antrag, und sie nahm an, obwohl sie gar nicht wusste, warum. Natürlich hatte sie immer Augen für Hans gehabt. Welches Mädchen denn nicht? Aber ihr Herz hatte von Anfang an Louis gehört, dem stillen, zurückgezogen lebenden jungen Mann, der eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte und sie zum Lachen bringen konnte, wie sonst keiner. Louis, ihr Louis, war ins Krankenhaus geliefert worden und niemand konnte ihr sagen, was ihm fehlte. Er erholte sich sehr lange nicht und kehrte erst nach ihrer Hochzeit zurück. Louis war noch stiller geworden – gelacht haben Mimi und er sehr lange nicht mehr. Die gesamte Kernölpressung war ungenießbar gewesen. Alle Flaschen mussten vernichtet werden. Der Schaden war immens.

Mutter Herzogs schlechtes Gewissen nagte an ihren alten Knochen, doch sie wollte ihren Plan um alles in der Welt durchsetzen. Koste es, was es wolle. Maria Emilia und Hans hatten geheiratet – und sich nie getrennt. Darauf kam es an. Das Öl würde mit der Zeit wieder gelingen. Etwas schien an ihrem Plan schief gegangen zu sein, denn die Qualität des Öls hatte seit der Hochzeit gelitten. Niemand konnte es sich erklären. Mutter Herzog erkrankte bald nach der Vermählung ihres Sohnes Hans und erholte sich nicht wieder. Auf ihrem Totenbett erleichterte sie ihr Gewissen und beichtete Maria Emilia ihre Einmischung. Ihr Sohn Hans hätte sie als verrückt abgetan, aber um ihn ging es nicht. Er würde sein Leben gut weiterführen. Sie holte nur Louis und Maria Emilia zu sich und bat die beiden um Verzeihung. Mutter Herzog versprach ihnen: „Ich werde eure Liebe unsichtbar für die Augen der anderen machen.“

„Wir vergeben dir“, flüsterten Maria Emilia und Louis andächtig. Mutter Herzog schloss friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen ihre Augen.

Tatsächlich schien sie vom Himmel aus endlich ihre schützende Hand über die beiden zu halten. Maria Emilia war noch jung, und ihre Augen begannen wieder zu leuchten. Aus dem trüben Grau entsprangen zwei kornblumenblaue Sterne. Louis‘ Gang war wieder aufrecht, auf seinem Gesicht erschien wieder sein verschmitztes, jungenhaftes Grinsen. Das Kürbiskernöl verzauberte wieder - Geschmacksnerven, wie Sinne.

Niemals stellte der stattliche Hans sein Leben wie es war in Frage. Er widmete es der Mühle und der Gemeinde. Seine einzige Leidenschaft galt dem Fliegenfischen in der Mur, das er gemeinsam mit seinem schweigsamen Freund Louis teilte. Am Fluss erlaubte er sich gelegentlich ein Ausbrechen seiner Gedanken, die er mit der Disziplin des korrekten Angelwurfs wieder zurückholte. Ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch hatte sich keinen Ausschweifungen hinzugeben. Leider schien sein einziger Sohn Eduard die lockeren Gene seiner Frau geerbt zu haben. Um von ihnen ein wenig Disziplin zu erwarten, musste er stets mit äußerster Konsequenz und Strenge vorgehen.

Wie er sich Maria Emilia als Frau hatte aussuchen können, war ihm jeden Tag aufs Neue ein Rätsel. Dennoch war eine Trennung nie ein Thema zwischen ihnen gewesen. War es die Mühle, die sie zusammenhielt? Noch so ein lächerlicher Gedanke, den er wie das häufige Schlafwandeln seiner Frau aus seinem Kopf zu verbannen suchte. Sie waren ein gutes Gespann. Louis und Maria Emilia produzierten das beste Öl der Welt. Er pries es auf Messen an und wurde als seriöser Geschäftsmann geschätzt. Die Ölmühle florierte, die Familie war angesehen und respektiert. Das musste genügen.

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Irgendetwas führte Eduard im Schilde, das spürte Ilsa. Dass er wieder eine Geliebte hatte wusste sie, auch wer sie war. Und deswegen war Ilsa auf der Hut. Ihren Jahre lang mühsam erarbeiteten Status als, wenn auch erduldete, Ehefrau von Eduard Herzog wollte sie sich von einer jungen, vollbusigen Sekretärin nicht wegnehmen lassen.

Eduard war schon damals der beste Fang in der ganzen Stadt gewesen, und alle konnte er haben, er war noch immer sehr attraktiv – zumindest in ihren Augen. Ilsa wusste am besten von den Liebesritualen, die seinetwegen von allen Mädchen ab 15 Jahren mehr oder weniger heimlich durchgeführt wurden. Sie selbst hatte bei Vollmond Kerzen angezündet und seinen Namen hundert Mal wiederholt, bis sie fast in Trance gefallen war. Sie hatte Briefe an ihn geschrieben und verbrannt. Ihre Mutter hatte sie verdächtigt heimlich zu rauchen und ihr eine Woche lang das Ausgehen verboten. Nichts hatte gewirkt, und beim Maifest erkannte Ilsa die einmalige Gelegenheit, Eduard mit viel profaneren Mitteln für sich zu gewinnen. Sie gab sich ihm hin. In ihren Träumen war es unendlich romantisch gewesen. Eduard – Prinz Eduard – war zärtlich, zuvorkommend und einfühlsam. Sie war die wunderschöne, von allen geliebte Prinzessin Eleonora, der Name Ilsa war ihr so verhasst, wie ihre zu breit geratene Nase, ihre dünnen Haare und zu kleinen Brüste.

Eduard hingegen war für sie perfekt: strohblondes, dichtes Haar, kornblumenblaue Augen und eine stattliche Statur – der junge Robert Redford. Er war so betrunken, dass er Mühe hatte in Ilsa einzudringen. Von seinem Atem wurde ihr übel, ihr bestes Kleid zerriss, weil er sie so fest in den Wiesenboden drückte. Als Eduard schließlich kam und mit seinem gesamten Gewicht auf ihr niedersank, wurde Ilsa fast ohnmächtig. Sie wollte vor Enttäuschung weinen. Endlich rührte sich ihr Eduard und sah sie zum ersten Mal direkt an. Ekel schien sein schönes Gesicht zu verzerren. Wortlos sprang er auf, riss seine Hose hinauf, stolperte zum nächsten Baum und übergab sich.

Ilsa wollte vor Scham vergehen. Sie wusste, dass sie hässlich war. Das rieb ihr die fesche Hanna bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Ihr gönnte sie Eduard nicht – auf keinen Fall! –, und ein Plan keimte in ihr auf.

Als ihre Tage tatsächlich ausblieben und sie wusste, dass sie ein Kind erwartete, war Ilsa überglücklich. Wenn Eduard sich einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er bald Vater werden würde, würde sich die Liebe zu ihr gewiss auch einstellen und sie würden weitere Kinder bekommen, wie es in der Großfamilie Herzog seit jeher war. Ilsa streichelte ihr noch nicht vorhandenes Bäuchlein und machte sich auf den Weg zu Eduard, den sie gleich um ein Vieraugengespräch bitten wollte.

Der schweigsame Louis hatte ihr die schwere Holztür geöffnet und sie hereingebeten, nachdem er sie kurz gemustert hatte. War es Mitleid gewesen, das sie in seinen sanften Augen entdeckt zu glauben hatte? Verwirrt folgte sie dem Adoptivbruder von Eduards Vater, der sie ins Wohnzimmer führte und sachte auf einen Stuhl drückte. Als Eduard salopp den stilvoll eingerichteten Salon betrat, schnellte Ilsa unbeholfen in die Höhe.

„Das ist ja eine Überraschung“, gab sich der große Charmeur selbstsicher, um die aufgetauchte innere Unruhe zu überspielen. „Was führt dich zu mir?“ Eduard konnte sich nur mit Mühe und Not an das Stadtfest erinnern. Es war zwei Monate her und seitdem war er Ilsa bestmöglich aus dem Weg gegangen.

Ilsa senkte die Augen. Sie konnte ihn unmöglich anblicken und ihm sagen, was zu sagen war. Beinahe versagte ihr die Stimme. Leise stolperten die Worte über ihre Lippen. Als sie es wagte Eduard anzusehen, war alle Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Benommen torkelte er zur Bar und schenkte sich irgendetwas ein, das er auf einen Zug hinunter kippte. Nachdem er tief durchgeatmet hatte, drehte er sich um und zischte: „Mach es weg. Du musst es wegmachen!“

Wäre der alte Herzog nicht just in diesem Moment eingetreten und hätte sie aufgefangen, wäre sie ohnmächtig auf dem harten Terrakottaboden aufgeschlagen. Gleich darauf war Maria Emilia zur Stelle und legte ihr ein feuchtes Geschirrtuch auf die bleiche Stirn.

Der alte Herzog bedachte seinen Sohn mit einem undefinierbaren Blick. Er bestand darauf, dass sein Sohn die Mutter seines zukünftigen Enkelkindes ehelichen müsse. Ganz Mureck war überrascht wegen der raschen Hochzeit und es wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, denn ein Kind wurde nie geboren. Ilsas Eltern waren weder reich noch gehörten sie der besseren Gesellschaft an. Ilsas Vater war bei der Post und ihre Mutter war Hausfrau. Sie waren nette Leute, man kannte sie nicht wirklich, denn sie waren sehr zurückhaltend und lebten zurückgezogen in einem kleinen Haus am Stadtrand. Die Tochter hatte man als schüchternes, unauffälliges Mädchen in Erinnerung. Die Gerüchte schwirrten wochenlang wie satte Bienen durch die Straßen.

Die fesche Hanna schoss Giftpfeile auf Ilsa und schloss sie aus ihrer Mädelsrunde aus. Ilsa war das egal. Endlich war sie jemand. Wenn sie schon nicht um ihrer selbst willen anerkannt wurde, dann wenigstens als Frau Herzog Junior. Eigentlich war ihr auch das egal. Was für sie zählte war, dass ihr Prinz sie geheiratet hatte.

Ilsas Mutter war eine nüchterne Person, die die Situation kalt einschätzte. „Ich will nicht wissen, was du getan hast, damit es soweit kommt. Glücklich wirst du mit dem Herzog nicht“, prophezeite sie. Wie Recht sie damit hatte, konnte niemand ahnen.

Niemand hatte etwas dagegen, als Eduard und seine zukünftige Frau nach dem Tod von Ilsas Eltern, kurz vor ihrer Hochzeit, das geräumige Bauernhaus am anderen Ende der Stadt sanierten, um dort zu wohnen. Ilsa fragte sich oft, wie es wäre mit Eduard unter einem Dach zu leben. Die Krankheit ihrer Eltern war schmerzhaft aber zum Glück für die beiden kurz verlaufen. Alle hatten Verständnis dafür gezeigt, dass Ilsa bis zum Schluss für ihre Eltern da sein wollte und bei ihnen blieb. Niemand, schon gar nicht Eduard, hatte sie jemals gefragt, ob sie nach Birkenhof ziehen wollte. Nur Mimi hatte sich täglich erkundigt, wie es ihr gehe und ob sie helfen könne. So kam es, dass Ilsa bis zum Tag ihrer Hochzeit allein im Elternhaus lebte.

Nie würde sie Maria Emilia vergessen, dass sie zu ihr kam, um ihr beim Anziehen zu helfen und ihr eigenes Hochzeitskleid mitbrachte. Sie hatte schlicht keine Zeit gehabt, sich um eines zu kümmern.

„Du bist so schlank, wie ich es war. Das Bäuchlein sieht man kaum“, sagte sie und hielt ihr ein bezauberndes weißes Kleid hin. Das enge, ärmellose Oberteil war entlang der Seitennähte mit kleinen silbernen Perlen bestickt, der lange Rock reichte bis zum Boden und die Rohseide schimmerte wie Perlmutt im hellen Tageslicht. „Ich hoffe, es bringt dir Glück. Willkommen in der Familie Herzog.“ Mimi umarmte sie herzlich.

Ilsa zitterte vor Aufregung so sehr, dass sie kein Wort herausbrachte und die nette Geste nicht erwidern konnte. Sie hoffte, dass sie Maria Emilia ihre Dankbarkeit und Zuneigung mit der Zeit zeigen konnte.

Ihre künftige Schwiegermutter steckte ihr Haar hoch und wartete, bis Ilsa ihre Wimpern getuscht und einen leichten Lippenstift aufgetragen hatte, um ihr den Schleier aufzusetzen. „Du siehst bezaubernd aus.“

„Danke“, hauchte Ilsa und ließ sich von Maria Emilia zum Auto begleiten. Dort fiel ihr auf, dass Louis am Fahrersitz saß. Er musste die ganze Zeit gewartet haben. Nun stieg er aus, um ihr die Tür aufzuhalten und hineinzuhelfen.

„Alles braucht seine Zeit, alles wird gut, Ilsa“, murmelte er. Vorsichtig drückte er die Tür zu und öffnete sie auf der anderen Seite für Mimi, die in ihrem eleganten taubengrauen Kostüm wunderschön aussah und die er mit einem liebevollen Blick bedachte. Sie nickte ihm zu, Louis stieg ein, startete den Wagen und fuhr zur Kirche.

Auf dem Weg dorthin wurden sie auf der Straße immer wieder von Kindern aufgehalten, die die Braut sehen und sich ein Taschengeld verdienen wollten, indem sie Sprüche aufsagten oder ein paar selbst gepflückte Wiesenblumen hinhielten. Mimi nahm die Präsente entgegen und Louis ließ Münzen in die ausgestreckten, kleinen Hände fallen. Ilsa nahm all das nur am Rande wahr. Auf dem Platz vor der wunderschönen Barockkirche, die seit mehr als hundert Jahren das Schicksal ihrer Stadtbürger begleitete, fanden sich viele Schaulustige, die neugierig beobachteten, wie der Wagen parkte und die drei ausstiegen.

Ilsa war froh, sich hinter dem Schleier verstecken zu können und dass Louis ihr den Arm reichte. „Ich fühle mich geehrt, dich zum Altar zu führen“, sagte er.

Das Wetter war so trüb, wie Ilsa sich fühlte. Kein Sonnenstrahl drang durch die dicke Wolkendecken. Jederzeit konnte es zu regnen beginnen. Obwohl es nicht kalt war, fröstelte es sie und sie bekam Gänsehaut, als sie die Kirche betrat, wo Eduard an Hans’ Seite vorne beim Altar stand und ihr entgegenstarrte, als wäre sie ein Geist, den es Kraft der Gedanken zu vertreiben galt.

An Louis’ Seite schritt sie durch den Gang, dessen alter Steinboden mit einem roten Teppich ausgelegt war, der ihre Schritte dämpfte. Maria Emilia folgte ihnen. Laute Orgelmusik durchschnitt die Luft, sodass Ilsa zusammenzuckte. Es gab keine fröhliche Instrumentalmusik oder einen Jungscharchor. Brautjungfern gab es keine. Kinder, die Blumen streuten gab es keine. Ilsa hatte keine Angehörigen. Von der Familie Herzog waren außer Hans, Maria Emilia und Louis nur Tilla und Hans’ Geschwister Renate, Christa und Joachim mit Partnern anwesend.

Vor dem Altar angekommen übergab Louis sie Eduard, der während der gesamten Zeremonie steif neben ihr stand. Sein Trauzeuge war Hans und Maria Emilia war als Trauzeugin für Ilsa eingesprungen, die sich noch immer wunderte, warum ihre Schwiegertochter keine Freundin und ihr Sohn keinen Freund gefragt hatte.

Der alte, etwas schwerhörige Pfarrer begrüßte das Brautpaar und die Mitfeiernden lächelnd und augenzwinkernd. Er schien die frostige Stimmung nicht wahrzunehmen und begann mit dem Eröffnungsgebet. Schließlich war er bei seiner Lieblingspassage angekommen: „Liebes Brautpaar! Ihr seid in dieser entscheidenden Stunde eures Lebens hierher gekommen, um vor uns allen zu bezeugen, dass ihr einander unwiderruflich als Mann und Frau angehören wollt. Bevor ihr den Bund der Ehe schließt, frage ich euch nun einzeln, ob ihr eure Ehe in voller Freiheit und mit aufrichtiger Bereitschaft eingehen wollt.“

Etwas irritiert blickte der Pfarrer zwischen den Brautleuten hin und her, weil niemand antwortete. Ilsa schlug ihren Schleier zurück und nickte leicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien es Eduard ihr gleich zu tun und der Pfarrer forderte sie auf das Ehegelöbnis zu sprechen.

„Eduard Hans Herzog, ich frage dich: Bist du hierher gekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss mit deiner Braut Ilsa Schober den Bund der Ehe zu schließen?“

Ilsa wagte es nicht, Eduard anzuschauen. Gespannt hielt sie die Luft an. Was, wenn …?

„Ja“, presste Eduard hervor.

„Willst du deine Frau lieben und achten und ihr die Treue halten alle Tage ihres Lebens?“

Eduards „Ja“ war kaum vernehmbar und der Pfarrer hielt sich die rechte Hand muschelförmig ans Ohr.

Nachdem Ilsa ihr Ja-Wort gegeben hatte, sagte der Pfarrer: „So schließt jetzt den Bund der Ehe, indem ihr das Vermählungswort sprecht. Dann steckt einander den Ring der Treue an.“

Die Brautleute wandten sich einander zu. Eduard steckte Ilsa den Ring an, Seine Finger waren so eiskalt wie die ihren. Er blickte sie an und sagte kein Wort. Ilsa hielt ihre Tränen zurück und tat es ihm gleich.

„Im Namen Gottes und seiner Kirche bestätige ich den Ehebund, den ihr geschlossen habt. Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Ihre Hochzeitsnacht verbrachte Ilsa allein mit Bauchkrämpfen in ihrem großen Doppelbett. Ihr frisch angetrauter Gemahl war nach der Feier losgezogen und hatte sich in den frühen Morgenstunden sturzbetrunken und vollkommen bekleidet neben sie gelegt und war in einen komatösen Schlaf gefallen. Sein alkoholgeschwängerter Atem nahm ihr beinahe die Luft zum Atmen.

Schmerzverzerrt gelangte sie zur Toilette, wo sie sich übergab und kurz ohnmächtig wurde. Als sie wieder zu sich kam, bemerkte sie das Blut, das an ihren Beinen herabfloss. Ilsa entsorgte die Badetücher mit dem blutigen Ausfluss, den die Fehlgeburt in schmierigen, krampfartigen Strömen hinterließ, heimlich. Sie weinte heimlich. Sie trauerte heimlich. Sie schämte sich heimlich.

Nachdem Eduard herausgefunden hatte, dass sie nicht schwanger war – Ilsa hatte ihm gesagt, dass es sich unglücklicherweise um eine Scheinschwangerschaft gehandelt hätte (ein wenig, weil sie kein vorgeheucheltes Mitleid wollte, ein wenig aus Gehässigkeit, weil er sie nicht lieben wollte), zerschlug er wütend alles, was sich in seiner Nähe befand. Er brüllte, wie ein Stier vor dem Todesstoß durch den Torero, er trat gegen die Schlafzimmertür, sodass ein Loch in ihr klaffte und riss sich selbst an den Haaren, ballte die Fäuste und biss seine Zähne aufeinander, dass sie knirschten. Ihr wunderschöner Prinz Eduard erschien in hässlicher Fratze und entpuppte sich als furchterregendes Monster.

Noch nie hatte Ilsa ein Spektakel dieses Ausmaßes erlebt. Sie selbst verschonte er mit Schlägen, aber seine Worte verletzten sie in ihrem tiefsten Inneren. Am selben Tag zog Eduard in ein eigenes Schlafzimmer und erschien nur noch gelegentlich zum Essen oder Schlafen. Lediglich nach außen hin zeigten sie sich als Paar.

Im kleinen Städtchen wurde sie gegrüßt aber nirgendwohin mehr eingeladen. Auch ihre ehemaligen Schulfreundinnen wandten sich von ihr ab. Hier hielt man zusammen. Aber nur, wenn man sich vollkommen anvertraute. Geheimnisse waren nur gestattet, wenn sie ohne allzu große Mühe aufzudecken waren.

Erzählen, was genau geschehen war, hätte Ilsa nie gekonnt. Dafür schämte sie sich vor sich selbst zu sehr. Hätte sie ihr Geheimnis mit den anderen Frauen geteilt, wäre sie bestimmt auf Unverständnis gestoßen. Letztendlich hätte man sie dennoch gemieden und sich zudem das Maul über sie zerrissen. Nein, es war, wie es war und Ilsa musste mit ihrem Schicksal allein zurechtkommen. Sie hatte, um Eduards Frau zu werden, einen hohen Preis bezahlt. Ilsa war eine Geduldete geworden. Sie war vollkommen allein.

Eduard fühlte sich freier und nicht mehr so sehr der Herrschaft seines Vaters und der Beobachtung seiner Mutter ausgesetzt, seit er in seinem eigenen Haus wohnte. Es fiel ihm leichter, seine Liebschaften zu koordinieren, denn seiner Frau gegenüber fühlte er sich weder schuldig noch hatte er das Bedürfnis Rechenschaft ablegen zu müssen. Er tat was ihm gefiel und lebte, als würde Ilsa nicht existieren. Nur zum Schein schlief er ab und an zu Hause.

Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Mit den Jahren dachte sie sich, dass sie in einer Großstadt weniger allein gewesen wäre. Aber was hätte sie schon machen sollen, ohne Ausbildung? Ohne eigenes Geld. Ohne Kontakte. Ohne den nötigen Mut zum Neubeginn – und tief in ihr blieb die Sehnsucht nach Prinz Eduards Bild, das sie sich in ihrer blinden Verliebtheit erschaffen hatte. Ihr Prinz – ihr Mann. Ihr Mann – der Fremde.

Ilsa bewunderte die heitere, hübsche Tilla und beneidete sie ein wenig. Sie wirkte stets stark und positiv. Tilla war unabhängig und meisterte als Alleinerziehende das Leben mit ihrem Sohn in einer Stadt weit weg von Mureck. Sie wusste, dass diese Gedanken unrecht waren, aber immer wieder haderte sie mit ihrem Schicksal.

Warum war ihr Baby nicht zur Welt gekommen? Das hätte ihr Leben mit Eduard vielleicht erträglicher gemacht. Um ihrer Scheinehe ein Ende zu bereiten, war sie zu feige. Was hätte sie auch tun sollen? Nachdem ihre Eltern knapp hintereinander an Krebs gestorben waren, war sie allein. So hatte sie wenigstens ein Heim, das sie sich nicht hätte leisten können, und ihre Schwiegereltern behandelten sie gut.

Maria Emilia war eine gescheite, schöne Frau. Energisch, geradeheraus und fordernd, aber gerecht und herzlich, arbeitsam und fleißig. Sie hatten keine innige Beziehung zueinander – Ilsa schaffte es nicht sie Mimi zu nennen, denn das käme ihr zu intim vor – und Ilsa konnte verstehen, dass sie ihren Sohn ihrer Schwiegertochter vorzog und ihm Besseres wünschte.

Letzten Endes zählte jedoch immer Hans‘ Wort. Hans Herzog war ein Mann alten Schlages. Korrektheit war das Wort, das Ilsas Meinung nach am besten auf ihn zutraf. Er war unendlich korrekt, so korrekt, dass er auf Toleranz gegenüber der jugendlichen Fehler seines Sohnes vergaß. Er tolerierte keine geschäftlichen Verfehlungen, und er ließ es nicht zu, dass sein Sohn und seine Frau getrennte Wege gingen. Bei Familienfeiern oder gesellschaftlichen Verpflichtungen hatten sie gemeinsam zu erscheinen. Die außerehelichen Verfehlungen schien er zu ignorieren, diese waren in seinen Augen eine innereheliche Angelegenheit.

Ilsa achtete ihren Schwiegervater, weil er immer fair und höflich zu ihr war, netter als ihr Ehemann. Aber er schien sich nichts aus ihr zu machen, aus Eduard nicht – aus Maria Emilia eigentlich auch nicht – und gab sich nie der Illusion hin, sein Sohn würde einen würdigen Nachfolger mit ihr zeugen. Er hatte ihr nichtssagendes Eheleben nach kürzester Zeit durchblickt.

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Seit Arthur auf der Welt war, fühlte Tilla sich nicht mehr so alleine. Dieses kleine Würmchen füllte eine Leere, die ihr selbst nie so bewusst geworden war. Als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, war sie fünfzehn und hatte beschlossen, nie mehr jemanden zu lieben. Ihr Ex-Mann Konrad hatte sie deshalb „Frau ohne Herz“ genannt – am Anfang spaßeshalber, weil er es als Herausforderung betrachtete, sie für sich zu gewinnen. Zum Schluss vorwurfsvoll, weil Tilla sich ihm nicht vollends öffnete (dafür taten das genug andere). Schließlich trennten sie sich, obwohl bei Tilla Konrads Depressionen und seine Unfähigkeit, eigenständig zu leben, an erster Stelle standen. Seine Untreue war der Auslöser, dass sie die Scheidung einreichte, der er sich lange entgegensetzte. Doch jedes Mal, wenn sie von einem Seitensprung erfuhr, starb etwas in ihr und sie schwor sich, sich nie wieder vollends auf einen Mann einzulassen.

Bei Arthur war alles ganz anders. Tilla liebte ihn vom ersten Moment an mit jeder Faser ihres Körpers. Bereits in der Schwangerschaft fühlte Tilla eine Verbundenheit, die sie zuvor nur mit ihren Eltern erlebt hatte. Es war, als wäre dieses unfassbare Gefühl in jeder ihrer Zellen gespeichert. Manchmal hatte sie den Eindruck, Konrad wäre eifersüchtig auf seinen Sohn. Mit der Zeit erkannte Tilla, dass Konrads einschmeichelnde Aufmerksamkeit Besitzanspruch und Kontrollsucht tarnten. Sie dankte dem Universum jeden Tag, dass die Richterin beim Sorgerechtsstreit auf ihrer Seite war. Gelegentlich schreckte sie im Schlaf hoch, weil sie träumte, dass Konrads Forderung nach alleiniger Obsorge stattgegeben wurde.

Ihre Eltern wären entsetzt gewesen ob ihrer Beziehung und viel mehr deren Ende. Sie waren unzertrennlich gewesen und liebten Tilla mit gleicher, inniger Hingabe. Wehmütig erinnerte sich Tilla an ein gemeinsames Familienritual: während ihre Mutter ihre dichten, schwarzen Locken auf einer Seite zu einem Zopf flocht, versuchte ihr Vater sie auf die gleiche Weise auf der anderen Seite zu bändigen. Am Ende hatte Tilla einen straffen und einen etwas lockeren Zopf, weil ihr Vater immer Angst hatte, seiner Kleinen weh zu tun. Das entsprach in etwa dem Erziehungsstil ihrer Eltern und sie lachten jedes Mal, wenn Tilla sich bei ihrem Vater durchsetzte und ihre Mutter ihr Vetorecht in Anspruch nahm. Irgendwie einigten sie sich trotzdem und Tilla hatte nie das Gefühl, ihre Eltern würden nicht an einem Strang ziehen. Ihr Zusammensein war geprägt von Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung.

Es war der Traum ihres Vaters gewesen, ihre Mutter zu einem romantischen Überraschungswochenende nach Triest einzuladen. Tilla hatte ihm bei den Vorbereitungen geholfen und sich mehr als einmal auf die Zunge gebissen, um nichts zu verraten. Sie sollte inzwischen bei Mimi bleiben. Am übernächsten Tag wollten sie zurück sein. Tilla winkte ihnen aufgeregt nach, als sie in dem knallroten Cinquecento aufbrachen. Doch am Ende waren sie nie in Triest angekommen. Tilla sollte ihre Eltern nie wieder sehen.

Auf der Pack zerquetschte der tonnenschwere Lastwagen eines übermüdeten Fahrers das kleine Auto als wäre es ein Spielzeug. Seit diesem furchtbaren Tag bedeutete das Wort „Auto“ für Tilla Tod und sie stieg bis zu Arthurs Geburt in keines mehr ein. Sie las Unfallstatistiken und zuckte bei jeder Unfallmeldung im Radio zusammen. Tilla beschloss, niemals den Führerschein zu machen. Sie würde sich ohnehin nie wieder in ein Auto setzen. Da kam ihr Wien zudem gerade Recht, denn in der Hauptstadt konnte sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bequem alle gewünschten Ziele erreichen.

Ihre Fruchtblase hatte ihr dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. Diese platzte nämlich zehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin genau auf der Mariahilferstraße, wo Tilla noch die letzten Babysachen einkaufen wollte. Die netten Sanitäter vom Roten Kreuz konnten die hysterische werdende Mutter dann überreden, sich von der Rettung ins Spital fahren zu lassen. So kam es, dass ein Baby für einen zweifachen Neubeginn verantwortlich war. Tilla öffnete ihr Herz wieder, und wenn es unbedingt sein musste, fuhr sie sogar im Auto mit.

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Wenn ihr Bauch über die Unterhose quoll, deren Gummi hässliche Streifen in ihrem weichen Fleisch hinterließ, wie bei einer frisch gefüllten Wurst, die portioniert wurde, dann verabscheute sie ihren Körper und sich selbst umso mehr. Warum kann ich nicht aufhören, mich vollzustopfen? Jeden Abend, wenn sie sich nach einem Essanfall fast übergeben musste, schwor sie sich, am nächsten Tag damit aufzuhören. Wenn es dann wieder nicht klappte, weil ihr Kopf sagte, dass es doch egal war, wie sie aussah und ihr Körper nach Süßem verlangte, gab sie sich dem kurzen Vergnügen wieder machtlos hin. Ein teuflischer Kreislauf, der sich nicht nur mit mehr Kilos auf den Hüften, Oberschenkeln, an Busen und Kinn bemerkbar machte, sondern auch ihren Energiehaushalt und Humor negativ beeinflusste. Oft fuhr sie Arthur in letzter Zeit grundlos an, und der Arme hatte ohnehin schon genug durchzumachen. Sie war ungeduldig geworden, ständig gereizt und spürte immense Aggression in sich. Alle und alles zerrten an ihren Nerven wie ehrgeizige junge Buben, die das Seilziehen gewinnen wollten.

Sie fühlte sich unendlich frustriert. Das konnte doch nicht ihr Leben sein? Angst, nie wieder einen Mann kennenzulernen und für den Rest ihres Lebens allein zu bleiben, stieg in ihr auf. Vielleicht war es sogar besser, wenn sie alleine blieb. Aber sie sehnte sich so sehr nach einer Zweisamkeit, wie ihre Eltern sie gehabt hatten.

Tilla warf einen Blick auf die Uhr; in fünfzehn Minuten musste sie Atti vom Taekwondo abholen. Diesen teuren Spaß hatte ihr ihre Schwiegermutter eingeredet, weil sie gelesen hatte, dass es gut für Körper und Geist sei und ihr reizender Enkel dann automatisch Selbstverteidigung lernte. Dass sie sich an den Kosten beteiligen wollte, hatte sie rasch vergessen. Ebenso wollte sie nicht einsehen, dass ihr liebster Enkel Sport jeder Art hasste und zudem an einem starken Reizhusten litt. Da der Hausarzt aber der Meinung war, dass der Husten nicht durch körperliche Betätigung ausgelöst würde, hatte er ihm keine Turnbefreiung ausgestellt. Jede Woche musste Tilla Atti drohen, nicht mehr mit ihm ins Kino zu gehen – die einzige Sache, mit der er sich noch erpressen ließ –, wenn er die Saison nicht beenden würde. Leider hatten sie die Kündigungsfrist nach dem Probemonat um drei Tage verpasst und die Schule hielt nichts von Kulanz. Tilla war der Meinung, dass es ihrem Sohn ganz gut tun würde sich sportlich zu betätigen. Erfolge, mental wie figürlich, sah sie jedoch keine. Wahrscheinlich hatte Atti ihre Gene geerbt. Eilig packte sie ihre Handtasche, warf die Wohnungstür hinter sich zu und lief zur U-Bahn, die vor ihrer Nase davon fuhr. Mist! Keuchend erklomm sie immer zwei Stufen auf einmal nehmend zwanzig Minuten später zum modernen Turnsaal in den ersten Stock hinauf und stieß mit ungebremster Wucht mit dem Meister zusammen, der aufgrund seiner sportlichen Perfektion nach kurzem Wanken wieder gerade und fest auf den Beinen stand.

„Warum denn so hektisch?“

Warum wohl? Weil ich eine alleinerziehende, gestresste, frustrierte, unbefriedigte, unterbezahlte, schlecht behandelte Mutter bin!?

„Ich wollte Atti pünktlich abholen, aber die U-Bahn …“ Tilla schnaufte sich die Seele aus dem Leib und stützte ihre Hände auf die gebeugten Oberschenkel.

„Er ist nicht da.“

„Er ist schon gegangen?“, präzisierte Tilla und richtete sich mit hochrotem Kopf auf.

„Ihr Sohn war heute gar nicht da.“ Tilla sah Meister Wu verständnislos an. Wahrscheinlich musste einfach noch mehr Sauerstoff in ihr Hirn gelangen.

„Kommen Sie kurz mit in mein Büro?“

Tilla nickte, ahnte nichts Gutes und folgte ihm mit gemischten Gefühlen, die sich aus Neugier, Angst und Sorge zusammensetzen. Ohne ihn richtig wahrzunehmen hörte Tilla, wie Meister Wu ihr sagte, dass ihr Sohn Arthur bereits die letzten fünf Mal nicht mittrainiert hatte und er sie nur anscheinend fertig umgezogen vor dem Gebäude abgepasst hat. Er habe es zufällig entdeckt, wollte sich aber nicht in Familienangelegenheiten einmischen.

Ach nein? Aber das Geld für nicht genutzte Trainingseinheiten zu kassieren machte dem Meister nichts aus.

Ihr Sohn, ihr kleiner, süßer Atti, ihr Ein-und-Alles log sie an? Vertraute er seiner eigenen Mutter nicht mehr? Wann war es so weit gekommen? Wie war es so weit gekommen? Warum? Es strömte gerade zu viel Sauerstoff in ihr Hirn.

In Gedanken versunken kehrte Tilla nach Hause zurück. Als sie aufsperrte und die Tür öffnete, kam ihr Arthur schon entgegen.

„Hallo, Mama! Wir haben uns wohl verpasst“, grinste er.

„Warum lügst du mich an?“, polterte Tilla los. Sie hatte sich ein pädagogisch wertvoll aufgebautes Vorgehen überlegt. Ihr Gehirn war wie leergefegt. Wo war denn jetzt der ganze Sauerstoff, um es ausreichend und vernünftig zu durchbluten.

„Scheiße! Ich meine Scheibenkleister! Verdammter Mist!“

„Mama!“

„Was soll das?“, schrie Tilla ihren Sohn an. Sie war außer sich vor Wut. Sie wollte ihn packen und durchschütteln.

„Mama …“

„Ich mache alles für dich! Alles!, hörst du? Ich arbeite in einem Scheiß-Büro, lasse mich mobben, rackere mich ab, dein Vater unterstützt uns überhaupt nicht, deine Großeltern sind eine Frechheit und machen mich zusätzlich fertig – und du hintergehst mich! Es kotzt mich alles so an! Es ist alles so scheiße! Ich kann und will nicht mehr!“

Eine Emotionslawine überrollte Tilla, sie konnte sie nicht mehr anhalten. Es musste alles raus. Tränen rannen ihr über die Wangen und als sie den Kopf zornig zur Seite drehte, sah sie ihr Gesicht im goldrandverzierten Spiegel, das hässlich und entstellt aussah. Arthur starrte seine Mutter entsetzt an.

Als Tilla bemerkte, dass ihr Sohn zu weinen begonnen hatte, kam sie endlich zu sich. Entsetzt über ihren Gefühlsausbruch umarmte sie ihr Kind, das von Schluchzern geschüttelt wurde.

„Es tut mir leid, Atti.“ Sanft schob sie ihn von sich und hob sein Kinn, um ihm in die Augen zu schauen. Traurigkeit und Scham meinte sie darin zu lesen. „Ich möchte verstehen, warum du das Training abgebrochen hast. Ich war der Meinung, es würde dir Spaß machen.“

„Taekwondo an sich schon. Aber …“

„Ja?“, ermunterte Tilla ihren Sohn weiterzusprechen.

„Es anderen haben sich über mich lustig gemacht, weil ich manche Bewegungen nicht so gut konnte. Ich bin einfach zu dick.“ Tränen kullerten ihm über die Wangen.

„Aber das stimmt doch gar nicht“, protestierte Tilla.

„Mama, ich weiß, dass es so ist.“

„Hat Meister Wu dazu nichts gesagt?“

„Nein.“

„Was hast du denn dann gemacht, wenn du nicht dort warst?“

„Ich war beim Maci“, murmelte Arthur.

„Welcher Mekki? Ist das ein neuer Freund? Von dem habe ich ja noch nie gehört.“

„Mama, du lebst echt hinter dem Mond.“ Arthur musste kichern.

„Ich verstehe gar nichts mehr.“ Tilla betrachtete ihren Sohn aufmerksam. Was war ihr nur in letzter Zeit alles entgangen?

„Ich meine McDonald’s“, klärte er sie auf.

„Aha. Und was hast du dort gemacht?“

Arthur senkte wieder seinen Kopf und flüsterte: „Ich habe dort Burger gegessen.“

„Allein?“

„Ja.“

Rückblickend fiel Tilla ein, dass der Geruch ihres Sohn nach dem Training sie stets irritiert hatte. Jetzt war ihr klar warum er nicht nach Turnhalle, Sport und Umkleidekabine gerochen hatte. Es war der Duft des Frittierten, das Atti mit Deodorant übersprüht hatte.

„Ging es dir dann besser?“ Ihr eigener Besuch unlängst in einer Fastfoodkette fiel ihr ein. Sie konnte Arthur so gut verstehen.

Er nickte. „Am Anfang schon. Da beruhigt mich das Essen. Aber danach fühle ich mich wieder schlecht.“

„Das kenne ich, mein lieber Schatz. Ach, warum bist du denn mit deinen Sorgen nicht zu mir gekommen?“

„Du hast doch selbst so viel um die Ohren. Ich wollte dich nicht zusätzlich belasten.“

„Oh, Atti. Das wird sich jetzt ändern.“

Nach einem langen Gespräch, vielen Entschuldigungen und Umarmungen war Arthur schließlich erschöpft ins Bett gefallen und Tilla ließ sich mit einer Tasse Beruhigungstee auf der Wohnzimmercouch nieder. Ach Mist, ich mach mir eine Tasse Heiße Schokolade mit Schlagsahne. Sie nahm ihr Handy und wählte Paulinas Nummer, um ihr Herz auszuschütten.

Tilla hat es so satt. Ständig schlich sich Konrad aus der Verantwortung. Nie war er da, wenn man ihn brauchte. Auch diesmal wälzte er jede Art von Verantwortung auf sie ab. Immerhin wäre sie die meiste Zeit mit ihrem Kind zusammen, es könne daher ja nur ihre Schuld sein, wenn Arthur Schwierigkeiten bekäme. Dass er zu dick war, lag auch an ihren falschen Ernährungsgewohnheiten. "Du machst doch ständig nur Fertigpizza!"

Tilla fragte sich wieder einmal, warum sie ihn überhaupt ins Vertrauen gezogen hatte. Sicher war ihr von Anfang an bewusst, dass er psychisch nicht sattelfest war. Tilla hatte gedacht, dass sie ihn mit ihrer Energie retten konnte. Was für eine Selbstüberschätzung! Mit ihrer Liebe wollte sie ihn „heilen“. Und geliebt hatte sie ihn wirklich. Zumindest dachte sie, dass es sich wie Liebe anfühlte. Wenn sie ihre Hochzeitsfotos ansah, fing sie jedes Mal zu weinen an und fragte sich, wie sich ein Mensch nur so verändern konnte. Wesensveränderung – das gab es doch nur in Romanen …

Sie wirkten wie das perfekte glückliche Paar, das in der Toskana geheiratet hat. Wie wundervoll. Das Wetter war herrlich, dass Essen fantastisch, die gemietete Villa ein Traum, alle Gäste gut drauf. Ja, selbst die Sonne trotzte der Familie Steinhoff nicht. Wie hätte sie es auch wagen können. Die Wedding-Planerin hatte alles wunderbar organisiert. War es einfach zu perfekt gewesen? Das Ende eines kurzen Traums erfolgte jedenfalls abrupt. Zwei Monate nach der Hochzeit war sie schwanger und Konrad zog sich zurück. Immer häufiger wollte er alleine spazieren gehen – sie ahnte, dass er sich mit anderen Frauen traf –, er wurde gereizter, nichts konnte sie ihm mehr Recht machen. Er beklagte sich darüber, dass sie ihm zu viel abverlangte und keine Rücksicht auf ihn nahm. Rücksicht, pah! Tilla zeigte Mitgefühl, sie bemitleidete ihn, aber letztendlich verachtete sie Konrad für seine Schwäche und klagte ihn an, nichts zu tun und alles ihr zu überlassen. Nicht einmal bei Arthurs Geburt war er dabei. Er hätte ohnehin geahnt, dass es zu einem Kaiserschnitt kommen würde und da wäre er umsonst im Warteraum gesessen. Als das Kind ein Jahr alt war, meldete Tilla ihren Sohn für die Kinderkrippe an und ging wieder arbeiten, weil Konrad kein Geld nach Hause brachte, aber es für ihn unzumutbar war, sich den ganzen Tag um ein Kleinkind zu kümmern.

Sie musste in der Früh aus dem Bett, machte das Frühstück für sich und Arthur, brachte ihn in die Krippe, ging ins Büro – verdiente das Geld –, holte den Kleinen von der Kinderbetreuungsstätte ab, spielte mit ihm, kochte, putzte, wusch, kaufte ein und organisierte das Familienleben. Wenn Konrad einen guten Tag hatte war er dabei, ansonsten zog er sich die Bettdecke über den Kopf und blieb tagelang im Bett. Er reagierte auf nichts. Tilla fing an es zu hassen.

Als Arthur sechs wurde und kurz davor stand in die erste Klasse Volksschule einzutreten, waren sie getrennt. Konrad war einfach ausgezogen. Tilla war monatelang so vor den Kopf gestoßen, dass sie gar nicht realisierte, was genau da in ihrer Beziehung passierte. Sie blickte zurück, sie schaute dazwischen, sie verdrängte das Morgen und suchte nach einer Antwort. Konrad suchte kein einziges Mal das Gespräch mit ihr.

Wenn sie ihn spontan konfrontierte, endete jeglicher Erklärungsbedarf in sarkastischen Anklagen, sodass Tilla sich noch schäbiger fühlte. „Du kapierst es ja doch nicht.“ Irgendwann ergab sie sich der Situation und fuhr fort, ihr Leben mit Arthur als Alleinerzieherin zu organisieren. Tilla deckte sich mit Fachliteratur ein und schleppte Arthur zum Kinderpsychologen. Sie erklärte ihm, dass ihr Vater eine unsichtbare Krankheit im Kopf habe, woraufhin sie sich den Zorn ihres Schwiegervaters zuzog.

„Was bildest du dir ein, Tilla? Wenn ich noch einmal höre, dass du meinem Enkel solche Sachen über meinen Sohn erzählst, dann wirst du mich kennenlernen.“

Tilla versuchte, die Drohung zu ignorieren und erklärte: „Da hast du vielleicht etwas falsch verstanden. Ich habe mich professionell beraten lassen, wie man Kindern die psychische Erkrankung eines Elternteils kindgerecht beibringt.“

Daraufhin verlor der alte Steinhoff fast endgültig die Fassung. „Mein Sohn hat keine psychischen Probleme! Du kannst einen wirklich fertig machen. Langsam fange ich an zu verstehen, warum Konrad dich verlassen hat. Solltest du noch einmal erwähnen, dass mein Sohn nicht“, er rang nach Luft und spie das Wort „normal“ aus, „dass mein Sohn nicht normal sei, dann hetze ich dir die besten Anwälte Wiens hinterher. Für Arthur wäre es dann bestimmt besser, bei seinen normalen Großeltern zu leben.“

Tilla geriet in Panik wegen dieser direkten Drohung. Der alte Steinhoff hatte einflussreiche Freunde. Beinahe alles könnte sie ertragen, nur nicht, ohne ihren Arthur zu leben.

Warum Konrad sich dann nicht scheiden lassen wollte, war ihr aber nicht klar. Eine Erklärung von ihm lautete: „Ich habe dich doch nicht geheiratet, um mich von dir scheiden zu lassen.“ Demonstrativ trug er noch immer seinen Ring.

Tilla vermutete, dass er bei manchen Frauen auf diese Weise gut ankam. Sie konnte sich exakt vorstellen, wie er den armen, verlassenen Ehemann spielte. Vielleicht hing es mit der Art seiner Erkrankung zusammen? Das Opfer musste die Täterin bestrafen indem es der Noch-Ehefrau das Leben zur nicht bewusst erkennbaren Hölle machte, in der sie schmorte und sich aus lauter unbegründeter Angst eine körperliche Distanz anaß.

Schlussendlich oder endlich hatte Tilla nach jahrelanger Überlegung, diverser Familienaufstellungen, Channeling und einigen Therapiestunden letztes Jahr endlich eine kompetente Anwältin kontaktiert, die Paulina ihr empfohlen hatte („nimm sie, sie hat meine Promi-Freundin Tina M. hervorragend vertreten und deren bescheuerten Mann bluten lassen“), und die Scheidung eingereicht.

Die attraktive Frau, die ihr bereits ergrautes Haar nicht färbte, war durch und durch professionell, nur ihr gelegentliches Kopfschütteln und das Zurechtrücken ihrer großen Hornbrille verrieten Tilla, dass sie es mit ihrem Warten übertrieben hatte.

„Schätzchen“, sagte sie mit energischer, tiefer Stimme „ich will Sie weder belehren noch kränken, aber die Begrüßungsbussis sind ab sofort Geschichte. Der Richter hat es Gott sei Dank nicht gesehen.“

„Ich denke immer an unser gemeinsames Kind“, versuchte Tilla sich zu rechtfertigen und dachte wieder an die Worte ihres Schwiegervaters. „Obwohl, …“ Sie hielt nachdenklich inne.

„… Sie es gar nicht gerne mögen“, beendete die Anwältin Tillas Satz und diese nickte bestätigend. Tatsächlich mochte sie die zwei hingehauchten Wangenküsse nicht leiden. Sie konnte Konrads Nähe in keiner Hinsicht mehr ertragen und ihn schon lange nicht mehr riechen.

„Das kenne ich. Machen Sie sich deswegen keine Vorwürfe. Das passiert häufig. Männer lassen ihre Frauen nicht gerne ziehen.“

Tilla blickte sie mit großen Augen an. „Aber er ist doch gegangen!“

„… und sagt, dass Sie ihm die Luft zum Atmen genommen und ihn unterdrückt hätten.“

Tilla blickte ihre Anwältin mit großen Augen an und nickte. „Woher wissen Sie das?“

„Meine Liebe, wir kriegen das hin. Sie sind – wie die meisten meiner Klientinnen – …“ Tilla wusste, dass die Anwältin ihre Worte sorgfältig wählte, und war ihr dankbar dafür. Mit leiser Stimme fuhr sie fort: „… zu nett, und haben im Vorfeld einige Dinge nicht bedacht.“

War es verwunderlich, dass sie zu einer nervenlosen Mutter mutierte und ihr Sohn Probleme hatte, die er vor ihr oder ihnen verschwieg?

Fast flüsternd erzählte sie ihr von den Drohungen ihres Schwiegervaters. Doktor Prada, wie Tilla ihre perfekt gekleidete Anwältin innerlich nannte, zog ihr moosgrünes Kostüm zurecht und richtete sich noch gerader auf. „Ich kenne Doktor Steinhoff sehr gut. Er ist kein leichter Gegner. Dennoch, Ihren Sohn kann er Ihnen nicht wegnehmen. Gibt es eigentlich psychologische Atteste von Ihrem Mann?“

„Nein, die gibt es nicht. Zumindest habe ich keine.“

„Bitte erzählen Sie mir Ihre Geschichte“, forderte Doktor Prada sie auf und Tilla legte los.

„Mein Mann spielt seinen Eltern gerne den armen, verlassenen Sohn vor. Meine Schwiegermutter ist vollkommen auf seiner Seite, sie verabscheut mich regelrecht. Sein Vater weiß, dass es nicht allein an mir liegt, dass ich mich getrennt habe, aber er hält ihm nach wie vor die Stange. Er weiß und war selbstverständlich nicht davon angetan, dass sein Sohn so oft fremdgegangen ist. Er selbst hatte in seinen ersten Ehejahren eine Geliebte, das weiß ich von Konrad, aber er war diskret gewesen. Seiner Meinung nach hätten die jungen Männer heutzutage hatten keinen Stil, sie wüssten sich nicht zu benehmen. Die jungen Frauen heutzutage hätten andererseits kein Durchhaltevermögen mehr. Sie verlassen ihre Männer und mühen sich alleine mit Kind, Haushalt und Arbeit ab. Das ist die Ansicht meines Schwiegervaters.“

„Ja, diese Einstellung ist mir bekannt. Die alte Generation …“ Doktor Prada schüttelte leicht ihren Kopf.

„Ich bin mir nicht sicher, wie lange Konrad sich an seines Vaters Loyalität noch festhalten kann. Er hat, was ich weiß, noch keinen neuen Job gefunden. In die Kanzlei seines Vaters wollte er nie einsteigen, sie übernehmen schon gar nicht.“

„Wissen Sie, warum nicht?“

„Ich vermute, das hat mit seiner Erkrankung zu tun. Konrad ist sehr intelligent, er hat einen extrem hohen IQ, die besten Schulen besucht, ein Jus-Studium abgeschlossen …“

„Und nun will oder kann er nichts daraus machen.“ Es war eher eine Feststellung, als eine Frage und Tilla nickte zustimmend.

„Er hat sich vor ungefähr zwei Jahren in die Psychiatrie einweisen lassen. Seinen Eltern hat er den ersten Aufenthalt dort als Kur verkauft. So lange er krank war, hatte er eine Entschuldigung, um keine Verantwortung für seinen eigenen Sohn, für sich oder gar sein gesamtes Leben übernehmen zu müssen. Von mir und unserer Beziehung brauchen wir gar nicht reden.“

„Und dazwischen hat er nie gearbeitet?“

„Doch. Gelegentlich ist Konrad in kleine Kanzleien eingestiegen. Den Job hatte er aber immer nur bekommen, weil sie sich erhofften, durch den Namen Steinhoff gewinnbringende Klienten zu lukrieren. Es war beschämend. Und so groß ist Wien nun auch nicht.“

„Verstehe.“

„Wenn er gegangen wurde, um es nett auszudrücken, gab er mir die Schuld an dieser Situation. Ich war zu nörgelig. Nie konnte er mir etwas Recht machen, immer wusste ich alles besser und trieb ihn ständig dazu etwas zu tun. Ich würde das Wort „Ruhe“ nicht kennen. Dabei wollte ich ihn nur unterstützen und motivieren.“

„Hat er das nur von Ihnen oder auch von vorherigen Beziehungen behauptet?“

„Nun ja, er tendiert meiner Meinung nach dazu die Dinge zu verdrehen. Als wir uns kennengelernt haben zum Beispiel, hatte er sich gerade von seiner letzten Freundin getrennt. Irgendwann habe ich herausbekommen, dass es umgekehrt war. – Ich denke, dass ich eine willkommene Ablenkung war. Ich war damals gut drauf. Spontan, witzig und wir …“ Tilla errötete.

Doktor Prada bedeutete ihr weiterzureden.

„… wir hatten viel Spaß im Bett. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber ich denke, dass Konrad sich irgendwann dann doch in mich verliebt hat. Zumindest hat er mir einen Heiratsantrag gemacht und ich habe ihn angenommen. Unsere Hochzeit war so toll gewesen. Zu der Zeit ist es Konrad, denke ich, auch wirklich gut gegangen. Er hatte nämlich, fällt mir gerade ein, sogar mit dem Gedanken spekuliert, sich von seinem Vater in die Kanzlei einführen zu lassen. Damals war er davon überzeugt gewesen, es zu schaffen. Alles war perfekt.“

„Und wann ist die Märchenblase dann geplatzt?“, fragte die Anwältin direkt.

„Ich wurde schwanger und sobald Arthur da war, fühlte er sich als die zweite Geige, das fünfte Rad am Wagen, luftähnlich hat er einmal gesagt.“

„Er war eifersüchtig auf sein eigenes Kind?“

„Scheint so. Ich glaube, er wusste nicht, wen er mehr anklagen sollte. Sich selbst, weil er ein Kind mit mir gezeugt hatte. Oder mich, weil ich nur noch Augen, Ohren und Liebe für unseren Sohn hatte. Oder Arthur, weil er nun da war.“

„Das Leben hat ihm gehörig dazwischengefunkt und seine schön durchdachten Pläne vom unbekümmerten Leben über den Haufen geworfen“, fasste Doktor Prada zusammen.

„Dabei weiß ich gar nicht, was genau er sich von unserem Leben vorgestellt hat. Ich meine, wenn man beschließt zu heiraten, will man doch eine Familie gründen, oder? Das hat ihm aber nicht gepasst und er hat angefangen, mich zu betrügen.“

„Gibt es dafür auch Beweise?“

„Ja.“

„Und scheiden lassen möchte er sich nicht, weil er sich als Ehemann angesehener empfindet. In einer Familie Steinhoff gab es zudem noch nie eine Scheidung.“

„Das ist, was ich annehme.“

„Der gute Doktor Steinhoff wird diesen Rechtsstreit verlieren. Das weiß er. Wir können es auf einen Vergleich ankommen lassen“, gab sich Doktor Prada siegessicher.

„Aber seiner Meinung nach, bin doch ich an allem schuld“, seufzte Tilla.

„Das kann durchaus so sein. Ich möchte nur noch von Ihnen wissen, ob Ihnen oder Ihrem Sohn Gefahr durch Konrad Steinhoff drohen könnte.“

„Was meinen Sie?“

„Sie haben mir erzählt, dass Ihr baldiger Ex-Mann psychische Probleme hat und anstatt Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, gerne die Schuld abwälzt. Könnte es sein, dass er Rache an Ihnen üben wollen würde, wenn denn die Scheidung zu Ihren Gunsten ausfällt?“

Tilla schüttelte energisch ihren Lockenkopf. „Nie und nimmer glaube ich das.“

Doktor Prada blickte ihr fest in die Augen. „Meine Liebe, man kann in niemanden hineinschauen. Das habe ich in all den Jahren gelernt.“

8
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„Tilla, du hast dir einen tollen Abend verdient“, wollte Paulina sie überreden.

„Ich habe wirklich keine Lust darauf. Wir können genauso gut bei mir daheim sitzen und ein gutes Fläschchen Wein zusammen trinken“, konterte sie.

„Das ist nicht dasselbe“, beharrte ihre beste Freundin. „Wo ist nur deine Energie geblieben?“

„Du weißt selbst, dass sie mir abgezapft wurde.“

„Oder, dass du sie dir hast abzapfen lassen.“ Paulina war des Themas überdrüssig und wollte ihre beste Freundin aus ihrer Krise reißen.

„Ich koche.“

„Das ist ein harter Köder, aber ich denke, du solltest mal auf die Piste.“

„Was soll ich denn dort? Der Zug ist abgefahren.“

„Du tust, als wärest du bereits mit dem Grab im Bein.“

Tilla musste lachen. „Es heißt ‚mit einem Bein im Grab‘. Hast du dir vielleicht schon einen Drink genehmigt?“

"Gar nicht“, wehrte Paulina ab, „ ich habe mich nur versprochen. Na komm schon.“

“Ich weiß nicht, was es bringen soll. Außerdem passe ich in nichts mehr rein.“

„Tilla, man wird nur einmal 40 und so viel hast du nun auch wieder nicht zugelegt. Die drei, vier Kilos mehr machen dich bloß sexy. Wir improvisieren, oder noch besser, wir gehen shoppen und kaufen etwas Neues für dich.“

Paulina blieb hartnäckig wie ein eingetretener Kaugummi und ließ keine Ausreden gelten. Am Nachmittag shoppten die beiden Frauen in der Mariahilferstraße, während Tillas Sohn Arthur bei seinem Vater war. Tilla musste zugeben, dass es Spaß machte, wieder einmal mit der besten Freundin einkaufen zu gehen, sich im Geschäft ein Gläschen Sekt anbieten zu lassen, ausgelassen zu kichern, in Stöckelschuhen dahin zu stolzieren und sich den Reißverschluss schließen zu lassen – wenn auch von keinem Mann.

Jetzt hatte sie sich zu dem violettblauen Kleid aus Kunstseide überreden lassen, das Augen und Ausschnitt gleichermaßen betonte.

„So, jetzt ab nach Hause, meine Liebe damit wir beide uns chic machen können. Ich hole dich gegen 20 Uhr ab.“

Als Tilla vor ihrem Badezimmerspiegel stand, musterte sie sich nach langer Zeit gründlich. Von Falten war sie bis jetzt verschont blieben. Eine kleine Hautverfärbung auf der rechten Wange ließ sich mit Make-up leicht kaschieren. Ihre schwarzen Locken waren frisch nachgefärbt und sahen natürlich aus. Sie fühlte sich gut und fing an, sich doch auf den Abend zu freuen. Warum denn nicht? Seit einer gefühlten Ewigkeit war sie nicht mehr aus gewesen. Sie betrachtete ihre perfekt geordneten Schminkutensilien und entschied sich für eine schwarze Wimperntusche mit Glitzerpartikeln. Übermütig tuschte sie ihre dichten Wimpern zweimal, sodass sie ihre blauvioletten Augen perfekt umrahmten.

Paulina war pünktlich und läutete Punkt acht am Haupttor.

„Ich komme runter.“

Als Tilla aus dem Tor trat, stieß Paulina einen Pfiff aus. „Du siehst umwerfend aus.“

„Danke. Du aber auch.“

„Nein, im Ernst. Diese Schuhe passen auch perfekt zu dir und deinem Kleid. Und du bist fantastisch geschminkt. Das ist eine geniale Wimperntusche. Happy Birthday, meine Liebe!“

Tilla hatte Paulina in Wien bei einem Kurs für Business-Englisch am Wirtschaftsförderungsinstitut kennengelernt und sich sofort zu der energiegeladenen jungen Frau mit der unverblümten Ausdrucksweise hingezogen gefühlt. Sie selbst war damals genauso gewesen – unternehmungslustig, neugierig und ein bisschen draufgängerisch. Heute wollte sie wieder unbeschwert sein und sie beschloss, ihre Grübeleien zu verschieben.

„Na dann mal los!“

Kurz vor halb neun landeten sie in bester Laune vor der In-Disco im zweiten Bezirk. Paulina, die in einer großen Eventagentur arbeitete, hatte ihnen Vip-Pässe besorgt, weil genau an diesem Abend die Exklusivparty eines bekannten Architekten dort stattfand.

"Tilla, das ist die Party des Jahres. Da müssen wir hin", hatte Paulina bestimmt und ihrer Freundin keinen Platz für Ausflüchte gelassen. Es herrschte ein Riesengetümmel, weil alle, die sehen und gesehen werden wollen ebenso versuchten, sich den Eintritt zu erobern. Es schien exakt wie in den amerikanischen Filmen abzulaufen. Die Reichen und Berühmten zuerst, dann die Schönen, dann die, die jemanden kannten. Alle anderen warteten vergeblich auf Einlass. Tillas Stimmung sank wegen des Riesenandrangs auf null. „Paulina, müssen wir da wirklich rein?“

„Wir müssen.“

„Hier können wir uns nicht mal unterhalten.“

Paulina rollte ihre dunklen Augen, die fast eine ganze Umdrehung schafften. „Aber wir können tanzen und Männer kennenlernen“, schrie sie ihrer plötzlich zaghaften Freundin ins Ohr, nahm sie an der Hand und lies sich von der Menge lachend weiterschieben. „Du warst so gut drauf, lass dich von der Menge nicht entmutigen.“ Plötzlich erfasste eine tsunamiartige Welle die Warteschlange und Tilla wurde zur Seite gewirbelt. Als sie wieder gerade stand, bemerkte sie, dass sie ohne Paulina gegen den Türsteher gedrückt wurde, der ohne die Miene zu verziehen ihren Vip-Pass kontrollieren wollte.

„Meine Freundin hat unsere Pässe eingesteckt. Ich habe sie leider im Getümmel verloren“, stammelte Tilla. „Ich meine meine Freundin, nicht die Karte.“

„Ja, klar.“ Der Türsteher öffnete das Absperrband und schob Tilla ungerührt aus der Schlange.

„He, ich habe einen Vip-Pass. Warten Sie, ich rufe jetzt meine Freundin an.“ Tilla kramte entnervt ihr Handy hervor. Sie ließ es gefühlte hundert Mal klingeln. Die Menge drängte dem Türsteher entgegen, sodass ein zweiter zur Hilfe eilte. Paulina meldete sich nicht.

„Oh nein“, stöhnte sie. „Sie geht nicht ran.“

Der Türsteher-Boss kontrollierte bereits die nächsten Pässe und Tilla wand sich unter belustigten Blicken, die ebenso Schadenfreude ausdrückten. Eine Geladene, die bestimmt Model war, schaute sie mitleidig an. „Es gibt gleich in der Nähe noch ein paar gute Clubs, wo man ohne reinkommt.“ Tilla war sprachlos.

„Mach schon. Befolg‘ den Rat. Weiter hier rumzustehen bringt doch nichts.“ Der Türsteher hatte eine Stimme und war sogar per Du mit ihr.

„Also, es gibt ja wohl irgendwo eine Gästeliste“, fiel Tilla ein. So einfach gab sie jetzt nicht auf.

Der Türsteher schüttelte den Kopf. „Ich kann dich nicht reinlassen. Du bist ok, aber geschlossene Gesellschaft, nur mit Einladung“, erklärte der Türsteher.

„Aber ich bin doch geladen. Außerdem ist heute mein vier…, äh, mein Geburtstag. Ich werde drinnen erwartet.“ Tilla war den Tränen nahe. Wäre sie doch lieber gleich zu Hause geblieben.

„Süße, da bist du ja! Wo warst du denn? Ich habe dich schon die längste Zeit überall gesucht.“

In der nächsten Sekunde wurde Tilla umarmt und von den schönsten grünen Augen sowie dem charmantesten Lächeln, das sie je angelächelt hatte, in Bann gezogen. Ihr Retter aus dieser überaus peinlichen Situation zückte seinen Vip-Pass und drückte Tilla noch fester an sich. „Die Dame gehört zu mir. Architekt Seidler würde ihre Gesellschaft sehr vermissen.“ Der Türsteher trat zur Seite und sie waren drin.

„Sesam öffne dich“, murmelte Tilla und warf ihre Haare trotzig zurück, dass ihre Locken nur so durch die Luft tanzten.

„Er ist offen für einen hoffentlich wundervollen Abend“, sagte ihr Begleiter und fügte hinzu: „Alles Gute zum Geburtstag und viel Glück bei der Suche nach ihrer Freundin. Ich selbst muss jetzt meinem Freund gratulieren.“

Tilla brachte nicht mehr als ein Nicken zustande und weg war er. Das Leben hielt Überraschungen bereit, die ihr selbst nie eingefallen wären. Nun war sie auf der angesagtesten Party der Stadt, auf die sie gar nicht wollte, hatte den bestausehendsten und nettesten Mann der Welt getroffen - und auch schon wieder verloren. Verwirrt und aufgeregt machte sie sich auf die Suche nach Paulina. Sie musste dieses Erlebnis sofort jemandem erzählen, um es nicht in Unwirklichkeit verblassen zu lassen. Vielleicht lief sie dem attraktiven Mann mit den grünen Augen noch einmal über den Weg, hoffte sie an der Garderobe, als sie ihren Mantel abgab. Aber bestimmt war er in Begleitung da. Seine Model-Freundin kam wahrscheinlich wegen eines Shootings erst ein bisschen später. Oder er amüsierte sich nicht lange allein. Spontan wie er war. Er musste sicher nicht einmal von sich aus aktiv werden.

Tilla hing ihren Gedanken nach, während sie sich nach ihrer besten Freundin umschaute, die sie ausgelassen tanzend umringt von vier Männern, die alle offensichtlich darum bemüht waren, den bestmöglichen Eindruck auf dieses attraktive Energiebündel zu machen, vorfand. Tilla musste grinsen. Paulina wie sie leibte und lebte, in blutorangem Minikleid. Vollgas! Da wurde sie auch schon entdeckt und Paulina winkte Tilla energisch zu sich. Vier Männeraugenpaare richteten sich umgehend auf sie, um abzuwägen, ob weitere männliche Konkurrenz im Spiel war oder ein weiteres, potenzielles Anbaggerungsobjekt die Tanzfläche zu betreten im Begriff war. Tilla wehrte lachend ab und gab Paulina zu verstehen, dass sie an der Bar auf sie warten wollte.

„Jetzt sind Sie drin und wollen nicht feiern?“, erklang es an ihrem Ohr. Tilla drehte sich um und tatsächlich. Da war er wieder.

„Das ist die Rolle meiner Freundin“, antwortete Tilla und deutete auf die Tanzfläche.

„Ja, das ist nicht zu übersehen“, stimmte der Fremde grinsend zu.

„Haben Sie Ihren Freund nicht gefunden?“

„Doch, doch. Ich habe ihm auch gratuliert. Es ist nur so, dass er heute nicht sehr viel Zeit für Einzelgespräche, aber auf mein Kommen viel Wert gelegt hat.“

„Hier drin ist ohnehin nicht viel …“, Tilla konnte laute Musik in Wahrheit nicht ausstehen, „… Platz für Gespräche.“

„Da haben Sie Recht“, schrie der Fremde. „Ich mag diese Clubs deswegen auch nicht so gern.“

Tilla warf einen Blick zu Paulina, die sich von ihren Verehrern nicht losreißen wollte und den Abend sichtlich genoss.

„Ich auch nicht“, stimmte Tilla zu.

„Haben Sie heute wirklich Geburtstag?“

„Wie bitte?“, fragte Tilla nach, weil sie nichts mehr hörte. Ihr Trommelfell vibrierte bereits.

„Gehen wir noch auf einen Drink woanders hin?“, schrie er in ihr Ohr.

Tilla nickte begeistert, winkte Paulina, die ihr lachend zustimmend den Daumen hoch hielt.

Wie um sie nicht zu verlieren, nahm der Fremde Tillas Hand, lotste sie zur Garderobe und zog sie, nachdem sie ihre Mäntel geholt hatten, hinter sich zum Ausgang. Als der Türsteher die beiden erblickte konnte er sich ein „so ein Zirkus wegen einer halben Stunde“ nicht verkneifen.

„Ich weiß ja nicht, womit Sie gerne anstoßen würden …“

„Mit einem Bier“, entschlüpfte Tilla geradeheraus und ihr Gegenüber fing zu lachen an, sodass sich lustige, kleine Fältchen um seine Augen kringelten.

„Genial! Wo kriegen wir das?“

„Ich weiß ein tolles Beisl gleich um die Ecke im ersten.“

Er deutete galant eine Verbeugung an, beugte seinen Arm und Tilla hakte erfreut ein.

Wie sie dann in ihrem Bett gelandet waren, konnte Tilla beim besten Willen nicht mehr nachverfolgen. Sie wusste nur, dass ihr Kopfweh am nächsten Tag dem kurzweiligsten Abend ihres Lebens geschuldet war.

In einem nüchternen Moment in der Damentoilette hatte Tilla sich überlegt, wie es wohl wäre, sich diesem unverschämt attraktiven, humorvollen, netten Mann hinzugeben. Dass es soweit kommen könnte, war wohl beiden spätestens nach dem Unterhaken zum Gang ins „Alt Wien“ in der Bäckerstraße klar. Tilla verzog sich dort angekommen als erstes aufs Klo, um sich frisch zu machen. „Tilla, seien wir uns mal ehrlich“, sagte sie zu sich selbst. „Dieser Mann ist und bleibt eine Eintagsfliege.“ Zustimmend nickte ihr Spiegelbild sie an. Heute war es wundervoll und morgen würde sie sich vergebene Hoffnungen auf ein Wiedersehen machen, sich kränken, traurig sein und frustriert den schönen Abend im Nachhinein zerstören. Was konnte sie also tun, um ihn voll und ganz zu genießen? Schließlich war das ihr vierzigster Geburtstag. Den feierte man nur einmal! Da kam Tilla eine Idee. Danke, danke, danke, liebes Schicksal! In einem Film hatte sie einmal gesehen, dass sich zwei junge Leute, die sich zufällig kennengelernt und sofort zueinander hingezogen gefühlt hatten, beschlossen, nichts dem Zufall, sondern eben dem Schicksal zu überlassen. Genau das wollte sie heute Abend auch erleben.

Zurück am Tisch mit dem schmiedeeisernen Fuß und der Marmorplatte sowie der roten Couch, entspannte sich Tilla, stieß mit dem Fremden an, nahm einen großen Schluck Bier und machte ihm folgenden Vorschlag: „Du hast“, Tilla hatte bewusst die Du-Form gewählt und freudig bemerkt, dass er sie mit Wohlgefallen aufgenommen hatte „von einem hoffentlich wundervollen Abend gesprochen. – Ich denke, er ist jetzt schon besonders, und er könnte noch spannender werden, wenn wir uns einander nicht vorstellen.“

Ihr Gegenüber blickte sie erstaunt an.

Tilla genehmigte sich noch einen Schluck Bier bevor sie mutig weiterfuhr: „Wir können uns Fantasienamen ausdenken, wir sagen nicht woher wir kommen, was oder wo wir arbeiten. Wir reden nicht über unseren Familienstand. Heute ist alles erlaubt und nichts verboten. Und ich sage dir nicht, wie alt ich wirklich bin.“ Tilla grinste und blickte ihn neugierig an.

Der attraktive Mann musterte sie eindringlich. „Das ist ungewöhnlich. Um nicht zu sagen einmalig. Ich zumindest habe das noch nie gemacht. Heute ist alles anders …“ Grüne Augen blickten sie intensiv an. Alles in Tilla kribbelte, vor Aufregung wollte sie den Blick senken und wegen ihrer unerwarteten Kühnheit in den Boden versinken.

„Also gut, ich bin dabei.“

Er reichte Tilla seine Hand und sie schlug ein. Vor Erleichterung hätte sie fast aufgestöhnt.

„Wie heißt du?“

„Tilla.“

„Das ist ein seltener Name, der wirklich einzigartig klingt“, bestätigte ihr smarter Begleiter anerkennend. „Habe ich noch nie gehört. Erfunden, oder?“ Er lächelte.

Tilla blickte ihn keck an und grinste nickend.

„Und du? Wie heißt du heute?“

„Ich heiße heute Nick, finde dich schön, wünsche dir den besten Geburtstag aller Zeiten und bestelle uns jetzt noch zwei Bier.“

Kurz nach Mitternacht rannten die beiden angeheitert und erregt die Treppe zu Tillas Wohnung hoch. Vor Aufregung zitternd fand sie beim zweiten Versuch endlich das Schlüsselloch und sperrte auf. Nachdem die Tür zugefallen war, drängte Nick sie dagegen, griff mit beiden Händen in ihren Lockenkopf und küsste sie ungestüm. Tilla erwiderte seine Küsse voller Leidenschaft und dirigierte ihn in ihr Schlafzimmer. Nick begann, sie auszuziehen und zog sie gleichzeitig zum Bett, wo er mit ihr auf die Matratze sank. Seine Hände glitten über Tillas Körper und sie spürte, wie ihn eine wahnsinnige Erregung packte, als er ihre Rundungen erforschte. Tilla stöhnte auf, als er ihre Brüste küsste. Erschaudernd vergrub sie ihre Finger in seinem dichten Haar, während er seine Hose ungeduldig hinunterstrampelte. Keuchend tastete er nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe und blickte voller Verlangen in ihre veilchenblauen Augen. Ihr Körper bebte vor Erregung, sie wollte mehr. Sie wollten beide alles.

„Hast du …?“ Nick war nicht auf eine solche Nacht ausgewesen und hatte kein Kondom eingesteckt. Tilla überlegte und seufzte enttäuscht. Da sie seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Geliebten mehr hatte, besaß sie auch keine Verhütungsmittel.

„Warte kurz.“ Sie sprang auf und lief in die Küche. Im hintersten Winkel ihrer Krimskramslade fand sie das Werbegeschenk einer Samenfirma, für die sie sich einmal diesen Gag einfallen ließ – ein Kondom. Grinsend und mit dem Kuvert wedelnd kehrte sie ins Schlafzimmer zurück. Nick betrachtete ihren vollen Körper und zog sie zu sich. Als sie vor ihm stand, umfasste er mit beiden Händen ihre Pobacken und vergrub sein Gesicht in ihrer Scham. Sämtliche Wünsche, die sie jemals gehabt hatte, sämtliche Fantasien, die sie sich jemals ausgedacht hatte, gingen in Erfüllung, als er wild und ungestüm ihren Körper erforschte. Leckend und streichelnd trieb er sie zum ersten Höhepunkt. Ihr Keuchen, ihre Lust schienen ihn anzuspornen, denn als sie sich befriedigt neben ihn legte, streichelte er sie zart weiter. Sie zitterte unter seinen Berührungen, ihre vollen Lippen erwiderten begierig seine Küsse, während er irgendwie das Kondom überstreifte. Das Blut rauschte in ihrem Kopf, als er schließlich ihre Hüften anhob und sich tief in sie vergrub.

Als Tilla am nächsten Morgen die Augen aufschlug, griff sie sich mit der rechten Hand an ihren schmerzenden Kopf und drehte sich stöhnend zur Seite. Sie tastete mit ihrem ausgestreckten Arm die linke Seite ihres Bettes ab. Leer. Tilla setzte sich auf. Ihr war ein wenig schwindlig und sie musste dringend aufs Klo. Leise schlich sie sich durch die Wohnung, blickte ins Kinderzimmer, das leer war, weil Atti ja bei seinem Vater übernachtete. Das Wohnzimmer war leer. Die Küche war leer. Das Badezimmer war leer. Als Tilla sich schließlich aufs Klo setzte und aufblickte, sah sie einen Zettel auf dem Weltkartenposter kleben. Darauf las sie: „Danke für den Abend. Danke für die Nacht. Danke für dieses fantastische Abenteuer. Du bist großartig! Nick.“

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Tilla liefen die Tränen in Strömen über die Wangen. Vorsichtig entfernte sie das Post-it vom Poster, las es zwanzigmal, klebte es vorsichtig in ihren Moleskine-Kalender und beschloss, Paulina anzurufen, die entweder nicht abheben oder sich furchtbar aufregen würde, weil Tilla an einem Samstag vor Mittag anrief.

„Erzähl mir alles!“, trompetete Paulina ins Telefon, als sie beim ersten Mal Klingeln abhob. Tilla blickte verdutzt auf die Uhr. Es war halb eins! So lange hatte sie seit Attis Geburt nicht mehr geschlafen.

„Ich bin so bescheuert!“, heulte Tilla ins Telefon.

„Jetzt beruhige dich doch einmal. Erstens hätte ich dir sowas gar nicht zugetraut. Zweitens bin ich komplett begeistert von dieser Geschichte und drittens will ich wissen, wie er war.“

„Urknall“, seufzte Tilla und schnäuzte geräuschvoll in ein Papiertaschentuch.

„Ich bin so was von neidisch“, gestand Paulina.

„Wieso denn!? Ich weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, ob er verheiratet ist, Kinder hat … Ich weiß gar nichts. Nichts.“

„Das …“

„Und weil er auf meinen total hirnrissigen Vorschlag eingegangen ist, heißt das ja, nüchtern betrachtet, ganz klar, dass er natürlich verheiratet – zumindest in einer Lebensgemeinschaft – ist, wahrscheinlich Kinder hat, denn welche Frau würde sich von diesem schwarzhaarigen Schönling mit den grünen Augen, dem super Körper und der charmanten Art nicht gerne den Nachwuchs sichern lassen, und er, weil irgendwelche Macken muss er ja haben, nur für eine Nacht zu haben ist.“

„Tilla, das ist eine von außen betrachtet schlüssige Zusammenfassung. Aber jetzt beruhige dich erst einmal. Du bist ja vollkommen aus dem Häuschen. Wann kommt dein bescheidener Ex-Mann? Um vier? Ich bin in zwanzig Minuten bei dir. Dann haben wir genug Zeit, um dich wieder auf Normalmodus zu bringen.“

Paulina schaffte es in 18 Minuten, das war neue Rekordzeit. Vollkommen außer Puste ließ sie sich von Tilla erst einmal ins Wohnzimmer führen, wo sie sich undamenhaft auf die Couch fläzte und theatralisch keuchte. Nachdem sie ein großes Glas Wasser hinuntergekippt hatte, richtete sie sich auf, überkreuzte die schlanken Beine, die in pinken Röhrenjeans steckten und fixierte Tilla.

„So, ich bin wieder fit. Noch mal von vorne. Leg los.“

Wie sie es auch drehten und wendeten. Es gab keine Möglichkeit, die Identität des Urknalls festzustellen. Tilla hatte absolut keine Anhaltspunkte. Er wusste wenigstens, wo sie wohnte. Sie konnte also nur hoffen, dass er ihren Vorschlag nicht ganz so ernst nahm und sie einfach besuchte oder seine Nummer in ihr Postfach warf. Denn Tilla wollte Nick, oder wie auch immer er wirklich hieß, auf jeden Fall wiedersehen.

„Ich hab’s!“, schrie Paulina plötzlich auf, dass Tilla vor Schreck auffuhr.

„Um Himmels Willen, willst du mich umbringen?“

Paulina sprang auf und umfasste ihre Freundin aufgeregt mit beiden Händen. „Hast du nicht gesagt, dass dieser Nick einer Einladung gefolgt ist?“

Tilla blickte sie verdattert an.

„Du bist heute aber wirklich langsam“, stöhnte Paulina. „Hast du mir nicht vorhin eben erzählt, dass er der Freund des Architekten ist, der im Club seinen Geburtstag gefeiert hat? Der so viel Wert auf sein Kommen gelegt hat, dann aber keinen Zeit hatte, sich länger mit ihm zu unterhalten …“

Endlich fiel der Groschen. „Paulina, du bist genial!“, kreischte Tilla. „Wir brauchen nur den Namen seines Freundes und den kontaktiere ich dann …“ Tillas Mine verdunkelte sich augenblicklich wieder. „Um ihm dann was zu sagen? Entschuldigen Sie, ich habe einen Ihrer Freunde kennengelernt, der mir aber auf meinen Vorschlag hin einen erfundenen Namen genannt hat. Ich habe die Nacht mit ihm verbracht, die fantastisch war. Das würde ich gerne wiederholen, aber ich weiß leider nicht, wie er tatsächlich heißt, ob er eine Familie hat geschweige denn, ob er mich überhaupt wieder sehen wollen würde.“

„Na ja, das müsstest du vielleicht ein bisschen umformulieren.“

„Stell dir vor, er ist verheiratet und ich war einfach ein One-Night-Stand für ihn. Ich meine, so war es von meiner Seite auch angelegt. Deshalb die Nummer mit den erfundenen Namen, weshalb er sich wahrscheinlich überhaupt auf mich eingelassen hat.“

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

„Ich weiß nicht …“

„Hör mal, könntest du mir das mit dem Urknall etwas genauer erläutern?“, bohrte Paulina nach, die vollkommen fit gegenüber von Tilla auf der Couch saß.

„Was soll ich dir sagen? Es war perfekt. Er wusste einfach, wo er mich wie und wie lange er mich dort berühren sollte. Und ich hatte trotz allem“ – Tilla deutete auf ihre Rundungen – „ein gutes Körpergefühl. Es war, als – das klingt jetzt total beschissen kitschig – aber es war, als wären wir füreinander bestimmt. Also für mich hat es sich zumindest so angefühlt.“ Tilla schwieg ergriffen.

„Tilla, Süße. Du bist eine klasse Frau, meine beste Freundin und ich liebe dich. Glaubst du nicht, dass du dich da jetzt ein bisschen reinsteigerst? Ich meine, du warst lange nicht aus, hattest ewig keinen Sex, du hast ein bisschen was getrunken, deine Geschichte, dein vierzigster Geburtstag, … da kann man schon mal ordentlich was reininterpretieren.“

„Wahrscheinlich hast du Recht. Ich bin das einfach alles nicht mehr gewohnt und deswegen war es so toll für mich. Einzigartig. Ok, es war einfach super und jetzt muss ich mich auf Konrad vorbereiten.“

„Super aussehend, höflich, nett und fantastisch im Bett – vielleicht ist er sogar reich und ein echter Prinz“, fasste Paulina zusammen, „das gibt’s doch im echten Leben gar nicht.“ Sie schüttelte wissend ihren Kopf, zog ihren linken Mundwinkel hoch und drehte die Augen über.

„Eben, du hast Recht. Ich werde dieses Abenteuer einfach als wunderschöne, einzigartige Erfahrung abspeichern.“

Paulina nickte zustimmend und wechselte auf ihre pragmatische Art das Thema. „Wie läuft es eigentlich zwischen Atti und Konrad? Besser?“

Tilla schüttelte den Kopf.

„Gibt es was Neues?“

„Nicht wirklich“, erklärte Tilla. „Er will Atti bei sich haben, weil er meint, dass gehöre sich so. Ich glaube noch immer, dass er mit seinem Sohn eigentlich nichts anfangen kann und dass er ihn belastet.“

„Aber Atti ist ja jetzt alt genug, dass er mit ihm tolle Sachen unternehmen kann?“, wunderte sich Paulina.

„Ja, schon. Aber irgendwie ist er ständig zu beschäftigt, obwohl er noch immer keinen Job hat und seine Eltern ihn nach wie vor unterstützen.“

„Die checken aber auch gar nichts?“, kommentierte Paulina trocken.

„Die sind wie sie sind, Paulina. Die haben keine Ahnung von ihrem Sohn. Und wenn sie etwas ahnen, dann müssen sie es ganz schnell und gut verdecken, weil sie sonst ihr gesamtes Leben und vor allem ihre Erziehung in Frage stellen müssten.“

Kurz herrschte Schweigen, dann sagten beide gleichzeitig: „Mein Sohn ist vollkommen normal!“ Es dauerte eine Weile bis sich die beiden besten Freundinnen von ihrem Lachanfall erholt hatten.

„Da hast du wahrscheinlich nicht Unrecht. Man kann halt in Niemanden hineinschauen und die Schuld bei anderen suchen ist stets einfacher“, fasste Paulina nüchtern zusammen.

„Du weißt ja, dass ich die Schuld immer zuerst bei mir gesucht habe. Vieles habe sicherlich auch ich falsch gemacht. Im Nachhinein betrachtet habe ich Konrad sicher überfordert mit meiner Energie, meinen Änderungswünschen, meiner Unruhe, meiner Sehnsucht nach einer perfekten Beziehung …“

„Egal, Tilla. Das rechtfertigt nicht sein außereheliches Beziehungsleben, sein Abhauen und dass er dich mit einem kleinen Kind von einem Tag auf den anderen allein gelassen hat. Mit allen Sorgen, mit allen Schulden für die Wohnung, ohne Zukunftsperspektive …“

Tilla zuckte mit den Schultern. Sie mochte nicht mehr daran denken, wie Konrad sich versucht hat das Leben zu nehmen. Zumindest hat er es so aussehen lassen. Er hätte Tillas Druck nicht mehr Stand halten können. Sie hätte ihn ausgesaugt, ihn seiner letzten Kraft beraubt, ihn systematisch diffamiert und letztendlich ruiniert.

„Ich hätte ihm das nie verziehen und würde ihm das nie verzeihen. Ein erwachsener Mensch, der auch noch die Frechheit besitzt, dir alles anzukreiden, obwohl er dich andauernd …“

„Ist gut, Paulina. Ich bin drüber weg. Konrad war der Mann, den ich heiraten wollte, mit dem ich ein Kind und eine Familie wollte. Aus diesem innigen Bedürfnis heraus, habe ich seine Krankheit nicht sehen wollen und seine Fehltritte ignoriert.“

„Warum lässt du Atti eigentlich ruhigen Gewissens bei seinem psychisch kranken Vater?“

„Ich weiß es nicht genau. Es ist ja auch nicht so, dass er psychopathisch veranlagt wäre.“

Paulina hob beide Augenbrauen und verzog wieder den Mund, wobei sich ihre Nase hob und die Nasenlöcher sich weiteten.

„Ich gehe da eher instinktiv vor und hoffe, dass mich mein ‚Gefühl‘ nicht täuscht. Außerdem soll Atti sich selbst ein Bild machen. Es soll nie heißen, ich hätte ihn beeinflusst oder gar manipuliert.“

Paulina schüttelte verständnislos den Kopf, verdrehte noch einmal ihre Augen und seufzte laut. Sie hätte ganz andere Methoden angewendet. Bevor sie diese näher erläutern konnte, klingelte es auch schon an der Tür und Tilla erhob sich mühevoll, weil sich ihr Kopf noch immer wie Blei anfühlte.

„Hallo Mama.“ Arthur drückte sich kurz an sie, stammelte etwas, das ein Abschiedsgruß an seinen Vater sein sollte und verzog sich in sein Zimmer, ohne Paulina zu begrüßen.

„Ist was passiert?“, fragte Tilla irritiert.

„Was soll schon sein?“, keifte Konrad. „Dem Kind mangelt es an Erziehung.“

Tilla schnappte nach Luft während ihr Ex-Mann sie von oben bis unten musterte und hinzufügte: „So wie es dir offensichtlich an Bewegung mangelt. Daher wundert mich diese Laschheit nicht mehr.“ Er dreht sich um und verschwand, ohne dass Tilla etwas entgegenhalten konnte.

Paulina stand plötzlich hinter ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Er ist und bleibt ein Arschloch. Nimm auf keinen Fall ernst, was er gesagt hat. Er selbst sollte lieber Psychohygiene betreiben. Der hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich geh jetzt, damit du mit deinem Sohn reden kannst. Wenn du mich brauchst, melde dich.“

„Danke“, murmelte Tilla und ließ sich von ihrer besten Freundin fest drücken. Als sie wenig später an Arthurs Zimmertür klopfte, vernahm sie ein frustriertes „herein“.

„Atti, was ist denn geschehen?“ Tilla nahm neben ihm auf seinem Bett Platz.

„Der Oma kann ich nie was recht machen“, platzte es aus ihm heraus. „Meine Tischmanieren lassen zu wünschen übrig, ich kann nicht laut genug grüßen und wenn doch, dann sage ich das Falsche. Sie meint, ich nuschle, man könne mich sehr schlecht verstehen. Und ob ich immer nur Fast-Food von dir kriege, weil das schwabbelig macht und ob ich mich nicht genug bewege, weil sie will das Taekwondo nicht umsonst zahlen.“

Tilla schaute ihren Sohn mit weit geöffneten Augen an. „Ich dachte, du wärst nur bei Papa.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
17 sentyabr 2025
Həcm:
340 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783754921166
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
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