Kitabı oxu: «Incels»
Veronika Kracher
INCELS
Geschichte, Sprache und Ideologie
eines Online-Kults

Veronika Kracher, 1990 in München geboren, beschäftigt sich mit der Incel-Subkultur, der Alt-Right, Imageboards wie 4chan und Rechtsterrorismus – irgendjemand muss es ja tun. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Feminismus und Patriarchatskritik, Antisemitismus, Literaturtheorie und Popkultur. Regelmäßige Publikationen u. a. in »konkret«, »Jungle World«, »Neues Deutschland« und »Antifaschistisches Infoblatt«. Wenn sie sich nicht gerade durch die Sümpfe toxischer Online-Kulturen wühlt, guckt sie Horrorfilme, liest Romane von Gisela Elsner, spielt Video- und Pen-and-Paper-Rollenspiele, besucht Postpunk-Konzerte und trinkt Wein.
»testcard zwergobst« wird präsentiert vom Magazin »testcard. Beiträge zur Popgeschichte«. Weitere Bände der Reihe:
• Frank Apunkt Schneider: »Deutschpop halt’s Maul«
• Dagmar Brunow (Hg.): »Stuart Hall. Aktivismus, Pop und Politik«
• Jonas Engelmann: »Wurzellose Kosmopoliten. Von Luftmenschen, Golems und jüdischer Popkultur«
• Wolfgang Seidel: »Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, Reeducation«
• Yvonne Kunz: »Jihad Rap. An den Rändern muslimischer Subkulturen«
• Sonja Vogel: »Turbofolk. Soundtrack zum Zerfall Jugoslawiens«
• Jan-Niklas Jäger: »Factually. Pet Shop Boys in Theorie und Praxis«
| Diese Publikation entstand mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz |
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2020
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage November 2020
ISBN 978-3-95575-130-2
eISBN 978-3-95575-609-3
Lektorat: Jonas Engelmann
Gesamtgestaltung und Satz: Oliver Schmitt
Ventil Verlag, Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
www.testcard.de
Inhalt
Was sind Incels überhaupt? Und wieso über sie schreiben?
Let’s embrace the Memetic Warfare: Die Rolle von Memes innerhalb der Incel-Community
Von der Selbsthilfeseite zum misogynen Terror: Eine kurze Geschichte der Incel-Bewegung
Rote Pille, schwarze Pille: Ein Blick in den Online-Medizinschrank
Echokammern statt Selbsthilfe: Die Incel-Foren
His Twisted World: Eine Analyse des Manifestes von Elliot Rodger
Elliot Rodgers Jünger: Die Incel-Community 2020
Zwischen »Supreme Gentleman« und »Untermenschen-Abschaum«: Das Selbstbild von Incels
Frauenhass: Die gesellschaftliche Normalität
Männlichkeit als pathologisches Problem
Incels als autoritäre Persönlichkeit
Gewalt als Mittel zur Mannwerdung
Der Ausstieg aus der Incel-Szene
Ohne Angst verschieden sein können
Nachwort: Brief an einen Incel
Incel-Glossar
Literaturverzeichnis
Anmerkungen
Bildquellen
Danksagungen
Was sind Incels überhaupt?
Und wieso über sie schreiben?
Wissen Sie was, liebe Leser*innen? Eigentlich würde ich dieses Buch lieber gar nicht schreiben müssen. Es gibt so viel schönere Dinge, als sich durch die frauenfeindlichen Hasstiraden frustrierter junger Männer zu lesen. Kätzchen kraulen. Mit der besten Freundin Champagner trinken. Feministische Graphic Novels lesen. Pen-and-Paper-Kampagnen spielen. Sogar sich die Zehennägel zu schneiden ist angenehmer als die Recherche in Incel-Foren! Aber, um mal mein eigenes Motto zu zitieren: Irgendeine muss es ja tun.
Lange Zeit war es, wenn ich über Incels sprach oder schrieb, so, dass viele Zuhörer*innen oder Leser*innen – vor allem ein Publikum über 35 oder Personen, die weniger internetaffin sind als ich – mir sagten, dass sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Thema konfrontiert worden wären. Incels waren lange Zeit ein primär nordamerikanisches Phänomen, in Deutschland berichtete man erst im Rahmen des Anschlags von Elliot Rodger in Santa Barbara 2014 und, dann auch im größeren Rahmen, als Alek Minassian 2018 in Toronto mit einem Sprinter in eine Menschenmenge raste. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt sowohl intensiv mit der Geschlechterideologie der Alt-Right als auch mit der sogenannten »Manosphere«, also einem Online-Netzwerk antifeministischer Männerrechtsgruppen, befasst und auch einen Vortrag zum Thema konzipiert und begann, stärker zu dem damals in Deutschland noch vergleichweise obskuren Thema Incels zu recherchieren.
Das alles änderte sich nach dem 9. Oktober 2019, als ein junger Rechtsradikaler an Jom Kippur ein Attentat auf die Synagoge in Halle verüben wollte und seine Tat live im Internet teilte. Auch wenn die Tat, die zwei Menschen – Jana S. und Kevin L. – das Leben kostete, kein explizites Incel-Attentat, sondern ein antisemitischer Angriff war, stellten zahlreiche Medien, von der BILD-Zeitung1 bis hin zum leninistischen Blog Klasse gegen Klasse2, die Frage: »War der Täter ein Incel?« Diese Frage liegt nicht fern, da der Täter sowohl in seinem Livestream als auch seiner – dem Namen eines Manifestes unwürdigen – veröffentlichten Tatbeschreibung unter anderem Codes und Memes der von Incels frequentierten Imageboards wie 4chan verwendete, ein Alek Minassian gewidmetes Lied des Rappers Egg White hörte und durch seine Selbstgeißelung als »Versager« und »NEET«3 stark an den in hunderttausenden Foreneinträgen zelebrierten Selbsthass von Incels erinnerte.
Ich verbrachte den kompletten Tag nach dem Attentat damit, mich durch Imageboards wie Kohlchan und Foren wie Kiwifarms zu wühlen, mir den Stream des Täters anzusehen, die höhnischen Kommentare der globalen Online-Rechten zu lesen. Trauer über die beiden Opfer suchte man vergeblich, stattdessen fand man das zynische Lachen darüber, dass es dem Täter nicht gelungen war, die Betenden in der Synagoge zu ermorden.
Mir war schlecht. Die Anschläge von jungen Männern, die sich auf rechten Foren wie 4chan, 8kun, Kiwifarms oder incels.co radikalisiert hatten, die sich durch eine eigene Sprache, eigene Codes und das zynische Kokettieren mit Entfremdung, Nihilismus und Menschenhass auszeichneten, waren bisher etwas gewesen, das mehrere tausend Kilometer entfernt passierte: Incel-Attentate wie in Santa Barbara und Toronto, die antisemitischen Anschläge von Pittsburgh und Poway, die rassistischen Anschläge von Christchurch und El Paso. Die Täter: narzisstisch gekränkte junge Männer, die sich durch den Terroranschlag an der modernen Welt mit ihrem Feminismus und Kosmopolitismus zu rächen gedachten. Narzisstisch gekränkte junge Männer, für die der Terroranschlag eine Form der Wiedergutmachung der gefühlten Ungerechtigkeit war, nicht die Anerkennung, die Liebe und den Ruhm vor die Füße und die Schlüpfer williger junger Frauen an den Kopf geworfen zu bekommen, sondern tagtäglich erfahren zu müssen, ein unbedeutender Loser zu sein wie alle anderen auch – obwohl man sich selbst zu Größerem berufen fühlte. Es war ein Schock: Dieser Anschlag wäre der größte antisemitische Anschlag seit … Ja, seit dem Sieg über den Nationalsozialismus gewesen.
Mit dem Attentat auf die Synagoge von Halle, das gegen den Feminismus, People of Colour, vor allem aber gegen die vermeintlich hinter all diesen Übeln steckenden Juden gerichtet war, wurde die Möglichkeit dieser Form von Gewalt mit einem Mal auch in Deutschland real. Dass wir uns nicht falsch verstehen: rechter Terror hat in einem nur sehr unzureichend entnazifizierten Deutschland eine Tradition, die von der Wehrsportgruppe Hoffmann über den NSU bis hin zu rechtsradikalen Prepper-Gruppen wie Nordkreuz reicht. Dass jedoch ein Täter im Alleingang loszieht, ein mit zahlreichen Memes und Videospiel-Anspielungen gespicktes »Manifest« (na ja, eher: eine Loseblattsammlung) hinterlässt und seine Tat online überträgt, das gab es in der Form bisher nicht.
Ich schrieb auf Facebook einen längeren Post über den Anschlag und verbrachte die Nacht weitestgehend schlaflos und von Albträumen heimgesucht. Am nächsten Tag klingelte ab früh morgens das Telefon: Pressekontakte, die wissen wollten, ob es sich bei dem Attentäter um einen Incel handeln würde. Man hätte meinen Text gelesen und würde sich nun für meine Expertise interessieren. Ich korrespondierte an dem Tag mit meinem sehr geschätzten Kollegen Roland Sieber, mit dem ich gemeinsam auf Kohlchan und Kiwifarms recherchiert und viele Screenshots und Videos hin- und hergeschickt hatte. Er recherchiert zu Rechtsextremismus in der Gaming-Community und ebenfalls zu rechten Online-Foren, auch bei ihm stand das Telefon nicht mehr still. »Es ist bitter, dass wir seit Jahren über das Gefahrenpotential dieser Strukturen schreiben, und wir werden ignoriert. Und dann werden zwei Menschen ermordet und der potentiell größte antisemitische Anschlag in Nachkriegsdeutschland scheitert an der Synagogentür«, schrieb er mir.
Mit einem Mal war die Frage »Was sind eigentlich Incels?« auch in Deutschland angekommen. Wenige Tage nach dem Anschlag war ich zusammen mit meinem Verleger Jonas Engelmann auf eine Konferenz in Merseburg eingeladen, ich sollte dort zu Incels referieren. Merseburg ist nur wenige Kilometer von Halle entfernt. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, als ich im Zug saß. Das Gespräch mit den Veranstaltenden kam recht schnell auf das Attentat, auch da eines der Opfer, Kevin L., aus Merseburg stammte.
Wir wissen nicht, ob der Täter ein Incel war – sein Anschlag war, obwohl ihm eine antifeministische Komponente innewohnte, primär antisemitisch; seine »Alternativopfer« sollten Menschen mit Migrationshintergrund sein. Aber wir wissen, dass er die auf Selbst- und Frauenhass basierende Ideologie mit ihnen teilte.4 Und es war dieses Attentat, mit dem die längst überfällige Beschäftigung mit dem Gefahrenpotential online radikalisierter junger Männer auch in Deutschland begann – auf Kosten zweier Menschenleben.
Ich selbst beschäftige mich seit etwas mehr als zwei Jahren intensiv mit der Incel-Subkultur und kann guten Gewissens behaupten, deutschlandweit zu den Personen zu gehören, die sich am besten mit diesen »unfreiwillig im Zölibat Lebenden« auskennen. Wer hätte gedacht, dass ein Mangel an Respekt vor den eigenen psychischen und emotionalen Grenzen auch von Vorteil sein kann – man kann sich intensiv mit einem wirklich scheußlichen Thema befassen, von dem die meisten Menschen, und das auch zu Recht, lieber die Finger lassen, und – zack! – ist man gefragte Koryphäe auf dem Gebiet.
Die erste Frage, die mir in Interviews gestellt wird, lautet in der Regel: »Was sind Incels eigentlich?« Incels, antworte ich dann, ist die Kurzform für »Involuntary Celibate«, also: unfreiwillig im Zölibat Lebende. Es handelt sich um junge Männer, die der sogenannten Blackpill-Ideologie anhängen, das nihilistischere Derivat der verschwörungstheoretischen und antifeministischen Redpill-Ideologie.
Die Redpill-Ideologie ist, kurz skizziert, eine maskulinistische Verschwörungsideologie, die besagt, dass der weiße, heterosexuelle und cisgeschlechtliche Mann inzwischen der große Verlierer unserer Zeit ist, in der die Welt vom Feminismus beherrscht wird, der wiederum eine jüdische Erfindung sei. Deswegen müsse sich der Mann auf ursprünglich männliche Werte zurückbesinnen und, da Männlichkeit sich für diese Redpiller über die Abwertung von Weiblichkeit konstituiert, Frauen zeigen, wo sie hingehören: in die Küche und ins Ehebett. Die Redpill-Ideologie ist die Ideologie narzisstisch gekränkter Männer, die panische Angst vor dem Verlust ihrer Hegemonie haben, die nun einmal auf der Unterdrückung und Ausbeutung anderer basiert. Wenn People of Colour, Frauen und queere Menschen sich emanzipieren, wird die Aufwertung der eigenen Person über die Abwertung Marginalisierter um einiges erschwert, weshalb jegliche Emanzipationsbestrebungen bis aufs Blut bekämpft werden. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass Männerrechtsaktivismus die Einstiegsdroge in rechtsradikales Denken ist.
Incels identifizieren sich weitestgehend mit dem Antifeminismus, Antikommunismus und Antisemitismus dieser Redpill-Ideologie, wie auch mit der Inszenierung als Erleuchteter und Aufgeklärter. Sie treiben aber all diese Aspekte auf eine wahnhafte Spitze: die Blackpill.
Sie sind der Ansicht, dass der Mann als solcher ein naturgegebenes Recht auf Sex hätte. Frauen verweigern Incels dieses Recht jedoch, da sie – so das Verständnis der Incels – allesamt wirklich oberflächliche Schlampen sind, die nur mit gottgleichen Klischeezeichnungen von Hypermaskulinität, sogenannten »Chads« schlafen, denn alle Männer, die nicht den weiblichen Anforderungen von Attraktivität entsprechen, hätten den sexuellen Wettbewerb schon lange verloren. Incels betrachten sich als die größten Verlierer unserer Zeit: sie haben, so ihr Glaube, eine Niete in der »genetischen Lotterie« gezogen und seien viel zu unansehnlich, um von Frauen überhaupt beachtet zu werden. Die einzige Empfindung, die Frauen unattraktiven Männern entgegenbringen können, sei nämlich Verachtung. Schuld daran ist der Feminismus. Die Welt sei vor der Geißel des Feminismus nach dem Prinzip des »Looksmatching« gestaltet gewesen, was bedeutet: Incels sortieren Menschen, ähnlich wie Pick-up-Artists, in »Attraktivitätslevel« von eins bis zehn ein. Früher sei einem Mann des Attraktivitätslevels »vier« eine Frau des gleichen Attraktivitätslevels garantiert gewesen, heute seien Frauen jedoch dem Anspruchsdenken verfallen, nur noch »Chads« könnten ihnen genügen. Deswegen bleibe keine Frau mehr für den armen, einsamen und jungfräulichen Incel übrig (dessen Idealfrau übrigens minderjährig, jungfräulich, unterwürfig und einem grenzwertigen Anime entsprungen sein muss), ja eigentlich ist schon jeder Mann unter dem Level »acht« in den weiblichen Augen eine unerträgliche ästhetische Zumutung. Dieser vernichtenden Kränkung der »Sexlosigkeit« kann für Incels nur mit einem Mittel begegnet werden: dem Krieg gegen Frauen, der bis zum Femizid reicht.
Als der damals gerade 22 Jahre alte Elliot Rodger im Mai 2014 auf dem Campus der Santa Barbara-Universität in Kalifornien sechs Menschen erschoss und 14 weitere verletzte, wurde die Öffentlichkeit zum ersten Mal mit dem Phänomen der Incels konfrontiert. Nach dem Attentat tötete Rodger sich selbst, nicht jedoch ohne davor ein 137 Seiten langes Manifest unter dem Titel My Twisted World zu veröffentlichen, in dem er seine komplette Biographie akribisch nach Gründen absucht, wieso sein eliminatorischer Frauenhass eine legitime Wiedergutmachung der Kränkung sei, noch nie einen weggesteckt zu haben. Größere Bekanntheit erlangten Incels nach einem Attentat in Toronto: Am 23. April 2018 raste der 25 Jahre alte Alek Minassian mit einem Sprinter in eine Menschenmenge in einem belebten Geschäftsviertel. Er ermordete zehn Menschen, 16 weitere wurden verletzt. Auf Facebook ließ er verlauten: »Private (Recruit) Minassian Infantry 00010, wishing to speak to Sgt 4chan please. C23249161. The Incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys! All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger!«5
Wenn man sich die Debatte über Incels anschaut, werden diese oft als psychisch krank, Freaks, Außenseiter, das Andere oder als ein Kult gelabelt – als etwas, mit dem der ganz normale Mann überhaupt nichts zu tun hat. Dies ist jedoch ein gewaltiger Fehlschluss – böse Zungen könnten gar behaupten, dass die Auseinandersetzung mit dem Incel als frauenhassendem Gewalttäter eine unbewusste Abwehr der Tatsache ist, dass der durchschnittliche Mann und der Incel ideologisch gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
Die Gesellschaft, in der wir leben, ist auf der systematischen Unterdrückung von Frauen aufgebaut, und nicht nur Incels reagieren mit Gewalt auf die narzisstische Kränkung, von einer Frau abgelehnt zu werden. Männer weigern sich, Frauen als eigenständige Subjekte anzuerkennen, und bestrafen sie, wenn sie auf ihr Recht auf einen Subjektstatus pochen. Männer objektivieren Frauen, belästigen Frauen, stalken Frauen. Sie verprügeln Frauen, kaufen sich die Körper von Frauen und verfassen anschließend vor Frauenhass triefende »Bewertungen« in Freierforen. Sie vergewaltigen und sie ermorden Frauen. Laut einem Bericht des Bundeskriminalamtes wurden 2018 114.393 Frauen in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt6, 122 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet.7 Männer unterdrücken Frauen sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene, in einem patriarchalen System, das die Herrschaft aller Männer über alle Frauen, wie auch generell über Menschen, die außerhalb binärer Geschlechterkategorien fallen, garantiert. Und selbst wenn man zu den selbsternannten feministischen Helden zählt, die eine Frau niemals aktiv vergewaltigen würden, profitiert man von einer Gesellschaft, in der Frauen permanent durch patriarchale Gewalt in die Schranken gewiesen werden. Denn Frauen wird von klein auf eingebläut, dass es einfacher ist, sich den patriarchalen Vorstellungen von Frausein zu unterwerfen, als gegen diese Strukturen aufzubegehren. Der Kampf gegen das Patriarchat ist ein schwerer und wird gegen die heftigen Widerstände von Männern und deren Steigbügelhalter*innen geführt. Jede Feministin, jeder Mensch, der von den hegemonialen Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses abweicht, kann ein Lied davon singen.
Es ist also mitnichten so, dass Frauenhass ein Spezifikum von Incels ist. Er ist, tragischerweise, konstitutiv für unsere Gesellschaft. Das Phänomen »Incels« entsteht nicht in luftleerem Raum, sondern ist Resultat eines Systems, in dem patriarchales Anspruchsdenken, Misogynie und Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung sind.
Dieses Buch hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Einblick in die Incel-Subkultur zu liefern. Im ersten Teil werde ich einen Abriss über die Entstehungsgeschichte der Incels von einer Selbsthilfegruppe hin zu einem toxischen Kult liefern und über die Mitglieder der Szene sprechen – über die Anzahl, ihre Herkunft, ihr Alter und ihre Organisation auf unterschiedlichen Foren.
Im darauffolgenden Kapitel werde ich eine tiefenhermeneutische Analyse der Incel-Ideologie anhand Elliot Rodgers Manifest My Twisted World leisten, das innerhalb der Incel-Community inzwischen Kultstatus erlangt hat. Anschließend wende ich die Textanalyse auf Incel-Foren an und analysiere dort exemplarisch an der verwendeten Sprache die dahintersteckende Ideologie. Diese Ideologie basiert, wie ich aufzeigen werde, auf pathologischem frauenfeindlichen Verschwörungsdenken, Selbsthass und kultiviertem Nihilismus.
Des Weiteren wird in diesem Buch das Verhältnis von Incels zu Rechtsradikalismus, Islamismus und rechtsradikalem Terrorismus verhandelt – Frauenhass ist laut einer Studie der Anti Defamation League die »Einstiegsdroge« in rechtsradikales Denken8, und man kommt nicht umhin zu bemerken, dass auf Boards wie 8kun eine neue Generation an Terroristen heranwächst, die alle dem gleichen Tätertypus entsprechen: dem narzisstisch gekränkten, in der Regel weißen Mann, der in einem Terrorakt eine Wiedergutmachung seiner vermeintlich erfahrenen Kränkung sieht.
Diesen Tätertypus werde ich im letzten Teil des Werkes vor allem anhand der Theorien von Raewyn Connell, Rolf Pohl, Klaus Theweleit, Theodor W. Adorno und Kate Manne beschreiben und eine sozialpsychologische Analyse von Incels durchführen. Da ich einen materialistisch-feministischen Anspruch an meine Arbeit habe, wird diese Analyse vor einer Kritik am patriarchal strukturierten Kapitalismus erfolgen.
Zum Abschluss werde ich versuchen, Ansätze zu bieten, wie sich aus diesem toxischen Sumpf, der sowohl für seine Mitglieder als auch deren Opfer im Tod enden kann, entkommen lässt. Denn, und daran gilt es festzuhalten: Incels mögen glauben, ihr Zustand sei unausweichlich, er ist es jedoch nicht – genauso wenig wie die patriarchalen Verhältnisse, in denen er seinen Ursprung hat.
Außerdem, da Incels als klandestine Szene ihre sehr eigene, ideologisch aufgeladene Sprache haben, ist am Ende des Buches ein Glossar beigefügt, das die gängigen Begriffe und Memes der Incel-Szene übersetzt. Wer (außer Incels und den bemitleidenswerten Leuten, die zu Incels forschen) weiß denn schon aus dem Stegreif, was »Coomer«, »Lanklet« oder die »PSA-Skala« bedeuten?
Und bevor wir beginnen: dieses Buch behandelt sexuelle Gewalt gegen Frauen wie auch Kinder, Misogynie, Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Leider komme ich bei einer tiefgründigen Analyse meines Gegenstandes nicht umhin, mich intensiv mit der ihm innewohnenden gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu befassen. Auch für Personen, die Erfahrungen mit suizidalen Gedanken oder Depressionen haben, könnte die Lektüre beizeiten beschwerlich werden. Ich hoffe, meinem Anspruch an einen Mittelweg zwischen einer analytischen Betrachtung und einem sensiblen Umgang mit den Themen gerecht zu werden. Den einen oder anderen ironischen Seitenhieb wird mir die Leserin verzeihen müssen – manchmal ist ironische Distanz die einzig mögliche Bewältigungsstrategie, um einem Thema wie »Incels« begegnen zu können.
Let’s embrace the Memetic Warfare:
Die Rolle von Memes innerhalb der Incel-Community
Die Alt-Right, zu deren Auswüchsen die Incels gezählt werden müssen, ist eine onlinebasierte (Sub-)Kultur, die es sich selbst zur Aufgabe gemacht hat, mittels einer »Memetic Warfare« online eine Diskurshoheit zu erreichen und diese im besten Falle in eine Welt abseits obskurer Imageboards zu tragen – was ihr durchaus gelungen ist. 4chan-Trolle und rechte Reddit-User bildeten das Fußvolk von Donald Trumps Online-Armada, und mit Richard Spencer und Milo Yiannopoulos waren führende Figuren der Alt-Right Teil des engen Beraterstabs des US-amerikanischen Präsidenten. Es existieren zahlreiche Memes, die Donald Trump als oder mit »Pepe the Frog«, einem Maskottchen der Alt-Right, abbilden. Auch Donald Trump hatte auf Twitter ein (inzwischen gelöschtes) Meme von sich als Pepe geteilt9, sein Sohn Donald Trump Jr. tat es ihm einige Zeit später auf dem Fotoportal Instagram gleich.10 Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Pepe the Frog nie als rechtes Symbol intendiert, sondern die Figur eines Webcomics war. Seinen Schöpfer, Matt Furie, frustrierte die Verwendung seiner Figur in rechten Kontexten so sehr, dass er die Figur Pepe im Webcomic sterben ließ und letztendlich die rechtsradikale Plattform InfoWars wegen der unrechtmäßigen Verwendung von »Pepe« erfolgreich auf 15.000 Dollar verklagte.
Der Begriff »Meme« hat seinen Ursprung in dem von Richard Dawkins 1976 veröffentlichten Buch Das egoistische Gen und beschreibt einen kulturellen Code, der sich, einem Gen ähnlich, entwickelt, verbreitet und auch verändert. Inzwischen wird der Begriff »Meme« weitestgehend mit Internetphänomenen assoziiert. Die Kulturwissenschaftlerin Limor Shifman beschreibt ein Meme als »(a) eine Gruppe digitaler Begriffe, die gemeinsame Charakteristika in Inhalt, Form, und/oder Standpunkt teilen, die (b) im Gewahrsein auf andere Memes geschaffen wurden, und die (c) im Internet von vielen User*innen verbreitet, imitiert oder transformiert wurden.«11 Wir alle kennen und teilen Memes; sie sind zu einem integralen Bestandteil der modernen Kommunikation geworden, zu einem Code, der mittels eines Bildes über das Bild hinausgehende Inhalte und Botschaften vermitteln kann.
Neben ihrer alltäglichen Verwendung sind sie auch ein Mittel politischer Auseinandersetzung und spielen für die Alt-Right eine besondere Rolle. Bereits 2015 forderte der Trump nahestehende Strategieberater Jeff Giesea in der NATO-Publikation It’s time to embrace memetic warfare, Memes als politisches Mittel zu erkennen.12 Der Politikwissenschaftler Morris Kolman analysiert in seiner großartig mit I have no mouth but I must meme betitelten Studie, dass Memes, um eine gewisse Popularität zu erreichen und Klicks für ihre Seiten zu generieren, schnell verständlich, schnell teilbar und populär sein müssen. Politische Memes sind in sich geschlossene Botschaften und wesentlich einfacher zu rezipieren als etwas lästig Komplexes und von Widersprüchen Durchzogenes wie kritische Gesellschaftstheorie, die im schlimmsten Falle auch noch die Auseinandersetzung mit der eigenen Position innerhalb herrschender Verhältnisse verlangt. Memes werden in der Regel in einer politischen Echokammer konsumiert. Man kann sich mit den Inhalten und dem Netzwerk, auf dem das Meme gepostet wurde, identifizieren, und bekommt durch das Teilen des Memes vermittelt, man würde sich mit politischen Inhalten befassen oder gar politische oder theoretische Arbeit leisten.13
Gleichzeitig funktionieren Memes, gerade in einem Umfeld, das die eigene Klandestinität zelebriert, als eine Art »Erkennungszeichen«. Wer die obskuren Memes kennt, ist Teil einer »In-Group«. Nicht selten wird auf Boards wie 4chan, dem Ursprungsort zahlreicher Memes, darüber lamentiert, wenn die neueste Kreation von »Normies« entdeckt und adaptiert wurde. Die Alt-Right und White Supremacists schaffen immer wieder neue Memes, mit denen die Öffentlichkeit irritiert und vorgeführt werden soll. Ein Beispiel ist das »White Power«-Zeichen, das 2019 von der Anti Defamation League in die Liste der Hasssymbole aufgenommen wurde. Es ist das »Okay«-Handzeichen: Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis, die anderen drei Finger sind abgespreizt. Rechte haben es als Symbol adaptiert und posieren auf Fotos und Videos damit, um sich anderen »Eingeweihten« zu erkennen zu geben und so den Eindruck eines konspirativen Kollektivs zu erwecken. Memes (nicht nur) in Alt-Right-Kontexten haben also dreierlei Funktionen:
1.Das Vermitteln von auf den ersten Blick widerspruchsfreien, oberflächlichen Inhalten, denen jedoch eine tiefere ideologische Bedeutungsebene innewohnen kann, die nur Eingeweihten vorbehalten ist.
2.Die Identifikation der rezipierenden Person mit diesen Inhalten.
3.Das Schaffen eines Kollektivs, das sich mit dem Inhalt des Memes identifiziert und sich so von anderen abgrenzen kann.
Es verhält sich mit Memes also ähnlich wie mit den doch recht eigenen sprachlichen Codes der Alt-Right und der Manosphere: sie sind sowohl Mittel als auch Ausdruck einer Ideologie, die weit über das Wort oder Bild hinausgeht. Ich habe im Folgenden die gängigsten Memes von Incels aufgelistet sowie solche, die aus der Szene der White-Supremacists stammen, jedoch von Incels aufgegriffen wurden. Inzwischen sind viele dieser Memes aus ihrem 4chan-Kontext transzendiert und haben es in den Mainstream geschafft, wo sie, oftmals ungeachtet ihrer problematischen Herkunft, breitflächig rezipiert werden.
Rejected Doomer
Ein noch recht junges Meme ist der Rejected Doomer. Er ist ein Derivat des Anfang der 2010er Jahre etablierten »Wojack«- oder »Feels Guy«-Template: bei dem »Wojack« handelt es sich um die mit MS Paint gezeichnete Figur eines Mannes, der in der Regel Trauer, Frustration oder Einsamkeit ausdrückt. Der »Doomer« bezeichnet einen depressiven jungen Mann (es sind immer Männer, Frauen können für Incels lediglich als Projektionsflächen fungieren), der sich mit der allgemeinen Schlechtigkeit der Welt abgefunden hat. Er hat ein nihilistisches Weltbild, ist misanthropisch, und bleibt am liebsten für sich. Trotz allem bedauert er seine Einsamkeit, zieht sie aber der permanenten Enttäuschung vor, die ihn, seiner projektiven Betrachtungsweise nach, im zwischenmenschlichen Umgang erwartet. Das Meme spiegelt diese Enttäuschung wider: der Doomer stellt dem Objekt seiner Begierde eine Frage und wird von ihr enttäuscht – und somit in seinem Nihilismus wieder einmal bestätigt. Hass auf die Welt und die Mitmenschen werden so als Ausdruck von Weisheit, Abgeklärtheit und Lebenserfahrung kultiviert anstatt adäquat betrauert. Auch dieses Meme hat inzwischen seinen Ursprung transzendiert und wird auch in progressiven oder selbstironischen Kontexten verwendet, wie die Abbildung zeigt: Es greift satirisch auf, dass der reguläre Verfasser von Doomer-Memes Frauen unterstellt, sie hätten kein Interesse, sich mit Nischenthemen zu befassen, was als Sexismus entlarvt wird.
Rejected Doomer: eine klassische Version des Memes
Eine subversive Umkehrung und Kritik
Virgin/Chad
Wohl das Incel-Meme. Es stellt den jungfräulichen Versager neben den ihm in allen erdenklichen Kategorien überlegenen Chad, der als muskulös, selbstbewusst und mit einem sehr großen Penis ausgestattet dargestellt wird. Wie die meisten Memes hat auch »Virgin vs. Chad« seinen ursprünglichen Kontext inzwischen transzendiert und wird in der Regel verwendet, um einen Gegenstand in der Gegenüberstellung zu diffamieren; es ist oftmals ein Mittel der Polemik.
Eine neuere Version des Memes bedient sich des bereits referenzierten »Wojack«-Templates, das die überlegene Position des Chads noch verdeutlicht. Ausgehend von der antifeministischen Bezeichnung »Soyboy« für linke und profeministische Männer wird der Charakter des »Wojack« je nach Kontext als »Soyjack« tituliert, um aufzuzeigen, wie sehr ihn Feminismus verweichlicht hätte. Hier nimmt der Meme-Ersteller weniger selbstironisch die Rolle des Incels ein, sondern affirmativ die des maskulinen Chads, der dem Loser weit überlegen ist. Dieses Meme-Template wird auch regelmäßig verwendet, um stereotypisierte Darstellungen von weiblichem im Gegensatz zu männlichem Verhalten zu zeigen.
Der jungfräuliche Versager neben einem überlegenen Chad
Neuere Version des Memes: Soyboy vs. Incel in der Rolle des Chads

Stereotypisierte Darstellung von weiblichem Verhalten
Clown Pepe/Honkler
Zahlreiche gekränkte Männer im Internet haben eine meines Erachtens ausgesprochen ungesunde Faszination für den Batman-Schurken Joker; ein psychisch kranker Clown, dessen Handeln Ausdruck nihilistischen Wahns und für den alles ein großer Witz ist. Die aktuelle Joker-Verfilmung von Todd Phillips – der besser bei seinem Hangover-Franchise hätte bleiben sollen (er selbst sagte, die »Political Correctness« hätte ihm die Comedy ruiniert) – wurde sowohl von Incels als auch Kritiker*innen, inklusive der Verfasserin dieses Buches, als Film für Incels zelebriert, respektive kritisiert. Es gibt zahlreiche Memes, die den Joker abbilden, und er macht ungezählte Profilbilder auf dem großen Incel-Forum incels.co aus. Das Meme, das auf dem 4chan-Board politically incorrect seinen Ursprung fand, ist Ausdruck des Habitus, das Leiden der Welt als zynischen Witz aufzufassen; statt einen depressiven Blackpill-Nihilismus zu zelebrieren, solle man lieber über die eigene Umwelt lachen. Dies bedeutet konkret – wir reden schließlich über das 4chan-Board, auf dem das Kokettieren mit Menschenfeindlichkeit zum guten Ton gehört –, über das Leid anderer, und vor allem Marginalisierter, zu lachen. Auch das Clown-Emoji wird regelmäßig von Rechten verwendet, um sich Eingeweihten gegenüber zu »outen«.
Clown Pepe, eines der beliebtesten Memes
Happy Merchant
Das als »Happy Merchant« bekannt gewordene Meme stammt ursprünglich aus der Feder des amerikanischen Neonazis Wyatt C. Kaldenberg und zeigt die antisemitische Karikatur eines grinsenden Juden, der sich die Hände reibt. Auch der »Happy Merchant« fand seine Verbreitung durch 4chan und wird verwendet, um jüdische Verschwörungen zu suggerieren. Hierzu zählen der »Große Austausch«, Feminismus, der Holocaust als jüdische Propaganda oder auch die Idee eines »Zionist Occupied Government«. In der Incel-Subkultur wird das Meme vor allem verwendet, um den Feminismus als jüdische Erfindung zu denunzieren oder die jüdische Kontrolle über die Medien zu untermalen. Wir haben uns entschlossen, das Bild aufgrund seines extrem antisemitischen Inhaltes nicht abzubilden.
Von der Selbsthilfeseite zum misogynen Terror: Eine kurze Geschichte der Incel-Bewegung
Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass der Begriff »Incel« von einer queeren Frau eingeführt wurde. Auch wenn das erste Forum für Menschen mit Schwierigkeiten bei der Partner*innensuche die bereits 1988 entwickelte Newsgroup alt.support.shyness war, etablierte Alana, die ihren Nachnamen lieber anonym belassen möchte, den Begriff in einer 1993 gegründeten Mailingliste, die später zu der Webseite Alana’s Involuntary Celibacy Network wurde. Solche frühen Incel-Foren wie Alanas Projekt oder alt.support.shyness stehen in starkem Kontrast zu dem, was sich heute als Incel-Community bezeichnet. Alana gründete die Seite, nachdem sie ihre erste Partnerin gefunden hatte, um einen Ort des Austauschs und der Reflexion zu schaffen und anderen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, eine Perspektive zu geben. Der »Involuntary Celibate«-Zustand wurde in diesem Kontext nicht als etwas die Identität vollständig Konstituierendes und Unabänderliches verstanden, sondern als etwas Temporäres, das überwunden werden kann. Eines ihrer Postings lautete: »Mein schwierigster Kampf war es, die Wahrheit darüber zu erkennen, was ich wahrnehme und was ich fühle. Ich konnte nicht mit Dating beginnen, bevor ich mir nicht selbst die Wahrheit vor Augen hielt: dass ich eine Partnerin wollte und dass ich eine liebenswerte und attraktive Person war. Dann musste ich das Risiko auf mich nehmen und anderen die Wahrheit erzählen: dass ich mich zu ihnen hingezogen fühlte. Jetzt, da ich meine Gefühle wahrnehmen und anderen darüber berichten kann, habe ich wesentlich mehr Kontrolle über mein Leben und meine Zukunft. Falls Du denkst, dass Du niemals eine*n Partner*in haben wirst, obwohl Du eine*n möchtest – ich hoffe, meine Geschichte hat gezeigt, dass es möglich ist. Und andererseits: vielleicht hast auch Du Schwierigkeiten überwunden, Beziehungen zu beginnen. Je mehr wir miteinander teilen, desto besser können wir einander helfen!«14 Dies ist meilenweit entfernt von dem weinerlichen und anklagenden Tenor, der heutzutage auf Incel-Foren herrscht.
Der Begriff des »Invcels«, der kurze Zeit später zu »Incel« wurde, sollte ursprünglich vorurteilsbelastete und mit dem Bild des »Losers, der im Keller seiner Mutter wohnt«, assoziierte Vorstellungen des Wortes »Jungfrau« vermeiden, wie Alana in einem sehr hörenswerten Interview mit dem Podcast Gimlet ausführt.15 Auf ihrer Mailingliste waren insgesamt ungefähr 100 Männer und Frauen unterschiedlicher sexueller Orientierungen vertreten. Die Seite war auf solidarischen Austausch und Selbstreflexion angelegt und verwies auf professionelle Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen und Sozialängsten. Alana spricht in dem Podcast davon, dass es zwar »viel Empathie, aber wenig Lösungsansätze« gab, wie man das Problem, keine Beziehungen führen zu können, adäquat angehen konnte. Alana verließ die Gruppe 1997, da die Mitglieder weniger Interesse daran hatten, ihre Position durch (Selbst-)Reflexion zu überwinden, als vielmehr in Alana eine Therapeutin suchten – eine Aufgabe, der sie sich nicht gewachsen fühlte.
Anders als die Incel-Szene in ihrer aktuellen Form stellten frühere Seiten tatsächlich Selbsthilfegruppen dar. Vor allem auf der Seite IncelSupport, die 2004 zu IncelSite umbenannt wurde, war die Analyse des Incel-Zustandes wesentlich differenzierter als das heute vorherrschende »Ich bin hässlich und habe deswegen keinen Sex«. »Incel« beschrieb hier keine unausweichliche Identität, sondern einen temporären Zustand – auch Personen, die sich in einer sexlosen Ehe befinden, könnten sich laut der Seite als »Incels« bezeichnen; statt von einem objektiv unansehnlichen Äußeren wurde von einer negativen Selbstwahrnehmung gesprochen. Generell war die Herangehensweise an den Incel-Status eine eher analytische, die sowohl äußere Umstände (Umzug in eine andere Stadt, finanzielle Probleme) als auch persönliche Erfahrungen (toxische Familienbeziehungen und daraus resultierende Bindungsängste, schlechte Erfahrungen in vorherigen Beziehungen, Angst vor Dating) als mögliche Gründe für das Incel-Dasein benannte. Die Seite IncelSupport fokussierte sich darauf, Mittel und Wege aufzuzeigen, dem Incel-Dasein durch – manchmal etwas neoliberal anmutende – Selbstoptimierung zu entkommen.
Die User*innen sollten erlernen, wie man andere Menschen ansprechen und kennenlernen kann, ohne in die toxischen Aufreiß-Mechanismen von Pick-up-Artists zu verfallen. Im Gegenteil, es wurde explizit erwähnt, dass es wichtig ist, die Grenzen anderer Personen zu respektieren. Es fanden sich dort zahlreiche profeministische und patriarchatskritische Analysen sowie Verweise auf Therapiestellen. Gleichzeitig war IncelSite ein Ort, an dem man von eigenen Erfahrungen sprechen konnte. Er bot auch zahlreichen frustrierten Durchschnittsmännern Raum, allerdings wurde zum Beispiel User*innen auch empfohlen, ihrer Unsicherheit durch einen Besuch im Stripclub Herr zu werden. Es steht außer Frage, dass eine Objektivierung von Frauen kein adäquater Weg ist, im Umgang mit ihnen selbstsicherer zu werden und sie als Subjekte wahrzunehmen.
Viele der Probleme, sich auf zwischenmenschliche Beziehungen einlassen zu können, wurden als in früheren Erfahrungen begründet erkannt. IncelSupport postulierte zudem »Sieben Todsünden«, denen die User*innen sich verweigern sollten, um ihr unfreiwilliges Zölibat überwinden zu können: Apathie, Ausflüchte und Rechtfertigungen, Überanalysierungen des eigenen Elends, Naivität, Angst, Wut und Scham. Eine Umfrage auf der Seite, wieso man Incel sei, verorteten die Ursache hier in äußeren Umständen wie »Stress« oder »soziale Isolation«, und noch nicht in der eigenen Unattraktivität und weiblicher Oberflächlichkeit.16
Umfrage der Seite IncelSupport, wieso man Incel sei.
Wenn sexuell frustrierte Männer über ihre sexuelle Frustration sprechen, ist Misogynie jedoch nie weit. Es ist Teil einer patriarchalen Sozialisation, vermittelt zu bekommen, man hätte ein irgendwie geartetes Recht auf weibliche Aufmerksamkeit. Und es ist wesentlich einfacher, dem Feindbild Frau die Schuld für die eigene Sexlosigkeit in die Schuhe zu schieben, anstatt hegemoniale Geschlechtervorstellungen oder die eigene Persönlichkeit zu hinterfragen. User, denen die Moderation auf IncelSupport zu viel Wert auf respektvollen Umgang und antisexistisches Verhalten legte, emigrierten auf die 2003 gegründete Seite love-shy.org. Die Seite, die wie alle frühen Incel-Seiten im Vergleich zu den heutigen relativ harmlos erscheint, wurde nach einigen Jahren von einem User namens »Rammspieler« übernommen. Auf einem noch bei IncelSupport veröffentlichten Posting artikulierte er seine Begeisterung für den frauenfeindlichen Mörder George Sodini und die beiden Schützen des Columbine-Massakers und bezog sich, ebenfalls positiv, auf den kroatischen Blogger Marjan Siklic, der, lange bevor der Incel-Begriff »government-assigned girlfriend« an Bekanntheit gewann, verlangte, dass die Regierung allen Männern Partnerinnen zur Verfügung stellt.17
Diese Ideologie sollte den Tenor von Love-shy vorgeben. Ein anderer Einfluss kam aus dem inzwischen zur Brutstätte der Alt-Right-Bewegung verkommenen Imageboard 4chan, vor allem von dem 4chan-Board /r9k/, kurz für »Robot 9001«, auf dem User sich über ihr mangelndes Sozialverhalten austauschten und gehässige Kommentare über das Sexleben anderer verfassten. Während die Incel-Szene zu Beginn nicht inhärent toxisch war, basierten später viele der chan-Boards auf emotionaler Kälte, Zynismus, vermeintlich ironisch zelebrierter Menschenfeindlichkeit und infantilem Provokationsgehabe. Laut dem Kulturwissenschaftler Tim Squirrell entwickelte sich 4chan zu »einer Community, in der die extremsten Dinge gesagt wurden, um mit der eigenen Traurigkeit umzugehen. Und weil sie nie gelernt haben, die eigenen Emotionen rational zu verarbeiten [...], externalisieren sie die Schuld auf alle, außer sich selbst [...]. Sie sagen Dinge, die so extrem sind, dass man sie extrem schwer zurücknehmen oder sich davon distanzieren kann.«18 Eine auf YouTube verfügbare Dokumentation namens Shy Boys der Regisseurin Sarah Gardephe folgt unter anderem einer Gruppe Love-shy-Mitglieder, zu denen auch ein Pickup-Artist zählt, der sich vorgenommen hat, den anderen Mitgliedern der Gruppe beizubringen, wie man »Frauen rumkriegt«. Den Pick-up-Artist zu beobachten verursacht fast physische Schmerzen, aber die Dokumentation ist sehr interessant.
Auf Love-shy wurde erstmals die Idee postuliert, das eigene Aussehen determiniere für immer den Dating-Erfolg – oder dessen Ausbleiben. Selbst einem Frauenfeind wie »Rammspieler« wurde es bei Love-shy gegen Ende zu toxisch, als populäre User begannen, sich offen für Vergewaltigung auszusprechen.19
Nicht wenige Nutzer, die auf Love-shy verkehrten, fanden sich früher oder später auf den Seminaren von sich als »Verführungskünstler« labelnden Tätern wieder, um zu erlernen, wie man denn Frauen für sich begeistern könnte. Der Erfolg blieb aus. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man sich die Techniken der sogenannten Pick-up-Artists näher anschaut: Hinter dem schöngeistigen Begriff des »Verführungskünstlers« oder im Englischen »Pickup-Artist« (PUA) steckt die frauenfeindliche »Redpill«-Ideologie, nach der Frauen nichts anderes als Sexobjekte seien, die einem Untertan gemacht werden müssten. Diese Ideologie, der Pick-up-Artists anhängen, popularisierte sich Anfang der 2010er Jahre, das Subreddit r/Redpill wurde 2012 gegründet.
Redpiller, zu denen neben Pick-up-Artists auch andere Männerrechtsaktivisten zählen, hängen dem Irrglauben an, Männer seien gesellschaftlich unterdrückt und abgehängt. Frauen würden Männer mittels Schwangerschaften oder falscher Vergewaltigungsanschuldigungen kontrollieren, weswegen Männer ihr Dasein in permanenter Angst vor dieser gefährlichen weiblichen Sexualität fristen würden. Sie seien gezwungen, in einer Welt zu leben, in der man Frauen nicht einmal mehr Komplimente machen könne, ohne direkt eine Anzeige wegen Vergewaltigung am Hals zu haben (dass nur ein Bruchteil angezeigter Vergewaltigungen überhaupt verurteilt wird und viele Opfer sexueller Gewalt aufgrund von Stigmatisierung, unsensibler Polizeibeamter oder Angst vor dem Täter gar nicht erst anzeigen, wird natürlich ignoriert). Während Frauen dank überall drohender Paritäts- und Quotenregelungen Karriere machen, werde der Mann zunehmend verschwult und verweichlicht, ja, seiner Männlichkeit geradezu beraubt. »Redpiller« haben daher beschlossen, diese Entwicklung der Welt zu bekämpfen, ungeachtet der Tatsache, dass es sich dabei um ein projektiv aufgeladenes Hirngespinst handelt. Sie treffen sich im Internet und auf überteuerten Seminaren, um eine »ursprüngliche Männlichkeit« wiederzuentdecken, oder versuchen, Frauen zum Sex zu nötigen.
Wie eine Sekte haben auch die sogenannten »Verführungskünstler« ihren eigenen Jargon: der Umgang mit Frauen ist demnach ein »Game«, das es zu gewinnen gilt; Frauen werden auf einer Nummernskala von eins bis zehn angeordnet, attraktive Frauen bezeichnet man als »Hot Babes«. Man manipuliert Frauen mit Techniken wie dem »Push and Pull« und »Negging«, deren Prinzip darin besteht, eine Frau durch Abwertung zu verunsichern und anschließend durch ein Kompliment wieder an sich zu ziehen. Ein Beispiel hierfür wäre: »Du wirkst so kühl und selbstsicher. Andere Männer kannst Du sicher damit täuschen, aber ich sehe sofort, dass Du dich eigentlich nach Sicherheit und einer Schulter zum Anlehnen sehnst« oder »Ich mag deine blonden Haare – zu schade, dass sie offensichtlich gefärbt sind«.
Man(n) soll sich unnahbar und unbeeindruckt geben, »die richtigen Knöpfe drücken«, und schon hätte man eine Frau in der Tasche. Diese Vorstellung basiert auf der reaktionären Geschlechtervorstellung, dass Frauen eigentlich gar nichts anderes wollen, als von dominanten Männern gebrochen zu werden, lediglich der lästige Feminismus hätte ihnen den Floh ins Ohr gesetzt, als Subjekt respektiert werden zu wollen. Doch zum Glück wissen es die Pick-up-Artists besser und teilen bereitwillig ihre Weisheit! Nach Absolvierung des Seminares zieht man dann im Rudel los, um die erlernten Fähigkeiten in der Öffentlichkeit zu erproben. Für jene Frauen, die das Pech haben, sich zum selben Zeitpunkt wie die Brigade angehender Sexgötter in der Innenstadt aufzuhalten, bedeutet dies: sexuelle Belästigung, dumme Sprüche, Bedrängung. Anstatt zu dem naheliegenden Schluss zu kommen, dass diese aufdringliche und sexistische Masche nicht dazu geeignet ist, die Herzen der Damenwelt zu erobern, glauben die liebesschüchternen jungen Männer, sie seien schlicht zu hässlich, um von Frauen begehrt werden zu können – und Frauen seien ohnehin alle oberflächliche Schlampen. Dieses Denken bildet den Grundstein der »Blackpill«-Ideologie, und damit jener Überzeugung, der Incels anhängen: Frauen sei es unmöglich, einen unattraktiven Mann zu begehren. Unsere Gesellschaft sei oberflächlich und sexbesessen, und Glück und Erfolg messen sich nur daran, das »Game« zu gewinnen, was Incels aufgrund ihrer Unattraktivität und der daraus folgenden Sexlosigkeit für immer verwehrt bliebe. Sie hatten diese Gedanken schon auf 4chan und Love-shy gelesen, nun hatten sie ihre unzweifelhafte Richtigkeit am eigenen Leib erfahren. Enttäuscht fanden sie sich auf dem Anfang der 2010er Jahre aktiven Forum PUAHate zusammen, um ihrem Hass auf Frauen Ausdruck zu verleihen. Der Frauenhass zeigt sich in Postings wie dem Folgenden: »Ich möchte jeden auf PUAHate ermutigen, Dating-Profile von richtig fetten/hässlichen/deformierten/geistig behinderten Weibern anzulegen und sich so selbst zu beweisen, dass alles, was eine Frau braucht, um qualitativ höchstwertige Männer anzuziehen, ein paar Titten und eine Fotze sind«20. Andere User fragen, ob Frauen nicht per Gesetz daran gehindert werden sollten, das Haus zu verlassen, wenn sie nicht den »richtigen« Body-Mass-Index vorweisen könnten.21 2013 registrierte sich Elliot Rodger auf der Seite PUAHate, die später übrigens in Sluthate umbenannt wurde. Inzwischen ist das Forum geschlossen, was vor allem der medialen Aufmerksamkeit zu verdanken ist, die es nach Rodgers Anschlag erhielt.
Zu einem ähnlichen Zeitpunkt – Ende der nuller Jahre – begannen die antifeministischen YouTuber William Greathouse, Dwayne Holloway und Steve Hoca das Konzept der »Erzwungenen Einsamkeit« zu vertreten und weitere Grundsteine für die moderne Incel-Subkultur zu legen. Eine der von ihnen ins Internet geseierten Verschwörungstheorien behauptete, der Feminismus sei der Grund, warum Männer in Sachen Liebe und Sex so wenig Erfolg hätten. Holloway stellte die immer noch von selbsterklärten »Nice Guys« vertretene Behauptung auf, Männer hätten Sex verdient, nachdem sie sich dazu herabgelassen hätten, nett zu einer Frau zu sein. Hoca klagte darüber, dass »diese Weiber« einfach zu anspruchsvoll seien. »Diese Kombination aus Opferkomplexen, Anspruchsdenken und Antifeminismus ist charakteristisch für den Großteil zeitgenössischer Incel-Communities«, so Tim Squirrell. Zeitgleich begannen sich über Meme-Seiten wie ifunny oder 9Gag zunehmend junge Männer über die himmelschreiende Ungerechtigkeit der sogenannten »Friendzone« zu empören. Der Begriff der »Friendzone« beschreibt den tragischen Umstand, dass man Zeit und Energie in die Freundschaft zu einer Frau investiert hat, aber dieses Miststück zum Austausch nicht einmal mit einem schlafen will! Frauen werden in dieser Vorstellung als Automat wahrgenommen, der Freundlichkeit gegen sexuelle Gefälligkeiten eintauschen soll. Nimmt eine Frau einen Freund als das wahr, was er für sie ist – ein platonischer Freund –, ist dies eine vernichtende Kränkung. Für Männer, die über die »Friendzone« jammern, ist eine aufrichtige Freundschaft zu einer Frau lediglich der Weg zu einer Beziehung; Frauen werden von ihnen nicht als Subjekte wahrgenommen, sondern auch hier wieder als bloße Projektionsfläche für ihre Fantasie einer idealen Partnerin. Auch wenn die vom Internet als »Nice Guys« betitelten Männer, die sich auf erwähnten Meme-Seiten darüber beklagen, dass ein netter Kerl wie sie keine Weiber abbekommt und lediglich als Schulter zum Ausheulen dient, da Frauen nur auf Arschlöcher stehen, noch nicht bei den misogynen Vernichtungsfantasien eines Incels angekommen sind, ist hier das patriarchale Anspruchsdenken bereits angelegt.
Der Weg vom gekränkten »Nice Guy« über den Pick-up-Artist zum Incel ist ein Weg, den viele Männer beschritten haben. Incels verbleiben mitnichten im Internet, sondern tragen ihren Frauenhass mit erschreckender Regelmäßigkeit auf die Straße. Die radikalste Form dessen ist der frauenfeindliche Terroranschlag. Hier eine (unvollständige) Auswahl:
1989 ermordete Marc Lépine 14 Studentinnen des Polytechnischen Instituts von Montreal in einem explizit antifeministischen Angriff. Er drang bewaffnet in einen Seminarraum ein und forderte die männlichen Studierenden auf, den Raum zu verlassen – sie taten es. Die Studentinnen wurden erschossen. Er hinterließ einen Brief, in dem er behauptete, Feministinnen hätten sein Leben ruiniert, und forderte, dass seine Tat als politischer Akt begriffen werden müsse.
Im April 2007 ließ Seung-Hui Cho der Frustration über seine Sexlosigkeit freien Lauf, indem er 32 seiner Kommiliton*innen des Virginia Polytechnic Institute erschoss. Er hatte zuvor mehrere Kommilitoninnen belästigt, zwei von ihnen meldeten Cho bei der Polizei. In einem Dokument, das Cho hinterließ, geißelte er Dekadenz und Hedonismus und artikulierte seine Bewunderung für die Attentäter von Columbine, die im April 1999 bewaffnet in ihre High School eindrangen und 15 Menschen ermordeten. Erst Jahre später wurde thematisiert, dass sie faschistischem und rassistischem Gedankengut anhingen.
2009 ermordete George Sodini, der in Incel-Kreisen als Vorläufer von Elliot Rodger verehrt wird, drei Frauen in einem Yoga-Studio in Pittsburgh. Einige Monate zuvor hatte er sich auf seinem Blog darüber beklagt, dass Frauen ihn nicht begehrenswert finden würden. Auch Tim Kretschmer, der Amokläufer von Winnenden, attackierte gezielt Schülerinnen und weibliche Lehrkräfte.
Im Mai 2014 erlangten Incels durch den in der Community als »Heiligen« und »Helden« verehrten Elliot Rodger größere Bekanntheit: das Ausleben seiner Rachefantasien kostete sechs Menschen das Leben, er verletzte 14 weitere. Ich werde Rodger noch einer ausführlichen Analyse unterziehen.
Chris Harper-Mercer ermordete 2015 neun Menschen in einer Schießerei an einem Community College in Oregon und publizierte ein Manifest, in dem er darüber klagte, keine Freundin zu haben, und in dem er explizit auf Rodger Bezug nahm, den er geradezu vergötterte.22
Im Dezember 2017 erschoss William Atchison zwei Schüler*innen seiner ehemaligen High School in New Mexico. Sein Online-Username lautete »Elliot Rodger«, Atchison bezeichnete sich selbst als »Supreme Gentleman«.23
Im Februar 2018 ermordete Nikolas Cruz 17 Mitschüler*innen seiner High School in Parkland, Florida, nachdem seine Ex-Freundin begann, mit einem anderen Jungen auszugehen, außerdem vertrat er rechtsextreme Ansichten. Auf YouTube schrieb er: »Elliot Rodger wird nicht vergessen werden«.24
Im April 2018 raste der Kanadier Alek Minassian mit einem Auto in eine Menschenmenge und tötete 10 Menschen; zuvor postete er auf Facebook: »The Incel Rebellion has begun. We will overthrow all the Chads and Stacys. All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger.«25
Neun Monate später drang Scott P. Beierle in ein Yoga-Studio in Florida ein, erschoss zwei Frauen und anschließend sich selbst; auch Beierle suchte regelmäßig misogyne Online-Foren auf und ließ seinem Frauenhass auf Social Media freien Lauf.
Auch der Mörder der Influencerin Bianca Devins, der die junge Frau im Sommer 2019 aus Eifersucht und Anspruchsdenken ermordete und Bilder ihrer Leiche auf Instagram postete, verortete sich in Incel- und chan-Board-Kreisen.
Der Neonazi, der an Jom Kippur 2019 versuchte, in die Synagoge von Halle einzudringen und – nachdem er daran scheiterte – Jana L. und Kevin S. erschoss, war zwar nicht explizit Incel, aber auch er verortete sich auf Imageboards wie 4chan, und die in dem Livestream immer wieder geäußerten Selbstgeißelungen lassen darauf schließen, dass er der Incel-Ideologie zumindest ideell nahe stand.
Im Februar 2020 stach ein gerade erst 17 Jahre alter Incel auf die Sexarbeiterin Ashley Noelle Arzaga ein, die in einem erotischen Massagesalon in Toronto arbeitete. Arzaga erlag ihren Wunden, eine weitere Frau und ein Mann wurden verletzt.
Im Mai 2020 plante ein junger Mann im US-Bundesstaat Virginia, eine Bombe in einem Einkaufszentrum zu legen, um sich an den »heißen Cheerleaderinnen« zu rächen, die ihm den Sex verweigert hätten. Das Attentat schlug fehl: die Bombe explodierte bei ihm zuhause, der Täter verstümmelte sich selbst die Hand.
Incels stehen Attentaten, die nicht explizit aus ihrer Community stammen, auch selten ablehnend gegenüber: Schießereien wie jene in Las Vegas 2017, Poway 2018, El Paso 2019 oder Christchurch 2019 werden entweder glorifiziert – die Täter seien »Supreme Gentlemen« –, entschuldigt – die Täter konnten angesichts der männerfeindlichen, »verjudeten« und antirassistischen Gesellschaft gar nicht anders handeln – oder man bezieht die Attentate auf sich, um ein bisschen den eigenen Opferstatus zu perpetuieren – man sorgt sich, dass Medien und Behörden Attentäter mit der Incel-Community in Verbindung bringen, auf dass diese dann politisch verfolgt wird. Gedenken an die Opfer hingegen sucht man vergeblich.
Wären Incels primär selbstzerstörerische Opfer einer auf Schönheit fixierten Gesellschaft, könnte man Mitleid mit ihnen aufbringen. Allerdings sind zahlreiche Incels entweder auf dem besten Weg, Soldaten in einem Krieg gegen Frauen zu werden, oder sie haben ihr Leben bereits diesem Krieg verschrieben. Insgesamt sind in den USA und Kanada über 50 Menschen durch Incel-Attentate ums Leben gekommen.26 Inzwischen werden Incels in Nordamerika als Gefahr für die innere Sicherheit anerkannt und dementsprechend behandelt. In Deutschland, einem Land, das erst 2017 sexuelle Belästigung als Straftat anerkannt hat und in dem Femizide immer noch als »Familiendrama« gelabelt werden, ist man davon leider noch weit entfernt. Daher ist es kein Wunder, dass der durchschnittliche Polizist keinen blassen Schimmer davon hat, was ein Imageboard ist – es sei denn, er zählt zu jenen rechtsradikalen Polizisten, die besagte Imageboards aufsuchen.
Alana betreibt übrigens seit 2018 die Seite Love, not Anger, auf der sie ehemaligen Incels hilft, ihre toxische Weltsicht zu überwinden.
Rote Pille, schwarze Pille: Ein Blick in den Online-Medizinschrank
Auch wenn der Begriff »Incel« erst seit vergleichsweise kurzer Zeit mit misogynem Terror assoziiert wird und sich die Szene anfangs nicht durch Vernichtungswillen, Selbstinfantilisierung und Frauenhass auszeichnete, haben sich diese Momente durchgesetzt. Von Alanas ursprünglichem Selbsthilfeprojekt ist tragischerweise nichts übriggeblieben, der Begriff »Incel« wird für immer mit Männern wie Rodger verbunden werden. Auch wenn laut einer im März 2020 getätigten Umfrage auf dem Forum incels.co 96,2 Prozent der User der Ansicht sind, Medien würden Incels dämonisieren und unfair darstellen27, geben sie sich keinerlei Mühe, ihrer Selbstbezeichnung einer »Supportgruppe« gerecht zu werden. Von dem Selbstanspruch früher Incel-Gruppen, sich durch die eigene Sexlosigkeit nicht verbittern und frustrieren zu lassen, lässt sich in den aktuellen Foren kaum etwas finden. Für eine »Ehrenrettung« des Begriffs »Incel« ist es meines Erachtens zu spät; und es ist bezeichnend, dass Alana ihr aktuelles Projekt »Love, not anger« getauft und sich von dem Label »Involuntary Celibate« als Referenzpunkt verabschiedet hat.
Wie bereits erklärt, basiert das Weltbild von Incels auf der sogenannten Blackpill-Ideologie, die auf der sogenannten Redpill aufgebaut ist. Der Begriff der Redpill stammt aus dem Film The Matrix, einem Film, der mit Lana und Lilly Wachowski übrigens von zwei trans Frauen gemacht wurde, und der inzwischen von Filmkritiker*innen als Allegorie auf eine Transition gelesen wird28 – was die antifeministischen und transfeindlichen Redpiller geflissentlich ignorieren. In Matrix wird dem Protagonisten Neo eine rote und eine blaue Pille angeboten; schluckt er die blaue, verbleibt er weiter in der Illusion der Matrix, schluckt er die rote, lüftet er den Schleier der Verblendung und erkennt die Welt, wie sie wirklich ist. Die Vertreter der Redpill betrachten sich selbst also als Erleuchtete, mit dem Fluch gesegnet, die Welt zu erkennen, wie sie in Wirklichkeit ist. Sie haben es geschafft, die Indoktrinierung durch »Fake News« und linksgrünversiffte Mainstream-Propaganda zu durchschauen.
In ihren Augen ist die Welt eine von Kulturmarxismus und Political Correctness beherrschte Dystopie, in der Frauen Männer durch ihre Sexualität kontrollieren und mit feministischen Superwaffen wie »falschen Vergewaltigungsandrohungen« in Schach halten, und in der Männer so eingeschüchtert, verweichlicht und entmannt sind, dass sie nichts anderes tun, als jede erdenkliche Laune dieser kapriziösen Weiber zu erfüllen. Feminismus ist für Redpiller eine »sexuelle Strategie«, um Männer zu unterdrücken und zu kontrollieren. Frauen sind aus ihrer Perspektive von Grund auf verkommen, triebhaft, oberflächlich, hypersexuell, egoistisch, gleichzeitig dumm und manipulativ, und generell ganz schlechte Menschen. Diese Eigenschaften seien ihnen, so die immer biologistisch argumentierende Welterklärung, von Natur aus eingeschrieben und müssten durch das soziale Korrektiv des Patriarchats gebändigt werden. Kurz zusammengefasst erklärt sich das antifeministische, antisemitische und antikommunistische (drei Ausprägungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die übrigens sehr gerne Hand in Hand miteinander gehen) Weltbild hinter der Roten Pille folgendermaßen:
Die Vertreter der Frankfurter Schule haben sich direkt nach der Immigration in die Vereinigten Staaten die Universitäten und die Kulturindustrie unter den Nagel gerissen und begonnen, die amerikanische Bevölkerung mit ihrem egalitären Gedankengut zu indoktrinieren, was beispielsweise die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenemanzipation oder die Proteste gegen den Vietnamkrieg zur Folge hatte. Dies führte dann auf direktem Wege zum Zerfall der bürgerlichen Kleinfamilie und dem Ende der patriarchalen Herrschaft. Inzwischen hält der »Kulturmarxismus« den westlichen Wertekanon fest umklammert. Der Begriff des »Kulturmarxismus« wurde übrigens bereits in den neunziger Jahren von reaktionären Kräften wie dem Antisemiten Lyndon LaRouche genutzt, um die Degeneration der westlichen Welt zu beschreiben. Vor allem aber drang er durch das Manifest des Massenmörders und Rechtsterroristen Anders Breivik ins öffentliche Bewusstsein, für den Feminismus und Sozialismus maßgeblich die Schuld am Untergang der weißen Rasse tragen. Denn, so die Redpill-Ideologie weiter, der Kulturmarxismus geht nicht nur mit dem Feminismus, sondern auch mit einer Agenda der Political Correctness und der Homolobby einher. Während Frauen sich geschlechtsfremden Anwandlungen wie dem Recht auf körperliche, berufliche und finanzielle Selbstbestimmung widmen, würden Jungen und Männer zunehmend ihrer natürlichen Männlichkeit beraubt. Sie studieren Geistes- statt Ingenieurswissenschaften, trinken Aperol Spritz anstatt Bourbon und wechseln die Windeln ihrer Kinder, statt ihre Partnerin zu verprügeln. Diese sozialistischfeministische Agenda sei inzwischen so weit gegangen, dass man als heterosexueller, weißer cis-Mann permanent unter der Fuchtel der matriarchalen Unterdrückung leben müsse; dank #MeToo darf man als erfolgreicher Produzent nicht einmal mehr Frauen vergewaltigen, ohne Konsequenzen zu erfahren. Zum Glück gibt es ein paar wenige mutige Männer, die gegen die Sexismus-Kritik der Feminist*innen und die Tatsache, dass man keine rassistischen Witze mehr machen darf, ankämpfen. Sie werden das Matriarchat stürzen, koste es, was es wolle!
Das Patriarchat ist Vergangenheit, die Frankfurter Schule hat die Zügel der Gesellschaftsentwicklung in der Hand, wir bewegen uns unausweichlich auf den Kommunismus zu – wie sehr man sich doch wünscht, dass diese herumopfernden Verschwörungstheoretiker Recht hätten.
Oftmals geht die Redpill-Ideologie Hand in Hand mit der Verschwörungstheorie des »Großen Austauschs«, die inzwischen Standard in einem rechtsradikalen Repertoire ist und von der AfD über Donald Trump und die Identitäre Bewegung bis hin zu Rechtsterroristen wie den Attentätern von Christchurch, Poway, El Paso oder Halle vertreten wird. Brenton Tarrant, der im März 2019 in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch eindrang und 51 Menschen muslimischen Glaubens ermordete, war von der paranoiden Angst vor dem »Großen Austausch« getrieben. Auch Stephan B., der Attentäter von Halle, nannte zu Beginn seines Livestreams den »Großen Austausch« als Grund für seine Tat. Während nämlich weiße Männer, Feminismus sei Dank, allesamt zu Pantoffelhelden verkommen seien, leiten jüdisch konnotierte »Eliten« und »geheime Kräfte«, allen voran George Soros, Ströme von Geflüchteten nach Europa und in die USA, auf dass diese dort weiße Frauen schwängern und sich vermehren. Dass Einzelpersonen wie der Holocaustüberlebende und liberale Philanthrop Soros, der seit Jahren Feindbild Nummer eins der weltweiten Rechten ist, Menschen zur Flucht bewegen, ist natürlich sehr viel wahrscheinlicher, als dass jemand vor Krieg, Hunger oder politischer und religiöser Verfolgung Schutz sucht. Die weißen Männer sind, je nach Auslegung, zu unmännlich geworden, um etwas gegen die einfallenden Flüchtlingshorden zu tun, oder sie empfinden sogar Lust bei dem Gedanken, dass die eigene Frau von einem hyperpotenten Schwarzen oder Araber penetriert wird. Gerade bei der Idee des »Großen Austauschs« fallen also Antisemitismus, Antikommunismus, Antifeminismus, Rassismus und Maskulinismus ineinander. Kein Wunder, dass sich diese Ideologie bei der Rechten einer derartigen Popularität erfreut, vereint sie doch sämtliche Kampffelder unter ihrem Schirm.
Und, nun ja, dieser gesellschaftlich verordneten Entmannung kann man sich eben erwehren, indem man die »Rote Pille« schluckt, dem Feminismus den Kampf ansagt und seine ursprüngliche, harte Männlichkeit wiederentdeckt. Das erreicht man über die konsequente Abwertung von Frauen. Konkret äußert sich das beispielsweise darin, dass man sich maskulinistischen Gruppen wie den Pick-up-Artists oder »Men going their own way« anschließt.
»Men going their own way« kann man sich als Gruppe vorstellen, deren Ziel es ist, Frauen zu boykottieren und autark von ihnen zu leben – strikt heterosexuell natürlich. Auch hier sind Frauen, die ein selbstständiges Leben führen, Ursprung allen männlichen Leids. In der Vorstellung von »Men going their own way« verbringen Frauen ihre Zwanziger damit, »das Schwanzkarussel zu reiten«, um sich anschließend, wenn sie alt und verbraucht sind, mit einem »Beta Male« zur Ruhe zu setzen und sich von diesem aushalten zu lassen. Aber auch dieser »Beta Cuck« wird mit allem betrogen, was sich die alternde Gattin noch krallen kann, weil: Frauen sind einfach wirklich schlechte Menschen, ausschließlich gesteuert von dem Wunsch nach sexueller Bestätigung. Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist es, sich Heirat, Beziehungen, Frauen generell zu verweigern. Es gibt vier Level von »Men going their own way«. Auf Level null schlucken Männer die »Rote Pille« und erkennen die Welt als vom westlichen Marxismus gesteuert. Auf dem ersten Level verweigern sie sich langfristigen Beziehungen, auf Level zwei hat man auch keine kurzfristigen Beziehungen oder One-Night-Stands mehr. Auf Level drei ist man auch ökonomisch von Frauen unabhängig, man kann sich das Ganze quasi als eine gegen das weibliche Geschlecht gerichtete BDS-Bewegung vorstellen. Auf Level vier zieht man sich dann auch auf sozialer Ebene von Frauen zurück und lebt autark im Männerbund vor sich hin. Konkret »geht man den eigenen Weg«, indem man den ganzen Tag auf Reddit herumhängt und sich gegenseitig durch das Ausmalen fiktiver Szenarien wie »Ich rackere mich auf Arbeit für meine Frau ab, aber anstatt dass sie mir Essen hinstellt, geht sie sich mit ihren Mädels die Nägel machen« darin bestätigt, wie schlimm Frauen seien.
Das Ganze wird untermalt mit einer Vorstellung permanenter Selbstoptimierung. Es geht darum, das »Game« zu gewinnen. In einer Welt, in der Männern von Grund auf die schlechteren Karten ausgeteilt worden sind, müsse man eben lernen, dieses Spiel trotzdem zu den eigenen Gunsten entscheiden zu können – und das gelingt, indem man eben zu einem chauvinistischen, rücksichtslosen, manipulativem Arschloch wird. Großes Vorbild der MGTOW-Bewegung ist der rechtsradikale Männerrechtler Jack Donovan. Donovan war bis 2018 Mitglied der vom italienischen Faschisten Julius Evola inspirierten neopaganistischen Rockergruppe »Wolves of Vinland«. Er veranstaltet Seminare, bei denen die Teilnehmer ihre ursprüngliche Männlichkeit wiederentdecken, indem sie durch den Wald robben und Tiere erlegen, und legt eine massive Abwehr gegen alles Weibliche an den Tag. Donovan ist seit über 20 Jahren in einer Beziehung mit einem anderen Mann, bezeichnet sich aber nicht als »schwul«, sondern als »androphil«, da »schwul« für ihn Ausdruck einer verweichlichten, hedonistischen und degenerierten Szene sei. Donovans Werke, die illustre Titel wie Ein ganzerer Mann oder Nur Barbaren können sich verteidigen tragen, werden in Deutschland über den neurechten Verlag Antaois publiziert.
Incels haben die Vorstellung, das »Game« gewinnen zu können, bereits aufgegeben. In ihrer Blackpill-Ideologie, die den Antifeminismus und die Täter-Opfer-Umkehr der Redpiller in allen Aspekten auf eine wahnhafte Spitze treibt, ist die Möglichkeit, das »Game« zu gewinnen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Dass Frauen in den Augen von Incels oberflächlich, triebhaft und schlecht sind, wurde bereits erwähnt. Obwohl sie ganz versessen darauf sind, »das Schwanzkarussell« zu reiten, geben sie sich nicht mit einem x-beliebigen Mann zufrieden. Genügen kann nämlich nur ein »Chad«, der nichts anderes ist als eine Klischeezeichung von Hypermaskulinität, ein Quarterback aus einem High-School-Film.
Obwohl Chads nur 20 Prozent der Männer ausmachen, haben sie die sexuelle Verfügung über ausnahmslos alle Frauen, die kämen nämlich niemals auf die Idee, ihre Aufmerksamkeit an einen Nicht-Chad zu verschwenden.
Incels teilen Menschen auf einer »Attraktivitätsskala« von eins bis zehn ein; attraktive Frauen nennen sie »Stacys«, eine durchschnittlich attraktive Frau trägt den Namen »Becky«. Hätten früher Frauen mit einem Partner ihres »Attraktivitätslevels« verkehrt, ihrem sogenannten »Looksmatch«, seien durch den Feminismus ihre Ansprüche ins derart Unermessliche gestiegen, dass nur ein Chad ihnen genügen kann. Deswegen, so die logische Konklusion, reißen sich nun alle Frauen der Welt um Chads, während für den Durchschnittsmann nur noch Frauen übrig bleiben, die ihren »sexuellen Marktwert« aufgebraucht haben, also zu alt und verbraucht sind, um von Chads begehrt zu werden.
Für Incels ist die binnenmännliche Hierarchie primär auf Attraktivität aufgebaut; mit Attraktivität geht all das einher, was die australische Geschlechterforscherin Raewyn Connell als »hegemoniale Männlichkeit« analysiert: Hegemoniale Männlichkeit ist »jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt, eine Position allerdings, die jederzeit in Frage gestellt werden kann«.29 Hegemoniale Männlichkeit soll die Dominanz von Männern untereinander, gleichzeitig die Herrschaft aller Männer über alle Frauen gewährleisten. Mit Attraktivität geht für Incels gleichzeitig immer Erfolg, Vermögen und auch Potenz und Virilität einher. Sind die Männer unattraktiv, können sie Frauen zwar durch Reichtum für sich begeistern, die Frau wird es jedoch immer nach einem Chad verlangen. Incels selbst betrachten sich als Verlierer der »genetischen Lotterie« und sehen sich demzufolge am untersten Ende der Männlichkeitskette. Sie haben keine Chance, jemals von Frauen geliebt zu werden oder außerhalb von Pornos eine Vulva zu Gesicht zu bekommen, da ihr Augenwinkel die falsche Form hat, ihr Handgelenk zu schmal ist, sie zu klein oder zu dick oder zu behaart respektive glatzköpfig sind. Incels betrachten sich als Ausgeburten der Abnormalität, als Zwillingsbruder von Gollum, und deswegen ist für sie in einer von Attraktivität bestimmten Gesellschaft der Zug zu Liebe und Glück schon längst abgefahren. Da Aussehen primär von der Knochenstruktur bestimmt wird, so Incels, ist ihr Martyrium auch nicht zu überwinden.
Eine Grafik, die das Prinzip »Looksmatching« veranschaulicht
Ein Incel-Meme zur Bedeutung der Knochenstruktur für das Aussehen
Humor, Intelligenz, Warmherzigkeit, Charme, all das ist in der Incel-Wahnwelt für Frauen irrelevant, deren einziges Interesse darin besteht, dass ein Mann einen kantigen Kiefer, eine Körpergröße von mindestens 1,85, einen stechenden Blick, ausgeprägte Muskeln und einen großen Penis hat. Darüber hinausgehend hat nichts für Frauen Relevanz; ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, »das Schwanzkarussell zu reiten«.
Zwar gibt es einige Incels, die versuchen, ihre Probleme durch sogenanntes »Looksmaxxing« zu lösen, also versuchen, durch Sport, Mode und plastische Chirurgie ihre Chancen zu verbessern, daneben gibt es jedoch auch die sogenannten »Truecels«. Die sich selbst als »Truecels« bezeichnenden, wahren Incels haben das alles als vergebliche Liebesmühe erkannt, denn: eine Frau ist schlicht nicht in der Lage, einen Mann zu lieben, der nicht wie Idris Elba aussieht. Für Incels stand ein glückliches und erfülltes Leben einfach nie zur Debatte. Deshalb verschreibt man sich der Blackpill, suhlt sich im eigenen Elend, und findet Triebabfuhr in den Echokammern des Internets, in denen man sich darüber austauscht, wie unfair die Welt im Allgemeinen und Frauen im Besonderen doch sind.
Dass ihre Weltsicht von Neurosen, Kränkungen, gesellschaftlich vermitteltem Frauenhass, Selbstzweifel und Paranoia bestimmt und, milde ausgedrückt, vollkommen wahnhaft ist, wollen Incels nicht begreifen. Wie alle Verschwörungsdenker sind sie in einer totalitär in sich geschlossenen, ideologischen Blase gefangen, die sich durch rationale Argumentation nicht penetrieren lässt. Und wie alle Verschwörungsdenker halten sich Incels für die einzig Aufgeklärten, für diejenigen, die die Welt so sehen, wie sie wahrhaft ist. Sie verachten Geisteswissenschaften, sehen sich selbst als rational und logisch Denkende und versuchen ihre Ideologie unter dem Begriff der »Scientific Blackpill« mit Pseudowissenschaft zu untermauern. Die »Scientific Blackpill« hat einen eigenen, mehrere hundert Beiträge umfassenden Bereich im Incel-Wikipedia und erklärt, wieso der paranoid gefärbte Hass auf Frauen eigentlich etwas total vernünftiges ist. Dabei bedient man sich so gut wie ausschließlich halbgarer Evolutionspsychologie und -biologie, denn nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern zwischenmenschliche Verhaltensmuster aus der Steinzeit, über die man natürlich auch bestens und unzweifelhaft Bescheid weiß.
Frauen würden anstatt liebevoller Partner narzisstische und brutale Männer präferieren, da rücksichtslose Männer schon immer besseren Schutz und mehr Nahrung gewährleisten konnten und sich diese pseudowissenschaftlichen Steinzeit-Mythen natürlich immer noch auf die Dating-Präferenzen auswirken. Dass das Patriarchat sich in missbräulichen Beziehungen ausdrückt und Frauen missbräuchliche Partnerschaften eingehen, da ihnen sämtliches Gefühl von Selbstwert und Selbstermächtigung genommen wurde, liege in der Biologie begründet und nicht in einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen systematisch ist! Es sei normal, dass Männer jugendliche und präpubertäre (!!) Mädchen begehren, weil Männer historisch gesehen »Frauen monopolisiert haben um sexuelle Exklusivität zu garantieren«, weshalb Männer »sich entwickelt haben, jugendliche, submissive und einfach zu kontrollierende Weibchen [zu] präferieren«30.
Anstatt mit wissenschaftlichen Fakten werden Zusammenhänge aus dem Kontext gerissen und aus der Brille der Blackpill verklärt: so wird Frauen zugeschrieben, dass ihre einzige Angst vor der Vergewaltigung »die urtümliche Angst davor ist, von einem als ‚unterlegen’ wahrgenommenen Mann geschwängert zu werden«.31
Die Tatsache, dass Frauen masochistische Fantasien und Begehren wie Rape Play haben, wird damit erklärt, dass Frauen Freude daran empfinden würden, von einem dominanten Mann überwältigt zu werden, weswegen sie Vergewaltigungen nur zur Anzeige bringen, um unattraktiven Männern aus Scham, dann doch aus Versehen mit ihnen geschlafen zu haben, eine reinzuwürgen (wer kennt’s nicht). Dies verkennt, dass weibliche Sexualität oft patriarchal verformt ist und Frauen deswegen, anstatt eigenes Begehren zu entwickeln, patriarchale Vorstellungen von Sex als die vermeintlich eigenen internalisieren. Der Gegenpol dazu, der ebenfalls Grund sein kann, wieso Frauen »brutale« Pornographie konsumieren oder sich beim Sex einer submissiven Rolle hingeben, ist, dass weibliche Submissivität auch ein Mittel sein kann, sich erfahrenes Leid und erfahrene Unterdrückung im lustvollen Spiel selbstbestimmt wieder anzueignen, wie es die feministische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin in ihrem Werk Die Fesseln der Liebe erläutert.32 Dass Incels feministische Theorie lesen, kann jedoch getrost bezweifelt werden. Komplett ignoriert wird auch die Differenz zwischen Fantasie und Realität: in der erotischen Vorstellung ist man immer Herrin im Haus, in der Realität leider nicht.
Ob es sich nun um incels.co, incels.net oder diverse Subreddits handelt: die User dort haben die Blackpill geschluckt, und sind der festen Überzeugung, dass Frauen schuld sind an ihrem unausweichlichen Leid. Diese Foren sind unser Einblick in das Denken von Incels; sie fungieren als Echokammern, in denen die User sich den Frust von der Seele schreiben, sich austauschen und andere von ihrer Position überzeugen können. Sie fungieren auch als Räume, in denen man sich »unter sich« wähnt und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit freien Lauf lassen kann, da kein zensierender Faktor dabei stört. Sich die thematischen Schwerpunkte in den Foren anzuschauen, ist also für eine Analyse der Incel-Subkultur unerlässlich.
Echokammern statt Selbsthilfe: Die Incel-Foren
Das größte Incel-Forum kann unter www.incels.co erreicht werden. Unter der Domain incels.me gegründet, musste es bereits zwei Mal aufgrund der dort vertretenen Inhalte den Server wechseln. Das Forum hat 11.850 Mitglieder, die insgesamt 216.673 Threads verfasst haben [Stand Augusut 2020]. Incels.co ist, mit Abstand, einer der toxischsten Orte im Internet. Die Threads schwanken zwischen nihilistischem Selbsthass, Diskussionen über die Blackpill, in denen man sich gegenseitig das eigene Weltbild bestätigt, und Frauenhass. Ich werde das Forum im Laufe des Buches genauer analysieren.
Die Regeln des Forums lauten folgendermaßen: Nicht-Incels und Frauen werden, sobald sie sich zu erkennen geben, gebannt. Es ist verboten, von romantischen oder sexuellen Erfahrungen zu berichten, selbst wenn diese vor langer Zeit gemacht wurden. Verboten sind außerdem: LGBTQ-Inhalte, das »Anbeten« attraktiver Frauen oder Männer, Hinweise darauf, dass auch kleine und unattraktive Männer Partnerinnen haben, oder die Diskussion »illegaler« Aktivitäten. Letzteres wird jedoch durch Chiffren umgangen. Ein populäres Beispiel ist es, die Buchstaben »E« und »R« in einem Wort in Versalien zu schreiben, um anzudeuten, man plane, es Elliot Rodger gleichzutun: »I think women should get to know my pERsonality« bedeutet hier nichts anderes als »Ich kokettiere damit, Frauen zu ermorden, weil sie nicht mit mir schlafen«.
Threads werden in unterschiedliche Kategorien unterteilt, beispielsweise »Lifefuel« – aufmunternde und positive Nachrichten oder Erfahrungen. Diese bewegen sich auf Ebenen wie: »Ein Incel erhält plastische Chirurgie und wird sofort als Normie wahrgenommen« über »Eine saudi-arabische Rapperin wurde aufgrund feministischer Aussagen inhaftiert« oder »Eine Schlampe jammert darüber, dass sich niemand für sie interessiert« bis hin zu »Der Corona-Virus wird uns alle umbringen«. Mehrere Postings halten andere User dazu an, sich nicht dem Suizid hinzugeben, dies wird jedoch von anderen regelmäßig als »Coping« abgetan (außerdem: es sagt einiges über eine Subkultur aus, wenn Aussagen wie »Bringt euch nicht um« in einer derart erschreckenden Regelmäßigkeit auftreten). Andere Threads nennen sich »Suicidefuel« oder »Ragefuel«: in »Suicidefuel« suhlen sie sich in ihrer Hoffnungslosigkeit und der vermeintlichen Unerreichbarkeit von Liebe und Sex, in »Ragefuel« lassen sie ihrem Hass auf Frauen, die hier regelmäßig verbal zu »Toilets« degradiert werden, freien Lauf. Andere Threads sind dafür designiert, sich als Opfer von »toxischer Weiblichkeit« zu inszenieren, die Aussagen von Frauen ins Lächerliche zu ziehen, profeministische Männer zu verhöhnen oder seiner Wut über eine nur auf das Aussehen fixierte Gesellschaft freien Lauf zu lassen. Drei Momente ziehen sich wie ein roter Faden durch das Forum: Frauenhass, Selbsthass und pathologisches Opferdenken.
Das zweitgrößte Forum mit rund 13.200 Mitgliedern trägt den Namen lookism.net und deklariert sich selbst stolz als die »Forefront of the coping movement«. Der Begriff des »Lookism«, der mir selbst ironischerweise aus der linken Szene bekannt ist, bezeichnet die Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Aussehens. Nun ist dieser Begriff schlicht verkürzt: Die Diskriminierung aufgrund der Tatsache, nicht hegemonialen Schönheitsstandards zu entsprechen, ist kein gesellschaftlich verankerter Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismus wie beispielsweise Rassismus. »Lookismus« ist eher Ausdruck patriarchaler und kapitalistischer Verhältnisse, die Schönheitsstandards vorgeben und vermitteln, dass das Befolgen dieser Standards erstrebenswert sei. Vor allem Mädchen und Frauen leiden unter diesen Vorstellungen, da weibliche Körper wesentlich stärker sexualisiert und objektiviert werden als männliche. lookism.net ist auf Looksmaxxing ausgelegt und eher in der Redpill-Ideologie verortet. Die User haben noch nicht aufgegeben, zumindest zum Normie aufsteigen zu können, aber auch hier ist Misogynie ein dem Forum zugrundeliegendes Moment. Man spricht über Sport, plastische Chirurgie und Diäten. Auch andere Formen dessen, was hier als »Selbstoptimierung« missverstanden wird, werden diskutiert, wie beispielsweise mögliche Wege zum finanziellen Erfolg (»Moneymaxxing«) – für die meisten User scheint dieser Weg mit Bitcoins gepflastert zu sein. In einem dritten Bereich des Forums veröffentlichen User Fotos, um sich gegenseitig zu bewerten. Stellenweise werden die Bilder bearbeitet, um zu spekulieren, welches Maß an Attraktivität sich denn mit bestimmten Eingriffen erreichen ließe. Häufig aufzufinden sind Anfragen nach plastisch-chirurgischen Eingriffen und Empfehlungen, welche Eingriffe dem User zu einem attraktiveren Aussehen verhelfen können. Was gänzlich fehlt, ist die Erkenntnis, dass man Selbstliebe und -achtung nicht an das eigene Aussehen knüpfen sollte, dass man sich lieben kann, so wie man ist, und dass plastische Chirurgie kein Ausweg aus vernichtendem Selbsthass ist. Ähnlich toxisch ist die Seite looksmax.me mit ungefähr 6.400 Usern, ebenfalls ein Forum, das Toxizität und Selbstzurichtung als »Selbstoptimierung« verkaufen möchte.
Ein kleineres Forum ist die Seite incels.net mit etwas über 4.000 Usern. Es zeichnet sich, mehr als die anderen Foren, durch einen zynischen und (selbst-)ironischen Tenor und sogenanntes »Shitposting«, also bewusst provokative Postings, aus, bei denen es schwer ist zu beurteilen, inwieweit die Inhalte ernsthaft vertreten werden oder mit Incel-Klischees gespielt wird. In einem FAQ33 wird deklariert, Frauenhass würde bei einigen Mitgliedern der Szene vorkommen, sei jedoch kein Merkmal der Szene als solcher. Einige Zeilen später wird behauptet, man solle Frauen »nicht anders als ein Stück Fleisch« behandeln; alles andere sei unter der Würde der »Supreme Gentleman« – so die auf Elliot Rodger rekurrierende Selbstbezeichnung der User. Wenig überraschend ist der Tenor auch hier von Frauenhass und Selbsthass geprägt. Interessanterweise stellt incels.net ein sogenanntes »Bluepill«-Forum für Diskussionen mit Nicht-Incels zur Verfügung, doch anstatt der angekündigten »konstruktiven Kritik« werden auch dort primär misogyne Projektionen artikuliert, Sex mit Minderjährigen als legitim erklärt und das übliche Incel-Kreiswichsen betrieben. Meines Erachtens ist es irrelevant, ob Postings, die Frauenhass predigen, »Shitposting« oder genuin misogyn sind: es bedarf bereits einer Disposition zum Menschenhass, um sich überhaupt auf diesen Foren aufzuhalten und sich dort zu artikulieren. Des Weiteren würde ich die These aufstellen, dass auch ironisches Shitposting zu einer Verrohung führt: wer permanent mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kokettiert, kann die ironische Distanz früher oder später nicht mehr aufrechterhalten und wird zunehmend desensibilisiert. Aus Ironie wird Ernst. Dies zeigt sich in einer Regel des Forums meines Erachtens recht deutlich. »Exzessiver Rassismus« ist verboten – was auch immer »nicht exzessiver Rassismus« sein mag.
Zumindest im Ansatz eine Ausnahme bildet das Forum Yourenotalone.co, das früher den Namen Incelistan.net trug und das sich als »nicht gewalttätig und gender-inklusiv« beschreibt. Auch Frauen, sogenannte »Femcels« zählen zu den Nutzer*innen, LGBTQ-Feindlichkeit wird mit einem Bann sanktioniert, »Meinungsfreiheit« und »politische Unkorrektheit« sind jedoch in Ordnung – außer User*innen artikulieren sich allzu toxisch. »Dieses Forum soll ein Ort sein, der weniger toxisch als andere Incel-Foren ist […].« Trotzdem ist es in Ordnung, Frauen wie auch Männer als Gruppe zu kritisieren. User*innen werden zur Selbstoptimierung durch soziale Kontakte, Sport, positives Denken oder besseres Essen angehalten, anstatt therapeutische Hilfe zu suchen. Laut einem Moderator haben die Mitglieder des Forums keinerlei Überschneidungen mit der Nutzerbasis von incels.co gemein; allzu misogyne Postings werden kritisiert. Dennoch äußern auch auf diesem Forum männliche User projektiv aufgeladenen Betrachtungen von Frauen, die auch hier als oberflächlich und dem Leid der Incels gegenüber als ignorant dargestellt werden. Leider ist auch auf Yourenotalone.co Selbstmitleid omnipräsent, auch wenn der Umgang der User*innen miteinander ein gutes Stück solidarischer ist als auf den anderen Boards. Es ist bezeichnend, dass das am wenigsten gefährliche Forum nur knapp über 300 User*innen hat.
Da auf Incel-Foren regelmäßig über sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder fantasiert wird oder man Massenmörder glorifiziert, sind mehrere Foren bereits gesperrt worden. Zu ihnen zählen beispielsweise die Seite Truecels.org, auf der es ein Unterforum namens Hall of Heroes gab, auf dem User den gefallenen Helden ihrer Bewegung, ihren Vorgängern und anderen ihnen ideologisch nahestehenden Gewaltverbrechern huldigen konnten, beispielsweise Elliot Rodger, Anders Breivik, Kämpfern des Islamischen Staates oder Jack the Ripper. Ein weiteres Forum, auf dem Vergewaltigung und Mord zu den üblichen Gesprächsthemen zählten, nannte sich Incelocalypse, dessen User nicht einmal verschleierten, dass sie pädosexuelle Bedürfnisse hatten, sondern offen über den Konsum von Kinderpornographie und den Missbrauch von Mädchen sprachen. Nachdem das Forum geschlossen wurde, gründete der Administrator Nathan Larson ein Forum mit dem Namen Raping Girls is Fun, auf dem er offen darüber fantasierte, erst drei Jahre alte Kinder zu Tode zu vergewaltigen, und die sogenannte »Rapepill« propagierte. Vergewaltigung, so Larson, sei ein natürlich männliches Bedürfnis, und die einzige Möglichkeit für Incels, an Sex zu kommen. Das Forum wurde im Februar 2020 geschlossen. Leider komme ich nicht umhin, mich im zweiten Teil des Buches etwas genauer mit diesem Mann zu befassen, bei dem mir schleierhaft ist, wieso er nicht den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt.
Eine weitere wichtige Echokammer für Incels stellt das Forum Reddit dar. Reddit ist ein gigantisches Forum mit zahlreichen Unterforen, deren Inhalte von »Bilder von dicken Katzen« über »feministische Memes«, Frage- und Diskussionsforen bis hin zu Foren für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit reichen. Auch wenn Reddit inzwischen zunehmend rechte Foren schließt, schießen die Stellvertreter wie Pilze aus dem Boden.
Die bekannteste Reddit-Community für Incels war das Subreddit r/Incels, das bis zu seiner durch eine Online-Petition erwirkten Schließung im November 2017 40.000 User verzeichnen konnte. Der Inhalt bestand aus dem für die Szene üblichen Geseiere: Vergewaltigungsfantasien, Frauenhass, Selbstmitleid, verschwörungstheoretisches Opferdenken und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.34 Das Ersatzforum r/Braincels, dessen Name impliziert, dass die eigene Sexlosigkeit die Folge eines überlegenen Intellekts sei, folgte kurze Zeit nach der Schließung und konnte ca. 17.000 Abonnenten verzeichnen. Es wurde Ende September 2019 ebenfalls geschlossen. Inzwischen existieren zahlreiche kurzlebige Ersatz-Subreddits, die jedoch inzwischen glücklicherweise immer rascher vom Reddit-Team geschlossen werden.
Unter dem Subreddit r/BlackPillScience versuchen Incels, ihrer menschenverachtenden Ideologie einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, die Ergebnisse werden auf dem Incel-Wikipedia gesammelt. 12.500 User tauschen Studien über Dating-Verhalten oder weibliche Sexualvorlieben aus. Recht häufiges Thema ist, dass Frauen mehr Likes und Nachrichten auf Dating-Plattformen wie Tinder bekommen als Männer. Dass dies daran liegt, dass mehr Männer als Frauen die Plattform nutzen und sie weniger auf langfristige Beziehungen als auf One-Night-Stands ausgelegt ist, wird ignoriert. Und jede Frau, die es mit konventionellem heterosexuellen Online-Dating versucht hat, kann bestätigen, dass das Verwenden von Dating-Apps für Frauen zu vergleichen ist mit einem Blick in einen gefüllten Kühlschrank, bei dem das meiste Essen jedoch verdorben ist. Jungs, es wird Zeit, ehrlich zu sein: Ein »Hey, wie geht’s«, gefolgt von einem ungefragten und schlecht ausgeleuchteten Penisbild, ist definitiv keine gute Art, Frauen kennenzulernen.
Zwei Subreddits stechen aus der Masse heraus: r/Trufemcels und r/Incelswithouthate.
Männliche Incels vertreten die Position, dass Frauen keine Incels sein können, da jede Frau immer und überall Zugang zu und Lust auf Sex habe. Dennoch gibt es Frauen, die sich selbst als »Femcels« bezeichnen. Sie haben den männlichen Jargon adaptiert; so wie Incels Frauen als »Femoids« titulieren, werden auf dem inzwischen nur noch für Mitglieder zugänglichen Subreddit r/Trufemcels Männer abwertend als »moids« bezeichnet. Anders als Incels sind die Userinnen jedoch nicht von einem eliminatorischen Männerhass getrieben (welch eine Überraschung), sondern fest auf der Selbsthass-Seite der Ideologie verortet. Die Userinnen vergleichen sich konstant mit anderen, vermeintlich attraktiveren Frauen, denen man Neid entgegenbringt, und sprechen über ihr Leiden an herrschenden Schönheitsvorstellungen und plastische Chirurgie als Möglichkeit des Ausstiegs. Oft wird auch hier das individuelle Glück und das Selbstwertgefühl an der Anerkennung von Vertreter*innen des begehrten Geschlechts festgemacht. Auch sie sehen sich nicht in der Lage, den eigenen Körper zu lieben, und glauben, sie hätten die »genetische Lotterie« verloren. Im Unterschied zu Incels haben Femcels jedoch stellenweise durchaus Recht in ihrer Welterklärung: nach wie vor wird Mädchen vermittelt, dass ihr Äußeres weit eher ihr Kapital ist als ihre Intelligenz oder ihre Persönlichkeit. Entgegen der herrschenden Incel-Vorstellungen wird Unattraktivität bei Frauen und Mädchen gesellschaftlich wesentlich harscher sanktioniert als bei Männern. Eine milliardenschwere Industrie basiert darauf, Frauen zu suggerieren, dass sie nie attraktiv genug sein können, und schlägt Kapital aus weiblichen Selbstzweifeln. Während in Filmen, Serien und Pornos inzwischen auch der unattraktive Loser als Love Interest fungieren kann, sind Protagonistinnen immer normschön. Zwar dürfen inzwischen auch hin und wieder dicke Frauen wie Rebel Wilson Protagonistin eines Films mit romantischem Plot sein, aber auch nur, wenn es attraktive dicke Frauen wie Wilson sind. Und auch das ist eher die Ausnahme als die Regel. Femcels kritisieren gängige Schönheitsideale und befassen sich kritisch mit der Misogynie der Incel-Community. Während der Opferstatus von Incels größtenteils imaginiert ist, haben Femcels legitime Standpunkte in ihrem Denken – leider verbleiben sie, anstatt von ihrem Leid auf eine feministische Gesellschaftskritik zu abstrahieren, oftmals beim Suhlen im Elend. Über 23.000 Frauen haben die sogenannte »Pinkpill« geschluckt.
Das Subreddit r/Incelswithouthate mit 23.100 Abonnenten behauptet von sich, eine »positive und hilfsbereite« Community bieten zu wollen. Die Gruppenregeln unterbinden es, andere für das eigene Leid verantwortlich zu machen. Tatsächlich hält sich das Artikulieren von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Grenzen, doch auch die Incels ohne Hass sind Anhänger der Blackpill-Ideologie. Selbsthass und Opferdenken ziehen sich durch den Großteil der veröffentlichten Beiträge. Meiner Ansicht nach ist es unmöglich, die Blackpill-Weltsicht zu vertreten, ohne misogyn zu sein: das patriarchale Anspruchsdenken, man hätte ein Recht auf Sex, die Vorstellung, Frauen würden sich in ihrer Oberflächlichkeit nur zu attraktiven Männern hingezogen fühlen, und die pathologische Betrachtung weiblicher Sexualität, von der man sich verhöhnt und verfolgt fühlt, sind letztendlich im Kern frauenfeindlich35; Frauen werden nach wie vor primär als Projektionsflächen für die eigenen Neurosen, nicht jedoch als Subjekte betrachtet. Dennoch ist der Umgang miteinander ein gutes Stück freundlicher und auch wenn man dem Glauben anhängt, Frauen würden nun einmal nur attraktive Männer begehren, verfällt man immerhin nicht in Vernichtungsfantasien. Es handelt sich um junge Männer, die sich eine Partnerin wünschen und darunter leiden, keine zu haben, aber die Frauen nicht dafür bestrafen wollen. Wenn es einem der Incels without hate gelingt, eine Freundin zu finden und er darüber schreibt, zeigen sich die anderen Mitglieder begeistert, anstatt den User zu beschimpfen, wie es auf radikaleren Foren der Fall ist. Mir zumindest erschließt sich jedoch nicht, wieso man nach all den Attentaten, die von Incels verübt worden sind, und der Tatsache, dass man sich die Szene mit zehntausenden Männern teilt, die Vergewaltigung und Mord als legitime Racheakte begreifen, eine Ehrenrettung des Begriffs »Incel« anstreben möchte. Es ist, als würde man ein KKK-Chapter »without hate« gründen wollen. Die User behaupten, dass die meisten Incels Menschen wie Elliot Rodger oder Alek Minassian ablehnen, obwohl das Incels without hate-Subreddit deutlich weniger Userzahlen verzeichnet als das ursprüngliche Incel-Subreddit mit zuletzt 40.000 Mitgliedern, Braincels hatte zum Zeitpunkt seiner Schließung knapp 17.000 User. Leider ist es mitnichten so, als wären die weniger radikalen Incels in der Mehrheit. Incels mögen zwar als Selbsthilfegruppe begonnen haben, sind aber inzwischen unwiederbringlich zu einem toxischen, misogynen, kultartigen Sumpf geworden, aus dem es sich nur mit großer Anstrengung entkommen lässt.
Eine weitere Plattform, auf der sich Incels austauschen, ist der Chat-Server Discord. Foren haben in der Regel ihre eigenen Discord-Channel, des Weiteren existierten zum Zeitpunkt dieser Recherche 75 Server in unterschiedlicher Größe, die mit dem Tag »Incel« versehen sind. Der Tonfall dort ist der gleiche wie in den Foren; allerdings sind die Server um einiges regelloser und die Kommunikation verläuft, da es sich um einen Chat handelt, schneller. Da die Server klandestiner sind als Foren, scheint auch die Hemmschwelle, Gewaltfantasien und menschenverachtende Kommentare zu posten, geringer. Auf Incel-Discords huldigt man Frauenmördern wie Ted Bundy oder erfreut sich gemeinsam an Terroranschlägen, erzählt offen von dem Wunsch, Frauen zu vergewaltigen, teilt grenzwertige Hentai (ich habe einmal den Fehler gemacht, auf eines der Bilder zu klicken, und durfte mir einen pornographischen Manga ansehen, in dem eine Frau von mehreren Hengsten vergewaltigt wurde) oder berichtet stellenweise sogar davon, diese Wünsche aktiv umgesetzt und Frauen sexuelle Gewalt angetan zu haben. Sich auch nur für eine kurze Zeit auf den Servern aufzuhalten, ist wie in einem Gewitter aus frauenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Hassbotschaften zu stehen, die unaufhörlich auf die Leserin einprasseln.
Zudem existieren noch Imageboards wie 4chan oder 8kun, ihr deutscher Ableger Kohlchan und das rechte Trollforum Kiwifarms, zu deren Usern auch Incels zählen. Das Board 4chan wurde 2003 gegründet und war primär ein Board für Anime-Kultur mit einem besonderen Fokus auf »Free Speech«. »Free Speech« bedeutete in diesem Fall, das N-Wort verwenden und Bilder vergewaltigter Anime-Mädchen posten zu können, ohne dafür von Eltern, Lehrkräften oder der nervigen feministischen Mitschülerin zur Rechenschaft gezogen zu werden. 4chan bildet den Ursprungsort zahlreicher Memes und war, obwohl von Anfang an das Online-Äquivalent eines nach Sperma und ungewaschenen Socken stinkenden Pennälerzimmers mit der Aufschrift »Mädchen draußen bleiben!«, lange Zeit noch nicht die Brutstätte rechter politischer Kampagnen, die es heute ist. Maßgeblich zur Radikalisierung nach rechts beigetragen haben die misogyne Gamergate-Kampagne, eine frauenfeindliche Schmierenkampagne gegen Frauen aus der Videospiel-Branche, auf die ich im Laufe des Buches noch genauer eingehen werde, und der Wahlkampf Donald Trumps, im Zuge derer sich das Forum, vor allem das Unterforum politically incorrect, und seine User zunehmend nach rechts radikalisierten.
Die noch radikalere Variante 4chans stellt das Board 8chan dar. Der Gründer, Fredrick Brennan, hatte das Board als Reaktion auf eine zunehmende Popularisierung 4chans gegründet, um einen noch anarchischeren Tummelplatz im Internet zu schaffen. Dass sich das Board jedoch zu einem Ort entwickelte, an dem gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit noch offener vertreten wird als auf 4chan, und bald zu einer der Online-Anlaufstellen für Rechtsterroristen wurde, bereut Brennan inzwischen zutiefst. Er ist nicht mehr am Board beteiligt und geht inzwischen auch aktiv gegen den aktuellen Betreiber vor.36 Nicht nur verbreitete Brenton Tarrant, der Attentäter von Christchurch, sein Manifest und den Livestream seines Massakers an 51 Menschen muslimischen Glaubens auf 8chan, auch die Täter der Attentate von Poway (April 2019) und El Paso (August 2019) publizierten ihre Texte auf dem Imageboard, das kurz danach abgeschaltet wurde. Inzwischen ist es jedoch unter dem Namen 8kun wieder online – die Frage ist nur, wie lange noch.
Der Habitus und die Diskussionskultur der »chan-Boards« ist, wie es die Kulturwissenschaftlerin Angela Nagle beschreibt, auf »Moral Transgression« angelegt, »moralische Grenzüberschreitung«. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeder Art wird hier zum vermeintlich ironischen Witz, um »Normies zu triggern«, also all jene, die sich nicht in jener eigenwilligen Online-Sphäre verorten. Permanent wird mit Antisemitismus, Rassismus, LGBTQ-Feindlichkeit und Misogynie kokettiert und jegliche Kritik damit abgewehrt, dass es sich nun einmal um einen nihilistischen Witz handele. Der Ton ist von Zynismus und Abwertung geprägt, man bezeichnet sich gegenseitig gerne mal als »Fag«, das Zurschaustellen emotionaler Verwundbarkeit wird mit Hohn sanktioniert. User haben eine eigene Sprache, die aus zahlreichen Memes und Codes besteht, eine fiktive Nation namens »Kekistan« und einen auf Pepe the Frog basierenden, religionsartigen Kult entwickelt.
Das deutsche Äquivalent der Seite ist Kohlchan, das sich, wie so vieles Deutsche, durch eine besondere Abscheulichkeit auszeichnet. Die Recherche in diesen Foren ist noch befremdlicher als in den englischsprachigen, was daran liegen mag, dass die User, Neonazis die sie sind, ganz bewusst auf Anglizismen verzichten, gleichzeitig aber den Sprachduktus der internationalen Boards beibehalten, statt »Anon« nennt man sich »Bernd«. Als Header wird unter anderem ein Reichsadler verwendet, und die Postings könnten aus einem x-beliebigen Naziforum stammen. Der eine predigt antisemitische Verschwörungstheorien, der Nächste ergießt sich in rassistischen Hassfantasien, der Dritte lamentiert darüber, eine transgeschlechtliche Tochter zu haben – die Ratschläge der anderen User sind übrigens, das Kind mit aller Gewalt davon abzuhalten, ein glückliches Leben als Mädchen zu leben. Wieder andere sprechen davon, wie sie Prostituierten Gewalt angetan haben. Außerdem kam der Großteil der Aktionen und Mobbing-Kampagnen gegen den als »Drachenlord« bekannten YouTuber Rainer Winkler aus Kohlchan-Kreisen.
Weil rechtsradikales Denken und Frauenhass immer Hand in Hand gehen, werden zahlreiche Beiträge mit den Bildern nackter Frauen geschmückt, es gibt ein eigenes Forum für – oft gewalttätige – Pornographie, und in regelmäßigen Abständen greift man Frauen wie Dunja Hayali, Carola Rackete oder auch mich an.
Nichts an dem Geschriebenen wirkt empathisch oder aufrichtig, jede einzelne Silbe ist getränkt mit einer zwanghaften ironischen Distanz zur eigenen Umwelt und zu den anderen Usern. User erniedrigen andere, um sich selbst zu erhöhen, auch innerhalb der Forum-Strukturen. Die User schreiben von sich selbst in der dritten Person (»Dieser Bernd hört gerne Videospielmusik«), was auf eine Distanzierung von sich selbst hindeuten könnte. Wie bei allen chan-Boards ist unklar, was Getrolle ist und was ernst gemeint – mit diesem Habitus der Ironie bringt man sich auch selbst in Sicherheit; man will niemanden wirklich ins Gas stecken, es ist ja alles nur ein Witz. Hab’ dich nicht so, du Normie. Es ist unmöglich, Gefühle zu artikulieren, ohne dafür als »cringy« verlacht zu werden. Der Begriff »cringe« beschreibt im Bezug auf die chan-Szene, wie es die YouTuberin und Wissenschaftlerin Natalie Wynn auf ihrem Kanal »Contrapoints« analysiert, eine Mischung aus Fremdscham und unangenehmer Selbsterkenntnis. Man würde sich, so Wynn, in dem verhöhnten Objekt selbst erkennen, welches anschließend in einem Akt pathisch-projektiver Verfolgung abgestraft werden muss. Diese fast schon gewalttätige Abspaltung von Gefühlen ist etwas, was für eine Täterwerdung unerlässlich ist; diesen Sachverhalt werde ich in einem späteren Kapitel noch wesentlich genauer ausführen.
Im deutschsprachigen Raum gibt es zudem das Forum Absolute Beginner, bei dem es sich allerdings nicht um ein Incel-Forum handelt, sondern um eine auf Austausch angelegte Seite für Personen, die Probleme damit haben, eine Beziehung zu führen. Der Umgang ist freundlich, man gibt sich gegenseitig Tipps in Sachen Dating, Beziehungen und Gefühlsdingen, und das Forum ist für alle Menschen offen, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.
Pulsuz fraqment bitdi.