Kitabı oxu: «Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln»

Şrift:

An einem Junitag packt Gloria eilig die Koffer, dazu ein paar Plüschtiere und die Beretta ihrer großen Liebe, holt ihre Töchter, die fünfzehnjährige Stella und die sechsjährige Loulou, von der Schule ab und verlässt das sonnige Städtchen an der Côte d’Azur. Der überstürzte Aufbruch – getarnt als Reise zum Ferienhaus der Familie im Elsass, ein einsames Idyll inmitten von Wäldern und Seen – ist nichts anderes als eine lang vorbereitete Flucht. Gloria ist überzeugt: Um sich und ihre Töchter zu schützen, muss sie jede Verbindung zu ihrer Vergangenheit kappen. Wie weit wird sie gehen, um ihre Töchter vor der Bedrohung zu retten?

Véronique Ovaldé verbindet eine thrillerhafte Handlung und knisternde Atmosphäre zu einem spannungsgeladenen Frauenporträt, das mit zahlreichen Volten und Wendungen überrascht. Die französische Erfolgsautorin erweist sich einmal mehr als brillante Stilistin und virtuose Fallenstellerin.



Inhalt

I. Flucht in den Wald

1 – Gloria war schon seit so langer Zeit …

2 – Als Gloria Samuel das erste Mal …

3 – Wir kommen also nicht …

4 – Samuel kam an zwei …

5 – Endlich erreichten sie …

6 – Als Onkel Gio mitbekam …

7 – Kayserheim liegt weit weg …

8 – Gloria spürte, dass jemand …

9 – Samuel träumte davon …

10 – Bis vor kurzem …

11 – Je mehr Tage ins Land gehen …

12 – Bis Gloria acht Jahre als war …

13 – Als sie im Juni hergekommen waren …

II. Die Wachsame

14 – Das Leben mit Samuel war …

15 – Gloria fragte sich …

16 – Was zu der Entscheidung führte …

17 – Als sie an die Tür …

18 – Zwei Beamte waren gekommen …

19 – Der Unterschied, den Gloria …

20 – Gloria trank auf der Vortreppe sitzend …

21 – Nach Stellas Geburt …

22 – Am Abend nach ihrer Ohnmacht …

23 – Es verwirrte Gloria zuerst …

24 – Im Nachhinein hätte Gloria …

25 – Samuel hatte schließlich …

26 – Leutnant Bart hatte eine Nachricht …

27 – Bei ihrem Mittagessen am Dienstag …

28 – Eines Tages packt es sie wieder …

29 – Gloria spürte, wie sich ihre Wut …

30 – Er zeigte ihr schließlich …

31 – Der erste Schultag ist vorbei …

32 – Es wurde besser …

III. Die andere Lösung

33 – Zu Anfang ist er …

34 – Onkel Gio sagte: Nichts geschieht …

35 – Es war nicht weiter schwierig …

36 – Gloria hatte den ganzen Tag …

37 – Hatte sie wirklich alles geplant …

38 – Erst, als die Schule sie anrief …

39 – Als Loulou geboren wurde …

40 – Mit zerzaustem Haar …

Epilog

I

1

Gloria war schon seit so langer Zeit bereit, dass sie, als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, kaum eine Stunde benötigte, um alles zu packen, die Ausweise, Impfpässe und die Beretta ihrer großen Liebe, für Stella zwei Exemplare aus dem Stapel mit den noch ungelesenen Büchern, für Loulou zwei Plüschtiere sowie ihr liebstes Schaffell, das Mastermind-Spiel aus dem Chaos in Stellas Zimmer, für jede von ihnen ein Paar Schuhe, dazu Zahnbürsten, Doliprane, Thermometer, Läusekamm und warme Kleidung. Dort, wo sie hinfahren würden, wäre es kalt, und die Mädchen hatten in ihrem ganzen Leben noch nie gefroren.

Sie schloss die Fensterläden auf der Südseite, wie sie es tagsüber immer tat – sie vermutete, dass er regelmäßig am Haus vorbeikam, wollte, dass alles ganz normal aussah. Das würde ihnen ein paar Stunden Vorsprung verschaffen.

Am Morgen hatte sie Loulou an ihrer Schule abgesetzt, Stella war mit ihren Freundinnen mit dem Bus gefahren und Gloria hatte sich jeden Gedanken an das, was sie ihnen später am Tag und von jetzt an zumuten würde, verbieten müssen. Sie hatte sich den Gedanken verbieten müssen, dass Stella ihre Freundinnen zum letzten Mal sah, obwohl die inzwischen ihr ganzes Leben bestimmten und sie ihre Zeit damit verbrachte, sie nach Hause zu begleiten, um dann wiederum von ihnen nach Hause begleitet zu werden. Sobald sie über die Schwelle der Wohnung trat, tauschte sie sich über das Handy mit ihren Freundinnen aus (du legst auf, nein, du legst jetzt auf, nein, nein, du legst auf, wir legen auf bei drei und danach schreiben wir uns), mit der immer stärkeren Überzeugung, dass die Vorgänge zu Hause sie nicht das Geringste angingen.

Gloria rief bei der Schule der Kleinen und beim Gymnasium der Großen an. Sie sagte etwas von einem familiären Notfall und dass sie die Mädchen in einer halben Stunde abholen komme. Man kannte sie. Man wusste, dass das Leben der Mädchen nicht immer einfach war. Man genehmigte es.

Dann legte Gloria ihr eingeschaltetes Handy auf den Tresen zwischen Küche und Wohnzimmer und schaute sich um, auf ihren Schultern der Rucksack, zu ihren Füßen der Rollkoffer, der so riesig war, dass er in der kleinen Wohnung wie ein Frachtcontainer wirkte. Sie stellte fest, dass sie, der Lage zum Trotz, das Gefühl des »Nie wieder« mochte, das dem Augenblick eine spezielle Note verlieh, es war wie eine Chance, die sie sich selbst gab, diese ganze Wunschvorstellung von einem zweiten Leben, wer träumt nicht davon; sie drehte sich einmal um sich selbst, Standuhr, Zeichnungen an den Wänden, Magnete am Kühlschrank, CDs, leuchtendes Monster auf dem Fernseher und in der Spüle das Geschirr, das schließlich versteinern würde, Pompeji, es erinnerte sie an Pompeji; alles, was für so lange ihr Leben ausgemacht hatte, würde nicht mehr bewegt werden, alles würde verstauben, verschimmeln, verfilzen, bis die Dinge aussähen wie mit Fell überzogen.

Sie ging die Treppe runter, nahm die Seitentür des Gebäudes, durch die der Müll rausgebracht wurde, und ließ den Koffer in dem Winkel für die Kinderwagen stehen. Dann holte sie das Auto, das sie nicht wie sonst auf dem Parkplatz im Untergeschoss, sondern zwei Straßen weiter abgestellt hatte, hielt vor der Tür, holte rasch den Koffer, aktivierte das Prepaid-Handy, das sie am Vortag gekauft hatte. Und fuhr die Mädchen abholen.

Zuerst war Loulou dran. Das war einfacher. Es war halb elf. Eine Stunde vor dem Kantinenessen. Loulou würde Hunger haben, aber sie wäre auf jeden Fall lieber – verständnisvoller? bereitwilliger? vertrauensvoller? – als Stella. Und wirklich stieg Loulou, während sie ihre Anekdoten eines sechsjährigen Mädchens zum Besten gab, ins Auto, als wäre es das Normalste der Welt, dass ihre Mutter sie mitten am Vormittag von der Schule abholt, so dass nicht mal ein solches Ereignis ihr unaufhörliches Geplapper bremsen konnte. Sie erzählte von einer Pyjamaparty, die in der nächsten Woche bei Sirine stattfinden sollte, die sie auf dem Hof geschubst habe, und dann von ihren beiden Vorderzähnen (es gab möglicherweise einen dritten), die bald ausfallen würden, und von ihrer Angst, sie zu verschlucken, wenn ihr dies im Schlaf geschehen sollte. Sie teilte ihrer Mutter mit, dass sie die geraden Zahlen lieber habe, da bei den ungeraden immer eine allein zurückbleibe. Sie plapperte weiter, während sie, von ihrem erhöhten Sitz auf der Rückbank aus, durch das Fenster die Küste und die Palmen betrachtete.

»Wir holen deine Schwester ab«, sagte Gloria. Und Loulou wirkte erneut so, als ob sie das völlig normal fände.

Wie ihre Mutter befürchtet hatte, war Stella in einer ganz anderen Verfassung. Sie brauchte eine Ewigkeit, um den Unterricht zu verlassen. Gloria stand sich vor dem Kabuff des Schulwächters die Beine in den Bauch, sie wusste, was der junge Mann, der auf ihr Dekolleté starrte, auf ihre 80E, über sie dachte, dabei sah er jede Menge hübscher Mädchen, die sich halbnackt in der Schule tummelten, es war schwer, sich vorzustellen, was er an einer wie ihr fand, einer Frau, die schon einiges erlebt hatte, einer erfahrenen Frau, schwer zu begreifen, bei all den frisch sprudelnden Hormonen direkt hinter den Mauern der Schule, Hormone, die dringliche Botschaften an die aussandten, die sie empfangen wollten, »Hol mich schnell hier raus, entreiß mich diesem Leben, ich bin bereit, dir bis ans andere Ende der Welt zu folgen«. Schwer zu begreifen, aber nicht unmöglich.

Endlich kam Stella heraus, ging so langsam wie möglich über den Hof zum Gitter, hinreißend und nervtötend, bereits sinnlich, ein wenig Akne an den Schläfen, der Nacken frei unter einem strengen Knoten aus zweifarbigem Haar (sie war als Kind blond gewesen und wurde nun brünett), so langem Haar, dass es, wenn sie es offen trug, ein eigener Teil ihrer Persönlichkeit war. Schwarzes T-Shirt, schwarze Hose und weiße Turnschuhe mit Filzstiftgekrakel. Gloria dachte, ich muss aufhören, sie die Mädchen zu nennen, Stella ist kein Mädchen mehr, und sie bemerkte erneut, wie unfrei ihre Tochter durch diesen Körper wirkte, der sich veränderte, ohne nach ihrer Meinung zu fragen.

Doch in diesem Augenblick war Gloria vor allem danach, sie zu schütteln.

»Wir haben es eilig«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Halb verborgen unter ihrem Pony, ihren Rucksack, der mit Tipp-Ex-Botschaften übersät war, über der niedrigeren Schulter (wie sonderbar, diese Schultern, die zusammen fast eine Diagonale bilden), diesen Schulrucksack, der ihr in den kommenden Monaten nicht viel nützen und ebenfalls zu einer Art Mini-Pompeji werden würde, aber davon hatte sie natürlich noch keine Ahnung, wie auch, sagte Stella:

»Was ist das wieder für eine Scheiße?«

»Deine Schwester wartet«, als wäre das eine Antwort.

Stella folgte ihrer Mutter zum Auto und wollte vorne einsteigen, aber der Sitz war von Glorias riesigem Rucksack blockiert.

»Setz dich nach hinten zu deiner Schwester.«

»Kannst du den nicht in den Kofferraum stellen?«

»Setz dich zu deiner Schwester. Wir haben ein Stück zu fahren. So kann sie sich zum Schlafen bei dir anlehnen.«

Seufzend stieg Stella hinten ein. Das war ihre neue Art zu kommunizieren, Seufzer und Achselzucken. Loulou bot ihr Chips an. Mit einem Kopfschütteln lehnte Stella ab.

Gloria setzte sich ans Steuer und hielt dann über ihre Schulter die Hand auf: »Dein Handy.«

Stella runzelte die Stirn, aber sie war scharfsinnig genug, um zu verstehen, dass die Mutter ihr das Telefon nicht aus einer Laune heraus entriss. Auf einmal wirkte sie beunruhigt. Sie gab Gloria das Handy.

»Was ist los. Wo fährst du mit uns hin?«

Und Gloria dachte, Oh ja, stimmt, das wird nicht einfach werden. Ich muss ein paar Dinge erklären, damit Stella ohne Aufstand mitkommt. Ich muss ihnen erzählen, womit das alles angefangen hat.

2

Als Gloria Samuel das erste Mal sah, dachte sie, Da haben wir einen, der ganz und gar unerreichbar für mich ist.

Sie war siebzehn Jahre alt und Kellnerin in der Hafenbar La Traînée (damit war wohlgemerkt nicht das Flittchen gemeint, sondern der Luft- und Wasserwiderstand eines Schiffes). Die Bar gehörte ihrem Onkel, der weder der Bruder ihres Vaters noch der ihrer Mutter war, den sie aber schon immer Onkel genannt hatte. Als er sie einstellte, hatte er betont, dass er dies im Andenken an ihren Vater tue. Es war nicht nötig, das eigens zu erwähnen. Sie war genauso geschickt wie die anderen Mädchen, nicht weniger tüchtig, nicht weniger liebenswürdig, sie kam mit den Pöblern und Trinkern zurecht, war pfiffig genug, um mit Gewandtheit und Überzeugungskraft unwillkommene Anrufer abzuwimmeln (wenn die Frau des alten Momo anrief, fragte sie laut, während sie Momo direkt in die Augen schaute: »Hat heute jemand Maurice Fernandes gesehen?«), und sie allein war schlauer, als alle Gehirne im Bistro zusammengenommen. Aber es war Onkel Gios Art (er hieß Giovannangeli), ihr deutlich zu machen, sie solle nicht mehr erwarten als das, was er ihr ermöglichte, und dass sie für diesen Gefallen auf ewig in seiner Schuld stehe. Tatsächlich war es sogar noch komplizierter – ihre Beziehung war schwierig. Onkel Gio mochte sie, er hatte sie schon immer gemocht (wir kommen noch auf Glorias Kindheit zu sprechen). Was die Bar und andere kleine Geschäfte betraf, war er der Partner von Glorias Vater gewesen, aber er wollte klarstellen, dass sie keine bevorzugte Behandlung erfahren würde, damit die anderen Angestellten ihr auf Augenhöhe begegnen konnten. Was Glorias Leben einfacher machen würde. Und seines nebenbei auch.

La Traînée war keine dieser gemütlichen Bars mit Teakholzmöbeln, in denen man bittersüße, glitzernde Cocktails schlürft (Schirmchen, Limettenscheibe, Minzblättchen usw.), während man bei gedämpftem Licht und leiser Musik auf einem Barhocker kippelnd die Zeit totschlägt und dabei zerstreut den Blick schweifen lässt, die Beine übereinandergeschlagen in der Luft. Nichts dergleichen. La Traînée war für Kerle, die von der Arbeit kamen oder die üblichen Trinker ohne Zuhause oder Ziel. Es gab auch weibliche Gäste. Aber die waren vom gleichen Schlag wie die Männer.

Zur Essenszeit wurde Pizza serviert. Es roch nach Holzkohle, Oregano und Bier. Die wahre Leistung war der Verzicht auf Plastik: ein Tischkicker, Hocker, ein fleckiger Spiegel, viel Tannenholz, Tannenholz und noch mehr Tannenholz und Fliesen. Es fehlten nur noch die Sägespäne auf dem Boden.

Onkel Gio war einer dieser Männer mit Halbglatze und Zöpfchen, die eine selbsttönende Brille (Modell Helikopterpilot mit gelblichen Gläsern, die den Planeten wie einen toten Stern aussehen ließen) und zerknitterte Leinenhemden über Cargo-Shorts tragen und mit einer kleinen Ledertasche über der rechten Schulter durch die Stadt ziehen, in der ihre Papiere, Wagenschlüssel und Herzpillen stecken. In einer anderen Zeit hätte er alles in eine unter dem Speckbauch baumelnde Gürteltasche gestopft. Da er der Gürteltasche (und dem Speckbauch) entkommen war (beides abgelegt hatte), hielt er sich mit seiner kleinen Herrenumhängetasche für elegant.

Onkel Gio besaß zum einen die Bar, zum anderen ein Fischerboot und zu guter Letzt die (ihm zufolge) weltweit größte Privatsammlung von Spieluhren. Seinem Freund, Glorias Vater, hatte er in alten Zeiten, in denen prahlerisches und versoffenes Geschwätz ihr geteiltes Los war, einmal anvertraut, dass er ein Fabergé-Ei aus Bergkristall sein Eigen nannte, in dessen Inneren sich ein Rosenstrauch befand, in dessen Mitte, wenn man das Ei öffnete, ein Schwarm singender und flatternder Vögel erschien. Meisen, wenn ich mich recht erinnere. (Was die Geschichte des Fabergé-Eis betrifft, bleibe ich skeptisch: Anscheinend ist dieses legendäre Ei im Dezember 1925 bei dem Brand in der Rue Simon-Crubellier 11 im 17. Pariser Arrondissement zu Asche verkohlt.)

Seiner neuesten moralisierenden Haltung entsprechend, aß Onkel Gio nichts von dem, was in seinem eigenen Lokal aufgetischt wurde, sondern fuhr lieber fast täglich in der Morgendämmerung aufs Meer und fing sich einen Seebarsch (auch wenn er den Raubfischen nicht ganz traute: Die langlebigen Biester waren vollgestopft mit Quecksilber) oder eine Makrele oder eine Handvoll Stinte und trank eingeschlossen in seinem Büro grünen Tee, literweise grünen Tee, einen japanischen Tee aus biologisch zertifiziertem Anbau, von dem er einmal im Monat ein Paket mit der Post bekam – ein Paket Heu, wie Gloria sagte, die Tee für ein Altmännergetränk hielt, wie Bitterschnaps oder Kräuterlikör. Er hatte versucht, Gloria von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Aber er merkte natürlich, dass man als Siebzehnjährige lieber eine Vier-Käse-Salami-Pizza aus dem Ofen der Bar isst als gedämpftes Fischfilet mit perfekt gezogenem Tee.

Er vertraute niemandem, aber er war sentimental und hatte eine Schwäche für die Tochter seines leichtsinnigen alten Freundes – man raucht nicht einfach weiter, trotz der Gefahr von Lungenkrebs, trotz all der Warnhinweise und der Tabaklobby und der Unsummen, die das Rauchen dem Staat einbringt und dem ganzen Tamtam.

Gloria war mit sechzehn von der Schule abgegangen. Ihr Vater war gerade gestorben. Sie hatte ihn auf dem Friedhof von Vallenargues bestatten lassen, weit weg vom Familiengrab. Sogar die Mutter ihres Vaters hatte, obwohl sie ihr ganzes Leben an der französischen Mittelmeerküste verbracht hatte, mitten im Kastanienwald ihres korsischen Dorfes vergraben werden wollen. Wodurch Glorias Vater zum ersten Mitglied der Familie Marcaggi wurde, das auf französischem Festland zu Erde und dann zu Staub zerfiel. Er hatte gesagt: »Bei all dem Napalm in meinen Adern werden mich die Würmer verschmähen.« Er meinte die Chemo. Gloria wusste, dass er schon immer Angst vor Feuer gehabt hatte, dass eine Einäscherung daher nicht in Frage kam und ihm die Heimführung seines Leichnams nach Korsika egal war.

Natürlich hatte sie seine Anweisungen befolgt.

Ihre Mutter war nicht einmal zur Beerdigung gekommen.

Also dachte Gloria, Nun gut, wenn es so sein soll, komme ich eben allein zurecht. Sonderbarerweise hatte diese Aussicht sie nicht in Trübsinn versinken lassen, auch wenn sie sich natürlich geschwächt fühlte durch den Tod ihres Vaters (mir wurde ein Stück meiner selbst genommen, aber wo ist dieses Stück hin? Und was fange ich an mit dieser Leerstelle?), ihm, der in all den Jahren treu an ihrer Seite gestanden hatte (seit Glorias Mutter sich entschlossen hatte, sich mit ihrem Zahnarzt davonzumachen), auch wenn sie mitansehen musste, wie er sich vom Weggang seiner Frau nicht erholte, wie soll das im Übrigen auch gehen; so oft heißt es, wenn man einen Verlust oder eine brutale Trennung erlebt hat, dass die Zeit alle Wunden heilt, nun, Sie müssen wissen, dass es Menschen gibt, für die Trauer unendlich ist, und wenn sie dennoch beschließen, am Leben zu bleiben, dann nur, weil sie für jemanden die Verantwortung haben, für gewöhnlich für ein Kind, aber ehrlich, wenn das nicht so wäre, wenn ihr endgültiger Abschied nur leicht auf den Schultern von jemand anderem lasten würde, wenn man ihnen die Wahl ließe, würden sie aufgeben, sich hinten im Garten aufhängen oder die ganze Nacht draußen mit zwei Wodkaflaschen unter dem Arm und dann im Magen verbringen, obwohl minus fünfzehn Grad herrschen (was, es sei gesagt, nur schwerlich rasch und effizient umzusetzen ist, wenn man in Vallenargues am Mittelmeer lebt).

Wie dem auch sei, Gloria fand sich minderjährig allein wieder, aber da ihre Mutter noch lebte, fälschte sie bei jedem Verwaltungsakt deren Unterschrift. Man ließ sie in Frieden in der blauen Strandhütte leben (wirklich eine blaue Hütte, gute zehn Jahre zuvor von ihrem Vater so gestrichen, eher Cyan, würde ich sagen, eine helle und leuchtende Farbe und ein wenig zu grün für ein Blau). Wenn ihr Vater »Hütte« sagte, dann weil beim Bau des kleinen Hauses vorwiegend Holz verwendet worden war und es am Meer lag. In den Bergen hätte er es als Chalet bezeichnet, in einem städtischen Vorort als Bungalow.

Und dann war da Onkel Gio, der beim kleinsten Problem zur Stelle war, auch wenn man im Umgang mit ihm eine leichte Paranoia entwickeln konnte. Er redete dummes Zeug über eine weltweite Verschwörung und eine Invasion, die vom Meer käme: Er setzte sich regelmäßig am Hafen von Vallenargues auf einen Klappstuhl, um mit seinem Fernglas den Horizont abzusuchen. Seit kurzem ersetzte er seine Herzpillen durch Jodtabletten, wie man sie bei einem Atomunfall einnimmt – er nannte es nicht Atomunfall, sondern »massiver Ausstoß von radioaktiven Nukliden in die Umwelt«. Er schloss sich in seinem Büro ein, um Radiosendungen über den Zusammenbruch der Gesellschaft, die Ausdehnung des Universums oder hormonelle Störungen zu hören. Untersuchungen zu paranormalen Phänomenen mochte er besonders, auch wenn sie am Ende immer ein wenig enttäuschend waren.

Er war, so glaubte Gloria, auf nette Weise übergeschnappt.

Gloria ihrerseits war gewitzt und streitlustig, hatte keine Angst vor dem Alleinsein, übte sich sogar mit einem gewissen Talent darin. Sie war jemand, der laut Gut gemacht, Mädchen sagte, wenn sie aus dem Supermarkt zurückkam oder staubsaugte. Die Gesellschaft von anderen hatte ihr nie behagt, weder als Kind noch als Jugendliche, die Mädchen waren falsche Schlangen und die Jungs lüsterne Affen, und sie fand sie alle zusammen laut und langweilig, nie wäre ihr in den Sinn gekommen, die einzelnen Charaktere zu studieren, stattdessen dachte sie über Leute, die sie nicht kannte, nur in Allgemeinplätzen, und es schien ihr vergebliche Mühe, eine Beziehung aufzubauen und zu pflegen. Sie hatte diejenigen nie verstanden, die es nicht schafften, allein in der Kantine zu essen, und sich lieber zu Leuten an den Tisch setzten, die sie nur mäßig mochten, als sich mit ihrem Kunststofftablett abseits einen ruhigen Platz zu suchen. Sie konnte sich zwar selbst nicht besonders gut leiden, aber immer noch besser als die anderen. Eine Haltung, die einen auf gewisse Weise von seinen Zeitgenossen isoliert. Es ist nicht auszuschließen, dass sie ihre Vorliebe für das Alleinsein als Zeichen für Überlegenheit ansah. Diese Haltung hatte sie im Übrigen dazu gebracht, eine Vielzahl von Methoden gegen trübe Gedanken zu entwickeln – da trübe Gedanken eine unangenehme Nebenerscheinung des Alleinseins sind.

(Man hat nie genug gute Rezepte gegen trübe Gedanken, hier ein paar, die von Gloria Marcaggi getestet und für gut befunden wurden: sehr laut den Soundtrack von Blues Brothers oder die Gymnopédies von Erik Satie hören; im Wohnzimmer tanzen, die Arme in die Höhe gereckt und die Haare im Gesicht, zum neuesten Hit mehr oder weniger heftig auf und ab springen und so die Lähmung abschütteln, die einem Steine über die Schädeldecke hüpfen lässt; eiskaltes Sprudelwasser trinken, während man in einem Schaukelstuhl wippt und einen guten Krimi liest; auf der Vortreppe der Hütte rauchen und zusehen, wie die Sonne im Meer versinkt, und das ohrenbetäubende Spektakel der Mauersegler betrachten, die mit schrillem Rufen die Wasseroberfläche streifen; in der Sitzbadewanne der Hütte ein Bad nehmen, bis die Grenzen des eigenen Körpers verschwimmen, und dieses Gefühl des Sich-Auflösens auskosten, Mattigkeit und Beruhigung daraus ziehen (aber AUF KEINEN FALL den eigenen Körper im Spiegel ansehen, wenn man aus der Wanne steigt, denn das würde die wohltuende Wirkung des warmen Wassers sofort zunichtemachen – entweder gefällt einem der Körper nicht oder man ist traurig, der Einzige zu sein, der ihn nackt sieht); die neurasthenischen Pflanzen auf der Vortreppe pflegen, sie beschneiden, wässern, ihnen etwas vorsummen; mitten am Tag mitten in der Woche ins Kino gehen und sich in die Mitte des leeren Saals setzen, fünfte Reihe, achter Sessel, es sich gemütlich machen und seine Sachen auf die vier Nachbarsessel verteilen, was eine besondere Form von Luxus darstellt; eine Tafel dunkle Schokolade mit 83 Prozent Kakaoanteil aus einem schicken Geschäft essen, wo die Tafel in eine samtige Papiertüte mit weißen Kordeln geschoben wurde, weil sogar eine derart köstliche Schokolade zumeist ein nicht allzu dekadentes Vergnügen ist; ins morgendlich kalte Meer eintauchen, nur kurz schwimmen, einzig um zu spüren, wie die Haare herumwirbeln, schwer werden, sich aufdrehen, und schließlich wieder auftauchen, mit einem so glatten, schwarzen Schädel wie ein Seehund von den Kerguelen, sich dann an den Strand legen, mit ausgebreiteten Armen, und dem Rauschen der Brandung und dem Flüstern des Sandes zuhören, der niemals stillliegt, und sich so leicht fühlen wie eine Pusteblume; im Juli tief über die Vespa gebeugt die Steilküste entlangrasen und dabei über die Ohrstöpsel laut die Buzzcocks hören; etwas sehr Scharfes essen, die Pizza mit Tabasco beträufeln, ein Gericht vom anderen Ende der Welt probieren, das den Körper zum Glühen bringt, ein Gericht, das es nicht gibt; Gin mit ein klein bisschen Limonade trinken, aber das wirklich nur als letzten Ausweg – am Morgen darauf ist man trauriger als je zuvor, aber manchmal muss man die trüben Gedanken sofort abwürgen, komme, was da wolle.)

Solange ihr Vater im Pasteur-Krankenhaus blieb, hatte sie ihn jeden Tag besucht; sie las ihm aus der Zeitung vor oder brachte ihm Kreuzworträtsel aus Fernsehzeitschriften mit und löste sie für sie beide, denn er hatte nicht mehr genug Kraft, um einen Stift zu halten; sie verbrachten den Nachmittag hinter den geschlossenen Jalousien im Takt ihrer Fragen: »schlüpfrig und herzhaft mit sechs Buchstaben«, es war so warm, sie in dem grauen rissigen Sessel, der an den Oberschenkeln klebte, die Füße auf dem gewellten Linoleumboden, und er halb aufgerichtet auf seinem Schmerzenslager, ein Glas lauwarmes Wasser und den Klingelknopf in Reichweite. »Komm mich besuchen, aber schau mich nicht an«, hatte er zu ihr gesagt. »Ich will nicht, dass du mich ohne Haare und Augenbrauen in Erinnerung behältst.« Gloria hatte geantwortet: »Ich verbiete dir zu sterben«, und er hatte gelacht, bevor er von einem Hustenanfall geschüttelt wurde.

Er hatte ihr von dem Geld erzählt, das er auf der Bank hatte, und von dem Anwalt, der sich bis zu ihrer Volljährigkeit um alles kümmern würde. Sie dachte nur, Warum ein Anwalt? Mein Vater braucht also einen Anwalt?, aber sie hatte nur geantwortet: »Ich verbiete dir zu sterben.«

Am Ende hatte er dran glauben müssen. Und anfangs hatte Gloria ihm das übelgenommen. Sie empfand es als Erleichterung, wütend zu sein. Sie tobte in der blauen Hütte am Meer, sie schrie Zeter und Mordio, weinte und trank Gin mit etwas Limonade. Immerhin hielt sie das davon ab, sich auf die Seite fallen zu lassen wie ein altes Pferd. Und schließlich hatte man ein paar Sachen zu erledigen, der Tod kam mit einem Rattenschwanz an Verpflichtungen, Onkel Gio hatte ihr geholfen. Sie brachen nicht wenige Gesetze – sie war minderjährig, er kein Teil der Familie. Aber sie schafften es, ihn zu bestatten und in goldenen Buchstaben Name, Geburts- und Sterbedatum in den Grabstein meißeln zu lassen, verziert mit einem hübschen Satz, der ihrem Vater sehr gefallen und den Gloria geerbt hatte: »Komme, was da wolle.«

Am Ende hatte sie festgestellt, dass sie mit der Abwesenheit ihres Vaters leben konnte, so als würde sie jeden Morgen einen durchsichtigen Schal aus ihren Gefühlen umlegen oder auch ein Kleidungsstück überziehen, das nur sie glitzern sah, ein Kleidungsstück, das unglaublich leicht, aber unzerstörbar war, ein Stück aus feiner Wolle, das sie wie eine unsichtbare Rüstung schützte.

Es war klar, dass sie nicht in die Schule zurückkehren würde, und Onkel Gio hatte ihr den Job als Bedienung in der Bar angeboten. Er war nicht so einer, der darauf bestand, dass sie weiter zur Schule ging, er neigte eher dazu, staatliche Bildungseinrichtungen als Sammelbecken für linke Bazillen (Schüler wie Lehrer) zu sehen, und bei dieser Maskerade mitzuspielen war in seinen Augen gefährlich (verweichlichend, vergiftend). Gloria sagte sich, dass sie später oder viel später immer noch Fernunterricht nehmen könnte; der Gedanke, allein zu lernen und nur mit unsichtbaren Lehrern zu kommunizieren, gefiel ihr; sie würde sich an den Tisch in der Hütte setzen oder in eine Bibliothek, mit Kopfhörern und gerunzelter Stirn, damit niemand auf den Gedanken käme, sie zu stören, zuerst bis zum Abitur, dann würde sie Philosophie oder Kunstgeschichte studieren, oder auch Informatik, da war sie sich nicht sicher.

Onkel Gio mochte Glorias solide Seite. Er sagte, dass sie für die Arbeit in der Bar notwendig sei. Und auch, um ganz allgemein am Leben zu bleiben. Er hatte schon immer gesagt, sie sei »kräftig« (in Vallenargues nannte man Mädchen kräftig, wenn sie voller Lebensfreude waren, es galt als Kompliment). Auch als Jugendliche blieb Gloria klein, sehr klein (die Alten sagen ständig, dass die Menschen der jüngeren Generationen riesig seien und wie Palmen wüchsen, wenn man also klein ist, fühlt es sich an, als hätte man den Zug in die modernen Zeiten verpasst), sie hatte breite Hüften, eine schlanke Taille und einen vollen Busen. Den Körperbau einer Pariser Muse aus dem 19. Jahrhundert. Denken Sie nicht, dass sie ihr Aussehen vorteilhaft fand. Sie hasste ihre Brüste und alles, was damit zu tun hatte. Wie sollte man mit solchen Brüsten distinguiert oder intelligent wirken. Sie glaubte auszusehen wie ein Mädchen vom Dorf. Oder ein armes. (Oder wie ihre Urgroßmutter.) Nur solche Menschen hatten Beine voller blauer Flecken, schwere Brüste, rote Wangen und Knöchel, die bei warmem Wetter anschwellen. Wie sollte sie ihr familiäres Erbe abschütteln? Sie nahm ihre Brüste wie alle Schalck-Frauen: als unabwendbares Schicksal. Sie wäre lieber eines dieser anämischen Mädchen gewesen, bei denen man die Schlüsselbeine durch den Stoff des Kleides sieht, die den Knochenbau eines Distelfinks und die funkelnden Augen einer Mangaprinzessin haben.

Natürlich hatte sie daran gedacht zu hungern, aber die Arbeit in der Bar hatte gereicht, sie in eine schlanke und muskulöse junge Frau zu verwandeln – immer noch mit großen Brüsten und einer lächerlich abnormalen Figur. Und das Erste, was Samuel sah, als er in die Bar trat, war die junge Frau, so klein und beweglich, dass man Lust bekam, sie methodisch zu falten, um sie in der Hosentasche bis ans andere Ende der Welt mitzunehmen, sie immer bei sich zu behalten, wie ein Maskottchen, ein wunderbares Maskottchen mit schwarzen Haaren, glatt genug, um flüssig zu wirken. Und dann das kleine perfekte Maskottchen an dem Ort auseinanderzufalten, der beiden zusagte, denn es war mehr als offensichtlich, dass man sie nie dazu bringen würde, in die Hosentasche zu schlüpfen und sich an dem Ort zu entfalten, der dem anderen passend erschien, wenn sie keinen Vorteil für sich sah. Ihr Blick war durchdringend und finster, ihre Haut so weiß wie das Innere einer Zitronenschale, einfach umwerfend. Samuel dachte, Da haben wir eine, die ganz und gar unerreichbar für mich ist.

(Ich werde mein Leben lang darüber staunen, wie das ist, wenn wir den anderen zum ersten Mal sehen, denjenigen, den wir über alles lieben werden, mit unverhohlener, allumfassender, dramatischer Liebe, wie wir fürchten, dass er herausfinden könnte, wie winzig und verwundbar wir sind, auch wenn er uns nicht als Kind gesehen hat, weinend über einem aufgeschlagenen Knie, auch nicht leidend, weil wir als Letzte ins Volleyballteam gewählt wurden, er hat uns nicht gesehen, wie wir uns in der Schule prügelten, weil sich jemand über unseren Haarschnitt lustig gemacht hat. Es ist erschütternd, dass wir beim Anblick des anderen, den wir über alles lieben werden, erstarren und zu keinem Moment bemerken, dass er genauso erschrocken ist wie wir.)

3

»Wir kommen also nicht zurück?«

»Nicht sofort.«

»Und wir dürfen niemandem Bescheid sagen?«

»Im Moment nicht.«

»Nicht mal Sarah?«

Sie sitzen zu dritt im Auto, an einer Raststätte hat Gloria ein neues Plüschtier für die Kleine gekauft, die sich infolgedessen nun schon seit einer Stunde ununterbrochen mit einem orange-blauen Kätzchen unterhält.

Mit Stella ist es schwieriger. Gloria würde ihr am liebsten eine Betäubungsspritze verabreichen, damit sie endlich still wäre und die Seufzer verstummten, die sie ausstößt, seit sie begriffen hat, dass sie nicht einmal ihre beste Freundin würde anrufen können. Sie erinnert sich an die Autofahrten mit Stella, als diese noch ganz klein war und Samuel noch da und sie zu dritt auf Spritztour gingen – Loulou war noch nicht geboren. Sie bereiteten ihr auf der Rückbank ein Bett aus Decken, flankierten sie mit Kissen, damit sie nicht runterfiel, so ohne Sicherheitsgurt, denn es schien ihnen am wichtigsten, dass es Stella so vorkam, als würde sie immer noch in ihrem Bett liegen.

Sie fahren nach Norden. Die Natur wandelt sich. Sie wird dichter und grüner, aber auch trister und eintöniger, sicher wegen des Lichts, das sich verändert, wenn man sich vom Meer und von Afrika entfernt, und Gloria fragt sich, ob sie es in diesem verschatteten Landstrich aushalten werden, sie ruft sich das Haus in Kayserheim in Erinnerung, zu dem sie sie bringen wird und in dem sie früher all ihre Ferien verbracht hat, und das Haus scheint ihr tatsächlich sehr dunkel gewesen zu sein, fast finster, doch sie schiebt diesen Eindruck auf den Wald, der es umgibt. Finster vielleicht auch, weil sie ein empfindsames kleines Mädchen war, das noch bei beiden Elternteilen lebte, die sich pausenlos anbrüllten. Und weil ihre grässliche Großmutter, Antoinette Demongeot, dort lange Zeit gelebt hat. Was alles andere als unbedeutend ist. Doch trotz ihrer Kindheitserinnerungen, trotz der aufdringlichen Präsenz der Nadelbäume, erschien Gloria dieses Haus stets als möglicher Zufluchtsort. Wahrscheinlich, weil sie sich vor den Krisen der Erwachsenen in Sicherheit bringen konnte, einfach, indem sie in den Garten ging und sich auf den Rand des Steinbrunnens setzte, wo sich eine kreideweiße Johannesfigur über sie beugte, und Minzbonbons lutschte und den Vögeln lauschte, die im Ohr des heiligen Johannes nisteten. Als die grässliche Antoinette Demongeot starb, erbte Glorias Mutter das Haus. Aber mit ihrem Zahnarzt war sie nie dorthin zurückgekehrt. Vielleicht weil sie dort jahrelang nur hingefahren war, um ihrer Mutter eine Freude zu machen, die unglücklicherweise eine Frau war, der niemand eine Freude machen konnte.

Es ist schon eine Weile her, seit Gloria mit dem Auto verreist ist. Beim letzten Mal waren die Mädchen noch ganz klein, sicher hat sie Stella deshalb gebeten, sich nach hinten zu setzen, um das Gefühl von Urlaub und Vergnügungsreise zurückzuholen, die Verheißung eines Abenteuers, dieses »bis ans Ende der Welt und noch weiter«, das Stella als Kind zum Lachen brachte, doch nun hat Gloria Angst, in den Rückspiegel zu schauen und die Sitze hinten leer vorzufinden, es ist stärker als sie, sie, die Kräftige, die Pragmatische, die Kriegerin, sie fürchtet, im Rückspiegel nur die durch ihre Abwesenheit eingebeulte Leere vorzufinden, eine leicht unscharfe Leere, dort, wo die Mädchen hätten sein sollen. Also blickt Gloria, die Wächterin, alle fünfzehn Sekunden in den Rückspiegel. Die Mädchen würden sich in so kurzer Zeit nicht in Luft auflösen.

»Können wir anhalten? Ich muss mal pissen.«

»Sprich nicht so.«

Stella zuckt mit den Schultern und schaut aus dem Fenster, das Auto rast an einer riesigen Autobahnskulptur vorbei, die »Abwechslung fürs Auge« bieten soll, Gloria sieht, wie Stella sich zwei Finger in den Mund schiebt, um ihre Abscheu auszudrücken, und muss lächeln, es ist das erste Mal, dass sie lächelt, seit sie Vallenargues verlassen haben. Ihr ist mit einem Mal leichter ums Herz, sie hat Lust, der Bitte ihrer Tochter nachzukommen, auch wenn der letzte Halt erst fünfzig Kilometer zurückliegt. Sie fährt beim nächsten Rastplatz ab und parkt vor der Tankstelle, Loulou will im Auto bleiben, um weiter mit ihrer zweifarbigen Katze zu sprechen, aber Gloria nutzt den Moment, um an die Wagentür gelehnt die Beine auszustrecken, so nah an den Zapfsäulen darf sie nicht rauchen, dann fällt ihr auf einmal ein, dass sie seit Jahren nicht mehr raucht, sie ist überrascht, denn sie hat schon so lange nicht mehr an Zigaretten gedacht, es muss die Reise sein, die sie benebelt und durcheinanderbringt.

Sie atmet tief ein, Carbondioxyd und feuchte Erde, Chips und Asphalt, sie mag es, den aufgedunsenen Autobahnhimmel zu betrachten, könnte lange so dastehen, regungslos, eine Autobahnstatue, und die vorbeikommenden Leute beobachten, die in den Shop gehen und mit vollbepackten Armen wieder herauskommen, den Blick auf ihr Handy gerichtet, die Jüngeren verschicken SMS mit ihren Daumen, die Älteren mit dem Zeigefinger; sie bemerkt die summenden Stromleitungen, wendet sich instinktiv dem Shop zu und sieht durch die Scheibe Stella, die in den hinteren Teil des mit Süßigkeiten und diversem Schweinkram vollgestopften Raums geht und vor einer Telefonkabine stehenbleibt.

Es gibt an Autobahnraststätten noch Telefonkabinen?, wundert sich Gloria. Und gerade als Stella abhebt, springt Gloria auf, hastet durch die Tür, die sich ächzend öffnet, zu ihrer Tochter, während ihr vom Sandwichregal aus gleichgültige Blicke folgen, drauf und dran, einen Hauch inquisitorisch zu werden, denn an diesem der Entspannung gewidmeten Ort, wo jeder sich Softgetränke und Nüsschen holt, hat man keine Lust, auf eine Verrückte zu treffen, die gedämpft nach ihrer Tochter brüllt (es heißt dennoch brüllen), sie nach draußen zieht (erneut diskretes Geflüster), gegen das Auto drückt und zusammenstaucht:

»Ich muss dir vertrauen können.«

»Ich muss dir auch vertrauen können«, entgegnet die Jugendliche in der gleichen Lautstärke.

Im Inneren des Shops ist danach nichts mehr zu hören, alles wird wieder gemäßigt und unbedenklich – abgesehen vom Industriezucker, den Farb- und Konservierungsstoffen.

»Also gut, ich werde es dir erklären.«

»Erklär es mir.«

Stella kneift argwöhnisch die Augen zusammen, als sei sie voller unterdrückter Wut, aber es wirkt ein bisschen künstlich, wie Wut in einer amerikanischen Fernsehserie. So lernen sie Gefühle, denkt Gloria unpassenderweise.

»Mit Pietro geht es bergab …«

»Und?«

»Und er ist gefährlich geworden.«

Die Jugendliche bricht in Lachen aus.

»Ohne Witz. Das ist mal ’ne Neuigkeit.«

4

Samuel kam an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wieder, aber Onkel Gio war nie anzutreffen. Er hatte um ein Gespräch gebeten, aber Gio war am Meeresufer und überwachte mit seinem Fernglas die See oder er war auf seinem Boot oder in einer Besprechung mit seinem Buchhalter oder sonst wo, wer weiß das schon. Samuel hievte sich auf einen der Barhocker, wartete eine Stunde, wirkte so entspannt wie eine dieser Personen, die wir bezahlen, damit sie uns beibringen, langsam über das Zwerchfell zu atmen, um unsere innere Ruhe zu finden, trank zwei Kaffee, dann zwei Biere, bekam schließlich einen runden Rücken, es ist fast unvermeidbar, wie ein Geier auszusehen, wenn man auf einem Barhocker sitzt, aber nein, nicht er, er wirkte ruhig, ein bisschen müde, er zeichnete kleine Skizzen in die winzigen Kondensationsflächen auf dem Tresen, schaute sich mit einem Ausdruck altersloser Weisheit um und ging wieder.

Am dritten Tag blieb Onkel Gio, dem jemand einen Wink gegeben hatte, dass jeden Morgen dieser Typ auftauchte, um ihm einen Besuch abzustatten, aber keine Nachricht hinterließ, und kam aus seinem Büro, sobald ihm mitgeteilt wurde, dass Samuel wieder da sei. Dieser sprang von seinem Barhocker, und sie setzten sich für ihr Gespräch an den kleinen Tisch ganz hinten. Von dem man den ganzen Raum überblicken konnte. Onkel Gios Lieblingstisch.

Gloria brachte ihnen Kaffee (es gab keinen überflüssigen Firlefanz in La Traînée, wie etwa Nougat oder Spekulatius, sondern nur schwarzen, starken, männlichen Espresso). Samuel schaute auf und lächelte dankend. Onkel Gio sprach weiter, als ob der Kaffee von ganz allein auf seinen kleinen Espressotassenpfötchen dahergekommen wäre. Gloria hätte ihnen am liebsten Dutzende davon gebracht, und außerdem hartgekochte Eier, Brioche, Milch und alles andere, was ihr erlaubt hätte, zu ihnen zu gehen. Am liebsten hätte sie sich einfach auf die Bank neben Onkel Gio gesetzt, ihn mit einem gezielten Schubser ihrer Hüfte beiseitegeschoben und wäre gegenüber von Samuel sitzen geblieben – sie weiß noch nicht, dass er Samuel heißt, sie weiß noch nichts über ihn, außer, dass er mit Onkel Gio spricht, als ob sie Vertraute wären, und dass er ein wundervolles Lächeln hat, etwas Kindliches in den Augen und eine Haut, die essbar zu sein scheint, ja, es ist seltsam, aber dieser Mann sieht essbar aus, seine Haare sind so schwarz und glänzend wie Lakritze und seine Augen hellbraun wie Karamell, das über Vanillesofteis fließt, sie überlegt, unter welchem Vorwand sie sich zu ihnen setzen könnte, sie will verstehen, was er hier macht, sie wird Onkel Gio fragen und er wird nicht antworten. Sie hofft, dass er am nächsten Tag wiederkommt, dann wird sie ihr kurzes Kleid mit dem rot-weißen Karomuster tragen – ein Kleid aus Vichy-Stoff, aber »Vichy« darf sie nicht denken, weil Onkel Gio dieses Wort für einen Stoff nicht erträgt, und Onkel Gio ist schon so lange in ihrem Leben, dass sie in ihrem Wortschatz Vichy durch Karos ersetzt hat (er erträgt auch die Farbbezeichnung »Lachs« nicht, wenn jemand »Lachs« sagt, schaut er angewidert, als ob man ihn zwänge, importierten Zuchtfisch zu essen). Also geht Gloria immer wieder am Tisch vorbei und versucht, Fetzen ihres Gesprächs aufzuschnappen. Sie hört mehrmals das Wort »Schweiz«. Wegen des Zischlauts erkennt sie es wieder, doch alles andere bleibt vertraulich.

Als sie zum vierten Mal den Nachbartisch abwischt, runzelt Onkel Gio die Stirn. »Wage es ja nicht, einen Kommentar abzugeben«, sagen Glorias Augen. Onkel Gio schüttelt den Kopf und führt das Gespräch mit Samuel fort.

Am nächsten Tag trägt Gloria ihr kurzes Karokleid, aber Samuel taucht nicht auf. Sie öffnet die Tür zu Onkel Gios Büro, wo er gerade dabei ist, eine seiner Spieluhren zu inspizieren.

»Kommt dein Freund heute nicht?«, fragt sie.

»Welcher Freund?«, fragt er, ohne den Blick von seiner Spieluhr abzuwenden (ein Singvogel mit beweglichen Flügeln, den er mit seiner Juwelierslupe betrachtet, wie auf der Suche nach einem geheimen Räderwerk).

Gloria geht zurück in die Bar. Sie ist niedergeschlagen, denkt, dass sie ihn nicht wiedersehen wird, außerdem genug davon hat, im vergammelten Schuppen von Onkel Gio zu arbeiten, der sie schlechter behandelt als die anderen, um Ärger zu vermeiden, sie möchte sich am liebsten aus dem Staub machen oder jemanden ohrfeigen, sie denkt, dass sie keine Freunde hat, dass Vallenargues eine Stadt ist, in der nie etwas geschieht, eine Stadt in der Peripherie, eine Stadt am Rande einer größeren, einer Stadt am Meer mit einer Sommerkirmes, Palmen (die vom roten Rüsselkäfer befallen sind), einer Kanone, die täglich zur Mittagszeit abgefeuert wird, und einer zur Ruine verkommenen Zitadelle, Vallenargues ist eine Stadt am Rand, und mit sechzehn will man im pulsierenden Zentrum der Welt sein, oder mit siebzehn, oder achtzehn, ich weiß nicht mal mehr, wie alt sie zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ist, sie übrigens auch nicht, denn sie fühlt sich alt und aufgetakelt und will nur, dass sie jemand in den Arm nimmt, ist das zu viel verlangt?

Doch es ist offensichtlich, dass sie noch keine achtzehn ist, nicht volljährig, sie wurde noch nicht vom Anwalt ihres Vaters kontaktiert, dazu ist es noch zu früh.

Jessica, die seit achthundert Jahren in der Bar kellnert, kommt zu ihr:

»Stimmt etwas nicht, Prinzessin?«

Jessica hat eine Tochter, die fast in Glorias Alter ist, und sie hofft natürlich, dass diese weiter zur Schule geht, also behandelt sie Gloria mit der Herablassung einer wohlwollenden Nachbarin, Meine Tochter ist besser dran als die Kleine da, denkt Jessica, also heuchelt sie Fürsorge, sie, die doch zu der großen Gruppe von Frauen gehört, die so einiges erlebt haben.

»Hast du dein Vichy-Kleid für den hübschen jungen Mann angezogen, der deinen Onkel besucht?«

Gloria dreht sich zu Jessica. Und antwortet mit Revolverblick:

»Ich weiß nicht, von wem du sprichst.«

Samuel kam am folgenden Montag wieder. Er bat darum, Onkel Gio zu sehen, und nachdem die Nachricht überbracht war, wies dieser Jessica an, Samuel in sein Büro zu führen. Ein ganz und gar außergewöhnlicher Vorgang. Jessica, Raj der Koch und Gloria schauten sich an. Als er durch die Tür der Bar kam, hatte Gloria sich überwältigt und erleichtert gefühlt, sie glühte und war über dieses Glühen verzweifelt. Er trug denselben Rucksack wie bei seinem ersten Besuch und wirkte ebenso freundlich – das heißt, mehr noch, als etwas von der Wärme, die er ausstrahlte, abzubekommen, hätte man gern gewusst, wie es ist, dieser junge Mann zu sein, in einem so beweglichen und elastischen und ungezwungenen Körper zu stecken, die Welt durch seine Augen zu betrachten, ein so gelassenes Lächeln zur Schau zu tragen, als könnte man mit den anderen und mit sich selbst vollständig im Reinen sein, als wäre das eine Möglichkeit auf diesem Planeten, als hätte dieser junge Mann das Geheimnis entdeckt, das einem ermöglicht, mit dem, was einem gegeben ist, einigermaßen zufrieden zu sein, während Gloria sich an keinen einzigen Tag erinnern konnte, an dem sie nicht mindestens einmal, wach oder im Schlaf, Selbsthass empfunden hätte – sie träumte tatsächlich manchmal, dass sie sich hasste. Sie war oft streitlustig, aber diese Neigung hatte ihr auch geholfen, ihre Strategien gegen trübe Gedanken umzusetzen. Und als sie Samuel erneut aufkreuzen sah, richtete sich ihr Hass gegen ihn: Sie hatte einen schlechten Tag, sie würde bald ihre Periode bekommen und fühlte sich eingeschnürt, als ob ihr Körper drauf und dran wäre, alle Knöpfe ihrer Bluse einzeln abzusprengen, woraufhin die Knöpfe durch die Bar schießen und gegen die alten Plakate an den Wänden prasseln würden, gegen die Fotos vom Großfischfang aus der Hemingway-Ära und die kleinen, zum Schreien komischen Schilder: Alkohol tötet langsam. Ist uns egal. Wir haben es nicht eilig.

Also sagte Gloria zu Jessica:

»Ich mach Pause.«

Jessica blickte auf und nickte.

Gloria ging nach draußen, überquerte die Straße und setzte sich auf die Mauer am Meer.

(Verbleiben wir einen Moment dabei, wie sie sich auf die Mauer am Meer setzt, direkt gegenüber der Bar. Ist das nicht ein wenig demonstrativ? Gloria würde versichern, dass es nicht so ist, sie wäre sogar imstande, falls Sie nicht lockerlassen, sich aufzuregen und Sie zu beleidigen, betreiben wir also bloß keine psychologischen Spielchen, sie setzt sich eben dahin, weil es der beste Ort ist, um mit baumelnden Beinen eine Zigarette zu rauchen und dem leisen, stetigen Klappern der Masten zu lauschen, das hat nichts mit dem jungen Mann zu tun, der in Onkel Gios Büro eingesperrt ist und sie beim Herauskommen unweigerlich durch die Glasfront der Bar erblicken würde, sofern er nicht länger als zwanzig Minuten bei Onkel Gio bliebe, denn dann müsste Gloria natürlich wieder an die Arbeit gehen. All das ist zu hypothetisch, das müssen Sie zugeben, als dass Gloria sich nur zu dem Zweck dahin gesetzt haben könnte, die Aufmerksamkeit des besagten jungen Mannes auf sich zu ziehen. Denn ohnehin hat sie heute keinen guten Tag, sie fühlt sich aufgedunsen, hat ihre Haare nicht gewaschen und riecht nach Frittierfett und Holzkohle, was schwer zu vermeiden ist, wenn man in der Traînée arbeitet.)

Zehn Minuten später kam der junge Mann aus Onkel Gios Büro, doch er setzte sich geradewegs auf einen der Barhocker. Weil er die hübsche Schwarzhaarige nirgends sah, die beim letzten Mal ständig um ihn herumgeschwirrt war, und er sich nicht zum Aufbruch entschließen konnte, ohne ihr begegnet zu sein (Himmel, wie sehr sie ihm gefiel), auch wenn das Geschäft unter Dach und Fach war und er geliefert hatte, was er in der Schweiz geholt hatte. Ein merkwürdiger Einfall, in der Traînée zu bleiben, obwohl er still und leise hätte gehen und draußen sein Tagelöhnerdasein weiterführen sollen. Denn Samuel war so ein Tagelöhner. Einen Monat hier, eine Woche dort. Die Art von beruflicher Aktivität, die mit Sesshaftigkeit unvereinbar war. Aber er wollte die schwarzäugige junge Frau mit der leuchtenden weißen Haut sehen.

Sie war wohl kaum größer als ein Meter fünfzig, doch es gefiel ihm, dass sie so winzig war, was ungewöhnlich war, denn normalerweise traf er sich mit großen Blondinen mit Tätowierungen, die man erst beim Ausziehen entdeckt, doch der ganze Körper dieses Mädchens schien wie elektrisch aufgeladen, und das war, wie soll man es ausdrücken, stimulierend. Wenn sie sich bewegte, gruppierten sich die elektronischen Teilchen um sie herum und knisterten. Der Luftdruck sank, wenn sie sich näherte, wie wenn ein Gewitter über das Meer kommt, und diese Veränderung, die Kinder, Migränepatienten und Stelzvögel spüren, spüren auch Leute wie Samuel; es ist der Moment, wenn die fliegenden Ameisen auftauchen, der Wind anhebt, die Bäume schwanken, die Elemente leicht in Panik geraten und Samuel sich verliebt.

Er wusste wohl, dass sein Hang zu kampflustig wirkenden Mädchen als schiefe Bahn gelten konnte. Sein Vater hatte es ihm viele Male gesagt.

Schäumend vor Wut kam Gloria aus ihrer Pause zurück. Sie riss schwungvoll die Tür auf, alles war feucht geworden, draußen und dann drinnen, ihre Haare krausten sich um ihren bombensicheren Knoten, hatten etwas Lebendiges und Raubtierartiges, diese Haare konnten zweifellos zubeißen. Sie schaffte es nicht, ihr Temperament zu zügeln, obwohl sie, wie wir wissen, immer ein harmloses (aber anziehendes) Wesen hatte sein wollen, bei dem alles rief: »Rette mich, hol mich aus diesem brennenden Haus.«

Sie sah den jungen Mann am Tresen sitzen, sah seinen Rücken, die Krümmung seines Rückens, seine leichte Skoliose, die Wirbel unter seinem Hemd, eins zwei drei, ich kann deine Knochen zählen, und sie fragte sich, Warum nur bringt mich der Anblick dieses Hemds über diesem Rücken so aus der Fassung?

Und sie begriff mit einem Mal, was Verlangen und Anziehung bedeuteten, und wozu sie führen konnten.

Ganz durcheinandergebracht dachte sie, Ich werde ja wohl nicht kapitulieren.

Da drehte er sich um. Er folgte Jessicas Blick, die hinter der Theke ein Glas abtrocknete, Gloria auftauchen sah und verblüfft die wütende, winzige junge Frau anstarrte, Mein Gott, wozu ist dieses Mädchen fähig. Und als Gloria begriff, dass er darauf gewartet hatte, dass sie in Onkel Gios Bar auftauchte, salzverklebt, übelriechend, fühlte sie sich unendlich erleichtert und geschmeichelt und strahlend, und dachte, Komme, was da wolle.

Liebe auf den ersten Blick ist ein erstaunlicher Vorgang, es ist, als würde man an einem Samstag während eines Attentats in einem Metrotunnel von einer panischen Menschenmenge mitgerissen. Man wird einfach fortgetragen und gibt jeden Widerstand auf, betrachtet untätig das Geschehen, wartet darauf, dass es vorbeigeht und denkt, Ach, das ist es also, wovon alle reden.

5

Endlich erreichten sie das Kayserheimer Haus. Gloria parkte den Wagen unter den Tannen. Es war bereits dunkel, obwohl es Juni war. Loulou schlief und schwitzte auf ihrer zweifarbigen Katze, die ihr als Kopfkissen diente. Beim Anblick des Plüschtiers an der Wange ihrer Tochter verzog Gloria das Gesicht. Spielsachen, Laken und Kleidung wusch sie normalerweise immer, bevor sie benutzt wurden. Sie fürchtete die Flammschutzmittel, Phthalate, Formaldehyde und synthetischen Farbstoffe. Man konnte nicht einen Großteil seines Lebens in Onkel Gios Nähe verbringen, ohne ein berechtigtes Misstrauen gegenüber diesem Mist zu entwickeln. Es gibt nichts Ansteckenderes als Misstrauen. Das ist ein hochgefährliches Gift. Deshalb hatte sie das Trinken und Rauchen aufgegeben. Sie lebte in ständiger Angst, ihre Töchter zu verlieren oder sie für immer allein zurückzulassen. Trotzdem versuchte sie, ihnen ihre Unbeschwertheit zu lassen, auch wenn ihr ein Schauer über den Rücken lief, wenn sie mitgebrachten Zuckerkram von mehr als zweifelhafter Herkunft aßen, auch wenn sie zitterte bei dem Gedanken, ein Verkehrsrowdy oder ein alter halbblinder Mann könnte sie mit dem Auto ummähen.

Stella hatte fast die ganze Fahrt über geschmollt.

»Bist du sauer?«

»Nein, ich bin müde.«

Es musste gestimmt haben, denn inzwischen schlief sie völlig regungslos auf der Rückbank, in einer so unbequemen Position, dass man sie für tot halten könnte (abgesehen von einem leisen Schnarchen). Ihr Gesicht war gelöst und ernst, ihr altes Kindergesicht, das bald auch im Schlaf verschwunden sein würde. Von Zeit zu Zeit bewegten sich ihre Augäpfel unter den Lidern. Gloria wäre gern sitzen geblieben, um ihren Töchtern beim Schlafen zuzuschauen, alle drei in ihrer schützenden Höhle aus Blech, Kunststoff und Teppich, vielleicht fürchtete sie sich auch ein bisschen vor dem, was sie im Haus vorfinden würde, und zögerte den Moment hinaus. Sie hatte die Deckenleuchte eingeschaltet und betrachtete Stella in ihrem Zwischenstadium, kein Kind mehr und noch keine Frau, oder beides zugleich, die Möglichkeit von beidem.

Gloria saß im Wagen unter den Tannen und hörte die Dunkelheit draußen. Sie hörte den Juniwind. Der Juniwind erzeugt einen ganz besonderen Ton, wenn er sich durch die Nadelzweige seinen Weg bahnt, wie stockender Atem, ein ängstliches Zusammenzucken. Der Mond erleuchtete jede einzelne Tannennadel, Tausende Brillanten glitzerten in der Nacht – welche Substanz ließ die Nadeln so glitzern, Saft, Harz, Speichel? Gloria stellte fest, dass es keine gute Idee gewesen war, so spät anzukommen, Unbekanntes ist in der Nacht feindseliger, vor allem auf dem Land, es gab zu viele unbekannte Geräusche und Gerüche für die Mädchen.

Sie holte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und öffnete so leise wie möglich die Wagentür. Sie stieg aus und ging die Stufen zur Haustür hinauf. Es roch nach altem Gemäuer, nach feuchtem, verschimmeltem Kalkstein, es roch nach Erde und wilden Gräsern, die seit langem niemand mehr gemäht hatte, es roch auch nach Lindenblüte, ein süßer, beruhigender Duft, wie ein Orientierungspunkt für ihr Gehirn, es roch nach Regenwürmern, die unter der Erde ihre Gänge gruben, emsig den Boden durchlöcherten; sie erinnerte sich an ihren Vater, wie er am Fluss hinter dem Haus angelte, sie suchte mit ihm Regenwürmer, er klopfte auf die Erde und sofort streckten sie ihre Köpfe heraus, auf der Flucht vor einem unsichtbaren Maulwurf, der den Untergrund erschütterte, und reihten sich fast unmittelbar danach schon auf dem Haken auf; sie hörte das Geräusch des Flusses, auf das sie vorher nicht geachtet hatte, ein kaltes, verlockendes Geräusch, die kleine Stimme in ihrem Kopf, die immer wachsam blieb, sagte zu ihr: Auf Loulou muss man aufpassen und sie vor dem ruhigen, dunklen Wasser warnen und vor den so glatten und einladenden Blättern der Seerosen.

Rechts von ihr befand sich der Teil des Hauses, den ihr Vater die Sommerküche genannt hatte. Die Fenster waren durch all die Spinnweben blind geworden. Sie holte den Schlüssel aus ihrer Handtasche – mit einem grau gewordenen Michelin-Männchen von 1967 als Anhänger, Antoinette Demongeot ist unter uns –, öffnete die Haustür, trat über die Schwelle und ging zum Schaltkasten, um den Strom anzustellen.

Nichts hatte sich verändert. Außer, dass alles kleiner wirkte. Und alle Möbel mit staubigen Laken abgedeckt waren. Laken mit Blumenmuster, bunt, gestreift. Das würde Loulou weniger Angst einjagen. Weiß hätten sie auf sie wie Gespenster gewirkt. Wie in den gruseligen Burgen, von denen es bei Scooby-Doo nur so wimmelte.

Der Einzige, der noch hierherkam, war Onkel Gio – und der hatte, wenn man von der Spinneninvasion ausging, bei seinen letzten Besuchen bestimmt nicht viel Zeit in der Sommerküche verbracht. Aber dank ihm gab es Strom und fließend Wasser, und alles war aufgeräumt. Gloria hatte ihm vor ein paar Jahren einen Zweitschlüssel anvertraut. Im Alter hatte er begonnen, die dunklen Wälder der sonnigen Côte d’Azur vorzuziehen. Das Mittelmeer hatte es am Ende geschafft, ihn zu enttäuschen. Für ihn stand es nur noch für Pilzinfektionen, Kabeljau und Quallen. Er behauptete, die Sommer an der Küste würden nach Öl stinken, wie die Klamotten aus China, die aus den Containern kommen. Also hatte er sich nach dem Verkauf der Bar nach Fontvielle zurückgezogen. Doch wenn die provenzalische Sommerhitze ihm zu sehr zusetzte, fuhr er nach Kayserheim. Er stieg in seinen alten Citroën DS (er vertraute nur Citroën) und fuhr nach Nordosten, den schattigen Wäldern entgegen, um zwei Monate im Kühlen zu verbringen, in denen er seinen Klappstuhl ans Ufer des Sees stellte und Schleien mit Schlammgeschmack angelte oder sein Boot in die Mitte der leicht zitternden Wasserfläche steuerte und von riesigen Hechten träumte. Es hieß, der Kayserheimer See sei der tiefste der Region, es hieß, er sei ein prähistorisches Becken, das 66 Millionen Jahre zuvor ein Meteorit gegraben habe, dessen Wucht Schlamm und diverse Trümmer, Asche und Quarzkristalle herausgeschlagen habe, man erzählte sich auch, dass im Jahr 1983 drei betrunkene Jugendliche darin ertrunken seien, nachdem sie versucht hätten, mit dem Ford Fuego, der dem Bruder von einem von ihnen gehörte, von dem Felsvorsprung am Südufer aus über den See zu fliegen, hopp, mit genug Anlauf sollte es klappen, sie wurden nie gefunden, doch der gähnend leere Fuego (sie hatten sich bei dem Versuch zu überleben aus dem Wrack befreit) wurde vor den Augen der untröstlichen, am nördlichen Sandstrand vollständig versammelten Bewohner von Kayserheim herausgefischt.

Onkel Gio hatte Gloria erklärt, dass der See auf einer deltaförmigen Ablagerung der Gletscherzunge ruhte. Was er meinte, war, dass er alles in allem den Gleichmut des jahrtausendealten Sees (tödlich für die Dummköpfe im Fuego) der Ruhelosigkeit des Flusses tausendmal vorzog. Mit dem Trubel war es vorbei.

Aber in diesem Sommer würde er nicht kommen.

Im Februar hatte er einen Schlaganfall erlitten und dämmerte seitdem in seinem Schaukelstuhl vor sich hin, mitten in seinem gekachelten Wohnzimmer, und schaute durch das offene Fenster auf die Zikaden und die verhassten Touristen, die es für angebracht hielten, den freundlichen alten Herrn zu grüßen, wenn sie an seinem Haus in Fontvieille vorbeigingen. Meistens waren sie auf dem Weg zum Schwimmbad im Park des Château Daudet, frei von Verpflichtungen und begierig darauf, inmitten des Kiefernwalds zu baden, zwar ebenso wenig an Daudet interessiert wie die Businesswelt an der Erderwärmung, aber voller Vorfreude auf ihr spritzendes Chlorgeplansche. Onkel Gio dagegen schaukelte wütend am Rande des Gleichgewichts, im linken Mundwinkel ein wenig Schaum; der Schlaganfall hatte das Großhirn beschädigt, wo die Sprachfähigkeit saß, doch wenn er sprechen könnte, hätte er die Wiedereinführung der Guillotine gefordert, und er schaffte es nur, sich zu beruhigen, indem er sein wunderschönes Wohnzimmer betrachtete, angefüllt mit seinen mechanischen, musikalischen Schätzen, die er in so vielen Jahren und unter so großen Risiken gesammelt hatte. Er ließ seine Singvögel, Automaten, Blasebalge, seine Membranen, Glutdämpfer, Aufziehfedern, seine Klingen und Spitzen nicht aus den Augen, wie eine Mutter ihre in einer Grünanlage herumtollenden Kinder. Er griff nach Das Leben Gebrauchsanweisung, das rechts von ihm auf einem billigen, bereits in sich zusammenfallenden Hocker lag, legte sich das Buch auf den Schoß, öffnete es an einer zufälligen Stelle und las kichernd einen der Texte. Dank Georges Perec und der Systemboxen vergaß er für einen Moment das metallische Zirpen der Zikaden und die Hässlichkeit der Welt. Sein Herz schlug wieder im Kreuzfahrtrhythmus.

Aus diesem Grund würde Gloria mit ihren Töchtern den Sommer über allein im Kayserheimer Haus bleiben – und so lange sie wollte.

Das Haus hatte vier Schlafzimmer, drei oben, eines unten. Über die Veranda gelangte man in die Küche, die mit Sicherheit der angenehmste Raum im Haus war, sowohl aufgrund seiner Größe als auch seiner Einrichtung. Das angrenzende Wohnzimmer mit dem riesigen grauen Röhrenfernseher hingegen war nicht der vergnüglichste Ort auf Erden. Man bekam den Eindruck, wider Willen zurück in die siebziger Jahre katapultiert worden zu sein, mit allem, was daran schlecht gefärbt und überholt war. Befreit mich von all dieser Abscheulichkeit, von all dem Plastik und dem Samt an den Wänden. Gloria wurde kurz schwindelig, als sie die Deckenverkleidung mit der orangefarbenen Kugelleuchte wiedersah, den Couchtisch aus getöntem Plexiglas, die leeren Kleenex-Spender (in ihren Futteralen aus Spitze und Rüschen), die strategisch im Raum verteilt waren und wohltuend für Augen und Nase sein sollten, und die Glasvitrine voller Porzellaneulen neben ein paar Fotos in Flohmarktrahmen. Sie nahm die Fotos aus der Vitrine, auf einem hielt ihre Mutter sie, noch ganz klein, auf dem Arm. Vier weitere zeigten ihre Großmutter: die vierzigjährige Antoinette Demongeot in Schwarz-Weiß auf dem Fahrrad, mit tief ausgeschnittenem Blüschen und einem vom Wind hochgewehten Rock, die Schenkel noch nicht abgemagert, mit toupiertem Haarknoten und einem breiten schwarzen Band über den blonden Strähnen, die Initialen AD; Antoinette Demongeot in Farbe nach dem Tag, als sie entschieden hatte, dass Magerkeit ihr stehe, tief gebräunt auf ihrem Liegestuhl mitten im Garten eine TV-Zeitschrift lesend; und schließlich Antoinette Demongeot auf einer Restaurantterrasse in Spanien mit einer ihrer Freundinnen (hatte sie wirklich Freundinnen?), beide lächelnd, Zigaretten rauchend, Martini und gebleichtes Haar, das Gesicht braun und so runzlig, dass es gefaltet wirkte wie ein japanischer Stoff. Sie stellte die Fotos an ihren Platz zurück. Zumindest würden die Mädchen erfahren, wie ihre Großmutter ausgesehen hatte. Sie ging nach oben, wenn sie bleiben wollte, müsste alles umgestaltet werden, das könnte ein belebendes Projekt für den Sommer werden, sie und die beiden Kleinen (nein, Stella ist keine Kleine mehr), sie und die beiden Mädchen würden das Haus ausräumen, es streichen und ihm neue Frische verleihen; sie sah sich bereits wie in einem Film, mit Gips in den Haaren, den Farbroller in der Hand, sie alle drei auf Leitern und stumm lachend, im Blaumann und fleckigem T-Shirt auf den Stufen der Veranda sitzend, wie sie ihr wohlverdientes Pausenbrot aßen. Gloria schüttelte den Kopf. Gut gut gut. Sie ging durch alle Zimmer. In einem von ihnen (dem ehemaligen Zimmer von Antoinette) stand ein Doppelbett. In den anderen gab es nur Einzelbetten. Die Räume waren hässlich, boten aber einen schönen Blick auf den Wald oder auf den See, der (wie sie sich erinnerte) tagsüber durch die Tannen schimmerte. Dahinter, vom Fenster aus nicht zu sehen, lag das Sägewerk von Vater Buch, einem alten Bär, der niemanden mochte und dies durch Warnschilder kundtat, die er an sein Haus genagelt hatte. Sie hatten jedoch nicht die erhoffte Wirkung, im Gegenteil: Die Kinder der Gegend fuhren mit dem Fahrrad hin, jagten sich gegenseitig Angst ein und warfen Steine in den Hof, damit die Hunde bellten. Gloria hatte vor, ihn bald zu besuchen, sie hatte keine Angst vor ihm, kannte ihn schon ewig. Er war harmlos.

Sie fühlte sich wie in einer Zeitkapsel. In dieser Abgeschiedenheit verändert sich nichts und wird sich nichts verändern, da kannst du machen, was du willst, das Haus neu herrichten oder sogar zerstören, morgen früh wäre es genau wie vorher, unversehrt und vollständig. Gloria wusste, dass die Nacht solche Gedanken förderte. Gut gut gut, dachte sie wieder und überzog die Betten mit den Laken, die sie in den Schränken gefunden hatte. Dann ging sie die Mädchen holen, zuerst Loulou, die nicht mal mit den Lidern zuckte, während sie im Schlaf ihr schreckliches orange-blaues Kätzchen an sich drückte, als ob es ihm an den Kragen ginge, dann schüttelte sie sanft Stella, Wir sind da, meine Hübsche, du schläfst besser in deinem Bett, Erwachen und geweitete Pupillen, Stirnrunzeln, Wo sind wir? Im Haus meiner Kindheit, improvisierte Gloria (das entsprach nur zu einem ganz ganz ganz kleinen Teil der Wahrheit, aber es war zwei Uhr morgens, die Zeit für Improvisationen), Stella ließ sich ohne größere Schwierigkeiten ins obere Stockwerk führen und aufs Bett fallen, Gloria wollte ihr die Turnschuhe ausziehen, aber Stella grummelte, Lass. Also verließ sie das Zimmer. Ging runter ins Wohnzimmer. Unter dem Fernseher stand der kleine Schrank, der den Drehständer mit den Spirituosen beherbergte, ihr Vater sagte »The Bar« dazu, sie nahm alle Flaschen, die dort vor sich hin sedimentierten, heraus, goss deren Inhalt in der Küche in den Abfluss, denn so sehr vertraute sie sich nicht, und ging dann hoch ins Bett.

6

Als Onkel Gio mitbekam, dass Gloria mit Samuel zusammen war, zitierte er sie in sein Büro.

»Dein Vater hat dich meiner Verantwortung übergeben.«

»Wovon sprichst du?«

»Bevor er starb, hat dein Vater zu mir gesagt, dass er sich darauf verlässt, dass ich über deine Sicherheit wache. Bis zu deiner Volljährigkeit und auch später.«

»Ich bin ein großes Mädchen.«

»Du bist ein ganz kleines Mädchen.«

»Und bin ich etwa in Gefahr?«

»Noch nicht. Aber du wirst dich in Gefahr bringen, wenn du mit diesem jungen Mann ausgehst.«

»Welcher junge Mann?«

»Ich bitte dich, halt mich nicht für einen Amerikaner.«

»Aber er ist dein Freund.«

»Von wegen. Er arbeitet ab und zu für mich, aber er ist nicht mein Freund. Und auch nicht mein Partner. Er ist bei dem, was er tut, nicht einmal besonders gut.«

»Und was tut er für dich?«

»Er hat es dir nicht gesagt?«

»Wir reden nicht über die Arbeit, nein.«

»Dann ist das nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen. Aber du musst wissen, dass der Junge weder vertrauenswürdig noch besonders clever ist, dass er trotz seines jungen Alters schon alkoholabhängig ist, und ich dich als Repräsentant der väterlichen Autorität auffordere, ihn nicht mehr zu sehen.«

»Du bist der Repräsentant der väterlichen Autorität?«

»Ja.«

»Ich könnte doch stattdessen mit meiner Mutter darüber reden, oder?«

Onkel Gio verzog beleidigt das Gesicht. Er füllte seine Lunge mit Luft, als ob er vorhätte, durch ein Ästuar zu tauchen.

»Natürlich, mein Schätzchen. Wenn du sie findest. Deine Mutter war nicht so eine, die den Fahrradhelm unter dem Kinn ihres Sprösslings schließt, sie hat keine Kekse für dich gebacken und auch nicht Schwarzer Peter mit dir gespielt. Sie hat sich nie wie eine Mutter verhalten. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass du sie wiederfindest, bin ich also alles andere als sicher, ob es so eine glorreiche Idee ist, auf sie zu setzen, wenn es darum geht, zwischen einer guten und einer schlechten Entscheidung zu trennen …«

»Okay. Erklär mir also, warum ich Sami nicht mehr sehen soll.«

Als er hörte, wie sie ihn Sami nannte, verzog er das Gesicht, weil er wusste, dass es zu spät war. Er hatte die Anziehungskraft des Jungen ebenso unterschätzt wie das Bedürfnis der Tochter seines Freundes, nicht mehr allein zu sein, er hatte den ungezügelten Appetit, das junge Alter und die Lust der beiden unterschätzt, aber das lag für ihn so weit zurück, wie hätte er sich da erinnern, die Person, die er vor zwanzig Jahren war, wiederbeleben sollen; wo war sie hin, diese Person, sie war zweifellos da, hatte sich in einem Winkel seines Körpers verkrochen, jedes Alter war wie eine Schicht mehr um seinen Kern, sein Senklot, seine Kompassnadel, sein reines, unbeschwertes Ich, seine winzige, kindliche Essenz; alles war noch da, alle Lebensalter waren noch da, aber unauffindbar, denn die Schichten um den Kern waren zu Schalen geworden, so dünn und trocken wie die zerknitterten Blätter einer Bougainvillea. Onkel Gio fühlte etwas Süßes und Scharfes zwischen seinen Augen, wie ein Stoß Minzbonbonatem, eine vage Erinnerung.

Er antwortete schlicht: »Ich bin mir sicher, dass er alles, was er mir verkauft, gestohlen hat.«

»Was verkauft er dir?«

»Rate mal.«

»Spieluhren?«

Onkel Gio sah sie schweigend über seine getönten Brillengläser an.

»Warum kaufst du sie ihm ab, wenn du dir sicher bist, dass er sie klaut?«

»Weil er sie sonst jemand anderem verkauft.«

Er merkte, dass der Spieluhrenhandel Gloria kaum beeindruckte, also erwähnte er wie beiläufig, dass Samuel ägyptische Artefakte verkauft hatte, die aus Gräbern im Tal der Könige geraubt worden waren. Da Gloria auch dieser Art von Handel so viel Beachtung zu schenken schien wie eine Katze einer Taucheruhr, kniff Gio die Augen zusammen und sprach nun leiser, Geflüster, Geheimnisse und Anspielungen, gab preis, dass Samuel am Verkauf von Flugzeugteilen beteiligt war, die verunglückten Maschinen illegal entnommen und halbwegs repariert wurden.

»Damit du die Folgen dieses rechtswidrigen Handels verstehst, nenne ich dir nur das Beispiel der Convair, die auf der Strecke zwischen Oslo und Hamburg im September 1989 ins Meer gefallen ist, wegen irregulärer Ersatzteile, und das der israelischen Boeing 747, die im Oktober 1992, kurz nachdem sie in Amsterdam gestartet war, wegen ausfallender Triebwerke in einen Häuserblock gestürzt ist. Kannst du dir ein Flugzeug ohne Triebwerk vorstellen? Wegen Leuten wie dein Sami …«

»Weder Waffen noch Drogen?«, unterbrach ihn Gloria.

Gio musste eingestehen, dass Samuel nichts mit dieser Art von Handel zu tun hatte. Bis jetzt. Gloria zuckte mit den Schultern, lächelte ihn an und sagte: »Ich muss wieder rein. Gleich ist Stoßzeit«, ging dann hinaus und schloss sachte die Tür hinter sich, um die unveränderliche Ordnung der Dinge im Büro ihres lieben Onkel Gios nicht zu stören.

Gloria dachte noch lange über dieses Gespräch nach, manchmal sogar, wenn sie in Samuels Armen lag. Es handelte sich nicht um ein Geheimnis, es war nichts, was sie vor ihrem Liebsten verbarg. Sie konnte ohnehin nicht anders. Sie war allein bei Eltern aufgewachsen, die ein zutiefst instabiles Paar bildeten. Ein Vater, der seine Frau wie ein Gnadenwunder ansah, und eine Mutter, die nichts anderes wollte, als sich aus ihren Fesseln zu befreien, und so lang ausgeschlagen hatte, bis diese am Ende rissen. Schweigend hatte sie der fatalen Entwicklung ihrer Beziehung zugesehen. So etwas führt, das ist unbestreitbar, zu stillen, misstrauischen, lauernden Kindern und schließlich Erwachsenen, die kein Problem darin sehen, in den Tiefen ihres Herzens – in den Tiefen wovon ihr wollt übrigens, in den Tiefen ihres Kopfes, in den Tiefen der Wälder – eine Hütte zu bauen, in die sie sich zurückziehen und erholen können. Sie sagen nicht alles, was ihnen durch den Kopf geht. Sie kennen die verheerenden Folgen und die Illusion von absoluter Ehrlichkeit. Ich werde dich nie belügen usw. Also bewahren sie sich einen sicheren Ort, der garantiert, dass sie dem Anderen, den sie so sehr lieben, der sie aber manchmal erschreckt oder aufregt – es endet immer damit, dass der Andere uns aufregt, daran zweifeln wir keine Sekunde lang –, dass sie dem Anderen, sagte ich, weder ihre Verbitterung noch ihre giftigen Geheimnisse an den Kopf werfen.

All das nur, um zu unterstreichen, dass Gloria sich problemlos in die Arme ihres Liebsten schmiegen konnte, ganz ihm gehören und ihn ganz besitzen, sie am frühen Morgen zusammen aufwachen konnten, zitternd, feurig, und sie zur gleichen Zeit fähig war, besonnen darüber nachzudenken, was Onkel Gio zu ihr gesagt hatte.

Samuel war einer, der etwas zweifellos Schädliches (Zigarette und Gin Tonic) in etwas Gemütliches und Einladendes verwandeln konnte. Er hatte ein Zimmer in der Stadt gemietet, hatte zu ihr gesagt: »Ich will nicht weg, ich kann dich nicht zurücklassen, mein Herz, bis jetzt habe ich aus dem Koffer gelebt, aber ich will das alles nicht mehr.« Er hatte sie nicht gebeten, ihm zu folgen, er hatte nur versichert, dass er immer zurückkomme, »Ich gehe auf Reisen«, sagte er, und seine Worte waren die eines Handlungsreisenden in beigefarbenem Trenchcoat, der in die Bretagne fuhr, um seine Regenschirme an den Mann zu bringen. »Ich komme bald wieder«, fügte er hinzu. Und das genügte Gloria. Sie zweifelte nicht an seiner Liebe. Sie fühlte sich auserwählt. Und das verschaffte ihr innere Ruhe.

Onkel Gio hatte irgendwann gesagt:

»Solche Jungs geben gute Freizeitanimateure oder Sportlehrer ab, sofern sich jemand ihrer annimmt, aber meistens bleibt es dabei, dass sie zu viel trinken und alles versauen.«

Gloria hatte Samuel in die blaue Strandhütte mitgenommen und dort mit ihm ihre erste gemeinsame Nacht verbracht; dieser Mann war ein Geschenk, er war unglaublich zärtlich, der Kontrast zwischen der Zärtlichkeit der Männer und ihrer sichtbaren Körperkraft ist ein Wunder, wie der Anblick eines Säuglings in den behutsamen Armen eines Riesen, dessen Hauptbeschäftigung die Jagd oder das Fällen von Bäumen ist, ein triviales, perfektes, reptilartiges Gefühl, aber es funktioniert immer. Es war also etwas Kostbares, mit Samuel im Bett zu liegen, nachts zwanzig Mal aufzuwachen, ihm beim Schlafen zuzusehen, seinen Duft einzuatmen, zu denken, Ich will er sein, um ihn nie zu verlassen, sich diesem Neandertalergefühl hinzugeben, Beschütz mich, ich werde mich ohne dich nie mehr sicher fühlen, sie war siebzehn, seien Sie nachsichtig, und darüber hinaus hat diese Art von Empfindung bei einem so zupackenden und willensstarken Mädchen wie Gloria etwas Rührendes, es ließ sie Teil der großen internationalen Gemeinschaft von Mädchen werden, die sich in Kleinganoven verlieben.

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Litresdə buraxılış tarixi:
23 may 2025
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212 səh. 4 illustrasiyalar
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9783627022938
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