Kitabı oxu: «Rabengelächter»

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Rabengelächter

1. Auflage, erschienen 12.2020

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Viona-Maria Victoria Kagerer

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-850-0

www.romeon-verlag.de

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Rabengelächter

Prolog

Eine einzelne Träne rann aus seinen Augen, bahnte sich den Weg und fiel zu Boden. Sanft bettete er ihren Kopf auf seinen Schoß und strich dem Mädchen mit zitternder Hand ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht. Er schüttelte den Kopf langsam, sie durfte nicht sterben, nicht hier, nicht jetzt, nicht durch seine Hand. Ein Druck baute sich in seinem Inneren auf, als sie mit zitternden Lidern versuchte, ihre Augen zu öffnen. Ein Schrei, unheilvoll und panisch, peitschte über das Schlachtfeld. „Wo ist sie?“ Er wollte dem verzweifelten Mann antworten: „Hier, bei mir! Hier, und ich habe sie zum Tode verurteilt!“ Doch in diesem Moment öffnete sie ihre Augen und blickte ihn mit einer solchen Intensität an, dass sein Atem stockte. Ein Lächeln zierte ihre blassen Lippen. Die einzige Farbe in ihrem Gesicht war das dünne Blutrinnsal, welches aus Nase und Mund floss. Ihre Augen, diese eisigen Augen, wanderten weiter und blieben an dem dämmrigen Himmelszelt hängen. Pfeifend holte sie Luft, er lauschte diesem Pfeifen. Doch dann erstarb es. Mit dem Gefühl, nicht mehr seinem Körper zugehörig zu sein, musste er mit ansehen, wie ihr Blick brach und diese eisigen Augen den roten Schimmer am Himmel widerspiegelten.

Kapitel 1


„Krah-krah“, hallte es über die Lichtung. Nebelschwaden hingen über den Bäumen, wie ein zweiter grauer Himmel. Die Bäume waren groß, und wenn ich groß sage, dann meine ich auch groß. Nicht diese Art von Baum, wo man den Kopf in den Nacken legt und die Krone sieht, sondern diese Art von Baum, wo man den Kopf in den Nacken legt und die Krone immer noch nicht sieht. Okay, zugegeben, das war jetzt ein wenig verwirrend formuliert. Aber das war ich nun mal: verwirrt …

Warum zum Geier stand ich mitten im Wald, mitten in der Pampa? Bei dem Wort Pampa durchzuckte mich ein Gedanke, gewürzt mit einem Hauch Panik. Wie komme ich je wieder mit meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn nach Hause? Ich wusste ja nicht mal, wie ich hergekommen war! Ich drehte mich noch einmal um mich selbst. Märchenwald, tanzte es durch meinen Kopf, als ich meine Umgebung genauer inspizierte. Das Moos zu meinen nackten Füßen war dick und hatte ein saftiges Dunkelgrün. Da war sogar ein … Moment mal, nackte Füße? Spätestens als ich sah, was ich anhatte, wurde mir klar, dass ich träumte.

Ich trug etwas Korsettartiges, das an den Seiten mit Leder zusammengeschnürt war. Auf meinen sonst nackten Schultern lag ein weißes Fell. Ein kurzer Rock aus Leder bedeckte meine Beine, und glaubt mir, der war so kurz, dass ich fast eine zarte Röte angenommen hätte. Das ganze Outfit war ziemlich knapp und erinnerte mich irgendwie an eine Wikingerkriegerin; nicht dass es welche gegeben hätte … Sexisten.

Vielleicht würde hier auch noch irgendein heißer Typ auftauchen, mit so einem Oberkörperpanzer, wo die einzelnen Muskeln eingegossen waren … Suchend blickte ich zwischen die Bäume. Ich meine, hey, wenn du die Chance hast, deinen Traummann zu treffen, dann spielt Schüchternheit ja wohl keine Rolle mehr. Und wenn er dann mit seiner tiefen Stimme deinen Namen wie ein Gebet spricht. Obwohl … stopp, das wäre gruselig. Sagen wir, er nennt ihn lässig, aber bitte nicht mit so einem Schnalzen danach. Ist in der Männersprache wahrscheinlich eine Art unwiderruflicher Liebesschwur; aber ganz ehrlich, so was kommt nur in Rosamunde-Pilcher-Filmen gut an, und diese Filme kamen bei mir nicht gut an.

„Anouk, komm zuuuuu miiiir!“

Stirnrunzelnd fragte ich mich, was mein Unterbewusstsein unter einer tiefen, attraktiven Stimme verstand. Denn diese Stimme, die mich zu sich rief, klang wie aus einem Horrorfilm entsprungen. Aus einem sehr, sehr schlechten, wo man noch keinen Stimmverzerrer hatte und sich einfach einen Becher von den Mund gehalten hat.

Die darauf folgende Stille jagte mir einen Schauer über den Rücken; also, das hatte jetzt echt Horrorfilmpotenzial. Wie um meine These zu bestätigen, krächzte in der Nähe ein Rabe. Unbehaglich rieb ich mir über die Arme, so sollte der Traum jetzt echt nicht laufen!

„Anouk!“

Ein drängender Unterton lag in dem kurzatmigen Gekrächze. Und dann passierte das, was in den ganzen Büchern und Filmen immer so schön ausführlich, bis ins letzte Detail, beschrieben wird: Ich hatte keinen Einfluss mehr auf meinen Traum, falls ich das je gehabt hatte. Mein Körper ging einfach in die Richtung von Mr. Stimmverzerrer. Ich ließ die kleine Lichtung hinter mir und ging und ging. Plötzlich stoppte ich. Jetzt, wo ich wieder die Kontrolle über meinen Körper hatte, fing ich erst mal an zu niesen. Kein wunder bei dem Plunder! Da hatten wir den Salat! Denn wie auch in der Realität war es hier Herbst, und ich wage mal zu behaupten, dass das, was ich trug, nicht gerade wettertauglich war. Ich schlang die Arme um meine Mitte und guckte mich zitternd um. Ich stand in einem Kreis aus Birken. Träge trudelte etwas vor meinem Gesicht zu Boden. Reflexartig griff ich danach; als ich die Faust öffnete, lag darin eine schwarze Feder. Langsam sah ich nach oben und begegnete den klugen Augen eines Raben.

Er breitete seine Schwingen aus und ließ sich wenige Meter vor mir zu Boden gleiten. Ich schnappte nach Luft und stolperte ein paar Schritte nach hinten. Jetzt, wo er vor mir saß, konnte ich sehen, wie riesig er war. Er reichte mir mit dem Kopf wahrscheinlich bis zur Hüfte. Und als wäre das nicht genug, öffnete er den Schnabel und begann zu sprechen (ja, ich sollte womöglich mal an so was wie Psychotherapie denken!).

„Naaa endliiiichhhh! Seiiii willkommmmen, Tochter!“

Er legte den Kopf schief und beobachtete mich. Erwartete er etwa, dass ich ihn „Papa“ nannte und ihm um den Hals fiel? Demonstrativ presste ich meine Lippen aufeinander. Gab es in diesem Traum vielleicht eine Art Stopptaste? Als das Schweigen mir auf das Trommelfell zu drücken begann, gab ich das Nicht-reden-Wollen auf und räusperte mich.

„Äh, hi, du“, oder sollte ich ihn doch lieber siezen? „Ich meine, Sie haben da was verloren. Äh, ja, hier!“

Ungelenk fuchtelte ich mit der Feder vor meiner Nase herum. Beeindruckt von meinen unglaublichen Redekünsten, hielt das Schweigen weiter an. Ich beugte mich also langsam zum Boden und legte die Feder vor meine Füße, dann trat ich einen Schritt zurück. Als hätte ihm diese Geste wieder das Leben und seine wirklich scheußliche Stimme eingehaucht, neigte er den Kopf leicht, wie eine angedeutete Verbeugung, und lispelte: „Behalten sollssst du sie, als Zeichen unserer unbegrenzten Loyalität, die sonsssst niemandem außßßer dem Vater selbsssst gebührt.“

„Äh.“(Ja, ich weiß, ich spürte meine Intelligenz.)„Danke, schätze ich mal.“ Wieder neigte er den Kopf – abgedrehter Vogel! Ich wollte schon den – wahrscheinlich nutzlosen – Versuch starten, krampfhaft aufzuwachen, als der Rabe von Neuem ansetzte. Bei seinen Worten rollten sich meine Fußnägel auf (im übertragenen Sinne, versteht sich …). „Vater sssagte, du bissst besssonders, er schickteee michh zu dirrrrr, Anouk. Wir werrrden dich finden, wir werrrden dich hooolen, weeeg von den Mensschen!“ Der Traum war echt abartig.

„Bitte lass mich aufwachen, hol mich von diesem paranoiden Raben weg, der mir gerade eine Stalking- und Entführungsdrohung gemacht hat!“, betete ich in Gedanken und schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, den Kopf in den Nacken gelegt, hatte ich Mühe, ein entsetztes Aufstöhnen zu unterdrücken. Von überallher wurde ich angestarrt, ich fühlte mich wie auf einem Präsentierteller.

Die Bäume waren voller Raben, als prangten dort lauter schwarze Früchte. Sie saßen still und reglos da und starrten mich aus glanzlosen Augen an. Doch dann kam Bewegung in die Reihen und einer nach dem anderen stieß sich von den Ästen ab und flog in spiralförmigen Bögen nach oben.

Nach und nach wurde aus den Raben ein in den Himmel fliegender schwarzer Strudel. Immer noch nach oben blickend, bekam ich nicht mit, wie der große Rabe sich der wogenden Masse anschloss, und meine Welt wurde schwarz, schwarz wie die Feder, die er fallen ließ.

Kapitel 2


Der schrille Ton des Weckers riss mich schließlich aus meinem Dämmerzustand. Und wie jeden Morgen verfluchte ich den Erfinder dieser Höllenmaschine, die beschlossen hatte, mich in den Wahnsinn zu treiben. Wüst fluchend, die Augen immer noch geschlossen, befreite ich meine Hand aus dem Deckengewühl und leerte mit einem Wisch mein Nachtkästchen. Zufrieden grummelte ich, als das Piepsen mit einem Mal erstarb. Das war dann wohl Wecker Nummer sieben gewesen. Aber es half alles nichts, na ja, außer ein überzeugendes Schauspieltalent, mit dem ich mich hätte krank stellen können, und wenn ich was nicht hatte, dann das.

Ich strampelte mich von der Bettdecke frei, setzte mich auf, pustete mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und wankte, wie ein Betrunkener nahe dem Tod, ins Bad. Der Blick in den Spiegel stellte sich wie jeden Morgen als eine Mutprobe heraus. Auf alles gefasst, hob ich den Kopf, als ich mir die Hände wusch, und schaute in den kleinen angelaufenen Spiegel. Ich hätte mir vielleicht davor doch die Haare kämmen sollen, aber was soll’s, es war zu spät. Ich quiekte entsetzt auf. Herrgott! Das würde meine Haarbürste unter die Erde, oder besser gesagt, in den Müll bringen. Meine Haare hingen wie ein bronzefarbener Vorhang bis zu meinen Hüften. Wie ein lockiger Vorhang mit einer Reihe von Knoten. Vielleicht sollte ich doch auf meine Mutter hören und mir über Nacht Zöpfe flechten, wie sie es mir jeden Morgen von Neuem predigte.

Die Badezimmertür flog auf und meine Mutter stob hinein, wie ein kleiner Wirbelwind. Schon am Morgen hatte sie Farbkleckse im Gesicht und strahlte so, als hätte sie eine Packung Sonnen gefrühstückt. Dieser Morgenenthusiasmus musste wohl von den Genen von Mr. Unbekannt überlagert oder aufgefressen worden sein, denn das Einzige, was ich am Morgen ausstrahlte, war miese Laune, die man tonnenweise hätte verpacken können. „Guten Morgen!“

„Moin“, murmelte ich zurück. Ekelhaft, diese Morgenmenschen, ganz widerlich.

„Ach Ano! Deine Haare, ich hab dir doch schon tausend-, nein, zweitausendmal gesagt …“

Und so ging das jeden Morgen. Ich wandte mich von meinem finster dreinschauenden Spiegelbild ab und schlurfte zusammen mit Mum aus dem Bad, die kleine pastellgelb angestrichene Wendeltreppe hinunter in die Küche, machte hin und wieder zustimmende Laute und schüttete mir eine Ladung Schokolade, Hafer, Bananenchips und Honig in eine Schüssel und stellte alle Gläser wieder zurück in die Regale. Selbst die Schokolade war in Gläsern, ich meine, hallo?! Das war ja wohl gegen die Naturgesetze! Alles stand voller Einmachgläser mit Schnappverschlüssen. Auf den Schränken, in den Schränken. Ich hatte schon oft mit meiner Mutter darüber diskutiert, warum wir nicht einfach alles so, wie es war, in die Schränke packen konnten, aber nein! Dann könnte ja nicht vorhandenes Ungeziefer rankommen. Na schön, wenn es ihr Spaß machte … Sie war so fanatisch, dass sie sogar die Metallverschlüsse in ihrem Atelier zu filigranen, kleinen Schnörkeln umschmiedete. Die überall aufgehängten Kräuter brachten die kleine hellblaue Küche fast zum Platzen.

Ich griff, ohne hinzuschauen, in den Kühlschrank, der durch die ganzen Gläser zum Bersten voll war, holte die Milch heraus, ließ den Verschluss des Milchglases aufschnappen und goss die Milch langsam über das bis jetzt ganz gesund aussehende Frühstück. Und ich habe nicht umsonst bis jetzt gesagt.

Wie von selbst fielen mir die Augen wieder zu. Blind holte ich ein Glas Mini-Marshmallows und ein Glas Kakao aus dem Apothekerschrank und kippte beides bis zum Rand der Schüssel hinein. Mums schrilles „Ano, musst du denn immer so viel ungesundes Zeug in der Früh essen!“ unterbrach mein Frühstücksritual schließlich. Ich schlurfte zu dem bunt gefliesten Esstisch, hockte mich auf einen der zusammengewürfelten Stühle und schaufelte mir meinen, heute wahrscheinlich einzigen, Lichtblick rein. Zwischen einer Löffelladung mampfte ich mit vollem Mund, die Milch noch schnell runterschlürfend. (Hinreißend, nicht wahr?)

„Das ist kein …“, ich ahmte ihren Tonfall nach, was jedoch in einem unverständlichen Gekrächze endete, als ich mich hoffnungslos an einem Marshmallow verschluckte und zwischen zwei Atemzügen „… ungesundes Zeug“ hervorstieß. Besorgt stellte meine Mutter ein neues Glas (keine Ahnung, wo sie das noch hinstellen wollte) auf den kleinen Tresen, um mir auf den Rücken zu klopfen.

„Geht’s?“, fragte sie, als sie mir zweimal so heftig auf den Rücken geschlagen hatte, dass ich jetzt wirklich keine Luft mehr bekam. „Jaja“, würgte ich unter tränenden Augen hervor, um einer weiteren gut gemeinten Schlägerattacke zu entgehen. Ja, auf den ersten Blick würde man meiner Mutter so eine Kraft wohl gar nicht zutrauen, so klein und elfenhaft wirkte sie. Und wieder einmal fragte ich mich, warum ich nicht auch so aussehen konnte wie sie: klein, zierlich, große, kornblumenblaue Augen. Wären die Haare nicht gleich, wäre ich ganz ehrlich nicht sehr überrascht gewesen, wenn mir jemand gesagt hätte, ich sei adoptiert.

Im Gegensatz zu ihr war ich mit meinen eins sechsundsiebzig geradezu ein Riese. Meine Haare waren noch unbändiger als ihre.

„Da siehst du mal, dass das Zeug nicht nur ungesund, sondern auch noch gefährlich ist. Probiere doch mal dieses neue Obstmüsli, das ich gekauft habe!“ Missmutig starrte ich sie an; musste ich ihr jetzt ernsthaft erklären, dass ich selbst an Obstmüsli ersticken könnte? Ungehalten erwiderte sie meinen Blick, und das mag bei meinen Augen was heißen! Die meisten wandten sich immer unangenehm berührt unter meinem Blick ab.

„Solange Kakaobohnen auf Bäumen wachsen, ist Schokolade für mich Obst!“ Während meine Mutter im Stillen Argumente suchte, die meine gar nicht so unlogische These entkräften könnten, wandte ich mich wieder meinem Musil zu.

Genervt blickte ich mich in dem kleinen lindgrünen Badezimmer um; alles bei uns war irgendwie klein und bunt. Wo war denn nur dieser lästige Concealer? Mit diesen Augenringen konnte ich mich auf gar keinen Fall unter Menschen wagen. Also, wo verflixt noch mal war denn … Ah, da war er ja, bedeckt von schwarz verschmierten Wattepads, die von meinem letzten missglückten Schminkversuch zeugten. Mit spitzen Fingern klaubte ich ihn unter diesen hervor. Ich wandte mich wieder dem Spiegel zu, aus dem mich jetzt ein blasses Mädchen mit dunklen Augenringen anstarrte. Umso mehr stachen seine eisblauen Augen aus seinem feinen Gesicht hervor. Wie ich verzog es seinen vollen Mund zu einer genervten Grimasse. Diese Augen. Das war eigentlich immer das Erste, worauf ich angesprochen wurde, und es störte mich. Es störte mich, wenn man mich auf sie ansprach, sie faszinierend nannte.

Meine Augen waren groß und in ihrer Mitte war ein weißer Ring, in dem ein kräftiges Hellblau zu Eis erstarrt schien. Weiße Linien zogen sich wie Lichtstrahlen zu der Pupille hin. Ich fand sie … gruselig. Abnormal, ja, das ist wohl der richtige Begriff für so was. Nachdem ich meine Augenringe bis ins Unkenntliche übermalt hatte, schaute ich noch einmal prüfend in den Spiegel. Erfreut erkannte ich, dass die Rötung auf der Spitze meiner geraden Nase verschwunden war, die ich immer bekam, wenn es kalt war. Wenigstens musste ich nicht auch noch meine Geheimidentität als Rudolph das Rentier verschleiern.

Ich streckte mich und zog eine Grimasse, als es an meiner Hüfte unangenehm knackte. Nein, ich war nicht neunzig und auf Pflegestufe fünf, sondern sechzehn mit massivem Bewegungsmangel (nicht dass ich vorgehabt hätte, etwas dagegen zu unternehmen …). Das große Handtuch um meinen Körper gewickelt, ging ich in mein Zimmer und suchte meine Unterwäsche zusammen. Ich wühlte in meinem kleinen gelben (ja, meine Mutter hatte auch hier gewütet) Bauernschrank, bis ich eine schwarze Hose und einen schwarzen Pullover mit silbernen Stickereien gefunden hatte. Im Gegensatz zu meiner Mutter war mein Motto, was Farben betraf: Je neutraler, desto besser! Denn schwarz, schwarz, schwarz sind alle meine Farben …

Kapitel 3


Ein Blick durch das Fenster neben der Haustür verriet mir, dass es immer noch regnete. Seufzend wickelte ich mir einen Schal um den Hals, knöpfte meinen Mantel zu, schulterte den mit verwaschenen Blumen verzierten Rucksack und nahm einen Regenschirm. Die Welt draußen offenbarte sich als grau, grau und noch mal grau. Und nass. Die Bäume des Waldes hinter unserem Haus wogen sich leicht im Wind. Und natürlich musste es passieren, dass ein Windstoß unter meinen Schirm fuhr und ihn nach oben stülpte. Seufz. Ein Regenschwall traf mich mitten im Gesicht. Na, wenigstens hatte ich keine Mascara drauf. Ich bog das nichtsnutzige Ding um und ging über unsere matschige Einfahrt zu dem kleinen Schuppen, an dem sich gemalte Sonnenblumen hochrankten. Ich steckte meinen Kopf durch die Tür. „Mama?“

Sie stand hinter einer Staffelei, die Augen konzentriert zusammengekniffen, die Zunge zwischen den Zähnen. Sie blickte auf. „Ano, Schatz, gibt’s was?“ „Ach, ich wollt’ nur Tschüss sagen. – Hast du einen neuen Auftrag?“ Die Aufmerksamkeit wieder völlig auf die Leinwand vor ihr gerichtet, nickte sie nur. Das würde jetzt Tage so weitergehen.

„Na dann, tschau!“

„Tschüss, Anouk-Schätzchen!“

Der Schulbus war wie gewöhnlich ernüchternd leer, na ja, ich glaube, außer mir wohnte wohl keiner im Wald. Auch das war so eine abgedrehte Idee meiner Mutter gewesen, als wir vor einem Jahr in diese niederbayrische Hinterprovinz gezogen waren. Von der Nordsee weg in ein kleines bayrisches Dorf, wo die Menschen praktisch ihre eigene Sprache sprechen. Nichts gegen Bayrisch, aber ich fand es erschreckend grausam, wenn ein gut aussehender Junge in dem extremsten Bayrisch, das man sich vorstellen kann, loslegte und dann auch noch versuchte, einen sexy Tonfall hinzubekommen. Ja, ich spreche da aus Erfahrung. Der Typ ging in meine Klasse und bei unserem ersten und einzigen Date – Gott sei Dank (!) – konnte ich nur anhand der Tonlagen und der Mimik erkennen, wann es mein Part war, empört zu nicken, zustimmende Laute und verblüffte „Ohs“ zu machen. Hans-Quirin – ja, er heißt wirklich so – fand, dass wir uns nach dieser, aus seiner Perspektive, auf beiden Seiten geglückten Kommunikation wiedertreffen sollten. Ich war da anderer Meinung. Da ich im Bereich Taktgefühl viel mit der Spezies Trampeltier gemein hatte, gab ich ihm einfach eine falsche Nummer und mied es, ihn in der Schule näher als zehn Meter ranzulassen. Ja, ich weiß, dass es fies war, ihm eine falsche Nummer zu geben und einfach so zu verduften, aber ganz ehrlich, ich war nun mal direkt, sehr direkt.

Meine Abfuhr hätte ungefähr so ausgesehen: „Nein, Hans-Quirin, ich möchte mich nicht noch mal mit dir treffen. Die Gründe sind folgende: a) Ich kann kein Wort von dem, was du sprichst, verstehen. b) Du hast Mundgeruch. c) Ich habe ich nicht vor, mein ganzes Leben auf einem Bauernhof mit lauter Landpomeranzen um mich herum zu verbringen, wie du es mir in naher Zukunft wahrscheinlich in unverständlicher Süßholzraspelei ankündigen wirst. Ich glaube, du kapierst, dass da kein zweites Treffen drin ist.“ Sein ach-so männlicher Stolz hätte danach wohl in Trümmern gelegen und er würde in die Ich-mache-Anouk-das-Leben-zur-Hölle-Phase kommen, die gleich auf die: Ich-bettel-so-lange-bis-sie-Ja-sagt-Phase folgt. Nicht, dass ich das brauchen könnte, wo ich ja hier als exotisches Wesen aus einer anderen Welt schon genug ungewollte Aufmerksamkeit bekam. Ehrlich, manchmal fragte ich mich, ob die hier keine eigenen Probleme hatten, wie zum Beispiel einen Pickel oder eine schiefgegangene Mathearbeit. Aber nein, es zählten ja die Pickel der anderen und die verhauenen Mathearbeiten der anderen. Ich seufzte. Warum mussten wir ausgerechnet hier hinziehen? Warum konnten wir nicht einfach auf Amrum bleiben, ein Ort, an den ich mich so gut gewöhnt hatte? Ich hatte mich da wirklich wohlgefühlt, abseits des Touristentrubels. Wieder seufzte ich. Meine Mutter und ich waren in meinem Leben schon so oft umgezogen, dass ich mich gar nicht mehr richtig an all die einzelnen Orte und Gesichter erinnern konnte.

Mittlerweile war der Bus zum Bersten voll. Glücklicherweise hatte sich Marie, ein stilles, ebenfalls neu hinzugezogenes Mädchen, neben mich gesetzt. So konnte Hans-Quirin mich nur vom anderen Ende des Busses mit Welpenaugen beobachten. Ich tat es Marie gleich, steckte mir meine Kopfhörer rein und verlor mich in einem Album von Milky Chance. Ich ließ meinen Blick über die schwatzende Menge gleiten. Schließlich blieb er irgendwo kleben und verharrte dort. Naiv wie ich war, achtete ich nicht darauf, wo mein Blick haften blieb, und träumte von meinem letzten Zuhause, von dem kleinen hellblauen Haus mit dem Stroh- und Binsendach, von dem Rauschen der Wellen, von dem Gekreische der Möwen … In dieses gottverdammte Kaff zu ziehen, konnte man praktisch mit dem Rausschmiss aus dem Garten Eden vergleichen. Ich seufzte. Als sich mein Blick wieder klärte, bemerkte ich, dass sich meine Augen etwas unterhalb von … oh bitte, Erde tu dich auf und verschling mich … der Mitte eines Jungen befanden. Und als ob das nicht genug wäre, musste es natürlich der Hosenstall von, na, wem sonst, Hans-Quirin sein. Zu meiner großen Beschämung hatte er mein Starren auch noch mitbekommen, und wenn ich mich nicht irrte, dann sollten die bis zum Gehtnichtmehr verzogenen Lippen wohl ein anzügliches Lächeln sein. Ich wandte den Blick rasch ab, ehe ich noch schreiend auf ihn losgehen oder aber aus dem fahrenden Bus springen würde.

Fünf Minuten bevor der Bus hielt, machte ich mich schon zur Flucht bereit und schoss dann mit gefühlten hundert Metern pro Sekunde aus dem Businneren. Ich scherte mich nicht um die verwirrten Blicke der anderen, das war mir komplett schnuppe; was mir allerdings nicht egal war, war, dass ein vertrottelter Junge, der mir täglich öfter Paarungssignale (igitt!) schickte, sich jetzt auch noch bestärkt in seiner Mission fühlte, mir mit der Keule eins überzubraten und mich in seine Höhle von Bauernhof zu ziehen. Mir schauderte bei diesem Gedanken und ich beschleunigte meine Schritte noch mehr.

Als ich das quadratische Backsteingebäude erreichte, drosselte ich mein Tempo auf das der anderen Kids. So unauffällig wie nur möglich mit meinen eins sechsundsiebzig in einer Herde von – aus meiner Perspektive – Liliputanern, erreichte ich mein Schließfach, wühlte darin herum, ohne zu wissen, was ich eigentlich suchte, nur um wenigstens mit der Hälfte aus dem Sichtfeld der anderen zu verschwinden. Halbherzig zog ich also meine Physikbücher aus dem Spind und schaute gerade in den Stundenplan an der Tür, als mir jemand auf die Schulter tippte. Ich hatte mich noch nicht umgedreht, da fing die Person an zu reden. Mir gelang es nur mühsam, den Reflex zu unterdrücken, in mein Schließfach zu springen und die Tür hinter mir mit einem Bunsenbrenner zu verschweißen. Also drehte ich mich zu der Quelle des platten Bayrischs um und versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren.

Anscheinend gelang es mir, denn anstatt beleidigt oder verschreckt abzuziehen, lehnte, oder besser gesagt, hing er mit der Schulter an dem Nachbarspind, die Arme vor der Brust verknotet, zwanghaft lässig grinsend. Ich unterdrückte ein genervtes Aufstöhnen und nahm mir vor, nächstes Wochenende Sprinten zu trainieren. Klar hätte ich ihm auch einfach die Wahrheit sagen können, aber sein Fanklub war einfach zu groß, um der Rache der anderen zu entgehen. Nicht dass ich davor Angst gehabt hätte, nur würde ich die Beleidigungen, die man mir dann definitiv an den Kopf werfen würde, auch gerne verstehen.

„Hi, ähm, wie heißt du noch mal?“ Ich versuchte ihn durch das Ich-kenn-dich-nicht-auch-wenn-wir-schon-ein-Date-hatten zu verschrecken. Doch anscheinend war er zu blöd, um das als Abschreckung zu verstehen. Stattdessen grinste er ein Tausend-Watt-Lächeln, sodass ich einen tieferen Einblick in seinen Mund bekam, als mir lieb war.

„I bins meine gloae Maus, da Hansi! Woasst scho! Mia hatdn doch a Date!“ Meinen entgeisterten Blick schien er als Zuspruch zu nehmen und blinzelte mir kokett zu. Mir klappte fast die Kinnlade herunter. Wie konnte man nur so empathielos sein?

Na gut, dann pass mal auf, HANSI, dachte ich grimmig, wenn du blöd sein kannst, dann kann ich das mit meinem Eins-Komma-null-Notendurschnitt auch! Also fragte ich in meinem naivsten Tonfall, den ich draufhatte: „Oh, hast du was im Auge?“, und stellte zufrieden fest, wie er verwirrt die Stirn runzelte. Als er jedoch – auf ungeschickte Art und Weise – seine Arme entknotete, doch leider nicht um einen Abgang zu machen, nein, sondern um sich in seine blond gelockten Haare zu fassen, hätte ich heulen können. Die waren wirklich umwerfend. Meine Güte, entweder hatte der Junge ein unerschütterliches Selbstvertrauen oder seine Dummheit übertraf einfach alles, was ich bisher gesehen hatte. Ich glaube eher Letzteres. „Na, Mausi, so bandelt ma hier a Madl o’.“

Ich überhörte beflissentlich das Mausi und den Rest, also eigentlich alles, und versuchte all meine Aggressionen auf die Bücher in meinem Arm zu lenken, leider nicht, indem ich sie ihm kurzerhand über sein unfassbar leeres Oberstübchen zog, sondern indem ich sie als eine Art eckigen, unnachgiebigen Antiaggressionsball benutzte.

„So, äh, ja, du, ich muss jetzt auch mal in den Unterricht. Man sieht sich.“ Das nicht fügte ich ganz still und leise in Gedanken hinzu. Ich knallte meine Spindtür laut zu, um wenigstens ein bisschen Dampf ablassen zu können. Mit einem Hauch Zufriedenheit sah ich noch, wie er den Kopf erschreckt zurückzog und mehrmals blinzelte. Doch leider hielt auch das ihn nicht auf, mir hinterherzudackeln und mir zu erklären zu versuchen, dass „mia“ zusammen Unterricht hatten. Ich machte große, überraschte Augen „Echt jetzt, wir haben zusammen Unterricht? Ich habe dich bisher gar nicht bemerkt!“ Das würde seinen Egoluftballon hoffentlich endlich platzen lassen. Und tatsächlich, meine Methode schien zu fruchten. Ich beobachtete, wie sich ein Schatten der Unsicherheit über sein Gesicht legte. Nicht, dass es mir Freude bereitete, ihn auf den Boden der Realität zu katapultieren und dabei wahrscheinlich sein ganzes Selbstbewusstsein und seine Arroganz zu zertrümmern; ich hatte einfach einen gesunden Selbsterhaltungstrieb und dieser Typ mit seinen elenden Tiervergleichen und seinem Landei-Bayrisch ging mir einfach wahnsinnig auf die Nerven.

Mein letzter Schachzug gegen das Landei war vielleicht doch nicht so gelungen, wie ich zunächst gedacht hatte, denn er hatte sich nun fest in den Kopf gesetzt, mir zu zeigen, dass wir zusammen in einem Kurs waren. Als hätte ich sein stilles Anschmachten nicht schon zwei Kilometer gegen den Wind gerochen, flogen die ganze Physikstunde Zettel zu mir herüber. Ich machte mir nicht mal die Mühe, sie aufzuheben. Himmel, Arsch und Zwirn, war der denn wirklich so dumm oder tat er nur so? Stur starrte ich an die Tafel, schrieb mit und starrte wieder an die Tafel. So verlief der ganze Schultag von acht Uhr bis um eins. Als er mir dann auch noch auf dem Parkplatz hinterherhechelte und mich seinen „siassa Hos“ nannte, platzte mir der Kragen. Ich wirbelte im Laufen herum und stoppte. Stolpernd kam auch er zum Stehen.

„Pass mal auf, Hans-Quirin! HÖR gefälligst auf, mir hinterherzurennen wie ein Küken der Henne. Ich kann dich verdammt noch mal nicht riechen und es wird sich auch nichts daran ändern, wenn du versuchst, mir wie mein Schatten überallhin zu folgen! Tu mir den Gefallen und lass mich einfach in Frieden, ja?“ Ich hatte es ja kommen sehen, aber zu beobachten, wie er immer verletzter schaute, fühlte sich dann doch sehr, sehr mies an. Ich hoffte, dass er jetzt einfach Leine zog, doch er brachte es fertig, mich mit seinen nächsten Worten in den reinsten Sprengsatz zu verwandeln. „Spatzl, i spür do, dass mia mitanand kean! Kämpfe doch ned so gegn dei Gfuie an!“

Meine Augen verengten sich und ich spürte, wie ich explodierte. Es war, als hätte ich mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet, und all der Frust über das andauernde Umziehen, die Einsamkeit und ihn entlud sich nun wie eine Gewitterwolke.

„Ja, ich werde jetzt nicht mehr gegen meine Gefühle ankämpfen, also bitte bring mir einen Eimer, ich kotze nämlich gleich. Was ich für dich empfinde, ist nämlich Ekel, Unverständnis und Genervtsein! Kannst du dir vorstellen, wie lästig es ist, nein, wie lästig du bist? Verdammte Scheiße, lass mich einfach in Ruhe! Ich will mit dir nicht das Geringste zu schaffen haben, genauso wenig wie mit diesem verratzten Ort von Dorf! Warum kannst du dich nicht einfach vom Acker machen! Bist du zu blöd, zu engstirnig oder zu eingebildet, um ’ne Abfuhr zu kapieren? Wenn ja, dann hier noch mal extra für dich zum Mitschreiben: ICH WILL MEINE RUHE HABEN! Such dir ein Mädchen, das deine Sprache spricht!“

Ich hatte mich so in Rage geredet, dass ich gar nicht gemerkt hatte, dass ich ihm im Laufe meines Monologes mit dem Zeigefinger in die Brust gepikt hatte. Genauso wenig hatte ich das Grüppchen Schaulustiger gesehen, das sich um uns herum angesiedelt hatte und uns nun angaffte. Jetzt, wo die Wut herausgebrüllt war, brachte ich es nicht fertig, ihm in die Augen zu schauen. Ich warf mir meine hüftlangen Haare über die Schulter und stapfte durch den Nieselregen davon.

Kapitel 4


Den Kopf gegen das kalte Busfensterglas gelehnt, versuchte ich mir einzureden, dass das Landei es nicht anders verdient hätte und selbst daran schuld wäre. Ich versuchte mein Gewissen zu beruhigen. Aber schon wieder kam eine Welle von Schuldgefühlen über mich. Ich hätte meinen Frust und meinen Ärger nicht an ihm auslassen sollen, und schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Klar, er hatte mich unheimlich genervt und früher oder später hätte ich es ihm sagen müssen. Irgendwie, aber nicht so. Resigniert schüttelte ich den Kopf. Ich hatte es schlicht und einfach verkackt, und das haushoch.

Der fast leere Bus (ich war wie immer der letzte Fahrgast) hielt mit einem kleinen Seufzer an. Draußen konzentrierte ich mich auf das Rauschen der Bäume im Wind und das Gefühl des leichten Nieselregens auf meinem Gesicht. Wir wohnten abgeschieden, mitten im Wald. Ich lauschte dem Geräusch meiner Schritte und wollte schon weiter Trübsal blasen, als ein Vogel dicht über meinen Kopf hinweg flog und sich zum Landen bereit machte. Erschrocken zuckte ich zusammen. Wie eine Schildkröte streckte ich meinen automatisch eingezogenen Kopf wieder zwischen meinen Schultern hervor und schaute erstaunt den Raben an, der vor mir auf dem Waldweg saß. Er legte den Kopf schief und blinzelte mich an. Ich machte einen Schritt auf ihn zu. Er blieb sitzen. Der war aber zutraulich. Ich ging in die Hocke und machte Kussgeräusche.

„Na hallo, wo kommst du denn her?“ Vielleicht war er ja ein zahmer Rabe? Ich betüterte ihn weiter: „Na, du bist ja ein Schöner, was machst du denn hier?“

Er blinzelte mich an und dann tat er etwas, das mich veranlasste, mich auf meine vier Buchstaben zu setzen. Er hüpfte auf mich zu und öffnete den Schnabel und krächzte: „Anouk!“ Dann schwang er sich in die Lüfte und verschwand zwischen den Baumkronen. Perplex schaute ich ihm nach. Hatte der Rabe gerade meinen NAMEN GEKRÄCHTZT?!

Als mein Hintern mir anfing wehzutun und mir bewusst wurde, dass ich in einer Pfütze saß, stand ich auf und klopfte meinen Mantel ab. Papperlapapp! Das Einzige, was gesprochen hatte, war mein Unterbewusstsein, und das war ganz klar eine Holt-mich-hier-raus-Reaktion gewesen.

Entschlossen marschierte ich den Rest des Weges, der zwar mehr mit platt gefahrenem Gras gemeinsam hatte, aber was sollte man auch von einem Waldweg erwarten? Zu Hause schleuderte ich mir die Schuhe von den Füßen und ging, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hoch. Ich rümpfte die Nase, als ich in meinem Hamstervorrat für schlechte Zeiten, wie zum Beispiel jetzt, eine Packung Joghurtgummibärchen entdeckte. Jesus, wie ich diese Dinger hasste! Ich zog zwei Packungen Milka-Schokolade aus der Kommodenschublade heraus. Oreo oder Smarties? Oreo gewann schließlich und ich hockte mich, nachdem ich die nassen Sachen gegen bequeme Hausklamotten eingetauscht hatte, auf mein weißes Vintage-Bett. Ach, wenn das Leben doch nur aus so Schokoladenmomenten bestehen könnte, dann wäre ich jetzt zwar kugelrund, aber immerhin glücklich.

Ich versuchte nicht daran zu denken, was in den nächsten Tagen auf mich zukommen würde. Nämlich eine ganze Portion Gruppenhass und verletzter männlicher Stolz. So ein Mist! Aber hätte ich gewusst, was tatsächlich noch auf mich zukommen würde, hätte ich diese Probleme wahrscheinlich mit einem Wink abgetan und gelacht. Tja, wäre, hätte, Fahrradkette …

Später hing ich über meinen Physikbüchern und brütete vor mich hin. Ich glaube, dieser Tag hatte den Jackpot im Mies-drauf-Sein echt geknackt. Ich lehnte mich in meinem Schaukelstuhl zurück (ach, wie ich ihn liebte!), legte meine Beine auf den Tisch und zog Mister Bumblebee, meinen heiß geliebten alten Teddybären, hinter meinem Rücken hervor. Ich schloss die Augen. Unten hörte ich, wie die Tür aufging und wieder geschlossen wurde. Hm, normalerweise sah ich meine Mutter, wenn sie an einem Bild arbeitete, erst wieder zum Abendbrot. Ich wollte sie gerade durch die Türen hindurch begrüßen, da ertönte von meinem Fenster her ein dumpfer Knall. Ich zog instinktiv meine Füße an und fegte somit den gesamten Schreibtisch leer. Erschrocken drückte ich Mister Bumblebee an meine Brust und sah wahrscheinlich wie ein verschrecktes Reh im Scheinwerferlicht eines Autos aus.

Was zur Hölle war das denn gewesen? Ich hob mein Gesicht aus Mister Bumblebees Fell und schaute zum Fenster hinaus. Dort tanzten lauter kleine Federn im Wind. Bewegung kam in mich. Ich war drauf und dran, mein Fenster aufzureißen und auf den Balkon zu springen, als ich sah, was das für ein Vogel war. Ein Rabe. Während ich mit mir haderte, kam Bewegung in das Tier. Es hüpfte auf die Beine, schüttelte kurz seinen Kopf und blinzelte mich an. Völlig gebannt von seinen nachtschwarzen Augen bemerkte ich nicht, wie meine Mutter, alarmiert von dem Knall, die Treppe hochgehastet war und jetzt in mein Zimmer platzte. „Was ist hier –“, sie brach ab, als sie den Raben sah, der nun sie fixierte. Ich drehte mich zu ihr um und sah, dass sie kalkweiß war. Besorgt fragte ich: „Mom, alles gut?“

Doch statt einer Antwort ließ sie krachend meinen Rollladen herunter und fuhr sich hektisch durch die Haare, dabei zitterten ihre Hände wie Espenlaub. Verwundert berührte ich sie am Ellenbogen. Da schien ihr wieder einzufallen, dass ich neben ihr stand, und ihr Blick wurde klarer, wenn auch nicht weniger fahrig. „Pack deine Koffer, wir müssen hier weg!“ Sie ließ mir keine Zeit für irgendwelche Fragen und stürmte aus meinem Zimmer. Im Weggehen rief sie noch über die Schulter: „In fünf Minuten fahren wir!“

„Mama, warte doch mal –“

„Nein Anouk, wir haben keine ZEIT!“

Ich weiß nicht, ob es ihr Tonfall war oder die Tatsache, dass sie mich Anouk nannte, jedenfalls tat ich wie befohlen und stopfte Unterwäsche, Klamotten und natürlich Mister Bumblebee in eine kleine Reisetasche, die ich aus den Tiefen meines Schrankes gezerrt hatte. Ich fragte mich, was plötzlich in sie gefahren war.

Schnell ging ich noch mal auf die Toilette und schleppte dann meine Tasche hinunter in den Flur. Dort stand sie schon, neben sich einen Koffer, ungeduldig mit dem Fuß wippend. Sie sah mich kurz prüfend an, schüttelte dann den Kopf und murmelte: „Nein, dafür ist später Zeit, jetzt müssen wir hier weg.“

Sie wirbelte herum, wickelte sich noch schnell einen Schal um den Hals und machte die Tür auf. Ich selbst band mir gerade die Schnürsenkel, als sie einen spitzen Schrei ausstieß. Ich blickte auf und verlor vor Schreck das Gleichgewicht. Die hatten hier eindeutig ein Rabenproblem.

Vor unserer Haustür hatten sich Dutzende Raben versammelt, unruhig auf und ab hüpfend, als auf einmal ein Flügelschlag ertönte und der größte Rabe – ja der größte Vogel – landete, den ich je gesehen hatte.

Kapitel 5


Er war größer als ich und selbst hier im Flur konnte man den Windstoß spüren, den seine Flügel beim Landen verursachten. Meine Mutter blieb entschlossen im Türrahmen stehen, während ich im Krebsgang rückwärtskroch und leise flüsterte, um das Monstervieh nicht zu verschrecken: „Mama, komm jetzt ganz langsam, ohne hektische Bewegungen, wieder rein und mach dann schnell die Tür zu. Aber gaaaaaanz langsam!“

Doch sie machte keine Anstalten, auch nur einen Millimeter von der Stelle zu rücken. Ich wollte mich schon gaaaanz langsam aufrappeln und sie hereinzerren, als sie zu meinem Entsetzen einen Schritt auf das Getier zumachte, die Schultern durchdrückte und anfing zu reden oder eher zu zischen. Himmel, klang sie wütend!

„Was bildest du dir ein, ja, was maßt du dir eigentlich an, hier aufzukreuzen? Verschwinde sofort von meinem Grund und Boden!“

„Äh, Mom“, unterbrach ich sie, als sie gerade Luft holen musste, „kannst du die Territorialfrage nicht durch ein Fenster oder eine Wand diskutieren? Also am besten von drinnen?“

Sie nickte grimmig und ich wollte schon erleichtert aufseufzen und wieder gaaanz langsam in den Flur zurückgehen, doch leider folgte sie mir nicht, sondern ballte ihre zierlichen Hände zu Fäusten und schrie dem Federgiganten zu: „Ja, ich werde die Revierfrage klären, und zwar von meinem Auto aus, nachdem ich dich dem Erdboden gleichgemacht habe!“

Der Rabe und ich gaben unisono einen überraschten Laut von uns, als meine Mutter ihre Arme hochriss und die Luft von einem gleißenden Licht erfüllt wurde. Ich öffnete meine zusammengekniffenen Augen und sah irgendetwas aus goldenem Licht in die Luft gezeichnet; bevor ich die Form des Gekrakels jedoch entziffern konnte, ertönte von irgendwoher ein tiefes, volles Lachen. Ich lugte vorsichtig an meiner Mutter vorbei. Der Rabe war verschwunden, an seiner statt stand dort nun ein Mann, wahrscheinlich der bestaussehende, den ich je gesehen hatte.

Ja, selbst Orlando und Leonardo sahen gegen ihn alt, ach was, uralt aus. Er hatte schulterlanges, volles, kupferbraunes Haar mit etwas helleren, zimtfarbenen Strähnen, das zum Teil offen in kleinen Zöpfen, zum Teil in einem Knoten im Nacken zusammengebunden war. Auf seinen Schultern lag ein dickes grauweißes Fell und sein Oberkörper steckte in einem Lederteil, wo die einzelnen Muskeln eingearbeitet waren. Und, huch, er trug einen Rock; ich weiß allerdings nicht, ob das der richtige Begriff dafür war, denn die normale Vorstellung eines Rockes traf dies weniger.

Es waren eher breite, schwarze, aneinandergereihte Lederstreifen, die an den Enden mit Nieten besetzt waren und bis zu seinen Knien reichten. An seiner Hüfte hing eine ganze Sammlung von Dolchen und hinter seinen Schultern glaubte ich zwei Schwertgriffe zu erahnen. Zudem trug er Arm und Schienbeinschützer. Aber sein Gesicht war einfach … wow! Seine Haut hatte einen goldenen Schimmer, er hatte hohe Wangenknochen, volle Lippen, eine gerade Nase und nicht mal die Augenklappe, die er trug, konnte sein strahlendes Antlitz entstellen. Alles an ihm kam mir irgendwie bekannt vor und sein Auge, es strahlte in einem gefrorenen, intensiven Hellblau.

Sein ganzes Outfit und die beiden hundegroßen Raben, die nun zu seinen Füßen landeten und sich mit ausgebreiteten Flügeln vor ihm verbeugten, waren vergessen, als er sich schließlich als das offenbarte, was ich schon die ganze Zeit dachte.

„Hallo Anouk, meine Tochter!“

Kapitel 6


Es dann aber zu hören, war dann doch etwas anderes. Zum Glück fuhr meine Mutter dazwischen, denn ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was ich hätte sagen oder tun sollen.

„Anouk ist MEINE Tochter OHNE eine“, sie schnaubte verächtlich, „ohne eine nennenswerte Vaterfigur!“

Sie sagte es in einem so kalten Ton, dass mir der Kriegertyp beinahe leidtat. Doch anstatt auf ihren Tonfall einzugehen und wie jeder andere vernünftige Mensch die Flucht zu ergreifen, lachte er wieder aus vollem Halse.

„Du hattest schon immer viel Temperament, ungewöhnlich für eine Albi, meinst du nicht auch?“

Während die beiden weitere Seitenhiebe austauschten, musterte ich ihn. Die Ähnlichkeit zwischen uns war unverkennbar. Wir hatte dieselben Augen, oder na ja, in seinem Fall Auge, dieselben hohen Wangenknochen, denselben vollen Mund. Aber warum kreuzte er jetzt mit seinem Hühnerstall, wie meine Mutter netterweise das schwarze Getümmel um ihn herum bezeichnete, hier auf, und dann auch noch in so einem Aufzug? Sein Auge lag plötzlich auf mir. „Hat deine Mutter dir jemals gesagt, was du bist?“ Neben mir schnappte meine Mutter nach Luft. „Wage es nicht, auch nur einen Ton zu sagen, Odin!“ Odin, war das nicht so ein alter germanischer Gott?

Egal, ich hatte irgendwie das dumpfe Gefühl, in irgendeinem Actionfilm festzustecken. Etwas linkisch kam ich mir schon vor, als ich tatsächlich mit meinem anscheinend völlig gestörten Vater redete. „Ähm, also, du bist also wirklich …“ Ich brachte das Wort Vater nicht über die Lippen, also war er so gütig, meinen Satz zu vervollständigen. „… Vater“, nickte er. Ich atmete geräuschvoll aus. „Und was wolltest du mir vorhin sagen, bevor, ähm, na ja …“ Ich deutete unbeholfen auf meine Mutter.

Er verstand und zeigte kurz mit dem Kinn in Richtung Flur. „Ich denke, wir sollten das lieber drinnen besprechen, wo du dich hinsetzen kannst.“

Ich runzelte die Stirn, das klang ja mal vielversprechend, warum nicht gleich auch noch den Krankenwagen rufen? Anscheinend schien diese Idee meiner Mutter nicht so zu behagen, denn sie räusperte sich und machte schon den Mund zum Protestgeschrei auf, als mein Vater (irgendwie komisch von heute auf morgen einen zu haben) ihr zuvorkam. „Bevor du jetzt richtig loslegst, denk auch an das Wohl unserer Tochter!“ Ups, das war wohl ein Schuss in den Ofen, ich meine: Hallo, welche Mutter lässt sich gerne als selbstsüchtig bezeichnen?!

Die Luft um sie schien förmlich zu knistern und, ach du liebe Zeit, waren das etwa Lichtfunken, die aus ihren Fäusten sprühten?

Ich spürte, wie meine Augen groß wurden. Doch anstatt wieder diese krasse Energienummer wie vorhin abzuziehen, beließ meine Mutter es dabei und sagte abfällig: „Im Gegensatz zu dir denke ich sehr wohl an das Wohl MEINER Tochter und war, im Gegensatz zu DIR, die letzten sechzehn Jahre für sie da!“ Autsch, das hatte sicher wehgetan.

Ich sah, wie seine Schultern leicht nach vorn sackten und sein überirdischer Schein etwas gedämpft aussah. Eins zu null für Mama, denn da hatte sie wirklich recht. Müde fuhr er sich über die Augen und sein Tonfall war so resigniert, als ob er gerade seinen besten Freund verloren hätte. „Wir haben keine Zeit mehr, Liv. Ihre Magie kommt zum Vorschein, ich kann es spüren. Wenn du wirklich das Beste für Anouk willst, dann lass mich ihr alles in deinem Beisein erklären und sie nach Halvar bringen, den einzig sicheren Ort für jemanden wie sie.“

Jemanden wie mich, na danke.

Meine Mutter war im Laufe des Gespräches immer blasser geworden und schien mit der Hauswand verschmelzen zu wollen. Völlig aufgelöst stemmte sie die Hände in die Hüften. „Aber das kann nicht sein, ich habe immerzu ihr Gedächtnis gelöscht, wenn sie wieder angefangen hat zu träumen, ebenso wie meine ganzen Runen, die ich überall im Haus habe. Wir haben die Wandlung schon ihr ganzes Leben unterdrückt! Ich verstehe nicht, was schiefgelaufen ist.“ Verzweifelt warf sie die Arme in die Luft.

Wie bitte? Hatte ich da richtig gehört? Sie hatte mein Gedächtnis gelöscht und meine Wandlung, was auch immer das sein sollte, mit Runen unterdrückt, dieses Gekrakel von den Urmenschen? Okay, das war jetzt vielleicht übertrieben, trotzdem hoffte ich, dass sich das hier alles als ein dummer Scherz entpuppen würde.

Doch mein Vater spielte seine Rolle weiter und entgegnete nüchtern: „Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.“

Seine letzten Worte klangen so bitter, dass ich ihm wieder ins Gesicht schaute. Er sah traurig aus. Bevor ich jedoch lospoltern konnte, was hier eigentlich gespielt wurde, hörte ich meine Mutter seufzen: „Anouk, wir müssen dir etwas sagen. Du bist nicht so wie andere Jugendliche.“

Oh, oh, wenn Eltern das sagten, dann folgte meistens nichts Gutes. Gleich würden sie mir sagen, dass ich etwas Besonderes sei und in eine besondere Wohnanstalt namens Psychiatrie gehören würde, und Psychiatrie dabei so komisch betonen, dass es wie ein tolles Fremdwort klang. Und schon ging’s los. „Anouk, du bist etwas ganz Besonderes.“

Oh, ich war ganz besonders. Vorsicht!

Kapitel 7


Mein Magen hing mir irgendwo zwischen den Kniekehlen und ich hatte das blöde Gefühl, nachher erst einmal der Toilette einen sehr, sehr langen Besuch abstatten zu müssen. Konnten die das Dramapensum nicht ein bisschen runterschrauben? Da ergriff meine Mutter überraschend das Wort, hoffentlich würde sie ihn anbrüllen, dass er verschwinden und nie wieder kommen solle und dass mit mir alles okay sei, aber dann tat sie etwas, das sowohl meine Kinnlade als auch die meines Vaters herunterklappen ließ: „Odin, Anouk, kommt ins Wohnzimmer, aber dein“, sie zeigte auf die Raben, „Federvieh, bleibt draußen!“

Eilig nickte mein Vater, wandte sich um und schaute die beiden großen Raben an, dann drehte er sich wieder um. „Hugin und Munin werden mit den andern hier warten.“

Hugin und Munin, ich meine, echt jetzt, die hatten auch noch Namen?! Mein Vater musste meinen Blick bemerkt haben, denn er schmunzelte und erklärte: „Die Raben sind neben den Wölfen meine treuste Gefolgschaft, deshalb werde ich auch Hrafnass genannt.“ Er seufzte, als ein unausgesprochenes „Hä?“ zwischen uns stand. „Das heißt Rabengott.“ Ich zog die Stirn kraus, der Mann litt eindeutig an Größenwahn! Ich folgte ihm ins Wohnzimmer, das mit seiner Gegenwart plötzlich viel zu klein schien. Selbstsicher setzte er sich auf den Sessel, in dem ich immer fast versank, und es sah so aus, als hätte das Möbelstück sein ganzes Leben lang darauf gewartet, sein Thron zu sein. Ich schaute den braunen Ledersessel böse an. Verräter!

Ich setzte mich auf die Couch und schaute zwischen meinen Eltern hin und her. Meine Mutter hatte sich gegenüber von meinem Vater aufgebaut, kurz begegneten sich ihre Blicke, was beide schnell wegschauen ließ. Ich räusperte mich, um die beiden auf ihre verstörte Tochter aufmerksam zu machen.

Odin (Vater hört sich einfach nicht richtig an) beugte sich vor. „Du hast keine Ahnung von germanischer Kultur, oder?“ Er seufzte, als ich stumm den Kopf schüttelte. „Dann ist es also an mir, dir dein Erbe zu offenbaren.“

Das klang ja mal dramatisch! Ich versuchte so ernsthaft wie möglich auszusehen, aber mir entfuhr doch ein Kichern, als ich sagte: „Na dann, die Märchenstunde kann beginnen!“

Auf Odins finsteren Blick hin hob ich abwehrend die Hände. Ich war zu dem Entschluss gekommen, dass ich das alles hier am besten einfach wie einen misslungenen Aprilscherz betrachten sollte. Er räusperte sich. „Da wir nicht viel Zeit haben, kann ich dir nur eine Kurzfassung geben, der Rest wird sich später klären. Ich bin ein Gott, genau genommen der Hauptgott der nordischen Götter. Deine Mutter ist eine Lichtalbi, oder wie du es wahrscheinlich nennen würdest, eine Elfe. So etwas wie dich hat es bisher noch nie gegeben, denn Verbindungen zwischen den zwei Gattungen sind selten und verboten, und keiner weiß, was du bist; wir wissen nur, dass du weg von hier musst in eine Schule für Kinder der nordischen Gesellschaft, die Halvarschule in den Flujamooren. Die Sachen, die du brauchst, hast du ja schon gepackt“, fuhr er trocken fort (wahrscheinlich gefiel es ihm nicht sonderlich, dass er der Grund für das alles hier war). „Wir werden jetzt sofort abreisen. Alles, was du dort für den Unterricht brauchst, wird bereits vorbereitet sein. Der Rest wird noch geholt. Ich werde deine Mutter und dich jetzt alleine lassen und draußen warten, wir haben nicht viel Zeit.“

Mit diesen Worten stand er auf und ging mit großen Schritten aus dem Raum. Ich schaute ihm wie ein begossener Pudel hinterher. Hilfe suchend wandte ich mich an meine Mutter.

„Mum, sag mir, dass das nicht wahr ist; sag mir, dass dieser Geistesgestörte nicht mein Vater ist!“

Betroffen dreinschauend ging sie um den kleinen Tisch herum und setzte sich zu mir. „Doch, das ist er, und …“, sie schaute mich streng an, „… je eher du das akzeptierst, desto besser für dich. Er will nur dein Bestes, er hat dich auch schon bei der Schule angemeldet und –“

Entgeistert schaute ich sie an. „Ist das dein Ernst?“

„Was?“

„Du nimmst den Typen in Schutz, der dich und mich vor sechzehn Jahren hat sitzen lassen und jetzt mit Pauken und Trompeten verkündet, er sei Odin und ich müsse jetzt ganz schnell in dieser ach so tollen Schule untertauchen? Hallo? Komm zurück auf den Boden der Realität, Mama!“, sagte ich wütend gestikulierend. „Wenn dieser Mann uns wirklich lieben würde, dann würde er nicht versuchen, uns voneinander zu trennen! Wie kannst du nur diesen … diesen Geistesgestörten immer noch lieben?!“

Kurz wurde meine Welt schwarz. Als ich wieder klar sehen konnte, stand ich ruckartig auf. Meine Hand auf meine brennende Wange gepresst, schaute ich meiner Mutter fest in die Augen, dann drehte ich mich um und stürmte aus dem Wohnzimmer und die Treppen in mein Zimmer hinauf. Weg von meiner Mutter, weg von meinem Vater.

Weg, ich musste weg. Aber ich würde definitiv nicht mit meinem – würg – Vater mitgehen. Entschlossen holte ich einen großen Rucksack aus meinem Schrank und stopfte in blinder Hast alles Mögliche hinein. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch blieb. Ich streifte mir eine Mütze und einen Parka über, ehe ich mich zu meinem Fenster umdrehte und es leise öffnete. Unten hörte ich meine Eltern reden. Sehr schön, dachte ich grimmig, während ihr eure Schlachtpläne macht, habe ich genügend Zeit, unbemerkt zu verduften.

Mir innerlich die Hände reibend, schwang ich meine Beine über das Balkongeländer und griff nach dem dicken Ast der Buche, die vor meinem Zimmer stand. Mit klopfendem Herzen, bemüht, nicht hysterisch loszukichern, schwang ich mich vorsichtig von Ast zu Ast, bis ich hinunterspringen konnte.

Ich rannte los. Zum ersten Mal war ich dankbar, dass wir im Wald lebten. Im dichten Schutz des Blätterdachs drehte ich mich noch mal um. Das konnten die vergessen, dass ich freiwillig in diese Schule gehen würde! Mir innerlich auf die Schulter klopfend, joggte ich los. Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem MP3-Player und stellte grinsend „Auenland“ aus „Herr der Ringe“ ein. Ich lief durch den Wald, bis ich zu der Landstraße, der Ader des Lebens, gelangte. Im Schutz der Büsche lief ich immer weiter. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wohin ich wollte.

Es begann dunkel zu werden, als ich ein kleines Bushäuschen erreichte und mich erschöpft auf die Bank fallen ließ. Ich studierte die Busfahrpläne und entschied mich, einfach den ersten zu nehmen, der kommen würde, solange dieser nicht wieder zurückfuhr, versteht sich. Ich starrte auf meine völlig verschlammten Schuhe und leise meldeten sich Zweifel und begannen an mir zu nagen. Ich verdrängte sie und versuchte nicht daran zu denken, wie viel Sorgen meine Mutter sich jetzt machen würde. Stattdessen versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, wie wütend ich auf sie war und dass ich auf gar keinen Fall nach Hause zurückgehen würde.

Ich schreckte aus meinen düsteren Gedanken auf, als ich Schritte hörte. Meine Hände wurden schweißnass. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, einfach abzuhauen? Was, wenn jetzt irgendein Psychopath um die Ecke kam, um mich um die Ecke zu bringen? Ich unterdrückte ein panisches Fiepen und beruhigte mich ein bisschen, als ich in einer meiner Taschen ein Miniklappmesser fand.

Eine kleine Gestalt setzte sich ohne ein Wort neben mich. Erleichtert sog ich die Luft ein und … ach du liebe Zeit. Von einem auf den anderen Augenblick wurde mir so übel, dass ich befürchtete, in einem Strahl kübeln zu müssen. Als ich mich wieder gefasst hatte, vergrub ich meine Nase in meinem Parkakragen und atmete durch den Mund ein und aus. Dieser Gestank … Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie er mich und die ganze Umgebung um mich herum umhüllte. Es roch süßlich-faulig und dazu dieser widerliche Geruch von Laubhaufen, die schon viel zu lange irgendwo lagen. Dieser Geruch, er erinnerte mich an irgendetwas, doch ich wusste nicht an was.

Unauffällig rückte ich Stück für Stück weg von der vermummten Gestalt. Zu meinem Entsetzen rückte sie, nennen wir sie Hugo, Stück für Stück weiter auf und fing jetzt auch noch zu summen an – das schrecklichste Summen, das ich je gehört hatte. Ich stand auf und mein Unwohlsein wuchs weiter und weiter, als auch Hugo sich erhob. Ich tat so, als würde ich es nicht bemerken, und klappte, während sich in meinem Geist alle möglichen Horrorszenarien abspielten, das kleine Messer in meiner Tasche auf. Die dämmrige Dunkelheit hatte sich inzwischen in eine tiefe Schwärze verwandelt und das Gesumme von Hugo in eine Art Kriegsgesang, der immer lauter wurde – oder vielleicht auch immer näher kam. Wieder schlug mir eine Welle bestialischen Gestanks entgegen, und als ich mich umdrehte, stand er/sie/(es?) direkt vor mir. Meine Muskeln, selbst meine Kiefermuskeln, versuchten mich zum Weglaufen zu überreden. Doch alles, was vorher so gestunken hatte, duftete jetzt nach Blumen, nach Nachhausekommen, nach frisch gebackenen Plätzchen. Wo ich vorhin noch grüne Gestankswolken zu sehen glaubte, umgab uns nun ein Licht. Hugo streckte seine Hand aus und ich legte meine Hand, die nun auch leuchtete, in seine hinein.

Ich blickte mit einem unendlichen Glücksgefühl auf unsere verschränkten Hände; ich wusste nicht, wer ich war oder warum ich hier war; ich wusste nur, dass ich unendlich glücklich war, meine golden leuchtende Hand in seiner bläulichen, schwammigen und knochigen Hand zu sehen. Die bezaubernde Melodie wurde wieder zu diesem abscheulichen Gekreische. Mit einem Aufschrei, der mich selbst überraschte, entriss ich Hugo (unterschätzt wegen des Namens nicht den Ernst der Lage) meine immer noch leuchtende Hand und wankte ein paar Schritte zurück.

Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt. Ich fing an zu rennen, was in einem ungewollten Slalomlauf endete. Was hatte dieses Ding mit mir gemacht? Hugo setzte mir in großen Schritten nach und der beißende Gestank signalisierte mir, dass er mich gleich würde eingeholt haben, als sich etwas um meine Beine wickelte und mich im Straßengraben zu Fall brachte. Als Hugo sich über mich beugte und ich etwas Kaltes, Scharfes an meiner Kehle spürte, wusste ich, woran mich dieser Gestank erinnerte: an Tod, an Verwesung. Ich hätte in diesem Moment schreien und um mein Leben kämpfen sollen, doch das Einzige, was in meinem Kopf Platz hatte, war mein Parka. Ja, mein Parka, ich machte mir Sorgen, ob ich die Flecken jemals wieder rausbekommen würde, und fing an zu fluchen, als ich merkte, dass ich im Schlamm lag. Vergessen war Hugo, es zählte nur noch mein Parka.

Mit einem Ruck stand ich auf und rammte Hugo meinen Fuß zwischen die Beine. Er krümmte sich und ich vernahm, wie etwas mit einem dumpfen Aufprall in den Morast fiel. Schon wieder war da dieses goldene Leuchten, doch bevor ich vermochte, mich um mich selbst zu drehen, wurde das Gesicht von Hugo kurz von jenem Licht erhellt – oder das, was davon existierte. Ich drehte mich um und nahm meine Beine in die Hand. Die Angst hatte mich nun wieder fest im Griff. Mir war bewusst, dass ich jetzt um mein Leben lief. Keuchend hetzte ich in Richtung Waldrand.

Dort angekommen, kniff ich die Augen zusammen und riss meine Arme in die Höhe, um mich vor den tief hängenden Zweigen zu schützen. Schließlich wurde ich wieder einmal von meiner Tollpatschigkeit überwältigt und fiel. Schnell rappelte ich mich auf und kauerte mich an einen dicken Baumstamm. Zitternd saß ich da. Dieses Gesicht. Das, was da hinter mir her war, nach Verwesung riechend, wahrscheinlich meinen Tod wollend, war kein Mensch, war kein Tier. Diese bläuliche, schlaffe Haut, diese leeren Augenhöhlen. Ich unterdrückte meinen Würgereiz und ein Wimmern, als ein lautes Knacken im Unterholz meinen Herzschlag übertönte.

Wieder brach eine Welle des Gestanks über mich herein und das hohe und tiefe Gesumme, das wahrscheinlich sämtliche Geräusche einer Irrenanstalt vereinte, wurde lauter und lauter. Das Einatmen tat vor Angst richtiggehend weh und ich kniff die Augen zusammen, mit der absoluten Gewissheit, gleich zu sterben. Dann, urplötzlich, erstarb das Gesumme und wurde von einem schmatzenden Geräusch ersetzt, das kurz darauf in einem dumpfen Aufschlag endete.

Kapitel 8


„Hey, wenn dein Plan ist, unsichtbar zu sein, dann solltest du mal die Glühbirne abstellen.“ Ich riss meine Augen auf, als eine melodische, tiefe Männerstimme die plötzliche Stille durchbrach. Mir tanzten Sterne vor den Augen. Ich ignorierte die helfende Hand, die er mir hinhielt, rollte mich zur Seite und übergab mich. Bei meinem Versuch, mich hochzurappeln, griff er mir unter die Arme und stellte mich, als wäre ich leicht wie eine Feder, auf meine Füße.

Er musterte mich und ich ihn. Wäre mein Stolz nicht irgendwo auf der Strecke zwischen dem Bushäuschen und hier verloren gegangen, dann würde ich jetzt vor Scham im Boden versinken; je tiefer, desto besser. Er war ein Wow! Ich glaube, ich hatte noch nie so einen heißen Typen gesehen wie ihn (mit Ausnahme meines Vaters, doch der zählte nicht). Er war groß, breitschultrig und muskulös. Seine Haare waren schlohweiß, mit einzelnen goldenen Strähnen. Sie waren im Nacken zusammengebunden und seine ebenmäßigen Züge wirkten angespannt. Er kniff seine mandelförmigen, blauen Augen zusammen. Während er mich musterte, strich er gedankenverloren über ein am Gürtel befestigtes Schwert.

Ich wirbelte auf dem Absatz herum und rannte, oder stolperte eher, los. Im selben Moment riss er mich zu Boden, setzte sich rittlings auf mich und packte mit einer mühelosen Bewegung meine Fäuste, die somit ihr Ziel verfehlten. Ruhig blickte er auf mich herab, während ich mich vergeblich freizukämpfen versuchte. Mit einem amüsierten Lächeln auf seinen vollen Lippen beobachtete er mich und in diesem Moment wünschte ich diesen schönen Teufel in die Hölle zurück, aus der er gekommen war.

Als er gerade seinen Mund öffnete, um höchstwahrscheinlich etwas Beleidigendes zu sagen, zog ich kurzerhand meine Knie an und drückte mich mit aller Kraft hoch, gleichzeitig gleißte ein Licht wahnsinnig hell auf. Ich weiß nicht, ob ich es meinen nicht vorhandenen Kampfkünsten oder dem Licht verdankte, denn jetzt war der superheiße Typ dort und ich hier, aber er saß nicht mehr auf mir, was ich im Stillen leise bedauerte. Oje, als ich mich aufrappelte und einen Blick auf ihn erhaschte, sah er sauer aus, sehr sauer. Zwischen zusammengebissenen Zähnen, sich auf die Knie stützend, zischte er wütend: „Es reicht, jetzt reicht es!“ Dann zückte er das Schwert, das an seinem Gürtel hing, und rannte auf mich zu, während ich ihn einfach nur anstarrte. Irgendwie irritierte ihn das, denn er blieb schwer atmend stehen. Es hielt ihn aber leider nicht davon ab, mich an der Kehle zu packen und an den Baum zu drücken, das Schwert zuschlagbereit „Was bist du?“

„Mein Name ist Anouk, Anouk Nelson!“ Warum antwortete ich eigentlich? Der Griff wurde fester. „Ich fragte nicht, wer, sondern WAS du bist.“ Jetzt wurde ich sauer! Ich hielt nichts von Typen, die Mädchen wehtaten. Ich versuchte, mich zu befreien und ihm die größtmögliche Dosis an Schmerz zuzufügen. „Hast du keine Augen im Kopf, du nordischer Arsch? Ich bin eine verdammte Halbgöttin, deren Daddy dir den Hintern versohlen wird, wenn du sie nicht sofort runterlässt!“ Ja, so weit war es also schon gekommen! Ich drohte ihm mit meinem Pseudo-Gott-Vater und bezeichnete mich als Halbgöttin. Psychiatrie, wir kommen!

Die Rinde des Baumes riss meinen Parka auf, während der gut aussehende Brutalo mich langsam herunterließ und den Griff um meine Kehle lockerte. Ich nutzte die Gelegenheit und trat ihm mit aller Kraft auf den Fuß, doch er schien es nicht einmal zu bemerken. Wieder betrachtete er mich kritisch von oben bis unten. „Halbgöttin, sagst du?“ „Ja, eventuell! Hast du ein Problem damit? Übrigens, du hast da einen Pickel.“ Ich deutete auf seine Schläfe. Ich hatte keine Angst, nicht vor ihm – wenn er mich hätte töten wollen, läge ich jetzt hier bestimmt mit einer Axt im Schädel.

Ich linste über seine Schulter, während er sich in das Gesicht fasste. Er schien völlig aus der Bahn geworfen zu sein. In dem sanften Licht konnte ich eine Gestalt ausmachen, die in einer merkwürdig zusammengekrümmten Haltung dalag. Ich machte mich klein, schlüpfte unter den Armen von Mr. Superkrieger durch und huschte, bevor er mich wieder packen konnte, zu der Gestalt. Entsetzt sah ich das Messer in der Brust des absolut hässlichsten Wesens unter der Sonne stecken. Entgeistert drehte ich mich wieder um und zeigte anklagend auf ihn. „Du hast Hugo umgebracht! Mit einem Scheißmesser!“ Ich wusste, dass ich ihm eigentlich dankbar hätte sein sollen, dass er mir das Leben gerettet hatte, trotzdem lag da ein totes Irgendwas. Nicht dessen Tod schockierte mich, sondern dass der Tod unmittelbar in meiner Gegenwart eingetreten war.

„Das ist kein Messer, das ist ein Dolch. Und es tut mir leid, wenn ich eurer kleines Versteckspiel unterbrochen habe; vielleicht wollte Hugo ja einfach nur Hallo sagen!“ Mir reichte es, und zwar gründlich! „Ich geh jetzt! Und wehe, du folgst mir!“ Wütend wollte ich mit dem letzten bisschen Würde, das mir geblieben war, an ihm vorbeistolzieren, als er schon wieder vor mir stand. „Oh, ich werde dir nicht folgen, denn du bleibst schön hier!“ Mein Versuch, in die andere Richtung davonzumarschieren, scheiterte kläglich, und so fand ich mich ihm gegenüber auf meinen vier Buchstaben sitzend wieder. Oh, wie ich es hasste, wenn man mich bevormundete! Anscheinend sah man mir mein Missfallen deutlich an, denn er hob beschwichtigend die Hände. „Ich will nur reden.“ „Vielleicht will ich aber nicht reden!“ „Wir werden sehen“, meinte er nachdenklich und strich über sein Messer oder seinen Dolch oder was auch immer.

„Ich heiße Espen.“ Er blickte mich hochmütig an, als wäre das etwas ganz Besonderes, und ich entschloss mich, mal wieder den Kulturtrampel zu spielen und prustete los. „Also wie das Espenlaub?“ Ich ahmte ein übertriebenes Zittern nach. Er schien das allerdings nicht so lustig zu finden und sagte mit geschwellter Brust: „Eher wie Herrscher, aber das kann eine zu groß geratene Lichtalbi wie du ja nicht wissen!“ Ich schaute ihn an. „Kumpel, wenn deine Beleidigung sitzen soll, dann musst du mir erst mal erklären, was eine Lichtalbi ist …“ Moment mal, hatte mein Vater nicht so was erwähnt? Auch egal, wie es aussah, überraschte ich diesen Typen immer wieder aufs Neue. „Du hast keine Ahnung, was ein Lichtalb ist?“ „Nein, und ich kann dir auch versichern, dass ich keiner bin! Ich bin einfach nur ich, mit komischen Eltern.“ Als ich auf meine Hände schaute, kickste ich erschrocken auf; jetzt wusste ich, woher das Licht kam. Ich leuchtete, und zwar heller und strahlender als jede Christbaumbeleuchtung. Entgeistert nahm ich eine Haarsträhne zwischen meine Finger und krempelte meine Hose hoch. Ich war eine lebendige Glühbirne und hatte es in meiner Panik die ganze Zeit nicht bemerkt.

„Ich unterbreche deinen Selbstfindungskurs ja nur ungern, aber wer, sagtest du, waren deine Eltern?“ Mir war sein lauernder Blick nicht entgangen, doch ich tat ihm den Gefallen und antwortete wahrheitsgemäß: „Mein Vater ist der festen Meinung, Odin zu sein, dieser Rabengott halt, und meine Mutter hat beschlossen, eine Lichtelfe, oder wie auch immer du sie nennen willst, zu sein.“ Als ich mein Hosenbein wieder in Ordnung gebracht hatte und aufblickte, schaute ich in sein verblüfftes Gesicht „Du bist Odins Tochter?“ „Ähm, ja, ist das etwa so schwer vorstellbar?“ Er stand auf und bot mir seine Hand an, die ich erneut ignorierte. Umständlich rappelte ich mich hoch. Er verdrehte die Augen. „Komm, wir bringen dich zu deinen Eltern.“

Der Ton, in dem er das sagte, duldete keinen Widerspruch, und da ich schon einige Male die Erfahrung hatte machen müssen, dass ich sowieso nicht abhauen konnte, fügte ich mich widerwillig und brummend. Während er nun so vor mir lief, hatte ich genug Zeit, ihn ausgiebig zu betrachten. Anscheinend war da, wo er herkam, der Wikingerlook angesagt, und ich musste zähneknirschend zugeben, dass diese Kriegermode echt verdammt gut aussah. Espen trug Oberkörper-, Arm- und Beinschützer, und zu meiner großen Verwunderung Jeans und Sneakers. Als hätte er meine Blicke gespürt, wandte er sich zu mir um. „Ach übrigens, das ist kein Pickel, das ist ein Muttermal.“ Sagte es, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.

Kapitel 9


Als ich nach einer Weile nicht mehr mit seinen langen Beinen mithalten konnte, blieb ich keuchend stehen. „Um Gottes willen, ich kann nicht mehr!“ Er drehte sich zu mir um. Sein Gesicht zeigte nichts als Verachtung. „Und du willst Odins Tochter sein?“ Seine Geringschätzung traf mich kein bisschen. „Sieht ganz so aus“, erwiderte ich lässig und ließ mich mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt heruntergleiten. Espen stellte sich neben mich. Nach einer Weile setzte auch er sich zu mir. „Warum bist du hier draußen gewesen, Anouk?“ Es klang schön, wie er meinen Namen aussprach, das „k“ klang wie ein „g“. Ich zuckte mit den Schultern. „Wollte weg von meinen Eltern. Sie haben versucht, mir weiszumachen, dass ich eine Art Halbgöttin wäre. Tut mir leid, aber aus dem Alter bin ich raus.“

Wieder machte sich Schweigen zwischen uns breit, bis er schließlich meinte: „Das alles ist kein Scherz! Hast du nicht genug gesehen, um deinen Eltern Glauben zu schenken?“ Es stimmte, ich hatte viel gesehen, und ich fühlte mich immer unwohler. „Was war das da vorhin für ein Ding?“ Jetzt war er es, der mich einfach nur anschaute. „Du hast nicht den leisesten Schimmer vom nordischen Leben, oder?“ Ich musste grinsen. „Ach, so was Ähnliches habe ich heute schon mal gehört.“ Er schüttelte nur den Kopf. „Das war ein Ausgestoßener, er hätte gar nicht hier sein dürfen.“ Den letzten Satz sagte er mehr zu sich selbst als zu mir, und ich beschloss, jetzt nicht auch noch zu fragen, wer oder was dieser Ausgestoßene war, um nicht wie der letzte Idiot dazustehen.

Er nahm sich einen kleinen Zweig und fing an, damit im Boden herumzustochern. Ich beobachtete ihn mit halb geschlossenen Augen. Ein paar weiße und hellblonde Haarsträhnen hatten sich aus dem mit einem Lederband zusammengebundenen Pferdeschwanz gelöst und umspielten sein Kinn; seine vollen, geschwungenen Lippen waren aufeinandergepresst. Alles in seinem Gesicht hatte einen leichten Schwung: seine mandelförmigen blauen Augen, seine hohen Wangenknochen; nur seine gerade Nase bildete eine Ausnahme. Ohne aufzublicken, meinte er: „Jemanden unauffällig zu beobachten, kommt dir wohl nicht in den Sinn, was?“ Hoppla! „Bild dir bloß nichts drauf ein! Man wird ja wohl noch seine Schlüsse ziehen dürfen!“ Er schmunzelte. „Und die wären?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist arrogant, humorlos und nicht mein Typ.“ Na, wenn diese Lüge nicht zum Himmel schrie! Doch zu meinem großen Ärger fing er an zu lachen. „Na dann!“ Er beugte sich leicht vor. „Vielleicht kann ich dich ja noch vom Gegenteil überzeugen.“ War das gerade eine Anmache gewesen? Meine Wangen wurden heiß. „Viel Spaß dabei!“, murmelte ich, stand auf und marschierte davon. Erst als ich sein Gelächter hörte, merkte ich, dass ich in die falsche Richtung gelaufen war.

Meine Fußsohlen brannten, meine Beine spürte ich nicht mehr und mein Magen hing mir zwischen den Kniekehlen. Doch das Letzte, was ich tun würde, war, mir das anmerken zu lassen. Ich dackelte also brav, ohne das geringste Murren, hinter ihm her und genoss die Aussicht.

Doch mit jedem Schritt, mit dem wir uns meinen Eltern näherten, wurde mir das Herz schwerer; was eben noch wie ein wirrer Traum kurz vor dem Erwachen schien, war jetzt Realität geworden; mein Gehirn wusste und akzeptierte, dass das alles echt war, und dafür hasste ich es. Ich wollte nicht irgend so ein Mischwesen sein. Halbgöttin-Halbalb, das hatte schon was, aber nur solange man es nicht selbst war. Ich blickte da irgendwie nicht ganz durch und kam mir wie im falschen Film vor.

Espen war stehen geblieben und hielt mir einen Ast zurück, sodass dieser mich nicht streifen und meine Haut zerkratzen würde. Ich ging schweigend an ihm vorbei. Seinetwegen hatte ich meine nicht sehr erfolgreiche Flucht abbrechen müssen und musste nun wieder zurück nach Hause, da sollte er sich bloß nicht einbilden, dass er das wiedergutmachen konnte, indem er mir einmal einen Ast zurückhielt! Ich war schon gut drei Schritte weitergegangen, als seine Stimme das eisige Schweigen durchbrach: „Bist du zu allen so, die dir das Leben retten?“

Oh bitte, nicht doch! Was sollte jetzt diese Ich-bin-beleidigt-weil-du-nicht-Danke-gesagt-hast-Nummer? Ohne zurückzuschauen, meinte ich lakonisch: „Nur zu denen, die mich nicht um Erlaubnis gefragt haben.“ War ich schon immer so unhöflich gewesen?

Und da war es, mein Heim. Wir waren angekommen. Ich blieb stehen, atmete tief durch und wollte mir gar nicht vorstellen, was für ein Donnerwetter mich jetzt erwarten würde. Mit einem Blick auf die nachtschwarzen Raben, die nur durch das Aufblitzen ihrer Augen im Licht erkennbar waren (ja, ich leuchtete immer noch), murmelte ich leise: „Trautes Heim, Glück allein.“

Ungeduldigen Schrittes ging sie auf und ab. Ihre langen Gewänder strichen bei jeder Bewegung mit einem sanften Rascheln um ihre Beine. Nur das hielt sie davon ab, zu glauben, dass dies ein Albtraum war. Nie musste sie lange auf eine Auskunft warten, nie! Sie ging die Stufen zu ihrem metallenen Thron hinauf und ließ sich auf die gepolsterte Oberfläche fallen. Ein Kratzen an der hohen, morschen, modrigen Tür ließ sie jedoch wieder aufspringen. Mit einem hastigen Wink ihrer Hand schwangen die beiden Türflügel auf. Durch den Luftzug drang der Geruch von Schwefel und säuerlich riechender Verwesung herein. In dem Schatten des Türrahmens erfassten ihre scharfen Augen eine kleine, zusammengekrümmte Gestalt, auf die sie nun zueilte. Als befürchtete die Gestalt, geschlagen zu werden, hob sie ihre Arme schützend vor das Gesicht. Doch sie hatte andere Absichten. Sie packte die Gestalt, den von ihr ausgehenden Gestank nicht beachtend, an den Schultern und zerrte sie in einen helleren Teil des gewaltigen Saales. Sie blickte auf das unschöne Gesicht ihres Gegenübers. In dem gedämpften Licht konnte man das vermodernde Fleisch und die blanken Knochen aufblitzen sehen.

„Berichte!“, forderte sie ihn rüde auf. Doch er gestikulierte nur stöhnend mit den Händen, kein Wort kam über seine eingefallenen Lippen. Das brauchte es auch nicht. Sie verstand auch so. Die Ihren hatten versagt. Und wie immer war es der Botschafter, den der Zorn der Mächtigen traf. Mit einem beinahe gleichgültigen, wenn nicht kalten Blick sah sie dem Torso beim Ausbluten zu und trat den abgerissenen Kopf beiseite. Dann wischte sie sich eine Strähne ihres langen Haares aus dem Gesicht. Dabei kratzten die Fingernägel über ihre Wange und hinterließen einen kleinen, feinen Schnitt. Ein dünnes Blutrinnsal floss ihren Finger entlang, und während sie zusah, wie sich das Blut an ihrer Fingerspitze sammelte, wich der angespannte Gesichtsausdruck einem feinen Lächeln. Was tat der Frieden, wenn es Krieg gab? Er starb. Und Anouk würde es ihm gleichtun, sie würde sterben.

Der Blutstropfen fiel herab.

Kapitel 10


Mein „Vater“ hüllte sich in demonstratives Schweigen und meine Mutter weinte, was mir alles hätte passieren können und dass ich jetzt tot sein könnte. Im Nachhinein tat es mir leid, einfach so mir nichts, dir nichts verschwunden zu sein, ohne Auf Wiedersehen gesagt zu haben, doch als mein Vater mich darauf ansprach, schaute ich ihm, dem Menschen/Gott, der nie für mich da gewesen war, in die Augen und meinte: „Das nächste Mal werde ich Tschüss sagen.“

Ich drehte mich um und ging die Treppen ins Bad hoch, knallte die Tür zu und setzte mich mit einem tauben Gefühl auf den Boden. Ich zog meine Beine an und legte mein Kinn auf meine Knie. Ich war so wütend! Da la, mein Vater, ein ach so toller Gott, der es sechzehn Jahre nicht für nötig gehalten hatte, ein Lebenszeichen von sich zu geben, einfach so zu uns, stellte mein Leben auf den Kopf und erwartete dann auch noch, dass ich ihm jubelnd um den Hals fiel! Ich stand auf und drehte mich zum Spiegel herum. Oh mein Gott! War das ich?! Meine Haare quollen unter meiner Mütze hervor und hatten den halben Wald mitgenommen. Der Dreck in meinem Gesicht kam einer Kriegsbemalung gleich und durch das vermaledeite Leuchten sah ich aus wie eine dreckige Glühbirne. Ich zog meine schmutzigen Klamotten aus und duschte. Als ich mich endlich von dem ganzen Schmutz befreit fühlte, wickelte ich mich in ein übergroßes Handtuch ein und widmete mich meinen Haaren.

Meine Haare nass und entknotet, das Handtuch immer noch um mich gewickelt, drückte ich die Klinke der Badezimmertür herunter und stieß direkt mit diesem Espen zusammen, der sich wie ein Türsteher vor mir aufgebaut hatte. „Was machst denn du hier?“, fragte er. Die bessere Frage wäre wohl gewesen, was er immer noch hier machte. Hinter ihm tauchte Odin auf. „Espen ist ein angesehener Schüler der Halvarschule, und er ist mein persönlicher Schüler“, Odin klopfte ihm mit väterlichem Stolz auf die Schulter. Ein kurzer Stich der Eifersucht durchzuckte mich. „Er wird dein Mentor sein, also habe ein bisschen mehr Respekt vor ihm. Er ist auf meinen Befehl hier, um sicherzugehen, dass du nicht noch mehr unüberlegte Dinge tust.“ Unüberlegte Dinge? Ich?

Espen lächelte mich nur herablassend an und zog eine Augenbraue hoch. „Aber ich denke, in diesem Aufzug würdest selbst du nicht einen erneuten Fluchtversuch wagen.“ Mit brennenden Wangen wurde mir bewusst, dass ich nur in einem Handtuch eingewickelt vor meinem fremden Vater und einem gut aussehenden Krieger stand. Ich warf meine Haare über die Schulter und rauschte mit einem „Seid euch da mal nicht so sicher!“ und einem gemurmelten „Spanner!“ in mein Zimmer.

Als die Tür mit einem befriedigenden Knall hinter mir zufiel, setzte ich mich auf mein Bett und stellte mir, um den Überblick zu behalten, eine Personen- und Sachverhaltsliste auf. Also: Mein Vater, er war gut aussehend. Das war’s dann aber auch schon bei „positive Eigenschaften“, wenn man „Hauptgott“ nicht dazuzählte. Er wollte mich auf diese Schule schicken, auf der seltsame Kinder wie ich das ABC lernten, nur war ich anscheinend noch seltsamer als die anderen, da meine Mutter und er ja „Romeo und Julia“ hatten spielen müssen. Kommen wir zu meiner Mutter: Soweit ich bis jetzt wusste, war sie eine Lichtalbi/Elfe und hatte mir freundlicherweise das Tausend-Watt-Leuchten weitervererbt (wie konnte man das nur ausstellen?). Sie stand natürlich ganz und gar hinter der Entscheidung meines göttlichen Vaters, wie das nach sechzehn Jahren Trennung eben so ist. So weit, so gut. Espen hatte mir das Leben gerettet und sich nach ein paar Stunden Bekanntschaft schon vor meiner Badezimmertür positioniert. Nicht zu vergessen: Er war so schön, machohaft, herablassend und verwirrend, dass es fast schon wehtat. Und dann war da noch ich. Alles hatte sich verändert, trotzdem hieß ich weiterhin Anouk Nelson, und war so blass, dass ich eher einem Vampir als einem gebräunten Gott ähnelte. (Wer weiß, vielleicht war Dracula ja mein Onkel?) Ich war eine Halbgöttin-Halbelfe (das konnte doch alles nicht wahr sein!!!) und hatte nicht den blassesten Schimmer, was das alles hier bedeuten sollte. Ich wurde vor ein paar Stunden von einer potthässlichen Kreatur angegriffen und verfolgt, und wenn ich ehrlich war, herrschte in meinem Kopf so ein Durcheinander, dass mir das komplett egal war.

Ich musste, ob ich wollte oder nicht, auf diese Schule und Espen sollte mein Mentor sein. Das konnte ja heiter werden, aber wer weiß, vielleicht war er ja gar nicht so übel, wie ich dachte. In mir krampfte sich alles zusammen. Ich hatte Angst. Angst, wie ich mich in dieser Schule für Abnormale einfinden sollte. Ich war noch nie auf einem Internat gewesen und es war immer schwer für mich gewesen, Anschluss zu finden. Ich konnte mit Gleichaltrigen und ihrem komischen Verhalten einfach nichts anfangen. Die meisten sechzehnjährigen Mädchen waren albern und selbstverliebt und vertuschten hinter ihrem Beste-Freundinnen-Getue nur ihren Hass und ihren Neid und sprachen eine andere Sprache. In dieser hieß: „Hi, der neue Look steht dir, kauf dir mehr von diesen Sachen!“ so viel wie: „Oh mein Gott, das sieht so hässlich aus, aber lass das an, dann habe ich die besseren Chancen bei den Jungs!“ Und mit männlichen Wesen im Alter von sechzehn Jahren abzuhängen, war einfach nur lästig, da ich es bevorzugte, dass man mir bei einem Gespräch in die Augen schaute. Prinzipiell zählte ich mich eher zu den Menschen, die andere Menschen hassten und es auch bei jeder Gelegenheit betonten. Ich war jemand, der sich in der Regel allein wohler fühlte als mit anderen. Wie sollte ich das dort alles nur schaffen? Was lernte man denn an so einer Schule? Ich wollte später studieren, aber nicht Nordische Kultur, sondern Biochemie (urteilt nicht zu hart über mich).

Ich stand auf und suchte mir Anziehsachen heraus. Zugegeben, nicht ganz so schlicht wie sonst, ich musste schließlich klarstellen, dass dreckige und zerrissene Kleider nicht mein Markenzeichen waren. Also zog ich einen grünen Pullover mit Paillettenstickereien an, der gut mit meinem braunen Haar harmonierte. Die Hose blieb aber wie üblich schwarz und mein Schmuck beschränkte sich auf eine flache, bronzefarbene Armbanduhr, die größer als mein Handgelenk war, und zwei rotgoldene Ohrringe, die meine Mutter in kleine Schnörkel geschmiedet hatte. Ich tupfte mein nasses, schweres Haar ab und sah zufrieden in dem Schrankspiegel, wie dieses wie ein glatter, leicht welliger Vorhang über meine Hüfte fiel. Ich ließ das Handtuch auf meinem Bett liegen und öffnete meine Zimmertür. Davor stand kein Espen mehr. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Auf dem letzten Treppenabsatz angekommen, hörte ich die leisen Stimmen von meiner Mutter, Odin und Espen. Angestrengt lauschend, blieb ich stehen und hörte das tiefe Brummen meines Vaters: „Wir müssen sie so schnell wie möglich in die Halvarschule bringen, dort ist sie so sicher wie sonst nirgendwo. Selbst Walhalla ist zurzeit nicht so gut geschützt wie diese Schule.“ Schweigen. „Espen, kann ich mich darauf verlassen, dass du sie nicht aus den Augen lassen wirst?“

„Natürlich, Odin, das steht außer Frage.“

„Und pass auch im Hinblick auf ihre Mitschüler auf; viele werden ihr gegenüber feindlich gesinnt sein.“

„Ich werde sie nicht aus den Augen lassen!“

„Und denk dran, sie darf auf gar keinen Fall in eine romantische Beziehung verwickelt werden, das würde ihren Starrsinn nur noch weiter bestärken!“

„Mach dir keine Sorgen, das ist ja dann auch in meinem Interesse.“

Nun schaltete sich auch meine Mutter ein. „Unterstehe dich, Odin, dich in die Zukunft meiner Tochter einzumischen! Du wirst in meinem Haus nicht über dieses Thema reden!“ Verwirrt setzte ich mich leise, ohne auch nur das geringste Geräusch zu verursachen, hin. Was meinte mein Vater damit, dass ich keine romantischen Beziehungen haben dürfe? Glaubte er ernsthaft, dass ich mich an seine Sittenverbote halten würde? Und was meinte Espen damit, dass dies auch in seinem Interesse sei? Doch ich konnte nicht länger darüber nachdenken, die Diskussion in der Küche wurde fortgesetzt.

„Hast du schon irgendeinen Hinweis, warum ein Ausgestoßener hinter Anouk her war, Espen?“

„Nein, aber ich vermute, dass Hel ihn geschickt hat.“

„Warum sollte die Totengöttin meine Tochter behelligen?“

„Vielleicht weiß sie etwas, was Anouk in ihren Augen für sie wertvoll macht und ihr dazu verhelfen würde, ihre Macht zurückzugewinnen, nachdem sie letztes Jahr in die Verbannung geschickt worden ist.“ Seine Vermutung klang jedoch eher wie eine Frage. „Odin, du weißt, dass Hel nicht die Einzige sein wird, die Anouk für ihre Interessen missbrauchen würde. Da draußen sind viele Kreaturen, die sie einfach nur töten möchten, weil sie in ihren Augen ein Fehler der Natur ist. Selbst wir, ihre Eltern, wissen nicht, wie mächtig sie tatsächlich ist. Wahrscheinlich ist sie sogar mächtiger als alle Götter zusammen, du eingeschlossen. Das macht mir Angst.“

Meiner Mutter machten diese Mutmaßungen Angst, mich bauten sie auf. Ich meine, wer hört nicht gerne, dass er sehr, sehr mächtig ist? Ich war also nicht nur irgendetwas Verbotenes, Schlechtes, sondern ich konnte auch etwas (außer zu leuchten, was mittlerweile schon wieder aufgehört hatte).

Schließlich, als es auf der Treppe zu ungemütlich geworden war, stand ich auf und ging mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck, den ich draufhatte, in die Küche. Diese wirkte mit meinem Vater, Espen und meiner Mutter darin viel kleiner als sonst; man bekam fast den Eindruck, den Kopf einziehen zu müssen. Espen stützte sich mit beiden Armen auf den Esstisch, mein Vater stand mit dem Rücken zu mir und meine Mutter thronte in einem Armstuhl. Die Raumbeleuchtung war hell und tauchte alles in ein gleißendes Licht, von den Haaren über das Gesicht und den ganzen Körper.

Das weiße Licht ummantelte sie und leuchtete bereits ein paar Zentimeter vor ihrer Haut. Beim Betreten des Raumes wäre ich um ein Haar über eine ganze Waffenansammlung gestolpert, allem Anschein nach „Anhängsel“ von Espen und meinem Vater. Den Kopf über diese ganzen Schwerter, Äxte und Messer/Dolche schüttelnd, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen, schlug meine Beine übereinander und grinste Espen an, der mich einfach nur schweigend und mit großen Augen anstarrte. Tja, Pessimisten können nur positiv überrascht werden. Urteile nie nach dem Äußeren. Aus alt mach neu. Und so weiter und so fort. Jedenfalls hatte ich es geschafft, dass es dem Wunderknaben die Sprache verschlug.

„Seid ihr fertig mit eurer Kriegsberatung, oder soll ich noch mal für ein paar Minuten im Wald spazieren gehen?“ Immer schön noch einen draufsetzen, das war meine Spezialität. Während Espen sich sammelte, übernahm meine Mutter das Wort und kam somit Odin zuvor.

„Nein, das ist nicht nötig, aber schön, dass du es zur Sprache bringst“, sagte sie mit schneidender Stimme, „denn wir reden gerade noch darüber! Wir alle hier haben über deine derzeitige Lage beraten und – ich hoffe, du verstehst das – sind zu dem Entschluss gekommen, dass du auf die Halvarschule gehen wirst, weil es dort einfach sicherer als hier für dich ist.“ Bei den letzten Worten schaffte sie es sogar noch zu lächeln, das nenne ich jetzt mal niederträchtig!

Ich spürte, wie sich erneut der Zorn in mir hochkämpfte, sich meinen Hals hochfraß und sich auszudehnen begann, bis mir schließlich der Kragen platzte. Das immer heller werdende Leuchten im Raum, das die anderen dazu brachte, die Augen zusammenzukneifen, registrierte ich in meinem beginnenden Wutrausch gar nicht. Auch nicht, dass alle Gläser auf dem Tisch und in den Schränken gefährlich zu wackeln und zu klirren anfingen.

„WIR werden uns über überhaupt nichts unterhalten, wenn du mich auf diese Schule verfrachtest! Ich verstehe nichts, nada! Warum wollt ihr mich in diese Freakshow stecken? Aber keiner hält es ja für nötig, mir in knappen Worten zu sagen, warum ich von einer lebendigen Leiche gejagt werde und diese Hel mich für nützlich hält. Oder was das alles“, ich deutete auf uns, „zu bedeuten hat!“

Mein Vater war herangetreten. Mit einem strengen Gesichtsausdruck unterbrach er mich. „Ano –“

Ich tat es ihm gleich. Schließlich war er mein Vorbild, oder? Ich machte also einen Schritt auf ihn zu, sodass wir Nase an Nase (oder eher Brust an Nase) dastanden, und funkelte ihn an. „So nennen mich nur Menschen, die ich kenne! Von daher bin ich für dich Anouk! Und wer, glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du einfach mal so nach sechzehn Jahren aufkreuzen und in meinem Leben herumwirtschaften kannst?“

Er öffnete den Mund, doch ich hob die Hand und lachte freudlos.

„Sag jetzt nicht ‚Ich bin dein Vater‘, denn das bist du nur rein biologisch gesehen, und bilde dir bloß nichts auf dein Hauptgott-Getue ein, denn weißt du, wie sehr mich das beeindruckt? Nicht im Geringsten!“

Wer dachte, dass ich jetzt fertig war, der irrte. Ich hatte noch nicht einmal richtig angefangen. Und das gespielte Gähnen von Espen war taktisch mehr als unklug. Ich wirbelte zu ihm herum und richtete meinen ganzen Zorn auf ihn. Was dachte dieser hirnlose Schönling eigentlich, wer er war, und wie kam er dazu, sich einzubilden, mit über meine Zukunft entscheiden zu können? Ich spürte, wie die Wut in mir immer stärker zu brodeln begann und mein eigentliches Ich von einem zerstörerischen Mantel der Brutalität überdeckt wurde. Die Wut kroch in meine Knochen, sie kroch in meine Zähne, sie kroch überallhin, sodass es regelrecht wehtat. Und bevor Espen wusste, wie ihm geschah, rutschte ein Stuhl, ohne dass ihn einer angefasst hatte, in ihn hinein und zwang ihn mit einem schmerzerfüllten Aufkeuchen zum Hinsetzen. Eine Sekunde später löste sich mit einem Scheppern ein Dolch aus dem Waffenhaufen, schwebte, wie von Geisterhand, in der Luft durch den Raum und blieb an seiner Kehle hängen.

Die Zeit schien stillzustehen. Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich schaute in Espens vor Überraschung aufgerissenen Augen. Meine schwindende Wut wich der Verblüffung. Ich taumelte einen Schritt zurück und augenblicklich fiel der Dolch wie ein toter Gegenstand auf seinen Schoß. Ohne mich aus den Augen zu lassen, fasste Espen sich an den Hals, nahm die Waffe und warf sie zu den anderen, wo sie scheppernd niederging. Ich starrte nach vorn, meinen Blick auf nichts und niemanden fixiert, und fragte, ohne meine Worte an irgendjemand Bestimmten im Raum zu richten: „Was war das denn gerade eben?!“ Doch ich fürchtete, die Antwort darauf schon zu kennen, und wieder war es mein Vater, der meine Ahnung bestätigte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück, legte den Kopf leicht schief und kniff die Augen zusammen, so als hätte er mich noch nie gesehen. „Das“, er schüttelte ungläubig den Kopf, „warst du.“ Halt suchend griff ich hinter mich und zog einen Stuhl heran, um mich darauf fallen zu lassen. „Aber … wie?“ Ich stützte meine Ellenbogen auf dem Tisch ab und krallte meine Finger in meine gelockten Haare, die inzwischen wieder vollkommen trocken waren.

Espen, der sich inzwischen wieder gefasst hatte, lehnte sich vor. „Wir wissen es nicht mit Sicherheit, aber das hast du vorhin wahrscheinlich auch mitbekommen, nicht wahr?“

Ich zog meine Augenbrauen zusammen. Woher wusste …? – Oh verflucht, in meiner Tirade hatte ich wohl irgendwas von Hel gefaselt. Toll gemacht, Anouk, eins a, Spitzenklasse! Bevor ich nun knallrote Wangen bekommen würde (und diesen Triumph wollte ich Espen definitiv nicht gönnen!), machte ich eine wegwerfende Handbewegung. „Du solltest mal lernen, nicht in hundertzehn Dezibel Lautstärke zu flüstern!“ Da er nichts zu erwidern wusste, erntete ich nur einen finsteren Blick, den ich mit einem Lächeln quittierte. Mein Vater drehte sich zu mir um und hatte auf einmal so einen finsteren Gesichtsausdruck aufgesetzt, dass ich am liebsten meinen Kopf eingezogen hätte.

„Wir reisen ab!“

Bevor ich irgendwelche Einsprüche erheben konnte, dröhnte seine Stimme mit einer Autorität durch unser Haus, wie ich es noch nie zuvor vernommen hatte.

„JETZT!“

Fassungslos drehte ich mich zu meiner Mutter um und flehte sie mit Blicken an, dass sie sich für mich einsetzen möge. Sie half mir nicht. Ich fühlte mich völlig hilflos. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Sachen zu nehmen und durch die Haustür zu gehen, mein Vater rechts, Espen links neben mir. Ich verstand nicht, warum das alles hier veranstaltet wurde. Ich wusste nichts über mich. Ich wusste nur, dass mein neuer Vater mich in ein neues Leben bringen wollte, und ich versuchte mich mit aller Macht dagegen zu wehren. Ich wollte es nicht. Das neue Leben machte mir Angst, und dass meine Mitschüler eine Gefahr für mich sein könnten, beruhigte mich auch nicht gerade.

Wir kamen inmitten der Raben zum Stehen. Mein Vater zückte eine Art Schwert, das er in den Boden rammte und dabei „Halvar“ murmelte. In die Raben kam auf einmal Bewegung, als meine Mutter mich am Arm fasste und mir in die Augen schaute. „Ich liebe dich und auch dein Vater tut das! Gib ihm die Möglichkeit, es dir zu zeigen!“

Mittlerweile hatten die schwarzen Vögel einen großen Kreis um uns herum gebildet und schlugen wild mit den Flügeln. Auf einmal schnürte sich meine Kehle zu und ich zwang mich zu sagen: „Ich hab dich auch lieb, Mom!“

Ich hatte Angst, sie zu verlassen. Wann würde ich sie wiedersehen? Sie nahm mich in den Arm, als plötzlich eine heftige Windböe aufkam und an mir zerrte, wie eine große, starke, unbarmherzige Hand. Die Windböe zog mich immer weiter in den Kreis der Raben hinein und meine Mutter weg von mir. Als mir ihre Hände entglitten, hörte ich sie noch rufen: „Und kämpfe, Anouk, kämpfe, wenn nötig gegen dein Schicksal!“ Als ich wieder auf dem Boden auftraf, sah ich die pechschwarzen Tiere in einer großen Spirale, uns mitreißend, in den tiefen Himmel fliegen, vorbei am großen, weißen Mond. Das Letzte, was ich durch das Rauschen Dutzender Flügel hörte, war das Gelächter der Raben.

Kapitel 11


Es roch nach altem Gemäuer und nach Holz. Leise Stimmen drangen an mein Ohr. Ich drehte meinen Kopf in Richtung der Geräusche und nieste, als mich irgendetwas an der Nase kitzelte. Die Stimmen wurden lauter. Ich war so unendlich müde. Nicht einmal die Frage, wo ich mich befand, kam mir in den Sinn, während ich wieder wegdämmerte. Schweißgebadet wachte ich aus meinen Träumen auf und vermochte nicht länger liegen zu bleiben. Ich hatte von Raben und leichenähnlichen Kreaturen geträumt, die mich verfolgten. Von meiner inneren Unruhe angetrieben, setzte ich mich auf und schaute mich in dem sanft beleuchteten Raum um. Es war ein kleines Zimmer mit hohen Wänden und nur einem Bett, auf dem ich gerade saß, und einem robusten Eichentisch.

Die Wände waren aus großen, grauen, quaderförmigen Steinen und durch ein großes Buntglasfenster fiel gedämpftes Licht herein. An der Wand waren mittelalterliche Fackeln befestigt, die noch leise vor sich hin glühten. Statt einer Tür diente ein großer Bogen als Durchgang, hinter dem ich einen weiten Gang mit lauter leeren Betten erblickte. Mit wackeligen Beinen stand ich auf und griff nach einem Bettpfosten, als der Schwindel mich zu überwältigen drohte. Ich war noch genau so angezogen, wie ich von zu Hause weggebracht worden war. Nur meine Schuhe standen rechts neben dem Eingangsbogen. Zu Hause. Ich biss die Zähne zusammen, um das aufsteigende Gefühl von Übelkeit zu unterdrücken, und verdrängte den Gedanken an meine Mutter.

Ich schlurfte zu meinen Schuhen, zog sie an und zögerte, als ich auf den Gang schaute, der in lauter Zimmer unterteilt war. Sollte ich warten, ob jemand kam, oder den fremden Ort auf eigene Faust erkunden? Ich zuckte mit den Schultern. Wenn mein Vater mir schon die Möglichkeit gab, auf waghalsige Entdeckungstour zu gehen, dann sollte ich diese Möglichkeit auch nutzen, oder nicht?

Jedes Zimmer in diesem Gang war identisch eingerichtet. Als ich am Ende des Ganges angekommen war, stieß ich auf eine große, mit Schnitzereien verzierte Flügeltür, hinter der sich eine lichtdurchflutete Halle befand. Neugierig stellte ich mich in die Mitte dieser Halle und blickte mich um. Auch hier waren die Wände aus diesen großen Steinen, die mich an eine Burg erinnerten. Doch eine Wand wurde komplett durch ein Glasmosaik ersetzt, sodass es mir den Atem verschlug. Es war so fein und präzise gearbeitet wie das Bild eines großen Künstlers. Ich trat einen Schritt zurück, um es besser betrachten zu können. Im Vordergrund waren leuchtende Frauen abgebildet. Einige von ihnen saßen auf dem Rücken eines grasenden Hirsches, andere auf den Ästen eines Apfelbaumes. Hinter ihnen war eine üppige grüne Landschaft mit vereinzelten Bäumen abgebildet.

Vor dem riesigen Fenster stand ein langer Tisch, auf dem allerlei Grünzeug lag, von dem ein würziger Geruch von Kräutern herüberzog. Interessiert ging ich zu einem großen Regal neben der gegenüberliegenden Tür, das sich über die ganze Wand erstreckte. Tausende kleine Fläschchen mit merkwürdig aussehenden Substanzen waren darauf aufgereiht. Ich kniff die Augen zusammen und beugte mich leicht vor, um den Inhalt eines Glases besser begutachten zu können. Waren das Insektenflügel? Hätte ich die Schriftzeichen auf den Etiketts, die auf jedem Fläschchen aufgeklebt waren, lesen können, hätte ich mir diese Frage wahrscheinlich selbst beantworten können. Anscheinend war das hier so eine Art Krankenabteilung.

Ich verließ den Saal und huschte durch einen großen, dunklen, gotischen Bogengang. Es gab keine Fenster, ich musste also mitten in diesem Gebäude sein. Die Fackeln warfen unheimliche Schatten und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie es war, in der Nacht hier durchzulaufen. Umso erleichterter war ich, als endlich von irgendwoher ein wenig Licht eindrang. Am Ende des Ganges angekommen, bog ich links ab und kam vor einem prächtigen Treppenaufgang zum Stehen. Die Haupttreppe, aus weißem Stein, wurde nach unten hin immer breiter; auf dem Ende des geschwungenen Marmorgeländers saßen die Statuen zweier Wölfe, der eine den Kopf nach links, der andere den Kopf nach rechts gedreht. Was war das hier? Ein Luxusschloss der Extraklasse? Der Raum verlief kuppelförmig nach oben mit eingelassenen Glaselementen, die schöner nicht hätten gefertigt werden können. Es war eine riesige Eingangshalle, in die unser Haus bestimmt zehnmal in Höhe und Breite gepasst hätte.

Ich trat einen Schritt vor. Rechts und links von mir teilte sich die beeindruckende Treppe und ging in zwei kleineren, aber nicht weniger schönen und detailverliebten Treppen hinauf in weitere Gänge. An den Wänden der Halle rankte marmorner Efeu. Ergriffen von der Schönheit dieses Ortes, strich ich behutsam über ein naturgetreues Blatt und schaute mich weiter um. Äste, auch aus Stein, ragten aus den Wänden, worauf sich kleine Vögel aus Kristallen tummelten, die das Licht in all seine Farben brachen.

Ich ging die mit Steinmetzarbeit verzierte Treppe hinunter, in die Mitte der Halle, in der sich ein kleiner Brunnen in Form einer Muschel befand. Um ihn herum war eine runde Bank aufgestellt, auf die ich mich, den Blick staunend auf meine paradiesische Umgebung gerichtet, sinken ließ. Ich schwang meine Beine auf die andere Seite der Bank und betrachtete fasziniert die unterschiedlich großen Glaskugeln in dem Brunnen, die auf kleinen, goldenen Sockeln thronten. Das Paradoxe daran war, dass in ihnen jeweils ein kleiner Fisch seine Kreise schwamm.

Ich verlor mich in dem Geplätscher des Brunnens und hörte somit nicht, dass noch jemand im Raum war … bis meine Träumereien von einem Räuspern und einer Hand auf meiner Schulter unterbrochen wurden. Ich zuckte zusammen, sprang auf und stand Auge in Auge einem genauso erschrocken aussehenden Jungen gegenüber. Das Erste, was mir auffiel, war, dass er normal gekleidet war; na ja, fast. Er hatte eine Jeans und ein blaues TShirt an; das einzig nicht Normale waren das Schwert an seiner Hüfte und der Bogen, den er in seiner Hand hielt.

Er fand als Erster seine Sprache wieder, was auch gut war, denn außer Gestotter hätte ich nichts herausbekommen. Sahen etwa alle nordischen Krieger aus wie Götter?

„Hi, tut mir leid“, er fasste sich an den Nacken, „es war nicht meine Absicht, dich so zu erschrecken, aber ich wollte fragen, ob ich mich zu dir setzen darf.“ Er deutete auf die Bank. Ich nickte. Warum war ich nur so verdammt schüchtern? Ich kam nur aus meinem Schneckenhaus heraus, wenn ich wütend war, so ungefähr wie Hulk, nur ohne die coolen special effects. Er lehnte seinen Bogen an die Bank und hielt mir zu meiner Überraschung seine Hand hin. Als ich sie nehmen wollte, lachte er – ein Geräusch, das durch meinen ganzen Körper hindurchfloss. „Du bist noch nicht lange an der Halvarschule, oder?“ Ich biss mir auf die Unterlippe. „Nein, aber dank dir weiß ich jetzt wenigstens, wo ich bin.“ Diese Frage hatte sich jetzt also schon mal geklärt. Er legte den Kopf schief und eine Strähne seines dichten, schwarzen, gewellten Haars rutschte ihm ins Gesicht. Schneewittchen in männlicher Version. Seine Lippen waren voll und leicht geschwungen, seine Nase gerade und seine hohen Wangenknochen ließen seine grünen Augen wie Sterne erscheinen.

Du bist auf einer Eliteschule der nordischen Gesellschaft und wusstest es nicht?“ Seine Stimme war die pure Verblüffung. Ich schob die Hände in meine Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Oder wollte es einfach nicht wahrhaben.“ Er lachte. „Ich bin seit meinem zehnten Lebensjahr in den verschiedensten Trainingslagern und wollte es ebenfalls nicht wahrhaben, nun auf eine Schule gehen zu müssen, wo es nicht nur um Töten geht und man auch Unterricht wie die Menschen hat.“

Töten? Ich strich mir eine lange Locke zurück. „Ich glaube, dass es bei mir ein wenig anders war.“ Er schaute mich fragend an. „Das musst du mir jetzt aber erklären. Übrigens, mein Name ist Runeas.“ Wieder hielt er mir seine Hand hin. Ich runzelte die Stirn. „Ich könnte jetzt alle möglichen Wege ausprobieren, wie dieses Begrüßungsritual der Nordis funktioniert, oder du sagst es mir einfach.“ Er lachte erneut, es war ein unbeschwertes Lachen. „Weißt du überhaupt irgendetwas über die nordische Kultur?“ Mit gespielter Nachdenklichkeit griff ich mir ans Kinn. „Hm, lass mal sehen … Nein, da muss ich dich enttäuschen, nur dass ich diesen Satz „Weißt du überhaupt irgendetwas über die nordische Kultur?“ in den letzten vierundzwanzig Stunden schon zum dritten Mal höre.“ Runeas grinste „Na, dann werde ich mal zu deiner Bildung beitragen, namenloses Mädchen!“

Hatte ich versäumt, meinen Namen zu sagen? Hoppla. „Ich heiße Anouk.“ Er nickte. „Dein Name bedeutet die Friedliche … Aber nun zurück zu dem überaus komplizierten Begrüßungsritual der sogenannten ‚Nordis‘. Schritt Nummer eins“, er ließ seine angenehm tiefe und rauchig klingende Stimme noch dunkler klingen und atmete scharf ein, als würde das nun Folgende das Spannendste überhaupt sein, und brachte mich somit zum Kichern, „man strecke eine Hand aus, tue es mir nach, junge Dame! Und der alles entscheidende Schritt Nummer zwei“, er zog seine Sprechpause dramatisch in die Länge und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht wieder loszukichern, „man schlägt ein und hält die Hand seines Gegenübers kurz fest!“ Seine Stimme klang jetzt wieder normal tief und rauchig.

Als sich unsere Hände berührten, trafen sich auch unsere Blicke und blieben aneinander hängen. Er hatte verschieden grüne Augen; das eine war ein helles Mintgrün, das andere ein dunkles Moosgrün. Normalerweise mied ich es, Menschen in die Augen zu schauen, doch bei Runeas konnte ich einfach nicht anders. Schließlich wurde ich unter seinem intensiven Blick nervös und entzog ihm meine Hand, während ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr steckte. Nachdem dieser betörende Moment abgeebbt war, tat ich es Runeas gleich und setzte mich.

„Also Anouk, inwiefern waren deine Umstände, auf Halvar zu kommen, anders?“ Ich hatte nicht das Gefühl, ihm etwas verschweigen zu müssen, und so fing ich an, draufloszuerzählen. „Ich bin angeblich eine Halbgöttin, so wie anscheinend die meisten hier.“ Ich schaute ihn kurz an und er nickte zustimmend. „Ja, ich bin der Sohn irgendeiner unbedeutenden Waldgöttin.“ Ich nickte verständnisvoll, obwohl ich keine Ahnung hatte, was eine Waldgöttin war. „Mein Vater ist nach sechzehn Jahren des Schweigens bei meiner Mutter und mir aufgekreuzt und hat was von Gefahr und Bedrohung gefaselt. Du musst dir mal vorstellen, ich hatte mein ganzes Leben lang geglaubt, dass ich ein Mensch wäre, und jetzt …“, ich schüttelte den Kopf, „… ist die Rede von nordischen Göttern, Lichtalbi hier, Odin da, und ich soll verstehen, dass ich auf eine Schule gehen soll in einer wahrscheinlich auch noch anderen Welt …“ Ich hielt inne. Dieser Gedanke war mir gerade eben erst gekommen: War das hier überhaupt noch meine Welt? Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und ich fuhr eilig fort, um nicht mit diesem aberwitzigen Gedanken herauszuplatzen „… in einer völlig anderen Kultur. Ich sollte sofort meine Sachen packen und brav mitkommen, aber das Letzte, was ich in jenem Moment wollte, war, mit meinem völlig gestörten Vater und seinem Federvieh mitzukommen, da bin ich einfach abgehauen und durch den Wald zu einer Bushaltestelle getürmt, wo ich von einem Ausgestoßenen oder so was überfallen wurde.“

Ich redete immer schneller, ohne Luft zu holen und auf die Details in meiner Erzählung zu achten. Die Wörter sprudelten einfach nur so aus mir heraus, wie ein Wasserfall, und ich ließ ihnen freien Lauf. Runeas’ Gesichtsausdruck, der immer verwirrter wurde, ignorierte ich beflissentlich. „Ich bin dann wieder zurück in den Wald gerannt und hab versucht, mich zu verstecken, was leuchtend aber gar nicht so einfach ist, ich meine, hallo, im dunklen Wald, leuchtend wie eine Glühbirne, keine Chance, aber dann kam Espen, dieser arrogante Idiot, und hat mir das Leben gerettet, mich dann kurz gegeißelt, bis ihm klar wurde, dass ich die Tochter seines hochverehrten Lehrers bin, und hat mich schließlich wieder zu Hause abgeliefert, und von dort aus wurde ich dann gegen meinen Willen hierhergebracht.“ Ich holte tief Luft und fühlte mich um zehn Kilo leichter, jetzt, da ich mir den Ballast von der Seele geredet hatte.

Gedankenverloren schaute ich kurz an die Decke und erinnerte mich dann daran, dass da noch jemand neben mir saß. Und dieser Jemand sah mehr als verwirrt aus. Runeas hatte die Augen zusammengekniffen und schaute mich mit einem leicht entrückten Gesichtsausdruck an. Als ich dann noch mal durchging, was ich gesagt hatte, hätte ich meinen Kopf am liebsten gegen eine Tischtennisplatte gedonnert. Ich musste wie eine Verrückte geklungen haben. Runeas schüttelte den Kopf, als versuche er, meine Worte zu ordnen und ihnen einen Sinn zu verleihen. „Langsam, langsam, du redest ja ohne Punkt und Komma!“ Na super, jetzt hatte ich es doch tatsächlich geschafft, dass ein absolut süßer Typ mich für jemanden hielt, der keine Freunde hatte und sich an der Schulter des Erstbesten ausheulte, bevor dieser die Flucht ergreifen konnte. Dass mit den Freunden stimmte ja, aber der Rest entsprach dann doch nicht der Realität. Ich musste das unbedingt wieder geradebiegen!

Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare und lächelte verlegen. „Sorry, normalerweise bin ich nicht so“, ich schüttelte hilflos den Kopf, „es ist nur“, ich atmete tief aus, um den Kloß in meinem Hals zu beseitigen, „es ist einfach ein bisschen viel gewesen, mein Vater und Espen haben mich einfach mitgenommen, weg von allem, was mir vertraut ist, an einen Ort, den ich schon angefangen habe zu hassen, bevor ich ihn überhaupt kannte. Dass sie mich zu jemandem gemacht haben, den ich vorher gar nicht kannte.“

Runeas nickte langsam „Du wusstest also nicht, dass du eine Halbgöttin bist?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich hatte nicht die geringste Ahnung. Meine Mutter ist, wie es aussieht, die ganzen Jahre vor meinem Vater geflohen, um mir das zu ersparen, wo ich jetzt bin.“ Der Gedanke an meine Mutter machte mir das Herz schwer. Wieder nickte Runeas und sein Blick wurde lauernd. „Und Espen ist dein Mentor?“ Ich schnaubte. „Allerdings!“ Er zog die Augenbrauen in die Höhe. „Alle anderen Mädchen würden Luftsprünge machen, wenn er sie auch nur eines Blickes würdigen würde.“ Ich setzte mich bequemer hin und zuckte mit den Schultern. „Tja, ich bin halt nicht so wie andere Mädchen. Espen nervt mich mit seiner Ich-binder-Allertollste-Art, schon seit er mir das Leben gerettet hat. Es ist einfach zum Davonlaufen! Da hätte er mich auch gleich im Wald liegen lassen können! Er behandelt mich wie etwas, was zu ekelhaft ist, um es überhaupt von der Schuhsohle abzukratzen! Er ist so ein Kotzbrocken!“

Runeas lachte. „Was für eine schöne Beschreibung!“ Mit einem Mal wurde er wieder ernst. Er schaute mir ruhig in die Augen. „Du hast recht, ich habe ebenfalls nicht das Gefühl, dass du wie andere Mädchen bist, ganz und gar nicht.“ Meine Wangen wurden warm und ich fragte, mir ein Lächeln verkneifend: „Ist das jetzt positiv oder negativ gemeint?“ Seine Stimme war wie der Geruch von einem kalten Wintermorgen. „Ich denke, das wird sich im Laufe der Zeit, die wir miteinander verbringen werden, zeigen.“ Ich zog eine Augenbraue hoch und lächelte. „Hast du mir gerade durch die Blume gesagt, dass wir mal etwas zusammen unternehmen werden?“ Er schaute mich durch eine Haarsträhne hindurch an, die ihm ins Gesicht gefallen war, und verzog spitzbübisch seinen perfekten Mund. „Ja, und nicht nur mal; von nun an betrachte ich es als meine persönliche Aufgabe, dir die nordische Welt schmackhaft zu machen und dich zudem sicher durch das Schulhaus zu begleiten.“

Ich schnaubte belustigt. „Warum willst du uns nicht gleich aneinanderketten?“ Er fasste sich ans Kinn und tat so, als würde er meine Idee ernsthaft überdenken. Dann schaute er mich von der Seite an. „Nein, ich glaube, wir sollten deine Idee lieber nicht umsetzen – zu meiner eigenen Sicherheit, falls sich zeigt, dass du in Wirklichkeit gar nicht so friedlich bist, wie es dein Name sagt.“ Ich boxte ihm spielerisch in die Schulter. „Fordere dein Glück nicht zu früh heraus!“

Was bei seinen Muskeln natürlich lächerlich war. Mit einem gespielten Ächzen griff er sich an die Schulter. „Gnade, ich kapituliere!“ Zufrieden mit seiner Ergebung nickte ich gütig. „Dir sei verziehen, Unwürdiger!“ Unsere Plänkelei wurde plötzlich von einer ironischen Stimme unterbrochen. „Na Anouk, wie ich sehe, hast du dich ja schon ganz gut eingelebt!“ Runeas’ ausgelassenes Grinsen war auf einmal wie weggeblasen. Mit einem Ruck stand er auf. Ich drehte mich um und erblickte Espen, der sich mit verschränkten Armen vor mir aufgebaut hatte. „Ja, dank Runeas ist die Welt nicht mehr ganz so schwarz! Schön, dass dich mein Wohlbefinden interessiert. Was machst du eigentlich hier?“ Als ich Runeas erwähnte, verfinsterte sich sein Blick noch mehr. „Ich sammle gerade meine Schülerin ein, die eigentlich noch bewusstlos im Bett liegen sollte, aber stattdessen flirtet sie mit irgendeinem dahergelaufenen Typen – das mache ich hier!“

Jetzt stand auch ich auf. Was glaubte der eigentlich, wer er war? „Jetzt pass mal auf! Was interessiert es dich, mit wem ich flirte? Und ob ich im Bett liege oder hier mir Runeas rede“, ich betonte die beiden folgenden Wörter überdeutlich, „ist ja wohl kein Problem, außer dass es vielleicht dein kleinkariertes Weltbild zusammenstürzen lässt!“

Espen rang um Fassung, während Runeas an mich herangetreten war und mir ins Ohr flüsterte, sodass ich seinen heißen Atmen an meinem Ohr spüren konnte: „Wohl doch nicht so friedfertig.“ Ich drehte mich zu ihm um. Unsere Gesichter waren jetzt so nah beieinander, dass er sich nur hätte herunterbeugen müssen und unsere Münder hätten sich berührt. Diese Anziehungskraft zwischen uns war seltsam betörend. Espens knurrender Laut riss mich aus diesem tranceartigen Moment. Verlegen trat ich einen Schritt zurück, während Runeas sich bückte und seinen Bogen aufhob, Espen beflissentlich ignorierend. „Ich werde dich dann morgen zu deinen verschiedenen Klassenzimmern begleiten, wenn das in Ordnung für dich ist?“ Mein Herz machte einen Freudensalto. „Und wie willst du mich finden?“, fragte ich neckisch. Runeas grinste schief. „Das überlass mal mir.“

Während Runeas mit leichten, federnden Schritten die prunkvolle Treppe hinaufstieg und in einem Flur verschwand, breitete sich zwischen Espen und mir eine aggressive Stille aus. Ich knirschte mit den Zähnen und versuchte, das explosive Gefühl in meinem Magen so gut es ging zu unterdrücken. Nein, ich hatte keine Chilischoten gegessen; ich war dabei, mich in Rumpelstilzchen zu verwandeln. Wie dieser Mann mich nervte! Ich atmete tief ein und wieder aus und musste mich beherrschen, ihm nicht an die Gurgel zu gehen. Wie er dastand. So eingebildet, so arrogant, so … Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Nicht ausrasten, ermahnte ich mich. Zu meiner großen Verärgerung musterte Espen mich erst von Kopf bis Fuß und lächelte mich dann träge an.

Er fuhr sich durch die Haare, die leicht sein Kinn umspielten, drehte sich mit einem „Komm“ um, so als wäre nichts gewesen, und steuerte eine große, reich verzierte Tür an. Ich verschränkte meine Arme und blieb wortlos stehen. Kurz meldete sich der vernünftige Teil in meinem Gehirn, und ich fragte mich, warum ich eigentlich so sauer auf Espen war, doch ich verdrängte diese Frage schnell wieder. Es tat gut, dass meine Wut nicht mehr ziellos umherschwirrte, sondern endlich einen Fixpunkt hatte.

An der großen Tür blieb Espen stehen und blickte über seine Schulter. Er zog eine Augenbraue hoch. Er war es anscheinend nicht gewohnt, ein Mädchen zweimal aufzufordern, ihm zu folgen. Auch ich zog eine Augenbraue hoch. Er drehte sich jetzt vollkommen zu mir um. „Was ist, bist du festgewachsen?“ Ich schnaubte verächtlich und warf schwungvoll meine Haare über die Schulter. „Wenn dem so wäre, würde ich beantragen, dass du dich mir in einem Radius von fünfzig Kilometern nicht nähern darfst!“

Ein frustrierter Ausdruck huschte über sein Gesicht, und ich konnte sehen, wie er die Zähne zusammenbiss. Wenn ich so weitermachte, könnte ich ihn bald los sein. Ich rieb mir innerlich die Hände. Ich drehte mich auf dem Absatz um und meinte, ohne zurückzublicken: „Ich gehe jetzt mal dahin, wo ich mit keinem Typen flirten kann.“

Ich war schon bei der Treppe angekommen, als er mit gefährlich leiser Stimme sagte: „Wenn du jetzt nicht sofort kommst, dann wirst du so viele Liegestütze machen, bis du deinen Namen nicht mehr sagen, geschweige denn denken kannst!“ Ich umkrallte das Treppengeländer mit einer Hand. Hatte er mir gerade gedroht? Mit Liegestützen? Ich wandte mich zu ihm um, aber nicht um ihm den Gefallen zu tun und klein beizugeben, sondern um ihm direkt ins Gesicht zu lächeln, das einem wütenden Kriegsgott glich. Dann drehte ich mich um. Ein scharfes „Anouk!“ veranlasste mich dann dazu, ihm den Finger zu zeigen und die Treppe hochzustiefeln.

Ich hörte ihn mit schnellen Schritten hinter mir hereilen. Seine nächsten Worte ließen mich überlegen, ihn eventuell in einen menschlichen Boxsack zu verwandeln. Er packte mich an den Schultern und drehte mich zu sich herum. Ihn als wütend zu beschreiben, wäre untertrieben. Seine blauen Augen durchbohrten mich förmlich. Ich versuchte, gelassen zurückzublicken. „Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, dann …“ Ich stieß seine Hand von meiner Schulter und schaute ihn herausfordernd an. „Dann was? Willst du mich dann etwa tragen, oder was?“ Mit einem „Pff“ wollte ich mich wieder umdrehen, als ich seinen festen Griff um meine Hüfte spürte. Ich schrie überrascht auf und fand mich im nächsten Moment über seiner Schulter wieder. Als würde ich nichts wiegen, ging er zu der großen Tür zurück und stieß sie auf. Ich explodierte auf seiner Schulter förmlich. Ich trat, schlug und versuchte mich von ihm wegzudrücken. Er quittierte das alles jedoch nur mit einem Lachen. „Du verdammter nordischer Arsch!“, zischte ich mühsam zwischen meinen Zähnen hervor, als ein Nerv an meiner Augenbraue gefährlich zu zucken begann und mein Kopf schwer wurde.

Im Gegensatz zu mir war er wieder die Ruhe selbst. Wir beziehungsweise er ging durch einen großen Gang. Er gab mir einen Klaps auf den Hintern. „Na, na, Anouk, so was sagt man doch nicht. Schon gar nicht zu jemandem, der einem das Leben gerettet hat!“ Aus lauter Wut spielte ich mit dem Gedanken, ihm sein wohlgeformtes Hinterteil vollzukotzen, ließ es aber – dank meiner guten Erziehung – dann doch bleiben.

„Ich wünschte, du hättest mich liegen gelassen, dann wäre ich jetzt nicht mit dir hier!“ Kurz lockerte sich sein Griff, was ich ausnutzte, um ihm mit Schwung in die Mitte zu treten. Der hat gesessen!, dachte ich fröhlich, bevor ich hart auf dem Boden aufkam. Keiner fasste mich unerlaubt an oder trug mich gegen meinen Willen durch die Gegend! Espen war in die Knie gegangen und stöhnte. Ich rappelte mich auf und wollte wankend die Flucht ergreifen, fand mich aber im nächsten Moment an eine Wand gedrückt wieder. Gegen diesen Typen hilft nur ein K.-o.-Pfefferspray, schoss es mir durch den Kopf. Ich spürte seinen heißen Atem an meinem Ohr, während ich kaum imstande war, Luft zu holen. Als er schließlich zu sprechen begann, kitzelte mich jedes Wort an meinem Ohr, so als würden sich seine Worte über meine hilflose Lage lustig machen.

„Ich denke, wir sollten mal miteinander reden!“ – „Ach, du denkst?“, presste ich hervor.

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25 may 2021
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