Kitabı oxu: «Mrs Dalloway»
Virginia Woolf
Mrs Dalloway
Mit einem Essay von Ulrike Draesner
Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser
Reclam
2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Keppler + Jung
Coverabbildung: Svea Anais Perrine / photocase.de
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2019
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961478-6
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011197-0
www.reclam.de
Inhalt
Mrs Dalloway
»For there she was« – Virginia Woolf und die Wirklichkeiten des Erzählens. Von Ulrike Draesner
Über Virginia Woolf
Über Ulrike Draesner
Mrs Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst besorgen.
Denn Lucy hatte alle Hände voll zu tun. Die Türen mussten ausgehängt werden; Rumpelmayers Leute würden kommen. Und außerdem, dachte Clarissa Dalloway, was für ein Morgen – so frisch, als habe man ihn Kindern am Strand zugedacht.
Was für ein Spaß! Was für ein Sprung! Denn so war es ihr noch stets vorgekommen, wenn sie, mit einem leichten Quietschen der Angeln, das sie auch jetzt wieder hören konnte, die Terrassentür aufgestoßen hatte und in Bourton ins Freie gesprungen war. So frisch, so ruhig, stiller als hier natürlich, war die Luft am frühen Morgen gewesen; wie das Plätschern einer Welle; der Kuss einer Welle; kühl und scharf und doch (für das Mädchen von achtzehn Jahren, das sie damals war) feierlich; wie sie dort am offenen Fenster stand, hatte sie geahnt, dass etwas Schreckliches sich anbahnte; hatte auf die Blumen geschaut, auf die Bäume, von denen der Dunst sich löste, auf die steigenden und sinkenden Krähen; hatte gestanden und geschaut, bis Peter Walsh sagte: »Grübelst du mitten im Gemüsebeet?« – war es das? – »Ich mag Menschen lieber als Blumenkohl« – war es das? Er musste es eines Morgens beim Frühstück gesagt haben, als sie auf die Terrasse getreten war – Peter Walsh. Er würde irgendwann aus Indien zurückkehren, im Juni oder Juli, sie hatte vergessen wann, denn seine Briefe waren schrecklich langweilig; seine Aussprüche waren es, an die man sich erinnerte; seine Augen, sein Taschenmesser, sein Lächeln, seine Verdrießlichkeit und, wenn sich Millionen anderer Dinge längst verflüchtigt hatten – wie seltsam das war! –, ein paar Aussprüche wie diese über Kohlköpfe.
An der Bordsteinkante straffte sie sich ein wenig, wartete darauf, dass Durtnalls Lieferwagen vorüberfuhr. Eine reizende Frau, fand Scrope Purvis (er kannte sie, wie man eben Leute kennt, mit denen man Tür an Tür in Westminster wohnt); hatte etwas von einem Vogel, von einem Häher, blaugrün, leicht, lebhaft, obwohl sie die fünfzig überschritten hatte und seit ihrer Krankheit sehr weiß geworden war. Da stand sie nun, vogelgleich, bemerkte ihn nicht, wartete darauf, die Straße überqueren zu können, sehr aufrecht.
Denn wenn man in Westminster gelebt hat – wie viele Jahre jetzt? über zwanzig –, spürt man sogar mitten im Verkehr oder wenn man nächtens wachliegt, Clarissa war sich dessen sicher, eine eigenartig gedämpfte Stille, oder Feierlichkeit; ein unbeschreibliches Innehalten der Zeit, eine Erregung (aber das mochte auch ihr Herz sein, das, wie man sagte, von der Grippe angegriffen war), bevor Big Ben die volle Stunde schlägt. Da! Ein Dröhnen. Zuerst eine Warnung, musikalisch; dann die Stunde, unwiderruflich. Die bleiernen Schwingungen lösten sich auf in der Luft. Was sind wir doch für Narren, dachte sie, als sie die Victoria Street überquerte. Denn der Himmel allein weiß, weshalb man es so liebt, weshalb man es so wahrnimmt, es gestaltet, es um sich errichtet, es einreißt, es jeden Moment neu erschafft; doch selbst die größten Vogelscheuchen, die Mutlosesten der Elenden, die in Hauseingängen kauern (Trunksucht ihr Ruin) tun ein Gleiches; mit Gesetzen, das spürte sie deutlich, ist der Sache nicht beizukommen, aus eben diesem Grund: Sie lieben das Leben. In den Augen der Menschen, in all dem Schwanken, Stapfen und Schlurfen; dem Gebrüll und Getöse; den Kutschen, Automobilen, Omnibussen, Lieferwagen, den schlurfenden und schwankenden Plakatträgern; Blaskapellen; Leierkästen; dem Triumph, dem Gebimmel und dem sonderbar hohen Singen eines Flugzeugs am Himmel war, was sie liebte: Leben; London; dieser Augenblick im Juni.
Denn es war Mitte Juni. Der Krieg war zu Ende, außer für jemanden wie Mrs Foxcroft gestern Abend in der Botschaft, die sich vor Gram verzehrte, weil dieser nette Junge umgekommen war und der alte Herrensitz jetzt an einen Cousin fallen würde; oder Lady Bexborough, die, wie man sich erzählte, einen Wohltätigkeitsbasar eröffnet hatte, in der Hand das Telegramm, John, ihr Liebling, sei gefallen; aber er war zu Ende; dem Himmel sei Dank – zu Ende. Es war Juni. König und Königin residierten im Palast. Und obwohl noch so früh, war da überall ein Getrappel, ein Geflirr galoppierender Ponys, das Klacken von Kricketschlägern; Lords, Ascot, Ranelagh und der ganze Rest; eingehüllt in das zarte Gespinst graublauer Morgenluft, die sie im Lauf des Tages auflösen und auf ihren Rasenflächen und Spielfeldern absetzen würde, die springenden Ponys, deren Vorderhufe kaum den Boden berührten, schon schnellten sie hoch, die durcheinanderquirlenden jungen Männer und die lachenden Mädchen in ihren durchsichtigen Musselinkleidern, die selbst jetzt, nachdem sie die ganze Nacht durchgetanzt hatten, ihre lächerlich wolligen Hunde spazieren führten; und selbst jetzt, zu dieser Stunde, schwärmten diskrete alte Witwen in ihren Automobilen zu geheimnisvollen Besorgungen aus; und in den Schaufenstern machten sich die Geschäftsinhaber an ihren falschen Steinen und echten Diamanten zu schaffen, an ihren herrlichen alten meergrünen Broschen in Fassungen des achtzehnten Jahrhunderts, um Amerikanerinnen zu ködern (aber man musste sparsam sein, nicht vorschnell etwas für Elizabeth kaufen), und auch sie, die all dies mit lächerlich ergebener Leidenschaft liebte, da sie ein Teil davon war, hatten doch ihre Vorfahren zur Zeit der Georges als Höflinge gedient, auch sie wollte am heutigen Abend entflammen und erstrahlen lassen; wollte ihre Gesellschaft geben. Doch wie seltsam, beim Betreten des Parks, die Stille; der Nebel; das Summen; die gemächlich schwimmenden glücklichen Enten; die watschelnden Pelikane; aber wer, passenderweise, kam jetzt daher, mit dem Rücken zu den Regierungsgebäuden, eine Depeschentasche in der Hand, auf die das königliche Wappen geprägt war? Niemand anders als Hugh Whitbread; ihr alter Freund Hugh – der bewundernswerte Hugh!
»Einen schönen guten Morgen, Clarissa!«, sagte Hugh ziemlich übertrieben, denn sie hatten sich schon als Kinder gekannt. »Wohin des Wegs?«
»Ich liebe es, in London spazieren zu gehen«, sagte Mrs Dalloway. »Wirklich, es ist schöner, als auf dem Land spazieren zu gehen.«
Sie seien eben erst in die Stadt gekommen – leider –, um Ärzte aufzusuchen. Andere Leute kamen, um sich Gemälde anzusehen; in die Oper zu gehen; ihre Töchter auszuführen; die Whitbreads kamen, »um Ärzte aufzusuchen«. Unzählige Male hatte Clarissa Evelyn Whitbread in einem Sanatorium besucht. War Evelyn schon wieder krank? Evelyn fühle sich durchaus nicht wohl, sagte Hugh und gab durch eine Art Vorwölben oder Anschwellen seines sehr gut verhüllten männlichen, überaus ansehnlichen, perfekt gepolsterten Oberkörpers (immer war er fast zu gut gekleidet, aber das musste er ja wohl, angesichts seines kleinen Postens bei Hofe), gab also zu erkennen, dass seine Frau an einer inneren Krankheit litt, nichts Ernstes, deren Natur Clarissa Dalloway, als alte Freundin, sicherlich verstehe, auch ohne ihn um nähere Einzelheiten zu bitten. Ah ja, das tat sie selbstverständlich; wie unangenehm; sie fühlte sich sehr schwesterlich und zugleich seltsam befangen ihres Hutes wegen. Nicht der richtige Hut so früh am Morgen, war es das? Denn Hugh flößte ihr immer dieses Gefühl ein, wie er so weitereilte, ziemlich übertrieben seinen Hut lüftete und ihr versicherte, sie könne für ein junges Mädchen von achtzehn durchgehen, und selbstverständlich komme er zu ihrer Gesellschaft heute Abend, Evelyn bestehe unbedingt darauf, nur könne es nach dem Empfang im Palast, zu dem er einen von Jims Jungen mitnehmen müsse, ein wenig spät werden – neben Hugh kam sie sich stets ein wenig dürftig vor; schulmädchenhaft; war ihm dennoch zugetan, teils weil sie ihn schon immer gekannt hatte, aber sie fand, dass er auf seine Art ein guter Kerl war, obwohl er Richard fast zur Raserei brachte, und was Peter Walsh anging, der hatte es ihr bis zum heutigen Tage nicht verziehen, dass sie ihn mochte.
Sie konnte sich an Szene um Szene in Bourton erinnern – Peter aufgebracht; Hugh, ihm natürlich in keiner Weise gewachsen, aber auch nicht der absolute Schwachkopf, als den Peter ihn hinstellte; kein Perückenstock. Wenn seine alte Mutter wollte, dass er nicht mehr auf die Jagd ging oder sie nach Bath begleitete, so tat er es, ohne ein Wort zu sagen; er war wirklich selbstlos, und was Peters Bemerkung betraf, er habe kein Herz, kein Hirn, nichts als die Manieren und die Erziehung eines englischen Gentleman, so zeigte sich nur ihr lieber Peter von seiner schlimmsten Seite; er konnte unerträglich sein; er konnte unmöglich sein; aber anbetungswürdig, wenn sie an einem Morgen wie diesem mit ihm spazieren ging.
(Der Juni hatte jedes einzelne Blatt aus den Bäumen gelockt. Die Mütter von Pimlico stillten ihre Jungen. Botschaften wurden von der Flotte zur Admiralität gesandt. Arlington Street und Picadilly schienen die Luft im Park zu erwärmen und die Blätter heiß und glänzend auf Wogen jener göttlichen Lebenslust zu heben, die Clarissa so liebte. Tanzen, Reiten, für all das hatte sie geschwärmt.)
Denn sie hätten Hunderte von Jahren getrennt sein mögen, sie und Peter; nie schrieb sie einen Brief, und seine waren wie trockenes Holz; doch zuweilen kam es plötzlich über sie, wenn er jetzt bei mir wäre, was würde er sagen? – mancher Tag, mancher Anblick brachte ihn ihr zurück, ruhig, ohne die alte Bitterkeit; was vielleicht die Belohnung dafür war, dass man sich aus Leuten etwas gemacht hatte; an einem schönen Morgen mitten im St. James’s Park kamen sie zurück – das war tatsächlich so. Doch Peter – wie schön der Tag auch sein mochte, und die Bäume und das Gras und das kleine Mädchen in Rosa –, Peter sah nie etwas von alledem. Er würde seine Brille aufsetzen, wenn sie ihn dazu aufforderte; er würde hinschauen. Der Zustand der Welt war es, der ihn interessierte; Wagner, die Gedichte Popes, immerfort nur der Charakter der Leute und die Defekte ihrer eigenen Seele. Wie er mit ihr schimpfte! Wie sie stritten! Sie würde einen Premierminister heiraten und ganz oben auf einer Treppe stehen; die vollendete Gastgeberin hatte er sie genannt (sie hatte deswegen in ihrem Schlafzimmer geweint), sie habe das Zeug zu einer vollendeten Gastgeberin, hatte er gesagt.
So haderte sie auch im St. James’s Park noch immer mit sich selbst, behauptete noch immer, recht daran getan zu haben – und das hatte sie auch –, ihn nicht zu heiraten. Denn in einer Ehe musste es ein wenig Freiheit, ein wenig Unabhängigkeit geben zwischen Menschen, die tagein, tagaus unter demselben Dach zusammenleben; was Richard ihr einräumte, und sie ihm. (Wo war er zum Beispiel an diesem Morgen? Irgendein Ausschuss, sie fragte nie, welcher.) Aber mit Peter musste alles geteilt, alles besprochen werden. Und das war unerträglich, und als es in dem kleinen Garten zu der Szene beim Springbrunnen gekommen war, hatte sie mit ihm brechen müssen, oder sie wären zerstört worden, beide zugrunde gerichtet, davon war sie überzeugt; obwohl sie jahrelang wie einen Pfeil, der in ihrem Herzen steckte, den Kummer, das Leid ertragen hatte: und dann das Grauen des Augenblicks, als ihr jemand bei einem Konzert erzählt hatte, er habe eine Frau geheiratet, die er auf der Schiffsreise nach Indien kennengelernt habe! Niemals würde sie all das vergessen. Kalt, herzlos, prüde hatte er sie genannt. Niemals werde sie seine Art zu lieben begreifen können. Aber diese Inderinnen taten es vermutlich – alberne, hübsche, schwache dumme Gänse. Und sie verschwendete ihr Mitgefühl. Denn er sei ganz glücklich, versicherte er ihr – vollkommen glücklich, obwohl er nichts von alledem getan hatte, wovon sie gesprochen hatten; sein ganzes Leben war ein einziger Misserfolg gewesen. Das ärgerte sie noch immer.
Sie hatte das Parktor erreicht. Sie blieb einen Augenblick stehen und besah sich die Omnibusse auf der Piccadilly.
Heute würde sie von niemandem auf der Welt behaupten, er sei dies oder sei das. Sie fühlte sich sehr jung; gleichzeitig unsäglich gealtert. Sie durchschnitt alles wie ein Messer; stand gleichzeitig außerhalb, schaute zu. Als sie die Droschken beobachtete, hatte sie das beständige Empfinden, draußen zu sein, draußen, weit draußen auf hoher See und allein; stets hatte sie das Gefühl, dass es sehr, sehr gefährlich war, auch nur einen Tag lang zu leben. Nicht, dass sie sich für klug hielt oder für außergewöhnlich. Wie sie mit den wenigen Zweiglein Wissen, die Fräulein Daniels ihnen mitgegeben hatte, durchs Leben gekommen war, konnte sie sich gar nicht ausdenken. Sie kannte nichts; keine Sprache, keine Geschichte; sie las kaum noch ein Buch, außer im Bett Memoiren; und doch war es für sie absolut fesselnd; all dies; die Droschken, die vorüberfuhren; und sie würde von Peter nicht behaupten, sie würde von sich selbst nicht behaupten, ich bin dies, ich bin das.
Ihre einzige Begabung, dachte sie im Weitergehen, bestand darin, Leute fast instinktiv zu durchschauen. Wenn man sie mit jemandem in ein Zimmer sperrte, machte sie einen Buckel wie eine Katze; oder sie schnurrte. Devonshire House, Bath House, das Haus mit dem Porzellankakadu, alle hatte sie einst in voller Festbeleuchtung gesehen; und erinnerte sich an Sylvia, Fred, Sally Seton – ganze Scharen von Menschen; und Tanz durch die Nacht; und die Wagen, die auf dem Weg zum Markt vorüberzockelten; und die Heimfahrt durch den Park. Sie erinnerte sich, wie sie einmal einen Shilling in den Serpentine geworfen hatte. Aber ein jeder erinnerte sich; was sie liebte, war dies, hier, jetzt, vor ihr; die dicke Dame in der Droschke. Spielte es da eine Rolle, fragte sie sich, während sie in Richtung Bond Street ging, spielte es da eine Rolle, dass sie unweigerlich ganz und gar erlöschen musste; dass all dies ohne sie weitergehen musste; störte es sie; oder war es nicht vielmehr tröstlich, zu glauben, dass der Tod ein absolutes Ende setzte?, dass sie aber in den Straßen Londons, mit der Fluktuation der Dinge, hier, dort, irgendwie weiterlebte, dass Peter weiterlebte, dass sie ineinander lebten, da sie doch, davon war sie überzeugt, ein Teil der Bäume daheim war; ein Teil des Hauses dort, hässlich, wie es langsam, aber sicher in sich zusammenfiel; ein Teil von Menschen, denen sie nie begegnet war; da sie doch hingebreitet war wie ein Nebel unter den Menschen, die sie am besten kannte, die sie auf ihrem Geäst emporhoben, so wie sie gesehen hatte, dass die Bäume den Nebel heben, aber es dehnte sich ja so weit aus, ihr Leben, ihr Selbst. Was träumte sie da, als sie in das Schaufenster von Hatchard’s blickte? Was versuchte sie wiederzuerlangen? Welches Bild von weißer Morgendämmerung auf dem Land, als sie in dem aufgeschlagenen Buch las:
Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
Noch des Winters grimmen Hohn!
Dies jüngste Zeitalter der Welterfahrung hatte in ihnen allen, sämtlichen Männern und Frauen, einen Brunnen voller Tränen geschaffen. Tränen und Schmerzen; Mut und Ausdauer; eine vollkommen aufrechte und stoische Haltung. Man denke zum Beispiel an die Frau, die sie am meisten bewunderte, Lady Bexborough, wie sie den Wohltätigkeitsbasar eröffnete.
Da waren Jorrock’s Jaunts and Jollities; da waren Soapy Sponge und Mrs Asquiths Memoirs und Big Game Shooting in Nigeria, alle aufgeschlagen. So viele Bücher gab es da; doch keines, das genau das richtige zu sein schien, um es Evelyn Whitbread in ihr Sanatorium mitzubringen. Nichts, das dazu taugen würde, sie zu unterhalten und, wenn Clarissa hereinkäme, diese unbeschreiblich vertrocknete kleine Frau dazu zu bringen, auch nur einen Augenblick lang freundlich dreinzublicken; bevor sie sich zurechtsetzten, um die üblichen, nicht enden wollenden Gespräche über Frauenleiden zu führen. Wie sehr sie sich das wünschte – dass Menschen erfreut aussähen, wenn sie hereinkäme, dachte Clarissa, drehte sich um und ging zurück zur Bond Street, verärgert, weil es albern war, andere Gründe dafür zu haben, dass man bestimmte Dinge tat. Viel lieber wäre sie einer jener Menschen gewesen wie Richard, der Dinge um ihrer selbst willen tat, während sie, so dachte sie, als sie darauf wartete, die Straße überqueren zu können, die Hälfte der Zeit Dinge nicht einfach so, um ihrer selbst willen, tat; sondern damit andere Menschen dieses oder jenes dachten; völlige Idiotie, das wusste sie (und jetzt hob der Polizist die Hand), denn niemand fiel auch nur eine Sekunde lang darauf herein. Ach, wenn sie ihr Leben noch einmal von vorn beginnen könnte!, dachte sie, als sie auf den Gehsteig trat, wenn sie wenigstens anders hätte aussehen können!
Dann wäre sie zuallererst dunkelhaarig wie Lady Bexborough gewesen, mit einer Haut wie zerknautschtes Leder und wunderschönen Augen. Dann wäre sie, wie Lady Bexborough, bedächtig und stattlich gewesen; eher füllig; an Politik interessiert wie ein Mann; mit einem Landsitz; sehr würdig, sehr aufrichtig. Stattdessen hatte sie eine Figur, dünn wie eine Bohnenstange; ein lächerliches kleines Gesicht, schnabelförmig wie das eines Vogels. Dass sie sich gut gehalten hatte, stimmte; und hübsche Hände und Füße hatte; und sich gut kleidete, wenn man berücksichtigte, wie wenig sie ausgab. Doch dieser Körper, den sie mit sich herumtrug (sie blieb stehen, um ein holländisches Gemälde zu betrachten), dieser Körper, mit all seinen Fähigkeiten, schien ihr inzwischen häufig ein Nichts zu sein – ein reines Nichts. Sie hatte das befremdliche Gefühl, unsichtbar zu sein; ungesehen; unerkannt; jetzt gab es kein Heiraten mehr, kein Kinderkriegen mehr, sondern nur noch dieses erstaunliche und recht feierliche Fortschreiten mit all den anderen, die Bond Street hinauf, dieses Mrs-Dalloway-Sein; nicht einmal mehr Clarissa; dieses Mrs-Richard-Dalloway-Sein.
Die Bond Street faszinierte sie; die Bond Street in der Saison, am frühen Morgen; die flatternden Fahnen; die Geschäfte; keine Verschwendung; kein Glanz; ein einzelner Ballen Tweed in dem Laden, in dem ihr Vater fünfzig Jahre lang seine Anzüge erstanden hatte; ein paar Perlen; Lachs auf einem Block Eis.
»Das ist alles«, sagte sie und blickte ins Fischgeschäft. »Das ist alles«, wiederholte sie, während sie einen Augenblick vor der Auslage eines Handschuhladens stehenblieb, in dem man, vor dem Krieg, fast perfekte Handschuhe hatte kaufen können. Und ihr alter Onkel William pflegte zu sagen, eine Dame erkenne man an ihren Schuhen und ihren Handschuhen. Eines Morgens, mitten im Krieg, hatte er sich auf seinem Bett umgedreht. Er hatte gesagt: »Ich habe genug.« Handschuhe und Schuhe; für Handschuhe hatte sie eine wahre Leidenschaft; doch ihre eigene Tochter, ihre Elizabeth, gab auf beides keinen Pfifferling.
Keinen Pfifferling, dachte sie, als sie die Bond Street hinaufging zu einem Geschäft, wo man, wenn sie eine Gesellschaft gab, Blumen für sie zurücklegte. Eigentlich machte sich Elizabeth am meisten aus ihrem Hund. Heute Morgen hatte das ganze Haus nach Teer gerochen. Immerhin, lieber der arme Grizzle als Miss Kilman; lieber Staupe und Teer und alles andere, als sich murrend mit einem Gebetbuch in ein stickiges Schlafzimmer einzuschließen! Lieber alles andere, war sie versucht zu sagen. Aber vielleicht handelte es sich ja, wie Richard meinte, nur um eine Phase, die alle jungen Mädchen durchmachten. Vielleicht war es Verliebtheit. Aber warum bei Miss Kilman?, die natürlich schlecht behandelt worden war; das musste man ihr zugutehalten, und Richard meinte, sie sei sehr tüchtig, habe Sinn für Geschichte. Einerlei, sie waren unzertrennlich, und Elizabeth, ihre eigene Tochter, ging zur Kommunion; und wie sie sich kleidete, wie sie Leute behandelte, die zum Lunch kamen, darauf gab sie keinen Pfifferling, denn ihrer Erfahrung nach machte religiöse Ekstase die Menschen hartherzig (ebenso jede gerechte Sache); stumpfte ihr Empfinden ab, denn für die Russen würde Miss Kilman alles tun, für die Österreicher hungern, unter vier Augen jedoch unterwarf sie einen regelrecht der Folter, so gefühllos war sie, in einen grünen Regenmantel gekleidet. Jahrein, jahraus trug sie diesen Mantel; sie schwitzte; keine fünf Minuten lang war sie im Zimmer, ohne einen ihre Überlegenheit, die eigene Unterlegenheit spüren zu lassen; wie arm sie sei; wie reich man selbst sei; wie sie in einem Slum lebe, ohne ein Kissen oder ein Bett oder einen Teppich oder was immer es sein mochte, ihre ganze Seele zerfressen von diesem Kummer, der in ihr steckte, ihre Entlassung aus der Schule während des Krieges – das arme, verbitterte, unglückselige Geschöpf! Denn nicht sie selbst war es, die man hasste, sondern die Vorstellung von ihr, die zweifellos vieles in sich aufgenommen hatte, was gar nicht Miss Kilman war; die zu einem jener Gespenster geworden war, mit denen man nachts ringt; zu einem jener Gespenster, die rittlings auf uns hocken und uns das halbe Lebensblut aussaugen, Beherrscher und Tyrannen; denn ohne Zweifel, wäre der Würfel anders gefallen, wäre Schwarz oben gewesen und nicht Weiß, sie hätte Miss Kilman geliebt! Aber nicht in dieser Welt. Nein.
Aber es zermürbte sie, dass dieses brutale Ungeheuer sich in ihr regte!, zu hören, wie Zweige brachen, und zu fühlen, wie Hufe sich in die Tiefen jenes laubbeschwerten Waldes, die Seele, gruben; niemals ganz zufrieden zu sein oder seiner selbst ganz sicher, denn jeden Augenblick konnte die Bestie sich regen, dieser Hass, der, besonders seit ihrer Krankheit, die Macht besaß, dass sie sich wie zerschrammt vorkam, am Rückgrat verletzt; der ihr physischen Schmerz verursachte und alle Freude an Schönheit, Freundschaft, Wohlergehen, daran, dass sie geliebt wurde und sich ein wunderbares Heim geschaffen hatte, zum Wanken brachte, zum Erbeben, zum Einknicken, als gäbe es tatsächlich ein Ungeheuer, das an den Wurzeln wühlte, als wäre die ganze Rüstung der Zufriedenheit nichts als Selbstliebe! dieser Hass!
Unsinn, Unsinn!, rief sie sich zu und schob sich durch die Pendeltür von Mulberry, dem Floristen.
Sie trat nach vorn, leicht, groß, sehr aufrecht, und wurde sogleich von der knopfgesichtigen Miss Pym begrüßt, deren Hände stets hochrot waren, als hätten sie mit den Blumen in kaltem Wasser gestanden.
Da waren die Blumen: Rittersporn, Wicken, Fliedersträuße; und Nelken, Unmengen von Nelken. Da waren Rosen; da waren Schwertlilien. Ah ja – so atmete sie den erdigen, gartensüßen Duft ein, während sie dastand und sich mit Miss Pym unterhielt, die ihr Hilfe schuldig war und sie für freundlich hielt, denn freundlich war sie vor Jahren gewesen; sehr freundlich, aber sie sah älter aus, dieses Jahr, wie sie so, die Augen halb geschlossen, den Kopf zwischen den Schwertlilien und den Rosen und den nickenden Fliederdolden von einer Seite zur anderen neigte und, nach dem Straßentumult, den köstlichen Duft, die exquisite Kühle einsog. Und dann, als sie die Augen aufschlug, wie frisch sahen da nicht die Rosen aus, ganz wie gefälteltes Leinen, das, auf Weidentabletts gebreitet, sauber aus der Wäscherei kommt; und dunkel und steif die roten Nelken, die ihre Köpfe hochhielten; und all die Wicken, die sich in ihren Schalen ausstreckten, violett, schneeweiß, blass getönt – als wäre es Abend, und Mädchen in Musselinröcken kämen aus den Häusern herbei, um Wicken und Rosen zu pflücken, nachdem der herrliche Sommertag mit seinem nahezu blauschwarzen Himmel, seinem Rittersporn, seinen Nelken, seinen Callas zu Ende gegangen war; und als wäre es jener Augenblick zwischen sechs und sieben, wenn jede Blume erglüht – Rosen, Nelken, Schwertlilien, Flieder; weiß, violett, rot, tieforange; jede Blume von allein zu brennen scheint, zart, rein in den dunstigen Beeten; und wie liebte sie die grauweißen Falter, die dort hin und her flatterten, über den Vanilleblumen, über den Nachtkerzen!
Und als sie mit Miss Pym von Vase zu Vase ging und wählte, sagte sie bei sich: Unsinn, Unsinn, sanfter und sanfter, als wären diese Schönheit, dieser Duft, diese Farbe und die Tatsache, dass Miss Pym sie mochte, ihr vertraute, eine Woge, der sie erlaubte, sie zu überspülen und diesen Hass, dieses Ungeheuer, zu überwinden, all das zu überwinden; und die Woge hob sie höher und höher, als – oh! draußen auf der Straße ein Pistolenschuss!
»Ach je, diese Automobile«, sagte Miss Pym, ging zum Fenster, um hinauszuschauen, und kam dann, die Hände voller Wicken, wieder zurück und lächelte entschuldigend, als wären diese Automobile, diese Reifen von Automobilen, allein ihre Schuld.
Die heftige Explosion, die Mrs Dalloway aufgeschreckt und Miss Pym dazu gebracht hatte, ans Fenster zu gehen und sich zu entschuldigen, rührte von einem Automobil, das genau gegenüber Mulberrys Schaufenster am Gehsteig angehalten hatte. Passanten, die, natürlich, stehenblieben und den Wagen anstarrten, hatten eben genug Zeit, um vor dem taubengrauen Polster ein Gesicht von allergrößter Bedeutung zu erkennen, bevor eine Männerhand die Gardine vorzog und nichts weiter als ein taubengraues Quadrat zu sehen war.
Dennoch liefen sogleich Gerüchte um, von der Mitte der Bond Street bis zur Oxford Street auf der einen Seite, bis zu Atkinsons Parfümerie auf der anderen Seite, zogen unsichtbar, unhörbar dahin, wie eine Wolke, geschwind, schleierartig auf Hügeln, fielen in der Tat mit so etwas wie der plötzlichen Gelassenheit und Geräuschlosigkeit einer Wolke auf Gesichter, die eine Sekunde vorher zutiefst undiszipliniert gewesen waren. Jetzt aber hatte das Geheimnis sie mit seiner Schwinge gestreift; sie hatten die Stimme der Autorität vernommen; der Geist der Religion weilte unter ihnen, die Augen fest verbunden und die Lippen weit geöffnet. Doch niemand wusste, wessen Gesicht man gesehen hatte. War es das des Prinzen von Wales, das der Königin, das des Premierministers? Wessen Gesicht war es? Niemand wusste es.
Edgar J. Watkiss, sein Bündel Bleirohre unterm Arm, sagte hörbar, humorvoll natürlich: »Die Karosse des Herrn Premierministers.«
Septimus Warren Smith, der sich außerstande sah, voranzukommen, hörte ihn.
Septimus Warren Smith, etwa dreißigjährig, bleichgesichtig, hakennasig, in braunen Schuhen und schäbigem Paletot, mit haselnussbraunen Augen, die jenen Ausdruck von Besorgnis zeigten, der wildfremde Menschen gleichfalls besorgt stimmt. Die Welt hat ihre Peitsche erhoben; wo wird sie niedergehen?
Alles war zum Stillstand gekommen. Das Pochen der Motoren klang wie ein Pulsschlag, der unregelmäßig durch einen ganzen Körper trommelt. Die Sonne wurde außergewöhnlich heiß, denn das Automobil hatte vor Mulberrys Schaufenster gehalten; alte Damen auf den Oberdecks der Omnibusse spannten ihre schwarzen Sonnenschirme auf; hier öffnete sich mit einem leisen Plopp ein grüner, dort ein roter Sonnenschirm. Mrs Dalloway, die, die Arme voller Wicken, ans Fenster trat, sah mit ihrem kleinen, rosigen, fragenden Gesicht hinaus. Alle sahen zu dem Automobil hin. Septimus sah hin. Jungen sprangen von ihren Fahrrädern. Der Verkehr stockte. Und da stand das Automobil, mit vorgezogenen Gardinen, darauf ein eigentümliches Muster, das wie ein Baum aussah, dachte Septimus, und dieses mähliche Sich-Zusammenziehen von allem zu einem einzigen Mittelpunkt genau vor seinen Augen, ganz so, als sei etwas Grausiges fast bis zur Oberfläche aufgestiegen und stehe kurz davor, in Flammen aufzugehen, machte ihm Angst. Die Welt zögerte und zitterte und drohte in Flammen aufzugehen. Ich bin es, der den Weg versperrt, dachte er. Sah man nicht zu ihm her und zeigte auf ihn; wurde er nicht wie von einem Gewicht herabgedrückt, war er nicht im Gehsteig verwurzelt, zu einem ganz bestimmten Zweck? Aber zu welchem?
»Lass uns weitergehen, Septimus«, sagte seine Gattin, eine kleine Frau mit großen Augen in einem farblosen, spitzen Gesicht; eine Italienerin.
Doch Lucrezia konnte selbst nicht umhin, zu dem Automobil und dem Baummuster auf den Gardinen hinzusehen. Saß dort die Königin – die Königin, die Einkäufe machte?
Der Chauffeur, der etwas geöffnet, an etwas gedreht, etwas geschlossen hatte, kletterte wieder auf seinen Sitz.
»Komm«, sagte Lucrezia.
Doch ihr Mann, denn sie waren jetzt seit vier, fünf Jahren verheiratet, zuckte erschrocken zusammen und sagte ärgerlich: »Na gut!«, als habe sie ihn unterbrochen.
Die Leute mussten es bemerken; die Leute mussten es sehen. Die Leute, dachte sie und blickte auf die Menge, die das Automobil anstarrte; die Engländer, mit ihren Kindern und ihren Pferden und ihren Kleidern, die sie in gewisser Weise bewunderte; aber jetzt waren sie »Leute«, denn Septimus hatte gesagt: »Ich werde mich umbringen«; schrecklich, so etwas zu sagen. Angenommen, sie hatten ihn gehört? Sie sah zu der Menge hin. »Hilfe, Hilfe!«, wollte sie Metzgerjungen und Frauen zurufen. Hilfe! Erst im vergangenen Herbst hatten sie und Septimus, in dasselbe Cape eingehüllt, am Embankment gestanden, und da Septimus Zeitung las, statt zu reden, hatte sie sie ihm entrissen und dem alten Mann, der sie beobachtet hatte, ins Gesicht gelacht! Doch Misserfolg verhehlt man. Sie musste ihn in irgendeinen Park bringen.
»Wir überqueren jetzt die Straße«, sagte sie.
Sie hatte ein Anrecht auf seinen Arm, auch wenn es ohne Empfindung geschah. Er würde ihr, die so einfach, so impulsiv, gerade mal vierundzwanzig war, die keine Freunde in England hatte, die Italien ihm zuliebe verlassen hatte, ein Stück Knochen reichen.
Das Automobil bewegte sich mit vorgezogenen Gardinen und einer Aura unergündlicher Reserviertheit in Richtung Piccadilly, wurde noch immer betrachtet, kräuselte die Gesichter zu beiden Seiten der Straße noch immer mit demselben dunklen Hauch der Verehrung, ob für die Königin, den Prinzen oder den Premierminister, das wusste niemand. Das Gesicht selbst war nur ein einziges Mal wenige Sekunden lang von drei Leuten gesehen worden. Selbst das Geschlecht war jetzt umstritten. Doch es konnte keinen Zweifel daran geben, dass Größe in dem Wagen saß; dass Größe, verborgen, die Bond Street hinabfuhr, nur eine Handbreit entfernt von gemeinen Bürgern, die sich jetzt, vielleicht zum ersten und zum letzten Mal, in Sprechweite der Majestät von England befanden, des immerwährenden Symbols des Staates, das neugierigen Altertumsforschern zur Kenntnis gelangen wird, wenn sie die Trümmer der Zeit sichten, wenn London ein grasbewachsener Pfad ist und all die, die an diesem Mittwochmorgen den Gehsteig entlanghasten, nur mehr Knochen sind, ihr Staub mit einigen wenigen Eheringen und den Goldfüllungen unzähliger verfaulter Zähne vermischt. Dann wird das Gesicht in dem Automobil bekannt sein.
Wahrscheinlich ist es die Königin, dachte Mrs Dalloway, als sie mit ihren Blumen aus Mulberry’s trat: die Königin. Und einen Augenblick lang trug sie eine außerordentlich würdevolle Miene zur Schau, wie sie so im Sonnenlicht vor dem Blumengeschäft stand, während der Wagen mit seinen vorgezogenen Gardinen im Schritttempo vorüberfuhr. Die Königin, die irgendein Krankenhaus besucht; die Königin, die irgendeinen Wohltätigkeitsbasar eröffnet, dachte Clarissa.
Das Gedränge war schrecklich für diese Tageszeit. Lords, Ascot, Hurlingham, was war es nur?, fragte sie sich, denn die Straße war blockiert. Die britische Mittelschicht, die längsseits auf den Oberdecks der Omnibusse saß, mit Päckchen und Schirmen, ja sogar mit Pelzmänteln an einem Tag wie diesem, war lächerlicher, dachte sie, allem, was je existiert hatte, unähnlicher, als man sich vorstellen konnte; und die Königin selbst aufgehalten, die Königin selbst außerstande voranzukommen. Clarissa wurde auf einer Seite der Brook Street behindert; Sir John Buckhurst, der alte Richter, auf der anderen, zwischen ihnen der Wagen (Sir John hatte jahrelang Recht gesprochen und schätzte eine gutgekleidete Frau), als der Chauffeur, der sich ein wenig hinausbeugte, dem Polizisten etwas sagte oder zeigte, der salutierte und den Arm hob und den Kopf herumriss und den Omnibus zur Seite beorderte, und so fuhr der Wagen durch. Langsam und sehr leise fuhr er seines Weges.
Clarissa stellte Vermutungen an; selbstverständlich wusste Clarissa Bescheid; sie hatte in der Hand des Lakaien etwas Weißes, Magisches, Rundes gesehen, eine Scheibe, auf der ein Name geschrieben stand – der der Königin, des Prinzen von Wales, des Premierministers? –, der sich kraft seines Glanzes einen Weg durch die Menge brannte (Clarissa sah den Wagen kleiner werden, verschwinden), um an diesem Abend zwischen Lüstern, funkelnden Ordenssternen, Brustkörben, steif von Eichenlaub, Hugh Whitbread und all seinen Kollegen, den Gentlemen Englands, im Buckingham Palace zu erstrahlen. Und auch Clarissa gab eine Gesellschaft. Sie nahm eine etwas steifere Haltung an; so würde sie ganz oben auf ihrer Treppe stehen.
Der Wagen war fort, hatte aber ein leichtes Kräuseln hinterlassen, das sich zu beiden Seiten der Bond Street durch Handschuhgeschäfte und Hutgeschäfte und Schneidergeschäfte fortpflanzte. Dreißig Sekunden lang hatten sich alle Köpfe in dieselbe Richtung geneigt – zu dem Fenster. Damen, die ein Paar Handschuhe aussuchten – sollten sie bis zum Ellbogen reichen oder darüber hinaus, zitronengelb oder hellgrau? –, hatten innegehalten; als der Satz zu Ende gesprochen war, hatte sich etwas ereignet. Etwas so Nichtiges in Einzelvorgängen, dass kein mathematisches Instrument, mochte es auch Erdstöße in China übermitteln, die Schwingung anzeigen konnte; in seiner Tragweite jedoch ziemlich gewaltig und in seiner allgemeinen Wirkung emotional; denn in all den Hutgeschäften und Schneidergeschäften sahen Fremde einander an und dachten an die Toten; an die Fahne; an das Empire. In einem Wirtshaus in einer Seitenstraße beleidigte ein Kolonist das Haus Windsor, was zu einem Wortwechsel, zersplitterten Biergläsern und einem allgemeinen Radau führte, der in den Ohren der Mädchen auf der anderen Straßenseite, die weiße, mit reinweißen Bändern verzierte Leinenunterwäsche für ihre Hochzeiten kauften, eigentümlich widerhallte. Denn als die Oberflächenerregung des vorüberfahrenden Wagens sich legte, hatte sie an etwas sehr Tiefes gerührt.
Der Wagen glitt über Piccadilly und bog dann in die St. James’s Street ein. Großgewachsene Männer, Männer von robuster Statur, gutgekleidete Männer mit ihren Fracks und ihren weißen Hemdbrüsten und ihrem zurückgekämmten Haar, die aus nur schwer zu ermittelnden Gründen im Erkerfenster von White’s standen, die Hände hinter den Frackschößen verschränkt, und hinaussahen, erfassten instinktiv, dass Größe vorüberfuhr, und das fahle Licht unsterblicher Gegenwart fiel auf sie, wie es auf Clarissa Dalloway gefallen war. Sogleich standen sie noch aufrechter und nahmen die Hände vom Rücken und schienen bereit, ihrem Souverän, wo nötig, bis vor die Mündung der Kanone zu folgen, wie ihre Vorfahren es vor ihnen getan hatten. Die weißen Büsten und die kleinen Tischchen im Hintergrund, die mit Ausgaben des Tatler und Flaschen Sodawasser bedeckt waren, schienen es zu billigen; schienen das wogende Getreide und die Landsitze Englands anzudeuten; und das schwache Summen der Wagenreifen zurückzuwerfen, so wie die Wände einer Flüstergalerie eine einzelne Stimme zurückwerfen, verstärkt und klangvoll durch die Macht einer ganzen Kathedrale. Die schalumschlungene Moll Pratt, die mit ihren Blumen auf dem Bürgersteig saß, wünschte dem lieben Jungen (es war ganz bestimmt der Prinz von Wales) alles Gute und hätte aus schierer Unbeschwertheit und Verachtung der Armut den Gegenwert eines Kruges Bier – einen Strauß Rosen – auf die St. James’s Street geworfen, hätte sie nicht gesehen, dass das Auge des Wachtmeisters auf ihr ruhte, was eine alte Irin von ihrer Loyalitätsbekundung abhielt. Die Wachen vor St. James’s salutierten; Königin Alexandras Polizist billigte es.
Unterdessen hatte sich vor den Toren von Buckingham Palace eine kleine Menschenmenge angesammelt. Teilnahmslos, aber zuversichtlich warteten sie, samt und sonders arme Leute; sahen zum Palast hin, auf dem die Flagge wehte; zu Victoria, die auf ihrem Sockel wogte, bewunderten ihre Schalen mit strömendem Wasser, ihre Geranien; hoben unter den Automobilen auf der Mall erst dieses, dann jenes hervor; verschwendeten ihre Gefühle, vergebens, auf einfache Bürger, die eine Spazierfahrt machten; nahmen ihren Tribut dann zurück, um ihn ungenutzt zu verwahren, während dieser Wagen vorbeifuhr und jener; und ließen die ganze Zeit über Gerüchte durch ihre Adern laufen und die Nerven in ihren Schenkeln vibrieren bei dem Gedanken, dass ein Mitglied des Königshauses auf sie blickte; die Königin, die sich verneigte; der Prinz, der salutierte; bei dem Gedanken an das himmlische Leben, das Königen durch göttliche Gnade zuteilwird; an die Stallmeister und die tiefen Hofknickse; an das alte Puppenhaus der Königin; an Prinzessin Mary, die mit einem Engländer verheiratet war, und an den Prinzen – ah! den Prinzen! der, wie man sagte, dem alten König Edward ganz wunderbar nachgeraten war, dabei aber doch sehr viel schlanker. Der Prinz wohnte in St. James’s; doch am Morgen mochte er vorbeikommen, um seine Mutter zu besuchen.
Das sagte Sarah Bletchley, die ihr Baby in den Armen hielt und mit dem Fuß wippte, als säße sie an ihrem Kaminvorsatz in Pimlico, ihre Augen jedoch auf die Mall heftete, während Emily Coates sie über die Fenster des Palastes schweifen ließ und an die Hausmädchen dachte, die unzähligen Hausmädchen, die Schlafzimmer, die unzähligen Schlafzimmer. Zu ihnen gesellten sich erwerbslose Männer, ein älterer Herr mit einem Aberdeen-Terrier, und die Menge wuchs. Der kleine Mr Bowley, der Zimmer im Albany mietete und, was die tieferen Quellen des Lebens betraf, mit Wachs versiegelt war, jedoch von derlei Dingen – armen Frauen, die darauf warteten, die Königin vorbeifahren zu sehen; armen Frauen, netten kleinen Kindern, Waisen, Witwen, dem Krieg – plötzlich, unpassend, sentimental entsiegelt werden konnte, hatte doch – ts-ts – tatsächlich Tränen in den Augen. Eine recht warme Brise, die durch die schütteren Bäume die Mall hinabwehte, vorbei an den bronzenen Helden, blähte eine Fahne in Mr Bowleys britischer Brust, und er lüftete den Hut, als der Wagen in die Mall einbog, und hielt ihn in die Höhe, als der Wagen näher kam, und duldete es, dass die armen Mütter von Pimlico sich dicht an ihn drängten, und stand sehr aufrecht. Der Wagen rollte heran.
Plötzlich blickte Mrs Coates zum Himmel auf. In die Ohren der Menge bohrte sich unheilvoll das Geräusch eines Flugzeugs. Da kam es auch schon über die Bäume geflogen, ließ hinten weißen Rauch austreten, der sich kringelte und kräuselte, wahrhaftig etwas schrieb! Buchstaben an den Himmel schrieb! Alle blickten auf.
Das Flugzeug ließ sich jäh fallen, schwang sich dann steil in die Höhe, zog eine Schleife, flog schneller, sank, stieg, und was immer es tat, wohin es auch flog, hinter ihm flatterte ein dickes gekräuseltes Band aus weißem Rauch, das sich am Himmel zu Buchstaben kringelte und kräuselte. Doch zu welchen Buchstaben? War das ein C?, ein E, dann ein L? Nur einen Augenblick lang standen sie still; dann bewegten sie sich und schmolzen und wurden ausgelöscht dort oben am Himmel, und das Flugzeug schoss davon und begann, an einem frischen Stück Himmel, von neuem ein K zu schreiben, und ein E, vielleicht ein Y?
»Blaxo«, sagte Mrs Coates mit gepresster, ehrfurchtsvoller Stimme, blickte geradewegs nach oben, und auch ihr Baby, das steif und weiß in ihren Armen lag, blickte geradewegs nach oben.
»Kreemo«, murmelte Mrs Bletchley wie eine Schlafwandlerin. Mr Bowley, der seinen Hut vollkommen reglos in der Hand hielt, blickte geradewegs nach oben. Die ganze Mall entlang standen Leute und blickten zum Himmel auf. Wie sie so schauten, wurde die ganze Welt vollkommen still, und ein Schwarm Möwen querte den Himmel, erst eine Möwe, die ihn anführte, dann eine andere, und in diese außergewöhnliche Stille und Ruhe, in diese Blässe, in diese Reinheit hinein schlugen elf Mal die Glocken, deren Schall dort oben zwischen den Möwen verklang.
Das Flugzeug wendete und flog schneller und stieß herab nach Belieben, rasch, beweglich, wie ein Schlittschuhläufer –
»Das ist ein E«, sagte Mrs Bletchley –
oder ein Tänzer –
»Das heißt Toffee«, murmelte Mr Bowley –
(und der Wagen fuhr durch das Tor, und niemand sah hin), und stellte den Rauch ab, raste weiter und weiter, und der Rauch verblasste und sammelte sich um die breiten weißen Umrisse der Wolken.
Es war fort; es war hinter den Wolken. Kein Geräusch mehr. Die Wolken, an die sich die Buchstaben E, G oder L geheftet hatten, bewegten sich frei, als seien sie dazu ausersehen, in einer Mission von größter Bedeutung, die niemals enthüllt werden würde, von West nach Ost zu reisen, und doch war sie das gewiss – eine Mission von größter Bedeutung. Dann plötzlich, wie ein Zug aus einem Tunnel kommt, stürzte das Flugzeug wieder aus den Wolken hervor, das Geräusch bohrte sich in die Ohren all der Leute auf der Mall, im Green Park, auf der Piccadilly, in der Regent Street, im Regent’s Park, und der Streifen Rauch hinter ihm wölbte sich, und es ließ sich fallen, und es schwang sich in die Höhe und schrieb einen Buchstaben nach dem anderen – aber welches Wort schrieb es?
Lucrezia Warren Smith, die neben ihrem Mann auf einer Bank am Broad Walk im Regent’s Park saß, blickte auf.
»Sieh nur, sieh nur, Septimus!«, rief sie. Denn Dr. Holmes hatte ihr geraten, ihren Mann (dem nichts Ernstes fehle, der nur ein wenig unpässlich sei) für Dinge außerhalb seiner selbst zu interessieren.
So, dachte Septimus, als er aufblickte, sie signalisieren mir. Nicht eigentlich mit Worten; das heißt, noch konnte er die Schrift nicht lesen; aber sie war doch deutlich genug, diese Schönheit, diese auserlesene Schönheit, und Tränen füllten seine Augen, als er den Rauchwörtern am Himmel nachblickte, die schwächer wurden und schmolzen und ihm, in ihrer nie versiegenden Barmherzigkeit und lachenden Güte, eine Gestalt von unvorstellbarer Schönheit nach der anderen bescherten und ihm ihre Absicht signalisierten, ihn für nichts, für immer, fürs bloße Hinschauen mit Schönheit, immer mehr Schönheit zu versehen! Tränen rannen seine Wangen hinab.
Es war Toffee; sie machten Reklame für Toffee, sagte ein Kindermädchen zu Rezia. Gemeinsam begannen sie zu buchstabieren: t…o…f…
»K…R…«, buchstabierte das Kindermädchen, und Septimus hörte sie dicht an seinem Ohr »Kaa Err« sagen, tief, sanft, wie eine weiche Orgel, aber mit einer Rauheit in der Stimme wie in der eines Heupferdchens, die köstlich an seinem Rückgrat rieb und Klangwellen in sein Hirn hinaufjagte, die sich dort erschütternd brachen. In der Tat eine wunderbare Entdeckung – dass die menschliche Stimme unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen (denn man musste wissenschaftlich sein, vor allem wissenschaftlich) Bäume zum Leben erwecken kann! Glücklicherweise legte Rezia ihm mit ungeheurem Gewicht die Hand aufs Knie, so dass er herabgedrückt, gelähmt wurde, sonst hätte die Erregung der Ulmen, die sich hoben und senkten, sich hoben und senkten, deren Blätter erglühten, deren Farbe sich verdünnte und verdickte, von Blau bis hin zum Grün einer hohlen Woge, wie Federbüsche auf den Köpfen von Pferden, Federn auf denen von Damen, so stolz hoben und senkten sie sich, so prächtig, ihn um den Verstand gebracht. Aber er würde den Verstand nicht verlieren. Er würde die Augen schließen; er würde nichts mehr sehen.
Doch sie winkten; Blätter waren lebendig; Bäume waren lebendig. Und die Blätter, die durch Millionen Fasern mit seinem eigenen Körper, hier auf der Sitzbank, verbunden waren, fächelten diesem zu; streckte sich ein Ast, so führte er dieselbe Anweisung aus. Die flatternden Sperlinge, die in gezackten Fontänen stiegen und sanken, waren Teil des Musters; Weiß und Blau, verstellt von schwarzem Astwerk. Geräusche vereinigten sich absichtsvoll zu Harmonien; die Abstände zwischen ihnen waren ebenso bedeutsam wie die Geräusche selbst. Ein Kind weinte. Zu Recht weit entfernt ertönte eine Hupe. Alles zusammengenommen bedeutete die Geburt einer neuen Religion –
»Septimus!«, sagte Rezia. Er erschrak heftig. Die Leute mussten es bemerken.
»Ich gehe zum Springbrunnen und wieder zurück«, sagte sie.
Denn sie konnte es nicht länger ertragen. Mochte Dr. Holmes nur sagen, ihm fehle nichts. Viel lieber wollte sie, er wäre tot! Sie konnte nicht neben ihm sitzen, wenn er so vor sich hinstarrte und sie nicht wahrnahm und alles so schrecklich machte; Himmel und Baum, Kinder, die spielten, Wägelchen zogen, in Trillerpfeifen bliesen, hinfielen; alles war schrecklich. Und er würde sich nicht umbringen; und sie konnte mit niemandem reden. »Septimus hat zu schwer gearbeitet« – mehr konnte sie ihrer eigenen Mutter nicht sagen. Lieben macht einsam, dachte sie. Sie konnte mit niemandem reden, jetzt selbst mit Septimus nicht, und als sie zurückblickte, sah sie ihn in seinem schäbigen Paletot dasitzen, allein, auf der Bank, zusammengekauert, vor sich hinstarrend. Und es war feige von einem Mann, zu sagen, er werde sich umbringen, aber Septimus hatte gekämpft; er war tapfer gewesen; er war jetzt nicht mehr Septimus. Sie legte ihren Spitzenkragen um. Sie setzte ihren neuen Hut auf, und er bemerkte es nicht; und er war glücklich ohne sie. Nichts konnte sie glücklich machen ohne ihn! Nichts! Er war selbstsüchtig. Männer sind so. Denn er war nicht krank. Dr. Holmes hatte gesagt, ihm fehle nichts. Sie spreizte die Hand vor sich. Sieh nur! Ihr Ehering war verrutscht – sie war so dünn geworden. Sie war es, die litt – aber sie hatte niemanden, mit dem sie reden konnte.
Fern war Italien, waren die weißen Häuser und das Zimmer, in dem ihre Schwestern saßen und Hüte machten, und die Straßen, jeden Abend gedrängt voll mit Menschen, die spazieren gingen, laut lachten, nicht nur halb lebendig wie die Menschen hier, die in Rollstühlen kauerten und ein paar hässliche, in Töpfen steckende Blumen betrachteten!
»Da sollten Sie mal die Mailänder Gärten sehen«, sagte sie laut. Aber zu wem?
Da war niemand. Ihre Worte verloschen. So wie eine Rakete verlischt. Ihre Funken, die sich einen Weg in die Nacht gebahnt haben, kapitulieren vor dieser, Dunkel senkt sich herab, ergießt sich über die Umrisse von Häusern und Türmen; kahle Hänge werden weicher und fallen in sich zusammen. Doch mögen sie auch verschwunden sein, die Nacht ist voll von ihnen; der Farbe beraubt, der Fenster ledig, existieren sie gewichtiger, enthüllen, was das freimütige Tageslicht nicht übermitteln kann – die Sorge und Ungewissheit der Dinge, die dort im Dunkeln versammelt sind; im Dunkeln dicht zusammengekauert; der Erleichterung beraubt, die die Morgendämmerung bringt, wenn sie die Mauern weiß und grau wäscht, jede Fensterscheibe sprenkelt, den Nebel von den Wiesen hebt und die friedlich grasenden rotbraunen Kühe zeigt und alles wieder vor den Augen hingebreitet wird; wieder existiert. Ich bin allein; ich bin allein!, rief sie, am Springbrunnen im Regent’s Park (und starrte auf den Inder und sein Kreuz), und wie vielleicht um Mitternacht, wenn alle Grenzen verschwimmen, wenn das Land wieder seine alte Gestalt annimmt, so wie die Römer es sahen, unter Wolken liegend, als sie landeten, und die Hügel hatten keine Namen, und die Flüsse schlängelten sich, sie wussten nicht, wohin – so war ihre Dunkelheit; als sie auf einmal, als wäre ein Brett hervorgeschossen, und sie stünde darauf, sagte, sie sei doch seine Frau, habe vor Jahren in Mailand geheiratet, seine Frau, und nie, niemals würde sie sagen, er sei verrückt! Als sie kehrtmachte, stürzte das Brett; tief fiel sie, tief. Denn er war fort, dachte sie – fort, wie er es angedroht hatte, um sich umzubringen – sich unter ein Fuhrwerk zu werfen! Doch nein; dort war er; saß noch immer allein auf der Bank, in seinem schäbigen Paletot, die Beine gekreuzt, starrte vor sich hin, sprach laut mit sich selbst.
Menschen dürfen keine Bäume fällen. Es gibt einen Gott. (Solche Offenbarungen notierte er auf der Rückseite von Briefumschlägen.) Verändere die Welt. Niemand tötet aus Hass. Gib es kund (er schrieb es nieder). Er wartete. Er lauschte. Ein Sperling, der auf dem gegenüberliegenden Zaun saß, tschirpte vier- oder fünfmal Septimus, Septimus und fuhr fort, frisch und durchdringend zu singen, mit langgezogenen Tönen, in griechischen Worten, es gebe kein Verbrechen, ein anderer Sperling gesellte sich zu ihm, und gemeinsam sangen sie mit gedehnten und durchdringenden Stimmen in griechischen Worten von Bäumen auf der Flur des Lebens jenseits eines Flusses, wo die Toten wandeln, es gebe keinen Tod.
Dort war seine Hand; dort waren die Toten. Hinter dem gegenüberliegenden Zaun versammelten sich weiße Dinge. Aber er wagte nicht hinzusehen. Hinter dem Zaun war Evans!
»Was sagst du da?«, fragte Rezia auf einmal und setzte sich neben ihn.
Schon wieder unterbrochen! Ständig unterbrach sie ihn.
Weg von den Leuten – sie müssten weg von den Leuten, sagte er (sprang dabei auf), gleich dorthin, wo unter einem Baum Stühle standen und der lange Hang des Parks sich wie eine Bahn grünen Tuches absenkte, mit einem verhängten Plafond aus blauem und rosarotem Dunst hoch darüber, und dort stand ein Wall ferner, unregelmäßiger Häuser, von Dunst verhüllt, der Verkehr summte im Kreise, und rechter Hand streckten falbe Tiere lange Hälse über die Staketen des Zoos, bellten, heulten. Dort setzten sie sich unter einen Baum.
»Sieh doch«, flehte sie ihn an und deutete auf einen kleinen Trupp Jungen, die Kricketstäbe trugen, und einer schlurfte, drehte sich auf dem Absatz und schlurfte, als spiele er einen Clown im Varieté.
»Sieh doch«, flehte sie ihn an, denn Dr. Holmes hatte ihr geraten, dafür zu sorgen, dass er von wirklichen Dingen Notiz nahm, ins Varieté ging, Kricket spielte – das sei genau das richtige Spiel, sagte Dr. Holmes, ein nettes Spiel im Freien, genau das richtige Spiel für ihren Mann.
»Sieh doch«, wiederholte sie.
Sieh doch, befahl ihm der Unsichtbare, die Stimme, die jetzt mit ihm in Verbindung trat, mit ihm, dem Größten unter den Menschen, Septimus, erst kürzlich vom Leben zum Tode befördert, der Herr, der gekommen war, die Gesellschaft zu erneuern, der wie eine Zudecke dalag, eine Decke aus Schnee, heimgesucht nur von der Sonne, für immer unversehrt, für immer leidend, der Sündenbock, der ewige Dulder, aber das wolle er nicht, stöhnte er, wies dieses ewige Leiden, diese ewige Einsamkeit mit einer Handbewegung von sich.
»Sieh doch«, wiederholte sie, denn er durfte im Freien nicht laut mit sich selbst sprechen.
»Oh, sieh doch«, flehte sie ihn an. Aber was gab es da schon zu sehen? Ein paar Schafe. Das war alles.
Den Weg zur U-Bahn-Station Regent’s Park – könne man ihr wohl den Weg zur U-Bahn-Station Regent’s Park beschreiben? – wollte Maisie Johnson wissen. Sie war erst vor zwei Tagen aus Edinburgh gekommen.
»Nicht hier entlang – dort drüben!«, rief Rezia und winkte sie zur Seite, damit sie Septimus nicht sah.
Beide wirkten wunderlich, dachte Maisie Johnson. Alles wirkte sehr wunderlich. Zum ersten Mal in London, gekommen, um eine Stellung bei ihrem Onkel in der Leadenhall Street anzutreten, ging sie jetzt am Morgen durch den Regent’s Park, und das Paar auf den Stühlen jagte ihr einen gehörigen Schrecken ein: Die junge Frau schien Ausländerin zu sein, der Mann sah wunderlich aus, und sollte sie sehr alt werden, würde sie sich noch immer daran erinnern und unter ihren Erinnerungen auch diese zum Klingen bringen: wie sie an einem schönen Sommermorgen vor fünfzig Jahren durch den Regent’s Park gegangen war. Denn sie war gerade mal neunzehn und hatte endlich ihren Willen durchgesetzt, nach London zu kommen; und wie wunderlich war das jetzt, dieses Paar, das sie nach dem Weg gefragt hatte, und das Mädchen war erschrocken und hatte mit der Hand gezuckt, und der Mann – er wirkte äußerst sonderbar; vielleicht gestritten; sich vielleicht für immer getrennt; irgendetwas stimmte nicht, das wusste sie; und jetzt all diese Menschen (denn sie kehrte zum Broad Walk zurück), die steinernen Becken, die sauberen Blumen, die alten Männer und Frauen, die meisten von ihnen Invaliden in Rollstühlen – all das wirkte, nach Edinburgh, so wunderlich. Und Maisie Johnson, als sie sich der ruhig dahintrottenden, unbestimmt vor sich hinstierenden, von der Brise geküssten Gesellschaft anschloss – da hockten Eichhörnchen und putzten sich, Sperlingsfontänen flatterten nach Krumen, Hunde machten sich am Zaun zu schaffen, machten sich aneinander zu schaffen, während die laue, warme Luft über sie hinwegspülte und dem starren, durch nichts überraschten Blick, mit dem sie das Leben entgegennahmen, etwas Drolliges und Besänftigtes verlieh –, Maisie Johnson hatte das bestimmte Gefühl, Oh! rufen zu müssen (denn der junge Mann dort auf dem Stuhl hatte ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt. Irgendetwas stimmte nicht, das wusste sie).
Entsetzlich! Entsetzlich!, wollte sie rufen. (Sie hatte ihre Angehörigen verlassen; die hatten sie gewarnt, was passieren würde.)
Warum war sie nicht zu Hause geblieben?, rief sie und befingerte die Kugel des Eisenzauns.
Das Mädchen dort, dachte Mrs Dempster (die Brotkrusten für die Eichhörnchen aufbewahrte und ihren Lunch oft im Regent’s Park einnahm), hat noch von nichts eine Ahnung; und tatsächlich schien es ihr besser, ein wenig beleibt, ein wenig schlaff, ein wenig bescheiden in ihren Erwartungen zu sein. Percy trank. Nun, besser, einen Sohn zu haben, dachte Mrs Dempster. Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich und konnte nicht umhin, über ein Mädchen wie dieses zu lächeln. Du wirst heiraten, denn hübsch genug bist du ja, dachte Mrs Dempster. Heirate nur, dachte sie, und dann wirst du’s wissen. Oh, die Köchinnen, und so weiter. Jeder Mann hat seine Gewohnheiten. Aber ob ich genau dieselbe Wahl getroffen hätte, wenn ich es vorher gewusst hätte?, dachte Mrs Dempster, und konnte nicht umhin, Maisie Johnson ein Wort zuflüstern zu wollen; auf dem faltigen Beutel ihres verhärmten alten Gesichts den Kuss des Mitleids zu spüren. Denn es war ein hartes Leben gewesen, dachte Mrs Dempster. Was hatte sie nicht alles hingegeben? Rosen; Figur; auch ihre Füße. (Sie fuhr sich über die knotigen Geschwülste unter ihrem Rock.)
Rosen, dachte sie höhnisch. Alles Unfug, meine Liebe. Denn wirklich, was Essen, Trinken, Sich-Paaren anging, die schlechten Tage und die guten, so bestand das Leben nicht nur aus Rosen, und außerdem, lass dir’s gesagt sein, verspürte Carrie Dempster durchaus nicht den Wunsch, ihr Los mit irgendeiner Frau in Kentish Town zu tauschen! Aber, flehte sie, Mitleid. Mitleid wegen des Verlusts der Rosen. Mitleid forderte sie von Maisie Johnson, die an den Hyazinthenbeeten stand.
Ah, aber dieses Flugzeug! Hatte es Mrs Dempster nicht immer danach verlangt, fremde Länder zu sehen? Sie hatte einen Neffen, einen Missionar. Es schwang sich in die Höhe und schoss davon. In Margate fuhr sie immer aufs Meer hinaus, zwar in Sichtweite des Festlandes, aber sie hatte keine Nachsicht mit Frauen, die sich vor Wasser fürchteten. Es stieg und sank. Das Herz klopft ihr bis zum Hals. Wieder hinauf. Bestimmt ist ein hübscher, junger Kerl an Bord, wettete Mrs Dempster, und weiter und weiter flog es dahin, flink und verblassend, weiter und weiter schoss das Flugzeug dahin: schwang sich über Greenwich und all den Masten in die Höhe; über der kleinen Insel grauer Kirchen, St. Paul’s und den anderen, bis sich, zu beiden Seiten Londons, Felder erstreckten und dunkelbraune Wälder, in denen waghalsige Drosseln dreist umherhüpften, rasch um sich blickten, nach der Schnecke schnappten und sie gegen einen Stein schlugen, einmal, zweimal, dreimal.
Weiter und weiter schoss das Flugzeug dahin, bis es nicht mehr als ein heller Funke war; ein Ausatmen; eine Konzentration; ein Symbol (so kam es Mr Bentley vor, der in Greenwich kräftig sein Rasenstück walzte) für die Seele des Menschen; für dessen Entschlossenheit, dachte Mr Bentley, der jetzt um die Zeder sauste, über den eigenen Körper, das eigene Haus hinauszugelangen, mit Hilfe des Denkens, Einsteins, der Spekulation, der Mathematik, der Mendelschen Theorie – und dahin schoss das Flugzeug.
Und dann, während ein verwahrlost aussehender, nicht weiter bemerkenswerter Mann, der eine Ledertasche trug, auf den Stufen der St. Paul’s Cathedral stehenblieb und zögerte, denn dort drinnen welch Balsam, welch herzliches Willkommen, wie viele Grabmäler mit flatternden Bannern, Andenken an Siege nicht über Armeen, sondern, dachte er, über jenen lästigen Geist der Wahrheitssuche, der mich derzeit ohne Anstellung lässt, mehr noch, die Kathedrale bietet Gemeinschaft, dachte er, lädt ein, Mitglied einer Gemeinde zu sein; große Männer gehören ihr an; Märtyrer sind für sie gestorben; warum nicht eintreten, dachte er, diese mit Flugschriften vollgestopfte Ledertasche vor einem Altar niederlegen, einem Kreuz, einem Symbol für etwas, das sich über das Suchen und Fragen und Zusammenfügen von Wörtern hinausgeschwungen hat und ganz Geist geworden ist, entkörperlicht, gespensterhaft – warum nicht eintreten?, dachte er, und während er noch zögerte, kam das Flugzeug über Ludgate Circus herausgeflogen.
Es war seltsam; es war still. Über dem Verkehrslärm war kein Geräusch zu hören. Es wirkte führerlos; eilte aus eigenem freiem Willen dahin. Und nun kurvte es höher und höher, geradewegs hinauf, wie etwas, das in Ekstase, in reiner Seligkeit emporsteigt, und hinten quoll weißer Rauch hervor, der sich kräuselte, ein T und ein O und ein F schrieb.
»Was beobachten die?«, sagte Clarissa Dalloway zu dem Dienstmädchen, das die Tür öffnete.
Die Eingangshalle war kühl wie ein Gewölbe. Mrs Dalloway hob die Hand an die Augen, und als das Dienstmädchen die Tür schloss, hörte sie das Rascheln von Lucys Röcken, sie kam sich vor wie eine Nonne, die die Welt hinter sich gelassen hat und spürt, wie sich die vertrauten Schleier und das Echo alter Andachten um sie legen. Die Köchin in der Küche pfiff. Sie hörte das Klappern der Schreibmaschine. Das war ihr Leben, und als sie den Kopf über den Garderobentisch neigte, beugte sie sich dem Einfluss, fühlte sich gesegnet und geläutert, sagte sich, als sie den Schreibblock mit der telefonischen Nachricht aufhob, dass Augenblicke wie dieser Knospen am Baum des Lebens, Blumen der Dunkelheit sind, dachte sie (als sei eine herrliche Rose allein für ihre Augen aufgeblüht); nicht einen Moment lang glaubte sie an Gott; doch umso mehr, dachte sie, als sie den Block aufhob, muss man im täglichen Leben etwas zurückerstatten, den Dienstboten, ja den Hunden und Kanarienvögeln, vor allem aber Richard, ihrem Mann, der die Grundlage für all dies war – für die fröhlichen Geräusche, für die grünen Lichter, selbst für die pfeifende Köchin, denn Mrs Walker war Irin und pfiff den lieben langen Tag –, man muss etwas zurückerstatten aus diesem geheimen Guthaben an erlesenen Augenblicken, dachte sie, als sie den Block hochnahm, während Lucy neben ihr stand und zu erklären versuchte, dass
»Mr Dalloway, gnädige Frau –«
Clarissa las auf dem Telefonblock: »Lady Bruton wünscht zu wissen, ob Mr Dalloway heute mit ihr lunchen möchte.«
»Mr Dalloway, gnädige Frau, hat mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass er heute auswärts lunchen wird.«
»Du liebe Güte!«, sagte Clarissa, und Lucy teilte, wie man es von ihr erwartete, ihre Enttäuschung (aber nicht den Schmerz); empfand das Einvernehmen zwischen ihnen; verstand den Wink; dachte daran, wie die bessere Gesellschaft liebte; vergoldete ihre eigene Zukunft mit Gleichmut; und nahm Mrs Dalloways Sonnenschirm, behandelte ihn wie eine heilige Waffe, die eine Göttin ablegt, nachdem sie sich auf dem Schlachtfeld ehrenvoll bewährt hat, und stellte ihn in den Schirmständer.
»Fürchte nicht mehr«, sagte Clarissa. Fürchte nicht mehr Sonnenglut; denn der Schock darüber, dass Lady Bruton Richard ohne sie zum Lunch eingeladen hatte, ließ den Augenblick, in dem sie dagestanden hatte, erzittern, so wie eine Pflanze im Flussbett den Schock eines vorübergleitenden Ruders spürt und erzittert: so schwankte sie: so erzitterte sie.
Millicent Bruton, von deren Lunchgesellschaften man sagte, sie seien außergewöhnlich unterhaltsam, hatte sie nicht eingeladen. Keine vulgäre Eifersucht konnte sie von Richard trennen. Aber sie fürchtete die Zeit selbst und las in Lady Brutons Gesicht, als wäre es ein in fühllosen Stein geschnittenes Zifferblatt, den Schwund des Lebens; wie ihr Anteil Jahr um Jahr beschnitten wurde; wie wenig die verbleibende Spanne imstande war, sich noch auszudehnen, die Farben, die Würze, die Nuancen des Daseins zu absorbieren wie in den Jahren der Jugend, so dass sie das Zimmer, in das sie trat, erfüllte und oft, wenn sie einen Augenblick lang zögernd auf der Schwelle zu ihrem Salon stand, eine köstliche Spannung empfand, so wie ein Taucher vor dem Sprung innehalten mag, während das Meer unter ihm dunkler und wieder heller wird und die Wogen, die sich schon zu brechen drohen, dann aber doch nur sanft ihre Oberfläche teilen, dahinrollen und, wenn sie sich eben überschlagen, den Tang mit Perlen verbergen und überkrusten.
Sie legte den Block auf den Garderobentisch. Langsam, die Hand auf dem Geländer, begann sie nach oben zu gehen, als habe sie eine Abendgesellschaft verlassen, auf der bald dieser, bald jener Freund ihr Gesicht, ihre Stimme zurückgespiegelt hätte; als habe sie die Tür geschlossen, sei hinausgegangen und stehe nun allein da, eine einsame Gestalt vor der beängstigenden Nacht, oder eher, um genau zu sein, vor dem starren Blick dieses nüchternen Junimorgens; für manche weich vom Schimmer der Rosenblüten, das wusste sie und spürte es, als sie vor dem geöffneten Treppenfenster verweilte, welches Vorhangflattern und Hundegebell einließ, welches, dachte sie und fühlte sich plötzlich geschrumpft, gealtert, ohne Brüste, das Treiben, Wehen, Blühen des Tages einließ, draußen vor der Tür, vor dem Fenster, vor ihrem Körper und Hirn, die jetzt versagten, da Lady Bruton, von deren Lunchgesellschaften man sagte, sie seien außergewöhnlich unterhaltsam, sie nicht eingeladen hatte.
Wie eine Nonne, die sich zurückzieht, oder ein Kind, das einen Turm erkundet, ging sie nach oben, verweilte am Fenster, kam zum Badezimmer. Da war das grüne Linoleum und ein tropfender Wasserhahn. Da war eine Leere um das Herz des Lebens; eine Dachstube. Frauen mussten ihre kostbare Kleidung ablegen. Mittags mussten sie sich entkleiden. Sie stach in das Nadelkissen und legte ihren gelben Federhut aufs Bett. Die Laken waren rein, in einem breiten weißen Streifen straff von einer Seite zur anderen gespannt. Schmaler und schmaler würde ihr Bett werden. Die Kerze war zur Hälfte heruntergebrannt, und sie hatte gedankenschwer in den Memoiren des Generals Marcellin Marbot gelesen. Sie hatte bis spät in die Nacht hinein vom Rückzug aus Moskau gelesen. Denn das Unterhaus tagte so lange, dass Richard nach ihrer Krankheit darauf bestanden hatte, sie müsse ungestört schlafen. Und wirklich zog sie es vor, vom Rückzug aus Moskau zu lesen. Das wusste er. So war das Zimmer eine Dachstube; das Bett schmal; und wenn sie dort lag und las, denn sie schlief schlecht, konnte sie eine gewisse Jungfräulichkeit, die sie sich über die Niederkunft hinweg bewahrt hatte und die an ihr haftete wie ein Laken, nicht verbannen. So lieblich sie in ihrer Mädchenzeit gewesen war, plötzlich war ein Augenblick gekommen – zum Beispiel am Fluss unter den Bäumen in Clieveden –, da sie, durch ein Sich-Zusammenziehen dieser kalten Gemütsart, ihm gegenüber versagt hatte. Und dann in Konstantinopel und wieder und wieder. Sie konnte sehen, woran es ihr mangelte. Es war nicht Schönheit; es war nicht Verstand. Es war etwas Wesentliches, das alles durchdrang; etwas Warmes, das Oberflächen durchbrach und den kalten Kontakt zwischen Mann und Frau in Bewegung versetzte, oder den zwischen Frauen. Denn das konnte sie undeutlich erkennen. Sie störte sich daran, hatte Bedenken, die sie, der Himmel weiß wo, aufgelesen hatte, oder die, wie sie spürte, die Natur (welche stets weise ist) ihr gesandt hatte; und doch konnte sie bisweilen nicht widerstehen, dem Reiz einer Frau zu erliegen, nicht dem eines Mädchens, einer Frau, die, wie sie es ihr gegenüber häufig taten, eine Peinlichkeit, eine Torheit bekannte. Und ob es nun Mitleid war oder ihre Schönheit oder die Tatsache, dass sie selbst älter war, oder irgendein Zufall – etwa ein zarter Duft oder eine Geige im Nebenzimmer (so sonderbar ist in gewissen Augenblicken die Macht der Töne) –, zweifellos empfand sie dann, was Männer empfinden. Nur für einen Moment; aber das war genug. Es war eine plötzliche Offenbarung, ein Anflug wie ein Erröten, dem man Einhalt zu gebieten suchte, und wenn es sich ausbreitete, fügte man sich seiner Ausdehnung und eilte zu deren äußerstem Rand und zitterte dort und spürte, wie die Welt näher rückte, geschwellt von frappierender Bedeutsamkeit, von dem Druck der Verzückung, der ihre dünne Haut zerriss und Risse und Wunden mit außerordentlicher Linderung übergoss und überströmte. Da, für diesen einen Augenblick, hatte sie etwas Leuchtendes gesehen; ein Zündholz, das in einem Krokus brannte; einen inneren Sinn, der sich beinahe äußerte. Doch das Nahe zog sich zurück; das Harte wurde weich. Er war vorbei – der Augenblick. Gegen solche Augenblicke (auch mit Frauen) hob sich (als sie ihren Hut ablegte) das Bett ab und Baron Marbot und die zur Hälfte heruntergebrannte Kerze. Sie lag wach, die Dielen knarrten; das erleuchtete Haus war plötzlich dunkel, und wenn sie den Kopf hob, konnte sie eben noch das Einschnappen der Türklinke hören, die Richard so achtsam wie möglich losließ, bevor er sich auf leisen Socken nach oben stahl und dann, sehr oft, seine Wärmflasche fallen ließ und fluchte! Wie sie da lachen musste!
Doch diese Frage der Liebe (dachte sie, als sie ihren Mantel weglegte), dieses Sich-Verlieben in Frauen. Sally Seton zum Beispiel; ihre Beziehung zu Sally seinerzeit. War das nicht am Ende doch Liebe gewesen?
Sie hatte auf dem Boden gesessen – das war ihr erster Eindruck von Sally gewesen –, hatte, die Arme um die Knie geschlungen, auf dem Boden gesessen und eine Zigarette geraucht. Wo mochte das gewesen sein? Bei den Mannings? Bei den Kinloch-Jones’? Auf irgendeiner Gesellschaft (wo, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen), denn sie konnte sich genau daran erinnern, dass sie zu dem Mann, mit dem sie zusammen war, gesagt hatte: »Wer ist denn das?« Und er hatte ihr geantwortet und erklärt, dass Sallys Eltern nicht miteinander auskämen (wie sie das schockiert hatte – dass Eltern sich stritten!). Doch den ganzen Abend über konnte sie Sally nicht aus den Augen lassen. Es handelte sich um eine außergewöhnliche Schönheit von der Sorte, die sie am meisten bewunderte, dunkelhaarig, großäugig, von jener Eigenart, um die sie andere immer beneidete, da sie selbst sie nicht besaß – eine Art Ungezwungenheit, als könne sie alles sagen, alles tun; eine Eigenart, die bei Ausländerinnen viel verbreiteter war als bei Engländerinnen. Sally behauptete immer, sie habe französisches Blut in den Adern, ein Vorfahre sei am Hofe Marie Antoinettes gewesen, geköpft worden, habe einen Rubinring hinterlassen. Vielleicht war sie in jenem Sommer gekommen, um eine Weile in Bourton zu bleiben, war eines Abends nach dem Dinner ohne einen Penny in der Tasche ganz unerwartet hereinspaziert und hatte die arme Tante Helena dermaßen aus der Fassung gebracht, dass sie ihr nie verzieh. Zu Hause hatte es schrecklichen Streit gegeben. An dem Abend, als sie zu ihnen gekommen war, besaß sie buchstäblich keinen Penny – hatte eine Brosche versetzt, um kommen zu können. Voller Zorn war sie davongelaufen. Sie blieben bis in die frühen Morgenstunden auf und redeten. Sally war es, die sie, zum ersten Mal, fühlen ließ, wie behütet ihr Leben in Bourton gewesen war. Von Sex wusste sie nichts – nichts von sozialen Problemen. Einmal hatte sie einen alten Mann gesehen, der auf einem Feld tot zusammengebrochen war – sie hatte Kühe gesehen, kurz nachdem sie gekalbt hatten. Doch Tante Helena mochte keine Diskussionen, ganz gleich worüber (als Sally ihr William Morris schenkte, musste das Buch in Packpapier eingewickelt sein). Da saßen sie nun, Stunde um Stunde, in ihrem Schlafzimmer im obersten Stockwerk des Hauses und redeten miteinander, redeten über das Leben, darüber, wie sie die Welt verändern würden. Sie beabsichtigten, eine Gesellschaft zur Abschaffung des Privateigentums zu gründen, und hatten sogar ein Schreiben verfasst, wenn auch nicht abgeschickt. Die Ideen stammten natürlich von Sally – aber schon bald war sie selbst ebenso begeistert, las im Bett vor dem Frühstück Platon; las Morris, las stundenlang Shelley.
Sallys Macht war erstaunlich, ihre Begabung, ihre Persönlichkeit. Da war zum Beispiel ihre Art, mit Blumen umzugehen. In Bourton hatten sie den ganzen Tisch hinunter immer steife, kleine Vasen stehen gehabt. Sally ging hinaus, pflückte Stockrosen, Dahlien – alle möglichen Blumen, die man nie zuvor zusammen gesehen hatte –, schnitt ihre Köpfe ab und ließ diese in Schalen auf der Wasseroberfläche schwimmen. Die Wirkung war außerordentlich – wenn man bei Sonnenuntergang zum Dinner hereinkam. (Natürlich empfand Tante Helena es als Frevel, Blumen so zu behandeln.) Dann vergaß sie ihren Schwamm und rannte nackt über den Flur. Das grimmige alte Hausmädchen, Ellen Atkins, lief brummend umher – »Angenommen, einer der Gentlemen hätte das gesehen?« Tatsächlich schockierte sie die Leute. Sie sei unordentlich, sagte Papa.
Das Merkwürdige, wenn sie zurückblickte, war die Reinheit, die Lauterkeit ihres Gefühls für Sally. Es war anders als das Gefühl, das man für einen Mann hatte. Es war vollkommen uneigennützig, und außerdem besaß es eine Qualität, wie es sie nur zwischen Frauen geben konnte, zwischen Frauen, die eben erwachsen geworden waren. Von ihrer Seite aus war es Fürsorglichkeit; entsprang dem Eindruck, miteinander verbündet zu sein, der Vorahnung, etwas werde sie zwangsläufig entzweien (von der Ehe sprachen sie stets als von einer Katastrophe), was zu dieser Ritterlichkeit führte, diesem fürsorglichen Gefühl, das mehr von ihr ausging als von Sally. Denn damals war sie völlig unbekümmert; tat aus reinem Wagemut die verrücktesten Dinge; fuhr mit dem Fahrrad auf der Brüstung der Terrasse; rauchte Zigarren. Aberwitzig war sie – höchst aberwitzig. Aber ihr Charme war überwältigend, zumindest für sie, so dass sie sich daran erinnern konnte, wie sie mit der Heißwasserkanne in der Hand in ihrem Schlafzimmer im obersten Stockwerk des Hauses gestanden und laut gesagt hatte: »Sie ist unter diesem Dach … Sie ist unter diesem Dach!«
Nein, diese Worte hatten jetzt gar keine Bedeutung mehr für sie. Nicht einmal einen Nachklang ihrer Empfindungen von damals vernahm sie. Aber sie konnte sich daran erinnern, dass ihr vor Aufregung ganz kalt geworden war und sie sich in einer Art Verzückung die Haare frisiert hatte (nun, da sie ihre Haarnadeln löste, sie auf den Toilettentisch legte, sich die Haare zu frisieren begann, kehrte das Gefühl von damals zurück), während die Krähen im rosigen Abendlicht auf und ab stolzierten, und dass sie sich angekleidet hatte und hinuntergegangen war und beim Durchqueren der Eingangshalle empfunden hatte: »Gält es, jetzt zu sterben, / Jetzt wär mirs höchste Wonne.« Das war ihre Empfindung gewesen – Othellos Empfindung, und sie hatte diese Empfindung, davon war sie überzeugt, ebenso stark verspürt, wie Shakespeare sie Othello verspüren ließ, und all das, weil sie zum Dinner in einem weißen Kleid hinuntergegangen war, um Sally Seton zu treffen!
Diese hatte rosafarbene Gaze getragen – war das möglich? Jedenfalls schien sie ganz Licht, ganz Glut, wie ein Vogel oder ein Luftballon, der dahergeflogen kommt und sich für einen Augenblick in einem Brombeergestrüpp verfangen hat. Doch wenn man verliebt ist (und was anderes war dies als Verliebtheit?), ist nichts so sonderbar wie die vollkommene Gleichgültigkeit anderer Menschen. Tante Helena zog sich nach dem Essen einfach zurück; Papa las Zeitung. Vielleicht war auch Peter Walsh da gewesen und die alte Miss Cummings; Joseph Breitkopf war ganz bestimmt da gewesen, denn er kam jeden Sommer, der arme, alte Mann, blieb wochenlang und gab vor, Deutsch mit ihr zu lesen, spielte in Wahrheit aber Klavier und sang Brahms, ohne die Stimme dafür zu haben.
All dies war nur die Folie für Sally. Sie stand am Kamin und redete, mit dieser wunderschönen Stimme, so dass alles, was sie sagte, wie eine Liebkosung klang, redete mit Papa, der sich eher gegen seinen Willen von ihr angezogen fühlte (er kam nie darüber hinweg, dass er ihr eines seiner Bücher geliehen und es dann durchweicht auf der Terrasse gefunden hatte), als sie plötzlich sagte: »Wie schade, hier drinnen zu sitzen!«, und sie alle traten hinaus auf die Terrasse und spazierten auf und ab. Peter Walsh und Joseph Breitkopf ließen sich über Wagner aus. Sie und Sally blieben ein wenig zurück. Dann kam der köstlichste Augenblick ihres ganzen Lebens, als sie an einer steinernen Urne mit Blumen vorübergingen. Sally blieb stehen; pflückte eine Blume; küsste sie auf den Mund. Die ganze Welt hätte kopfstehen können! Die anderen verschwanden; da war sie, allein mit Sally. Und sie fühlte, dass ihr ein Geschenk gemacht worden war, in Papier eingeschlagen, dass ihr gesagt worden war, sie möge es behalten, es nicht ansehen – ein Diamant, irgendetwas unendlich Kostbares, in Papier eingeschlagen, das sie auswickelte, während sie weiterspazierten (auf und ab, auf und ab), oder sein Glanz glühte durch die Verpackung hindurch, die Offenbarung, das religiöse Gefühl! –, als ihnen plötzlich der alte Joseph und Peter gegenüberstanden:
»Sterngucken?«, fragte Peter.
Es war, als stoße man in der Dunkelheit mit dem Gesicht gegen eine Granitmauer! Es war schockierend; es war entsetzlich!
Nicht für sie selbst. Sie spürte nur, dass Sally bereits misshandelt, malträtiert wurde; sie spürte seine Feindseligkeit; seine Eifersucht; seine Entschlossenheit, in ihre Zweisamkeit einzubrechen. All das sah sie, wie man im Strahl eines Blitzes eine Landschaft sieht – und Sally (nie hatte sie sie so sehr bewundert!) setzte tapfer ihren Weg fort, unbesiegt. Sie lachte. Sie brachte den alten Joseph dazu, ihr die Namen der Gestirne zu nennen, was er gern und mit großem Ernst tat. Sie stand da: sie lauschte. Sie hörte die Namen der Gestirne.
»O Graus!«, sagte sie bei sich, als habe sie die ganze Zeit über gewusst, dass etwas ihren Augenblick des Glückes stören würde, verbittern würde.
Und doch, wie viel verdankte sie Peter Walsh später. Immer, wenn sie an ihn dachte, dachte sie aus irgendeinem Grund an ihre Auseinandersetzungen – vielleicht, weil ihr so sehr an seiner guten Meinung gelegen war. Sie verdankte ihm Worte: »sentimental«, »zivilisiert«; sie sprangen sie jeden Tag ihres Lebens an, als wache er über sie. Ein Buch war sentimental; eine Lebenshaltung sentimental. »Sentimental«, vielleicht war sie es, weil sie an die Vergangenheit dachte. Was würde er wohl denken, wenn er zurückkehrte?
Dass sie älter geworden war? Würde er das sagen, oder würde sie ihn, wenn er zurückkehrte, denken sehen, dass sie älter geworden war? Es stimmte. Seit ihrer Krankheit war sie fast weißhaarig geworden.
Als sie die Brosche auf den Tisch legte, verspürte sie einen plötzlichen Krampf, als hätten die eisigen Klauen Gelegenheit gehabt, sich in sie zu krallen, während sie ihren Gedanken nachhing. Sie war noch nicht alt. Sie stand gerade mal am Anfang ihres zweiundfünfzigsten Jahres. Monate und Monate davon waren noch unberührt. Juni, Juli, August! Jeder davon war fast noch vollständig, und als wolle sie den fallenden Tropfen erhaschen, tauchte Clarissa (als sie zum Toilettentisch ging) in das Herzstück des Augenblicks ein, bannte ihn, hier – den Augenblick dieses Junimorgens, auf dem das Gewicht all der anderen Morgen lag, sah den Spiegel, den Toilettentisch und all die Fläschchen wie von neuem, sammelte ihr ganzes Selbst in einem einzigen Punkt (als sie in den Spiegel blickte), sah das zarte, rosige Gesicht der Frau, die an diesem Abend eine Gesellschaft geben würde; Clarissa Dalloways; ihres.
Wie viele Millionen Male hatte sie ihr Gesicht gesehen, und jedes Mal mit demselben kaum merklichen Sich-Zusammenziehen! Wenn sie in den Spiegel blickte, spitzte sie die Lippen. Es geschah, um ihrem Gesicht eine Pointe zu geben. Das war ihr Selbst – pointiert; pfeilgleich; eindeutig. Das war ihr Selbst, wenn eine Anstrengung, eine Aufforderung an sie, sie selbst zu sein, die Teile zusammenfügte, sie allein wusste, wie unterschiedlich, wie unvereinbar und nur für die Welt gemacht das war, zusammengezogen zu einem einzigen Mittelpunkt, einem einzigen Diamanten, einer einzigen Frau, die in ihrem Salon saß und einen Ort der Begegnung daraus machte, ohne Zweifel ein glanzvolles Ereignis im glanzlosen Leben einiger, ein Zufluchtsort vielleicht, den die Einsamen aufsuchen konnten; sie hatte jungen Leuten geholfen, die ihr dankbar waren; hatte sich bemüht, stets dieselbe zu sein, sich nie von all den anderen Seiten zu zeigen, die sie ja auch hatte – Schwächen, Eifersüchteleien, Eitelkeiten, Verdächtigungen wie die, dass Lady Bruton sie nicht zum Lunch eingeladen hatte; was, wie sie dachte (als sie sich endlich die Haare kämmte), ganz und gar niederträchtig war! Wo war nur ihr Kleid?
Ihre Abendkleider hingen im Schrank. Clarissa tauchte die Hand ins Weiche, zog behutsam das grüne Kleid hervor und trug es ans Fenster. Sie hatte es eingerissen. Jemand war auf den Saum getreten. Auf der Gesellschaft in der Botschaft hatte sie gespürt, wie es im Faltenbund nachgegeben hatte. Bei künstlichem Licht leuchtete das Grün, jetzt aber, in der Sonne, verlor es seine Farbe. Sie würde es selbst ausbessern. Ihre Dienstmädchen hatten zu viel zu tun. Sie würde es heute Abend tragen. Sie würde ihre Nähseide, ihre Schere, ihren – was war es noch? – ihren Fingerhut, natürlich, mit hinunter in den Salon nehmen, denn sie hatte auch noch etwas zu schreiben und musste dafür sorgen, dass im Großen und Ganzen alles gerichtet war.
Merkwürdig, dachte sie, als sie auf dem Treppenabsatz innehielt und diese Diamantgestalt, diese einheitliche Person, zusammenfügte, merkwürdig, dass eine Hausherrin den genauen Augenblick, die genaue Stimmung in ihrem Haus kennt! Schwache Geräusche stiegen in Spiralen das Treppenhaus empor; das Wischen eines Scheuerlappens; Pochen; Klopfen; ein lautes Geräusch, wenn die Haustür geöffnet wurde; eine Stimme, die im Souterrain eine Mitteilung wiederholte; das Klirren von Silber auf einem Tablett; poliertes Silber für die Gesellschaft. Alles für die Gesellschaft.
(Und Lucy kam in den Salon, ihr Tablett vor sich ausgestreckt, stellte die riesigen Kerzenleuchter auf den Kaminsims, das silberne Schmuckkästchen in die Mitte, und drehte den Kristalldelphin zur Uhr hin. Sie würden kommen; sie würden herumstehen; sie würden sich in dem gezierten Tonfall unterhalten, den sie nachahmen konnte, Ladies and Gentlemen. Von ihnen allen war ihre Herrin die angenehmste – Herrin über Silber, über Leinen, über Porzellan, denn die Sonne, das Silber, die ausgehängten Türen, Rumpelmayers Leute gaben ihr, als sie den Brieföffner auf den Intarsientisch legte, das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Seht nur! Seht nur!, sagte sie und sprach zu ihren alten Freundinnen in der Bäckerei in Caterham, wo sie zuerst in Diensten gestanden hatte, und spähte in den Spiegel. Sie war Lady Angela, die Prinzessin Mary aufwartete – da kam Mrs Dalloway herein.)
»Oh, Lucy«, sagte sie, »das Silber sieht aber hübsch aus!«
»Und wie«, fragte sie und drehte den Kristalldelphin wieder so, dass er gerade stand, »wie hat euch das Theaterstück gestern Abend gefallen?« »Oh, sie mussten schon vor Schluss gehen!«, sagte sie. »Sie mussten um zehn zu Hause sein!«, sagte sie. »Dann wissen sie ja gar nicht, wie es ausgegangen ist«, sagte sie. »Das ist aber ein Pech«, sagte sie (denn ihre Dienstboten blieben länger, wenn sie sie fragten). »Das ist wirklich jammerschade«, sagte sie und nahm das alte, abgeschabt aussehende Kissen in der Mitte des Sofas und legte es Lucy in den Arm und gab ihr einen kleinen Schubs und rief:
»Nimm es fort! Gib es Mrs Walker mit meinen besten Empfehlungen! Nimm es fort!«, rief sie.
Und Lucy blieb, das Kissen im Arm, an der Salontür stehen und fragte sehr schüchtern und ein wenig errötend, ob sie ihr nicht helfen könne, das Kleid auszubessern?
Aber, sagte Mrs Dalloway, sie habe doch alle Hände voll zu tun, habe ohnehin genug zu tun.
»Aber danke, Lucy, oh, danke«, sagte Mrs Dalloway und fuhr fort, danke, danke zu sagen (als sie sich, das Kleid auf den Knien, mit ihrer Schere, ihrer Nähseide aufs Sofa setzte), fuhr fort, danke, danke zu sagen, voller Dankbarkeit allen ihren Dienstboten gegenüber, weil sie ihr halfen, so zu sein, das zu sein, was sie sein wollte, freundlich, großherzig. Ihre Bediensteten mochten sie. Und dann dieses Kleid – wo war denn der Riss?, und jetzt der Faden, der eingefädelt werden musste. Es war eines ihrer Lieblingskleider, eines von Sally Parker, fast das letzte, das sie je genäht hatte, leider, denn inzwischen hatte sich Sally zur Ruhe gesetzt, lebte in Ealing, und wenn ich je einen Augenblick Zeit habe, dachte Clarissa (aber nie mehr würde sie einen Augenblick Zeit haben), werde ich sie in Ealing besuchen. Denn sie war ein Charakter für sich, dachte Clarissa, eine wahre Künstlerin. Sie dachte sich ungewöhnliche Kleinigkeiten aus; gleichwohl waren ihre Kleider nie wunderlich. Man konnte sie in Hatfield tragen; im Buckingham Palace. Sie hatte sie in Hatfield getragen; im Buckingham Palace.
Stille senkte sich auf sie herab, Ruhe, Zufriedenheit, als ihre Nadel die Seide geschmeidig bis zu einem sanften Ruck straffzog, die grünen Falten sammelte und sie ganz leicht an den Bund heftete. So sammeln sich Wellen an einem Sommertag, schäumen auf und brechen sich; sammeln und brechen sich; und die ganze Welt scheint immer gewichtiger zu sagen: »Das ist alles«, bis auch das Herz in dem Körper, der am Strand in der Sonne liegt, sagt: »Das ist alles.« Fürchte nicht mehr, sagt das Herz. Fürchte nicht mehr, sagt das Herz und überlässt seine Bürde einem Meer, das kollektiv für alle Schmerzen seufzt, erneuert, beginnt, sammelt und fallen lässt. Und allein der Körper lauscht der Biene, die vorüberfliegt; der Woge, die sich bricht; dem Hund, der bellt, in weiter Ferne bellt und bellt.
»Himmel, die Türglocke!«, rief Clarissa und ließ ihre Nadel ruhen. Wachgerüttelt lauschte sie.
»Mrs Dalloway wird mich empfangen«, sagte der ältere Mann in der Eingangshalle. »O ja, mich wird sie empfangen«, wiederholte er, schob Lucy sehr wohlwollend zur Seite und lief eilends die Treppe hinauf. »Ja, ja, ja«, murmelte er, während er hinauflief. »Sie wird mich empfangen. Nach fünf Jahren in Indien wird Clarissa mich empfangen.«
»Wer kann – wer kann –«, fragte Mrs Dalloway (die es empörend fand, an dem Tag, an dem sie eine Gesellschaft gab, um elf Uhr gestört zu werden), da hörte sie auch schon einen Schritt auf der Treppe. Sie hörte eine Hand an der Tür. Sie machte eine Bewegung, um ihr Kleid zu verstecken, wie eine Jungfrau, die ihre Keuschheit schützt, auf ihre Intimsphäre achtet. Schon drehte sich der Messingknauf. Schon öffnete sich die Tür, und hereinkam – eine Sekunde lang konnte sie sich nicht daran erinnern, wie er hieß! so überrascht war sie, ihn zu sehen, so froh, so schüchtern, so völlig verblüfft, dass Peter Walsh am Morgen unerwartet zu ihr kam! (Sie hatte seinen Brief nicht gelesen.)
»Und wie geht es dir?«, fragte Peter und zitterte deutlich; ergriff ihre beiden Hände; küsste ihre beiden Hände. Sie ist älter geworden, dachte er, als er sich setzte. Ich werde ihr nichts davon sagen, dachte er, denn sie ist älter geworden. Sie sieht mich an, dachte er, und plötzlich überkam ihn Verlegenheit, obwohl er ihre Hände geküsst hatte. Er steckte die Hand in die Tasche, zog ein großes Taschenmesser hervor und klappte die Klinge halb auf.
Ganz derselbe, dachte Clarissa; derselbe wunderliche Blick; derselbe karierte Anzug; sein Gesicht ein bisschen schief, ein bisschen dünner, trockener vielleicht, aber er sieht schrecklich gut aus, ganz derselbe.
»Wie himmlisch, dich wiederzusehen!«, rief sie. Er hatte sein Messer hervorgezogen. Das sieht ihm so ähnlich, dachte sie.
Er sei erst gestern Abend in die Stadt gekommen, sagte er; werde sofort aufs Land fahren müssen; und wie gehe es denn so mit allem, wie gehe es allen – Richard? Elizabeth?
»Und was hat es damit auf sich?«, fragte er und neigte sein Taschenmesser zu ihrem grünen Kleid.
Er ist sehr gut angezogen, dachte Clarissa; aber mich kritisiert er immer.
Hier sitzt sie und bessert ihr Kleid aus; bessert wie eh und je ihr Kleid aus, dachte er; hier hat sie die ganze Zeit über gesessen, während ich in Indien war; hat ihr Kleid ausgebessert; hat herumgespielt; ist auf Gesellschaften gegangen; ist ins Unterhaus gerannt und wieder zurück und all das, dachte er und wurde immer gereizter, immer erregter, denn für manche Frauen gibt es nichts in der Welt, das schlimmer wäre als die Ehe, dachte er; und die Politik; und einen Konservativen zum Mann zu haben wie den bewundernswerten Richard. So ist es, so ist es, dachte er und ließ sein Messer zuschnappen.
»Richard geht es sehr gut. Richard ist in einem Ausschuss«, sagte Clarissa.
Und sie klappte ihre Schere auf und fragte, ob es ihn störe, wenn sie ihr Kleid zu Ende nähe, denn sie hätten heute Abend eine Gesellschaft.
»Zu der ich dich nicht einladen werde«, sagte sie. »Mein lieber Peter!«, sagte sie.
Aber es war köstlich, sie das sagen zu hören – mein lieber Peter! In der Tat, das alles war köstlich – das Silber, die Stühle; alles so köstlich!
Weshalb sie ihn denn nicht zu ihrer Gesellschaft einlade?, fragte er.
Natürlich, dachte Clarissa, er ist bezaubernd! ganz bezaubernd! Jetzt fällt mir wieder ein, wie unmöglich es war, den Entschluss zu fassen, ihn nicht zu heiraten – warum eigentlich habe ich diesen Entschluss gefasst, fragte sie sich, in jenem furchtbaren Sommer?
»Aber wie merkwürdig, dass du ausgerechnet heute Morgen gekommen bist!«, rief sie und legte die Hände, eine über der anderen, auf ihr Kleid.
»Weißt du noch«, fragte sie, »wie in Bourton immer die Vorhänge flatterten?«
»Das taten sie«, sagte er; und er erinnerte sich, wie er allein und sehr verlegen mit ihrem Vater gefrühstückt hatte; der dann gestorben war; und er hatte Clarissa nicht geschrieben. Aber er hatte sich mit dem alten Parry nie gut verstanden, diesem missmutigen, schwachen alten Mann, Clarissas Vater, Justin Parry.
»Ich wünsche mir oft, ich hätte mich mit deinem Vater besser verstanden«, sagte er.
»Aber er mochte niemanden, der – unsere Freunde«, sagte Clarissa; und hätte sich auf die Zunge beißen mögen, weil sie Peter daran erinnert hatte, dass er sie hatte heiraten wollen.
Natürlich wollte ich, dachte Peter; auch mir hat es fast das Herz gebrochen, dachte er; und ließ sich von seinem eigenen Kummer überwältigen, der aufstieg wie ein Mond, den man von einer Terrasse aus betrachtet, schaurig-schön vom Licht des versunkenen Tages. Ich war unglücklicher, als ich es seither je gewesen bin. Und als ob er tatsächlich dort auf der Terrasse säße, rutschte er ein wenig zu Clarissa hinüber; streckte die Hand aus; hob sie; ließ sie fallen. Dort über ihnen hing er, jener Mond. Auch sie schien mit ihm auf der Terrasse zu sitzen, im Mondschein.
»Jetzt hat Herbert das Haus«, sagte sie. »Ich fahre längst nicht mehr hin«, sagte sie.
Dann, ganz so, wie es auf einer Terrasse im Mondschein geschieht, wenn einer sich zu schämen beginnt, weil er sich bereits langweilt und doch, da der andere schweigsam dasitzt, sehr still, traurig den Mond betrachtet, nicht reden möchte, den Fuß bewegt, sich räuspert, einen schmiedeeisernen Schnörkel an einem Tischbein bemerkt, ein Blatt berührt, jedoch nichts sagt – so hielt es jetzt Peter Walsh. Denn wozu auf diese Weise in die Vergangenheit zurückkehren?, dachte er. Wozu ihn wieder daran erinnern? Wozu ihm wehtun, wo sie ihn doch schon so höllisch gequält hatte? Wozu?
»Erinnerst du dich noch an den See?«, fragte sie mit schroffer Stimme, unter dem Druck einer Gefühlsregung, die ihr ans Herz griff, die ihre Kehlmuskulatur verkrampfte und ihre Lippen zusammenpresste, als sie »See« sagte. Denn sie war ein Kind, das, zwischen ihren Eltern, den Enten Brot hinwarf, und gleichzeitig eine erwachsene Frau, die zu ihren Eltern kam, die am See standen, und ihr Leben in den Armen hielt, das, als sie sich ihnen näherte, in ihren Armen immer größer wurde, bis es ein ganzes Leben geworden war, ein vollständiges Leben, das sie bei ihnen ablegte und sagte: »Das habe ich daraus gemacht! Das!« Und was hatte sie daraus gemacht? Was, in der Tat?, wie sie hier an diesem Morgen mit Peter Walsh zusammensaß und nähte.
Sie sah Peter Walsh an; ihr Blick, der durch all die Zeit und all die Gefühlsregungen drang, erreichte ihn voller Zweifel; setzte sich tränenreich auf ihn; und stieg auf und flatterte davon, so wie ein Vogel einen Zweig berührt und aufsteigt und davonflattert. Ganz schlicht wischte sie sich die Augen.
»Ja«, sagte Peter. »Ja, ja, ja«, sagte er, als zöge sie etwas an die Oberfläche, das ihn, während es emporstieg, in der Tat verletzte. Halt! Halt!, wollte er rufen. Denn er war nicht alt; sein Leben war nicht vorbei; keineswegs. Er war gerade mal Anfang fünfzig. Soll ich es ihr sagen, dachte er, oder nicht? Er hätte es sich gern von der Seele geredet. Aber sie ist zu kalt, dachte er; wie sie da näht; mit ihrer Schere; neben Clarissa würde Daisy ganz gewöhnlich wirken. Und sie würde mich für einen Versager halten, der ich nach ihren Maßstäben ja auch bin, dachte er; nach den Maßstäben der Dalloways. O ja, daran hatte er keinen Zweifel; er war ein Versager, verglichen mit alledem – dem Intarsientisch, dem silberbeschlagenen Brieföffner, dem Delphin und den Kerzenleuchtern, den Sesselbezügen und den kostbaren alten kolorierten englischen Drucken – er war ein Versager! Wie ich die Selbstgefälligkeit der ganzen Inszenierung verabscheue, dachte er; Richards Werk, nicht Clarissas; außer, dass sie ihn geheiratet hatte. (Da kam Lucy ins Zimmer, trug Silber herein, noch mehr Silber, aber sie sah reizend aus, schlank, graziös, dachte er, als sie sich herabbeugte, um es abzustellen.) Und so ist es die ganze Zeit über verlaufen!, dachte er; Woche um Woche; Clarissas Leben; während ich – dachte er; und auf einmal schien alles von ihm auszustrahlen: Reisen; Ritte; Auseinandersetzungen; Abenteuer; Bridgepartien; Liebesgeschichten; Arbeit; Arbeit, Arbeit! und er holte ganz unverhohlen sein Messer hervor – sein altes Messer mit dem Horngriff, von dem Clarissa hätte schwören können, dass er es seit dreißig Jahren besaß, und ballte die Faust darum.
Pulsuz fraqment bitdi.