Kitabı oxu: «Die Fahrt zum Leuchtturm»
Virginia Woolf
Die Fahrt zum Leuchtturm
Übersetzt
Herberth und Marlys Herlitschka
Saga
Die Fahrt zum Leuchtturm ÜbersetztHerberth und Marlys Herlitschka
Original
To the Lighthouse
Coverbild.Illustration: Shutterstock
Copyright © 1927, 2020 Virginia Woolf und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726643008
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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– a part of Egmont www.egmont.com
I
DER AUSBLICK
1
»Ja, gewiß, wenn es morgen schön ist«, sagte Mrs. Ramsay. »Aber du wirst mit den Hühnern auf sein müssen«, fügte sie hinzu.
Ihrem Sohn bereiteten diese Worte außerordentliche Freude, als wäre jetzt ausgemacht, daß der große Ausflug stattfinden müsse, und als läge das Wunderbare, das er Jahre und Jahre herbeigewünscht zu haben schien, nun, hinter dem Dunkel einer Nacht und der Segelfahrt eines Tags, in Reichweite. Da er, zwar erst sechsjährig, schon zu der großen Sippe derer gehörte, die ein Gefühl nicht vom andern getrennt halten können, sondern Zukunftsaussichten mit ihren Freuden und Leiden alles umwölken lassen müssen, was wirklich bereits gegenwärtig ist, und da für solche Menschen sogar schon in frühester Kindheit das Rad der Empfindungen mit jeder kleinen Drehung den Augenblick zu kristallisieren und zu durchdringen vermag, den es grade düster beschattet oder strahlend erhellt, verlieh James Ramsay, der auf dem Fußboden saß und aus einem Katalog der Army & Navy Stores Abbildungen ausschnitt, bei den Worten seiner Mutter einem Kühlschrank himmlische Seligkeit. Der war nun von Freude umrandet. Der Schubkarren, der Rasenmäher, das Säuseln von Pappeln, das Aufblinken von Blättern vor einem Regen, das Krächzen von Krähen, das Tappen eines Besens, das Rascheln eines Kleids – das alles war in seinem Geist so getönt und unterschieden, daß er bereits seinen Privatkode besaß, seine Geheimsprache, obzwar er das Abbild schierer, kompromißloser Strenge zu sein schien, wie er so mit seiner hohen Stirn und den grimmigen blauen Augen, den unfehlbar aufrichtigen und reinen, ein wenig strafend dreinsah angesichts menschlicher Schwächen, so daß seine Mutter, während sie ihn die Schere säuberlich um den Kühlschrank herumführen sah, sich ihn ganz in Rot und Hermelin auf der Richterbank vorstellte oder als Leiter einer ernsten und folgenschweren Maßnahme in einer Staatskrise.
»Aber«, sagte sein Vater und blieb draußen, vor der offenen Glastür, stehn, »es wird nicht schön sein.«
Wenn eine Axt zur Hand gewesen wäre, ein Schüreisen oder irgendeine andre Waffe, die seinem Vater eine klaffende Wunde in die Brust hätte schlagen und ihn auf der Stelle töten können, James hätte sie ergriffen. So auf die Spitze getrieben waren die Gefühle, die Mr. Ramsay durch seine bloße Anwesenheit in den Herzen seiner Kinder erregte; wenn er, so wie jetzt, dastand, messerschmal, dünn wie eine Klinge, und sarkastisch lächelte, nicht nur vor Vergnügen, seinen Sohn aus allen Himmeln zu stürzen und seine Frau lächerlich zu machen, die in jeder Hinsicht zehntausendmal besser war als er (dachte James), sondern sich auch heimlich etwas auf die Richtigkeit seines Urteils einbildete. Was er sagte, war wahr. Es war immer wahr. Der Unwahrheit war er gar nicht fähig; deutelte nie an einer Tatsache herum; änderte nie ein unangenehmes Wort irgendeinem Sterblichen zur Freude oder zu Gefallen, am allerwenigsten seinen eigenen Kindern, die, seinen Lenden entsprossen, sich von Anfang an bewußt sein sollten, daß das Leben schwierig war; Tatsachen keine Zugeständnisse machten; und die Überfahrt in jenes sagenhafte Land, wo unsre strahlendsten Hoffnungen ausgelöscht werden, unsre zerbrechlichen Schiffchen im Dunkel zerschellen (hier straffte Mr. Ramsay den Rücken und richtete die zusammengekniffenen kleinen blauen Augen auf den Horizont), vor allem Mut, Wahrheitsliebe und Ausdauer erforderte.
»Aber es könnte vielleicht doch – ja, ich glaube, es wird schön sein«, sagte Mrs. Ramsay und gab dem rotbraunen Strumpf, an dem sie strickte, eine kleine, ungeduldige Drehung. Wenn sie heute abend damit fertig wäre und morgen doch zum Leuchtturm gefahren würde, sollte der Leuchtturmwächter ihn für seinen kleinen Sohn bekommen, der an einem tuberkulösen Hüftgelenk krankte; und dazu noch etwas Tabak und einen Stoß alter Zeitschriften, überhaupt, was immer sie sonst noch an Kram und nicht wirklich Benötigtem im Zimmer umherhegen fände, um es diesen armen Kerlen zu schenken – die sich doch zu Tode langweilen mußten, wenn sie so denhebenlangen Tag dasaßen und nichts andres zu tun hatten, als die Laternenscheiben sauberzuwischen und den Docht zu putzen und auf ihrem Gartenfleckchen herumzuharken, – damit sie was zur Unterhaltung hätten. Denn wem gefiele es wohl, jedesmal einen ganzen Monat dort eingesperrt zu sein und, wenn es stürmte, vielleicht auch länger, auf einem Stück Felsen nicht größer als ein Tennisplatz? pflegte sie zu fragen; und weder Briefe und Zeitungen noch eine Menschenseele zu Gesicht zu bekommen; und, wenn man verheiratet war, nicht einmal seine Frau, und nicht zu wissen, wie’s den Kindern ging – ob sie nicht am Ende erkrankt oder hingefallen waren und sich Arm und Bein gebrochen hatten; zuzusehn, wie dieselben öden Wellen Woche für Woche ans Ufer schlagen; und, wenn dann ein böses Unwetter heraufzieht, die Fenster mit Schaum bespritzt sind, Vögel sich die Köpfe an der Laterne zerschmettern und der ganze Turm wackelt, die Nase nicht vor die Tür stecken zu können aus Furcht, ins Meer hinausgeschwemmt zu werden. Wie würde ihnen das gefallen? fragte sie, sich vornehmlich an ihre Töchter wendend. Darum müsse man, setzte sie in verändertem Ton hinzu, denen dort, um ihnen das Leben angenehmer zu machen, mitbringen, was immer man könne.
»Ausgesprochener Westwind«, sagte der Atheist Tansley und hielt die knochigen Finger gespreizt, so daß der Wind zwischen ihnen hindurchstrich, denn hin und her, hin und her begleitete er Mr. Ramsay auf dessen Abendspaziergang auf der Terrasse. Es bedeutete, daß der Wind für eine Landung beim Leuchtturm aus der denkbar ungünstigsten Richtung wehte. Ja, er sagte wirklich meist Unangenehmes, gestand sich Mrs. Ramsay ein; es war odios von ihm, das noch zu betonen und James nur noch mehr zu enttäuschen; zugleich aber wollte sie nicht, daß die andern sich über ihn lustigmachten. Den »Atheisten«, nannten sie ihn; den »kleinen Atheisten«. Rose verspottete ihn; Prue verspottete ihn; Andrew, Jasper, Roger verspotteten ihn; sogar der alte Daxl, der keinen einzigen Zahn mehr im Maul hatte, hatte nach ihm geschnappt, weil er (wie Nancy es ausdrückte) der hundertundzehnte junge Mann war, der ihnen bis zu den Hebriden hinauf nachgelaufen, wenn es doch um so viel schöner war, allein zu bleiben.
»Unsinn!« sagte Mrs. Ramsay in strengem Ton. Abgesehn von ihrer Gewohnheit zu übertreiben, die die Kinder von ihr hatten, und der Anspielung darauf, daß sie (was wahr war) zu viele Leute einlud und dann einige im Dorf einquartieren mußte, konnte sie Unhöflichkeit gegen ihre Gäste nicht leiden. Besonders nicht gegen junge Männer, die arm wie Kirchenmäuse waren, »außerordentlich befähigt«, sagte ihr Mann, große Bewunderer von ihm und über die Ferien hergekommen. Tatsächlich hatte sie das ganze andere Geschlecht unter ihre Fittiche genommen; aus Gründen, die sie nicht näher hätte erklären können: seiner Ritterlichkeit und Tapferkeit wegen und, weil die Männer über Staatsverträge verhandelten, Indien regierten, das Finanzwesen leiteten; und schließlich wegen einer Haltung ihr selbst gegenüber, welche zu empfinden, und angenehm zu empfinden, keine Frau verfehlen konnte; etwas Vertrauensvollen, Kindlichen, Verehrungsvollen wegen; das eine alte Frau von einem jungen Mann annehmen durfte, ohne an Würde einzubüßen, und wehe dem Mädchen – Gott gebe, es wäre keine von ihren Töchtern! – das nicht bis ins Mark spürte, wie wertvoll das und alles, was es einschloß, war.
Sie wandte sich mit Strenge gegen Nancy. Er sei ihnen nicht nachgelaufen, sagte sie. Er sei aufgefordert worden.
Es mußte ein Ausweg aus alledem gefunden werden. Es gab vielleicht einen einfacheren Weg, einen weniger mühsamen. Sie seufzte. Wenn sie in den Spiegel blickte und ihre Haare grau geworden, ihre Wangen eingefallen sah, mit fünfzig, dann dachte sie, vielleicht hätte sie geschickter mit allem umgehn können – mit ihrem Mann; Geldangelegenheiten; den Büchern, die er schrieb. Aber was sie selbst betraf, würde sie nie, auch nur für eine einzige Sekunde, ihren Entschluß bereuen; würde nie Schwierigkeiten ausweichen oder Pflichten vernachlässigen. Sie war nun eine einschüchternde Erscheinung, und es geschah nur im stillen, daß ihre Töchter – Prue, Nancy, Rose – vom Teller aufblickend, nachdem ihre Mutter Charles Tansleys wegen mit solcher Strenge zu ihnen gesprochen hatte, mit abtrünnigen Gedanken, die sie sich zusammengebraut hatten, zu spielen vermochten, Gedanken an ein Leben, das ganz verschieden wäre von dem ihrer Mutter; in Paris etwa; ein ungezügelteres Leben; bei dem man sich nicht immer irgendeines männlichen Wesens annahm; denn sie alle hegten stumme Zweifel an Ergebenheit und Ritterlichkeit, an der Bank von England und dem Indischen Kaiserreich, beringten Fingern und Spitzenjabots; obwohl für sie alle darin auch etwas vom Wesen des Schönen lag und das Männliche in ihren Mädchenherzen herausforderte und sie, wie sie da bei Tisch unter den Augen ihrer Mutter saßen, deren seltsame Strenge, deren äußerste Höflichkeit wie die einer Königin, die den schmutzigen Fuß eines Bettlers aus dem Straßenschlamm hebt und ihn wäscht, verehren ließ, wenn sie sie alle dieses elenden kleinen Atheisten wegen so streng zurechtwies, der ihnen bis hierher nachgelaufen – oder, genauer gesagt, aufgefordert worden war, hier, auf der Insel Skye, bei ihnen zu wohnen.
»Morgen wird’s kein Landen beim Leuchtturm geben«, sagte Charles Tansley, mit den Fingern der einen auf die Fläche der andern Hand tippend, während er neben ihrem Mann hier vor den Türstufen stand. Jetzt war’s aber doch gewiß genug davon! Wenn die beiden sie und James nur in Ruhe lassen und sich weiter miteinander unterhalten würden! Sie sah Charles Tansley an. Er sei so ein jämmerliches Exemplar, sagten ihre Kinder, lauterHöcker und Höhlungen. Er könne nicht Kricket spielen; er stochere mit dem Schläger, zapple umher. Er sei ein sarkastisches Scheusal, sagte Andrew. Sie wußten, was er am liebsten tat – immerzu hin und her gehn mit Mr. Ramsay, hin und her, und davon reden, wer dies gewonnen habe, wer jenes, wer »erstklassig« sei in lateinischen Versen, wer »brillant« sei, »aber, glaube ich, im Grunde nicht ganz gediegen«, wer zweifellos »der begabteste Bursche im Balliol College« sei, wer vorläufig sein Licht in Bristol oder Bedford unter den Scheffel gestellt habe, aber später einmal von sich reden machen werde, sobald seine Prolegomena zu irgendeinem Zweig der Mathematik oder der Philosophie (von denen Mr. Tansley die ersten Seiten im Bürstenabzug mithatte, falls Mr. Ramsay sie sich ansehn wolle) das Tageslicht erblicken würden. Über solche Dinge unterhielten sie sich.
Sie mußte selber manchmal über ihn lachen. Sie hatte unlängst irgend etwas von »haushohen Wellen« gesagt. Ja, hatte Charles Tansley erwidert, es sei ein wenig bewegt heute. »Sind Sie nicht bis auf die Haut naß geworden?« hatte sie gefragt. »Feucht, aber nicht bis auf die Haut«, hatte Mr. Tansley geantwortet und sich in den Ärmel gekniffen und seine Socken betastet.
Doch es sei nicht das, was sie übelnähmen, sagten die Kinder. Es sei nicht sein Gesicht; nicht seine Manieren. Sondern er selbst – seine Ansichten. Wenn sie über etwas Interessantes sprächen, über Leute, Musik, Geschichte, irgend etwas, auch wenn sie bloß sagten, es sei ein so schöner Abend und solle man nicht lieber im Freien sitzen, dann sei, was sie an Charles Tansley unausstehlich fänden, daß er sich nicht zufrieden gebe, bevor er nicht das Ganze umgekrempelt und es irgendwie ihn selbst habe widerspiegeln lassen und sie alle herabgesetzt, sie alle irgendwie nervös gemacht habe mit seiner ätzenden Art, Fleisch und Blut von allem herunterzuschälen. Und er gehe in Gemäldeausstellungen, sagten sie, und frage einen, ob einem sein Schlips gefalle. Weiß Gott nein, sagte Rose.
So verstohlen, wie Hochwild vom Fütterungsplatz verschwindet, suchten, kaum daß eine Mahlzeit vorbei war, die acht Söhne und Töchter Mr. und Mrs. Ramsays ihre Schlafräume auf, ihre Dickichte in einem Haus, wo man nirgendwo anders ungestört sein konnte, um sich über etwas, irgend etwas auszusprechen; über Tansleys Schlips, über die Annahme des Reformgesetzes, über Seevögel, Schmetterlinge, Leute; während die Sonne in diese Dachkammern schien, die nur Bretterwände voneinander trennten, so daß jeder Schritt deutlich zu hören war und auch das Schluchzen des kleinen Schweizermädels, weil ihr Vater in einem Graubündner Tal an Krebs dahinsiechte; und Kricketschläger beleuchtete, Flanellhosen, Strohhüte, Tintenfässer, Farbtiegel, Käfer und die skelettierten Schädel kleiner Vögel; und den langen, gekräuselten Streifen von Seetang, die an die Wand genagelt waren, einen Geruch von Salz und Meerespflanzen entlockte, der auch in den vom Baden sandigen Handtüchern war.
Streit, Entzweiung, Meinungsverschiedenheiten, Vorurteile, eingewoben bis in die ureigensten Fasern des Wesens, ach, daß die so früh begannen, das beklagte Mrs. Ramsay sehr. Sie waren so kritisch, ihre Kinder; redeten solchen Unsinn. Sie ging ins Wohnzimmer, James an der Hand haltend, weil er nicht mit den andern gehn wollte. Es schien ihr ein solcher Unsinn – Verschiedenheiten zu erfinden, wenn die Menschen, weiß Gott, ohnedies verschieden genug waren. Die wirklichen Verschiedenheiten, dachte sie, an der offenen Glastür stehnbleibend, genügten schon, genügten wahrhaftig. Sie dachte einen Augenblick an Reiche und Arme, Hohe und Niedrige; sie zollte den Hochgeborenen halb widerstrebend einige Achtung, denn floß nicht in ihren eigenen Adern das Blut dieses sehr edlen, wenngleich ein wenig mythischen italienischen Hauses, dessen Töchter, im neunzehnten Jahrhundert über englische Salons verstreut, so reizend zu lispeln, so ungestüm zu tollen wußten, und stammte nicht von ihnen ihre eigene Schlagfertigkeit und ihr ganzes Auftreten und ihr Temperament, und nicht von den verschlafenen Engländern oder den kalten Schotten? Tiefer aber grübelte sie über jenem andern Problem, dem von reich und arm und den Dingen, die sie mit eigenen Augen erblickte, jede Woche, jeden Tag, hier oder in London, wenn sie eine Witwe oder eine sich abrackernde Frau persönlich aufsuchte, einen Beutel am Arm und mit Bleistift und Notizbuch, in das sie, in zu diesem Zweck sorgfältig gezogene Kolonnen, Löhne und Ausgaben, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit eintrug, weil sie hoffte, daß sie so aufhören würde, eine Privatperson zu sein, deren Wohltätigkeit halb zur Beschwichtigung ihrer Entrüstung, halb zur Befriedigung ihrer Neugier diente, und das werden würde, was sie, mit ihrem ungeschulten Geist, sosehr bewunderte: eine die soziale Frage aufhellende Forscherin.
Unlösbare Probleme waren das, so schien es ihr, als sie, James an der Hand haltend, hier stand. Er war ihr ins Wohnzimmer gefolgt, dieser junge Mann, den sie alle immer auslachten; er stand beim Tisch, befingerte irgend etwas, auf eine linkische Weise, fühlte sich außerhalb von allem, das spürte sie, ohne sich umzuwenden. Die andern waren alle weggegangen: die Kinder; Minta Doyle und Paul Rayley; Augustus Carmichael; ihr Mann – alle waren sie weggegangen. Darum wandte sie sich mit einem Seufzer um und sagte: »Würde es Sie langweilen, mit mir zu kommen, Mr. Tansley?«
Sie habe etwas Uninteressantes im Städtchen zu erledigen; müsse vorher noch einen oder zwei Briefe schreiben; werde ungefähr zehn Minuten brauchen; müsse dann noch ihren Hut aufsetzen. Und mit ihrem Beutel und ihrem Sonnenschirm war sie zehn Minuten später wieder da und verbreitete ein Gefühl des Bereitseins um sich, des zu einem kleinen Ausflug Gerüstetseins, den sie allerdings, als sie am Tennisplatz vorbeikamen, für einen Augenblick unterbrechen mußte, um Mr. Carmichael, der sich hier sonnte, die gelben Katzenaugen weit offen, so daß sie wie die einer Katze die schwankenden Zweige oder die vorbeiziehenden Wolken zu spiegeln schienen, aber nicht das geringste Anzeichen irgendwelcher Gedanken oder Empfindungen boten, zu fragen, ob er etwas brauche.
Denn sie begäben sich soeben auf die große Expedition, sagte sie lachend. Sie wollten ins Städtchen. »Marken, Briefpapier, Tabak?« fragte sie, neben ihm stehnbleibend. Aber nein, er brauchte nichts. Seine Hände verschränkten sich über seinem geräumigen Wanst, seine Augen blinzelten, als hätte er gern freundlich auf diese Verlockungen (sie sprach verführerisch, aber ein wenig nervös) geantwortet, könnte das aber nicht, so versunken, wie er war, in graugrüne Schläfrigkeit, die sie alle, ohne daß es der Worte bedurfte, in eine ungeheure, gutmütige Lethargie von Wohlwollen einbezog; das ganze Haus, die ganze Welt und alle Leute darauf; denn er hatte heute beim Mittagessen in sein Glas verstohlen ein paar Tropfen von etwas geträufelt, das, so behaupteten die Kinder, den grellen Streifen Kanariengelb in seinem Schnurrbart und Bart erklärte, die überall sonst milchweiß waren. Nein, er brauche nichts, murmelte er.
Es hätte eigentlich ein großer Philosoph aus ihm werden müssen, sagte Mrs. Ramsay, als sie auf der Straße in das Fischerstädtchen waren, aber er habe eine unglückliche Ehe hinter sich. Ihren schwarzen Sonnenschirm kerzengerade haltend und auf eine unbeschreiblich erwartungsvolle Art einherschreitend, als würde sie gleich um die Ecke jemand begegnen, erzählte sie seine Geschichte: eine Liebesaffäre in Oxford mit irgendeinem Mädchen; eine frühe Heirat; Armut; dann nach Indien gegangen; ein bißchen Gedichte übersetzt, »sehr schön, glaube ich«; gern bereit, den Buben Persisch oder Hindustanisch beizubringen, aber wozu eigentlich? – und liege nun also, wie sie ihn jetzt gesehn hätten, auf dem Rasen.
Es schmeichelte ihm; nach dem Nasenstüber, den er erhalten hatte, tat es ihm wohl, daß Mrs. Ramsay ihm das erzählte. Charles Tansley lebte wieder auf. Und auch wie sie die Größe des männlichen Intellekts, sogar in seinem Verfall, mitbetont hatte und die Pflicht aller Frauen – nicht, daß sie diese eine tadelte, denn die Ehe sei gar nicht so unglücklich gewesen, glaubte sie, – sich der Müh und Plage ihrer Männer unterzuordnen, das bewirkte, daß er sich selbstzufrieden fühlte wie nie zuvor, und er hätte gern, wenn sie zum Beispiel einen Wagen genommen hätten, das Fahrgeld bezahlt. Und ihren kleinen Beutel, könne er ihr den nicht tragen? Nein, nein, sagte sie, den trage sie stets selber. Und das tat sie auch. Ja, das konnte er in ihr spüren. Er spürte vielerlei, vor allem etwas, das ihn erregte und verstörte aus Gründen, die er nicht aussprechen konnte. Daß es ihm lieb wäre, wenn sie ihn in Talar und Barett in einem akademischen Aufzug dahinschreiten sähe. Eine Lehrstelle, eine Professur – er fühlte sich zu allem fähig und sah sich – aber wohin sah sie? Auf einen Mann, der ein Plakat anklebte. Das große, flatternde Stück Papier breitete sich immer flacher, und mit jedem Pinselstrich kamen neue Beine, Reifen, Pferde zum Vorschein, leuchtendes Rot und Blau, wunderschön glatt, bis die halbe Mauer von der Ankündigung eines Zirkus bedeckt war; hundert Reiter, zwanzig sich produzierende Seehunde, Löwen, Tiger... Vorgeneigt, denn sie war kurzsichtig, las sie laut, daß er »auch diese Stadt besuchen werde«. Eine schrecklich gefährliche Arbeit für einen Einarmigen, rief sie aus, so hoch oben auf einer Leiter zu stehn – sein linker Arm sei ihm von einer Mähmaschine abgetrennt worden vor zwei Jahren.
»Gehn wir doch alle hin!« rief sie und schritt weiter, als hätten alle diese Reiter und Pferde sie mit kindlicher Begeisterung erfüllt und sie ihr Mitleid vergessen lassen.
»Ja, gehn wir«, sagte er, ihre Worte wiederholend, aber sie mit solcher Befangenheit hervorstoßend, daß sie zusammenzuckte. »Gehn wir in den Zirkus!« Nein. Er konnte es nicht richtig sagen. Er konnte es nicht richtig fühlen. Aber warum nicht? fragte sie sich. Was stimmte nicht bei ihm? Sie mochte ihn gut leiden, in diesem Augenblick. Seien sie denn nicht, fragte sie, in den Zirkus geführt worden, als Kinder? Nie, antwortete er, als hätte sie grade die Frage gestellt, die er gern beantwortet hätte; als hätte er sich alle diese Tage danach gesehnt zu erzählen, daß sie als Kinder nie in einen Zirkus geführt worden seien. Sie seien eine große Familie, neun Geschwister, und der Vater ein Arbeitsmann. »Mein Vater ist Drogist, Mrs. Ramsay. Er hat einen Laden.«Charles Tansley hatte sich selber erhalten müssen, seit seinem dreizehnten Jahr. Manchen Winter hatte er gar keinen Mantel gehabt. Er hatte sich nie »für genossene Gastfreundschaft revanchieren können» (so steif und gestelzt drückte er es aus), während er im Internat war. Er hatte alles doppelt so lange tragen müssen als andere; den billigsten Tabak geraucht: Shag; das, was die alten Männer auf dem Kai rauchten. Tagsüber hatte er hart arbeiten müssen – sieben Stunden lang; er redete jetzt vom Einfluß von irgendwas auf irgendwen – sie gingen dabei weiter, und Mrs. Ramsay verstand nicht, was es alles heißen sollte, nur dann und wann ein einzelnes Wort ... Dissertation ... Lehrstelle ... Vortragsreihe ... Dozentur. Sie vermochte dem häßlichen akademischen Jargon nicht zu folgen, der sich wie geschmiert abhaspelte, sagte sich aber, daß sie nun begreife, wieso der geplante Zirkusbesuch ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, den armen Kerl, und weshalb er sogleich mit alledem über seine Eltern und Geschwister herausgerückt kam, und sie wollte dafür sorgen, daß die Kinder ihn nicht mehr auslachten; sie wollte mit Prue darüber sprechen. Was ihn freuen würde, wäre vermutlich, erzählen zu können, er sei mit den Ramsays in einem Ibsenstück gewesen. Er war ein entsetzlicher pedantischer Tugendbold – o ja, ein unleidlicher Fadian. Denn obwohl sie jetzt das Städtchen erreicht hatten und durch die Hauptstraße gingen, wo Karren an ihnen vorbei über das Pflaster ratterten, redete er noch immer von Stiftungen und dem Lehrberuf und Arbeitern und der Pflicht, »unsrer Klasse zu helfen«, und Vorträgen drauflos, bis sie erriet, daß er sein ganzes Selbstvertrauen wiedergewonnen, sich von dem Zirkusbesuch erholt hatte und ihr grade (und sie konnte ihn wieder gut leiden) sagen wollte – aber da kamen sie, während zu beiden Seiten die Häuser zurücktraten, auf den Kai hinaus, und die ganze Bucht erstreckte sich vor ihnen, und Mrs. Ramsay mußte unwillkürlich »Oh, wie schön!« ausrufen. Denn vor ihr lag die große Schüssel voll blauen Wassers; der altersgraue Leuchtturm, der ferne, unnahbare, in der Mitte; und zur Rechten, so weit das Auge reichte, verschwimmend und sich verlierend, in weichen, niedrigen Falten, die graugrünen Sanddünen mit den welligen Gräsern, die immer so aussahn, als liefen sie in ein Mondland davon, ein von Menschen nicht bewohntes.
»Das ist der Blick«, sagte sie und blieb stehn, und ihre Augen nahmen ein tieferes Grau an, »den mein Mann so liebt.«
Sie schwieg einen Augenblick. Aber jetzt, sagte sie, seien die Maler hergekommen. Und wahrhaftig, nur ein paar Schritte weit weg stand einer, in Panamastrohhut und hellbraunen Schuhen, der ernst, behutsam, vertieft, wenn auch von zehn kleinen Buben beobachtet, mit einer tief zufriedenen Miene auf dem runden roten Gesicht in die Weite schaute und, nachdem er geschaut hatte, sich bückte und die Spitze seines Pinsels an einem weichen Häufchen von Grün oder Rosa tränkte. Seit Mr. Paunceforte hier gewesen, vor drei Jahren, seien alle Bilder so, sagte sie, grün und grau, mit zitronengelben Segelbooten und mit rosa Frauen auf dem Strand.
Aber die Freunde ihrer Großmutter, sagte sie, im Vorbeigehn diskret hinblickend, hätten sich die größte Mühe gegeben; zuerst selber ihre Farben gerieben, dann gemischt und dann nasse Tücher darüber getan, um sie feucht zu halten.
Also wolle sie, nahm Mr. Tansley an, er solle sehn, das Bild dieses Mannes da sei geschludert; sagte man so? Die Farben hätten keine Substanz; sagte man so? Unter der Wirkung der außerordentlichen Gemütsbewegung, die während des ganzen Wegs in ihm angewachsen war, die im Garten begonnen hatte, als er ihr den Beutel tragen wollte, die dann im Städtchen immer stärker geworden war, als er den Wunsch empfand, ihr alles über sich zu erzählen, begann er nach und nach sich selbst und alles, was er je gekannt hatte, als ein wenig verbogen zu sehn. Es war höchst sonderbar.
Jetzt stand er hier in der guten Stube des quetschigen Häuschens, in das sie ihn mitgenommen hatte, und wartete, während sie für einen Augenblick hinaufgegangen war, um eine Frau aufzusuchen. Er hörte ihren schnellen Schritt oben; hörte ihre Stimme, hell, dann gedämpft; besah sich die Deckchen, die Teebüchsen, die gläsernen Lampenschirme; wartete fast ungeduldig; freute sich auf den Heimweg, nahm sich vor, ihr diesmal den Beutel zu tragen; hörte sie dann herauskommen; eine Tür schließen; sagen, sie sollten die Fenster offen und die Türen geschlossen halten; zu ihr, zu dem Haus, kommen, wenn sie etwas brauchten (sie redete wohl mit einem Kind), aber da kam sie selbst, unvermutet plötzlich, herein, stand einen Augenblick still (als hätte sie dort oben den andern nur etwas vorgemacht und könne sich nun gehnlassen), stand einen Augenblick ganz regungslos vor dem Bild der Königin Viktoria mit der blauen Schärpe des Hosenbandordens; und auf einmal begriff er, daß es dies war, dies: – sie war das schönste Geschöpf, das er je gesehn hatte.
Mit Sternen in den Augen und Schleiern im Haar, mit Zyklamen und wilden Veilchen – was für einen Unsinn dachte er sich da zusammen? Sie war mindestens fünfzig; sie hatte acht Kinder. Durch Blumenwiesen schreitend, geknickte Knospen und gestrauchelte Lämmchen an die Brust gedrückt; die Sterne in den Augen und den Wind in den Haaren! Er langte nach ihrem Beutel.
»Lebwohl, Elsie!« sagte sie, und sie gingen das Gäßchen entlang, sie ihren Sonnenschirm kerzengerade in der Hand und so, als erwartete sie, gleich um die Ecke herum jemand zu begegnen, während Charles Tansley zum erstenmal in seinem Leben ein Gefühl außerordentlichen Stolzes empfand. Ein Mann, der in einer Gossenrinne grub, hörte auf zu graben und sah Mrs. Ramsay an; ließ den Arm sinken und sah sie an; Charles Tansley fühlte sich außerordentlich stolz; fühlte den Wind und die Zyklamen und die Veilchen, denn er ging zum erstenmal in seinem Leben neben einer schönen Frau her. Und er hatte ihren Beutel in Gewahrsam.
2
»Es wird nichts aus der Fahrt zum Leuchtturm, James«, sagte er, in der Tür stehend, sagte es ungeschickt, versuchte aber aus Ergebenheit für Mrs. Ramsay, seinen Ton zu etwas einigermaßen wie Wohlwollen zu mildern.
Odioser Jüngling, dachte Mrs. Ramsay, warum das immer wieder sagen?
3
»Vielleicht wirst du beim Aufwachen entdecken, daß die Sonne scheint und die Vögel singen«, sagte sie mitfühlend und strich ihrem Buben glättend übers Haar, denn schon ihr Mann hatte mit seiner ätzenden Bemerkung, es werde nicht schön sein, seine freudige Erwartung zerschmettert, das konnte sie ihm ansehn. Diese Fahrt zum Leuchtturm war für ihn zu einer Leidenschaft geworden, so begriff sie, und dann, als hätte ihr Mann noch nicht genug gesagt mit seiner ätzenden Bemerkung, daß es morgen nicht schön sein werde, kam dieser odiose Jüngling einher und rieb es ihm noch einmal unter die Nase.
»Vielleicht wird es morgen doch schön sein«, sagte sie und strich ihm glättend übers Haar.
Sie konnte jetzt nicht mehr tun, als den Kühlschrank bewundern und den Warenliauskatalog durchblättern in der Hoffnung, auf etwas wie eine Harke oder Mähmaschine zu stoßen, das mit seinen Zinken und Stielen beim Ausschneiden die größtmögliche Geschicklichkeit und Sorgfalt erfordern würde. Alle diese jungen Männer parodierten ihren Mann, überlegte sie; er sagte, es werde regnen; sie sagten, es werde ein regelrechter Wirbelsturm kommen.
Hier aber wurde, als sie so blätterte, ihr Suchen nach der Abbildung einer Harke oder Mähmaschine plötzlich unterbrochen. Das knurrige Gemurmel, unregelmäßig aussetzend, wenn eine Tabakspfeife aus dem Mund genommen, eine zwischen die Zähne gesteckt wurde, und, wenngleich sie hier, in der offenen Tür, sitzend, nicht verstehn konnte, was gesprochen wurde, sie immer wieder beruhigend, daß die Männer in behaglichem Gespräch waren, dieses Geräusch, das nun eine halbe Stunde gedauert und einlullend sich in die Skala von Geräuschen eingefügt hatte, die sich ihr oberflächlich einprägten, wie etwa das Anprallen von Bällen an Schläger, das dann und wann scharf hervorgestoßene »Wie war der? Und der?« der Kinder, die Kricket spielten, hatte aufgehört. So daß das eintönige Verrollen der Wellen am Strand, das die meiste Zeit gemessen und beruhigend den Takt zu ihren Gedanken klopfte und, wenn sie bei den Kindern saß, tröstend immer wieder die Worte eines alten Wiegenlieds zu wiederholen schien, eines von der Natur gemurmelten: »Ich behüte dich – ich bin dein Hort«, aber zu andern Zeiten, plötzlich und unerwartet, besonders wenn ihre Gedanken sich ein wenig über das, was sie im Augenblick grade tat, erhoben, keine solche freundliche Bedeutung hatte, sondern wie ein geisterhaftes Trommeln unbarmherzig den Takt des Lebens schlug, einen zwang, an die Vernichtung der Insel und an ihr Verschlungenwerden vom Meer zu denken, und sie, deren Tag in einer hastigen Tätigkeit nach der andern vorbeiglitt, mahnte, daß alles vergänglich sei wie ein Regenbogen, – dieses Geräusch, das von den andern übertönt und verborgen worden war, donnerte ihr plötzlich hohl in die Ohren und ließ sie mit einer Regung von Entsetzen aufblicken.
Sie hatten aufgehört zu reden; das war die Erklärung, In einer Sekunde aus der Spannung, die sie gepackt hatte, in das andre Extrem verfallend, das, wie um sie für ihr unnötiges Ausgeben von Gefühlen zu entschädigen, etwas Kühles, Belustigtes und sogar ein klein wenig Schadenfrohes hatte, schloß sie, daß der arme Charles Tansley abgeschüttelt worden war. Das machte ihr wenig. Wenn ihr Mann Opfer brauchte (und die brauchte er wahrhaftig), böte sie ihm freudig Charles Tansley dar, der ihrem kleinen Buben einen solchen Dämpfer versetzt hatte.
Noch einen Augenblick länger lauschte sie mit erhobenem Kopf, als wartete sie auf einen gewohnten Klang, einen regelmäßigen, mechanischen; und dann, als sie etwas Rhythmisches, halb Gesprochenes, halb Gesungenes im Garten draußen beginnen hörte, wo ihr Mann auf der Terrasse patrouillierte: ein Mittelding zwischen Krächzen und Singen, war sie wieder beruhigt, wieder sicher, daß alles in Ordnung war; und auf den Katalog auf ihrem Schoß hinabblickend fand sie die Abbildung eines Taschenmessers mit sechs Klingen, die sich nur ausschneiden ließe, wenn James sehr achtgäbe.
Plötzlich zwang sie ein lautes Schreien, wie das eines halb geweckten Schlafwandlers, etwas wie
Bomb’ und Kartätsche traf,
das ihr mit äußerster Heftigkeit ins Ohr klang, besorgt aufzublicken, um zu sehn, ob jemand ihn hörte. Nur Lily Briscoe, wie sie erleichtert feststellte; und das machte nichts. Doch der Anblick des Mädchens, das dort auf dem Rand des Rasens stand und malte, erinnerte sie: sie sollte den Kopf so still wie möglich halten für das Bild, das Lily malte. Lilys Bild! Mrs. Ramsay lächelte. Mit ihren kleinen Chinesenaugen und ihrem verkniffenen Gesichtchen würde Lily wohl nie heiraten; man konnte ihr Malen nicht sehr ernst nehmen; aber sie war ein selbständiges kleines Ding, darum hatte Mrs. Ramsay sie gern; und sich ihres Versprechens erinnernd, senkte sie den Kopf.
4
Tatsächlich, er hätte beinahe ihre Staffelei umgeworfen, wie er so, die Hände schwenkend und »Wir aber ritten brav« schmetternd, auf sie zugeprescht kam, aber zum Glück machte er eine scharfe Wendung und galoppierte davon, vermutlich, um glorreich auf den Höhen von Balaklawa zu sterben. Niemand anders wirkte so lächerlich und dabei so einschüchternd. Aber solange er es so trieb, die Hände schwenkte und laut vor sich hinsang, war sie in Sicherheit; er würde nicht stehnbleiben und sich ihr Bild besehn. Und das war etwas, das Lily Briscoe nicht ertragen hätte. Sogar während sie auf die Masse hinsah, die Linien, die Farben und Mrs. Ramsay, wie sie mit James dort in der Tür saß, hielt sie einen Fühler in ihre Umgebung ausgestreckt, ob nicht jemand leise herankäme und sie plötzlich ihr Bild von fremden Augen angesehn fände. Jetzt aber, alle Sinne so geschärft, sehr angestrengt hinblickend, bis die Farben der Hauswand und der Clematis Jackmanni weiter hinten ihr in die Augen brannten, wurde sie sich bewußt, daß jemand aus dem Haus kam, auf sie zukam; erriet jedoch irgendwie, aus dem Klang seines Schritts, daß es William Banks war, so daß sie, obwohl ihr Pinsel zitterte, ihre Leinwand nicht, wie sie getan hätte, wäre es Mr. Tansley, Paul Rayley, Minta Doyle oder so gut wie jeder andre gewesen, dem Gras zukehrte, sondern sie auf der Staffelei stehn ließ. William Banks trat an ihre Seite.
Beide waren sie im Dorf einquartiert und hatten daher beim Ein- und Ausgehn, bei spätem Sichverabschieden auf Türmatten ein paar Worte gewechselt, über die Suppe, über die Kinder, über dies und jenes, und das hatte sie zu Verbündeten gemacht; so daß Lily, als er nun auf seine bedächtige Art (er war alt genug, um ihr Vater zu sein, ein Botaniker, ein Witwer, der nach Seife roch, peinlich adrett und sauber) neben sie trat, einfach nur dastand. Und er stand einfach neben ihr. Ihre Schuhe waren vortrefflich, gewahrte er. Sie erlaubten den Zehen ihre natürliche Ausbreitung. Da er im selben Haus wie sie wohnte, hatte er auch bemerkt, was für ein geregeltes Leben sie führte, vor dem Frühstück auf war und malen ging, allein, glaubte er; arm, vermutlich, und ohne den Teint und das Verführerische von Miss Doyle, gewiß, aber mit einem natürlichen Hausverstand begabt, der sie in seinen Augen jener jungen Dame überlegen machte. Zum Beispiel, daß Ramsay jetzt gestikulierend und Verse aus Tennysons Angriff der Leichten Brigade grölend einherkam, das verstand Miss Briscoe sicherlich.
Jemand verpfuschte was.
Mr. Ramsay starrte sie beide an, starrte sie wild an, scheinbar ohne sie zu sehn. Das verursachte ihnen ein undeutliches Gefühl von Unbehagen. Gemeinsam hatten sie etwas erblickt, was nicht für sie bestimmt war. Sie waren in jemands Privatbereich eingedrungen. Daher war es wohl, dachte Lily, nur ein Vorwand von ihm, nur so, als wollte er sich entfernen, um außer Hörweite zu kommen, was Mr. Banks fast sogleich etwas darüber, daß es kühl wurde, sagen und einen kleinen Spaziergang vorschlagen ließ. Sie komme mit, ja. Doch es fiel ihr schwer, die Augen von ihrem Bild wegzuwenden.
Die Clematis war leuchtend violett; die Wand grell weiß. Sie hätte es nicht als ehrlich empfunden, an dem leuchtenden Violett und Grellweiß herumzuändern, da sie sie so und nicht anders sah, wenngleich es, seit Mr. Paunceforte hiergewesen, Mode geworden war, alles blaß, elegant, halb durchsichtig zu sehn. Denn unter den Farben da waren die Formen. Sie konnte es alles so deutlich, so gebieterisch sehen, wenn sie hinschaute; erst sobald sie den Pinsel zur Hand nahm, veränderte sich das Ganze. Erst in diesem Augenblick des Flugs vom Geschauten zur Leinwand fielen die Dämonen sie an, die sie oft den Tränen nahe brachten und diesen Übergang von Auffassung zu Ausführung so schrecklich machten, wie nur je der Weg durch einen dunkeln Gang für ein Kind sein konnte. Wie ein solches fühlte sie sich oft selber – gegen schreckliche Übermacht ankämpfend, um ihren Mut zu bewahren; um zu sagen: »Aber das ist, was ich sehe; das ist, was ich sehe«, und so ein klägliches Restchen ihrer Vision an die Brust zu drücken, die tausend Mächte ihr zu entreißen trachteten. Und da geschah es auch, auf diese frostige, erkältende Weise, daß, wenn sie zu malen begann, andres sie anwehte: ihre Unzulänglichkeit, ihre Unbedeutendheit, das Wirtschaftenmüssen für ihren Vater in einer Seitengasse der Brompton Road; und sie große Mühe hatte, ihren Antrieb zu beherrschen (dem sie bisher, Gott sei Dank, immer widerstanden hatte), sich an Mrs. Ramsays Knie hinzuwerfen und ihr zu sagen – aber was konnte man ihr sagen? »Ich bin in Sie verliebt?« Nein, das war nicht wahr. »Ich bin in das alles verliebt« – mit einem Handschwenken gegen die Hecke, gegen das Haus, gegen die Kinder? Es war absurd, es war unmöglich. Man konnte nicht sagen, was man meinte. Also legte sie nun ihre Pinsel hübsch ordentlich in den Malkasten, einen neben den andern, und sagte zu William Banks:
»Es wird ganz plötzlich kalt. Die Sonne scheint weniger Wärme zu geben«, sagte sie, um sich blickend, denn sie leuchtete hell genug, das Gras war noch immer ein sanftes Tiefgrün, das Haus in all seinem Blätterwerk von purpurfarbenen Passionsblumen besternt, und Krähen sandten ihre kühlen Rufe vom hohen Blau herab. Doch etwas bewegte sich, blinkte, wendete eine silberne Schwinge in der Luft. Es war schließlich September, Mitte September, und nach sechs Uhr nachmittag. So schlenderten sie also davon und den Gartenweg entlang, in der gewohnten Richtung, am Tennisplatz vorbei, an dem Pampasgras vorbei, bis zu der Lücke in der dichten Hecke, der von Fackellilien wie von zwei kupfernen Pfannen mit lichterloh brennenden Kohlen bewachten, zwischen denen das blaue Wasser der Bucht blauer denn je aussah.
Sie kamen regelmäßig jeden Abend hierher, wie von einer Notwendigkeit angezogen. Es war so, als machte das Wasser ihre Gedanken flott und ließe sie, die auf dem Festland zu stagnieren begonnen hatten, dahinsegeln und gewährte sogar ihren Körpern eine Art von physischer Entspannung. Zunächst überflutete das Pulsen von Farbe die Bucht mit Blau, und mit ihm weitete sich das Herz und der Körper begann darauf zu schwimmen, nur um im nächsten Augenblick von der stacheligen Schwärze auf den schopfigen Wellen angehalten und durchkältet zu werden. Dann sprühte hinter dem großen schwarzen Felsen eine Fontäne weißen Gischts hoch, nach ungleichen Pausen, so daß man Ausschau halten und darauf warten mußte und entzückt war, wenn sie kam; und während man wieder auf sie wartete, sah man zu, wie Welle nach Welle auf den blassen halbrunden Strand eine Glasur von Perlmutter hingoß.
Sie lächelten beide, während sie hier standen. Sie empfanden beide eine gemeinsame, von dem Spiel der Wellen hervorgerufene Erheiterung; und dann auch von der sie schnell durchschneidenden Fahrt eines Segelboots, das, nachdem es einen Bogen durch die Bucht gezogen hatte, anhielt; erschauerte; sein Segel sinken ließ; und dann blickten sie beide, aus einem natürlichen Antrieb, das Bild, nach dieser schnellen Bewegung, zu vervollständigen, zu den fernen Dünen hinüber, und statt Fröhlichkeit fühlten sie Wehmut über sich kommen – teils weil es jetzt vollendet war und teils weil Fernsichten (dachte Lily) den Beschauer eine Million Jahre zu überdauern scheinen und schon mit einem Himmel Zwiesprache halten, der auf eine völlig zur Ruhe gekommene Erde herabschaut.
Zu den fernen Sanddünen hinblickend dachte William Banks an Ramsay: dachte an eine Landstraße in Westmorland, dachte an Ramsay, wie er allein auf einer Landstraße im Seendistrikt dahinschritt, von dieser Einsamkeit umhangen, die sein natürlicher Luftraum zu sein schien. Die aber wurde plötzlich, so erinnerte sich William Banks (und das mußte sich auf einen wirklichen Vorfall beziehn), von einer Henne unterbrochen, die, um ihre Kücken zu schützen, die Flügel spreizte, worauf Ramsay stehnblieb, mit der Stockspitze hinwies und »Niedlich – niedlich« sagte. Ein seltsamer Lichtstrahl in sein Herz, als den hatte Banks es empfunden; der Ramsays Schlichtheit zeigte, sein Mitgefühl für einfache Dinge; es schien ihm aber, daß ihre Freundschaft damals geendet hatte, dort auf jenem Stück Straße. Danach hatte Ramsay geheiratet. Und danach war, wie das schon so ging, das Mark aus ihrer Freundschaft geschwunden. Wessen Schuld es gewesen war, hätte er nicht sagen können, nur, daß nach einer Weile Wiederholung an die Stelle von Neuem getreten war. Nur um der Wiederholung willen kamen sie noch zusammen. Doch bei dieser stummen Zwiesprache mit den Sanddünen behauptete er, daß seine Zuneigung für Ramsay auf keine Weise nachgelassen habe; sondern daß dort, wie die seit einem JahrhundertinTorfgebettete Gestalt eines Jünglings, mit dem noch frischen Rot der Lippen, seine Freundschaft in ihrer ganzen Deutlichkeit und Wirklichkeit aufgebahrt liege, dort, jenseits der Bucht, zwischen den Dünen.
Es war ihm sehr wichtig, um dieser Freundschaft willen und vielleicht auch, um sich in seinem Gemüt von dem Vorwurf freizusprechen, er sei vertrocknet und verschrumpft, – denn Ramsay lebte in einem Gewimmel von Kindern, während er selbst kinderlos und verwitwet war, – es war ihm sehr wichtig, daß Lily Briscoe Ramsay (der in seiner Art ein bedeutender Mann war) nicht geringschätze, sondern begreife, wie es sich mit ihnen verhielt. Vor Jahren entstanden, war ihre Freundschaft auf einer Landstraße in Westmorland versickert, wo eine Henne die Flügel vor ihre Kücken spreizte; danach hatte Ramsay geheiratet, und da ihre Wege in verschiedenen Richtungen liefen, war, gewiß nicht aus jemandes Verschulden, wenn sie einander trafen, die Neigung vorhanden, bloß zu wiederholen.
Ja. Das war’s, so schloß er. Er wandte sich von der Aussicht ab. Und sich umwendend, um den andern Weg, die Zufahrt entlang, zurückzugehn, bemerkte Mr. Banks Dinge, die ihm sonst nicht aufgefallen wären, hätten diese Sandhügel ihm nicht den Leichnam seiner Freundschaft enthüllt, der dort, die Lippen noch rot, in Torfmull gebettet lag, – zum Beispiel Cam, die kleine Cam, Ramsays Jüngste. Sie pflückte »süße Alicen« da auf der Böschung. Sie war wild und ungebärdig. Sie wollte nicht »dem Herrn eine Blume geben«, wie das Kindermädchen sie tun hieß. Nein! Nein! Nein, sie wollte nicht! Sie ballte die Faust. Sie stampfte mit dem Fuß. Und Mr. Banks fühlte sich gealtert und betrübt und irgendwie durch sie ins Unrecht gesetzt, was seine Freundschaft betraf. Er mußte wohl verschrumpft und vertrocknet sein.
Die Ramsays seien nicht reich, und es sei ein Wunder, wie sie es alles fertigbrächten. Acht Kinder! Acht Kinder bloß von der Philosophie zu ernähren! Hier war noch eins von ihnen, Jasper diesmal, der einhergeschlendert kam, um, wie er so nebenbei sagte, einen Vogel abzuschießen, und im Vorbeigehn Lilys Hand wie einen Pumpenschwengel schwenkte, was Mr. Banks zu der bitteren Bemerkung veranlaßte, daß wohl sie die Beliebtere sei. Dann müsse man auch die Kosten der Erziehung ins Kalkül stellen (allerdings, Mrs. Ramsay habe vielleicht etwas eigenes Vermögen), ganz abgesehn von der täglichen Abnützung der Schuhe und Strümpfe, die diese »prächtigen Burschen«, alle gut gewachsen, eckig, achtlos, starkknochig, benötigen mußten. Aber sie voneinander mit Sicherheit zu unterscheiden oder sich zu merken, in welcher Reihenfolge sie kamen, dessen, sei er nicht fähig. Er benenne sie insgeheim wie die Könige und Königinnen von England: Cam die Schlimme, James der Rücksichtslose, Andrew der Gerechte, Prue die Schöne – denn Prue besäße einmal Schönheit, wie denn auch nicht? – und Andrew Verstand. Während er den Zufahrtsweg zurückging und Lily Briscoe ihm mit ja und nein antwortete und seine Bemerkungen noch übertrumpfte (denn sie war in sie alle verliebt, war in diese Welt verliebt), erwog er den Fall Ramsay, bedauerte Ramsay, beneidete ihn, als hätte er mitangesehn, wie er sich all dieses Ruhmesglanzes von Einsamkeit und Enthaltsamkeit, der ihn in seiner Jugend umstrahlt hatte, entledigte, um sich endgültig mit Flügelflattern und kluckender Häuslichkeit zu behindern. Freilich hatte er etwas davon – William Banks gestand es sich; es wäre nett gewesen, wenn Cam ihm eine Blume ins Knopfloch gesteckt hätte oder ihm auf die Schulter gekrabbelt wäre wie ihrem Vater, um ein Bild des feuerspeienden Vesuvs zu betrachten, – aber es hatte auch, das mußte sein alter Freund denn doch empfinden, etwas zerstört. Was würde sich jemand Fremder jetzt von Ramsay denken? Was dachte sich diese Lily Briscoe? Konnte es einem entgehn, daß sich gewisse Gewohnheiten immer mehr bei ihm festsetzten? Sogar Absonderlichkeiten, Schwächen vielleicht? Es sei erstaunlich, sagte er, daß ein Mann seines Intellekts sich so erniedrigen – aber das sei ein zu hartes Wort – sich so sehr wie er von andrer Leute Lob abhängig machen könne.
»Oh, aber –« sagte Lily, »bedenken Sie doch seine Leistungen!«
Wann immer sie »seine Leistungen bedachte«, sah sie deutlich einen großen Küchentisch vor sich. Daran war Andrew schuld. Sie hatte ihn gefragt, wovon die Bücher seines Vaters handelten. »Vom Subjekt und Objekt und dem Wesen der Wirklichkeit«, hatte er geantwortet, und als sie sagte, Himmel, sie habe keine Ahnung, was das bedeute, »dann stellen Sie sich einen Küchentisch vor«, hatte er geantwortet, »wenn Sie selbst gar nicht da sind«.
Darum sah sie, wenn sie an Mr. Ramsays Leistungen dachte, immer einen geschrubbten Küchentisch vor sich. Der stak nun in der Astgabel eines Birnbaums, denn sie waren in den Obstgarten gelangt. Und mit einer mühsamen Anstrengung, sich zu sammeln, richtete sie ihren Geist nicht auf die silberhöckerige Rinde des Baums und nicht auf seine fischförmigen Blätter, sondern auf das Phantom eines Küchentisches (eines dieser geschrubbten Weichholztische, dieser gemaserten und gerillten, deren Wertgehalt durch jahrelange muskuläre Integrität bloßgelegt zu sein scheint), das dort stak, alle viere in der Luft. Natürlich, wenn jemand seine Tage mit diesem Sehen kantiger Wesenheiten verbrachte, diesem Zurückführen herrlicher Abende mit allen ihren Flamingowolken und ihrem Blau und Silber auf einen weißen Weichholztisch (und, das zu tun, das Merkmal erlesenster Geister war), dann durfte man natürlich nicht wie ein gewöhnlicher Mensch beurteilt werden.
Mr. Banks gefiel es an ihr, daß sie ihn »seine Leistungen bedenken« hieß. Er habe sie bedacht, oft und oft. Unzähligemal habe er gesagt: »Ramsay ist einer von denen, die ihr Bestes leisten, bevor sie vierzig sind.« Er habe einen bleibenden Beitrag zur Philosophie in einem Büchlein geleistet, als er fünfundzwanzig war: was später kam, sei mehr oder weniger Erweiterung, Wiederholung gewesen. Doch die Zahl derer, die bleibende Beiträge zu irgend etwas leisten, sei sehr gering, sagte er, neben dem Birnbaum stehnbleibend, säuberlich gebürstet, skrupulös exakt, äußerst fein abwägend. Und plötzlich, als hätte seine Handbewegung das ausgelöst, kippte die Ladung ihrer angesammelten Eindrücke von ihm um, und herab, wie eine wuchtige Lawine, rollte alles, was sie für und gegen ihn fühlte. Das war die eine Empfindung. Dann stieg wie ein Schwaden feinen Schneestaubs das Wesen seines Seins auf. Das war die andere. Sie fühlte sich von der Intensität ihrer Wahrnehmung durchdrungen; sein Lebensernst war’s; seine Güte. Ich dachte ich (sagte sie stumm zu ihm) in jedem deiner Atome; du bist nicht eitel; du bist völlig unpersönlich; du bist aus feinerem Holz als Mr. Ramsay; du bist der edelste Mensch, den ich kenne; du hast weder Frau noch Kind (ohne irgend etwas Geschlechtliches zu empfinden, verlangte es sie danach, diese Einsamkeit zu versüßen), du lebst der Wissenschaft (unwillkürlich stiegen Querschnitte von Kartoffeln vor ihr auf); Lob wäre eine Beleidigung für dich; großherziger, gutherziger, heldenhafter Mann! Gleichzeitig aber fiel ihr ein, daß er sich einen Kammerdiener mitgebracht hatte; es nicht leiden konnte, wenn Hunde auf Stühlen saßen; sich stundenlang (bis Mr. Ramsay, die Türe zuschlagend, das Zimmer verließ) über die Salze in Gemüsen und die Niedertracht englischer Köchinnen verbreitete.
Was also ergab sich aus alledem? Wie beurteilte man Leute, wie schätzte man sie ein? Wie zählte man dies und das zusammen und schloß daraus, daß man Zuneigung fühlte oder Abneigung? Und diese Wörter, welche Bedeutung haftete ihnen zu guter Letzt an? Während sie nun, anscheinend festgebannt, neben dem Birnbaum stand, regnete es Eindrücke von diesen beiden Männern auf sie, und ihre Gedanken zu verfolgen war, wie einer Stimme zu folgen, die zu schnell sprach, als daß der Bleistift es niederschreiben konnte, und die Stimme war ihre eigene Stimme, die ohne Einflüsterung Unbestreitbares, Ewiggültiges, Widerspruchsvolles sagte, so daß sogar die Risse und Höcker in der Rinde des Birnbaums unwiderruflich dort festgebannt waren für alle Ewigkeit. Du besitzt Größe, dachte sie weiter, aber Mr. Ramsay besitzt keine Spur davon. Er ist kleinlich, selbstisch, eitel, egozentrisch; er ist verwöhnt; ein Tyrann; er plagt Mrs. Ramsay zu Tode; aber er besitzt das, was du (sie redete jetzt zu Mr. Banks) nicht besitzt: eine glühende Unweltlichkeit; er weiß nichts von Nebensächlichkeiten; er hat Hunde und seine Kinder gern. Er hat acht, du hast keins. Ist er nicht unlängst abends in zwei Mänteln heruntergekommen, um sich von Mrs. Ramsay die Haare in eine Puddingform stutzen zu lassen? Dies alles tanzte auf und ab wie ein Schwarm von Mücken, jede für sich und doch alle wunderbar gelenkt wie von einem unsichtbaren elastischen Netz, – tanzte auf und ab in Lilys Geist, ein und aus und rund um die Äste des Birnbaums, in dem noch immer in effigie der geschrubbte Küchentisch, Symbol ihrer Hochachtung vor Mr. Ramsays Geist, schwebte, bis ihr Denken, das immer schneller und schneller umherwirbelte, vor eigener Heftigkeit barst; sie fühlte sich erlöst; ein Schuß war unweit von ihnen losgegangen, und auf der Flucht vor seinen Schroten kam ein Schwarm aufgescheuchter, aufgeregt lärmender Stare einhergeflogen.
»Jasper!« sagte Mr. Banks. Sie wandten sich beide in die Richtung, in der die Stare über die Terrasse flogen, traten, den schnellfliegenden, sich am Himmel zerstreuenden Vögeln folgend, durch die Lücke in der hohen Hecke und stießen gradeswegs auf Mr. Ramsay, der ihnen tragisch entgegendröhnte: »Jemand verpfuschte was!«
Seine von Gemütsbewegung verglasten, von tragischer Intensität trotzigen Augen begegneten eine Sekunde lang den ihren und schwankten auf der Schwelle des Erkennens; dann aber wandte er sich weg, die Hand halb vor sein Gesicht liebend, als wollte er, in der Qual mürrischer Verschämtheit, ihre, normalen, Blicke von sich abwehren; als bäte er sie, noch einen Augenblick damit zurückzuhalten, was, wie er wisse, unvermeidlich sei; als wollte er ihnen sein kindisches Übelnehmen einer Unterbrechung deutlich machen, obwohl er sogar im Augenblick des Entdecktwerdens nicht ganz in die Flucht zu schlagen, sondern entschlossen wäre, an einem Rest dieser köstlichen Gemütsbewegung, dieser unreinen Verzückung, deren er sich schämte, wenngleich er sie genoß, festzuhalten, – wandte sich jäh weg, schlug ihnen seine private Tür vor der Nase zu; und Lily Briscoe und Mr. Banks, die unbehaglich zum Himmel aufblickten, bemerkten, daß der Schwarm Stare, den Jasper mit seiner Schrotflinte aufgescheucht hatte, sich auf die Wipfel der Ulmen niedergelassen hatte.
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»Und auch wenn’s morgen nicht schön ist«, sagte Mrs. Ramsay, die Augen hebend, um einen Blick auf William Banks und Lily Briscoe zu werfen, die soeben vorbeigingen, »wird’s an einem andern Tag schön sein. Und jetzt«, sagte sie und dachte, Lilys Reiz liege in ihren Chinesenaugen, den schräg in dem blassen, zusammengekniffenen Gesichtchen sitzenden, doch es brauche einen klugen Mann, das zu sehn, »und jetzt steh auf, damit ich dein Bein messen kann«, denn vielleicht würde die Fahrt zum Leuchtturm doch unternommen werden, und sie wollte sehn, ob der Strumpf nicht ein Stückchen länger sein müßte.
Lächelnd, denn ihr war grade ein herrlicher Einfall gekommen – William und Lily sollten einander heiraten – ergriff sie den in Herbstfarben gesprenkelten Strumpf, mit seinem Kreuz und Quer von Stahlnadeln an der Mündung, und hielt ihn messend James ans Bein.
»Steh still, Liebling!« sagte sie, denn aus Eifersucht, weil er nicht als Maßstab für den kleinen Sohn des Leuchtturmwärters dienen wollte, zappelte James absichtlich; und so lange er das tue, wie könne sie da sehn, ob der Strumpf zu lang oder zu kurz sei? fragte sie.
Sie blickte auf – was war nur in ihn gefahren, in ihren Jüngsten, ihr Herzblatt? – und sah das Zimmer, sah die Stühle, fand, daß sie schrecklich schäbig aussahn; ihre Eingeweide zogen sich, wie Andrew unlängst gesagt hatte, über den ganzen Boden; aber wozu, fragte sie sich, gute Stühle kaufen, damit sie hier den Winter über verdarben, wenn das Haus, um das sich nur eine alte Frau kümmerte, buchstäblich von Feuchtigkeit triefte? Machte nichts! Die Miete betrug genau einen Pfifferling; und die Kinder liebten es; und es tat ihrem Mann gut, dreitausend oder, wenn sie schon genau sein mußte, dreihundert Meilen weit weg zu sein von seiner Bibliothek und seinen Vorträgen und seinen Jüngern; und es bot Platz genug für Gäste. Teppiche, Feldbetten, hinfällige Schemen von Stühlen und Tischen, deren Londoner Dienstzeit um war, – für hier waren sie gut genug; und ein paar Photographien und natürlich Bücher. Bücher, dachte sie, vermehrten sich von selbst. Sie hatte nie Zeit, welche zu lesen. Leider! Nicht einmal die Bücher, die sie selbst bekommen hatte, eigenhändig vom Dichter: »Ihr, deren Wunsch Befehl ist« . . . »Der glücklicheren Helena unserer Tage« . . . Es war eine Schande, aber sie hatte sie nie gelesen. Auchnicht Croom: Über den Geist, und Bates: Über die Sitten der Wilden Polynesiens (»Halt doch still, Liebling!« sagte sie) – keins von beiden konnte man denen dort im Leuchtturm senden. Der Augenblick käme vermutlich, wo das Haus so schäbig geworden sein würde, daß irgend etwas getan werden müßte. Wenn man ihnen allen nur beibringen könnte, sich die Schuhe abzuputzen und nicht den ganzen Strand mit hereinzubringen – das wäre schon etwas. Krabben, die mußte sie gestatten, wenn Andrew sie durchaus sezieren wollte, oder wenn Jasper glaubte, man könne aus Seetang Suppe kochen, ließ sich das nicht verhindern; oder Roses Dinger – Muscheln, Schilfkolben, Steine; denn sie waren alle begabt, ihre Kinder, wenn auch jedes auf andre Art. Und das Ergebnis davon war, dachte sie, mit einem Seufzer das ganze Zimmer vom Boden bis zur Decke überblickend, während sie den Strumpf an James’ Wade hielt, daß alles mit jedem Sommer schäbiger wurde. Der Teppich verblich; die Tapete schälte sich ab. Man konnte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, daß die Rosen darauf Rosen waren. Aber, natürlich, wenn alle Türen in einem Haus immerzu offenstanden und kein Schlosser in ganz Schottland imstande war, einen Riegel zu richten, mußte alles zugrundegehn. Was half es, einen grünen Kaschmirschal über die Kante eines Bildrahmens zu drapieren? In zwei Wochen hätte er die Farbe gelber Erbsensuppe. Doch die Türen waren, was sie vor allem ärgerte; eine jede wurde offengelassen. Sie horchte. Die Tür zum Wohnzimmer stand offen; die Tür der Halle stand offen; es klang, als stünden auch alle Schlafzimmertüren offen; und ganz gewiß stand das Fenster auf dem Treppenabsatz offen, denn das hatte sie selber geöffnet. Daß Fenster offen sein sollten und Türen geschlossen – so einfach das war, konnte denn keins von ihnen es sich merken? Wenn sie abends in die Schlafkammern der Dienstmädchen ging, fand sie sie hermetisch verschlossen wie Backöfen, ausgenommen die von Marthe, der kleinen Schweizerin, die lieber auf ihr Bad als auf frische Luft verzichtete, aber daheim seien, so sagte sie, »die Berge halt so schön«. Sie hatte das gestern abend gesagt, während sie aus dem Fenster sah, mit Tränen in den Augen. »Die Berge sind halt so schön.« Ihr Vater siechte dort dahin, das wußte Mrs. Ramsay. Er würde die Familie vaterlos zurücklassen. Während sie mit ihr schalt und ihr (mit Handbewegungen wie die einer Französin) zeigte, wie man ein Bett machte, wie man das Fenster öffnete, hatte sich bei den Worten des Mädchens alles rings um sie still zusammengefaltet, wie nach einem Flug durch den Sonnenschein die Flügel eines Vogels sich still zusammenlegen und die Farbe seines Gefieders von hartem Stahlblau in sanftes Violett übergeht. Sie hatte stumm dagestanden, denn es gab nichts zu sagen. Er hatte Kehlkopfkrebs. Bei der Erinnerung – so dagestanden zu haben, als das Mädchen sagte: »Daheim sind die Berge halt so schön«, und, daß es keine Hoffnung gab, nicht die allergeringste, empfand sie ein Aufwallen von Gereiztheit, und in scharfem Ton sagte sie zu James:
»Steh still! Sei doch nicht so unartig!«, so daß er augenblicklich erkannte, daß ihre Strenge echt war, und das Bein gestreckt hielt und sie es messen konnte.
Der Strumpf war noch zu kurz, mindestens um einundeinenhalben Zentimeter, wenn man bedachte, daß Sorleys kleiner Bub sich wohl weniger gut entwickelt hatte, als James.
»Er ist noch zu kurz«, sagte sie, »viel zu kurz.«
Noch nie hatte jemand so traurig dreingesehn. Bitter und schwarz, halben Wegs in die Tiefe, im Dunkel, in dem Schacht, der aus dem Sonnenlicht hinunterführte, bildete sich vielleicht eine Träne; rollte eine Träne hinab; dieWasser schaukelten wild, empfingen sie und waren besänftigt. Noch nie hatte jemand so traurig dreingesehn.
Aber war es nur ihr Aussehn? fragten sich die Leute. Was lag dahinter – hinter ihrer Schönheit, ihrem Glanz? Hatte er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt, fragten sie sich, war er gestorben in der Woche, bevor sie hätten heiraten sollen, – ein andrer, früherer Liebhaber, über den das Gerücht zu einem drang? Oder war dort nichts? Nichts als eine unvergleichliche Schönheit, hinter der sie lebte, die sie durch nichts, was sie tat, zerstören konnte? Denn obgleich sie ganz leicht in einem Augenblick der Vertraulichkeit, wenn ihr Geschichten von großen Leidenschaften, enttäuschter Liebe, vereiteltem Ehrgeiz zu Ohren kamen, hätte sagen können, daß auch sie selbst das alles gekannt oder empfunden oder durchgemacht habe, sagte sie nie etwas. Sie schwieg immer. Also wußte sie – sie wußte es, ohne es erlebt zu haben. Ihre Schlichtheit ergründete, was kluge Leute verfälschten. Ihre Herzenseinfalt bewirkte, daß sie lotrecht wie ein Stein herabfiel, genau auf die richtige Stelle, wie ein Vogel sich niederläßt, und verlieh ihr von Natur dieses Herabstoßen im Sturzflug des Geists auf die Wahrheit, das einen so entzückte, erleichterte, aufrechthielt – fälschlich vielleicht.
[»Die Natur besitzt nur wenig solchen Lehm«, hatte Mr. Banks einmal gesagt, als er ihre Stimme im Telefon hörte und sehr gerührt davon war, obwohl sie ihm nur etwas über eine Zugsverbindung mitteilte, »wie den, aus dem sie Sie formte.« Er sah sie im Geist am andern Ende des Drahts, eine Griechin, blauäugig, geradnasig. Wie imgereimt es einem vorkam, mit einer solchen Frau zu telefonieren! Die Grazien schienen sich auf einer Asphodelosflur eingefunden und einander die Hände gereicht zu haben, um dieses Gesicht zu bilden. Ja, er werde den Zehnuhrdreißig von Euston nehmen.
»Aber sie ist sich ihrer Schönheit nicht stärker bewußt als ein Kind«, sagte sich Mr. Banks, den Hörer auflegend, und ging durchs Zimmer, um nachzusehn, wie die Arbeiter mit dem Hotel vorankamen, das sie gegenüber der Hinterseite seines Hauses bauten. Und er dachte an Mrs. Ramsay, während er das Hin und Her zwischen den halbfertigen Mauern beobachtete. Denn immer, dachte er, mußte man etwas nicht dazu Passendes in die Harmonie ihres Gesichts einfügen. Sie rammte sich einen Jägerhut auf den Kopf; sie lief in Galoschen über den Rasen, um eins der Kinder einem Unfall zu entreißen. So daß man, wenn man grade nur an ihre Schönheit dachte, sich auch jenes andern, Bebenden, Lebendigen (soeben, währender hinsah, wurden Ziegelsteine die schmale Planke hinaufgetragen) erinnern und es in das Bild verarbeiten mußte; oder wenn man einfach an sie als Frau dachte, mußte man ihr irgendeine Absonderlichkeit, eine ausgefallene Idiosynkrasie zuschreiben; oder annehmen, daß in ihr der Wunsch schlummere, das Königliche ihrer Erscheinung abzulegen, als wäre sie von ihrer Schönheit und allem, was Männer über Schönheit sagten, gelangweilt und wünschte, nur so zu sein wie andre Leute: unbedeutend. Er wußte es nicht. Er wußte es nicht. Er mußte zu seiner Arbeit zurück.]
Während Mrs. Ramsay weiter an dem haarigen rotbraunen Strumpf strickte, indes ihr Kopf sich absurd von dem Goldrahmen abhob und von dem grünen Schal, den sie über seine Kante und das beglaubigte Meisterwerk von Michelangelo geworfen hatte, glättete sie, was vor einem Augenblick an ihrem Benehmen rauh gewesen war, griff ihrem kleinen Buben unters Kinn und küßte ihn auf die Stirn. »Und jetzt wollen wir ein andres Bild zum Ausschneiden suchen«, sagte sie.
6
Aber was war geschehn?
Jemand verpfuschte was.
Aus ihren Gedanken aufgescheucht, legte sie den Worten, die sie schon lange ohne einen Sinn im Kopf gehabt hatte, einen Sinn bei. »Jemand verpfuschte was« – Die kurzsichtigen Augen auf ihren Mann gerichtet, der jetzt auf sie lossteuerte, blickte sie ihm stetig entgegen, bis seine Nähe ihr enthüllte (das rhythmische Geklingel vermählte sich in ihrem Kopf), es sei etwas geschehn, jemand verpfuschte was. Aber um alles in der Welt konnte sie sich nicht denken, was.
Er zitterte; er zagte; seine ganze Eitelkeit, seine ganze Befriedigung über seine Herrlichkeit, als er schnell wie des Blitzes Strahl, grimmig im Sattel saß und an der Spitze seiner Leute nieder ins Todestal stürmend und sausend ritt, war zerschmettert, war zertrümmert. Bomb’ und Kartätsche traf, er aber, er ritt brav, kühn durch das Todestal, stürmte mit Donnerschall – gradeswegs in Lily Briscoe und William Banks hinein. Er zitterte; er zagte.
Nicht um die Welt hätte sie ihn angesprochen, denn sie ersah aus den wohlbekannten Anzeichen, seinen abgewendeten Augen und einem seltsamen Zusammenraffen seines Körpers, als hüllte er sich ein und brauchte Ungestörtheit, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, daß er außer sich und gepeinigt war. Sie strich James über den Kopf; sie übertrug auf ihn, was sie für ihren Mann empfand, und dachte, während sie ihm zusah, wie er das weiße Frackhemd eines Herrn in dem Katalog der Army & Navy Stores gelb anstrich, wie entzückt sie wäre, wenn er ein großer Künstler würde; und warum sollte er das nicht? Er hatte eine so prächtige Stirn! Aufblickend dann, als ihr Mann zum zweitenmal an ihr vorbeikam, gewahrte sie zu ihrer Erleichterung, daß der Schaden schon verschleiert war; Zahmheit hatte gesiegt; Gewohnheit leierte ihren besänftigenden Rhythmus, so daß sie, als er, abermals vorbeikommend, vor der Türstufe stehnblieb und sich bückte, um verschmitzt neckischJames mit einem Zweiglein von irgendwas am bloßen Schienbein zu kitzeln, ihm scherzhaft vorwarf, »diesen armen jungen Mann«, Charles Tansley, weggeschickt zu haben. Tansley habe auf sein Zimmer müssen, um an seiner Doktorarbeit zu schreiben, entgegnete er.
»James wird eines Tags an seiner Doktorarbeit schreiben müssen«, setzte er, die kleine Gerte schnellend, ironisch hinzu.
Voll Haß gegen seinen Vater stieß James die Gerte weg, mit der dieser auf eine ihm eigentümliche Art, einer Mischung aus Scherz und Ernst, seinen Jüngsten am nackten Bein kitzelte.
Sie wolle diese langweiligen Strümpfe fertigstricken, um sie morgen Sorleys kleinem Buben zu senden, sagte Mrs. Ramsay.
Es bestehe doch nicht die geringste Aussicht, daß sie morgen zum Leuchtturm fahren könnten, schnauzte Mr. Ramsay sie gereizt an.
Wie er das wissen könne? fragte sie. Der Wind drehe sich oft.
Das außerordentlich Irrationale ihrer Bemerkung, das Törichte weiblichen Denkens erzürnte ihn. Er war durch das Todestal geritten, war zerschmettert worden und zagte; und da stürmte sie gegen Tatsachen an, entfachte in ihren Kindern die Hoffnung auf etwas, das gar nicht in Betracht kam, erzählte gradezu Lügen. Er stampfte auf die Steinstufe. »Hol dich der Teufel!« schnauzte er. Aber was habe sie denn gesagt? Bloß, daß es morgen schön sein werde. Und das würde es vielleicht sein.
Nicht, wenn das Barometer so falle und der Wind genau aus Westen komme.
Der Wahrheit mit einem so erstaunlichen Mangel an Rücksicht auf andrer Leute Gefühle auf der Spur zu bleiben, die dünnen Schleier des Zivilisiertseins so mutwillig, so brutal zu zerreißen, erschien ihr als ein so ungeheuerlicher Verstoß gegen alle menschliche Anständigkeit, daß sie wie geblendet und ertaubt den Kopf neigte, als wollte sie den Schauer zackiger Hagelkörner, den Guß schmutzigen Spülichts widerspruchslos über sich ergehn lassen. Es gab da nichts zu sagen.
Er stand schweigend vor ihr. Sehr unterwürfig sagte er endlich, daß er hingehn und sich bei der Küsten wache erkundigen wolle, wenn es ihr recht sei.
Es gab niemand, den sie so verehrte wie ihn.
Sie wolle ihm gern glauben, sagte sie. Nur, daß dann eben keine belegten Brote vorbereitet zu werden brauchten, – das sei es. Alle kamen sie natürlich zu ihr – denn sie war eine Frau – mit diesem und jenem, den ganzen Tag lang; eins wollte dies, das andre das; die Kinder wuchsen heran; oft hatte sie das Gefühl, sie sei nichts als ein mit menschlichen Gemütsbewegungen vollgesogener Schwamm. Und dann sagte er: Hol dich der Teufel! Er sagte: Es wird regnen; er sagte: Es wird nicht regnen; und sogleich öffnete sich ein Himmel der Geborgenheit vor ihr. Es gab niemand, den sie so sehr verehrte. Sie war nicht wert, ihm die Schuhriemen zu lösen, fühlte sie.
Bereits sich seines Nörgelns schämend, seines Händefuchtelns, als er an der Spitze seiner Truppe zur Attacke geritten war, stupste Mr. Ramsay ein wenig dämlich noch einmal die bloßen Beine seines Sohns und stürzte sich dann, als hätte seine Frau es ihm erlaubt, mit einer Bewegung, die sie auf eine komische Weise an den riesigen Seelöwen im Zoo erinnerte, der sich, nachdem er seinen Fisch verschluckt hatte, nach hinten fallen ließ und davonplatschte, daß hinter ihm das Wasser im Bassin von einer Seite zur andern schwankte, in die Abendluft, die, nun schon dünner geworden, die Blätter und Hecken entstofflichte, dafür aber den Rosen und Nelken einen Schimmer verlieh, den sie tagsüber nicht gehabt hatten.
»Jemand verpfuschte was«, sagte er a bermals und stapfte davon und auf der Terrasse hin und her.
Aber auf was für eine außerordentliche Weise sich sein Ton geändert hatte! Wie der des Kuckucks; »zieht der Juni ein, ruft er nicht mehr rein«; als probte er, versuchsweise, eine musikalische Phrase für eine neue Stimmung und verwendete, da er nur die eine vorrätig hatte, diese, auch wenn sie schon einen Sprung aufwies. Doch es klang lächerlich – »Jemand verpfuschte was« – auf diese Weise hingesprochen, beinahe wie eine Frage, ohne jede Überzeugung, halb gesungen. Mrs. Ramsay mußte lächeln, und wahrhaftig, bald darauf summte er es nur noch, ließ es im Hinundhergehn fallen, verstummte.
Er war in Sicherheit, er war seiner Ungestörtheit wiedergegeben. Er blieb stehn, um seine Pfeife anzuzünden, blickte einmal zu seiner Frau und seinem Sohn dort in der Tür hin, und wie jemand in einem Schnellzug, der die Augen von seinem Buch hebt und ein Gehöft sieht, einen Baum, eine Häusergruppe, es alles als eine Illustration sieht, eine Bekräftigung von etwas, das auf der gedruckten Seite steht, etwas, zu dem man bestärkt und befriedigt zurückkehrt, – so stärkte und befriedigte ihn, ohne daß er seinen Sohn, seine Frau wirklich wahrnahm, ihr Anblick und weihte seine Bemühung, zu einem völlig klaren Verständnis des Problems zu gelangen, das gegenwärtig die Kräfte seines hervorragenden Geists beschäftigte.
Der seine war ein hervorragender Geist. Denn wenn das Denken der Tastatur eines Klaviers glich, in so und so viele Töne unterteilt, oder dem Alphabet, das aus sechsundzwanzig Buchstaben, alle in geordneter Folge, bestand, dann konnte es seinem hervorragenden Geist nicht schwerfallen, diese Buchstaben einen nach dem andern abzulesen, sicher und genau, bis er, angenommen, zum Buchstaben Q gelänge. Er gelangte zu Q. Sehr wenige Leute in ganz England gelangten je bis Q. Nun, einen Augenblick bei der Sandsteinurne mit den Geranien innehaltend, gewahrte er – aber jetzt in weiter, weiter Ferne, wie Kinder, die beim Muschelnsuchen göttlich unschuldig mit kleinen Nichtigkeiten zu ihren Füßen beschäftigt und irgendwie völlig wehrlos waren einem Verhängnis gegenüber, das er kommen sah, – seine Frau und seinen Sohn dort in der Tür beieinander. Sie bedurften seines Schutzes; den gewährte er ihnen. Aber nach dem Q? Was dann? Nach dem Q kam noch eine Anzahl von Buchstaben, deren letzten sterbliche Augen kaum wahrzunehmen vermochten, der von fernher bloß rötlich glomm. Z wurde nur einmal in einem Menschenalter von einem einzigen Mann erreicht. Immerhin, wenn er bis R gelangen könnte, wäre das schon etwas. Hier war er immerhin wenigstens bei Q. Er verschanzte sich bei diesem Q. Dieses Q’s war er sicher. Q konnte er beweisen. Wenn Q also Q war, dann war R – er klopfte seine Pfeife aus, mit zwei, drei hallenden Schlägen an das Widderhorn, das den Griff der Urne bildete, und dachte weiter: »Dann ist R . . .« Er raffte sich zusammen; er straffte sich.
Eigenschaften, die eine Schiffsmannschaft, auf einem vor Hitze brodelnden Meer mit nur sechs Stück Zwieback und einer Flasche Wasser ausgesetzt, gerettet hätten – Ausdauer und Gerechtigkeit, Vorhersicht, Hingabe, Geschicklichkeit – kamen ihm zu Hilfe. R also war – was war R?
Ein Vorhang wie das lederartige Augenlid einer Eidechse zuckte vor die Gespanntheit seines Blicks herab und verdunkelte den Buchstaben R. In dieser jähen Finsternis hörte er die Leute sagen, er sei ein Versager – R gehe über seine Kraft; er werde nie bis R gelangen. Also abermals – auf zu R!
Eigenschaften, die auf einer einsamen Expedition durch die Eiswüsten der Polarregion ihn zum Führer, zum Wegweiser, zum Ratgeber gemacht hätten, dessen weder zu leichtblütiges noch zu leicht verzagendes Temperament mit Gelassenheit überblickt, was geschehn muß, und dem ins Auge sieht, kamen ihm wieder zu Hilfe. R – – –
Das Eidechsenlid zuckte abermals. Die Adern auf seiner Stirn schwollen. Die Geranien in der Urne wurden erstaunlich deutlich und ließen zwischen ihren Blättern, das konnte er, ohne es zu wollen, wahrnehmen, diesen alten, unverkennbaren Unterschied zwischen den beiden Arten von Menschen sichtbar werden. Einerseits die mit übermenschlicher Kraft stetig weiterschreitenden, ausdauernd sich mühenden, die das ganze Alphabet von Anfang bis Ende, alles in allem sechsundzwanzig Buchstaben, der Reihe nach hersagen konnten, und andrerseits die begabten, die inspirierten, die, ein Wunder, blitzartig alle Buchstaben auf einmal zusammenzufassen vermochten – auf die Weise des Genies. Er war nicht genial; darauf erhob er keinen Anspruch; doch er war oder wäre imstande, jeden Buchstaben des Alphabets von A bis Z genau der Reihe nach herzusagen. Unterdessen war er bei Q steckengeblieben. Weiter denn, zu R!
Empfindungen, die dem Anführer einer Bergbesteigung keine Schande gemacht hätten, der nun, da es zu schneien begonnen hat und der Gipfel von Nebel verhüllt ist, weiß, daß er sich hinlegen und sterben muß, bevor es wieder Tag wird, überfielen ihn, machten seine Augen glanzlos, gaben ihm, sogar in den zwei Minuten, in denen er, einmal hin, einmal her, die Terrasse abschritt, das verblichene Aussehn eines welken Greises. Doch er wollte nicht liegend sterben; er würde einen Felszacken finden, und da, dem Sturm entgegenblikkend und bis ans Ende die Dunkelheit zu durchdringen suchend, wollte er aufrecht sterben. Er würde nie bis R gelangen.
Er stand stockstill neben der Urne mit den überhängenden Geranien. Wie viele unter tausend Milhonen, fragte er sich, erreichten schließlich Z? Der Anführer einer aussichtslosen Unternehmung durfte sich das doch gewiß fragen und, ohne einen Verrat an den andern Expeditionsteilnehmern hinter sich zu begehn, antworten: »Einer vielleicht.« Einer in einem Menschenalter. Konnte man dann ihm einen Vorwurf daraus machen, nicht dieser eine zu sein? Vorausgesetzt, daß er sich redlich bemüht hatte zu geben, was er vermochte, bis ihm nichts mehr zu geben verblieb? Und sein Ruhm – wie lange würde der dauern? Sogar einem sterbenden Helden war es erlaubt, sich angesichts des Todes zu fragen, was die Menschen dereinst von ihm halten würden. Sein Ruhm mochte an die zweitausend Jahre dauern. Doch was waren zweitausend Jahre? (fragte Mr. Ramsay ironisch und dabei starr in die Hecke blickend). Wahrhaftig, was? – wenn man von einem Berggipfel die langen Einöden der Jahrhunderte überschaute. Diese Steine da, an die man mit der Fußspitze stieß, würden Shakespeare überdauern. Sein eigenes Lichtlein würde, nicht allzuhell, ein paar Jahre leuchten und dann in einem größeren Licht untergehn, und dieses wieder in einem noch größeren. (Er blickte in das Dunkel, in das Gewirr der Zweige.) Wer könnte also den Anführer dieses todgeweihten Häufleins tadeln, das immerhin hoch genug hinaufgeklettert ist, um die Wüstenei der Jahre und das Erlöschen von Sternen zu sehn, – wer könnte ihn tadeln, wenn er, bevor der Tod seine Glieder erstarren macht und er sie nicht mehr zu bewegen vermag, ein wenig absichtlich seine fühllos gewordenen Finger an die Stirn hebt und die Schultern strafft, damit er, wenn die Rettungsmannschaft kommt, auf seinem Posten aufgefunden werde, tot, aber das Musterbild eines Soldaten? Mr. Ramsay straffte die Schultern und stand sehr aufrecht da, neben der steinernen Urne.
Wer wollte ihn tadeln, wenn er, einen Augenblick so dastehend, in Gedanken bei Ruhm verweilte, bei Rettungsexpeditionen, bei Steinmalen, von dankbaren Nachfolgern über seinen Gebeinen aufgehäuften? Letztlich, wer wollte den Führer des dem Untergang geweihten Trupps tadeln, wenn er sich bis zum äußersten vorgewagt und seine Kräfte bis zum letzten Restchen aufgebraucht hat und eingeschlafen ist, ohne sich viel daraus zu machen, ob er erwachen werde oder nicht, wer wollte ihn tadeln, wenn er nun an einem Prickeln in seinen Zehen wahrnähme, daß er lebt und im ganzen nichts dagegen hat, zu leben, aber Mitgefühl braucht und Whisky und jemand, dem er sogleich die Geschichte seiner Leiden erzählen könnte? Wer wollte ihn tadeln? Wer würde sich nicht heimlich freuen, wenn der Held seine Rüstung ablegt, vor der Türstufe stehnbleibt und auf Weib und Sohn blickt, die, anfangs sehr fern, allmählich näher und näher rücken, bis er Lippen und Buch und Kopf deutlich vor sich sieht, obgleich ihm in ihrer Schönheit auch jetzt noch unvertraut, nach seiner völligen Vereinsamung und der Einöde von Äonen und dem Erlöschen von Sternen, und er schließlich seine Pfeife in die Tasche steckt und, seinen prächtigen Kopf vor ihr neigend – wer wollte ihn tadeln, wenn er da der Schönheit der Welt seine Verehrung bezeigt?
7
Sein Sohn aber haßte ihn. Er haßte ihn, weil er zu ihnen hergekommen und stehngeblieben war und auf sie beide herabsah; er haßte ihn dafür, sie unterbrochen zu haben; er haßte ihn für den Überschwang und die Erhabenheit seiner Gebärden; er haßte ihn, weil er einen so prächtigen Kopf hatte; weil er so anspruchsvoll und ichsüchtig war (denn da stand er und befahl ihnen, ihn zu bemerken); am meisten aber haßte er das Zirpen und Schwirren der Gemütsbewegung seines Vaters, das um sie herum vibrierte und die vollkommene Schlichtheit und Vernünftigkeit des Verhältnisses zwischen ihm und seiner Mutter störte. Indem er starr auf die Buchseite blickte, hoffte er, ihn zum Weitergehn zu bringen; indem er mit dem Finger auf ein Wort wies, hoffte er, die Aufmerksamkeit seiner Mutter zurückzurufen, die, wie er zornig erkannte, sogleich zu schwanken begonnen hatte, als sein Vater stehnblieb. Aber nein. Nichts würde seinen Vater zum Weitergehn bewegen. Da stand er und forderte Mitgefühl.
Mrs. Ramsay, die gelöst und den Arm um ihren Sohn geschlungen dagesessen hatte, straffte sich und schien sich mit einer halben Wendung aufzuraffen und sogleich senkrecht in die Luft einen Regen von Energie zu verströmen, eine Säule von Sprühe, und sah neubeseelt und voller Leben aus, als wären alle ihre Energien zu einer einzigen Kraft verschmolzen, die brannte und erleuchtete (wenngleich sie ganz ruhig dasaß und wieder ihre Strickarbeit aufnahm), und in diese köstliche Fruchtbarkeit, diesen Quell und Springbrunnen des Lebens, tauchte die verhängnisvoll unschöpferische Brache des Mannes wie ein kahler, nackter Schnabel von Erz. Er wollte Mitgefühl. Er sei ein Versager, sagte er. Mrs. Ramsay ließ ihre Stricknadeln blinken. Mr. Ramsay wiederholte, ohne seine Augen von ihrem Gesicht abzuwenden, er sei ein Versager. Sie wies seine Worte zurück. »Charles Tansley . . .« sagte sie nur. Aber er mußte mehr haben als das. Mitgefühl war, was er brauchte; vor allem einmal seines Genies versichert zu werden und dann in den Kreis des Lebens geholt, gewärmt und beruhigt zu werden, seine Vernunft wiederzuerhalten, seine Brache fruchtbar gemacht und alle Räume des Hauses mit Leben gefüllt zu sehn – das Wohnzimmer; hinter dem Wohnzimmer die Küche; über der Küche die Schlafzimmer; und über diesen die Kinderzimmer; sie mußten wohnlich gemacht, sie mußten mit Leben gefüllt werden.
Charles Tansley halte ihn für den größten Metaphysiker seiner Zeit, sagte sie. Aber er mußte mehr haben als das. Er mußte Mitgefühl haben. Er mußte versichert sein, daß auch er mitten im Leben lebe; daß er notwendig sei; nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Ihre Nadeln blinken lassend, zuversichtlich, aufrecht, erschuf sie Wohnzimmer und Küche; ließ sie alle Räume warm erglühn; hieß ihn, es sich da Wohlsein zu lassen, ein und aus zu gehn, es zu genießen. Sie lachte, sie strickte. Sehr steif zwischen ihren Knien stehend fühlte James ihre ganze Kraft emporlodern, um von diesem ehernen Schnabel aufgetrunken und erschöpft zu werden, diesem dürren Krummsäbel des Mannes, der erbarmungslos zuschlug, wieder und wieder, und Mitgefühl heischte.
Er sei ein Versager, wiederholte er. Nun, dann schau doch, fühle doch! Ihre Stricknadeln blinken lassend, umherblickend, aus der Tür, ins Zimmer, auf James, versicherte sie ihn, ohne den Schatten eines Zweifels, durch ihr Lachen, ihre Gelassenheit, ihre Tüchtigkeit (wie eine Kinderfrau ein Licht durch ein dunkles Zimmer trägt und so ein widerspenstiges Kind beruhigt), daß es alles Wirklichkeit war; das Haus voll; der Garten in Blüte. Wenn er unbedingtes Vertrauen in sie setze, solle nichts ihm etwas anhaben; wie tief er sich auch vergrübe, wie hoch er sich auch verstiege, keine Sekunde, die sie nicht an seiner Seite sähe. Wie sie so mit ihrer Fähigkeit, ihn zu umhegen und zu beschützen, prahlte, blieb kaum eine Schale ihrer selbst für sie übrig, an der sie sich erkennen konnte; alles wurde so mit vollen Händen ausgegeben. Und James empfand sie, während er steif zwischen ihren Knien stand, als einen rosig blühenden Obstbaum aufragen, mit Blättern bedeckt und wippenden Zweigen, in die der eherne Schnabel, der kahle Krummsäbel seines Vaters, des ichsüchtigen Mannes, hineinfuhr und auf sie loshackte und Mitgefühl heischte.
Von ihren unausgesprochenen Worten gestillt wie ein Kind, das sich gesättigt zurücksinken läßt, sagte er endlich, und blickte sie dabei mit demütiger Dankbarkeit, erfrischt, erneuert an, er wolle einen kleinen Rundgang machen, er wolle den Kindern beim Kricketspielen zusehn. Und er ging.
Sogleich schien sich Mrs. Ramsay, ein Blütenblatt übers andre gelegt, zusammenzufalten, und das ganze Gebäude fiel erschöpft in sich zusammen, so daß sie nur noch Kraft genug besaß, in köstlicher Hingabe an Erschöpfung mit dem Finger den Zeilen des Grimm-Märchens entlangzufahren, während in ihr, wie der Puls einer Stahlfeder, die sich zu ihrer vollen Länge gestreckt hat und nun allmählich aufhört zu schwingen, die Verzückung vollbrachter Schöpfung nachzitterte.
Jeder Schlag dieses Pulses schien, als ihr Mann hinwegschritt, sie und ihn einzuschließen und einem jeden von ihnen diesen Trost zu geben, den zwei verschiedene, zugleich angeschlagene Töne, ein hoher, ein tiefer, miteinander zu geben scheinen, während sie verschmelzen. Doch als der Widerhall verklang und sie sich abermals dem Märchen zuwandte, fühlte sich Mrs. Ramsay nicht nur körperlich erschöpft (nachher, niemals zur Zeit selbst, fühlte sie sich immer so) – ihre körperliche Müdigkeit war auch von einer leise unangenehmen Empfindung andern Ursprungs gefärbt. Sie wußte zwar, während sie die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau vorlas, nicht genau, woher diese Empfindung kam; auch gestattete sie sich nicht, ihre Unzufriedenheit in Worte zu fassen, als sie, beim Umwenden der Seite innehaltend, dumpf und unheilverkündend eine Welle sich brechen hörte und begriff, daß diese Empfindung daher rührte: sie wollte auch nicht eine Sekunde lang das Gefühl haben, aus feinerem Holz zu sein als ihr Mann, und konnte es auch nicht ertragen, wenn sie zu ihm sprach, der Wahrheit dessen, was sie sagte, nicht ganz sicher zu sein. Universitäten und Leute, die ihn brauchen, seine Vorlesungen und Bücher und, daß die höchst wichtig seien, – das alles bezweifelte sie keinen Augenblick; aber es war das Verhältnis zwischen ihm und ihr und, daß er so zu ihr kam, ganz offen und vor aller Augen, das war es, was sie aus der Fassung brachte; denn da sagten dann die Leute, er sei von ihr abhängig, wenn sie doch wissen mußten, daß von ihnen beiden er der unendlich Bedeutendere und, was sie der Welt gab, verglichen mit dem, was er gab, unbeträchtlich war. Aber dann war es doch auch wieder dieses andre – nicht imstande zu sein, ihm die Wahrheit zu sagen, sich zum Beispiel zu fürchten wegen des Glashausdachs und der Kosten, fünfzig Pfund vielleicht, die es verursachen werde, es auszubessern; und, was seine Bücher betraf, zu befürchten, er könnte erraten, was sie ein wenig argwöhnte: daß sein letztes Buch nicht grade sein bestes war (das hatte sie aus William Banks’ Worten entnommen); und dann, daß sie kleine Alltäglichkeiten verheimlichte und die Kinder es merkten, und welche Last ihnen das auferlegte, – das alles verringerte die ganze Freude, die reine Freude an den zwei verschmelzenden Tönen und ließ den Klang nun in ihrem Ohr mit trübseliger Mattigkeit verhallen.
Ein Schatten fiel auf die Buchseite; sie blickte auf. Es war Augustus Carmichael, der vorbeischlurfte, grade jetzt, in demselben Augenblick, wo es schmerzlich war, an die Unzulänglichkeit menschlicher Beziehungen gemahnt zu werden, deren sogar vollkommenste einen Makel hatte und der Untersuchung nicht standhielt, die sie, die ihren Mann liebte, mit ihrem Instinkt für die Wahrheit nun vornahm; wo es schmerzlich war, sich der Unwürdigkeit überführt und in der ordentlichen Erfüllung ihrer Pflichten behindert zu fühlen durch diese Lügen, diese Übertreibungen, – gradein diesem Augenblick, als sie sich so schmählich im Kielwasser ihrer Jubelstimmung abquälte, schlurfte Mr. Carmichael in seinen gelben Pantoffeln vorbei, und irgendein Dämon in ihr nötigte sie, ihm zuzurufen:
»Schon ins Haus, Mr. Carmichael?«
8
Sie erhielt keine Antwort. Er nahm Opium. Die Kinder behaupteten, sein Bart habe davon gelbe Flecke bekommen. Vielleicht. Unverkennbar war für sie, daß der Arme unglücklich war und es einer Flucht glich, daß er jedes Jahr zu ihnen kam. Und doch empfand sie jedes Jahr dasselbe: er traute ihr nicht. Sie sagte: »Ich gehe in die Stadt. Soll ich Ihnen Briefmarken besorgen, Papier, Tabak?« und fühlte dabei, wie er zurückwich. Er traute ihr nicht. Seine Frau bewirkte das. Sie erinnerte sich der Niedertracht seiner Frau gegen ihn, die sie zu Stahl und unnachgiebig hatte werden lassen dort in dem gräßlichen kleinen Zimmer in St. John’s Wood, als sie mit ansah, wie diese odiose Person ihn aus dem Haus wies. Er war ungepflegt; er bekleckerte sich; er war lästig wie eben ein alter Mann, der nicht das geringste zu tun hat; und sie hatte ihn aus dem Zimmer gewiesen. Sie hatte auf ihre odiose Art gesagt: »Also jetzt wollen Mrs. Ramsay und ich ein kleines Plauderstündchen miteinander halten«, und Mrs. Ramsay komite, als stünden sie ihr vor Augen, die unzähligen Miseren seines Lebens sehn. Hatte er Geld genug, um sich Tabak zu kaufen? Mußte er diese Frau darum bitten? Um eine halbe Krone? Anderthalb Schilling? Oh, sie konnte es nicht ertragen, an die kleinen Entwürdigungen zu denken, die sie ihn leiden ließ. Und immer wich er seither (warum, das vermochte sie nicht zu erraten, es sei denn, daß vermutlich diese Frau irgendwie dahinterstak) vor ihr zurück. Er erzählte ihr nie etwas. Aber was mehr hätte sie tun können? Ein sonniges Zimmer war ihm zur Verfügung gestellt. Die Kinder waren nett zu ihm. Nie zeigte sie ihm auch nur im geringsten, ihn etwa nicht hierhaben zu wollen. Ja sie gab sich besondere Mühe, freundlich zu sein. Brauche er Briefmarken? Brauche er Tabak? Hier sei ein Buch, das ihm vielleicht gefallen werde, und so weiter. Und überhaupt – (hier raffte sie sich unmerklich, körperlich, zusammen, denn das Bewußtsein ihrer Schönheit wurde ihr, wie das so selten geschah, gegenwärtig) – überhaupt hatte sie im allgemeinen keine Schwierigkeit, Leute dahin zu bringen, sie gernzuhaben; zum Beispiel George Manning; Mr. Wallace; so berühmt sie waren, kamen sie doch gelegentlich abends zu einem ruhigen Gespräch mit ihr allein an ihrem Kaminfeuer. Sie trug die Fackel ihrer Schönheit mit sich umher und konnte nicht anders, als das zu wissen. Sie trug sie aufrecht in jedes Zimmer, das sie betrat; und jedenfalls war ihre Schönheit unverkennbar, sie mochte sie verhüllen, wie sie wollte, und vor der Eintönigkeit solchen Umhertragens, das Schönheit ihr auferlegte, noch so sehr zurückscheuen. Und sie war bewundert worden, sie war geliebt worden. Sie war in Zimmer eingetreten, wo Trauernde saßen. Tränen waren in ihrer Gegenwart geflossen. Männer und auch Frauen hatten die Vielfältigkeit der Dinge sein lassen und sich bei ihr die Erleichterung gestattet, einfach und natürlich zu sein. Sie kränkte sich, daß Mr. Carmichael vor ihr zurückwich; empfand es schmerzlich. Aber nicht rein, nicht mit vollem Recht. Es ging ihr gegen den Strich, da es noch obendrein zu der Unzufriedenheit wegen ihres Mannes hinzukam, dieses Gefühl, das sie nun hatte, als Mr. Carmichael vorbeischlurfte, ein Buch unterm Arm, in seinen gelben Pantoffeln, und auf ihre Frage nur nickte; das Gefühl, daß sie beargwöhnt werde; und daß all ihr Verlangen, zu schenken, zu helfen, Eitelkeit sei. Geschah es nur zu ihrer eigenen Befriedigung, daß sie so instinktiv zu helfen, zu schenken wünschte? Damit die Leute von ihr sagten: »Oh, Mrs. Ramsay! Die liebe Mrs. Ramsay ... Mrs. Ramsay, oh, natürlich!« und sie brauchten und sie holen ließen und sie bewunderten? War es nicht insgeheim das, was sie wollte? Und fühlte sie, wenn Mr. Carmichael, wie eben jetzt, vor ihr zurückwich und sich in einen Winkel davonmachte, wo er endlos Akrosticha ersann, fühlte sie sich da nicht bloß in ihrem Instinkt zurückgewiesen und darauf gestoßen, wie kleinlich ein Teil von ihr war, und menschliche Beziehungen, wie voller Makel sie waren, wie verachtenswert und, im besten Fall, wie selbstsüchtig? Schäbig geworden und abgenützt und vermutlich (ihre Wangen waren hohl, ihr Haar war weiß) nicht mehr ein erfreulicher Anblick – sollte sie da nicht lieber ihre Gedanken auf die Geschichte vom Fischer und seiner Frau wenden und so dieses Bündel von Empfindlichkeit (keins der Kinder war so empfindlich wie er), ihren Sohn James, beruhigen?
»Dem Manne wurde das Herz so schwer«, las sie vor, »und er wollte nicht gehn. Er sagte sich: ›Es ist nicht recht‹, er ging aber doch hin. Und als er ans Meer kam, da war das Wasser ganz violett und dunkelblau und grau und trüb und gar nicht mehr so grün und gelb, aber es war noch immer still. Da stellte er sich hin und sagte –«
Mrs. Ramsay hätte gewünscht, daß ihr Mann nicht grade diesen Augenblick gewählt hätte, abermals stehnzubleiben. Warum war er nicht, wie er gesagt hatte, gegangen, den Kindern beim Kricketspiel zuzusehn? Aber er sagte nichts; er schaute nur; er nickte; beifällig; dann ging er weiter. Er glitt, vor sich die Hecke sehend, die immer wieder einmal eine Pause ausgefüllt, eine Schlußfolgerung bezeichnet hatte, und seine Frau und sein Kind sehend und wiederum die Urnen mit den herabhängenden roten Geranien, die so oft Gedankengänge verziert hatten und sie auf ihre Blätter geschrieben trugen, als wären die Zettelchen, auf die man beim schnellen Lesen Anmerkungen kritzelt, – er glitt, das alles sehend, geschmeidig in Erwägungen (die ihm durch einen Artikel in den Times nahegelegt worden waren) über die Zahl der Amerikaner, die jedes Jahr Shakespeares Haus besuchen kamen. Wenn Shakespeare nie gelebt hätte, fragte er sich, wäre die Welt dann sehr verschieden von der, die sie heute ist? Hing der Fortschritt der Zivilisation von großen Männern ab? War das Los des Durchschnittsmenschen heute besser als zur Zeit der Pharaonen? War das Los des Durchschnittsmenschen jedoch, fragte er sich, der rechte Maßstab, um damit die Höhe der Zivilisation zu messen? Vielleicht nicht. Vielleicht erforderte das größtmögliche Glück das Dasein einer Sklavenklasse, war der Aufzugwärter in der Untergrundbahn eine ewige Notwendigkeit. Der Gedanke war ihm widerwärtig; er warf den Kopf zurück. Um ihn zu vermeiden, würde er einen Weg finden, die Vorherrschaft der Künste ein wenig herabzusetzen. Er würde anführen, daß die Welt für den Durchschnittsmenschen vorhanden sei, daß die Künste nicht mehr als eine dem menschlichen Leben aufgesetzte Verzierung seien; daß sie es nicht ausdrückten. Und daß auch Shakespeare nicht notwendig sei. Ohne genau zu wissen, warum er denn Shakespeare herabsetzen und dem Mann, der ewig in der Tür des Aufzugs stand, zu Hilfe kommen wollte, riß er ein Blatt von der Hecke ab. Das alles müßte den jungen Leuten in Cardiff nächsten Monat aufgetischt werden, dachte er; hier auf dieser Terrasse verproviantierte er sich nur und fouragierte (er warf das Blatt, das er so übellaunig gepflückt hatte, weg) wie ein Mann, der sich vom Rücken seines Pferds hinabbeugt, um einen Rosenstrauß zu pflücken, oder sich die Taschen mit Nüssen vollstopft, während er gemächlich über die Heckenwege und Fluren eines Landes trabt, das er von Jugend auf kennt. Es war alles vertraut: diese Wegbiegung, jener Zauntritt, dieser Abkürzungspfad durch die Felder. Stunden verbrachte er oft so des Abends mit seiner Pfeife, dachte auf den alten, vertrauten Wegen und Wiesen hin und her und rundum, die alle, dort mit der Geschichte jenes Kriegs, hier mit dem Leben dieses Staatsmanns, besteckt waren, mit Gedichten und Anekdoten und auch mit Gestalten, diesem Denker, jenem Feldherrn; alles sehr lebhaft und klar. Allmählich aber führten ihn der Heckenweg, die Wiese, der Anger, der fruchtbare Nußbaum und die blühende Hecke weiter, zu jener entfernteren Biegung der Straße, wo er immer absaß, sein Pferd an einen Baum band und zu Fuß weiterging. Er kam an den Rand des Rasens und schaute auf die Bucht hinunter.
Es war sein Schicksal, seine Eigenart, ob er wollte oder nicht, auf eine solche Landspitze hinauszukommen, die vom Meer langsam weggenagt wurde, und da zu stehn, allein wie ein vereinsamter Seevogel. Er besaß die Kraft, die Gabe, plötzlich alles Überflüssige abzuwerfen, in sich zurückzuweichen und zu schrumpfen, so daß er kahler aussah und sich sogar körperlich hagerer fühlte, dabei aber nichts von der Intensität seines Geistes einbüßte, und so auf seinem schmalen Felsband zu stehn, dem Dunkel menschlicher Unwissenheit gegenüber, da wir doch nichts wissen und das Meer uns den Boden unter den Füßen wegnagt, – das war sein Schicksal, seine Begabung. Aber weil er, als er absaß, alle Gesten und allen Firlefanz, alle erbeuteten Nüsse und Rosen weggeworfen hatte und so geschrumpft war, daß er nicht nur seinen Ruhm sondern auch seinen Namen vergessen hatte, behielt er sogar in dieser Verlassenheit eine Wachsamkeit bei, die kein Phantom duldete und in keiner Vision schwelgte, und grade in diesem Gewand flößte er William Banks (zeitweilige) und Charles Tansley (unterwürfige) und seiner Frau nun, als sie aufblickte und ihn dort, am Rand des Rasens, stehn sah, innige Verehrung und auch Mitleid und Dankbarkeit ein, wie ein in den Grund der Fahrrinne eingerammter, von den Wellen umbrandeter Pfahl, auf den die Möwen sich niederlassen, einer fröhlichen Bootsgesellschaft ein Gefühl der Dankbarkeit dafür einflößt, die Pflicht auf sich genommen zu haben, allein dort in den Fluten die Fahrrinne zu bezeichnen.
»Aber ein Vater von acht Kindern hat keine Wahl . . .« Halblaut vor sich hinmurmelnd unterbrach er sich so, wandte sich um, seufzte, hob den Blick, suchte die Gestalt seiner Frau, die dem kleinen Knaben Geschichten vorlas, füllte seine Pfeife. Er wendete sich vom Anblick menschlicher Unwissenheit und menschlichen Schicksals und des Meeres ab, das den Boden, auf dem wir stehn, benagt, von einem Anblick, der, hätte er vermocht, ihn beharrlich genug zu betrachten, vielleicht zu etwas geführt hätte; und fand Trost in, verglichen mit dem erhabenen Thema, das er soeben vor sich gehabt hatte, so geringen Nichtigkeiten, daß er geneigt war, diesen Trost zu vertuschen, ihn zu verkleinern, als wäre, in einer Welt des Elends beim Glücklichsein ertappt zu werden, für einen ehrlichen Mann das verachtenswerteste Verbrechen. Es war wahr: er war meistenteils glücklich; er hatte seine Frau; er hatte seine Kinder; er hatte versprochen, in sechs Wochen den jungen Männern von Cardiff »irgendwelchen Unsinn« vorzutragen über Locke, Hume, Berkeley und die Ursachen der Französischen Revolution. Aber das alles und seine Freude daran, an den Sätzen, die er formte, an der Begeisterung der jungen Leute, an der Schönheit seiner Frau, an den Anerkennungen, die ihm aus Swansea, Cardiff, Exeter, Southampton, Kidderminster, Oxford and Cambridge zukamen, – das alles mußte abgewertet und unter der Phrase »Unsinn vortragen« versteckt werden, weil er tatsächlich das nicht geleistet hatte, was er hätte leisten können. Es war eine Verkleidung; es war die Zuflucht eines Mannes, der seine eigenen Gefühle fürchtete, der nicht sagen konnte, das ist, was mir gefällt, – das ist, was ich bin; und es war fast jämmerlich und abstoßend, fanden William Banks und Lily Briscoe, die sich verwunderten, daß solches Verbergen notwendig sein sollte; daß er immer Lob brauchte; daß ein im Denken so unerschrockener Mensch im Leben so zaghaft sein sollte; und wie seltsam verehrungswürdig und zugleich lächerlich er war.
Lehren und Predigen übersteige Menschenkraft, vermutete Lily. (Sie begann ihre Malsachen zu versorgen.) Wenn man erhaben sei, müsse man irgendwie hinplumpsen. Mrs. Ramsay gebe ihm zu leicht, was er verlange. Da müsse dann jeder Wechsel sehr verstörend wirken, sagte Lily. Er komme von seinen Büchern und finde sie alle dabei, wie sie Gesellschaftsspiele spielten und Unsinn redeten. Welch ein Unterschied, das müsse man sich nur vorstellen, gegenüber alledem, worüber er nachdenke, sagte sie.
Er kam auf sie beide zugesteuert. Jetzt blieb er jäh stehn und blickte schweigend aufs Meer hinaus. Jetzt wandte er sich wieder ab.
Pulsuz fraqment bitdi.