Kitabı oxu: «Eddie und Maxon Jaxon»
Viveca Lärn
Eddie und Maxon Jaxon
Deutsch von Angelika Kutsch
Zeichnungen von Eva Eriksson
Saga
Immer einen kühlen Kopf behalten
Eddie wurde wach, weil ihm die Sonne mitten ins Gesicht schien. Er öffnete die Augen, blieb aber ganz still auf dem Rücken liegen. Fast ganz still.
Er schielte hinauf zur Tapete über Arnes Bett. Dort hingen Madonna, Maradona und Maxon Jaxon.
Eddie lächelte Madonna zu. Sie lächelte nicht zurück. Aber man konnte all ihre blendend weißen Zähne sehen.
Eddie lächelte Maradona zu. Er lächelte auch nicht zurück. Aber sein Mund war ebenfalls geöffnet und voller weißer Zähne. Sein Gesicht glänzte, denn er hatte gerade ein Tor geschossen. Natürlich für Neapel.
Eddie lächelte Maxon Jaxon lieb an. Aber Maxon Jaxon lächelte nicht zurück. Sein Mund war fest geschlossen und seine Augen waren groß und traurig. Maxon Jaxon war der Netteste.
Eddie musterte seinen großen Bruder. Aber Arne lag bloß da in seinem Bett und schlief. Eddie kitzelte ihn mit einem alten Strohhalm, den er unterm Bett gefunden hatte, am großen Zeh. Arne murmelte etwas und drehte sich zur Wand um. Eddie guckte in sein Ohr. Soweit er gehört hatte, sollte den großen Jungs Fell aus den Ohren wachsen. Und Arne war ja schon neun Jahre alt. Eddie seufzte. Kein Fell.
Er ging zum Fenster und beobachtete zwei Elstern, die auf der Wiese herumhüpften und einander beschimpften. Eddies Oma war eine Elster.
«Eure Oma ist eine richtige Elster!»
Das hat Eddies und Arnes Papa einmal gesagt, als er einen Brief von der Oma geöffnet hatte, einen hellblauen Umschlag mit steiler Schrift drauf. Eine altmodische Schrift. Er hat kaum angefangen zu lesen, da hat er den Brief auch schon zu einem kleinen Ball zusammengeknüllt und in den Ofen geworfen.
Das war schade. Eddie hätte gern daran gerochen. Eddie riecht gern an Briefumschlägen. Und außerdem hätte er gern an einem Brief von einer Elster geschnuppert. Wo wohnte die Oma noch? Daran konnte er sich nicht erinnern. Wahrscheinlich in einem struppigen Nest aus langen Zweigen oben in einer hohen Birke.
Die Elstern draußen vor dem Fenster fingen an, sich um etwas zu zanken, das sie auf der Erde gefunden hatten. Plötzlich merkte Eddie, dass er Hunger hatte, und ging in die Küche. Der Fußboden war eiskalt unter seinen nackten Füßen.
Er guckte in den Brotkasten. Da lagen nur ein Paket angeschimmeltes Toastbrot und ziemlich viele harte Krümel, vielleicht vierhundert.
Eddie zog einen Hocker zum Kühlschrank heran und öffnete die Tür. Der alte Kühlschrank fing sofort an, zu brummen wie ein böser alter Mann. Eddie steckte den Kopf in den Kühlschrank. Bald war sein Kopf genauso kalt wie seine Füße. Heute kriegte er seinen Kopf ganz leicht in den Kühlschrank. Da gab’s bloß ein paar Bierflaschen und eine rote Tube mit Senf. Auf der stand in Schreibschrift: Immer einen kühlen Kopf behalten. Junge! Dann schaffst du es.
Das hat ein netter Mann Eddie mal zugerufen. An einem Tag im Frühling, als Eddie auf dem Steg über den Bach balancierte.
Plötzlich hatte Eddie gemerkt, dass er beobachtet wurde, und da hatte er den Onkel entdeckt. So ein richtiger Onkel war das. Er war groß und kräftig und trotzdem gar nicht gefährlich. Er hatte viele schwarze Wuschelhaare und liebe braune Augen, die Eddie anlächelten. In der Hand hielt er eine Angel, und Eddie hätte ihn fast gefragt, ob schon ein Fisch angebissen hatte. Aber dann hat er es doch nicht getan. Er balancierte weiter über den Steg, und es ging auch ganz prima, obwohl das Holz glitschig war nach dem Mairegen vom Morgen.
«Immer einen kühlen Kopf behalten!», rief der Onkel noch einmal. Das ist ein guter Rat gewesen.
Eddie schloss die Kühlschranktür und hüpfte vom Hocker. Jetzt war sein Kopf genau so kühl, wie er sein sollte.
Er öffnete die Tür unter der Spüle, wo die Abfalltüte stand, und untersuchte den Inhalt der Tüte. Vor Freude schrie er auf.
Unter ein paar Bierdosen und einem benutzten Kaffeefilter ragte ein Stück von einem weißen Pappkarton hervor. Eddie fischte ihn heraus. Und richtig: An der Pappe klebte noch ein Klacks Kartoffelbrei und am Rand war ein bisschen Senf. Eddie wühlte weiter und strahlte über das ganze Gesicht, als er den kleinen weißen Plastiklöffel fand. Er setzte sich mit seinem Fund auf die Holzbank am Küchentisch und aß langsam sein Frühstück. Dabei guckte er aus dem Fenster. Die Elstern hopsten immer noch im Gras herum. Plötzlich begann Eddie, mit seinen kleinen braunen Fingern zu zählen (nur am Daumen hatte er ein Pflaster).
«Eins, zwei, drei, vier, fünf ... sechs, sieben. Genau, sieben!»
Er dachte eine Weile nach, während er seine Mahlzeit beendete. Dann sagte er laut zu sich selbst:
«Möchte wissen, hob hich heute Geburtstag hab.»
Er öffnete die Küchentür und ging hinaus in den Spätsommertag. Er setzte sich auf die Treppe. Die Elstern hatten keine Angst. Eddie kratzte sich in seinem strähnigen braunen Haar.
«Sieben Jahre alt», sagte er zu den Elstern. «Dann hist hes gelaufen.»
In ein paar Tagen kam Eddie in die Schule. Das fand er überhaupt nicht gut. Viel lieber hätte er einen richtigen Job gehabt.
Er hüpfte davon zur Wassertonne. Die war fast voll nach den Regenfällen der letzten Tage. Irgendein Krabbeltierchen kämpfte um sein Leben auf der Wasseroberfläche. Eddie spiegelte sich in der Tonne. Sein Gesicht zerfloss und wurde groß und interessant. Sonst hat Eddie ein ungewöhnlich mageres, schmales kleines Gesicht. Wenn die Nase nicht dort säße, wo sie saß, wäre kaum noch Platz für die Augen gewesen.
Eddie schöpfte mit den Händen Wasser aus der Tonne und trank mehrere Schlucke. Das Wasser schmeckte gut. Er schauderte und zählte bis drei, ehe er den ganzen Kopf hineinsteckte. Dann lief er ins Haus und setzte sich auf die Bettkante zu seinem großen Bruder und schüttelte seinen nassen Schopf.
«Harne!», flüsterte Eddie. «Hab hich heute Geburtstag? Hoder hab hich him Hapril?»
Arne streckte ein Bein unter der Decke hervor und versetzte Eddie einen Stoß, sodass er ein ganzes Stück entfernt auf dem Fußboden landete.
«Hau ab, du alte Wasserratte!», schrie Arne und zog sich die Decke über den Kopf.
Eddie krabbelte in sein eigenes Bett und guckte nacheinander Madonna, Maradona und Maxon Jaxon an.
«Hich hab heute Geburtstag», sagte Eddie feierlich zu Maxon Jaxon. «Jetzt bin hich groß.»
Das Wetter, Schweine und der Weltraum
Als Mimi gerade ihr Frühstücksmüsli essen wollte, klingelte das Telefon auf der Spüle. Es hatte eine sehr komische Form, denn es sah aus wie ein Hamburger. Mimi nahm ihren Müsliteller mit zur Spüle und aß langsam weiter, während sie in den Telefonhörer redete:
«Hallo, hier ist Mimi Ljung ... Hallo, Mama. Klar bin ich wach ... Nein, ich hab die Herdplatten nicht angestellt ... Ich weiiiiß ... Papa? Der ist wahrscheinlich auf der Arbeit ... Müsli ... Nein, ich bin nicht traurig ... Nein, ich fühl mich nicht allein. Darf ich jetzt essen? Tschüs ... Bist du immer noch da? Ich wollte ins Freibad gehen. Ja, da sind massenhaft Erwachsene. Nur ins flache? Was soll ich da denn? Ich hab doch schon meinen Freischwimmer gemacht. Tschüs!»
Mimi stellte das Hamburgertelefon hin und betrachtete düster die Spüle. In der konnte man sich kein bisschen spiegeln. Zu Hause bei Linda konnte man sich überall spiegeln, sogar in den Türgriffen und im Fernseher. Wenn Mimi groß war, wollte sie auch ein ganz blankes Zuhause haben. Keine Krümel und keine Flecken. Keine rieselnden Strohblumen und Knoblauchknollen, die von der Decke hingen. Keine stinkigen Käse und vergammelten Topfpflanzen. Ein blankes, schimmerndes Zuhause, das wollte sie haben, mit glänzend weißen Tellern. Und einen schönen blanken Mann mit sauberen Fingernägeln und weißem Hemd. Vielleicht einen Flugkapitän. Der trägt eine Uniform mit blanken Knöpfen. Das wäre toll, wenn er dann mit geradem Rücken am Frühstückstisch sitzt und ein paar gekochte Eier isst. Nicht wie Papa, dem die Haare zu Berge stehen und bei dem die Cornflakes im Schnurrbart hängen bleiben.
Mimi beendete ihr Frühstück und ging in ihr Zimmer, um den rosa Badeanzug mit den grünen Fischen drauf zu suchen. Sie steckte den Kopf in den Schrank und wühlte darin im Kleiderhaufen. Schließlich tauchte sie zufrieden mit dem Badeanzug in der Hand aus dem Kleiderhaufen auf. Als sie ihn gerade in ihren rosa Rucksack stecken wollte, entdeckte sie ein Stoffetikett. Sie riss es ab.
«Kleidergröße hundertachtundzwanzig!», fauchte sie. «Alle, die in die Dritte kommen, haben hundertvierzig. Maria Magnusson und Krille haben bestimmt zweihundert!»
Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Doof, eigentlich sah es aus wie ein Zimmer für ein ganz kleines Kind. Rasch machte sie die Tür hinter sich zu und stürzte aus der Wohnung, den Rucksack über der einen Schulter und den Wohnungsschlüssel an einer rosa Schnur um den Hals.
Sie hüpfte die Treppen hinunter. In ihrem Bauch hüpfte das Müsli. «Eine Stunde, man muss eine Stunde warten, bevor man baaaaaden darf!», sang sie.
Nirgends kann man schöner singen als im Treppenflur von einem zweistöckigen Haus. Aber man muss aufhören, sobald man auf die Straße kommt. Sonst kann es furchtbar peinlich werden.
Als Mimi die Tür gerade aufmachen wollte, entdeckte sie den Zettel, der an der Glasscheibe klebte. Montag beginnt die vernichtungsaktion der ratten stand drauf. Mimi ärgerte sich, dass alle interessanten Mitteilungen in Druckbuchstaben geschrieben waren. Als ob die Leute keine Schreibschrift lesen könnten! Mimi jedenfalls konnte das.
Im Freibad waren schon viele Leute, obwohl es gerade erst neun war und die Sonne noch gar nicht richtig heiß schien, weil sie noch nicht hoch genug stand.
Mimi bezahlte fünf Kronen am Eingang und schlüpfte rasch durch das Drehkreuz. Aus dem Lautsprecher dröhnte Musik und überall lagen Leute wie tote Fische auf ihren Handtüchern. Aber plötzlich hörte Mimi durch die Musik und das Geplansche aus dem Becken Lindas Stimme:
«Mimi, Mimi, beeil dich! Komm mal her! Ich hab neue Badesandalen gekriegt. Mit Spangen. Neon! Komm schnell!»
Mimi stürzte zu Linda.
«Hast du schon gebadet, Linda?»
«Nein, Mama sagt, dass das Sonnenöl erst in die Haut einziehen muss. Guck mal, sind meine neuen Sandalen nicht schön? Echtes Plastik. Und mit Neon auf den Riemchen. Elna hatte nur noch das eine Paar in ihrem Laden.»
Mimi betrachtete die Sandalen.
«Welche Größe ist das?»
«Einunddreißig. Das siehst du doch.»
«So klein!»
«Welche Größe hast du denn?»
«Bestimmt zweiunddreißig – mindestens. Aber ich hab ja keine Sandalen.»
«Ich glaub fast, du bist neidisch, Mimi. Die sind in Hongkong hergestellt.»
Lindas Mama, die sehr ordentlich und gerade auf dem Rücken lag, nahm ihren kleinen Nasenschutz ab und hob den Kopf. «Zankt euch nicht, Mädchen», ermahnte sie die beiden, «und sitz nicht im Schatten, Linda. Sonst wirst du nie braun.»
Im selben Augenblick ertönte ein Pfiff, den Mimi sofort erkannte. Er kam von dem hohen Holzzaun weit hinten, der die öffentliche Badeanstalt «Drei Anker» umgab.
Mimi lief zum Zaun und sah Arnes Kopf über den Planken. Er war vor Anstrengung ganz rot im Gesicht. Nachdem er Mimi auf sich aufmerksam gemacht hatte, legte er einen Finger an die Lippen. Wahrscheinlich glaubte er, sie würde jetzt still sein.
«Hallo, Arne!», schrie Mimi. «Hast du eddie auch mitgebracht?»
«Schnauze!», brüllte Arne drohend. «Geh und rede mit dem Bademeister, damit ich reinkommen kann.»
«Worüber?», fragte Mimi. «Was soll ich denn mit dem reden? Ich kenn den doch gar nicht.»
Arne verdrehte die Augen. Sein Gesicht wurde noch röter. Es musste ziemlich anstrengend sein, auf einem öffentlichen Holzzaun zu hängen.
«Red über irgendwas», sagte er stöhnend. «Das Wetter! Schweine. Den Weltraum.»
«Ach so.»
Beruhigt ging Mimi davon. Der Bademeister war nicht schwer zu finden. Er saß fast immer auf einem besonderen Stuhl. Er hatte kurz geschorene rote Haare und einen ziemlich griesgrämigen Mund. Außerdem trug er einen Pullover, auf dem Bademeister stand.
Wetter, Schweine, Weltraum!, wiederholte Mimi leise im Kopf. Wetter, Schweine, Weltraum. Dann konzentrierte sie sich und sprach den Bademeister an.
«Hallo.»
«Was is’ los?», fragte der Bademeister und starrte sie an.
«Schönes Wetter heute», sagte Mimi.
«Ja», sagte der Bademeister, «prima Wetter.»
Er rülpste ein bisschen und hob ein Donald-Duck-Heft auf, das unter seinem Stuhl lag. Eine Weile blätterte er darin, dann fing er an zu lesen.
«Morgen gibt’s vielleicht Regen», sagte Mimi.
«Ja, ja, ja», sagte der Bademeister. «Willst du nicht baden gehen?»
«Möchte mal wissen, wie Schweine dieses Wetter finden», fuhr Mimi fort. «Schweine haben ja ein ziemlich dickes Fell. Hast du schon mal darüber nachgedacht?»
Der Bademeister gähnte und guckte auf die Uhr. Dann guckte er Mimi an.
«Du, heute kann man ganz leicht einen Sonnenstich kriegen», sagte er ernst. «Es ist wohl das Beste, wenn du ins Wasser gehst.»
«Die Sonne!», rief Mimi fröhlich aus. «Hast du schon mal daran gedacht, dass die Sonne im Weltraum festsitzt?»
Der Bademeister stöhnte. Im selben Augenblick hörte man einen heftigen Plumps. Das war Arne, der auf dem Plattenweg unter dem Zaun gelandet war. Zum Glück mit den Füßen voran. Der Bademeister las weiter und Mimi stürzte zu Arne. Er sah sie anerkennend an.
«Gute Arbeit», sagte er.
Mimi wurde rot.
«Das war doch kein Kunststück», sagte sie, «ich habe nur ein bisschen über das Wetter, Schweine und den Weltraum geredet.»
Arne guckte zum Zaun hoch.
«Hast du Eddie nicht mitgebracht?», fragte Mimi.
Arne kratzte sich am Kopf.
«Mir war so, als hätte ich was am Fuß, als ich rübergeklettert bin. Zuerst hab ich gedacht, es wäre ein Hundeschiss, aber wenn ich es jetzt richtig bedenke, glaub ich fast, es war Eddie.»
Er hatte noch nicht ganz zu Ende geredet, da landete etwas zwischen ihnen und wälzte sich unter großem Geschrei auf der Erde.
«O Eddie, du hast dir doch nicht wehgetan?», sagte Mimi.
Aber Eddie schüttelte sich nur wie ein junger Hund und dann stand er da und sah wieder ganz fröhlich aus.
«Jetzt hast du mal wieder alles kaputtgemacht», zischte Arne und guckte zum Bademeister. Der hatte sein Heft von sich geworfen und kam mit großen Schritten auf sie zu.
«Ich hab dich wohl gesehen!», brüllte er und zeigte auf Eddie.
«Wirklich?», sagte Eddie und rückte näher an Arne heran.
«Natürlich hab ich das, du Idiot!», brüllte der Bademeister. «Und jetzt mach, dass du verschwindest, aber fix!»
«Immer mit der Ruhe, lieber Bademeister», sagte Arne. «Es wird nicht wieder vorkommen.»
«Vorkommen, was soll das denn heißen?», fragte Eddie neugierig. Arne setzte einen Fuß auf Eddies Fuß. Er sah dem Bademeister in die Augen.
«Du weißt doch», sagte er, «dass unserm Vater das Bad gehört. Und er hat gesagt, dass wir hin und wieder über den Zaun kommen und kontrollieren sollen, ob die Bademeister auch nicht schlafen. Und das hast du ja nicht getan. Das werden wir unserem Vater berichten. Du fliegst also nicht raus.»
«Wie?», sagte der Bademeister und fummelte an seinem Ohrläppchen. «Was ist mit eurem Vater?»
«Direktor Andersson von Schmidt», zischte Arne. «Ihm gehört das Bad, das weißt du doch!»
Der Bademeister dachte eine Weile nach. Dann leuchtete es in seinem Gesicht auf.
«Nee, du», sagte er. «‹Drei Anker› gehört der Stadt, das weiß ich.»
«Ja, früher», sagte Arne lachend. «Früher hat das Bad der Stadt gehört. Ganz richtig. Du bist nicht dumm. Aber jetzt hat unser Alter den ganzen Klumpatsch gekauft. Wenn du dich ordentlich aufführst, kriegst du vielleicht eine Gehaltserhöhung. Ich könnte dir das Ganze beweisen, aber ich hab meinen Personalausweis zu Hause vergessen. Oje, oje, guck mal die Tante dahinten. Ich glaub, die ertrinkt gerade. Vielleicht solltest du dich besser um sie kümmern.»
Der Bademeister schaute verwirrt zum Schwimmbecken, dann warf er Arne einen verbiesterten Blick zu.
«Das halt ich nicht mehr aus», murmelte er. «Das ist zu viel. Bilde dir bloß nicht ein, dass du mir wer weiß was erzählen kannst. Aber ich hab jetzt zu tun. Deswegen darf der Kleine bleiben.»
Er ging zum Beckenrand und beobachtete die Frau, die sich treiben ließ.
«Ich mach nur Wassergymnastik!», rief sie ihm zu und lächelte.
Der Bademeister drehte sich wieder zu Arne um.
«Und außerdem kannst du deinem Alten sagen, dass ich einen größeren Pullover brauche!»
Aber Arne, Eddie und Mimi lachten nur.
«Erster!», schrie Eddie und sprang mit einem Riesenplatsch ins Wasser und Mimi und Arne kamen gleich hinterher.
Das meiste von dem Platsch traf leider den Bademeister, der sich wieder in seinen Stuhl gesetzt hatte. Aber er seufzte nur ein wenig, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Bald ist es Herbst, dachte er zufrieden.
Diverse Platsche
Im Schwimmerbecken ging alles durcheinander. Kinder sprangen von allen Seiten ins Wasser mitten hinein in lauter Sachen, die man keinesfalls mit ins Wasser nehmen durfte. Neben einer Luftmatratze trieb ein dicker schwarzer Autoreifen. Auf der Luftmatratze lag ein Herr in geblümten Badehosen und versuchte, eine Wirtschaftszeitschrift zu lesen. Unter der Luftmatratze versuchten Arne und Mimi Purzelbäume zu schlagen. Eddie saß am Beckenrand und wartete gespannt darauf, dass die Luftmatratze umkippte. Sie schlingerte hin und her. Der Mann, der darauf lag, schien überhaupt nichts zu merken. Er studierte gründlich eine lange graue Tabelle, von der man ablesen konnte, wie viel Geld verschiedene Firmen in der letzten Zeit verdient hatten. Das war offenbar sehr interessant, denn er merkte nicht einmal, dass die Luftmatratze im Kreis herumwirbelte. Mimi und Arne spielten mit der Luftmatratze. Hin und wieder tauchten ihre Köpfe kurz über der Wasseroberfläche auf, aber meistens hielten sie sich unter Wasser und sorgten dafür, dass die Luftmatratze sich immer schön bewegte. Eddie setzte sich bequem zurecht. Es war ja klar, dass hier gleich was passieren würde.
Und das tat es auch.
Plötzlich wirbelte die Luftmatratze herum und bekam einen besonders heftigen Stoß von unten. Der Mann brüllte auf und verschwand mitsamt seiner Zeitschrift im Wasser. Mimi und Arne schwammen blitzschnell ans andere Ende vom Schwimmbecken.
Als der Matratzenmann prustend an der Wasseroberfläche auftauchte, warf der die nasse Zeitschrift auf den Beckenrand, genau neben Eddie, der ganz allein dasaß und vor sich hin kicherte.
Immer noch prustend stemmte sich der Mann hoch. Dann packte er Eddie so hart am Oberarm, dass Eddie aufschrie.
«Du unerzogenes, widerliches Gör du!», brüllte der Mann.
Dann sah er sich um, ließ Eddie los, nahm seine Zeitschrift und marschierte davon über den Rasen. Ehe er in den Umkleidekabinen für Herren verschwand, drehte er sich zu Eddie um und drohte mit der Faust.
«Ich werd schon rauskriegen, wie du heißt, darauf kannst du dich verlassen!», schrie er.
Eddie guckte ihm erstaunt nach.
«Das brauchst du nicht!», rief er. «Ich weiß schon, wie ich heiße: Eddie Schmidt!!!»
Eine Weile später kamen Mimi und Arne ruhig zu Eddie spaziert, der nachdenklich auf dem Beckenrand saß.
«Warum war der alte Kerl denn so sauer auf dich, Eddie?», fragte Arne grinsend.
Eddie zuckte mit den Schultern.
«Der war blöd», sagte er. «Er dachte, ich weiß nicht, wie ich heiße.»
«Vielleicht hat er geglaubt, du hättest die Luftmatratze umgekippt», erklärte Mimi ihm freundlich.
«Meinst du wirklich?» Eddies Augen wurden ganz rund vor Staunen. «Hat er geglaubt, ich könnte eine ganze Luftmatratze mit einem dicken Mann umschmeißen? Nicht schlecht!»
«Nee, du bist echt stark, Eddie», sagte Arne lachend. «Nicht mal ich kann dich ins Wasser werfen.»
Arne tat so, als ob er sich damit abrackerte, Eddie ins Wasser zu werfen, der wie ein Fisch an Land zappelte.
In dem Augenblick kam Linda in ihren neuen Badesandalen am Beckenrand entlangspaziert.
«Komm und hilf mir, Eddie ins Wasser zu schmeißen», sagte Arne keuchend. Mimi jaulte vor Lachen.
«Nein, das tu ich nun wirklich nicht, Arne Schmidt», zischte Linda. «Es ist gemein, Leute ins Wasser zu werfen, die gar nicht baden wollen.»
«Aber ich will doch baden!», rief Eddie.
«Na also», sagte Arne und warf Eddie mit einem Platsch in das Schwimmerbecken.
Eddie sank ganz tief und hielt die Augen offen. Er wedelte ein bisschen mit den Armen und hatte kein bisschen Angst, während er wieder an die Oberfläche glitt. Er fand es dort unten sehr hübsch.
Als er wieder oben war, paddelte er wie ein Hund zum Beckenrand und arbeitete sich hinauf wie ein Löwe. Er schüttelte den Kopf, dass ihm die Wassertropfen aus dem Haar flogen.
«Ich behalt einen kühlen Kopf», sagte er zu sich selbst. «Ich behalt einen kühlen Kopf, aber nur ich allein weiß das. Und noch einer.»
«Was murmelst du da, Eddie?», fragte Arne. «War es schön im Wasser?»
Mimi und Linda sprangen hinein und schwammen, wie kleine Mädchen schwimmen. Linda trug kleine gelbe Schwimmflügel an den Armen und auf dem Rücken große Nüsse aus Styropor.
«Wir machen noch eine Bahn Brustschwimmen», schlug Mimi vor.
Sie schwammen noch eine Bahn, sehr hübsch und sehr würdevoll, und sie hielten ihre Köpfe über dem Wasser erhoben wie Schwäne, damit ihre Haare nicht nass wurden.
«Linda, Liebling», hörten sie plötzlich die Stimme von Lindas Mama über sich. «Lass mal sehen, ob du schon blaue Lippen hast. Du hast doch keinen Krampf gekriegt? Ich finde, du schwimmst sehr komisch. Habt ihr das so beim Schwimmunterricht gelernt?»
Lindas Mama wurde von einem fröhlichen Gebrüll unterbrochen, das so laut war, dass alle, die sich auf ihren Handtüchern sonnten, erschrocken aufguckten.
«Hallo, Mimi, wo bist du?»
«O Papa», flüsterte Mimi unglücklich unten im Wasser. «Nicht so laut!»
Mimis Papa Oskar kam über den Rasen angeschlendert und schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Er trug seine Briefträgeruniform, die für den Sommer. Das heißt, er hatte kurze blaugraue Shorts an, die mit hübschen gelben Posthörnern gesäumt waren. Jetzt entdeckte er Mimi.
«Hallo, Mimi! Du bist ja schon im Wasser. Mama hat gesagt, du bist hier, und da habe ich gedacht, ich tauch auch mal schnell unter.»
Jetzt hatte Eddie Mimis Papa entdeckt und kam angestürmt. Eddie streichelte Papa Oskars behaarte Beine und lächelte ihn an.
«Hallo, Oskar», sagte er.
Oskar guckte erstaunt hinunter auf Eddie.
«Hallo, du. Kennen wir uns? Na klar, du bist doch mit uns in Dänemark gewesen, Arnes kleiner Bruder. Wie heißt du noch gleich?»
Eddies Lächeln erlosch und er nahm die Hand weg.
«Heddie», flüsterte er.
Oskar ging gar nicht erst in die Umkleideräume für Herren. Er warf Hemd und Shorts, Sandalen und Strümpfe von sich, wo er stand. Zum Glück hatte er schon seine Badehose drunter an – eine grüne mit weißen Störchen drauf.
Mimi kam angestürzt und nahm ihn bei der Hand.
«Komm, Papa, wir wollen zusammen baden.»
Oskar und Mimi sprangen mit einem gewaltigen Platsch ins Wasser. Arne, Eddie und Linda guckten zu.
Oskar schwamm lange unter Wasser. Er schwamm bis zum Sprungbrett. Dort hielt er sich mit beiden Händen fest und hievte sich ziemlich drahtig hinauf. Da lag er dann und sah aufgeblasen aus, während ihm das Wasser aus dem Schnurrbart tropfte.
Mimi kehrte zu ihren Freunden zurück.
«Hich möchte wissen, was her als Nächstes macht», sagte Eddie.
«Wahrscheinlich einen richtigen Bauchklatscher», sagte Arne.
«Papa!», schrie Mimi. «Ich hab Hunger!»
«Ich auch», sagte Eddie.
Oskar saß mit gekreuzten Armen da und ließ die Beine überm Wasser baumeln.
«Schade», sagte er, «ich nicht. Ich hab nämlich im Dienst gegessen. Kriegt ihr denn in der Schule nichts zu essen? Oder ist das Essen vielleicht nicht gut?»
«Aber P-a-p-a!», heulte Mimi. «Wir haben doch Sommerferien!»
«Na klar», sagte Oskar lachend und strich über seinen Schnurrbart. «Ich hab doch bloß Spaß gemacht.»
Dann machte er unbekümmert einen Köpfer ins Wasser (und keinen Bauchklatscher) und kraulte wie besessen im Becken herum.
Mimi seufzte. Arne wandte sich an Linda.
«Hat deine Alte was zu mampfen dabei?»
«Vielleicht Zimtwecken», antwortete Linda zögernd. «Die hat Oma gebacken. Aber ich weiß nicht, ob ich euch davon abgeben darf. Und übrigens will ich gar nichts essen. Sonst darf ich erst in sechzig Minuten wieder baden.»
«Warum denn das?», fragte Arne interessiert.
«Wenn man eher badet, sinkt man auf den Meeresgrund und muss sterben», sagte Linda.
«Vielleicht so?», fragte Arne und machte einen Riesensatz ins Wasser. Er rollte sich wie ein Ball zusammen und verschwand. Eddie stürzte zum Beckenrand.
«Arne! Harne!» Er schrie wie am Spieß.
«Ganz ruhig, Eddie», sagte Mimi und nahm Eddies kleine kalte Hand in ihre weiche warme. «Das ist nur Spaß. Wahrscheinlich hat er das in Stockholm gelernt.»
Sie standen am Beckenrand und versuchten, Arne unten im Wasser zu entdecken. Mimi fand auch langsam, dass es lange dauerte, aber sie wollte Eddie keine Angst machen. Sie drückte seine Hand. «Er kommt gleich», sagte sie. «Es reicht bestimmt, wenn wir ein bisschen Mund-zu-Mund-Beatmung mit ihm machen.»
«Was ist das denn?», flüsterte Eddie. «Kann man das essen?»
In dem Augenblick hörten sie Arnes Stimme vom anderen Ende des Beckens.
«Was sucht ihr denn da? U-Boote?»
«Quatsch», sagte Mimi.
«Quatsch», sagte Eddie.
«Ich hab eine Idee!», rief Arne. «Wir gehen im ‹Goldenen Schwan› essen.»
Mimi und Eddie fanden, das war eine ausgezeichnete Idee. Im «Goldenen Schwan» arbeitete Mimis Mama als Kellnerin, und in der großen Küche des Restaurants konnte man ganz gute Sachen kriegen. Arne, Eddie und Mimi holten ihre Kleider und gingen an Linda vorbei, die auf einem Handtuch bei ihrer Mama saß.
«Wohin wollt ihr?», rief sie.
«In die Kneipe», antwortete Arne.
«Darf ich mit?», fragte Linda.
«Nein», sagte ihre Mama energisch.
Arne grinste.
«Ich hätte euch sowieso nicht zu Omas Zimtwecken einladen dürfen», sagte Linda und war sauer.
In dem Augenblick erinnerte sich Mimi an ihren Papa. Er kraulte immer noch im Becken herum.
«Papa!», schrie Mimi.
Oskar hörte nicht.
«Oskar!», schrie Eddie.
Oskar hörte sofort auf zu schwimmen und guckte zu den Kindern.
«Hallo, Mimi, wohin willst du?»
«Wir gehen zu Mimis Alter und essen was!», brüllte Arne.
«Mimis Alte?», sagte Oskar. «Das ist ja meine Frau.»
Ein feuchtwarmer Umschlag
Die Kinder gingen sehr rasch in Richtung «Goldener Schwan», der sieben Häuserblocks vom Freibad «Drei Anker» entfernt lag. Eddie hatte sich seine nasse Badehose wie eine Mütze auf den Kopf gelegt. Es roch nach Spätsommer und fast reifen Äpfeln, als sie an den Gärten der Villen vorbeikamen, aber auf dem Hinterhof vom «Goldenen Schwan» schlugen ihnen andere wohl bekannte Düfte entgegen. Fischkisten, Krabbenschalen, leere Bierflaschen, gemischt mit dem Geruch von Hunde- und Katzenpipi, gaben dem Hinterhof des Restaurants seine ganz besondere Note. Mimi zog die Nase kraus, aber Arne und Eddie holten tief und wollüstig Luft und betrachteten neugierig all die alten Tonnen, Flaschen und Kisten.
Die schmale schwarze Eisentreppe mit den zerbrochenen Stufen war ganz glitschig. Sie mussten sich gut am Geländer festhalten, damit sie nicht hinfielen. Eddie war froh, dass er sich mit der Badehose den Kopf kühl hielt, während er die glatte, schmale Treppe hinaufkletterte.
In der Küche ging es lebhaft wie immer zu. Roberto stand an dem einen großen Herd und briet Steaks, dass das Fett nur so spritzte. Rodolfo war dabei, rosa Lachs zu schneiden. Die Scheiben formte er zu kleinen Rosen, in die er Dillzweige steckte. Und als die Kinder gerade in die Küche kamen, wurde die Schwingtür, die ins Restaurant führte, aufgestoßen. Elin stürzte mit einem Haufen schmutziger Teller herein. Als sie Mimi entdeckte, freute sie sich so, dass sie fast das Geschirr fallen gelassen hätte.
«O Mimi, wie schön! Und Eddie und Arne hast du auch mitgebracht. Habt ihr Hunger? Habst ihr gebadet? Wollt ihr Lasagne haben? War das Wasser kalt? Hast du Papa getroffen? Vielleicht möchtet ihr lieber Erbsensuppe haben?»
«Lasagne!», riefen Arne und Eddie wie aus einem Mund.
Roberto schüttelte seinen Kopf, sodass ihm die Kochmütze verrutschte, aber er lächelte.
«Was für ein Glück für dich, Elin, dass der Chef heute verreist ist», sagte er.
«Ach, der», sagte Elin. «Übrigens haben es sich die Gäste von Tisch fünf anders überlegt. Sie möchten lieber gebratenen Hering statt Steak.»
Roberto stöhnte. Düster betrachtete er die Steaks, die in den Zwiebeln lagen und vor sich hin zischten. Aber dann leuchtete sein Gesicht auf.
«Möchtet ihr vielleicht Steaks haben, Kinder? Schnell her mit den Tellern!»
Er schob die Steaks auf einer Platte herüber.
«Wir sollten doch Lasagne kriegen, Mama», wandte Mimi ein.
«Still», sagte Arne entschieden. «Sonst ess ich dein Steak auch noch auf.»
Roberto lachte dröhnend, rückte sich die Kochmütze zurecht und begann pfeifend, Heringe in einer anderen Pfanne zu braten.
Arne und Eddie hatten schon längst angefangen zu essen, als Mimi sich endlich an den Tisch setzte. Sie hatte erst einmal eine Serviette unter ihrem Teller ausgebreitet.
Glücklich betrachtete Elin die Jungen.
«Meine Güte, was ihr alles verdrücken könnt, Jungs», sagte sie. «Es ist eine Freude, euch zuzusehen.»
«Ja, ja, kleine Mama», ärgerte Rodolfo sie und streichelte ihr über den Kopf.
«Pass auf, meine Frisur!», jammerte Elin.
«Frisur!», rief Mimi. «Mama, jetzt hör aber auf!»
Müde sank Elin auf einen Hocker. Plötzlich wandte sie sich zu Eddie um.
«Aber, mein Kleiner, was um alles in der Welt hast du da denn auf dem Kopf?»
Eddie wurde knallrot und hörte auf zu essen.
Arne riss ihm die Badehose herunter.
«Musst du diesen blöden Bibi auf dem Kopf haben?», fauchte er. «Hast du denn überhaupt keine Tischmanieren?»
«Den hat er schon auf, seit er hier ist, verstehst du», sagte Roberto prustend. Er sprach immer noch mit italienischem Akzent, obwohl er schon acht Jahre beim «Goldenen Schwan» in Schweden arbeitete.
Alle lachten, nur Eddie nicht. Der saß da und stocherte in seinem Essen herum.
Elin musste sich am Kühlschrank festhalten, damit sie nicht umfiel, so witzig fand sie das alles.
«Er hat einen Bibi auf dem Kopf», sagte Arne lachend. Aber in dem Augenblick bemerkte er, dass Eddie traurig war.
Arne wurde sofort ernst.
«Worüber lacht ihr?», brüllte er und warf Elin, Mimi, Roberto und Rodolfo bitterböse Blicke zu. «Seid ihr verrückt, oder was? Eddie hat sich am Kopf verletzt.»
«Hab ich das?», piepste Eddie und starrte seinen großen Bruder mit dunkelblauen runden Augen an.
«Er hat sich am Kopf verletzt, als ihm ein dicker Mann im Nichtschwimmer auf den Kopf gesprungen ist», erklärte Arne mit geheimnisvoller Stimme. «Und der Arzt bei den ‹Drei Ankern› hat ihm einen feuchtwarmen Umschlag gemacht. Das ist gut gegen Verletzungen.»
Roberto wandte sich wieder seiner Heringsbraterei zu.
«Gibt’s einen Arzt bei den ‹Drei Ankern›?», fragte Rodolfo.
Arne sah ihn verächtlich an.
«Das ist doch wohl klar. Die Ärzte müssen doch auch baden, damit sie richtig sauber sind, wenn sie in den Wunden von Leuten herumkratzen. Die Leute verletzen sich doch ständig, weißt du.»
«Jetzt hör aber auf, Arne», sagte Elin ein bisschen streng und nahm Roberto den Teller mit den gebratenen Heringen ab.
Dann verschwand sie durch die Pendeltür.
«Ja, beim Essen redet man nicht», sagte Mimi mit gewichtiger Stimme.
Eddie hatte sich erholt und sein Steak aufgegessen. Er drehte sich zu Roberto um.
«Krieg hich noch heins, wenn hich Harne die Hälfte habgeb?», fragte er.
«Rede ordentlich!», sagte Arne. «... wenn hich Harne die Hälfte habgeb?», ahmte er ihn mit alberner Stimme nach.
«Harne die Älfte habgeb», sagte Eddie mürrisch.
Aber jetzt fing Mimi an zu lachen, dass sie sich verschluckte, und die ganze Mahlzeit endete in einem ziemlichen Durcheinander.
«Hier geht’s ja schlimmer zu als in Italien», sagte Roberto stöhnend. «Jetzt müsst ihr aber verschwinden, damit wir in Ruhe arbeiten können.»
Elin war mit neuen Bestellungen und gestresster Stirn in die Küche zurückgekehrt. Sie umarmte Mimi, Arne und zuletzt Eddie, als ob sie sie mindestens drei Wochen nicht wieder sehen würde.
«Hachte hauf Heddie», sagte Mimi kichernd. «Er hat sich doch verletzt.»
Da riss Eddie sich aus Elins Arm los, holte seine Badehose, die er auf dem Stuhl vergessen hatte, tauchte sie in das Abwaschbecken mit Wasser für benutzte Bratenplatten und setzte sie sich wieder auf den Kopf.
«Jetzt kann hich wieder hordentlich denken», sagte er zu sich selbst, als er hinter den anderen her über den Hof vom «Goldenen Schwan» lief.
Papa kommt nach Hause
Der blaue Laster war schon von weitem auf der Landstraße zu sehen. Er parkte am Straßenrand genau vor dem kleinen Haus. Eddie sah ihn zuerst.
«Papa ist zu Hause!», rief er und begann zu laufen.
Arne sagte nichts, aber er ging auch schneller, warf einen hastigen Blick zum Bauernhof hinüber und ging dann quer über den Acker. Lennart, der Papa der beiden Jungen, saß am Küchentisch und las die Abendzeitung.
«Papa!», schrie Eddie und warf sich in seine Arme. Der Kaffee, der in einem Becher vor Lennart stand, schwappte auf die Wachstuchdecke und die Zeitung, aber Lennart wurde keineswegs böse. Er war ja selbst mal ein Junge gewesen und außerdem hatte er gute Laune. Einmal weil er eine gute Fuhre gehabt hatte, zum anderen, weil er mehrere hundert Kronena auf der Fähre zwischen Dänemark und Schweden bei den Glücksspielautomaten gewonnen hatte.
Arne öffnete die Kühlschranktür und stieß einen Freudenschrei aus.
«Essen, Papa, du hast ja was zu essen gekauft!»
«Klar», sagte Lennart. «Wovon soll man denn sonst leben?»
Er lachte und die Jungen lachten mit und wiederholten: «Wovon soll man denn sonst leben?»
Eddie rutschte vom Schoß seines Vaters, und die beiden Jungen drängelten sich vor dem offenen Kühlschrank, um zu sehen, was Lennart gekauft hatte. Da gab es durchsichtige Pakete mit langen roten dünnen Würstchen, mindestens hundert. Zwei riesige Käselaibe, richtige Stinkerkäse, das merkte man sofort, und in dem einen war Kümmel. Drei Riesenflaschen Coca-Cola und mindestens hundert grüne Bierdosen, auf denen HOF stand. Und auf dem Kühlschrank, in dem Versteck hinter dem Vorhang, gab es noch mehr: Konserven mit Schinken und andere mit Mais, große Chips-Pakete, enorme Plastiktüten mit Gummibärchen und genauso große mit Salmis, extrastark, zwei Flaschen Kirschlikör und ein großes Paket Butter in Silberpapier.
«Muss die Butter nicht in den Kühlschrank?», fragte Arne. Lennarts Heiterkeit verschwand.
«Mehr fällt dir zu all den guten Sachen nicht ein?», zischte er. «Du bist deiner Mutter verdammt ähnlich, du.»
Arne legte die Butter wortlos in den Kühlschrank.
Aber jetzt lächelte Lennart wieder und sein ganzes dunkles Gesicht leuchtete.
«Also, was sagt ihr, Jungs?»
«Nicht schlecht», sagte Arne und nahm sich ein kaltes rotes Würstchen und begann zu essen.
«Ich auch», sagte Eddie und da wollte Lennart auch eins haben. Sie legten das Paket mitten auf den Tisch und knabberten Würstchen. Arne öffnete eine Flasche Coca-Cola und er und Eddie tranken abwechselnd daraus. Lennart öffnete eine Dose Bier und stellte das Radio an. Es war gemütlich.
«Bist du in Dänemark gewesen?», fragte Eddie nach einer Weile. «Das merkt man am Essen.»
Lennart nickte wohlwollend.
«Du bist nicht dumm, kleiner Mann. Ja, ich hatte Freitag eine Fuhre nach Ålborg. Was Besseres konnte mir gar nicht passieren. Leichte Ladung, kein Zoll, kaum Verkehr.»
Arne sah ihm in die Augen.
«Warum hast du keinen Zettel geschrieben?», fragte er.
«Einen Zettel?», fragte Lennart. «Hab ich das denn nicht gemacht?»
«Nein, das hast du nicht. Und wir wussten nicht, wo du warst. Und was zu essen oder Knete gab’s auch nicht.»
Arnes Stimme zitterte ein bisschen.
«Knete, was ist das denn? Kann man das essen?», fragte Eddie.
«Hör auf, mit mir rumzumeckern, Arne», sagte Lennart. «Wenn du meckerst, bist du deiner Mutter wirklich sehr ähnlich.»
Arne war seiner Mutter tatsächlich sehr ähnlich. Er hatte ein ziemlich rundes Gesicht und eine Stupsnase. Aber er hatte braune Augen wie sein Papa. Und eine Brille mit runden Brillengläsern.
Eddie hatte dunkelblaue Augen, genau wie seine Mama. Aber sonst glich er aufs Haar seinem Papa: das schmalste Gesicht der Welt mit einer geraden kleinen Nase. Ein breiter Mund, der sehr traurig und sehr fröhlich sein konnte. Sehr unruhige dunkle Augenbrauen und viel strubbliges Haar, fast schwarz.
Lennart war am schwärzesten, und häufig, wie jetzt, hatte er sich mehrere Tage nicht rasiert. Dann wurde das ganze Gesicht dunkel. Aber er hatte sehr weiße Zähne, und wenn er lächelte, leuchtete sein Gesicht wie ein warmer sonniger Tag. Viele Leute glaubten, Lennart käme aus einem anderen Land, vielleicht aus Italien oder Spanien oder Griechenland. Aber so war das nicht. Er kam aus Bohuslän in Schweden. Das kapierte jeder, der ihn reden hörte. Und jeder konnte sehen, dass Lennart Eddies Papa war, obwohl sie verschiedenfarbige Augen hatten.
Einmal hat Eddie mit seinem Papa was bei der Bratwurstbude eingekauft (oh, das war schön!), und die Tante in der Bratwurstbude war neu. Die Tante war nett. Sie zeigte auf Eddie und lachte. Dann sagte sie zu Lennart:
«Den kannst dub nicht verleugnen.»
«Hab ich das denn getan?», fragte Lennart. An dem Tag war er schlechter Laune.
Jetzt schien die Mahlzeit beendet, denn Lennart faltete die Zeitung zusammen, gähnte und ging in die Stube und stellte den Fernseher an, der aber nur rauschte.
Arne machte Feuer im Herd. Eddie schnappte sich schnell drei lange rote Würstchen und füllte die Taschen seiner Jeans mit Gummibärchen. Niemand merkte, wie er rausschlich. Auf halbem Wege zum Bach fiel ihm ein, dass er etwas zu trinken vergessen hatte. Er blieb jäh stehen und wollte schon umkehren. Aber da fiel ihm ein, wie groß die Gefahr war, dass Lennart oder Arne sich irgendeine Arbeit für ihn ausgedacht hatten. Nach einer gemütlichen Mahlzeit konnte es manchmal passieren, dass man plötzlich abwaschen oder fegen musste oder irgendetwas anderes, das die Stimmung kaputtmachte. Eddie dachte nach. Plötzlich begann er, vor sich hin zu lachen. Trinken, wer musste denn was zu trinken holen? Der ganze Bach war doch voller Wasser.
Der Sommer war sehr trocken gewesen und an vielen Stellen war das Gras gelb. Aber am Bach strotzte die Natur von Kraft und Leben.
Die Ufer an beiden Seiten des Baches waren sehr steil. Am besten war es, auf dem Hosenboden runterzurutschen, fünf, sechs Meter tief. Das war gut so, denn viele Leute, die oben auf dem Weg entlanggingen, hatten wahrscheinlich gar keine Ahnung, dass hier unten ein Bach war. Wenn sie nicht gerade das Rauschen vom Wasser hörten. Aber dann glaubten sie vielleicht, sie hörten einen Zug oder einen Rasenmäher oder irgendeinen anderen Quatsch, den Menschen erfunden hatten.
Eddie wusste es besser. Er konnte das Geräusch von plätscherndem Wasser von jedem anderen Geräusch unterscheiden. Eddie spähte die Landstraße entlang. Dort ging der alte Mann mit den sieben Kristallleuchtern. Um den brauchte er sich gar nicht zu kümmern. Er rutschte den steilen Hang hinunter, dass es um seinen Hosenboden nur so pfiff, und landete direkt am Bachufer. Eddie sprang über den umgefallenen Baum und ließ sich an seinem Lieblingsplatz unterhalb des Baumstammes nieder, dort, wo der Bach eine Biegung machte. Das war ein Platz auf der Welt, der ihm allein gehörte, und es war ein guter Platz. Aber im Augenblick umtanzte seinen Kopf eine Wolke von Stechmücken. Eddie kümmerte sich gar nicht darum. Das war die beste Art, mit den Stechmücken fertig zu werden. Er betrachtete den Bach und streckte die Beine aus, sodass seine nackten braunen Füße genau über der Wasseroberfläche waren. Er spürte die Kühle des Wassers unter den Fersen.
«Hich liebe dich, kleiner Bach», sagte Eddie.
Dann zog er die Füße an und dachte lange nach. In die Schule zu kommen war nicht gut. Seinen Bach konnte man nicht mitnehmen. Teddys und so was durfte man bestimmt in der ersten Klasse mitbringen. Aber einen ganzen Bach? Wie würde das aussehen?
«Übrigens», sagte Eddie streng zu sich selbst, «hes heißt nicht hich, es heißt Iiich. Iiiich liebe dich, kleiner Bach!»
Genau hier, wo der Bach eine Biegung machte, hatte man einen Überblick über so ziemlich alles, was von Bedeutung war auf dieser Welt. Er würde es sofort sehen, wenn der Mann mit den fröhlichen braunen Augen wieder kam.
Immer einen kühlen Kopf behalten. Eines Tages kommt er. Eddie war überzeugt, dass man es kaum hören würde, wenn der Mann kam, obwohl er so groß war. Und er hatte bestimmt keine Leibwache wie Maxon Jaxon. Aber ein Messer am Gürtel, das hatte der nette Onkel.
Eddie legte sich auf den Bauch und guckte ins klare Wasser. Hier in der Biegung war es ziemlich tief. Zuerst hielt Eddie Ausschau nach Krebsen, dann nach Fischen und schließlich nach U-Booten. Arne hatte gesagt, dass man hundert Kronen von einer Zeitung bekommen würde, wenn man ein fremdes U-Boot entdeckte.
Eddie zweifelte sehr daran, dass ein ganzes U-Boot in dem kleinen Bach Platz hatte. Aber vielleicht kam ja ein kleines Stück von einem U-Boot vorbei, zum Beispiel ein Periskop. Dann bekam man bestimmt mindestens zwanzig Kronen von dieser Zeitung. Zwanzig Kronen reichten sicher für eine Schildkröte, und eine Schildkröte wünschte Eddie sich im Augenblick am allermeisten. Er wollte eine harte kleine lebendige Wasserschildkröte mit einem roten Fleck hinterm Ohr haben.
Für den Fall, dass tatsächlich ein Periskop angeschwommen kam, wäre Eddie jedenfalls der Erste, der es entdeckte. Er kannte jeden Quadratzentimeter am Ufer. Jede Sumpfdotterblume. Er wusste auch, wo die alte Autobatterie lag und die Schnupftabaksdose, die schon halb aufgefressen war. Von wem? Ja, das musste man sich wirklich fragen.
Er hob die kaputte Schnupftabaksdose auf, nahm den Deckel ab und schnupperte an der Dose. Ein herrlicher Duft. Wenn er schon nicht den ganzen Bach mit in die Schule nehmen konnte, wollte er wenigstens diese Schnupftabaksdose mitnehmen, die nach Bach und Erde roch.
Aber am liebsten hätte er einen Job gehabt. Einen richtigen Job, egal, was für einen. Wenn er es schaffte, einen zu finden, dann brauchte er bestimmt nicht in die Schule zu gehen.
Eddie seufzte und aß ein Würstchen. Es war schwer, sich einen guten Job einfallen zu lassen. Er beugte sich vor und füllte seine Hände mit dem kalten klaren Wasser und wusch sein Gesicht. Dann beugte er sich noch einmal vor und machte seine Haare nass. «Immer einen kühlen Kopf behalten», sagte er mehrere Male zu sich selbst. Er merkte nicht einmal, dass er beobachtet wurde.
Am anderen Ufer des Baches stand ein hoch gewachsener Mann in blauem Overall und grünen Stiefeln und beobachtete Eddie.
Lackschuhe und Eis
«O sole mio ...», hörte Mimi jemanden singen, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung raufging. Sie kicherte. Wenn jemand so sang, dann war das Papa, der übte. Er war aktives Mitglied im Gesangverein der Post «Das gelbe Horn» und probte einmal in der Woche im Keller von Göteborgs Hauptpostamt. Aber da sangen sie nie so fetzige Lieder wie «O sole mio». Das sang er nur zu Hause. «Du darfst mich ruhig den Pavarotti der Kaprifolstraße nennen», sagte er manchmal zu seiner Frau.
Als Mimi die Wohnungstür aufstieß, hörte sie wieder den Refrain.
«O sole mio ...» Der Gesang kam aus der Küche.
Mimi schlich näher und steckte den Kopf in die Küche. Dort stand Oskar und wusch Töpfe ab und grölte: «O sole mio!» Na ja, er grölte nicht wirklich. Ein hoffnungsloser Fall war er nicht. Mimi sang mit:
«O sole mino, komm mit ins kino!»
Oskar ließ die Spülbürste fallen und umarmte Mimi, dass das Abwaschwasser nur so spritzte.
«O Mimi, das ist eine prima Idee», sagte er. «Am helllichten Tag ins Kino, das ist toll. Wer kommt alles mit?»
Mimi legte eine Hand auf seine Stirn.
«Bist du vielleicht krank?», fragte sie. «Heute wollen wir doch Schuhe für mich kaufen.»
«Ach ja», sagte Oskar seufzend und nahm die Spülbürste in die Hand. «Ich denk auch immer nur ans Vergnügen. Zuerst Post austragen – alle diese blöden Möbelkataloge, warum müssen sich die Leute eigentlich jeden Herbst neue Möbel kaufen? –, dann im ‹Drei Anker› schwimmen und jetzt Schuhe kaufen.»
«Wir können ja ein andermal ins Kino gehen», tröstete Mimi ihn. «Aber nicht in ‹Zorro›.»
«Warum nicht in ‹Zorro›, warum eigentlich nicht?», sagte ihr Papa mit alberner Stimme.
«Weil wir den schon zweimal gesehen haben, und jetzt hör auf mit dem Quatsch», sagte Mimi. «Sonst darfst du nicht mitgehen und mir Schuhe kaufen.»
Aber das durfte er dann doch.
Sie verließen die sonnenbeschienene Straße und betraten Elnas dunklen Schuhladen. Dort duftete es nach Kaffee und Leder. Elna war Enoks Schwester. Sie hatte den Laden nach Enoks Tod geerbt und interessierte sich viel mehr fürs Verkaufen, als Enok das getan hatte. Er war der Meinung gewesen, die Leute sollten sich mit den Schuhen begnügen, die sie schon hatten, und nicht dauernd neue kaufen. Aber Elna wollte Geld verdienen, damit sie zweimal im Jahr auf Urlaub in den sonnigen Süden fahren konnte, vorzugsweise nach Mallorca. Sie war ständig braun wie ein Lederschuh.
«Hallo, Elna!», rief Oskar. Elna kam sofort hinter dem Vorhang hervor, den sie aufgehängt hatte, damit niemand sehen konnte, wie sie in dem kleinen Zimmer hinter dem Laden saß und Kreuzworträtsel löste. Sie strich ihren braunen Faltenrock glatt und sah ihre Kunden an.
«Ja bitte?», sagte sie.
«Wir brauchen neue Schuhe für Mimi», sagte Oskar. «So richtig feine Schuhe. Wie heißen die noch gleich?»
«Janet-Jackson-Schuhe», flüsterte Mimi ihrem Papa zu.
«Sei nicht albern», sagte Oskar lachend. «Sag’s lieber gleich Elna. Ich verkauf doch keine Schuhe.»
Mimi wurde rot und schwieg.
«Äh ... ja also ... Janet-Jackson-Schuhe», sagte Oskar zu Elna. «Wenn du die hast.»
«Was für Dinger?», fragte Elna. «Gibt’s schon wieder ein neues Fabrikat, das ich noch nicht kenne?»
Mimi kicherte und zeigte auf ein Regal.
«Ach so, die Lackschuhe», sagte Elna, «ich verstehe.»
Mimi probierte die Schuhe an, Größe dreiunddreißig. Gleich das erste Paar saß wie angegossen. Die Schuhe waren blitzblank schwarz und auf jedem Schuh waren eine rote und eine grüne Schleife. Das waren die schönsten Schuhe, die Mimi jemals leibhaftig gesehen hatte.
«Janet Jackson singt und tanzt», erklärte Oskar Elna freundlich. «Sie ist die Schwester von Michael Jackson und trägt solche Schuhe bei ihren Auftritten. Jedenfalls so ähnliche Schuhe.»
«Genau solche Schuhe», sagte Mimi.
«Du kennst doch Michael Jackson?», fragte Oskar Elna.
«Ich weiß nicht», sagte Elna. «Wohnt der hier in der Stadt?»
Die Schuhe kosteten dreihundertneun Kronen.
«Jetzt müssen wir die ganze Woche Knäckebrot essen», sagte Oskar, als sie wieder auf der Straße waren.
«Dann ess ich lieber bei Mama im Restaurant», sagte Mimi lachend.
Oskar sah sie verwundert an.
«Ja, jetzt bist du schon richtig groß, Mimi», sagte er. «Montag kommst du ja schon in die dritte Klasse.»
«Darf ich dann meine neuen Schuhe anziehen?», fragte Mimi.
«Da musst du Mama fragen», sagte Oskar. «Dort kommt sie übrigens grade.»
Tatsächlich kam Elin die Straße entlanggestürmt. Sie sah die beiden nicht einmal. Oskar und Mimi mussten mehrere Meter hinter ihr herschleichen, ehe sie sich umdrehte. Aber dann freute sie sich. Mimi holte die Schuhe aus dem rosa Karton und zeigte sie ihrer Mama.
«Die sind ja toll, Mimi. Das sind ja genau solche, wie ... wie ... wie heißt er noch gleich ... wie Prince hat.»
Mimi seufzte, aber sie war trotzdem froh. Montag fing die Schule wieder an, und dann würde sie alle wieder sehen, nicht nur die, die in der Nähe wohnten und die den Sommer über zu Hause geblieben waren, und sie würde ihre Jackson-Schuhe anziehen oder die Lackschuhe, wie Elna sagte. Vielleicht würde sie sie Lackson-Schuhe nennen. Und ihre Haare wollte sie ganz oben auf dem Kopf zu einem Knoten drehen, ungefähr wie ein kleiner Schornstein sollte das aussehen. Und dann das rosa Minnie-Pig-Kleid und ein großes sauberes Pflaster auf dem Knie. Das Problem waren die Strümpfe. Was für Strümpfe?
«Mimi, Mimi! Wir reden mit dir!», schrie ihre Mama.
«Was – wie bitte?»
Mimi hatte Zeit und Raum vergessen und jetzt wollten ihre Eltern unbedingt ins Café und Eis essen. Da musste sie ja wohl mit.
Bald saßen sie draußen in der Sonne an einem Cafétisch und leckten Blaubeereis. Elins Waffeltüte ging natürlich kaputt und das Eis tropfte heraus. Sie musste abwechselnd oben und unten lecken. Mimi fand ihre Mama meistens ja ganz nett, aber sie wünschte, dass Elin endlich lernte, mehr wie eine richtige Mama Eis zu essen.
«Stell dir vor, Montag fängt die Schule an», sagte Elin verträumt. «Dann ist es Herbst.»
«Und dann kommt Weihnachten», sagte Oskar, «dann muss ich wieder Weihnachtskarten schleppen. Hexenschuss, klar.»
«Und dann kommt der Frühling», sagte Elin, «dann hör ich auf zu rauchen.»
Mimi schüttelte den Kopf.
«Ihr seid verrückt», sagte sie. «Krieg ich noch ein Eis?»
Mimi hatte nicht gezählt, wie viele Eis sie in diesem Sommer gegessen hatte. So was konnte Linda viel besser. Sie hatte jedes Eis, das sie gegessen hatte, in einem karierten Heft aufgeschrieben, und ihr Papa hatte versprochen, alles in den Computer einzugeben. Schrecklich, nicht?
«Freust du dich, dass du deine goldige Lehrerin wieder triffst?», fragte Elin und lächelte Mimi an.
Es gab keine Mama auf der ganzen Welt, die so viele wichtige Sachen vergaß wie Elin. Man konnte froh sein, wenn sie sich überhaupt daran erinnerte, dass sie eine Tochter, ein Heim und einen Mann hatte. Komische Sachen konnte sie merkwürdigerweise behalten. Sie erinnerte sich zum Beispiel daran, wie ein Kellner in einer bestimmten Bar in Paris hieß, in der sie mal vor siebzehn Jahren ein Glas Tomatensaft getrunken hatte. Und wie er ausgesehen hat (Pferdeschwanz).
«Wir haben keine goldige Lehrerin mehr», sagte Mimi. «Hast du das vergessen? Die hat doch aufgehört, weil sie ein Baby bekommt. Wir wissen überhaupt noch nicht, wen wir kriegen.»
«Ach ja, so war das», sagte Elin zufrieden. «Jetzt fällt es mir wieder ein. Aber alle Lehrerinnen sind nett.»
«Ja, heutzutage sind alle Lehrerinnen nett», sagte Oskar. «Aber als ich klein war, da wehte ein anderer Wind. Da schlugen die Lehrerinnen mit dem Zeigestock. Meine Lehrerin war so stark, dass die Zeigestöcke wie Streichhölzer durchbrachen, wenn sie uns damit schlug. Ich hab immer noch blaue Flecken davon. In jedem Schuljahr machte meine Lehrerin ungefähr vierunddreißig Zeigestöcke kaputt.»
«Ähh», sagten Elin und Mimi gleichzeitig.
«Und stellt euch mal vor, Eddie kommt in die erste Klasse», sagte Mimi. «Er ist doch noch so klein. Nicht viel größer als ein Popcorn.»
«Eddie, wer ist das denn?», fragte Oskar neugierig.
In dem Augenblick spazierte Linda vorbei. Sie hielt ihre Mama an der Hand.
«Linda!», schrie Mimi. «Komm mal her, guck dir meine Lackson-Schuhe an!»
Linda kam angestürzt und ihre Mama trippelte hinterher.
Mimi hielt ihre Schuhe hoch.
«Oooh», sagte Linda, «solche möchte ich auch haben, Mama.»
Lindas Mama lachte verständnisvoll.
«Man muss nicht alles nachmachen, Linda-Liebling», sagte sie. «Wir finden sicher ein Paar andere Schuhe für dich. Vielleicht nicht ganz so blank.»
Sie gingen weiter zum Marktplatz.
«Bis Montag!», rief Linda Mimi über die Schulter zu. «Ziehst du deine neuen Schuhe an?»
«Darauf kannst du dich verlassen!», schrie Mimi ihr nach.
Elin betrachtete die Lackson-Schuhe interessiert.
«Ob’s die wohl in Größe siebenunddreißig gibt?», murmelte sie vor sich hin.
«Nein, Nein!», riefen Oskar und Mimi gleichzeitig.
«Die gibt’s nur in dreiunddreißig und vierzig», sagte Oskar.
«Ja, das hat Elna tatsächlich gesagt», bestätigte Mimi.
«Ach», sagte Elin erstaunt, «dann muss ich mich wohl mit noch einem Blaubeereis trösten.»
Pulsuz fraqment bitdi.