Kitabı oxu: «Kinder und Jugendliche im Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen»

Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Perspektiven für Theorie, Praxis und Anwendungen im 21. Jahrhundert
Herausgegeben von Arne Burchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz
Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:
https://shop.kohlhammer.de/psychodynamische-psychotherapie
Der Autor

Dr. Volker Langhirt ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut und psychoanalytischer Familientherapeut. Ein Arbeitsschwerpunkt seiner Tätigkeit ist die psychotherapeutische Behandlung von transidenten Entwicklungen Jugendlicher.
Volker Langhirt
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-033760-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-033761-9
epub: ISBN 978-3-17-033762-6
Danksagung
Ich danke insbesondere Herrn Dr. Hopf für die unermüdliche, freundschaftliche und kollegiale Unterstützung dieses Bandes. Er ist für mich seit Jahrzehnten ständiger Ansprechpartner meiner fachlichen Belange und Fragen, die ihn in dieser Zeit nicht selten erreichten. An dieser Stelle möchte ich auch Frau Kastl vom Kohlhammer Verlag danken, die stets Verständnis für meine persönliche Situation beim Schreiben des Buches zeigte und mir insbesondere auch fachliche Vorschläge unterbreitete, die ich gerne aufgegriffen habe.
Ich danke meiner Frau und meinen Kindern abermals, wie in unserer gemeinsamen Zeit des Öfteren, für Ihr Verständnis während der Zeit des Schreibens, in der sie sicherlich auch manchmal »zurücksteckten«. Meine fünf Kinder verhalfen mir in dieser Zeit zu vielen Ideen und Inspirationen aus ihrem vitalen und fantasievollen Leben.
Inhalt
1 Danksagung
2 Einleitung
3 1 Kinderanalyse im Wandel der Zeit
4 1.1 Gesellschaft und Krankheit
5 1.2 Veränderte Lebenswelten für Kinder und Jugendliche
6 1.3 Familie
7 1.4 Werte und Kontextwandel – das Verhältnis der Generationen
8 1.5 Entgrenzung
9 1.6 Neue Medien
10 1.7 Konsequenzen für die Kinderanalyse
11 2 Konflikte
12 2.1 Jugendliche – Die schwierige Zeit der Adoleszenz
13 2.2 Identitätskonflikte
14 2.2.1 Identität – Die eigene Lebens- (und Familien-)geschichte
15 2.3 Konfliktfeld Familie
16 2.3.1 »Problemfeld« Vater
17 2.3.2 »Problemfeld« Mutter
18 2.3.3 Triangulierungsstörungen
19 2.3.4 Problemfeld »Neue Familienformen«
20 2.4 Körper – Austragungsort von Konflikten
21 2.4.1 Körper als Schauplatz jugendlicher Konflikte
22 2.5 Konfliktfeld Schule
23 2.5.1 Schulangst und Schulphobie
24 3 Störungsbilder
25 3.1 Neue Störungsbilder
26 3.2 Geschlechtsspezifische Störungsbilder
27 3.3 Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
28 3.4 Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
29 3.5 Konflikte der sexuellen Entwicklung
30 3.5.1 Jugendliche Sexualität auf Abwegen
31 3.6 »Neue« Ängste
32 3.7 Depression
33 3.7.1 Suizidalität
34 4 Ausblick
35 5 Schlussfolgerungen
36 Literatur
37 Stichwortverzeichnis
Einleitung
Zentrales Anliegen dieses Bandes stellt die vieldiskutierte Thematik »neuer Störungsbilder« bei Kindern und Jugendlichen dar. Eltern wie auch Kolleginnen und Kollegen1 sind des Öfteren der Meinung, dass sich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren wesentlich verändert habe und damit neue Facetten psychischer Auffälligkeiten im Alltag und in der Praxis erscheinen. Auch ich selbst bin mit der von mir persönlich in den letzten Jahren empfundenen Veränderung des Lebensalltags und der damit zusammenhängenden Symptomatik meiner Patienten befasst. Diese Gedanken führten zu der Konzeption des nun vorliegenden Buches. Insbesondere das Spannungsverhältnis sich stetig verändernder gesellschaftlicher Impulse und der sich in der Folge ergebenden »Produktion neuer Störungsbilder« bei Kindern und Jugendlichen möchte ich näher betrachten.
Zunehmend ist in den letzten Jahren gesellschaftlich die Tendenz zur Selbstoptimierung zu beobachten. Funke (2016) hat seinem Buch den Titel »Idealität als Krankheit?« gegeben. Grenzenloser Konsum, Grandiosität und Allmacht, Effektivität, Souveränität, Selbstoptimierung u. a., all das wandelt sich zu Metaphern unserer Gesellschaft, während die eigene Begrenztheit und Endlichkeit verleugnet wird. Der Impuls, sich diesen Idealen zu unterwerfen, steht in engem Zusammenhang mit der Zunahme psychischer Erkrankungen. Auch die Psychotherapie ist davon betroffen, da sie eine Anpassung an gesellschaftliche Idealbilder erreichen soll. Der Psychotherapeut muss sich diesen Strömungen stellen und in seine Arbeit mit einbeziehen. Funke sieht beispielsweise als wichtigsten Indikator in der menschlichen Entwicklung die Verinnerlichung stabiler Beziehungen in der Kindheit (ebd., S. 28), um sich im weiteren Leben nicht an Abwehrmechanismen klammern zu müssen. Krankheit steht in einem Verhältnis zu Gesundheit, Auffälligkeit zu Normalität.
Was bedeutet im gesellschaftlichen Kontext »normal«?
Seit jeher unterliegt der Begriff der Normalität den Interpretationen im jeweiligen kulturellen Kontext. Sowohl die theoretischen Konzepte der Kinderpsychotherapie wie auch der praktische Alltag des Psychotherapeuten sind davon stark beeinflusst. Die »Abstinenz« vergangener Epochen sollte unter diesen Bedingungen neuen Konzeptionen und Überlegungen unterzogen werden. Die Kinderanalyse beschäftigt sich mit der inneren Welt des Kindes/Jugendlichen und der Etablierung psychischer Strukturen im Entwicklungsprozess. Vor diesem Hintergrund bietet sie als Wissenschaft die geeigneten Voraussetzungen für einen entsprechenden Diskurs. Eines möchte ich an dieser Stelle festhalten, der Leser wird im Folgenden merken, dass dies ein zentrales persönliches Anliegen meiner Seite darstellt: Der gesellschaftliche Rahmen und seine Veränderungsprozesse, das heißt auch die zur Erkrankung verursachenden gesellschaftlichen Phänomene, bleiben leider oft unberücksichtigt.
Welchen Grund gibt es hierfür?
Die Antipsychiatrie, die italienische Bewegung, Richter, Hopf und andere präsentierten einen Ansatz, der die soziale Umgebung des Patienten in die Behandlung miteinbezog. In einer Welt, in der scheinbar alles machbar ist und das Individuum mit seinen unzähligen Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens im Vordergrund steht, kommt diese Sichtweise kaum noch in Betracht. Auch die Psychotherapie und ihre Forschungsstudien fokussieren zunehmend Technik und Spezialisierung in der Behandlung des Individuums und tendenziell weniger soziale Umweltfaktoren. Tschuschke (2019) mahnt vor dem Hintergrund der Wandlungen und Besorgnis erregenden gesellschaftlichen Impulse die Notwendigkeit eines öffentlichen Appells und Mitwirkens der kindertherapeutischen Fachwelt an. Mit ihrer über 100-jährigen Erfahrung wäre sie besonders für den Diskurs künftiger Entwicklungsbedingungen, protektiver Faktoren und anderem geeignet.
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und seiner Begrenztheit sind in Zeiten schneller Reparationsleistungen und dem Drang nach Selbstoptimierung hinderlich und bergen in sich die Gefahr des Protests und der kritischen Haltung. Die Kinderanalyse ist ähnlichen Prozessen unterworfen und in der Gefahr, im öffentlichen Diskurs nur noch eine Randposition einzunehmen. Jedoch bietet insbesondere die psychoanalytische Sicht eine Möglichkeit, gesellschaftliche Missstände und krankmachende Faktoren, die die künftige Generation belasten, in den Fokus zu rücken. Dieses bedeutet jedoch Zeit und einen verlässlichen Rahmen, der aktuell starker Kritik ausgesetzt ist.
1 Im Folgenden verwende ich in aller Regel, der besseren Lesbarkeit des Buches wegen, das generische Maskulinum. Stets werden dabei beide Geschlechter bzw. alle Geschlechtsformen gleichermaßen angesprochen.
1 Kinderanalyse im Wandel der Zeit
Das Individuum steht in einer nicht auflösbaren Beziehung zu seinem sozialen Umfeld. Dessen stetiger Wandel setzt gewaltige Anpassungsfähigkeiten beim Einzelnen voraus, die gelingen können oder scheitern. Auch die psychoanalytische Haltung des Praktikers ist von dieser sich stetig verändernden Umwelt beeinflusst. Insbesondere Kinder und Jugendliche, Seismographen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, präsentieren in ihren Therapien Konfliktbereiche, die im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Umfeld stehen. Man denke nur an die Veränderung familiärer Systeme, Keimzellen der Gesellschaft. Eine Aufgabe des Kinderanalytikers ist es, sie zu verstehen und die gesellschaftlichen Ursachen hierfür zu erkennen. Die Kinderanalyse sollte auf Stolpersteine der gesellschaftlichen Anforderung hinweisen und sich innerhalb des öffentlichen Diskurses positionieren. Aktuell bestehen gesellschaftlich massive Konflikte der Integration ausländischer Mitbürger, die Praxen werden damit konfrontiert. Zahlreiche fundierte Veröffentlichungen gelangen nicht in die öffentliche Debatte. Die Veröffentlichung von Hopf »Flüchtlingskinder« (2019) stellt in ihrer Ausgewogenheit und Authentizität eine Seltenheit dar. Die Reflexion psychotherapeutischen Arbeitens im gesellschaftlichen Kontext, das heißt der Diskurs zwischen traditioneller Theorie und aktuellen Erkenntnissen bzw. Erfahrungen, sowie die Offenheit bzw. Toleranz für aktuelle Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sind für den Kinderanalytiker bedeutsam. Bereits vor über 30 Jahren verwies Hohl (1989) darauf, dass die klassischen Neurosen zunehmend von der Bildfläche verschwinden und neue Störungen, diffus und heterogen in ihren einzelnen Phänomenen, erscheinen (ebd., S. 103f). Tiefgreifende veränderte Persönlichkeitsstrukturen etablieren diese neuen Störungsbilder, z. B. Identitätsstörungen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkennt Hohl einen Wechsel der zentralen Problematik des Menschen von der Sexualität hin zur Identität, dem Selbst. Da die Frage der Identität für ihn in den neuen Störungsbildern offensichtlich ist, verweist er auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die es dem Individuum sichtlich erschweren, vor dem Hintergrund einer gefestigten Identität den gesellschaftlichen Anforderungen nachzukommen (ebd., S. 117). Nicht der gesellschaftliche Kontext sei ursächlich verantwortlich für die Entstehung entsprechender Pathologien, sondern sein Zusammentreffen mit der kindlichen oder jugendlichen Psyche, die eine entsprechende Disposition zur Verfügung stellten. Hohl sieht einen wesentlichen Aspekt dieser neuen Störungskategorie in einer sich verändernden Eltern-Kind-Beziehung.
Ich sehe einen Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Umwälzungen und der Symptomatik von Kindern und Jugendlichen. Ich möchte diesen Band unter einem dynamischen Blickwinkel zwischen den Generationen beschreiben, das heißt, welche Schwierigkeiten sich für die ältere und jüngere Generation aus dem aktuellen gesellschaftlichen Kontext ergeben.
1.1 Gesellschaft und Krankheit
Finzen (2018) beschreibt die unübersichtliche Fülle von Definitionen und Kategorien des Begriffes Krankheit, vor allem im psychiatrischen Bereich. Der Krankheitsbegriff steht unmittelbar in einem Wechselspiel zur jeweiligen gesellschaftlichen Realität. Krankheit impliziert die jeweilige aktuelle Definition von Gesundheit, Gesundheit wiederum die Zuschreibung von Normalität. Diese Kategorien unterscheiden bzw. verändern sich entsprechend den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen und ihres Kontextes. Auffälliges Verhalten wird zunächst durch ein Verständnis von Normalität beschrieben (ebd., S. 34).
Christa, 19 Jahre, befindet sich seit einiger Zeit in psychotherapeutischer Behandlung. Ihr vorheriger Klinikaufenthalt attestierte ihr als Diagnose eine schwere Depression. Eine niedergelassene Psychiaterin, die die Patientin während ihrer psychotherapeutischen Behandlung aufsuchte, äußerte, bei Christa keine Depression diagnostizieren zu können. Christa hatte große Schwierigkeiten, ihren Lebensalltag zu meistern und ihren Entwicklungsaufgaben nachzukommen. Sie erlebte sich völlig antriebslos, hatte massive Probleme, eine Arbeitsmaßnahme des Arbeitsamtes zu absolvieren und wirkte in der Regel sehr gereizt. Ein Internist kam auf die Idee, dass die Antriebslosigkeit somatischer Herkunft sei. Diese blieb in der Folge jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse. Christa konsultierte weiterhin verschiedene Ärzte, da sie kaum mit ihrer psychischen Problematik zurechtkam. Ihre Umwelt grenzte sie zusehends aus. Ihre Mutter meinte, sie solle sich zusammenreißen, früher ins Bett gehen und motiviert aufstehen. Sie selbst, so berichtet die Mutter, habe zeitweise keine Lust, ihrer Arbeit nachzugehen, dennoch müsse sie ihre Verpflichtungen erfüllen. Christa selbst kam zusehends unter Druck aufgrund der Reaktionen ihrer Umwelt.
Ich möchte dieses Beispiel anführen, um zu zeigen, wie unterschiedlich psychische Krankheit bewertet wird. In der Familie wird Christa als unmotiviert wahrgenommen, die es nicht gelernt hat, den Regeln oder Pflichten des Lebens nachzukommen. Auch in der Fachwelt gibt es, wie Christas Beispiel zeigt, keine eindeutige Diagnostik, sie ist scheinbar abhängig von Profession, Kenntnisstand und persönlicher Bewertung. Die Frage der Auffälligkeit oder der Normalität nimmt auch in der Fachwelt ideologisch gefärbte Beschreibungen an, das Beispiel des ADHS-Störungsbildes bestätigt dies. In einer Zeit der Individualisierung erscheint im Gegenzug die Individualität des Kindes mehr als ein Phänomen der Grenzenlosigkeit, der übersteigerten Emotionalität und der Gefahr, den Erwartungen der Gesellschaft nicht mehr entsprechen zu können. Anscheinend ist heute mehr denn je die Befürchtung der Ausgrenzung und des Versagens vorherrschend. Keupp (2007) verdeutlicht den Zusammenhang zwischen dem Ideal der Autonomie und dem Zwang der Konformität. Göppel (1989) stellt in seinem Buch die kindlichen Auffälligkeiten vor dem Hintergrund der Pädagogik des 19. und 20. Jahrhunderts dar. Ausgehend von den Geschichten des Struwwelpeters versucht er eine Linie des auffälligen Kindes durch die Geschichte der letzten Jahrhunderte zu zeichnen.
»Jederzeit und jede Gesellschaft bringt ihre eigenen Widersprüche und Belastungen hervor, die das gedeihliche Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen gefährden. Jede neue Generation entwickelt ihre eigenen Probleme, Widerstände und Störungen in Auseinandersetzung mit den kulturellen Gegebenheiten und Forderungen, die sie vorfindet.« (ebd., S. 8)
Maria, 18 Jahre, bestach durch ihre ausgezeichneten Leistungen in der Schule. Je näher das Abitur rückte, umso mehr löste sie ihre bisherigen Beziehungen auf. Ihr Wunsch war ein Studium, dessen Zugangsvoraussetzungen vom Notendurchschnitt des Abiturs das schwierigste Studienfach darstellte. Erfolg und Attraktivität durch ihre besonderen Leistungen waren die Maxime ihres Lebens. Zusehends erlebte sie ihre Umwelt als Hemmschuh ihrer persönlichen Entwicklung, Freundschaften wurden aufgekündigt, um des eigenen Zieles willen. Maria hatte einen Abiturdurchschnitt von 1,0, Begeisterung und Idealismus fehlte in ihrer Reaktion. Ihre Beziehungen prägten sich jedoch zunehmend, gewissermaßen oberflächlich. Sie spürte für Momente ein Gefühl der Einsamkeit, stets durch ein maskenhaftes Auftreten kaschiert. Sie befand sich in einem massiven Konflikt. Maria brach ihre Psychotherapie ab, da sie auch ihren therapeutischen Prozess als Hindernis ihrer Leitidee, um jeden Preis souverän und erfolgreich zu sein, erlebte. Sehnsüchte nach Geborgenheit und Halt, die Suche nach der eigenen Identität und ihres Kontinuums in der Lebensgeschichte wurden von ihr abgewehrt.
Marias Fall zeigt eine Schattenseite unserer heutigen Zeit. Beziehungen, in denen gemeinsame Lebenswege reflektiert werden können und sich der Einzelne der geschützten Betrachtung von außen unterziehen kann, treten in den Hintergrund. Wir würden diesen Fall heute den narzisstischen Störungsbildern zuordnen.
Das soziale Umfeld in seiner Bewertung von Krankheit und in der Beteiligung krankheitsverursachender Faktoren stellt ein sehr komplexes Thema dar, das den Rahmen hier sprengen würde. Ich möchte dies zur Vereinfachung am Beispiel ADHS skizzieren. Die Diskussion um dieses Störungsbild spaltet die Öffentlichkeit grundsätzlich in Gruppen, die jeweils die Wahrheit für sich reklamieren. Besonders interessant erscheint die Bewertung und Interpretation dieses Störungsbildes über die Jahrzehnte hinweg, dessen sich Göppel (1989) angenommen hat. Kritisch an diesem Krankheitsmodell ist die mittlerweile inflationäre Einbettung von Auffälligkeiten in die ADHS-Diagnostik zu sehen, die es mit sich bringt, kindlich/jugendliches Verhalten zunehmend als abweichend und störend zu bestimmen. Lebensgeschichtliche Faktoren finden in der Regel keinen Eingang in die Diagnostik, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie z. B. die Reduktion des Kindes in der Schule ausschließlich auf seine Leistung oder die Veränderung traditioneller Familienformen (z. B. der fehlende Dritte), sind bei der Diagnosestellung im herkömmlichen Sinn nicht relevant.
Zusammenfassung
Der kulturelle Kontext prägt unsere Zuschreibungen von Normalität und Krankheit, die entsprechend den jeweiligen gesellschaftlichen Realitäten variieren. Kindliches Verhalten tritt zunehmend als Störungsmodell in den Fokus. In den letzten Jahren gewinnt diese Thematik insbesondere in der Diagnostik, Behandlung und Medikalisierung der ADHS an Gewicht. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die bei der Entstehung entsprechend »neuer Störungsbilder« beteiligt sind, sind dagegen nicht im öffentlichen Diskurs zu finden.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Finzen, Asmus (2018): Normalität. Die ungezähmte Kategorie in Psychiatrie und Gesellschaft. Köln: Psychiatrie Verlag.
Göppel, Rolf (1989): »Der Friederich, der Friederich …«. Das Bild des »schwierigen Kindes« in der Pädagogik des 19. und 20. Jahrhunderts. Würzburg: Edition Bentheim.
Weiterführende Fragen zur Selbstreflektion
• Stehen bestimmte Krankheitsmodelle im Zusammenhang mit dem erhöhten Anpassungsdruck gesellschaftlicher Leitideen?
• Welche Position kann in diesem gesellschaftlichen Diskurs die Kinderanalyse einnehmen?
1.2 Veränderte Lebenswelten für Kinder und Jugendliche
Kindliche und jugendliche Lebenswelten scheinen in unserer Zeit schwierigen Anpassungsprozessen unterworfen zu sein.
Ein Beispiel: Der Tageszeitung »Kölner Stadtanzeiger« vom 14.03.2017 ist zu entnehmen, dass ein italienischer Restaurantbesitzer Familien mit braven Kindern einen finanziellen Bonus beim Besuch seines Restaurants einräumt. Eine Anpassungsbereitschaft unserer Kinder und Jugendlichen wird allgemein gefordert. Der kritische Dialog im Generationsverhältnis findet nicht mehr statt, jugendliche Proteste, wie wir sie aus früheren Zeiten kennen, sind verklungen. Der fehlende Dialog zwischen den Generationen zeigt sich in unzähligen Beispielen unserer Zeit. Während ich dieses Buch schreibe, ist in der öffentlichen Diskussion die Friday for future - Bewegung Ansatzpunkt von Kritik. Kinder/Jugendliche reagieren öffentlich mit ihrem Protest auf die Hinterlassenschaft der älteren Generation und fordern ein Umdenken, im Sinne einer besseren Zukunft. Sofort präsentieren sich Politiker, Lehrerverbände und andere, um darauf hinzuweisen, dass die jugendlichen Demonstranten ihren Platz in der Schule und nicht auf Kundgebungen einnehmen sollten. Die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sollte in diesem Zusammenhang deutlicher in den Blick des Interesses kommen. Ich möchte mich in den folgenden Kapiteln den Veränderungen der Sozialisationsinstanzen von Kindern und Jugendlichen widmen.
Die Diskrepanz zwischen den Generationen wächst: Flexibilisierung und Digitalisierung fördern die unterschiedlichen Erfahrungsbereiche. Diese münden kaum in einen Dialog zwischen den Generationen, insbesondere die »Unbeholfenheit« der älteren Generation im Umgang mit den digitalen Medien erschwert das Generationenverhältnis. Jugendlicher Protest, schon immer Ausdruck und Ansatz veränderter Rahmenbedingungen, entzieht sich zunehmend der Auseinandersetzung zwischen den Generationen.
1.3 Familie
Familiäre Lebenswelten sind heute vielfältigen gesellschaftlichen Delegationen unterworfen. Zusätzliche Belastungen wie der Arbeitsmarkt, Schule und auch Freizeitgestaltung verändern das Familienklima. Der Wunsch nach einem Kind tritt heute in Konkurrenz mit der beruflichen Karriere beider Eltern oder auch in Abhängigkeit der familiären ökonomischen Verhältnisse. Kinder stellen zunehmend einen Risikofaktor ökonomischer Überlegungen dar. Die Einelternfamilie ist, zumindest im erlebten Alltag, nahezu Standard geworden, in geringerem Maße erleben Kinder heute noch ein gemeinsames Elternpaar. Berufstätigkeit, sowohl bei Vater wie auch Mutter, mütterlicher Spagat zwischen Kindererziehung und beruflicher Eigenständigkeit, fehlende väterliche Funktionen, Flexibilität und damit weite Arbeitswege, extrafamiliäre Betreuung der Kinder, veränderte Freizeitgestaltung und vieles mehr müssen in den familiären Alltag integriert werden. Eine schwierige, teilweise unlösbare Aufgabe. Der »fehlende Vater« ist nach wie vor eine Realität, die Kinder in den kinderanalytischen Praxen beschreiben. Zepf und Seel (2017) beschreiben einen hohen Zeitaufwand von Vätern außerhalb der Familie und einen verschwindend geringen in gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Kindern. Dies wird im Kontext der 1980er Jahre aufgezeigt – hat sich die Situation zwischenzeitlich wesentlich verändert? Zusätzlich gestalten sich die heutigen Familienformen sehr vielfältig. Patchwork-Familien, Einelternfamilien, gleichgeschlechtliche Elternteile, Pflegefamilien, Familien mit Migrationshintergrund, um nur einige zu nennen. Familien sind durch die heutigen gesellschaftlichen Ideale einerseits massiven Zwängen unterworfen, müssen sich andererseits jedoch nach außen als selbstbestimmt, verantwortungsvoll und souverän beweisen. Scheitert die Familie oder der Einzelne an gesellschaftlichen Erwartungen und Vorgaben, treten Stigmatisierungsprozesse in Gang. Unsicherheiten im familiären Beziehungsgefüge folgen, Eltern empfinden sich hilflos und inkompetent. Brisch (vgl. Holzapfel, 2013) berichtet von seinen langjährigen Erfahrungen in der Babysprechstunde, in der Eltern ihre Sorge äußerten, ihr Kind zu verwöhnen. Der Spielraum für Erfahrungen, Experimentieren und elterliche Intuition scheint abhandengekommen zu sein. Hohl (1989, S. 118) sieht Verunsicherungen beim Erziehungsverhalten der Eltern in Zusammenhang mit grundsätzlichen Veränderungen psychischer Strukturen. Eine sich durch die Generationen vermittelte und durch Erfahrung speisende Elternfunktion ist unter heutigen Bedingungen schwer zu etablieren, Elternschaft strebt entsprechend gesellschaftlichen Vorgaben einem Idealbild entgegen. Hohl (ebd., S. 119) veranschaulicht Veränderungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Das Individuum ist wesentlich auf sich bezogen, narzisstisch getönt, frühere Werte und Normen sind längst nicht mehr die Vorgaben, an denen sich Eltern orientieren. Triebkontrolle und Selbstdisziplinierung sind nicht mehr Standard, ein partnerschaftliches Verhältnis zum Kind ist der Trend der Zeit und führt maßgeblich zu einer Irritation in den Interaktionen. Eltern befürchten, falsche Entscheidungen zu treffen. Aushandlungsprozesse innerhalb der Familie münden ins Absurde und überlassen die Entscheidung dem Kind.
1.4 Werte und Kontextwandel – das Verhältnis der Generationen
Vor dem Hintergrund globaler Krisen mutet es schwierig an zu glauben, dass wir unseren Kindern Sicherheit und Zuversicht hinterlassen. Wir passen unsere Kinder vorwiegend einer Leistungsgesellschaft an, ohne zu hinterfragen, ob sie dazu bereit sind. Proteste werden sehr schnell als pathologische Szenarien von Jugendbewegungen etikettiert. Frühe außerfamiliäre Betreuung, Ganztagesschulen, der Jugendkult der Erwachsenengeneration und die Tabuisierung des Alters sind nur einige Ausdrucksformen gegenwärtiger Realität, die zudem durch den Mangel an gemeinsamer Zeit zwischen den Generationen und der Notwendigkeit, miteinander in die Auseinandersetzung zu gehen, geprägt sind. Auch scheint es ein Relikt früherer Zeiten zu sein, Jugendlichen noch Konzepte für ihr weiteres Leben durch die Erfahrung der älteren Generation mitzugeben. Mütter werden zu besten Freundinnen ihrer Töchter, Väter zu Kumpeln ihrer Kinder. Der Freizeitkult steht an erster Stelle, der Körper wird optimiert, das Individuum möchte etwas darstellen und zeigen. Die Abarbeitung der Generationenkonflikte tritt in den Hintergrund, da die Auseinandersetzung weitgehend fehlt. Die ältere Generation unterliegt einem Jugendkult, der zunehmend die Grenzen zwischen den Generationen verwischt. Die schnelllebige Zeit mit ihrem Optimierungszwang fördert zudem eine Begrenzung des Dialogs, beide Generationen scheinen sich zu entfremden. Hopf (2020) unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Markierung von Generationsunterschieden. Die ältere Generation muss Verantwortung übernehmen und ist in Besitz der Lebenserfahrung. Vielfältige Konflikte resultieren aus der Nivellierung von Generationsunterschieden: Missachtung, Übergriffe und Distanzlosigkeit in den Beziehungen verdeutlichen diese Generationenkonflikte.
Stierlin (1970, 1980) hat den dialektischen Beziehungsprozess zwischen den Generationen eindrucksvoll beschrieben. Er sieht eine lebenslange gegenseitige Verpflichtung von Kindern und Eltern, denn die Versöhnung zwischen den Generationen ist zentraler Bestandteil des Generationenkonfliktes. Ebenso wie Stierlin betont auch Günter (2015) die andere Perspektive des Generationenkonflikts. Er stellt die Krise der Eltern beim Heranwachsen ihrer Kinder in den Vordergrund, den Neid der älteren Generation auf die Möglichkeiten ihrer Kinder, deren Vitalität und ihre eigene Endlichkeit, die doch so viel näher ist als bei ihren Kindern. Oftmals werden die Kinder nicht in ihrer Eigenständigkeit und Individualität wahrgenommen, sondern dienen als Selbstobjekt narzisstischer Bedürfnisse ihrer Eltern. Die vielfältigen Möglichkeiten unserer Kinder, die Loslösung aus dem Elternhaus, sich auf dem Weg zu machen, Neues zu erobern, löst in der älteren Generation, den Eltern, häufig Angst aus. Ich meine hier nicht die Angst um die Kinder, sondern die Angst der eigenen Begrenztheit als ältere Generation. Günther beschreibt die elterliche Abwehr der Vitalität ihrer Kinder in Form von deren Disziplinierung, die sich vor allem auf ihre intellektuellen Fähigkeiten im Sinne unserer Leistungsgesellschaft richtet. Eine unkontrollierte Lebendigkeit verursacht Angst (ebd., S. 147). Oftmals fehlen den Kindern und Jugendlichen klare Vorgaben und die Orientierung, da es Eltern in unserer Gesellschaft schwerfällt, sich persönlich ihren Kindern zur Auseinandersetzung entgegenzustellen. Günter fordert in der klinischen Arbeit mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie die ältere Generation auf die jüngere reagiert. Auch Kinderanalytiker müssen sich fragen, inwieweit sie von den jugendlichen Patienten in ihrer Persönlichkeit infrage gestellt werden und dementsprechend Abwehrprozesse in Gang kommen. Günter erkennt auch in vielen Publikationen von Kollegen eine Abwehr gegen den Neid auf die Vitalität der Jugend.
»Speziell in der Analyse von Adoleszenten und Spätadoleszenten stellt sich dieses Problem verschärft, zumal diese häufig ganz offen die sexuelle Attraktivität des Analytikers/der Analytikerin in Frage stellen.« (ebd., S. 148)
Die Pädagogin Nelly Wolffheim verweist bereits 1927 darauf, dass die Formung des Kindes aus der Erwachsenensicht bei dem Kind zu hohen Anpassungsleistungen führt, teilweise Minderwertigkeitsgefühle die Folge sind. Auch kann das Kind aufbegehren, was zu heftigen Konflikten zwischen den Generationen führt (ebd., S. 240). Wolffheim plädierte dafür, dass die Kluft zwischen der Erwachsenenwelt und der Welt der Kinder oder Jugendlichen nicht zu stark wird. Dabei kommt dem Erwachsenen die Aufgabe zu, sich in die Welt des Kindes hineinzuversetzen. Kinder fühlen sich oftmals nicht verstanden (ebd., S. 241), das Kind muss in seiner Welt ernst genommen werden.
»Wie wenig Rücksicht wird aber auf Spiel und Beschäftigung der Kinder genommen, wie leichtfertig stören wir das Kind. Dem Erwachsenen erscheint ja im Grunde des Kindes Tun klein und nebensächlich.« (ebd., S. 241)
Vor allem in der Pubertät sollte man mit einer großen Sensibilität der jugendlichen Welt gegenübertreten, ansonsten wird sich eine Grenze errichten.
»Es pflegten nicht die schlechtesten Menschen zu sein, die sich in ihrer Sturm- und Drangperiode schroff-ablehnend und oppositionell betrugen.« (ebd., S. 242)
Wolffheim sieht schon damals die Zurückhaltung von Eltern gegenüber den andrängenden Impulsen ihrer pubertären Kinder als sehr wichtig an.
»Wir müssen doch anerkennen, dass sich die Einstellungen wandeln, und was der eigenen Jugend Ideal und lebenswert war, wird von der nächsten Generation in einem anderen Lichte gesehen.« (ebd., S. 244)
Ich finde, bemerkenswerte Gedanken zur damaligen Zeit, die heute in unserer Welt, die durchdrungen ist von Wirtschaftswachstum, globalen Krisen und vorwiegend narzisstischen Impulsen, nicht mehr, zumindest öffentlich, diskutiert werden. Die Sicht und das Empfinden der Kinder und der Jugendlichen erscheint heute mehr aus einer erwachsenen Sicht und der Notwendigkeit der frühzeitigen Anpassung kindlicher und jugendlicher Bedürfnisse an diese Welt geprägt zu sein. Der Dialog zwischen den Generationen findet in unserem traditionellen Verständnis nicht mehr statt. Jedoch sind die Übergangsräume zwischen der erwachsenen und der jugendlichen Welt nicht mehr klar abgegrenzt und strukturiert, es kommt zu fließenden Überlappungen (Becker et al., 2016, S. 45). Jugendliche erwerben heute vor dem Hintergrund rasanter gesellschaftlicher Veränderungen auf verschiedenen Wegen Erfahrungen, die der Erwachsenenwelt teilweise unbekannt sind und bleiben. Der Vorsprung an Wissen und Kompetenz, den ältere Generationen zu früheren Zeiten sozusagen von Natur aus auszeichnete, ist heute nicht mehr per se gegeben (ebd., S. 46).
»Es scheint im Zuge der Nivellierung der Generationsunterschiede oder sogar der Umkehrung des Generationengefälles kaum noch ein Autoritätsgefälle zu geben, in dem das Alter zum Entscheidungskriterium würde.« (ebd., S. 47)
Der gesellschaftliche Zwang, sich den Regeln einer Welt, die teilweise ignorant, vielleicht auch hilflos gegenüber kindlichen und jugendlichen Ausdrucksformen ist, zu unterwerfen, könnte künftig den Dialog zwischen den Generationen entgleiten lassen. Vitalität, Protest, Enthusiasmus und Leidenschaft, Ausdrucksformen der jüngeren Generation, scheinen sich zunehmend zu Störfaktoren in unserer Gesellschaft zu entwickeln. Die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen haben sich merklich verändert und sind weiter rasanten, sich stetig erneuernden Impulsen ausgesetzt. Dies bedeutet, dass wir in unseren Konzepten und Bewertungen von »normal« und »auffällig« stetig wechselnden Bewertungskriterien ausgesetzt sind.
1.5 Entgrenzung
Wehmeyer (2016) legt in ihrem Aufsatz dar, dass sich zunehmend weniger Jugendliche an tradierten Rollenvorgaben und Ritualen orientieren können. Aktuell kann von einer Verstaatlichung bzw. Übernahme öffentlicher Sozialisationsinstanzen der Lebenswelten Jugendlicher ausgegangen werden. Hier ergibt sich eine Diskrepanz bzw. ein Dilemma: einerseits der freie Raum zum Erforschen, andererseits der vorgegebene Raum, an dem sich heute Jugendliche zu orientieren haben. Der Übergang zur Erwachsenenwelt bzw. die Grenze verschwindet, der Jugendliche ist sich alleine überlassen, die Maxime ist: Alles ist machbar. Die Vielzahl der Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung führt zur Individualisierung, der Gruppenprozess, der für diese Phase äußerst wichtig ist, tritt in den Hintergrund. Ich werde versuchen, einen kleinen Überblick der Grenzverletzungen bzw. fehlenden Grenzen des Praxisalltags wiederzugeben.
Adrian, acht Jahre, wird in der Praxis vorgestellt, da seine Eltern, insbesondere seine Mutter der Meinung sei, er falle durch sehr impulsives Verhalten auf. Adrian und seine Mutter sind ständig im Kampf, Grenzen werden verletzt. So werde er manchmal tätlich gegenüber seiner Mutter, raste regelrecht aus. Adrians Mutter berichtet, dass sie aus einer Familie komme, indem es vor allem an emotionaler Zuwendung fehlte. Sie selbst sei ständig mit ihren Schuldgefühlen beschäftigt, fühle sich oftmals dann als schlechte Mutter. Adrians Vater ist im Hintergrund, hält sich zurück. Im Elterngespräch berichtet er, dass er kaum Möglichkeiten habe, mit seinem Sohn in einen klärenden Dialog zu treten. Seine Frau lasse dies nicht zu, sie befürchte, dass er und sein Sohn die Grenzen überschreiten.
Adrians Impulsivität lässt sich als eine verzweifelte Suche des Kindes nach Begrenzungen interpretieren. In seiner Familie fehlt es an Grenzen, da beide Eltern solche sehr schnell als Zwang oder Bevormundung interpretieren. Beide Eltern berichten, dass sie in ihren Erwartungen als Eltern und ihrer Vorstellung von Familie äußerst vorsichtig, teilweise hilflos seien, da sie mit ihrem Sohn ein »ausgewogenes Verhältnis« haben möchten. Dieser Begriff ist für mich zwiespältig, denn, was heißt in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern »ausgewogen«?
Julian, acht Jahre, wird in der Praxis aufgrund seiner Unruhe von seiner alleinerziehenden Mutter angemeldet. Die Schule macht der Mutter Druck, ihren Sohn unbedingt auf ADHS testen zu lassen. Obwohl die Mutter nicht der Überzeugung ist, dass Julian unter einer solchen »Störung« leide, wird er künftig medikamentös behandelt. Ihr als Mutter falle es schwer, dies zu akzeptieren, massive Schuldgefühle plagten sie. Sie befürchte, die Schule werde ihren Sohn hinauswerfen, wenn er sich nicht anpasse. Sie erlebt sich völlig hilflos, überfordert und seitens der Schule gezwungen.
Hier wird eine Grenzverletzung seitens staatlicher Sozialisationsinstanzen deutlich, die eine Forderung nach Konformität im Sinne des gesellschaftlichen Idealbildes repräsentiert. Dabei handelt es sich um eine äußerst grenzverletzende Situation: Die Schule übt in ihrer Funktion als Erziehungsinstanz und Bildungseinrichtung Druck auf den Einzelnen aus, dieser muss sich um jeden Preis anpassen. Das gesellschaftliche Dilemma zwischen Schule als System der Optimierung und Weichensteller für das weitere Leben und ihrem Versagen als soziale Einrichtung und Begegnungsstätte ist ständig präsent.
Frau K. befindet sich mit ihrem neunjährigen Sohn Florian in psychotherapeutischer Behandlung. Frau K. ist in psychiatrischer Behandlung, da sie an einer Psychose erkrankt ist. Florian passt sich sehr dem mütterlichen Verhalten an, ist zeitweise auch überfordert, im Stich gelassen. Zur Vorgeschichte ist zu erwähnen, dass Florians Vater während der Schwangerschaft seiner Frau verstarb. Florian wird in einer Pflegefamilie untergebracht, da seine Mutter stationär behandelt werden muss. In der Pflegefamilie fühlt er sich nicht wohl, vertraut sich seinem Therapeuten an. Die Besuchskontakte zwischen Florian und seiner Mutter werden seitens des Jugendamtes sanktioniert, abhängig vom Verhalten der Mutter. Die Pflegemutter avanciert zur Kontrollinstanz, muss ständig dem Jugendamt Meldung erstatten. Aufgrund der psychischen Erkrankung von Florians Mutter ergeben sich vielfältige Konfliktebenen. Mithilfe der therapeutischen Behandlung unternimmt die Mutter den Versuch, nach ihrem Klinikaufenthalt das Pflegeverhältnis zu beenden und ihren Sohn mit entsprechender Unterstützung zu sich zu nehmen. Abermals wird ihr gedroht, sollte sie nicht den Vorstellungen und Erwartungen des Mitarbeiters entsprechen, würde Florian ihr wieder entzogen.
Ein Fall, der zutiefst betroffen macht. Er illustriert die Gefahr, dass die Helfersysteme ohne die intensive Reflexion des Geschehens ebenfalls in pathogene Interaktionen verstrickt werden. Dies wäre der Beginn einer psychodynamischen Interpretation, jedoch fokussiere ich hier den Eingriff staatlicher Institutionen in die Freiheit und Autonomie des Einzelnen. Selbstverständlich bedarf Florians Mutter entsprechend einfühlsamer fachlicher Unterstützung, die es tatsächlich bereits vielerorts für psychisch kranke Elternteile gibt. Im vorliegenden Fall ist jedoch in auffälliger Art und Weise eine massive Verletzung der persönlichen Grenzen Florians und seiner Mutter gegeben. Es geht mir hier nicht darum, aus der Distanz pauschal das Handeln des Jugendamtes anzuprangern. Allerdings möchte ich auf bestimmte Phänomene aufmerksam machen, denen sich heute der Einzelne trotz der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten stellen muss.
Aufgezeigt wurden oben verschiedene alltägliche Fallbeispiele, die allesamt die Verletzung von Grenzen darstellen: Grenzen zur Wahrung der Integrität des Einzelnen. Aber diese Grenze wird zunehmend von einer unscharfen Kontur geprägt. Grenzen zu respektieren oder zu akzeptieren entzieht sich allmählich dem gesellschaftlichen Wertekodex, die individuelle Ausgestaltung persönlicher Räume scheint in Zeiten der Kurzlebigkeit und schneller Lösungsstrategien widerstrebende Impulse auszulösen. Die Psychoanalyse als Therapieform, konkret in der Errichtung innerer Strukturen, ist diesen Strömungen seit längerer Zeit ausgesetzt. Insgesamt mehren sich die Fälle, in denen Grenzen des Individuums überschritten werden. Auch die Wahrnehmung dieser Übergriffe verändert sich, einhergehend mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die öffentliche Diskussion bezüglich Übergriffe auf Kinder, psychisch oder physisch, scheint sich in den letzten Jahren vermehrt auf die Veränderung des Strafrechts in Bezug auf die Täter zu erstrecken und kaum die Lebensräume der Kinder und unsere Verantwortung zu hinterfragen. Grundsätzlich wäre es wünschenswert, gesellschaftlich intensiver über das Recht der Kinder, ihre Unversehrtheit und damit auch über ihre gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft nachzudenken. Kindheit ist heute ein Stadium, das sehr schnell unsere frühere Vorstellung der kindlichen Entwicklung verändert. Begrenzte Räume, frühzeitige Anforderungen, schwierige Entwicklungen in der Elementarpädagogik und früher Einstieg in das Schulsystem spiegeln aktuell gesellschaftliche Wandlungsprozesse wider, denen Kinder sich stellen müssen. Eltern sind verunsichert, klare Begrenzungen, die früher als Halt für die weiteren Entwicklungen dienten, gibt es nicht mehr.
Eine andere Sicht hierzu nimmt Schröder (2006) ein. Schröder beschreibt in seinen Artikeln die veränderten Bedingungen heutiger Adoleszenz. Die Vorgaben der Gesellschaft für Jugendliche waren in früheren Zeiten sehr klar und gaben wenig Spielraum. Heute ist der Übergang dagegen individualisiert, die Rituale haben sich verändert. Schröder betrachtet dies nicht als aktuelles Problem, sondern weist darauf hin, dass diese Phänomene schon in den 1960er Jahren beschrieben wurden (ebd., S. 75). Die emotionalen Befindlichkeiten in der Adoleszenz können heute offener ausgelebt werden. Auch er beschreibt die Adoleszenz als eine Lebensphase, deren Beginn mit der frühen Adoleszenz im neunten Lebensjahr und mit der späten Adoleszenz bis zum 30. Lebensjahr endet (ebd., S. 75). Er erkennt eine hohe Ambivalenz der geschlechterspezifischen Trennung, einerseits das Streben um Gleichberechtigung, andererseits die starke Akzentuierung weiblicher und männlicher Attribute. Zunehmend verschwinden klassische Themengebiete, die die Jugendphase von der Erwachsenenwelt trennen, beide verschmelzen miteinander im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen.
Zusammenfassung
Die Familie ist vielfältigen Veränderungen unterworfen, Kinder und Erziehung sind massiven Anpassungsprozessen ausgesetzt. Die Thematik der »fehlenden Väter« besteht trotz Liberalisierungsprozessen der letzten Jahre nach wie vor. Armut wird zunehmend ein tabuisiertes Thema, dass sich im psychotherapeutischen Prozess mit Kindern und Jugendlichen widerspiegelt. Eltern sind in ihrer Rolle verunsichert, dem notwendigen Prozess des familiären Wachstums wird kaum noch Zeit und Raum gegeben. Das Generationenverhältnis ist ebenfalls Veränderungsprozessen unterworfen. Die Erfahrung der älteren Generation wird mit dem Wissensvorsprung der jüngeren Generation bezüglich der Digitalisierung konfrontiert, das zu einem veränderten Diskurs zwischen den Generationen führt. Auf den kinderanalytischen Alltag überträgt sich diese Dynamik und setzt eine intensive Reflexion des Kinderanalytikers auf die sich verändernden Rahmenbedingungen in Gang. Grenzen werden in unserer Gesellschaft zunehmend diffuser, Kinder und Jugendliche können sich kaum noch an Vorgaben orientieren. Auch im familiären Kontext zeichnet sich dieses Phänomen ab. Leitideale der Gesellschaft wie zum Beispiel demokratische Aushandlungsprozesse zwischen Eltern und Kinder drängen in die familiäre Interaktion. Zunehmend begründen Grenzverletzungen in vielfältiger Ausformung die Anmeldungen in psychotherapeutischen Praxen. Auch die Entwicklungsphasen, wie beispielsweise die der Adoleszenz, sind nicht mehr klar voneinander abgegrenzt. In Zeiten der Entgrenzung ergeben sich jedoch auch vielfältige und neue Spiel- und Erprobungsräume für Kinder und Jugendliche.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Günter, Michael (2015): Das schwierige Verhältnis der Generationen: Angst, Neid und Dankbarkeit. In: Kinderanalyse 23 (2), S. 129–150.
Hohl, Joachim (1989): Zum Symptomwandel neurotischer Störungen. In: Keupp, Heiner, Bilden, Helga (Hrsg.), Verunsicherungen. Das Subjekt im gesellschaftlichen Wandel. Göttingen: Hogrefe, S. 103–124.
Lenz, Karl, Schefold, Werner, Schröer, Wolfgang (2004): Entgrenzte Lebensbewältigung. Jugend, Geschlecht und Jugendhilfe. Weinheim: Juventa.
Schröder, Achim (2006): Bewältigungen in der Adoleszenz und Entgrenzung der Jugendphase. Was bleibt und was sich wandelt. In: Deutsche Jugend, Bd. 2, S. 74–80.
Stierlin, Helm (1980): Eltern und Kinder. Das Drama von Trennung und Versöhnung im Jugendalter. 8. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Walter, Heinz (Hrsg.) (2012): Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis. Gießen, Lahn: Psychosozial.
Wolffheim, Nelly (1927): Vom Gegensatz der Generationen. In: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Heft 7,8,9, S. 239–244.
Die Werke von Hans Hopf und Inge Seiffge-Krenke, die auch im Literaturverzeichnis dieses Buches angegeben sind, liefern vielfältige Einblicke in die Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.
Weiterführende Fragen zur Selbstreflektion
• In welcher Weise sollte sich künftig die Kinderanalyse familiärer Dynamik widmen und diese in die Behandlung einbeziehen?
• Wird die Kinderanalyse aktuellen gesellschaftlichen Themen wie z. B. den Folgen wachsender Armut gerecht?
• Wie wirkt sich das Generationenverhältnis in der Beziehung zwischen Kinderanalytiker und Patientin aus?
• Worin könnte ein entscheidender Beitrag der Kinderanalyse zum Verständnis von kindlich/jugendlichen Bedürfnissen in der gesellschaftlichen Diskussion bestehen?
• Inwiefern sind in der Kinderanalyse, zum Beispiel bei den Rahmenbedingungen einer psychotherapeutischen Behandlung, die Tendenzen der Entgrenzung spürbar, die sich vielerorts in der Gesellschaft zeigen?
1.6 Neue Medien
Ich möchte die äußerst interessanten Darstellungen von Salge (2014) und Bonaminio (2016) kurz skizzieren:
Salge moniert in seinem Artikel, dass Psychoanalytiker sich bisher bezüglich der Digitalisierung und Veränderung der Lebenswelten wenig zu Wort gemeldet haben. Seine Überlegung, ob dies in Zusammenhang mit der in letzter Zeit geringen Beachtung der Kulturtheorie der Psychoanalyse stehe, kann ich nachvollziehen (ebd., S. 238). So mahnt er vor allem Psychoanalytiker an, sich diesem Phänomen als Experten für innerseelische Zustände zuzuwenden. Er legt dar, dass das Übertreten ins Erwachsenenalter für die Adoleszenz neue Herausforderungen schafft, eben andere, als die Elterngeneration leisten musste.
»Gerade die Perspektive der Elterngeneration auf die Neuen Medien ist somit immer von der Gefahr des geleugneten Neides geprägt und von der Gefahr begleitet, sich im Dickicht projektiver Hilflosigkeitsdiagnosen zu verfangen.« (ebd., S. 239f)
Er sieht einen erheblichen Einfluss durch die Digitalisierung auf die seelische Entwicklung des Einzelnen und damit auf die Etablierung von bestimmten Krankheitsbildern. Der Autor versucht am Beispiel der Übergangsphase der Spätadoleszenz zum Erwachsenenalter und ihres krisenhaften Verlaufes die Wirkung digitaler Medien als Reparationsleistung und ihrer pathogenen Wirkung zu verdeutlichen. Durch seine klinische Erfahrung der letzten Jahre sieht er eine Veränderung der Störungsbilder, von klassischen Neurosen hin zu Borderline-ähnlichen Störungsbildern (ebd., S. 243). Salge nennt dies ein »pathologisches Lebensarrangement« (ebd., S. 243). Nicht die neuen Medien stellen für ihn das Problem dar, sondern deren Zusammentreffen mit individuellen Entwicklungsdefiziten. Einen Fokus seiner Arbeit richtet er auf die Funktion von Tagträumen, die heute zunehmend mit der virtuellen Welt in Verbindung stehen. Tagträume können als Probehandeln zur Stabilisierung des inneren Gleichgewichtes genutzt werden, um sich den Überforderungen und Ungewissheiten der Realität zunächst zu entziehen. Hier bieten die neuen Medien fatale Kompensationsmöglichkeiten, deren vielfältige Optionen einen besonderen Reiz für die Verleugnung der bedrohlichen Realität darstellen. Das Eintauchen in die virtuelle Welt erlaubt das Probehandeln im exzessiven Maße und führt zum Scheitern in der Auseinandersetzung mit der eigenen Realität.
Die 20-jährige Patientin wird von ihrem Psychiater überwiesen, der sie aufgrund ihrer depressiven Entwicklung behandelt. Im Laufe des mittlerweile dreijährigen Psychotherapieprozesses entzieht sich die Patientin zunehmend dem realen Leben und taucht in ihren Tagträumen, wie auch in den entsprechenden medialen Rollenspielen, in eine Traumwelt ein. Einerseits gibt es ihr die Möglichkeit, ihre Sehnsüchte zu erproben und zu erforschen, andererseits wird die Wirklichkeit zur Bedrohung, der die Patientin in zunehmendem Maße nicht mehr gewachsen ist. Sie scheitert an ihren Entwicklungsaufgaben, taucht immer mehr in ihrer virtuellen Welt ab. Auch in der Therapie ist sie kaum noch zu erreichen, zieht sich zurück und klagt über die Belastungen ihres Alltags. Sie erscheint in eine Welt versunken und von dieser auch besessen, sofern sie von ihren Fantasien, die nun als Rollenspiele im Netz verwirklicht werden, spricht. Die Therapie, ihr letzter Fels in der Brandung, wird überspült, sie bricht sie ab. In der Reflexion stellt sich die Frage, ob ich die Patientin nicht verstehen konnte, da unsere Welten zu gegensätzlich erschaffen waren. Ich spürte ihr völliges Abtauchen, dass ich verhindern wollte, was mir jedoch nicht gelang. Vielleicht hätte ich intensiver mit eintauchen sollen, um die virtuellen Träume meiner Patientin nachzuvollziehen.
Bei näherer Betrachtung, sofern man sich für diesen Kontext interessiert, erscheinen viele Jugendliche im Umgang mit den neuen Medien konturiert und besitzen ein realistisches Einschätzungsvermögen. Dies wird jedoch von vielen Erwachsenen bezweifelt. Die Jugendlichen möchten ihrer Gruppe angehören oder von sich auch etwas präsentieren. Zugehörigkeit und Positionierung waren schon immer Indikatoren für die Gleichaltrigengruppe, die sozialen Medien sind ein alltägliches Kommunikationsmedium dieser Altersgruppe. Im Gegenzug ist jedoch festzuhalten, dass sich subtile Ausgrenzungsmechanismen durch diese Form der Beziehungsprozesse eklatant vervielfältigt haben. Einzelne, die nicht »passen«, werden aus Chat-Gruppen hinausgeschmissen oder öffentlich gebrandmarkt. Dieses Cybermobbing wird an späterer Stelle in diesem Buch aufgegriffen. Das narzisstische Geltungsbedürfnis hat in unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung gewonnen. In den letzten Jahren erlebe ich zunehmend, dass eine regelrechte Angst und auch Selbstentwertungen auftreten, sobald der Jugendliche als durchschnittlich betrachtet werden könnte. In einer Gesellschaft mit Selbstoptimierung wird eine Zuordnung zum Durchschnitt bedrohlich, ein Gefühl von Minderwertigkeit stellt sich ein. Das Ideal zeichnet sich dem gegenüber vor allem in Form einer künstlichen Attraktivität ohne Makel aus, wenn beispielsweise schon Minderjährige sich ästhetisch-chirurgisch behandeln lassen oder Erwachsene ihr Leben vollständig auf eine erfolgreiche Karriereleiter nach oben ausrichten. Wer sich dem nicht zu- oder unterordnet, steht schnell außerhalb der Norm. Meine Patienten berichten im Praxisalltag inzwischen häufig von Freunden, die in entfernten Städten oder gar im Ausland wohnen. Früher spürte ich bei meinen jugendlichen Patienten dagegen nicht selten ein Gefühl von Peinlichkeit, wenn sie mir berichteten, dass sie im Internet jemanden kennengelernt hatten. Heute wird es mehr und mehr zur Gewohnheit, soziale Kontakte über das Internet zu knüpfen, auch allgemein sozial zurückgezogene Jugendliche sind hier aktiv.
Meine Bewertung entsprechender Phänomene hat sich, nicht zuletzt aufgrund der Covid-19-Pandemie, verändert. In Zeiten weitgehender Beschränkungen war es den Jugendlichen möglich, mit anderen in Kontakt zu treten und zu bleiben. In jüngster Zeit entstehen vermehrt Untersuchungen, die diesen Teil des In-Beziehung-Seins untersuchen. Bonaminio (2016; vgl. auch Lemma & Caparrotta, 2016) fordert die eigene psychotherapeutische Berufsgruppe dazu auf, der veränderten Gesellschaft gegenüber aufgeschlossen zu sein. Das Auftauchen neuer Krankheitsbilder müsse verstanden werden, ohne sie gewaltsam in alte Denk- und Handlungsmuster einzupassen (ebd., S. 158ff). Der Psychoanalytiker sei Teil der Gesellschaft, müsse sich als solcher verstehen und stünde nicht außerhalb von dieser. Deshalb erscheine es sinnvoll, über neue Konzepte der virtuellen Realität innerhalb der psychotherapeutischen Behandlung nachzudenken. Bonaminio beschreibt die vielfältigen Veränderungsprozesse, die vor allem auf Jugendliche einwirken und unsere Sicht als Psychoanalytiker zu entsprechenden Anpassungsprozessen der Jugendlichen.
Selina, heute 19 Jahre, ist seit zwei Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Sie hatte keine sozialen Kontakte, fühlte sich ausgegrenzt, zog sich zurück, konnte ihren Schulalltag nicht bewältigen. Sie machte die Nacht zum Tag, saß vor ihrem PC, der zum wichtigsten Objekt in ihrem Leben wurde. Sie unterzog sich dem gesamten Spektrum therapeutisch/psychiatrischer Maßnahmen, einschließlich Klinikaufenthalt und medikamentöser Behandlung. Eine Auswirkung auf ihren Lebenszusammenhang war nicht erkennbar. Eines hatte ich als Therapeut wohl am Anfang übersehen: Selina entzog sich aus meiner damaligen Sicht durch ihren PC der realen Welt, was ich damals als kritisch betrachtete. Meine bewertende Haltung hinsichtlich ihrer Kontakte im Netz veranlasste sie, sich von mir stärker zurückzuziehen. Ich befürchtete, dass sie sich in Traumwelten flüchtete und keine Grenzen setzte. Tatsächlich konnte sich Selina jedoch im Netz sehr gut positionieren, war wortgewandt und perfektionierte zudem ihre Englischkenntnisse. Über weite Strecken berichtete sie mir kaum etwas davon, da ich mit meiner therapeutischen Sicht und Position scheinbar weit von ihrer Welt entfernt war. Selina lernte über das Netz einen jungen Mann aus England in ihrem Alter kennen, der ihr Selbstbewusstsein erheblich stabilisierte. Sie überraschte mich mit einem Flug nach England, brachte daraufhin ihren Freund mit nach Deutschland und präsentierte ihn stolz in einer Therapiestunde. Selina öffnete sich anderen sozialen Kontakten, nahm eine Ausbildung zur Webdesignerin auf.
Selina ist damit ein Beispiel einer Jugendlichen, die das Netz sozusagen als Übergangsraum verwenden konnte. Erfahrungen wie diese lassen mich dafür plädieren, diese Lebenswelten der jugendlichen oder kindlichen Patienten nicht von vornherein negativ zu bewerten, sondern sie mehr in den therapeutischen Prozess einzubinden.
In vielen Familien gerät der innerfamiliäre Dialog in den Hintergrund. Daraus ergeben sich Folgen und Aufgaben, denen sich Kinderanalytiker in Zukunft mehr widmen müssen. Zudem wünsche ich mir eine zunehmende Berücksichtigung gesellschaftlicher Strömungen und Veränderungen in die Gesamtarrangements einer Therapie. Einelternfamilien, Ganztagesschulen, Druck der Arbeitswelt bei Beurlaubung der Eltern aufgrund von Therapieterminen stellen Herausforderungen für den Praxisalltag dar, die jedoch weder fachintern noch extern in grundlegende Diskussionen münden. Der gesellschaftliche Druck, der auf Familien lastet, kann kaum psychotherapeutisch als innerer Konflikt behandelt werden, sondern muss im Zusammenspiel zwischen Kinderanalytiker, Patient und seiner Familie gut und kompromisshaft ausgehandelt werden. Reflektieren wir unsere Kontaktaufnahmen mit öffentlichen Institutionen, Mitbehandlern, Kliniken und anderen, merken wir, dass wir kaum noch persönlich mit diesen Institutionen in Kontakt treten.
Unsere Welt hat sich verändert, wir werden das Rad nicht zurückdrehen. Ich persönlich plädiere für eine ausgewogene Haltung zwischen traditionellen Werten und zeitgemäßen Neuerungen. Ich selbst muss mir bewusst sein, dass Jugendliche ihre eigene Welt erschaffen, dass diese Welten mir davoneilen und dass ich sie auf diesem Weg begleiten möchte. Die damit verbundenen Kränkungen müssen ertragen werden, pädagogische Lehrmeisterei hilft keinem, die Betroffenen werden ansonsten nicht erreicht.
Die grundsätzliche Kritik am kindlich/jugendlichen Gebrauch digitaler Medien setzt sofort Abwehrprozesse in Kraft. Grundsätzlich geben Kinder und Jugendliche weniger Zeit für den Konsum digitaler Medien an, als sie tatsächlich dafür verwenden. Dies überträgt sich auch auf die therapeutische Situation. Die eigene Kontrolle über den Gebrauch ist zeitweise außer Kraft gesetzt, das verführerische Medium lässt jeglichen Sinn für die Realität ausblenden. Andererseits steigt die Zahl der Kinder oder Jugendlichen, die mittlerweile exzessiven Gebrauch von den digitalen Medien machen. Nicht selten steht der Missbrauch solcher Medien im Mittelpunkt der Anmeldung, der Konfliktsituation des Kindes oder Jugendlichen. Ein ausgewogenes Verhältnis, auch beim Schreiben hierzu einzunehmen, ist schwierig, die öffentliche Diskussion ist polarisiert. Der schlichte Versuch mancher Berufsgruppen, die mit Jugendlichen und Kindern beschäftigt sind, den Gebrauch pädagogisch zu bewerten bzw. zu verordnen, schlägt fehl. Auch hier wird die Seite der Erwachsenenwelt häufig außer Acht gelassen. Wie viele Eltern nutzen selbst diese Medien und wären gut beraten, dies selbst zu reflektieren? Kritisch betrachte ich die Nutzung solcher Medien im kinderanalytischen Alltag.
Kurz gesagt, unsere Welt bietet zu wenig Räume, in denen Kinder spontan vital und leidenschaftlich ihre Welt erforschen und erkunden können, deshalb ist die Erwachsenenwelt aufgefordert, dem entgegenzusteuern. Die mittlerweile übliche Freizeitgestaltung von Kindern ist das Spiel mit der Konsole, bei Jugendlichen der Online-Chat in den sozialen Medien. Die heutige Lebenswelt gestaltet sich hochambivalent, gesellschaftliche, familiäre Anforderungen an den Einzelnen müssen offenbar durch Besuch diverser mittlerweile nach kommerziellen Gesichtspunkten eingeführten Freizeitangebote (Fitnessstudio, Indoorspielplätze, Lasertag etc.) kompensiert werden. Der mediale Begleiter in Form eines Smartphones scheint heute bereits für viele jüngere Kinder zur Grundausstattung zu gehören, ihr Tagesablauf wird von diesem mitbestimmt. Erziehung setzt ein beziehungsdynamisches Modell voraus, dass auf den verschiedenen Ebenen reflektiert werden muss. Vielen Eltern fällt es jedoch heutzutage sehr schwer, sich Zeit zu nehmen und familiäre Interaktionsmuster zu hinterfragen. Auch Eltern geraten zunehmend unter Druck, kompetent und anpassungsfähig mit den gesellschaftlichen Vorgaben umzugehen.
Ein zehnjähriger Patient, gekennzeichnet vor allem durch seine tägliche Unlust und Langeweile, thematisiert in einer Therapiestunde mit gewissem Stolz, endlich den Anforderungen, sicherlich auch meinen, zu entsprechen und Sport zu treiben. Er spiele jetzt Tennis. Ich empfinde gegenüber dieser plötzlichen Veränderung meines Patienten sehr positive Gefühle und bin stolz darauf, den Bann gebrochen zu haben. Meine Enttäuschung folgt zugleich, als er mir darlegt, das Tennisspiel auf der Konsole perfekt zu spielen.
Was mich an dieser Szene nachträglich beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit des Jungen, mir seine »sportliche« Aktivität tatsächlich als Errungenschaft und Anpassung an die Erwartungen seiner Umwelt darzustellen. Weshalb geraten hier meine Betrachtungen seiner Aktivitäten in eine Diskrepanz? Einerseits befürchte ich, dass die Wahrnehmung seiner Aktivitäten sich zunehmend verzerrt, er in der Auseinandersetzung mit sich und seinem Körper zunehmend Schwierigkeiten zeigt. Nebenbei überlege ich mir, ob es heute noch passende Angebote im sportlichen Bereich für Jugendliche, die nicht »leistungsoptimiert« sind, gibt. Er hat das Gefühl, tatsächlich endlich etwas gefunden zu haben, was ihm entspricht und er regelmäßig ausführt, ohne es abzubrechen. Keiner kritisiert ihn, keiner schaut verächtlich aufgrund seiner Körperfülle. Bislang war Sport für ihn ein Ziel, an dem er scheiterte.
Was bedeutet dies nun für uns als Praktiker? Ich denke, nur über den Weg sich in die heutigen Lebenswelten der Kinder einzufühlen, können Möglichkeiten zum Verständnis und auch der Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen gelingen. Dies bedeutet eine intensive Selbstreflexion über das eigene Verständnis zur Digitalisierung und den entsprechenden Medien. Dies bedeutet auch, heutige Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen zu erforschen und zu erkunden, ohne im Vorfeld bereits durch eine kritische Sichtweise den Zugang zu der jüngeren Generation zu versperren.
Zusammenfassung
Die Psychoanalyse hat sich bisher wenig um die rasant veränderte Gesellschaft in Bezug auf die Digitalisierung gekümmert. Zudem besteht die Gefahr einer wachsenden Diskrepanz zwischen den Generationen. Der Zusammenhang zwischen der Digitalisierung und einer zunehmenden Etablierung bestimmter Krankheitsbilder ist sichtbar. Nicht die grundsätzliche Verurteilung der Digitalisierung, sondern deren Funktion und Stellenwert in der individuellen Lebensgeschichte sollte Ziel in der therapeutischen Behandlung sein. Die Debatte ist von konträren Betrachtungen geprägt: einerseits die Abwehr mittels medialer Techniken, andererseits die Möglichkeit vielfältiger Erprobungsräume. Deutlich wird die Komplexität des Bereiches der virtuellen Welt in der Psychotherapie. Wir stehen am Anfang darüber nachzudenken, wie sich heutige Lebenswelten auf die Entstehung oder Veränderung psychischer Struktur auswirken. Sie einerseits zu verharmlosen, andererseits zu dämonisieren ist fehl am Platz. Auf jeden Fall werden wir uns in Zukunft damit auseinandersetzen müssen, um entsprechende Antworten auf die wichtigen Fragen der Lebenswelten der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu bekommen.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Lemma, Alessandra, Caparrotta, Luigi (Hrsg.) (2016): Psychoanalyse im Cyberspace? Psychotherapie im digitalen Zeitalter. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel.
Salge, Holger (2014): »Ich bin online, also bin ich«. In: Kinderanalyse 22 (3), S. 237–257.
Weiterführende Fragen zur Selbstreflektion
• Welche Position gegenüber der Digitalisierung und den sozialen Medien nimmt der Kinderpsychotherapeut in seiner Arbeit ein?
• Werden die veränderten Lebenswelten der Kinder bzw. Jugendlichen in den therapeutischen Prozess integriert?
• Kann die Kinderpsychotherapie gegenüber der stetig zunehmenden Digitalisierung auch in der Psychotherapie, wie sie zum Beispiel in Gesundheits-Apps, digitaler Manualisierung und Videosprechstunde sichtbar wird, ihre traditionelle Haltung beibehalten?
1.7 Konsequenzen für die Kinderanalyse
Was bedeuten die bisherigen Überlegungen für uns im kinderanalytischen Alltag? Wir werden in den Praxen alltäglich mit veränderten Lebenssituationen unserer Patienten konfrontiert. Auch die Patienten erscheinen in einem anderen Licht, klar abgegrenzte Störungsbilder sind kaum noch vertreten. Ein allgemein gesellschaftlicher Konsens über den Zwang, Lebenswege ohne nennenswerte Störungen oder Hindernisse zu bewältigen, scheint zunehmend als Maxime an die Erwartungen der Praxis heranzutreten. Damit steht der Praktiker keiner einfachen Aufgabe gegenüber. Zieht er sich auf sein althergebrachtes Muster im Berufsalltag zurück, besteht die Gefahr, dass ihm aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen aus dem Blickfeld geraten. In der Konsequenz wird er gesellschaftliche Strömungen kritisch bewerten, was nicht unbedingt ein Fehler ist. Dies könnte aber auch bedeuten, dass der Kinderanalytiker mit seinem Patienten nicht im aktuellen sozialen Rahmen arbeitet, in dem der Alltag und die Konflikte eingebettet sind. Die Kinderanalyse würde somit der Gefahr unterliegen, sich von aktueller gesellschaftlicher Realität abzuwenden.
Ferchhoff und Dewe (2016) beschreiben, dass nur noch ein geringer Teil von Jugendlichen mit klaren gesellschaftlichen Vorgaben aufwächst, da Individualisierung, Pluralisierung, Mobilisierung und Kommerzialisierung die früher vorherrschenden Strukturen stark verändert bzw. aufgelöst haben. Fließende Übergänge in den Entwicklungsschritten sind die Folge. Diese Schwierigkeiten müssen von den Jugendlichen kompensiert werden. Der zunehmende Druck der Selbstverantwortung für Jugendliche steht einer längeren Abhängigkeit von Elternhaus und Schule bzw. Bildungswegen entgegen. Gesellschaftlich ist mittlerweile die Entwicklung von Selbstverwirklichung und Eigenständigkeit durch das ganze Leben gegeben, dadurch hat sich der traditionelle Jugendbegriff, der einen Abschluss einer bestimmten Lebensphase bedeutet, merklich verändert (ebd., S. 37). Deutlich wird die hohe Ambivalenz heutiger Selbstentwürfe, einhergehend mit einer Veränderung herkömmlicher Störungsbilder.
2 Konflikte
2.1 Jugendliche – Die schwierige Zeit der Adoleszenz
Pehl (2017) beschreibt, dass in seinen Psychotherapieanträgen Begriffe wie Halt, Struktur und Kontinuität als fehlende Elemente der Persönlichkeitsentwicklung hervorragen, die die Gesellschaft heute kaum noch zur Verfügung stellt. Beziehungen, die Orientierung geben und Identifikation ermöglichen, können von vielen Jugendlichen kaum noch zur innerpsychischen Integration und damit zur Stabilisierung genutzt werden. Die Jugendlichen sind ihren Affekten kaum noch gewachsen. Eine Umwelt, die den Jugendlichen Halt und Räume, innerlich wie äußerlich, zur Verfügung stellt, um die schwierige Loslösung in die Welt hinaus und die Integration des neu entstandenen Körperbilds in die psychische Struktur ermöglicht, ist in den letzten Jahrzehnten stark verblasst (ebd., S. 141).
Zunehmend sehen wir in unseren Praxen Jugendliche, die deutliche Reifungsdefizite zeigen und dem Ansturm der heftigsten Gefühle der Adoleszenz nicht mehr gewachsen sind. Sie finden keine Möglichkeit der Regulierung ihrer Affekte. In den Lebensläufen wird oftmals ersichtlich, dass die familiäre Struktur wenig Halt und Rahmen für diese Jugendlichen gab. Langebartels (2016) schildert die Irritationen von heutigen Jugendlichen, die aufgrund von Unsicherheit und fehlender Verlässlichkeit vermeiden, klare Ziele anzusteuern. Sie passen sich extrem ihrer Umwelt an, viele Sehnsüchte werden untereinander oder im geheimen ausgelebt, das familiäre System soll nicht belastet werden.
Paola, 17 Jahre, meldet sich in der Praxis selbstständig an, da sie seit einem Jahr immer wieder Gefühle der Leere und der Sinnlosigkeit empfinde. Zeitweise bekomme sie Panik, ihre Lebensaufgaben grundsätzlich nicht mehr erfüllen zu können. Um ihre Gefühle, die ihr für Momente nicht aushaltbar erscheinen, zu regulieren, verletzte sie sich selbst. Ihre Eltern sind seit ihrem zehnten Lebensjahr getrennt, sie selbst habe sehr gute Beziehungen zu beiden. Jedoch gebe es zwischen beiden Eltern erhebliche Konflikte, die Paola immer wieder sehr belasten. Seit über einem Jahr lebe sie in einer Partnerschaft, habe aber auch hier die Befürchtung, ihren Freund durch ihre Stimmungen zu belasten. Sie entwickle ständig Zukunftsängste, befürchte, ihr Abitur nicht mit entsprechender Leistung zu beenden. Immer wieder sei sie von großer Unsicherheit geplagt, wie ihr Leben weitergehe. Ein zentrales Thema der psychotherapeutischen Behandlung ist die Angst Paolas, ihre Eltern mit ihren Sorgen und Belastungen zu konfrontieren. Beide haben ihrer Ansicht nach selbst eine schwierige Lebenssituation, Paola möchte es ihnen recht machen. Sie steht in einem hochambivalenten Konflikt, einerseits möchte sie den Erwartungen ihrer Umwelt entsprechen, andererseits fühlt sie sich einsam und im Stich gelassen.
Paolas Beispiel spiegelt eine Situation vieler Jugendlicher wider: Sie sind konfrontiert mit Entscheidungen, die früh im Leben getroffen werden müssen, gleichzeitig müssen sie mit dem Verlust bzw. dem Fehlen Orientierung und Halt gebender Rahmenbedingungen klarkommen. Die Affekte, die dabei auftreten, können von vielen Jugendlichen nicht gehalten werden und werden gegen sich selbst gerichtet.
Chris kam aufgrund suizidaler Gedanken in eine psychiatrisch-stationäre Behandlung. Nach Beendigung ihres Klinikaufenthaltes nahm sie eine ambulante Psychotherapie auf. Sie berichtete von der Sinnlosigkeit ihres Lebens, ihren Idealen, die sie in ihrem Leben nicht erreichen könne. Zu Beginn der psychotherapeutischen Behandlung war auffällig, dass Chris sich zurückzog, der Therapeut das Gefühl entwickelte, von ihren Gedanken ausgeschlossen zu sein. Im Laufe der Behandlung äußerte Chris ihre Angst, von ihm nicht verstanden zu werden bzw. eine zu starke Belastung durch die Therapiesituation zu spüren. Auch äußerte sich ihre Angst, dass der Therapeut sie nicht aushalten könne und sie schnell wieder in die Psychiatrie überweisen werde.
Im weiteren Verlauf der Behandlung schildert Chris, dass sie sich nicht entscheiden könne, welche Ziele sie in ihrem Leben verfolge. Oftmals begebe sie sich in ihre Rollenspiele, die sie liebe. Ihre Eltern verstehen sie nicht, meinen immer, sie solle doch ein Buch lesen, was sie fürchterlich aufrege. Ihren Vater liebe sie sehr, jedoch habe sie das Gefühl, dass er sie und ihr Leben überhaupt nicht kenne. Ihre Mutter stehe ihr mit permanenter Kritik entgegen, möchte unbedingt, dass aus ihr etwas werde. Oftmals versuche sie mit ihrer Mutter in ein Gespräch zu kommen, was dann in der Regel eskaliere. Ihre Mutter werde unsicher und reagiere in der Folge aggressiv und entwertend. Ihre eigentlichen Themen, die sie belasten, könne und wolle sie nicht mit ihren Eltern besprechen. Zudem möchte sie, dass es ihr vier Jahre jüngerer Bruder einfacher als sie habe, er solle sein Leben genießen.
Chris berichtet, dass ihre Eltern ihr plötzlich das Taschengeld in einer Höhe aufgestockt haben, dass sie verwirrt war. In dieser Höhe benötige sie nicht das Geld, sie hatte das Gefühl, dass ihre Eltern etwas gutmachen wollten. Sie empfinde sich in der Familie zeitweise als Außenseiter, Gefühle von Einsamkeit machen sich breit. Beide Eltern seien ständig mit ihrem Perfektionismus beschäftigt. Sie wirken manchmal auf Chris in ihren Bemühungen lächerlich. Ihre Eltern legen viel Wert darauf, zusammen mehrmals im Jahr in Urlaub zu fahren, sich viel leisten zu können und nach außen erfolgreich zu gelten. Mit ihrer Lebensweise könne sie nicht viel anfangen, sie erlebe sich in einer anderen Welt.
Zur familiären Situation: Beide Eltern sind berufstätig, beide Kinder besuchen das Gymnasium. Chris ist eine ausgesprochen talentierte Schülerin, die bis zu dem Psychiatrieaufenthalt durch ihre glänzenden Noten bestach. Die Eltern berichten, dass sie von der Problematik ihrer Tochter überrascht wurden, die bis dahin für sie völlig unauffällig war. Sie seien sehr stolz auf sie gewesen, sie zeigte sich in der Schule erfolgreich und selbstsicher, beide hatten das Gefühl, mit ihr im Gespräch zu sein. Sie selbst sind völlig überfordert mit der Überlegung, was sie in der Beziehung zu ihrer Tochter falsch gemacht haben. Beide befürchten, dass sich der Psychiatrieaufenthalt für den weiteren Lebensweg ihrer Tochter negativ auswirken könnte.
Chris Beispiel zeigt sehr deutlich, wie verunsichert heute Familien agieren. Chris Eltern kommen aus sehr einfachen Verhältnissen und die Familie hat es im Rahmen ihrer Möglichkeiten weit gebracht. Dennoch hat sich eine deutliche Kluft zwischen den Generationen geöffnet, die teilweise unüberbrückbar scheint. Das heißt nicht, dass der adoleszente Ablösungsprozess sich ohne den Generationenkonflikt vollzieht. Chris Fallvignette spiegelt vielmehr die Veränderung des familiären Dialogs und dessen Scheitern aufgrund des gesellschaftlichen Wandels. Nach Ansicht der Eltern ist die Krise Chris nicht nachvollziehbar, da sie doch mit den Leitidealen wie Erfolg und Souveränität voll und ganz übereinstimmen. Wäre nun nur nicht der Psychiatrieaufenthalt, der diesem Bild eine negative Tönung gibt. Chris leidet dagegen unter ihrem Gefühl der Einsamkeit, der fehlenden Unterstützung durch die Familie, die zudem eine Stabilisierung durch die Gleichaltrigengruppe erschwert. Immer wieder thematisiert sie die aus ihrer Sicht überzogene Anpassung ihrer Eltern an deren Ideal von Wohlstand und Erfolg. Sie vermisst schmerzlich das Gespräch in der Familie.
Ablösung bedeutet nicht die Abwendung, Verweigern des Dialogs und Rückzug. Oftmals betonen Eltern, sich aus dem Leben ihrer jugendlichen Kinder heraushalten zu wollen, da diese doch ihren eigenen Weg gehen. Meiner Meinung nach eine aus der Unsicherheit der Eltern vollzogene Feststellung und Konsequenz, da Jugendliche grundsätzlich den Austausch mit ihren Eltern suchen. Chris Beispiel zeigt, dass Jugendliche ohne den familiären Dialog sich überfordert und fremd in der Welt fühlen. Der Sinn für das Leben entsteht eben auch durch den Austausch mit den Eltern, wenn auch konflikthaft zwischen den Generationen. Schröder (2006) sieht in der Aufgabe der Adoleszenz, dem Hineinwachsen in die Erwachsenenwelt, »etwas Aggressives.« Die kindliche Entwicklungsphase hinter sich zu lassen, stellt für die Jugendlichen eine Bedrohung dar. Neue Verhaltensweisen, ein neues Repertoire zur künftigen Lebensbewältigung müssen erlernt werden, dabei ist eine hohe Anpassungsfähigkeit gefordert. In der Adoleszenz ist eine der zentralen Entwicklungsaufgaben die Ablösung von der Autorität der Eltern.
»Die Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern ist eine der notwendigsten, aber auch schmerzlichsten Leistungen der Entwicklung. Es ist durchaus notwendig, daß sie sich vollziehe, und man darf annehmen, jeder normal gewordene Mensch habe sie in einem gewissen Maß zustande gebracht. Ja, der Fortschritt der Gesellschaft beruht überhaupt auf dieser Gegensätzlichkeit der beiden Generationen. Anderseits gibt es eine Klasse von Neurotikern, in deren Zustand man die Bedingtheit erkennt, daß sie an dieser Aufgabe gescheitert sind.« (Freud, 1940)
Nimmt man diese Gedanken Freuds zur Grundlage der heutigen adoleszenten Entwicklungsphase, ergeben sich vielfältige Fragestellungen. Die Autorität der Eltern hat sich in Richtung demokratischer Aushandlungsprozesse und schwindender Generationengrenzen verändert. Der Ablösungs- bzw. Trauerprozess der Jugendlichen, der mit schmerzlichen Empfindungen verbunden ist, wird zunehmend äußerlich durch die Überflutung mit unterschiedlichen Reizen einer permanent veränderten Umwelt, einhergehend mit der Forderung nach Anpassung, überschattet. Der Schmerz kann vielfältig nicht mehr ausgehalten werden, tendiert zur Ausgestaltung vielfältiger Symptome. Freud sieht in dem Antagonismus zwischen älterer und jüngerer Generation den kulturellen Fortschritt; die Grenze und der Übergang in den »Neuen Raum« ermöglichen Veränderungen, Innen wie Außen.
Greta, 19 Jahre, befindet sich in psychotherapeutischer Behandlung aufgrund ihrer extremen Stimmungsschwankungen und Ängste, ihr künftiges Leben selbstständig zu gestalten. Greta thematisiert ihre große Angst, alleine zurechtzukommen. Mittlerweile erlebe sie sehr aggressive Impulse gegenüber ihren Eltern. Früher sei alles sehr harmonisch gewesen, sie ging mit ihrer Mutter einkaufen, beide haben sich gegenseitig in der Kleidung beraten, ihr Vater habe immer allem zugestimmt. Ständig hatte sie das Gefühl, in einer sehr vertrauten Welt zu leben, aus der sie sich eigentlich nie distanzieren wollte. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt, der mit massiven Trennungs- und Verlassenheitsängsten korrelierte, konnte sie sich zu Hause nicht mehr zurechtfinden. Ihre Mutter verlangte von ihr Loyalität und wollte den früheren Zustand bester Freundinnen wieder herbeiführen, was Greta strikt verweigerte. So erlebte sie sich verändert, kritisierte die Beziehung ihrer Eltern, insbesondere die Delegation ihrer Mutter an sie und die Passivität ihres Vaters. Massive Schuldgefühle waren zunächst die Folge, da Greta sich den Forderungen ihrer Eltern vehement widersetzte und damit auch die Paarbeziehung der Eltern völlig ins Wanken brachte.
Eine typische Fallgeschichte, die die fehlenden Grenzen zwischen den Generationen in ihrer Geschichte repräsentiert.
Zusammenfassung
Zunehmend verschwinden Halt und Orientierung gebende Strukturen in der Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen. Affekte können in der Folge schwer integriert werden. Die Ablösung des Jugendlichen ist ein schwieriger wie zugleich wichtiger Schritt, der mit Konflikten auf beiden Seiten zusammenhängt und im Zuge gesellschaftlicher Veränderung neuen Prozessen unterworfen ist. Die Loslösung erfolgt stets auf beiden Seiten, auch auf der der Eltern. Dies sollte ein wichtiger Faktor in den Behandlungen darstellen. Die Stabilisierung der Elternfunktion und die Arbeit an der Versöhnung zwischen Jugendlichen und Eltern stellen wichtige Inhalte der psychotherapeutischen Arbeit dar.
Literatur zur vertiefenden Lektüre
Langebartels, Birgit (2016): Verborgene Botschaften von Heranwachsenden. Eine Skizze der rheingold-Methode und wie sie die Welt von Kindern und Eltern entschlüsselt. In: Johannes Huber, Heinz Walter (Hrsg.), Der Blick auf Vater und Mutter. Wie Kinder ihre Eltern erleben. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 77–86.
Weiterführende Fragen zur Selbstreflektion
• Kann die Kinderanalyse die zunehmend fehlenden Strukturen des gesellschaftlichen Lebens ersetzen bzw. korrigieren?
• Ist für die Kinderanalyse in der Behandlung des Ablöseprozesses des Jugendlichen die Arbeit mit den Eltern an diesem Trennungsprozess notwendig?
• Kann eine neutrale Distanz zu den Jugendlichen wie auch den Eltern eingenommen werden?
2.2 Identitätskonflikte
Der Spiegel-Artikel von Lippmann (2015) mit dem Titel »Immer ich« widmet sich der Thematik der flexiblen Identitäten. Nach Ansicht des Autors ist die Identität ständig gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen, das Individuum könne seine Identität nach Belieben verändern. Den authentischen Kern der Persönlichkeit zu erfahren wird zunehmend diffuser und schwieriger, da gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Orientierung und Positionierung des Einzelnen fehlen. Die Herkunftsgeschichte ist vielfältigen gesellschaftlichen Einflüssen unterworfen, die »Multiple Identität« (ebd., S. 31) bestimmt zunehmend die Persönlichkeitsstruktur. Die klare Festlegung innerhalb von Beziehungen verändert sich, »die lebenslange Einheitsfamilie wird zum Grenzfall« (ebd.). Die postmoderne Identität ist sehr stark verbunden mit Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit, die einerseits zwar viele Möglichkeiten bietet, andererseits das Individuum vor hohe Anforderungen stellt. Die Angst vor dem Scheitern an dem Ideal der Souveränität ist heute deutlicher zu spüren als in früheren Jahren. Die Eindeutigkeit der Gegebenheit gehört der Vergangenheit an, zunehmend erweist sich die Identität als temporäres Selbst. Die Thematik der Identität blieb früher weitgehend, zumindest in der Psychologie, dem Jugendalter vorbehalten. Heute scheint sich die Identitätsfrage auf alle Altersgruppen auszudehnen. Seiffge-Krenke (2012, S. 35) beschreibt Identität als »persönliche Lebensgeschichte, sie hilft der Person, ihr Leben zu verstehen, um Kontinuität und Bedeutung darin zu sehen.« Nimmt man diesen Gedanken auf, stellt sich die Frage nach der heutigen Relevanz der eigenen Lebensgeschichte. Vielfältige Facetten unterschiedlicher Strömungen prägen den Lebensweg, Beziehungen gibt es vielfach nur noch auf Zeit, teilweise virtuell, Bedürfnisse und persönliche Eigenschaften passen sich aktuellen Trends an. Erwachsene wie Jugendliche zeigen vermehrt eine Tendenz, sich besonders hervorheben zu müssen. »Durchschnitt möchte ich nicht sein«, diesen Gedanken habe ich in den letzten Jahren vermehrt von meinen Patienten gehört.
Insbesondere Kindern und Jugendlichen wird durch die mediale Vielfältigkeit ein Erfolg ohne beschwerliche, mit Unlust verbundene Voraussetzungen suggeriert, man denke nur an die heutigen Idole der Influencer oder YouTuber. Es zeigt sich im praktischen Alltag zunehmend, dass es Kindern und Jugendlichen schwerfällt, eigene authentische Geschichten ihrem Gegenüber mitzuteilen. Auch zeigt sich im familiären Kontext, dass Kinder wenig bzw. kaum etwas über die Lebensgeschichte ihrer Eltern wissen. Die Generationen tauschen sich scheinbar auf dieser Ebene nicht mehr aus.
Die unendliche Vervielfältigung beruflicher Werdegänge bzw. Arbeitsbereiche sind auf ihrer konkreten Handlungsebene kaum noch zu beschreiben bzw. nachzuvollziehen. Sie schafft einerseits für Jugendliche wesentlich mehr Möglichkeiten, Ausbildungsgänge zu absolvieren, andererseits verliert sich die Zuordnung eigener Handlungskompetenzen und Strategien ins Abstrakte.
Spreche ich über Identität, meine ich wichtige Aspekte des eigenen Lebens, einer Sicht seines Selbst, dem Bestreben nach Sinnhaftigkeit, Zuversicht und Zufriedenheit. Gesellschaftliche Veränderungsstrukturen stehen im engen Zusammenhang mit einer Veränderung der Entwicklung der Identität. Klassische Vorgaben früherer Zeiten haben sich wesentlich verändert und erfordern eine zeitgemäße Anpassung des Individuums. Dies stellt in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen eine hohe Anforderung dar. Man denke bspw. an die in den letzten Jahren zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die nach der Trennung ihrer Eltern keinen Bezug bzw. Kontakt mehr zu einem Elternteil haben – eine Entwicklung, die Pädagogen, Psychologen und Kinder- und Jugendpsychiater seit längerem mit Sorge beobachten.
Die Zersplitterung familiärer Strukturen und damit, psychoanalytisch betrachtet, die Bildung psychischer Repräsentanzen, vollzieht sich unter diesen Voraussetzungen äußerst konflikthaft und muss neueren Betrachtungen unterworfen werden. Keupp (2010) beschreibt wichtige Impulse hinsichtlich der Identitätsentwicklung. Die gesellschaftliche Neuordnung stellt an das Subjekt veränderte Anforderungen. Die zunehmenden Identitätskonflikte zeigen eine deutliche Überforderung des Individuums in seiner Anpassung an gesellschaftliche Strömungen. Er sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Neuordnung und veränderten Bedingungen in den Anforderungen an das Subjekt (ebd., S. 11). Die zunehmenden Identitätskonflikte stellen dies eindeutig unter Beweis. Die Diskrepanz der Bewertung von Rahmenbedingungen zwischen Elterngeneration und der Generation der Jugendlichen wird größer, insofern wird es zunehmend schwieriger, sich mit den Werten der vorherigen Generation zu identifizieren.
Äußerst interessant finde ich die Metapher des »modularen Menschen«, der sich sehr anpassungsfähig an die jeweiligen Rahmenbedingungen präsentiert. Lippman (2015, S. 31) nimmt dieses Thema auf. Nicht die Frage »Wer bin ich?«, sondern vielmehr die Suche nach dem Ich in einer Gesellschaft der endlosen Möglichkeiten zeichne heute das Individuum und seine Identität aus. Identitäten, die über die Zeit hinaus sich etabliert haben, verschwänden, einen Kern der Identität gebe es kaum noch. Auch die Frage der Herkunft habe sich in unserer Zeit multipliziert. Die Annahme der leiblichen Eltern und die Kontinuität in den Beziehungen der Familie sei längst überholt. Identitäten könnten über die medialen Möglichkeiten ausgetauscht werden. Nicht selten sei dies auch im praktischen Alltag erlebbar.
Jacqueline kommt zu einer Therapiesitzung und meint, ihrem Therapeuten mitteilen zu müssen, dass sie geschlechtslos sei. Sie sei asexuell, ihrer Meinung nach mittlerweile eine allgemeingültige Beschreibung. Zunächst etwas verwundert, dass ihr Therapeut nicht mit aktuellem Fachwissen und Handlungskonzepten zu dieser Beschreibung glänzt, formuliert sie, er solle sie nun hierbei unterstützen, da sie keinen Ansprechpartner finde und ihre Umwelt damit nicht zurechtkomme. Sie finde sich kaum in ihrer Umwelt zurecht, benötige dringend ein Behandlungskonzept, dass dieser Geschlechtsidentität entspricht. Sie lehne ab, dies als Problematik zu beschreiben, zumal die Communities im Netz hier sehr verständnisvoll und kompetent reagieren. Ihr Freund akzeptiere ihr Bedürfnis, ihm sei wichtig, dass es ihr gut gehe. Jacqueline hat eine Fernbeziehung, die sie vorwiegend über das Netz lebt.
Mir stellt sich beim Schreiben eine Frage: Kann eine Beziehung über das Internet gelebt werden?
Vielleicht stellt Jacqueline keinen Einzelfall dar, ich selbst bin sowohl in meiner praktischen Arbeit als auch in den Supervisionen mittlerweile des Öfteren mit solchen Phänomenen konfrontiert. Wichtig ist im Falle Jacquelines, dass sie sich vorwiegend in den sozialen Medien aufhält und ihre Lebenserfahrung im Wesentlichen aus diesen bezieht. Dies bedeutet, dass unsere bisherigen Erfahrungen, die über die Generationen hinweg weitergegeben wurden, in der Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen auch durch andere Einflüsse ergänzt werden. Es gibt keine klare Begrenzung mehr, die Gleichaltrigengruppe (Peergroup) ist nicht mehr die, die sich durch das unmittelbare soziale Umfeld in der nächsten Umgebung rekrutiert, sondern diese ist virtuell allgegenwärtig, ohne jegliche Beschränkungen verfügbar. Auch die Mitgliedschaft oder Kündigung solcher Beziehungen sind temporär und können durch andere schnell ersetzt werden. Seiffge-Krenke (2012) weist darauf hin, dass jugendspezifische Entwicklungsaufgaben heute wesentlich früher bearbeitet und gelöst werden, Aufgaben der Erwachsenengeneration später. Identität ist die Suche nach der eigenen Zugehörigkeit, die Autorin beschreibt die Etablierung eines positiven Identitätsgefühls im Zusammenhang mit dem sozialen Kontext (ebd., S. 136). Zudem steht für sie Identität in einem engen Zusammenhang mit dem Geschlecht (ebd.): »… sich männlich bzw. weiblich zu fühlen, ist ein Teil der Identität.« (ebd., S. 145)
»Alles positive Identitätsgefühl ist von der Anerkennung, der ›empathischen Spiegelung‹ (Kohut, 1979) unserer Umwelt abhängig, der Verwurzelung in sicherheitsgebenden Beziehungen«, schreibt Conzen (2017, S. 35) in seiner Abhandlung über Identitätsprobleme.
Wie sieht es damit in unserer heutigen Zeit aus, können Kinder und Jugendliche ein solches Identitätsgefühl etablieren? Die Erfahrung der Praxis der letzten Jahre zeigt, dass mehr und mehr die für die Entwicklung nötigen Bedingungen, wie zum Beispiel haltende und fördernde Umgebungsbedingungen, verschwinden. Nehmen wir das Beispiel der Familie oder der Schule. Die Eltern sind zunehmend eigenen Belastungsfaktoren unterworfen, die drastisch zunehmende Zahl von psychischen Erkrankungen im Erwachsenenbereich, auch in der Berufswelt, belegt dies. Dem rasanten Veränderungsprozess beruflicher Welten, sichtbar u. a. gewandelten Technologien und Produktionsabläufen, müssen Berufstätige eine hohe individuelle Flexibilität und Mobilität gegenüber aufbringen – alltäglichen Leistungsanforderungen, die scheinbar durch ein immenses Bedürfnis an Freizeitangeboten in jeglicher Hinsicht kompensiert werden.
Wie spiegelt sich dies in unserem therapeutischen Praxisalltag? Zunehmend fristen Kinder und Jugendliche ihren Alltag in Ganztagesschulen, die gemeinsame Zeit mit den Eltern verkürzt sich erheblich. Auch diese Situation kann man zwiespältig beschreiben: Einerseits wird dies in der Bildungspolitik und -forschung (z. B. Weigel 2004, S. 42) als Errungenschaft gepriesen, andererseits wird der Alltag der Kinder mehr und mehr durch gesellschaftliche Vorgaben strukturiert. Ich komme nochmals auf Conzen (2017) zurück, der schreibt: »Unbewusst sehnen wir uns nach der Geborgenheit unseres Kindheitsmilieus zurück, dem ›psychischen Zuhause‹ als Kernstück unserer Identität… zehren wir von der Liebe und Anerkennung unserer Herkunftsfamilie, bauen auf den guten elterlichen Introjekten auf.« (S. 35)
Ein stabiles Identitätsgefühl hängt von der Sicherheit, dem Werte- und Normenmaßstab der Familie, den ökonomischen Bedingungen, den psychischen Belastungen der Eltern, deren eigener Herkunftsgeschichte und vielen anderen Faktoren ab. Zunehmend kommen weitere Anforderungen auf den Einzelnen zu, denen er ausgesetzt ist. Das absolute Angewiesen-Sein aufeinander, wie zum Beispiel in Ein-Eltern-Familien, starke wirtschaftliche Einschränkungen bis zu realen Armutsszenarien oder andere Belastungen beeinflussen nachhaltig familiäre Interaktionen und die Entwicklungswege der Kinder und Jugendlichen. Konflikte im Zusammenhang mit der Identität hängen vom subjektiven Erleben des Einzelnen ab, deren Ursache und Wirkung sehr unterschiedlich verarbeitet werden können. Conzen beschreibt eine »kulturell adaptive Identitätsdiffusion« (2017, S. 39) bei Jugendlichen, die eine Vielzahl von Rollen ausprobieren, um dem ständigen Wandel gesellschaftlicher Erwartungen zu entsprechen. Er plädiert für eine »Normalität der Identitätsproblematik«, um der allgemeinen Tendenz einer pathogenen Betrachtungsweise entgegenzutreten. Dies würde das Leid der Betroffenen nicht mehr in den Fokus der individuellen Konfliktsituation bringen. Einer Freiheit und Vielfältigkeit des Lebens in heutigen Zeiten steht der Zwang, sich selbst zu profilieren und aus dem Durchschnitt hervorzuheben, entgegen und führt teilweise zu Überforderungen. Zunehmend mehren sich Jugendliche im Praxisalltag, die Zukunftsängste thematisieren. Dem Gefühl, sich schnell in die Erwachsenenwelt integrieren zu müssen, begegnen sie mit einem Gefühl der Verunsicherung. Sie sehnen sich nach Orientierung, um eigene Entscheidungen zu treffen. Auch werden Kinder in der Praxis vorgestellt, die nicht erwachsen werden, sondern Kind bleiben wollen. Ängste vor der Zukunft, dem erwachsenen Rollenverhalten und den gesellschaftlichen Anforderungen schränken die frühere Zuversicht, ins Erwachsenenleben einzutreten, ein.
Stefan, 14 Jahre, thematisiert in seiner Psychotherapie seine massive Angst, erwachsen zu werden. Er habe das Gefühl, diese Entwicklung nicht vollziehen zu können, da er die Vorstellung habe, alles sei mit Schwierigkeiten und unangenehmen Gefühlen verbunden. Seine Eltern sind getrennt, er lebe bei seiner Mutter, diese habe er oftmals sehr belastet erlebt. Seine Leidenschaft sei das Spiel mit Gleichaltrigen, jedoch sondern sich diese zunehmend ab und entwickeln andere Vorlieben. Er habe das Gefühl, alleine zu bleiben, eine Außenseiterrolle einzunehmen. Stefan verweigert zunehmend den Schulbesuch, da er sich außerhalb seines Zuhauses fremd empfinde. Die Beziehung zu seiner Mutter gestaltet sich sehr intensiv, so avanciert sie zum Sprachrohr ihres Sohnes. Tatsächlich überlegt Stefans Mutter, ihn von der Schule abzumelden und einen Privatunterricht für ihren Sohn zu Hause einzurichten. Stefans Mutter thematisiert die Widrigkeiten der Realität, den Bedürfnissen ihres Sohnes nicht gerecht zu werden.
Die Ablösung und Verselbstständigung sind momentan für Stefan nicht erreichbar. Er hat sich eine eigene Welt geschaffen, sichtlich beeinflusst von seinem sozialen Kontext. Die sozialen Beziehungen fehlen, auch die Mutter ist sehr stark geprägt von ihren eigenen Enttäuschungen und Projektionen. Seine weitere Entwicklung ängstigt ihn, das Kind-Sein mit dem Gefühl, keine Verantwortung übernehmen zu müssen, kann von ihm nicht aufgegeben werden. Die Welt seiner Mutter wirkt auf ihn zwar nicht erstrebenswert, dient aber als einzige Vorgabe für das Erwachsenwerden und somit für seinen Stillstand.
Stefans Fall stellt die Frage nach dem heutigen Kind-Sein und seiner Berechtigung in unserer Gesellschaft. Die Leistungsthematik erreicht mittlerweile die Elementarpädagogik, schleichend münden kindliche Entwicklungsphasen frühzeitig in die Vorgaben der Erwachsenenwelt. Bereits in der Grundschule stellt sich die Frage der weiteren Schullaufbahn, in der trotz heutiger vielfältiger Möglichkeiten eine Weichenstellung für das weitere Leben bereits angesagt und zum Teil auch angelegt ist. Ebenfalls zählt bereits in dieser frühen Entwicklungsphase eine weitgehend verplante, durchgetaktete Freizeit zur Regel vieler Kinder und Familien. Der »Freizeitmarkt« bietet heute eine Vielzahl von Möglichkeiten, denen die Kinder je nach individuellen Bedürfnissen, auch ihrer Eltern, zugeordnet werden. Stefan sehnt sich nach kindlich spielerischen Aktivitäten mit Gleichaltrigen, immer wieder versuchte er, eine Bande zu gründen und in der Natur zu sein. Mit seinen Wünschen blieb er jedoch alleine. Spontanes Zusammensein, selbst geschaffene Räume der kindlichen Fantasie, wie sie früher üblich waren, scheinen mehr und mehr Relikte früherer Zeiten zu werden und seltener zur Identitätsbildung zur Verfügung zu stehen.
Pulsuz fraqment bitdi.