Kitabı oxu: «Manila oder Revolution und Liebe»

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Manila oder Revolution und Liebe

Volker Schult, 1960 geboren, studierte Englisch und Geschichte. Er promovierte in Südostasienwissenschaften und war an verschiedenen deutschen Auslandsschulen als Lehrer und Schulleiter tätig. Schult veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Zuletzt erschien 2017 im Engelsdorfer Verlag „Singapur – oder tödliche Tropen. Ein Kolonialroman“.

Volker Schult

MANILA ODER
REVOLUTION
UND LIEBE

Ein Kolonialroman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2018

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild: human’s face with national flag and map of philippines. © luzitanija

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

PROLOG

„Neeeein!! Nicht schon wieder! Ich werde verrückt! Ich halte das nicht mehr aus! Oh Gott, hilf mir! Hilft mir denn keiner? Oh Gott, erbarme Dich meiner!!“

Mit sich überschlagender Stimme schreit er seine Verzweiflung heraus. Wie ein Echo werden seine Worte von den Wänden zurückgeworfen.

Er schlägt mit seinen ausgemergelten Händen zum wiederholten Mal gegen die unbarmherzigen Wände. Sie geben nicht nach.

Durch diesen Ausbruch aufgeschreckt fangen drei fast dreißig Zentimeter lange Ratten mit ihren langen, nackten, mit Schuppenringen versehenen Schwänzen an zu quicken. Sie wuseln um seine Beine herum, bevor sie sich in irgendwelchen kleinen, dunklen Löchern verkriechen. Sehen kann er sie nicht richtig. Manchmal nur ihre Schatten erahnen. Dunkelheit umgibt ihn.

Voller Ekel versucht er reflexartig seine Beine von diesen schrecklichen Viechern mit ihren spitzen Schnauzen und scharfen Zähnen fortzuziehen.

Vergebens.

Nur Kettengerassel. Er kann seine Beine kaum bewegen. Vielmehr schneiden die eisernen Ketten noch einmal tiefer in seine ohnehin schon wunden Knöchel. Ein scharfer Schmerz durchzuckt ihn.

Erschöpft will er sich in die Hocke begeben. Sofort fährt er aber wieder hoch und stößt mit immer heiserer werdender Stimme Laute der Verzweiflung aus. Laute der Hoffnungslosigkeit. Noch menschliche Laute?

Schwer zu sagen. Ähnliche Stimmfetzen, Schreie, Geräusche dringen an sein Ohr. Er ist seinem Schicksal nicht allein ausgeliefert. Aus dieser Tatsache sollte er eigentlich Mut schöpfen. Aber angesichts seiner ausweglosen Lage ist das kein wirklicher Trost.

Lebendig begraben. Ja, das ist der richtige Ausdruck denkt er: Lebendig begraben. Es gibt keinen Ausweg, keine Rettung, keine Hoffnung.

In der Kammer herrscht ununterbrochen eine solch feuchtheiße Luft, dass die Fetzen Kleidung, die er noch am Leib trägt, ständig klamm sind. Auch das Atmen fällt unendlich schwer. Dazu atmet er nicht nur diese stickige Luft ein, sondern zugleich dringt der schreckliche Geruch von Fäulnis und Verwesung in seinen Körper ein.

Vielleicht verfault er ja schon selbst bei lebendigem Leib.

Aber das wäre ihm mittlerweile auch egal. Hauptsache, die Qual ist endlich vorbei. Da er sich bereits in der Hölle wähnt, kann es nicht schlimmer kommen.

Doch so gut meint es das Schicksal nicht mit ihm. Stattdessen fängt alles wieder von vorne an. Das Wasser steigt und steigt. Er spürt es schon bis zu den Knien.

Von wegen Wasser. Eine fürchterliche Brühe, ja Kloake. Anders kann man diese stinkende Flüssigkeit nicht bezeichnen.

Schon werden seine Oberschenkel von ihr umspült.

Der Gestank nimmt zu. Abfall, Fäkalien und alle möglichen übelriechenden Gegenstände werden mit der ansteigenden Wasserbrühe unaufhaltsam in seine Kammer geschwemmt.

Immer wieder. Die ganze Zeit, seitdem er hier unten ist. Immer im gleichen Rhythmus. Dem Rhythmus von Ebbe und Flut gehorchend. Die Bracke kommt; die Bracke geht; die Bracke kommt; die …

Die Kammer füllt sich. Die Brühe drängt schon gegen seine Brust. Wie hoch wird sie dieses Mal steigen? Hört sie auf, wenn sein Hals erreicht ist? Geht sie bis zum Kinn?

Unwillkürlich stellt er sich auf die Zehenspitzen, um einige wenige Zentimeter zu gewinnen. Zentimeter, die über Leben und Tod entscheiden können.

Einen qualvollen Tod.

Einen sehr qualvollen Tod.

Nichts, aber auch gar nichts kann das Wasser davon abhalten, langsam, ganz langsam in seinen Mund einzudringen, dann in seine Nase. Alleine der Gedanke daran lässt ihn voller Panik mit seinen Armen um sich wedeln, um die Wasserkloake von seinem Gesicht fernzuhalten.

Vergebens.

Schon spürt er das Wasser an seiner Unterlippe. Etwas Weiches, Braunes, Stinkendes schwimmt an seinem Mund vorbei. Ein Stück seiner eigenen Scheiße. Wird er mit seiner eigenen Scheiße im Mund ersticken?

Womit hat er das nur verdient? Er zermartert sich sein Gehirn, aber ihm fällt kein schweres Vergehen ein, das eine solche Tortur rechtfertigen würde.

Seinen Augen quellen voller Todesangst förmlich aus ihren Augenhöhlen. Das ist das Ende. Voller Panik will er schreien, doch …

Er schreckt hoch. Schweißgebadet. Mit angsterfüllten Augen schaut er sich um.

Dann …

Erleichterung.

Vollkommen erschöpft fällt er wieder in seine Koje. Schließt die Augen. Hört das gleichmäßige Klatschen der Wellen an der Schiffswand. Hört das beruhigende, rhythmische Stampfen der Maschinen.

Ein Traum. Ein wahrer Alptraum.

Aber immerhin nicht Realität.

1. KAPITEL: DIE SEESCHLACHT

Eigentlich war es nicht das geeignete Wetter für eine Seeschlacht im Südchinesischen Meer. Der Monsun blies heftig aus Südwest und machte das Manövrieren selbst für größere Schiffe schwierig. Hinzu kam noch, dass ausgerechnet zu dieser Zeit die Pest in der britischen Kronkolonie Hongkong wütete und schon Tausende von Opfern gefordert hatte. Doch davon ließ sich der Commodore des amerikanischen Asiengeschwaders, George Dewey, nicht beeindrucken.

Ein drahtiger, kleiner, rotgesichtiger, fast sechzigjähriger Mann aus Vermont mit eisgrauem Haar und Schnurrbart kommandierte das amerikanische Geschwader. Sein autoritäres Auftreten duldete keinen Widerspruch, strahlte aber auch Zuversicht auf seine Männer aus.

Dewey ließ Anker vor Hongkong werfen und befahl, seine weißen Schiffe mit grauer Farbe anzustreichen. Die Farbe des Krieges. Spätestens jetzt war es auch dem letzten Kombüsenjungen und jedem blutjungen Seekadetten an Bord klar, dass die Lage ernst war.

Nach einigen Tagen stach der eindrucksvolle Flottenverband bestehend aus sieben modernen Kriegsschiffen, angeführt von dem Flaggschiff Olympia, einem imposanten Panzerkreuzer, von Hongkong aus in See.

Erst langsam, dann immer schneller setzten sich die Schiffe des Geschwaders in Bewegung inmitten einer Flutwelle, die am Bug der Schiffe begann und sich als unbegrenzter Wasserwall nach achtern ausbreitete. Sie fuhren in das Südchinesische Meer hinaus, vom immer wiederkehrenden Rhythmus der Hochseewellen getragen.

Der fünf Jahre alte Panzerkreuzer Olympia verdrängte fast sechstausend Tonnen Wasser. Seine beiden Gefechtstürme bestanden aus jeweils zwei 20,3 Zentimeter Geschützen, eingefasst in 10,2 Zentimeter dicken Barbetten. Das stark gepanzerte Deck schützte seine kraftvollen Maschinen, die das Schiff bei Volldampf auf enorme zweiundzwanzig Knoten brachten. Auf Deck verfügte er über zehn 12,7 Zentimeter Schnellfeuerkanonen und auf den verschiedenen Gefechtsständen über zahlreiche weitere Schnellfeuerkanonen kleineren Kalibers und vier schwere Gatling Maschinengewehre. Eine furchteinflößende Kriegsmaschine mit beeindruckender Feuerkraft.

Allerdings war nicht jeder Beobachter in Hongkong sonderlich beeindruckt von dieser Streitmacht und den unerfahrenen Yankees. Dabei hatten britische Marineoffiziere die amerikanischen Kameraden während deren Aufenthalts in Hongkong persönlich durchaus schätzen gelernt.

„Die sind ja ganz in Ordnung für solche Hinterwäldler“, bemerkte gönnerhaft Leutnant McClarke, der selbst aus einem kleinen Dorf aus dem schottischen Hochland stammte.

„Da hast du recht, Johnnie“, erwiderte sein rotgesichtiger Offizierskamerad im Britischen Klub. „Obwohl die Yanks immer nur vom Pokerspiel faseln und von Bridge absolut keine Ahnung haben. Die Mengen an Whiskey, die sie verkonsumiert haben, sind aber schon beeindruckend.“

„Ja, ja, nur Geduld. Wenn die Jungs länger hier gewesen wären, hätten wir ihnen die Zivilisation und das Bridge-Spiel schon in ihre Quadratschädel gepresst.“

Mit dieser Bemerkung erntete Leutnant Jackson ein schallendes, nicht bösartiges, sondern eher wohlgemeintes Gelächter der gutgelaunten Offiziersrunde. Manch einer schlug sich dabei auf die Schenkel. In bester Stimmung stieß man klirrend mit den Gläsern voller Scotch an.

Mit einem Kopfschütteln setzte Leutnant McClarke hinzu: „Mir bleibt es ein Rätsel, warum die Yankees den Spaniern den Krieg erklärt haben. Nur weil sie Kuba endlich unter ihre Kontrolle bringen wollen? Hoffentlich wissen die Jungs, dass auch die Philippinen seit über drei Jahrhunderten zu Spanien gehören. Dort wartet eine formidable Flotte der Dons auf die Yanks. Die haben doch seit ihrem komischen Bürgerkrieg nur noch gegen ihre Rothäute gekämpft. Und selbst da musste General Custer eine schwere Niederlage einstecken. Die armen Teufel. Jetzt stechen sie Richtung Philippinen in See. Das sind ja ganz nette Burschen, aber leider werden wir sie nie wieder sehen.“

Diese lakonische Äußerung brachte Leutnant McClarke ein allgemeines, mitleidiges Kopfnicken seiner Offizierskameraden ein. Plötzlich lag Stille in der alkohol- und nikotingeschwängerten Luft des Kasinos.

Nun könnte man das als einen typischen, überheblichen Ausspruch von britischen Offizieren abtun, die von sich behaupteten, dass ihr Land die Weltmeere beherrsche und es keiner anderen Macht zutrauten, ähnliches zu vollbringen. Und schon gar nicht diesen Yankees, die die Bewohner einer abtrünnigen ehemaligen britischen Kolonie waren. Farmerburschen aus den Wäldern und den Prärien des Mittleren Westens eben.

Wären da nicht auch einige Berichterstatter von Zeitungen an Bord des amerikanischen Asiengeschwaders gewesen, die glaubten, sich auf der Fahrt in den Rachen eines Drachen zu begeben. Sie befürchteten das Schlimmste und begannen, Abschiedsbriefe an ihre Familien zu schreiben.

Kurz nachdem das Asiengeschwader der Vereinigten Staaten von Amerika Hongkong verlassen hatte, sah es sich innerhalb kürzester Zeit schwerem Wetter ausgesetzt.

Angesichts sich gewaltig am Horizont auftürmender Gewitterwolken, die einen tropischen Taifun ankündigten, war die Idee, Abschiedsbriefe zu verfassen, nicht die schlechteste, die die Schreiberlinge hatten. Commodore Dewey aber ließ sich von nichts und niemanden beirren und hielt stur Kurs.

Ungeachtet aller Umstände näherte er sich mit seinem Geschwader unaufhaltsam seinem Ziel Manila, sechshundertundzwanzig Seemeilen von Hongkong entfernt. Obwohl er die genaue Position der gegnerischen Flotte nicht kannte, ließ er sich keinerlei Zweifel anmerken. Ihm war klar, dass zumindest er Zuversicht ausstrahlen musste.

Nach drei Tagen auf hoher See erreichte das amerikanische Asiengeschwader schließlich sein Zielgebiet.

Das erste, was die Seeleute im Mondlicht von den Philippinen sahen, war eine dunkle Landmasse, und was sie rochen, war ein übler tropischer Geruch, der von den kilometerlangen Mangrovendickichten, die sich entlang der Küste erstreckten, stammte. Dahinter konnte man von Buschwerk bewachsene Felsformationen mit spitzen, rau geschwungenen Gipfeln weiter im Inland erahnen.

Die Schiffe wurden gefechtsklar gemacht. Kisten voller Granaten lagen griffbereit, um damit die schweren Geschütze zu füttern. Netze von hartem, aber biegsamen Seilen von der Dicke eines kleinen Fingers wurden an den Bordwänden herabgelassen, um als Splitterschutz zu fungieren. Alle überflüssigen Sachen wie brandgefährdetes Gebälk, Truhen und Kisten, Tische, Stühle und sonstige Gegenstände flogen über Bord.

Vorsichtig und gefechtsbereit ließ Dewey seine Schiffe in die Bucht von Subic einlaufen. In dieser strategisch günstig gelegenen Bucht vermutete man den Feind.

Die Nerven aller waren bis zum Zerreißen gespannt. Es herrschte eine fast atemlose Stille an Bord, wäre da nicht das monotone Stampfen der Dampfmaschinen gewesen. Dann …

Nichts.

Enttäuschung machte sich breit. Wo war denn nur der Feind? Er konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.

Also weiter.

Die Spannung musste aufrechterhalten werden. Man durfte sich nicht überraschen lassen.

Dann blieb nur, dass sich die feindliche Flotte in die Bucht von Manila, also vor die Tore der Hauptstadt der Kolonie, zurückgezogen hatte. Um in die Bucht zu gelangen, mussten die Amerikaner durch die schmale Meeresenge an der Festungsinsel Corregidor, die den Eingang in die Bucht von Manila kontrollierte, fahren. Das könnte schnell einem Himmelfahrtskommando gleichkommen. Die Gewässer galten als minenverseucht, die Torpedos waren abschussbereit und die Festungsartillerie von Corregidor konnte jeden Eindringling mit ihren schweren Granaten arg zusetzen. Das amerikanische Geschwader musste mit hohen Verlusten rechnen.

Commodore Dewey aber strahlte weiterhin absolute Ruhe und Zuversicht aus.

„Sechzig Jahre habe ich auf diese Gelegenheit gewartet. Ich befehlige dieses Geschwader in vollster Überzeugung. Hinein in die Höhle des spanischen Löwen, meine Herren!“, rief er mit fester Stimme entschlossen seinen Offizieren zu.

Mittlerweile schoben sich immer wieder Wolkenbänke vor den Mond. Alles in allem blieb es eine dunkle Nacht. Immer wieder zuckten am Horizont Blitze. Leichtere tropische Regenschauer durchnässten die weißen Marineuniformen der Seeleute. Aber davon ließ sich niemand beeindrucken.

Zur Überraschung aller gelang die Einfahrt in die birnenförmige Bucht von Manila während der Nacht reibungslos. Von Minen weit und breit keine Spur. Die Artillerie von Corregidor feuerte nur äußerst ungenau.

Weiter dampften die amerikanischen Kriegsschiffe in die Bucht von Manila hinein. Immer weiter drangen sie in die fünfzig Kilometer tiefe Bucht ein. Bei Tagesanbruch konnten sie die Konturen der Hauptstadt Manila, die über drei Kilometer der Küste einnahm, sehen. Wenn sich die spanische Flotte vor den recht eindrucksvollen Küstenbatterien der Festung von Manila versammelt hätte, dann hätte die vereinigte Feuerkraft der spanischen Geschütze für Deweys Flotte eine ernsthafte Bedrohung bedeutet.

Ein heller Schein im Nordosten ließ die Stadt Manila erahnen. Dann kroch das erste Tageslicht langsam hinter der Stadt hervor. Lange Reihen weißer Häuser und grauer Befestigungsanlagen mit Türmen und Domkuppeln waren auszumachen.

Kurz darauf entdeckte Dewey in seiner weißen Uniform mit der kleinen Golfkappe auf dem Kopf durch sein Fernglas eine Reihe von Schiffen im Hafen. Sechzehn an der Zahl. Die Anspannung stieg. Nur noch zehn Kilometer war das Geschwader von Manila entfernt. Schon wollte der Commodore den Befehl zum Einnehmen der Gefechtsposition geben, als er bemerkte, dass es sich nur um Handelsschiffe handelte.

Dewey traute seinen Augen kaum. Von der spanischen Flotte wieder keine Spur. Sehr seltsam.

„Wo sind diese verdammten Dons nur?“, entfuhr es ihm.

Dann schwenkte sein Blick nach Steuerbord.

„Dort sind sie!“, rief Dewey wie elektrisiert aus. Mit voller Anspannung stierte er durch sein Fernglas.

Alle Augen drehten sich fast zur selben Zeit in die gleiche Richtung. Schon bald konnten auch die anderen Offiziere sie mit eigenen Augen sehen: Vor dem nunmehr hellen, blauen Himmel hob sich die ehrfurchtgebietende Silhouette der spanischen Schiffe ab.

Hier war sie also, die stolze spanische Flotte.

Sie ankerte vor dem befestigten Marinearsenal von Cavite, direkt gegenüber der Stadt von Manila. Geschützt durch die Kanonen von Cavite wollte sie sich zum Kampf stellen.

Mit etwas Enttäuschung mussten die Amerikaner feststellen, dass die spanische Flotte mit ihren sieben Kriegsschiffen zwar zahlenmäßig einigermaßen ebenbürtig war, aber sie bei näherem Betrachten eher altertümlich wirkten und ungepanzert waren. Anscheinend hatte der spanische Admiral Patricio Montojo seine Flotte bewusst hierher in seichte Gewässer beordert, damit die Seeleute im Ernstfall wenigstens eine Chance hätten, an die Küste zu gelangen, wenn ihre Schiffe in Grund und Boden gebohrt werden würden.

Ungerührt befahl Dewey seinen Schiffen Gefechtsformation einzunehmen. An der Spitze befand sich Deweys Flaggschiff Olympia gefolgt von den anderen Kreuzern. Das Geschwader verfügte insgesamt über dreiundfünfzig Geschütze schweren Kalibers.

Auch die Spanier waren bereit. Ihre Flotte war halbkreisförmig vor Cavite positioniert. Stolz wehten die rot-gelben Flaggen Spaniens über den Schiffen. Hochrufe auf König und Gott schallten herüber und die Flaggen zeigten Gefechtsbereitschaft an.

Anspannung pur. Alle Geschützrohre waren auf die Spanier gerichtet. Alle Mann auf Gefechtsstation. Sie warteten mit ernsten Mienen auf den entscheidenden Befehl. Nur die Maschinen stampften monoton und unbeeindruckt von der heiklen Lage vor sich hin.

Schon flogen den Amerikanern die ersten Granaten entgegen - und schlugen weit entfernt ins Meer ein. Je näher die Amerikaner kamen, desto heftiger wurde das Feuer. Aber immer noch ungenau. Dann explodierte ein Geschoß direkt über Olympia.

Alle Mann schauten erschrocken nach oben. Das aber war das Signal für Dewey.

Mit festentschlossener Stimme rief er dem Kapitän von Olympia zu: „Sie dürfen feuern, sobald Sie bereit sind, Franklin!“

Es brach ein unglaublich heißer Tag an. Windstille.

Plötzlich aus einer Entfernung von fünfeinhalb Kilometern spie das 20,3 Zentimeter Geschütz im vorderen Turm auf der Steuerbordseite seine Granate mit einer orangefarbigen Flamme aus. Unmittelbar danach schleuderten die beiden nachfolgenden Kreuzer ihre über einhundert Kilogramm schweren Granaten gegen den Feind.

Die Spanier antworteten. Nun schon genauer. Schrapnellsplitter ließen Wasserfontänen hochspritzen oder schlugen an die Außenwand von Deweys Flaggschiff. Dann flog eine Granate direkt auf die Brücke von Olympia zu.

Schrecksekunde! Alle erstarrten. Das war’s, dachten die Offiziere.

Nur einhundert Meter entfernt fiel die Granate vorher aber ins Meer.

Aufatmen! Das war knapp. Erleichterung machte sich breit.

Auf beiden Seiten wurde ohne Unterlass Granate auf Granate auf den Gegner abgefeuert. Wasserfontäne auf Wasserfontäne spritzte empor, als die Geschoße ins Meer einschlugen. Nur wenn der Qualm zu dick wurde, unterbrach man für kurze Zeit das Feuern.

Neben der tropischen Sonne setzte den Matrosen die fast unerträgliche Hitze an den Geschützen zu, die Salve auf Salve abfeuerten. Lediglich mit Unterhose und Schuhen bekleidet schoben die Artilleristen Granate auf Granate in den Schlund ihrer Kanonen. Der Pulverdampf ließ sie fast ersticken und ihre Augen tränten unaufhörlich, machte sie fast blind. Nur der festentschlossene Wille als Sieger das Schlachtfeld zu verlassen, ließ sie unermüdlich weitermachen.

Jede abgefeuerte Salve erschütterte das Schiff. Die Vibrationen waren so groß, dass die Männer sich kaum auf den Beinen halten konnten. Einige fielen um. Hitzeschlag. Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel. Die Matrosen mussten in die Sanitätsabteilung zur ärztlichen Behandlung transportiert werden.

Im vorderen Kojendeck stieg die Temperatur auf fast siebenundvierzig Grad Celsius. Verglichen mit dem Maschinendeck war das aber fast kühl. Hier zeigte das Thermometer noch höhere Temperaturen an. Unvorstellbar, wie das ein Mensch aushalten konnte. Es herrschte eine geradezu unmenschliche Hitze, die nur mit dem Höllenfeuer verglichen werden konnte.

Die US-Kriegsschiffe fuhren in disziplinierter Reihe mit sechs Knoten Geschwindigkeit in einem vier Kilometer großen Kreis an den spanischen Kriegsschiffen vorbei, wobei sie zunächst ihre gesamten Backbordkanonen abfeuerten und anschließend ihre Steuerbordwaffen einsetzten. Von ursprünglich fünf Kilometer Entfernung kamen sie sich bei jedem neuen Anlauf näher. Dies geschah unablässig, ohne dass die US-Schiffe auch nur ernsthaft in Gefahr gerieten.

Allerdings nahm die Treffgenauigkeit mit der Dauer des Gefechts ab, weil sich immer dichtere Rauchwolken zwischen die Schiffe schoben. Doch während der ersten zwanzig Minuten wurden die Spanier bereits schwer und wiederholt getroffen.

Außerdem fuhren die spanischen Schiffe ziellos in der Gegend herum und standen sich teilweise selbst im Weg, sodass sie das Feuer auf die Amerikaner nicht eröffnen konnten. Wenn der Weg dann mal frei war, schossen sie zahlreiche Salven ab, ohne jedoch präzise zu sein.

Die amerikanischen Kanoniere konnten bald mit bloßen Augen den Verlauf ihrer Geschosse verfolgen, da sich die Schiffe immer dichter an den Gegner heranschoben. Nackt bis zur Taille, schmutzig vom Pulverruß, ihre Köpfe mit nassen Handtüchern versehen, in Schweiß gebadet, der in immer größeren Rinnsalen über ihre schweißglänzenden Körper lief, wuchteten sie unaufhörlich Granate auf Granate, die zwischen fünfundvierzig und über einhundert Kilogramm wogen, in die riesigen Geschütze. Das alles unter einer tropischen Hitze, die das Pech in den Decks zum Schmelzen gebracht hatte.

Über zwei Stunden dauerte die Seeschlacht nun schon. Die Nerven der Männer auf allen Schiffen waren mittlerweile zum Zerreißen gespannt. Leutnant Drake vom Kreuzer Raleigh stieg in das Munitionsdepot hinab, um seinen Männern zu berichten, wie sich draußen die Gefechtslage entwickelt hatte, bevor die Männer unruhig werden würden. Während er noch die Leiter in das Schiffsinnere hinunterstieg, meinte er, Laute zu vernehmen. Als Leutnant Drake der Pulverkammer näher kam, hörte er die Klänge einer Fiedel begleitet von einer Gitarre.

Dann glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. In der vorderen Magazinkammer standen Männer aufgereiht auf dem Deck, bekleidet mit kurzen Hularöckchen angefertigt aus Jutesäcken und vollführten eine burleske Tanzaufführung. Zu den Klängen von „There´ll Be a Hot Time in the Old Town Tonight“ sangen sie im Chor. Dieses Lied sollte schon bald einer der populärsten Songs des ganzen Krieges werden. Als die Männer den Leutnant erblickten, beeilten sie sich wie wild auf ihre Stationen zu kommen. Aber Leutnant Drake war nur hochgradig amüsiert und rief ihnen zu: „Männer, wir haben sie. Die Dons sind auf der Flucht. Ich kenne das Lied, das ihr da spielt nicht, aber es ist echt ein Mordslied. Ich will, dass die Klänge auch das Oberdeck erreichen! Also, haut in die Tasten Jungs!“

Und während der restlichen Zeit des Gefechts drang die Musik bis zu den Männern an den Artilleriegeschützen und munterte sie auf.

Das Feuer der Amerikaner konzentrierte sich zunehmend auf den ungepanzerten Kreuzer Reina Cristina, das Flaggschiff des spanischen Admirals. Mit dreitausendfünfhundert Tonnen Wasserverdrängung und sechs 18,8 Zentimeter Geschützen war es das größte Schiff der spanischen Flotte. Der Kreuzer versuchte wie ein von einem Sturm aufgeschrecktes Ross sich dem Feuer zu entziehen. Vergebens. Schon bald stand Reina Cristina bugwärts in Flammen.

Eine weitere Granate sauste auf das Schiff und traf es. Ein 15,2 Zentimeter Geschoss riss ein gezacktes Loch unter das Heck, aus dem der Rauch eines anderen Feuers drang. Direkt in diese offene Wunde schlug eine weitere Granate ein, die einen heftigen Schwall von Flammen und Rauch durch Luken und weiteren Öffnungen freisetzte. Dann schoss ein Strahl von weißem Dampf aus dem hinteren Schornstein hoch in die Luft hinaus und der Kreuzer Reina Cristina schlingerte mit Kurs auf Cavite hin und her, bis das Flaggschiff schließlich vor den Festungswällen auf Grund lief.

Die Flagge des spanischen Admirals wurde daraufhin auf dem Kanonenboot Isla de Cuba gesetzt und zahlreiche Geschütze der amerikanischen Flotte begannen sich schon auf das Schiff zu richten. Doch der weiß gestrichene, ungepanzerte und hölzerne Kreuzer Castilla bot zunächst ein noch verlockenderes Ziel. Granate auf Granate schlug in seinen Schiffsrumpf ein. Die schwarzen Rauchsäulen, die folgten, erzählten davon, dass todbringendes Feuer ausgebrochen war.

Nachdem die beiden großen spanischen Schiffe außer Gefecht gesetzt worden waren, zog sich der Rest der Flotte hinter die Mole des Arsenals von Cavite zurück, von wo es jedoch kein Entkommen mehr gab.

Völlig unvermittelt schoss ein spanisches Torpedoboot heran. Ziel Deweys Flaggschiff. Sofort richtete man dort die Schnellfeuergeschütze und die Sechspfünder aus. Sogar die Matrosen begannen mit ihren Gewehren auf das kleine wendige Schiff zu schießen. Schnell war das Torpedoboot außer Gefecht gesetzt und trieb auf die Küste zu. Im Nachhinein entpuppte sich das vermeintlich gefährliche Torpedoboot als ein harmloses, unbewaffnetes philippinisches Marktboot, das sich zur falschen Zeit am falschen Ort befand. Ein Zeichen, wie angespannt die Nerven aller waren.

Gerade in diesem Moment erreichte die dramatische Nachricht, die Munition werde knapp Commodore Dewey. Das Flaggschiff Olympia signalisierte, dass es sich aus dem Gefecht zurückziehen müsse. Dies ging einher mit der lakonischen Nachricht: „Also gut. Lasst die Leute ihr Frühstück einnehmen.“

Kurz darauf befand sich das gesamte amerikanische Geschwader außerhalb der Reichweite der spanischen Geschütze und legte eine Ruhepause ein. Die Gefechtsabsperrgitter wurden weggeräumt, verschmutzte Matrosen versammelten sich an Deck und begrüßten sich mit lautstarken Rufen wie Dämonen, die aus dem Hades freigelassen worden waren. Mit gutem Appetit wurden Sardinen, Corned Beef und Schiffszwieback verspeist.

Nachdem sich die kommandierenden Offiziere an Bord des Flaggschiffes Olympia versammelt hatten und sich die Nachricht eines knappen Munitionsstands als falsch erwiesen hatte, beschloss man, dem Feind den Gnadenstoß zu versetzen.

Den Anfang machte der Kreuzer Baltimore, der sich für zehn Minuten ein intensives Duell mit den Festungsgeschützen von Cavite lieferte. Der Kreuzer, der sich im Schneckentempo bewegte, geriet schnell in einen Strudel von unaufhörlichen Salven sowohl der eigenen als auch der feindlichen Artillerie. Manchmal war er vollkommen von Rauchschwaden umgeben und schien Feuer gefangen zu haben, während jede Granate, die er abschoss, sich in die Erdwälle bohrte, als ob man sich auf einer Schießübung befände.

Schließlich erwischte es die Cañacao Batterie der Festung. Volltreffer. Ihre Erdbefestigungen wurden emporgeschleudert, zerrissen in der Luft und fielen auf die Mannschaften, die in Panik, sofern sie es überhaupt noch konnten, auseinanderstoben. Schließlich konzentrierte sich das Feuer der amerikanischen Kriegsschiffe auf diese Befestigungsanlage.

Dann wurde die spanische Flagge eingeholt – und stattdessen die weiße Flagge gehisst.

Die Spanier in diesem Fort hatten kapituliert.

Nachdem das Kanonenboot Isla de Cuba schwere Treffer abbekommen hatte, versenkte die Besatzung das Schiff, um die Inbesitznahme durch die Amerikaner zu verhindern. Dasselbe Schicksal erlitt ihr Schwesterschiff. Nun blieb nur noch als einziger halbwegs ernstzunehmender Gegner der ungeschützte Kreuzer Don Antonio de Ulloa. Das Feuer konzentrierte sich auf das unglückliche Schiff, das buchstäblich von Geschossen durchsiebt wurde. Nahezu jedes Geschütz wurde getroffen und unschädlich gemacht. Ihre Besatzung floh auf die geschützte Seite des Schiffes, sprang über Bord und schwamm in den seichten Gewässern an Land. Das Schiff selbst schien sich vor ihren Peinigern noch kurz zu verbeugen, bis es schließlich in den Wellen versank. Damit befand sich fast die gesamte spanische Flotte auf dem seichten Meeresboden, umspült vom warmen Wasser des Südchinesischen Meeres.

Das war das Schlusszeichen. Gegen Mittag hissten die Spanier die weiße Flagge der Kapitulation über der Festung von Cavite.

Das amerikanische Asiengeschwader hatte seinen Gegner vernichtet. Die stolze spanische Flotte ging so eindrucksvoll unter wie die Mauern von Jericho fielen. Fast vierhundert Spanier wurden dabei entweder getötet oder verwundet, während es auf amerikanischer Seite neben einigen Verwundeten lediglich einen Toten durch Hitzschlag gab. Kein US-Schiff hatte auch nur ernsthafte Beschädigungen erlitten.

Erst als die Sonne über der Bucht von Manila langsam im Meer versank, wurde es den Teilnehmern bewusst, dass sie an einer der vollkommensten Siege zur See in der Gegenwartsgeschichte teilgenommen hatten.

Als wie von Zauberhand unvermittelt die tropische Nacht hereingebrochen war, leuchtete die Küste um Cavite herum hell von den Flammen der brennenden spanischen Kriegsschiffe. Reina Cristina und Castilla sahen wie Skelette aus. Die Feuer, die die Schiffe verbrannten, ließen ihre Knochen vor dem Hintergrund der weißen, heißen Hitze geradezu schwarz aussehen. Im flimmernden Licht nahmen die Zerstörungen in Cavite ein surreales Aussehen an, dem Tor in den Hades gleich. Zwischendurch explodierte ein Munitionsarsenal wie ein Vulkan und schleuderte seine brennenden Trümmer hoch in die Luft: ein grauenhaftes Bild von den Schrecken der modernen Kriegsführung.

Langsam wurde Commodore Dewey klar: Ich bin der glänzende Sieger dieser Seeschlacht. Doch was fange ich mit diesem Sieg nur an? Manila liegt mir zu Füßen, doch ich habe keine weitergehenden Befehle. In Washington war niemand auf diesen Ausgang vorbereitet. Und vor allem: Die Kabelverbindung nach Hongkong, die einzige schnelle Kommunikationsmöglichkeit von Manila mit der Außenwelt, war gekappt worden. Und noch etwas wurde Dewey bewusst: Nun war sein Munitionsvorrat tatsächlich zur Neige gegangen.

Was also sollte er tun?

2. KAPITEL: IM SÜDCHINESISCHEN MEER

1899. Einige Zeit später. Hunderte von Seemeilen entfernt.

Mit acht Knoten pflügt das Kanonenboot Iltis mit seinen beiden qualmenden Schornsteinen unter einer erbarmungslos brennenden tropischen Sonne durch die sanften, tiefblauen Wellen des Südchinesischen Meeres. Auf der Brücke schaut der Erste Offizier Hans Thomsen immer wieder besorgt an den Horizont. Mittlerweile kennt er die tropische Idylle. Sie trügt. Schon innerhalb kürzester Zeit kann das Wetter völlig unvermittelt umschlagen. Ehe man sich versieht, befindet man sich inmitten eines gefährlichen Taifuns mit meterhohen Wellen. Wenn man darauf nicht vorbereitet ist, kann es für Mannschaft und Schiff tödlich ausgehen.

Auf der anderen Seite kann Thomsen sich nicht nur auf seine Mannschaft, sondern auch auf sein Schiff verlassen. Iltis ist ein nagelneues Kanonenboot, das sich auf der mittlerweile monatelangen Reise, die hinter ihnen liegt, bewährt hat. Neben Schießübungen vor der malaiischen Insel Langkawi hat Iltis auch schon in der Straße von Malakka mit scharfer Munition erfolgreich auf Piratenschiffe gefeuert. Zwar gehört es mit seinen neunhundert Tonnen Wasserverdrängung nicht zu den großen Kampfschiffen, aber mit seinen 8,8 cm Schnellfeuerkanonen und 3,7 cm Revolverkanonen ist es ein durchaus ernst zu nehmender Gegner. Außerdem ist die knapp einhundertdreißig Offiziere und Mannschaften umfassende Besatzung bestens ausgebildet und hoch motiviert, so wie es sich für ein Schiff Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II. eben gehört.

Trotzdem wäre Thomsen wohler, wenn sein Kapitän Wilhelm Kurz auf der Brücke wäre. Noch nie in seiner Seemannskarriere ist Thomsen, auch wenn sie noch nicht allzu lange währt, unter einem seemännisch und persönlich so anerkannten Kapitän auf hoher See gewesen. Umso ehrlicher ist Hans Thomsens Wunsch, seinen Kapitän wieder bei voller Gesundheit zu sehen.

Zwischendurch lässt Thomsen sich immer wieder vom Schiffsarzt Dr. Brandt Bericht über den Zustand seines Kapitäns erstatten. Jedes Mal völlig angespannt lauscht er den Worten des Arztes.

Dabei ging alles so plötzlich. Gerade als sie aus dem Hafen von Singapur ausliefen, passierte es. Zusammen standen sie noch auf der Kommandobrücke, als urplötzlich Kapitän Kurz an allen Gliedern zu zittern anfing. Schweiß stand ihm auf der Stirn und er begann zu wanken. Dann gelang es Thomsen nur noch geistesgegenwärtig den Sturz seines Käpt´ns zu verhindern. Sofort ließ Hans Thomsen den Schiffsarzt rufen, der veranlasste, dass Wilhelm Kurz in die Krankenstation gebracht wurde. Seitdem liegt der Kapitän dort und Dr. Brandt kümmert sich mit den recht bescheidenen Mitteln eines Bordarztes rührend um seinen Kapitän, den der Arzt auch persönlich sehr schätzt. Kapitän Wilhelm Kurz ist kein sturer Kommisskopf, sondern jemand, dem seine ihm anvertrauten Leute wirklich am Herzen liegen.

In seinem Büro im Government House in Singapur sitzt Gouverneur Sir Charles Mitchell an dem aus Mahagoni gefertigten dunklen Schreibtisch. Hinter ihm thront eine Statue von Königin Victoria. Genauso dunkel wie der Schreibtisch ist auch die Miene des Gouverneurs. Sogar die vier Brandy, die er schon zu sich genommen hat, können seine Stimmung nicht aufheitern. Dabei dauert es eigentlich noch zwei Stunden, bis die Zeit für den traditionellen Sundowner in den Tropen angebrochen ist. Die Wangen des zweiundsechzigjährigen Sir Charles haben eine glühend rötliche Farbe angenommen, die nicht nur der Tropensonne geschuldet ist.

Auch der Blick aus dem jalousieartigen Fenster, der an den standbildhaften Säulen vorbei auf die an die berühmten englischen Gärten erinnernden imposanten Außenanlagen geht, muntert Sir Charles nicht auf. Seine Stimmung ist düster, sehr düster. Seine ohnehin enganliegenden Augen mit den dunklen, dichten Augenbrauen scheinen nur noch schmale Schlitze zu sein. Immer wieder fährt er sich mit den Fingern seiner linken Hand nervös über seinen Vollbart, der mit dem Schnauzer zusammengewachsen seinen länglichen Kopf umrahmt.

Ihm gegenüber sitzt sein Stellvertreter Francis Burton, dem die Sorgenfalten auch deutlich auf die Stirn gezeichnet sind.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und tiefer, ernster Stimme wendet sich Sir Charles an seinen Stellvertreter: „Diese verdammten Deutschen. Davongeschlichen haben sie sich. Aus meinem Singapur“, dabei haut Sir Charles wutentbrannt mit seiner rechten Faust auf den Schreibtisch. Francis Burton schrickt hoch.

„Alle haben versagt! Jawohl, versagt!“, setzt der Gouverneur aufgewühlt seine Tirade fort.

„Fort ist er, der Geheimbericht. An Bord von Iltis. Eine verfluchte Sauerei ist das. Alle haben versagt!“, wiederholt Sir Charles, weiterhin wutentbrannt.

„Unsere Agenten, die Chinesen, die wir für teures Geld angeworben haben. Verdammte Schlitzaugen. Was soll ich jetzt nur nach London berichten? Peinliche Angelegenheit“, bei diesen Gedanken etwas kleinlauter werdend.

„Erzählt der verfluchte Kurz unserem Hafenkommandanten von Penang etwas von Schießübungen, die die Deutschen vor der benachbarten Insel Langkawi abhalten wollen. Der glaubt das auch noch und ist froh, dass das Abfeuern der Schiffsgeschütze außerhalb von Penang stattfindet und er seine Ruhe hat. Und was hat der teuflische Deutsche im Sinn?“

Die kurze Pause nach dieser Frage, die Burton zu Recht als eine rhetorische interpretiert, nutzt der Gouverneur, um an seinem Glas Brandy zu nippen.

„Natürlich, er will auskundschaften, ob Langkawi für das Deutsche Reich als Marinestützpunkt geeignet ist. In unserem Einflussgebiet. Konkurrenz zu unserem Penang. Damit die Deutschen auch den Eingang zur Straße von Malakka kontrollieren können. Und das alles für seinen angeberischen, bei jeder Gelegenheit tönenden Kaiser Wilhelm. Man darf das von einer kaiserlichen Hoheit eigentlich nicht sagen, aber ein Großmaul ist Seine Majestät schon. Jawohl!“

Und haut, wie um diese Worte zu unterstreichen, mit der Faust wieder auf den Tisch.

„Von der Empfehlung von dem Kurz hängt es ab, ob die Teutonen Langkawi in ihren Besitz bringen wollen. Wir müssen erfahren, ob er diese Insel als geeignet ansieht oder nicht, damit wir handeln können. So nahe waren wir an dem Geheimbericht schon dran. Hier in Singapur. In unserer Kronkolonie. Und dann macht der verdammte Deutsche Tabularasa und entkommt aus der Falle, die wir ihm in Chinatown gestellt haben. Serviert der Kurz doch tatsächlich die Kerle, die ihm aufgelauert haben, ab. Na gut, Respekt. Muss man ihm schon lassen. Gegen eine Übermacht. Dabei sind diese dummen Schlitzaugen dort zu Hause. Außer am Hafen stehen und der davondampfenden Iltis irgendwelche Flüche hinterher zu rufen, fällt denen dann auch nichts mehr ein. Dummköpfe!“, ruft Sir Charles unwirsch aus und schüttelt den Kopf.

Von seinem Redeschwall erschöpft, lässt er sich nach hinten an die Lehne seines Sessels sinken. Seine Arme rudern hilflos hin und her.

„Alles, was meine Agenten mir dann berichten können, ist, dass ihnen aufgefallen ist, dass in der Entourage von Prinzessin Irene, der Ehefrau von Prinz Heinrich, dem Bruder dieses Angebers Wilhelm Zwo, anscheinend jemand fehlt und nicht mit abgereist ist. Angeblich die erste Hofdame. Das fanden die sehr merkwürdig. Und hatten nichts Besseres zu tun, als mir davon zu berichten. Ja, und wenn schon. Interessiert mich nicht. Diese Luschen. Mich interessiert nur dieser verdammte Ge - heim - be - richt“. Dabei jede einzelne Silbe betonend.

Mit seinem Taschentuch wischt sich Sir Charles den Speichel aus den Mundecken und fährt anschließend mit demselben Tuch über seine schweißnasse Stirn. Mit einem weiteren kräftigen Schluck Brandy versucht er seine Nerven zu beruhigen.

Stille im Raum. Nur das hastige Atmen von Sir Charles ist zu hören. Selbst draußen stellen die Zikaden ihr ansonsten ohrenbetäubendes, scharfes schnarrendes Rasseln vorübergehend ein.

Mit betont ruhiger Stimme bemerkt Francis Burton nur: „Sir Charles, Sie haben vollkommen recht.“

Diese wohlgesetzten Worte - schließlich kennt Francis Burton seinen Chef schon lange - scheinen eine beruhigende Wirkung zu haben.

Mit leiser, ja überraschend sanfter Stimme, fragt der Gouverneur seinen Stellvertreter seufzend: „Was schlagen Sie vor, Francis?“

„Was meinen Sie?“, fragt der Erste Offizier seinen Steuermann. „Wie lange können wir diesen Kurs fortsetzen, bis wir uns entscheiden müssen, ob wir Hongkong anlaufen oder direkt nach Tsingtau fahren?“

„Nicht mehr lange, Käpt´n. Vielleicht noch drei oder vier Stunden. Dann müssen Sie eine Entscheidung treffen.“

Ruhig dampft das Kanonenboot Iltis durch die noch sanft rollenden Wellen des dunkelblauen Südchinesischen Meeres. Nur in Hans Thomsens Kopf ist es nicht ruhig. So manche Gedanken schwappen durch sein Gehirn.

Thomsen steht mit seinen Gedanken alleine auf der Kommandobrücke. Entscheidung treffen, geht es durch seinen Kopf. Die Krankheitslage seines Vorgesetzten Kapitänleutnant Wilhelm Kurz ist alleine ausschlaggebend. Wo kann er am besten behandelt werden? Die richtige Antwort steht eigentlich außer Frage. Natürlich in Tsingtau von unseren tüchtigen deutschen Ärzten.

Selbstredend.

Aber es schleichen sich Zweifel in diesen Gedankengang ein. Was ist, wenn sich der Gesundheitszustand vom Kapitän verschlechtert? Zurück nach Singapur? Noch ist Iltis nicht allzu weit entfernt. Eine Umkehr wäre jederzeit möglich. Oder doch Zwischenstation in Hongkong machen? Dort soll es auch recht gute Hospitäler und Ärzte geben. Wenn auch nur Engländer.

Quälend nisten sich diese Gedanken in Hans Thomsens Kopf ein.

Zurück nach Singapur wäre die schnellste Möglichkeit.

Kurzes Nachdenken.

Ja, das sollte, nein, das müsste Thomsen im Hinblick auf den besorgniserregenden Gesundheitszustand von Kapitänleutnant Wilhelm Kurz befehlen. Also gut. Umkehr nach Singapur.

Schon will er den Befehl geben, als ihn ein anderer Gedanke zögern lässt.

Hans Thomsen denkt noch einmal an die Abreise aus Singapur. Irgendetwas war anders, ja geradezu ungewöhnlich, wenn er jetzt genauer darüber nachdenkt.

Seit der Abreise aus Kiel im Februar des Jahres hat Hans Thomsen seinen Kapitän Wilhelm Kurz als einen ruhigen und umsichtigen Kapitän kennen und schätzen gelernt. Geradezu unaufgeregt hat er alle Beschwernisse, wie das mühselige und demütigende Kohlen im englischen Colombo auf der Insel Ceylon, hingenommen. Auch seinen Geheimauftrag zur Erkundung der Insel Langkawi als möglichen deutschen Stützpunkt am Eingang zur strategisch wichtigen Straße von Malakka hat er bravourös gemeistert. Doch dann muss irgendetwas in Singapur vorgefallen sein.

Kapitän Kurz hat sich in den Tagen in Singapur verändert. Er war kaum an Bord. Klar, als Kapitän der kaiserlich-deutschen Marine hatte er zahlreichen Verpflichtungen nachzukommen. Außerdem wollte er einen alten Schulkameraden, der bei dem dortigen Handelshaus Behn, Meyer & Co. angestellt war, treffen. Hinzu kam noch der Besuch Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Irene von Hessen-Darmstadt, Gemahlin des Kaiserbruders und Kommandeurs des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Prinz Heinrich von Preußen.

Soweit ist alles nachzuvollziehen, sinniert Hans Thomsen vor sich hin. Aber dennoch.

Irgendetwas war anders.

Irgendetwas stimmte nicht.

Aber was?

Ja, schießt es Thomsen urplötzlich durch den Kopf.

Diese Koffertruhe. Auf einem Mal wurde ein kleiner Trupp Soldaten abkommandiert, um sich ins Hotel de L´ Europe zu begeben, wo Ihre Königliche Hoheit logierte. Dann kamen sie mit drei schweren Koffertruhen zurück an Bord. Auf ausdrücklichen Befehl von Kapitänleutnant Kurz musste eine sofort in den Kühlraum des Schiffes gebracht werden. Dann sollte dieser verschlossen und der Schlüssel unverzüglich vom Wachhabenden an den Kapitän nach dessen Rückkehr an Bord übergeben werden. Ausdrücklicher Befehl des Kapitäns. So hieß es klar und deutlich.

Schon merkwürdig. Eine Koffertruhe im Kühlraum.

Aber in Ordnung. Befehl ist Befehl. Außerdem gab es viele andere wichtige Dinge an Bord vor dem Auslaufen zu organisieren und zu kontrollieren. Da hatte er, Thomsen, keine Zeit, sich Gedanken zu machen.

Aber jetzt. Wenn er darüber nachdenkt. Eigentlich schon sonderbar.

Dann die doch überhastete Rückkehr von Kapitänleutnant Wilhelm Kurz. Zwar versuchte er seine übliche Haltung zu wahren, doch er schien durcheinander zu sein. Ungewöhnlich für ihn.

Anschließend der Befehl, sofort auszulaufen. Obwohl wir noch einige Tage hätten in Singapur bleiben sollen. Dringender Befehl vom Kommandeur Prinz Heinrich, so Kapitänleutnant Kurz.

Sonderbar. Es gab keinen ersichtlichen Grund für die überstürzte Abreise.

Immer wieder schaute Kapitän Kurz sich nach dem Auslaufen um. Richtung Hafen. Der Käpt´n wirkte anders, aufgekratzt, aufgewühlt. Ja, dachte Hans Thomsen, diese Worte treffen den Zustand des Käpt´ns am besten.

Und dann dieser urplötzliche Zusammenbruch auf der Kommandobrücke. Gerade noch rechtzeitig gelang es Hans Thomsen seinen Kapitän aufzufangen, bevor er zu Boden stürzte.

Seitdem liegt der Kapitän auf der Krankenstation und der Schiffsarzt kümmert sich hingebungsvoll um ihn.

Aber anscheinend ist keine Besserung in Sicht.

Also doch Umkehr nach Singapur, denkt sich Thomsen.

Schon will er den Befehl geben, da kommt der Schiffsarzt auf die Brücke und meldet außer Atem: „Kreislauf des Kapitäns stabil. Atmung wieder gleichmäßig.“

„Dr. Brandt, gute Nachricht. Bin erleichtert. Tun Sie weiterhin alles für unseren Käpt´n.“

Also doch nicht Singapur. Wäre wohl auch nicht im Sinne des Kapitäns gewesen, sagt Hans Thomsen zu sich.

„Kurs beibehalten!“, befiehlt er mit entschlossener Stimme.

„In aller Bescheidenheit erlaube ich mir, Ihnen vorzuschlagen, zweigleisig zu verfahren“, sagt Francis Burton mit sonorer Stimme.

„Mmh, zweigleisig also“, wiederholt Gouverneur Sir Charles wie abwesend.

„Zum einen sollten wir den Sachverhalt so neutral wie möglich an unseren Kolonialminister in Whitehall telegrafieren. Mit dem Hinweis, dass wir bald Genaueres mitteilen können.“

„Können wir doch nicht, Francis. Verstehen Sie es doch“, will sich Sir Charles schon wieder aus seinem Sessel erbost erheben.

Doch es genügt, dass Francis Burton kurz die Hand hebt, und Sir Charles sinkt in seinen Sessel zurück.

„Zum anderen telegrafieren Sie an Ihren Kollegen Gouverneur Sir Richard Henderson in Hongkong, Sir Charles.“

„Ja, soll ich ihm auch noch mitteilen, was für Schwachköpfe wir hier in Singapur sind?“, presst Sir Charles halblaut hervor, hält dann aber erschöpft inne.

„Gouverneur Henderson soll Iltis ein Schiff entgegenschicken, um …“

Weiter kommt Francis Burton nicht, denn nun ist Sir Charles außer sich.

„Burton, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber das kann nicht Ihr Ernst sein. Natürlich will ich um fast jeden Preis diesen Geheimbericht von dem Deutschen in die Hände bekommen. Aber wir können doch nicht ein Kanonenboot Seiner Deutschen Majestät in Friedenszeiten auf hoher See durch eines unserer Schiffe stellen! Wissen Sie, was das bedeuten kann? Krieg, Burton! Krieg mit Deutschland! Und ich bin dafür verantwortlich? Nein, Burton und nochmals nein! Basta!“, entscheidet Sir Charles aufgebracht.

„Wer sagt denn, dass es unser Schiff sein wird?“, fragt Burton trocken.

Ungläubig starrt der Gouverneur seinen Stellvertreter an.

„Der Chinesenclan von Heng Wan Chu aus Singapur hat noch eine Rechnung mit dem Kurz offen. Genau wie wir. Das macht uns weiterhin zu natürlichen Verbündeten. Ich habe mir bereits erlaubt, das Clanoberhaupt zu kontaktieren. Gegen etwas Entgelt hat er sich bereit erklärt, über einen engen Verwandten in Hongkong Verbindung mit dem Piratenchef Weng aufzunehmen.“

„Was, den?“, ruft Sir Charles entgeistert aus.

„Sind Sie vollkommen von Sinnen? Der ist doch der meistgesuchte Piratenkönig in der Umgebung von Hongkong. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir ein nicht unbeträchtliches Kopfgeld auf den Kerl ausgesetzt. Der greift auch immer wieder unsere Handelsschiffe an.“

„Genau den meine ich, Sir Charles. Er ist - nun wie soll ich sagen - sehr zuverlässig in bestimmten Dingen.“

„Sie sind wahnsinnig geworden, Burton.“

„Nicht unbedingt, Sir Charles. Nur effektiv. Wie immer, in aller Bescheidenheit. Wollen Sie den Geheimbericht haben oder nicht, Sir Charles?“, fragt Francis Burton mit betont ruhiger Stimme und fährt fort: „Sir Charles, alles, was Sie nur tun müssen, ist, ein streng vertrauliches Telegramm an Ihren Gouverneurskollegen Sir Henderson in Hongkong zu senden und darum zu bitten, dass er Anweisung erteilt, dass unsere Kriegsschiffe drei Tage im Hafen von Hongkong bleiben und in dieser Zeit nicht auf Piratenjagd gehen. Den Rest überlassen Sie mir. Was können wir dafür, wenn Iltis auf seinen Weg nach Hongkong in eine Falle gelockt und ganz überraschend Opfer von einer chinesischen Piratenflotte wird? Nur der Geheimbericht überlebt und gelangt auf wundersame Weise zu Ihnen nach Singapur. Natürlich entrüsten wir uns ob der barbarischen Attacke auf ein deutsches Schiff, kondolieren und bieten unsere uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen diese Unholde der Meere an. Ja, machen sogar den Vorschlag, eine internationale Streitmacht zur Befriedung der Gewässer im Südchinesischen Meer aufzustellen. Vielleicht sogar unter deutschem Kommando. Wie wär´s damit? Da sagt der geltungssüchtige deutsche Kaiser nie und nimmer nein. Und alles ist in Butter.“

Mit diesen Worten endet Francis Burtons Vortrag.

Wieder Stille im Büro. Nur draußen stimmen Millionen von Zikaden ihr Sägen an, als ob sie dem Vorschlag von Francis Burton Beifall zollen wollen.

Mit seinen eng beieinanderliegenden Augen sieht Sir Charles seinen Stellvertreter direkt an.

„Das bewundere ich an Ihnen, Francis. Keine moralischen Skrupel. Ganz und gar erfolgsorientiert.“

Dann nickt Sir Charles und fährt fort: „Das Telegramm an Sir Henderson werde ich sogleich absenden. Von allem anderen weiß ich nichts.“

„Selbstverständlich, Sir Charles. Wie immer.“

3. KAPITEL: DIE FALLE

Auf seinen kräftigen Oberarmen prangen schwarzgeschwungene Drachen mit offenen Mündern und heraushängenden Zungen vor rotem Hintergrund. Sein gedrungener Körper mit dem runden Kopf und den kleinen strichförmigen Augen strahlt förmlich vor Energie. Beim Erteilen der Befehle schwingt sein kahlgeschorener Kopf mit dem langen Zopf am Hinterkopf wild hin und her. Kapitän Weng erteilt seiner Mannschaft den Befehl zum Auslaufen. Sofort macht sich eine rasante Aktivität bemerkbar. Niemand möchte unter den martialischen Blicken des Kapitäns unliebsam auffallen. Um keinen Preis. Dann lieber vor Erschöpfung tot ins Meer stürzen. Zugleich ist auf dem ein Dutzend anderer Schiffe die gleiche Hektik zu beobachten.

Weng ist Chef der berühmt-berüchtigten chinesischen Triade der Roten Bande, die ihren Ursprung in der Hafenstadt Shanghai hat. Kein Verbrechen ist ihnen fremd. Neben der Kontrolle des Opiumhandels und der illegalen Prostitution widmen sie sich vornehmlich der Piraterie. Aber auch vor Auftragsmorden und anderen Schandtaten schrecken sie nicht zurück. Wohlwissend, dass sie sich auf ihre Partner, die britische Handelsfirma Jardine, Matheson & Co. in Hongkong und die britische Geheimpolizei, verlassen können. Währenddessen arbeiten ihre Rivalen von der Grünen Bande mit den Franzosen im Rauschgift- und Geheimdienstgeschäft zum gegenseitigen Nutzen zusammen.

Doch für den aktuellen Auftrag hat Piratenkapitän Weng nicht nur auf die Engländer gesetzt. Natürlich sind diese rotbramsigen Rundköpfe wie immer bereit, ein schönes Sümmchen Silber zu zahlen. Doch dieses Mal ist der Auftrag wirklich außergewöhnlich und extrem heikel. Seine Flotte soll ein deutsches Kriegsschiff in eine Falle locken und um jeden Preis an einen Geheimbericht seines Kapitäns gelangen. Wie sie das anstellen, ist den Brits vollkommen egal. Deshalb bieten ihm die Engländer eine Summe an, die exorbitant ist. Obwohl er sich selbst als verliebt in Silber bezeichnen würde, hätte er diesen Auftrag normalerweise nie angenommen. Ein deutsches Kriegsschiff abfangen. Ein Himmelfahrtskommando.

Aber dann traf quasi zeitgleich mit dem Angebot der Rundaugen ein dringendes Hilfeersuchen von den lieben Vettern der Heng Wan Chu Kaufmannssippe aus Singapur ein. Der verdammte deutsche Kapitän dieses Kriegsschiffes soll die Tochter des Clanoberhaupts Heng gegen deren Willen geschwängert haben.

Wie niederträchtig! erregt sich Weng.

Ihm wurde glaubhaft versichert, dass der Clan alles, aber auch wirklich alles unternommen habe, um diesen schändlichen Verführer in Singapur zur Strecke zu bringen. Doch alle Tricks hätten versagt. Chang, der Schreiber der bedeutenden deutschen Handelsfirma Behn, Meyer & Co. hat versucht, den Deutschen in Chinatown in eine Falle zu locken. Resultat war, dass es zahlreiche Tote auf Seiten der Chinesen gegeben hatte. Der verfluchte Deutsche konnte entkommen. Selbst das letzte Mittel von Onkel Chu, den deutschen Kapitän zu verfluchen, hat wohl nicht richtig funktioniert.

Merkwürdig, denkt Weng, das klappt doch sonst immer.

Nur diese Kombination, dass eigentlich nicht ausschlagbare finanzielle Angebot der Briten und zugleich die Bitte des Familienclans zu helfen, hat den Ausschlag gegeben. Das wird nicht einfach. Darüber ist er sich im Klaren. Es wird viele Verluste in den eigenen Reihen geben. Die finanzielle Kompensation an die Familien muss er in seine Kalkulation einbeziehen. Aber viel wichtiger ist es, einen vernünftigen Plan zu haben. Ein direkter Angriff auf ein stählernes Kriegsschiff mit überlegener Feuerkraft kann eigentlich nur fatal enden.

Nein, ein besonderer Plan muss her. Es gilt, das deutsche Schiff in die vielen verwirrend kleinen Inseln mit ihren Untiefen vor der chinesischen Küste zu locken, kurz bevor es Hongkong erreicht. Dafür haben die Engländer ihre Unterstützung zugesagt.

Auf Kommando von Wengs Flaggschiff beginnen nun auch die anderen mehrmastigen Dschunken langsam ihre Segel zu setzen. Die Besegelung besteht aus Dschunkensegeln, die mit Bambus-Stangen durchgelattet sind. Diese durchgelatteten Segel sind von Deck aus leicht zu bedienen. Die kurzen Pfahlmaste sind üblicherweise nicht durch Wanten und Stage verspannt, so dass die Segel rundum geschwenkt werden können.

Die kastenförmigen Boote besitzen keinen Kiel. Ihre flachen Böden und die Seitenwände sind fast senkrecht hochgezogen. Dadurch scheinen sie über das Wasser zu fliegen und schneiden nicht hindurch. Der Rumpf ist aus weichem Holz gebaut, das sich leicht biegen lässt und trotzdem seine Form bewahrt. Die Dschunken zeichnen sich durch ihre hochgezogenen Enden aus, die ihnen eine fast bananenähnliche Form verleihen.

Sie sind robuste, sichere und schnelle Segelschiffe. Einige haben ein Fassungsvermögen von fünfhundert Registertonnen und sind für Hochseefahrten geeignet. An die dreihundert wildaussehende und entschlossene Chinesen können die Besatzung einer solch großen Dschunke bilden. Bis zu acht Geschütze warten auf ihren Gegner. Zufrieden blickt Piratenkapitän Weng auf seine Flotte, die sich langsam in Bewegung setzt, um das deutsche Kriegsschiff in die Falle zu locken. Es muss in einer der Untiefen auflaufen. Verluste wird es trotzdem geben, da ist er sich sicher. Doch das gehört nun einmal zum Piratendasein dazu. Die Beute lockt dafür umso stärker.

Kurze Zeit vorher. Gouverneurspalast Hongkong.

Das Government House befindet sich in der Upper Albert Road. Von dort blickt man auf den Victoria Peak, mit über fünfhundertfünfzig Metern die höchste Erhebung der britischen Kronkolonie Hongkong. Auch sonst entsprechen die Ausmaße denen einer wichtigen Residenz im Britischen Empire. Die Grundfläche des Anwesens umfasst imposante annähernd zweieinhalb Hektar oder etwas mehr als zwei Fußballfelder.

Der Bau des Hauptgebäudes begann im Oktober 1851, im achten Jahr nachdem Hongkong zur britischen Kolonie erklärt worden war. Nach vier Jahren intensiver Bautätigkeit konnte die Fertigstellung an Ihre Königliche Hoheit Königin Victoria in London gemeldet werden.

In den folgenden Jahren änderte sich der Stil der Residenz mehrfach. Jeder neue Hausherr ließ das Gebäude nach seinen eigenen Vorstellungen renovieren. Das Hauptgebäude besteht nun aus einer Mischung aus reichhaltigem kolonialem Renaissancestil mit britischen, meist gregorianischen, und asiatischen Stilrichtungen. Willkommen im Reich der obersten Kolonialherren, die glauben, einzigartig zu sein.

Vor zehn Jahren wurde ein Seitengebäude an der östlichen Seite für gesellschaftliche Aktivitäten errichtet. Das Obergeschoss beherbergt einen Ballsaal, in dem Bankette für hohe ausländische Würdenträger veranstaltet werden. Bis zu einhundertfünfzig Gäste finden dort Platz.

Aber auch für den Schutz des Gouverneurs und seiner Gäste ist gesorgt. Am Haupteingang an der Upper Albert Road befinden sich zwei Wachgebäude mit einem eisernen Tor. Hier stehen die Government House Guards Wache, um für Sicherheit zu sorgen. Es ist eine Ehre für die in Hongkong stationierten Einheiten der Königlichen Armee, Soldaten für den Wachdienst abzustellen.

In diesem Anwesen residiert seit November letzten Jahres Gouverneur Sir Richard Henderson. Henderson stammt aus Limerick in Irland und hat unter anderem schon Erfahrungen als Gouverneur von den Bahamas und Neufundland gesammelt. Nun also Hongkong. Auf diesen Posten ist Sir Richard besonders stolz. Ist das doch die Anerkennung, die er meint, verdient zu haben.

Mit einer Zigarre im Mund, der von einem buschigen, leicht herabhängenden Schnurrbart fast umrahmt ist, sitzt er in seinem bequemen Sessel in seinem Arbeitszimmer. Neben ihm mit einem Glas Scotch in der rechten Hand hat es sich Kapitän Andrew Rochester bequem gemacht.

„Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, Kapitän Rochester, hat mich mein werter Kollege aus Singapur, Sir Charles Mitchell, informiert, dass es in dieser Angelegenheit um eine äußerst wichtige und geheime Mission im Rahmen der Sicherheit unseres Empires geht. Ich bin mir Ihrer absoluten Verschwiegenheit als Marineoffizier Ihrer Königlichen Hoheit vollkommen sicher, Kapitän Rochester?“

Dabei blickt Sir Henderson sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen direkt an. Seine blaugrünen Augen mustern den Kapitän gründlich und dulden keinen Widerspruch.

„Aber sicher doch, Sir Henderson. Bei meiner Ehre als Offizier, Sir!“, entfährt es Kapitän Rochester militärisch knapp.

„Gut, gut, Rochester. Noch wissen Sie nicht, was auf Sie zukommt. Aber gut, dass Sie so selbstsicher sind. Offiziere von Ihrem Schlag hat das Empire leider viel zu wenige“, setzt Sir Henderson nun schon fast schmeichelhaft hinzu.

„Auf mich können Ihre Exzellenz jederzeit setzen“, meint Kapitän Rochester noch hinzufügen zu müssen.

„Also dann los. Die Ausgangslage ist folgende: Das deutsche Kanonenboot Iltis hat Kurs auf Hongkong genommen, um den Zielhafen die deutsche Kolonie Tsingtau anzusteuern. Sein Kapitän hat in einem geheimen Auftrag für den Kaiser erkundet, ob sich die Insel Langkawi als deutscher Marinestützpunkt eignet.“

„Potzblitz!“, entfährt es Rochester und fährt aus seinem Sessel hoch. Um ein Haar wäre ihm das Glas Scotch aus der Hand gefallen. „Diese verdammten Deutschen.“

„Ganz meine Meinung, Kapitän. Aber unterbrechen Sie mich nicht.“

Wie ein zurechtgewiesener Schuljunge sackt Kapitän Rochester in seinen Sessel zurück.

„Leider ist es Sir Charles trotz Aufbietung aller Reserven nicht gelungen, an den Geheimbericht des deutschen Kapitäns in Singapur zu gelangen. Neben eigenen Kräften hat er auch einen dieser Chinesenclans für sich gewinnen können, weil sich der Deutsche wohl mit der Tochter des Clanchefs eingelassen hat. Jeder, der die Chinesen auch nur einigermaßen kennt, weiß, dass das mehr als nur verrückt ist. Das gleicht einem Todesurteil.

Aber wie auch immer, wir müssen unbedingt in Erfahrung bringen, ob diese verdammten Deutschen Langkawi tatsächlich als einen möglichen Stützpunkt betrachten, um rechtzeitig im Vorfeld tätig werden zu können.

Ihnen kommt eine Aufgabe von äußerst hoher Bedeutung zu, Kapitän Rochester. Hier nun der Plan: Wir gehen folgendermaßen vor …“

Während Sir Henderson das Vorhaben ausbreitet, wird Kapitän Rochester immer bleicher, will Widerspruch einlegen, wird aber energisch von Sir Henderson zurechtgewiesen, versinkt immer tiefer in seinen Sessel und stürzt das dritte Glas Scotch hinunter.

Als Kapitän Rochester etwas später den Gouverneurspalast verlässt, verschmäht er die bereitgestellte Kutsche und begibt sich stattdessen zu Fuß durch die noch immer anhaltende nächtliche tropische Hitze Hongkongs. Schon bald ist seine Uniform schweißdurchtränkt. Doch das bemerkt er nicht. Er ist zu aufgewühlt.

„Das darf doch nicht wahr sein“, entfährt es ihm kopfschüttelnd.

„Das darf doch nicht wahr sein“, murmelt er wiederholt gedankenverloren mit gedämpfter Stimme und zusammengepressten Lippen vor sich hin. Eine Kutsche mit hohem Tempo rast an ihm vorbei. Er schrickt hoch. Fast wäre er überfahren worden. Vielleicht sogar besser so, denkt er sich.

Eigentlich geht der Auftrag des Gouverneurs gegen seine Ehre. Als Kapitän der stolzen Royal Navy soll er nun gemeinsame Sache mit einem Piratenunhold machen.

„Pfui Teufel“, entfährt es Kapitän Rochester und spuckt in bester chinesischer Manier auf die Straße.

Aber auf der anderen Seite hat der Plan schon etwas, muss er nach einigem Überlegen zugeben. Wie sonst soll man von unserer Seite an den Geheimbericht kommen? Schließlich kann er, Rochester, ja schlecht mit seinem Schiff, dem Leichten Kreuzer Iphigenia, das deutsche Kriegsschiff auf hoher See angreifen. Das würde unweigerlich Krieg zwischen den beiden Nationen bedeuten. Das will natürlich niemand.

Nachdem er in der Tropennacht einige Zeit gelaufen ist, scheint ihm der Plan von Sir Henderson doch nicht so verkehrt. Aber gewöhnungsbedürftig ist das alles schon. Er soll bei dem Unterfangen nur den Boten spielen, während er dem blutrünstigen Piraten die Beute überlassen soll.

Hmm, wenn die liefern, heiligt der Zweck die Mittel, wie es so schön heißt, versucht sich Kapitän Rochester zu beruhigen.

Er soll also mit seinem Schiff Iphigenia dem deutschen Schiff Irene entgegendampfen und ihm signalisieren, dass Typhus in Hongkong ausgebrochen sei und zudem ein sehr heftiger Taifun heraufziehe. Deshalb sollen die Deutschen Hongkong großräumig umfahren, Kurs auf die chinesische Küste nehmen und dort den Taifun abwarten. Welch noble Geste von britischer Seite. Dadurch werden die Deutschen direkt in die Arme der Piratenflotte, die sich in der unübersichtlichen Küstengegend bestens auskennt, gelotst. Und dann, Peng, das war´s mit der deutschen Herrlichkeit. Und wir haben den Geheimbericht.

Na ja, ein teuflischer Plan. Wenn das klappt, ist zumindest das Ergebnis in Ordnung.

Mit seinen Füssen kickt Kapitän Rochester noch etwas Müll zur Seite. Was soll´s. Alles für das Empire. Mit diesen Gedanken legt er die letzte Strecke bis zum Hafen, wo das Beiboot schon auf ihn wartet, zurück.

Aus seinen zwei Schornsteinen steigt dunkler Rauch gen strahlend blauen Himmel. Der Leichte Kreuzer Iphigenia verdrängt dreitausendsechshundert Tonnen Wasser und arbeitet sich unaufhörlich durch die leicht rollenden Wellen des Südchinesischen Meeres. Die knapp dreihundert Mann Besatzung hält das Schiff routiniert auf Kurs. Die zwei 15,2 Zentimeter Geschütze sind nur mit der Wachmannschaft besetzt. Schließlich ist man nicht auf Feindfahrt. Der Auftrag lautet simpel: Dem deutschen Kanonenboot Iltis entgegenfahren, es vor der ausgebrochenen Typhusepidemie in Hongkong warnen und anraten, zunächst Kurs auf das chinesische Festland zu nehmen, denn es nähert sich obendrein ein verheerender Taifun.

Als Kapitän Rochester diesen Befehl seinen Offizieren mitteilt, macht sich ein gewisser Unmut breit. Der Tenor lautet, seit wann laufen wir extra für ein deutsches Kriegsschiff aus dem Hafen von Hongkong aus, um es weit draußen auf See vor diesen Gefahren zu warnen? Zumal die Offiziere von einem Typhusausbruch in Hongkong noch gar nichts mitbekommen haben. Aber dann siegt doch der militärische Gehorsam und der Befehl wird nicht hinterfragt, zumal auch ihr Kapitän unmissverständlich klar gemacht hat, dass er keine weiteren Erläuterungen zu dem Befehl zu geben gedenkt.

Also volle Kraft voraus und Ausschau nach den Deutschen halten.

Mittlerweile hat sich der Erste Offizier Hans Thomsen auf Iltis entschlossen, doch den Hafen von Hongkong anzusteuern. Da sich der Gesundheitszustand von Kapitän Wilhelm Kurz zwar nicht verschlechtert, aber auch nicht wesentlich gebessert hat, will er kein Risiko eingehen. Lieber will er den Käpt´n in Hongkong britischen Ärzten anvertrauen als die längere Fahrt nach Tsingtau zu wagen, wo die bestens ausgebildeten deutschen Ärzte bereit stehen. Abwägungssache. Schon will er den Befehl zur Kursänderung geben, als ihm gemeldet wird, dass sich am Horizont die Silhouette eines deutschen Dampfers abzeichnet.

Kurs halten, lautet sein Befehl. Die Begegnung will er erst noch abwarten. Vielleicht hat der Dampfer, der wahrscheinlich aus Tsingtau kommt, irgendwelche Neuigkeiten. Die Minuten verrinnen und die Entfernung zwischen den beiden Schiffen schrumpft ständig. Durch sein Prismenfernglas kann er das Schiff schließlich identifizieren.

Mit seinem einen Schornstein und zwei Masten gehört es zur Städte-Klasse der Reederei Norddeutscher Lloyd. Langsam nähern sich die beiden Schiffe, wobei klar wird, dass der Postdampfer seinen Kurs auf Iltis verändert. Dann endlich erkennt Hans Thomsen, dass es sich um den Reichspostdampfer Darmstadt handelt.

In der Tat kommt der einhunderteinunddreißig Meter lange Dampfer Darmstadt aus Tsingtau. Neben einigen Passagieren in der ersten und zweiten Klasse und ihrer Besatzung von einhundert Mann hat der Dampfer über eintausendzweihundert Seesoldaten an Bord. Sie gehören zur Austauschbesatzung des III. Seebataillons, das in Tsingtau stationiert ist. Der Dampfer Darmstadt verdrängt über fünftausend Bruttoregistertonnen und erreicht durch seine Maschinen mit dreitausendzweihundert Pferdestärken immerhin bis zu dreizehn Knoten. Vor neun Jahren lief er als kombiniertes Passagier- und Frachtschiff noch von einer Werft in Glasgow von Stapel. Heute undenkbar, dass ein deutsches Schiff auf einer englischen beziehungsweise schottischen Werft gebaut wird. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, denkt sich Thomsen zufrieden und unterstreicht seine Gedanken mit einem kurzen Nicken.

Als Darmstadt sich auf Sichtweite genähert hat, werden Signalflaggen gesetzt. Plötzlich herrscht Aufregung auf der Brücke von Iltis. Es sind nicht die üblichen Signale, die ausgetauscht werden. Thomsen kneift die Augen enger zusammen, um noch klarer sehen zu können. Die Anspannung ist bei allen spürbar. Was mag Darmstadt nur zu signalisieren haben? Gibt es ein Problem an Bord? geht es durch die Köpfe der Matrosen auf dem Kanonenboot Iltis.

Jeder will das Signal, den Heiß, identifizieren. Farbig unterschiedlich gestaltete Flaggen werden in schnellem Tempo gesetzt. Verwirrend für den Laien, nicht jedoch für die Marinesoldaten von Iltis. Nachdem sie die Signale identifiziert haben, herrscht eine gewisse Verwirrung vor: „Achtung. Dringender Befehl. Kurs Manila. Treffen mit Kreuzergeschwader. Ende.“

„Potzblitz. Was soll denn das?“, ruft Hans Thomsen völlig verdutzt aus. Dabei blickt er in genauso verwirrte Gesichter um ihn herum.

„Manila? Das ist doch auf den Philippinen. Dort herrschen die Spanier. Was will unser Kreuzergeschwader denn dort?“

Die Frage bleibt unbeantwortet. Eine Antwort hat Thomsen auch nicht wirklich erwartet. Aber Befehl ist Befehl. Da gibt es keine Diskussion. Nur an Bord herrscht eine Ausnahmesituation. Noch immer liegt Kapitän Wilhelm Kurz schwerkrank auf der Krankenstation.

Was soll er, Thomsen, bloß machen? Aber einen Befehl kann er nicht ignorieren. Trotzdem. Wenn es eventuell um das Leben des Kapitäns geht?

Alles hängt vom Schiffsarzt Dr. Brandt ab. Thomsen befiehlt Dr. Brandt, den Käpt´n noch einmal eingehend zu untersuchen.

Mittlerweile hat der Postdampfer Darmstadt das Kanonenboot Iltis längst passiert und beginnt am Horizont zu verschwinden.

Dr. Brandt kehrt aus dem Inneren des Kriegsschiffes wieder zurück auf die Brücke. Dort wartet schon Hans Thomsen voller Ungeduld auf ihn.

„Und, Doktor? Wie sieht es aus? Bitte kurz fassen, keine fachmännischen Ergüsse, Doktor.“

„Also gut. Zum ersten Mal gibt es Grund zu einem verhaltenen Optimismus. Das Fieber ist gefallen. Auch der Puls des Herrn Kapitän hat sich stabilisiert. Kurzum: Der Patient scheint auf dem Weg der Besserung zu sein. Aber das bedeutet noch keine Entwarnung“, setzt Dr. Brandt mit ernster Stimme hinzu.

Trotzdem macht sich Erleichterung auf der Brücke breit, besonders aber bei Hans Thomsen.

„Dr. Brandt, das sind erfreuliche Nachrichten. Ich freue mich außerordentlich, dass unser Kapitän anscheinend auf dem Weg der Besserung ist. Das macht meine Entscheidung erfreulicherweise leichter.“

Nach diesen Worten wendet er sich an den Steuermann.

„Kurs ändern. Kurs Manila.“

„Ausguck, Schiff zu sehen?“, fragt Kapitän Rochester in immer kürzeren Abständen. Die Antwort ist immer dieselbe: „Keine Schiffe zu sehen, Captain.“

„Verdammt, das kann doch nicht sein. Steuermann, Kurs überprüfen.“

„Ay, ay, Captain. Kurs nach wie vor wie befohlen, Sir!“

„Wo bleiben die verdammten Deutschen nur?“, murmelt Kapitän Rochester auf der Brücke mit verschränkten Armen hinter dem Rücken hin und hergehend.

„Ausguck, Rauchfahne zu sehen?“

„Keine Rauchfahne zu sehen, Captain!“, kommt die nicht unerwartete Antwort.

„Kurs beibehalten!“

„Ay, ay, Captain. Kurs beibehalten!“

Die Offiziere auf der Brücke schauen sich mittlerweile fragend an. Wie lange will der Alte den Kurs noch beibehalten? Anscheinend haben es sich die Deutschen anders überlegt oder sind mit ihrem Schiff untergegangen oder sonst was. Ihnen ist das völlig egal.

Auch Kapitän Rochester bleiben die fragenden Blicke nicht verborgen. Alles war so schön eingefädelt mit diesen teuflischen chinesischen Piraten. Die hätten das dreckige Geschäft vollendet und wir Briten hätten uns mal wieder die Hände nicht schmutzig gemacht, aber erreicht, was wir wollen. Nur die verdammten Deutschen scheinen heute nicht mitzuspielen. Wo bleibt bloß das verflixte Kanonenboot Iltis? Kapitän Rochester ist klar, dass er den Kurs nicht mehr lange beibehalten kann. Wenn in den nächsten zehn Minuten nichts geschieht, muss er abdrehen. Dann ist die Operation gescheitert.

Wie er es hasst, diese Nachricht nach seiner Rückkehr nach Hongkong Gouverneur Sir Henderson zu überbringen. Eigentlich ist er für einen britischen Gouverneur ganz umgänglich, aber Fehlschläge lässt er nicht gelten.

Zehn Minuten lang herrscht Schweigen auf der Brücke. Dann ertönt noch einmal die Stimme von Kapitän Andrew Rochester: „Ausguck, Schiff in Sicht?“

„Kein Schiff in Sicht, Captain!“, kommt ohne zu zögern die Antwort.

Alle auf der Brücke blicken nun auf Kapitän Rochester.

Eine Minute des Schweigens.

„Steuermann, Kurs ändern. Kurs Hongkong!“

„Ay, ay, Captain. Kurs Hongkong!“

Schon beginnt der Leichte Kreuzer Iphigenia einen Steuerbordschwenk, um nach Hongkong zurückzukehren.

Derweil zermartert sich Kapitän Rochester sein Gehirn, was mit den verdammten Deutschen geschehen sein könnte. Der Kurs hat definitiv gestimmt. Das hat er mehrmals überprüfen lassen. Auch das Wetter war in dem gesamten Seeraum recht ruhig. Keine Sturm- oder gar Taifunwarnung. Nichts. Gar nichts.

Mmmh, eine Möglichkeit gäbe es da noch, malt sich Kapitän Rochester aus. Vor kurzem ist die Lage in Manila eskaliert. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten wegen Kuba den Spaniern den Krieg erklärt. Die Philippinen gehören zum spanischen Kolonialreich und das amerikanische Asiengeschwader hat Hongkong Richtung Manila verlassen, um mit den Dons aufzuräumen. Wenn die Yankees nicht selbst in Grund und Boden gebohrt worden sind. Was auch immer. Es könnte natürlich sein, dass auch die Deutschen ihre Schiffe nach Manila beordert haben, um dort, wie die anderen Großmächte auch, Flagge zu zeigen. Vielleicht hat ja Iltis irgendwie der Befehl ereilt, den Kurs Richtung Philippinen zu ändern. Möglich, denkt sich Kapitän Rochester. Wäre zumindest eine Erklärung für das Nichtauftauchen von Iltis.

Trotzdem nicht gut. Seine Gedanken kreisen jetzt darum, wie er Sir Henderson den Fehlschlag am besten überbringen kann.

Währenddessen gleitet der Leichte Kreuzer Iphigenia gleichmäßig durch die Wellen des Südchinesischen Meeres Richtung Hongkong.

4. KAPITEL: DER ABSCHIED

„Verflixt und zugenäht“, murmelt Agnes vor sich hin. Dann erschrickt sie. Mit nunmehr leicht geröteten Wangen schaut sie sich um. Nein, das hat niemand gehört. Vor allem nicht ihr Onkel Ferdinand. Der kaiserlich-deutsche Konsul mit Dienstsitz in Manila. Trotzdem ist sie beschämt, dass ihr solch ein gewöhnlicher Ausdruck über die Lippen gekommen ist. Als Beamtentochter aus dem hanseatischen Hamburg hat man sich zusammenzureißen, egal, in welcher Situation man sich auch immer befinden mag. Das war eine der Grundregeln im Hause Kröger.

Der Verzweiflung nahe lässt sie sich in den geräumigen Rattansessel plumpsen, legt ihre Arme auf die breiten Lehnen, presst ihre Lippen zusammen und runzelt die Stirn.

„Warum nur? Warum ausgerechnet jetzt?“, seufzt Agnes leise vor sich hin.

Ihr Blick fällt auf das große Bett mit dem engmaschigen Moskitonetz. Das Bett ist ein großer Rahmen auf vier Beinen aus Rattan, ein Rohrgeflecht, auf dem eine dichte Matte das Lager bildet. Die vier Pfosten verlängern sich über das Rohrgeflecht und sind oben mit leichten Leisten verbunden. Diese dienen dazu, das Moskitonetz zu tragen. Das ist ein dünnes Gewebe, das der Luft, aber nicht den kleinen, stechenden Plagegeistern Durchgang gewährt. Beim Schlafen hilft das Moskitonetz außerordentlich, aber zugleich lässt es doch nur wenige Luftzüge durch, sodass das Schlafen durch das ständige Schwitzen zur Qual wird.

Aber nicht nur die Moskitos plagen die Menschen. Auch kleine Ameisen sind so verbreitet, dass sie quasi überall sind. Nicht so sehr ihr Biss ist zu fürchten, sondern vielmehr ihr schier massenhaftes Auftreten. Nichts ist vor ihrer Fressgier sicher. So muss der Tisch mit der Mahlzeit mit den Beinen im Wasser stehen und darf nicht die Wand berühren. Sonst schleichen sich die Tierchen ein. Auch die Bettpfosten stehen im Wasser, damit man nicht des Nachts von umherkrabbelnden Ameisen übersät aufwacht. Aber es ist darauf zu achten, dass alle paar Tage das Wasser in den Becken, in denen die Beine stehen, erneuert wird. Der sich auf dem Wasser ablagernde Staub bildet ansonsten eine Brücke, die die emsigen Ameisen gerne nutzen.

Ein festes Kopfkissen mit roher Baumwolle vollgestopft und eine Rolle, „abrazador“ genannt, ebenfalls gefüllt mit Baumwolle, die zum Einlegen zwischen die Beine dient, damit die Knie nicht aufeinander liegen, vervollständigen das Bett. In der kühleren Jahreszeit nimmt man eine leichte Wolldecke zum Zudecken dazu.

Die kleinen, surrenden Quälgeister haben Agnes schon ganz schön zugesetzt. Dabei schaut sie auf ihre Arme, die von rötlichen, geschwollenen Stichen übersät sind. Auch ihre Knöchel haben etliche Stiche abgekommen. Wie das juckt. Fürchterlich. Dabei hat sie immer darauf geachtet, dass ihre Arme und Beine bedeckt sind. Aber diese Biester haben sie durch ihre Seidenstrümpfe und dünnen Ärmel ihrer Bluse hindurch traktiert. Eine schöne glatte weiße Haut, auf die sie immer so stolz ist, sieht anders aus. Zum Glück sieht das ja niemand. Aber Agnes machen die rötlichen Flecken schon zu schaffen. Mit ihrer recht schlanken Figur und den kastanienbraunen lockigen Haaren sieht sie eher durchschnittlich aus. Nicht besonders hübsch, so ihre Selbsteinschätzung.

Aber darüber will sie nicht jammern. Onkel Ferdi kümmert sich reizend um sie und versucht, es ihr so bequem wie nur möglich zu machen. Die Lage seines Hauses, das zugleich als Konsulat dient, ist sehr zentral. Die Calle Anloague befindet sich in unmittelbarer Nähe zu der geschäftigen Calle Escolta, die wiederum am Pasig Fluss liegt.

Viel Ruhe gibt es dadurch aber nicht, außer um die heiße Mittagszeit, wenn ganz Manila ihre Siesta macht. Ansonsten herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, ein Klappern der Kutschen, ein Rufen und Schreien der geschäftigen Händler, dazwischen das unaufhörliche Gekläffe der Hunde, dann das Platschen und laute Knallen der in kurzen Abständen heraufziehenden tropischen Regengüsse. Wie unversehens die ganze Escolta unter Wasser steht, versetzt Agnes immer wieder in Erstaunen. So schnell die Wassermassen gekommen sind, so schnell verschwinden sie aber auch wieder. Sofort danach setzt die Geschäftigkeit wieder ein und alles beginnt von vorne.

Auf der anderen Seite des Flusses ragt das spanische Machtzentrum mit dem Fort Santiago empor. Mit seinen zweihundertsechsundzwanzig Geschützen jeglichen Kalibers schützt es Intramuros, die von Mauern umgebene Altstadt von Manila. Dort residieren und herrschen die spanischen Gouverneure mit ihren Beamten und vor allem die spanischen Geistlichen aller möglichen Orden. Sie sind die wahren Herren der Philippinen, so sagt zumindest Onkel Ferdi.

Das Manila außerhalb von Intramuros sieht anders aus. Hier wohnen all die Leute, die eine solch große Stadt am Leben erhalten. Um die Versorgung kümmern sich die Bauern, Fischer, Kleinviehhalter, Bäcker, Konditoren, Wursthersteller, Fleischer, Schnapsbrenner, Weinverkäufer, Palmweinhersteller und alle weiteren Produzenten von Waren rund um das Essen und Trinken. Für die zahlreichen Bauten stehen Zimmerleute, Dachdecker, Ziegelbrenner, Klempner und Metallarbeiter zur Verfügung. Dann gibt es Schneider, Apotheker, Silberschmiede, Mattenflechter, Kerzendreher, Schildermacher und Drucker.

In den letzten Jahren sind Zigarrenmanufakturen, Hanfdrehereien, Zuckerraffinerien, die San Miguel Bierbrauerei, die gewaltigen Fabrikgebäude für Tanduay-Rum mit ihren gigantischen Schornsteinen, den höchsten Manilas, geradezu aus dem Boden geschossen. Hier haben viele Frauen als Arbeiterinnen Beschäftigung gefunden. Daneben fristen die zahlreichen ungelernten Arbeiter, die für Hilfsarbeiten angeworben werden, ihr Dasein. Sie schachten Kanäle aus, arbeiten an den Kais oder pflastern die Straßen.

Schon bald wird Agnes aber von einem ganz anderen Gedanken abgelenkt. Selbstmitleid macht sich bei ihr breit. Wie kann es sein, dass gerade in dem Moment, als sie wieder aus Manila abreisen will, die Amerikaner mit ihren großen Schiffen ankommen und die gesamte spanische Flotte in Grund und Boden bohren? Ist es nicht schon ein Jammer, dass diese kleinen braunen Aufständischen immer weiter auf Manila vorrücken und die Stadt einschließen, sodass man auch gar keine unbeschwerte Ausfahrt mehr in die Umgebung unternehmen kann?

Und nun das. Die Amerikaner haben eine Blockade über die Bucht von Manila verhängt. Kein Schiff darf mehr einlaufen beziehungsweise auslaufen.

Dabei war alles so schön geplant. Sie wollte am übernächsten Tag mit einem britischen Dampfer nach Singapur reisen und dort einen Postdampfer des Norddeutschen Lloyd nach Bremerhaven nehmen. Alle Reservierungen waren schon vorgenommen worden.

Aber nun ist die Bucht von Manila wie zugenäht. Bei diesen Worten läuft doch ein kleines Schmunzeln über ihre schmalen blassroten Lippen. Das sich aber dann doch schnell wieder verzieht.

Eigentlich war es eine ganz gute Idee von ihrem Vater, sie auf eine Reise in die Tropen fern der Heimat zu schicken. Das Abenteuer sollte sie auf andere Gedanken bringen. Nachdem sie die Nachricht von dem Untergang des Salpeterdampfers Wiedenau mit Mann und Maus, kurz nachdem er Valparaíso im fernen Chile verlassen hatte, erreichte, war Agnes in eine wochenlange Depression verfallen. Der Verlust ihres Verlobten Hermann, der Erster Offizier auf der Wiedenau war, hatte sie bis ins Mark getroffen.

Die ohnehin schlanke Agnes war bis auf die Knochen abgemagert. Nichts schien zu helfen. Natürlich trug das typische schmuddelige Winterwetter Hamburgs auch nicht dazu bei, die trübselige Stimmung aufzuhellen. Und dann das fürchterliche Mitleid der ganzen Familie und ihrer Freunde. Solch ein Trost tat ihr in der Situation zunächst gut, aber als er nicht aufhörte, fiel es ihr schwer, wieder halbwegs ins normale Leben zurückzukehren.

In dieser für alle verfahrenen Situation hatte dann ihr Vater die Idee, den Zufall, dass Onkel Ferdinand zum Konsul im fernen Manila im letzten Jahr ernannt worden war, zu nutzen. Kurzerhand setzte er sich mit Onkel Ferdinand in Verbindung und erhielt von ihm die Zustimmung, Agnes zu ihm zu schicken, damit sie im wahrsten Sinne des Wortes auf andere Gedanken kommt. Eine ungewöhnliche Entscheidung. Aber so ist ihr Vater nun einmal.

Mit ihren gerade einmal vierundzwanzig Jahren konnte sie nicht dauerhaft in Depression verfallen. Das war auch ihr in klaren Momenten offensichtlich geworden. Erst widerwillig, dann aber doch mit etwas größerer Zuversicht, stimmte sie schließlich der Idee ihres Vaters zu.

Aufgrund der guten Verbindungen ihres Vaters zu Johann Godeffroy, Abkömmling einer Hugenottenfamilien, jetzt Reeder und Besitzer unter anderem der Jaluit Südseegesellschaft, konnte er für Agnes schnell und unkompliziert einen Platz auf dem Frachtsegler Emily Godeffroy finden, der über Singapur in die deutschen Südseebesitzungen ging. In Singapur musste sie dann ihre Reise mit einem britischen Dampfer nach Manila fortsetzen. Was sich aber als nicht zu schrecklich, wie anfangs von ihr befürchtet, herausstellte. Besonders der Kapitän hatte sich ihr gegenüber als vollendeter Gentleman hervorgetan.

Wenn sie jetzt an die Reise zurückdenkt, begann das Abenteuer eigentlich schon kurz nach dem Ablegen aus dem Hamburger Hafen. Alleine die Vorstellung an die bevorstehende lange Reise, der sie anfänglich skeptisch gegenübergestanden hatte, tat ihr gut. Schnell erfuhr sie Ablenkung und kam auf andere Gedanken. Das musste sie zugeben.

Sie sieht noch alles vor sich, als ob es heute wäre.

Als Agnes den Frachtsegler im trüben, nebligen norddeutschen Schmuddelwetter an den Landungsbrücken liegen sah, wollte sie schnellstens umkehren. Alleine die Vorstellung, dass das Schiff um die hundert Tage benötigen würde, um an sein Ziel in der Südsee und anschließend nach Australien zu gelangen, machte ihr zu schaffen. Dann beruhigte sie sich etwas und redete sich ein, dass es nach Singapur bei günstigen Winden ja nur sieben bis acht Wochen seien. Trotzdem, ihr Leben diesem einhundert Meter langen aus Stahl genieteten Schiffskörper für Wochen anzuvertrauen, dazu gehörte schon etwas. Auch der Blick auf die holzgeschnitzte Galionsfigur am Bug mit ihren üppigen Brüsten ließ keine positive Stimmung aufkommen. Allemal nachdem Agnes mit ihren großen Augen einen Vergleich mit ihrer nicht allzu ausgeprägten Oberweite angestellt hatte. Doch dann ließ Agnes mit einem kleinen Ruck des Kopfes ihre kastanienbraunen lockigen Haare im Morgenwind wehen. Mit Genugtuung rief sie sich in Erinnerung, dass sie wenigstens mit ihren Haaren bisher bei den Männern punkten konnte.

Neben der Fracht, die insbesondere aus Handels- und Tauschgütern für die Südseeinsulaner bestand, kamen auch allmählich die anderen Passagiere an Bord. Als sie diese betrachtete, lief ihr ein leichter Schauer über den Rücken. Es handelte sich um Frauen und Männer, die in die Südsee oder nach Australien auswandern wollten. Besonders die Männer, die im niedrigen Zwischendeck untergebracht waren, ließen sie erschaudern. Muskelbepackt und stark tätowiert. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Bei dem Gedanken, wochenlang mit ihnen auf diesem kleinen Schiff zusammen sein zu müssen, bekam sie eine Gänsehaut. Wie fürchterlich. Alleine diese Vorstellung. Schrecklich.

Gut, dass Agnes nicht wusste, dass es sich bei den Passagieren um kürzlich aus den Haftanstalten Hamburgs entlassene Sträflinge handelte.

Jetzt wurde es Zeit an Bord zu gehen. Unter Tränen und vielen Küsschen hier und dort verabschiedete sich Agnes schweren Herzens von ihren geliebten Eltern. Schnell waren die kleinen, säuberlich gebügelten, spitzenverzierten Taschentücher von Mutter Kröger und ihrer Tochter Agnes nass.

Dann gab es kein Zurück mehr. In ihren kleinen Stiefelletten stakste Agnes den Laufsteg an Bord des Schiffes hinauf. Mit ihren kleinen Händen hielt sie sich am Tau fest. Doch die Kälte ließ es kaum zu, dass sie ein Gefühl in ihre Hände bekam. Auch war die Gangway rutschig. Ob ihre Stiefelletten die richtigen Schuhe waren? schoss es ihr noch durch den Kopf. Doch dann war es auch schon zu spät. Sie rutschte aus, ihre klammen Finger fanden an dem Tau der Gangway keinen Halt mehr. Der Fall unvermeidlich.

Fast war sie schon am Boden, merkte förmlich, wie ihr rechtes Knie auf die Gangway aufschlug.

Als …

Ja, als eine Hand sie entschlossen am linken Arm packte und vor dem Sturz vor der gaffenden Menschenmenge auf den Landungsbrücken bewahrte.

Eine kräftige Hand. Das spürte sie sofort.

Sie schaute sich um und blickte in ein freundliches Gesicht, dessen leicht geöffneter Mund eine Reihe wohlgeformter weißer Zähne zum Vorschein brachte.

Verwirrt konnte Agnes nur stammeln: „Äh, vielen, äh, aufrichtigen Dank, äh, mein Herr. Sie haben eine Dame vor dem Fall bewahrt.“

„Aber nicht doch, gnädiges Fräulein. Nicht jede Dame kann ich vor dem Fall bewahren. Aber in Ihrem Fall ist es mir gelungen. Und das freut mich außerordentlich“, kam es mit einem starken süddeutschen Einschlag lächelnd aus dem Mund des Fremden.

„Äh, nochmals vielen Dank, mein Herr. Doch jetzt kann ich wieder alleine gehen.“

Sofort löste sich der Griff um Agnes Arm und mit den Worten: „War mir eine Ehre, meine Dame“, ließ der Fremde Agnes Arm wieder los.

Nunmehr halbwegs sicheren Schrittes ging Agnes auf der Gangway langsam weiter.

An Bord des Schiffes angekommen erwartete sie ein Mann gesetzteren Alters mit sauber gestutztem Schnurrbart und einer Pfeife im Mund. Mit formvollendeter Manier begrüßte er die von seinem Chef, dem Reeder Johann Godeffroy, avisierte Dame. Extra zu ihrer Begrüßung, so dachte Agnes erfreut, hatte er seine schmucke Uniform mit den goldglänzenden Schulterstücken angelegt. Dabei war das nur die gängige Uniform für die Ausfahrt. Das war Agnes aber nicht bekannt.

„Das war knapp, gnädiges Fräulein. Aber es ist ja noch einmal gut gegangen. Dank Herrn Freiherrn von Löwenstein. Herzlich Willkommen an Bord der Emily Godeffroy, gnädiges Fräulein.“

Mit diesen Worten und einem knappen, aber freundlichen Nicken des Kapitäns wurde Agnes an Bord begrüßt und von einem Stewart zu ihrer Kabine geleitet.

Dann wendete sich der Kapitän Freiherrn von Löwenstein zu, der sich zu ihm gesellt hatte.

Mit großer Aufmerksamkeit hatte Agnes die Begrüßungsworte des Kapitäns wahrgenommen. Ah, so heißt der Herr also, Freiherr von Löwenstein. Das versprach eine recht interessante Reise zu werden, dachte sich Agnes.

Die Gangway wurde eingefahren und ein Offizier brüllte Kommandos. Jungmatrosen kletterten die Wanten hoch. Ein Spektakel, das die Zuschauer an Land mit staunenden Augen verfolgten. Allerdings wurden die Großsegel erst in der Elbmündung auf der Höhe von Cuxhaven kurz vor dem Erreichen der Nordsee wirklich gesetzt.

Die armdicken Taue an den Pollern wurden gelöst und gleichzeitig fing die Feuerwehrkapelle an zu musizieren. Ein Shantychor schmetterte das Lied „Muss i denn zum Städele hinaus“. Fischkutter und Hafenbarkassen im Hamburger Hafen blieben unbeeindruckt von den musikalischen Darbietungen und von dem Windjammer, der Kurs auf die Elbmündung nahm. Überall im Hafen große Geschäftigkeit. Schiffe mit ihren Masten, ihrer Takelage und ihren Segeln wogen sich im Rhythmus der Wellen. Ankerketten knarzten.

Langsam legte die Emily Godeffroy an Geschwindigkeit zu, wand sich zwischen den vielen Schiffen hindurch hinaus aus dem Hafen und erreichte schließlich die Nordsee. Das Gewimmel und Durcheinander der zahlreichen Passagiere hörte urplötzlich auf. Das Deck leerte sich rapide. Langsam verschwanden die Lichter von Cuxhaven in der heraufziehenden Dunkelheit der Nacht.

Währenddessen saß Agnes in ihrer kleinen Kabine im Heck unmittelbar neben denen der Schiffsoffiziere gelegen und blickte auf die kleine Schreibplatte, die vom Licht der an der Wand montierten Petroleumlampe erleuchtet wurde. Ihre Kabine war zwar klein, aber doch recht behaglich. Sie verfügte über eine Koje und fest eingebaute Schränke sowie Regale. Durch das Bullauge konnte sie zumindest einen kleinen Blick auf das Meer werfen. Das gab ihr wenigstens die Illusion, nicht vollkommen eingeschlossen zu sein.

Einen wirklich klaren Gedanken konnte sie aber nicht fassen. Immer wieder erschien ihr die Gestalt des Freiherrn von Löwenstein vor Augen. Sie schloss die Augen, öffnete sie. Merkwürdig. Sein Bild verblasste nicht. Unruhe erfasste sie. Das hatte sie so noch nie erlebt. Dabei hatte sie den Mann doch nur kurz angeschaut, nachdem er sie am Arm vor dem Sturz bewahrt hatte. Auch der süddeutsche Dialekt kam ihr eher befremdlich vor. Aber dieser angenehme Gesichtsausdruck, der gepflegte Schnurrbart, die braunen Augen mit den dunklen Augenbrauen hatten bei Agnes einen gewissen Eindruck hinterlassen. Das strahlte schon eine spezielle männliche Aura aus. Bei diesen Gedanken ertappte sie sich, wie sie errötete. Agnes, du kleines Dummes, sagte sie schnell zu sich, um die Vorstellungen zu zerstreuen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
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270 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783961455669
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