Kitabı oxu: «Tod des Helden»
Kassandra Schwämmle Wolfsseele
Tabea Petersen Nach dem Sturm
Kornelia Schmid Der Ton einer Harfensaite
Stefan Cernohuby Seine letzte Heldentat
Anna Eichinger Der Seher
Annie Waye Der Pakt
Olaf Lahayne Schlangenbrut
Hanna Bertini Atemlos
David Acker Die Nacht des Feuers
Sabine Reifenstahl Wenn die Liebe stirbt
Martin Beyerling Die warme Fährte
Albertine Gaul Aufbruch ins ungewisse Abenteuer
Stefan Lochner Heldensterben
Corina Lendi Jupiters Tippsen
Wolfgang Schroeder Sinkflug
Franziska Bauer Vom lieblichen Duft der Rosen
Nadine Wahl Die Sonne, die sie verloren hatten
Uwe Gehrke Der Junge mit den Narben
Achim Stößer Sojablut
Regine D. Ritter Tod eines Unternehmensberaters
Petra Hartmann Geisterreiter
Jörg Olbrich Flammentod
Verena Jung Geistergeschichten
Impressum neobooks
Herausgeber
Volkmar Kuhnle
Der Tod des Helden
Arcanum Fantasy Verlag
e-book 092
Der Tod des Helden
01.02.2021
© Saphir im Stahl Verlag
Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.arcanum-fantasy-verlag.de
Titelbild: Igor Shaganov
Vertrieb: neobooks
Vorwort
Nichts (naja… fast nichts) löst in der Fantasy mehr Kontroversen aus als der Tod einer liebgewonnenen Figur. Während Boromirs Tod im ersten Band der „Herr der Ringe“-Trilogie von den meisten noch akzeptiert wurde, löste in „Game of Thrones“ der Tod von Eddard Stark wesentlich mehr Reaktionen aus. Richtige Wogen schlug jedoch die „Rote Hochzeit“ aus derselben Buchreihe. An all das dachte ich, als Erik mir vorschlug, eine Fantasy-Anthologie mit Kurzgeschichten zusammenzustellen, in denen die Hauptfigur am Ende stirbt.
Bei der Ausschreibung achtete ich darauf, dass niemand den Tod des Helden umgeht. Daher forderte ich, dass der/die Protagonist_in am Ende wirklich tot sein muss. Bei mehreren Helden muss mindestens die Hälfte ableben. Andere Auswege wie etwa eine Wiederkehr alla Gandalf der Weiße oder ein „ich war tot und bin jetzt unsterblich“ im Stile des „Highlanders“ Connor MacLeod aus dem gleichnamigen Film, schloss ich ebenfalls aus.
Die hier enthaltenen Geschichten sind das Ergebnis dieser Ausschreibung: 25 Geschichten, die das Ganze aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten. Ich war selbst überrascht, auf wie viele Weisen der Tod eine Hauptfigur ereilen kann. In den meisten Fällen ist es dramatisch. Das finde ich durchaus angemessen. Ein paarmal schlägt der Tod auf überraschende Weise zu. Aber eins freut mich am meisten: Keiner der Autoren hat „gemogelt“. Um den Tod kommt keiner herum. In Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen ist der Tod die ultimative letzte Gewissheit, der niemand entrinnen kann (wenn man nicht gerade Rincewind heißt). Das trifft auch auf die Helden dieser Geschichten zu.
Trotz der vielen Tode wünsche ich viel Spaß beim Lesen!
Volkmar Kuhnle
Inhaltsverzeichnis
Kassandra Schwämmle Wolfsseele
Tabea Petersen Nach dem Sturm
Kornelia Schmid Der Ton einer Harfensaite
Stefan Cernohuby Seine letzte Heldentat
Anna Eichinger Der Seher
Annie Waye Der Pakt
Olaf Lahayne Schlangenbrut
Hanna Bertini Atemlos
David Acker Die Nacht des Feuers
Sabine Reifenstahl Wenn die Liebe stirbt
Katherina Ushachov Kore
Martin Beyerling Die warme Fährte
Adina Heinemann Im Schaum der Brandung
Albertine Gaul Aufbruch ins ungewisse Abenteuer
Stefan Lochner Heldensterben
Corina Lendi Jupiters Tippsen
Wolfgang Schroeder Sinkflug
Franziska Bauer Vom lieblichen Duft der Rosen
Nadine Wahl Die Sonne, die sie verloren hatten
Uwe Gehrke Der Junge mit den Narben
Achim Stößer Sojablut
Regine D. Ritter Tod eines Unternehmensberaters
Petra Hartmann Geisterreiter
Jörg Olbrich Flammentod
Verena Jung Geistergeschichten
Biographien
Kassandra Schwämmle Wolfsseele
„Rasch, hier entlang! Man erwartet Euch.“ Der Bedienstete hastete voran, Valerius hatte Mühe, mit seiner schweren Tasche zu folgen. Sie eilten einen nur spärlich von Fackeln erleuchteten Gang entlang. Draußen heulte der Sturm, der Donner grollte, Blitze zuckten. Ihr Licht warf bizarre Muster an die Wände. Sie erreichten eine hölzerne Tür mit einem großen eisernen Riegel davor. Der Bedienstete schlug kräftig gegen die Tür, die im nächsten Augenblick aufgerissen wurde. Ihnen gegenüber stand Fürst Geralf, seine halblangen Haare zerzaust, die edle Kleidung zerknittert. Im Schein der Fackeln wirkten seine Augenringe fast schwarz, die Falten tief in die Haut gegraben.
„Da seid Ihr ja endlich! Schnell, Ihr müsst etwas tun.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, Blut klebte daran. „Ihr müsst sie retten!“
Valerius packte seine Tasche fester, nickte kurz und betrat das Zimmer. Es war groß, größer als so manche Wohnstatt eines einfachen Bauern, und von unzähligen Öllampen erleuchtet. Kommoden, ein Schminktisch mit einem Schmuckkästchen und Truhen standen darin. Das gewaltige Himmelbett dominierte diesen Raum jedoch. Davor lagen blutige Tücher auf dem Boden, auch den Bezug des Stuhls neben dem Bett zierten einige rote Flecken. Die Luft war zum Schneiden dick und es roch nach Schweiß und Blut. Der Gelehrte trat ans Bett und stellte seine Tasche ab. Die zurückgeschlagenen Vorhänge gaben den Blick auf das Bett frei. Tief in den Kissen, halb verborgen, erblickte er das Gesicht der jungen Fürstin. Mit Schweiß bedeckt, die Wangen eingefallen, hielt sie die Augen geschlossen. Immer wieder entrang sich ein gequältes Stöhnen ihren Lippen.
„Ich brauche heißes Wasser, frische Tücher, sowie ein Räucherschälchen“, rief Valerius über die Schulter. Er legte ihr eine Hand auf die Stirn, mit der anderen fühlte er nach dem Puls. Zwar nur schwach, dafür aber regelmäßig, spürte er dessen Pochen unter seinen Fingern.
„Sagt, könnt Ihr etwas tun, das sie rettet?“ Der Adlige war hinter Valerius getreten, sein Blick wanderte unentwegt zwischen ihm und seiner Frau hin und her.
„Ich werde mein Bestes tun“, gab dieser zurück und öffnete seine schwere Ledertasche.
Der Bedienstete kehrte mit dem Gewünschten zurück. Auf einen Wink Fürst Geralfs verschwand er wieder. Valerius krempelte die Ärmel seines Gewandes hoch und wusch sich sorgfältig Hände und Arme. Erneut trat er an das Bett und schlug vorsichtig die Bettdecke beiseite. Die Frau trug ein dünnes Nachthemd, welches blutgetränkt war. Vorsichtig strich er mit seinen Händen über den stark gewölbten Bauch und tastete nach dem ungeborenen Kind. Er schloss die Augen und atmete ein paarmal tief ein und aus, um die Konzentration zu stärken. Als er wieder zu dem Fürsten blickte, sprach er mit rauer Stimme: „Ich weiß nicht, ob ich beide vor der ewigen Dunkelheit bewahren kann, mein Fürst. Eure Gemahlin hat schon viel Blut verloren, und auch Euer Sohn wird immer schwächer.“
„Mein Sohn? Ich bekomme einen Erben? Er muss leben, Animagus!“
„Was immer gleich geschieht, mein Fürst, greift nicht ein, das könnte sonst schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen. Setzt Euch am besten dorthin.“
Der Fürst ließ sich auf einem Sessel nieder und wedelte auffordernd mit der Hand.
Valerius zog eine Augenbraue hoch, erwiderte jedoch nichts. Der Gelehrte wusch die Fürstin, so gut es ging, und malte rund um das Bett verschiedene Symbole mit seiner mitgebrachten Kreide auf. In dem bereitgestellten Räucherschälchen bereitete er eine Mischung verschiedener Kräuter und Harze zu, die er mit einem kleinen Span entzündete. Würzig duftender Rauch verteilte sich im Zimmer, als der Animagus im Raum auf und ab schritt. Mit geschlossenen Augen inhalierte er die Schwaden und begann leise uralte Formeln zu rezitieren. Wie in Trance wiegte er den Oberkörper vor und zurück. Erst geschah nichts, doch dann glommen die Runen auf. Das Tosen des Sturms nahm zu, der Wind strich klagend um das Gebäude. Und schließlich kamen sie.
Mehrere bläuliche Schemen flogen durch die Butzenscheiben des Fensters in das Gemach. Vage erkannte er die durchscheinenden Formen von Wildtieren. Ein Hirsch mit prächtigem Geweih, ein Wolf und ein mächtiger Adler waren darunter. Der Gelehrte stellte das Schälchen beiseite, hob die Hände und wies auf den Bauch der Fürstin, sein Gesang wurde lauter. Die Tiergeister umschwebten das Bett in immer schneller werdenden Kreisen, bis nur noch ein heller Wirbel zu sehen war, der schließlich in den Bauch der Fürstin eindrang. Sie keuchte und wand sich wie unter Schmerzen. Der Fürst sprang auf, doch eine knappe Geste von Valerius hielt ihn davon ab, näher zu treten. Der Bauch der Frau schien von innen zu glühen, schwache Bewegungen zeigten sich unter der Haut. Die Fürstin schrie auf, ihre Hände krampften sich in das Laken. Das bläuliche Leuchten intensivierte sich, und nach wenigen Augenblicken wurde der Kopf eines Kindes zwischen ihren Beinen sichtbar. Rasch griff sich Valerius eines der bereitgelegten sauberen Tücher und nahm den neuen Erdenbewohner vorsichtig in Empfang. Die kräftigen Schreie des Jungen und das Wimmern der Mutter mischten sich in den Gesang des Animagus. Die Tiergeister verließen den Leib der Fürstin wieder und verharrten einen Augenblick über ihm, abwartend. Valerius, das in das Tuch gewickelte Kind im Arm haltend, beendete die magische Gesangsformel und neigte ehrerbietig den Kopf. Die Tiere taten es ihm nach und verschwanden wieder durch das Fenster. Geschwind legte er dem Fürsten seinen Sohn in den Arm.
„Euer Erbe, mein Fürst.“
Rasch wandte er sich wieder der Gemahlin zu, doch ihre Atemzüge waren nur noch ein schwaches Röcheln. Er fasste ihre Hand und strich ihr über die schweißnasse Wange. „Meine Herrin, Euer Sohn ist wohlauf und stark.“
Ihre geschlossenen Augen zuckten, doch auf ihren Lippen meinte der Gelehrte ein schwaches Lächeln zu erkennen. Es tat ihm im Herzen weh, dass er sie nicht retten konnte, aber er spürte, wie ihre Seele bereits der ewigen Nacht entgegenstrebte. Schließlich entwich der Fürstengemahlin ein letzter seufzender Atemzug und sie lag still.
Fürst Geralf trat neben Valerius und blickte auf seine Frau herab. Als er bemerkte, dass sie nicht mehr atmete, fiel er kraftlos auf die Knie, den Jungen an seine Brust gepresst. „Nein, liebste Katharina, wieso verlässt du mich? Wie soll ich denn meinem Sohn ein guter Vater sein, ohne deinen Sanftmut und Tatkraft an meiner Seite?“ Er richtete seinen Blick auf Valerius, anklagend und Tränen verschleiert. „Ihr habt mir meine Frau genommen, Ihr mit Eurem Hokuspokus!“
„Aber“, warf Valerius ein, „Ihr habt einen gesunden Sohn, der Euch nun braucht. Die Tiergeister haben getan, was sie konnten, gestärkt, wo sie es vermochten. Doch es reichte nicht für beide, Eure Frau war bereits zu schwach.“
Die Hände Geralfs krallten sich in das Tuch, in dem der Säugling lag. „Meister Valerius, sagt, werdet Ihr mir helfen und aus meinem Sohn einen würdigen Erben für das Reich machen?“
Der Gelehrte neigte das Haupt. „Wenn Ihr das wünscht, werde ich Eurem Sohn ein Lehrmeister und Gefährte sein.“
„Lies noch ein bisschen weiter.“ Valerius wies mit der Hand auf den Pergamentbogen, den Aidan in der Hand hielt.
Der Junge kniff die Augen zusammen und begann zu lesen: „Hwæt! Wé Gárdena in géardagum þéodcyninga þrym gefrúnon…“
Schließlich hob sein Lehrmeister die Hand. „Stopp, das genügt. Du machst gute Fortschritte. Dein Vater wird stolz auf dich sein.“
Missmutig verzog Aidan das Gesicht. „Warum verbringt er dann so wenig Zeit mit mir? Warum ist er dann schon wieder auf der Jagd mit seinen Vasallen?“
Valerius fuhr sich durch sein kurzes braunes Haar und zuckte mit den Schultern. „Du erinnerst ihn an seine geliebte Frau, deine Mutter.“
„Wisst Ihr, wie oft ich mir das schon anhören musste?“ Wütend sprang Aidan auf. „Als ob es meine Schuld wäre. Ich habe ja nicht einmal die Chance gehabt, ihr zu begegnen.“
Beruhigend legte der Gelehrte seinem Schützling, der mit seinen fünfzehn Sommern inzwischen fast seine Größe erreicht hatte, die Hand auf den Arm. „Ich weiß. Ich wünschte, es wäre anders gekommen. Ich habe damals getan, was ich konnte.“
„Euch mache ich auch keinen Vorwurf.“ Ein trauriger Ausdruck stahl sich in die blauen Augen des Jungen. „Ich hätte sie nur so gern kennengelernt.“
Valerius drückte Aidan mitfühlend die Schulter. Es bedrückte ihn, wenn er sein Mündel so betrübt sah, er musste ihn auf andere Gedanken bringen. „Was hältst du von einem Ausflug in die Ländereien des Fürstentums, etwas frische Luft schnappen? Ein Ritt in den Wald ist nach so vielen staubigen Büchern eine Wohltat. Außerdem können wir dort mit den Lektionen weitermachen, die dir so viel Freude gemacht haben.“
Aidan zog die Schultern hoch und stieß schließlich die Luft aus. „Ja, Ihr habt recht.“ Mit einem schiefen Grinsen fügte er hinzu: „Wie eigentlich immer. Doch ich möchte nicht reiten, lasst uns zu Fuß gehen.“
So verließen sie gemeinsam den Herrschaftssitz und erreichten bald den nahen Forst. Es war ein lauer Frühlingsnachmittag, die Sonne schien warm vom Himmel, Vogelgezwitscher und Insektenbrummen erfüllten die Luft.
„So sehr ich auch die Bibliothek mit ihren Wundern schätze, so sehr mag ich auch die Natur.“ Aidan schloss die Augen und atmete den würzigen Waldduft ein.
Durch das lichte Blätterdach stachen immer wieder helle Lichtlanzen und malten verschiedenartige Muster auf den Waldboden. Das Moos dämpfte ihre Schritte, ließ sie wie auf Wolken gehen.
Mit Begeisterung fragte der Junge nach den Namen verschiedener Pflanzen und ließ sich von Valerius Geschichten über die Naturgeister erzählen. Hier und da fanden sich auch die Fährten verschiedener Tiere im weichen Waldboden und der Animagus erklärte seinem Schützling ihre Besonderheiten und ihren Platz im natürlichen Gefüge. Mit leuchtenden Augen hing der Junge an seinen Lippen.
Es raschelte im Unterholz, einen Augenblick später brach ein Keiler daraus hervor. Beim Anblick der Menschen senkte er angriffslustig das Haupt und schnaubte bedrohlich. Valerius hob die Hand und sprach ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Wildschwein legte den Kopf schief, dann trottete es friedlich ins Grün zurück.
„Was habt Ihr dem Eber gesagt?“, wollte Aidan neugierig wissen.
„Nur, dass wir Freunde sind und er nichts zu befürchten hat“, antwortete Valerius augenzwinkernd. „Wenn du den anderen Lebewesen mit Respekt begegnest, werden sie dir auch Achtung entgegenbringen und dich in Ruhe lassen.“
Plötzlich erscholl unweit vor ihnen ein Jagdhorn, Hufgetrappel wurde laut. Der Gelehrte und sein Schützling wirbelten herum, als ein ängstlich quiekendes Wildschwein heranstürmte. Um ein Haar hätte es Aidan umgerannt, wenn er nicht in letzter Sekunde von seinem Lehrmeister zur Seite gezogen worden wäre. Etwas surrte durch die Luft und Aidan schrie auf. Ein Pfeil steckte in Aidans Schulter. Bevor Valerius ihn davon abhalten konnte, zog der Junge sich das Geschoss aus der Wunde. Ein Strom von Blut quoll hervor. Mit bleichem schmerzverzogenem Gesicht taumelte Aidan gegen seinen Lehrmeister, der ihn auffing. Ein kurzer, prüfender Blick ließ den Animagus aufatmen, die Wunde erwies sich als nicht lebensbedrohlich. Rasch legte er eine Hand auf die Verletzung und murmelte ein paar Worte. Unter seiner Hand erstrahlte für einen kurzen Moment ein blaues Leuchten. Als er sie wieder sinken ließ, war die Blutung weitestgehend gestillt. Mit einem Streifen Stoff aus seinem Mantel verband er die Wunde notdürftig.
Ein Reiter der Jagdgesellschaft preschte heran und stoppte sein Pferd kurz vor Valerius und Aidan.
„Ah, sieh an, der alte Hexenmeister mit seinem Lehrling“, tönte es vom Pferderücken herab. Celerion, einer der fürstlichen Ritter und Oberpriester der Kirche des Lichts, stützte sich auf den Knauf seines Sattels und blickte sie aus seinen schwarzen Augen herausfordernd an.
„Haltet Eure Zunge im Zaum, Celerion. Ihr sprecht immer noch mit dem Sohn des Fürsten, Eures Herrn. Den Ihr angeschossen habt!“
„Oh! Verzeiht“, mit spöttisch trauriger Miene neigte er das Haupt. „Das tut mir wirklich außerordentlich leid, ich wollte die Sau treffen. Aber ich bin mir sicher, Meister Valerius, Ihr bekommt das schon wieder hin.“
„Ah, Aidan, Valerius!“ Fürst Geralf ritt mit dem Rest der Jagdgesellschaft aus dem Wald heran und schloss zu Celerion auf. Als er den verbundenen Arm und das schmerzverzerrte Gesicht seines Sohnes bemerkte, fragte er alarmiert: „Was ist passiert?“
Bevor Valerius oder Aidan etwas sagen konnten, kam ihnen der Oberpriester zuvor: „Ich habe auf das Schwein geschossen, das wir schon seit Stunden verfolgen, und da sind wie aus dem Nichts Euer Sohn und sein Lehrmeister aufgetaucht. Mein Pfeil streifte Euren Sohn, mein Herr! Es tut mir sehr leid, es war ein Versehen! Aber wie ihr seht, geht es Eurem Sohn gut. Der gute Valerius hat sich wohl schon um alles gekümmert.“ Er deutete auf Aidan, dessen Gesicht allmählich wieder eine etwas gesündere Farbe annahm.
Der Blick Fürst Geralfs ruhte kurz auf seinem Spross. „Mir scheint, Ihr habt recht. Dann können wir weiterziehen!“
„Vater! Einer deiner Gefolgsleute hat auf uns geschossen, und alles, was dir dazu einfällt, ist, deine dämliche Jagd fortzusetzen?“, schleuderte Aidan Fürst Geralf mit hochrotem Kopf entgegen.
„Ich sagte doch, ich wollte das Schwein…“, begann Celerion.
„Schweigt still, alle beide!“, herrschte der Fürst sie an. „Celerion hat sich entschuldigt und Valerius wird sich schon um den Kratzer kümmern. Sei ein Mann, mein Sohn!“
„Er hätte mich auch töten können!“ Die blauen Augen des Jungen funkelten seinem Vater wütend entgegen. „Bin ich dir so egal?“
Ein traurig gequälter Ausdruck trat auf das Gesicht des Fürsten. „Nein, aber…“
Wütend stieß Aidan einen Schrei aus. „Ich habe schon verstanden!“ Ruckartig wandte er sich von seinem Vater ab und stürmte ins Unterholz. Der Ruf des Fürsten brachte ihn nicht zurück.
Valerius schüttelte nur den Kopf. „Kehrt Ihr zu Eurer Jagd zurück, ich sehe nach dem Jungen.“
Nachdenklich blickte der Fürst seinem Sohn hinterher, nickte aber schließlich und zog mit seinem Gefolge weiter.
„Ich werde mich um Aidan kümmern, so wie ich es immer getan habe“, murmelte Valerius leise zu sich selbst, als er den Reitern hinterher sah.
Der Animagus schlug sich in die Büsche und folgte den umgeknickten Ästen und den niedergetrampelten Gräsern. In seiner Wut und Enttäuschung war Aidan blindlings vorangestürmt, ohne auf seine Umgebung zu achten. Es war nicht das erste Mal, dass Valerius seinem Schützling nach einem Streit mit dessen Erzeuger hinterhereilte. Aidan litt sehr unter der Zurückweisung, unter dem Unvermögen Geralfs, ihm ein guter Vater zu sein, auch wenn der Junge das nicht zugeben wollte. Das führte immer wieder zu Konflikten. Die unbedachten und teils auch gehässigen Bemerkungen der fürstlichen Vasallen taten dann ihr Übriges. Obwohl er manchmal die Contenance verlor, war Aidan sehr erwachsen, sowohl geistig als auch körperlich. Während andere Gleichaltrige Verstecken spielten, verbrachte Aidan viel Zeit mit dem Training seines Körpers und Geistes. Sein Wissensdurst hatte in Valerius einen begeisterten Gegenpart gefunden. Ihm bereitete es große Freude, den Jungen in den verschiedensten Wissenschaften wie Medizin und Philosophie und in den alten Sprachen zu unterrichten. Kaum, dass er laufen konnte, hatte der Gelehrte sein Mündel mitgenommen und ihm die Wunder der Natur gezeigt. Aidan war der Sohn, den er niemals gehabt hatte, und er der Vater, der dem Jungen fehlte.
Valerius folgte dem Wildpfad. Er wusste, dass er ihn nicht würde einholen können, der Junge war ein ausdauernder Läufer. Der Gelehrte machte sich Sorgen um seinen Schützling. Aidan liebte den Wald und kannte sich bestens darin aus. Doch er war verletzt und noch immer in Rage. Aus Erfahrung wusste er, dass sie den Jungen unvorsichtig werden ließ. Valerius konzentrierte sich auf die Augen und Ohren des Waldes, die ihm zeigten, in welche Richtung er sich wenden musste, um Aidan zu finden. Dennoch erreichte er ihn erst, als die Nacht schon hereingebrochen war.
Erleichterung durchströmte ihn, als er den Jungen schlafend auf einer kleinen Lichtung am Fuße einer Eiche, beschienen vom hellen Schein des Vollmondes, fand. Zusammengerollt lag der Junge da, den Kopf auf eine moosbewachsene Wurzel gelegt. Gesicht und Arme wiesen zahlreiche Kratzer auf. Er musste durch dichtes dorniges Unterholz gerannt sein und sich hier vor Erschöpfung niedergelassen haben. Unruhig warf er sich im Schlaf hin und her.
„Ruhig, mein Junge“, flüsterte Valerius und setzte sich zu ihm. Er wusste, dass sein Schützling stark war, doch in diesem Moment wirkte er so verletzlich. Behutsam strich der Animagus Aidan über die zerzausten schwarzen Haare und breitete seinen Mantel über ihn. Mit einem leisen Knurren krallte sich der Junge in den Mantel und schreckte hoch. Verwirrt blickte er sich um und erkannte dann Valerius. „Ihr ...“ Nur langsam verblasste der erschrockene Ausdruck in seinen Augen.
Sanft streichelte Valerius ihm über die Wange. „Du hast schlecht geträumt, oder?“
Aidan nickte schwach. Er schlang die Arme um seinen Leib und kuschelte sich unter den Mantel. „Aber Ihr habt mich gefunden und daraus befreit.“
„Natürlich, der Fürst trug mir auf, auf dich Acht zu geben“, erwiderte Valerius ruhig.
„Weil er es nicht will?“
„Dein Vater liebt dich, du bist sein einziger Sohn. Nur kann er das nicht immer so zeigen.“
„Das ist aber eine himmelschreiende Untertreibung. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin ihm lästig. Warum könnt nicht Ihr mein Vater sein?“
„Ach, Aidan …“ Valerius seufzte. „Lassen wir das Thema für heute ruhen und kehren ins Schloss zurück. Ich muss mir deine Wunde anschauen und dich mit ein paar Kräutern versorgen.“
„Ich möchte nicht zurück. Mein Vater wird wieder ein Gastmahl abhalten, es wird laut sein und seine Männer und er werden sich mit Wein betrinken. Ich möchte hierbleiben. Erzählt mir etwas, eine Geschichte über die alten Götter.“ Das Flehen in der Stimme des Jungen, die Hoffnung in seinen blauen Augen, ließen das Herz des Animagus schwer werden.
So schlang er den Mantel enger um sie und begann, Legenden über die funkelnden Sternbilder zu erzählen, bis der Junge friedlich in seinen Armen eingeschlafen war.
Mit den ersten Sonnenstrahlen machten Valerius und Aidan sich wieder auf den Rückweg. Sie verließen die Lichtung und folgten einem Wildwechsel, der sie wieder auf den Weg zum Herrschersitz brachte. Schweigend liefen sie nebeneinander her und genossen die friedliche morgendliche Stimmung. Die Vögel sangen, begrüßten den neuen Tag, die kühle Luft roch klar und frisch. Sie begegneten einem Hirsch, der am Rand des Weges äste. Als er sie bemerkte, hob er den Kopf und witterte in ihre Richtung. Einen Augenblick später war er im dichten Grün verschwunden.
Bald darauf erreichten sie den Fürstensitz. Die Wachen grüßten sie freundlich und die Mägde und Diener gingen wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Doch als sie die Haupthalle betraten, bot sich ihnen ein Bild der Zerstörung. Zerbrochene Krüge und Essensreste lagen verstreut auf dem Boden und den hölzernen Tischen, Weinlachen hatten sich auf dem Boden ausgebreitet. Der Gestank nach kaltem Essen, Alkohol und menschlichen Ausdünstungen hing in der Luft. Valerius rümpfte die Nase und öffnete die großen Fenster des Saals, sodass frische Luft hereinströmen konnte. Den Arm um Aidans Schulter gelegt, brachte er ihn in seine Kammer, die gleich neben der Bibliothek im abgelegenen Nordflügel lag.
„Jetzt lass mich mal nach deiner Schulter schauen“, sagte der Animagus und bedeutete dem Jungen, sich in einen Sessel zu setzen. Während es sich sein Schützling gemütlich machte, suchte der Gelehrte ein paar Tiegel und Fläschchen zusammen und stellte sie auf den kleinen Beistelltisch, der neben dem Sitzmöbel stand.
„Ich werde deine Wunde säubern und anschließend eine Kräuterpaste auftragen, um die Heilung zu unterstützen.“ Behutsam löste er den provisorischen Verband. Überrascht sog er die Luft ein, als der letzte Stoffstreifen fiel.
„Was ist?“, fragte Aidan beunruhigt und linste auf die Stelle knapp unter dem Schlüsselbein.
Valerius nahm ein bereitgelegtes Tuch, tauchte es in die Wasserschüssel und reinigte vorsichtig die Verletzung oder zumindest das, was davon noch übrig war. Dort, wo gestern noch ein tiefer Einschnitt von der Spitze des Pfeils zu sehen war, prangte nun nur noch ein verschorftes kleines Loch.
„Es scheint, als ob die Wunde über Nacht fast komplett verheilt sei. Das ist interessant.“
„Ihr habt recht! Es tut auch gar nicht mehr weh“, wunderte sich der Junge. „Das müssen Eure Geschichten gewesen sein.“ Sein Bauch knurrte vernehmlich. „Ich sterbe fast vor Hunger, lasst uns etwas essen gehen“, schlug er dann vor. „Ich ziehe mir nur schnell etwas Frisches an.“ Und schon war er im Nachbarzimmer verschwunden.
„Wahrscheinlich …“, gab Valerius nachdenklich zurück, doch er hatte noch eine ganz andere Vermutung.
Wenig später saßen sie im Garten des fürstlichen Anwesens und genossen ihr Frühstück. Es gab frisch gebackenes Brot, dazu kalten Braten und verschiedene Käsesorten. Eine Schale Obst und Gemüse fehlten ebenso wenig wie eine dampfende Kanne Tee.
„Ah, das war gut.“ Wohlig seufzend lehnte sich Aidan zurück. Er streckte seine Beine und ließ sich von den warmen Sonnenstrahlen bescheinen. Sein Blick schweifte durch den Garten. Ein paar Diener waren damit beschäftigt, eine Hecke wieder in eine ordentliche Form zu bringen, während andere an den Blumenbeeten arbeiteten.
Valerius vertiefte sich in ein Buch, das er von der Bibliothek mitgenommen hatte.
„Was lest Ihr denn da?“, wollte Aidan neugierig wissen.
„Ach, ich schaue nur etwas nach …“, er wedelte in einer unbestimmten Geste mit der Hand.
„Mein Sohn!“ Aufgeregt lief Fürst Geralf herbei. Seine strähnigen langen Haare hingen ihm ungepflegt ins Gesicht, auf seinem zerknitterten Gewand zeigten sich Flecken. „Wie geht es dir?“
Aidan setzte sich auf und starrte dem Fürsten finster entgegen. „Seit wann interessiert dich das? Gestern war es dir egal und schau dich an. Anstatt nach deinem Sohn zu suchen, betrinkst du dich mit deinen Kumpanen.“
Ein verlegener Ausdruck trat in das Gesicht des Fürsten. „Es tut mir leid. Aber es sah wirklich nicht schlimm aus, und ich weiß doch, dass du ein starker Junge bist. Also sag mir, was ist mit dir?“
„Valerius hat sich alles angeschaut und meinte, es ist schon fast wieder verheilt.“
Ein ungläubiger Ausdruck breitete sich auf dem Antlitz des Fürsten aus. „Das ist ja wunderbar. Ich danke Euch, Meister Animagus!“
Valerius legte das Buch beiseite und erwiderte: „Mein Anteil daran war der geringste.“
„Ihr habt wieder euren Hokuspokus gewirkt, nicht wahr?“, schleuderte ihm Celerion entgegen, der eben die Terrasse betrat. „Ich habe die Wunde gesehen. Nicht einmal unsere besten Priester des Lichts können solche Verwundungen so schnell heilen. Verderbt den Jungen nicht, so wie Ihr es damals mit Fürstin Katharina getan habt.“
Bei der Erwähnung des Namens seiner verstorbenen Frau verfinsterte sich die Miene des Fürsten.
„Katharina …“, kam es leise über seine Lippen.
Bevor Valerius etwas erwidern konnte, kam ihm Aidan zuvor: „Meister Valerius hat damit nichts zu tun. Euer unsäglicher Pfeil hat wohl nur einen Kratzer bei mir hinterlassen. Seid doch froh darüber.“
„Weder meinen Sohn, beschossen vom eigenen Gefolgsmann, noch meine Frau konnte ich beschützen. Was bin ich nur für ein Herrscher?“, fragte Fürst Geralf, das Gesicht fahl, Verzweiflung in seinem Blick.
„Mein Fürst, so dürft Ihr nicht denken. Ihr habt es auch nicht einfach. Ihr wurdet Eurer geliebten Frau beraubt und müsst Euch nun um alles kümmern“, gab Celerion zu bedenken. „Doch ich werde immer an Eurer Seite stehen und Euch nach bestem Wissen unterstützen.“
„Mein Fürst, der Tod der Fürstin war nicht Eure Schuld!“, warf Valerius ein.
„Dann war es die Eure?“ Der Blick des Oberpriesters des Lichts wurde lauernd.
„Celerion, sprecht nicht so mit Meister Valerius! Vater, sagt doch auch etwas“, rief Aidan.
Der Angesprochene blickte auf, Verwirrung und Schmerz in seinen Augen. „Warum?“, entwich es gequält seinen Lippen.
„Celerion ist nicht gut für dich“, ereiferte sich der Junge.
Der Fürst zuckte zusammen, die Trauer wandelte sich in Zorn. „Und du hast nicht das Recht, so über ein ehrbares Mitglied des Hofes zu sprechen! Immer begehrst du auf, immer habe ich es schwer mit dir. Wärst du nicht geboren, würde sie noch leben! Deine Geburt und der Hokuspokus deines Freundes haben sie mir genommen. Verflucht sollt ihr sein!“ Damit wandte sich Geralf um und stürmte davon, dicht gefolgt von Celerion, der beschwichtigend auf ihn einredete.
Wie betäubt stand Aidan da und starrte auf die Flügeltür, durch die sein Vater soeben wieder im Gebäude verschwunden war. Eine einzelne Träne suchte ihren Weg seine Wange hinab, seine Unterlippe zitterte. „Habt Ihr das gehört?“
Valerius trat neben ihn und legte seine Arme um den Jungen. „Ja, das habe ich.“
Aidan umschlang seinen Lehrmeister und Freund ebenfalls. „Ich hasse ihn!“, sagte er und vergrub sein Gesicht an dessen Schulter.
„Ich weiß.“ Beruhigend strich der Animagus ihm über den Rücken. „Doch Hass hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Lass uns in die Bibliothek gehen, das bringt dich auf andere Gedanken.“ Sie verließen die Terrasse, während am Horizont dunkle Wolken aufzogen.
Valerius schreckte hoch, nur langsam beruhigte sich sein klopfendes Herz. Es war dunkel, nur vage hoben sich die Konturen der Regale und seines Schreibtisches von der Umgebung ab. Regen prasselte gegen die Butzenscheiben seiner Kammer. Was hatte ihn geweckt? Er entzündete eine kleine Lampe, die auf seinem Nachttisch stand und schwang seine Beine aus dem Bett. Rasch zog er sich an und verließ sein Zimmer. Im Schloss war es gespenstisch ruhig, der Gang lag in Dunkelheit, und doch spürte er, dass etwas nicht stimmte. Er wollte nach Aidan sehen, fand dessen Zimmer jedoch leer vor, die Tür stand offen. Der Raum sah aus, als ob ein Wirbelsturm darin gewütet hätte, auch das Bettzeug war zerrissen. Ein einzelner Schrei durchbrach die Stille, so voller Verzweiflung und Todesangst, dass Valerius das Blut gefror. Sofort stürmte er aus dem Zimmer. Er hetzte den Korridor zum Empfangssaal hinunter und fand die Flügeltüren zerborsten und schief in den Angeln hängend. Die schweren Holztische waren umgeworfen. Durch das zerborstene Fenster wehte kalter Wind herein, der die Vorhänge zum Flattern brachte. Auf dem regennassen Parkett erkannte Valerius verwischte Spuren, die aus der Halle hinaus ins Freie führten. Er eilte nach draußen und wäre fast über einen am Boden liegenden Körper gestolpert. Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass es Celerion war, der blutüberströmt und mit toten Augen dalag. Valerius schloss die Lider des Toten und erbat stumm die Aufnahme der Seele ins Reich der Toten. Vom Waldesrand ertönte ein weiterer Schrei. Rasch sprang der Gelehrte auf und eilte den Kiespfad hinab. Die Steine knirschten unter seinen Sohlen, sein Atem hinterließ feine weiße Wölkchen. Inzwischen hatte der Regen aufgehört und der Himmel riss mehr und mehr auf. Das fahle Licht der Gestirne beleuchtete den schmalen Pfad, der tief in den Wald führte. Im Schein der Lampe erkannte der Animagus immer wieder blutige Abdrücke an der Rinde der Bäume und auf den Blättern der Büsche. Keuchend erreichte er den kleinen Bachlauf, der sich durch die Ländereien des Fürstentums wand. Im Uferschlamm waren die Spuren verschiedenster Tiere zu erkennen. Dem aufmerksamen Blick Valerius‘ entgingen auch die Stiefelabdrücke nicht. Er folgte ihnen und kam an eine Stelle, an der der Boden aufgewühlt war. Die Pfotenabdrücke eines außergewöhnlich großen Wolfes hatten sich tief in das weiche Sediment gegraben. Auch auf dem Boden befand sich Blut. Hatte hier ein Kampf stattgefunden? Angst um seinen Schützling griff wie eine kalte Faust nach seinem Herzen und presste es zusammen. Eine laute Stimme, die die Stille im Wald durchbrach, wies Valerius den Weg. Mit schmerzenden Lungen und rasselndem Atem erreichte er die Lichtung mit der Eiche. Im Schein des Mondes gewahrte er Geralf, der sein langes Schwert auf einen Wolf richtete. Das Tier lag zusammengekauert zu Füßen des Mannes, den Blick zum Adeligen erhoben.
„Haltet ein!“, rief Valerius und stürmte auf die beiden zu.
Überrascht fuhr der Fürst herum. Nasse Strähnen klebten in seinem Gesicht, Wahnsinn loderte in seinen Augen.
„Mischt Euch nicht in meine Angelegenheiten.“ Nur schwer kamen die Worte über Geralfs Lippen, begleitet vom Gestank nach Wein. Er hob das Schwert und wollte den Wolf mit einem Hieb töten, doch Valerius warf sich dazwischen und fing den Schwertstreich ab. Ein greller Schmerz durchzuckte seinen Arm. Er sank auf die Knie herab und legte eine Hand auf die Schulter des Wolfes. Das schwarze Fell war nass, und als er die Hand wieder hob, klebte Blut daran. Er strich dem Tier über die Schnauze und ein bläuliches Leuchten erstrahlte.
„Das ist Euer Werk“, brüllte der Fürst und hob das Schwert zum erneuten Stoß.
„Nein, es ist das Eure“, erwiderte Valerius und richtete sich mühsam vor dem Wolf auf, um ihn zu schützen.
Die Klinge durchbohrte den Animagus und ein jäher Schmerz ließ ihn aufkeuchen. Er sank in sich zusammen, fühlte das warme Blut aus der Wunde rinnen. Der Fürst ließ das Schwert los und taumelte zurück, Entsetzen in seinen Augen. Nur noch am Rande bekam Valerius mit, wie der Wolf sich auf die Hinterbeine kämpfte, den nun wehrlosen Fürsten ansprang und sich knurrend in ihn verbiss. Eine eisige Kälte breitete sich in Valerius‘ Leib aus, jeder Herzschlag in seiner Brust war eine einzige Qual. Wie durch Nebel sah er, wie der Wolf von dem leblosen Fürsten abließ und den Blick seiner blauen Augen auf den Gelehrten richtete. Ein leises Winseln entrang sich seiner Kehle und mit einem Satz war er bei ihm. Valerius spürte, wie er hochgehoben wurde und seine Hände krallten sich in das weiche Brustfell.
„Bring mich zu der Eiche“, brachte er röchelnd hervor.
Auf den Hinterbeinen gehend, trug der Werwolf den Gelehrten zum Fuße des großen Baumes. Dort setzte er ihn sanft auf den Boden. Schwach hob der Animagus die Hand und der Wolf legte seine Wange hinein, schaute ihn aus traurigen Augen an. „Der Tiergeist, der bei deiner Geburt in dir zurückblieb, ist nun durch des Fürsten Fluch erwacht, du musst lernen, damit zu leben. Die Wolfsseele ist nun ein Teil von dir und wird dich beschützen. Da ich es nicht mehr kann …“ Valerius‘ Hand glitt vom weichen Fell des Wolfes und ein letzter rasselnder Atemzug entwich seinen Lippen, ehe sich die Welt um ihn herum in vollkommener Schwärze verlor.
Der Werwolf legte die Vorderpfoten um den leblosen Körper seines Lehrmeisters, ein klagendes Heulen entwich seinen Lefzen. Langsam schrumpfte der Leib des Mischwesens, das Fell fiel kleinen Staubpartikeln gleich, herab und das Heulen ging in einen Schrei voller Trauer und Verzweiflung über. Aidan klammerte sich an Valerius, der wie ein Vater für ihn gewesen war und drückte sein tränenüberströmtes Gesicht an dessen Brust. Doch dieses Herz würde nie wieder schlagen.
Tabea Petersen Nach dem Sturm
Hat der Sturm nachgelassen? Aryonna kommt es so vor, doch vielleicht hat das Tosen nur ihre Sinne abgestumpft. Der Sturm durchdringt nicht nur die Lagen ihrer Kleidung. Nein, das klagende Heulen scheint bis in ihre Gedanken vorzudringen und sie zu lähmen, bis Aryonna nichts anderes mehr tun kann, als steif und teilnahmslos auf dem Kutschbock zu hocken und – die Augen gegen die herumwirbelnden Schnee- und Eiskristalle zusammengekniffen – geradeaus zu starren. Ihre Kräfte reichen gerade noch, um mit beinahe gefühllosen Fingern die Zügel zu umklammern. Die Gestalt des mageren Pferdchens, das tapfer den alten Marketenderwagen durch die unwirtliche Schneewüste zieht, ist vor ihr zu einem vagen, dunklen Umriss verschwommen. Auch die Alte, die zusammengekauert neben ihr auf dem Kutschbock sitzt, erahnt Aryonna mehr, als dass sie sie sieht. Wie lange sind sie nun schon unterwegs, sind es Stunden oder nur Minuten? Aryonna weiß es nicht. Vielleicht hat die Alte ja recht, und es ist tatsächlich aussichtslos, bei diesem Wetter hier draußen nach einem lebenden Menschen, noch dazu einem Kind, zu suchen. Doch Aryonna schiebt den Gedanken beiseite. Sie beißt sich auf die vom Frost rauen Lippen, bis sie Blut schmeckt, und starrt weiter vorwärts. Zwingt ihre Augen, das Gewimmel der Flocken zu durchdringen und den schneebedeckten Boden abzusuchen. Sie darf den Jungen nicht auch noch verlieren. Er ist nur ein dürrer, zerlumpter Betteljunge, diebisch und frech obendrein, aber sie hat sonst niemanden mehr, der zu ihr hält. So sehr Aryonna sich auch zur Konzentration zwingt – sie kann nicht verhindern, dass das stete Getöse des Sturms und die unablässig fallenden Schneeflocken sie dösig machen, sodass ihre Gedanken abzuschweifen beginnen. Was hat sie getan, dass alle Menschen, die ihr etwas bedeuten, sie nach und nach verlassen?
Die Mutter war eine Heilerin. Seit frühester Kindheit hatte Aryonna von ihr die Namen der Pflanzen, die im Gebirge wuchsen, und ihre Heilkräfte gelernt. Auch die Pflanzen des Marschlandes und der fernen Küstenregionen zeichnete die Mutter für Aryonna auf kleine Stücke gepresster Baumrinde und nannte ihre Namen. Die Mutter kannte sie alle, denn sie selbst war in der Hauptstadt des Neu-Nordischen Reiches an der Küste geboren und aufgewachsen. Über ihre Kindheit oder ihre Familie sprach die Mutter nie, doch Aryonna verstand, dass sie reich gewesen sein musste. Ob sie vielleicht sogar eines jener Kinder gewesen war, die als besondere Ehre bei einer feierlichen Gelegenheit dem Kaiser Blumen überreichen durften? Hübsch genug war sie mit ihrer hellen Haut, den blauen Augen und dem dichten, blonden Haar, mit dem sie sich so deutlich von den dunkelhaarigen, schwarzäugigen Bergbewohnern unterschied, unter denen sie lebte. Nein, berichtigte Aryonna sich in Gedanken. Unter den Menschen hatten sie eigentlich nie gelebt. Die Hütte, in der Aryonna fast ihr gesamtes Leben verbracht hatte, stand auf einer felsigen Anhöhe etwas abseits des Bergdorfes. Als Kind hatte sie nicht verstanden, warum die Leute ihre Mutter mieden und sie nur im Schutz der Dunkelheit aufsuchten, um von ihren kundigen Händen Krankheiten oder kleine Verletzungen behandeln zu lassen.
„Sie sind nie nett zu uns, wenn jemand zusieht. Nur wenn sie etwas wollen, kommen sie. Warum hilfst du ihnen überhaupt?“, fragte Aryonna einmal ungehalten.
„Eine Heilerin muss helfen“, erwiderte die Mutter nur und sah Aryonna dabei aufmerksam an, als suche sie in ihrem Gesicht nach Zeichen von Zustimmung und Verständnis. Aryonna jedoch verstand es nicht. Ab und an hörte sie Worte wie „Kaisertreue“ und „Adelsdämchen“ aus den gemurmelten Gesprächen der Dorfbewohner heraus, die stets verstummten, wenn ihre Anwesenheit bemerkt wurde. Sie ärgerte sich darüber; ihre Mutter hatte doch nie jemandem etwas zuleide getan! Von Aryonnas Vater sprachen die Leute im Dorf mit Respekt: Kapitän Alessandro, der Rebellenführer, der dafür kämpfte, die Bergregionen aus dem Würgegriff des kaiserlichen Heeres zu befreien. Nur dass er sich aus der Hauptstadt eine Frau mitgebracht hatte, wollte man ihm nicht recht verzeihen. Aryonna selbst sah ihren Vater selten. In manchen Frühjahren jedoch brachte die Schneeschmelze so viel Wasser, dass die Bergbäche über die Ufer traten und das Marschland weiträumig überschwemmt wurde. Dann mussten die ewigen Kämpfe zwischen den Truppen des Kaisers und den Rebellen der Berge für einige Wochen ruhen, weil die kaisertreuen Soldaten nicht in die Berge vordringen konnten. Dies war seit Menschengedenken die einzige Art von Frieden, die den Bergbewohnern vergönnt war. Auch wenn die Überschwemmungen ihrerseits Verheerungen anrichten konnten, waren sie so mancher Familie in den Bergen willkommen – brachten sie doch vielleicht ein lang ersehntes Wiedersehen mit Vätern, Söhnen, Brüdern oder Ehemännern, die für die Rebellen kämpften.
Im letzten Jahr hatte der Vater Aryonna und der Mutter bei der Frühjahrssaat helfen können. Ein paar kostbare Wochen lang arbeiteten sie Tag für Tag gemeinsam auf den Feldern und saßen jeden Abend nebeneinander am Tisch in der Küche. Doch wenn Aryonna den Vater dann eifrig nach seinem Leben unter den Rebellen ausfragte, nach Schlachten und Heldentaten und nach den Luftschiffen, die manchmal wie große Raubvögel über den Bergen kreisten und Aryonnas Herz mit einer unbestimmbaren Sehnsucht erfüllten, winkte er meist ab. Nie gelang es ihr, ihm mehr als ein paar einsilbige Antworten zu entlocken. Einmal betrachtete er sie im Licht des Herdfeuers eindringlich, so als sähe er sie soeben zum ersten Mal, und fragte sie nach ihrem Alter. Unter dem prüfenden Blick seiner dunklen Augen senkte Aryonna den Kopf, und die Antwort auf seine Frage, „vierzehn Winter“, geriet nur zu einem leisen Murmeln.
„Du bist groß für dein Alter. Bald eine Frau“, erwiderte der Vater, ernst zuerst. Doch dann fragte er sie, ob sie denn schon einen Schatz hätte, und als sie überrascht den Kopf hob, sah sie den Schalk in seinen Augen blitzen. „Nein, und ich will auch keinen!“ Brummte Aryonna ärgerlich. Da legte der Vater den Kopf in den Nacken und lachte laut. Im Feuerschein glänzte sein Haar schwarz wie die Schwingen eines Raben, und Aryonna lachte mit ihm, auch wenn sie nicht recht wusste, wieso. Später, als die Eltern wohl meinten, sie schliefe bereits, hörte Aryonna, wie sie sich leise unterhielten.
„Es gibt Gerüchte“, erklärte der Vater. „Inzwischen ist es Jahre her, dass der Kaiser sich in der Öffentlichkeit gezeigt hat – keine Siegesparaden mehr und auch keine Fähnchen schwenkenden Kinder. Manche Leute behaupten, der Kaiser sei schwer krank oder sogar längst tot, die Söhne alle gefallen. Man sagt, die Minister hielten es geheim, um Meutereien im Heer zu verhindern. Manchmal frage ich mich, wofür wir überhaupt noch kämpfen. Vielleicht ist alles längst vorbei, und wir wissen es nur nicht.“
„Aber was käme dann?“, erwiderte die Mutter. „Frieden? Weiß irgendjemand, was das ist?“
„Man müsste es herausfinden“, sagte der Vater leise. „Unsere Kinder würden es herausfinden.“ Eine Weile schwiegen beide, dann begann der Vater von Neuem: „Hat es dir niemals leidgetan, dein sorgloses Leben aufgegeben zu haben für einen Habenichts von einem Rebellen?“
„Sorglos war mein Leben nie, und das weißt du“, widersprach die Mutter. „Wir waren wohlhabend, das stimmt. Aber für mich hat es dort nie etwas anderes gegeben als blinden Gehorsam und den äußeren Schein, den es zu wahren galt. Hier bin ich arm, aber ich habe dich und unsere Tochter. Das kann mir niemand nehmen. Und im Dorf werde ich gebraucht, auch wenn ich wohl nie ganz dazugehören kann. Vielleicht hast du recht, und unsere Kinder werden einmal lernen, was Frieden ist.“ Wenige Tage später war der Vater bereits wieder fort. Kurz darauf musste die Mutter morgens beim Melken zum ersten Mal hinauslaufen und sich draußen vor dem Stall übergeben, und als sie abends gemeinsam am Feuer saßen, erklärte sie Aryonna, dass sie bald ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen würde. Aryonna aber dachte noch oft über das nach, was sie an jenem Abend von ihrem Vater gehört hatte. Wenn die Arbeit ihr einige freie Momente ließ, suchte sie am Ufer des Gebirgsbaches einen jener flachen Tümpel auf, deren Wasseroberfläche ruhig dalag, und betrachtete darin ihr Spiegelbild: Sie hatte helle Haut und blaue Augen wie ihre Mutter, aber ihr Gesicht war nicht ebenmäßig hübsch, sondern schmal und spitz. Ihr Haar war schwarz wie das des Vaters. Beide Eltern hatten ihr etwas mitgegeben, und doch glich sie keinem von ihnen. Wie ihr kleiner Bruder – sie war sich sicher, dass es ein Brüderchen war – wohl einmal aussehen würde? Und was würde er später lernen? Zu kämpfen wie sein Vater, oder zu heilen wie seine Mutter? Oder vielleicht beides?
Wenn Aryonna sich heute an die Gedanken erinnert, die sie noch vor wenigen Monaten wie einen Schatz gehütet hat, legt sich Bitterkeit wie ein eiserner Ring um ihr Herz. Die unbarmherzige Schneelandschaft verschwimmt vor ihren Augen, doch ihr fehlt die Kraft, die Hand zu heben und die Tränen fortzuwischen. Sie spürt nur winzige Stiche dort, wo die salzigen Tropfen auf ihrer Haut zu Eis werden. Ein tiefes, hohles Ächzen lässt sie aufhorchen. Auch der Körper der alten Frau neben ihr zuckt zusammen wie in jähem Schrecken. Die alte Marja, die fast ihr ganzes Leben hier im Marschland verbracht hat, weiß wohl besser als jeder andere, was das Geräusch bedeutet: Irgendwann muss ihr Wagen den festen Boden verlassen haben, nun bewegt er sich auf einer schneebedeckten Eisfläche. Wenn sumpfiger Boden überfriert, ist das Eis voller versteckter Hohlräume. Es knarrt und kracht, und immer wieder brechen neue Risse auf. Sich auf diesem Eis vorwärts zu bewegen, ist ein Spiel auf Leben und Tod.
Die Mutter hatte Aryonna alles beigebracht, was sie über Geburten wissen musste, doch es war nicht genug. Sie hatte die Schmerzen der Mutter nicht lindern und auch das Blut nicht aufhalten können. Mit jedem Tropfen war das Leben aus dem Körper der Mutter gewichen, langsam und unerbittlich, sodass ihr am Ende nicht einmal die Kraft blieb, das Kind anzusehen, welches sie geboren hatte. Aryonna rieb das kleine Wesen, das seltsam schlaff und schwer in ihren Armen lag, behutsam ab und wischte mit einem Finger den kleinen Mund aus. Doch sie spürte keinen Atemzug. Auch als sie ihre Lippen an die winzige Nase legte und so kräftig sie konnte hineinblies, konnten ihre Hände kein Heben und Senken des kleinen Brustkorbes ertasten. Im gnadenlosen Schein der Morgensonne war das Gesicht des Jungen ebenso bleich wie das der Mutter und kalt, als Aryonna mit den Fingerspitzen über das flaumige Haar und die fein geschwungenen Brauen fuhr. Die langen Wimpern lagen wie dunkle Halbmondschatten auf der weißen Haut unter den Augen, die sich nie geöffnet hatten. Aryonna war gescheitert. Sie war keine Heilerin wie die Mutter. Nun blieb ihr nur übrig zu kämpfen. Sie rang das Schluchzen nieder, das in ihrer Kehle brannte. Dann trat sie hinaus auf die Anhöhe hinter der Hütte, um mit Axt und Schaufel in der noch gefrorenen Erde zu graben. Der Körper des kleinen Bruders war bereits steif, als sie ihn zur Mutter in die flache Grube hinabsenkte. Bald waren die beiden unter einer dünnen Schicht aus Erde und Feldsteinen verschwunden. Allein konnte Aryonna nicht in der Hütte bleiben, doch sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als im Dorf um Obdach zu bitten. Sie ließ die Tiere frei und ging fort, um ihren Vater zu finden. Aus der Hütte, die, solange sie zurückdenken konnte, ihr Zuhause gewesen war, nahm sie kaum etwas mit. Nur das kleine scharfe Hornmesser, das ihre Mutter manchmal benutzt hatte, um bei kranken Dorfbewohnern kleinere Operationen auszuführen, leistete ihr unterwegs gute Dienste. Ab und an gelang es ihr, in einer Schlinge ein kleines Tier zu fangen, das sie erlegte. Die meiste Zeit über jedoch machten die Kälte und der Hunger sie träge und teilnahmslos. Wie lange war sie schon unterwegs, waren es Tage oder Wochen? Machte es einen Unterschied? An manchen Tagen musste sie sich zu jedem Schritt, jeder Bewegung zwingen. Erfrieren täte nicht weh, sagte man. Wenn sie sich also einfach irgendwo auf die gefrorene Erde fallen ließ, liegenblieb und nie wieder aufstand, wem läge etwas daran? Allein der Gedanke an den Vater trieb sie weiter an. Ob er noch am Leben war? Ja, er musste leben, irgendwo dort in der Welt jenseits der Berggipfel. Aryonna musste ihn finden. Ab und zu glaubte sie, in einem Gebüsch in der Nähe ein Tier rascheln zu hören. Irgendwann ließ sich das Gefühl, dass sie beobachtet wurde, nicht mehr abschütteln. War es ein Wolf oder Schakal, der auf eine leichte Beute lauerte? Der sich dichter und dichter anschleichen würde, bis sie irgendwann zu erschöpft war, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen? Unwillkürlich tastete Aryonna nach dem Griff des Messers an ihrem Gürtel. Die Erschöpfung war vergessen, sie würde sich nicht kampflos in ihr Schicksal fügen. Als es ihr schließlich gelang, ihren Verfolger zu überwältigen, hätte sie vor Erleichterung beinahe laut aufgelacht. Was da unter ihr auf dem harten Boden lag und sich in ihrem Griff wand, war kaum mehr als ein Kind: Ein Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, zerlumpt und derart schmutzig, das Aryonna kaum etwas darüber hätte sagen können, wie seine Gesichtszüge aussahen oder welche Farbe sein Haar haben mochte. Einzig die dunklen Augen, die in dem mageren Gesicht unablässig hin und her huschten, waren deutlich zu erkennen. Sie erinnerten Aryonna an ein kleines Tier, ein Frettchen vielleicht oder ein Wiesel.
„Au!“
Einen Augenblick lang nur war Aryonna unaufmerksam gewesen, weil sie den Jungen genauer betrachtete, doch diese Zeit hatte ausgereicht, dass er ihre linke Hand zu packen bekam und seine spitzen Zähne in die Daumenwurzel grub. Mit Mühe gelang es Aryonna, ihrem ersten Impuls zu widerstehen und nicht mit dem Messer, das sie noch immer in der geballten Rechten hielt, auf das Kind einzustechen. Grimmig fuhr sie dem Knaben stattdessen mit Handrücken und Fingerknöcheln ins Gesicht, während sie mit den Schenkeln weiterhin seinen dürren Körper fest an den Boden drückte. Der Junge duckte und wand sich. Gleichzeitig stieß er ein schrilles, zischendes Geheul aus, in dem Aryonna einzelne Schimpfwörter ausmachen konnte.
„Halt den Mund!“, herrschte sie ihn an. „Ich lasse dich los und tue dir nichts, aber du darfst nicht davonlaufen. Und wehe, du versuchst, mich zu bestehlen!“, setzte sie hinzu, die abschätzenden Blicke des Knaben deutend, mit denen er ihre Kleidung und das Messer in ihrer Hand musterte.
Wenig später hatte der Junge sich aufgerappelt, saß neben ihr am Feuer, und sie teilten die karge Mahlzeit, die Aryonna aus in der Glut gegarten Wurzeln zubereitet hatte. Dann fragte sie den Jungen nach seinem Namen.
„Ratte“, erwiderte er.
Sie sah ihn stirnrunzelnd an. „Ratte? Das ist doch kein Name! Wer nennt dich denn so?“
„Jeder“, war die gleichmütige Antwort. „Und wenn es ohnehin alle sagen, kann ich es auch selbst tun. Ratten sind schlau“, setzte der Betteljunge trotzig hinzu.
Aus den Erzählungen des Jungen, der unter der Einwirkung von Nahrung und Wärme recht gesprächig wurde, erfuhr Aryonna, dass das Winterquartier der Rebellen aus den Bergen gar nicht weit entfernt lag, und dass Ratte ein Späher und Spurenleser war. Zumindest hielt er sich selbst dafür, und es mochte wohl stimmen, dass die Krieger ihn in ihrer Nähe duldeten, weil er ihnen gelegentlich Botendienste leistete.
„Dann kennst du vielleicht auch ...“ Aryonna nannte zögernd den Namen ihres Vaters und hielt gespannt die Luft an.
„Käpt'n Alessandro? Klar, wer kennt den nicht“, sagte der Junge großspurig. „Im Moment haben sie kein funktionierendes Luftschiff, aber wenn es irgendjemand schafft, aus den Überresten der verunglückten Schiffe wieder eins flott zu kriegen, dann er. Doch sag mal …“ Mit einem Mal funkelten die Augen des Jungen Aryonna misstrauisch an. „Was willst du vom Käpt'n?“
Die Erleichterung darüber, dass ihr Vater am Leben und gesund war, hatte Aryonna einen Augenblick lang abgelenkt. Was sollte sie dem Jungen sagen, sollte sie sich als Tochter des Befehlshabers zu erkennen geben? Aber würde man ihr überhaupt glauben und sie zu ihrem Vater vorlassen? Während sie noch überlegte, schien der selbst ernannte Späher bereits eigene Schlüsse gezogen zu haben.
„Wenn du jemandes Mätresse werden willst, biste bei ihm falsch. Der Käpt'n nimmt sich nie 'ne Liebste. Der hat Frau und Kinder zu Hause, sagt man – obwohl das die meisten Männer nicht abhalten würde. Du könntest es bei einem von den anderen probieren, da kannste aber nicht wie 'ne Landstreicherin rumlaufen. Komm!“
Aryonna blieb keine Zeit mehr, den Jungen von dem Glauben abzubringen, sie wolle im Austausch für Schutz und Nahrung ihren Körper verkaufen. Wenn sie nicht ihre einzige Informationsquelle verlieren wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Die flache, halb verfallene Holzhütte am Ufer eines kleinen Baches, zu der der Junge Ratte Aryonna führte, erschien ihr im ersten Moment wie aus dem Boden gewachsen zu sein. Dann jedoch erkannte sie, dass das Häuschen Räder hatte. Es war ein alter Marketenderwagen, neben dem in einigem Abstand ein mageres Pferd graste. „Verschwinde, habe ich gesagt!“ Die kreischende Frauenstimme, die aus der Hütte drang, ließ Aryonna zusammenfahren.
„Wenn du was zu essen willst, verdiene es dir. Gebettelt wird nicht bei der alten Marja!“ Der Junge jedoch huschte ungerührt hinein.
Wie alt die Frau war, der Aryonna wenig später gegenüberstand, vermochte sie nicht zu sagen. Krummgebeugt und dürr war sie, das dunkle Haar von grauen Strähnen durchzogen. Ihre Stimme glich dem Gekrächz einer Krähe, und wie ein Vogel neigte auch die Alte den Kopf erst zur einen Seite, dann zur anderen, während sie Aryonna aufmerksam beäugte.
„Was willst du im Rebellenlager?“, fragte sie. „Den Bauch voll und eine warme Lagerstatt, so wie alle?“
Aryonna trat einen Schritt zurück, um aus der Reichweite der Klauenfinger zu kommen, mit denen die Frau prüfend über ihre Kleidung, und ihr Gesicht strich.
„Ich muss den Kapitän sprechen, es ist sehr wichtig!“, erklärte sie und hoffte, dass ihre Stimme dabei fest klang. Die Alte jedoch lachte so heftig, dass ihre dürre Gestalt schwankte wie in einem plötzlichen Sturm.
„Den Kapitän will sie sprechen. Wichtig, soso! Und du denkst, dass jeder dahergelaufene Bettler einfach so ins Lager spazieren kann? Das haben andere vor dir probiert, glaube mir!“ Im Nu war die Alte ernst geworden. Aryonna gab sich Mühe, ihrem Blick standzuhalten.
„Wenn es tatsächlich so wichtig ist, wie du sagst, will die alte Marja dir einen Rat geben: Du scheinst schon eine Weile in den Bergen unterwegs zu sein, und da du bis hierher überlebt hast, bist du weder dumm noch schwach. Das Recht, den Kapitän zu sprechen, musst du dir verdienen, und das kannst du am besten, wenn du im Kampf deinen Mann stehst. Es haben schon Mädchen versucht, in Verkleidung der Rebellenarmee beizutreten – und mancher ist es gelungen.“
So kam es, dass Aryonna der Alten ihre Kleider, die der sehnigen alten Frau wohl passen mochten, als Bezahlung für Männerhosen, Wams und Fellumhang überließ. Die erhandelten Sachen waren verschlissen und nicht sauber, aber sie hielten warm. Aryonnas Kopf und ihr Nacken jedoch fühlten sich seltsam nackt und verwundbar an ohne den schweren dunklen Zopf, den die Marketenderin ihr mit einem kurzen, gnadenlosen Ruck abschnitt. „Den werd' ich behalten, vielleicht bringt er mir irgendwann ein paar Münzen ein. Schade, dass er nicht blond ist. Die feinen Damen aus den Küstenstädten geben ganze Vermögen aus, um ihre Haare aufzuhellen – blond wie die Hofdamen des Kaisers.“ Erneut brach die Alte in ein meckerndes Lachen aus. „Obwohl die seit Jahren keiner mehr zu Gesicht bekommen hat, genauso wenig wie den Kaiser selbst. Wer weiß, vielleicht sind sie längst alle tot.“
Doch der Krieg ging weiter, so oder so. Aryonna fragte sich in den kommenden Wochen wieder und wieder, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, dem Rebellenheer beizutreten. Sicher, sie war nicht mehr allein, und sie hungerte auch nicht. Die Tage waren angefüllt mit harter Arbeit, und die Männer stellten ihr kaum Fragen. Mit spürbarem Vorbehalt, aber ohne offene Feindseligkeit, hatten sie sie in ihrer Mitte aufgenommen, nachdem die alte Marja ihr das Losungswort verraten hatte, das sie benötigte, um ins Lager eingelassen zu werden. Sie ließ sich Yann nennen, brauchte aber darüber hinaus kaum etwas von sich preiszugeben. In den ersten Tagen hatte manch einer sie misstrauisch beäugt, besonders wenn sie sich bei der gemeinsamen Arbeit am beschädigten Rumpf eines Luftschiffes ungeschickt anstellte. Dann jedoch war sie zum Küchendienst eingeteilt worden, und die anderen fanden schnell heraus, dass sie selbst aus dem kärgsten Proviant – denn jetzt im Winter musste fast alles, was die Rebellen aßen, zuvor aus den Transporten der kaiserlichen Armee entwendet werden – recht schmackhafte Mahlzeiten zuzubereiten verstand. Bald war sie zum Lagerkoch aufgestiegen, und ab und an ernannte sie den Jungen Ratte, der stets in der Nähe des Lagers herumlungerte, zu ihrem Helfer. Auch das war bei ihren Kameraden zunächst auf Ablehnung gestoßen. Man warnte sie vor der alten Marja: „Die Leichenfledderin hat mehr von unseren Männern auf dem Gewissen als so mancher kaiserliche Soldat, und ihre Brut wird kaum besser sein“, hieß es. „Sobald einer auf dem Schlachtfeld liegen bleibt, stürzen sie sich auf ihn, und wenn er noch nicht ganz tot ist, helfen sie nach. Die klauen wie die Raben.“ Da aber gerade Rattes unbestrittenes Talent als Dieb bei der Nahrungsbeschaffung von Vorteil war, ließ man den Jungen schließlich gewähren.
Unter den geschickten Händen der Arbeiter nahm das Luftschiff mehr und mehr Gestalt an, und eines Abends brach der Kapitän mit einigen Männern zu einem Probeflug auf. Unter dem Jubel der Zurückbleibenden erhob sich das Schiff wie ein stählerner Greifvogel in die Lüfte, und Aryonna spürte die alte Sehnsucht in sich aufsteigen, als sie ihm nachsah. Während sie und der Junge Ratte zusahen, wie in der Abenddämmerung die letzten Vorbereitungen für den morgigen Großangriff getroffen wurden, hörte Aryonna in Rattes Stimme dieselbe Sehnsucht:
„Dich nehmen sie doch mit, oder? Kannst du nicht dafür sorgen, dass ich auch mitkomme?“
„Ich werd' mich hüten“, fuhr Aryonna den Jungen schärfer als beabsichtigt an. „Du bleibst schön hier!“ Nein, bei allem Fernweh: Ein Kind hatte an einem Kampfplatz nichts zu suchen.
„Du kannst mich nicht zwingen!“, begehrte der Junge auf. „Tu bloß nicht so, als hättest du mir irgendwas zu sagen. Sonst könnte ich den anderen ja auch etwas über dich erzählen. Was du unterm Hemd hast, zum Beispiel.“ Rattes Stimme hatte einen lauernden Unterton angenommen, und Aryonna sah den Jungen, der ihr längst zum Freund geworden war, erschrocken an. Das würde er nicht tun! Oder? Aber allein das Wissen, dass er es könnte – ob absichtlich oder nicht – ließ sie einlenken. Er hatte ja recht, sie hatte ihm im Grunde nichts zu befehlen. Hatte er denn, genau wie sie, sonst niemanden?
„Sag mal, stimmt es, was die Männer sagen?“, fragte Aryonna vorsichtig. „Dass die alte Marja in Wahrheit deine Mutter ist?“
„Phh!“ Der Junge spuckte verächtlich aus. „Meine Mutter ist tot.“
„Meine auch“, sagte sie versöhnlich.
Die Stimmung unter den Männern am Lagerfeuer war von einer lärmenden Ausgelassenheit, die Aryonna frösteln ließ. War es immer so vor einem Kampf? Feierten die Männer umso lauter, weil sie ahnten, dass dieser Abend für einige von ihnen der letzte auf dieser Welt sein würde?
„He, Yann“, rief einer leutselig und knuffte Aryonna gegen die Schulter. „Freuste dich auf morgen, oder haste Schiss? Haste daheim in deinem Dorf vielleicht schon eine Liebste, die sich die Augen nach dir ausheult?“
„Nee!“, fuhr Aryonna auf. „Darauf kann ich gut verzichten, Liebe bringt doch nichts als Ärger.“
Die Männer um sie herum lachten dröhnend: „So ein Grünschnabel! Noch keine Bartstoppel im Gesicht, aber will schon über die Liebe Bescheid wissen.“ Selbst der Kapitän, ihr Vater, stimmte mit in das Gelächter ein. Trotzig wandte Aryonna sich ab und rollte sich in ihre verschlissene Schlafdecke ein. Genauso hatte er auch bei seinem Besuch im Frühling über sie gelacht, hatte sie aufgezogen und nach der Liebe gefragt. Ihrer Mutter jedenfalls hatte die Liebe nur Armut und Tod gebracht, so viel wusste Aryonna. Und was bedeutete Liebe schon für einen Mann? Ihr Vater hatte Aryonna bisher kaum eines Blickes gewürdigt, nachdem man sie ihm als neuen Rekruten vorgestellt hatte. Weder ihr Gesicht noch ihre Stimme hatte er erkannt, und selbst als sie den Namen ihres Dorfes nannte, hatte Aryonna in seiner Miene vergeblich nach irgendeiner Regung gesucht. Kamen denn so viele junge Männer zu ihm, fielen sie so schnell und waren vergessen, dass einer mehr oder weniger keine Rolle mehr spielte? Hatte er keinen Gedanken übrig für die Familie, die er verlassen hatte? Wie so oft in den letzten Wochen musterte Aryonna den Kapitän aus den Augenwinkeln. Irgendwann würde sie ihm offenbaren müssen, wer sie war und was mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder passiert war. Doch würde es ihn überhaupt noch kümmern? Erinnerte er sich an jenen Abend, an dem er vom Frieden gesprochen hatte? Sie wusste es nicht. Schweren Herzens schloss sie die Augen. Ratte lag zusammengerollt neben ihr und rutschte, Wärme suchend, im Schlaf dichter und dichter an sie heran. Sie ließ ihn gewähren. Im Traum war sie wieder daheim, draußen vor ihrer Hütte, und sah einem kleinen Jungen zu, wie er übermütig mit der Ziege um die Wette tollte. Als sich das Luftschiff am nächsten Morgen aus dem frostigen Dunst erhob, der noch über den Bergwiesen lag, spürte Aryonna dieselbe Mischung aus Erwartung und Furcht wie am Abend zuvor. Sie hatte Ratte nicht davon abhalten können, sich ebenfalls an Bord zu schleichen, und die Männer waren viel zu beschäftigt, um viel Notiz von ihm zu nehmen. Jeder andere schien seinen Platz genau zu kennen. Während die Armbrust, mit der Aryonna mit wenig Erfolg das Schießen geübt hatte, sich in ihren Händen noch immer kalt und fremd anfühlte, schienen die Waffen, die die anderen Männer trugen, regelrecht mit ihren Eigentümern verwachsen zu sein. Ja, die Finger des Kapitäns umschlossen das mächtige Steuerrad, als sei das blankpolierte Holz lediglich eine Verlängerung seiner Hände. Seine Miene war reglos wie die steinernen Felswände, die vor ihnen aufragten, während er schweigend in den Morgennebel spähte. Wenn der Dunst sich erst verzogen hatte, würde es ein klarer Wintertag werden, wusste Aryonna – ein Tag, den man schön nennen könnte.
Sie waren erwartet worden. Anders konnte Aryonna es nicht erklären, dass die Stellung der kaisertreuen Soldaten, die sie angriffen, vor Geschäftigkeit nur so summte, kaum dass der erste Schuss gefallen war. Sie wirkte wie ein einziges, großes Lebewesen. Ein stählerner Koloss, der sein riesiges Maul aufsperrte, Geschützfeuer und mit Enterhaken besetzte Stahltrosse ausspie. Nur der Geschicklichkeit des Kapitäns war es zu verdanken, dass das Luftschiff keinen Volltreffer erlitt.
Später vermochte Aryonna nicht zu sagen, wie lange der ungleiche Kampf gedauert hatte. Irgendwie war es den Rebellen gelungen, dem drohenden Absturz zu entgehen und sich zurückzuziehen. Doch das Schiff war erneut schwer beschädigt, die Mannschaft bis auf einige Ausnahmen verwundet oder tot. Aryonna gehörte zu den wenigen, die unverletzt geblieben waren. Sie war nie dazu gekommen, ihre Armbrust abzufeuern. Stattdessen hatte sie, als der erste Kampfgefährte an ihrer Seite getroffen zusammensank, ohne nachzudenken die Waffe von sich geschleudert und war dem Verletzten zu Hilfe geeilt. Danach war der Strom derjenigen, die ihren Beistand brauchten, nicht mehr abgerissen. Der Junge Ratte und ein paar andere freiwillige Helfer hatten, ohne zu fragen, Aryonnas Anweisungen befolgt, und so hoffte sie, dass es ihr gelungen war, dem Tod zumindest einige seine Opfer abzuringen. Vielleicht war sie doch eine Heilerin. Nachdem das Luftschiff mehr schlecht als recht gelandet war, musste sich selbst der Kapitän eine Schusswunde behandeln lassen. Als Aryonna die Wunde ihres Vaters versorgte, war es ihr, als musterte er sie eingehender als sonst, doch sie hatte kaum Zeit, seinen Blick zu erwidern. Es gab noch so viele andere, die auf Hilfe warteten. Erst als sie halb ohnmächtig vor Erschöpfung am Feuer kauerte und ihr irgendjemand einen Kanten Brot in die Hand schob, kam Aryonna dazu, an den Jungen zu denken. Ratte, wo war er nur? Auf dem Schiff war er an ihrer Seite geblieben, um zu helfen, doch dann hatte sie ihn aus den Augen verloren. Auch unter den Verwundeten konnte sie ihn nirgends entdecken. War er am Ende während der harten Landung über Bord gegangen? Von den Männern, die Aryonna fragte, hatte ihn keiner gesehen, doch die machten nur wegwerfende Handbewegungen: Sie sollte sich keine Sorgen machen, dem kleinen Strauchdieb passierte schon nichts. Doch trotz lähmender Müdigkeit kam sie nicht zur Ruhe. Schließlich schlich sie sich hinaus, kämpfte sich gebeugt gegen den zunehmenden Schneesturm vor und fand den Weg zum einzigen Ort, an dem sie auf Unterstützung hoffen konnte. Ihre erste Hoffnung, den Jungen schlafend in Marjas Marketenderwagen vorzufinden, erfüllte sich nicht. Nein, die Alte hatte ihn nicht mehr gesehen, seitdem sie ihm vor ein paar Tagen dringend davor gewarnt hatte, sich freiwillig in den Kampf zu stürzen. Ihn jetzt in diesem Sturm zu suchen, wäre Wahnsinn, weigerte sich die alte Frau zunächst: „Er wollte nicht auf mich hören, also muss er zusehen, wie er zurechtkommt, basta!“
„Aber er ist dein Enkelsohn, nicht wahr? Blut von deinem Blut.“ Aryonna wusste selbst nicht, woher die plötzliche Gewissheit kam. Ihre Stimme war ruhig, doch ihr Blick zwang die keifenden Proteste der Alten nieder, bis Marja sich schließlich in ihren Fellumhang hüllte und Aryonna nach draußen folgte, um das Pferd anzuspannen.
„Ich hätte auf sie hören sollen“, denkt Aryonna mutlos. „Sie hatte Recht, wir setzen nur vergeblich unser Leben aufs Spiel.“ Ihre Erleichterung darüber, dass der Sturm tatsächlich nachgelassen hat, ist schnell von neuerlicher Angst verdrängt worden: Das Knacken des Eises, das sich unter den Rädern ihres Wagens bewegt, übertönt längst das Heulen des Windes. Sie müssen umkehren, wenn sie nicht in dieser unwirtlichen Landschaft umkommen wollen. Doch gerade als Aryonna sich mühsam auf dem Kutschbock aufrichtet, um die Zügel anzuziehen und das treue Pferdchen zum Einlenken zu bringen, sieht sie es: Es ist nur eine kleine Erhöhung inmitten des Schnees, die ein verschneites Grasbüschel hätte sein können – könnte Aryonna nicht den Lauf der Armbrust erkennen, der daraus emporragt. Sie hatte den Kopf geschüttelt, als Ratte die Waffe anhob, die sie selbst achtlos beiseite geschleudert hatte, um sich an Bord des Luftschiffes um die Verletzten zu kümmern. Sie war viel zu schwer für ihn, und es würde wohl noch Jahre dauern, bis er sie richtig spannen, geschweige denn damit schießen konnte. Dennoch hat er die Waffe nicht mehr aus der Hand gelegt, hat sie selbst dann noch bei sich getragen, als er hilflos im Schnee umherirrte und schließlich vor Erschöpfung zusammensank. Doch er kann noch nicht lange hier gelegen haben. Den Göttern sei Dank, es ist noch Leben in ihm, stellt Aryonna fest, als sie unter der steifgefrorenen Kleidung seinen Herzschlag ertastet. Sie hüllt ihn in ihren eigenen Umhang und trägt ihn zum Kutschbock, wo er – so hofft sie – zwischen ihr selbst und der Alten sitzend schon ein wenig Wärme bekommt, bis sie es zurück ins Lager schaffen. Doch sie sind noch nicht weit gekommen, als ein neuerliches Knacken, lauter und schärfer als zuvor, wie ein Schuss die Nacht durchdringt. Unerbittlich neigt sich der Wagen zur Seite, und unter den Rädern dringt schwarzes Wasser hervor. Das Pferdchen wiehert und bäumt sich auf, doch es gelingt ihm nicht, den Wagen aus dem Eisloch zu zerren, das schnell größer wird. Aryonna ist vom Kutschbock gestolpert, hat den Jungen über ihre Schulter gelegt, doch schon spürt sie, wie eisiges Wasser in ihre Stiefel dringt. Auch die Alte ist vom Bock gestiegen, hat von irgendwoher eine Axt, mit der sie sich an der Deichsel zu schaffen macht, um den Wagen loszuschlagen. Der Wagen ist verloren, vielleicht aber können sie das Pferd noch retten. Endlich gibt das Holz unter ihren Schlägen nach. Schon macht sie einen Schritt zur Seite, doch da bricht auch unter ihr das Eis. Aryonna gelingt es gerade noch, auf Knien liegend, den Arm der alten Frau zu packen, die binnen weniger Augenblicke in der schwarzen Tiefe zu versinken droht. Aryonna schwankt unter der doppelten Last. Eben noch hielt sie Marjas Arm, jetzt ist es nur das Handgelenk. Wenn sie mit beiden Händen zupacken könnte – doch dann müsste sie erst den Jungen loslassen.
„Lass … mich. Nimm … das Kind. Das Pferd …“ mit einem Ruck hat sich die Alte von Aryonnas Hand gelöst. Einen Augenblick lang sieht Aryonna noch ihr Gesicht, bevor es vom dunklen Wasser verschlungen wird. Aryonna taumelt zurück. Keuchend richtet sie sich auf, schultert den noch immer reglosen Jungen und stolpert die wenigen Schritte zu dem Pferd, das treu stehengeblieben ist und sich willig den Jungen auf den Rücken laden lässt. Weiter geht es schwankend, Schritt für Schritt, doch irgendwann knicken die Hinterbeine des Pferdes ein. Einen Moment lang versucht es mit zitternden Flanken, sich aufzurichten, dann geben auch die Vorderbeine nach, und es sinkt zu Boden. Aryonna lauscht in die Dunkelheit, es ist völlig still. Haben sie das verräterische Eis hinter sich gelassen? Sie müsste den Jungen nehmen, müsste weitergehen. Aber als sie versucht, ihn vom Rücken des Pferdes zu heben, das sie mit seinen dunklen Augen scheinbar verständnisvoll ansieht, wollen die Füße ihr nicht mehr gehorchen. Ein paarmal noch versucht sie aufzustehen, doch irgendwann lässt sie sich nur gegen den am Boden ausgestreckten Bauch des Pferdes sinken, zieht den Jungen zu sich herab und bettet ihn zwischen sich und den noch warmen Pferderumpf. Ihr ist, als habe er sich unter ihren Händen bewegt. Vielleicht haben die Männer im Lager ja ihr Verschwinden bemerkt und suchen sie. Sie hat getan, was sie tun konnte. Was eine Heilerin tun muss.
Es ist ein frostklarer Morgen, so still, als habe es nie einen Sturm gegeben. Aber auch der gestrige Tag war schön gewesen – heiter und sonnig, und doch angefüllt mit Leid und Tod. Binnen eines Tages hat Kapitän Alessandro die Hoffnung auf einen erfolgreichen Feldzug ebenso begraben müssen wie viele seine Kameraden. Es war ihre letzte Hoffnung. Sie sind nicht mehr genug Männer, um das Luftschiff wieder klarzumachen und einen neuen Vorstoß zu wagen. Und dennoch, nach all dem Unglück, ist es das rätselhafte Verschwinden des Rekruten Yann, das Kapitän Alessandro am meisten schmerzt. Er versteht selbst nicht wieso, doch er ahnt, dass der Junge, der nicht schießen konnte, aber wusste, wie man eine Wunde versorgt, ein Geheimnis verbarg. Nun wird er es vielleicht nie mehr lüften können. Während der Kapitän seine verbliebenen Männer mit barschen, verbissenen Befehlen wieder und wieder zur Suche antreibt, schüttelt er innerlich den Kopf über sich selbst.
Vielleicht werde ich alt und sehe Gespenster, denkt er. Aber als der junge Rekrut gestern seinen verwundeten Arm verband, hätte er schwören können, dass es in seinen Augen blau aufgeblitzt hat.
Kaum eine Stunde später hat der Kapitän Gewissheit: Die Männer haben die Reste des verunglückten Marketenderwagens gefunden und nicht weit entfernt den steif gefrorenen Leib des Pferdes. Sie sind zu spät gekommen. Die Augen so blau wie nur ein anderes Augenpaar, das der Kapitän je gekannt hat, starren blicklos in den bleichen Winterhimmel. Wie hat er so blind sein können, nicht zu durchschauen, dass jenes schmale, makellos glatte Gesicht das Antlitz eines jungen Mädchens ist? Wochenlang hat seine eigene Tochter bei ihm und seinen Männern gelebt. Doch er hat sie nicht erkannt, hat sie kaum eines Blickes gewürdigt – ebenso wenig wie den Betteljungen, der ihr wie ein Hund folgte. Der Junge jedoch lebt. Selbst als ihre Kräfte schwanden, hat Aryonna ihn mit ihrem eigenen Körper bedeckt und ihn so vor dem Erfrieren bewahrt. Auch später, als Aryonna im Lager aufgebahrt liegt, weicht das Kind nicht von ihrer Seite. Mit vor Angst geweiteten Augen schaut es zu Alessandro auf, als er fragt:
„Wusstest du es?“
„Dass sie ein Mädchen ist? Ja.“ Der Junge nickt zögernd.
„Und sonst? Hat sie dir irgendetwas von ihrer Familie erzählt?“
„Ihr Mutter ist tot, sagte sie“, flüstert der Junge. „Sie hatte noch einen Bruder, glaube ich. Aber der ist auch tot.“
Alessandro muss die Augen schließen, um sich gegen den plötzlichen Schwindel zu wappnen, der ihn überfällt. Seine Frau, tot! Seine Kinder, die den Frieden kennenlernen sollten … Er hatte geglaubt, in den Bergen seien sie sicher. Hatte sich vorgegaukelt, sie würden auf ihn warten, wann immer er nach Hause kam. Was für ein Narr war er doch!
„Oh, es ist alles meine Schuld!“ Das verzweifelte, atemlose Schluchzen des Jungen durchbricht das Schweigen. „Ich wollte doch nur ein Krieger sein! Aber dann bin ich über Bord gefallen und habe mich verlaufen. Irgendwann konnte ich nicht mehr weitergehen, doch als ich aufgewacht bin, lag ich neben dem Pferd, und sie war da. Ich wollte sie wärmen, aber das nützte nichts, mir war ja selbst so kalt!“
Alessandro sieht den Jungen an: Mager ist er und schmutzig, verlaust und diebisch, und niemand nennt ihn je anders als Ratte. Dennoch ist er ein Kind. Der Junge windet sich unter dem prüfenden Blick des Mannes – des Anführers, den er in Alessandro sieht, und dieser schämt sich mehr als je zuvor.
„Deine Schuld ist es nicht, höchstens meine“, murmelt er.
„Dann lassen Sie mich bei Ihnen bleiben und kämpfen lernen?“ Den hoffnungsvollen Ausdruck, den das Gesicht des Jungen angenommen hat, kann Alessandro kaum ertragen. Nein, es kann nicht so weitergehen wie bisher. Er kann nicht zulassen, dass noch mehr Leben in sinnlosen Kämpfen verschwendet werden. Es muss einen anderen Weg geben. Ein Gedanke beginnt, in Alessandros Kopf Gestalt anzunehmen. Kräftig ist der Junge nicht, denkt er. Aber flink und aufgeweckt. Er wäre ein guter Spion.
„Sag, bist du schon einmal in einer Stadt gewesen?“, fragt er. Der Junge schüttelt den Kopf.
„Aber meine Gro... die alte Marja wollte im Frühjahr in Richtung Hauptstadt ziehen, um Handel zu treiben und Neuigkeiten zu erfahren“, ergänzt er hoffnungsvoll. „Sie meinte, man müsse endlich die Wahrheit über den Kaiser herausfinden.“
Alessandro nickt. Auch die Alte hat er wohl falsch eingeschätzt: Mürrisch und eigennützig mag sie gewesen sein – dumm war sie nicht.
„Ja, das müssen wir“, sagte er.
Kornelia Schmid Der Ton einer Harfensaite
„Heute bist du gestorben.“
Zuerst waren die Worte nur ein Wispern und schwirrten wie eine sanfte Melodie in seine Träume. Rerik blinzelte den Schlaf aus den Augen. Die Stimme summte noch in seinen Ohren. Langsam setzte er sich auf. Unter seinem Türschlitz sickerte Glut hervor und waberte auf ihn zu. Ein hoher Ton zitterte in der Luft.
„Vielleicht bist du nicht einmal mehr hier“, sagte die Stimme. Nicht mehr leise. Sie klang direkt vor Rerik. Als stünde der Sprecher im Raum. Das sonderbare Leuchten bäumte sich auf und spie ein Paar stechender Augen aus, bevor sich um sie ein Gesicht aus rotem Licht zusammenballte. Die Hände formten sich als Nächstes, bevor der restliche Körper aus Flammen wuchs. Das Geräusch in seinen Ohren stach..
Rerik strampelte sich aus seiner Bettdecke. Der wirbelnde Umhang des Eindringlings warf Funken auf die Dielen. Würden die fremden Augen ihn verbrennen, wenn er sie zu lange ansah? Kurz war Rerik reglos, starrte nur die Erscheinung an, und schwarze Pupillen starrten zurück. Der Moment zog sich so lang, dass er die Hitze vergaß. Wenn er träumte, so musste gleich alles davonfliegen.
Der Fremde schnippte eine Flamme zu Rerik herüber. Für einen Augenblick flatterte sie wie ein Schmetterling, dann brannte sie auf seiner Hand und fraß sich in seine Haut. Vor Schmerz schrie er auf. Die letzten Reste des Traumes fielen von ihm ab, und heiß durchdrang ihn das Bewusstsein der Wirklichkeit. Es passiert tatsächlich. Blutiger Schein in seinem Zimmer. Diese Hölle brach in der Realität los. Hier in seinem Palast, in seinem Zimmer, in diesem Moment.
Rerik sprang in die Höhe und hechtete zur verschlossenen Tür. Wie war der Kerl hier hereingekommen? Ein Magier. Ein waschechter Magier, und das fünfhundert Jahre nach König Karyans Tod.
Die Wachen vor seinen Gemächern waren verschwunden, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Rerik hastete über den verlassenen Flur. Eine feurige Woge verfolgte ihn und trieb ihm Schweiß auf den Rücken. Seine nackten Füße patschten über den Boden.
Der Magier trug metallbeschlagene Schuhe, die gleichmäßig auf die Fliesen klackten. Von hinten flutete Licht über Rerik hinweg und löschte das Weiß der Säulen und Bodenplatten. Keuchend erreichte er die gewundene Treppe. Als er die Stufen hinunterjagte, schirmten die Wände das Glühen vor ihm ab, doch in der Eingangshalle quoll es wieder hinter ihm auf.
Rerik riskierte einen Blick über die Schulter. Glühender Nebel um eine hochgewachsene Gestalt in kostbaren Gewändern. Der Magier hatte es offenbar nicht eilig. Hoch aufgerichtet stand er im Saal. Ein Paar funkelnder Augen verfolgte Rerik, und Flammen loderten am Boden. Seine Lippen mochten ein Lächeln formen.
Die große Tür war vor ihm. Rerik drückte den Griff und warf sich mit aller Kraft dagegen. Ein schwerer Flügel schwang auf, und Rerik schob sich ins Freie. Sein Herz hämmerte heiß in seiner Brust. Jeder Atemzug brannte.
Die beiden Wachen starrten ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Natürlich nicht. Man sprach seinen König nicht an.
„Nehmt ihn fest“, schnappte Rerik und wies hinter seinen Rücken.
„Aber Ihr sagtet doch -“
„Ich sagte?“
Über den Hof donnerte eine Explosion. Eine Hitzewelle schleuderte Rerik nach vorne. Seine Handflächen platzten beim Aufprall auf. Als er sich aufrappelte, stand der Magier nur ein paar Schritte entfernt. Das Rot zog sich allmählich zurück, sodass seine Konturen deutlich genug sichtbar wurden, um menschlich zu wirken. Auf seinem Haupt lag Reriks Krone. Der Magier hob so langsam die Hand, als würde die Zeit zerschmelzen.
Rerik ließ es nicht darauf ankommen. Er rannte, so schnell er konnte, und drehte sich erst um, als sein Palast weit hinter ihm lag.
Um die Türme des Schlosses wand sich roter Dunst, doch ansonsten lag es ruhig da, als wäre nichts geschehen. Keine Schreie gellten aus den Fenstern. Keine Flüchtenden strömten durch die Tore. Rerik rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. Hatte er keine Verbündeten? Seine Garde, seine Berater ...
Das rote Licht sickerte über die Wände, floss in seine Richtung. Rerik schnappte nach Luft und begann wieder zu laufen. Am Horizont leuchtete die Morgensonne unter dunklen Wolkenbahnen und tauchte den Tag in Glut.
Rerik hielt sich an den Verlauf der Straße. Vielleicht keine gute Idee. Mit Pferden mochten sie ihn schnell einholen. Aber wer waren sie überhaupt? Der Magier verfolgte ihn nicht. Warum? Rerik wischte sich Schweiß von der Stirn. Offenbar war er keine Bedrohung für ihn. Rerik stieß Luft zwischen den Zähnen aus. Wer auch immer das Geheimnis der Magie ergründet hatte, hatte es nicht aufgeschrieben. Niemand konnte ihm sagen, wie man ein Magier wurde. Oder was der Preis dafür war. König Karyan hatte der Legende nach sein Blut verkauft.
Gegen Mittag spannte sich ein grauer Himmel über die Landschaft und ließ keine Spur von Rot mehr auf seinen Wolken zu. Die Straße war belebter geworden. Händler und Kuriere taten ihre Arbeit. Regentropfen klatschten auf den Boden. Rerik schlang die Arme um die Brust und senkte den Blick. Kaum jemand beachtete ihn, während er zitternd dem matschigen Weg folgte. Die Wagen rollten gleichgültig an ihm vorbei.
Rerik biss die Zähne zusammen. Er trug eine dünne Hose, keine Schuhe, nicht einmal ein Hemd. Niemand würde ihn für einen König halten – und wenn sie es täten, mochte das sein Leben kosten. Rerik zwang sich Schritt für Schritt durch den kalten Schlamm. Die Regentropfen stachen wie Eiskristalle in seine Haut. Die brennende Berührung der roten Flamme war erloschen. Seine aufgeschürften Handflächen hingegen schmerzten noch immer.
Wolken verhüllten die Nachmittagssonne. Der Regen war abgeklungen, hatte jedoch schweren Moderduft in der Luft zurückgelassen. Reriks Haut fühlte sich wie gefroren an. Seine Muskeln waren verhärtet und schmerzten bei jeder Bewegung. Ein König fror nicht. Ein König ging nicht zu Fuß.
Grüne Hügel säumten die schmaler werdende Straße. Im Gras schimmerten Tropfen. Rerik sackte auf einen Stein am Wegrand und schloss eine Weile die Augen. Sein Herz pochte so schwach, dass ihn nur das laute Knurren seines Magens und seine wunde Kehle daran erinnerten, dass er noch lebendig war.
„Ich bin der König von Zenbara“, flüsterte Rerik. Dem König musste es doch möglich sein, irgendwo Kleidung und eine Bleibe zu finden.
Und dann? Wer würde ihm seine Krone zurückgeben können, solange sie die Stirn eines Magiers zierte? Vielleicht war der Magier ohnehin ein besserer König als er.
Rerik schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle. Eine Tränenspur benetzte seine Wange. Er blinzelte gegen das Brennen in seinen Augen an. Hinter den Bäumen glomm ein blaues Licht. Nebelschwaden wirbelten heraus und trugen unruhigen Schein mit sich. Der Wind pfiff hohe Töne wie von einem Lied. Reriks verschwimmender Blick klärte sich. Sein Herz pochte schneller. Eine Melodie aus dem zarten Schwirren einer Harfensaite. Er hatte so etwas schon einmal gehört.
Langsam stemmte er sich in die Höhe. Der Wald schloss in einem gleichmäßigen Bogen an den Hügel an, als hätte jemand mit einem Zirkel einen Kreis gezogen. Wie war dieses Licht nur möglich? Rerik lauschte auf die Musik der Luft und machte ein paar Schritte auf die Bäume zu. Je näher er kam, umso lauter wurden die Klänge. Das Leuchten pulsierte stärker, färbte sich zu einem satten Türkis. Rerik streckte die Hände aus. Seine Finger zitterten. Inmitten des Dickichts lag Magie. Dort konnte er sie finden. Als Magier konnte er sein Königreich zurückerlangen. Er würde mit blauem Feuer gegen den Thronräuber kämpfen. So hatte der große König Karyan die Macht erlangt. Der letzte Magier und mächtigste Herrscher von Zenbara. Um seine Person rankten sich mehr Legenden, als in ein Buch passten.
Rerik schnaubte. Er war sich ziemlich sicher, dass in fünfhundert Jahren niemand mehr über ihn sprechen würde. Er war schließlich nur ein bedeutungsloser Monarch, jung gekrönt und ebenso jung gestürzt.
Magie also. Vielleicht musste auch er dafür sein Blut opfern, ganz wie Karyan es getan hatte. Rerik nickte und machte einen weiteren Schritt vorwärts.
„Nicht, mein Junge!“ Ein bärtiger Mann sprang auf ihn zu und patschte ihm eine große Hand auf die Schulter.
Rerik starrte den Fremden an und fragte sich verzweifelt, wie dieser es nur wagen konnte, so mit einem König zu reden. Aber er war kein König mehr. Konnte man es dem Mann verdenken, dass er nur einen verdreckten Jungen sah? Mit allerweltsbraunen Haaren und zerschlissen genug gekleidet, um nirgendwo anders hin als auf die Straße zu gehören.
Der Mann hingegen trug ein Wams aus Leinen und eine saubere Hose. Sein breitkrempiger Hut schützte ihn vor dem Wetter, und sein Bart war ordentlich gestutzt – alles im Gegensatz zu Rerik.
Er holte tief Luft. „Was soll ich nicht tun?“
„Der Wald ist verflucht“, sagte der Mann.
Der türkisfarbene Schein sah nicht bösartig aus. Ganz anders als das Glutlicht des Thronräubers. Rerik deutete auf die Nebelschwaden. „Was ist das?“
Der Mann blickte nur kurz hinüber. „Der Wald der Seelen. Mächtige Magie ist dort am Werk.“
„Welche Art von -“
„Welche Art? Wann hat uns Magie jemals etwas Gutes gebracht?“ Der Fremde schüttelte den Kopf. „Was auch immer du vorhast, lass es bleiben. Auf meinem Hof gibt es keine Magie, dafür ehrliche Arbeit.“
Als er Hof hörte, musste Rerik lachen. Hatte es an seinem Hof auch ehrliche Arbeit gegeben? Er hustete gegen das Kratzen in seinem Hals. Wie ein Bauer sollte er arbeiten, dabei war er doch ein König. Gewesen.
Rerik nickte langsam. „Vielen Dank.“ Seine Stimme war ein Krächzen.
Er sah noch einmal zu den Bäumen hinüber, doch der leuchtende Nebel war verschwunden. Der Fremde atmete hörbar aus und murmelte etwas, das Rerik nicht verstand. Als er zurück zu seinem Wagen ging, folgte ihm Rerik.
Die Arbeit trieb ihm Schweiß auf die Stirn und ließ seinen Rücken schmerzen. Während er das Feld von Derias Vater pflügte, vergaß Rerik oft, dass er eigentlich ein König war. Erst abends, wenn er der Straße bis zum Waldrand folgte, dachte er wieder daran, dass die Magie auf ihn wartete.
Leider hatte er den blauen Schein seit dem Tag vor drei Jahren nie wieder gesehen. Genauso wenig wie die Soldaten seines Palastes, seine Berater oder den Thronräuber. Niemals hatte er das Küchenmesser, das er immer bei sich trug, zur Verteidigung ziehen müssen. Das war vermutlich gut so, aber wenn er die Kneipe des Dorfes aufsuchte und kein einziges Gerücht über seinen Sturz hörte, schmerzte seine Bedeutungslosigkeit wie ein Stich in die Eingeweide. Sie sprachen zwar vom „König“, nannten ihn aber nie beim Namen, kannten diesen vermutlich auch gar nicht. Ein fremder Fürst sollte letzten Monat vor ihm gekniet haben.
Rerik schirrte das Pferd ab und führte es zurück in den Stall. Im angrenzenden Haus brannte Licht. Derias Mutter hatte das Abendessen vorbereitet. Rüben, vermutlich. Oder Kohl. Rerik schloss die Tür ab und lief zur Straße. Es dauerte nicht lange, bis er den Stein erreichte, auf dem er damals gesessen hatte, frierend und schmutzig. Die Hügel wölbten sich wie zuvor, und die Bäume raschelten im Abendwind. Der Schein der untergehenden Sonne durchdrang ihr Laub. Sonst nichts.
Rerik war schon oft hineingegangen. Ein Wald wie jeder andere. Das spektakulärste, was er gefunden hatte, war ein verrostetes Schwert in der Erde. Ansonsten nur einen vermodernden Wegweiser, dessen Schrift unleserlich geworden war, und ein leeres Fass, das irgendjemand zwischen Baumwurzeln zurückgelassen hatte. Rerik rieb sich fröstelnd die Oberarme. Was war damals anders gewesen als jetzt? Warum hatte er auf Derias Vater gehört?
„Schon wieder hier?“
Rerik zuckte zusammen und wandte sich um. Derias Augen waren blau wie der verborgene Schein. Ihr Lächeln zauberte Grübchen in ihre Wangen. Rerik schluckte und spürte, wie ihm Blut in die Wangen schoss. Er hatte noch nicht einmal ihre Schritte gehört.
„Ich wollte nur -“
„Die Bäume anstarren, wie immer.“ Deria verschränkte die Arme. Sie lächelte noch immer, aber die Grübchen waren verschwunden, und ihre Augen blickten ernst.
Rerik holte Luft und deutete auf die Bäume. Sie ragten gerade auf, und keine Spur von Nebel oder Licht schwebte zwischen ihnen. Ein Eichhörnchen sprang einen Stamm hinauf. Vögel zwitscherten. „Ich weiß, dass dort der Wald der Seelen liegt.“
Deria rollte mit den Augen. „Und was willst du dort? Selbst der mächtigste Magier, der jemals gelebt hat, ist im Wald der Seelen gestorben.“
Rerik rieb sich die Hände. „Es heißt, König Karyan wäre unsterblich.“
Deria zuckte mit den Schultern. „Aber er ist nicht mehr hier, oder? Sonst würde er noch immer über Zenbara herrschen.“
Die Sonne war am Horizont untergegangen und hatte einen Streifen roten Lichtes am Himmel zurückgelassen. Rerik blickte auf das Gras zu seinen Füßen. Ein Windzug schaukelte die Halme. Er hatte nicht oft auf Wiesen gestanden, als er noch König gewesen war. Oder er hatte es nicht zur Kenntnis genommen. Er hatte noch keine Angst vor rotem Leuchten gehabt. „Ein anderer Magier regiert nun Zenbara“, sagte er.
Deria trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ist doch egal. Solange er sich nicht um uns schert. Könige kommen und gehen.“
Wenn er doch nur wieder gehen würde. Wohl kaum. Er baute ein gewaltiges Viadukt, eine halbe Tagesreise entfernt. Die Menschen fanden das wunderbar. Rerik schüttelte den Kopf. „Was könnte den mächtigsten Magier, der jemals gelebt hat, töten?“
„Die Magie im Seelenwald ist anders“, sagte Deria. Ihre Nägel krallten sich in sein Fleisch. „Rerik ...“, sagte sie in einem Tonfall, der ihn aufschauen ließ. Derias Augen fixierten ihn, als wollten sie ihn einfrieren. „Dein Leben findet nicht in irgendwelchen alten Geschichten statt. Die bringen uns nicht weiter.“
„Der Wald der Seelen ist Realität. Ich habe ihn gesehen“, sagte Rerik rau. „Und Karyan war auch real.“
„Ich habe den Seelenwald noch nie gesehen. Wahrscheinlich will er meine Seele nicht.“ Deria lächelte schief und zog ihre Hand zurück. „Vielleicht ist sie zu glücklich für ihn.“
Sie wandte sich um und ging zurück zur Straße. Natürlich erwartete sie, dass er ihr folgte. Also warf er noch einen letzten Blick zum einsamen Waldrand und schloss dann zu ihr auf.
Ein weiterer Abend senkte sich finstergrau auf die Landschaft. Wind peitschte über die Hügel und verwirbelte Reriks Haar. Er weilte auf seinem Stein und blinzelte mit tränenfeuchten Augen zum Wald hinüber. Als Deria kam, setzte sie sich neben ihn, obwohl kaum Platz auf dem Felsen war. Ihr Körper war warm und könnte vielleicht die Kälte vertreiben. Rerik faltete die Hände und zwang sich zu einem Lächeln, doch Deria sah ihn nur ernst an.
„Ich hatte gehofft, du würdest mich irgendwann fragen, ob ich dich heiraten möchte“, sagte sie nach einer Weile.
Rerik schluckte. „Das werde ich auch.“
„Aber wann denn?“ Auf Derias Stirn erschienen zornige Falten. „Ich warte seit drei Jahren.“
„Ich muss vorher etwas erledigen“, sagte Rerik matt.
Deria sprang auf. „Vergiss den verdammten Seelenwald! Vergiss Karyan und die Legenden.“
„Du verstehst nicht“, sagte er.
Deria schnaubte laut. „Du denkst, wenn du deine Seele und dein Blut für ein Königreich verkaufst, bist du glücklicher? Was ist mit deinem Leben hier? Ist das so schlecht?“
Rerik starrte sie an. Ihr Gesicht war auch im Zorn noch hübsch, und ihre blauen Augen blickten so klug, dass es wehtat. „Seit wann weißt du es?“
Deria verschränkte die Arme und holte tief Luft. Dann war ihre Stimme wieder ruhiger. „Es ist das mindeste, wenn man jemanden liebt. Du hättest es mir selbst sagen sollen.“
Rerik fixierte die Grashalme. Im Dämmerlicht verloren sie ihre Farbe. Er hatte immer gewusst, was sie sagen würde. Dass er sein altes Leben vergessen solle. Aber das konnte er nicht. Der Magierkönig hatte den Barbarenführer von der Südklippe besiegt. War selbst in die Schlacht geritten. Die Menschen jubelten.
„Wenn ich zurückkomme, werde ich dich zu meiner Königin machen“, sagte Rerik.
„Ich will keine verdammte Königin sein, du dämlicher ...“ Deria stampfte auf und atmete dann durch. „Bin ich nicht jetzt schon deine Königin?“
„Es tut mir leid.“ Die Worte klangen schon hohl, bevor sie seinen Mund verließen.
Deria funkelte ihn noch einen Moment lang an, dann wirbelte sie herum, sodass ihr Zopf flog, und stapfte über die Straße davon. Diesmal folgte Rerik ihr nicht. Der Wald begann zu leuchten, und sein Blut erstarrte. Blaue Wirbel kringelten sich in die Luft. Das Laub der Bäume hing still. Nebel waberte um ihre Stämme.
Rerik erhob sich zitternd von seinem kalten Stein. Der Wind um ihn herum sang. Das Lied schwirrte durch seine Ohren direkt hinter seine Stirn und verursachte einen stechenden Schmerz. Mit jedem Schritt wurde es lauter.
Der Nebelschein teilte sich vor ihm und schloss sich hinter seinem Rücken. Als Rerik den Kopf wandte, konnte er weder den Hügel noch Deria erkennen, nur ein Dickicht aus Bäumen und Dunst. Das Licht strömte über ihn hinweg, ohne zu seiner Quelle zu führen. Er blinzelte langsam und schluckte die Bitternis in seinem Hals hinunter. Dann begann er seine Wanderung in den Wald der Seelen.
Je weiter er ins Unterholz vordrang, umso dunkler wurde es. Es gab keinen Weg, aber manchmal schien es ihm, als würden die Bäume eine Gasse formen. Stille umschwebte ihn und wurde mit jedem Schritt dichter. Ein Schwarm grüner Glühwürmchen flatterte über ihn hinweg. War es schon Nacht geworden? Das Blätterdach über seinem Kopf war so dicht, dass er keinen Himmel erkennen konnte.
Obwohl er eine geraume Weile umherirrte und seine Füße in den Schuhen schmerzten, hatte er weder Hunger noch Durst. Ein neuer Schein führte ihn auf eine Lichtung, die die Finsternis verschont hatte. Rerik näherte sich langsam und begriff, dass er nicht mehr allein war.
Ein Mann saß an einen Baum gelehnt. Er trug ein kostbar besticktes rotes Wams. Die Haare, die ihm in die Stirn fielen, waren grau und verrieten lediglich anhand einiger Strähnen noch einen rötlichen Schimmer. Auf ihnen lag eine Krone. Golden und schlicht, bis auf die Rubinsplitter in den Zacken. Rerik ballte die Hände zu Fäusten. Seine Krone! Der Fremde trug seine Krone. Hatte irgendeine Laune des Schicksals ausgerechnet den Thronräuber in den Seelenwald verschlagen?
Rerik hielt kurz die Luft an und starrte hinüber. Der Mann regte sich nicht. Sein Kopf war ein wenig zur Seite gesackt. Eigentlich hätte die Krone herunterfallen müssen. Doch sie tat es nicht. Rerik zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, und führte seine Hand langsam zu dem Messer an seinem Gürtel. Der Holzgriff fühlte sich viel zu kalt unter seinen schwitzenden Fingern an.
Wenn das wirklich der Thronräuber war, dann konnte er mächtige Magie bewirken. Sobald er einen Angreifer bemerkte, würde er ihn mit Feuer vernichten. Rerik setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ein Zweig knackte unter seiner Sohle. Ein warmer Windzug streifte seine Wange.
Rerik näherte sich mit klopfendem Herzen, ohne dass der Mann auf ihn reagierte. Erst als er direkt vor ihm stand, erkannte er, warum. Blut aus einer Wunde am Kopf verklebte seine Haare und besprenkelte das Metall der Krone. Der Schatten hatte die Verletzung von weitem verborgen. Rerik atmete aus und steckte zitternd sein Messer weg.
Ein Toter trug seine Krone. Das Blut glänzte noch feucht und hatte die Hälfte seines Gesichtes mit Schlieren überzogen. Rerik schluckte die aufkeimende Übelkeit hinunter. Her mit der Krone! Es war seine. Vorsichtig griff er an eine der Zacken und versuchte, sie so vom Kopf des Mannes zu streifen, doch es wollte nicht gelingen. Fluchend nahm er die zweite Hand zu Hilfe und berührte versehentlich die Haut der Leiche.
Warm. Seine Stirn war warm. Rerik zuckte zurück. Der Mann musste eben erst gestorben sein. Dann war sein Mörder womöglich noch hier.
Über ihm raschelten Blätter. Ihre Zwischenräume offenbarten Sprengsel wie glimmende Kohlen. Die Luft lastete wie Drachenatem auf ihm. Das Messer entglitt seinen Fingern. Rerik bückte sich langsam.
Kein Flammeninferno ging auf ihn nieder. Ein Ton wie von einer Harfensaite schwirrte über ihn hinweg. Dann bemerkte er, dass sich die Brust des Fremden kaum merklich hob und senkte.
Rerik schluckte ein paarmal. Er bildete es sich nicht ein. Der Mann war am Leben. Wie war das möglich? Rerik lachte unwillkürlich auf. Er befand sich im Wald der Seelen und fragte sich, wie etwas möglich sein sollte? Wegen der Magie war er doch hergekommen. Rerik trat entschlossen einen Schritt vor, schnappte sich die Krone und zog sie dem Verwundeten von der Stirn. Dann wirbelte er herum und rannte.
Er folgte einem Geflecht aus Wurzeln. Vielleicht war es ein Pfad, eigens für ihn. Vielleicht auch nicht. Seine Schuhe platschten durch Pfützen. Einige Blätter wirbelten an ihm vorbei.
Nach einer Weile war Rerik außer Atem und das rote Funkeln mitsamt dem Verwundeten hinter ihm verschwunden. Außerdem war er noch am Leben und hatte seine Krone wieder. Rerik lachte auf. Leider noch nicht sein Königreich.
Sie fühlte sich seltsam schwer an. Am Blut konnte es nicht liegen. Rerik drehte sie in der Hand. Es war so dunkel, dass er bis auf einen metallischen Schimmer kaum etwas erkennen konnte. Blassgrüne Lichtreflexe.
Rerik folgte dem Schein. Dessen Quelle lag nun vor ihm am Boden und verdichtete sich nach wenigen Schritten. Dort breitete sich ein Teich aus, die Oberfläche so glatt, als bestünde sie aus Glas. Die Farbe schimmerte unter dem Wasser und nicht vom Himmel herab. Rerik näherte sich langsam, um die Krone in den matten Glanz zu tauchen. Im Wasser trieben leuchtende Schlieren, ohne die Oberfläche aufzuwühlen. Das Metall war zu schwer. Die Zacken zu lang. Das Gold summte zu heiß. Wann hatte es jemals gesummt? Das konnte nicht sein.
„Ahh“, sagte Rerik in die Stille des Waldes hinein. Es war nicht seine Krone. Seine war eine Nachbildung anhand eines Porträts des legendären Karyan, weil die echte verschollen war. Auf diesem Bild blickte ein jüngerer Mann über den Betrachter hinweg, aber er mochte zwanzig Jahre später vielleicht so aussehen wie der Verwundete.
Der Wald der Seelen. Rerik nickte. Die Magie war hier anders. Bot Möglichkeiten. Es war sogar möglich, eine Legende zu erwecken und sein Königreich zurückzugewinnen.
Rerik drehte den Metallreif in den Händen. Als erster seit gut fünfhundert Jahren vermutlich. Das Blut war fast trocken. Der Teich leuchtete heller. Oder war es nur Einbildung? Rerik senkte die Krone hinab zur Oberfläche, und die Luft schwirrte wieder. Der Harfenton. Er war noch nie angenehm gewesen. Hinter ihm lag irgendwo der sterbende Körper des legendären Königs, dem er seine Krone gestohlen hatte. Musste er zurück?
Das Wasser schwappte über das Gold und spülte das ganze Blut herunter. Ein roter Faden trieb in die Tiefe und verwirbelte zu einem Strudel. Andere Farben flossen hinein und vermengten sich zu einem unruhigen Bild.
Dann lag die Oberfläche des Teichs wieder still. Das Gesicht, das sich darin spiegelte, war nicht das von Rerik. Es gehörte dem Verwundeten. Vermutlich. Blass, aber nicht totenbleich. Die Haare kupferfarben und nicht von Blut verklebt, sondern ordentlich gekämmt. Die Haut glatt, die Augen hellwach. Vielleicht war es der grüne Schleier der Wasseroberfläche, der sie so grell erscheinen ließ. Rerik wandte einen Moment lang das Gesicht ab und sah, dass der Schein des Teiches auch die umliegenden Bäume erfasste. Funken wirbelten durch die Luft. Vielleicht waren es Glühwürmchen. Rerik warf die Krone ins Gras.
„Interessant.“ Die Lippen des Mannes bewegten sich, aber seine Stimme schien von überall her zu kommen und drang durch Reriks Kopf hindurch bis in seine Brust hinab.
„Karyan?“, fragte er.
Die Lippen des Mannes kräuselten sich. „Keine Ahnung. Ich bin eben erwacht.“
„Du bist nur ein Geist“, stellte Rerik fest. Das grüne Licht drückte auf seine Schultern. „Ich dachte, du wärst real.“
„Geister sind also nicht real.“ Karyan blinzelte langsam und schirmte damit für einen Moment das stechende Grün seiner Augen vor Rerik ab.
Rerik holte tief Luft. „Es ist-“
Spritzer schossen aus dem Wasser auf ihn zu und regneten wie ein Schwarm sterbender Glühwürmchen zurück auf die Oberfläche. Karyans weiße Finger schlossen sich um Reriks Handgelenk und gruben ihre Nägel in seine Haut. Ein stechender Schmerz pulsierte durch seine Adern. Rerik schrie auf und versuchte, sich loszureißen. Das Gesicht im Teich lächelte. „Real genug für dich, toter König?“
Rerik schnappte nach Luft. Karyans Züge glätteten sich. Seine Finger glitten zurück unter Wasser. Rerik machte einen Satz rückwärts und stolperte über die Krone, sodass er im Gras landete.
„Ein schönes Gefühl, die Realität, nicht wahr? Wer sie so sehr liebt wie ich, wird Magier.“
Rerik schluckte. Seine Kehle schmerzte. Er zwang sich, aufzustehen und wieder am Ufer in die Hocke zu gehen, sodass er in Karyans grelle Augen blicken konnte.
„Du musst mir helfen.“
Karyans Gestalt zuckte mit den Schultern. „Ich bin ein Geist. Die Zeit, in der ich etwas musste, ist vorbei.“
Rerik strich sich verschwitzte Haare aus der Stirn. „Mir wurde mein Königreich geraubt. Von einem Magier.“
Karyan lachte auf. „Oh, dann bin ich also ein Magier. Wie passend.“
„Du weißt wirklich nicht mehr, wer du bist.“ Rerik schüttelte verzweifelt den Kopf. Nach drei Jahren der Suche fand er zurück in den Wald der Seelen, fand die Magie, die er so dringend brauchte, und dann sollte alles nichts genutzt haben? Hatte Karyan seine Fähigkeiten hier drinnen verloren, so wie sein Gedächtnis? „Du bist Karyan. Der große König von Zenbara. Deine Nachkommen haben mein Reich regiert, bevor mein Urgroßvater den Thron bestieg.“
Karyan legte den Kopf schief. „So? Und warum sollte ich jemandem helfen, der meinen Nachkommen die Krone weggenommen hat?“
Rerik befeuchtete sich die Lippen. „So war es nicht. Sie sind gestorben.“
„Wie denn das?“ Er lachte leise. „Nein, du musst es nicht erklären, Junge. Natürlich wartet dein Königreich auf mich. So wie du.“
„Willst du Blut?“, fragte Rerik leise.
„Mindestens“, sagte Karyan.
Auf einmal war es nicht nur Reriks Kehle, die schmerzte. Auch die Übelkeit kehrte in seinen Magen zurück. Das Porträt besaß nicht diese Augen. Hätten sie ihn schon einmal angeblickt, wäre er vielleicht nicht gekommen. Schweiß rann über seine Stirn. Irgendwo die Harfe. Nur schriller. Wie am Anfang. Die Luft dampfte heiß.
„Du wirst mir helfen?“, fragte Rerik.
Wellen liefen über die Oberfläche des Teichs, doch sie berührten Karyans Gesicht nicht. Das grüne Licht schwoll an. Die Funken waren gelb geworden und kreisten langsam um Rerik herum.
„Hier bin ich gestorben“, sagte Karyan. „In diesem Augenblick. Das ist der Augenblick meines Todes. Sonst könntest du nicht mit mir sprechen.“
Rerik schmeckte Salz auf seinen Lippen. „Es ist ...“
„Aber der Tod hat keine Bedeutung. Im Wald der Seelen existiert keine Zeit. Wusstest du das nicht?“, fragte Karyan gelassen. „Vielleicht hast du dein Königreich verloren, weil du zu wenig weißt, mein lieber Junge.“
Rerik schüttelte den Kopf, hörte die körperlose Stimme, sah die rotglühende Gestalt vor seinen Augen und fühlte das Brennen der Flammen. „Nein, er kam mit Magie und ...“
Karyans Gesicht schien ein wenig näher zu rücken. „Erinnerst du dich nicht? Wann war der Zeitpunkt, an dem du dein Königreich verloren hast? Hier gibt es keine Zeit. Du verlierst es jetzt. In diesem Augenblick. Im selben Augenblick, in dem ich sterbe. Im selben Augenblick, in dem du stirbst.“
Die Funken leuchteten schon orangerot und wirbelten immer schneller. Rerik richtete sich auf und machte einen Schritt rückwärts. „Du sagtest, du würdest dich nicht erinnern ...“
„An meinen Tod? Was auch immer ich sagte ... Magie kommt immer erst danach.“ Karyan lächelte schief. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Dieses schreckliche Grün. Blutende Adern auf Weiß. Rerik sprang zurück. Karyan erhob sich aus dem Teich.
Kochendes Wasser regnete auf Rerik und fraß sich in seine Haut. Er kniff die Augen zusammen und schlug sich schreiend durch rote Wirbel. Seine Füße stolperten über Wurzeln und durch Gestrüpp. Zweige peitschten gegen seine Beine. Als er den Kopf wandte, sah er hinter sich die durchscheinende Gestalt des Geistes ruhig am Teich stehen. Die grünen Augen bohrten sich in seinen Rücken.
Rerik beschleunigte seine Schritte. Er sprang über einen moosbewachsenen Felsen, schlug Gestrüpp beiseite und arbeitete sich immer weiter weg von dem grün-roten Lichtschein, hinein in die Dunkelheit. Hinter ihm regte sich nichts. Aber vermutlich folgten Geistertritte immer lautlos.
Wozu ein Königreich? Geh nicht in den Wald der Seelen. Wann hat uns Magie jemals etwas Gutes gebracht? Rerik spuckte bitteren Speichel auf den Boden. Legenden sprachen von großen Taten, nicht von guten Menschen. Wie hatte er glauben können, ein wenig Blut würde einer Legende genügen? Wie hatte er glauben können, der Preis für Magie könnte so niedrig sein?
Vor ihm gab der Wald eine Lichtung frei. Rote Funken schwirrten in der Luft. Rerik bremste seinen Lauf ab und taumelte zwischen zwei Baumstämmen hindurch.
Karyans Körper lehnte noch immer an dem Baum. Doch diesmal waren seine Augen offen und folgten Rerik. Das Blut schimmerte noch immer feucht. Der Geist stand mit verschränkten Armen neben ihm. Er trug dasselbe bestickte Gewand. Seine durchscheinende Hand hielt die Krone, die Rerik am Teich zurückgelassen hatte.
„Du weißt doch, hier gibt es keine Zeit. Heute bist du gestorben. Kein Grund wegzulaufen“, sagte Karyans Geist lächelnd.
Seine Stimme ließ ihn erstarren. Rerik krallte die Fingernägel in Baumrinde. Karyans Geist kam langsam auf ihn zu. Als er direkt vor ihm stand, lächelte er entschuldigend und setzte Rerik die Krone auf den Kopf. Das Metall war so glühend heiß, dass er glaubte, es würde seine Stirn schmelzen. Karyans durchscheinende Gestalt verschwamm in einem Tränenschleier. Rerik wollte noch ein letztes Mal schreien, doch aus seiner Kehle drang kein Ton mehr.
Als Karyan in seinen Körper fuhr, hatte Rerik begriffen. Er dachte noch an sein ruhiges Leben mit Deria, das vergeblich auf ihn gewartet hatte.
Karyans todwunder Köper zerfiel im Wald der Seelen zu Staub, während sein Geist sich einen neuen aneignete. Als er den Wald verließ, war sein Schritt sicher, und der Schlag des fremden Herzens in seiner Brust nahm seinen gewohnten Rhythmus an. Als er durch das Tor des Palastes marschierte, glühte sein Körper in roter Magie. Als Rerik an diesem Morgen seine Stimme hörte, starb er im Wald der Seelen. Über dem Teich summte der Ton einer Harfensaite.
Stefan Cernohuby Seine letzte Heldentat
Lori betrachtete den Mond durch die Gitterstäbe. Seine Sichel wirkte schmal, kalt und mitleidslos. Zumindest, wenn er sich nicht gerade hinter den Wolken verbarg. Dennoch war er hoch oben am Himmel. Weit weg von allem, was hier am Boden passierte.
Lori hätte gerne mit ihm getauscht.
Lautes Schnarchen unterbrach sie in ihren Gedanken.
Sie sah sich um. Die anderen schliefen. Lori verstand nicht, wie sie das schafften. Zu schlafen. In dem Wissen, das sie am nächsten Tag sterben würden.
Sie wollte nicht sterben. Das hatte sie nicht verdient. Sie hatte nie jemandem irgendein Leid angetan.
Umso tragischer war, dass ihre Wärter das wussten. Aber weite Landstriche von Kowarien waren vom Krieg verheert, die Ernte war ausgeblieben, und alle Lebensmittel wurden von den Besatzern rationiert. Unter diesem Gesichtspunkt machte es sogar Sinn, sich unnützer Esser zu entledigen. Also ehemaligen Bediensteten, die dem vorigen König untertan gewesen waren. Ebenfalls etwas, was sich Lori niemals ausgesucht hatte.
Etwas klapperte hinter ihr, und sie erschrak. Langsam wandte sie sich um. Vor der Zelle stand Naron. Ein Junge, ein Jahr jünger als sie, der hier als Kerkergehilfe arbeitete.
Leise schlich sie zu ihm, um die anderen nicht zu wecken.
„Ich will nicht, dass du morgen stirbst“, flüsterte er. Eine Träne lief über seine Wange.
Lori fasste etwas Hoffnung.
„Dann lass mich gehen. Ich weiß, dass du einen Schlüssel hast. Und wer wird mich schon suchen? Ich war Kammerzofe, nicht mehr!“
Naron wirkte betrübt, aber nicht überzeugt. „Wenn sie mich erwischen, hänge ich neben dir und den anderen.“
Lori griff durch die Stäbe und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.
„Dann komm mit mir. Ich weiß, dass du mich magst. Wir können gemeinsam davonlaufen. Und fangen irgendwo neu an.“
Naron überlegte. Er blickte lange in Loris Gesicht, während seine Rechte unbewusst den Schlüsselbund umklammerte.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Es tut mir leid, ich kann nicht.“
Er befreite seinen Arm mit sanfter Gewalt aus Loris Griff, dann wandte er sich ab und lief davon. Immer noch weinend.
„Feigling!“, rief sie ihm hinterher. Ihre letzte Chance war dahin.
„Sei still“, knurrte der ehemalige Minister Ludwig und drehte sich im dreckigen Stroh um. „Ich will schlafen.“
Lori seufzte. Dann trat sie wieder ans Fenster und blickte zum Mond hinauf.
„Na endlich, ich dachte schon, er würde nie verschwinden.“
„Wer…“, begann Lori, wurde aber unterbrochen.
„Still. Ich werde euch hier herausholen. Weck die anderen auf. Aber leise.“
Lori sah, wie zwei kräftige Hände ein dickes Seil um die Gitter legten.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Seil für diese Mauern reichen wird“, meinte Lori, rüttelte aber dann ihren ersten Zellengenossen wach.
Max, der Koch schnaufte, dann schlug er die Augen auf.
„Lass das mal meine Sache sein“, raunte der Fremde. „Ich bin nicht zum ersten Mal hier.“
Lori sah, wie sich das Seil um die Gitterstäbe spannte, während sie Olivia weckte. Die ehemalige Haushälterin des Ministers hatte schon einiges an Gewicht eingebüßt, seit sie hier im Gefängnis waren. Lori hatte die Theorie, dass es daran lag, dass ihr Mund trotz ihrer Gefangenschaft nie stillgestanden hatte. Daher hielt sie ihr vorsorglich die Hand davor.
„Still“, flüsterte sie. „Man holt uns hier heraus.“
Minister Ludwig stieß erneut einen Fluch aus, als ihn Lori weckte, hielt dann aber verwundert inne, als sie ihn in die Seite boxte.
„Wir werden befreit“, raunte ihm Lori zu.
„Wurde auch Zeit“, knurrte der Mann. „Dachte mir schon, dass sie mich nicht hierlassen würden.“
Dann fixierte auch er das Seil, das sich immer mehr spannte.
„Lori“, kam plötzlich eine Stimme von hinten. Sie wirbelte herum. Es war Naron. Erneut. „Ich habe es mir anders überlegt. Ich werde das Risiko eingehen, wenn ich dafür mit dir zusammen sein kann.“
Lori fröstelte plötzlich. Sie trat auf ihn zu und nahm ihn an der Hand.
„Ist das wahr?“, flüsterte sie und stellte sich so, dass sie sein ganzes Gesichtsfeld einnahm. „Das würdest du tun?“
„Ja. Aber du musst schnell sein. Natürlich kann ich nur dich herausholen.“
„Das verstehe ich. Dann mach die Tür auf.“
In diesem Moment knirschte es. Nicht wirklich laut. Aber doch unüberhörbar, wenn man direkt vor der Zelle stand.
„Was war das? Was passiert da?“, fragte Naron und versuchte mehr zu erkennen. Lori hielt seine Hand fest und sah im fest in die Augen.
„Ist das wichtig? Hol mich hier heraus. Dann können wir weg. Für immer.“
„Ich will jetzt wissen, was da vorgeht“, knurrte Naron und stieß Lori von sich. Sie taumelte zwei Schritte zurück und sah, wie sich Narons Augen ungläubig weiteten.
„Runter, Mädchen“, ertönte eine befehlsgewohnte Stimme und Lori ließ sich sofort fallen.
Etwas zischte und riss Naron von den Beinen.
Lori kämpfte sich hoch und starrte Naron an. In seiner Kehle steckte ein Wurfdolch. Blut strömte aus seiner Kehle. Er versuchte etwas zu sagen, doch aus seinem Mund kam nur ein entsetzlich feuchtes Gurgeln.
Dann lag er still.
„Worauf wartest du? Los jetzt!“, erklang die gleiche Stimme wie zuvor.
Um das Gitter herum befand sich ein beinahe menschengroßes Loch in der Wand. So, als wäre ein Teil der Ziegel einfach entfernt worden.
Lori setzte sich in Bewegung, kletterte durch das Loch und stand neben einem drahtigen Mann, der ihr einen weiteren Dolch in die Hand drückte.
„Hier. Nimm das.“
„Ich kann nicht kämpfen“, gab sie zurück.
„Er ist auch nicht dafür gedacht“, meinte der Mann mit einem Lächeln, das irgendwie so wirkte, als hätte er diese Sätze schon zu oft gesagt. „Sondern für den Fall, dass man euch erwischt. Glaub mir, du willst ihnen nicht nochmal in die Hände fallen.“
Lori nickte und steckte den Dolch ein. Vermutlich hatte er die anderen schon versorgt.
„Kommt jetzt. Wir müssen hier raus. Die Patrouille ist zwar ein schlechter Witz, aber wir sind noch lange nicht in Sicherheit. Wer von euch ist Alphons Ludwig?“
„Das bin ich“, bekannte der ehemalige Minister und verbeugte sich elegant.
„Gut. Ich bin hauptsächlich deinetwegen hier. Stimmt es, dass du die Steuereinnahmen vor dem Eintreffen der Rinkonier in Sicherheit gebracht hast?“
„Selbstredend.“
Das ölige Grinsen des Ministers weckte Übelkeit in Lori. Wurden sie gerade nur deshalb gerettet, weil ein korrupter Minister Geld versteckt hatte?
„Das heißt, Ihr werdet dafür bezahlt, uns zu befreien?“
Lori hielt sich die Hand vor den Mund, als sie feststellte, dass sie das gerade laut gesagt hatte.
„Nein. Ich werde nur bezahlt, ihn zu retten.“ Der Unbekannte zeigte auf Minister Ludwig. „Euch nehme ich gratis mit. Soll ich euch lieber zurücklassen?“
„Nein“, stieß Lori aus.
„Dann folgt mir. Leise. Und nennt mich Mischka.“
Die vier Gefangenen folgten ihrem Befreier. Lori war völlig verblüfft, dass Olivia bisher noch kein einziges Wort gesagt hatte. Ihre Augen hingen wie festgewachsen an ihrem Befreier. Offenbar war ihr Selbsterhaltungstrieb doch stärker als ihr Mitteilungsbedürfnis.
„Verdammt“, fluchte Mischka. „Wir sind spät dran. Wir müssen vor der Wachübergabe am Südtor sein. Beeilt euch!“
Die Straßen waren leer. Zweimal sahen sie das Licht einer Fackel, aber immer mehrere Gassen entfernt. Ihr Befreier kannte die Routen der Patrouillen. Trotzdem trieb er sie unbarmherzig weiter an – auch als Sophia stürzte und sich das Bein aufschürfte. Max, der Koch, riss sie wieder hoch.
„Wir sind da. Bleibt hinter mir. Wir sind gleich raus.“
Mischka trat auf die Metalltür mit dem kleinen Fenster zu und klopfte. Zweimal kurz, einmal lang, zweimal kurz.
Die Klappe ging kurz auf, schloss sich wieder, danach öffnete sich die Tür.
„Schnell“, brummte eine tiefe Stimme. „Die Ablösung ist überfällig. Ihr müsst hier raus.“
„Aber klar doch“, entgegnete ihr Befreier und warf dem Mann einen Beutel zu. Es klimperte. Münzen. „Bis zum nächsten Mal, Olaf.“
Der Mann bedeutete den Gefangenen, durch das Tor zu gehen.
„Was ist da los?“, rief plötzlich eine Stimme. Jung, kraftvoll und selbstbewusst.
„Gar nichts, gar nichts“, erwiderte Torwächter Olaf. „Hier gibt es nichts zu sehen.“
„Unsinn“, rief der andere und zog sein Schwert aus der Scheide. „Lässt du wieder Schmuggler aus der Stadt? Ich habe dich gewarnt, dass ich kein Auge mehr zudrücken werde.“
„Ach komm schon, Garron. Das sind Freunde von mir. Du kannst doch dieses eine Mal darüber hinwegsehen, oder?“
„Ganz bestimmt nicht. Ihr werdet mich alle zur Hauptwache begleiten, und …“
Der Mann stutzte.
„Das sind keine Schmuggler. Das sind die kowarischen Gefangenen.“
Er blickte Olaf etwas verwirrt an. „Du bist also nicht nur käuflich, sondern auch ein Verräter.“
Seine Stimme wurde hart. „Übergib mir dein Schwert, dann werde ich dafür sorgen, dass du einen fairen Prozess bekommst.“
„Ich störe ja nur ungern“, mischte sich Mischka ein. „Aber wir haben keineswegs vor, mit euch zu kommen. Vergesst, was ihr hier gesehen habt, und ich werde euch dafür entlohnen.“
„Das hättet ihr wohl gerne.“ Garron lachte und machte einige Probeschwünge mit dem Schwert. „Ich werde euch töten. Die Gefangenen werden wie geplant aufgeknüpft, und der gute Olaf wird ihnen Gesellschaft leisten.“
„Das kann ich leider nicht zulassen.“ Auch ihr Befreier zog sein Schwert. Er bewegte sich nicht, sondern wartete darauf, dass der Wachmann näherkam.
Er tat ihm den Gefallen und drang mit seinem Anderthalbhänder auf ihn ein.
Lori zog scharf die Luft ein, als sie sah, mit welcher Wucht der Wachmann angriff.
Alles ging sehr schnell. Ihr Befreier blockte zwei der Hiebe ab, drehte sich unter einem dritten hindurch. Er bewegte sich elegant und tödlich, sein Schwert blitzte auf, und der Wachmann blickte ungläubig auf die Klinge, die in seiner Seite unter seiner Achsel steckte.
Mischka drehte die Klinge mit einem Ruck. Garron stöhnte, bäumte sich noch einmal auf und brach dann zusammen.
Dann drehte sich Mischka zu Olaf um und rammte ihm das Schwert ebenfalls in die Brust.
„Es tut mir leid. Ist nichts Persönliches. Aber Geschäft ist eben Geschäft.“
Er nahm den Beutel mit seiner Bezahlung wieder an sich und wandte sich an die anderen.
„Kommt jetzt“, rief er. Wir müssen hier endlich weg. Zum Fluss.“
Als sie außer Sichtweiter des Stadttors waren, dachte Lori, dass sie nun wirklich eine Chance hatten, zu entkommen.
Zumindest, bis sie den Hufschlag hörte, der sich von hinten näherte.
„Runter von der Straße“, rief Mischka und drängte die befreiten Gefangenen seitlich über die Böschung. Doch Lori wollte sehen, was passierte. Sie kauerte sich an die Kante und sah zu.
Es waren drei Reiter, die auf Mischka zukamen und offensichtlich kein Interesse daran hatten, die Flüchtigen lebend zu fangen, denn der erste der Reiter hielt mit vollem Tempo auf ihn zu und schwang sein Langschwert.
Mischka wich dem eher plumpen Schlag aus und führte stattdessen einen Hieb gegen die Beine des Pferdes, das wiehernd stürzte, sich überschlug und seinen Reiter unter sich begrub.
„Das war nicht sehr ritterlich.“
Die anderen beiden hatten ihre Pferde angehalten und stiegen gerade ab. Der Sprecher trug die Uniform eines Hauptmanns.
„Warum sollte ich ritterlich handeln?“ Mischka ging langsam auf die beiden zu.
„Weil ich nur zu gut weiß, wer Ihr seid. Was ich nicht verstehe, ist, warum Ihr das tut. Einfache Gefangene befreien. Korrupte Minister.“
„Für Geld natürlich. Auch ich muss leben.“
„Dann werde ich wohl einen Schlussstrich unter Eure Laufbahn setzten, Sir. Und da Ihr auf Ritterlichkeit verzichtet habt, werden wir das auch tun.“
Er bedeutete dem andern Soldaten, sich einige Schritte zu entfernen. „Wir nehmen ihn in die Zange. Auf meinen Befehl hin angreifen.“
Einige Augenblicke lang umkreisten die beiden Mischka, dann verlor der zweite Soldat die Fassung und schwang seinen Streitkolben mit beiden Armen.
Der Hauptmann brüllte vor Wut auf und drang mit seinem Schwert ebenfalls auf Mischka ein. Zu spät für seinen Untergebenen.
Mischka riss das Schwert gerade noch rechtzeitig aus der Brust des sterbenden Soldaten, um den Hieb des Hauptmanns abzublocken. Der Schlag prellte ihm jedoch das Schwert aus der Hand, das klappernd davonschlitterte. Mit einem Fluch rollte er sich ab, und der nächste Schlag ließ Funken aus dem Kopfsteinpflaster fliegen.
„Halt still und stirb wie ein Mann!“, brüllte der Hauptmann.
Lori griff in den Gürtel und zog den Dolch hervor, den ihr Mischka gegeben hatte.
Dieser rettete sich gerade mit einem verzweifelten Sprung von einem weiteren Angriff.
„Mischka, hier!“, rief Lori und warf dem Krieger die Waffe zu.
Ihr Wurf war schlecht gezielt, und der Dolch prallte eine Manneslänge neben ihm auf den Boden.
Doch der Aufprall lenkte den Hauptmann der Wache ab, der einen Moment aufsah. Zeit genug für Mischka, den Dolch aus der Scheide zu reißen und zu werfen.
Der Hauptmann erstarrte und drehte sich halb herum. Aus seinem linken Auge schien ein Horn gewachsen zu sein.
Dann brach er zusammen.
Mischka erhob sich, riss den Dolch aus dem Auge, wischte ihn an der Kleidung des Toten sauber und gab ihn Lori zurück.
„Danke. So war es einfacher.“
Dann holte er sich sein Schwert und übernahm wieder die Führung.
Als sich das Floß in Bewegung setzte, nahm Lori all ihren Mut zusammen.
„Ihr heißt nicht Mischka.“
Der Mann, der sich ihnen gegenüber als Mischka vorgestellt hatte, wandte sich ihr zu.
„Sondern? Wie heiße ich?“
„Ich denke, Euer wahre Name ist … Botharogas.“
Der Mann zuckte mit keiner Wimper.
„Und wenn dem so wäre?“
„Dann sind wir Euch zu großem Dank verpflichtet. Obwohl …“
„Was?“
„Obwohl ich mich dann schon fragen würde, warum ein Held, der dem Hochkönig von Rusonir auf den Thron verholfen, die Nord-West-Passage von Seedrachen befreit und dafür gesorgt hat, dass die Zwillingsprinzen ihre große Liebe heiraten durften, weitgehend unwichtige Gefangene aus einem winzigen Gefängnis befreit.“
„Das habe ich doch schon gesagt. Des Geldes wegen.“
„Aber Ihr müsst doch reich sein. Unzählige Menschen stehen in eurer Schuld.“
„Reich? Hast du eine Ahnung, was das Leben als Held so kostet? Man reist von einem Ende der bekannten Welt zum anderen. Die meisten sind der Meinung, dass es genug wäre, einen Helden zum Ritter zu schlagen. Oder eine Parade zu veranstalten. Oder ihm ein Schwert mit goldenem Griff oder ein besonders edles Pferd zu schenken.“
Er verzog verächtlich das Gesicht.
„Erstaunlich, wie leicht man dann am Schwertgriff erkannt wird oder wie schnell das Pferd aus dem nächsten Stall verschwindet. Manche versprechen einem dann, bei den nächsten Steuereinnahmen zu zahlen. Dann ist die Ernte schlecht oder der Schatzmeister weiß nichts von den Anweisungen. Und da hat man dieses Kastell, dass einem irgendein Fürst geschenkt hat, mitsamt Personal und Bauern, das auf regelmäßiges Einkommen angewiesen ist. So landet man dann auf einem Floß, um einen kleinen Minister zu befreien, der angeblich die Steuereinnahmen von zwei Jahren … in Sicherheit gebracht hat. Für ein Zehnt davon.“
„Und dafür begebt ihr euch so tief in feindliches Gebiet?“
„Mir bleibt nichts anderes übrig. Wobei feindliches Gebiet immer relativ ist. Wer so lange wie ich …“
Plötzlich brüllte Botharogas auf und brach in die Knie. Er tastete nach hinten, wo ein Messer steckte.
„Ja“, sage die Haushälterin Olivia. „Wer so lange wie Ihr im Geschäft ist und für den Meistbietenden arbeitet, hat schon auf jeder Seite gekämpft. So wie letztes Jahr. Auf Seiten der Rinkonier.“
Bist du verrückt, Weib?“, brauste der Minister auf. „Er muss uns hier herausbringen!“
Max, der Koch, hielt ihn zurück. Er wog ungefähr doppelt so viel wie der dürre Minister, also fiel ihm das nicht so schwer.
„Zurück mit dir! Hier geht es um etwas Persönliches.“
„Mein Sohn war der Kommandant der Palastwachen. Du hast ihn eigenhändig getötet, als du die Truppen zum König geführt hast. Ich habe es gesehen!“
Botharogas stöhnte. Er hatte sichtlich Schmerzen. Aber vor allem wirkte er müde.
Sehr müde.
„Ich habe so viele getötet. Keine Ahnung, von wem du redest. Aber er stand eben auf der anderen Seite.“
„Ja“, erwiderte Olivia. Und heute stand ich hinter dir, du Held.“
Sie wandte sich an Max. „Gib mir deinen Dolch. Ich mache dem jetzt ein Ende.“
Botharogas schloss die Augen. „Es ist vielleicht besser so. Besser so, als irgendein namenloser Soldat in irgendeiner Schlacht. Aber …“
„Kein Aber!“, brüllte Olivia und versenkte den Dolch in Botharogas‘ Brust.
Doch sie war nicht schnell genug, denn er packte ihr Handgelenk und zog sie zu sich.
„Da ist noch eine Kleinigkeit…“, stöhnte er.
Das Floß trieb in der Mitte des Flusses, als der befestigte Wachposten in Sicht kam. In der Morgendämmerung war es zwar kaum zu sehen, aber irgendjemand hatte es wohl doch entdeckt. Ein Horn erschallte.
Hoch aufgerichtet stand Botharogas in der Mitte des Floßes. Er hatte einen Arm um einen provisorischen Mast geschlungen, und eine Hand ruhte an seinem Schwertgriff. Er stand auch noch, als sich die ersten beiden Pfeile in seinen Brustkorb bohrten. Erst der dritte, der ihn seitlich in den Hals traf, fällte ihn und ließ ihn auf einen der braunen Leinensäcke stürzen, der auf der Ladefläche lag.
Niemand sah, wie der Sack dadurch ins Rutschen kam und ins Wasser stürzte. Wie etwas im Sack zappelte, als dieser versank. Und wie sich etwas in einem anderen Sack kurz aufbäumte, als ein schlecht gezielter Pfeil ihn durchbohrte.
Lori streifte den Leinensack ab. Man konnte nicht einfach über die Grenze spazieren, hatte Botharogas gesagt. Und ihnen seinen Plan verraten.
Drei Pfeile steckten in seinem Körper.
Er hatte Recht behalten. Niemand hatte sich weiter um das Floß gekümmert, nachdem er gestürzt war. Sie erhob sich. Längst war der Wachposten außer Sicht.
Ihr gegenüber erhob sich der Minister und warf den Sack naserümpfend von sich.
„Wo ist Max?“, fragte Lori.
„Keine Ahnung“, erwiderte Minister Ludwig. „Aber das hier sieht nicht gut aus.“
Er deutete auf einen Pfeil, der in einem anderen Sack steckte und um dessen Eintrittstelle Blut zu sehen war. Viel Blut.
„Oh nein“, stieß Lori aus und zerrte an dem Pfeil. Er löste sich mit einem Ruck. Die Spitze war rot. Sie sah in den Sack und blickte in Olivias gebrochene Augen. Der Pfeil hatte sich in ihren Hals gebohrt.
Doch Lori hatte nicht lange Zeit, sie entsetzt anzustarren, denn Minister Ludwig versetzte ihr einen Tritt, der Olivia ins Wasser schlittern ließ.
„Ausgleichende Gerechtigkeit“, meinte Ludwig und zuckte mit den Schultern. „Sie hat Botharogas‘ Tod zu verantworten.“
„Er hat uns trotz allem noch beschützt“, sagte Lori, die den toten Kämpen auf den Rücken drehte.
„Ja. Das war seine letzte Heldentat“, stimmte Ludwig zu. „So werden wir es den Leuten erzählen. Er starb, um uns zu retten. Und zum Glück wird er nie erfahren, dass das mit dem Geld nur ein Gerücht war. Ich habe es gestreut, damit man uns am Leben lässt. Dass man uns befreit hat, das war gewissermaßen ein Bonus.“
Lori blickte Ludwig verblüfft an, der sich bereits abgewandt hatte und das Wasser vor ihnen betrachtete. In wenigen Stunden würden sie in Ediala ankommen, Botharogas Heimatstadt. Würde der ehemalige Minister damit davonkommen?
Eine gute Zofe war ein Statussymbol. Und Lori hatte für einen König gearbeitet. Dementsprechend hatte sie schnell eine neue Anstellung gefunden. Jemanden wie sie konnte man brauchen – im Gegensatz zu einem Alphons Ludwig, der letztendlich für Meineid und Pflichtvergessenheit gehenkt worden war.
Lori blickte auf die Statue, die man zu Ehren von Botharogas errichtet hatte. Sie war noch da, auch zwei Jahre nach seinem Tod, und zeigte den Helden überlebensgroß, auf einem gewaltigen Streitross. Vermutlich war das jenes Ross, dass man ihm gemeinsam mit dem Schwert mit Goldgriff und dem Adelstitel geschenkt hatte. Nachdem seine Krypta zum dritten Mal geplündert worden war, hatte man seinen Leichnam eingeäschert und die Asche in die Königsgruft gebracht. Es wurden kleine Figuren von ihm verkauft, und man sprach in den höchsten Tönen von seinem Edelmut, seinem galanten Umgang mit Frauen und von seinem Kampfgeschick, das ihm letztendlich gegen drei Pfeile nichts genutzt hatte. Nur manchmal fluchte der eine oder andere Händler, dass ihm der große Held Botharogas noch Geld geschuldet habe.
Seine letzte Heldentat war zu einer Legende geworden.
Lori schüttelte den Kopf.
Es war nicht leicht, in der echten Welt ein Held zu sein.
Anna Eichinger Der Seher
Der erste kühle Herbstwind fuhr über die Blätter des Waldes und spielte mit dem Mantel meines Bruders wie der Wind mit einer Unheil verkündenden Fahne. Elevin stand aufrecht am Gipfel des Hügels, sah über das buntgefärbte Tal und lauschte dem Rascheln der Blätter. Sein Gesicht war angespannt, als würde ihm die Zukunft Unheilvolles zuflüstern.
„Läufst du wieder deinem Bruder hinterher? Lass ihn zufrieden!“ Meine Großmutter stand neben mir. Ich hatte keine Ahnung, wie sie in ihrem Alter immer noch so wendig und vor allem so lautlos sein konnte. Mich hatte man vermutlich bis in den Nachbarort gehört, als ich hier herauf keuchte.
„Was er wohl sieht?“ Großmutter erwartete wie üblich keine Antwort von mir.
„Bunte Blätter?“ Probierte ich es trotzdem mit einer Antwort. Ich wich einen Schritt zur Seite, um dem Hieb meiner Großmutter zu entgehen.
„Sei nicht immer so kindisch. Deinem Bruder steht Großes bevor. Der Seher hat den Clan um jeden Preis zu beschützen. Auch unter Einsatz seines Lebens.“
Ich wusste nicht, wie oft Elevin und ich diesen Satz schon gehört hatten. Zum besseren Schlafen trug er jedenfalls nicht bei.
„Ist Elevin deshalb in letzter Zeit so angespannt? Kann er seinen Tod sehen?“ Ich schluckte. Es gab wahrlich Angenehmeres, als sein eigenes Hinscheiden vorherzusehen.
„Halte dich da heraus und freue dich, dass du die Gabe nicht hast. Unterstütze deinen Bruder einfach. Mehr musst du nicht tun.“ Großmutter sah Elevin an und dann über das Blättermeer vor uns. Sie drehte sich um und ging.
***
Das dunkle Monster starrte Elevin an und grinste. Sein Arm hob sich. Das Schwert würde jede Sekunde niedersausen und meinen Bruder treffen. Mein Herz raste, und in meinen Ohren dröhnte mein Herzschlag so laut, dass ich nicht hörte, was Elevin mir zurief. Das Monster sah spöttisch herab.
„Du weißt, du hast keine Chance, Seher! Du wirst hier sterben.“
Der Stahl über seinem Haupt fing die Herbstsonne ein und spiegelte das letzte Licht wider, dass mein Bruder je sehen würde. Dann sauste das Schwert mit Wucht herab.
Ich sprang dazwischen und parierte, wie ich es so oft am Übungsplatz gelernt hatte. Aber ich war zu schwach. Das Schwert fuhr weiter, als würde ich nicht einmal existieren. Es traf Elevin. Es fuhr durch ihn hindurch und blieb in seinem Rückgrat stecken.
Ich erwachte durch das Geräusch berstender Knochen und zerreißenden Fleisches. Schweiß rann mir über den Rücken.
„Atme“ redete ich mir selbst zu. Ich kroch unter der Bettdecke hervor und zog mich an. Dann warf ich einen Blick auf meinen Bruder. Er warf sich unruhig von einer Seite seines Bettes auf die andere. Mit meinem Schwert in der Hand schlich ich mich zur Tür hinaus.
Ich mochte weder frühes Aufstehen noch Schwertkampfübungen. Doch die Albträume verfolgten mich. Mit noch wild klopfendem Herzen marschierte ich auf die Lichtung und versuchte, mein Schwert zu schwingen. Es musste eine Lösung geben, um ein riesiges Monster zu stoppen.
Ein Ast brach. Ich fuhr herum.
Garas lächelte, falls man seine Mimik als Lächeln bezeichnen konnte. Es sah eher aus, als würde er mich zum Frühstück verspeisen wollen.
„Hüpfst Du wieder in der Gegend herum?“
„Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen guten Morgen!“ Brummte ich.
Ohne jegliche Probleme sprang Garas über Stock und Stein und eilte in Richtung Talausgang. Vermutlich hatte er irgendwelche Rehe in seiner Ahnenreihe.
„Ab zur Grenze, um Monster zu hüten?“
„Übe lieber, richtig zu parieren. Sonst kann dich jede Maus umbringen!“ Garas rannte weiter und sah sich nicht einmal um.
Ich atmete tief aus und übte weiter. Vermutlich mit der Eleganz eines verendenden Frosches. Die Hoffnung blieb, dass niemand mehr mit dem Stammbaum eines Rehs vorbeihüpfen würde. Der Knoten in meinem Magen löste sich ebenfalls nur langsam auf. Es musste eine Lösung geben. Wie hielt ich ein Riesenmonster auf, das kam, um meinen Bruder zu töten?
„Los, los. Beil dich. Wir sollten schon längst beim Training sein.“ Elevin scheuchte mich aus unserer Hütte, die ich gerade erst wieder betreten hatte. Meine Vorfreude hielt sich in Grenzen. Allein der Gedanke, jemandem ein Schwert in seinen Körper zu bohren, das Geräusch von zerreißendem Fleisch und das Brechen von Knochen zu hören, bereitete mir Übelkeit. Ich würde einen schönen Helden abgeben, wenn ich bei jedem Kampf eine Lache meines Mageninhalts hinterlassen würde.
„Seher!“ Die versammelten Einwohner unseres Dorfes, von „gerade der Kinderstube entwachsen“ bis „wie stehe ich noch aufrecht“, standen auf dem Hauptplatz und grüßten ehrerbietig meinen Bruder.
„Hey, kämpfen wir heute miteinander?“ Danas zog mich zu sich. Bei den Übungskämpfen war ich unglaublich beliebt. Nicht nur, dass ich leicht zu besiegen war, vielleicht gab es auch die neueste Weissagung des Tages von meinem Bruder.
Wir sprangen also durch die Gegend, fuchtelten mit unseren Schwertern, hieben aufeinander ein und sahen in Kürze schlimmer aus, als seien wir von Schlammlawinen überrollt worden.
Ich hasste mein Leben mit Übungskampf 275 inklusive Niederlage 275. Immer die gleichen Bewegungen, immer hätte mich eine Maus besiegen können.
„Schwesterchen, streng dich mehr an.“ Elevin war neben mir aufgetaucht. Es lag wohl in unserer Familie, dass sich jeder leise und anmutig bewegen konnte. Nur einen hatte dieses Talent übersprungen. Sonst wäre ich schon ganz woanders gewesen.
„Aber wirklich, streng dich an!“ Meine Großmutter tauchte neben mir auf. War das ein spontanes Anschleich-Familien-Treffen?
In dem Moment schlug mir Danas das Schwert aus der Hand. Es segelte quer über Großmutters Kopf und fiel in den Schlamm. Ich versuchte, gelassen zu wirken und die Demütigung zu ignorieren, während mein Gesicht die Farbe eines bezaubernden Sonnenuntergangs annahm.
„Ich gebe mein Bestes. Aus mir wird eben nie eine Kriegerin“. Das Schwert lag hinter Großmutter, die sich wie ein unüberwindliches Hindernis vor mir auftürmte.
„Du musst Elevin unterstützen. Er muss sich auf dich verlassen können. Ihm steht Großes bevor!“
Langsam brachte meinen Magen nicht nur der Gedanke an zerhauene Körper in Aufruhr.
„So wie du aussiehst, glaubt dir jeder, dass du dein Bestes gibst.“ Mit einem Schritt war Elevin bei meinem Schwert, hob es auf, wischte den Schlamm mit seinem Mantel ab und gab es mir zurück. Mit seiner Pranke klopfte er mir wohlwollend auf die Schulter und murmelte: „Lass dich nicht von Oma unterkriegen. Gemeinsam können wir sogar Drachen besiegen.“
Ich versuchte, tapfer zu lächeln, doch es sah wohl eher aus, als hätte ich auf einen Stein gebissen. Ich blinzelte meine Tränen der Scham weg und wünschte mir, mehr wie mein Bruder zu sein. Weiter ging es mit Ich-hasse-mein-Leben-mit-Übungskämpfen, Teil 276. Als mein Magen schon lauter knurrte als jeder hungrige Grizzlybär, durften wir nach Hause gehen.
„Danke für die Rettung vorhin.“
„Kein Problem. Dazu sind große Brüder ja da.“ Elevin grinste auf mich herunter. Es tat so gut, ihn wieder lachen zu sehen. „Hey, so groß bist du nun auch wieder nicht, Bruderherz.“ Ich versuchte auf den Zehenspitzen zu gehen und wirkte trotzdem wie ein geschrumpfter Zwerg.
Plötzlich legte er einen Arm um mich und zog mich an sich. „Ich bin froh, dass es dich gibt.“ Seine Wärme umschloss mich wie ein schützender Mantel der Geborgenheit.
„Und ich erst, dass es dich gibt. Einen Bruder, den Großes erwartet, hat nicht jeder. Und bei deiner Größe sollte das was heißen.“
Elevin ließ mich los, und wir trabten in Richtung Hütte zum Mittagessen.
„Weißt du, nur weil Großmutter das immer sagt, muss es nicht so sein. Wenn ich in die Zukunft schaue, ist da immer so ein Nebel. Ich sehe dieses Monster vor mir. Es ist zu groß und zu schnell. Ich kann es nicht besiegen. Ich kann aber auch nicht weg. Ihr seid hinter mir. Ich muss euch beschützen. Dann holt es aus. Plötzlich ist dieser Nebel ganz nah. Der Schlag kommt. Aber ich sehe ihn nicht genau. Der Nebel nimmt mir die Sicht. Ich spüre Schmerzen. Etwas Schreckliches passiert. Und dann herrscht reine Dunkelheit.“
Elevin ließ den Kopf hängen. Plötzlich richtete er sich wieder auf und lächelte mir zu. „Lass uns zuerst über das Essen herfallen. Monster und Nebel können ruhig noch warten.“ Ich hätte so gerne etwas erwidert, über das er hätte lachen können. Ich hätte so gerne offenbart, was ich mit mir herumtrug. Ich hätte so gerne gesagt, dass ich da sein würde, wenn er mich brauchte. Egal, wie schlecht ich kämpfen konnte. Aber Worte fielen mir noch schwerer als Schwertkämpfe. In meinem Kopf wuselte es von Gedanken, aber heraus kam lediglich ein lächerlicher Satz.
„Los, stürzen wir uns aufs Essen!“ Aber ans Essen zu kommen war auch nicht so leicht. Großmutter scheuchte uns in den Hinterhof. Sie wollte nicht den Staub des Dorfplatzes, der auf uns klebte, im Haus haben.
Endlich saß ich vor der Suppenschüssel und hielt mich am Löffel fest.
„Eure Eltern wären stolz auf dich, Elevin. Du hast die Monsterhorde schon vor über einem Jahr kommen sehen. Du hast uns darauf vorbereitet. Wie üblich kämpfst du präzise, und deine Vorhersagen treten genauestens ein. Zu meiner Zeit war ich auch so. Ein Vorbild. Bis ich meine Gabe an Eure Mutter weitergegeben habe. Dann habe ich natürlich sehr fleißig als Kämpferin weiter trainiert. Es gab keine bessere zu meiner Zeit.“
Ich löffelte die Suppe in meinen Mund. So war ich auch sicher, dass ich nichts sagen würde. Der Seitenblick meiner Oma gefiel mir gar nicht. Konnten nicht plötzlich ein Wirbelsturm oder eine Gratislieferung Mehl eintreffen?
„Aber du strengst dich nicht einmal an. Du hast kein Talent. Nicht einmal dein Bruder kann deine Zukunft sehen. Als würdest du nicht existieren! Das geht gar nicht für eine berühmte Seherfamilie!“.
Ich löffelte weiter Suppe in mich hinein. Was konnte ich dazu auch schon sagen? Ich war mir sicher, dass ich existierte. Besonders mein Gehör, auf das ich im Moment gut verzichten konnte.
„Elli ist das große Unbekannte in unserer Zukunft. Ich finde das gut. Sie verkörpert das Unerwartete. Wenn ich sie nicht sehen kann, dann kann unser Feind sie auch nicht sehen.“
Ich lächelte Elevin dankbar zu und schlürfte weiter Suppe in mich hinein. Waren die Karotten schon jemals so köstlich gewesen?
Ich wünschte, es wäre die Gratislieferung Mehl gewesen, die in unsere Hütte geschneit wäre, aber die Tür flog auf, und Garas platzte herein.
„Der Feind ist im Anmarsch! Ich habe eine Horde Monster gesehen. Sie kommen!“ Schon war Garas wieder draußen und alarmierte jeden Dorfbewohner, der sich noch rühren konnte, bevor ich mir noch eine weitere Karotte in den Mund zu schieben vermochte.
Sogar Haferschleimsuppe hätte mir heute geschmeckt. Elevin sah zu mir herüber. Ruhig und blass. Ich nickte ihm zu. Warf einen letzten Blick auf die Suppe und verabschiedete mich von den restlichen Karotten.
Großmutter half Elevin in de sperrige Rüstung. Ich zwängte mich ebenfalls irgendwie in meine. Wenn das Riesenmonster, das Elevin beschrieben hatte, auftauchen würde, wäre eine Schnalle mehr oder weniger ohnehin egal.
„Passt auf euch auf. Und, Elevin - ich erwarte Großes von Dir.“ Großmutter blieb an der Haustür stehen, während wir zum Hauptplatz liefen. Mein Magen rebellierte schon jetzt und krampfte sich zusammen. Überall sonst wollte ich lieber hin als auf ein Schlachtfeld. Elevin marschierte tapfer und heldenhaft auf den Platz, und alle scharten sich um ihn, als hätte er das Monster und dessen Hiebe nie vorausgesehen.
Mein Hals war trocken, dafür fühlten sich meine Hände an, als wäre ich in einem Dampfbad gewesen.
„Freunde, die Monster wurden gesichtet, auf die wir uns vorbereitet haben. Wir werden ihnen entgegenziehen und sie von unserem Dorf und unseren Familien fernhalten. Wir werden sie besiegen! Für unseren Clan!“ Elevin streckte sein Schwert in die Höhe, und alle jubelten ihm laut zu. Nur ich brachte keinen Ton heraus. Seine Augen fanden meine und ich versuchte ihm tapfer zuzulächeln. Dann marschierten wir los.
Ich muss darauf bestehen, dass ich nicht absichtlich die Letzte war. Meine Kondition war nie besonders gut gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass gleich Großmutter aus dem Gebüsch springen würde, um mit mir zu schimpfen. Ich schüttelte den Kopf. Gleich würde ich Monstern begegnen, und ich suchte das Gebüsch nach meiner eigenen Großmutter ab.
Am Hügel angekommen, starrten wir hinunter ins Tal auf Wesen, die wir nur aus düsteren alten Geschichten kannten. Aus der Ferne sahen sie gar nicht so gruselig aus. Waren sie zahlreicher als wir Dorfbewohner? Mein Magen fand eindeutig, dass es zu viele waren. Wenn meine Hände nicht aufhörten zu schwitzen, könnte mein Schwert höchstens als Wurfwaffe dienen. Oder ich könnte eine sehr nasse Ohrfeige geben. Beides wäre aber keine sehr effektive Verteidigung.
Ich sah zu Elevin. Er lächelte mir aufmunternd zu.
„Los, wir verstecken uns im Wald, bei der Talenge. Wartet auf mein Zeichen, bevor ihr angreift.“
Danas nahm die Hälfte der Dorfbewohner und versteckte sich auf einer Seite, ich blieb bei Elevin auf der anderen Seite und hockte mich hinter einen Busch. Erste abgefallene Blätter lagen auf dem Boden und verströmten einen herbstlichen und erdigen Geruch. Leise raschelten sie, wenn einer der Dorfbewohner sich bewegte. Elevin starrte in die Richtung, aus der wir die Monster erwarteten. Würde er einen weiteren Herbst erleben?
Zuerst blieb es ruhig. Zu ruhig. Nicht einmal ein Vogel war zu hören. Dabei hatte ich das Gezwitscher immer so gerne gehabt. Ich sah hoch zum strahlend blauen Himmel, dessen Blau durch die orangen und roten Blätter noch intensiver wirkte als sonst.
Ein seltsames, monotones Geräusch brandete auf. Der Boden vibrierte. Es dauerte eine Weile, bis ich das Herantrampeln der Monster damit verband.
Elevin sah herüber und verdrehte die Augen. Ich hätte fast losgelacht. Aber selbst ich bewegte mich leiser.
Ein Geruch von Moder und Essig wehte herbei. Zumindest konnte es mir keiner übelnehmen, wenn ich mich übergab.
Dann tauchten sie auf. Zwischen den Blättern konnte ich zuerst nicht viel sehen. Eine braune Masse aus Händen und Füßen – oder zumindest so etwas Ähnliches. Krallen, die länger waren als Küchenmesser, ragten aus ihren Fingern und Zehen hervor. Krusten von Dreck und Schlamm klebten an ihrem zottigen Fell. Die Wesen marschierten auf uns zu.
Elevin gab das Zeichen, und wir stürmten los. Die Monster waren einen Moment erschrocken und blieben stehen. Einen Moment zu lange. Unsere schnellsten und besten Krieger waren schon dort. Natürlich zählte ich nicht dazu. Ich versuchte, hinter Elevin zu bleiben und nebenbei niemanden von unseren eigenen Leuten zu verletzen. Bei meinem Mangel an Talent war das gar nicht so einfach.
Dann sah ich es. Das Monster aus meinen Albträumen. Es stapfte direkt auf Elevin zu. Jede Zelle in mir schrie, ich sollte weglaufen. Nein, es waren ja gar nicht meine Zellen, es war Elevin. „Lauf, Elli, lauf weg!“
„Da bist du ja, Menschlein. Ich bin gekommen, um dich zu töten.“
Die Dorfbewohner wichen zur Seite und kümmerten sich um die kleineren Monster. Sie vertrauten ihrem Seher.
Laufen ist gar nicht so einfach, wenn man vor Schreck erstarrt ist und die Knie plötzlich zu Pudding geworden sind.
Elevin stürzte sich auf das Monster. Seine Bewegungen waren schnell und fließend. Er hieb auf den braunen Koloss ein. Aber dieser parierte. Elevin sprang zurück und versuchte es erneut. Wie im Traum war das Monster nicht nur riesig, sondern für seine Größe auch erstaunlich wendig und schnell. Elevin sprang vor und stach vergeblich zu. Das Monster trat nur einen Schritt beiseite und grinste breit.
„Du weißt, du hast keine Chance, Seher! Du wirst hier sterben.“
„Elli, lauf!“ In Elevins Stimme schwang Trostlosigkeit mit. Das Monster lachte. Es warf nicht einmal einen Blick auf mich.
Und ich lief. Ich betete zu den Geistern des Waldes, zu den sinnlosen Übungsgöttern, zu allem, was mich noch nie erhört hatte. Mein Timing war immer grottenschlecht gewesen. Meine Schritte zu langsam. Mit dieser bescheuerten Rüstung kam ich schon gar nicht zurecht. Würde doch nur einmal in meinem Leben etwas funktionieren!
Das Monster holte aus. Der Schlag, den Elevin schon so oft im Geist gesehen hatte, sauste auf ihn hernieder. Ich lief, lief schneller. Und sprang. Mitten in den Schwertstoß hinein. Irgendwie schaffte ich es noch, mein Schwert in den Oberarm des Monsters zu bohren. Es kam kaum auf der anderen Seite wieder heraus. Oma hätte lieber den Kerl am Tisch sitzen gehabt als mich. Der hatte genug trainiert.
Das Geräusch des Hiebes in Fleisch und Knochen erreichte mich erst nach diesem abstrusen Gedanken.
„Elli, nein!“
Ich krallte mich an meinem Schwert fest.
„Schnell, töte ihn!“, nuschelte ich.
Das Monster war erstaunt und konnte sich nicht bewegen. Da hing unerwartet ein kleiner Mensch an seinem Schwertarm mit der Waffe. Visionen können einen fertigmachen. Ein echtes Schwert vermag dies noch viel mehr.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Elevin zustach. Das Monster sah noch verwirrter aus als zuvor.
„Mir wurde doch geweissagt, ich würde den großen Seher töten!“
„Das hast du auch getan“, murmelte ich. Aber wie üblich hörte mir niemand zu. Ich brach zusammen. Mein Bauch brannte wie Feuer. Vom Rand meines Sichtfeldes her breitete sich Dunkelheit aus. Dann tauchte Elevins Gesicht vor mir auf.
„Elli, nein. Halte durch.“
Ich hatte das verdammte Schwert doch noch losgelassen, und meine Hände fühlten sich fast so an wie immer. Kalt.
„Ich bin glücklich...“, dann kam nur noch Blut aus meinem Mund. Ich hätte allzu gern noch so viel gesagt.
Ich bin glücklich, deine Schwester zu sein. Ich bin glücklich, dass mein Mageninhalt noch immer dort ist, wo er sein sollte. Ich bin glücklich, dass ich einmal etwas geschafft habe. Die Dunkelheit schwappte über mich hinweg, und das Feuer in meinem Bauch erlosch.
Elevin stand auf dem Hügel. Wie immer starrte er über die Bäume. Der Nebel war verschwunden und seine Sicht so klar, als könnte er bis ans Ende der Welt sehen.
Unter einem Baum stand eine alte Frau, die sah, wie ihr Enkel zusammenbrach und nach seiner Schwester rief. Tränen liefen ihr über die faltigen Wangen. Die große Zukunft für Elevin hatte begonnen, er würde den Clan beschützen. Elli würde in den Geschichten des Clans weiterleben - das unsichtbare Mädchen, das zur Heldin geworden war.
Pulsuz fraqment bitdi.