Kitabı oxu: «Veza Canetti zwischen Leben und Werk»
Vreni Amsler
Veza Canetti zwischen Leben und Werk
Netzwerk-Biografie
Für Stefan, Salome, Medea
Impressum
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ISBN 978-3-7065-6074-0
Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation,
Innsbruck/Scheffau – www.himmel.co.at
Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig
Umschlag: Studienverlag/Karin Berner nach einem Entwurf von Stefan Häuselmann
Umschlagbild: Modulat 2001 der Schweizer Künstlerin Andrina Jörg
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Titel
Einleitung
A. Familienkosmos in Wien
A1. Familienkosmos am Kanal: Radetzkyplatz – Praterstern
A2. Wichtige Figuren des Familienkosmos
A2.1 Die Mutter Rahel Calderon
A2.1.1 Der Vater Hermann Taubner
A2.1.2 Der Stiefvater Menachem Alkaley
A2.1.3 Zwei Halbbrüder
A2.1.4 Der Paranoiker
A2.2 Die Grosseltern mütterlicherseits
A2.3 Die Geschwister der Mutter Rahel Calderon
A2.3.1 Die Onkel Jacques J. und Moritz J. Calderon
A2.3.2 Die Schwestern Calderon
A3. Freundschaften aus Kindheit und Jugend
A3.1 Gerti Spitz
A3.2 Alice Asriel
A4. Quellenlage zu Kindheit und Jugend
ZWISCHEN: Der linke Unterarm – ein Tabu?
B. Von der Universität zur Berufstätigkeit
B1. Englisch an der Universität Wien
B2. Universitätsbibliothek
B3. Übersetzerin
B4. Englischlehrerin
B5. Fremdsprachenkorrespondentin
B6. Lektorin
B7. Mitarbeiterin der Arbeiter-Zeitung
C. Frühe Freunde: die Asriels und die Waldingers
C1. Die Asriels und Fredl Waldinger
C2. Die Felonen: junge Intellektuelle im Hause Asriel
C2.1 Sport versus Selbstmord
C2.2 Hans Asriel
C2.3 Ernst Waldinger
C3. Die Asriels und die Mahler-Kreise
C4. Die Frauen der Felonen und die Psychologie
C5. Die Asriels – mehr als ein Treffpunkt
ZWISCHEN: Von Wera Figner zu Kaspar Hauser: „Sie ist nun zur Künstlerin geworden.“
D. Salon Camilla Spitz
D1. Der Salon Spitz: Veza – ein Bild
D2. Die Gäste des Salons Spitz
D2.1 Grete Wiesenthal, Hugo von Hofmannsthal
D2.2 Richard Billinger und seine Freunde Csokor, Zuckmayer
D2.2.1 Franz Theodor Csokor: rote oder gelbe Strasse
D2.2.2 Carl Zuckmayer, Alice Herdan-Zuckmayer
D2.3 Die Schwarzwaldschule – ein Kontrapunkt zum Salon Spitz
D2.4 Die von Karl Kraus Verbannten im Salon Spitz
D2.4.1 Imre Békessy und die Tageszeitung Die Stunde: das Letztpublikationsorgan
D2.4.2 Anton Kuh – Die Affenoper
D2.4.3 Felix Salten – Der Sieger
E. Salons – Künstlerzirkel
E1. Bohèmenhafter Künstlersalon Trude Schmidl-Waehner
E2. Officina Vindobonensis
E3. Salon der Alma Mahler
F. Angelpunkt Vorlesung Karl Kraus
ZWISCHEN: Pseudonym – oder die Gefangene der eigenen Identität
Z1. Das Pseudonym Veza Magd
Z2. Die Pseudonyme mit dem Namen Murner
Z3. Von Veronika Knecht zu George Brand
Z4. Schnittstelle Pseudonym/Ghostwriting
G. Sozialistischer Freundes- und/oder Arbeitskreis in Wien
G1. Verschollener Kaspar-Hauser-Roman
G1.1. Zeit und Blickwinkel: der Fokus Grünewald
G1.2. Nachträgliche Konstruktionen für die Entstehung der Blendung
G1.3. Die eine Hand des Gelehrten und der Widerstand gegen Kleopatra
G1.4 Die Verkleidung der Dame mit Namen Brand von Alexandria
G1.5. Dostojewski und die persönliche Verstrickung
G1.6 Vom Woyzeck-Vergleich zu den akustischen Masken
G1.7 Der Dichter als Fälscher
G1.8 Entstehung der Komödie der Eitelkeit
G2. Publikationsorte und ihre Personenkreise
G2.1 Netzwerk Arbeiter-Zeitung
G2.1.1 Ernst Fischer und die Arbeiter-Zeitung
G2.1.2 Die Arbeiter-Zeitung und Käthe Leichter, Otto Leichter
G2.1.3 Die Arbeiter-Zeitung und Dr. König
G2.1.4 Die Arbeiter-Zeitung und Alfred Grünewald
ZWISCHEN: von der sozialistischen Buchhandlung zu den Nürnberger Protokollen
G.2.2 Publikationen in Zeitungen ausserhalb Österreichs
G2.2.1 Berlin am Morgen
G2.2.2 Deutsche Freiheit
G2.2.3 Der Republikaner
G2.3 Der Malik-Verlag und seine Personenkreise
G2.3.1 Dichterin im Malik-Verlag
G2.3.2 Lektorin und Übersetzerin im Malik-Verlag
G.2.3.3 Ludwig Hardt
G3. Erste Lesung: Volkshochschule Leopoldstadt 12. Februar 1933
G3.1 Dichter werben Dichter
G.3.2 Schmelztiegel Volkshochschule Zweigstelle Leopoldstadt
G3.3 Volkshochschule – Wiener Kreis – Austromarxismus
G4. Kommunistische Freunde: von den Asriels zum Treffpunkt Ober St. Veit
G4.1 Theodor Waldinger
G4.2 Fritz Jensen/Jerusalem, Ruth Domino/Tassoni
G4.3 Walter Hollitscher, Eduard März
G5. Letztpublikationen im Jahre 1937
ZWISCHEN: Der rote Faden oder der Dichter als Hund seiner Zeit
Z1. Der Dichter als Hund seiner Zeit
Z2. Die Theaterstücke: Der Oger, Der Tiger
Z3. Der verschollene Roman Die Geniesser – der Dichter als Hund seiner Zeit
H. Die letzten zehn Jahre in Wien – Familie, Freunde
H1. Familienkosmos Ferdinandstrasse bis Herbst 1935
H1.1 Elias Canetti: vom langjährigen besten Freund zum Ehemann
H1.1.1 Die volle Wahrheit über unsere Beziehung
H1.1.2 Die Tafeln am türkischen Tempel
H1.1.3 Mein intimster literarischer Freund
H1.1.4 Spielraum und Freiheit – eine Dichterin dazu
H1.2 Mutter und/oder Madonna
H1.3 Koproduktion, Ghostwriting, Übersetzen, Literaturagentin
H2. Familienkosmos Grinzing Himmelstrasse bis Herbst 1938
H2.1 Die Sorge um den Lebensunterhalt – ich koste gar nichts
H2.2 Die Helfer in der Not: Morris Calderon und Georges Canetti
H2.3 Ich nehme für Canetti jedem Menschen Geld weg
H2.4 Intermezzo Gersbergalpe: von der Tabula rasa zum Bankbuch
H2.5 Die Familie Canetti/Arditti – der Wandel
H2.5.1 Von der Burton Road Manchester zum Café Prückel
H2.5.2 Mathilde Canetti in Paris
H2.5.3 Der Schwager Georges, ein ewiger Wert
H3. Die Freundeskreise Ferdinandstrasse-Himmelstrasse
H3.1 Heimito von Doderer – dicke Damen vs. Mary K.
H3.2 Hugo von Hofmannsthal – Idol der expressiven Schwärmer
H3.3 Hermann Broch
H3.3.1 Hermann Broch – ein Interdiskurs
H3.3.2 Hermann Broch – ein alter Bekannter
H3.3.3 Hermann Broch – Der Dichter als Hund seiner Zeit
H3.3.4 Hermann Broch – das gefragte Urteil Veza Canettis
H3.4 Die Kreise um Hermann Broch
H3.4.1 Von Ea von Allesch zu Alice Schmutzer
H3.4.2 Dr. Sonne, ein rechter Zionist?
H3.5 Soma Morgenstern – Literaturagentin oder Pesje
H3.6 Veza-Canetti-und-Anna-Mahler-Kreis
H3.6.1 Die Wurzeln der Kreise um Veza Canetti und Anna Mahler
H3.6.2 Die beste Freundin – eine Lichtgestalt
H3.6.3 Das Kreiszentrum – Kultur und/oder Politik?
H3.6.4 Die Kreisperipherie
H3.7 Sozialistische Freunde über den Februar 1934 hinaus
H3.8 Der Zeitungsverleger Jean Hoepffner
J. Flucht und erste Exiljahre in London
J1. Das Netz in die Sicherheit – (wilde) Spekulationen
J2. Exil bis 1945: alte und neue Netzwerke
J2.1 Selbstanalyse der Lebensbedingungen und Netzwerke
J2.2 Die Netzwerke zu den Wohnorten während des Krieges
J2.2.1 King Henry’s Road
J2.2.2 Amersham
ZWISCHEN: Dichterin im Exil – Hoffnung auf Erfolg
Z1. Als Dichterin in England Fuss fassen vs. alte Kontakte in Wien aktivieren
Z2. Der Seher und seine exemplarische Publikationsgeschichte
Z3. Der Seher, das spanische Korpus und die Dichtergattin
Z4. Das Verschwinden aus den Literatenkreisen
Z5. Vom spanischen Korpus über Die Flucht vor der Erde zu Der letzte Wille
K. Die Netzwerke im Exil nach dem Zweiten Weltkrieg
K1. Entwicklung der Freundeskreise aus Wien in London
K2. Familienkosmos im Exil
K2.1 Die neue alte Rolle als Ehefrau von Elias Canetti
K2.1.1 Scheidung oder nicht
K2.1.2 Sekretärin und Literaturagentin für Elias Canetti
K2.2 Georges Canetti
K2.3 Die Verwandten in England
K2.3.1 Der Bruder Morris Calderon
K2.3.2 Alice Asriel und ihre Verwandten in England
K2.3.3 Veza Cansino-Calderon – Manchester/New York
K2.4 Die Verwandten in Österreich, in Sofia und in Amerika
K3. Aktivierung der alten Wiener Netzwerke/Freundschaften
K3.1 Sozialistische Freunde aus Wien
K3.2 Die Künstler- und Dichterfreunde aus Wien
K4. Veza Canettis Literaturdrehscheibe in London
K4.1 Übersetzerin
K4.2. Lektorin, Editorin
K4.3 Texterin für illustrierte Kindergeschichten
K4.4 Literaturagentin
K4.5 Aktivierung der alten beruflichen Netzwerke
K5. Neue Freundschaften – ein Netzwerk?
ZWISCHEN: Misserfolg des Eigenen – Erfolg mit Ghostwriting
Z1. Misserfolg mit dem Eigenen
Z1.1 Erfolglos: die Rolle von Ingeborg Bachmann
Z1.2 Erfolglos: die Rolle von Rudolf Hartung
Z1.3 Erfolglos: Agentur Kalmer und weitere
Z2. Erfolg mit Ghostwriting
Z3. Zusammenarbeit und Zusammenbruch versus Co-Autorschaft
L. Der Tod: kein Netzwerk
Kurzbiografie
Danksagung
Bibliografie
Personenregister
Einleitung
Aus den Recherchen im Elias-Canetti-Nachlass und in verschiedenen Archiven Wiens, aber auch Deutschlands zum Thema Veza Canetti im Kontext des Austromarxismus hat sich eine so grosse Fülle von biografischem Material, Veza Canetti betreffend, ergeben, dass sich das Schreiben einer Biografie geradezu aufgedrängt hat.
Bereits die Korrespondenz Veza Canettis sowie verschiedenes Material aus dem Nachlass von Elias Canetti – der auch den Nachlass von Veza Canetti beinhaltet – offenbart, dass die Autorin schon vor ihrer Zeit mit Elias Canetti mit der Künstler- und Dichterszene Wiens eng verknüpft war. Diese Nähe kann aber auch intertextuell nachgewiesen werden, wie unter anderem Veza Canettis gesellschaftskritische Aufarbeitung von Franz Csokors Theaterstück Die rote Strasse im Roman Die Gelbe Strasse zeigt. Veza Canetti hat sich intertextuell zudem mit Texten von Felix Salten, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Broch sowie Karl Kraus auseinandergesetzt.
Genau diese Art von vorhandenem Material, deren Kern immer auf ein In-Beziehung-Treten Veza Canettis zu anderen Künstlern und ihrem Werk hinweist, hat mich dazu bewogen, eine Netzwerk-Biografie zu schreiben. Überdies hat Veza Canetti mit dem Theaterstück Der Tiger und dem Lustspiel Der Palankin selbst Künstler- und Dichternetzwerke in den Städten Wien und London dargestellt.1
Die vorliegende Arbeit fügt sich in eine Reihe von Forschungsarbeiten ein, die zur Dichterin seit ihrer Wiederentdeckung – knapp dreissig Jahre nach ihrem Tod – anfangs der 90er Jahre erstellt wurden. Eva M. Meidl hat im Band Veza Canettis Sozialkritik der revolutionären Nachkriegszeit schon 1998 darauf aufmerksam gemacht, dass Veza Canetti als Produkt des Roten Wien bezeichnet werden kann. Angelika Schedel verknüpft in ihrer Dissertation von 2002, Sozialismus und Psychoanalyse, bereits ein erstes Mal Leben und Werk der Autorin, ihr gelingt damit ein Quantensprung bezüglich Material und Einordnung. Das Dossier 24 aus dem Verlag Droschl mit dem Titel Veza Canetti versammelt 2005 Aufsätze verschiedener Forscherinnen zur Schriftstellerin, sie wird darin als eine Autorin der Moderne bezeichnet und zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus positioniert. Julian Preece geht 2007 in The Rediscovered Writings of Veza Canetti schon von einer literary partnership von Elias und Veza Canetti aus. Meine eigene Dissertation aus dem Jahr 2017, Veza Canetti im Kontext des Austromarxismus, zeigt die verschiedenen Ebenen der Beziehung Veza Canettis zum Roten Wien – vom Empiriokritizismus eines Otto Neurath zu den Sozialwissenschaften Käthe Leichters, zur Individualpsychologie von Alice Rühle-Gerstel und weiter zur austromarxistischen Literaturtheorie Ernst Fischers.
Die Grundstruktur der vorliegenden Netzwerk-Biografie zu Veza Canetti bilden Konvergenzpunkte als soziale Räume oder Felder, deren Akteure sich als Positionen und Disposition dialektisch lesen lassen. Es handelt sich um Räume oder Grossstrukturen, in denen sich die Autorin bewegt hat. Es sind in erster Linie deren zwei, die Vorkriegsräume (vor dem Zweiten Weltkrieg) und die Exilräume, die unterschiedlicher nicht sein können.2
Die beiden Grossräume werden in je kleinere Räume oder Felder nach Massgabe der Quellen unterteilt und in der kontroversen Dialektik der Akteure gelesen, das heisst, die Räume werden aufgrund ihrer Kontroversität diskursiv herausgearbeitet. Differierende Lesarten der Quellen und Polyfokalität sind Programm des Vorgehens. Temporale Vor- und Rückgriffe werden gezielt eingebaut.
Dabei dienen zeittypische Erzählmuster als Folie sowie künstlerische Handlung als Reaktion auf historisch und milieubedingte Mechanismen.3 Im Zentrum steht dabei die Frage, was die Lebenswirklichkeit und die inszenierte Wirklichkeit unterscheidet.4 Schon aufgrund der Komplexität der Quellenlage ist dies keine einfache Frage. Beispielsweise äussert sich Elias Canetti zu verschiedenen bedeutenden Stationen im Leben von Veza Canetti zum Teil ganz divergent. Der grösste Unterschied ergibt sich zwischen den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis, aber auch die Aufzeichnungen, Notizbücher weisen je nach Lebensalter des Autors, in dem sie geschrieben wurden, grosse Differenzen auf. Als diskursives Korrektiv von Lebenswirklichkeit und inszenierter Wirklichkeit bei Elias Canetti dienen die Briefe von und an Veza Canetti aus verschiedenen Archiven sowie das erzählerische Werk Veza Canettis selbst. Mit einer gezielten Montagetechnik von Zitaten – einem Vorgehen, wie Veza Canetti es selbst in ihrem literarischen Werk anwendet – soll das Netzwerk der Autorin im Sinne einer Netzwerk-Biografie sichtbar werden.
Da die Werkgrenzen von Veza Canetti mit den vielen fliessenden Übergängen zu Ghost-Writing noch nicht klar definiert werden können – ein Forschungsdesiderat –, hat sich eine Ironisierung der Forderung „Eine kritische Biographie aber muss zwischen ‚Leben‘ und ‚Werk‘ genauer unterscheiden, als es den Hermeneutikern notwendig erscheinen mag“5 geradezu aufgedrängt. Die schillernde Ambiguität dieses Zwischen wird in der vorliegenden Netzwerk-Biografie als Ort definiert, an dem das gesamte offizielle und nichtoffizielle Werk von Veza Canetti zu entdecken ist – ein Tabu.
A. Familienkosmos in Wien
Nicht nur entwicklungspsychologisch vertretbar, sondern auch konkret nachweisbar haben viele der Netzwerke von Veza Canetti ihren Ursprung in der Grossfamilie mütterlicherseits, den Kalderon oder Calderon, einfachheitshalber in der vorliegenden Arbeit als Familienkosmos bezeichnet.
Viele Paradigmen der Kindheit Veza Canettis lassen sich nur indirekt über den Familienkosmos erschliessen, da es sehr wenig direkte Zeugnisse/Quellen zur Kindheit der Autorin gibt.
Veza Canetti wird am 21. November 1897 als Venetiana Taubner (Veza Taubner) in Wien geboren. Die kurz zuvor gegründete Familie würde heute als Patchworkfamilie bezeichnet werden. Mutter und Vater bringen je einen Sohn im Teenageralter in die Ehe mit ein. Die Mutter, Rahel Calderon, war in erster Ehe mit Heinrich M. Calderon, einem türkischen Grosshändler, verheiratet gewesen, die Ehe wurde möglicherweise 1892 geschieden, wie ein schlecht lesbarer Eintrag in die Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien zeigt. Ihr Sohn aus dieser Ehe ist der dreizehnjährige Morris H. Calderon6. Der Sohn von Hermann Taubner mit dem Namen Wilhelm ist zwölf Jahre alt.7 Die neugegründete Familie, deren Wurzeln in die verschiedenen Teile, ja Ränder der Donaumonarchie reichen – für die Stadt Wien um die Jahrhundertwende nichts Ungewöhnliches –, wohnt vorerst in der Unteren Viaduktstrasse 23, im III. Bezirk. Schon bald aber wird auf die andere Seite des Kanals, an die Czerningasse 14, gezügelt, dann wieder über den Kanal an die Radetzkystrasse 3, in unmittelbarer Nähe des Radetzkyplatzes.8 Hier, in grosser Nähe zu den Grosseltern mütterlicherseits, die an der gleichen Strasse in Nummer 13 wohnen, bleibt die Familie bis 1900. Danach geht es auf die gegenüberliegende Seite des Donau-Kanals, in die Tempelgasse 6,9 wenige Schritte vom späteren Wohnsitz Ferdinandstrasse 29 entfernt. Bis zum Alter von drei Jahren hat das Kleinkind Veza Taubner also bereits drei Mal die Wohnung und drei Mal die Kanalseite gewechselt.
Am 1. Dezember 1904 stirbt Veza Taubners Vater in Belgrad im Alter von 57 Jahren; über die genauen Umstände seines Todes und ob er in Belgrad in seinem Beruf als Reisender tätig gewesen war, ist nichts bekannt. Im darauffolgenden Jahr 1905 wechselt Veza Taubners Mutter noch einmal die Kanalseite und wohnt nun wiederum in der Nähe des Radetzkyplatzes, in der Matthäusgasse 5.
Erst im Jahr 1911 wird Rahel Calderon ein letztes Mal die Kanalseite wechseln und in die Leopoldstadt, Ferdinandstrasse 29, 5. Stock ziehen. Aus der Matthäusgasse 5 wird sich ein Menachem Alkaley ebenfalls in die Ferdinandstrasse 29 abmelden.10 Dieser Sachverhalt entspricht exakt den Beschreibungen der Ich-Erzählerin in der Kurzgeschichte Geld-Geld-Geld von Veza Canetti. Erhält da das erzählende Kind doch einen Stiefvater, der gleichzeitig den Untermieter in der Wohnung der Mutter ersetzt. Erst Wochen später zieht die Familie in eine grössere, bessere Wohnung, das wäre in Veza Taubners realer Welt dann die Wohnung in der Ferdinandstrasse 29.
Elias Canetti wird in den Aufzeichnungen von 1971 schreiben: „Vezas Kindheit wird nie geschrieben werden, und nur ihre wäre es wert gewesen.“11
Eine der ganz wenigen direkten Äusserungen Veza Canettis zu ihrer Kindheit stammt aus dem Jahre 1947, sie schreibt diesbezüglich im Londoner Exil: „Warum ich heulte (bei der Hochzeit der Prinzessin Elisabeth, Anm. va)? Weil ich auch einmal eine Prinzessin war. Das war zur Zeit der Monarchie und ich sass jeden Sommer in einer Villa in Ischl und der Kaiser fuhr immer vorbei, und ich winkte und er winkte zurück und meine Mutter war überzeugt es galt mir. Das war jeden Vormittag und ich war sieben Jahre alt.“ (BaG 298) Natürlich kann das als märchenhafte Schwärmerei eines kleinen Mädchens abgetan werden, aber das Setting als Ganzes – Villa in Bad Ischl und die exakte Angabe des Alters mit sieben Jahren – weist darauf hin, dass Veza in sehr gepflegten Verhältnissen aufgewachsen sein muss. Die exakte Altersangabe könnte ein Hinweis darauf sein, dass dies nachher vielleicht nicht mehr immer der Fall war. Denn nur wenige Woche nachdem Veza sieben Jahre alt geworden war, starb ihr Vater.
A1. Familienkosmos am Kanal: Radetzkyplatz – Praterstern
Auch die Grosseltern Vezas mütterlicherseits – der türkische Grosshändler Josef M. Calderon und seine Frau Veneziana, geborene Elias –, die ursprünglich ihre Wohnung in der Leopoldstadt, in der Unteren Donaustrasse 29 (ebenfalls in der Nähe der Synagoge in der Tempelgasse), hatten, wechselten die Kanalseite und wohnten spätestens ab den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Nähe des Radetzkyplatzes, und zwar in der Radetzkystrasse 13, bis zum Tod der Grossmutter anfangs der 20er Jahre.
Vor ihrer Ehe mit Hermann Taubner muss die Mutter Vezas mit ihrem halbwüchsigen Sohn Morris ebenfalls in der Radetzkystrasse 13 gewohnt haben, womöglich in der gleichen Wohnung wie die Grosseltern Vezas.
Auch der jüngere Bruder von Rahel Calderon mit Namen Morris/Maurizio J. Calderon, geboren 12.05.187012, lebte gemäss dem Adressbuch der Stadt Wien bis 1910 in der Nähe des Radetzkyplatzes, in der Oberen Weissgerberstrasse 11.
Von besonderem Interesse ist das Haus Radetzkystrasse Nummer 3. Hier, wo Veza als Kleinkind im Jahr 1900 gewohnt hatte, wird im Jahr 1924 Elias Canetti mit Mutter und Brüdern für ein Jahr wohnen.
Nach dem Auszug der Familie von Veza Taubner im Jahre 1900 wird Josef J. Calderon, der Bruder von Rahel Calderon, bei der Geburt seines ersten Kindes 1900 ebenfalls als in der Radetzkystrasse 3 wohnhaft gemeldet, bereits im Jahre 1903 aber schon nicht mehr. In dieser Wohnung, „möbliert, auf übliche, etwas schwere bürgerliche Weise“13, wie Elias Canetti schreibt, von „den gelben Ehebetten im Schlafzimmer bis zum dunkelblauen Buffet im Speisezimmer stand alles solid und wie für die Ewigkeit da“14, lebte nun bis zum Jahr 1920 eine Schwester von Vezas Mutter, nämlich Olga Levy, geborene Calderon, mit ihrem Mann Max Hirsch und mit den Kindern Charles (geboren 1893) und Katharina, genannt Kitty (geboren 1895). Olga Hirsch – die in Elias Canettis Lebenserinnerungen Olga Ring15 genannt wird – lebte nach dem Tod ihres Mannes den grössten Teil des Jahres bei einer Tochter in Belgrad16, sodass die Wohnung weitervermietet werden konnte, einzig ihr Sohn Charles alias Johnnie, der Barpianist, bewohnte das in Elias Canettis Lebenserinnerungen beschriebene legendäre Kabinett in der Radetzkystrasse 3. Dass ausgerechnet Veza bei der Familie von Elias Canetti die Miete für ihre Tante einkassieren ging, wird von Elias Canetti mit Johnnies Unfähigkeit im Umgang mit Geld erklärt: „Eine Zeitlang war es sein Amt gewesen, die Miete für seine Mutter einzuziehen und sie mit einigen Abzügen nach Belgrad zu überweisen. So lautete sein Auftrag, doch faktisch frassen die Abzüge die ganze Miete auf und für die Mutter blieb nichts. Alles, was sie bekam, waren unbezahlte Rechnungen, und da sie nicht wusste, wie sie bestreiten – von der glücklichen Ehe war nichts als die Wohnung übrig –, musste eine bessere Regelung getroffen werden. Ihre Nichte, Veza, übernahm es sich um die Vermietung der Wohnung und monatlich um die Einziehung der Miete zu kümmern.“17
Noch in den Entwürfen zur Fackel im Ohr hatte es geheissen: „Von Veza hatte man erfahren, dass die Wohnung zu mieten sei, sie selbst kam monatlich, die Miete einkassieren.“18
Elias Canetti hatte schon ein paar Monate vor der Radetzkystrasse 3 alleine mit Georges an der Praterstrasse 22 bei den Sussins (ein Häuserblock entfernt von der Ferdinandstrasse 29) gewohnt.19 Was die Vermittlung der Wohnung durch Veza Taubner, wie in den Entwürfen Elias Canettis notiert, wahrscheinlicher macht.
Tatsächlich war Elias Canetti in seiner ersten Wiener Zeit von 1913 bis 1916 ebenfalls in der Leopoldstadt wohnhaft gewesen. Das heisst, in der Josef-Gall-Gasse 5, wie er in den Lebenserinnerungen schreibt. Oft übernachtete er bei seinem Grossvater väterlicherseits in der Praterstrasse 72 im Hotel Austria, damit er frühzeitig am Sonntagmorgen in die Talmud-Thora-Schule in der Novaragasse gehen konnte, um Hebräisch zu lernen.20 Ganz in der Nähe, am Praterstern, wohnte die „interessanteste Freundin“21 von Elias Canettis Mutter, Alice Asriel.22 Elias Canetti freundet sich mit deren Sohn Hans Asriel an. Gemäss Die Fackel im Ohr wird er 1924 bei der „Wiederbegegnung“ im Haus der ebenfalls sephardischen Familie Asriel häufig den Namen Vezas hören.23 Auch die Herkunftsfamilie von Elias Canetti hat sich zwischen Radetzkyplatz und Praterstern bewegt wie Veza Taubners Mutter Rahel Calderon und die Grosseltern Calderon-Elias. Kleiner Exkurs: Reine Spekulation bleibt vorerst, ob das Kindermädchen aus dem Jahre 1913 mit dem Namen Fanny – das Elias Canetti und seine sehr kleinen Brüder in den Prater begleitete – möglicherweise die Freundin Veza Taubners war. In den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis wird eine Freundin Vezas als Fanny bezeichnet.24
A2. Wichtige Figuren des Familienkosmos
Innerhalb des Familienkosmos der Kalderon/Calderon sind nicht nur die Eltern und Halbbrüder Veza Taubners von Interesse, sondern auch die vielen Tanten und Onkel mütterlicherseits sowie die mit diesen assoziierten Freunde und Bekannten.
A2.1 Die Mutter Rahel Calderon
Rahel Calderon wird 1864 in Belgrad geboren. Sie verbringt vermutlich nur einen Teil ihrer Kindheit in Wien. Sie wächst mit sieben Geschwistern auf. Ab wann konkret ihr Vater, der türkische Grosshändler Josef M. Kalderon, in Wien ansässig wurde, kann nur indirekt erschlossen werden. Erst 1877 wird anlässlich der Geburt der Tochter Junbula der Wohnsitz Wien angegeben.25 Die Geburt der Tochter Josefine Sultana 1872 wurde nicht in Wien verzeichnet, sodass der Lebensmittelpunkt der Familie in diesen fünf Jahren nach Wien verlegt worden sein muss. Veneziana Kalderon-Elias, die Mutter von Rahel Calderon, stammte ursprünglich aus Baden bei Wien.
Veza Taubners Mutter, Rahel Calderon, geht insgesamt drei Ehen ein. Mit 19 Jahren, im Jahr 1883, heiratet sie Heinrich M. Kalderon in Wien, in den Adressbüchern der Stadt Wien (Lehmann’s Adressbuch) wird er als Kalderon Heim (Heinrich M.) geführt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist Heinrich M. Kalderon der Bruder von Rahels Vater.26 Heinrich M. Kalderon ist von 1882 bis 1892 in Wien als türkischer Grosshändler tätig, teilweise in einer Firma mit seinem Bruder Josef M. Kalderon, teilweise mit Schwiegersöhnen von Josef M. Kalderon (Cohen und Lewy). Von 1890 bis 1892 wird seine Einzelfirma an der Wohnadresse Schmelzgasse 9 verzeichnet. Die Ehe wurde 1893 gemäss Kürzel im Heiratsregister der Israelitischen Kultusgemeinde geschieden. Was zuerst stand, der Austritt aus der Firma oder die Trennung von Veza Taubners Mutter Rahel, ist unbekannt. Über den weiteren Verbleib von Heinrich M. Kalderon ist ebenfalls nichts bekannt, auf der Todesanzeige seines Bruders im Jahr 1908 ist er noch aufgeführt. Die Scheidung Rahel Calderons hatte zur Folge, dass sie vom Jahr 1893 an wieder bei ihren Eltern, in der Radetzkystrasse 13 wohnend, in den Matriken aufgeführt wird.27
Der zweite Ehemann Rahel Calderons ist der um 17 Jahre ältere Hermann Taubner. Tatsächlich ist der dritte Gatte, Menachem Alkaley, geboren 1848, ebenfalls 16 Jahre älter als Rahel Calderon, ihn überlebte sie allerdings nur um fünf Jahre. Ein genaues Heiratsdatum gibt es in den Matriken der Stadt Wien und bei der Israelitischen Kultusgemeinde nicht. Rahel Taubner-Calderon ist aber im Adressbuch der Stadt Wien (Lehmann’s Adressbuch) unter diesem Namen bis zum Jahr 1911 registriert, danach weder unter dem alten noch unter dem neuen Namen. Menachem Alkaley erscheint in diesem Adressbuch bis zu seinem Tod nie, obwohl nachweislich in Wien wohnhaft.28 Es ist anzunehmen, dass Rahel und Menachem von 1911 an verheiratet waren. Sie werden in den Matriken der Stadt Wien als Ehepaar bei ihrem Einzug in die Ferdinandstrasse 29 im Jahr 1911 geführt. Bei beiden ist der Umzug aus der Matthäusgasse 5 in die Ferdinandstrasse verzeichnet. Veza Taubner erhält also spätestens im Alter von 14 Jahren einen Stiefvater. Der Beruf des 63-Jährigen wird in den Matriken mit Privatier angegeben.
Über eine Berufstätigkeit von Rahel Calderon ist nichts bekannt, in den Matriken der Stadt Wien und der Israelitischen Kultusgemeinde wird sie als Private bezeichnet. Wenn man die Erzählung Geld-Geld-Geld von Veza Canetti autobiografisch liest, kann man davon ausgehen, dass Rahel Taubner-Calderon einen Teil der Wohnung – Matthäusgasse 5 – untervermietet hatte und dass sich ein neuer Untermieter auch als Stiefvater, der dem Mädchen das Herz der Mutter rauben würde, entpuppen konnte. Dass sich gewisse Untermieter – „Er war vierschrötig, mit grossen dunklen Augen.“29 – tatsächlich in unziemlicher Art und Weise der Ich-Erzählerin, dem noch nicht zwölfjährigen Mädchen, genähert haben müssen, beschreibt Veza Canetti mit folgenden Worten: „Der Mieter versuchte mich zu holen (wir hatten einen Mieter, wir waren arm, darum kam ja dieser Stiefvater), ich kehrte ihm den Rücken. Und es war noch nie ein Kind so unglücklich wie ich.“30
Ganz anders war es für das zwölfjährige Mädchen aber dann beim neuen Untermieter und potenziellen Stiefvater: „Und dann stieg jemand die Treppe herauf, ein hagerer Mann, lang und mager, mit einer riesigen Nase und er trug einen Pelz mit Nerzkragen und einen hohen Fez auf seiner Glatze, denn er war ein Türke aus Bosnien. Und er hielt einen Stock in der Hand und seine Augen waren nicht gross und dunkel, sondern klein und farblos, wie blind, aus den Wangen ragten weisse Stoppeln, und ich wusste, dass dies der Stiefvater war. Und plötzlich fiel alles ab: der Ekel, der Kummer, die Scham. Neugierig sah ich den hageren Greis heraufsteigen, immer mit dem Stock voran, und hinter ihm erschien jetzt jung und leichtfüssig meine Mutter, glitt auf mich zu, umarmte mich heftig und flüsterte: ‚Du kannst Papa zu ihm sagen oder Onkel.‘‘“31 Ganz anders gestaltet sich auch der Kontakt zu diesem neuen Stiefvater für das Kind: „Als mich der Stiefvater sah, öffnete er seinen zahnlosen Mund zu einem schwarzen Loch, schob die Zunge durch die Wange und sagte: ‚Aha!‘ Dann schlug er mit dem Stock auf mein Bein, es war seine Liebkosung. Die Magd und der Mieter lachten nicht, als sie den komischen Greis sahen, sondern sie traten ehrfürchtig zur Seite; denn er besass siebenundvierzig Häuser.“32 Schon am ersten Abend zeigt sich dem Kind aber der Geiz des neuen Stiefvaters: „Da mein Stiefvater siebenundvierzig Häuser besass, liess meine Mutter auch die beiden kleinen Stehlampen anzünden, denn das spielte jetzt keine Rolle. Ich betrachtete indessen seine lange krumme Nase und war plötzlich auf das viele Spielzeug neugierig, das mir die Magd in Aussicht gestellt hatte. Er schien mich zu erraten. Denn er griff schmunzelnd in die Tasche und entnahm ihr ein kleines Stück Papier. Umständlich packte er daraus ein angeklebtes Zuckerl und reichte es mir mit königlicher Noblesse zwischen zwei langen Fingern hin.“33
Bald aber sehnt sich das Kind nach der alten Ordnung. „Aber die sollte nicht wieder eintreten. Denn wir wussten wohl, dass der Stiefvater siebenundvierzig Häuser besass, aber wir wussten nicht wie er sie erworben hatte. Wir zogen nach einigen Wochen in eine grosse Wohnung mit elektrischer Beleuchtung, aber wenn es auch genügend Platz da gab, mussten wir doch alle im selben Zimmer leben, denn er duldete keine zweite Lampe im Haus. Zu Mittag sassen wir bei Tisch und meine Mutter häufte mir den Teller an. Aber wenn sie das winzige Stück Fleisch darauf legte, das ein Kind von zwölf Jahren braucht, bohrte er seine farblosen Augen auf das winzige Stück und sagte: ‚Fleisch bekommt sie!‘ Mochte mich jetzt meine Mutter noch so warm ansehen, das Fleisch brachte ich nicht hinunter und darauf schien er gewartet zu haben. Er spiesste es auf seine Gabel und legte es zufrieden auf seinen Teller.“34
Der beschriebene Wohnungswechsel in der Erzählung Geld-Geld-Geld erklärt zudem, weshalb nach den Matriken der Stadt Wien nicht nur die Mutter von Veza Taubner, Rahel Taubner-Calderon, sondern auch der Stiefvater, Menachem Alkaley, als aus der Matthäusgasse 5 nach Ferdinandstrasse 29 umgezogen, gemeldet wurden. Erst mit dem Umzug von 1911 ist Rahel Taubner-Calderon unter dem Namen Alkaley verzeichnet. Da die Heirat an sich weder bei der Israelitischen Kultusgemeinde noch bei der Stadt Wien als solche registriert ist, kann davon ausgegangen werden, dass Menachem Alkaley und Rahel Taubner-Calderon womöglich in Bosnien – zum Beispiel in Alkaleys Heimatort Sarajewo – geheiratet hatten. Veza Canetti erzählt dann auch, wie die Mutter, nachdem sie den neuen Stiefvater heimgebracht hatte, „müde von der Reise, in die Küche ging und Pasteten buk.“35 In dieser Erzählung vernimmt der Leser zudem, dass die Verwandten die Mutter der Ich-Erzählerin zur Heirat gedrängt haben müssen und sogar so weit gingen, vom Kind zu verlangen, gefügig und gütig zum Stiefvater zu sein,36 aber auch dies erweist sich als Bumerang. Nachdem das Mädchen dem Stiefvater mit seinen Ersparnissen einen Uhrenständer gekauft hat, den er zuerst entzückt in Augenschein nimmt, kürzt er der Mutter das Wirtschaftsgeld mit folgender Begründung: „Ihr müsst viel Geld haben, dass ihr Geschenke machen könnt.“37
Ob der kolossale Reichtum von Menachem Alkaley – wie von Elias Canetti beschrieben – eine Existenz sicherte, die auch noch in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg genug gross war, um ein Leben ohne Sorgen zu führen, ist bis anhin nicht mit weiteren Quellen gestützt nachweisbar. In der Erzählung Geld-Geld-Geld beschreibt Veza Canetti die Krisenjahre und die Geldentwertung folgendermassen: „Und dann kamen die Kriegsjahre. ‚Tausend Kronen hab’ ich dir (der Mutter der Ich-Erzählerin, Anm. va) gegeben, weisst du, was das heisst, tausend Kronen!‘ Sein langer Finger zitterte vor Aufregung, als er ihn beschwörend auf die Stirn legte. Er sah aus wie ein gefangener Machthaber, den man mit Forderungen erdrosselt.“ Der Stiefvater kann aber nicht verstehen, dass die tausend Kronen nicht einmal eine mehr wert sind. „Wir aber hungerten. Bei meiner Mutter verschlimmerte sich infolge dieser Not ein Leiden und sie lag schwerkrank im Bett.“38 Des Stiefvaters hohe Einkünfte hingegen „lagen bei einem Bankier, der mit der Zeit damit seine Bank vergrösserte. Denn er benützte das Geld zu Spekulationszwecken und sandte erst die entwerteten Scheine jeweils den Kindern. Die hatten mit ihren Besitztümern zu viel zu tun, um das planmässige dieses Betreibens zu durchschauen.“39 Die Krankheit der Mutter hingegen wird vom Stiefvater mit folgender Bemerkung quittiert: „‚Aha!‘ sagte der Stiefvater. ‚Aha! Krankheit ist Faulheit! Auf! Auf! Arbeite etwas!‘ Und er schlug mit dem Stock zu ihrem Bett hinüber.“40 Veza Canetti erzählt weiter: „Es war ihm nicht beizukommen. Wir waren nur die unbezahlten Helfer in seinem Dienst. Wir darbten und er schwelgte. Sein Verwalter brachte ihm jeden Monat die Abrechnung über Aktien, die er im Laufe der Zeit erworben hatte, und es bereitete ihm einen grossen Genuss zu kalkulieren, welche Zinsen sie trugen.“41 Die Mutter der Ich-Erzählerin hält sich von da an nicht mehr an ihre „strengen Begriffe von Pflichterfüllung, sondern begann jeden Nachmittag auszugehen.“42
Am Ende seines Lebens fängt dieser Stiefvater in seinem Wahn an, in grösserem Stil Geld zu vernichten: „Noch ehe ich mich ihm genähert hatte, nahm mein Stiefvater die Banknoten und warf sie blitzschnell in die Glut. (…) Mit der Zeit schwand ein Päckchen nach dem andern, ohne dass wir es hindern konnten, denn er trug Geld Tag und Nacht bei sich.“43 Auf dem Sterbebett die Hand seines aus der Ferne herbestellten jüngsten Sohnes haltend, wird der sterbende Stiefvater noch einmal der Alte: „Er dachte befriedigt, dass meine Mutter nichts bekam und als er den Blick hob, stachen ihm noch die hellen Möbel in die Augen. Sein Gesicht wurde hungrig. ‚Nimm ihr die Möbel weg‘, sagte er zu seinem Sohn. ‚Alles werde ich ihr nehmen‘, versprach dieser und bat meine Mutter mit dem Blick um Entschuldigung.“44
Zu den in der Erzählung Geld-Geld-Geld gemachten Milieuschilderungen passen auch die durch Elias Canetti in seinen Unpublizierten Lebenserinnerungen gemachten Aussagen zu Alkaleys Tod.
„Während dieser Zeit hatten sich die äusseren Umstände ihres Lebens verändert. Ihr Stiefvater, der uralte Altaras, starb, was eigentlich nach all seinen Erfahrungen mit Ärzten niemand mehr für möglich gehalten hätte. Er blieb bis zum Schluss der gleiche und es gelang ihm, für eine Überraschung in seinem Sinne auch nach seinem Tod zu sorgen. Alles was er an Reichtümern (Banknoten) aufzustapeln pflegte, war verschwunden. Er muss Mittel und Wege gefunden haben, sich von diesem Geld, an dessen Gegenwart er so hing, zu trennen. Vielleicht hatte er es, als er spürte, dass es zu Ende ging, allmählich fortgetragen und in den …kübel (?) geworfen. Vielleicht war es ihm doch noch unbemerkt gelungen, einiges davon zu verbrennen. Nichts davon fand sich nach seinem Tode (war da), aber damit nicht genug, er hatte bei dem Besuche seines Sohns, in aller Heimlichkeit, durchgesetzt, dass der Frau für den Fall seines Todes eine stark reduzierte Rente ausgesetzt wurde, die wohl für ihren Lebensunterhalt, aber keineswegs für Ersparnisse reichte. Er hatte verfügt, dass diese Rente nur so lange nachzuzahlen sei, als seine Witwe lebte. Mit ihrem Tod erlosch sie, für Veza war nicht gesorgt, seine späte Rache für den Kampf, den sie um die Lebensluft ihres Zimmers gegen ihn geführt und gewonnen hatte.“45
In der Fackel im Ohr wird Alkaley zu Mento Altaras und damit auf die rein anekdotisch-sarkastischen Elemente reduziert.
Rahel Calderon überlebt ihren dritten Mann nur um fünf Jahre und stirbt mit 70 Jahren am 13. Oktober 1934; drei Tage später, am 16. Oktober, findet die Beerdigung statt.46
37 Jahre haben Mutter und Tochter zusammen gewohnt, im letzten Jahr von Rahel Calderon wohnt auch Elias Canetti da. Mutter und Tochter müssen sich zeitlebens sehr nahegestanden sein, was verschiedene Quellen bezeugen, zum Beispiel schreibt Veza Canetti an ihren Schwager Georges Canetti in einem Brief vom 20. Dezember 1934: „Ich bin lebensmüde. Ja. Denn meine Mutter war wirklich gut und sie war mein guter Trottel, der sich von mir quälen liess und mich abgöttisch liebte. Jetzt bin ich ganz verlassen.“ (BaG 27)
Kurz vor ihrem eigenen Tod schreibt Veza Canetti am 2. März 1963: „Ich kann nicht nach Wien, so gern ich auch das Grab meiner Mutter besuchen würde, mein Herz ist schon einmal gebrochen, wie ich weg musste, noch einmal hält es das nicht aus.“47
A2.1.1 Der Vater Hermann Taubner
Veza Taubners Vater, Hermann Taubner, wird in Semlin geboren, das ursprünglich zum ungarischen Teil der Donaumonarchie gehörte und heute ein Vorort von Belgrad ist. Sein Beruf wird in den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde mit Reisender oder Agent angegeben, sein Alter bei der Heirat 1897 mit 50 Jahren. Der Vater von Hermann Taubner trägt den gleichen Namen wie er selbst, die Mutter Rosa ist eine geborene Fein. Der Wohnort am Tage der Heirat wird in den Matriken mit Hotel Stefanie, Taborstrasse angegeben. Hermann Taubner ist geschieden und hat einen Sohn mit Namen Wilhelm, der 1885 geboren wurde. Über den Verbleib der Mutter dieses Sohnes ist nichts bekannt. Auch über Hermann Taubner selbst gibt es sehr wenig Informationen. Ist er am 1. Dezember 1904 (Veza hatte da gerade das Alter von sieben Jahren erreicht) in Bosok bei Rechnitz – weit entfernt von der Familie – an einem Unfall gestorben oder war er krank gewesen? Sprach er, der Reisende oder Agent, Ungarisch, Serbisch, Spaniolisch, Wienerisch, was alles im Bereich des Möglichen liegt?
Sehr gut denkbar ist, dass er mit seiner Tochter Veza Ungarisch gesprochen hat. Auf sehr gute Kenntnisse der ungarischen Sprache der Autorin weist hin, dass sie sich noch im Jahr 1948 beim Weismann-Verlag danach erkundigt hat, ob sie den Roman Pusztavolk von Illyes Gyula für den Verlag Cape ins Englische übersetzen könne.48 Willi Weismann hat ihr daraufhin die Adresse dieses ungarischen Verlages gesandt, von dem er die deutschen Rechte besass.
Ein etwas kryptischer Eintrag in den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis weist auf ein krudes Amalgam von Macht im Familienbereich der Calderons hin: „Ich war wie ein Gefangener von dem schrecklichen Ehepaar Calderon und seiner ungarischen … (?) zum Tempel buchstäblich hingezwickt worden.“49 Dass das ungarische Element bei diesen Vorwürfen – wie man auf die Schnelle denken könnte – nicht ein Hinweis auf die Familie von Vezas Vater Hermann Taubner ist, zeigt ein Blick in die Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde: Der Trauzeuge bei der Hochzeit von Elias Canetti und Veza Taubner ist Jacques Kalderon. Da es sich kaum um den seit mehr als 20 Jahren in England wohnenden Onkel Vezas handeln kann, kommt nur der Bruder des Grossvaters, der gemäss Lehmann’s Adressbuch bis 1937 in Wien gewohnt haben muss, in Frage. Damit wird klar, dass es sich bei den „ungarischen“ um die Schwester von Rahel Calderon gehandelt haben muss, deren Ehemann, Moritz Hirsch, ungarischer Staatsangehöriger war. Es ist die gleiche Familie, die den Canettis 1924 die Wohnung am Radetzkyplatz vermietet hatte.
Zum Unbehagen mit dem Begriff Ungarischen gibt es ein weiteres Kuriosum. Diesmal beim Matrikenamt der Stadt Wien, hier steht beim Datum 12. August 1918, vielleicht im Zusammenhang mit Venetiana Taubners Volljährigkeit, der Eintrag Ferdinandstrasse 29. Als Heimatzuständigkeit wird Borsok Ungarn angeführt, mit den weiterführenden Informationen mosaisch und ledig.
Aus dem Jahre 1934 hingegen gibt es eine Bürger-Urkunde, die Veza Taubner einen anderen Bürgerort zuweist, nämlich jenen von Semlin bei Belgrad. Semlin gehörte im Gegensatz zu Belgrad zur alten Donaumonarchie, seit dem Ersten Weltkrieg aber zu Serbien. Was der Grund für den Wechsel des Bürgerortes gewesen ist, bleibt vorerst unbekannt. Es scheint allerdings so, dass Veza Taubner die Bürgerorte beider Eltern hatte, Semlin und Borsok.
A2.1.2 Der Stiefvater Menachem Alkaley
Sehr wenig ist über Menachem Alkaley und dessen Sippe bekannt und doch erwähnt Elias Canetti, dass sich Veza 1961 in Zürich mit Erna Alkaley getroffen habe, der Enkelin ihres Stiefvaters, die in Belgrad mit einem Architekten verheiratet gewesen war.50 Möglicherweise ist dies ein Indiz dafür, dass das Verhältnis mindestens zur Familie Menachem Alkaleys nicht von Beginn weg ein arges gewesen sein muss, wie aus den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis hervorgeht. Interessant wäre ja diesbezüglich, mit wem der Stiefvater vor Rahel verheiratet gewesen war, wie viele Söhne und Töchter dieser Ehe entstammen und so weiter.
Besonders interessant wird es betreffs die Familie Alkaley, wenn man wiederum die Erzählung Geld-Geld-Geld von Veza Canetti hinzuzieht.
Einer der in den historischen Adressbüchern verzeichneten Alkaleys, die in Wien ansässig sind, heisst Salomon Alkaley, er ist Besitzer einer Schuhfabrik. Falls dieser wirklich ein Sohn von Menachem Alkaley wäre (es gibt im Wien der Zwischenkriegszeit gemäss Lehmann’s Adressbuch weitere Alkaleys), erhält die in Geld-Geld-Geld erzählte Geschichte um die Magd, die ihren Brotgeber aus Rache mit ungesundem Essen vergiftet, eine grössere autobiografische Brisanz als vorerst angenommen.
Zu der oben dargelegten Übereinstimmung des Stiefvaters mit Menachem Alkaley kommt nun ausserdem hinzu, dass der Mord der Magd an diesem als Rache für das In-den-Tod-Treiben ihres eigenen Ehemannes tatsächlich vor einem weiteren realen Hintergrund zu sehen wäre. Dass ein Schuster Schulden bei einem Schuhfabrikanten haben könnte, ist mehr als wahrscheinlich. Ebenso gut ist denkbar, dass die Schuhfabrik zuvor Menachem Alkaley gehört hatte. Vielleicht hat sich Veza Canetti einfach vom Alkaley-Umfeld zu dieser gelungenen Erzählung inspirieren lassen. Auch für den psychisch kranken Immobilienbesitzer und Rentier Pilatus Vlk im Roman Die gelbe Strasse gibt es im Alkaley-Umfeld, neben dem Stiefvater, genügend andere potenzielle Vorbilder.
A2.1.3 Zwei Halbbrüder
Die beiden Halbbrüder Wilhelm Taubner und Morris H. Calderon waren mit höchster Wahrscheinlichkeit von der Unteren Viaduktstrasse über die Radetzkystrasse 2 bis zur Tempelgasse 6 im Familienverband noch dabei, am neuen Wohnort Matthäusgasse 5, ab 1905, werden sie nicht mehr aufgeführt. Was die Tatsache bedeuten könnte, dass die beiden Jungen im Register der Stadt Wien – wo Hermann Taubners Todestag mit 1. Dezember 1904 eingetragen wurde – sofort oder womöglich eher Monate oder Jahre später gestrichen wurden, ist schwer zu sagen.
Einerseits waren die beiden Brüder da bereits 17 und 20 Jahre alt, also in einem Alter, in dem sie selbständig einer Arbeit nachgehen konnten, falls sie nicht studierten; andererseits ist erwägenswert, dass gerade der Tod des Vaters sie aus finanziellen Gründen in die Arbeitswelt und damit in die Selbständigkeit geworfen haben könnte.
Vezas Halbbrüder sind 12 und 13 Jahre älter als Veza. Was das für ein Mädchen bedeuten kann, mit zwei Brüdern im Teenageralter aufzuwachsen, beschreibt Veza Canetti in Die Gelbe Strasse: „Frau Andrea pflegte von sich zu erzählen, sie wäre als Kind recht hässlich gewesen und häufig kränklich. Von ihren Brüdern sprach sie mit viel Heiterkeit, besonders einer Begebenheit erinnerte sie sich, wie die Brüder nämlich eines Tages weisse Mäuse heimbrachten und jeder eine weisse Maus beim Schweif fassen und in den Mund stecken musste. (…) ‚Als Kind habe ich gern Tabak geschnupft‘, erzählte Frau Andrea. ‚Meine Brüder haben mich erst gezwungen, und dann hab ich es mir angewöhnt. Auch weisse Mäuse musst ich immer beim Schweif nehmen und in den Mund stecken. Sie kribbelten mir dann im Gesicht herum, es war schrecklich.‘“ (GSt 119, 127)
Der Kontakt zum älteren Bruder, Morris H. Calderon, der später in Surrey lebte, scheint nie abgebrochen zu sein. Über die Beziehung zu Wilhelm ist nichts bekannt.
Der Bruder Wilhelm Taubner, 1885 geboren, stammte aus der ersten, geschiedenen Ehe des Vaters von Veza Taubner. Mit Ausnahme des Namens der Mutter, Amalie, geborene Noskovitz, ist nichts über diese erste Familie bekannt. Leider ist auch über das weitere Leben von Wilhelm Taubner, der beim Tod des Vaters als Handelsangestellter bezeichnet wird, nichts aufzufinden.51
Morris H. Calderons Spuren in den Archiven Wiens verlieren sich 1911, als er im Alter von 27 Jahren mit Jacques J. Calderon, einem Bruder seiner Mutter, und dessen Familie nach England auswandert. Morris H. Calderon wird von Veza Bucky genannt. Er erscheint in verschiedenen Quellen als der Greissler in Surrey, da er vor dem Zweiten Weltkrieg ein Süsswarengeschäft in Lightwater bei Bagshot führt. (BaG 384)
Veza Taubner hat sich wahrscheinlich in ihrer Jugend und Adoleszenz oft bei ihm selbst oder dann beim Onkel Jacques J. Calderon und dessen Familie in Manchester aufgehalten.
Wie wichtig Morris Calderon für Veza während ihrer letzten Jahre in Wien gewesen sein muss, erfährt man aus einem Brief an Georges aus dem Jahr 1936: „Wir hungerten. Wir hatten keine Kohle. Wir waren krank und hatten keinen Schilling im Haus. Lange lange Zeit. Mein Bruder, ein armer Greissler in Surrey, zahlt uns den Zins.“ (BaG 62) Und auch noch zehn Jahre später, 1946, formuliert Veza Canetti ganz allgemein hinsichtlich der Verwandten in England: „(…) ganz zu schweigen davon, dass ich sie in den letzten Jahren einiges an Geld gekostet hab, das kannst Du mir glauben.“ (BaG 202)
Eine ausgesprochen nette Charakterisierung des Bruders Morris, der tatsächlich gerne Ingenieur geworden wäre und fünf Sprachen spricht, liefert Veza am 31. März 1938 an Georges Canetti: „Ja, wenn mein ehrbarer Bruder in Surrey wüsste, dass ich Ihnen Liebesbriefe schreibe, er würde seine reinen guten Augen weit aufreissen, denn er hat Charakter. Er spricht fünf Sprachen, wäre gern Ingenieur geworden, träumt von einem riesigen Park, in welchem Elephanten, Eisbären, Gazellen (also Sie), Igel und Schweinchen friedlich herumspazieren und ihm aus der Hand fressen.“ (BaG 103)
A2.1.4 Der Paranoiker
Veza Canetti schreibt in einem Brief aus dem Jahre 1937: „Ich habe als Kind mit einem Paranoiker zusammengelebt, der seit zehn Jahren in Wien interniert ist.“ (BaG 83) Wer dieser Paranoiker ist, lässt Raum für Spekulationen. Die Frage ist, wer lebte im Haushalt von Rahel Calderon, der unter einer psychischen Krankheit litt. Die beiden Ehemänner Hermann Taubner und Menachem Alkaley können es nicht gewesen sein, weil beide 1937 längst tot waren. Möglich wäre, dass damit der Halbbruder Veza Taubners, der zwölf Jahre ältere Wilhelm, gemeint sein könnte, dessen Spuren sich im Einwohnerregister der Stadt Wien im Jahr 1905 verlieren. Falls die zweite Aussage Veza Canettis im gleichen Brief dieselbe Person betrifft, war diese zuvor bereits in der psychiatrischen Klinik in Inzersdorf hospitalisiert. „Mein Irrer in Inzersdorf liess mich immer im Radio die Hetzreden gegen ihn anhören.“ (BaG 83)52 Eher ungewöhnlich wäre allerdings dann, dass Veza Canetti den Namen des Paranoikers oder Irren nicht nennt, vor allem dann nicht, wenn es sich um den Halbbruder Wilhelm gehandelt haben könnte. Durchaus nicht auszuschliessen ist, dass Rahel Calderon in ihrer Wohnung einen psychisch kranken Menschen allenfalls gegen Bezahlung betreut hätte.
A2.2 Die Grosseltern mütterlicherseits
Der Grossvater Josef M. Kalderon ist spätestens seit 1877 in Wien wohnhaft und ab 1881 mit eigener Firma. Am Anfang mit wechselnden Geschäftspartnern wie mit den Brüdern Jacques M. Kalderon53 und Heinrich M. Kalderon, den Schwiegersöhnen Josef Cohen und Isaac Farchy, ab Ende der 80er Jahre führt Josef M. Kalderon das Geschäft in eigener Regie. Die Familie Josef M. und Veneziana Kalderon lebt nach Lehmann’s Adressbuch seit 1878 in Wien. Denkbar ist aber auch ein früherer Wohnsitz, da ein Kalderon M. oder Men. schon 1860 und 1861 mit einer Firma am Hafnersteig verzeichnet ist. Hier gibt es dann allerdings eine Lücke von 16 Jahren bis zum Jahr 1877, in der keine Kalderons mehr in Wien vermerkt werden.
Ab 1900 wird die Firma Josef M. Kalderon zu Josef M. Calderon & Söhne. Von den Söhnen ist allerdings nur noch Jacques J. Calderon in Wien wohnhaft.
Nach dem Tod des Grossvaters 1908 gibt es die Firma noch ein Jahr lang, aber bereits 1910 existiert sie nicht mehr.
1911 wandert der Sohn Jacques J. Calderon nach England aus und ab 1911 ist gleicherweise der zweite Sohn Morris J. Calderon in Wien nicht mehr registriert.54
Veza Taubners Grossmutter Veneziana Calderon, geborene Elias, lebt bis zu ihrem Tod im Jahr 1922 weiter an der Radetzkystrasse 13.55 In den Unpublizierten Lebenserinnerungen schreibt Elias Canetti über die Grosseltern von Veza: „Der alte Calderon, der eine Frau namens Veneziana Elias geheiratet hatte, war ein sehr wohlhabender und hochgeachteter Mann, der in der spaniolischen oder wie man sie offiziell nannte türkisch-israelitischen Gemeinde Wiens als grossherziger Wohltäter galt. Er hatte den ‚türkischen‘ Tempel in der Zirkusgasse gestiftet, auf zwei grossen Marmortafeln vor dem Eingang prangte rechts sein Name, links der seiner Frau.“56
Womöglich hatten diese Donatorentafeln etwas mit dem Neubau des türkisch-jüdischen Tempels in der Zirkusgasse 22 (1885–1887) zu tun. Es ist gut vorstellbar, dass der türkische Grosshändler Josef M. Calderon, der bereits seit zehn Jahren in Wien ein Geschäft führte, sich als Donator oder Sponsor für die Synagoge engagierte und damit auch profilierte. Der Neubau des erst 1868 errichteten Bethauses an der Zirkusgasse 22 war nötig geworden, da dieses „gleich zu Beginn grosse Mängel in der Planung“57 aufgewiesen hatte.
Konkreter zur Bedeutung der Donatorentafeln wird Elias Canetti in den Entwürfen zum Augenspiel, indem er bezogen auf seine Heirat in ebendiesem Tempel erwähnt, dass an diesem Ort ja schon seit Beginn eine Tafel mit dem Namen Veneziana Elias gestanden habe, der prophetische oder gleichsam visionäre Gehalt der Tafel offenbare sich nun bei der Hochzeit des Dichterpaares: „Wir heirateten Ende Februar 1934 im Tempel in der Zirkusgasse. Er war von Vezas Grossvater Rafael Calderon (Josef M. Calderon, Anm. va) für die spaniolische Gemeinde in Wien erbaut worden. In einer Mauer rechts vom Eingang waren zwei grosse Tafeln eingelassen worden, die den Namen des Stifters und seiner Frau trugen. Vezas Grossmutter, nach der sie genannt worden war, hiess mit Vornamen Veneziana. Mit ihrem Familiennamen hiess sie Elias. So stand auf der einen Tafel in grossen Goldbuchstaben VENEZIANA ELIAS. Seit der Erbauung dieses Tempels – ich denke, nicht lange vor der Jahrhundertwende – waren unsere Namen hier nebeneinander gestanden. (Sie finden sich heute nicht mehr dort. Im November 1938 wurde dieser Tempel wie alle andern in der Leopoldstadt in Brand gesteckt und die Tafeln herausgeschlagen.)“58
Eine total andere Bedeutung – ganz im Sinne des dialektischen Materialismus – erhalten Donatoren und ihre Tafeln in den literarischen Werken Veza Canettis. Der als sehr geizig geltende, Ehefrau und Kinder prügelnde Iger aus dem Roman Die Gelbe Strasse und dem Drama Der Oger erhält eine goldene Ehrentafel wegen seinen Spenden für das Kinderheim. Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass es bei den grosszügigen Spenden von Iger nur um den Eintrag auf der Ehrentafel und die damit einhergehende Selbsterhöhung gegangen sei und nicht um das Wohlergehen der Kinder im Kinderheim. Noch sarkastischer ist diese Sachlage dargestellt in der nach 1933 nie mehr separat publizierten Erzählung Der Zwinger: „(…) in dem über jedem Bett eine grosse Marmortafel mit dem Namen des Spenders hing“.59 Diese Erzählung, in der tatsächlich im Zentrum ein Zwinger steht, mit dem im Volksmund eine Kinderbewahranstalt bezeichnet wird, wurde von der Autorin später zusammen mit der prämierten Erzählung Ein Kind rollt Gold zu einem Kapitel mit dem Titel Der Zwinger in den Roman Die gelbe Strasse eingearbeitet.
Eine sogenannte Kinderbewahranstalt befindet sich an der Unteren Weissgerberstrasse 12 unweit des Radetzkyplatzes, das heisst, des Wohnortes der Grosseltern, und damit nicht allzu weit entfernt von Veza Taubner, die nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter an der Matthäusgasse 5 ebenfalls in der Nähe des Radetzkyplatzes gewohnt hatte (1905–1911). Hier könnte die Autorin im Alter von 8 bis 14 Jahren mit Kindern aus dem Kinderheim – möglicherweise über den gemeinsamen Schulort – in Kontakt gekommen sein.
Bekannt sind die sehr häufigen Aufenthalte der Grossmutter Veneziana Calderon, geborene Elias, in ihrem Herkunftsort Baden bei Wien. Dies ist bezüglich Veza Taubner von Interesse, da sie ihre Grossmutter schon in der Kindheit an diesen Ort begleitet haben könnte. Hier kann sie schon sehr früh mit dem Dichter Alfred Grünewald in Kontakt gekommen sein, war er doch später assoziiert mit den Felonen (Gruppe sozialistischer Jugendlicher), die auch für Veza Taubner Bedeutung erlangen werden. Alfred Grünewald besuchte in Baden bei Wien häufig seine Schwester, die dort ihren Wohnsitz hatte. In der gleichen Strasse wie Grünewalds Schwester wohnte zeitweilig ausserdem Stefan Zweig.60 Exkurs: Vielleicht kann diese Gegebenheit die Existenz eines Gedichtes an Stefan Zweig erklären, das sich in Elias Canettis Nachlass befindet und undatiert ist, aber vor 1928 geschrieben worden sein muss. Es ist ein Hassgedicht oder eine Art Mitteilung an Stefan Zweig, darin dieser als Nebenbuhler in der Liebe oder Literatur aufscheint.61 Ob Elias Canetti mit der „Hur“ jemand aus dem Umfeld der Calderons gemeint haben könnte, geht aus dem Gedicht nicht hervor. Bestimmt ist es hingegen eine Anspielung auf Stefan Zweigs stadtbekannte Vorliebe für ganz junge Frauen. Gut dokumentiert ist jedoch, dass Elias Canetti Stefan Zweig über dessen Tod hinaus gehasst hat, obwohl ihm dieser 1935 seinen ersten Verlag vermittelt hatte.
„An Stefan Zweig
Auf wessen Schoss sie morgen
Ihren Altersschlaf hält
Und ob sie als zahnlose Hur
Dir noch besser gefällt.“62
Eine frühe Bekanntschaft von Veza Taubner mit Stefan Zweig – den Carl Zuckmayer als Katalysator für Talente bezeichnet – könnte viele, sehr frühe Kontakte (vor und nach dem Ersten Weltkrieg) von Veza Taubner in der Dichter- und Kunstszene Wiens erklären. „Stefan Zweig war ein ausgesprochener Katalysator: unerschöpflich seine Freude, Menschen, von denen er etwas hielt, zusammenzubringen. So habe ich erst durch ihn Joseph Roth, den er besonders liebte, auch Bruno Walter und Toscanini kennengelernt.“63
Stefan Zweig und Alfred Grünewald sind aber durchaus nicht die einzigen Kontakte zur Dichterszene, die die Familie Calderon gepflegt haben muss.
A2.3 Die Geschwister der Mutter Rahel Calderon
Von den sieben Geschwistern von Veza Taubners Mutter Rahel Calderon sind zwei Onkel, Jacques J. und Moritz J. Calderon, sowie die beiden Tanten Olga Hirsch und Camilla Spitz bezüglich der Autorin von Interesse.
A2.3.1 Die Onkel Jacques J. und Moritz J. Calderon
Ein kleines Kuriosum bilden die beiden Söhne von Josef M. Calderon, dem Grossvater von Veza, beide sind in den Adressbüchern der Stadt Wien erst von dem Punkt an aufgeführt, wo sie zur Firma gehören. Es ist anzunehmen, dass die beiden zuvor bei ihren Eltern, Radetzkystrasse 13, gewohnt hatten. Jacques J. Calderon, der bei der Firmengründung 40 Jahre alt ist, heiratet 1900 anlässlich des Eintritts in die Firma des Vaters die 20 Jahre jüngere Sarina Levy. Er wechselt bis zur Aufgabe der Firma nach dem Tod des Vaters 1908 viele Male seine Adresse in Wien. Im Jahr 1911 wandert die inzwischen vierköpfige Familie schlussendlich mit Dienstmädchen und dem Neffen Morris Calderon, dem Bruder von Veza Taubner, nach England aus.
Der zweite, im Jahr 1900 bei der Firmengründung erst 30-jährige Bruder von Rahel Calderon, Moritz J. Calderon, wird in den Firmen-Adressbüchern immer als in Belgrad ansässig bezeichnet, vielleicht handelt es sich um eine Zweigniederlassung oder sogar das ursprüngliche Hauptgeschäft. Seine Heirat mit Sultana, geborene Demajo, wird bei der Israelitischen Kultusgemeinde Wien dadurch nicht verzeichnet und sein Name taucht in den Wiener Adressbüchern nach Aufgabe der Firma nicht mehr auf.
Gleich mehrfach bedeutend ist diese Migration des Onkel Jacques J. Calderon für Veza Taubners weiteres Leben. Elias Canetti schreibt in seinen Unpublizierten Lebenserinnerungen dazu:
„Ihre (Veza Canettis, Anm. va) englischen Verwandten, die sie oft besuchte, wohnten teils in Manchester, teils in London. Wenn sie in Manchester war, wohnte sie in der Burton Road, West Didsbury, in unserer Strasse. Ich hörte aus ihrem Munde dieselben Namen, die ich als die letzten Worte meines Vaters in Erinnerung hatte. Es waren die Namen, die unsere Adresse bildeten und er sagte sie dem kleinen Bruder Georg vor, damit er an ihnen das Sprechen übe. Das Vertrauen, das ich zu ihr fasste, als ich aus ihrem Mund von der Burton Road hörte, kam wie eine Erlösung, es war, als sei der Krieg zuhause zu Ende gegangen, vielleicht hätte ich doch früher schon kommen sollen. Doch blieb es nicht ganz bei dieser Übereinstimmung, in einem Punkte, der sich auf Menschen der Burton Road bezog, gerieten wir aneinander. Sie pflege dort bei einem Bruder ihrer Mutter zu wohnen, der dafür bekannt sei, dass er immer lache. ‚Jacques Calderon mit dem unendlichen Schnurrbart‘, sagte sie und plötzlich sah ich den Mann vor mir, der bei der Gedächtnisfeier für meinen Vater neben den anderen Männern an der Wand unseres Esszimmers stand und lachte. Ich hatte ihn schlagen wollen vor Wut, aber er war viel zu gross für mich, ich rannte weinend aus dem Zimmer und bewahrte ihm ein schreckliches Gedenken. Das sagte ich ihr jetzt und schilderte ihn, in den Jahren seither war das Bild, das ich von ihm hatte, nicht besser, nur böser geworden. Sie suchte mir ein anderes zu geben: er sei ein einfacher Mann, der niemand etwas zu leid tun könne und aus Gutmütigkeit immer lache. Er sei nicht sehr klug, Zureden oder gar trösten, das könne er nicht, darum suche er jede schwierige Situation durch Lachen zu überbrücken, das habe er damals gewiss auch versucht, er sei gar nicht dazu imstande, sich den Ernst und die Trostlosigkeit eines Kindes vorzustellen.“64
Die Familie von Elias Canetti migrierte nicht nur im gleichen Jahr, sondern wohnte obendrein in der gleichen Strasse wie Veza Taubners Onkel Jacques J. Calderon. So ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Veza Taubner schon vor dem Ersten Weltkrieg mit der Familie von Elias Canetti in Kontakt gekommen war. Veza Taubner muss sogar direkt von Jacques J. Calderon vom Tod des Vaters von Elias Canetti erfahren haben, wie er selbst in den Unpublizierten Lebenserinnerungen schreibt, und dabei hat sich der Onkel aus der Perspektive von Veza nicht schlecht benommen: „(…) derselbe Mann, den ich für so herzlos halte, habe mit Wärme und Teilnahme davon gesprochen, von ihm habe sie es erfahren und als etwas Unfassbares in Erinnerung behalten. Sie habe sich manchmal seither gefragt, was aus den drei kleinen Kindern ohne Vater geworden sei.“65
Über das konkrete Leben von Jacques J. Calderon in England ist hingegen bis anhin wenig bekannt. Sarina Calderon, seine Frau, muss in England zu Reichtum gekommen sein. Als Witwe ihres Mannes oder aus anderen Gründen, ist nicht bekannt. Sarina Calderon-Levy unterstützt bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ihre Schwester Alice Asriel-Levy – eine Freundin Veza Canettis – während deren Exil in Paris. Auch muss sie während des Zweiten Weltkriegs weitere Wiener Verwandte und Bekannte, die nach London migriert waren, unterstützt haben, wie beispielsweise ihre Schwester Tony Levy/Wally Loew (beide Namen sind gebräuchlich) oder die Schwägerinnen von Fredl Waldinger, einem gemeinsamen Freund der Familien Calderon, Asriel und Canetti.66
Sarina Calderon-Levy ist zudem eine Schulfreundin von Olga Schnitzler, der Ehefrau von Arthur Schnitzler. Arthur Schnitzler erwähnt in seinem Tagebuch von 1921 den Besuch von Sarina Calderon-Levy bei seiner Ehefrau. Sarina Calderon sei aus Manchester angereist, um ihrer Schwester Alice Asriel-Levy bei deren Scheidung zu helfen.67
A2.3.2 Die Schwestern Calderon
Elias Canetti schreibt im Jahr 1990 in den Aufzeichnungen zu Veza Canetti: „Sie wuchs auf unter den vielen Schwestern ihrer Mutter, von denen einige berückende Schönheiten waren. Sie wurde von ihnen verwöhnt.“68
Von den mindestens sieben Schwestern Rahel Calderons – wie auf der Todesanzeige69 des Grossvaters verzeichnet – werden von Veza Canetti selbst sowie von Elias Canetti nur zwei explizit erwähnt, Camilla Spitz und Olga Hirsch, obwohl die restlichen Schwestern gemäss den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ebenfalls in Wien gelebt haben müssen.
A2.3.2.1 Olga Hirsch
Olga Hirsch, die um zwei Jahre ältere Schwester von Rahel Calderon, wird in den Entwürfen zu den Lebenserinnerungen von Elias Canetti folgendermassen beschrieben.
„Ihre Tante war eine feurige, schöne Frau, mit dem kühnen Gesicht einer Römerin, stattlich und stolz, die älteste (glaube ich) der sechs Calderon-Töchter, in Wien aufgewachsen, nach Zemlin (?) zuständig (?) (gegenüber von Belgrad), das noch zur alten Monarchie gehörte.“70 Sie ist die einzige Schwester Rahel Calderons, die von Elias Canetti näher beschrieben wird. Wie ihre Schwester Rahel hat Olga Calderon früh geheiratet und sich bald wieder scheiden lassen. Im Jahr 1893 – nur vier Jahre vor der Schwester Rahel – heiratet sie den Ungaren Max/Moritz Hirsch, einen Kaufmann. Rahel und Olga wohnen bereits in den 1880er Jahren während ihrer beiden ersten Ehen, die dann beide fast gleichzeitig geschieden wurden, in unmittelbarer Nähe an der Schmelzgasse 6 und 9 in der Leopoldstadt. Nach dem Tod von Hermann Taubner und vor der Heirat mit Menachem Alkaley – somit bis ins 14. Lebensjahr von Veza Taubner – wohnen die beiden Schwestern Calderon wiederum in grosser Nähe zueinander – nämlich am Radetzkyplatz (Radetzkyplatz 3 und Matthäusgasse 5). Zufall oder nicht, die neuen Ehemänner der beiden Calderon-Schwestern sind Ungarn und im Handel tätig, der eine als Reisender und der andere als Kaufmann. Auch sind die Kinder von Rahel und Olga im gleichen Alter. Der fast schon legendäre71 Sohn von Tante Olga, Charlie Hirsch, ist nur vier Jahre älter als Veza und Olgas Tochter Katharina, genannt Kitty (in den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde so eingetragen), zwei Jahre älter. Auf einem Foto von 1915 ist Veza mit ihrer Tante Olga und deren Mann Max Hirsch im Eingang zu einer Alphütte in Alt-Aussee zu sehen.72 Ob Veza Taubner regelmässig mit der Familie Hirsch Ferien in Alt-Aussee verbracht hat, kann vorerst nicht mit weiteren Quellen belegt werden. Einen interessanten Einblick in die wienerisch geprägte Kulturszene am Ferienort Alt-Aussee, betreffend den Sommer 1916, gibt Auguste Mayer (geboren 1892), eine Bankierstochter aus Wien, in ihren unter dem Pseudonym Gusti Stridsberg verfassten Lebenserinnerungen Menschen, Mächte und ich. „Ende Mai verliessen wir Wien. Mama hatte eine Villa in Alt-Aussee gemietet, das allmählich ein Sammelpunkt vieler Wiener wurde, die das schwerkranke Österreich nicht verlassen wollten (…) Hans von Kaltenegger (…) Hermynia von zur Mühlen (…). Im Parkhotel wohnte Arthur Schnitzler mit Frau Olga. Fast täglich traf ich die beiden auf den Waldwegen, die an unserem Hause vorbeiführten, zumeist in Gesellschaft von Jakob Wassermann.“73
Falls Veza Taubner tatsächlich mit ihren Verwandten regelmässig Ferien in Alt-Aussee verbracht hat, würde das viele sehr frühe Bekanntschaften der Autorin in die Dichter- und Künstlerszene Wiens – möglicherweise schon vor dem Ersten Weltkrieg – erklären und akzentuieren, wie zum Exempel eine Bekanntschaft mit Jakob Wassermann und Marta Karlweis, die in Alt-Aussee lebten, oder mit Hugo von Hofmannsthal, Hermann Broch, Robert Neumann und Friedrich Thorberg, die alle oft ihren Sommer da verbrachten.74
Zur Bedeutung der Familie von Olga Hirsch für Veza Canetti gibt es aus dem Jahr 1946 in einem Brief an Georges Canetti eine sehr eindrückliche Passage. „Immer wenn ich lese, wie sie hungern (die Österreicher nach dem Zweiten Weltkrieg, Anm. va), geh ich in die Küche und esse ein Ei, manchmal geh ich in unser vornehmes Restaurant und denk daran, wie sie hungern, und esse Brathuhn. Ja, es schaudert einen, aber meine liebe Tante Olga wurde in die Gaskammer gebracht mit ihren Kindern und Enkeln, acht an der Zahl, sie wurden vor ihren Augen ermordet, und damit ist die Sache klar … gibt es in Châteaubriant übrigens Kinos, denn ich muss jeden zweiten Tag einen Film sehen, sonst werd ich verrückt.“ (BaG 211)
Charlie Hirsch, der Cousin von Veza Canetti, wird von Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen als Barpianist bezeichnet; seine Familie hätte ihn für einen Schubert gehalten, dabei sei er ein abgefeimter Schmeichler gewesen, er sei für eine Frau gehalten worden und mit Geld habe er gar nicht umgehen können. Deshalb habe Veza bei ihnen die Miete für Olga einziehen müssen. Charles Hirsch ist gemäss Wiens historischem Adressbuch Adolph Lehmann’s nur ein einziges Mal, im Jahr 1923, an der linken Wienzeile 14 mit einem Theatergeschichtlichen Büro eingetragen. Ob dies möglicherweise wegen des temporären Charakters in Zusammenhang mit dem Musik- und Theaterfest von 1924 in Wien75 steht, ist nicht bekannt. Zu seiner Tätigkeit als Pianist schreibt Elias Canetti: „Es war, als habe die alte Monarchie noch bestanden, besonders der ungarische Teil war in der Bar, wo Charlie Hirsch spielte, gut vertreten.“76 In mehreren Durchgängen versucht Elias Canetti 1977 der Figur von Karl Hirsch oder eben Charlie gerecht zu werden. Einerseits entwirft er ihn als erfolglosen, alten, dicken und verfetteten Schwulen – Hirsch war da Ende 20 –, andererseits wird Charlies Interesse für die Lektüre des Studenten Elias Canetti dargestellt. Die Verachtung von Elias’ Mutter gegenüber dessen homosexuellen Kontakten habe ins Gegenteil umschlagen können, wenn es sich bei dessen Geliebten um einen Grafen, wie zum Beispiel den Ungarn Graf Tisza, gehandelt habe.
„Wenn er sie auf den häufigen Gängen von seinem Kabinett in die Toilette und zurück traf, grüsste er nicht nur, sondern pflegte gleich etwas anzufügen, was sich auf einen Grafen bezog. ‚Ein nobler Mensch, der junge Tisza‘, sagte er dann, ‚ich war gestern wieder mit ihm zusammen. Der lässt gerne was springen. Sparen ist ein Wort, das es in seiner Sprache nicht gibt. Er kommt mich bald besuchen. Er würde Sie interessieren, gnädige Frau, darf ich ihn vorstellen, wenn er kommt?‘ Eine boshafte Frage. Sie hätte es gewiss nicht verabscheut, einen Grafen Tisza kennen zu lernen, aber durch den Charlie Hirsch, nein, das schien ihr dann doch zu verächtlich. ‚Wenn ich gerade da bin, vielleicht‘, sagte sie. ‚Aber Sie können ihn doch schwer im Kabinett empfangen!‘ ‚Warum nicht? Das ist er gewohnt. Er macht keine Umstände. Die feinsten Herren sind immer am nettesten. Er pflegt nur ganz überraschend zu kommen, ohne sich anzusagen. Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn er plötzlich da ist.‘
Die Mutter blieb unschlüssig und versprach nichts, aber der Gedanke beschäftigte sie, dass Graf Tisza plötzlich vor der Türe stehen und – was noch viel schlimmer wäre – sich zu erkennen geben könnte, wenn er läutete und sie ihm öffnete, könnte sie nicht mehr ausweichen. Dann hätte sie ihn kennengelernt, und zwar durch den Charlie Hirsch (als seinen Freund). Sie sprach oft davon, die Vorstellung quälte sie. Trotzdem war es ihr lieber, sie erlitt diese Demütigung, – denn als suche sie eine Bekanntschaft über Charlie Hirsch. Was auf jeden Fall zu vermeiden war, war dass ich in die Sache hineingezogen wurde, das fand sie viel schlimmer. Ich war schon von der allgemeinen Verachtung angesteckt, mit der man über den Adel sprach und kam ihren Wünschen mehr als ihr lieb war entgegen. In meinen Augen gehörte es zu den bedenklichsten Punkten des Ch. H., dass er soviel von Aristokraten sprach und sie als seine Freunde bezeichnete. Mir schien jede Gesellschaft besser als seine.“77
Zu Karl Hirsch schreibt Veza Canetti in einem Brief von 1946, indem sie den Heiratswunsch von Maud Arditti ironisiert: „Ein Gentleman und das Muster der guten Kinderstube, feine Manieren – ist der Karl Hirsch … “ (BaG 224)
Zu Vezas Cousine Kitty/Katharina Hirsch gibt es noch weniger Informationen. Laut den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde Wien muss sie 1920 einen Bernhard Reich geheiratet haben. Ob es sich dabei um den später in der Sowjetunion berühmt gewordenen Dramaturgen Bernhard Reich (den späteren Ehemann von Asja Lacis) handelt, der tatsächlich 1915 in Wien zum Dr. iur. promoviert wurde und sich bis anfangs der 20er Jahre in Wien als Regisseur betätigt hat, ist unsicher.78
Veza Taubner selbst verwendet in der Erzählung Der Kanal den Namen Kitty als Chiffre für eine Prostituierte. Ein Mädchen namens Emma wird von der Schwester der Dienstbotenvermittlerin, der Bordellbesitzerin Vass, gegen ihren Willen mit ein paar äusserlichen Kunstgriffen zur Prostituierten zurechtgestutzt: „Wie heisst Du mein Kind?“ „Emma Adenberger.“ „Das geht hier nicht. Hier wirst du Kitty heissen. Zieh das an!“ (GSt 109)
A2.3.2.2 Camilla Spitz
Die zweite Calderon-Schwester, die nachweislich eine Rolle im Leben von Veza Canetti gespielt hat, ist die jüngste Schwester der Mutter mit dem Namen Camilla. Mit Jahrgang 1884 ist sie nur um 13 Jahre älter als Veza. Aus den Unpublizierten Lebenserinnerungen von Elias Canetti geht hervor, dass sie eine Art Salon in der Seilerstätte, gerade gegenüber dem Ronacher-Theater, geführt haben muss. Sie war verheiratet mit dem um 20 Jahre älteren Alfred Spitz, einem Juwelier. Er war Teilhaber der Firma Alfred und Hugo Spitz, Kammerjuweliere. Bei der 1907 geborenen Tochter von Camilla Spitz mit dem Namen Veneziana (!) handelt es sich nicht um die spätere Veneziana Cansino, die 1946 in einem Brief von Veza Canetti an Georges Canetti als „am liebsten“ (BaG 207) bezeichnet wird; diese sogenannte Lieblingscousine Veza Canettis ist eine Tochter von Morris J. Calderon, Veza Canettis Onkel mütterlicherseits, und lebt – was die 20er Jahre betrifft – in England. Über eine Beziehung Veza Canettis zu Veneziana Spitz hingegen ist nichts bekannt. Mit Elise (genannt Lily) Spitz, der zweiten Tochter von Camilla Spitz, geboren 1911, bleibt hingegen eine Freundschaft über das Exil hinaus bestehen. Lily Spitz ist Tänzerin und Assistentin von Grete Wiesenthal. Von 1929 bis 1933 veranstaltet Lily Spitz als Lily Calderon, wie sie sich als Künstlerin nennt, vier Tanzabende in der Volkshochschule Urania, im Winter 1932/33 drei Tanzspiele im Volksheim Ottakring: Haltet den Dieb, Der Reiter von Flandern und Die kleine Dreigroschenmusik (Musik von Kurt Weill).79 Lily Spitz startet Ende der 20er Jahre eine internationale Karriere als Tänzerin und geht 1940 nach Amerika ins Exil. In einer Kurzbiografie notiert ihr späterer Ehemann Ted Stone: „She was born 22 March 1911 in Wien as Elise Spitz. But as a dancer, she was known as Lily Calderon which was her parent’s family name.“80 Lily Stone starb 1990 in New York. Grete Wiesenthal schreibt an ihre ehemalige Assistentin und Schülerin Lily Spitz nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1947, wie sie beim Vorübergehen am Haus an der Seilerstätte hinaufschaue zum Balkon und sich der Besuche bei ihnen erinnere.81 Lily Spitz hatte ihr ein Paket mit Kaffee, Kleidern und Weiterem geschickt. Ted Stone schreibt: „In Vienna she was Erste Assistentin bei der Tanzschule Grete Wiesenthal. (…) She danced with many other groups in Europe, including Italy, Spain and England. (…) She never lost touch with Frau Wiesenthal and they constantly wrote each other.“82 Diese Erklärung Ted Stones wird gut dokumentiert durch den regen Briefwechsel zwischen Grete Wiesenthal und Lily Spitz nach dem Zweiten Weltkrieg, das ehemalige Arbeitsverhältnis der beiden Frauen mündete in eine lebenslange Freundschaft über die Kontinente hinweg.83 Eine undatierte, bestimmt aber vor dem Zweiten Weltkrieg geschriebene Karte der Grete Wiesenthal aus Stockholm an Camilla Spitz an der Seilerstätte in Wien offenbart nachdrückliches Interesse an Veza Canettis Tante Camilla und dem gemeinsamen Freundeskreis in Wien: „Liebe Frau Spitz! Wie geht es Ihnen denn? Schreiben Sie mir doch einmal ich würde mich sehr darüber freuen. Ich denke oft an die guten Freunde in Wien.“84
Elias Canetti schreibt nach dem Tod von Veza Canetti am 20. Mai 1963 an Lily Spitz: „Wir dachten daran, im kommenden Jahr nach U.S.A zu gehen, und da hoffte sie (Veza, Anm. va) sehr, Dich zu besuchen.“85 Von Lily Spitz ist bekannt, dass sie die Schwarzwaldschule86 besuchte. Ob sie durch diese Schule ein erstes Mal in Kontakt mit den Schwestern Wiesenthal, die am dortigen Mädchen-Realgymnasium Tanz unterrichteten, kam oder ob es genau umgekehrt war, dass Grete Wiesenthal zuvor schon im Salon Spitz verkehrt hat, ist nach heutiger Quellenlage nicht definitiv zu entscheiden.87 Veza Canetti selbst hat nach Auskunft Elias Canettis in seinen Unpublizierten Lebenserinnerungen ebenfalls Tanzkurse bei Grete Wiesenthal besucht: „Veza, die immer schon für ihre Lehrerinnen geschwärmt hatte, liebte und verehrte die Wiesental, ihren Namen sprach sie auf unnachahmlich gehobene Weise, er blieb ihr sozusagen in der Nase stecken, die lang und gebogen zu einer Hülse wurde, solche Kostbarkeiten barg sie gern und gab sie nicht leicht her.“88 Nach Auskunft des Stadt- und Landesarchivs Wien war Veza Taubner hingegen nicht Schülerin der Schwarzwaldschule gewesen.89 Da Grete Wiesenthal nicht nur an der Schwarzwaldschule unterrichtet hat und 1917 ausserdem eine eigene Tanzschule gründete, ist der Tanzunterricht von Veza Taubner bei ihr durchaus plausibel.
Ein weiterer Grund für die grosse Verehrung der Grete Wiesenthal durch Veza Taubner könnte überdies im zeittypischen Paradigmenwechsel im künstlerischen Tanz gesucht werden, der von einem Feuilletonisten noch vor dem Ersten Weltkrieg folgendermassen zusammengefasst wurde: „Ich könnte mir eine moderne Tänzerin denken, die auf Krücken tanzt.“90 Veza Taubner fehlte der linke Unterarm.
Ob Veza Taubner an der Schwarzwaldschule als Lehrerin tätig gewesen war, kann ebenfalls nicht belegt werden, gehört aber in den Bereich des Möglichen.91 Zu ihrer Unterrichtstätigkeit schreibt Veza Taubner unter dem Pseudonym Veza Magd im Band Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland 1932 in den Notizen über Leben und Werk: „(…) an einem Privatuntergymnasium fand ich Anstellung als Lehrerin“92.
Interessanterweise gibt es mit Lily Spitz auch später noch Gemeinsamkeiten, hatte die Tänzerin doch schon anfangs der 30er Jahre während eines Engagements in London ihren Wohnsitz in Hampstead, wie auch später wieder, vor ihrer endgültigen Migration nach Amerika im Jahr 1940. In Hampstead werden die Canettis wie viele weitere Wiener Künstler, Dichter und Politiker nach ihrer Flucht im Jahre 1938 Wohnsitz nehmen.
Im erst posthum publizierten Drama Veza Canettis, Der Tiger, erscheint ein kleines Porträt einer international tätigen Tänzerin, vielleicht hat sich die Autorin von Lily Spitz inspirieren lassen:
„ BUFF tanzt herein. Sie ist klein und ihr Kopf wird von ihrer Nase heruntergezogen. Sie kreist um Smith, ihr Blick bleibt gebannt auf seinen Schuhen haften. Sie winkt allen zu, sitzen zu bleiben, dann spricht sie in schadhaftem Englisch. I have changed my mind, I have thought, I must come in, after all.
SMITH Smart. I’m afraid, we’ll have to speak German.
BUFF setzt sich. Wissen Sie, dass ich Sie neulich fasziniert beobachtet habe?
SMITH erstaunt. Mich? Mich haben Sie beobachtet?
BUFF Im Kaffee zum Tiger, Wissen Sie, was mich an Ihnen fasziniert hat?
SMITH Aber nein, das weiss ich nicht.
BUFF Ihre Füsse.
SMITH entsetzt. Meine Füsse.
BUFF Elastisch und doch kräftig. Tanzen Sie?
SMITH Es ist mir sehr leid, ich tanze nicht.
BUFF Schade. Sie sind d e r Tänzer. Sie kommen aus London?
SMITH Amsterdam.
BUFF schleudert den Stuhl weg und saust zum Grammophon. In Amsterdam habe ich grosse Erfolge gehabt, mit diesem Tanz – sie sucht unter den Platten und legt den Türkischen Marsch von Mozart ein. Ich find ihn leider nicht hier, aber das ist auch im ständigen Reportoire – sie beginnt zu tanzen und sinkt nach dem Tanz Smith zu Füssen. Man kann hier nicht gut tanzen, zu wenig Raum. Zigarette, bitte.
SMITH reicht ihr eine Zigarette und Feuer. Ja, natürlich. Man muss fliegen können.
BUFF Wie Sie mich verstehen!
SMITH Danke sehr.
BUFF Wann sind Sie in New York.
SMITH Ich denke im Winter.
BUFF Dann sehen wir uns dort. Sie springt auf, macht eine Pagenverbeugung und geht durch die Mitte ab, von Pasta gefolgt.“ (DF 117 f.)
A3. Freundschaften aus Kindheit und Jugend
Leider sind die meisten Freundschaften Veza Canettis aus Kindheit und Jugend nicht mehr direkt mit Quellen nachweisbar. Indirekt ergeben sich aber doch zwei wichtige Personen aus diesem Lebensabschnitt, Gerti Spitz und Alice Asriel. Den beiden Frauen kommt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das Leben und die Netzwerke der Veza Canetti zu.
A3.1 Gerti Spitz
Bei Gerti Spitz (1899–1978), die von Elias Canetti in den Aufzeichnungen 1995 als Veza Canettis Jugendfreundin bezeichnet wird, handelt es sich nicht um eine Cousine aus dem Hause Spitz-Calderon, wie auf die Schnelle kombiniert werden könnte.93 Gertrude Marianne Spitz, wie sie später heisst, ist Schauspielerin. Sie migriert in den 30er Jahren nach Amerika und lebt nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin in New York. Verheiratet ist sie mit Richard J. Spitz.
Geboren wird Gerti Spitz in Wien als Gertrude Fuchs, sie lässt sich zur Schauspielerin ausbilden und verwendet den Künstlernamen Ariette Leslie. Sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Tochter von Charles Fuchs, Seiden-, Schön- und Schwarzfärber an der Mollardgasse 72.94 Veza Canetti wird 1956 Soma Morgenstern, der ebenfalls in New York lebt, empfehlen, Kontakt mit ihrer Freundin aufzunehmen. Gerti Spitz habe gute Kontakte zum Kiepenheuer Verlag. Die Besitzerin des Kiepenheuer Verlags sei deren Freundin.95 Damit ist Noa Kiepenheuer gemeint, die nach dem Tod ihres Mannes Gustav Kiepenheuer 1949 in Weimar den Verlag in der DDR weiterführte. Am BRD-Zweig des Verlags von Gustav Kiepenheuer, der nach wenigen Jahren zum Verlag Kiepenheuer & Witsch wurde, war Noa Kiepenheuer nach einem Rechtsstreit nicht mehr beteiligt. Veza Canetti erwähnt in diesem Brief auch Gertis viel berühmtere Schwester, die Filmschauspielerin Olga Fabian.
Dass Gerti Spitz zu dem Personenkreis gehört, der sich noch Ende der 50er Jahre für Veza Canettis Theaterstücke einzusetzen bereit war, offenbart ein dringender Brief von 1957 an Ingeborg Bachmann, die Vezas Theaterstück etwas zu lange behalten hatte. Veza Canetti schreibt an Ingeborg Bachmann: „Bei Ihnen liegt noch mein Lustspiel ‚der Tiger‘. Würden Sie es gütigst sofort an eine Dame in New York senden, die es dringend braucht. Die Adresse Mrs Gertrud SPITZ (…)“96
Noch 1967 notiert Elias Canetti an seinem 62. Geburtstag zu Karten und Grüssen, die er erhält: „Aus Vezas Zeit: eine Gratulation von Edith Vogel, ein Brief von der Gerty Spitz aus Gastein.“97 Veza Canettis Jugendfreundin Gerti Spitz ist insofern interessant, als sie viele Beziehungen Veza Canettis zur deutschen und österreichischen Theater- und Verlagsszene erklären kann. Zum Beispiel die sehr frühe Bekanntschaft Veza Taubners mit Hermann Kesten. War doch dieser ab 1927 Lektor im Kiepenheuer Verlag. Noa Kiepenheuer war ab 1925 im Verlag ihres Mannes tätig, unter anderem auch als Übersetzerin.
A3.2 Alice Asriel
Im Haus der Familie Asriel in der Heine-Strasse am Praterstern in unmittelbarer Nähe der Ferdinandstrasse lernte Elias Canetti bei seinem ersten dreijährigen Wienaufenthalt 1915 im Alter von zehn Jahren, selbst ebenfalls wohnhaft in der Leopoldstadt, Josef-Gall-Gasse 5, den fast gleichaltrigen Sohn Hans Asriel kennen. Laut den Lebenserinnerungen wird er dort im Jahr 1924 beim zweiten Wienaufenthalt der Familie Canetti zum ersten Mal den Namen Vezas hören.98 Viele Freundschaften von Veza und Elias Canetti haben ihren Ursprung im Hause der Asriels. Elias Canetti schreibt dazu in Die gerettete Zunge:
„Die interessanteste Freundin der Mutter war Alice Asriel, deren Familie aus Belgrad stammte. (…) Sie lebte in der Wiener Literatur der Periode, das universale Interesse der Mutter ging ihr ab. Sie sprach von Bahr und von Schnitzler, in leichter Art, ein wenig flatternd, nie insistent (…) Gespräche waren ihr Leben, Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten, am liebsten hörte sie zu (…).“99
Mit der Vorliebe von Alice Asriel einerseits für Hermann Bahr (1863–1934), einen der wichtigsten Literatur- und Kulturtheoretiker der Jahrhundertwende mit einer grossen Offenheit für neue Strömungen in Literatur und Kunst, und andererseits für Arthur Schnitzler (1861–1931), Arzt und Dichter mit einem Blick für die psychologischen Nuancen des gesellschaftlichen Geschehens, wird bereits ein Wiener Kosmos aufgefächert, der in der Zwischenkriegszeit an Bedeutung zunehmen wird. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass Elias Canetti bei seinen vielen Besuchen bei den Asriels mit den Kindern Literarisches Quartett gespielt hat.100 Über Alice Asriel schreibt Elias Canetti: „Sie hat in meinem Leben eine Rolle gespielt“101, und führt weiter nicht aus, was dies genau gewesen sein könnte. Eine kleine Randbemerkung in den Lebenserinnerungen Theodor Waldingers Zwischen Ottakring und Chicago offenbart Profunderes: „Einer meiner ersten Pariser Wege führte mich zu Alice Asriel, einer bemerkenswerten Frau, die mir aus Wien flüchtig bekannt war. Die Asriels waren Freunde von Veza Taubner.“102 Die Freundschaft der Familie Asriel mit Veza Taubner kann schon sehr früh entstanden sein, da Alice Asriels Schwester, Sarina Levy, bereits 1900 Vezas Onkel Jacques J. Calderon geheiratet hat. Zudem ist für Alice Asriel bezeugt, dass sie in Paris Mitte der 30er Jahre Sprachunterricht erteilt haben muss103, was sie zur Berufskollegin Veza Taubners macht.
Über eine quellengestützte Begegnung zwischen Elias Canetti und Veza Taubner in diesen ersten Wienjahren der Familie Canetti zu Beginn des Ersten Weltkriegs ist äusserst wenig bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass es zu diesem Zeitpunkt seit langem mehr enge Kontakte zwischen den Familien Calderon und Canetti gegeben haben muss, als dokumentiert ist. Dies betrifft nicht nur die sehr nahen Wohnorte von Veza und Elias beziehungsweise die Nähe zu dem den Sepharden gemeinsamen türkisch-jüdischen Tempel, sondern insbesondere auch die Tatsache, dass Vezas Mutter Rahel Calderon und Mathilde Canetti ebenfalls mit Alice Asriel freundschaftlich verbunden waren.104
Ein kleines Schibboleth in den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis gibt zudem einen Hinweis darauf, dass das dort so eindrücklich beschriebene Kindermädchen Fanny möglicherweise Veza Taubners Freundin gewesen sein könnte. Wie bei anderen Namensverschiebungen innerhalb des Familienkosmos auch muss Elias Canetti für die Freundin Veza Canettis hier zwei verschiedene Namen eingeführt haben, in einem Manuskript wird sie Fanny genannt werden, in einem anderen Manuskript wird die gleiche Person Lucile heissen: „Name von Vezas Freundin: B 1.3.: Lucile. A 6: Fanny“.105 Da Fanny in einer Arbeitsnotiz Elias Canettis in den Unpublizierten Lebenserinnerungen als Freundin Vezas auftaucht, aber dann als Figur mit Konnotat Freundin Vezas nirgends dargestellt wird – weder in den Publizierten noch Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis –, ist anzunehmen, dass Fanny106 tatsächlich das Kindermädchen von 1915 ist. In den Publizierten Lebenserinnerungen kündigt das Kindermädchen seine Stelle bei den Canettis mit der Begründung, der Bub schlafe schlecht. Mutter und Sohn hatten mit dramatisch inszenierten Lesungen am Abend und mit Elias’ dramatischen Parodien des Verhaltens des Kindermädchens das Fass zum Überlaufen gebracht.107
Zur ersten Fahrt mit Fanny – der mutmasslichen Freundin Vezas – in der Grottenbahn im Prater notiert Elias Canetti in Die gerettete Zunge: „Ich setzte mich eilig ins Gefährt, eng an sie gedrückt, damit auch für die Kleinen Platz sei.“108 Zuvor hatte ihm Fanny über das Maul der Hölle, das den Eingang der Grottenbahn verziert, erzählt, es hätte genug Platz in der Hölle, „um die ganze Stadt Wien und all ihre Menschen zu verschlingen.“109
A4. Quellenlage zu Kindheit und Jugend
Jenseits des eher äusserlich zu verortenden Familienkosmos ist über die Kinder- und Jugendzeit Veza Canettis sehr wenig bekannt. Es ist beispielsweise nicht mehr in Erfahrung zu bringen, welche Schulen Veza Taubner besucht hat. Ein zentraler Schülerkataster für Wien existiert für die Schuljahre Veza Taubners nicht. Für einzelne Schulen existieren Schülerregister, nur für die Schule in der Kolonitzergasse, nahe des Wohnortes Veza Taubners (Matthäusgasse 5 von 1905 bis1911), existiert kein solches Register.110
Einen indirekten Zugang zu eigenen Kindheitserinnerungen bilden die literarischen Texte Veza Canettis. Kinder hat die Autorin bekanntlich in ihren Erzählungen sehr viele – auch als Hauptfiguren – dargestellt. Da ist einmal Georgie Burger, der Sohn eines Schaustellers an der Strasse des 1. Mai in der Erzählung Der Verbrecher, der sehr genau weiss, wie die Erwachsenenwelt funktioniert und „dass man Verbrecher nicht erst unten suchen muss“ (GbR 63). Das Mädchen Hedi in der Erzählung Der Zwinger, Tochter der Bedienerin Hedwig Adenberger, hilft der Helli Wunderer viel direkter und effizienter, als dies die Erwachsenen bereit wären zu tun. Dasselbe Mädchen teilt in der prämierten Erzählung Ein Kind rollt Gold mit dem Hund Grimm sein Essen. Das Mädchen der Bedienerin in der Erzählung Die Grosse hingegen, das von den Teilnehmern des 1.-Mai-Umzugs mit Blumen bedacht wird, muss sich in der Schule eine härtere Behandlung gefallen lassen, als es für die anderen – eben die grossbürgerlichen – Kinder üblich ist.
Kinder werden ausserdem als Opfer der Familienverhältnisse dargestellt, wie zum Beispiel die von ihrem eigenen Vater, Iger, geschlagenen Kinder im Theaterstück Der Oger oder das Mädchen Steffi im Roman Geduld bringt Rosen, das als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse und der familiären Ungeschicklichkeiten buchstäblich verhungert. Aber auch die Helli Wunderer wird, weil ohne Vater, der Mutter weggenommen und ins Kinderheim gesteckt.
Kinder sind demgegenüber gleicherweise grosse Hoffnungsträger, wie das aus den Trümmern geborgene Kleinkind in der erst posthum publizierten Erzählung Der letzte Wille offenbart. Der Anblick dieses Waisenknaben bringt das alte Ehepaar dazu, für eine bessere Welt zu kämpfen. Manchmal wird aus dem Kind einer Bedienerin überdies ein Dichter mit Fokus auf mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit, wie anhand der Figur des Gustl in der Erzählung Der Dichter, veröffentlicht anfangs der 30er Jahre, zu sehen ist.
Auch wo Veza Taubner das Lyzeum oder allenfalls Gymnasium besucht haben könnte, ist über das Archiv der Stadt Wien nicht mehr zu erschliessen.111 Womöglich war es ab 1911 eine Schule am neuen Wohnort, dem zweiten Bezirk, der Leopoldstadt; denkbar wäre zudem, dass sie eine weiterführende Schule am alten Wohnort im dritten Bezirk besucht hat.
ZWISCHEN: Der linke Unterarm – ein Tabu?
An der Schnittstelle vom Familienkosmos, in dem Veza Canetti aufgewachsen ist, und den nachfolgenden Netzwerken, in denen sich die Dichterin bewegt hat, drängt sich die Konstante einer Thematik besonders auf – nämlich die des fehlenden linken Unterarms der Dichterin. Ein Tabu, wie mehrfach gezeigt werden kann. Dieses Tabu kann als Metapher für den ebenfalls nicht thematisierten Hiatus, der sich zwischen dem Leben und dem Werk von Veza Canetti öffnet, angesehen werden.
Nichts ist bekannt darüber, wie Veza Canetti mit dem fehlenden linken Unterarm als Kind klargekommen ist, wie ihr Umfeld darauf reagiert hat, welche besonderen Therapien nötig waren und so weiter. Allenfalls diente der Tanzunterricht bei Grete Wiesenthal dazu, trotz des fehlenden Unterarms zu einer guten, ausgeglichenen Körperhaltung zu kommen. Da man aber auch sonst sehr wenig Informationen zur Kindheit Veza Canettis hat, fällt das Manko an Information in diesem Bereich nicht einmal besonders auf. Einzig ein Nebensatz Veza Canettis in den Briefen an Georges aus dem Jahr 1945 lässt aufhorchen. Veza Canetti schreibt an Georges am 6. Juni 1945: „Da ich selbst in meinem Leben ein Dutzend Operationen durchgemacht hab, bin ich nicht besorgt, aber ich hoff doch Edith schickt ein Telegramm.“ (BaG 125) Die Passage „ein Dutzend Operationen“ weist allenfalls darauf hin, dass Veza Canetti nicht nur mit einem fehlenden Arm geboren wurde, wie bis anhin hauptsächlich angenommen wurde. Mit dem Hinweis auf „ein Dutzend Operationen“ gerät überdies die Theorie wieder in den Blick, dass Veza Canetti der Arm gar als Folge eines Unfalls amputiert worden sein könnte.
In den Notizen Elias Canettis aus dem Jahre 1930 gibt es eine unfertige Erzählung mit dem Titel Die Diebin. Darin wird ein junges Mädchen beschrieben, das sein äusserst hässliches Gesicht durch einen Schönheitskünstler verändern lassen will, damit es von seinen Mitmenschen und vor allem den Kameraden nicht mehr verspottet, nicht mehr Krüppel genannt werden kann. Das Kind bettelt und stiehlt sich das Geld zusammen für die sehr teure Gummiunterlage, mit der der Schönheitskünstler die unschönen, nach innen gewachsenen Lippen unterfüttern kann. Das Geld versteckt die Diebin in einer rostigen Büchse hinter dem schönen Madonnenbild, das in der Wohnung der Eltern vor dem Altar hängt.
„Die Diebin
‚Nicht wahr, ich bin hässlich!‘ Sie sah ihn fragend an. Sie wusste, was sein Blick zu bedeuten hatte. Jedermann war über ihre Hässlichkeit betroffen; empfindlichere Leute erschraken sogar heftig, weil sie statt der Wangen zwei tiefe Höhlen, verkehrte, nämlich nach oben geschwungene Brauen, eine ungeheuerliche, entzweigespaltene Stirn und überhaupt keine Lippen besass. Früher, als kleines Mädchen, hatte sie lange Stunden vor dem Spiegel verbracht und durch die unmöglichsten Verzerrungen ihre Lippen, die infolge eines Geburtsfehlers nach innen gewachsen waren, hinauszustülpen gesucht. Mit sechzehn Jahren war sie zu einem Schönheitskünstler gegangen und bat ihn um eine Einlage aus Gummi. Er hatte sofort eine zur Hand, streichelte ihr den sonderbar geformten Kopf und nannte einen ungeheuren Preis. ‚Tragen Sie das die ganze Nacht und so viele Stunden am Tag, als Sie nur können. In einem Monat haben Sie die schönsten Lippen, garantiert.‘ ‚Aber woher soll ich denn so viel Geld nehmen?‘ rief sie verzweifelt. ‚Sie werden doch irgendeinen guten Onkel haben oder eine liebe Tante. Sehr schön bitten, die rücken schon heraus, wenns um dem Nichterl sein Zuckergschorl geht.‘ – ‚Ja, ich werd’s versuchen‘, sagte sie kleinlaut und rannte mit Tränen in den Augen fort.
Sie ging zu keiner Tante und keinem Onkel, sondern stahl mit grösster Vorsicht kleine Summen aus der Börse der Mutter, die nicht ganz so genau war wie der Vater und sparte das Geld in einer alten verrosteten Büchse, die neben anderem Gerümpel in der Nische hinterm Madonnenbild stand. Früher war das ein kleiner Hausaltar gewesen; dann hatte der Vater, ein Herrenschneider, von einem Maler an Zahlungsstatt ein schönes Madonnenbild bekommen; dieses wurde der Stolz der Familie und war in der ganzen Nachbarschaft bekannt. Die Muttergottes war in ein dunkelblaues Gewand gehüllt, hatte die schmalen, rosigen Hände fromm gefaltet und warf die Augen zum lichtblauen Himmel hinauf. Die rosigen Wangen hatten so etwas Gepflegtes, das an die Hände erinnerte und die Spuren keiner Arbeit verriet. Nichts gefiel den Bewunderern so gut als die Art dieser Haut, die allen unähnlich war, von denen sie bisher was wussten. Das Bild wurde vor den Altar gehängt, – den brauchte man jetzt nicht, und nie herausgenommen, weil es am Ende noch Schaden leiden könnte. Bei der fanatischen Reinlichkeit der Mutter war im ganzen Hause kein anderes Versteck so sicher. Es dauerte ein halbes Jahr, bis sie das Geld beisammen hatte. Sie rührte nie einen Groschen davon an; hie und da gaben ihr Kunden des Vaters, denen sie die Anzüge ins Haus trug, ein kleines Trinkgeld. Früher war das auf Naschereien abgegangen, mit denen sie sich die Freundschaft ihrer Gespielinnen erkaufte; das hatte sie bitter nötig. Alle Kinder scheuten sie (wegen) ihrer Hässlichkeit. Mit ihren Lippen war es so arg, dass man sie nicht einmal zu verhöhnen wagte; jedes der Kinder war davon fest überzeugt, dass sie ausgewachsen zu einer richtigen Märchenhexe werden würde.
Da diese Scheine aber für ihre Freundinnen so einträglich waren, erhielt sie sich bis in die märchenlosen Zeiten hinein. Sobald sie zu sparen begann, hörte das mit einem Schlage auf. Die Stimmung schlug gegen sie um, als sie wochenlang nichts zum Besten gab. Sie jammerte, dass sie kein Geld habe. Sie sei jetzt schon zu erwachsen und darum geben ihr die Herren kein Geld mehr. Sie würde es jetzt auch gar nicht annehmen. Man glaubte ihr aber nicht – welcher Mann nahm sie voll? Solchen Geschöpfen kann man immer Geld geben. Die Krüppel auf der Strasse sind doch auch erwachsene Leute und die Zwerge im Zirkus auch; niemand schämt sich, ihnen ein Trinkgeld zu geben. Man sagte ihr das ruhig ins Gesicht. Sie stampfte auf, schrie zornig: ‚Ich bin doch kein Zwerg.‘ ‚Aber ein Krüppel!‘ ‚Das ist eine Lüge!‘ Sie begann zu weinen, was die Mädchen gar nicht rührte. Sie weinte auch, wenn es einem grad passte. Einmal packte eine, die sieben fette Jahre lang ihre beste Freundin gewesen war, ihren Arm und schlug ihr ganz sachlich vor, während sie wütend schluchzte: ‚Komm, wir gehen zu den Herren da an der Ecke und fragen die, was du bist.‘ Die anderen waren von dieser Idee begeistert und zerrten sie hin. Sie selbst bekam es mit der Neugierde zu tun und hoffte, der Herr werde sich so schön zu ihr benehmen wie er aussah. Die Mädchen stiessen sie in ihn hinein und riefen alle durcheinander: ‚Bitte, ist sie kein Krüppel?‘ Er, ganz verblüfft über diese Dreistigkeit, blickte auf seine Bügelfalten hinunter und brummte: ‚Warum nicht?‘ Sie waren nicht mehr beschädigt worden, sonst hätte er sich die Schuldige schon näher angesehen. So begnügte er sich mit einer einfachen Erledigung und hatte keine Ahnung, wem diese galt. Die Mädchen rissen den ‚Krüppel‘ weg und stimmten – erst in einer Entfernung von fünf, sechs Schritten, da sie sich nachträglich vor dem Herrn fürchteten – ein Triumphgeheul an. ‚Der muss es doch wissen!‘ ‚Ist doch ein feiner Herr.‘ ‚Aber er hat mich ja gar nicht angesehen.‘ ‚Weggesehen hat er.‘ ‚Er hat eben gleich genug gehabt.‘ ‚Hast du gesehen, wie er die Hand in die Tasche gesteckt hat.‘ ‚Ja natürlich, er wollte ihr sicher was geben.‘ ‚Lasst sie in Ruh, sie ist ein armes Kind.‘ ‚Warum ist sie so frech?‘ ‚Sie kann doch nichts dafür, dass sie ein Krüppel ist.‘ ‚Ihre Mutter sieht aus wie eine Putzfrau.‘ ‚Bitte, ich hab’s immer gesagt.‘ ‚Na ja du, weil du nie Zuckerln gekriegt hast.‘ ‚Aber ich hab’s doch immer gesagt.‘ ‚Wisst ihr was, die kriegt nie einen Mann.‘ ‚Ja, ich krieg einen Mann.‘ Bei dieser Drohung fand sie ihre Sprache wieder. Lange dauert es nicht mehr und das Geld ist beieinander. ‚So eine nimmt doch keiner!‘ ‚Der müsst aber dumm sein.‘ ‚Sie muss eben einen Bettler heiraten.‘ ‚Ja! Ja! Einen Bettler‘, alle lachten laut durcheinander. Das wär das Richtige. Sie wird so einen blinden Mann heiraten, mit einem Täfelchen ‚Familienvater, völlig erblindet‘. ‚Jeden Abend muss sie ihn abholen.‘ ‚Und jeden Morgen hinfahren.‘ ‚Sie kann ihm doch einen Hund kaufen. Ich habe einen mit einem Hund gesehen.‘ ‚Ich auch.‘ ‚Ich auch.‘ ‚Ich habe selbst einen Hund.‘ ‚Oh, Du hast einen Affenpinscher.‘ ‚Das ist auch ein Hund.‘ ‚Ein Schosshund ist kein richtiger Hund.‘ ‚Woher weisst du das, sagt mein Vater immer.‘ ‚Na ja, dein Vater ist ja nur ein Förster.‘ ‚Und deiner ist ein Jud, der schwindelt mit Stoffen.‘ ‚Das ist nicht wahr.‘ ‚Mein Vater hat’s selbst gesagt.‘ ‚Was hat er gesagt.‘ ‚Bei dem Juden soll man nichts kaufen, das Zeug fällt gleich auseinander.‘ ‚Weil er so dick ist.‘ ‚Meiner ist noch dicker.‘ ‚Lügnerin!‘ ‚Aber Kinder, streitet euch nicht, die kriegt doch keinen Mann!’ ‚Darauf habe ich jetzt ganz vergessen.‘ Die künftige Bettlersfrau überlegte sich noch, ob sie ihnen was von der baldigen Änderung ausplaudern soll. Ihr Geheimnis brannte ihr auf der Zunge, aber sie traute sich doch nicht zu reden. Da kann sie einfach fragen: ‚Woher nimmst Du denn das Geld dazu?‘ Was soll sie da sagen! Wenn eine zu ihrer Frau läuft und der was sagt; die hat kürzlich im ganzen Hause nach einem verlorenen Schilling gesucht. ‚Da muss ich ein Loch in der Tasche haben.‘ Das Loch fand sich, der Schilling nicht; das Loch machte ihr die Kleine später hinein. Die Mutter bat sie noch: ‚Sag dem Vater nichts, der flucht sonst was zusammen.‘ ‚Ich sage sicher nichts, darauf kannst du dich verlassen, Mutter.‘ Sie muss jetzt rasch weglaufen, bevor sie was ausplaudert; die Mutter merkt nie was, aber wenn jetzt so eine nach Haus geht und was erzählt, dann weiss sie gleich alles. Nur ungern reisst sie sich von ihren Quälgeistern los. Weinen muss sie schon, weil die ihr so gemeine Sachen sagen. Aber zu Hause ist sie ganz aus dem Häuschen vor Freude. Wenn niemand da ist, steigt sie auf den Stuhl, hebt das Bild vorsichtig herunter, nimmt die verrostete Büchse heraus, hängt das Bild gleich wieder hin – es könnte zufällig doch jemand kommen – und stellt den Stuhl an seinen Platz. Dann kriecht sie bis unter die Mitte der Ehebetten, schüttet den Inhalt der Büchse auf ihre Hand und zählt ganz langsam das Geld. Eine Münze wird neben der andern hingelegt. Sind alle schön ausgebreitet, so bildet sie eine besondere Figur daraus, jedes Mal eine andere. Manchmal ist es ein gewöhnliches Rechteck, ein anderes Mal ein Herz, dann wieder ein Auge, ein Kreis, ein schönes, regelmässiges Gesicht. Gelingt eines besonders gut, so küsst sie es auf den kalten Metallmund und ruft vor Begeisterung laut aus: ‚Du bist aber schön geworden. Willst Du einen Spiegel?‘ An die unbequeme Lage unterm Bett hat sie sich so gewöhnt, dass sie spielend ihr Spiegelchen aus der Schürzentasche herauszieht und über ihrem neuen Gesicht damit in allen möglichen Stellungen herumhantiert. Beim Einsammeln der Münzen wird jede zweimal geküsst, einmal auf der Vorder-, dann auf der Rückseite. Wenn sie unterm Bett hervorkriecht, hat sie so ein angenehmes Gefühl. Die Madonna zittert in ihrer Hand und sie fürchtet sich sehr, dass sie sie fallen lassen könnte. Vor der Zählung hat sie nie Angst. Da macht sie alles klug, sicher und geschickt. Sie merkt selbst, dass das Bild immer erst nachher schwankt. Vielleicht hält es die Madonna nicht aus ohne das Geld und wird ungeduldig, weil sie es so lange vermissen muss. Das ist aber sehr ungerecht, denn sie hat es doch viel länger als ich. Es fällt ihr nicht im Traum ein, dass die Madonna das Geld nicht braucht, weil sie schon eine Schönheit ist.“112
Biografisch interessant ist hier, dass mit der Erzählung Die Diebin, die kein Krüppel mehr sein will, einige Dinge aufgenommen werden, die im Leben und Werk von Veza Canetti nachweislich eine wichtige Rolle gespielt haben, nämlich Madonnen, blinde Seher und intelligente Hunde. Gut möglich, dass zudem Erlebnisse des Mädchens Veza mit dem fehlenden linken Arm in die Notizen zu Die Diebin eingeflossen sind. Beispielsweise die Geschenke an die Kinder, damit sie die Angriffe auf das Mädchen mit dem verkrüppelten Gesicht stoppen, vielleicht ebenso Aspekte des mühsamen Zusammensparens von Geld für eine Armprothese – ob mit oder ohne Diebstahl. Diese literarisch verarbeiteten desolaten Zustände, ja Fallen, in die ein körperbehindertes Kind hineingeraten kann, würden auf jeden Fall sehr gut zum legendären Geiz des Stiefvaters Menachem Alkaley passen. Weiter passt gegebenenfalls biografisch auch der Aspekt mit dem Trinkgeld, das die Diebin bei Auslieferungen für den Vater, den Herrenschneider, erhalten hat. Dies könnte ein Pendant in einer Tätigkeit Veza Taubners innerhalb des Familienkosmos gehabt haben, zum Beispiel im Einziehen von Wohnungsmieten, wie das in der von der Familie Canetti bewohnten Wohnung, die eigentlich Olga Hirsch gehört hat, der Fall gewesen sein muss.
Wie sich ein körperlicher Mangel auf die Betroffenen auswirken kann, beschreibt Alfred Adler – einer der führenden Wiener Psychologen – Mitte der 20er Jahre:
„Eine wichtige Rolle spielen körperliche Mängel, die bewirken, dass die normale Art des Lebens für ein solches Kind nicht taugt, dass ihm Privilegien zuerkannt und besondere Massregeln ergriffen werden müssen, um seine Existenz zu erhalten. Selbst wenn wir das alles vermögen, das könnten wir nicht verhindern, dass solche Kinder das Leben doch als etwas Schwieriges empfinden, wodurch ihnen die Gefahr droht, an ihrem Gemeinschaftsgefühl schweren Abbruch zu erleiden.“113
Dazu passt nun sehr gut, dass Veza 1921 an den Rand der Tagebücher von Friedrich Hebbel, neben den Satz „(…) wer sich für überflüssig in der Welt hält, der kann nicht überflüssig sein“ das Wort Danke geschrieben hat.114 Ob das nun in Zusammenhang mit ihrer körperlichen Behinderung steht, wie Hanuschek schon interpretiert hat, wäre zu diskutieren.
Veza Canetti selbst scheut sich nun aber durchaus nicht, in ihrem literarischen Werk Menschen mit körperlichen Behinderungen darzustellen; sie gibt dabei einen differenzierten Einblick in die Mechanik der Wechselwirkung zwischen dem, was die Gesellschaft als Norm betrachtet, und dem, was als körperlicher Mangel gilt. Da ist beispielweise die junge Frau namens Maria, mit dem Rücken, „der schief und verwachsen war, als hielte sie einen Knäuel unter der Bluse versteckt“, eine der Hauptfiguren in der erst posthum publizierten Erzählung Drei Viertel. Nichts hasst diese Maria so sehr wie das Mitleid ihrer Mitmenschen und den damit einhergehenden Blick auf ihren Rücken. Jedes Geschenk – wie im Text zum Beispiel ein Blumenstrauss – wird so zur Mildtätigkeit einer zu bemitleidenden Behinderten gegenüber. Besänftigen kann Maria einzig der Blick auf das Handicap der Geberin, hier Annas. (DF 49) Anna hat ein hässliches Gesicht. Maria zählt auf: „zerknitterte Haut, die schütteren Haare, die schon in Farblosigkeit übergingen, die dünnen Züge und die Augen, deren Lider zu dürftig ausgefallen waren (…).“ (DF 56) Zu dieser Einschätzung Annas war Maria gekommen, als sie sich gegen jede Einfühlung gepanzert hatte und sie Befriedigung über Annas Hässlichkeit erfasst hatte. Der Maler Bent wird Marias Gesicht hingegen weiss malen.115
Der Maler Bent spielt in dieser ganz und gar nicht banalen Geschichte um Schönheit und Anerkennung eine wichtige Rolle. Es geht ihm nicht darum zu lieben oder eben zu malen, was schön ist, sondern, das, was ihn fesselt – also das, was statt voll nur dreiviertel ist. Britta, eines der Modelle Bents, das allen Grund gehabt hat, das „Ebenmass ihrer Glieder mit Vergnügen zu betrachten“ (DF 60), war davon ausgegangen, dass Bent nur sie als Modell ins Boot nehmen würde, weil sie bereits einen Preis als schönste Schwimmerin gewonnen hatte. Bent jedoch meint: „Sie irren, Britta. Das Schöne gefällt im Augenblick. Das Seltsame fesselt.“ (DF 71)
Ganz anders ergeht es der körperlich schwerbehinderten Runkel im Roman Die Gelbe Strasse. Sie wird nach einer Kette von Unglücksfällen, ausgelöst durch ihren eigenen Neid auf eine ihrer Angestellten – nämlich die von der Männerwelt sehr begehrte, attraktive Trafikverkäuferin Lina –, unter ihren eigenen Seifen begraben und stirbt in Kürze. Als vollkommen fatal für Runkel hatte sich die Mischung aus Neid und Geiz gestaltet.
Dem blinden Bettler aus der Erzählung Der Seher hingegen verhilft gerade sein Nicht-Sehen-Können zu einem vertieften Einblick und Verständnis für die Gesellschaft. Die Aufklärung eines Diebstahls wird für ihn dadurch zum Kinderspiel.
Schon viel wurde von der literaturwissenschaftlichen Forschung darüber spekuliert, ob Veza Canetti eine Prothese trug oder ob sie einfach ihre Ärmel ausgestopft haben könnte. Leider gibt es keine direkten Äusserungen Veza Canettis selbst zu ihrem fehlenden Unterarm. Elias Canetti spricht in den Unpublizierten Lebenserinnerungen in diesem Zusammenhang vom Geheimnis und von der Kunst des Verbergens.
„Auch ich wollte sie nicht anders und da es bei ihr um etwas Besonderes ging, das anders als bei anderen Menschen war und das sie mit grosser Kunst verbarg, hing alles für sie davon ab, dass ich sie nicht anders wollte.
Ich habe ihr Geheimnis mit ihr gehütet. Zu lange? Hätte es später, viel, viel später einen Augenblick gegeben, an dem sie Befreiung von diesem Geheimnis gebraucht hätte?
Ich muss mich davor hüten, an die späte Zeit zu denken. Ich muss alles versuchen, sie so zu finden, wie sie früh war.
Es kommt mir der verstörende Gedanke, dass ich mit Herbert Patek erlebt habe, was ich ihr ersparen wollte. Von ihm erfuhr ich alles, er hatte kein Geheimnis vor mir, er hätte mir auch das Hässlichste gesagt, vielleicht wusste er nicht immer, wann es um seine Hässlichkeiten ging, aber jedenfalls zeigte er sich mir ganz.
Veza, die acht Jahre meine Geliebte war, hat sich mir nie ganz gezeigt.“116
Herbert Patek wird in den Publizierten Lebenserinnerungen zu Thomas Marek, dem körperlich schwerstbehinderten Philosophen und unersättlichen Leser, mit dem Elias Canetti eine tiefe Freundschaft verband.
„Veza hat von der Literatur gelebt, sie war davon so erfüllt, wie niemand anderer, den ich je gekannt habe. Wie stellt man das dar, ohne von ihrem Geheimnis zu sprechen?
Ich muss ihr etwas geben, was ihr gebührt: meine erste Irritation an Spiegeln entstand mit ihr, wenn sie mitten in einem Gespräch auf der Strasse stehen blieb und sich im Spiegel eines Geschäfts besah.
Diese Verfallenheit an Spiegel hing aber keineswegs mit Eitelkeit zusammen, sie fürchtete immer, dass an ihren Haaren etwas nicht in Ordnung war, und das hing mit ihrer Behinderung zusammen (sie konnte den linken Arm nicht gebrauchen). Ich sah also etwas als Eitelkeit und hielt mich darüber auf, was gar nicht Eitelkeit war.“117
Im Kapitel Schwermut der Unpublizierten Lebenserinnerungen sinniert Elias Canetti darüber, was dieses Schweigen oder gar dieser Panzer des Schweigens rund um den fehlenden Unterarm für Veza Canetti bedeutet haben könnte. Er kommt zum Schluss, dass dies die Wurzel für ihre Schwermut gewesen sein müsse.
„Ich habe ihr Geheimnis für sie gehütet. Sosehr habe ich es gehütet, dass ich nie davon sprach. Ich hätte in sie dringen müssen, um von ihr etwas darüber zu erfahren. Aber ich scheute mich davor, sie zum Sprechen zu bringen und es war mir sehr lieb, dass sie nicht von selber davon sprach. 38 Jahre war sie mir nah. Sollte es etwas geben, worüber wir nicht gesprochen haben? Eines gab es, ja, nur eines, und es hätte darüber von allen Dingen auf der Welt am meisten zu sprechen gegeben. Aber eben darüber schwiegen wir beide unverbrüchlich. Es hatte von früh die Art ihres Umgangs mit Menschen bestimmt. Ihr Stolz gebot ihr, zu verbergen, was sie von andern unterschied. Es war aber schwer zu verbergen und es bedurfte grosser Anstrengung, einer bis ins Letzte ausgebildeten Kunst des Verhaltens, um vor der Welt nie anders als andere zu erscheinen. Bedauern oder gar Mitleid hätte sie nicht ertragen. Sie selber strömte über von Mitgefühl und verstand sich auf hundert Finten, durch die es für die Empfänger annehmbar und sachlich wurde, aber Mitleid, das ihr gegolten hätte, hätte sie nie hingenommen. Es hätte sie beleidigt, es hätte sie verjagt, sie wäre davor geflohen wie vor einer tödlichen Bedrohung.
Neugierig wie ich immer war, kostete es mich doch nicht die geringste Mühe, ihr gegenüber auf Neugier zu verzichten. Es ist möglich, dass es Augenblicke gab, in denen sie sich Neugier bei mir gewünscht hätte, um den Panzer ihres Schweigens wenigstens einmal ablegen zu können. Aber die Wirkung eines solchen Augenblicks wäre nie wieder gutzumachen gewesen. Sie hätte an der Intaktheit ihres Bildes in mir zu zweifeln begonnen. Obwohl nichts mir das Bewusstsein von ihrer Schönheit hätte nehmen können, für sie hätte es anders ausgesehen und nichts mehr hätte sie je davon abbringen können, für Mitleid zu halten, was unveränderlich Anbetung war.
Ihre Abhängigkeit bestand darin, dass es etwas gab, das ich nie von ihr wissen wollte. Es war etwas, das sie vor anderen wohl, doch vor sich nie verbergen konnte. Sie dachte nicht mehr und nicht weniger daran als an den Mantel, in den sie schlüpfen musste, wenn sie ausging. Sie hatte sich solche Geschicklichkeit erworben, dass es ein Leichtes für sie war, in diesen Mantel oder wofür immer er steht, zu schlüpfen.
Ich habe nie zu ergründen versucht, ob die Wurzel zu ihrer Schwermut in diesem Geheimnis lag. Aber ich glaube nicht, dass es möglich gewesen wäre, ihr die Schwermut zu nehmen. Es war eine Schwermut besonderer Art, anders als alles was man sonst davon kennt, es war eine Schwermut, die leuchtete. Es ist nicht möglich, eine Beschreibung davon zu geben, ich beschränke mich auf den Namen, den ich ihr dafür gab, unter unzähligen Namen den einzigen, der damit zusammenhing/der sich darauf bezog, ich nannte sie das schwarze Licht.“118
Entsprechend zu diesen Aussagen Elias Canettis über Vezas Behinderung gibt es tatsächlich in keinem Brief von und an Veza Canetti auch nur die leiseste Andeutung über ihr Handicap. Auf sämtlichen bekannten Fotos aus dem Nachlass ist ihre Behinderung erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Dies trifft selbst auf Fotos zu, die sie als ganz junge Frau zeigen, beispielsweise auf der Aufnahme in Alt-Aussee, wo sie mit ihrer Tante Olga und deren Mann Max Hirsch zu sehen ist, mit offenem Blick in die Kamera, die linke Seite des Körpers leicht abdrehend verdeckt.119
Zu Prothesen oder künstlichen Körperteilen hingegen gibt es in verschiedenen Erzählungen Veza Canettis Beispiele, sie sind immer aus Wachs. Am auffälligsten erscheinen die zwei Wachshände in der bereits 1937 publizierten Erzählung Der Hellseher: „Die abgehackten Hände! Krampfhaft ausgestreckt in Totenstarre. Von dem grausigen Anblick der abgehackten Hände, die vor mir ausgebreitet lagen, an den Wurzeln noch rosig von frischem Blut, hier in Minnas Zimmer (…) Ein Engländer hat sie geformt, er arbeitet für Wachfigurenkabinette. (…) der Besitzer dieser Hände. Ein Magnetiseur.“ (DF 23) „(…) die Hände aus Wachs, die mich erst so erschreckt hatten. Es war symbolisch für alles, was später kam, erst lähmender Schreck, der zu Wachs wurde.“ (DF 28) Menschen, die sogar als Wachsfiguren gefährlich wirken können, werden in der Erzählung London. Der Zoo thematisiert. Raubtiere hingegen, die weniger gefährlich sind als Raubmenschen, treten in der Erzählung Herr Hoe im Zoo auf. Das gefährlichste Raubtier, der Löwe, allerdings wird nur durch Herrn Hoe bezwungen, da dieser den Geruch der Zivilisation verströmt. Warum Veza Canetti Jean Hoepffner120 mit der Figur des Herrn Hoe ein Denkmal gesetzt hat, muss vorerst offen bleiben. Jean Hoepffner wird derjenige sein, der Elias Canetti 1936 zum Durchbruch als Dichter verhilft, indem er die Erstpublikation des Romans Die Blendung mit einer grossen Geldspende ermöglicht. Der schützende Zivilisationsgeruch Herrn Hoes in der Erzählung war entstanden, weil er sich täglich mit Lavendelseife wusch und seine Magd ihm Lavendelblüten in die Kleider gestreut hatte. (DF 36 f.)
Der Besitzer der blutenden Wachshände in der Erzählung Der Hellseher hat als Magnetiseur eine Erklärung für das Kopfweh der Ich-Erzählerin, er sagt zu ihr: „Sie haben es im Kopf! (…) Im Kopf! Es ist schmerzhaft. Ein Geschwür!“ (DF 25) Das Schmerzhafte entpuppt sich als ein Voraussehen der Ich-Erzählerin selbst, die erkennt, dass in Zeiten des aufziehenden Faschismus ihr Blatt logischerweise weiss bleiben muss, da sie links besser sieht. Ein Sachverhalt, den ihr zudem – gleichsam verstärkend – der Hellseher später voraussagen wird. Seine Prophezeiungen wird er mit einer langen weissen feingliedrigen Hand verstärken.
Auch in den Unpublizierten Lebenserinnerungen spielen Hände oder eben die eine Hand eines Gelehrten eine Rolle. Elias Canetti notiert 1981, indem er die alten Notizhefte aus den 30er Jahren hinzuzieht: „Im gleichen Heft findet sich ein grosser Teil des Gesprächs gegen die Frauen, das die beiden Brüder am Ende der ‚Blendung‘ haben. Man kann es nicht eigentlich ein Gespräch nennen, denn ‚Georges‘ ist noch gar nicht da, wohl aber finden sich die Anklagen Peters, besonders die, die sich auf die Odyssee und andere griechische Dinge stützen. Die Attacke endet mit dem Lob des Oktavian, weil er es verstand, der Kleopatra zu widerstehen.
Gleich danach findet sich ein Stück aus dem ‚Spaziergang‘, dem ersten Kapitel des Romans, das mit gutem Grund später nicht verwendet wurde: Besuch in einer Buchhandlung und Ärger über ein Buch mit Fotos von Händen: die Hand eines Gelehrten erregt Brands Zorn und er zerreisst die Seiten aus dem Buch. – Dann folgt gleich eine erste Fassung des ‚Geheimnisses‘, die Neugier der Therese, die ihn vor dem Spaziergang beim Zusammenstellen der Bücher belauert, die er mitnimmt.“121
Dieser Ausschnitt ist in mehrfacher Hinsicht höchst aufschlussreich, insbesondere die Stelle: „(..) die Hand eines Gelehrten erregt Brands Zorn und er zerreisst die Seiten aus dem Buch“. Gerne wüsste man nun, weshalb diese Stelle für die Endfassung des Romans Die Blendung „mit gutem Grund“ weggelassen wurde und vor allem warum es hier um „eine erste Fassung des Geheimnisses“ geht. Was ist an der Hand eines Gelehrten für Brand anstössig und was hat das damit zu tun, der Kleopatra zu widerstehen?
Elias Canetti schreibt weiter, von da an sei es ihm nicht mehr nur um die Masse allein gegangen, sondern sein Interesse für Machthaber sei geweckt worden. Er notiert weiter: „Zur selben Zeit, im September 1930, findet sich folgende Eintragung: ‚Die Erfindung des Spiegels und ihr Einfluss auf die Herausbildung des Individuums‘ (wohl der erste Keim zur ‚Komödie der Eitelkeit‘)“.122
Genau der Umgang mit Spiegeln ist für Anna und Maria, die beiden sogenannt handicapierten Frauen aus Veza Canettis Erzählung Drei Viertel, jeden Morgen eine Art Härteprobe. Die Maria mit dem Buckel hat es für sich so gelöst, dass sie sich in einem Spiegel betrachtet, der nur ihren Kopf zeigt. Das Frühstück genehmigt sie sich in einem Stuhl mit einem würdigen Rücken. „Als sie darin sass, schien es, als wäre sie jetzt ganz sie selbst. Sie hatte ihren Raum, sie hatte keine Seite, keine Rückseite. Sie steckte im Schutz der hohen Lehne wie eine Puppe in einer Schachtel.“ (DF 55) Anna hingegen hat es schwerer. Sie muss beim Blick in den Spiegel ihr Gesicht verdecken, damit ihr dessen Hässlichkeit entgeht. „Sie hob das Handtuch und versteckte das Gesicht. Jetzt hatte sie kein Gesicht, und das erlöste sie. Ihre Haut atmete jetzt, ihre Glieder waren befreit. Wie schön sie war – ohne Gesicht.“ (DF 48)
Als der Maler Bent eine Figur – Anna, Britta oder Maria – wie eine Wachspuppe malt, allerdings mit feinem Staub darüber, wird er dafür von einer der Frauen kritisiert: „Staub ist hässlich, Bent.“ Er rechtfertigt sich in Abänderung des Shakespeare-Zitates damit: „Es gibt seltsamen Staub. Der Staub auf Wachsfiguren hinter Vitrinen ist schön. Uralter Staub.“ (DF 68)
In den Unpublizierten Lebenserinnerungen von Elias Canetti erhält beides – die Körperbehinderung Vezas sowie ihr universales Wissen – die Aura des Geheimnisses, wie man im folgenden Textausschnitt sehen kann. „Ich mochte nicht zugeben, dass die Universalität ihrer Lektüren mir grossen Eindruck machte. (…) Sie war beschlagen in der deutschen, englischen, französischen und russischen Literatur, soweit sie in deutschen Übersetzungen vorlag. (…). Was sie aber auf der Universitätsbibliothek trieb, war ihr Geheimnis. Durch Andeutungen vermochte sie meine Neugier zu reizen, aber sie war auch imstande, wochenlang über ihr augenblickliches Studium zu schweigen. Sie habe etwas begonnen, das sie noch gar nicht beherrsche, unmöglich könne sie schon etwas darüber sagen, für halbgebackene Kenntnisse habe sie nur Verachtung. Ich hatte meine Methoden, in sie zu dringen, auf diese und jene Weise versuchte ich zu erraten, womit sie sich eben befasse, ich kam nie drauf, im Verschweigen ihrer Geheimnisse war sie ein Meister (ich habe sie 38 Jahre gekannt und bin überzeugt davon, dass ich sehr Vieles nie von ihr erfahren habe.)“123
Sehr treffend beschreibt nun Elias Canetti weiter in den Unpublizierten Lebenserinnerungen, wie das zuerst als Oberfläche Wahrnehmbare – das Preziöse – bei Veza Canetti ihn zu einer falschen Annahme verleitet habe und wie er sich dadurch eine Blösse gegeben habe: „So suchte sie mein Vorurteil von einer ‚Preziösen‘, der <dem> ich noch eine Weile anhing, durch die Lektüre Lenins als eines extrem Politischen und durch die Aristophanes’ als eines extrem Derben zu erschüttern. Ich gab es keineswegs gleich auf, aber ich war mehr auf der Hut vor ihr als früher und begann zu begreifen, dass ich mir grosse Blössen gegeben hatte. Schliesslich wollte ich nicht weniger vor ihr bestehen als sie vor mir und dass sie über Manches, das ich ihr brachte, die Nase rümpfte, gab mir arg zu schaffen.“124
B. Von der Universität zur Berufstätigkeit
Über Veza Canettis Ausbildung und Berufstätigkeit notiert Elias Canetti in seinen Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen nichts Konkretes, sei es, dass er es nicht genau wusste, sei es, dass vieles vor seiner Zeit mit ihr stattgefunden hatte. Anerkennend schreibt er jedoch rückblickend auf das Jahr 1924: „Als ich sie kennen lernte, war sie in ihrem 27. Lebensjahr, ich in meinem 20. Sie hatte mehr Lesejahre hinter sich als ich und hatte sie gut genützt. Sie war öfters und regelmässig zu Besuch in England gewesen, wo Verwandte von ihr lebten, einige in Manchester, andere in London, und Englisch war ihr als Lektüre so geläufig wie Deutsch.“125
Veza Taubner alias Veza Magd schreibt über sich selbst in den Notizen zu den Autoren in Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland 1932: „An einem Privatuntergymnasium fand ich Anstellung als Lehrerin (…) seitdem Stundengeben und Übersetzungen.“126 Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat Veza Taubner somit an einem Untergymnasium Englisch unterrichtet. Ein Zeugnis der Universität Wien, das sich im Nachlass findet, attestiert ihr in der Tat sehr gute Englischkenntnisse. Es handelt sich allerdings um kein Abschlusszeugnis der Universität, was als Hinweis auf Veza Taubners Bildungsweg gelesen werden kann. 1900 wurde bekanntlich in Wien die Angleichung der gymnasialen Mädchenausbildung an die der Knaben abgelehnt. Man beliess es beim bisherigen sechsjährigen Lyzeumsabschluss für Mädchen. „Der Lyzeumsabschluss – eine Reifeprüfung ohne Latein, mit wenig Mathematik und Naturwissenschaften – berechtigt zu Inskription als ausserordentliche Hörerin in jenen Fächern, die für das Lyzeallehramt gefordert sind – eine Art universitärer Kurzlehrgang für Lyzealschülerinnen, der in keiner Weise einem Vollstudium (für das sie im übrigen gar nicht ausreichend vorbereitet gewesen wären) entspricht und der sich überdies bald als Bildungssackgasse erweist, weil viel mehr Lehrerinnen ausgebildet werden, als Posten zur Verfügung stehen.“127 Denkbar ist aber auch, dass Veza Taubner bereits von einer Lockerung dieser Bestimmungen profitieren konnte. Im Jahre 1912 wurde nämlich in Österreich das sogenannte Normalstatut für Mädchenlyzeen erlassen, da war Veza Taubner gerade 15 Jahre alt. Die Mädchenlyzeen wurden auf „(…) sieben Klassen erweitert“ und erhielten die „unbeschränkte Möglichkeit (…)“, auch „als achtklassige Reformrealgymnasien“ geführt zu werden, „eine Chance, die in der Folge von den meisten Lyzeen ergriffen“ wurde. Damit wurde nun „Frauen erstmals ein umwegloser Zutritt zur Universität“ ermöglicht.128
Der Entscheid darüber, ob nun Veza Taubner den einen oder anderen Bildungsweg eingeschlagen hat, kann wohl erst bei einer besseren Datenlage erfolgen. Veza Taubner hat bestimmt nicht wie ihre Cousine Lily Spitz/Calderon die Schwarzwald-Schule der legendären Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald – die 1901 ein Mädchenlyzeum eröffnet hatte und 1911 ein Mädchengymnasium – besucht, wie die Recherche im Schwarzwald-Archiv ergab. Sie kann also nicht wie ihre Cousine schon früh – als Schülerin – mit vielen interessanten Persönlichkeiten in Kontakt gekommen sein, die an dieser Reformmädchenschule unterrichteten, wie Oskar Kokoschka (Zeichnen), Adolf Loos (Architektur), Arnold Schönberg (Musik), Grete Wiesenthal (Tanz). Es besteht aber die Möglichkeit, dass Veza Taubner die Sommerkolonien der Eugenie Schwarzwald für Schülerinnen besucht hat, wo noch mehr Künstler, Dichter und Philosophen anzutreffen waren, wie Jakob Wassermann, Rainer Maria Rilke und viele weitere.129 Vielleicht erfolgte der Kontakt durch eine Mitarbeit Veza Taubners in Eugenie Schwarzwalds Wohlfahrtswerk, beispielsweise in den Gemeinschaftsküchen für Kinder, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden waren.130 Bestimmt aber hatte Veza Taubner spätestens anfangs der 20er Jahre indirekt Kontakt mit der Schwarzwaldschule, da ihre Cousine Lily Spitz diese besuchte.
Tatsächlich würde das Ausbildungsprogramm der Schwarzwaldschule ausgezeichnet zu einer Dichterin vom Format einer Veza Canetti passen, wie folgende Zeilen aus der wunderbaren Biografie von Deborah Holmes mit dem Titel Langeweile ist Gift. Das Leben der Eugenie Schwarzwald offenbaren: „Künstlerische Ausdrucksfähigkeit war ein entscheidender Punkt im inoffiziellen Programm der Schule. Schülerinnen sollten jedoch nicht im etablierten Kanon gedrillt oder zu fügsamen Dilettantinnen herangezogen werden – zu lange, so Schwarzwald, hatte die Bildung einer bürgerlichen Frau darin bestanden, eine oberflächliche Kenntnis der Künste und eine mittelmässige Fähigkeit im Zeichnen, Singen oder dem Schreiben von Versen zu erwerben. Stattdessen sollten Empfänglichkeit für die Künste und Kreativität zum täglichen Leben der Schwarzwald’schen Schulanstalten gehören. Die verschiedenen Zeitungsartikel, die Schwarzwald später über ihre Schulen schrieb, enthalten sehr klare Aussagen über die Bedeutung dessen, was sie ‚schöpferische Bildung‘ nannte. Der individuell abgestimmte Unterricht sollte die kreative Energie in jedem Kind freisetzen: Die Schule müsste versuchen, ‚mindestens die eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten.‘ Bildung sollte nicht als Mittel zum Zweck betrachtet werden, genauso wenig die Kindheit als vorbereitende Lebensphase, sondern als eine ‚kostbare Lebenszeit‘, die es um ihrer selbst willen zu geniessen und zu feiern galt.“131
Bekannt ist, dass die drei späteren Schauspielerinnen Helene Weigel, Elisabeth Neumann und Alice Herdan ihre ersten Auftritte als Schülerinnen der Schwarzwaldschule 1911/12 hatten.132 Ob auch die Schauspielerin Gerti Spitz, Veza Canettis Jugendfreundin, die Schwarzwaldschule absolviert hat, ist unbekannt. Es ist aber anzunehmen, dass Gerti Spitz die drei gleichaltrigen Frauen spätestens in der Schauspielschule kennengelernt hat. Eine Passage in einem Brief Veza Canettis aus den frühen 60er Jahren weist darauf hin, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Alice Herdan, spätere Zuckmayer, ebenfalls zu den Schauspielerfreundinnen Veza Canettis gehört haben muss.133
Eine grosse Bedeutung hat die Schwarzwaldschule für Elias Canetti – da er dort nicht nur das Drama Komödie der Eitelkeit vorlesen konnte, sondern überdies Robert Musil persönlich kennenlernte: „Die erste Folge meines gehobenen Selbstgefühls war am 17. April 1935 die Vorlesung in der Schwarzwaldschule.“134 „Danach gleich trat Musil zu mir und mir ist, als habe er von selber zu mir gesprochen, herzlich und ohne die Reserve, für die er bekannt war. … Er hatte mir den Weg freigegeben, auf seine schonende Weise, die jedes Leben respektierte und ich empfand als Billigung was vielleicht schon mehr war.“135
B1. Englisch an der Universität Wien
Eine kleine Sensation für die Forschung um Veza Canetti bildet das Zeugnis der Universität Wien für Venetiana Taubner im Nachlass von Elias Canetti.136 Hier werden „Fräulein Venetiana TAUBNER (…) gute Sprachkenntnisse“ in Englisch attestiert, „die sie befähigen, auch nicht ganz leichte Texte zu erfassen und sich mündlich und schriftlich ziemlich gewandt auszudrücken. Ihre Aussprache ist gut.“137 Nach Auskunft der Universität Wien war die „Ablegung dieser Sprachprüfungen“ nicht „an einen vorhergehenden Unterricht an der Universität gebunden, das Zeugnis erhält durch die Anwesenheit und Unterzeichnung des Dekans einen öffentlich beglaubigten Charakter.“138
Leider ist weder vonseiten Veza Canettis noch von Elias Canetti etwas über diese Prüfung und deren Vorbereitung bekannt. Die Universität Wien bestätigt, dass Veza Taubner „weder immatrikuliert gewesen sei noch als ordentliche oder ausserordentliche Hörerin für Lehrveranstaltungen an der Philosophischen Fakultät, an der die Sprachprüfungen abgelegt wurden, inskribiert“139 gewesen war. Dieser Sachverhalt weist darauf hin, dass Veza Taubner mit hoher Wahrscheinlichkeit eher ein Mädchenlyzeum besucht hat, das sie dann nicht zu einem Vollstudium berechtigt hat.
Das Zeugnis für Venetiana Taubner hat an der Universität Wien vonseiten des Englischen Seminars der „Prüfer (Professor)“ Karl Luick unterschrieben. Karl Luick hatte sich als neuer Professor für Englisch gegen seinen Konkurrenten Leon Kellner, den grossen Shakespeare-Kenner, durchgesetzt, der aus antisemitischen Gründen nicht gewählt worden war. Leon Kellner hatte bis zum Zusammenbruch der Donaumonarchie einen Lehrstuhl für Englisch in Czernowitz innegehabt.
Aufschlussreich ist, dass es im Leben Veza Canettis mehr Berührungspunkte mit Leon Kellner, dem abgewiesenen Kandidaten für die Professur in Englisch an der Universität Wien, gibt als mit Karl Luick.
Veza Taubner könnte nämlich tatsächlich schon in ihrer Lyzeumszeit mit Lehr- und Wörterbüchern Leon Kellners – der in diesem Bereich ein ausserordentlich grosses Renommee genossen hat, wie unter anderem seine Publikationsliste noch heute zeigt – in Kontakt gekommen sein, beispielsweise mit dem Lehrbuch der englischen Sprache für Mädchenlyzeen. Leon Kellner hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg viel in England aufgehalten und dort Forschung betrieben. Leon Kellners Ehefrau Anna, geborene Weiss, war als Übersetzerin aus dem Englischen tätig, wie auch deren Tochter Dora Sophie, die spätere Ehefrau von Walter Benjamin. Leon Kellner engagierte sich als einer der Ersten in der Volksbildung und hat, wie aus seiner Biografie bekannt ist, während seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor Weiterbildungsstätten für Juden in Czernowitz (nach dem Vorbild der englischen Toynbee-Hall) gegründet.140 Englandaufenthalte, Übersetzungen aus dem Englischen und Volksbildung sind Begriffe die auch – wie zu sehen sein wird – im Leben von Veza Taubner eine grosse Rolle spielen. Ganz abgesehen davon, dass Veza Taubner den kompletten Shakespeare „halb auswendig“141 gekonnt habe, wie Elias Canetti notiert.
Interessant ist zudem der Fakt, dass nach dem Tod von Leon Kellner dessen Ehefrau Anna Kellner 1930 den Band Meine Schüler aus der Feder ihres Mannes im Zsolnay-Verlag herausgibt. Darin beschreibt Leon Kellner, wie er mit einer durch und durch besonderen Form von Gerechtigkeit üben viel zur Entwicklung seiner Schüler beitragen kann.142 Genau diesen Schritt vom Lehrer, der Gerechtigkeit übt, zum Dichter, der über dieses Gerechtigkeit-Üben schreibt, macht der Lehrer Gustl in der Erzählung Der Dichter von Veza Magd mit Erstpublikation in der Wiener Arbeiter-Zeitung im Jahre 1933. Der Band Meine Schüler von Leon Kellner greift exemplarisch Geschichten und Erfahrungen rund um den Lernerfolg seiner Schüler auf, die Leon Kellner bekanntermassen vor seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor, als Professor an einem Realgymnasium in Wien, gemacht hatte. Leon Kellner hat zudem als Fremdsprachenkorrespondent der Präsidentschaftskanzlei in Wien gearbeitet, wie auch mehr als 100 Gutachten143 für den Zsolnay-Verlag erstellt. Für den Zsolnay-Verlag hat Veza Taubner unter dem Namen Dr. Richard Hoffmann vor dem Zweiten Weltkrieg mindestens ein Buch aus dem Englischen übersetzt. Eventuell hat Veza Taubner bereits in Wien überdies als Fremdsprachenkorrespondentin gearbeitet, dafür gibt es bis jetzt keine direkten Beweise. Von Veza Canetti ist indessen bekannt, dass sie in der ersten Zeit im Exil in England Arbeit als Korrespondentin gesucht hat. Veza Canetti hat sich aber auch literarisch mit dem Milieu der Korrespondentin auseinandergesetzt. In der Erzählung Drei Viertel arbeitet Anna – das Mädchen ohne Gesicht – in einer Kanzlei und in der Erzählung Pastora übernimmt die Magd Pastora für ihren Geliebten Kanzleiarbeiten.
Der Hund des verstorbenen Sprachforschers in der Erzählung Ein Kind rollt Gold trägt den Namen eines anderen grossen, allerdings deutschen Sprachforschers, nämlich Grimm. Der Hund Grimm erhält nach dem Tod seines Herren im Hause der Bedienerin Adenberger sein Gnadenbrot, wo er die Verhaltensregeln einer solidarischen Gesellschaft schneller lernt als die Erwachsenen. So beschützt er den Goldfund des Kindes Hedi sehr wirkungsvoll. Ob Grimm etwas mit dem Sprachwissenschaftler Leon Kellner zu tun hat, bleibt offen.
Da Veza Taubner mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne offizielle Einschreibung Vorlesungen in englischer Sprache an der Universität besucht hatte, lohnt sich ein Blick auf die Verhältnisse an der Universität Wien vor ihrer Englischprüfung am 14. März 1918. Ein aufschlussreicher Kurzbeschrieb der Verhältnisse an der Universität Wien während des Ersten Weltkrieges findet sich in den Lebenserinnerungen von Käthe Leichter-Pick: „Ein seltsamer Körper war diese Universität im Krieg. Geblieben waren die alten Professoren. Die jüngeren, die Dozenten namentlich, waren eingerückt. Die Hörer aber waren vorwiegend Frauen. Was an männlichen Hörern da war, war dienstuntauglich, aus besonderen Gründen enthoben, oder es waren Urlauber, die nach wenigen Vorlesungen ein Kriegsexamen machten. Es gab wohl auch welche, die bei irgendwelchen Kriegsämtern in Wien beschäftigt waren und nebenbei studierten. (…) Sicherlich war gerade in den weiblichen Hörern, die sich das Studium zumeist mit grösseren Mühen erkämpft hatten, die schon wegen der so viel schwierigeren Gymnasialmatura eine gewisse geistige Auslese darstellten, denen auch vom Elternhaus noch öfter Schwierigkeiten gemacht wurden ein starker und ehrlicher Drang zur Wissenschaft.“144
Käthe Pick, spätere Leichter, wird 1918 in Heidelberg bei Max Weber promovieren, da in Wien für eine Frau die Promotion in Sozialwissenschaften noch nicht möglich war. Käthe Leichter und Veza Canetti verbindet, dass sie die gleiche Thematik – Dienstmädchen, Fabrikarbeiterinnen, Heimarbeiterinnen – mit unterschiedlichen Mitteln untersucht haben, die eine als Wissenschaftlerin, die andere als Schriftstellerin.145 Ebenso haben beide in der Arbeiter-Zeitung publiziert, oft zeitnah zum gleichen Thema. Ein direkter Kontakt der beiden Frauen kann jedoch bis anhin nicht belegt werden, dafür verschiedene gemeinsame Bekannte. Auch Käthe Picks späterer Ehemann Otto Leichter schliesst 1920 sein Studium an der Universität Wien ab. Die beiden Leichters haben ähnliche Jahrgänge wie Veza Taubner (1895 und 1897) und sind ebenfalls in Wien geboren und aufgewachsen. Otto Leichter ist zudem von 1925 bis 1934 Redakteur der Arbeiter-Zeitung.
Spannend bezüglich Veza Taubner ist zudem der Doktorvater von Käthe Leichter-Pick, nämlich Max Weber. Hatte dieser doch an der Universität Wien 1917 seine Lehrtätigkeit aufgenommen, die aber nur ein Jahr dauern sollte. Bemerkenswerterweise findet Veza Taubners Englisch-Prüfung im Frühling 1918 präzise in dem Jahr statt, als Max Weber an der Universität Wien dozierte. Die stark frequentierten Vorlesungen des damals schon recht berühmten Sozialwissenschaftlers und Nationalökonomen können ihr kaum entgangen sein. Die Ehefrau von Max Weber, Marianne Weber, schreibt in Max Weber. Ein Lebensbild von den ausserordentlich gut besuchten Vorlesungen und Kollegs ihres Mannes in Wien. „Er redete über das religions-soziologische Thema meist 2,5 Stunden hintereinander, bis es dunkelt in dem schönen getäfelten Raum. (…) Die Gedankenführung erreicht fast jedesmal einen Punkt, von dem aus das Entfernte plötzlich ein neues Licht wirft auf die allen vertrauten Gegenwartsprobleme. So etwa, wenn er darstellt, durch welche religiösen Vorstellungen das indische Kastenwesen die antirevolutionäre Gesinnung erzeugt, und dann die entgegensetzten Glaubenshintergründe des modernen europäischen Sozialismus danebenstellt.“146 Genau diese Gedankenführung vom weit Entfernten zu den Problemen der Gegenwart greift Veza Canetti im Roman Die Schildkröten, der im Jahr 1938 spielt, auf, das heisst: „Die Linie vom altindischen Glückssymbol, nämlich der Swastika, zur christlichen Symbolik, dem Kruzifix mit dem blutenden Jesu, und weiter zu den mit rotem Blut gefärbten Fahnen des Sozialismus, bis zum faschistischen Hakenkreuz der Nazis (…) in permanenter Revolution drängt sich die Farbe der altindischen Swastika, nämlich das Rot, das auch die Symbolfarbe der Sozialisten ist, immer wieder über das faschistische Emblem, bis sich das Rot als das Blut Jesu am Kreuz offenbart.“147 Verpackt ist diese Beleuchtung des Weges vom Entfernten zum Gegenwartsproblem in eine anekdotische Erzählung um die Fahne eines Weinbauern (Sch 10), die nicht nur diesem, sondern gerade auch den Nazis viel Ärger bereitet.
B2. Universitätsbibliothek
Ein bevorzugter Arbeits- und Studierort Veza Taubners muss die Universitätsbibliothek Wien gewesen sein, wie Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen notiert: „Auf der Universitätsbibliothek, wohin sie oft lesen ging (…)“148. Elias Canetti weiss gleichwohl nicht genau, was sie dort alles gelesen hat: „Was sie aber auf der Universitätsbibliothek trieb, war ihr Geheimnis.“149 Erst in den Aufzeichnungen im Jahre 1970 notiert Elias Canetti, dem das konkrete Ausmass ihres Lesemarathons erst jetzt richtig bewusst zu werden scheint: „Die ‚Wahlverwandtschaften‘, die ich jetzt gelesen habe, gehören zu Vezas Büchern. Sie hat mir viele der grössten Bücher der Weltliteratur hinterlassen, die ich zu ihren Lebzeiten bloss darum nicht lesen konnte, weil sie immer von ihnen sprach. Es war wie eine Teilung unserer Gebiete: Sie sprach zu mir immer von ihren Romanen und Memoiren, ich erzählte ihr von Menschen und den ganz anderen Dingen, die ich las. Wenn ich jetzt ihre grossen Bücher lese, tue ich es mit Ehrfurcht und Staunen: Es war wirklich nur das Beste, das sie wieder und wieder las.“150
Drei Jahre später, 1973, äussert sich Elias Canetti ein weiteres Mal und diesmal präziser zum Lesen und der literarischen Bildung Veza Taubners zu Beginn ihrer Beziehung Mitte 20er Jahre: „Veza war mehrere Jahre älter als ich und viel reifer, von einer erstaunlichen literarischen Bildung, sie kannte nur das beste und las es immer wieder. Ich neigte anfangs dazu, sie als preziöse Ridikule zu sehen, weil sie nur in geistigen Dingen lebte und mit einem hinreissenden Überschwang darüber sprach. Ich empfand sie als ‚Ästhetin‘, in meinen Augen das grösste Schimpfwort. Dann stellte sich heraus, dass sie Aristophanes, Spinoza, Plato, Goethe, Hebbels Tagebücher und sogar, Wunder über Wunder, Lenins ‚Staat und Revolution‘ gelesen hatte. Ich strich beschämt die Segel und anerkannte ihre Überlegenheit. Englisch war ihr besonderes Gebiet. Shakespeare konnte sie halb auswendig. Sie liebte Stifter, gegen den ich mich sehr wehrte, und gab mir, um mich für ihn zu gewinnen, als erstes den Abdias. Sie liebte Stifters Freund Heine. Sie war wie ich von Karl Kraus gefangen, wir gingen zusammen in seine Vorlesungen, und las, im Gegensatz zu mir, der ich sehr fanatisch war, ruhig ihren Heine weiter.“151
Die Universitätsbibliothek Wien ist natürlich höchst interessant bezüglich des Netzwerkes von Veza Canetti. Leider gibt es aber nur indirekte Hinweise auf ein solches. Es lässt sich, beispielsweise was Viktor Kraft, Bibliothekar (Ausbildung und Gewerkschaft) und wissenschaftlicher Beamter der Universitätsbibliothek Wien, anbelangt, kein direkter Kontakt zu Veza Taubner nachweisen, weder im Nachlass von Elias und Veza Canetti noch im Nachlass von Viktor Kraft.152 Von Hermann Broch, einem Freund Veza Canettis, ist hingegen bekannt, dass er bei Viktor Kraft an der Universität Wien Vorlesungen besucht hat.153 Viktor Kraft war Mitglied des Wiener Kreises und wie viele andere Mitglieder auch in der Volksbildung tätig, zum Beispiel hat er in der Urania 1932/33 den Vortrag „Grundfragen moderner Weltanschauung“154 gehalten. Die an der Aspernbrücke – der Hauptverbindung zwischen Leopoldstadt und Innerer Stadt – gelegene Urania hatte sich ursprünglich an den dänischen Volkshochschulen orientiert und war bekannt dafür, dass sie in der Ersten Republik Volksbildung mit den modernsten Mitteln – wie Lichtbildvorträge und Film – betrieben hat.155 Viktor Kraft gehörte innerhalb des Wiener Kreises zum Schlick-Zirkel. Bei Viktor Kraft, der nach dem Zweiten Weltkrieg Generalstaatsbibliothekar wurde und 1947 Professor der Philosophie und Wissenschaftstheorie, hat Ingeborg Bachmann 1949 ihre Doktorarbeit geschrieben.156 Veza und Elias Canetti muss Ingeborg Bachmann schon 1951/52 mehrere Male in London besucht haben.157 Ob dieser Kontakt auf Viktor Kraft zurückgeht oder allenfalls auf
Ernst Schönwiese, einen alten Bekannten der Canettis aus der Volkshochschule Leopoldstadt, dem nachmaligen Chef Ingeborg Bachmanns beim Sender Rot-Weiss-Rot, ist nicht mehr festzustellen.
B3. Übersetzerin
Die Autorin Veza Taubner alias Veza Magd notiert zu ihrer Berufstätigkeit in der Anthologie Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland knapp und kurz: „Übersetzungen“158.
Veza Taubner muss schon vor den 30er Jahren als Übersetzerin aus dem Englischen gearbeitet haben. Angelika Schedel159 gibt in ihrer Dissertation zu Veza Canetti an, sie habe Wolf Solent von John Cowper Powys übersetzt, und auch Elias Canetti erwähnt, seine Frau habe John Cowper Powys übersetzt. Als Übersetzer dieses Werkes im Zsolnay-Verlag gilt aber Richard Hoffmann.160 Der Jurist Dr. Richard Hoffmann hat 1919 an der Rechtswissenschaftlichen Abteilung der Universität Wien promoviert, danach arbeitete er im diplomatischen Dienst. Ab 1924 tritt er mit Übersetzungen für den Zsolnay-Verlag aus dem Englischen hervor. Er hat von 1924 bis 1940 mehr als 30 Werke übersetzt. Er gilt zudem als Übersetzer aus dem Russischen – Tolstoi, Dostojewski, Tschechow – wie auch aus dem Italienischen. Weiter war er daneben als Berater für den Zsolnay-Verlag tätig. Er erstellte Gutachten zu englischen Büchern auf ihre Eignung für eine allfällige Übersetzung hin.161 Das Übersetzungsbüro von Dr. Richard Hoffmann befand sich an der Wollzeile 9 in Wien I, sein Beruf wird in Adolph Lehmann’s allgemeinem Wohnungsanzeiger mit Schriftsteller162 angegeben. Dies wirft nun einen Blick auf eine in Betracht kommende Berufstätigkeit Veza Taubners in den 20er Jahren; mit hoher Wahrscheinlichkeit hat sie für Richard Hoffmann als Übersetzerin gearbeitet, vorstellbar ist, dass sie darüber hinaus Gutachten zur englischen Literatur verfasst hat – entsprechend dieser Tätigkeit im Exil für den Hutchinson Verlag (BaG 254). Zum Verhältnis zwischen dem Übersetzerbüro Dr. Richard Hoffmann und dem Zsolnay-Verlag ist im Konkreten leider nichts bekannt. Murray G. Hall schreibt dazu: „Das Geschäftsverhältnis zu den Übersetzern war sehr unterschiedlich: manche von ihnen hatten dem Verlage ein Werk bzw. einen Autor empfohlen und wurden daraufhin mit der Übertragung beauftragt, während andere wiederum im Einvernehmen mit dem Autor die Übersetzungen machten oder zumindest zeitweise in einem fixen Dienstverhältnis standen.“163 Auch ist nichts bekannt über eine direkte Zusammenarbeit von Veza Taubner/Canetti mit dem Zsolnay-Verlag, was die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg betrifft. Die Erstpublikation der Übersetzung von Graham Greenes Die Kraft und die Herrlichkeit durch Veza Magd erfolgte 1947 bei Heinemann & Zsolnay.164 Veza Canetti schreibt 1946 an Georges Canetti, dass sie die Übersetzung von The Power and the Glory bereits sieben Jahren zuvor erstellt habe, also 1939. Mindestens diese Übersetzung beweist eine Zusammenarbeit mit Zsolnay für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.165
Hilde Spiel macht in einem Interview von 1990 darauf aufmerksam, dass Veza Canettis Bücher im Zsolnay-Verlag erschienen seien.166 Da diese Aussage nicht verifiziert werden kann – kein Buch aus dem Zsolnay-Verlag trägt den Autorennamen Veza Taubner, Veza Canetti oder eines ihrer Pseudonyme –, muss angenommen werden, dass Hilde Spiel die Übersetzungen aus dem Englischen gemeint hat. Ob Veza Canetti neben Greens The Power and the Glory unter dem Pseudonym Veza Magd und Powys’ Wolf Solent unter dem Namen Dr. Richard Hoffmann noch für mehr Übersetzungen aus dem Englischen bei Zsolnay verantwortlich war, ist unklar, jedoch sehr gut möglich, gerade auch weil Dr. Richard Hoffmann für einige Übersetzungen in diesem Verlag zeichnete.
Veza Taubner muss nebstdem für den deutschen Malik-Verlag übersetzt haben, und hier zeigt sich ein ähnliches Muster wie bei Zsolnay. Veza Taubner übersetzt einen Text, publiziert wird dieser hingegen unter einem anderen Übersetzernamen, hier unter dem ihres zukünftigen Ehemannes Elias Canetti.
Elias Canetti hat bekanntlich anfangs der 90er Jahre Helmut Göbels erzählt, dass Veza ihm bei den Sinclair-Übersetzungen geholfen habe, da sie ausgezeichnet Englisch gesprochen habe. „Besonders in der Übersetzung von ‚Alkohol‘ würden grosse Teile von ihr stammen.“167 Von Elias Canetti sind im Malik-Verlag drei Übersetzungen von Werken Upton Sinclairs bekannt, 1930 der Band Das Geld schreibt. Eine Studie über die amerikanische Literatur, dann im gleichen Jahr Leidweg der Liebe sowie 1932 Alkohol.168
Warum erst die Übersetzung von Graham Greenes Die Kraft und die Herrlichkeit unter dem Pseudonym von Veza Magd, das Veza Taubner sonst seit anfangs der 30er Jahre für literarische Erzeugnisse verwendet hatte, erscheinen durfte, lädt zu diversen Spekulationen ein. Ganz offensichtlich hat Veza Canetti hier nicht mehr im Unterakkord übersetzt, ihr Ghostwriting als Übersetzerin abgebrochen oder allenfalls, wie zu sehen sein wird, nur unterbrochen.
Diese Sachlage wirft natürlich wiederum einen Blick auf Veza Taubner als Autorin/Dichterin. Möglicherweise wäre auch hier ein ähnliches Muster zu beobachten, das heisst, ein Ghostwriting für andere Dichter, bevor sie mit dem Namen Veza Magd dann als Autorin selbst an die Öffentlichkeit getreten ist.
Welche Autoren kämen dafür in Frage? Wer ist ein Vielschreiber, wie Dr. Richard Hoffmann ein Vielübersetzer war? Veza Canetti selbst hat sich dazu in den bekannten Quellen nicht geäussert. Indirekt kann aber einiges an Ghostwriting (nicht nur bezüglich Korrespondenzen) für Elias Canetti oder Erich Fried, die 50er Jahre betreffend, nachgewiesen werden.
Wie sich Ghostwriting für einen Dichter lohnen kann oder eben nicht, beschreibt Veza Magd in der Erzählung Der Fund sehr ironisch gleich selbst, wenn sie über den Dichter Knut Tell berichtet: „Knut Tell hatte aus seinen langen Gedichten folgenden Ertrag: zehn Mark für ein Huldigungsgedicht, achtundsiebzig Liebesbriefe, vier Dutzend Lesezeichen, ein Kochbuch, das er bei einem Preisausschreiben gewann, und ein Exlibris, darstellend ein Zepter, einen Königsmantel und einen Totenkopf als Krone.“ (DF 11)
Hinter den Übersetzertätigkeiten von Veza Canetti wurden schon öfters eher private Gefälligkeiten statt einer konkreten Berufstätigkeit gesehen. Dies hat unter Umständen damit zu tun, dass Elias Canetti solche Tätigkeiten seiner Ehefrau gleichsam als Nebenthema in den Publizierten Lebenserinnerungen kurz streift, jedoch nicht in ihrer vollen Breite, ja Bedeutsamkeit ausführt. Er schreibt zum Beispiel in Die Fackel im Ohr, dass Veza Alfred Waldinger bei seinen Vertiefungen in die indische Philosophie geholfen habe, indem sie englische Quellentexte zum Thema übersetzt habe.169 Solches und Ähnliches wird dann als Interpretationsmodell von der literaturwissenschaftlichen Forschung übernommen und auf anderes angewendet. Zum Beispiel wenn geschrieben wird, Veza sei mit hoher Wahrscheinlichkeit nur aus privater Gefälligkeit für die Zeitschrift Ars Viva (Scherchens Zeitschrift) die Lyrik-Übersetzungen der chinesischen Dichterin Shü-Hsien in französischer Sprache durchgegangen.170
B4. Englischlehrerin
Nichts Offizielles ist bekannt über die Lehrtätigkeit Veza Taubners an einem Privatuntergymnasium in Wien. Nach einer biografischen Anmerkung in den Notizen über Leben und Werk der 30 neuen deutschen Erzähler muss sie allerdings das Unterrichten später wieder aufgegeben haben.171 Erstaunlich ist, dass Veza Taubner, als Veza Magd, in besagter biografischer Anmerkung angibt, dass das Privatuntergymnasium, an dem sie als Lehrerin tätig war, in nur vier Jahren heruntergewirtschaftet worden sei, ja dass sie das Herunterwirtschaften mit einem „wir“ einleitet und sich selbst damit eine Mitschuld gibt. Leider lässt sich nicht mehr feststellen, um welche Privatschule Wiens es sich gehandelt haben könnte. Warum Veza Magd ausgerechnet das Zuspätkommen zum Unterricht in diesem autobiografischen Text thematisiert, ist ebenfalls unklar. „Immer, wenn ich zu spät kam, zog der Direktor bedeutungsvoll die Uhr, sagte aber nichts.“172 Womöglich ist das nur metaphorisch zu verstehen, im Sinne der Aussage: Diese Form des Unterrichtens entspricht nicht mehr der gegenwärtigen Zeit.
Falls die Erzählung Der Dichter autobiografische Züge Veza Canettis trägt, würde an dieser Schnittstelle zwischen Unterrichten und anderen neuen Tätigkeiten wie zum Beispiel das Schreiben oder das Dichten der von aussen an den Lehrer herangetragene Wunsch stehen, dessen Erfahrungen im Klassenraum in Erzählungen zu giessen – da der Zeit entsprechend mit einem höheren gesellschaftlichen Wirkungsgrad zu rechnen wäre, gerade was das Gerechtigkeit-Üben betrifft. „Er brachte es in sehr jungen Jahren zu einer Stelle an einer öffentlichen Schule und gewann die Knaben durch den fanatischen Eifer, mit dem er Gerechtigkeit übte.“ (DF 21)
Interessanterweise hat auch eine weitere Erzählung Veza Canettis, die im Lehrermilieu spielt, nämlich Die Grosse, zum Zentrum das Gerechtigkeit-Üben. Hier geht es wie in der Erzählung Der Dichter um die schichtspezifische Herkunft der Lehrerinnen und die sich daraus ergebende unterschiedliche Haltung zu den Schülern. Die Grosse Bürger – der Spitzname für die Lehrerin hatte sich für die Schüler daraus ergeben, dass zwei Lehrerinnen der gleichen Schule Bürger hiessen – behandelt das Mädchen einer Bedienerin so, dass es gleich lernt, sich zu bescheiden und nicht die gleiche Behandlung zu erwarten, wie für die Kinder der Mittel- oder Oberschicht vorgesehen. Entsprechend belehrt die eine Lehrerin, eben die Grosse Bürger, die Schülerin Käthi folgendermassen: „Du hast es am wenigsten notwendig, dich aufzutun, wart nur, bis du in den Dienst gehen musst wie deine Mutter, dann wirst du schon Demut erlernen!“ (DF 10) Die auf Gleichberechtigung unter Schülern achtende Lehrerin mit dem Namen Kleine Bürger hingegen weiss um die Ungerechtigkeit einer abwertenden Spezialbehandlung für Arbeiterkinder. Die Erzählung Die Grosse führt die Mechanismen einer Gesellschaft vor, in der schon in der Volksschule Kinder aus der Unterschicht auf ihre spätere inferiore gesellschaftliche Stellung vorbereitet werden. Am Kulminationspunkt dieses Einübens stehen die Lehrerinnen und Lehrer dieser Schulen. Die Grosse Bürger fügt sich dem gesellschaftlichen Diktat, sie entstammt, wie ihr Name suggeriert, aus dem Grossbürgertum. Die Lehrerin, die sich dem nicht fügt, ist die Kleine Bürger, ihr ist eine Gesellschaft, in der mindestens in der Schule alle gleich behandelt werden, wichtig. Dieser Lehrerinnenfigur entspricht in Der Dichter der Lehrer Gustl, der, statt ein theoretisches Werk über seine pädagogisch-methodischen Erfolge als Lehrer zu verfassen, beginnt, kleine Erzählungen zur gleichen Thematik zu schreiben, und so zum Dichter wird. Dass Veza Canetti eigene Erfahrungen aus der Lehrerinnentätigkeit in den Erzählungen Die Grosse oder Der Dichter verarbeitet hat, ist im Kontext zu den Aussagen in der biografischen Notiz in Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland sehr gut möglich. Denkbar ist auch, dass Veza Canetti an einer jüdischen Mädchenschule unterrichtet hat. Davon soll es neben der Schwarzwald-Schule vier weitere gegeben haben, wie die Biografin von Helene Weigel (Ehefrau von Bertolt Brecht und Absolventin der Schwarzwaldschule) zu berichten weiss.173 Sie schreibt dementsprechend hinsichtlich der Spuren der Begründerinnen dieser jüdischen Mädchenschulen in der Biografie Helene Weigel. Abstieg in den Ruhm: „Von ihren Instituten sind noch nicht einmal mehr Dokumente erhalten geblieben. Die einzigen Spuren ihrer Begründerinnen sind Abmeldungsscheine nach dem Konzentrationslager Theresienstadt.“174
Im Gegensatz zur Tätigkeit als Lehrerin an einem Privatuntergymnasium ist aus verschiedenen Quellen bekannt, dass Veza Canetti Privatunterricht in Englisch erteilt hat, das „Stundengeben“175, wie sie es in den Notizen über Leben und Werk der 30 neuen deutschen Erzähler in den Dreissig neuen Erzähler des neuen Deutschland nennt. Ernst Fischer schreibt in seinen Lebenserinnerungen Erinnerungen und Reflexionen, sie habe ihn in „englischer Konversation“176 unterrichtet.
B5. Fremdsprachenkorrespondentin
Wie bereits kurz erwähnt, sucht Veza Canetti in London 1940 eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondentin, sie schreibt an Franz Baermann Steiner hierzu: „Ich kann commercial correspondance in 3 Sprachen, wenn Sie von etwas erfahren, schreiben Sies mir.“177 Dass Veza Canetti damit tatsächlich an eine entsprechende Tätigkeit in Wien anknüpfen möchte, ist gut vorstellbar. Veza Canetti könnte allenfalls für Dr. Richard Hoffmann nicht nur als Übersetzerin, sondern auch als Fremdsprachenkorrespondentin tätig gewesen sein. Unter Umständen schon in der Zeit, als der Jurist Dr. Richard Hoffmann noch in diplomatischen Diensten stand. Dass dies keine abwegige Spekulation sein muss, zeigt ein Vergleich mit dem ehemaligen Universitätsprofessor Leon Kellner, der nach dem Ersten Weltkrieg in der Präsidialkanzlei als Fremdsprachenkorrespondent178 gearbeitet hat.
Ähnliches ist von Ernst Polak (1886–1947) – dem Literaten ohne Werk – zu berichten, der ursprünglich bei der Österreichischen Landesbank als Fremdsprachenkorrespondent tätig war. Ernst Polak gilt als Freund und Berater der Literaten nicht nur in Prag, sondern später auch in Wien. „Es ist seine Rolle als Freund, Berater und literarischer Agent österreichischer Schriftsteller und belletristischer Verlage, seine Bedeutung als Integrationsfigur der wichtigsten Kaffeehauszirkel in Prag und Wien. – Karl Kraus und Heimito von Doderer porträtieren ihn in ihrem literarischen Werk.“179
Elias Canetti hingegen bezeichnet ihn als Kröte,180 über die er in den Lebenserinnerungen III nichts als die Wahrheit erzählen wolle. „Ernst Polak: die Wahrheit über ihn, die volle Wahrheit. (aber knapp, er ist nicht nur abscheulich, er ist unwichtig)“181 Leider erfährt man über diese Polemik hinaus nichts Konkretes darüber, weshalb Ernst Polak eine Kröte sein soll und was dann die volle Wahrheit dazu sei.
Ernst Polak ist ein guter Freund von Hermann Broch, ihnen ist gemeinsam, dass sie in hohem Alter die gesicherte Berufstätigkeit mit einem unsicheren Studium getauscht haben. Im Gegensatz zu Polak kann Broch aber seine Ideen dichterisch umsetzen. Hermann Broch schreibt seinem Freund Ernst Polak diesbezüglich am 19. Dezember 1943: „Dass Du Dein reiches Material nicht zur richtigen Verwendung hast bringen können war ja stets ein Teil Deiner Neurose.“182
Und der Polak-Biograf Hartmut Binder bringt es folgendermassen auf den Punkt:
„In diesen psychischen Rahmen passt auch eine in ihrer Schärfe freilich von Polaks späterem Scheitern seiner Beziehung zu Milena (der späteren Freundin Kafkas, Anm. va) beeinflusste Bemerkung von Johannes Urzidil, der ihn zu den unproduktiven Literaten rechnet, die aber ‚vermöge ihres Herumwanderns oder Herumsitzens im Gelände des Schrifttums, durch ihr Sprechen oder vernehmbares Denken, durch überraschende Bemerkungen, Handlungen oder Verhaltensweisen eine gewisse Wirkung üben, die mitunter von Person zu Person stärker sein kann als die geschriebener oder gedruckter Aussagen … Der überbelesene Ernst Polak war … ein ganz und gar unschöpferischer, aber höchlichst angestaunter Zyniker, ein Viel- und Besserwisser von stupender Behendigkeit, ein in allen Sätteln gerechter intellektueller Bankbeamter, scharfgesichtig, kleingestaltig, aber einen lebenskünstlerischen Rastignac erfolgreich mimend‘.“183
In der Erzählung Drei Viertel hat Veza Canetti beschrieben, wie der Morgen einer Kanzleiangestellten aussehen könnte. „Eine Kanzlei war ihr Ziel, sie lag in einem Wohnhaus. Der Raum war wie ein Hofzimmer. Aber sie verlor hier ihre Zaghaftigkeit, es schien, als wäre diese Düsterheit ihre Luft. Sie ging auf die Schreibmaschine zu, in Hut und Mantel, und betastete sie, wie ein Galeerensklave nach dem Ruder greift. Mit einem Lappen wischte sie über die Maschine. Dann begann sie den verstaubten Schreibtisch zu ordnen. Sie ahnte selbst, dass sie die Papiere eher in Unordnung brachte.“ (DF 48) Ihr Ziel dieses Morgens ist nicht die Arbeit, sondern sie möchte den Kunstmaler Bent kennenlernen, dabei entpuppt sich das, was sie als Nachteil empfunden hatte, ein Leben buchstäblich „ohne Gesicht“, als Vorteil für den Maler. (DF 59) Nachdem eine Begegnung mit Bent eingefädelt ist: „Dann wandte sie sich der Maschine (Schreibmaschine, Anm. va) zu. Die Maschine lief nach einem alten System. Aber die Sprünge und Widerstände der alten Maschine waren ihr recht.“ (DF 53)
Ernst Polak ist derjenige Autor, der Ivan Cankars Erzählung Knecht Jernej mit einer Rezension in der Literarischen Welt184 im Jahr 1929 dem deutschsprachigen Publikum bekannt gemacht hat. Die Übersetzung dieses Werkes ins Deutsche war zuvor im Niethammer-Verlag Wien185 erschienen. Der Knecht Jernej lässt sein Lebenswerk, einen gutgehenden, ertragsreichen Bauernhof, in Flammen aufgehen, nachdem ihm durch alle Instanzen hindurch bestätigt worden ist, dass er absolut keine Rechte am Hof hat, da der Besitzer ein anderer ist und seine Aufbauarbeit nur der Familie seines Herrn gedient hat.186
Die Fremdsprachenkorrespondentin Anna in der Erzählung Drei Viertel, die sich einerseits als Galeerensklavin sieht, die ihr Ruder, eben die Schreibmaschine, ergreift, scheint hingegen noch weit mehr Freude an ihrem Beruf gehabt zu haben. Genau dieses Bild evoziert auch Georges Canetti, wenn er Vezas Rolle im Leben seines Bruders mit verbannt auf diese Galeere, die ihr nicht gehöre, vergleicht. (BaG 185)
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Veza Canetti mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in Wien als Fremdsprachenkorrespondentin gearbeitet hat. Wenn sie schreibt, dass sie „commercial correspondance in 3 Sprachen“187 kann, meint sie bestimmt Englisch, Französisch und Deutsch. Falls sie aber Fremdsprachen gemeint hat, wäre zu klären, was die dritte Sprache gewesen sein könnte. Das Ladino der spaniolischen Juden war wohl nicht gemeint, vielleicht jedoch Spanisch oder noch wahrscheinlicher Ungarisch, die Muttersprache ihres Vaters und eines Teils der Verwandtschaft Calderon.
B6. Lektorin
Veza Canetti hat für den Malik-Verlag nicht nur Übersetzungen gemacht, wie das mehr oder weniger intensive Ghostwriting für die Übersetzungen der drei Bücher von Upton Sinclair durch Elias Canetti in diesem Verlag beweist, sondern sie hat, wie sie selber 1947 in einem Brief an Wieland Herzfelde schreibt, in diesem Verlag ausserdem lektoriert: „So bin ich geblieben, was ich bei Ihnen zuletzt war, Lektorin bei einem englischen Verlag.“188 Da Veza Canetti im Malik-Verlag als Schriftstellerin nicht nur vor, sondern auch noch nach dessen 1933 erfolgtem Gang ins Exil nach Prag publiziert hat, ist zu vermuten, dass sie auch für den Exil-Malik-Verlag weiter lektoriert hat.
Veza Canetti betont im zuvor erwähnten Brief an Wieland Herzfelde weiter, dass es viel zu erzählen gebe189 und dass sie lieber warte, bis dies mündlich möglich sei, „(…) denn wir werden uns doch alle einmal wieder zusammen finden.“190 Dies wirft natürlich die Frage auf nach dem genauen Umfang der Zusammenarbeit mit dem Malik-Verlag. Hat Veza schon Mitte 20er Jahre, von 1924 bis 1926,191 als der Verlag kurze Zeit eine Zweigstelle in Wien, am Bauernmarkt 1, betrieben hat, für Malik gearbeitet oder war das erst später der Fall? Als Autorin des Malik-Verlages taucht sie erst 1932 auf, nämlich in der Anthologie Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland mit der Erzählung Geduld bringt Rosen. Deutlich früher erfolgten die Übersetzungen Elias Canettis für Wieland Herzfeldes Malik-Verlag; gut vorstellbar ist, dass die Malik-Lektorin Veza Taubner ihrem damaligen Freund diese Übersetzertätigkeit im Anschluss an das Chemiestudium 1929 vermittelt hat.
Bestimmt aber wurde im Hause Taubner/Canetti kurz vor dem Jahr 1930 sehr viel übersetzt. Rechnet man die Übersetzung von John Cowper Powys’ Wolf solent192 durch Veza Canetti vor dem Publikationsjahr 1930 im Unterakkord für Dr. Hoffmann bei Zsolnay dazu, sind es allein für den Malik-Verlag vorerst die beiden Übersetzungen von Upton Sinclairs Leidweg der Liebe193 und Das Geld schreibt,194 beide ebenfalls vor 1930 – Upton Sinclairs Alkohol195 hingegen wurde erst 1932 veröffentlicht.
Der Biograf Elias Canettis, Sven Hanuschek, zitiert einen Tagebuchauszug Elias Canettis vom 5. September 1927, wo er festgehalten hat, was Veza an der Wollzeile in Wien um 11 ½ Uhr vormittags zu ihm gesagt hat: „Vor einem Jahre war ich jung und blühend, nun bin ich alt und verwelkt.“196 Hanuschek interpretiert diese Aussage dahingehend, dass Elias Canetti gemeint haben soll, er mache alle Frauen alt, wie es schon bei seiner Mutter der Fall gewesen sein soll. Dass Veza Taubner ausgerechnet an der Wollzeile, wo sich das Übersetzerbüro von Dr. Richard Hoffmann befand, diese Aussage macht, und zwar kurz vor der Mittagspause, könnte vielmehr etwas mit der hohen Arbeitsbelastung Veza Taubners zu tun gehabt haben. Wahrscheinlich war Veza einfach erschöpft von der sich kumulierenden Übersetzungs-Arbeit für zwei Verlage. Zudem muss sie parallel auch noch schriftstellerisch tätig gewesen sein. Sonst wären die Publikationen ihrer Erzählungen und Novellen anfangs der 30er Jahre ja nicht möglich geworden; ausserdem hatte sie ja zu diesem Zeitpunkt schon zwei Romane fertig, als da sind Kaspar Hauser und Die Geniesser.197 Dies würde ferner erklären, dass Elias Canetti mit seiner Übersetzertätigkeit frühestens ab 1928/29 eher Veza Taubner entlastet hat als umgekehrt. Gerade auch weil Elias Canetti im Februar noch seine Dissertation in Chemie abschliessen musste.198
Leider kann nicht mit Sicherheit belegt werden, dass Veza Taubner vor 1930 für den Malik-Verlag lektoriert hat. Für die Anthologie Dreissig neue Erzähler des neuen Deutschland, die mit halbseitigen Porträts zu den 30 vertretenen Autoren endet, ist hingegen Veza Taubner als Lektorin in Betracht zu ziehen. Es stellen sich nur vier Dichter, darunter Veza Magd, gleich selbst vor, indem sie aus der Ich-Perspektive spannungsvolle Eckpunkte aus der eigenen Biografie schildern.199 Die mit „Notizen über Leben und Werk der 30 neuen deutschen Erzähler“ betitelten Autorenporträts weisen bei jedem Einzelnen explizit auf die proletarische Herkunft des Dichters oder der Dichterin hin. Der Stil dieser Porträts – eine Mischung aus Stolz und Sarkasmus – weist auf die Feder Veza Taubners hin. Leider ist kein Verfasser oder keine Verfasserin der Autorenporträts angegeben, gut vorstellbar ist, dass dies das Lektorat gleich selbst erledigt hat.200
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Lektorieren für den Malik-Verlag für Veza Taubner beziehungsweise Veza Canetti ab 1924 bis zum Jahr 1938 in Betracht gezogen werden muss. Die Übersetzertätigkeit für Malik erfolgte unter dem Namen von Elias Canetti, die literarischen Produktionen unter den Pseudonymen Veza Magd 1932 und Veronika Knecht 1934.
B7. Mitarbeiterin der Arbeiter-Zeitung
Ein weiteres potenzielles Berufsfeld Veza Taubners ergibt sich aus Recherchen im Zusammenhang mit deren Preisgewinn bei der Arbeiter-Zeitung im Jahre 1933. In der Preisausschreibung zu diesem literarischen Wettbewerb erfährt man, dass dieser für die freien Mitarbeiter ausgeschrieben worden war, genauer für die in der heutigen Zeit vielfach in Not lebenden freien Mitarbeiter: „Die Arbeiter-Zeitung wünscht ihren Lesern einige angenehme Stunden zu bereiten, aber auch ihren in der heutigen Zeit vielfach in Not lebenden freien Mitarbeitern eine angenehme Aussicht zu eröffnen, indem sie ein Preisausschreiben für die beste Kurzgeschichte veranstaltet.“201
Für diese freie Mitarbeit bei der Arbeiter-Zeitung gibt es leider keine direkten Belege. Eventuell waren mit freier Mitarbeit Personen gemeint, die seit Längerem Erzählungen in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichen konnten; das war mit der Erzählung Der Sieger und dem Novellenzyklus Geduld bringt Rosen im Sommer 1932 bei Veza Taubner der Fall. Es könnte hingegen auch ganz anders gewesen sein, schreibt doch Elias Canetti in einem Brief an Georges vom 1. März 1934: „Sie (Veza Canetti, Anm. va) war bereits im Januar, als Mit-Arbeiterin einer hiesigen Zeitung und jugoslawische Staatsbürgerin, von einer Abschiebung nach Jugoslawien bedroht.“ (BaG 18) Ob es sich dabei um die Arbeiter-Zeitung handelt, die allerdings erst am 12. Februar 1934 verboten wurde, oder eine andere Wiener Zeitung, ist nicht bekannt. Falls damit nicht die Arbeiter-Zeitung gemeint war202, müsste es eine Zeitung gewesen sein, die bereits im Januar verboten, vielleicht auch nur zensiert oder mit einem Kolportage-Verbot belegt worden war, wie dies bei der Arbeiter-Zeitung der Fall gewesen war.203 Damit wird zudem klar, dass nur eine kommunistische oder sozialistische Zeitung als Arbeitgeberin für Veza Canetti in Frage kommen kann. Mit „Mitarbeit“ könnte Elias Canetti ferner eine Tätigkeit zum Beispiel als Lektorin gemeint haben. Es ist davon auszugehen, dass Veza Canetti für die Arbeiter-Zeitung tätig war, über die Form dieser Mitarbeit hingegen kann spekuliert werden. Im Personenlexikon Österreich von 2001 wird sie beispielsweise als „Redakteurin der Arbeiter-Zeitung“ bezeichnet, leider ohne diese Behauptung mit einer Quelle zu belegen. Diese Unsicherheit muss vorläufig so stehen bleiben, wie eine intensive Recherche im Archiv der Arbeiter-Zeitung, das sich beim Verein für Geschichte der Arbeiterinnenbewegung (VGA) in Wien befindet, ergeben hat.204
Veza Canetti muss nach dem Verbot der Zeitung aber schon bald wieder gearbeitet haben, wie es Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen gleichsam nebenbei erwähnt: „Sie hatte zehn Nächte ganz allein in einem Zimmer mit ihrer toten Mutter (…) Seit ein paar Wochen ist Veza halbwegs wieder auf dem Damm. Sie arbeitet wieder (…).“205
Sehr gut vorstellbar ist auch, dass Veza Taubner bereits vor ihrer Mitarbeit bei der Arbeiter-Zeitung bei einer anderen Wiener Zeitung gearbeitet hat. Da der literarische Einstand bei der Arbeiter-Zeitung mit der Erzählung Der Sieger vonstattenging und dabei ein despotischer Chef namens Siegfried Salzmann eine wichtige Rolle spielte, kommt eine Mitarbeit Veza Taubners bei der Zeitung Neue Freie Presse in Frage. Hat Veza Taubner doch mit der Wahl des Namens Siegfried Salzmann den Feuilletonredakteur der Neuen Freien Presse, nämlich Felix Salten, ins Spiel gebracht, der mit bürgerlichem Namen Siegmund/Zsiga Salzman hiess. Die Erzählung Der Sieger wäre dann eine Abrechnung mit ihrem ehemaligen Chef. Dazu mehr im Kapitel zu Felix Salten.
C. Frühe Freunde: die Asriels und die Waldingers
Beim zweiten Aufenthalt der Familie Canetti 1923 in Wien war die wohnliche Nähe zu den Asriels am Praterstern wie auch zur Ferdinandstrasse 29 mit Veza und ihren Eltern noch grösser als beim ersten Aufenthalt in Wien zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Brüder Elias und Georges waren einige Monate vor Mutter und Bruder in die Praterstrasse 22 gezogen. Als wichtiger Treffpunkt nicht nur für die Canettis entwickelte sich das Haus Asriel. Mehrere Anläufe in den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis dokumentieren, dass er sich sehr schwertut mit der Darstellung des Milieus rund um die Familie Asriel und insbesondere auch mit der Charakterisierung des Sohnes Hans Asriel. Ein Grund liegt wohl darin, dass Elias Canetti sich selbst die Darstellbarkeit dadurch erschwert hat, dass er sich gleichsam als Nebeneffekt wünschte, sich über den ehemaligen Freund Hans Asriel (1904–1936) Veza nähern zu können. „Während der letzten Tage habe ich mich ihr über Hans Asriel genähert.“206
„Hans Asriel, der schon als Knabe in Wien mit mir befreundet war, den ich später als Student wiedertraf und der eine Zeitlang (von 1924–1925), als ich wieder nach Wien kam, durch seine Reden über Karl Kraus und auch über vieles andere eine grosse Rolle spielte.
Im Sommer 1925, nach einer Wanderung durchs Karwendel-Gebirge, haben wir uns am Achensee ernsthaft entzweit und seither war meine Versöhnung mit ihm eine scheinbare. Er ging für eine Zeitlang nach Belgrad und schrieb mir oft von dort, und dann zu seiner Mutter Alice und den Geschwistern Walter und Noemi (?) nach Paris, wo er sich (1936) zum Fenster auf die Strasse hinausstürzte und tot liegen blieb.
Ich fühlte mich sehr durch ihn bedrückt, aber nie hatte ich begriffen, dass er das Opfer eines schizophrenen Prozesses war. Als ich, fünf Jahre vor seinem Tod, die ‚Blendung‘ schrieb (damals den ‚Brand‘), dachte ich nie an ihn. In meine Verherrlichung der Irren war er nie eingeschlossen. (…) Ich will versuchen, ihn jetzt zu verstehen, ihm bin ich wirklich etwas schuldig geblieben, wohl gab ich mir anfangs und noch eine ganze Weile danach grosse Mühe mit ihm, aber ich habe nie begriffen, wovon er bedroht war.
Er wollte, nach einer kurzen Periode der Überlegenheit durch seine Lokalkenntnis Wiens diese Stellung auch weiterhin beibehalten, aber ich gestand sie ihm nicht zu und das führte zu seinem Unglück.“207
Hans Asriel ist nicht der einzige Bezugspunkt, über den Elias Canetti sich Veza für die Umsetzung in den Publizierten Lebenserinnerungen nähern möchte, zu den Annäherungsorten und/oder -personen gehören auch die 300. Vorlesung von Karl Kraus sowie die äusserst wichtige Begegnung mit Veza Taubner in der Wohnung ihrer Tante Olga Hirsch sowie die Geschichten rund um den Stiefvater Vezas. Leider hat sich ausgerechnet die Annäherung an Veza über Hans Asriel als sehr wenig fruchtbar für die Publizierten Lebenserinnerungen erwiesen, ja sich reduziert auf die blosse Nennung von berühmten Wiener Namen, die im Hause Asriel gefallen sein müssen und in deren Serie auch Veza erwähnt wird.208 Was, wie noch zu zeigen sein wird, allerdings nicht grundlos erfolgte. Ganz weggelassen hat Elias Canetti für die Publizierten Lebenserinnerungen die Annäherung an Veza über den direktesten Weg, die Verwendung oder gegebenenfalls Zitierung des Briefwechsels zwischen ihnen, wie folgender Textausschnitt offenbart: „Sehr grosse Scheu habe ich vor dem direktesten Weg: Ich vermeide es, ihre Briefe an mich und meine an sie aus den Jahren 1925 und 1926 zu lesen. Einmal werde ich sie wohl lesen müssen; aber vorher will ich möglichst viel aus der Erinnerung niedergeschrieben haben. Ich fürchte, dass die Briefe, besonders meine, meine Vorstellungen von jener Zeit mit ihr sehr verändern könnten.“209
Aus den Publizierten Lebenserinnerungen erfährt man nichts Genaues über die Art der Beziehung von Hans Asriel zu Veza Taubner.
In den Unpublizierten Lebenserinnerungen zeigt ein ausrangiertes Kapitel, welches Elias Canetti unmittelbar nach der Lektüre von Briefen Hans Asriels aus der Zwischenkriegszeit geschrieben hatte, dass dieser auch einmal erfolglos in Veza verliebt gewesen sein muss. „Heute, nach der Lektüre jener Briefe von ihm (Hans Asriel, Anm. va), die sich erhalten haben, wüsste ich nicht mehr sicher zu sagen, was es eigentlich war, das er für mich empfand. Ich merkte damals, dass er mich um Vezas Liebe beneidete, ein- oder zweimal hatte er selbst – sehr ungeschickt – versucht, sich ihr zu nähern und wurde mit Nichtbeachtung gestraft. Er hatte sie schon viele Jahre vor mir gekannt, in den Gesprächen bei ihnen zuhause spielte sie eine grosse Rolle, vielleicht hatte ihn sogar seine Mutter zu diesen Versuchen ermuntert, es war ihr natürlich, alles ins Erotische zu wenden, und so nahm ich an, dass er auf mich eifersüchtig sei, weil Veza mich beachtete und ihn weiterhin so behandelte, wie seit Jahren immer. Es könnte aber sein, – und das ist mein neuer Zweifel –, dass er auf Veza eifersüchtig war, weil sie mich mehr und mehr okkupierte. Wohl tat ich alles, es zu verbergen, schon um keine Reden von ihm und von seiner Mutter darüber zu hören, aber es gab nichts in diese Sphäre Gehöriges, das seiner Mutter auf die Dauer entging. ‚Ich weiss es immer‘, sagte sie einmal und schüttelte leicht verzückt den Kopf, sie war an jeder Liebesgeschichte beteiligt, als wäre es die ihre.
Natürlich war während der Gespräche zwischen Veza und mir auch von Hans die Rede. Sein Name brauchte nur zu fallen, und das Leuchten zwischen uns erlosch. Es war nicht nur traurig, von ihm zu reden, man empfand es auch als sinnlos. Man hatte keine Schuldgefühle gegen ihn, das hätte niemand haben können, aber man wusste auch nicht, wie ihm zu helfen sei. Ich wurde gefragt, ob ich ihm schon geantwortet hätte und da das meistens auf der Stelle geschah, dafür gelobt, doch war es ein unlustiges Lob, keines, das mich freute und das Traurigste daran war im Grunde, dass jeder sich über seine Abwesenheit in Belgrad freute und sich wünschte, dass es ihm dort besser gehen möge, damit er dort bleibe.“210
C1. Die Asriels und Fredl Waldinger
Fredl (Alfred) Waldinger (1905–1991), mit dem Elias Canetti 1970 wiederum Kontakt sucht, vielleicht gerade auch, um sich etwas genauer der mehr als 50 Jahre zurückliegenden Zeit, die er autobiografisch zu bearbeiten gedachte, nähern zu können, gehörte ebenfalls zu den Freunden des Hauses Asriel.
Elias Canetti notiert in den Unpublizierten Lebenserinnerungen. „Bei Frau Asriel lernte ich Fredl Waldinger kennen, der mir für einige Jahre zu einem Gesprächspartner wurde, wie man ihn sich besser nicht wünschen kann.“211
Wie Elias Canetti weiss auch Fredl Waldinger, wie er in einem Brief von 1977 schreibt, nicht mehr präzise, wie er ins Haus Asriel gekommen war, erzählt aber in einem Interview von 1970, dass seine Familie, die im Quartier Neubau wohnte, schon immer den sephardischen Tempel in der Leopoldstadt besucht habe, sein Vater sei sehr fromm gewesen.212
„Mir ist es aus dem Gedächtnis geschwunden, wie ich die Bekanntschaft von Alice Asriel gemacht habe, ich nehme jedoch an, durch ihren Sohn Hans, der sich eng an mich anschloss, offenbar meiner bedurfte, der Arme.“213
Später nach der Publikation von Die gerettete Zunge schreibt Fredl Waldinger an Elias Canetti, was dessen Autobiografie bei ihm ausgelöst habe: „Auch die Erzählungen von Deinem Grossvater haben starke Erinnerungen geweckt, und zwar an Alice Asriels Berichte über ihren Schwiegervater, der ja noch am Praterstern ein Haus wie ein mohammedanischer Gewaltherrscher geführt hat. In ihren Geschichten hat Asriel senior seine Söhne noch als Erwachsene mit dem Pantoffel geschlagen und die einzige Schwester, die spätere Frau Farchi, konnte sie von Strafen freibitten. Ganz wie in orientalischen Geschichten. Man könnte viel miteinander über diese Dinge sprechen. Schade dass wir so weit von einander leben.“214
Völlig anders ging es in der Familie von Fredl Waldinger selbst zu und her. Theodor Waldinger, der Bruder von Fredl, schreibt in Bezug auf die Vorfahrin Blume Waldinger, die Grossmutter väterlicherseits. „Grossmutter Blume war eine ‚Zadike‘, eine Gerechte. Wenn sie später zu uns nach Wien zu Besuch kam, um sich zu vergewissern, dass alles nach jüdischem Recht und Gesetz zuging, sahen ihre neugierigen Enkelkinder, wie sie aus ihrem Gepäck als allererstes ihr blütenweisses Totenkleid und ein Säckchen mit Erde aus ‚Erez Israel‘ nahm und es sorgfältig verstaute, denn, so sagte sie, man kann nie wissen, ob man nicht morgen schon ins Jenseits abberufen wird. In ihrem Herzen war Jerusalem, und dem Kommen des Messias sah sie mit unerschütterlicher Zuversicht entgegen.“215
Veza Canetti nun lässt in verschiedenen Texten aus den 30er Jahren bekanntlich Reflektorfiguren auftreten, die das Geschehen in den Erzählungen kommentieren, wie die Rote oder eben die Weiss. Das wichtigste Kriterium der Kommentare der Figur mit dem Namen Weiss ist die Gerechtigkeit. „Frau Weiss schritt energisch aus und sah sich gerecht nach allen Seiten um.“ (GSt 80) Dabei rekurriert die Weiss aber keineswegs explizit auf die Religion wie Grossmutter Blume, die Zadike, im Hause Waldinger, sondern auf einen Gerechtigkeitsbegriff, der eher aus dem Menschenrechts-Diskurs stammt.216 Kulturhistorisch spannend ist, dass im Drama Der Oger, das aus dem gleichnamigen Kapitel im Roman Die Gelbe Strasse heraus entwickelt wurde, der Doktor der Psychiatrie die Funktion des Gerechtigkeitsübens der Frau Weiss übernimmt, er bringt die Problematik folgendermassen auf den Punkt. „Es gibt Verbrecher, die im Gesetzbuch nicht vorgesehen sind.“ (O 94) Mit einer Kombination aus Psychologie und Recht gelingt es ihm, Draga vom Wahnsinn, in den sie von Iger getrieben wurde, zu heilen und ihr zu ihrem Recht, das heisst einer Scheidung, zu verhelfen. Der Psychologe und Arzt ist jedoch auch ein Erzähler, der heilt, wenn er erzählt: „Jetzt gehe ich hinein und erzähl meiner kleinen Patientin ein Märchen. Wenn sie dabei einschläft, ist sie geheilt. Der Schlaf heilt.“ (O 79) Gesunde Luft alleine genüge nicht, es sei die Atmosphäre, auf die es ankomme. (O 79)
Auch Elias Canetti selbst ortet im Kosmos des Hauses Asriel viel Wichtiges für sein späteres Leben. Er schreibt dazu 1977 einen Text, den er im zweiten Teil der Lebenserinnerungen zu publizieren gedenkt, in dieser Form dann aber wieder verworfen haben muss: „Dieser Beginn der 2. Wiener Periode ist sehr reich. Die ersten anderthalb Jahre vom Frühjahr 1924 bis zum Herbst 1925 enthielten alles Spätere: Den Beginn des Buches über die Masse, die Begegnung mit Veza, die Begegnung mit Karl Kraus.
Im Grunde findet sich das meiste schon in der Wiederbegegnung mit den Asriels (so ausgezeichnet auch im Transkript, Anm. va) beisammen.
Sie wohnten in der Heinestrasse gleich beim Praterstern. Alice lebte nun schon seit langem ohne ihren Mann. Er war mit dem Dienstmädchen zusammengezogen, sie betrieben ein Fahrradgeschäft in der Wiedner Hauptstrasse. Alice hatte ihre drei Kinder bei sich, Walter, der zurückgeblieben war, Hans, etwa ein Jahr jünger als ich, und Wunni, die Jüngste.
Hans, nicht mehr so hübsch wie als Kind, war noch viel schmaler geworden. Er hatte alles in sich aufgenommen, wovon ein junger Mensch in Wien damals hören konnte. Seine Mutter war immer von jungen Intellektuellen umgeben, Hans hatte denselben Anspruch auf Besserwissen, der uns als Kinder zum Wetteifer angespornt hatte. Es ging nun schon um geistige Dinge, trotzdem war unsere Haltung scheinbar genau die gleiche geblieben. Im Anfang hatte er ein leichtes Spiel, er nannte Namen, von denen ich nie etwas gehört hatte: wie Weininger, wie Karl Kraus. Als ich das erstemal aus seinem und seiner Mutter Munde zugleich den Namen Karl Kraus hörte, war ich sicher, dass es sich um etwas Lokales und völlig Unwichtiges handeln müsse. Der Name war mir nicht nur unbekannt, er klang mir nach nichts, selten ist mir ein Name so unbedeutend erschienen. ‚Kraus‘ war in Wien sehr häufig und ‚Karl‘ natürlich noch häufiger. Zusammen waren sie wie aus einer Schulzeitung. Man erzählte mir begeistert von den Vorlesungen, deren keine von den Asriels je versäumt wurde. Es sei so voll, dass man oft keinen Platz bekomme. Sogar wenn Kraus im grossen Konzerthaussaal lese, was natürlich seltener der Fall war, war es ganz voll, aber sie würden schon dafür sorgen, dass ich auch eine Karte bekäme. Sie redeten mir sehr zu, ich wehrte mich, ich wollte es noch verschieben. Diesmal galt die Abwehr nicht nur dem Anspruche von Hans, der seine momentane Überlegenheit auch von Karl Kraus herleitete, sondern sie war auch gegen den unsäglich banalen Namen gerichtet.“217
C2. Die Felonen: junge Intellektuelle im Hause Asriel
Von grossem Interesse ist neben Fredl Waldinger die Gruppe von jungen Intellektuellen, die im Hause Asriel verkehrt haben, gerade auch, weil Veza Taubner mit diesem Kreis assoziiert war.218
Elias Canetti schreibt in seinen Unpublizierten Lebenserinnerungen: „Eine Gruppe von jungen Leuten, die im Hause Asriel eine grosse Rolle spielte, nannte sich die Felonen, nach einem ihrer Mitglieder, Felo Kohn. Es mochten 6 oder 7 Burschen sein, meist mit ihren Mädchen, die sonntags zusammen in die Kuchelau baden gingen.“219 In den Aufzeichnungen von 1968 hatte Elias Canetti rückblickend notiert, dass er mit den Felonen zwei bis drei Jahre nach Franz Kafkas Tod, also nach 1924, baden gegangen sei, er hätte mit ihnen eine sogenannte Schwimmbeziehung gehabt.220
Der Name der Gruppe sei eine Erfindung des Dichters Alfred Grünewald, der tatsächlich den Spitznamen von Felix Kohn, nämlich Felo, zum Namen für die ganze Gruppe bestimmt habe, so Eva Barilich, die Fritz-Jerusalem-Biografin.221 Zum innersten Kern dieser Gruppe zählten neben Felix Kohn und Fritz Jerusalem Theo Waldinger, Karl Spitz und Alfred Gold.222 Die Felonen engagierten sich im Verband Jugendlicher Arbeiter (VJA) und hielten später Kontakt zur Josefstädter Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ).223
Die Felonen galten als privater „Intellektuellenzirkel“, der sogar Dichterlesungen veranstaltete. Zum Zirkel soll selbst Hermann Broch gehört haben. Umstritten ist aber, ob Elias Canetti und Hermann Broch zu den engsten Freunden von Fritz Jerusalem gehörten.224 Ernst Fischer hingegen wird als Freund von Fritz Jerusalem bezeichnet.225
Egon Lederer – einer der Felonen – meint, dass Karl Kraus auf die Gruppe wie ein Katalysator gewirkt habe. „Er hat uns zur Kommunistischen Partei gebracht, seine Vorlesungen waren eine phantastische Vorbereitung, sich in eine politische Bewegung einzugliedern, die einen Ausweg zeigt und eine Vision hat.“226 „Nach den Vorlesungen von Karl Kraus begaben sich die ‚Felonen‘ in das Café Museum und diskutierten das Gehörte.“227
1929 gründete Fritz Jerusalem mit einigen Felonen die Stosstruppe, eine Agitpropgruppe nach sowjetischem Vorbild, die sich durch besonderen Arbeitseinsatz auszeichnete. Neben Jerusalem gehörten Theo André Drucker, Georg Dollinger und Walter Hollitscher dazu, ausserdem Eduard März. Er und Fritz Jerusalem hätten Texte verfasst, die von André Drucker und Alexander Vogel vertont wurden.228 Es handelt sich um Sprechchöre, Sketches, Spottlieder, zum Beispiel den „Fünfjahresplan-Chor“, im Sinne von Kultur als Kampfmittel.229 Anfangs 1931 muss es bereits in jedem Wiener Kreis eine solche Gruppe der KPÖ gegeben haben. Im 1930 gegründeten Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs sei aber kein einziger als Schriftsteller anerkannter Kulturschaffender Mitglied gewesen.230
Obwohl auch einige junge Frauen bei den Felonen mitmachten – wie Grete Leist, Claire Kossmann, Else Schweiger und Anni Reiniger –, ist in der Fritz-Jerusalem-Biografie von Eva Barilich nie die Rede von einer Veza Taubner.231 Das hat allenfalls damit zu tun, dass bei der Niederschrift der Biografie zu Fritz Jerusalem – Publikation 1991 – Veza Canetti noch nicht breitenwirksam wiederentdeckt worden war. Auch andere mit den Felonen assoziierte Personen werden nicht erwähnt, beispielsweise die mit den Felonen assoziierten Brüder von dem zum innersten Kreis der Felonen gehörenden Theo Waldinger, nämlich der Landschaftsgestalter Fredl Waldinger und der Literaturwissenschaftler und Dichter Ernst Waldinger.
Auch Elias Canetti musste sich nach der Publikation der Lebenserinnerungen 2 und 3 den Vorwurf gefallen lassen, dass er verschiedene intensive Freundschaften aus der Wienerzeit einfach weggelassen habe. Dies betrifft einige Mitglieder der Felonen wie Fritz Jerusalem, Walter Hollitscher und Eduard März.
Verworfen wurde von Elias Canetti überdies ein schonungslos negatives Porträt von Ernst Fischer. „Meine erste Begegnung mit Elias Canetti im Wien der frühen dreissiger Jahre verdanke ich dem damaligen Redakteur der Arbeiter-Zeitung und späteren kommunistischen Minister und Abgeordneten Ernst Fischer. Dieser brillante Mann, der leider einen Teil seiner grossartigen Begabung in wenig sinnvollen tagespolitischen Engagements verzettelt hat, war damals allem Anschein nach Elias Canettis engster Freund. Ich habe die beiden jedenfalls immer zusammen gesehen, ja sie waren geradezu unzertrennlich.“232 Eduard März mokiert sich im gleichen Artikel sehr darüber, dass der Kommunistenfreund Ernst Fischer für den späteren Nobelpreisträger Elias Canetti nicht mehr opportun zu sein scheine und deshalb in den Lebenserinnerungen nur noch am Rande auftauche; weit schlimmer sei es anderen Freunden Canettis ergangen: „Ich denke hier vor allem an Fritz Jerusalem, der sich später Fritz Jensen nannte, und an Walter Hollitscher. Wann immer ich Elias Canetti traf, war das in Zirkeln radikal linker Intellektueller, und Fischer, Hollitscher und Jerusalem waren hier Canettis engste Freunde und literarische Anhänger.“233 Eduard März schreibt im gleichen Artikel: „Walter Hollitscher, später Professor an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und philosophischer ‚Guru der KPÖ‘ fand sich stets ‚zu Füssen‘ Canettis, der mit seiner unbestreitbaren dialektischen Begabung zweifellos eine grosse Faszinationskraft ausstrahlte.“234
Mit dem fast vollständigen Weglassen der Kommunistenfreunde in den Publizierten Lebenserinnerungen räumt Elias Canetti diesen einen sehr ähnlich marginalen Platz ein wie seiner Ehefrau. Das ist ein Tatbestand, der nicht nur Eduard März, sondern auch den anderen nahestehenden Zeitzeugen wie Fredl Waldinger oder Anna Mahler aufgefallen war.
Fredl Waldinger schreibt bezüglich des Einbezugs von Fritz Jerusalem in einem Brief vom 15. November 1980 an Elias Canetti: „Dass Du gezögert hast, Fritz Jerusalems Kapitel in den Band hineinzunehmen, kann ich wohl verstehen. Trotzdem ich ihm nichts Unrechtes nachsagen kann, zwischen mir und ihm war seit früher Kindheit ein problematisches Verhältnis. Ich habe den intellektuell und athletisch Überlegenen bewundert und ein bisschen unter seiner ‚Arroganz‘ gelitten, die er zwar mir gegenüber in späteren Jahren aufgegeben hat. Noch heute kann ich einen Fall nicht vergessen der sich in unserer Kindheit zugetragen hat (nicht vergessen). Wir waren etwa 10 Jahre alt und haben einen steilen Steinbruch in Sievering bestiegen. Er war schnell oben ich aber bin etwa 1 Meter unterhalb mit zitternden Knien stecken geblieben. Fritz hat mir eine Weile lachend zugeschaut wie ich mich bemüht habe den Gipfel zu erreichen, hat mir aber doch rechtzeitig die Hand heruntergereicht und mich heraufgezogen. Durch ihn habe ich in jungen Jahren den Faust kennengelernt den er fast auswendig kannte, usw. Immer waren jedoch Bubenstreiche und manches andere noch bewunderungswert für mich. In späteren Jahren hat mich sein extremer Marxismus abgestossen und das schlimmste von ihm habe ich nach seinem tragischen Tod bei Carl Spitz in San Francisco gesehen. Dort fand ich zwei Büchlein die er unter dem Namen Jensen in China geschrieben, die den unehrlichsten Journalismus als Inhalt hatten. Subtile Empfindungen habe ich nie bei ihm wahrgenommen. Ich verstehe auch, dass Du das Schicksal der Familie Asriel nicht beschreiben kannst, es nähme wirklich ein ganzes Buch, Alice Hans Walter Nuni und die Väter Grossväter. Die ganze tragische Sippe wäre jedoch einer Meisterdarstellung wert.“235
Komplett anders klingt es zu Fritz Jerusalem bei Eduard März, dem österreichischen Wirtschaftshistoriker: „Ein durchaus beachtenswerter Freund und Bewunderer Canettis aus diesem Kreis war auch der junge Mediziner Fritz Jerusalem. Er hatte später eine relativ hohe Funktion bei den ‚Internationalen Brigaden‘ im Spanischen Bürgerkrieg inne, ging dann als Arzt nach China, wurde Fernostkorrespondent kommunistischer Zeitungen und schrieb unter Schriftstellernamen Fritz Jensen das seinerzeit viel beachtete Buch ‚China siegt‘. Er kam 1955 bei einem geheimnisumwitterten Flugzeugunglück auf dem Flug nach Bandung ums Leben.“236
In den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis findet sich ein gar nicht unähnliches Porträt von Fritz Jerusalem, wobei er dessen Wirken sehr schön im intellektuellen Kleinbürger-Milieu der Asriels verortet. Als Krönung des Porträts lässt er am Schluss Alice Asriel sagen, Fritz Jerusalem sei non plus ultra.
„Der eine, der als der weitaus angesehenste, sportlich tüchtigste, stärkste und auch gescheiteste galt, war Fritz Jerusalem. Er war nicht immer dabei, und vielleicht auch wegen dieser häufigen Abwesenheit ist er schon zu einer Art von Legende geworden. Ich sah ihn erst lange nicht, er kam nicht häufig ins Haus. Über die Male, die er dagewesen war, wurde noch Wochen danach gesprochen. Immer hatte es sich um Diskussionen gehandelt, zwei Burschen messen ihren Geist aneinander und Alice hörte zu. Solche Turniere hatte sie für ihr Leben gern, man könnte sagen, dass sie dafür lebte. Wohl hatte sie auch hie und da unter diesen jungen Menschen einen Freund, sie dachte sehr frei darüber und fand auch nichts dabei, dass ihre Kinder es wussten. Klein waren sie ja nicht mehr und auch sie sollten, das wünschte sie sich besonders, zu freien und vorurteilslosen Menschen werden. Aber so wichtig diese Beziehungen für sie waren, worauf es ihr eigentlich ankam, das waren die Streitgespräche, die sich vor ihr abspielten. Da sass oder stand sie, eine winzige Frau, liess sich kein Wort entgehen, glaubte jedes zu verstehen, zumindest merkte sie sich genau, was gesagt wurde, auch wenn sie’s nicht verstand, worauf sie aber am meisten achtete, das war das Vordringen der einen, das Nachgeben der anderen Seite, das Hin und Her des Kampfes, die Sicherheit, die plötzlich zu Unsicherheit wurde, und wieder der Wechsel, aber am liebsten hatte sie es doch, wenn einer, den sie nun einmal für den Gescheitesten hielt, immer der Überlegene blieb und den Partner leicht und ohne viel Anstrengung abfertigte.
Dieser Eine war Fritz Jerusalem und obwohl er nie zu ihrem nahen Freunde wurde, stellte sie ihn zuhöchst und gab mir deutlich zu verstehen, schon lange, bevor ich ihn kennen lernte, dass er unübertrefflich sei. Sie fasste es kurz und entschieden zusammen, wobei sie mich etwas ironisch ansah: ‚(Er ist) non plus ultra.‘“237
Dieses doch eigentlich sehr positive Bild von Fritz Jerusalem, das hier Elias Canetti zeichnet, weist bestimmt nicht auf eine absolute Abgrenzung hin, wie das vom Dichter Alfred Grünewald kolportiert wird, der anscheinend mit Fritz Jerusalem gebrochen hatte, sobald der sich der Kommunistischen Partei anschloss.238
Die „Reproduktion eines Grünewald“ 239 schickt Veza Canetti dann allerdings nicht an Broch, wie sie am 25. Dezember 1950 schreibt. Meint sie eine Aufnahme des Altars von Matthias Grünewald, den auch Elias Canetti sehr häufig erwähnt, oder ist das ein Schibboleth für etwas ganz anderes? Zum Beispiel könnte mit Grünewald ebenso ein Aphorismus oder ein Einakter des Dichters Alfred Grünewald gemeint sein. Der mit den Felonen assoziierte Dichter war im Exil in Frankreich bis kurz vor seinem Tod schriftstellerisch weiterhin sehr produktiv gewesen,240 bis er – da homosexuell und Jude – im KZ Auschwitz 1942 ermordet wurde.241 Die kryptische Antwort Hermann Brochs vom 7. Februar 1951 als Post-Scriptum deutet eher auf den Dichter hin: „Was macht eigentlich Ihr eigenes Dichten? Nein, der Grünewald würde mich nicht traurig stimmen, aber Sonne traure ich nach. Ich will gelegentlich einen Abschiedsaufsatz über ihn schreiben.“ 242
Das Verorten von Personen der Vergangenheit in ihrem sozialen Umfeld, um sie als literarische Figuren besser darstellen zu können, hat Elias Canetti sehr oft angewendet, nicht zuletzt auch auf Veza Canetti. Bei ihr hat er gleich mehrfach in den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen das tatkräftige soziale Engagement im unmittelbaren Bereich der Ferdinandstrasse dargestellt. Auch die Biografin von Fritz Jerusalem wendet dieses Verfahren an, wenn sie erzählt, Fritz Jerusalem hätte Mitte 30er Jahre bei Arbeiterfrauen Abtreibungen durchgeführt, wenn sie aus ökonomischen Gründen keine Kinder kriegen wollten oder konnten.243 Möglicherweise hat sich Veza Canetti vom Engagement Fritz Jerusalems als Arzt im Spanischen Bürgerkrieg zu den Texten im spanischen Korpus244 – Pastora, Der Seher und Der Palankin – inspirieren lassen, unter Umständen war es aber auch nur der spaniolische Anteil der eigenen Herkunft. Pastora, die historisch gesehen mythenumrankte Freiheitsheldin, wird bei Veza Canetti zur Magd Pastora, die weniger am nicht erfolgten Aufstieg im feudalen Herrschaftshaus zerbricht denn an enttäuschter Liebe. Pastora stösst mit ihrer letzten Frage, „Habe ich denn recht und alle haben Unrecht?“, mitten in den Diskurs der Marxisten und Individualpsychologen der Zeit vor. In der Erzählung zerbricht die Liebe Pastoras und Don Anibals an der feudalen Praxis der Gegenwart, in der Ehen unter ökonomischen Gesichtspunkten geschlossen werden oder geschlossen werden müssen.245
C2.1 Sport versus Selbstmord
Von den Felonen wird berichtet, dass ihre Interessen nicht nur auf Politik und Kultur fixiert waren, sondern sportliche Wettkämpfe und Bergwanderungen auf Ötscher und Rax sowie Badevergnügen an der Donau dazugehörten.246
Auch Veza Taubner muss sich oft auf der Raxalp erholt haben, immer dann, „wenn die Atmosphäre in der Wiener Wohnung so gespannt war“, dass Vezas Mutter um das seelische Gleichgewicht ihrer Tochter gefürchtet habe.247 Hier traf sie sich mit ihrer Freundin Lucile, wahrscheinlich das ehemalige Kindermädchen von Elias aus Die gerettete Zunge, wie ein kleiner Schibboleth in den Unpublizierten Lebenserinnerungen den Sachverhalt beweist. Lucile muss sich da von den Strapazen bei der Pflege ihres todkranken Ehemannes erholt haben, eines Philosophen, der sich mit den Segnungen des Todes auseinandergesetzt hatte. Noch mehr habe sich die Lucile aber mit Rainer Maria Rilke beschäftigt, der ihr Briefe geschrieben habe.248 Mit Lucile könnte die 1901 geborene Geigerin Lucie Wedekind-Simon gemeint sein, der Rainer Maria Rilke 1924 das Gedicht Musik gewidmet hat, das offenbart, wie man mit Musizieren die Toten erreichen kann. Lucie hatte jung die Schwester und Freundin verloren.
Folgender Satz aus einem Brief von Veza Taubner an Elias aus dem Jahre 1926/27 vom Knappenhof Raxalp muss ihn – auch 60 Jahre später aufs Neue – enorm beschäftigt haben, wie aus den Unpublizierten Lebenserinnerungen hervorgeht: „Nichts macht auf mich nur annähernd solchen Eindruck als die Millionen uralte Tote aus welchen die Rax besteht. Sie machen mich erstarren und ziehen mich mächtig an.“249 In immer neuen Anläufen versucht Elias Canetti dieser Periode im Leben Veza Taubners in irgendeiner Form sprachlich gerecht zu werden. Vieles in dieser Auseinandersetzung erinnert an Rainer Maria Rilkes Aussage zu den Ideen des Kosmikers Alfred Schuler in einem Brief von 1915 „(…) von einer intuitiven Einsicht ins kalte kaiserliche Rom her, eine Welterklärung zu geben unternahm, welche die Toten als die eigentlich Seienden, das Toten-Reich als ein einziges unerhörtes Dasein, unsere Lebensfrist aber als eine Art Ausnahme davon darstellte: dies alles gestützt durch eine unermessliche Belesenheit …“250 Lakonisch schreibt Elias Canetti, er hätte darauf bestanden, dass Veza sich von Lucile zurückziehe: „Ich müsse wissen, was ihr wichtiger sei: der Tod oder ich. Sie verstand meine Forderung und nahm sie mir nicht übel. Sie entschied sich für mich. Vielleicht hatte sie sich eine Befreiung von Lucile gewünscht. Sie verzichtete aber nicht auf den Knappenhof und fuhr manchmal noch hin, ohne ihre Freundin dorthin einzuladen, aber auch ohne mich. Rilke starb acht Monate später, im Dezember.“251
Gut bekannt sind den Lesern von Elias Canettis Lebenserinnerungen die Bergferien. Mit Veza Taubner hat er in den Ferien täglich Homers Odyssee gelesen, in den Wanderferien mit Hans Asriel im Karwendelgebirge spielte das Schweigen eine grosse Rolle. Dass da auch mit anderen Mitgliedern der Felonen gewandert worden ist, scheint plausibel, hat aber keinen Niederschlag in literarischen Zeugnissen gefunden.
Zum Schwimmvergnügen in der Donau hingegen gibt es in Elias Canettis Unpublizierten Lebenserinnerungen eine Stelle, wo klar wird, dass Schwimmen nicht nur eine harmlose Betätigung gewesen sein musste. „Schon vorher, er war noch in Wien, war es zweimal zum Bruch zwischen uns (mit Hans Asriel, Anm. va) gekommen, äusserlich immer von ihm provoziert. Das erstemal bei einem Ausflug in der Wachau, wo er wortlos immer weiter in die Strömung der Donau hinausging – er wusste, dass ich nicht schwimmen konnte – und mir auf diese Weise schweigend mit Selbstmord drohte.“252 Ob Veza Taubner an den Schwimmvergnügungen teilgenommen hat, ist nicht bekannt. Eine Stelle in der autobiografisch konnotierten Erzählung Drei Viertel thematisiert ganz sarkastisch, wie der Erfolg als Schwimmerin und der Erfolg bei Männern nicht zwingend zusammenhängen müssen, wenn es sich beim Mann um einen Künstler handelt. Die schöne Britta äussert sich gegenüber Bent, dem Maler, folgendermassen: „Ich bin schrecklich froh, dass ich als schönste Schwimmerin den Preis bekommen habe, ich würd mich sonst nicht mit Ihnen im Trikot ins Boot traun, Maler sind so kritisch. Sie müssen durch Ihre Modelle schrecklich verwöhnt sein, da kann man nicht genug glänzen.“ (DF 70) Als Modell zieht der Maler Bent jedoch eindeutig das weniger Perfekte vor. Beispielsweise stellt er eines seiner liebsten Modelle, Anna, das Mädchen ohne Gesicht, so dar, „als hinge sie mit einer Schnur am Hals von der Decke herunter.“ (DF 65) Eifrig erklärt der Maler der enttäuschten Anna, dass ihr Gesicht nur so aussehe, weil ihr Porträt die erste Sonne des Jahres nicht ertrage. Der dargestellte Selbstmord hingegen scheint im Gegensatz zum fehlenden Gesicht kein Thema zu sein.
Dass indessen nicht nur Hans Asriel mit Selbstmord drohte, sondern explizit auch Elias Canetti – ob als Spiel oder nicht –, enthüllt eine Passage in Eduard März’ Abrechnung mit diesem in der Wiener Zeitung von 1987, wo er ein Ereignis in einem weiteren linken Freundeskreis, dem von Hans Schwarz, beschreibt: „Schwarz, ein ‚ewiger Student‘ aus sehr wohlhabendem Haus, enorm belesen und kultiviert, aber ein wenig naiv, hatte Canetti in vielleicht etwas spöttischer Art gefragt, was er denn als Schriftsteller bisher geschrieben habe. Canetti spielte daraufhin eine ‚grosse Szene‘. Er erklärte, er schreibe, um gegen schwerste seelische Störungen anzukämpfen, und sei in ständiger Versuchung, Selbstmord zu begehen. Um die Dramatik dieser Störungen zu illustrieren, zog er aus der Hosentasche eine Schnur und behauptete, sie stets bei sich zu tragen, um sich bei Bedarf daran aufzuknüpfen. Schwarz war tiefbetroffen und beschwor Canetti, doch diese Schnur wegzuwerfen; er stelle ihm seinen Papierkorb zur Verfügung. In gespielter Empörung wandte sich Canetti an Fritz Jerusalem, warum denn dieser als Arzt ihm noch nicht die Lösung mit dem Papierkorb angeboten habe. Dieser ging auf den Scherz ein und meinte, das wäre ja nur eine Symptombehandlung, und Gelegenheiten, Selbstmord zu begehen, gäbe es ja auch sonst genug – worauf sich Canetti in gespielter Verzweiflung an Schwarz wandte und ihn um einen besseren Rat fragte. So ging es noch eine Weile weiter, und die ganze Gesellschaft konnte bereits das Lachen kaum mehr zurückhalten. (…) Die Szene endete übrigens in einem Eklat, als der Verhöhnte endlich doch das Theaterspiel Canettis durchschaute.“253
Einiges in Bezug auf Selbstmord muss aber bei Elias und Veza Canetti gleichwohl im Schwange gewesen sein, wie ein Textausschnitt aus den Unpublizierten Lebenserinnerungen zeigt: „Vorher, im ersten Grinzinger Jahr kam das Erscheinen der ‚Blendung‘, meine erste wirkliche ‚Öffentlichkeit‘ sozusagen und unmittelbar danach die schreckliche Enttäuschung über unsere materielle Lage, die eine verzweifelte war. Es kam zu Vezas ‚System‘: Sie fasste geheim den Plan, durch Selbstmord auf meine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Während Wochen setzte sie Briefe auf an Leute wie Thomas Mann, aber auch an nahestehende Freunde und Bekannte, in denen sie erklärte, was sie vorhabe und darum bat, dass man mich schützen und für mich sorgen möge. Sie hatte einen kleinen blauen Koffer, in dem sie alle Entwürfe zu solchen Briefen beisammen hielt. Den Schlüssel dazu trug sie immer bei sich. Ein kleiner ovaler Stein lag unter den Papieren, er stand für sie, für das Türmchen, wie ich ihren Kopf nannte. An einem furchtbaren Tag kam das Ganze heraus, ich wurde misstrauisch und erbrach den Koffer und las das Ganze. Noch einige wenige Tage und sie hätte ihren Vorsatz ausgeführt. In ihrem kleinen Grinzinger Holzzimmer brach sie zusammen und gestand mir den ganzen Plan. In meinem tödlichen Entsetzen nahm ich sie in die Arme und wir weinten wie zwei Kinder.“254
Wenn man diese unpublizierte Passage von Elias Canetti in Beziehung setzt zu Eduard März’ Erinnerungen Der grosse Auftritt mit der Schnur, fällt auf, dass Selbstmord für Elias Canetti ein Spiel sein konnte, bei dem der Selbstmörder oder die Selbstmörderin als Spielfigur aufmerksam macht auf seine/ihre Situation, sie als Druckmittel für sein Umfeld verwendet. Dass hinter dieser Inszenierung des Selbstmorddarstellers weit mehr sein kann, beschreibt Veza Taubner in der 1933 veröffentlichten Erzählung Der Kanal. Einerseits wird das schlecht vermittelbare Dienstmädchen Emilie Jaksch von der Dienstbotenvermittlerin Hatvany direkt dazu aufgefordert, sich doch umzubringen; andererseits weiss die Emilie nicht recht, wie das gemeint sein könnte, muss indessen feststellen, dass es um nichts, das sie trägt, schade ist – die Jacke, die Tasche, alles alt. „‚Und was das Leben anlangt, das man wagt, so kann sich ein armes Mädchen es eben nicht leisten so weit zu denken‘“, so der Kommentar als Zitat aus dem Off. (GSt 114) Gezielt springt Emilie dann tatsächlich vor den Augen des Wachmannes ins Wasser. „Emilie stak im Wasser, hilflos, rettungslos, wehrlos, sie hielt die Hand nach oben und winkte, aber gleichzeitig war sie sich bewusst, dass kein Mensch sie sehen würde, dass kein Mensch sie jetzt beachtete, wo sie fast tot war, wenn man sie doch früher nicht beachtet hatte, da sie noch lebte.“ (GSt 114) Emilie wird durch den Wachmann gerettet und kommt wie andere Dienstmädchen, die einen Selbstmord verübt hatten, auch ins Dienstbotenheim. Der Wachmann stirbt an Verkühlung, der korrupten Hatvany wird die Dienstbotenvermittlung geschlossen, da sie Dienstmädchen in den Tod getrieben habe. Der Selbstmordversuch hat aber nicht nur negative Folgen, wie es wiederum ein Kommentar aus dem Off auf den Punkt bringt, dieses Mal nicht als Zitat: „Ja, so geht es zu. Wer das Leben wagt, bekommt Kost und Quartier, und wenn’s gut geht, auch noch einen Posten.“ (GSt 116)
Einen vollkommen anderen Verlauf nimmt das Sich-Umbringen beim Dichter in der erst posthum publizierten Erzählung Veza Canettis Die Flucht vor der Erde. Die Enttäuschung über die Partnerin, über die Solidarität unter Menschen und über die Gesellschaft als Ganzes bringt den Wissenschaftler und Erfinder dazu, sich unter dem Deckmantel der Erforschung des Weltraumes den Bau einer Rakete finanzieren zu lassen, mit der er sich sein geheimes Ziel erfüllen kann, „(…) jedem Wiederwerden auf ewig zu entrinnen.“ (DF 47) Der Bau dieser Maschine oder Rakete wird von der Erzählerin als „raffinierteste Form der Selbstvernichtung“ bezeichnet. Gleichzeitig kommentiert auch hier eine Stimme aus dem Off – gleichsam aus psychologisch ironisierender Perspektive: „Möchte mit Beendigung des fürchterlichen Meisterwerks auch sein Wahn zu Ende sein.“ (DF 47) Der sogenannt krankhafte Wahn, aus dem der Protagonist sich befreien möchte, ist die Empathie. Die Erzählerin kommentiert: „Dieser Unglückliche quälte sich nicht nur mit seinem eigenen Dasein ab, sein kranker Geist zwang ihn, sich in alle Daseinsformen vom kleinsten Meerestier bis zum Menschen hineinzuversetzen und alle Martern zu ertragen, die jedes einzelne Dasein zu gewärtigen hatte.“ (DF 45) Die Rakete als Mordinstrument wird gewählt, weil der Wissenschaftler – ohne Ziel frei ins Universum hinausgeschossen – die Möglichkeit erhält, nach seinem Tod nie mehr auf der Erde wiedergeboren zu werden. „Und so gewährte ihm auch der Gedanke an den Tod keinen Trost, weil er sich mit grausamer Logik erklärte, wie er nach seinem Tode immer wieder in einer Form auf Erden zu sein verdammt sein würde, obwohl das Dasein ihm verhasst war.“ (DF 45 f.) Ob der Wissenschaftler allenfalls Buddhist ist, ein Indiz dafür wäre seine Furcht vor der Wiedergeburt, erfährt der Leser nicht.
C2.2 Hans Asriel
Der einzige Felone, von dem bekannt ist, dass er Selbstmord verübte, ist der gemeinsame Freund von Veza und Elias Canetti, Hans Asriel. Ob dies im Zusammenhang steht mit einer der von Elias Canetti eingebrachten Erklärungsmöglichkeiten, wie nicht ausgelebte Homosexualität oder eine allfällige Schizophrenie, steht zur Diskussion. Erwägenswert wäre auch ein Zerbrechen an der Tatsache, dass die von ihm einst geliebte Veza Taubner nicht nur mit seinem Gegner aus dem Karwendelgebirge, Elias Canetti, verheiratet war, sondern dieser mit der Publikation des Romans Die Blendung im Jahre 1936 zudem einen ersten Erfolg als Schriftsteller verbuchen konnte. Leider äussert sich Elias Canetti nicht dazu, aus welch konkreten Gründen Alice Asriel mit all ihren erwachsenen Kindern nach Paris migriert war, wo Hans Asriel sich im Jahre 1936 mit einem Sturz aus der gemeinsamen Wohnung umbrachte. Durch die Lektüre von Theodor Waldingers Lebenserinnerungen Zwischen Ottakring und Chicago werden die Rahmenbedingungen der Migration der Familie Asriel nach Paris – die sonst im Dunkeln verblieben wäre – etwas deutlicher. Theo Waldinger, der 1938 über Paris in die USA ins Exil ging, suchte in Paris sofort den Kontakt zu Alice Asriel, mit der Veza Taubner befreundet war, er schreibt: „Frau Asriel hatte mit ihrem Gatten in Wien in einer sonderbaren Ehe gelebt, die, wie es bei den sephardischen Juden üblich war, durch Vermittlung zustande gekommen war und schliesslich mit einer Trennung enden sollte. Sie hatte drei Kinder, Hans, Renée, die Nuni genannt wurde, und den geistig zurückgebliebenen Walter. Nach ihrer Scheidung verliess sie Wien mit ihren Kindern, zog nach Frankreich und liess sich im Pariser Arbeitervorort Levallois-Perret nieder. Sie gab Sprachunterricht und wurde finanziell von einer reichen Schwester unterstützt, die in England lebte. Alice Asriel war eine unendlich hilfsbereite Frau, der ein schweres Schicksal beschieden war. Um der Tragik ihres Wiener Lebens zu entrinnen, war sie nach Paris gegangen.“255 Ob wirklich Alice Asriels Scheidung der Grund für die Migration nach Frankreich war oder ob allenfalls ein zu gefährliches kommunistisches Engagement in Wien von ihr oder ihrem Sohn Hans im austrofaschistischen Ständestaat den Ausschlag gegeben haben könnte, ist nicht geklärt.
Veza Canetti wird sich am 20. März 1934 bei Elias Canettis Bruder Georges erkundigen: „Aber warum schimpfen Sie immer so über mich, wir beide können uns doch schmecken? Zu Renée und zu Tante Bellina?“ (BaG 31)256
Elias Canetti schreibt 1978 in den Unpublizierten Lebenserinnerungen zusammenfassend zu Hans Asriel: „Ich will versuchen, ihn jetzt zu verstehen, ihm bin ich wirklich etwas schuldig geblieben, wohl gab ich mir anfangs und noch eine ganze Weile danach grosse Mühe mit ihm, aber ich habe nie begriffen, wovon er bedroht war. Er wollte, nach einer kurzen Periode der Überlegenheit durch seine Lokalkenntnis Wiens diese Stellung auch weiterhin beibehalten, aber ich gestand sie ihm nicht zu und das führte zu seinem Unglück.“257 Wie sehr auch dies nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann, zeigen die vielen Versuche, ein Porträt von Hans Asriel zu zeichnen, in den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis. Leider sind die Briefe von Hans Asriel an Elias Canetti in dessen Nachlass nicht aufzufinden, was leicht einen ungefilterten Blick auf die Beziehung erlaubt hätte.
Ganz anders als Elias Canetti äussert sich Theo Waldinger zu Hans Asriel: „Ihr (Alice Asriels, Anm. va) Sohn Hans, ein gleichermassen intelligenter wie verschrobener Mensch, konnte in Paris nicht recht Fuss fassen. Eine Zeitlang war er bei linksextremen Organisationen aktiv, dann setzte er seinem Leben durch einen Sprung aus dem Fenster eines Hochhauses ein Ende.“258
Der Selbstmord von Hans Asriel hinterlässt seine Spuren auch in einem Brief Veza Canettis an Georges Canetti in Paris: „Liebster Georg! Die schreckliche Nachricht hat mich offenbar doch tiefer getroffen als ‚seine Schwester‘ (Renée Asriel, 1910–1942, Anm. va), denn seit zwei Tagen bin ich verstört und jetzt erst hab ich der heldenhaften kleinen Frau schreiben können. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns schrieben, was der arme Hans in seiner Verwirrung mit Ihnen gesprochen hat. Jeder Fetzen eines Satzes würde uns interessieren. Der Gedanke in Ihrem Brief, Canetti könnte sich Vorwürfe machen hat mich ein wenig mit den Gedanken Ihres früheren Briefes versöhnt. In der Tat, er war furchtbar unglücklich über diesen bestimmt unvermeidlichen Selbstmord und erklärte mir, er sei der Mörder. Was Ihre Gedanken in Ihrem vorletzten Brief anlangt, so nehme ich an, dass Sie sie nie gedacht haben. Anders könnt ich Sie nicht achten. Ich liebe Sie nach wie vor, aber ich werde Sie nicht achten, wenn Sie auf einem einzigen dieser Gedanken beharren. Ihr Bruder, der gütigste und nobelste Charakter den ich kenne konnte drei Nächte nicht schlafen. Dann beruhigte er sich und wollte, dass ich Ihnen schreibe er hätte den Brief nie bekommen, ich hätt ihn unterschlagen. Denn er wollte nicht, dass Sie Ihren besten Freund verlieren. (…) Und nochmals bitte mehr über Hans Asriel und seine Mutter.“ (BaG 62)
Wieso Elias Canetti auf die Idee kommt, er sei der Mörder von Hans Asriel, lässt Raum für viele Spekulationen. Hat er Hans Asriel Mitte 20er Jahre als Freund von Veza Taubner abgelöst oder hat sich Hans Asriel selbst in ihn verliebt, wie er irgendwie zu ahnen glaubt? Eine andere Perspektive auf den Tod von Hans Asriel nimmt Veza Canetti ein, wenn sie über Elias Canetti schreibt: „Denn er wollte nicht, dass Sie Ihren besten Freund verlieren.“ (BaG 62) Sie weist damit eher darauf hin, dass möglicherweise Georges Canetti nicht nur der beste Freund Hans Asriels gewesen war, sondern vielleicht sogar dessen Lebenspartner/Liebhaber. Georges Canetti war homosexuell.
C2.3 Ernst Waldinger
Dass viele Kontakte aus dem Kontext des Hauses Asriel – insbesondere was die Brüder Waldinger betrifft – bis in die Exilzeit von Bedeutung waren, offenbart ein Brief Veza Canettis an Wieland Herzfelde. Wie sie darin schreibt, hat sie sich tatsächlich zuerst bei dem mit den Felonen assoziierten Ernst Waldinger (1896–1970), dem um acht Jahre älteren Bruder von Fredl Waldinger, erkundigt, ob sie Wieland Herzfeldes „Marken“ für sein Markengeschäft in New York schicken soll.259 Ernst Waldinger, Dichter und Literaturwissenschaftler, war nicht wie sein Bruder Fredl nach Israel migriert, sondern in die USA. Vielleicht wirft diese Erst-Kontaktnahme nach dem Krieg auch ein Licht darauf, wie Veza Taubners Beziehung zum Malik-Verlag entstanden sein könnte. Die Wurzeln dieser wären im Kreis der Felonen und der mit ihnen assoziierten Dichter und Künstler zu suchen. Ein nicht zu unterschätzendes Ereignis rückt Ernst Waldinger ebenfalls in die Nähe von Veza Taubner, hat er doch durch eine schwere Kopfverletzung am Ende des Ersten Weltkrieges sein Sprachvermögen verloren, das er sich mühsam wieder neu erarbeiten musste.260 Ein Schicksal, das ein bisschen an Aspekte der historisch dokumentierten Figur des Kaspar Hauser erinnert. Veza Taubner wird einen ihrer Romane Kaspar Hauser nennen, ob sie sich von Ernst Waldinger inspirieren hat lassen, ist gut möglich. Auf jeden Fall ist ihr sein Schicksal sicher nicht entgangen, gerade auch weil ein Teil seiner rechten Hand gelähmt blieb und er nie mehr gut schreiben konnte. Ob er mit der verbleibenden Hand Maschine geschrieben hat wie Veza Taubner selbst, ist unbekannt. Ernst Waldinger arbeitete nach dem Studium beim Allgemeinen Tarifanzeiger, einem Verlag, der vom Bruder von Sigmund Freud, Alexander Freud, geführt wurde. 1923 heiratete Ernst Waldinger eine Nichte Sigmund Freuds, die Klavierlehrerin Beatrice (Rosi) Winternitz.261 Theodor Waldinger schreibt in seinen Erinnerungen an den Bruder, dass Rosi Waldinger an schweren Depressionen gelitten habe, die sich durch die Ermordung ihrer Mutter, der Schwester Sigmund Freuds, im KZ Theresienstadt noch verschärften: „Viele Jahre nach Kriegsende las sie (Rosi Waldinger-Winternitz, Anm. va) eines Tages das nach Dokumenten gearbeitete Stück ‚Der Stellvertreter‘ von Rolf Hochhuth. In diesem findet sich auch eine Szene, in der ein gebildeter KZ-Arzt aus Otto Weinigers Schriften zitiert und auf die Vorhaltung ‚Sie lesen Wiener Juden? ‘ stolz antwortet: ‚Na, ich verbrenne sie ja auch. / Am Dienstag hab ich die Schwester von Sigmund Freud durch den Kamin gepfiffen.‘“262
Auch Eduard März und andere Kritiker von Elias Canetti haben schon betont, dass sein Kontakt zu Wieland Herzfelde nicht, wie in den Publizierten Lebenserinnerungen beschrieben, über die Dichterin Ibby Gordon erfolgte. Dieser Verdacht wird dadurch erhärtet, dass in den Unpublizierten Lebenserinnerungen die Übergänge zwischen den Aussagen Ibby Gordons und denen von Veza Taubner fliessend sind, sodass unklar ist, welche der zwei Frauen gemeint ist, beispielsweise im Bild mit der explodierenden Dichterin263. Eduard März schreibt 1987 dazu: „Diese Vermutung wird auch erhärtet durch die nicht sehr glaubwürdige Art, in der Canetti im zweiten Band seiner Erinnerungen seine Kontaktaufnahme mit dem Brecht-Kreis in Berlin motiviert. Er gibt an, durch eine Freundin (Ibby Gordon, Anm. va) in die Gruppe um Herzfelde, Bert Brecht und Isaak Babel eingeführt worden zu sein (wobei er die KPD-Nähe von Herzfeldes Malik-Verlag natürlich unerwähnt lässt). Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es vor allem die Empfehlung durch den beinahe ‚totgeschwiegenen‘ engen Freund Ernst Fischer war, die Canetti in Berlin die entsprechenden Türen öffnete.“264 Da Ernst Fischer seinen Arbeits- und Lebensort erst 1927 von Graz nach Wien verschoben hatte und die Felonen bereits ab 1918 politisch und künstlerisch aktiv waren, wie jüngst der Grünewald-Biograf Volker Bühn bestätigt hat265 – zudem Malik schon 1924 für kurze Zeit eine Zweigniederlassung in Wien unterhalten hat –, ist anzunehmen, dass der Kontakt eher über die Felonen oder dann über Veza Taubner direkt erfolgte. Von den Felonen kommt für einen Kontakt zu Wieland Herzfelde eigentlich nur der Literaturwissenschaftler Ernst Waldinger in Frage. Dieser gehört zudem zu den Autoren, die im Exilland USA 1944 Wieland Herzfelde beim Aufbau des Auroraverlags, des Nachfolgeverlags von Malik, geholfen haben. Wieland Herzfelde verkaufte diesen Verlag 1948 an den Aufbau-Verlag. Ernst Waldinger gehört zu den wenigen Autoren der Zwischenkriegszeit, die den Julius-Reich-Preis erhielten. „Beim ersten Autorenabend der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller am 18. Mai 1933, der unter dem Motto ‚Literarischer Rechenschaftsbericht 1932‘ stand, (…) erhielt er (Adolf Unger, Anm. va) gemeinsam mit Hilde Spiel, Ernst Waldinger und Ludo Gerwald den Julius Reich-Dichter-Preis des Jahres 1933.“266
Seine ersten Gedichte hatte Ernst Waldinger 1924267 in der Wiener Zeitschrift Die Waage oder Die Wage publiziert.268 Politisch und kulturell hat der mit den Felonen assoziierte Ernst Waldinger ein sehr ähnliches Profil wie Veza Taubner. Wie die Canettis auch bleibt er seinem Exilland treu und wird 1947 Professor für deutsche Sprache und Literatur am Skidmore College in Saratoga Springs.269
Wie ungleich schwerer es sozialistische Dichterinnen im Wien der Zwischenkriegszeit hatten, kann bei Heimito von Doderer nachgelesen werden. Schlaggenberg, eine Figur im Roman Die Dämonen, erwähnt in einem Nebensatz die Dichterin Rosi Malik, das Wort Dichterin ist dabei unmissverständlich in Anführungszeichen gesetzt: „(…) ‚denn ich weiss, dass Gyurkicz eine Abmachung mit der ‚Dichterin‘ Rosi Malik und mit dem Redakteur Holder getroffen hat, ich war dabei zufällig anwesend. Die Malik soll von Gyurkicz gezeichnet werden, und das Bild kommt dann in alle Allianz-Blätter wegen der bevorstehenden Aufführung ihres Stückes ‚Kapitän Strichpunkt‘ oder wie der Schmarrn heisst.“270
Zu den das Proletariat aufhetzenden Personen vor dem Justizpalast 1927 schreibt Heimito von Doderer: „Von den Weibern – die übrigens alle damenhaft angezogen waren und gar nicht ‚proletarisch‘ – erkannte ich die erste, welche ich ins Blickfeld des Glases bekam. Es war die Dichterin Rose Malik. Sie hatte von den ‚Massen‘ einen Abstand von ungefähr zehn Schritten, gebärdete sich ganz wild und warf einmal beide Arme zugleich über den Kopf. Die Malik trug ein klein-getupftes Sommerkleid in Grün und Weiss, aber keinen Hut auf ihrem roten ‚Bubikopf‘, während die beiden anderen Agitatorinnen Hütchen in einer damals eben üblichen Topfform hatten, die eine ein weisses, ich konnte sie gut sehen, es war eine ganz kleine zierliche Person mit tiefschwarzem Haar. (…) Die Malik war eine galizianische Megäre.“271 Ob Doderer da vor seinem inneren Auge beim Notieren der Szene vor dem Justizpalast Veza Taubner vor sich gesehen hat, bleibt Geheimnis, passen würde es: eine ganz kleine zierliche Person mit tiefschwarzem Haar, das Hütchen in Topfform. Nicht nur Elias Canetti erwähnt in seinen Lebenserinnerungen den Hut Vezas, auch ein Bild im Band Elias Canetti. Bilder aus seinem Leben zeigt Veza Taubner mit Hut in Topfform.272 Aber eben die Malik, ihre Dichter-Kollegin, eine Megäre.
Zusammenfassend kann zum Asriel-Waldinger-Komplex gesagt werden, dass die jungen Intellektuellen im Hause der Asriels kommunistisch orientiert waren, sich sehr für kulturelle Strömungen in Dichtung und Musik interessiert haben, dem Sport oder zumindest dem Schwimmen und Bergwandern frönten, darüber hinaus auch Dichterlesungen veranstalteten und Kontakte zu anderen kulturellen Gruppierungen pflegten, wie zu den Kreisen um Karl Kraus oder zu den Dichtern und Künstlern des Café Museum. Nebstdem spielten Grundfragen des Lebens eine wichtige Rolle, nämlich leben oder nicht leben.
C3. Die Asriels und die Mahler-Kreise
In den Briefen Fredl Waldingers, des bekennenden Buddhisten aus dem Kreis der Felonen, die sich im Nachlass Elias Canettis erhalten haben, ist nie direkt die Rede von Veza Canetti. Das Thema scheint irgendwie tabu zu sein. Eine Ausnahme bildet Fredl Waldingers Bemerkung, dass er von Veza her noch wisse, dass er, Elias Canetti, nur ungern Privatbriefe schreibe. Eine möglicherweise indirekte Kritik an der Tatsache, dass Veza Canetti in den Publizierten Lebenserinnerungen wenig Raum einnimmt, ist aus folgender Passage aus einem Brief von 1984 aber herauszuhören: „Ich habe verstanden, warum Du in Deinen geschriebenen Erinnerungen nichts über Fritz Jerusalem geschrieben hast und auch keinen Versuch gemacht hast die Geschichte der Familie Asriel zu beginnen, aber es wundert mich, dass Du die Schwester von Alice, Tony Wely (früher natürlich Levy) die Du gewiss in ihrem Hause trafst und auch anderswo, in Coffeehäusern z. B. wo wir uns nach Chorproben und Concerten trafen und über Musik u. a. disputierten, nicht erwähnst. Sie verdient es erinnert zu werden. Sie war trotz ihrem Klumpfuss eine interessante, irgendwie an Veza erinnernde Schönheit, ein spanisches Gesicht mit einer etwas grossen jüdischen Habsburgernase. Soweit ich wusste, hat sie bevor ein Unfall ihr den Klumpfuss einbrachte, schon am Burgtheater gespielt und wurde, vielleicht durch ihn, in einem primitiven aber echten starken Sinn christlich fromm. Sie hat uns, Alice, Hans und mich, in den philharmonischen Chor Bruno Walters eingeschrieben; sie selbst war dort, weil sie gut singen konnte im Madrigalchor. Ich weiss nicht ob Du auch dabei warst bin aber sicher, dass Du an den Gesprächen über Musik und dortige Erfahrungen Anteil genommen hast. Ich bin dieser Tony Wely noch jetzt dankbar, weil sie in der Hitlerzeit meinen zwei älteren Schwägerinnen in Manchester Arbeit verschafft hat. Sie lebte dort mit einer anderen Schwester von Alice, Sarina Calderon. Wir sangen jedes Jahr in der Matthäuspassion und immer in Mahlersymphonien, Walter war ja sein naher Freund.“273
Tony Wely/Levy oder Wally Levy/Loew scheint auffallend vieles mit Veza Canetti gemeinsam zu haben: Sie ist trotz Behinderung eine Schönheit, sie bewegt sich beruflich und privat im musischen Bereich – Schauspielerei und Musik – und sie diskutiert gerne darüber in Kaffeehäusern. Zudem ist sie wie Veza Taubner direkt sozial engagiert. Tony Wely/Wally Levy erinnert entfernt an Mary K. in Heimito von Doderers Strudlhofstiege, was durchaus in Betracht kommt, weil Heimito von Doderer zum Bekanntenkreis der Canettis gehört, wie ein Eintrag Elias Canettis in den Aufzeichnungen von 1957 sichtbar macht: „Doderer war bei mir zu Besuch und wollte Näheres über die Gedankengänge von ‚Masse und Macht‘ hören.“274
Spannend ist auch die Erwähnung Fredl Waldingers, dass die Tony Wely im Exil in Manchester mit ihrer Schwester Sarina Calderon, der Ehefrau von Veza Canettis Onkel Jaques, zusammengelebt haben soll. Aus der Quelle Theodor Waldinger ist zudem bekannt, dass Sarina Calderon, die „reiche Schwester“, noch vor dem Zweiten Weltkrieg ihre arme Schwester Alice Asriel und Familie in Paris unterstützt haben muss.275
Mit Fredl Waldingers Erwähnung der Bekanntschaft Tony Levys mit Bruno Walter276, dem Assistenten Gustav Mahlers und Nachfolger als Kapellmeister an der Wiener Hofoper, und dessen Engagement für das Werk von Gustav Mahler über dessen Tod hinaus wird ein weiterer Kreis von Menschen an das Haus Asriel herangerückt, nämlich die Kreise um Alma Mahler, die Witwe von Gustav Mahler. Bis anhin ging man in der literaturwissenschaftlichen Forschung davon aus, dass sich die Mahler-Kreise für die Canettis erst mit deren Freundschaft zu Anna Mahler anfangs der 30er Jahre erschlossen hatten. Mit dem sehr frühen Kontakt zu den Mahler-Kreisen im Zusammenhang mit den Asriels lassen sich verschiedene Lücken in der Biografie Veza Canettis, aber auch der von Elias Canetti provisorisch schliessen. Fredl Waldingers Einschätzung bringt diesen Sachverhalt auf den Punkt, wenn er schreibt: Ich weiss nicht ob Du auch dabei warst (im Bruno-Walter-Chor, Anm. va) bin aber sicher, dass Du an den Gesprächen über Musik und dortige Erfahrungen Anteil genommen hast.
Dieser Eindruck wird auch verstärkt durch die von Sven Hanuschek entdeckte frühe Bekanntschaft – eine Art Schüler-Lehrer-Verhältnis – zwischen Elias Canetti und Franz Werfel, der ab 1918 mit Alma Mahler liiert war: „Und er muss sehr früh schon Franz Werfel kennengelernt haben, lange vor der Verbindung mit seiner Stieftochter Anna Mahler; Canetti scheint von Anfang an mit ihm im Dissens gelebt haben. In den frühen Entwürfen findet sich eine ästhetische Debatte mit Werfel, der ihm ‚Dialog-Übungen‘ empfohlen hatte: ‚Dialogübungen, mein Freund! Deine Sprache ist ein immerwährender Monolog! Monologe sind so langweilig wie Predigten, weil sie sich faktisch doch immer an den zweiten richten, der hört oder liest.‘ Und Werfel muss ihm die Devise vorgeschlagen haben: ‚Lächeln – Ahnen – Schreiben!‘ Canettis Gegenvorschlag lautet: ‚Grüssen – Spucken – Glotzen, das sind wir, nicht obiges, verdammter überschwänglicher Priesterschmock Werfel.‘“277 Dieser Disput muss deutlich vor dem Jahr 1928 stattgefunden haben.
Möglicherweise ist diese Bekanntschaft aber auch über die Übersetzertätigkeit Veza Taubners bei Dr. Richard Hoffmann, der in erster Linie für den Zsolnay-Verlag tätig war, zustande gekommen. Als erstes Buch des neu gegründeten Paul-Zsolnay-Verlags war Franz Werfels Künstlerroman Verdi ein Grosserfolg. Die 60‘000 verkauften Exemplare verhalfen dem Verlag zu einem ausgezeichneten Start in die Verlagstätigkeit. Verdi ist der erste Roman Franz Werfels, der zuvor als Lektor gearbeitet hatte und mit Gedichten hervorgetreten war; befreundet mit Ernst Polak, dem ehemaligen Mitschüler aus Prag, war er viel in Wiens Kaffeehäusern unterwegs. Das erst posthum veröffentlichte Theaterstück Veza Canettis Der Tiger ist mit dem Untertitel Ein Lustspiel im Alten Wien dezidiert in der alten Donaumonarchie angesiedelt. Die verarmte Pianistin Andrea Sandoval und ihre Tochter Diana, eine Bildhauerin, stehen im Zentrum des Geschehens; als Salon im alten Stil präsentiert sich die Wohnung der Pasta, einer Opernsängerin, hier treffen sich Künstler und Künstlerinnen, Dichter, Musiker, ein Kafetier und Agenten. Musik spielt in diesem Salon eine grosse Rolle, als Diskursform unter anderen.278
Wie Veza Canetti im Spanischen Korpus mit den Erzählungen Pastora und Der Seher wird sich Franz Werfel während der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates mit archaischeren Themen auseinandersetzen. Während die ehemalige Magd Pastora am feudalen System, das bis in die kleinste Liebesbeziehung eingreift, scheitert und ins Kloster geht, um da gegen Entgelt ihren Lebensabend ohne den Geliebten Don Anibal zu verbringen, versucht die Magd Teta Linek in Franz Werfels Roman Der veruntreute Himmel279 mit der entbehrungsreichen Unterstützung des Priesterstudiums des eigenen Neffen Mojmir, sich einen besonders schönen Platz im Himmel zu sichern. Als ihr bereits klar ist, dass der Neffe ihres hohen Einsatzes nicht wert ist und ihr Geld veruntreut hat, überrascht Teta Linek auf der Pilgerfahrt – mit der Gruppe Tätige Mitglieder des Vereins Katholischer Jungfrauen – ein junger Kaplan mit Namen Johannes Seydel mit sehr solidarischem Verhalten und roten Nelken für ihre Vase.280 Während die Nelken Teta Lineks Gesicht rot leuchten lassen, schmücken die Nelken Pastoras in Veza Canettis gleichnamiger Erzählung den Zopf auf ihrem Rücken, während Schulter und die „Linien des Halses“ ein weisses Kreuz bilden, wie der Geliebte Don Anibal lachend vermerkt. (DF170) Während Teta Linek gemeinsam mit Johannes Seydel quasi als Höhepunkt ihres Lebens die Madonna von Bellini betrachtet – „Sehen sie nur liebes Fräulein Linek, diese dort, das ist wirklich die Jungfrau, die unberührte und unberührbare. Solche Hände, so fein, so lang, so spitzfingerig, so durchsichtig, die hat heute keine Lady, keine Gräfin, keine Fürstin, deshalb können solche Hände auch nicht mehr gemalt werden.“281 –, bezeichnet der Geliebte Pastoras, Don Anibal, mit lachendem Blick auf Pastora Madonnen als das Schönste an der Kirche. (DF 156)
C4. Die Frauen der Felonen und die Psychologie
Während Alice Asriel als Übersetzerin arbeitete, wie Veza Taubner, sind die Frauen und Freundinnen der Felonen als Ärztinnen und Psychologinnen tätig. Über diese Frauengruppe ist sehr wenig bekannt und ihre Lebensläufe können nur indirekt über ihre Männer erschlossen werden. Es ist aber davon auszugehen, dass Veza Taubner auch in Kontakt mit diesen Ärztinnen und Psychologinnen gestanden haben muss. Nachweisen lässt sich allerdings nur ein Direktkontakt zu Fritz Jerusalems zweiter Ehefrau Ruth Domino, spätere Tassoni, eine Deutschlehrerin und Lektorin.282
Von Interesse wäre zum Beispiel die Frau von Theodor Waldinger (1903–1992), demjenigen der Waldinger-Brüder, der zum inneren Kern der Felonen gehörte und aktiver Kommunist gewesen sein muss. Bei seiner Flucht 1938 über Paris in die USA muss er in Paris sofort den Kontakt mit der dort ansässigen Alice Asriel gesucht haben, deren Tochter ihm eine Stelle bei einer Importfirma verschaffte.283 „Die Asriels waren Freunde von Veza Taubner, der Gattin Elias Canettis.“284 Theodor Waldinger war seit 1930 mit Dr. Clara Waldinger, geborene Kossmann (1905–1989), einer Kinderärztin, verheiratet. The Chicago Tribune widmet Dr. Clara Waldinger anlässlich ihres Todes von 1989 einen Nachruf, war sie doch in den USA in verschiedenen Spitälern in leitender Funktion tätig gewesen und lehrte an der Boston University.285
Etwas anders gelagert ist die Beziehung von Theodor Waldingers Bruder Fredl zu Alice Asriel. Er erinnert sich in einem Brief an Elias Canetti von 1980 nach der Publikation von Die Fackel im Ohr an seine Beziehung mit Alice Asriel, der Mutter des gleichaltrigen Hans Asriel: „Als wir uns bei Asriels kennen lernten hast Du wahrscheinlich nicht gewusst, dass Alice sich mir intim physisch gegeben hat und ein richtiges Verhältnis angestrebt hat. Wie das praktisch möglich war kannst Du Dir vorstellen wenn Du Dich an ihre Wohnung erinnerst. Ich schlief in dem grossen Vorzimmer, wenn ich dort übernachtete, in welches Alice wenn der Rest der Familie schlief nachts hinauskam. Es ist mir heute ein Rätsel wie die Kinder der Sache nicht gewahr wurden. Jedenfalls hat mich mein Schuldgefühl als Buddhist den Instinkten nachgegeben zu haben, dazu gebracht zwei Dinge zu unternehmen um mich frei zu machen. Ich beschleunigte meine Anstrengungen nach Palästina zu fahren und schrieb auch einen Brief nach Ceylon um Aufnahme in ein Kloster (Alice hatte die ernstliche Absicht Geld aufzutreiben um in Österreich eine Farm zu kaufen, wo ich mit ihrer Familie meiner Landneigung leben könnte). Aus all dem wurde nichts und ich konnte rechtzeitig nach Palästina fahren.“286
Was Fredl Waldinger hier nicht erwähnt287, ist, dass er nicht alleine nach Israel migriert ist, sondern mit seiner Frau, der Wiener Individualpsychologin und Ärztin Rosa Seidmann (1897–1970), sie hatten 1931 geheiratet. Rosa Seidmann gilt als Schülerin von Alfred Adler, sie wird im Band von Clara Kenner Der zerrissene Himmel: Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie mit einem kleinen Porträt vorgestellt.288 Dieses Porträt ist insofern von Bedeutung, da es einen Bogen schlägt zu einer weiteren Individualpsychologin adlerscher Prägung, nämlich Alice Rühle-Gerstel, zu deren Theorien das Werk Veza Canettis intertextuell nachweislich eine grosse Nähe aufweist.289 Der deutsche Individualpsychologe Paul Rom schreibt in diesem Porträt der Ärztin Rosa Seidmann, dass er bei seiner eigenen Migration 1933 nach England Der Weg zum Wir von Alice Rühle-Gerstel in Deutschland zurücklassen musste wie andere Bücher auch und dass er genau dieses Buch dann 1961 anlässlich seines Besuchs bei Rosa Seidmann in Jerusalem wiedergefunden habe.290 Die Verflechtung des Buches Der Weg zum Wir von Alice Rühle-Gerstel aus dem Jahr 1927 mit dem Werk von Veza Canetti kann exemplarisch anhand der Erzählung Pastora von Veza Canetti gezeigt werden, wie ein Auszug aus meiner Dissertation aus dem Jahre 2017 zeigt:
„Pastora hat viel Mut bewiesen, das ihr feindlich gesinnte System zu unterlaufen und ihre Liebe selbst bestimmt zu leben, ist damit aber tragisch gescheitert. Marxisten und Individualpsychologen wie Alice Rühle-Gerstel hätten Pastoras Frage ‚Habe ich denn recht und alle haben Unrecht?‘ mit Ja beantwortet. Die spätfeudalistische Gesellschaft in der Erzählung hatte Pastoras Frage, allerdings bereits bevor sie gestellt wurde, mit Nein beantwortet. Pastora bleibt damit als einziger offener Weg der Gang ins Kloster und der auch nur, weil sie da für den Aufenthalt zahlen kann. ‚Der Weg zum Wir‘ und damit in eine klassenlose Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander leben, bleibt für Pastora verschlossen. Weitsichtig wie Veza Canetti hat auch Alice Rühle-Gerstel im 1927 erschienenen Band ‚Der Weg zum Wir‘ geschrieben: ‚Die Möglichkeit zum Mut stösst bald an die Grenze der gesellschaftlich präformierten Möglichkeiten und kann nur im Zusammenhang mit diesen gefördert werden.‘ Diese Erkenntnis sei gemäss einer Aussage des Individualpsychologen Alfred Adler aber eine belastende Lebensaufgabe, schreibt Alice Rühle-Gerstel: ‚Voranzugehen beim Abbau des Strebens nach Macht und bei der Erziehung zur Gemeinschaft.‘ Kurz zusammengefasst gehe es dem sich gesellschaftlich verantwortlich fühlenden Menschen oder Psychologen – als derjenige, der es wagt, voranzugehen – um die Bereiche Heilen und Bilden. Heilen von den Neurosen, die durch die Ungleichheit entstanden seien, um daran anschliessend ein Bilden überhaupt möglich zu machen. Bei Pastora läuft dieser Vorgang in die genau umgekehrte Richtung. Krankheiten, die durch die gesellschaftliche Zurücksetzung entstanden sind und nicht adäquat auch psychologisch behandelt werden, werfen sie jedes Mal weiter zurück in eine totale Abhängigkeit von der Familie des Geliebten oder der Gesellschaft allgemein. Nach Alice Rühle-Gerstel wäre dieses zugleich gesellschaftlich Gebunden- und Freisein mittels der materialistischen Dialektik und der Kompensationstheorie (Teil der Individualpsychologie) aufhellbar. Marxismus und Individualpsychologie seien dadurch bestens geeignet, Menschen Mittel und Wege zu weisen, sich selbst zu befreien. Genau dieser ‚Handlanger zur Befreiung‘ fehlt Pastora, geblendet von ihrer Liebe zu Don Anibal deutet sie die Zeichen falsch. ‚Ins Zimmer gewendet stand Pastora und flocht mit weichen Fingern den Zopf, der über die roten Nelken auf dem Fensterbrett fiel, und es sah aus, als wüchsen sie aus ihren Haaren heraus. Das weisse Kleid liess die Schulter sehen und die Linie des Halses. Don Anibal lachte gut gelaunt und schwang grüssend den Handschuh hinauf, dann bog er rasch um die Ecke und versäumte den Anblick der Freude, deren Ursache er war.‘ Das von Pastoras nacktem Rücken gebildete weisse Kreuz, geschmückt mit den roten Nelken als Symbol für den Sozialismus, scheint seiner Trägerin in dessen Zwiespältigkeit wenig bewusst zu sein, wie ihr anschliessender Griff zur Rotweinflasche beweist, der den schönen Moment noch etwas verlängern soll. Die Ernüchterung folgt für Pastora postwendend mit der Ankündigung der bevorstehenden Migration der Herrschaften nach Amerika, dafür, dass Pastora nicht dabei sein wird, sorgt die Señora Consuelo Gonsalez y Soto geschickt vor. Der Mut, der Pastoras Verhalten ausgezeichnet hatte, hat sich in sein Gegenteil gekehrt, Demut wird von ihr beim Eintritt ins Kloster verlangt: ‚Demut ziemt uns‘, erklärt die Nonne. Alice Rühle-Gerstel im fiktiven Streitgespräch mit einem Marxisten: ‚Ihr sagt, wir wollten euch zur Demut erziehen. Nein, wir sind keine Christengläubigen. Wir wollen euch zum Mut erziehen.‘“291
Veza Canetti hat in ihrem Werk aber nicht nur die Grundideen des Bandes Der Weg zum Wir diskutiert, sondern die verschiedenen Frauenkategorien aus Alice Rühle-Gerstels 1932 erschienenen Hauptwerk Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz. 292 Der Fokus ihrer mit literarischen Mitteln getätigten Untersuchung der gesellschaftlichen Verhältnisse liegt auf Rühle-Gerstels Kernsatz: „Die Frauen sind recht eigentlich die Proletarier des Geschlechts.“293
Was spezifisch auffällt, ist, dass sich Veza Canetti auch mit Sinn und Unsinn der fürsorgerischen Unterbringung von Proletarierkindern auseinandergesetzt hat. Damit greift sie ein Thema auf, das die beiden Frauen der Brüder Waldinger – nämlich die ein Kinderheim führende Ärztin und Psychologin Rosa Seidmann und die Kinderärztin Clara Kossmann – beruflich sehr beschäftigt haben muss. Es ist zudem ein Thema, dessen sich Alice Rühle-Gerstels Ehemann Otto Rühle, der Pädagoge und spätere sozialistische Politiker sowie Kriegsgegner, bereits 1911 mit dem Band Das proletarische Kind angenommen hatte.
Otto Rühle fordert darin die Gesellschaft dazu auf, die Mädchen zu selbstständigem Handeln und freiem Denken zu erziehen und zu Charakteren, die zielbewusst dem Edlen zustreben.294 Was Veza Canetti mit kulturgeschichtlichem Bezug zu Schiller und Kant – die erhabenen Zeichen der Seele ins Gesicht gebrannt – in der Erzählung Der Zwinger sarkastisch persifliert. Das Heimkind Helli Wunderer wird vom Mob, den Komiteedamen, als sittlich Gefährdete buchstäblich zurück in den Zwinger, das Kinderheim, geprügelt. Otto Rühle hatte entsprechend zu solchen Vorgängen notiert: „Besonders in der Behandlung von Mädchen, die als sittlich Gefährdete oder Prostituierte in Fürsorgeerziehung kommen, feiert die Lieblosigkeit – vereint mit muckerisch-prüdem Pharisäismus – wahre Orgien. Man hält sie zwei bis sechs Jahre wie Gefangene fest, als ob sie mindestens einen Totschlag begangen hätten, und spickt die sonnenlose Öde ihres verfehlten Daseins täglich mit tausend ausgesuchten Bosheiten.“295 Die Erzählung Der Zwinger wurde in abgemilderter Form in den Roman Die gelbe Strasse eingearbeitet und ist posthum separat nicht mehr publiziert worden.296
Nicht nur das Denken vieler Intellektueller – seien das Psychologinnen, Medizinerinnen oder Dichterinnen – wurde von der Individualpsychologie Alfred Adlers geprägt, sondern es wurden auch breitere Bevölkerungskreise – dank der Volksbildungspolitik der Austromarxisten – mit den Ideen Alfred Adlers vertraut gemacht. „Alfred Adler leitete um 1926 einige Erziehungsberatungsstellen und hielt Kurse, Seminare und Vorträge vor Lehrern, Ärzten, Pädagogen und interessierten Laien. Es gab am Pädagogischen Institut der Stadt Wien vom Wintersemester 1923 bis zum Sommersemester 1926 wöchentlich Vorlesungen und wurde dort 1924 zum Professor ernannt. Ferner veranstaltete er Vortragszyklen, Seminare und Vorlesungen in der Wiener Volkshochschule Volksheim, in anderen Volkshochschulen, in der Urania, bei dem Arbeiterverein Kinderfreunde und in Arbeiterbildungsvereinen.“297 Als Klassiker der Individualpsychologie gelten die Werke, die Adler in den 20er Jahren veröffentlicht hat, zum Beispiel das Buch Menschenkenntnis, in dem er psychische Störungen exemplarisch auf das fehlende Gemeinschaftsgefühl zurückführt.298
Bezüglich Veza Canetti ist ein weiterer Schüler von Alfred Adler von Interesse, nämlich Manès Sperber (1905–1984). Sperber ist nicht nur Schüler Adlers, sondern auch dessen Sekretär. Seine Jugend und Adoleszenz verbringt dieser wie Veza Canetti in der Leopoldstadt. Entsprechend hat er die Hoffnung vieler Juden im Zusammenhang auf ein besser zu definierendes Gemeinschaftsgefühl hin neu festgelegt, wie Christina Bacher-Rieger in Sperbers messianische Hoffnung schreibt.
„Die Person des Messias trat in den Hintergrund zugunsten der Hoffnung auf ein bevorstehendes diesseitsbezogenes messianisches Zeitalter. Unter Nationalisten schlug sie sich in zionistischen Bewegungen nieder. An einem universalen Heilsverständnis hielten hingegen namhafte Philosophen jüdischer Herkunft von Hermann Cohen bis Walter Benjamin fest. Karl Marx’ politischer, säkularer Messianismus stellte für viele des jahrhundertelangen Wartens auf den Messias müde gewordenen Juden eine derart grosse Hoffnung dar, dass sie ihn sogar gleichsam als Essenz ihres herkömmlichen religiösen Glaubens, den sie in ihren neuen politisch-sozialen Lebensumständen verloren hatten, beibehielten. Wie sagt Sperber? (…) ‚Unser messianisches Gegenstück hiess revolutionäre Aktivität.‘“299
Manès Sperber war mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht Mitglied der Felonen, obwohl einige Eckdaten seines Lebens dafür sprechen würden. Zum Beispiel wurde er schon 1927 Mitglied der KPD, nachdem er im Auftrag Alfred Adlers nach Berlin gezogen war. 1932 entzweiten sich Adler und Sperber aufgrund des Engagements Sperbers in der Verbindung von Individualpsychologie und Marxismus. Interessanterweise wird aber von der Forschung die inhaltliche Nähe von Manès Sperbers Arbeiten und denen von Alice Rühle-Gerstel und Otto Rühle bereits für das Jahr 1927 hervorgehoben.300
Dies bestätigt Manès Sperber auch gleich selbst, wenn er in den autobiografischen Erinnerungen schreibt: „Anlässlich einer internationalen Tagung der Individualpsychologen fanden wir marxistischen Adlerianer uns zu längeren Diskussionen zusammen, um uns über die Grundsätze zu einigen, die wir in unserer psychologischen Tätigkeit und im Rahmen der Arbeiterparteien und sonstigen linken Organisationen vertreten wollten. Wurde zwar bei unseren Besprechungen der Einfluss des Austromarxisten Max Adler spürbar, an dessen Arbeitsgemeinschaften viele der begabtesten marxistischen Pädagogen und Führer der sozialistischen Jugendbewegung seit Jahren teilnahmen, so machte jedoch Alice Rühle-Gerstel auf uns alle den stärksten Eindruck.“301
Neue Forschungsansätze in der Literaturwissenschaft weisen nicht nur auf die Nähe von Veza Canetti zu Alice Rühle-Gerstel hin,302 sondern auch auf die von Elias Canettis Masse und Macht zu den Konzepten Manès Sperbers zur Selbstläufigkeit von Macht:
„Die optimistische Geschichte des Fortschritts in der Zeit wird also durch eine andere eher tragische Erzählung durchbrochen, die ein wenig an die narrative Figur der Wiederkehr des Gleichen erinnert. In ihrem Zentrum befindet sich die Geschichte der Macht und jener Menschen, die sie ausüben, weil sie vom Phantasma der absoluten Verfügbarkeit durchdrungen sind; es ist die ‚Herrschsucht‘, die Sperber andernorts als eine Kompensation der eigenen Schwäche und Unsicherheit begreift. Die Macht hat eine Eigenlogik: dass sie nach immer mehr Macht strebt. Sperbers kluge Einsichten in die Selbstläufigkeit der Macht, die der Machthaber spiralförmig vermehren muss, um sie zu erhalten, und die mit dem totalen Misstrauen gegen alle Menschen einhergeht, die als potentielle Rivalen gesehen werden mit den Befunden, die Canetti, ein Raum- und Zeitgenosse Sperbers (und in den 1920 Jahren sicherlich ein wenn auch nicht klar deklarierter Anhänger der Linken) in seinem Makro-Essay Masse und Macht vorgelegt hat.“303
Unter Berücksichtigung dessen, dass die Zusammenarbeit von Veza und Elias Canetti bei Masse und Macht dringend neu definiert werden müsste, ist davon auszugehen, dass die marxistisch geprägte Individualpsychologie auch für dieses Werk aus dem Hause Canetti/Taubner noch virulent war und die Nähe zu den Ideen Sperbers eklatant.
Manès Sperber hat aber bereits 1930 im Grossessay Kultur ist Mittel kein Zweck notiert, die Dichter hätten gesehen, dass „manche auf der Strecke bleiben“, „nicht gut mitkönnen“, und „sich gefragt warum“.304 Gute Dichter hätten dafür Gründe, die Abgründe seien, dafür gefunden. Es seien jedoch nicht die gleichen Abgründe, die schon Dostojewski gefunden habe, sondern eher diejenigen von Tolstoi und Gorki. Die Psychologie dieser Literatur sei „nicht Selbstzweck“, sei „nicht auf die Nuancen versessen“.305 „Sie ist eine Sozialpsychologie.“306
Manès Sperber gerät mit dieser von ihm geforderten deduktiven Gestaltung des Individuums aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus – das heisst bei ihm, wenn der Held kein Held mehr ist, sondern ein Komparse im Hinblick auf seinen Hintergrund und seine Mitspieler – sehr nahe an die auch als Darstellungsprinzip zu lesende Aussage Veza Canettis, „Der Verräter an den Mägden ist ihr Blick. Die Wahrheit darin, ist verschüttet, das Ziel ist ausgepeitscht.“ (GSt 97), wie gerade jüngst nachgewiesen wurde. „Mit der Perspektive des Romans, einem gleichsam ‚Schreiben aus der gelben Strasse heraus‘, gelingt es Veza Canetti, genau diesen gesellschaftlichen Zusammenhang bezüglich des Individuums, der Anti-Heldin oder Komparsin – beispielsweise das Dienstmädchen –, differenziert zu beleuchten. Die Erzählerin lässt nicht nur verschiedene Bewohner das alltägliche Geschehen aus je anderer Perspektive – oft in direkter Rede307 – kommentieren; sondern sie lässt auch mittels verschiedener Reflektorfiguren politisches oder akademisches Wissen zur Erklärung des Geschehens kontrastierend einwirken.“308
So nahe sich Veza Taubner und Manès Sperber in ihren theoretischen Konzepten sind, so wenig ist darüber bekannt, ob sich die beiden Bewohner der Leopoldstadt gekannt haben. Überdies gibt es keinen Hinweis darauf, dass Manès Sperber auch im Hause Asriel verkehrt haben könnte, bestimmt hat er aber Fredl Waldingers Ehefrau Rosa Seidmann, die ebenfalls Schülerin von Alfred Adler gewesen war, gekannt.
Im Jahr 1930 rekapituliert Elias Canetti in seinen Notizblöcken eine Diskussion mit Veza Taubner, wo er ihr vorwirft, „sie könne sich ausschliesslich ihrer psychologischen Betätigung widmen usw.“, im Gegensatz zu ihm selber, wo „ein grosser Teil“ seiner Zeit auf sein „grosses Wissenschaftliches Werk“ gehe.309 Hier offenbart sich ganz direkt, was auch bezüglich den Erzählungen Veza Canettis gezeigt werden kann, ihre theoretische Auseinandersetzung mit Psychologie. Für den jungen Elias Canetti hingegen ist Psychologie nicht Wissenschaft, ein Fakt, der wahrscheinlich dem damaligen Volksempfinden entsprach.
C5. Die Asriels – mehr als ein Treffpunkt
Die Familie von Alice Asriel ist nicht nur mit den Calderons über Alices Schwester Sarina verwandtschaftlich verbunden, sondern auch freundschaftlich mit der Familie Canetti über Mathilde, die Mutter von Elias Canetti, wie ferner durch die Freundschaft von Veza Taubner zu Alice Asriel. Dieser erweiterte Familienkosmos Veza Taubners in Richtung Asriel muss seine Anfänge deutlich vor dem Ersten Weltkrieg gehabt haben, deshalb ist davon auszugehen, dass sich Veza Taubner und Elias Canetti schon als Kinder gekannt haben müssen. Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass die Wurzeln der Freundschaft zwischen Veza Taubner und Elias Canetti in diesem erweiterten Familienkosmos liegen. In der Lesart von Elias Canetti hat das etwas mit dem Ungenügen von Mathilde Canetti im Umgang mit ihren Söhnen zu tun, wie Elias an Georges am 15. November 1935 schreibt: „Auf verschiedene Weise ist die Mama mein und Dein Schicksal geworden. Mich hat die Veza, die ein ebenso interessanter, aber besserer Mensch als die Mama ist, gerettet; Dich Deine Krankheit. Das sind höchst merkwürdige Dinge.“ (BaG 48)
Mit Sicherheit ist hingegen davon auszugehen, dass das Haus Asriel als Katalysator für die Liebesbeziehung zwischen Elias Canetti und Veza Taubner gewirkt haben muss. Wie weit die Übersetzertätigkeit von Alice Asriel für Veza als berufliches Vorbild gedient haben könnte, ist mit keinen Quellen zu bestätigen, aber durchaus naheliegend.
Mit der Mitgliedschaft von Alice Asriels Schwester Tony Levy im Chor von Bruno Walter, der sich dem Werk vom Gustav Mahler verschrieben hat, und dem späteren Nachzug von Alice und Hans Asriel wie auch Fredl Waldinger in diesen Chor kommt eine frühe Bekanntschaft der Asriels und damit auch Veza Taubners mit der Familie Mahler ins Spiel.
Mit den Felonen, den jungen Kommunisten, die im Hause Asriel verkehrt haben, gerät neben dem Musikalischen auch das Thema Sozialismus in den Fokus. Da nur die Felonen in ihren sozialistischen Aktivitäten quellengestützt fassbar sind, ist nicht mehr bestimmbar, ob es vielleicht nicht umgekehrt war und sich die Felonen im sozialistisch konnotierten Hause Asriel zu ihrem ideologischen Engagement inspirieren liessen.
Mit den Studienrichtungen der Frauen der Felonen – Psychologie und Medizin – ergab sich für Veza Taubner im Hause Asriel schon in jungen Jahren eine Möglichkeit, Themen der Psychologie breit zu diskutieren. Dass es dann mehr adlersche als freudsche Ansätze waren, die faszinierten, ergibt sich aus den politischen Profilen der Beteiligten.
Wie viele Beziehungen Veza Canettis aus dem Familienkosmos endet auch diese mit der Shoa. Im Jahre 1968 schreibt Elias Canetti in seinen Notizen: „(..) Alice Asriel, die eine Jugendfreundin meiner Mutter war, ihre Tochter Nuni und der geistesschwache älteste Bruder der beiden Walter, von den Nazis abtransportiert und vergast. Ich weiss nur, dass sie umgekommen sind, sonst weiss ich von ihnen nichts.“310
Etwas konkreter muss sich Fredl Waldinger gegenüber Elias Canetti 1973 zum Schicksal der Asriels geäussert haben, wie Elias Canetti dessen Wissen in den Notizblöcken von 1973 wiedergibt: „Sie (Alice Asriel, Anm. va) hätte sich retten können, sie hätte von Paris weg können, aber wegen ihres Sohnes, der zurückgeblieben war, wegen dem Walter, der etwas idiotisch war, ist sie nicht gegangen. So sind sie alle drei, Mutter und Tochter und Walter umgekommen.“311
ZWISCHEN: Von Wera Figner zu Kaspar Hauser: „Sie ist nun zur Künstlerin geworden.“
In den Notizblöcken Elias Canettis von 1930 finden sich in Bezug auf Veza Taubner einige sensationelle Aussagen. Elias Canetti betont, wie Veza Taubner durch die Lektüre der Lebenserinnerungen Wera Figners Nacht über Russland, erschienen im Malik-Verlag 1926, zur wirklichen Dichterin wird. „Sie (Veza, Anm. va) ist zum Künstler geworden.“312 Die russische Ärztin und Anarchistin der ersten Stunde, Wera Figner (1852–1942), hatte aufgrund ihres Engagements für bessere Lebensbedingungen der verarmten Landbevölkerung schon vor der russischen Revolution von 1917 rund 20 Jahre Gefängnis hinter sich. Wera Figner hatte kurz nach ihrem Medizinstudium in Zürich 1875 ein Landkrankenhaus in Saratow übernommen, das sie bereits 1879 wegen Verleumdungen wieder verlassen musste. Durch den erzwungenen Abgang verstärkte sie erneut ihr Engagement in den russischen Anarchistenkreisen – ein Engagement, das seine Wurzeln in der Zürcher Studienzeit hatte –, um wenige Jahre später dann wie viele ihrer Mitkämpfer verhaftet und eingekerkert zu werden. Nicht auszuschliessen ist, dass Veza Taubner Wera Figners Lebenserinnerungen Nacht über Russland nicht nur gelesen hat, sondern die deutsche Ausgabe für den Malik-Verlag auch lektoriert hat. Zudem verfügte der Malik-Verlag präzise in den zwei Jahren (1924–1926) vor dieser Publikation über eine Zweigniederlassung am Bauernmarkt 1 in Wien.
Überrascht hatte Elias Canetti zudem kurze Zeit zuvor Veza Taubners Roman-Manuskript Kaspar Hauser. „Beim Lesen geriet ich in immer grösseres Entzücken. Ich schämte mich der Novelle, an der ich in der letzten Zeit gearbeitet habe. Was ich schreibe, sind dünne, blasse, blutarme Phantasieprodukte; bei ihr hat jedes Wort Hand und Fuss, jeder Gedanke einen Anfang und ein Ende, jede Szene ihren klaren, organischen Zweck. Nichts ist zu viel, nur weniges zu wenig. Welchen Eindruck müsste das auf mich machen, bei dem fast alles zu viel und das Wesentliche zu wenig ist! Ich las noch keine halbe Stunde, – als ich schon so ausgelaugt, erregt, stolz, neidisch verblüfft, wütend und verlegen war, dass ich im Zimmer auf und abging, strengere Vorsätze für meine eigene künstlerischen Arbeit fasste.“313
Veza Taubner wäre nicht Veza Taubner, wenn sie sich eine Lobrede ihrer eigenen Arbeit durch jemand anderen einfach so anhören würde, entsprechend fällt ihre Reaktion auf das Lob des Kaspar-Hauser-Romans aus, wie Elias Canetti dokumentiert: „Ich kam also, von ihr beladen, auf sie gerichtet, durch sie gespannt, hin. Sie schnitt sofort die Rede ab. Sie blickte mit der echtesten, überzeugendsten Verachtung auf ihr eigenes Manuskript, das ich in der Hand hatte.“314 Veza Taubner wird in ihrer Antwort auf das Lob Elias Canettis etwas entwickeln, was für sie als Mensch und Dichterin gilt und genau das Gegenteil davon ist, was Elias Canetti für sich selbst zeit seines Lebens proklamieren wird. Präzise dieses Spannungsfeld nun, das sich mit Veza Taubners Antwort eröffnet, wird einerseits das Zusammenleben des Dichter-Ehepaares prägen und andererseits ihr eigenes Leben, ein prekärer Aufenthalt zwischen Leben und Werk, bestimmen, wie folgender Ausschnitt zeigt: „Sie will von diesem Dreck (Kaspar-Hauser-Roman, Anm. va) nichts wissen. Sie muss ein neues Leben beginnen. Sie muss unter Menschen. Sie muss etwas leisten. Lieber im Gefängnis zugrunde gehen als dieses Leben. Schreiben ist eine verächtliche, eitle, selbstgefällige Sache. Pfui Teufel, was geht sie der Kaspar Hauser an? – Sie sprach eine halbe Stunde lang mit der grössten Leidenschaft gegen sich, ihr Leben, ihren verächtlichen, feigen Charakter. Sie ist nichts weniger als rhetorisch begabt. Wirkliches Pathos geht ihr für gewöhnlich in der Rede völlig ab. Ihre angegriffene Lunge verbiete ihr längeres Sprechen. Umso mehr hatte der leidenschaftliche und auch äusserlich wirksame Erguss zu bedeuten. Eine ungeheuerliche Umwälzung ihrer Natur hat ein Buch bewirkt: die Erinnerungen der Wera Figner. Sie sprach von der Gemeinschaft, die die politischen Gefangenen sich in Schlüsselburg eingerichtet hatten und begann zu weinen. Sie will nach Russland. Als Lehrerin in einem Dorf oder nach Deutschland, um in der kommunistischen Partei zu arbeiten. Sie muss irgendetwas tun. Ihr bisheriges Leben ist eine Gemeinheit. Ich hatte die grösste Mühe, sie zu beruhigen. Es gelang mir nur langsam, die Sprache auf ihren Roman zu bringen. Anfangs setzte sie jedem Versuch heftigen Widerstand entgegen. Ihr sicherer Instinkt sagte ihr, dass eine künstlerische Begabung auf jeden Fall, – sie mag sogar soziale Ziele verfolgen, – ein Verharren, ein Baden, ein Verwurzeln in engster, persönlichster Eitelkeit bedeutet.“315
Dieser Text, der mir für meine Dissertation noch nicht zur Verfügung stand, beweist den damals nur textimmanent nachgewiesenen autobiografischen Gehalt der Erzählung Flucht vor der Erde.
Der Roman Kaspar Hauser selbst gilt als verschollen. Vieles muss Veza Canetti Mitte der 50er Jahre in einem Ansturm von Schwermut vernichtet haben, wie die biografischen Angaben ohne Quellenvermerk im Roman Die Schildkröten verzeichnen. (Sch 287) Möglicherweise war auch der Kaspar-Hauser-Roman darunter. Im Selbstporträt von Veza Magd im Band Dreissig Neue Erzähler des neuen Deutschland von 1932 hält Veza Taubner fest: „Mein erstes Buch war ein Kaspar Hauser-Roman, und ich schickte ihn begeistert einem grossen Schriftsteller. Der war so klug, mich so lange auf die Antwort warten zu lassen, bis ich sie mir selber gab.“316 Viel wurde in der Forschung zu Veza Canetti darüber spekuliert, wer der grosse Schriftsteller gewesen sein könnte, dem sie den Text geschickt haben könnte – beispielsweise Thomas Mann oder Hermann Kesten – leider gibt es weder für den einen noch den anderen Beweise. Von beiden Autoren ist bekannt, dass sie den ersten Roman von Elias Canetti Die Blendung zur Beurteilung erhalten haben – Thomas Mann muss Die Blendung als Manuskript gar nicht erst gelesen haben, sondern erst nach der Publikation von 1936. Von Hermann Kesten hat Elias Canetti nach der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 bereits am 25. Mai 1933 die Rückgabe des Roman-Manuskripts verlangt.317 Ein halbes Jahr zuvor, am 30. November 1932, hatte er sich für die Beurteilung eines Textes, wahrscheinlich eines Theaterstücks bedankt und hoffte nun, dass Hermann Kesten den 580-seitigen Roman ebenfalls irgendwann rezensieren würde. „Um beim Thema zu bleiben: Auch der Roman dessen Länge Sie abschreckt, behandelt die Geschichte eines verlorenen Verstandes. Der Träger ist interessant, sein Verstand noch mehr, wichtig war mir nur die Konsequenz, mit der er ihn verliert.“318 Aus dem Hause Canetti/Taubner müssten somit in den Jahren 1931 und 1932 mindestens zwei Romane und ein Theaterstück an einen oder mehrere berühmte Schriftsteller gegangen sein. Zu Veza Canettis Kaspar-Hauser-Roman hat sich bis heute keine Korrespondenz finden lassen.319
Warum Elias Canetti ausgerechnet an Hermann Kesten im Jahre 1963 geschrieben hat,320 dass Veza Canettis geistiger Anteil an Masse und Macht ebenso gross sei wie sein eigener, bleibt in diesem Zusammenhang Geheimnis.
Elias Canetti notiert 1981 zur Entstehung des Romans Die Blendung: „Diese Einbildung von mir, dass ich zum ersten Mal den Irrsinn erschöpfend dargestellt habe. Ob das nicht im ‚Lenz‘ auch schon da sei, und einem da nicht viel näher ginge? Gespräch mit Veza über den Roman, gegen den sie einen Groll hatte. (Die Leichtigkeit später, mit der sie das stenografische Original-Manuskript wegwarf, nachdem der Roman als Schreibmaschinen-Manuskript bestand. Wie ich in der Kohlenkiste drauf kam und einen Teil rettete.) Für sie seien die dramatischen Elemente des Romans das Beste daran. Das Verhör auf der Wachstube, ‚Privat-Eigentum‘ betitelt, hielt sie für das Beste des Buches.“321
Spekulation muss bleiben, ob allenfalls der Kaspar-Hauser-Roman in den Roman Die Blendung eingearbeitet wurde. Peter Kien, der sprachlose und lebensunpraktische Akademiker, wäre in seiner Umkehrung eine Relektüre oder Akzentuierung der Kaspar-Hauser-Figur.
Ein besonderes Detail der intensiven Zusammenarbeit von Veza Taubner und Elias Canetti notiert dieser im Jahr 1990 in den Aufzeichnungen zu Vezas Schreiben. Das Schreiben habe sie auf einer kleinen Schreibmaschine, „von der sie sich nie mehr trennte“322, besorgt. „Da schrieb sie mit einer Hand rascher als die meisten mit zwei. Sie bestand darauf, dass ich ihr diktiere und wenn ich den Versuch machte, durch Arbeit mit einer Sekretärin ihr diese Mühe zu ersparen, stellte sie sich gekränkt. Ich hätte kein Vertrauen zu ihr, ich wolle nicht, dass sie wisse, was ich schreibe, – sie stellte sich so hartnäckig an, dass ich jede Sekretärin nach einigen Wochen aufgab und wieder ihr diktierte. Sie war so glücklich darüber, dass ich mir keine Vorwürfe machte, aber ausserdem war es eine Freude, weil sie an allem teilnahm, ohne sich in die Arbeit einzumischen und mir immer das Gefühl gab, man schreibe etwas Wichtiges, das niemand anderer auf solche Art fertigbrächte.“323
Was nun allerdings einer kleinen Sensation gleichkommt, ist, dass Veza Taubner schon vor 1930 erfolgreich Texte verfasst haben muss. Wo und unter welchem allfälligen Pseudonym diese Texte publiziert wurden, ist bis anhin unbekannt. Elias Canetti notiert dazu am 22. August 1930: „(…) ihr früherer Erfolg, der zweifellos sei, rühre nur daher, dass ihre Schreibweise dem Zeitgeschmack entgegenkomme (…)“.324 Die früheste Publikation, die Veza Taubner zuzuordnen ist, datiert aber auf den 29. Juni 1932 mit der Erzählung Der Sieger in der Arbeiter-Zeitung. Die früheren Erfolge, wie Elias Canetti das Schreiben Vezas vor dem Jahre 1930 bezeichnet, bedeutet eine schriftstellerische, allenfalls journalistische Produktion von Texten – vor den bis anhin bekannten Publikationen in der Arbeiter-Zeitung –, und weist durch die Formulierung ihre Schreibweise dem Zeitgeschmack entgegenkomme auf ein eher populäres Medium325 hin. Die früheren Erfolge werfen eine ganz zentrale Frage auf: Was war vor Kaspar Hauser?
Elias Canetti stellt sich noch 1990 die Frage, ob Veza Canetti sich als Dichterin gesehen hat oder nicht. Er notiert dazu in Abgrenzung zur literaturwissenschaftlichen Forschung, die Vezas Behinderung hin und wieder gleichgesetzt hatte mit den unterfüllten Wünschen der Autorin: „Goethes Prometheus, ein Gedicht, das sie über alles liebte, schien ihr angemessen für einen Dichter. Sie war, wie sie dachte, kein Dichter, auch als sie sich nach einigen Jahren zum Schreiben gedrängt fand, hätte sie sich (nicht) als Dichter bezeichnet. Das war, wie sie dachte, mein Teil und sie empfand eine Verpflichtung dafür zu sorgen, dass es mein Teil blieb. Sie ärgerte sich, wenn ich das Wort, das für sie das höchste Denkbare enthielt, auf sie bezog und sagte häufig: ‚Ich bin ein kleiner Schreiber.‘
In allem war aber nichts von der Verkürzung eines Arms zu spüren. Diesen Irrtum hatte sie durch eigene Kraft richtig gestellt und es wäre eine dummdreiste Verfälschung gewesen, irgendetwas, was sich in ihr abspielte, darauf zu beziehen. In dieser Disziplin – man kann es nicht anders nennen – hat sich zeitlebens nie etwas bei ihr geändert. Sie fühlte sich intakt und war es aus innerer Kraft geworden. Ich fühlte solchen Respekt vor ihrer nie nachlassenden Kraft, die sich ohne jedes äusserliche Auftrumpfen ganz im Stillen abspielte, dass ich ihre Haltung übernahm.“326 Diese Passage entspricht auch der Einschätzung, die Elias Canetti zu Veza Canettis Behinderung präsentiert: „(…) statt des fehlenden linken Unterarms trug sie eine Prothese. Ich schreibe es jetzt nieder, worüber ich ein Leben lang schwieg. Von 1924, als wir uns kennen lernten, bis zu ihrem Tode 1963, 39 Jahre später, haben wir nie, kein einziges Mal davon gesprochen. Ich habe die Stelle des Arms, an die die Prothese sich fügte, nie gesehen, auch nicht die Prothese von innen, die sie sich Morgen für Morgen anschnallte. Der Ärmel hing nicht etwa lose herab, wie von augenlosen Bekannten behauptet wurde, sondern war von etwas Hartem erfüllt, über den er sich spannte. Die Finger der Prothese steckten in einem Handschuh, den sie immer trug. Damit das nicht zu sehr auffiel, steckte auch die rechte natürliche Hand (wenn sie nicht gerade bei sich zuhause unter nahen Freunden war) in einem Handschuh. Sie hatte es gelernt, sich mit vollkommener Natürlichkeit zu bewegen. Es gab Menschen, die sie während Jahren kannten und nichts von einer Prothese bemerkten. Allen fiel auf, dass sie immer Handschuhe trug, und so wenig vermutete man den wahren Grund dafür, dass ich manchmal später in England danach befragt wurde. (…) Sie war in allen manuellen Dingen äusserster Geschicklichkeit, sie nähte, sie schrieb, sie malte, als wäre es nichts.“327
Diese Einschätzungen Elias Canettis hinsichtlich der Stärke, die aus einer Schwäche erwächst, machen die grosse Nähe der beiden Autoren im Urteil über die Wechselwirkung zwischen Behinderung und Lebenstüchtigkeit deutlich. Denn auch Veza Canetti schätzt in der autobiographisch konnotierten Erzählung Drei Viertel die Behinderung von Menschen gerade im künstlerischen Bereich als einen Mehrwert oder eine Stärke ein.
Beim Urteil darüber, wer nun ein Dichter oder eine Dichterin sei, hat sich Elias Canetti womöglich vom viel dokumentierten Understatement Veza Canettis zu sehr leiten lassen und ihre Tätigkeit zu wenig explizit als die einer Dichterin benannt. Noch in den 30er Jahren hat sich Veza Canetti ohne Scheu als Schriftstellerin bezeichnet. In der Beglaubigung der Staatsbürgerschaft durch die Stadt Belgrad aus dem Jahr 1934 steht für Venetiana Taubner unter Beruf Schriftstellerin und drei Jahre später, 1937, schreibt Veza Canetti an Elias’ Bruder Georges: „Und dennoch darf ich nicht auf die Redaktion hinauf, dabei geh ich nur gern hin, weil man mich dort wie eine Schriftstellerin behandelt, ganz Respekt und Konvention.“ (BaG 91)
Völlig anders als in den 30er Jahren äussert sich Elias Canetti 1968 – die Zeiten hatten sich auch geändert – im Schweizer Radio in einem Interview: „Sie (Veza Canetti, Anm. va) war selbst Schriftstellerin, sie verstand etwas vom Metier.“328
In den unpublizierten Kapiteln aus Die Fackel im Ohr wird Veza Canettis diesbezügliche Professionalität noch ein wenig präziser erörtert und akzentuiert: „Alles was sie gebraucht hätte (Elias Canetti meint hier den Erfolg als Dichterin, Anm. va), hat sie mir vorausgesagt. Wer bin ich, dass ich dieses Leben angenommen habe. Wer hat ein Recht auf etwas, das auf alle Fälle mehr ist, als er je sein kann? Wenn eine Spur von Wahrheit sich in meinen Worten findet, so entstammt sie ihr.“329 Ein eigentlicher Höhepunkt im Urteil über Veza Canetti findet sich in den Jahre später entstandenen unpublizierten Kapiteln aus Das Augenspiel, hier notiert Elias Canetti beim Start ins Kapitel Der Zwerg: „Mein eigentlicher, mein intimster literarischer Freund war Veza.“330 Wer sich über viele Jahre immer wieder in grosser Selbstverständlichkeit nach dem Schreiben von Veza Canetti erkundigt, ist Hermann Broch. Er schreibt beispielweise 1934: „Ich bin betrübt, von Ihnen und Canetti überhaupt nichts zu hören. Was machen die Stücke – Alles Herzliche Ihres H. B.“331
D. Salon Camilla Spitz
Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung im Leben von Veza Canetti beziehungsweise Veza Taubner spielt der Salon ihrer Tante Camilla Spitz. Er steht für die Verbindung zwischen der Künstler- und Dichterszene Wiens und dem Familienkosmos der Calderons.
Auf halbem Weg von der Wohnung der Familie von Rahel Taubner-Calderon in der Matthäusgasse 5 zur Familie ihrer Schwester Camilla Spitz-Calderon an der Seilerstätte liegt der Stadtpark. Hier muss Veza Taubner als Grundschulkind gespielt haben, wie Elias Canetti notiert. An der Seilerstätte gegenüber dem Ronacher-Theater wird 1907 Veza Taubners Cousine Veneziana Spitz geboren und dann 1911 Elise, die spätere Lily Spitz. Elias Canetti erzählt in den Unpublizierten Lebenserinnerungen vom Stadtpark, „wo sie als kleines Mädchen mit Reifen gespielt und ‚Peter‘ in seinen Sandalen verzückt zugeschaut hatte.“332 Genau diese Geschichte erzählt Peter Altenberg selbst in der Reihe mit dem Titel Revolutionär und darin in der Kurzerzählung Der Grieche mit dem Untertitel Der Revolutionär flieht aus dem Leben heraus. In dieser Erzählung hat das Mädchen ein sehr blasses Gesicht und aschblonde, lange Haare, es ist dreizehn Jahre alt und spielt mit einem Reifen im Stadtpark. Als es sich erschöpft vom Spiel neben den Griechen setzt, der ihm den Namen Diana gibt, erhält es einen Kuss auf die Stirn.333
Elias Canetti erzählt weiter von einem Gespräch, wo Veza Canetti erwähnt, dass „Peter Altenberg“ ihr „Lokalkolorit“ gewesen sei.334 Dem eher skeptischen Elias Canetti hätte sie dann erklärt: „Immerhin sei sie nicht die Einzige, die ihn für einen Dichter hielte. Er war aber – schon gar damals – nichts für mich, ich hatte mich für Nestroy zu erwärmen begonnen, drei Minuten von ihrer Wohnung stand noch das alte Carl-Theater, das ich hartnäckig gegen den Stadtpark ausspielte (…).“335
„Ich hatte den Eindruck, dass ihr (Veza, Anm. va) Nestroy nicht wirklich lag (…). Aber von ihr zu Nestroy war ein ungeheuer weiter Abstand, sein Witz entzückte sie, doch ihr fehlte jede Derbheit.“336 Von der literaturwissenschaftlichen Forschung wurde schon verschiedentlich auf die Nähe von Johann Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock oder die Launen des Glücks zu Veza Canettis Geduld bringt Rosen hingewiesen. Beide Texte leben von der dramatischen Kontrastierung von Arm und Reich. „Während das Theaterstück von Nestroy ein gütliches Ende nimmt, der arme Liebhaber wird reich und kann seine verarmte, ursprünglich reiche Geliebte heiraten, endet die Erzählung Geduld bringt Rosen mit einem verschärften Gegensatz von Arm und Reich. An dem Tag, an dem die schon reiche Tamara Prokop einen noch reicheren Mann heiratet, wird der armen Frau Mäusles geliebte Tochter, der einzige Reichtum, der ihr noch geblieben war, zu Grabe getragen. Auslöser der verschärften Armut der Familie Mäusle und indirekt damit auch Auslöser des Todes von Tochter und Familienvater ist die vom Abstieg bedrohte, reiche Familie Prokop.“337 Im Gegensatz zu Johann Nestroy legt Veza Canetti – ganz ihrer Zeit entsprechend – den Fokus auf einen materialistischen Diskurs der Verhältnisse. Auch Elias Canettis Theaterstück Die Hochzeit wurde schon verschiedentlich mit Johann Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock oder die Launen des Glücks in Verbindung gebracht, nicht nur wegen der verwendeten Sprachsatire. Johann Nestroy scheint nun im Gegensatz zu Peter Altenberg ein Teil des Lokalkolorits beider Canettis zu sein. Eine ausführliche Untersuchung dieses Sachverhaltes im Dreieck Elias Canetti – Nestroy – Veza Canetti steht aus, wäre aber aus kulturgeschichtlicher Perspektive höchst spannend.
D1. Der Salon Spitz: Veza – ein Bild
Die Verzahnung von Lokalkolorit und Bild geht indessen noch weiter. Nicht nur Peter Altenberg muss gerne dem Kind Veza beim Spielen – auf halbem Weg zu den Cousinen an der Seilerstätte – zugeschaut haben. Auch Elias Canetti behauptet, Veza Taubner hätte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihm nur durch seine Passion für Bilder überhaupt aufgefallen sei. „Für den Aufenthalt in der Villa ‚Yalta‘ empfinde sie (Veza, Anm. va) Dankbarkeit, weil dort die Passion für Bilder erwacht sei. Ohne diese hätte ich sie nie bemerkt, wie oft hätte ich ihr nicht gesagt, dass sie für mich ein Bild sei, wie hätte sie mir ohne diese Gewöhnung an Bilder auffallen sollen?“338 Elias Canetti schmückte in der Frankfurter Pension seine Wände mit den Bildern Anselm Feuerbachs, unter anderem der Nanna. Veza Taubner nun muss diesem Bild der Anna Risi, der Muse und Geliebten Anselm Feuerbachs, genau entsprochen haben. „Viel schlimmer war, in meinen Augen, dass sie mich an Feuerbachs ‚Nana‘ erinnerte. Denn was diesen Maler anlangte, so war bei mir allerhand passiert. In Frankfurt hatte ich die Wände unserer Zimmer in der Pension ‚Bettina‘ mit Reproduktionen aus der Kunstwartmappe austapeziert, und zwar mit allem, was es in dieser Mappe gab, nicht nur mit den Bildern, die mir wirklich gefielen. Das ‚Konzert‘ sagte mir gar nichts, aber dass es unter den anderen da hing, brachte mir bei dem gar ästhetisch eingestellten Teil der Pensionsbewohner grosse Ehre ein. Frl. Adler, die mit ihrem Bruder, einem asthmatischen jüdischen Herrn deutschnationaler Gesinnung da wohnte, besuchte uns einmal, sie war sehr fein, eine ältliche Jungfer, die nur von besonderen Dingen, Musik oder Bildern sprach, aber es mussten ausgewählte Werke von stiller Grösse sein, sie vertrug nichts Lautes, zitterte vor heftigen Regungen und sprach ihre ausgewählten Worte innig durch die Nase. Sie kam also, mit einer ausgewählten, einzelnen Rose für die Mutter und war so erstaunt über die Feuerbachschen Wände, dass sie die wiederholten Aufforderungen der Mutter, Platz zu nehmen, überhörte und kopfschüttelnd von Bild zu Bild ging. Vor dem ‚Konzert‘ aber blieb sie wie angewurzelt stehen, sagte dreimal hintereinander inniger noch als üblich: ‚Nein! Nein! Nein!‘ und erklärte sich dann zur Mutter, wobei mir war, als ob sie mit Mühe ein Schluchzen unterdrücke: ‚Dass er dieses Bild hier hat! Dieses Bild! Die andern – das kommt vor. Das ist nicht so ungewöhnlich. Aber dieses! Dieses! Das erschüttert mich. Und er ist erst siebzehn.‘“339
Pikanterweise fällt der durch das Bild der Nanna geschärfte Blick von Elias Canetti auf Veza Taubner, den Veza bei Elias Canetti festgestellt haben will, mit dem Blick zusammen, den Elias Canetti bei Richard Billinger im Anblick von Veza Taubner beobachtet haben will. Elias Canetti schreibt über den Dichter Richard Billinger als einem der Gäste von Camilla Spitz-Calderon: „Der Dichter Billinger aber sprach wenig, dass er sich mit Worten nicht leicht tat, machte ihn ja als Dichter aus, in so einer Gesellschaft sass er massiv und stumm da und glotzte begierig auf jemand, der ihm auffiel. Veza fiel ihm das erstemal auf, er wendete keinen Blick von ihr und sagte schliesslich den einzigen Satz: ‚Sind Sie Malerin, Sie schauen so verinnerlicht aus.‘ Für eine Malerin hielt sie jeder, der je ein Bild von Feuerbach gesehen hatte, denn sie trug ihr Haar, das rabenschwarz war, nach Art seiner Römerinnen, und zwar nicht so, als hätte sie’s denen abgesehen, sondern als wären sie’s. Sie bewegte sich wenig und sass sehr still, für seine schwerfällige Betrachtung – eilige städtische Bewegungen irritierten ihn – war sie wie geschaffen. Wenn sie auch keine Malerin war, obwohl sie schon früh eine Anlage dazu gezeigt hatte, so war sie doch immerhin gemalt, und zwar von einem Maler, der lange vor ihrer Zeit gelebt hatte. Seine Nana sah man damals überall reproduziert, sie war beinahe so beliebt wie später die Sonnenblumen von Van Gogh.“340 Da kann man sich natürlich fragen, ob Veza Taubner selbst auch so eine grosse Reputation genossen hat wie das beliebte Bild Anselm Feuerbachs, was durchaus nicht auszuschliessen ist. Richard Billinger wurde wie viele andere Wiener Künstler von der Tänzerin Grete Wiesenthal in den Salon der Camilla Spitz eingeführt. Elias Canetti notiert, bezogen auf diesen Treffpunkt Veza Taubners, in den Unpublizierten Lebenserinnerungen: „Sie bewegte sich unter jungen Leuten, die älter waren als ich, Camilla, ihre jüngste Tante, die an der Seilerstätte, gegenüber vom Ronacher, wohnte, führte eine Art von Salon. Ihre Tochter Lilli war Tänzerin und schon früh zur Grete Wiesental gekommen (…). Grete Wiesental, die sehr gesellig war, besuchte die Gesellschaft bei der Camilla Spitz, sie brachte auch Leute dorthin mit, einmal den Dichter Richard Billinger, den sie eben entdeckt hatte, einen oberösterreichischen Bauernkoloss, der ihr Gedichte widmete.“341 Erstaunt ist Elias Canetti im Zusammenhang mit dem Salon Spitz darüber, wie es kommen konnte, „dass sie mir, dem noch nicht 20-jährigen Eindruck machen wollte?“342, wenn Veza Taubner doch bereits über den Salon Spitz mit Kunstschaffenden im Kontakt stand.
Der Blick von Richard Billinger auf die schöne Malerin ist einer der Zugänge zu Veza Canetti, die sich Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen erlaubt hatte. „Viel früher habe ich einmal versucht sie mit den Augen Richard Billingers zu sehen.“ 343
Elias Canetti schreibt im Jahr 1977 in den Entwürfen zu den Lebenserinnerungen zu Veza Taubner: „Ich mag den eklen Teil nicht darstellen, ich will sie nicht in ihrer Kleinlichkeit darstellen. (…) Wie soll ich ihre Schönheit fassen, wie den Zauber, der von ihr ausging.“344
Die Nanna wird in vielen Bildern345 von Anselm Feuerbach (1829–1880) mit weissem Bauernhemd und schweren schwarzen Haaren, die zu einem Zopf geknotet sind, dargestellt. Exakt dieses Bild verwendet auch Veza Canetti in der Erzählung Pastora, wenn sie die Bauernmagd Pastora darstellt, die die Geliebte des Sohnes ihres Dienstherrn wird. Auch hier liegt der Fokus auf dem Blick von aussen – hier der des Liebhabers – auf Pastora. „Gerade da trat Don Anibal aus dem Haus, und als er den Kopf hob, fiel sein Blick auf das kleine Fenster unter dem Dach. Ins Zimmer gewendet stand Pastora und flocht mit weichen Fingern den Zopf, der über die roten Nelken auf dem Fensterbrett fiel, und es sah aus, als wüchsen sie aus ihren Haaren heraus. Das weisse Kleid liess die Schulter sehen und die Linie des Halses. Don Anibal lachte gut gelaunt und schwang grüssend den Handschuh hinauf, dann bog er rasch um die Ecke und versäumte den Anblick der Freude, deren Ursache er war.“ (DF 169 f.) Die rurale Schönheit der von Feuerbach gemalten Nanna – oft von der Seite346 oder später gar leicht hinten dargestellt – bleibt sich über mehr als ein Jahrzehnt gleich. Der Haarschmuck der Nanna auf dem Bild347 von 1870 ist eine kleine Diamanten-Spange, die aus dem geflochtenen und geknoteten Zopf herauswächst. Das Bild trägt den Titel Iphigenie. Noch 1863 hatte Anselm Feuerbach die Nanna mit einem Lorbeerkranz im Haar gemalt und das Bild erhielt den Titel Poesie. Veza Canetti nun setzt mit dem Bild der nur scheinbar aus den Haaren der Pastora herauswachsenden Nelken als Symbol für den Sozialismus ein ganz anderes Zeichen. Gleichheit (égalité) ist hier nur eine vorgetäuschte, wie das Scheitern der Liebesbeziehung zu Don Anibal zeigt; der Frau mit dem Nelkenschmuck und der Schönheit einer Nanna bleibt trotz ihres Namens, nämlich dem der berühmten spanischen Freiheitsheldin Pastora, wie erwähnt, nur der Gang ins Kloster. Eric Hobsbawm schreibt, dass die roten Blumen zur Ritualisierung des Maifeiertages schon im 18. Jahrhundert an verschiedenen Orten verwendet wurden, die rote Nelke hätte in den Ländern der Habsburger und in Italien ihren offiziellen Status als Symbol für den Sozialismus indessen erst ungefähr um die Jahrhundertwende, also 1900, erhalten.348
Im Nachlass von Elias Canetti gibt es ein Bild349 Veza Taubners, wo sie wie die Nanna Feuerbachs von der Seite her dargestellt wird, gekleidet mit einem weissen Bauernhemd und einem geknoteten Zopf im Nacken. Die Ähnlichkeit zur Muse des Malers Anselm Feuerbach ist frappierend. Veza Taubner trägt aber weder eine Diamanten-Spange noch wachsen aus ihrem Zopf rote Nelken wie bei Pastora, noch trägt sie wie im Bild Poesie einen Lorbeerkranz.350 Mit der Neuverwendung des Bildes der Nanna, einer Bildikone der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, setzt Veza Canetti einen neusachlichen Akzent als Rückblende auf das Leben der realen Anna Risi – Geliebte, Modell und Muse vieler Maler –, einer Römerin, die für Anselm Feuerbach den Ehemann, einen einfachen Schuster, und die Kinder verlassen haben soll.351
Auch der sozialistische Schriftsteller und Politiker Ernst Fischer greift das Bild der Nanna auf, indem er schreibt: „(…) ihre Güte als Destillat einer dunkel glühenden Leidenschaft. Schönes weisses Gesicht; Schnee bedeckt den Vulkan. Schwarze Handschuhe (…), Dienst als Würde, (…) Ihre Fähigkeit zu lieben, auf Besitz verzichtend (…).“352
Elias Canetti schreibt in den Unpublizierten Lebenserinnerungen, dass nach einem Lob von seinem Freund, dem Kunstmaler Georg Merkel, über Veza Canettis Schönheit der Lyriker Dr. Sonne geantwortet habe: „Es ist noch viel mehr dahinter.“353
Pastora in der Erzählung Der Seher, die ebenfalls zum spanischen Corpus gehört, wird vom blinden Bettler auf dem Bauernmarkt aufgrund ihres Nelkendufts erkannt und erhält ihr schönes Seidentuch zurück, das ihr zuvor gestohlen worden war. Die Marktgesellschaft hingegen hatte zuvor Pastora selbst des Diebstahles des Tuches verdächtigt, einzig darum, weil ein so schönes Stück der Bauernmagd nicht zieme. (DF 90 f.) Auch von Anselm Feuerbach gibt es das Bild einer Nanna mit einem schönen Seidentuch über der Bauernbluse.
Zufall oder nicht? Der erste Roman der Dichterin mit dem Aussehen der Bildikone Nanna trägt den Titel Kaspar Hauser. Der Maler Anselm Feuerbach war ein Enkel des Juristen Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach, bei dem er wegen des Todes seiner Mutter seine früheste Kindheit verbrachte. Der Jurist Feuerbach hat als Erster 1832 das Schicksal Kaspar Hausers – Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen – publik gemacht. Die Publikation dieser Schrift fällt in die Zeit, als der Enkel und zukünftige Maler Anselm Feuerbach in seinem Hause lebte. Eine Bearbeitung dieses Stoffes legte auch der Dichter Jakob Wassermann 1908 mit dem Roman Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens vor.
D2. Die Gäste des Salons Spitz
Grete Wiesenthal schreibt 1947 an Lily Spitz nach Amerika: „Wenn ich einen Filmstreifen hätte, würde ich für Dich das Haus an der Seilerstätte, in dem Ihr gelebt habt, fotografieren. Es ist ganz unbeschädigt, und so oft ich daran vorübergehe schaue ich hinauf zu Eurem Balkon und erinnere mich der Besuche bei Euch, und des schönen, runden grossen Balkonzimmers.“354 Die Erwähnung des Filmstreifens, der fehlt, zeigt metaphorisch die volle Diskrepanz der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Einerseits steht das Haus noch, man kann es von aussen filmen und sich sagen „zum Glück“, aber andererseits ist dessen Innenleben, seien das Menschen oder seien das Ideen, durch den Austrofaschismus und die Hitlerzeit gründlich durcheinandergeraten. Einiges an Turbulenzen war jedoch schon in den 20er Jahren angelegt.
D2.1 Grete Wiesenthal, Hugo von Hofmannsthal
Von Richard Billinger ist tatsächlich bekannt, dass er 1922 beim Gedichte-Rezitieren im Café Central von Grete Wiesenthal entdeckt355 wurde und dass sie ihm die Freundschaft Hugo von Hofmannsthals, mit dem sie selber eng befreundet war, vermittelt hat.
Ob Hugo von Hofmannsthal regelmässig im Salon Spitz verkehrt hat, ist unsicher. Es ist aber davon auszugehen, dass Veza Taubner schon in sehr jungen Jahren Hofmannsthal kennengelernt haben muss. Ob er der grosse Dichter ist, dem Veza Taubner den Kaspar-Hauser-Roman geschickt hat, ist möglich, dies müsste indessen noch knapp vor seinem Tod im Jahr 1929 geschehen sein.356
Mit Ausnahme der Freundschaft zwischen Hugo von Hofmannsthal und Grete Wiesenthal und ihrer Bedeutung für Lily Spitz und deren Familie lässt sich allerdings vorläufig keine quellengestützte direkte Verbindung des Dichters zu Veza Taubner finden.357 Dies passt auch zur Tatsache, dass gleicherweise zu Grete Wiesenthal – die immerhin die Geliebte Hugo von Hofmannsthals war – nur äusserst rudimentäre Aussagen in Biografien zu Hugo von Hofmannsthal zu finden sind.358 Wie bei den Felonen spielt auch hier das Café Museum gleichsam als Nebenschauplatz eine Rolle.
Im Gegensatz zu den nicht zu belegenden Kontakten zwischen Veza Taubner und Hugo von Hofmannsthal ergeben sich literarisch gesehen bei dem Romanfragment Andreas oder die Vereinigten von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1932 vielfältige intertextuelle Bezüge zu verschiedenen Texten Veza Canettis aus den 30er Jahren, aber auch zu solchen Hermann Brochs aus der gleichen Zeit. Im weitesten Sinne kann dies als ein Sich-Abarbeiten der beiden jüngeren Autoren, Veza Canetti und Hermann Broch, an der Wiener Moderne gesehen werden,359 mehr dazu im Kapitel Hermann Broch.
Bekannt sind zudem Veza Canettis Auseinandersetzungen mit dem Operettendiskurs, wie ihn Karl Kraus in Bezug auf die Werke von Jacques Offenbach angestossen hat.360 Veza Canetti verwendet im Drama Der Tiger, das im Alten Wien angesiedelt ist, nicht nur verschiedene Zitate aus Opern und Operetten, sondern greift mit diesem Werk in den Operettendiskurs von Karl Kraus ein. Sie positioniert sich in der Nähe der Position von Walter Benjamin in diesem Operettendiskurs, den Karl Kraus angestossen hat. Veza Canetti problematisiert im Theaterstück Der Tiger mit dem Einsatz einer wohlgesetzten Arie das Verramschen der Kunst in einem Kaffeehaus im Sinne einer Degradation von Kunst als Ware. Veza Canettis Einspruch wird in Form eines von „Pasta gesungenen Auszuges aus der Oper Carmen zum von Karl Kraus propagierten – und von Walter Benjamin pointiert formulierten – ‚Ersatz für Sprache‘, die ‚scheidende Gewalt‘ gewesen wäre“361, oder anders ausgedrückt, Musik wird „zu List und Ausflucht, Einspruch und Vertagung“362 der Problematik rund um „Kunst als Ware“.
Von Hugo von Hofmannsthal ist zudem bekannt, dass er für Richard Strauss verschiedene Opernlibretti geschrieben hat. Im Zentrum dieser und anderer Opern von Richard Strauss stehen oft grosse Frauenfiguren aus Mythologie und Kulturgeschichte wie in Elektra, Ariadne auf Naxos, Salome, Die Frau ohne Schatten und weiteren. Richard Strauss greift mit der Darstellung von grossen Frauenfiguren eine Thematik auf, mit der nur wenige Jahrzehnte zuvor der Theaterautor Friedrich Hebbel (1813–1863) auf den Bühnen Wiens viele Erfolge gefeiert hat. Elias Canetti hat mehrfach erwähnt, dass Veza Canetti die Tagebücher von Friedrich Hebbel sehr geschätzt habe.363 Bemerkenswerterweise sind aber gerade die Tagebücher Friedrich Hebbels eigentliche Korrektive seines ehrfurchtsvollen Dichterblickes auf Frauen, denn in diesen persönlichen Aufzeichnungen tritt er Frauen eher abwertend entgegen. Beispielsweise in einem Eintrag vom 7. Dezember 1843: „Das echte Weib ist seinem eigenen Gefühl nach nichts für sich, es ist nur etwas in seinem Verhältnis zu Mann, Kind oder Geliebtem – wie zeigen dies Elisens Briefe!“364
D2.2 Richard Billinger und seine Freunde Csokor, Zuckmayer
Richard Billinger ist nicht nur von Grete Wiesenthal entdeckt und von ihrem Freund und Geliebten Hugo von Hofmannsthal365 sehr gefördert worden, sondern auch vom Roten Wien. 1924 erhält Richard Billinger den Literaturpreis der Stadt Wien und im Konzerthaus wird sein Stück Spiel vom Knecht, ein Marionettenspiel, uraufgeführt.366 Dieses Stück ist das erste in einer Reihe von Texten, die im bäuerlichen Milieu angesiedelt sind, daraus entwickelte Richard Billinger für die Salzburger Festspiele von 1928 Das Perchtenspiel, ein sogenanntes Tanz- und Zauberspiel vom törichten Bauern, von der Windsbraut und den Heiligen. In Salzburg spielt Grete Wiesenthal die Rolle der schönen Perchtin. Die Texte Richard Billingers in dieser Frühphase seines literarischen Schaffens werden als spätexpressionistisch bezeichnet und sind wenig sozialkritisch. Es erstaunt aus diesem Grund nicht, wenn sein Dichten vom Billinger-Biografen Wilhelm Bortenschlager in die Nähe von Franz Theodor Csokor gerückt wird: „An eine höhere Ordnung, wie sie Franz Theodor Csokor in seinen Dramen vertritt, auf die hin die gesamte Handlung ausgerichtet erscheint, indem religiöse und ethische Probleme im Mittelpunkt stehen, glaubt auch Billinger.“367
Richard Billinger wird als Dichter erst im austrofaschistischen Ständestaat und später in Nazideutschland Karriere machen. Vorerst fühlte sich dieser aber nur zu „Knut Hamsun hingezogen“368, wie viele Sozialdemokraten auch. Beispielsweise hat der spätere Kommunist Ernst Fischer noch 1928 bewundernd zu Knut Hamsun notiert, dass dieser „neue Menschlichkeiten entdeckt” und „ein neues Lebensgefühl in Bücher gebannt“ habe.369 Dass Richard Billinger jedoch noch 1955 dessen Novelle Victoria dramatisiert hat, die dann im Burgtheater zur Aufführung gelangte370 – als längst bekannt war, dass Knut Hamsun bereits anfangs der 30er Jahre ein militanter Nazifreund gewesen war und auch geblieben ist –, ist stossend. Diese Angelegenheit illustriert, ja erklärt unter Umständen, was bezüglich der Nichtrezeption von Exilautoren – wie Veza Canetti – im Österreich der Nachkriegszeit weiterhin in die falsche Richtung lief. Der Biograf Richard Billingers hingegen schreibt 1985, dieser sei fälschlicherweise als Blut- und Bodendichter bezeichnet worden, er hätte keiner Partei angehört. „Dass Billinger vom NS-Regime in Anspruch genommen wurde, dass man ihm den Stempel der Blut- und Bodendichtung aufdrückte, war nur insofern seine Schuld, als er dies mit sich geschehen liess.“371
D2.2.1 Franz Theodor Csokor: rote oder gelbe Strasse
Im Salon der Camilla Spitz und mit dem da verorteten Blick Richard Billingers auf Veza Taubner ergeben sich vielfältige Rückbezüge zu Billinger selbst, mehr aber noch zu dessen Freund Franz Theodor Csokor.
Das Evozieren des Bildes der schönen Römerin Nanna durch Elias Canetti verschleiert in seinem Kerngehalt, dass Veza Taubner selbst gerade diesen bei Franz Theodor Csokor und Richard Billinger festgestellten Glauben an eine höhere Ordnung dekonstruiert hat. Ethik und Mitmenschlichkeit fokussieren bei ihr nicht auf einen allmächtigen Gott, sondern auf mitmenschliches Handeln, das im Tun jedes Menschen angelegt sein soll, ganz im Sinne des von Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativs. In diesem Sinne ist der Roman Die Gelbe Strasse eine eindrückliche Auseinandersetzung mit Franz Theodor Csokors Die Rote Strasse: „Während Csokor das Scheitern seiner Protagonisten in ihrer gleichsam atheistischen Haltung ortet, öffnet Veza Canetti an der gleichen Stelle ein Panoptikum der Sozialkritik.“372 „Intertextuell ist die Nähe der beiden Texte – Die rote Strasse und Die Gelbe Strasse – bereits durch die Wahl der Titel gegeben. Die Bezeichnung Die rote Strasse verweist auf das rote Licht, das einerseits am Fusse des Holzkreuzes auf dem Platz der Barmherzigkeit steht, und andererseits auf das rote Licht über dem Eingang zum Bordell am selben Platz. ‚Im Giebel seiner durch Stufen über den Platz erhöhten Türe brennt eine rotgläserne Laterne. Die Mitte des Platzvordergrundes nimmt ein leeres Holzkreuz ein, darauf die Passionsinsignien (…) wo ein Pult den Kreuzfuss berührt, flackert in einem roten Gläschen ein ewiges Licht. Immer noch Nacht; doch schon gegen die Frühdämmerung zu.‘ Aber auch die Verwendung der Farbe Gelb in Veza Canettis Roman weist auf das Theaterstück Die rote Strasse zurück, bezeichnete Franz Csokor doch den reichen Mann und Bordellbesucher, der im Gold schwimmt und sich jede Frau kaufen kann, mit der gelbe Mann. Die Obsession für die Farbe Gelb zeigt sich beim reichsten Mann im Roman Die Gelbe Strasse, dem Immobilienbesitzer, Rentier, Kapitalist Vlk, hingegen vorerst nur im Gelb seiner Brille, erst als er unter falschem Verdacht verhaftet wird, seiner Brille verlustig geht, beginnt er die Wände seiner Zelle mit dem eigenen gelben Kot umzufärben, entsprechend dem vom Hundekot eingefärbten Belag seiner Strasse, der gelben Strasse. In beiden Texten steht die Farbe Gelb auch für Gold: der gelbe Mann in der roten Strasse schwimmt darin buchstäblich, und das Gold des Winkelbankiers, welches das Kind Hedi in der gelben Strasse findet, bringt indirekt den Mann mit der gelben Brille, nämlich Vlk, zu Fall. Die Farbe Rot des Glases hingegen birgt in der roten Strasse am Fusse des Kreuzes das ewige Licht und taucht den Platz der Barmherzigkeit zusammen mit der rot schimmernden Lampe über dem Bordelleingang in ein stimmiges Licht. Ganz anders bei Veza Canetti, hier verkörpern die Roten oder die roten Gustis wie bereits ausgeführt das soziale Gewissen, indem sie das Geschehen gleichsam aus sozialistischer Perspektive im dialektischen Materialismus kommentieren. Hier offenbart sich auch gleich ein ganz grosser Unterschied zwischen den beiden Texten, kommentieren doch die Figuren aus der Roten Strasse das Geschehen nicht wie bei Veza Canetti aus verschiedenen Perspektiven, sondern es gibt nur eine relevante Perspektive, wie die als Jüngstes Gericht gestaltete Schlussszene offenbart, nämlich die eschatologische. Die kommentierenden Stimmen zu Beginn und Ende des Theaterstückes Die rote Strasse betonen denn auch das Serielle des Geschehens, in dessen Zentrum das Paaren, ‚Paaret‘, und das ‚Blut‘ stehen, welches binde und scheide. Franz Csokor nennt diese drei Stimmen die Unterverantwortlichen. Auch die Stimmen der Häuser in der Lästergasse kommentieren das Geschehen in der Gasse nicht aus verschiedenen Perspektiven, sondern paraphrasieren es. Wenn sie ausnahmsweise kommentieren, dann aus der Perspektive des Kosten-Nutzen-Optimierens, was der Perspektive des Gelben Mannes entspricht. ‚Besinnt euch doch ihres Gesponsen von einst, des Kaufmannes dort im Palaste! Jede wohl hier wäre selig gewesen über solch einzige Gunst aber sie –? Gepeinigt hat sie ihn nur, bespöttelt, genarrt und gehetzt (…).‘ Auch bei Veza Canetti gibt es diese Stimmen aus der Strasse, die kein Verständnis für ihre Mitmenschen aufweisen, sondern einfach nur lästern. Veza Canetti kontrastiert aber diese Stimmen geradezu nüchtern mit Stimmen aus der Perspektive von Recht, Psychologie, Sozialismus und so weiter.
Im Roman Die Gelbe Strasse stürzt sich ein Dienstmädchen ins Wasser und wird vom Wachmann gerettet, was ihr einen Platz im Obdachlosenheim und einen Job bringt. Im Theaterstück Die rote Strasse wird die junge Frau, die sogenannte Sie, bei ihrem selbstmörderischen Gang ins Wasser vom Gelben Mann gerettet, bei dem sie nun auch notgedrungen, aber ungern bleibt. Während am einen Ort, nämlich der gelben Strasse, der Staat helfend eingreift, führt am andern Ort, der roten Strasse, der gleiche Vorgang zu einer fatalen finanziellen Abhängigkeit der jungen Frau von einem ungeliebten Mann. Den Höhepunkt des dramatischen Geschehens – die Person Er (der einstige Geliebte von Sie) vernimmt, dass die Figur Sie an der Geburt des Sohnes im Hause des Gelben Mannes gestorben ist – lässt Csokor im Zimmer einer Dirne spielen, dessen Fenster auf den Platz der Barmherzigkeit hinausgeht, wo vom umgebrochenen Kreuz nur noch der Fuss steht und das ewige Licht schwach leuchtet. Von Frau Iger hingegen, deren Ende im Roman Die Gelbe Strasse im Gegensatz zum Drama Der Oger höchst unbestimmt bleibt, heisst es: ‚Ihr Leid rief einen Gott an.‘“373
Verschiedentlich wurde auch schon von der literaturwissenschaftlichen Forschung darauf hingewiesen, dass der Name Vlk für den Unfrieden stiftenden Kapitalisten im Roman Die gelbe Strasse ein „(…) ironischer Seitenhieb auf den Dichter Csokor“ sei, „der sich selbst gern als Wolf bezeichnete, und d[ie] Tatsache, dass Vlk das tschechische Wort für Wolf ist.“374
In den Entwürfen Elias Canettis, die vor dem Jahr 1928 geschrieben wurden, gibt es eine Binnenerzählung mit einem unleserlichen Titel, die die unschöne Begegnung von einem Menschen mit Namen Wolf und einem Maler schildert. Wobei Wolf davon ausgeht, dass es dem sogenannten Wicht und Maler noch schlechter geht als ihm selber. „‚Sie sind wirklich ein Wicht‘, sagt er ihm einmal, ‚nicht weil Sie Hunger und kein Geld haben, sondern weil es Ihnen noch viel schlechter geht als mir und Sie nicht den Mut aufbringen, sich zu töten, während ich mich jederzeit leicht töten könnte.‘“375 Die Geschichte endet mit der Pattsituation, dass sich der Wicht nur gemeinsam und nur mit einer Pistole umbringen will, Wolf aber genau das feige findet und der Wicht dann erwidert: „Allein geht’s nicht.“376
Theo Waldinger bezeichnet Franz Theodor Csokor als Freund seines Bruders Ernst Waldinger,377 was für eine Überschneidung der Personenkreise rund um die Felonen und rund um den Salon Spitz spricht.
Als Freunde von Richard Billinger gelten auch Alfred Kubin und Carl Zuckmayer. Der Grafiker und Maler Alfred Kubin hat 1935 den Einband der Erstausgabe des Romans von Die Blendung illustriert.
D2.2.2 Carl Zuckmayer, Alice Herdan-Zuckmayer
Carl Zuckmayer gehört zu den möglichen sogenannt „grossen Autoren“, denen Veza Taubner ihren Kaspar-Hauser-Roman geschickt haben könnte. Carl Zuckmayer erhielt 1929 den Georg-Büchner-Preis. Er war ab 1925 mit der Wiener Schauspielerin und späteren Autorin Alice Herdan (1901–1991) verheiratet. Alice Herdan wohnte anfangs der 20er Jahre und vor ihrer Heirat in Berlin mit den Schauspielerinnen Helene Weigel (1900–1971), der späteren Ehefrau und Mitarbeiterin von Bertolt Brecht, und Elisabeth Neumann (1900–1994), der späteren Ehefrau von Berthold Viertel, zusammen. Die drei Schauspielerinnen sind Absolventinnen der Schwarzwaldschule in Wien. Anlässlich der Schweizer Reise zwei Jahre vor ihrem Tod muss Veza Canetti in Zürich ihre alte Jugendfreundin, die Schauspielerin Gerti Spitz, getroffen haben, die aus Amerika angereist war.378 Aus einem Brief Veza Canettis an Rudolf Hartung erfährt man, dass sie zu erschöpft war, um ins Wallis zu einer weiteren Freundin zu fahren. „Wir blieben in Zürich, ich war zu erschöpft, um nach Austria zu fahren, oder ins Wallis, wo mich eine Freundin erwartete.“379 Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist mit der Freundin die Schauspielerin und Autorin Alice Herdan-Zuckmayer gemeint. Das Ehepaar Carl und Alice Zuckmayer lebte ab 1957 in Saas-Fee. Die Zuckmayers waren spätestens seit ihrer Zeit in Henndorf bei Salzburg (1933–1938) auch mit Stefan Zweig und Franz Theodor Csokor befreundet.380
Mit den Schauspielerfreundinnen von Alice Herdan, Helene Weigel und Elisabeth Neumann – die als Freundinnen oder gute Bekannte von Veza Taubner bezeichnet werden können –, eröffnet sich ein weiterer Personenkreis im Umfeld von Veza Taubner, der im Salon Spitz verkehrt haben könnte oder mindestens damit assoziiert war.
Die Bekanntschaft mit den Wiener Schauspielerinnen ergibt eine früh anzusetzende Schnittstelle der Personenkreise des Salons von Camilla Spitz und der Schwarzwaldschule von Dr. Eugenie Schwarzwald. Da Alice Herdan bereits 1919 nach Berlin übersiedelte, ist davon auszugehen, dass die Kontakte schon während und vor dem Ersten Weltkrieg bestanden.
D2.3 Die Schwarzwaldschule – ein Kontrapunkt zum Salon Spitz
Die drei Schauspielerinnen Alice Herdan, Helene Weigel und Elisabeth Neumann wurden an der Schwarzwaldschule von Auguste Lazar, einer promovierten Germanistin und Schriftstellerin, unterrichtet. Nicht nur die drei Exschülerinnen und Schauspielerinnen zog es nach Deutschland, auch Auguste Lazar lebte mit ihrem Mann Karl Wieghardt, einem Mathematiker, ab 1920 in Dresden. Deutlich bekannter als Auguste ist ihre acht Jahre jüngere Schwester Maria Lazar, ebenfalls Absolventin der Schwarzwaldschule und Schriftstellerin. Bei Maria Lazar muss Elias Canetti 1932 im privaten Rahmen die Komödie Die Hochzeit gelesen und dabei Hermann Broch kennengelernt haben, wie er schreibt: „Ich sollte bei der Maria Lazar, die wir beide kannten, – ich sehr gut –, vor einigen Gästen ‚Hochzeit‘ vorlesen. Ernst Fischer und seine Frau Ruth waren eingeladen.“381
Im Jahre 1935 leben im Exil in Dänemark Bertolt Brecht und Helene Weigel im Haus neben dem von Maria Lazar, die ebenfalls in den Norden migriert war. „Grüsse an Maria Lazar“382, schreibt Wieland Herzfelde in einem Brief an Bertolt Brecht. Maria Lazar und die Brechts lebten in Thurø/Dänemark auf dem Grundstück von Karin Michaëlis, einer dänischen Schriftstellerin und Theaterkritikerin, die sehr eng mit Eugenie Schwarzwald, der Direktorin der Schwarzwaldschule, befreundet war. Karin Michaëlis hatte sich bereits während des Ersten Weltkrieges viel in Wien aufgehalten und sich zusammen mit Eugenie Schwarzwald caritativ für die hungernden Wiener Kinder eingesetzt. Aus dieser Zeit stammte die Freundschaft zwischen Helene Weigel und Karin Michaëlis.
Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Veza Taubner die Schwestern und Schriftstellerinnen Maria und Auguste Lazar sowie die mit ihnen befreundete Schauspielerin Helene Weigel schon während oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg gut gekannt haben muss. Gerade auch wegen Veza Canettis Jugendfreundin Gerti Spitz, geborene Fuchs, die fast gleich alt wie Helene Weigel zur selben Schauspielerinnengeneration in Wien gehört. Leider kann dies bisher durch keine Quellen direkt belegt werden. Da Helene Weigel ab 1922 in Berlin tätig war und ab 1924 mit Bertolt Brecht liiert ist, könnte dies unter Umständen einer der möglichen Wege sein, auf denen Veza Taubner zur Tätigkeit als Lektorin und Übersetzerin für den Berliner Malik-Verlag gekommen ist.
In ihren Lebenserinnerungen Arabesken skizziert Auguste Lazar 1961 eine treffende Charakterisierung der Kreise, die zur Schwarzwaldschule gehörten, und ihrem eigenen eher konservativen Elternhaus: „Bei Schwarzwald verkehrten Menschen aller Glaubens- und aller politischen Richtungen. Nach dem Sturz der ungarischen Räterepublik waren flüchtige Kommunisten aus Budapest gekommen, und in den dreissiger Jahren war der berühmte Jesuitenpater Muckermann ein häufiger Gast. Gewiss, man konnte nicht vorurteilsloser scheinen als die Schwarzwalds.
Am besten lässt sich das Verhältnis zwischen dem Haus Schwarzwald und meiner eigenen Familie in einer Gleichung ausdrücken. Die Schwarzwalds verhielten sich zu meiner Familie wie Karl Kraus zu Stefan Zweig. An vielem Überlebten, Abgestorbenen hielten die einen noch fest, während die anderen es zwar als überlebt, abgestorben erkannten, aber doch nichts daran ändern konnten, weil sie dem gemeinsamen Boden, dem Bürgertum verhaftet blieben.“383
Wie das Elternhaus von Auguste Lazar kann wahrscheinlich auch der Salon von Camilla Spitz gesehen werden. Akkurat an dieser Scheide zwischen Alt und Neu steht Veza Canettis Roman Die Gelbe Strasse in seiner dezidierten Abgrenzung zum Drama Die Rote Strasse von Franz Theodor Csokor.
Zu den Schwestern Maria und Auguste Lazar gibt es bis in die Exilzeit hinein potenzielle Berührungspunkte mit Veza Canetti. Lebte doch Auguste Lazar den grösseren Teil ihrer Exilzeit – wie Veza Canetti – in Hampstead. Sie wird allerdings 1949 wieder in die Heimat ihres verstorbenen Mannes nach Dresden übersiedeln. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war ihre schwer kranke Schwester Maria Lazar für einige Monate zu ihr nach Hampstead gezogen, um sich wegen ihrer als unheilbar geltenden Knochenkrankheit behandeln zu lassen. Auch für diese Zeit ist kein Kontakt mit den Canettis bezeugt, was doch sehr erstaunt.384
D2.4 Die von Karl Kraus Verbannten im Salon Spitz
In einem weiteren Entwurf zu den Lebenserinnerungen, der verworfen wurde, schreibt Elias Canetti: „Sie war manchmal in Gesellschaften eingeladen, wo sie Künstler der unterschiedlichsten Art traf, besonders eine Verwandte von ihr, die in der Seilerstätte wohnte, empfing regelmässig interessante Gäste. Ich war auch eingeladen, doch ich ging nicht hin, weil sich da Leute einfanden, die mein Abgott verbannt hatte. Veza störte das nicht, so wenig wie die Lektüre von Heine, sie ging gern hin und wenn sie jemand dort mochte, war es ihr gleichgültig, was der Abgott über ihn gesagt hatte. Ich begann sie auszufragen und liess mir jeden Satz wiederholen, den sie im Gespräch mit andern gewechselt hatte. Es konnte lang dauern und wenn der beste Teil eines Besuches bei ihr damit vergangen war, packte mich die Wut und da ich sie nicht kränken mochte, entlud sich die Wut über mich selbst und ich machte mir die bittersten Vorwürfe.“385
Mit der Verwandten von ihr, die in der Seilerstätte wohnte, ist natürlich wiederum der Salon von Veza Taubners Tante, der Juweliersgattin Camilla Spitz-Calderon, gemeint. Es ist davon auszugehen, dass Elias Canetti mit Abgott Karl Kraus gemeint hat. Nun, Karl Kraus hatte 1926 eine grosse Schlammschlacht gegen Imre Békessy, den Herausgeber und Redakteur der österreichischen Tageszeitung Die Stunde, geführt. Die Stunde gilt als erste moderne Boulevardzeitung Österreichs, sie erschien von 1923 bis 1938 und publizierte durchaus auf der Linie der Sozialdemokratie. Die Stunde verfügte neben dem Chefredakteur Karl Tschuppik, der zuvor das Prager Tagblatt geleitet hatte, durchaus über sehr interessante Mitarbeiter wie den jungen Billy Wilder, Egon Friedell, Anton Kuh, Erik von Krünes oder Alexander Sandor Nadas und wurde schnell zur auflagenstärksten Zeitung im Lande.386
D2.4.1 Imre Békessy und die Tageszeitung Die Stunde: das Letztpublikationsorgan
„Karl Kraus attackierte sie (Die Stunde, Anm. va) wegen des reisserischen Tons und der Doppelmoral ihrer ‚Bordellpublizistik‘. Insbesondere wegen ihres Besitzers Imre Békessy, den er als Betrüger und Erpresser entlarvte.“387 Békessy musste 1926 die Redaktion verlassen, nachdem gegen ihn Anklage erhoben worden war; er kehrte nach Ungarn zurück.
Kraus investierte eigenen Angaben zufolge rund 6.700 Stunden in die Recherche zu Békessy, um ihm Erpressung, Betrügerei, Meineid, Dokumentenfälschung und Verleumdung nachzuweisen, und forderte „Hinaus mit dem Schuft“ und konkreter „Imre Bekessy ist ein Schuft“.388
In der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates konnte Veza Canetti gleich zwei Erzählungen in dem ehemaligen Békessy-Organ Die Stunde publizieren. Beide Erzählungen sind erstaunlicherweise posthum nicht aus dem Nachlass heraus veröffentlicht worden, sondern in Text und Kritik. Es handelt sich um die Erzählungen Geld-Geld-Geld und Das Schweigegeld. Diese beiden Erzählungen waren bereits Ende 90er Jahre von Eckart Früh ausgegraben und 2001 in einer kleinen Broschüre im Eigenverlag mit dem Titel noch mehr publiziert worden.389 Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der von Veza Canetti in einem Brief an Georges 1937 erwähnten Redaktion, bei der sie nicht hinaufdürfe, um das Redaktionsbüro der Zeitung Die Stunde. „Und dennoch darf ich nicht auf die Redaktion hinauf, dabei geh ich nur gern hin, weil man mich dort wie eine Schriftstellerin behandelt, ganz Respekt und Konvention.“ (BaG 91) Dieser Ende November geschriebene Brief würde darauf hinweisen, dass Veza Canetti womöglich durch die Eifersucht ihres Mannes daran gehindert wurde, nach der erfolgreichen Publikation zweier Erzählungen im Frühling des gleichen Jahres in einer Zeitung wie Die Stunde weitere Texte zu veröffentlichen.
D2.4.2 Anton Kuh – Die Affenoper
Zu den Gegnern von Karl Kraus gehört auch Anton Kuh. Nicht nur, dass er für das von Karl Kraus gehasste Blatt Die Stunde gearbeitet hat.390 Er hat exakt im Jahre 1925 mit dem Affen Zarathustras ein Werk vorgelegt, in dem er in einer Art Stegreifrede Karl Kraus polemisch angreift. Anton Kuhs Angriffe gegen Karl Kraus, die auf dessen „Schauspieleitelkeit und Publikumsverachtung“ zielten, werden von Rezensenten als „unter der Gürtellinie“ bezeichnet.391 Er kämpft darin gegen den Kraus-Kult; gegen die an Nebensächlichkeiten verschwendete Sprachvirtuosität oder die Druckfehler- und Berichtigungsmanie von Karl Kraus. Anton Kuh versucht Karl Kraus als Gott intellektueller Zeitgenossen zu entlarven: „Ich habe Ihnen früher notdürftig eine Charakteristik des Typus gegeben, den ich als Intelligenzplebejer bezeichnet habe und habe zum Schluss die Frage aufgeworfen: was ist es, das die Erscheinung des Karl Kraus zu einem Abgott dieser Figuren macht, wie ähnlich schon der verstorbene Philosoph Otto Weininger ein Abgott dieser Menschen ist und war?“392
Genau hier greift das unpublizierte Manuskript Elias Canettis, nämlich das der Affenoper, ein und zeigt das Agieren eines als Menschen verkleideten Zirkusaffen als Machthaber, der sogenannte Konzentrator.393 Der Aufstieg zur Macht gelingt dem Konzentrator, indem er mit Geld protzt und sich von einem Sekretär und einer Dame assistieren lässt. Der Machthaber ist hier ein verkleideter Zirkusaffe. Seine inhaltslosen Auftritte, ein reines Zelebrieren von Macht, reissen das Publikum mit. Zum Text-Konglomerat Affenoper gehören auch Versuche über Masse und Macht aus den 50er Jahren.394
Wie sehr sich Elias Canetti mit Anton Kuh auseinandergesetzt haben muss, zeigen einige Seiten in den Notizbüchern aus dem Jahr 1929, geschrieben in Berlin. „Anton Kuh: Versuch zu äusserer Eleganz bei unglaublichem Schmutz und extremster Verwahrlosung. … Mit guten zarten …(?) runden Tönen lässt sich die Bestie leicht zum Mensch verschönen. Menschenergründung erfordert Bitterkeit, Kühle, Intensität des Nachspürens (auch der Verlorensten) und keift wie ein altes Affenweib auf diesem Wort und nichts sonst herum.“395 Möglicherweise hat Elias Canetti Anton Kuh im Romanischen Café am Breitscheidplatz – dem wichtigsten Künstlertreffpunkt Berlins der 20er Jahre – getroffen, wie das Ende der Notiz – wegen der Nähe des Breitscheidplatzes zum Berliner Zoo – interpretiert werden kann.
D2.4.3 Felix Salten – Der Sieger
Ein weiterer Gegner von Karl Kraus, der im Salon Spitz verkehrt haben könnte, ist Siegmund Salzmann, der sich ab 1906 Felix Salten nannte. Der 1869 geborene Ungar arbeitet als Journalist, Redakteur und Schriftsteller. Er ist auch schon während des Ersten Weltkrieges im Filmgeschäft tätig. Bereits 1906 hatte er eine Blossstellung seiner Person in der Fackel mit einer Ohrfeige an Karl Kraus quittiert. Ab 1919 war er für das Sonntagsfeuilleton der Neuen Freien Presse tätig. Die Neue Freie Presse gilt als die Tageszeitung Wiens, die von Karl Kraus am häufigsten polemisch angegriffen wurde. Felix Salten publizierte in den 20er Jahren einige populäre Romane. Heute ist er vor allem bekannt als Autor der Tiergeschichte Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Wald von 1923, die durch Walt Disney zu einem Welterfolg wurde. Politisch ist Felix Salten schwer einzuordnen, zwischen den Kriegen zeigte er sich gegenüber dem Roten Wien nicht abgeneigt, nach 1934 nimmt er Partei für den austrofaschistischen Ständestaat.
Ganz unbekannt ist, weshalb Veza Magd in ihrer ersten in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichten Erzählung Der Sieger der Figur des unternehmerisch höchst ungeschickten Fabrikdirektors ausgerechnet den Namen Siegfried Salzmann gibt. Dieser Direktor, der für den eigenen Hund einen Koch beschäftigt, zeigt kein Herz, wenn es darum geht, seine tüchtigste Angestellte, Anna Seidler, zu entlassen. Seine Auswahlkriterien bei der Entlassung sind das Aussehen der Angestellten und ihre sexuelle Verfügbarkeit. Ausserordentlicher Arbeitseinsatz hingegen zählt nicht. Die Entlassung wird Anna – wegen des Unglücks, das die Arbeitslosigkeit über ihre Familie bringt – in den Tod treiben. (GbR 49 ff.) Dass der reale Siegmund Salzmann alias Felix Salten tatsächlich ein grosser Hundenarr und ein passionierter Schürzenjäger war,396 ist verbrieft. Hunde waren dem passionierten Jäger397 Salten nicht nur für die Jagd wichtig, wie einige Bilder im Band zur Ausstellung Felix Salten dokumentieren, wo er seine Vierbeiner wie Babys in den Armen hält, sondern hatten den Status von sehr vertrauten Familienmitgliedern.398 Vielen zeitgenössischen Lesern der Erzählung Der Sieger dürfte der Seitenhieb Veza Canettis auf Siegmund Salzmann alias Felix Salten, den Sieger, aufgefallen sein. Die Dichterin evoziert damit eine zusätzliche Bedeutungsebene, nämlich die, dass in Schreibstuben der Presse Ausbeuterverhältnisse herrschen können wie in Fabriken auch. Natürlich stellt sich hier aus biografischer Perspektive die Frage: Hat Veza Taubner allenfalls für die Neue Freie Presse gearbeitet oder kennt sie die Verhältnisse nur vom Hörensagen? Ein weiterer Berührungspunkt Veza Taubners mit Felix Salten könnte der Zsolnay-Verlag gewesen sein. Hat sie dort einen Teil seiner Bücher lektoriert oder womöglich deren Übersetzungen ins Englische getätigt? Felix Salten veröffentlicht im Zsolnay-Verlag in der Zwischenkriegszeit 17 Titel mit einer Gesamtauflage von insgesamt 160.690 Exemplaren.399 Der Verlag muss aber im Gegenzug sehr von Felix Saltens Tätigkeit als Feuilletonredakteur der Sonntagsbeilage der Neuen Freien Presse profitiert haben, da alle neu erscheinenden Zsolnay-Bücher darin besprochen wurden.400 Darüber spekuliert darf werden, weshalb Veza Taubner den Vornamen Siegmund zu Siegfried gewandelt hat – also aus dem siegreichen Verteidiger einen Drachentöter gemacht hat. Bei dem bunten, ja sarkastischen Spiel mit Namen, das Veza Canetti in ihren Texten treibt, bestimmt kein Zufall.
Eine weitere Besonderheit hinsichtlich eines potenziellen – wenn auch nur intertextuell nachweisbaren – Beziehungsgeflechts zwischen Veza Taubner und Felix Salten bilden die beiden Langnovellen Die kleine Veronika und Olga Frohgemuth, beide sind 1903 entstanden.401 Das Schicksal von Veronika in Die kleine Veronika korrespondiert gleich mehrfach mit Erzählungen Veza Canettis, beispielsweise mit dem Schicksal des Dienstmädchens Emma Adenberger in der Erzählung Der Kanal, das genau wie Veronika ohne sein Wissen an eine Bordelldame402 vermittelt wird, das sich aber in letzter Minute, bereits zur salonfähigen Dirne Kitty zurechtgestutzt – im Gegensatz zur Veronika von Salten –, noch retten kann. Ein anderes Dienstmädchen aus Veza Canettis Erzählung, Emilie Jaksch, probiert den Selbstmord erfolglos im städtischen Donaukanal aus, während das Mädchen Veronika aus Saltens Die kleine Veronika sich im heimatlichen Dorfbach umbringt. Emma Adenberger nun spielt auch in einer anderen Erzählung Veza Canettis, Der Fund, eine wichtige Rolle. Hier wird sie vom ehemaligen Geliebten, einem Arzt, schnöde zurückgewiesen mit dem Hinweis auf ihren Stand. Die Figur der Emma Adenberger nun weist nicht nur auf die Kleine Veronika von Felix Salten zurück, sondern zudem auf dessen Olga Frohgemuth in der gleichnamigen Langnovelle. Die Professorentochter Olga stirbt, nachdem der von ihr geliebte Prinz sich – wegen der Standesgrenze und des ungerechtfertigten Klatsches über sie – von ihr zurückgezogen hatte. Auffallend ist, dass die erwähnten Frauenfiguren bei Veza Canetti sich aus eigener Kraft retten oder durch staatliche Eingriffe sowie durch die Hilfe von Mitmenschen gerettet werden können. Zum Beispiel kann der Selbstmörderin Emilie Jaksch durch ein städtisches Programm für obdachlose Dienstmädchen aus der Misere geholfen werden. Felix Salten verwendet in verschiedenen Novellen Figuren mit dem Namen Mizzi, meist sind es Edelprostituierte wie die Mizzi Manhard aus der Novelle Das Manhard-Zimmer von 1897, das in der Fabel dem einaktigen Lustspiel Schöne Seelen von 1925 entspricht.403 Veza Canetti hingegen variiert diese Thematik in der Erzählung Der Kanal und im gleichnamigen Kapitel des Romans Die Gelbe Strasse gleichsam modern mit der Figur der Mizzi Schadn. Diese wird von der Dienstbotenvermittlung direkt an eine Baronin vermittelt, die sich als Lesbe kein Dienstmädchen, sondern ein Mädchen für das Bett erhofft hatte. Trotz des ihr von der Baronin angebotenen Luxus flüchtet Mizzi Schadn verstört und reiht sich wieder auf der langen Bank der Arbeit suchenden Dienstmädchen ein.
Mizzi heisst gemäss Wörterbuch des Wiener Dialekts von 1929 Marie, also Maria.404 Diese Aussage korrespondiert mit der mehrfachen Aussage von Elias Canetti, dass Veza über eine Madonnensammlung verfügt habe,405 die sie ihm aber nie gezeigt habe. Im Roman Die Schildkröten wird Veza Canetti die Figur der Nazigattin, ein aufgestiegenes ehemaliges Dienstmädchen, im okkupierten Wohnraum der Dichtergattin das Bild der Madonna auf Wunsch ihres Mannes durch ein Bild Adolf Hitlers ersetzen lassen. (Sch 116) „Auch jetzt glaube sie noch an Ausnahmen, zum Beispiel dieser Schriftsteller hier in der Wohnung sei im Dorf geachtet, sogar beliebt. Die Frau dürfte auch nicht die Schlimmste sein, hier hatte sie sogar ein Madonnenbild hängen.
Die hat sie hier, weil sie ihren Stamm (der Schriftsteller und seine Frau sind jüdisch, Anm. va) verleugnen will. Ein alter Trick im übrigen mag sie sich doch ansehen, was diese Leute hier pflegen. Je hässlicher das Motiv, desto mehr sagt es ihnen. Das war das Zersetzende. Dieser Krüppel hier! Krüppel zu malen! ‚Das nimmst du weg und in den Rahmen kommt der Führer.‘“ (Sch 116)
Veza Canetti und Felix Salten greifen in ihren Mizzi-Figuren, wienerisch für Maria, eine zeittypische Sichtweise auf, die 1914 von A. J. Störfer im Band Marias jungfräuliche Mutterschaft zusammengefasst wurden. A. J. Störfer, der zusammen mit Ernst Polak und Milan Dubrovic auch in den Unpublizierten Lebenserinnerungen von Elias Canetti Erwähnung findet,406 schreibt: „Dem Auferstehungsmythus folgt der Marienmythus. Er wird vom 4. Jahrhundert an allmählich zum wichtigsten des christlichen Mythenkomplexes. Da die tatsächliche (historisch-wirtschaftliche) Revolution missglückt ist (indem die Kirche, mit der weltlichen Macht verbündet, selbst ein Imperium errichtet), tritt der Sieg der antipatriarchalischen Bestrebungen in der psychischen Realität, im Mythus ein. Marias Jungfräulichkeit bedeutet bloss ihre Ehelosigkeit, bedeutet bloss, dass Maria ausserhalb der vaterrechtlich eingeengten Sexualordnung steht. Der Hetärismus ist in der Phantasie wieder hergestellt: Es gibt keinen Vater mehr.“407
Dazu passt Felix Saltens 1935 uraufgeführte Komödie Mädchenhände, in der ein Mädchen, Mizzi Pointer, den unter Lebensüberdruss und Zwangsvorstellungen leidenden Sohn Karl des ehemaligen Geliebten ihrer Mutter mit einer vorgespielten Liebschaft, gegen Anfrage und Entgelt durch dessen Vater, heilen soll, was auch gelingt. Das Mädchen Mizzi hingegen, das sich unerwarteterweise selbst in Karl verliebt, weigert sich das Geld anzunehmen. Ob diese Mädchenhände etwas mit den „abgehackten Händen (…) an den Wurzeln noch rosig von frischem Blut“ (DF 23) in der von Veza Magd 1937 publizierten Erzählung Hellseher zu tun haben könnten, bleibt unsicher. Die abgehackten Hände entpuppen sich in Veza Canettis Text als Wachshände, die den Ich-Erzähler – ein Schriftsteller, dessen Blatt wegen der Zeitumstände leer bleiben muss – sehr erschreckt hatten. „‚Hier sind die Hände!‘ Die Pianistin hatte sie rasch geholt, die Hände des Magnetiseurs, die Hände aus Wachs, die mich erst so erschreckt hatten. Es war symbolisch für alles, was später kam, erst lähmender Schreck, der zu Wachs wurde.“ (DF 28)
Eine ganz andere Mizzi präsentiert Felix Salten in seiner 1932 im gleichnamigen Novellenband veröffentlichten Erzählung. Diese Mizzi, eine Vorstadtschönheit, „sie sah aus wie ein Schubertlied aussehen müsste“408, wird einzig kraft ihres Aussehens, aber ohne Talent eine berühmte Schauspielerin in Wien. Ihr gelingt in der Folge der gesellschaftliche Aufstieg bis zur Ehefrau eines Grossindustriellen und baronisierten Patriziers mit Namen Erwein. Leider verliebt sie sich nach wenigen Ehejahren in einem Heurigenlokal in einen Bänkelsänger namens Poldi, für den sie Mann und Kind verlässt. Nach einigen Jahren als glückliche Wirtin in einem Heurigenlokal bringt sie den notorischen Ehebrecher Poldi und dessen neue Geliebte, eine Bänkelsängerin, und sich selbst mit Rattengift um.
Felix Salten ist heute der Allgemeinheit nur noch als Autor von Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde in Erinnerung. Das Buch wurde 1923 im Ullstein-Verlag veröffentlicht und bereits 1928 ins Englische übersetzt. Richtig berühmt wurde die Erzählung jedoch erst durch die Verfilmung im Jahre 1942 durch Walt Disney.
Dass Veza Canetti tatsächlich noch in einer weiteren vergleichbaren Branche tätig gewesen sein könnte wie Felix Salten, offenbart eine Briefpassage von 1948, wo sie Georges, dem Bruder von Elias Canetti, mitteilt, dass sie „Kurzgeschichten für die Jugend für eine engl. Zeitschrift“ schreibe, „die Clement illustriert“. (BaG 359) Mit Clement ist Clement Glock gemeint, die illustrierten Kurzgeschichten gelten leider als verschollen. (BaG 412) Ob Veza Canetti hier an ein Tätigkeitsfeld angeknüpft hat, das sie schon in Wien gepflegt haben könnte, ist unsicher, aber erwägenswert. Die frühen Erfolge Veza Taubners, die Elias Canetti anspricht, könnten womöglich im Bereich Kinderbuch angesiedelt gewesen sein. Vielleicht hat Veza Taubner die Texte für illustrierte Kurzgeschichten geliefert, die dann unter Pseudonym oder unter dem Namen des Illustrators oder der Illustratorin publiziert wurden.
Beinahe sarkastisch in Bezug auf den Welterfolg von Felix Saltens Bambi mutet an, dass der Übersetzer-Name Veronika Knecht auf einem Band aus dem Hause von Walt Disney mit dem Titel Donald Duck und das doppelte Gespenst an Veza Canettis Pseudonym für Drei Helden und eine Frau erinnert. Ob die Übersetzung des Disney-Bandes aus dem Jahre 1974 – unbekannt ist, ob es sich um die erste Auflage handelt – tatsächlich aus der Feder von Veza Canetti stammen könnte, ist schwer nachzuweisen. In Anbetracht dessen, dass Veza Canetti Kindergeschichten zusammen mit Clement Glock veröffentlicht haben muss, ist selbst eine Übersetzertätigkeit in diesem Bereich nicht auszuschliessen.
Im Zusammenhang mit Felix Salten lassen sich aber noch weitere Themenbereiche finden, die ihn kontrovers mit Veza Canetti verbinden. Während Felix Saltens im Jahre 1908 herausgegebener Novellenband Künstlerfrauen nicht als Sammlung von Porträts von Frauen, die als Künstlerin tätig sind, gestaltet ist, sondern als Frauen von Künstlern wie Maler, Dichter oder Musiker, denen er gleichsam reportagehafte Authentizität gibt, sind Frauen bei Veza Canetti auch selbst Künstlerinnen, wie beispielsweise die Bildhauerin Diana und die Sängerin Pasta im Theaterstück Der Tiger oder die Bildhauerin Agatha Valorbes im Theaterstück Der Palankin oder ferner die Tänzerin Bella Buff. Da viele Erzählungen Veza Canettis im Künstlermilieu spielen, hat sie zudem immer wieder Künstler-Ehefrauen dargestellt, wie die Dichtergattinnen Eva Kain im Roman Die Schildkröten oder Rosina im Palankin. Mit der Erzählung Drei Viertel diskutiert Veza Canetti die Beziehung eines Künstlers zu Frauen, die für ihn Modell stehen und für ihn im erweiterten Sinne Musen darstellen. Während Felix Salten das Spektrum der Frauenrollen in Bezug auf einen Künstler-Ehemann in den Bereichen Ehefrau, Mutter der Kinder, Wirtschafterin bis zu einem Aufstieg ins Milieu der Adligen auslotet, gehen Veza Canettis Darstellungen von Frauen im Künstlermilieu darüber hinaus; eigenständige Künstlerinnen werden neben Ehefrauen von Dichtern gezeigt, die sich mit Erwerbsarbeit und anderweitiger Unterstützung für ihren Gatten einsetzen. Diese Frauen weisen wiederum eine grosse Nähe zu Saltens Künstlerfrauen auf.
1931 hat Felix Salten einen weiteren Text publiziert, der in Zusammenhang mit Veza Taubner gebracht werden kann, nämlich: Zoo: Freunde aus aller Welt – Roman eines zoologischen Gartens. In diesem Roman steht im Zentrum das Fühlen und die Erlebnisse der gefangenen Tiere, in denen sich der Mensch wiedererkennen kann. Auch Veza Canetti hat zwei Erzählungen dem Thema Zoo gewidmet: London der Zoo und Herr Hoe im Zoo. Diese zwei Erzählungen gehören zusammen mit der Erzählung Der Hellseher zum autobiografisch konnotierten Wachs-Fragment.409 Die blutenden Wachshände in der Erzählung Der Hellseher, die als Metapher für das zeitbedingte Aufgeben des Schreibens durch die Ich-Erzählerin verstanden werden können, weisen indirekt zurück auf die 1935 aufgeführte Komödie Mädchenhände von Felix Salten. Wachsfiguren bei „The New Madame Tussauds“ (DF 31) werden in der Erzählung London der Zoo in Kontrast gesetzt zu den gefangenen Tieren im Zoo; während die Tiere des Zoos auf die Ich-Erzählerin harmlos wirken und sogar menschenähnliche Eigenschaften haben und darin den Tieren in Felix Saltens Roman eines zoologischen Gartens gleichen, entpuppen sich die Wachsfiguren im Wachsfigurenkabinett als gefährlich und versetzen die Ich-Erzählerin in Angst und Schrecken. Dies bewirken nicht nur die vielen Mörder, die hier dargestellt sind, sondern darüber hinaus Personen mit adligem Aussehen: „Einem andern aber mit adeligem Äussern bin ich hineingefallen. Gemeiner Mord.“ (DF 32) Akkurat dieser Ansicht ist auch die Hauptfigur der Erzählung Herr Hoe im Zoo: „Es gibt keine Raubtiere, sondern nur Raubmenschen.“ (DF 33)
Von Interesse bezüglich Felix Salten und dessen Verbindung mit dem Salon von Camilla Spitz ist eine Aufzeichnung von Elias Canetti aus dem Jahre 1968:
„Viel Süssigkeiten bei Schnitzlers Liebeserlebnissen. Seine arme Stickerin endlich in einem Zimmer mit Aussicht auf die Strasse: das ist ihm behaglicher. Sehr aufmerksam sind die jungen Lebemänner auf Paralytiker, er erwähnt mehrere. Die Angst vor Syphilis ist das einzige, buchstäblich das einzige Hindernis vor unaufhörlichem Geschlechtsverkehr. Sein Arztzimmer in der Klinik, wo die Geliebte bei ihm übernachtet. Er geht zum Dienst, kommt zurück, findet sie noch im Bett, wo sie auf ihn wartet. Lästiger ist noch niemand ein Dienst gefallen. –
Eine solche unaufhörliche Geschlechtsatmosphäre gab es auch bei Vezas Tante Camilla, wo allerhand Leute verkehrten, auch die Grete Wiesenthal und Billinger z. B. –“410
Diese Passage zeigt einerseits, wie Elias Canetti nach dem Tod von Veza versucht, mit Hilfe von Tagebüchern und Texten von Wiener Autoren wie eben Arthur Schnitzler, aber auch Hermann Broch oder Heimito von Doderer diese literarisch-künstlerische Welt zu verstehen, zu der er erst relativ spät – ungefähr ab 1924 – langsam Zugang bekam. Andererseits greift Elias Canetti mit dieser unaufhörlichen Geschlechtsatmosphäre etwas auf, das gerade mit den Felix Salten zugeschriebenen Bekenntnissen der Dirne Josefine Mutzenbacher in Wien bereits 1906 für Furore gesorgt hatte.
E. Salons – Künstlerzirkel
Auf der einen Seite hatten Frauen nach dem Ersten Weltkrieg viel mehr Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen: „Der Kampf um die Emanzipation zeigt nach dem Ersten Weltkrieg erste Erfolge, die Frauen erhalten das Wahlrecht, viele Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten stehen ihnen in der Ersten Republik offen“411, auf der anderen Seite funktionierten viele gesellschaftlich relevante Begegnungsorte wie vermutlich auch der Salon Spitz nach alten Regeln. So dass Elias Canetti treffsicher das Bild Vezas als Analogie zum kultur- und gesellschaftspolitisch geprägten Bild einer Frau des 19. Jahrhunderts, der Bildikone Nanna von Anselm Feuerbach, hier einsetzen konnte. Gleichsam die Thematik erweiternd hat Elias Canetti in seinen Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen das Bild Ländliches Konzert Anselm von Feuerbachs gleich mehrfach verwendet. Dieses Bild, das das ältliche ungarische Fräulein in der Pension in Frankfurt so begeistert haben muss, und zwar nicht als Bild, sondern aufgrund der Tatsache, dass der tatsächlich noch sehr junge Elias Canetti ausgerechnet dieses Bild zwischen die Bilder der vielen Nannas von Feuerbach an die Wand geheftet hatte. „Frl. Adler (…) eine ungarische alte Jungfer, die über das ‚Konzert‘ von Feuerbach, den ich in unserem Wohnzimmer aufgehängt hatte, in Entzücken geriet.“412 Genau dieses Bild mit den zwei Musikern und den zwei nackten Musen deutet auf einen Sachverhalt hin, der über das ikonografisch bei Feuerbach Gezeigte hinausweist. Hält doch nicht der zweite Musiker die Flöte in der Hand, sondern die den beiden zugewandte Muse. Entsprechend führt Elias Canetti hinsichtlich der Ebenbildlichkeit von Veza und Nanna dann weiter ins Treffen: „Wenn sie auch keine Malerin war, obwohl sie schon früh eine Anlage dazu gezeigt hatte, so war sie doch immerhin gemalt, und zwar von einem Maler, der lange vor ihrer Zeit gelebt hatte. Seine Nana sah man damals überall reproduziert, sie war beinahe so beliebt wie später die Sonnenblumen von Van Gogh.“413
Kurz gesagt, wenn schon Nanna beziehungsweise Veza keine Malerin ist, dann aber mindestens das Bild oder die Muse eines Malers. Exakt diese Gegebenheit nimmt Elias Canetti auf, wenn er anfangs der 90er Jahre rückblickend in einem Text über Vezas Schreiben notiert: „Sie war in allen manuellen Dingen äusserster Geschicklichkeit, sie nähte, sie schrieb, sie malte, als wäre es nichts.“414 Die Erwähnung von Schreiben in dieser seriellen Aufzählung weist wiederum auf das Bild der Muse zurück, die die Flöte in der Hand hält, jedoch mindestens auf dem Bild nicht spielt. Im Kontrast dazu steht die Erzählung Pastora von Veza Canetti. Mit der Figur der Pastora und ihrer ästhetischen Gleichsetzung mit der Nanna von Anselm Feuerbach eröffnete Veza Canetti nicht nur den sozialkritischen Diskurs um die Magd oder Kontoristin an sich, sondern damit auch den Diskurs um die Figur der Muse allgemein und den um die Nanna insbesondere.
Vollends anders als Elias Canetti werten Gürtler und Schmid-Bortenschlager hingegen die Rolle von Frauen in verschiedenen Salons der Zwischenkriegszeit. Sie schreiben entsprechend in ihrem Band Erfolg und Verfolgung bezüglich der österreichischen Schriftstellerinnen von 1918–1945: „Autorinnen nehmen ihren Platz in den Künstlerzirkeln von Wien, München oder Berlin ein (…) wo sie die traditionelle Rolle der Freundin wichtiger Männer spielen, wo ihre intellektuellen und künstlerischen Fähigkeiten aber auch Anerkennung finden.“415 Ganz so optimistisch gibt sich Veza Canetti selbst zur Szene der Salons nicht, wenn sie im Theaterstück Der Tiger nur zwei unabhängige Künstlerinnen im Salon der Opernsängerin Pasta auftreten lässt: die junge Bildhauerin Diana sowie die Tänzerin Buff. Die Gäste des Salons Spitz wie auch des Salons von Pasta, der explizit in den Worten der Autorin im Alten Wien angesiedelt ist, lassen ausserdem nicht auf einen dezidiert linken Salon oder Künstlerzirkel schliessen.
Es lassen sich zudem zwei weitere Künstlerzirkel nachweisen, in denen Veza Taubner verkehrt haben muss und die ebenfalls Affinitäten zu den Salons des Alten Wien zeigen, nämlich der Salon von Trude Schmidl-Waehner und das Künstleratelier von Carry Hauser mit der Officina Vindobonensis.
E1. Bohèmenhafter Künstlersalon Trude Schmidl-Waehner
„Als Malerin und Grafikerin richtet sich Trude Waehner Anfang der 1920er Jahre ein Atelier im Elternhaus ein, welches zum Treffpunkt für Künstler, Gelehrte, Schriftsteller und Kunsthistoriker wird. Die Kunsthistoriker Ernst Kris und Ernst H. Buschbeck, der Mathematiker Karl Menger, der Nationalökonom und Soziologe Otto Neurath, der Philosoph Karl Popper und viele andere zählen zu den ständigen Besuchern dieser Treffen.“416 Desgleichen schreibt Paul Lützeler in Hermann Broch und die Moderne: „Einen bohèmenhaften Künstlersalon in Wien führte Trude Waehner in der elterlichen Wohnung im achten Bezirk. (…) auch im New Yorker Exil gehörte sie zum Freundeskreis Brochs.“417
Trude Schmidl-Waehner (1900–1979) scheint nicht nur Hermann Broch, sondern genauso Veza Canetti gut gekannt zu haben, wie drei Briefe Veza Canettis an Trude Schmidl-Waehner im Österreichischen Literaturarchiv sowie der Einsatz von Trude Schmidl-Waehner für die Affidavits der beiden Canettis für ein Exil in den USA deutlich machen.418 Veza Canetti schreibt an Trude Schmidl-Waehner: „I always had great admiration for your vitality and acitve mind, I’m sure your book will succeed and Broch would never praise your ideas, without cause.“419
Sie fügt in diesem Brief in seltener Offenheit an, wie zunehmend kritisch sie ihre eigene Rolle im Leben gesehen haben muss: „What concerns myself, all my masts are broken, and I myself am my greatest disappointment. On your very interesting views about art (I think you are perfectly right.) I am forbidden to comment, for that is where Canetti comes in. He has for same time forsaken poetry and dedicates himself entirely to the work of his life, his Mass-Psychology …“420 Die Briefe Veza Canettis an Trude Schmidl-Waehner in New York drehen sich jedoch sonst vor allem um die Verlagsproblematik im Exil allgemein und spezifisch den Roman Die Blendung betreffend. Dies hat seinen Grund darin, wie aus einem Brief von Trude Schmidl-Waehner in Exilarchiv in Frankfurt hervorgeht, dass Elias Canetti noch im März 1938 für den österreichischen Werkbund – eingeladen von Prof. Josef Frank, Oskar Kokoschka und Trude Schmidl-Waehner – einen Vortrag über den Roman Die Blendung hätte halten sollen.421 Genaues in Bezug auf die schriftstellerischen Tätigkeiten Elias Canettis weiss Trude Schmidl-Waehner indessen nicht, auch nicht über den Inhalt des Romans Die Blendung. Sie irrt sich zudem, wenn sie meint, Elias Canetti hätte schon viele kleinere Arbeiten in Zeitschriften publiziert, da verwechselt sie ihn wohl mit Veza Canetti. Vielleicht hat dieses Vorkommnis seinen Grund darin, dass Trude Schmidl-Waehner ab 1928 an der Kunstklasse von Paul Klee in Dessau studierte. Bereits 1933 musste sie allerdings wieder nach Österreich zurückkehren, weil sie sich in Deutschland sehr kritisch gegen den Faschismus geäussert hatte.422 Womöglich wollte Schmidl-Waehner aber auch Veza Canettis Arbeiten, die in erster Linie in linken Organen veröffentlicht worden waren, gar nicht erwähnen, um ein allfälliges Affidavit für die USA nicht zu gefährden.
Der Sarkasmus in den Briefen Veza Canettis an die Freundin in Amerika – „And its about time. For to me personally something outrageous happened: – I grew old. What concerns Canetti, he is still young, though his health is poor“423 – sowie das Einbringen von Respekt und Bewunderung gegenüber dem Werk der fast gleichaltrigen Trude Schmidl-Waehner offenbaren mehr Vertrautheit zwischen den beiden Frauen, als es allein aufgrund der Briefe rund um das Affidavit für die USA zu erwarten gewesen wäre. Veza Canetti schreibt beispielsweise an Trude Schmidl-Waehner im Mai 1944: „I have a very egoistic project with you, when we meet again, I want you to portray Canetti.“424 Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind keine Kontakte zwischen den beiden Frauen bekannt. Trude Schmidl-Waehner muss in den 50er Jahren die Vereinigten Staaten verlassen haben, daraufhin auf einem Bauerngut in Frankreich und später in Venedig gelebt haben, bevor sie nach Wien zurückkehrte.425 Wohnhaus und Atelier in der Buchfeldgasse in Wien – ihr Elternhaus, das sie beim Gang ins Exil fluchtartig verlassen musste –, konnte sie nach dem Zweiten Weltkrieg nur mit langwierigen juristischen Mitteln zurückerkämpfen. Nicht vollständig geklärt ist das unrühmliche Verhalten Heimito von Doderers im Streit um das Wohnobjekt Buchfeldgasse, hatte er doch das Atelier von Trude Schmidl-Waehner zusammen mit Albert Paris Gütersloh schon 1938 bezogen, so wollte er es bei der Rückkehr von Trude Schmidl-Waehner nach Ende des Krieges vorerst nicht an die rechtmässige Besitzerin zurückgeben.426
Der Salon von Trude Schmidl-Waehner in der Zeit des Roten Wien verbindet die Welt der Künstler, Dichter mit der Welt der Wissenschaftler, wie die Gästeliste zeigt, die einerseits zwischen dem Wissenschaftstheoretiker und Soziologen Otto Neurath, dem Mathematiker Karl Menger, dem Philosophen Karl Popper sowie den Kunsthistorikern Ernst Kris, Hans Tietze, dem Architekten Josef Frank und den Dichtern Hermann Broch, Veza und Elias Canetti und weiteren changiert. Eine etwas kryptische Aufzeichnung Elias Canettis aus dem Jahr 1984, die Exilzeit in Hampstead betreffend, macht deutlich, dass dieser den Leuten des Wiener Kreises sehr kritisch gegenübergestanden ist: „Immer wieder gerät er an die Geschichte der Wiener Täter: Popper, Wittgenstein, jetzt sogar Neurath. (Dieser: ein Physiker als eine Art von Neanderthaler.)“427 Ganz unverständlich ist in dieser Reihe von Namen der Hass auf Otto Neurath, hat sich doch Veza Canetti mit dessen Felicitologie in ihrem literarischen Werk auseinandergesetzt. Otto Neurath hat sich nicht nur als Mitglied des Wiener Kreises und als einer der Verfasser der Wissenschaftlichen Weltauffassung einen Namen gemacht, sondern er gilt als Sozialist der ersten Stunde, war er de facto bereits in der Bayerischen Räterepublik tätig gewesen und hat sich danach sehr für den Austromarxismus engagiert.
Im Gegensatz zum Salon von Trude Schmidl-Waehner war der Salon Spitz mit hoher Wahrscheinlichkeit eher geprägt von der Journalisten-Zunft und von Dichtern der Wiener Moderne oder des Jung Wien.
E2. Officina Vindobonensis
Der dritte Künstlertreffpunkt oder Salon, in dem Veza Taubner schon in den 20er Jahren verkehrt haben muss, ist derjenige in der Officina vindobonensis; so wurde das Atelierhaus des Fotografen Robert Haas (1898–1997) und des Malers Carry Hauser (1895–1985) genannt.428 Nicht nur zu den Atelierfesten in der Officina Vindobonensis trafen sich ab 1925 vor allem bildende Künstler wie Fritz Wotruba, Alfred Kubin, Anton Faistauer, sondern überdies Schriftsteller wie Franz Theodor Csokor.429 Von Carry Hauser und Georg Ehrlich ist bekannt, dass sie sich wie Trude Schmidl-Waehner in der Künstlervereinigung Hagenbund engagierten. Bis 1938 druckte das Grafikatelier Officina Vindobonensis insgesamt 21 künstlerisch gestaltete Bücher wie zum Beispiel Werke von Hugo von Hofmannsthal, Ferdinand von Saar oder dem katholischen Geistlichen und Dichter Heinrich Suso Waldeck.430
Der Maler Carry Hauser hatte 1918 für Franz Theodor Csokors Die rote Strasse das Bühnenbild entworfen. Unter Umständen eine erste eindrückliche Begegnung Veza Taubners mit dem Theaterstück Csokors, dem eine sozialkritische Auseinandersetzung im Roman Die gelbe Strasse gefolgt ist. Natalie Lorenz hat in ihrer Forschungsarbeit zu Veza Canettis Roman, wie schon erwähnt, auf den ironischen Seitenhieb der Autorin auf Franz Theodor Csokor aufmerksam gemacht. Der Name Vlk, das tschechische Wort für Wolf, das die Autorin für den Kapitalisten verwendet, entspricht der Tatsache, dass sich Csokor selbst gerne als Wolf bezeichnet hat. Nathalie Lorenz geht aber noch weiter, wenn sie schreibt: „Zum einen verdeutlicht Herrn Vlks Verhalten, dass auch auf dem Gebiet des Glaubens das Geld regiert und man sich die Aufmerksamkeit der Kirche erkaufen kann. Zum anderen wird gezeigt, dass sich der Geistliche als unfähig erweist, auf die zwar absurden, aber dennoch Hilfe suchenden Fragen von Herrn Vlk einzugehen. Religion erscheint so als blosse Hülse, die den rein formalen Fragen inhaltlich nichts zu entgegnen vermag. Des Weiteren wird besonders durch die Diskrepanz zwischen dem sich bekreuzigenden Privatmann Vlk und dem in der Öffentlichkeit rücksichtslos handelnden Kapitalisten Vlk auf die Wirkungslosigkeit institutionell propagierter Nächstenliebe verwiesen.“431
Über eine ähnliche Diskrepanz zwischen dem Denken und Handeln des Dramatikers Franz Theodor Csokor schreibt Veza Canetti an Dr. Schönwiese im Jahre 1955:
„Ich habe vier Theaterstücke geschrieben und mit einer edelmütigen Empfehlung von Franz Czokor sind sie gelesen und gelobt, aber abgelehnt worden.“432 Ab dem Jahre 1947 war Franz Theodor Csokor Präsident des österreichischen P.E.N.-Clubs. Leider scheinen sich direkte Quellen zum Kontakt zwischen Veza Canetti und Franz Theodor Csokor, wie Briefe, nicht erhalten zu haben. Dieser indirekte Hinweis auf den Dramatiker weist aber darauf hin, dass Veza Canetti diesen relativ gut gekannt haben muss. Csokor ist die Figur, die bereits in frühen Netzwerken oder Freundeskreisen Veza Taubners auftaucht, wie im Asriel-Waldinger-Komplex als Freund der Dichter Ernst Waldinger und Alfred Grünewald oder im Salon der Camilla Spitz als Freund von Richard Billinger und eben im Atelierhaus Vindobonensis als Freund von Carry Hauser.
Es stellt sich natürlich nun die Frage, war Franz Theodor Csokor bekannt, dass Veza Canetti ihn und sein Werk Die rote Strasse im Roman Die gelbe Strasse sozialkritisch dekonstruiert hat, und wenn ja, was hat das für Auswirkungen auf seinen Einsatz für Veza Canetti als Dichterin gehabt? Da die Figur des Kapitalisten Vlk im Roman Die gelbe Strasse ausschliesslich in den Teilen entwickelt wird, die nicht schon als Erzählungen in den 30er Jahren publiziert worden sind, ist sehr gut möglich, dass Veza Canetti diese Figur relativ spät, beispielweise während des Exils konstruiert und in den Roman eingebaut hat. Dies wiederum könnte im Zusammenhang stehen mit dem bereits zitierten Briefausschnitt an Dr. Schönwiese, der von Veza Canetti folgendermassen weitergeführt wird: „(…) aber abgelehnt worden – Jetzt ist ein Roman fertig und ich möchte bitten: können Sie mir in Oesterreich einen Verlag empfehlen lassen, der Romane bringt, die nicht ‚für the happ few‘ sind, nicht highbrow sondern nur Unterhaltungsromane mit Niveau?“433 Dieser Sachverhalt kann nicht geprüft werden, da die Manuskript-Vorstufen zum Roman fehlen.
Wie Franz Theodor Csokor kehrte auch Carry Hauser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Exil nach Wien zurück. Der Fotograf und Grafiker Robert Haas hingegen blieb im amerikanischen Exil. Er wurde bis zu seinem Tod im Nachkriegs-Österreich weder ausgestellt noch berücksichtigt. 434 Dieses Schicksal verbindet ihn mit Veza Canetti, wie ferner die Tatsache, dass er während der Zeit des austrofaschistischen Ständestaates der Beilage des Wiener Tag, nämlich in Der Sonntag, veröffentlichen konnte. Hier veröffentlichte Veza Canetti 1937 die Erzählung Der Hellseher.435 Der Sonntag galt als letzte Publikationsmöglichkeit für viele liberale und eher linke Künstler. Die Sonntags-Beilage galt als sogenannter „liberaler Lichtschein“. 436
Robert Haas’ langjährige Wiener Freundin trägt den Namen Gusti Weiss. Von Beruf ist sie Kunstlehrerin und Fotografin, 437 der Kontakt ihrer Mutter Gertrud Weiss438 zu englischen Freunden hat dazu geführt, dass sie zusammen mit Robert Haas ins Erstexilland England ausreisen konnte. Zu Gusti Weiss, die – was Beachtung verdient – im Namen gleich zwei wichtige Reflektorfiguren aus dem Werk Veza Canettis der 30er Jahre in sich vereint, nämlich erstens den der Gusti, der aus sozialistischer Perspektive agierenden Figur, und zweitens den der Weiss, deren Name für gerechte Urteile steht.439 Ob die Kunstlehrerin Gusti Weiss in irgendeinem Zusammenhang steht mit der Gusti Weiss, die 1934 im Franz-Schneider-Verlag das Kinderbuch Im Mittelpunkt Renate440 veröffentlicht hat, ist schwer nachzuweisen. Das Buch ist geschmückt mit ungefähr zehn gezeichneten Illustrationen. Falls tatsächlich die Wiener Kunstlehrerin Gusti Weiss als Autorin oder Zeichnerin des Buches in Betracht kommt, bringt das unter Umständen Veza Canetti mit einem Ghostwriting für die Textpassagen oder einem allfälligen Lektorat ins Spiel. Die Verwendung von viel direkter Rede spricht dafür, der Handlungsort Deutschland eher nicht. Im Zentrum des Geschehens in dieser Geschichte, einem Entwicklungsroman im weitesten Sinne, steht ein Lotto-Gewinn, mit dem Renate versucht, das Geldproblem in ihrer Familie zu lösen. Eine wichtige Figur für Renate ist ihre Tante Hedwig, diese schenkt ihr ein Tagebuch. Akkurat in diesem Tagebuch aber hat Renate ihr Los versteckt und es leider sofort wieder vergessen, sodass sie den Gewinn nicht einlösen kann. Im letzten Moment findet Renate, als sie ihr Ungemach dem Tagebuch anvertrauen will, auch das Los wieder: „Sie setzt sich bequem hin, taucht die Feder ein und öffnet das liebe gute Tagebuch. Und da – Reni stösst einen leisen Schrei aus – da liegt das verlorene Los. Da liegt es glatt und bunt zwischen den letzten beschriebenen Seiten.“441 Nicht nur damit, dass Reni nun mit ihrer Mutter eine Reise antreten kann, wird ihr Glück perfektioniert, sondern es kehrt zudem noch der seit einigen Jahren verschollene Vater zurück. Aus dem Briefwechsel von Veza Canetti mit Ernst Schönwiese geht hervor, dass Hedwig für Veza Canetti ein besonderer Name ist. „(…) lieber Geschichten über Hausfrauen schreiben, besonders wenn sie den schönen Namen Hedwig haben (…)“442
Die Bedienerin mit dem Namen Hedwig, genau Hedwig Adenberger, spielt in zwei Erzählungen Veza Canettis aus den 30er Jahren eine Rolle, allerdings auf den ersten Blick nur am Rande des Geschehens, erstens in der Erzählung Ein Kind rollt Gold und zweitens in der Erzählung Der Zwinger. Sie ist die Mutter des Kindes, das Gold rollt, nämlich der Hedi – wahrscheinlich eine Kurzform von Hedwig –, viel mehr ist über ihre Lebensumstände nicht bekannt mit Ausnahme davon, dass sie so nett war, den Hund Grimm ihres verstorbenen ehemaligen Arbeitgebers, eines Sprachforschers, aufzunehmen, weil niemand ihn haben wollte; „so ein grosses Tier frisst und kostet viel“443. Exakt dieses Tier lernt von ihrer Tochter, der Hedi, also der kleinen Hedwig, Essen fair zu teilen. In der Erzählung Der Zwinger tritt Hedwig Adenberger hingegen nur in einem Nebensatz als Geberin der Groschen auf, die Hedi gerne an das Anstaltskind Helli spendet. Beide Erzählungen wurden für den Roman Die Gelbe Strasse verwendet, das heisst in dessen Kapitel Der Zwinger eingearbeitet. Mit der Erzählung Ein Kind rollt Gold hatte Veza Taubner 1933 den zweiten Preis beim Preisausschreiben der Arbeiter-Zeitung gewonnen. Den Namen Adenberger trägt auch eine zweite Figur im Erzählkosmos Veza Canettis in den 30er Jahren. Es ist das Dienstmädchen Emma Adenberger, sie ist die Schwester Hedwigs. In der Erzählung Der Kanal und im gleichnamigen Kapitel im Roman Die gelbe Strasse wird sie von der Dienstbotenvermittlung fast zu einer Prostituierten gemacht. In der Erzählung Der Fund – die nicht Eingang in Die gelbe Strasse gefunden hat – wird sie von einem Arzt, in den sie sich verliebt hat, schnöde zurückgewiesen, dafür verliebt sich der Dichter Tell in sie. In beiden Erzählungen wird Emma Adenberger von ihrer Schwester, der Bedienerin Hedwig, getröstet. Diese wie ihre gleichnamige Tochter Hedi sind in ihrer pragmatisch helfenden Art wahrscheinlich die einzigen Figuren in den Erzählungen der 30er Jahre, die ohne Schattenseiten gezeigt werden.
Intertextuell passen die Figur der Tante Hedwig im Kinderbuch Im Mittelpunkt Renate und die Figur der Hedwig Adenberger in verschiedenen Erzählungen Veza Canettis sehr gut zusammen; als Beweis dafür, dass Veza Canetti dieses Kinderbuch beispielweise zusammen mit Gusti Weiss verfasst hat, genügt das aber wohl nicht.
Immerhin notiert der Holocaust-Überlebende H. G. Adler in seinem autobiografisch konnotierten Band Die Wand bezüglich der Autorin Inge Bergmann, die unschwer als Veza Canetti zu erkennen ist: „Einmal verlebten wir mit ihm (Elias Canetti alias Oswald Bergmann, Anm. va) einen Sommer im Süden, da schloss sich uns auch Inge an, ein geistreich glitzerndes Geschöpf, zierlich und schön; sie mochte uns, wir mochten sie und konnten endlos miteinander plaudern. Sie schrieb kurze Landschaftsgedichte, herbe und mitunter etwas spröde Gebilde, auf die sie viel hielt, mehr als auf ihre knappen phantastischen Erzählungen, in denen die unerbittliche Führung der Handlung mit sprunghaft launischen Einfällen wetteiferte, alles in straffen verhaltenen Sätzen. Liebenswürdig spannend waren ihre Kinderbücher, mit denen sie gerade so viel verdiente, um bescheiden leben und Oswald, den oft Geldnöte plagten, kleinere Beträge zustecken zu können. Jene Sommerreise, zwei Jahre vor Kriegsbeginn, beendete aber leider nicht nur unsere kurze Verbindung mit Inge, sondern auch mit Oswald. Beide schrieben uns kaum mehr, und dann hörten wir, dass sie glücklich ins Ausland entkommen waren.“444
Welche der Gesellschaften Elias Canetti gemeint hat, wenn er in den Unpublizierten Lebenserinnerungen schreibt: „Sie war manchmal in Gesellschaften eingeladen, wo sie Künstler der unterschiedlichsten Art traf“445, ist bei der unsicheren Quellenlage nicht abschliessend zu bestimmen. Ins Auge gefasst werden könnte diesbezüglich der Besuch des Salons der Alma Mahler. Nicht nur, weil Elias Canetti Franz Werfel schon zu Beginn seines Wienaufenthaltes Mitte der 20er Jahre gekannt haben muss, wie Sven Hanuschek, aus Entwürfen Elias Canettis zitierend, angibt,446 sondern weil der Mix aus Musikern, Literaten und Künstlern im Theaterstück Der Tiger explizit auch auf den Salon der Alma Mahler zutrifft.
Die ganze Einschätzung dieser Kontakte Veza Canettis, was die Zeit vor ihrer Beziehung mit Elias Canetti in Wien betrifft, wird durch Kommentare überlagert, in denen von verschiedenen Biografen, Rezensenten und weiteren – insbesondere mit Hochkonjunktur in der Zeit nach dem Gewinn des Nobelpreises durch Elias Canetti 1981 – immer wieder darauf hingewiesen wird, welche Wiener Autoren, Autorinnen oder Künstler und Künstlerinnen auch noch Bekannte Elias Canettis gewesen seien. Erst ab Mitte der 90er Jahre und nach der Publikation der Texte Veza Canettis wurden die beiden zunehmend gemeinsam im Zusammenhang mit Künstlern und Autoren der Zwischenkriegszeit genannt. Viele Reaktionen hatte es auf die Publizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis gegeben, wo er sehr ausführlich die sich für ihn nach und nach neu ergebenden Bekanntschaften mit berühmten Wiener Grössen beschreibt. Einige in den späten 80er und den 90er Jahren noch lebende Zeitzeugen – vor allem Frauen wie Hilde Spiel und Anna Mahler – haben schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass alles anders gewesen sei als durch Elias Canetti beschrieben. Hilde Spiel äussert sich in einem Interview im Jahr 1990 darüber, wie Veza Canetti anfangs 30er Jahre in den Literatenkreisen Wiens eingeschätzt wurde, mit folgenden Worten: „Sie galt als brillantes Talent.“447 Dem entspricht auch, was Herta Blaukopf im Sammelband – Anna Mahler. Ich bin in mir selbst zu Hause – aus einem Brief Anna Mahlers zitierend zusammenfassend schreibt: „Den ersten Teil der Lebenserinnerungen (Die gerettete Zunge) hatte sie (Anna Mahler, Anm. va) gelten lassen, aber bereits vom zweiten Band (Die Fackel im Ohr) gemeint, er hätte ‚gar keinen Charakter‘, nicht zuletzt weil Canettis Frau Veza, mit der Anna befreundet gewesen war, darin ‚unkenntlich‘ sei. Auch er selbst, der Canetti der 1930er Jahre, sei ganz anders gewesen, als er sich selbst darstellte: ‚Wie ich ihn in Wien kannte, voller Gift, Hass und Neid (gegen Erfolgreichere), war er viel interessanter.‘“448
E3. Salon der Alma Mahler
In den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis gibt es keinen Hinweis darauf, dass Veza Taubner schon früh – vor 1924 – den Salon der Alma Mahler besucht haben könnte. Mehrere Indizien weisen indessen darauf hin, dass die Autorin in ihrer Jugendzeit – somit vor oder während des Ersten Weltkriegs – in Kontakt mit den Kreisen um Alma Mahler gekommen sein muss, nicht nur über den Bruno-Walter-Chor und die da aktiven Schwestern Levy (Alice Asriel und Tony Wely) sowie Hans Asriel und Fredl Waldinger.
Eine ganz besondere Beziehung muss Veza Canetti zum dritten Ehemann von Alma Mahler, Franz Werfel, gehabt haben. Werfel ist einer der Menschen, die Elias Canetti explizit hasst. Wie oft bei Hass-Objekten des Dichters stehen diese in einer besonderen Beziehung zu Veza Canetti. Ein Grund für den Hass kann aber auch einfach der Neid auf den sehr erfolgreichen und ungleich berühmteren Franz Werfel gewesen sein, der spätestens seit 1924 mit dem Roman Verdi in der breiteren Öffentlichkeit rezipiert wurde.
Ausführlich zu seinen Aversionen gegenüber Franz Werfel äussert sich Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen:
„Überhaupt war jener Anfang des Jahres 1934 an Demütigungen reich: Da war der Zusammenbruch des Roten Wien, mir selbst und auch Veza der furchtbarste Schlag; es ist seither nichts mehr in der Welt so gegangen, wie man es sich gewünscht hat. Dann war die Vorlesung der Komödie bei Anna. Broch und Werfel waren anwesend. Anna war beiden zugetan, damals begann ihre Liebesgeschichte mit Broch, die genau so kurz dauerte wie die mit mir. Die Vorlesung verwendete sie dazu, um Broch anzusehen und zu erregen. Sie hörte kaum zu und ihre Abwesenheit teilte sich auch Broch mit. Werfel wurde durch die Komödie an Karl Kraus erinnert und reagierte mit äusserster Feindseligkeit. Das Resultat war ein Fiasko, wie man es sich ärger nicht vorstellen kann. Ich hatte alle meine Hoffnungen an die Komödie gehängt. Nichts von mir war geglückt und nichts war aufgeführt. Manche Menschen in Wien kannten mich und hielten viel von mir. Aber ich war 29 und keines der drei Werke, die zählten, lag der Öffentlichkeit vor. Werfel, der nicht einmal bis zum Ende der Vorlesung blieb, fuhr mich an: ‚So lassen Sie doch die Finger davon!‘ Dann ging er und ich musste weiterlesen. Es waren seine Freunde, in deren Haus ich las, sein Urteil war für sie massgebend. Wenn ich je einen Schock in meinem Leben bekommen habe, so war es damals. Werfels Absicht war, mich an weiterem Schreiben zu verhindern, und ich denke mit Entsetzen, dass er seine Absicht erreicht hat. Ich habe seit jenen Tagen kein dichterisches Werk mehr unternommen. Über 15 Jahre sind vergangen, und ich hatte in den Grinzinger und Amershamer Jahren Zeit und Musse für ein ganzes Oeuvre. An Einfällen fehlte es mir nie; aber es war etwas wie ein ungeheuerliches Schreibverbot in mir wirksam, und ich suchte nach anderen Menschen, die statt meiner schrieben, für diese Katastrophe war Anna verantwortlich und ich habe mich viel später in England auf eine schreckliche Weise an ihr gerächt.“449 Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der Hass auf Franz Werfel schon viel früher begonnen, Sven Hanuschek notiert, indem er sich auf jugendliche Entwürfe von Elias Canetti aus der Zeit vor 1928 stützt: „Und er muss sehr früh schon Franz Werfel kennengelernt haben, lange vor der Verbindung mit seiner Stieftochter Anna Mahler; Canetti scheint von Anfang an mit ihm im Dissens gelebt zu haben. In den frühen Entwürfen findet sich eine ästhetische Debatte mit Werfel, der ihm ‚Dialog-Übungen‘ empfohlen hatte: ‚Dialogübungen, Monologe sind so langweilig wie Predigten, weil sie sich faktisch doch immer an den zweiten richten, der hört oder liest.‘ Und Werfel muss ihm die Devise vorgeschlagen haben: ‚Lächeln – Ahnen – Schreiben!‘ Canettis Gegenvorschlag lautet: ‚Grüssen – Spucken – Glotzen, das sind wir, nicht obiges, verdammter überschwänglicher Priesterschmock Werfel.‘“450 Da keine weitere explizite Quelle darüber Auskunft gibt, wie der Chemiestudent Elias Canetti zu einem Schüler-Lehrer-Verhältnis mit Franz Werfel kam, kann darüber spekuliert werden, wie es zur Bekanntschaft gekommen sein könnte. Ins Auge zu fassen ist erstens die Bekanntschaft von Veza Taubner und Franz Werfel über das Publizieren, Lektorieren und Übersetzen im Zsolnay-Verlag. Zweitens könnte Franz Werfel auch den Salon von Camilla Spitz besucht haben, zumal er mit Hugo von Hofmannsthal befreundet gewesen war. Drittens ergibt sich eine Spur über Ernst Polak, einen guten Freund Franz Werfels aus der Zeit des Literaten-Cafés Arco451 in Prag. Ernst Polak ereilt in den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis ein ähnliches Schicksal wie Werfel selbst. Als explizites Hassobjekt findet Ernst Polak allerdings nur Eingang in die Unpublizierten Lebenserinnerungen.
Am ergiebigsten ist die vierte Spur: In der publizierten Lebenserinnerung Das Augenspiel und darin im Kapitel zum Künstlertreffpunkt bei Anna Mahler mit dem Titel Operngasse fügt Elias Canetti einen Rückblick auf eine Gesellschaft auf der Hohen Warte im Hause von Alma Mahler ein.
„Er (Franz Werfel, Anm. va) hatte sogar die Menschenliebe, mich zu fragen, wie es mir geht und brachte dann gleich das Gespräch auf Veza, deren Schönheit er bewunderte. Bei einer der Gesellschaften auf der Hohen Warte war er vor ihr niedergekniet und hatte leiblich eine Liebesarie gesungen, immer auf einem Knie, bis zu Ende, und stand erst auf, als er sich sagen konnte, dass ihre Darbietung ihm so gut gelungen war wie einem professionellen Tenor, er hatte eine gute Stimme. Er verglich Veza mit der Rowena, der berühmten Schauspielerin der Habimah, die auch in Wien die Hauptrolle der Besessenen im ‚Dybuk‘ gespielt hatte, alle waren von ihr hingerissen gewesen.“452
Die Handlung des jüdischen Theaterstückes Der Dibbuk von Salomon An-Ski lässt sich folgendermassen zusammenfassen. Der Vater von Lea verspricht seine Tochter einem anderen als dem von ihr gewünschten und geliebten Mann; dieser bricht in seinem Unglück daraufhin tot zusammen. Anlässlich der Hochzeit von Lea mit dem von den Eltern geplanten Bräutigam fährt ein Toter in Lea ein und sie erscheint beim Öffnen des Schleiers durch den Ehemann als Mann. Mit Rowena ist die Schauspielerin Hanna Rovina gemeint, die als Lea bei der Aufführung in hebräischer Sprache grosse Erfolge feierte. Aufführungen dieses Stückes von Salomon An-Ski mit Hanna Rovina in der Rolle der Lea waren nach grossen Erfolgen in Moskau zwischen 1922 und 1926 auch auf einer Europatournee zu sehen. Belegt ist ein Gastspiel in Wien mit Hanna Rovina im Jahr 1926.453 Die Truppe liess sich 1928 in Israel nieder.454
Alma Mahler lebte zusammen mit Franz Werfel erst ab 1931 auf der Hohen Warte, zuvor wohnte sie ab 1914 äusserst zentral an der Elisabethstrasse 22. Interessant in Bezug auf Veza Taubner und Alma Mahler, geborene Schindler, ist die wohnliche Nähe von Alexander Zemlinsky.
Alma Mahler war ab 1901 Schülerin und Geliebte von Alexander Zemlinsky,455 der an der Oberen Weissgerberstrasse 16 (Lehmann’s Adressbuch) wohnte. Alma Schindler und Alexander Zemlinsky haben sich also in unmittelbarer Nähe des Radetzkyplatzes bewegt, der – wie thematisiert – als Zentrum des Familienkosmos der Calderons angesehen werden kann. Alexander Zemlinsky wohnte sogar gerade gegenüber von Vezas Onkel Morris J. Calderon an der Oberen Weissgerbergasse. Mit Ausnahme des Chors von Bruno Walter (im Zusammenhang mit dem Hause Asriel und Fredl Waldinger) gibt es keine Hinweise darauf, dass Veza Taubner bereits in ihrer Kindheit Alma Mahler kennengelernt haben könnte. Für eine Bekanntschaft mit Franz Werfel, der seit 1917 in Wien lebte und ab 1919 mit Alma Mahler befreundet war und vor dem Krieg als Lektor im Kurt Wolff Verlag Leipzig amtete, wo er auch seine ersten Werke verlegte, spricht einiges mehr. Dies, obwohl Werfel mit Karl Kraus schon vor dem Ersten Weltkrieg verfeindet war.456 Ursprünglich war Franz Werfel von Karl Kraus gefördert worden, erste Gedichte vom ganz jungen Lyriker wurden schon im Jahre 1911 in der Fackel publiziert.457
Eine weitere Spur zu einer frühen Bekanntschaft von Veza Taubner und Franz Werfel ist, dass dieser mit Rainer Maria Rilke befreundet gewesen war und dass Elias Canetti in den Publizierten und Unpublizierten Lebenserinnerungen von dieser todessehnsüchtigen Rilke-Anhängerin auf der Raxalpe spricht, von der er Veza Taubner nur mit einem Ultimatum wegreissen konnte. Die Werfel-Rovena-Geschichte könnte erstens darauf hinweisen, dass Veza Taubner womöglich jemand Liebes weggestorben sein könnte, allenfalls ein Freund aus der Zeit vor Elias Canetti – wie in der Dibbuk-Geschichte –; zweitens könnte Franz Werfel einfach nur so etwas wie ein alter Verbündeter Veza Taubners gewesen sein, hatte er sich doch im Jahr 1918 tagespolitisch aktiv für den Sozialismus in Wien eingesetzt und müsste darum ein offenes Ohr für die sozialkritischen Anliegen Veza Taubners gehabt haben.458 „Die österreichische Presse beschuldigte die Mitglieder der Roten Garde, die blutigen Zwischenfälle angezettelt zu haben, verurteilte insbesondere deren Anführer Egon Erwin Kisch als verantwortungslosen Abenteurer, brachte aber auch Franz Werfel in direkten Zusammenhang mit den Geschehnissen.“459
Breitenstein am Semmering, der Sommerwohnsitz von Alma Mahler, und der von Elias Canetti erwähnte Knappenhof auf der Raxalpe befinden sich beide in der Nähe von Reichenbach; ob das in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, kann nicht abschliessend beurteilt werden.
Es gibt mehrere auffällige Parallelen zwischen dem Ehepaar Werfel-Mahler und dem Ehepaar Canetti-Taubner. Beide Frauen sind plus/minus ein Jahrzehnt älter als ihre Männer, beide Frauen sind in Wien aufgewachsen und eng vertraut mit der Kulturszene, beide Männer gehen, kaum ansässig in Wien – Franz Werfel 1917 und Elias Canetti 1924 –, eine Liebesbeziehung mit ebendiesen Wienerinnen, Alma Mahler beziehungsweise Veza Taubner, ein. Beide Ehen werden erst nach ungefähr zehn Jahren Liebesbeziehung geschlossen – 1929 respektive1934. Beiden Ehen wird nachgesagt, dass sie nach der Heirat erkaltet seien. Beide Frauen setzen sich sehr für das dichterische Werk ihrer Männer ein und pflegen intensive Beziehungen zu kulturellen Kreisen nicht nur in Wien, sondern später auch im Exil. Beide Ehepaare verlassen die langjährigen Wohnungen in der Innenstadt und ziehen in die vorstädtische Hügellandschaft: Werfel-Mahlers 1931460 auf die Hohe Warte, Steinfeldgasse 2 in Döbling (Villa Ast, erbaut von Josef Hoffmann 1911), und die Canetti-Taubners 1935 an die Himmelstrasse 30 in Grinzing. Beide Ehepaare werden durch den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland 1938 gezwungen ins Exil zu gehen, das Ehepaar Mahler-Werfel landet in New York und das Ehepaar Canetti-Taubner in London.
Im Gegensatz zu Elias Canetti hat sich Franz Werfel bereits in der Zwischenkriegszeit zum Bestseller-Autor entwickelt, er stirbt 1945 mit nur 55 Jahren an einem Herzinfarkt. Elias Canetti hingegen feiert seine grossen Erfolge verzögert durch den Zweiten Weltkrieg erst ab den 70er Jahren und stirbt 1994 hochbetagt im Alter von 89 Jahren. Alma Mahler überlebt nicht nur ihren Mann um fast 20 Jahre, sondern obendrein die um 18 Jahre jüngere Veza Canetti um anderthalb Jahre. Ob sich Franz Werfel für die künstlerische Seite von Alma Mahler, das Komponieren, eingesetzt hat, musiziert hat man auf jeden Fall zusammen, ist unbekannt. Bekannt ist hingegen, dass Alma Mahler sich mindestens in der Anfangsphase ihrer Beziehung beratend mit der Dichtkunst ihres Mannes auseinandergesetzt haben muss. Die gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit zwischen Veza und Elias Canetti ist ein sehr weites Feld und harrt einer detaillierten Untersuchung.
Trotz diesen doch erstaunlich vielen Parallelen zwischen den beiden Ehepaaren ist eine nähere Bekanntschaft, ja Freundschaft zwischen den beiden Frauen nicht zu belegen, es scheint sogar so, dass Veza Taubner vor allem Franz Werfel gut gekannt haben muss. Politisch stand sie diesem bestimmt näher als den Ideen Alma Mahlers, die trotz des jüdischen Ehemannes nicht nur am Judenhass festhielt, sondern auch am austrofaschistischen Ständestaat. „Im Salon Alma Mahler-Werfels scheuen sich Ödön von Horvath, Franz Theodor Csokor, und Carl Zuckmayer nicht, mit den Regierungsmitgliedern des Ständestaates und den fragwürdigen Kulturpolitikern der ‚Vaterländischen Front‘ zusammenzutreffen.“461
F. Angelpunkt Vorlesung Karl Kraus
Gut dokumentiert durch die Publizierten Lebenserinnerungen von Elias Canetti ist Veza Taubners Besuch der Vorlesungen von Karl Kraus für das Jahr 1924, sie muss aber schon längere Zeit zu den Zuhörern gehört haben. Genaueres ist dazu leider nicht bekannt. „Sie war wie ich von Karl Kraus gefangen, wir gingen zusammen in seine Vorlesungen, und las, im Gegensatz zu mir, der ich sehr fanatisch war, ruhig ihren Heine weiter. Sie war überhaupt nicht zu beeinflussen.“462 Elias Canetti scheint hingegen weit ins Exil hinein der Welt Karl Kraus’ verhaftet geblieben zu sein, wie verschiedene unpublizierte Aufzeichnungen offenbaren. Gut zu belegen sind im literarischen Werk von Veza Canetti hingegen intertextuelle Bezüge zu Karl Kraus’ Werk, beispielsweise die Themen das Kreuzsymbol oder die Musik als Diskussionsform unter anderen.
Dagmar Lorenz schreibt: „Veza Canetti was closely associated with Kraus and his circles.“463 Da fast alle Wiener Dichter, Künstler, Journalisten in irgendeiner Phase ihres Lebens oder regelmässig Karl Kraus’ Fackel gelesen haben oder seine Vorlesungen besuchten, ist akkurat dies, eine intensivere Freundschaft mit Karl Kraus, vorerst mit keiner konkreten Quelle zu belegen. Alle Indizien weisen eher darauf hin, dass Veza Taubner nicht zum engeren Freundeskreis um Karl Kraus gehört haben muss, ganz auszuschliessen ist dies indessen nicht. Bestimmt haben jedoch die Vorlesungen Karl Kraus’ für Veza Canetti – wie für sämtliche Intellektuellen Wiens – als Katalysator zum Kennenlernen von neuen interessanten Leuten aus den Bereichen Kultur und Politik gewirkt. Bei Elias Canetti werden allerdings nur Hans Asriel und Hermann Broch explizit erwähnt.
„Die Wildheit in Vezas Geschichten, das was sie heute so erstaunlich macht, kommt natürlich von Karl Kraus. Dasselbe, wenn auch auf etwas andere Weise, geschah mit mir. Soweit wir als Schreibende verwandt erscheinen, ist das durch den gemeinsamen Ursprung zu erklären. In einer Vorlesung von Karl Kraus haben wir uns kennen gelernt und sind sehr lange darin geblieben.“464 Wie bereits in Veza Canetti im Kontext des Austromarxismus erläutert, kann der Einfluss Karl Kraus’ auf die literarischen Darstellungsmethoden von Veza Canetti auf komplett verschiedenen Ebenen und in divergenten Perspektiven gezeigt werden. Beispielsweise gehen Veza Canettis viel angewandtes „Ausreden lassen“ oder die „fremde Wortmanier als Perspektive und Position“ auf Karl Kraus zurück und damit indirekt sogar auf Johann Nestroy.465 Weiter sind „Polyphonie“, „Montagetechnik“ und „Totalität“466 sowie Methodik der „Absolut-Satire“ im Spannungsbereich der „Zitatenmontage“467 bei Veza Canetti im Zusammenhang mit dem Werk von Karl Kraus zu sehen. Die Autorin hat sich ausserdem mit aus heutiger Perspektive ziemlich speziellen Ideen von Karl Kraus auseinandergesetzt, beispielsweise der „Operette oder die finale Struktur von Kunst“, wie das anhand des Theaterstückes Der Tiger nachgewiesen werden kann.468 Veza Canetti lässt im Theaterstück Der Palankin nicht nur Pasta, die Sängerin und Saloniere, die Operettenmethodik des Diskurses wie von Karl Kraus als Theorie eingebracht anwenden, sondern lässt in der Tat kurz vor dem Höhepunkt dieses Geschehens den Bildhauer Holle ein Originalzitat von Karl Kraus in die Diskussion unter den Künstlern einwerfen: „Wart Frieda Schanz, nennst noch einmal statt B ö c k lin Böck l i n du mich, dann nehm ich ein Stöcklin und heb dir auf dein Dichterunterröcklin …“ Der angefangene Satz wird daraufhin vom Dichter Tell mit den Worten beendet: „Ich heisse nicht Böck l i n, ich heisse B ö c klin.“ (DF 118)469
Dieser eher satirischen Auseinandersetzung mit Karl Kraus stehen aber auch ernstere Themen gegenüber, wenn Veza Canetti zum Beispiel im Drama Der Oger oder dem gleichnamigen Kapitel im Roman Die gelbe Strasse elementare Auseinandersetzungsstrategien aus dem mit viel Aufwand in der Fackel besprochenen Ehebruchprozess P aufnimmt.470 Zudem kann gezeigt werden, dass Veza Canetti die Fotografie mit dem gekreuzigten Jesus, dem das Kreuz von einer Granate weggesprengt worden war, die Karl Kraus gleich mehrfach abgebildet und besprochen hatte, als Ausgangspunkt für eine neu zu denkende Ethik und einen damit einhergehenden Menschenrechtsdiskurs verwendet hat.471 In der intertextuellen Aufnahme dieser etwas speziellen Kreuzmetaphorik Karl Kraus’ zieht Veza Canetti mit Hermann Broch gleich.
ZWISCHEN: Pseudonym – oder die Gefangene der eigenen Identität
Ein weites Feld für Spekulationen ergibt die Tatsache, dass Veza Canetti zu Lebzeiten nur Texte unter Pseudonym veröffentlicht hat. Einerseits kann damit argumentiert werden, dass viele Autoren und Autorinnen der Zwischenkriegszeit unter Pseudonym publiziert haben, gerade auch Frauen. Andererseits eröffnet sich genau an diesem Punkt ein zweites, gesellschaftspolitisch gesehen noch weiteres Feld für Spekulationen. Im Falle von Veza Canetti sind bis heute keine Briefschaften, Manuskripte, Notizen und weiteres, mit Ausnahme von Ausweis und Zeugnis, bekannt, die den Namen Veza oder Venetiana Taubner tragen. Ob das bei Veza Canetti-Taubner etwas mit dem Gefühl, der Gefangene der eigenen Identität zu sein, zu tun hat, wie es Dieter Thomä dem Philosophen Michel Foucault zuschreibt, ist gut möglich. „Wenn Foucault sich der Neugier seiner Gesprächspartner widersetzt, so tut er dies nicht, weil ihm jene Präsenz prinzipiell fremd wäre, sondern deshalb, wie er mit der Art der Präsenz, die ihm zugemutet wird, nicht einverstanden ist. Daher rührt auch seine Zurückweisung eines ‚Ich‘, das sich gewissermassen in dieser Präsenz festsetzt und sie auf Dauer stellt. In wunderbarer Zuspitzung tritt diese Abwehr des Gefühls, ‚der Gefangene (…) der eigenen Identität‘ zu sein, in einem Ausspruch aus dem Jahr 1975 heraus: ‚Ich bin mit meinem Leben glücklich, nicht so sehr mit mir selbst.‘“472
Bereits vor der Heirat mit Elias Canetti hat Veza Taubner sich in einem Brief an Hermann Kesten als Veza Magd-Canetti bezeichnet und ihre Adresse in der Ferdinandstrasse 29 auch mit diesem Namen angegeben. Nach der Heirat und im Exil hingegen wird sie durchwegs ihren offiziellen Namen Veza oder Venetiana Canetti verwenden und erst 1951473 damit beginnen, als Absender/Briefkopf Veza J. Canetti zu notieren. Das J. zwischen Vor- und Nachnamen wurde von der literaturwissenschaftlichen Forschung als Kürzel für Jüdin angesehen. Es sind indessen verschiedene Lesarten dieses Sachverhalts erwägenswert. Zum Beispiel werden die Söhne des Grossvaters von Veza Taubner immer mit einem J. zwischen Namen und Vornamen angegeben, was heisst, dass sie die Söhne von Josef M. Calderon sind, für die Töchter wird dieses Kürzel nicht verwendet. Im Gegensatz zum Absender bleibt die Unterschrift unter den Briefen, ob mit Maschine oder handschriftlich, aber stets Veza Canetti, Veza, Venetiana oder Venetiana Canetti. Erst am 3. März 1963 – also wenige Wochen vor dem Tod – ändert sich dies und Veza Canetti unterschreibt einen Brief an Dr. Suchy mit (Mrs) V. J. Canetti.474
Dazu passt gut, dass Elias Canetti, sich selber oder jemand anderen in den Unpublizierten Lebenserinnerungen unter dem Stichtag „Wien, September 1929“ zitierend, notiert: „‚Eine Geschichte schreiben: Ich auseinandergespalten in fünf, sechs Figuren. Sie muss in eine groteske Gemeinschaft dieser fünf, sechs münden, um zu beweisen, wie lächerlich die weitverbreitete Fiktion von der Einheit der Persönlichkeit ist.‘“475
In Die Fackel im Ohr erläutert Elias Canetti, Veza sei der Meinung gewesen, seine Mutter schreibe und publiziere heimlich unter einem Pseudonym. „‚Sie hält uns alle für Schwätzer. Mit Recht. Wir bewundern die grossen Bücher und reden nur immer davon. Sie macht sie und verachtet uns alle so sehr, dass sie zu niemandem davon spricht. Einmal werden wir’s erfahren, unter welchem Pseudonym sie veröffentlicht. Dann werden wir uns schön schämen, dass wir’s nie gemerkt haben.‘“476 Mit Bestimmtheit trifft das, was Elias Canetti Veza über seine Mutter sagen lässt, aus heutiger Perspektive für das Schreiben von Veza Canetti selbst zu. Nicht nur hinsichtlich ihres Publizierens unter Pseudonym seit 1932, sondern auch in Bezug auf die erfolgreichen – wie Elias Canetti sie nennt –, jedoch heute unbekannten Publikationen davor. Aber auch der zweite Teil dieser kurzen oben zitierten Passage in Die Fackel im Ohr hat es bezüglich der Parallele zu Veza Canetti in sich, wenn Elias Canetti den Dialog mit Veza folgendermassen wiedergibt: „Ich blieb dabei, dass das unmöglich sei, ich müsste es bemerken, wenn sie schreibe. ‚Sie tut es nur, wenn sie allein ist. In den Sanatoriumszeiten, wenn sie sich von euch zurückzieht. Sie ist dann nicht wirklich krank. Sie verschafft sich bloss Ruhe zum Schreiben. Sie werden noch einmal staunen, wenn Sie die Bücher Ihrer Mutter lesen!‘“ Gleich mehrfach erwähnt Elias Canetti in den Unpublizierten Lebenserinnerungen, dass Veza in schweren Zeiten von ihrer Familie zur Erholung auf die Raxalpe, das heisst auf den Knappenhof (nomen est omen), geschickt wurde. „Ihre Mutter pflegte sie von Zeit zu Zeit hinzuschicken, wenn die Atmosphäre in der Wiener Wohnung so gespannt war, dass sie für ihr seelisches Gleichgewicht fürchtete. Sie blieb vielleicht eine Woche, selten länger: im Frühling war das Erste, was sie unternahm, ein Besuch auf dem Knappenhof, im Herbst war es das Letzte.“477
Veza Canetti selbst begründet ihre Pseudonymwahl mit dem etwas bärbeissigen Feuilletonredakteur Dr. König: „(…) schrieb in Wien für die Arbeiter Zeitung unter drei Pseudonymen, weil der sehr liebe Dr. König, der wieder eingesetzt ist, mir bärbeissig klarmachte‚ ‚bei dem latenten Antisemitismus kann man von einer Jüdin nicht so viele Geschichten und Romane bringen, und Ihre sind leider die besten‘.“478
Z1. Das Pseudonym Veza Magd
Das Pseudonym Veza Magd ist insofern speziell, da nur der Nachname von Veza Taubner ausgewechselt wurde. Es ist zudem das einzige Pseudonym, das erstens, soweit bekannt, privat479 verwendet wurde, zweitens auch für Publikationen im austrofaschistischen Ständestaat eingesetzt sowie drittens nach dem Zweiten Weltkrieg für die Übersetzung des Romans Die Kraft und Herrlichkeit von Graham Greene im Jahre 1947 ein weiteres Mal seine Dienste tat. Wie bereits von diversen Literaturwissenschaftlern angemerkt, ist Magd für Veza Canetti nicht einfach ein Pseudonym, sondern kann in mehrfachen Bezug gesetzt werden zur Vorliebe der Autorin für Geschichten über Dienstmädchen und Unterschichtsfrauen ganz allgemein. In diesen Geschichten schreibt Veza Canetti über die Schwächen der Dienstmädchen selbst, aber auch über das gesellschaftliche System, das den Dienstbotinnen wenig Raum für eine Verbesserung ihrer Lebenssituation lässt. Veza Canetti ordnet sich damit in den zeittypischen Diskurs von Herrschaft und Knechtschaft480 ein, ihr Standpunkt ist ein dezidiert sozialistischer oder eben austromarxistischer.481 Sehr viel wurde darüber spekuliert, was der Name Magd für Veza Taubner selbst bedeutet haben könnte. Retrospektiv wurde dieses Pseudonym stets als ein Hinweis darauf verstanden, dass sich Veza Canetti als dienende Magd von Elias Canetti gesehen haben muss. Dieser Blick der Rezensenten auf das Pseudonym Magd wurde erzeugt durch den Ruhm, den Elias Canetti erst nach dem Tod von Veza Canetti erlangte, und insbesondere auch mit dem Seitenblick auf den Nobelpreisträger von 1981. Magd als Pseudonym wurde aber von Veza gewählt, als sie noch Taubner hiess und Elias Canetti gerade sein Studium der Chemie abgeschlossen hatte und sich mit Übersetzungen aus dem Englischen versuchte über Wasser zu halten. Veza Taubner hat also nicht den Namen Canetti durch Magd ersetzt, sondern Taubner. Erst der Blick auf die anderen Pseudonyme Veza Canettis offenbart, dass die Autorin mit der gezielten Wahl auch noch weiterführende soziale Codes gesetzt hat.
Z2. Die Pseudonyme mit dem Namen Murner
Bereits Eva Meidl482 hat 1998 darauf hingewiesen, dass das Pseudonym Murner auf den nazifeindlichen Publizisten und Aktivisten Carl von Ossietzky hinweisen könnte, der unter dem Pseudonym Thomas Murner publiziert hat. Mit dem Namen Thomas Murner wird aber auch der ursprüngliche Namensträger, der elsässische Humanist, Dichter und Satiriker Thomas Murner (1475–1537), Mönch des Franziskanerordens, ins Spiel gebracht. Thomas Murner war wie Veza Canetti auch körperlich behindert, der Thomas-Murner-Biograf Theodor von Liebenau bezeichnet in einer Biografie von 1913 das Leiden Murners in seiner Biografie als „Englische Krankheit“483 und schreibt: „Diese Krankheit sowie die Hinneigung zum Franziskanerorden und der sehnliche Wunsch der Eltern bestimmte den körperlich jedenfalls missgestalteten Murner sich dem geistlichen Stande zu widmen.“484
Das Pseudonym Martin Murner hat Veza Taubner ein erstes Mal für die Erzählung Die Grosse verwendet, die auch tatsächlich im Januar 1933 in der Zeitung Deutsche Freiheit in Saarbrücken – also nahe der französischen Grenze und unweit von Strassburg, dem Wirkungsort des Franziskaners Thomas Murner – erschienen ist. Im Herbst des gleichen Jahres wurde die Erzählung auch noch im Elsass selbst, das heisst in Mühlhausen, in der Zeitung Der Republikaner veröffentlicht. Die Wiener Arbeiter-Zeitung brachte die Erzählung im Sommer 1933. Die zwei letzten Zeitungen brachten Die Grosse unter der Pseudonym-Variante Martina Murner. Die Murner-Pseudonyme – Martha, Martin und Martina – hat Veza Taubner nur im Jahr 1933 verwendet. Neben der Erzählung Die Grosse war Murner das Pseudonym für die Erzählungen Der Dichter, Der Fund und Der Zwinger. Mit Ausnahme der Erzählungen Der Kanal und Der Zwinger sind genau diese Erzählungen nicht in den Roman Die gelbe Strasse aufgenommen worden. Gut möglich, dass Veza Taubner sich wegen den Publikationsorten ihrer Erzählungen unweit der Stadt Strassburg vom Namen des Humanisten und Dichters Thomas Murner hat inspirieren lassen. Womöglich um mit der Namenswahl einen anderen Aspekt ihres Denkens zu verdeutlichen, nämlich den Blick der Humanistin und Satirikerin auf die Welt ausserhalb des Diskurses von Herrschaft und Knechtschaft, der mit dem Pseudonym Magd als Perspektive und Position bereits von ihr eingebracht worden war. Auch über die Vornamen lässt sich spekulieren. Das Pseudonym Martin Murner, das nur einmal gewählt wurde, ist wohl eher ein Versehen, da für die Erzählung Die Grosse sonst Martina verwendet wurde. Mit Ausnahme der Erzählung Der Fund zeigt Veza Taubner in den unter dem Pseudonym Martina Murner publizierten Erzählungen Die Grosse, Der Zwinger und Der Dichter Kinder der Unterschicht, die früh erfahren müssen, dass die Gesellschaft sie nicht gleich behandelt wie die Kinder der Oberschicht.
In Martina steckt Martin, und das ist, etymologisch gesehen, der Kriegsgott der Römer namens Mars. In der erst posthum veröffentlichten, im Exil entstandenen Erzählung Der letzte Wille sagt die Ich-Erzählerin dementsprechend, nachdem sie und ihr Mann einen Waisenknaben aus den Trümmern geborgen haben: „Wir werden kämpfen, oh, wir werden kämpfen, dass es ihm bleibt, dieses Lächeln.“ (DF 196) Das ist schon fast eine Kampfansage der Autorin mit dem Namen des elsässischen Humanisten und Kämpfers.
Das Pseudonym Martha Murner wurde erst im November 1933 zum ersten Mal verwendet, und zwar für die in der Arbeiter-Zeitung in Fortsetzung erschienene Gross-Erzählung Der Kanal, in deren Zentrum verschiedene Dienstbotinnen Wiens stehen. Akkurat für diese Erzählung hat nun Veza Taubner nicht das zu erwartende Pseudonym Magd verwendet, sondern wiederum das mit Anklang an den Humanisten Murner, hier nun in Kombination mit dem Namen Martha. Martha gilt als Schutzheilige der Hausfrauen und Mägde. Veza Canetti wird dann auch im Roman Die Schildkröten schreiben: „(…) dass nur der Künstler die Menschenwürde noch zu retten vermag.“ (Sch 66) Gut denkbar, dass Veza Canetti sich mit der Wahl des Pseudonyms hier spezifisch schützen wollte, möglicherweise gehörte die Dienstbotenvermittlung Hatvany zu ihrem näheren Lebensumfeld. Vielleicht aus ähnlichen Gründen hat Veza Taubner im November 1933 ein zweites Mal das Pseudonym Martha Murner für die Erzählung Der Neue verwendet. In dieser Erzählung inszeniert die Autorin einen Schlagabtausch zwischen Zeitungskolporteuren in der Stadt Wien. Ein Milieu, das der Autorin im gegebenen Fall sehr vertraut gewesen sein könnte.
Zum Umfeld von Veza Taubner darf der Leopoldstädter Arbeiter-Schriftsteller Adolf Unger (1904–1942) gezählt werden, dieser war neben dem Schreiben in verschiedenen proletarischen Berufen tätig gewesen, unter anderem als Zeitungskolporteur. Im Band Als stünd’ die Welt in Flammen schreibt Herbert Exenberger, indem er Adolf Unger zitiert: „Die Inflation kam. Die Krise. Die Arbeitslosigkeit. Viereinhalb Jahre stand ich ohne geregelte Arbeit da. Ich versuchte und packte alles an, was sich mir bot. Mehr als ein Jahr stand ich an der Lerchenfelderstrasse, Ecke Albertgasse, als Kolporteur und verkaufte Zeitungen (…)“485 In der Erzählung Der Neue von Veza Taubner sorgen die verschiedenen Zeitungskolporteure vor der Kirche dafür, dass das Sprengstofflager des sogenannt braunen Kolporteurs, der deutsche Zeitungen verkauft und gleichzeitig „frech und selbstbewusst Stimmung gemacht hatte“ (GbR 71), aufgedeckt wird. Diese Szene setzt einen eklatanten Bezug zum von Veza Taubner gewählten Pseudonym Martha Murner genau für diese Erzählung. Wurde doch der unter dem Pseudonym Thomas Murner publizierende Leiter der Wochenzeitschrift Die Weltbühne, Carl von Ossietzky, 1931 ins Gefängnis gesteckt, weil seine Zeitschrift die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufgedeckt hatte.486 Dieser sogenannte Weltbühne-Prozess fand international Beachtung. Die Zeitschrift Weltbühne, ursprünglich eine Theaterzeitschrift mit dem Namen Schaubühne, entwickelte sich zu einem Forum der demokratisch denkenden, bürgerlichen Linken der Weimarer Republik. In der Erzählung Der Neue kommt hingegen der Waffenlagerbesitzer selbst ins Gefängnis und die ganz unterschiedliche Zeitungen vertretenden Kolporteure vor der Kirche sympathisieren nun vorerst zaghaft mit dem Kollegen, der eine Zeitung mit sozialistischem Hintergrund vertreibt. (GbR 71 f.) 1932, ein Jahr bevor Veza Taubner zum ersten Mal das Pseudonym Murner verwendet hatte, übertrugen die Macher der deutschen Weltbühne dem 1929487 aus der Kommunistischen Partei Österreichs ausgeschlossenen Wiener Publizisten und ehemaligen Redakteur der Roten Fahne, William S. Schlamm (1904–1978), die Redaktion der Wiener Weltbühne.488 Ob Veza Taubner in irgendeinem Bezug zu dieser Wiener Weltbühne steht – sei es als Autorin, Lektorin, Korrespondentin oder Übersetzerin –, ist unbekannt.489 Der Standort Wien wurde allerdings aus politischen Gründen (Ausschaltung des Österreichischen Parlaments im März 1933) kaum eröffnet, schon wieder aufgegeben und nach Prag versetzt, von wo aus die Zeitschrift als Die Neue Weltbühne von April 1933 bis 1939 erscheinen konnte. 490
Z3. Von Veronika Knecht zu George Brand
In noch direkterer Linie lässt nunmehr Veza Canetti unter dem Pseudonym Veronika Knecht in der 1934 erschienenen Erzählung Drei Helden und eine Frau eine Hausfrau, die Stiegen wischt, ins Geschehen eingreifen, indem sie die von ihren Häschern verfolgten jungen Leute mit einem raffinierten Trick vor dem sicheren Tod bewahrt. Veronika, etymologisch auf das griechische Berenike zurückgehend, bedeutet die Siegbringerin. Als Attribut zu Knecht gelesen, besagt das Pseudonym Veronika Knecht, dem Knecht zum Sieg zu verhelfen. In einer Doppelbewegung hilft die Autorin, indem sie erzählt, nicht den Herren, sondern eben den Knechten zum Sieg und gleichzeitig lässt sie in der Erzählung eine Stiegen wischende Magd – als Entsprechung zum Knecht – Menschenleben retten, was wiederum als Sieg über das Barbarentum gewertet werden kann.
Gerade in dieser Erzählung, in der eine reale Begebenheit aus dem Leben Veza Canettis literarisch verarbeitet wird, offenbart sich, dass die Pseudonyme durchaus nicht willkürlich gesetzt wurden, sondern in direkter Beziehung zu den Erzählungen zu sehen sind, ganz im Sinne von Perspektive und Position. Sarkastisch wendet sich Veza Canetti hier nämlich gegen den sogenannten „Februarmythos“. Bezüglich dieses Mythos und des Bürgerkriegsgeschehens vom 12. bis 14. Februar 1934 in Wien schreibt Ernst Hanisch in seiner Biografie über Otto Bauer: „Der Februarmythos war so ein spezifisch männlicher Heldenmythos, auch wenn Bauer (Otto Bauer, Anm. va) gelegentlich die Proletarierfrauen erwähnt, die ‚mit Küchenmessern und Bügeleisen‘ ihren kämpfenden Männern beistanden.“491 Verbürgt ist, dass Veza Taubner in ihrer Wohnung Ferdinandstrasse 29 anfangs Februar 1934 nicht nur Ernst und Ruth Fischer beherbergt hat, sondern überdies bewaffnete Kämpfer des Schutzbundes.492
Bestimmt war es nach dem Bürgerkriegsgeschehen im Februar 1934 für die Autorin wichtig, sich mit einem neu gewählten Pseudonym vor einer etwaigen Verfolgung zu schützen.493 Entsprechend war es dadurch Veza Canetti gefahrlos möglich, 1937 für zwei Erzählungen und 1947 für eine Übersetzung auf ihr altes Pseudonym Veza Magd zurückzugreifen, das sie bereits vor dem Bürgerkrieg verwendet hatte.
Diese Mehrfachverwendung von Wörtern im Bedeutungsfeld Magd, Knecht oder auch Martha, als Schutzheilige der Hausfrauen und Mägde, verortet die Perspektive und Position, aus der heraus erzählt wird, in der Unterschicht. Veza Canetti schreibt diesbezüglich in der erst posthum publizierten Erzählung Die Flucht vor der Erde, die als autobiografische Grossmetapher gelesen werden kann, hinsichtlich des poeta doctus. „Diese Ahnungslosen verschwendeten sich selbst in unaufhörlicher, nutzloser Arbeit, und dennoch haderten diese Träger des schwersten Kreuzes nicht mit dem Schicksal und sahen keine Rätsel. Die Einförmigkeit ihres Lebens, ihrer Arbeit hatte etwas Lebensbejahendes. Wie stark musste das Leben in ihnen sein, wo es sich unter solchen vernichtenden Bedingungen behauptete. Er liebte diese Menschen und versuchte, sie zu erobern. Wer die Menschen gewinnen will, muss ihr Gesicht annehmen können. Das Vertrauen des Knechtes erringt, wer es versteht zu seinem Pferd zu sprechen, man muss dem Pferd zärtliche Namen geben, es loben oder tadeln, genau wie der Knecht.“ (DF 44)
Leider gelingt es dem poeta doctus in der Erzählung Die Flucht vor der Erde nicht, die Menschen, die unter vernichtenden Bedingungen sich zu behaupten hatten, zu gewinnen. „Sein lautloses Werben merkten sie nicht und weil er nicht imstande war, ihr Gesicht anzunehmen und ihre Sprache zu sprechen, begegneten sie ihm mit Misstrauen.“ (DF 44)
Der gelehrte Erzähler nun wird an der Tatsache, dass er von seinem Publikum nicht geschätzt wird, zerbrechen und alle Hebel daransetzen, die Erde auf immer zu verlassen.
Dementsprechend schreibt Veza 1945 an Georges Canetti: „Mein deutsches Pseudonym von einst werde ich nicht wieder annehmen, nein – auch wenn ich der Wiener Regierung freundschaftlich verbunden bin. Ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht vergessen, wie sich ihre Gesichter verwandelten und wie Freunde uns nachts besuchen mussten, aus Angst, dabei ertappt zu werden, dass sie zu den Juden gingen.“ (BaG 142) Sie macht sich aber bereits wieder Gedanken für ein neues Pseudonym und schreibt dazu an Georges Canetti: „Es interessiert Dich vielleicht, zu hören, dass ich möglicherweise das Pseudonym ‚George Brand‘ benutzen werde, da ich ein englisches Pseudonym brauche.“ (BaG 138 f.) Um klar zu machen, weshalb sie ausgerechnet diesen Namen zu verwenden gedenke, schreibt Veza Canetti weiter: „Aber wenn Du mir eine Photo schickst, auf der Dich zwei Krankenschwestern küssen – dann werd ich mich Nissim nennen. Klingt wie der Name eines Sklaven in Bagdad, den ein Zauberer in einen Hund verwandelt hat.“ (BaG 139) Nissim ist ein weiterer Bruder Elias Canettis. Mit diesem Kalauer greift Veza Canetti wiederum das gezielte Setzen eines Pseudonyms auf als Perspektive und Position einer Dichterin, die spasseshalber von der Sklavenrolle irgendwann noch tiefer rutschen könnte, nämlich in die Rolle des Hundes. Der Name George Brand wäre somit derjenige des Sklaven eines Zauberers aus Bagdad und Nissim Brand derjenige des zum Hund verzauberten Sklaven. Der Zauberer selber hingegen – der aus dem Roman Die Blendung bekannte Orientale aus Bagdad –, Peter Brand, der Gelehrte und Selbstmörder, bleibt in diesem Brief als mögliches Pseudonym ausgeklammert. Darüber, ob Veza Canetti das Pseudonym George Brand je verwendet hat, kann spekuliert werden.
Interessant bleibt allemal, dass Veza Canetti mit Brand den Nachnamen verwendet, den Elias Canetti ursprünglich für Peter Kien, den Sinologen im Roman Die Blendung, vorgesehen hatte. Bekanntlich wurde aus dem Namen Brand zuerst Kant und später Kien.494 Der Bruder und Psychiater von Peter Kien muss logischerweise ursprünglich Georg Brand geheissen haben. Georg Brand kann bekanntlich seinen Bruder Peter im Roman Die Blendung nicht davor bewahren, dass dieser sich bei einem selbst gelegten Grossbrand der Bibliothek umbringt.
Zum Autorennamen George Brand lassen sich keine literarischen Texte, die auch publiziert worden wären, zuordnen. Im Jahre 1950 erschien jedoch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg ein Buch mit dem Titel War Crimes Trials, der Herausgeber ist ein George Brand.495 Dazu später mehr.
Z4. Schnittstelle Pseudonym/Ghostwriting
Die Verwendung von unbekannten Pseudonymen durch Veza Canetti für viele weitere eigene Texte sowie Übersetzungen bleibt vorläufig ein Forschungsdesiderat.
Dass Pseudonyme von Veza Canetti wahrscheinlich auch gewählt wurden, um ihr näheres Umfeld darüber zu täuschen, mit was sie Geld verdiente, macht folgende Passage aus einem Brief von Veza an Georges Canetti aus dem Jahre 1947 deutlich: „Ich les weiter für Hutchinson, doch da es nicht viel einbringt, werd ich ein Drama von Robert Neumann ins Deutsche übersetzen. Dein Bruder sieht es wie eine Degradation an, dass seine Frau einen solchen Stümper übersetzt, wie denkst Du darüber?“ (BaG 298) Da kein Werk Robert Neumanns – mit dem die Autorin befreundet war – mit einem der bekannten Pseudonyme Veza Canettis oder gar mit ihrem richtigen Namen erschienen ist und Robert Neumann einige Übersetzungen seiner Bücher aus dem Englischen ins Deutsche auch gleich selbst besorgt hat, ist davon auszugehen, dass Veza Canetti mit hoher Wahrscheinlichkeit Texte Neumanns übersetzt hat, ohne dass ihr Name angegeben wurde. Beispielsweise lässt sich der Übersetzername Melanie Steinmetz für Robert Neumanns Roman Bibiana Santis oder Der Weg einer Frau aus dem Jahr 1950 keiner realen Person zuordnen.496 Denkbar wäre zudem, dass die Übersetzung von Robert Neumanns Scene in Passing ins Deutsche durch Veza Canetti erfolgt ist, der deutsche Weller-Verlag nennt die Übersetzung eine „Eigenübertragung“497 und meint damit vielleicht Robert Neumann selbst. Diese Angelegenheit zeigt, dass Veza Canetti allenfalls zur Verdeckung ihrer eigenen Identität auf die Namensnennung – bei Übersetzungen – verzichtet haben könnte.
Etwas anders liegt wohl der Fall bei der Übersetzung Wolf solent498 von John Cowper Powys für Dr. Richard Hoffmann für den Zsolnay-Verlag, hier hat Veza Taubner höchstwahrscheinlich in dessen Übersetzerbüro als Angestellte ohne Recht auf Namensnennung übersetzt.
Weshalb Veza Canettis Übersetzername nicht auf den im Namen von Elias Canetti für den Malik-Verlag übersetzten Werken Upton Sinclairs erscheint, gerade im Roman Alkohol müssen ja grössere Teile von ihr stammen,499 ist unbekannt. Der originelle Name für das Übersetzerkollektiv, Elias Canetti, Veza Magd-Canetti, hätte bestimmt für Furore in der Übersetzer-Szene gesorgt.
Wenn aus dem Mix der Verwendung von Pseudonymen und der Nichtverwendung von Pseudonymen für Übersetzungen – sprich Verwendung von Namen realer Personen wie Elias Canetti, Robert Neumann und Dr. Hoffmann – ein Rückschluss auf das Verwenden von Pseudonymen für die eigenen literarischen Produktionen Veza Canettis gezogen werden soll, ist davon auszugehen, dass literarische Texte der Dichterin nicht nur unter Pseudonymen, sondern auch unter dem Namen anderer realer Autoren oder Autorinnen erschienen sind. Daraus ergäbe sich dann die Frage, welcher Vielschreiber aus den 20er Jahren sich ein Ghostwriting durch Veza Taubner geleistet hat. Wer käme aus dem Umfeld der Schriftstellerin überhaupt in Frage, kann oder muss es ein Dichter gewesen sein, oder ist allenfalls auch ein Ghostwriting für einen Journalisten denkbar? Zu den vielschreibenden, erfolgreichen Dichtern aus dem persönlichen Umfeld Veza Taubners – beide mit sozialistischem Einschlag – gehören zum Beispiel Robert Neumann und Hermann Kesten.
Gerade der verschollene Kaspar-Hauser-Roman Veza Taubners lässt viel Spielraum für Spekulationen in verschiedene Richtungen offen. Eine dieser Spekulationen betrifft die von Robert Neumann geplante Serie von Kaspar-Hauser-Novels für das Radio BBC. Die erste Novel, die 1941 ausgestrahlt werden sollte, aus politischen Gründen jedoch nicht zustande kam, könnte aus der Feder von Veza Canetti stammen und in ihrer Dichte sehr gut eine Miniatur des Kaspar-Hauser-Romans darstellen, ein Verfahren, das Veza Canetti auch in umgekehrter Richtung gut beherrscht hat. Das parabelartige Geschehen der Erzählung weist im Duktus der Figurenrede und dem Blick auf Frauen auf Veza Canetti hin, die Rahmenhandlung könnte möglicherweise vom Ersten auf den Zweiten Weltkrieg hin angepasst worden sein.500
Mit Kaspar-Hauser-Roman könnte aber ebenso der Roman eines Autors mit Namen Kaspar Hauser gemeint sein. Diese Fährte führt tatsächlich zu dem in den 20er Jahren allseits bekannten Pseudonym Kaspar Hauser, das, wie bereits erwähnt, von Kurt Tucholsky verwendet wurde. Ein weiterer unbekannter Autor oder eine Autorin – also nicht Tucholsky – verwendet dieses Pseudonym für Stücke, die 1922 für das Proletarische Kasperletheater geschrieben wurden; es handelt sich um die Stücke Die entartete Prinzess und Kasperle als Spitzel. Diese Fährte wird akzentuiert dadurch, dass Veza Taubner das Pseudonym von Kurt Tucholskys Nachfolger bei der Wochenzeitschrift Die Weltbühne, Carl von Ossietzky, verwendet. Ossietzky verwendet das Pseudonym Thomas Murner unverändert, Veza Taubner hingegen spielt mit dem Namen Murner, indem sie wechselweise die Vornamen Martin, Martha, Martina davorsetzt.
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