Kitabı oxu: «Kleine Philosophie der Torheit»

Şrift:

Walter Rebell

KLEINE

PHILOSOPHIE

DER TORHEIT


Originalausgabe

1. Auflage 2017

Verlag Komplett-Media GmbH

2017, München/Grünwald

www.komplett-media.de

eBook-ISBN: 978-3-8312-6940-2

Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg Umschlaggestaltung: X-Design, München

Satz: Daniel Förster, Belgern

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

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INHALT

EINLEITUNG

KAPITEL 1: WAS SENECA NOCH NICHT WISSEN KONNTE

Grenzen, die der Vernunft gesetzt sind

Selbsterforschung gemäß Seneca und gemäß Freud

Ein Rundgang durch Neuchâtel

Philosophie der Lust

London wird zum Hexenkessel

Frühe Schildbürger: die Athener im klassischen Zeitalter

Ein Buch, das auch Hitler gelesen hat

Le Bon und Freud

Moderne Gruppenforschung

Gruppeneinfluss auf Wahrnehmungsurteile

Ab ins Gefängnis!

Groupthink (Gruppendenken)

Orientierung an Personen – Orientierung an Sachverhalten

Gefühle contra Vernunft

Emotionsforschung

Ein treuer Dackel

Der Umgang mit Gefühlen

KAPITEL 2: DEM NARRENKÖNIG GEHÖRT DIE WELT

Oder doch nicht?

Weltgeschichte und Vernunft

Geschichtsphilosophie

Thukydides contra Hegel

Der Russlandfeldzug der “Weltseele zu Pferde”

Wenn Vernunft gegen Vernunft steht

Auf die Vernunft ist kein Verlass

Tatsachen und Theorie

Wann der 2. Weltkrieg für Deutschland verloren war

Das Zweitbeste kann das Beste sein

Von der anderen Seite her denken

KAPITEL 3: DA STEH’ ICH NUN, ICH ARMER TOR …

Doktor Faust und die Bildung

Preußens Gloria

Werden Sie Skeptiker!

Edle Einfalt, stille Größe

Steckt auch in Platon ein Tor?

Und Aristoteles - ist der frei von Torheit?

P. - ein großer Dichter? Entscheiden Sie!

Faust als Psychologiestudent

KAPITEL 4: DAS GEHIRN IST SCHULD

Torheiten, die sich nicht vermeiden lassen

Wie es zur Fehleinschätzung anderer Menschen kommt

Werfen Sie Ihren Anker!

Heuristiken

Wenn wir doch loslassen könnten

Die Prospect Theory: Weitere Einzelheiten

Noch einmal: Heuristiken

KAPITEL 5: DAS LOB DER TORHEIT

Wie der Humanist Erasmus Weisheit zu Torheit und Torheit zu Weisheit macht

Der hebräische Weise

Lebensziel “Weisheit”?

Ein Weisheitssucher hat resigniert

Dichterlesung zum Thema “Vergänglichkeit, Tod”

Ein Weisheitssucher, der resigniert hat, als Therapeut

Die Weisheit des Alten Orients, Israels und Ägyptens

KAPITEL 6: VON SÄULENHEILIGEN UND ANDEREN TOREN

Wie uns die Religion um den Verstand bringen kann

Möchten Sie auf einer Säule leben?

Zwei Wochen in den Bergen

Johannes Rau und Gerhard Tersteegen

Im Prophetenhaus zu Rama

Totalitarismus in der Seele versus Pluralismus

Der religiöse Zirkel im Christentum und im Islam

Machen Sie sich zum Richter!

Torheiten der Religionsforscher

KAPITEL 7: EINE WELT OHNE TORHEIT

Wie die utopischen Staatsentwürfe das Leben langweilig machen

ÜBER DEN AUTOR

EINLEITUNG

Liebe Leserin, lieber Leser, ich lade Sie zu einem gefährlichen Selbstexperiment ein. Die Sache beginnt harmlos, nämlich mit dem Nachsprechen eines Satzes. Er enthält das Wort »Hammer«, das in unserem Zusammenhang eine symbolische Bedeutung besitzt. »Einen Hammer haben« heißt gemäß großem Wörterbuch des Dudenverlags »leicht verrückt sein«. Leicht, das geht noch. Wenn hier schwer stände, würde ich das folgende Experiment mit Ihnen nicht wagen …

Aber nun der Satz. Er lautet: »Alle haben einen Hammer, alle; ich habe noch keinen gesehen, der keinen hatte.« Wollen Sie das nachsprechen? Oder dieser Äußerung zumindest innerlich zustimmen? Drückt sie auch Ihre Erfahrung aus? Um uns herum, im Alltagsleben, wimmelt es von Toren. Oder besser gesagt von Menschen, die dann und wann zu Toren werden. Eigentlich sind sie ganz normal, liebenswürdig, aber jederzeit kann etwas durchbrechen, etwas Irrationales, und dann wird eine Handlung begangen, über die wir – als Zuschauer – fassungslos sind.

Und nun die gefährliche Seite des Experiments. Ich bitte Sie, vor einen Spiegel zu treten. Sprechen Sie jetzt den Satz noch einmal aus: »Alle haben einen Hammer, alle; ich habe noch keinen gesehen, der keinen hatte.« Dieses Mal sollten Sie wirklich laut reden, Denken reicht nicht. Gnadenlos muss über Ihre Lippen kommen: »Alle haben einen Hammer …«, wobei Sie sich in die Augen schauen. So beziehen Sie das Spiegelbild – beziehen Sie sich selbst – in die Aussage ein.

Das ist schwer, nicht wahr?

Ich hoffe, dass Sie jetzt nicht das Buch zuklappen. Dass Sie sich nicht beleidigt fühlen. Nicht angegriffen fühlen. Vielleicht sind Sie ja neugierig geworden. Dann lade ich Sie zu einem Streifzug durch die Geistesgeschichte und Psychologie ein. Ziel ist es, das Phänomen der Torheit besser zu verstehen. Um gelassener und vielleicht sogar souverän mit ihm umgehen zu können. Los werden wir die Torheit nie. Warum nicht – darauf sollen im Laufe der Ausführungen Antworten versucht werden. Auf jeden Fall steht jedem von uns die nächste eigene Torheit unweigerlich bevor. Unsere Torheiten gehören zu dem Stoff dazu, aus dem sich unser Leben aufbaut; sie gehören zu uns, und zwar mit all ihren Konsequenzen. Es ist grundsätzlich unmöglich, einem Lebensplan zu folgen, in dem nur die Vernunft regiert.

Aber die antiken Philosophen, waren die nicht der Meinung, dass die Vernunft den Menschen leiten soll und dass dies auch möglich ist? Insbesondere die Stoiker wären hier zu nennen, die davon ausgingen, dass eine göttliche Vernunft den Kosmos durchwaltet und dass der Mensch für sie empfänglich werden und sich von ihr bestimmen lassen muss. Bei Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) begegnet uns diese Vorstellung auf Schritt und Tritt. Fast schon wollen wir uns vor diesem Philosophen mit seinem hohen sittlichen Ernst ehrfurchtsvoll verneigen und die These von der Unvermeidbarkeit der Torheit noch einmal überdenken, da stoßen wir auf Senecas 50. Brief an Lucilius, in dem er schreibt: »Wenn ich mich über einen törichten Menschen belustigen will, so brauche ich nicht lange zu suchen: Ich lache über mich selbst.« – Wir sind erleichtert. Oh Seneca, du gehörst zum Club. Du hättest dich wahrscheinlich auch auf das Selbstexperiment vor dem Spiegel eingelassen.

Über sich selbst lachen, über seine Torheiten lachen, das ist gut. So werden wir lockerer. So kann sich leichter etwas ändern, und tatsächlich (auch das ist eine These des vorliegenden Buches) wären viele Torheiten durchaus vermeidbar. Nicht alle, aber viele.

Also, sind Sie für den Streifzug durch die Geistesgeschichte und Psychologie bereit? Ich bitte Sie zunächst in ein griechisches Theater. Sie sollen einen Mann bewundern, der sich auf der Bühne als Sänger und Zitherspieler produziert. Hinterher müssen Sie unbedingt Beifall klatschen. Auch wenn Sie die Darbietung schlecht gefunden haben. Sie müssen – andernfalls bringen Sie sich in Lebensgefahr …

KAPITEL 1

WAS SENECA NOCH NICHT WISSEN KONNTE

Grenzen, die der Vernunft gesetzt sind

Sie haben auf einer harten Steinbank im Halbrund eines Theaters in Griechenland Platz genommen. Es ist ein milder Sommerabend, unten auf der Bühne brennen links und rechts Fackeln, in der Mitte steht ein junger Mann, zupft an den Seiten seiner Zither und singt. Er singt nicht schlecht, aber auch nicht gut. Sie haben an diesem Abend schon bessere Sänger gehört. Aber Sie wissen, dass Sie diesem hier nachher den größten Applaus geben. Alle im Theater werden sich erheben, werden vor Begeisterung brüllen, Sie mit dabei, und der Preisrichter – es handelt sich nämlich um einen Wettstreit – wird diesem jungen Mann den Siegeskranz überreichen.

Er macht eine einjährige Tournee durch Griechenland, der junge Mann. Auf allen Festspielen tritt er auf. Bei zahlreichen anderen Gelegenheiten. Immer ist er der Sieger. Am Ende wird er 1808 Siegeskränze eingeheimst haben.

Eigentlich müsste der junge Mann in Rom sein. Um dort seinen beruflichen Pflichten nachzukommen. Aber diese Pflichten sind ihm lästig, er betätigt sich lieber als Sänger, auch als Dichter, auch als Wagenlenker.

Dieser junge Mann ist ein Tor. Ein Narr, aber ein gefährlicher. Einige Jahre vor der Griechenland-Tournee hat er in Rom Christen umbringen lassen. Er hatte Rom anzünden lassen, um aus dem Brand künstlerische Inspirationen zu gewinnen, und dann hatte er Sündenböcke gebraucht.

Diesem Mann mussten Sie an jenem Sommerabend in Griechenland im Theater Beifall spenden. Denn wehe, man hätte entdeckt, dass Sie sich verweigern …

Sie ahnen richtig: Wir sprechen hier von Kaiser Nero. Seine antiken Biographen Tacitus und Sueton erzählen von zig Torheiten, die er begangen hat.

»Nun ja …«, sagen Sie vielleicht.

Nichts »nun ja«! Zu all den Torheiten hätte es nach Adam Riese nicht kommen dürfen, denn Nero hatte eine Erziehung vom Besten, vom Feinsten genossen. Eine Erziehung, in der die Vernunft obenan gestanden hatte. Aus Nero sollte ein durch und durch vernünftiger Mensch werden, so wollte es sein Erzieher, so wollte es …

Warum mache ich hier eine Pause? Damit Sie überprüfen können, ob Sie richtig auf Ihrem Stuhl sitzen. Damit Sie nicht umfallen, wenn jetzt der Name kommt.

Neros Erzieher war niemand anderes als Seneca.

Seneca, der große Philosoph, der Theoretiker der Vernunft, lieferte als Meisterstück seiner philosophisch-pädagogischen Bemühungen Nero ab.

Wie konnte es dazu kommen? Weshalb gelang die Erziehung zur Vernunft nicht?

Wegen Neros Mutter Agrippina. Nero wurde schon mit 17 Jahren Herrscher, und eigentlich führte seine Mutter das Regiment. Oder wollte es, Nero musste sich beständig gegen ihre Einmischungen wehren. Tacitus beschreibt, wie sie sogar ihre weiblichen Reize einsetzte und zur Blutschande bereit war, um auch auf diese Weise über den Sohn Macht auszuüben. Nero ließ sie schließlich ermorden. Wie, das ist eine Geschichte für sich. Zunächst wurde ein Schiff präpariert, das auseinanderbrechen und untergehen sollte, aber Agrippina konnte sich schwimmend an Land retten. Daraufhin wurde sie auf konventionelle Weise getötet, von einem Zenturio mit einem Schwerthieb.

Ein junger Mann mit solch einer Sohn-Mutter-Geschichte im psychischen Gepäck konnte nicht normal werden.

Das wusste Seneca nicht. Das weiß man erst seit Sigmund Freud. Die Seele funktioniert nicht nach Adam Riese, dem Rechenmeister. Sie ist unberechenbar. Gegen seelische Komplexe kommt die Vernunft nicht an. Nero hätte einen Psychoanalytiker gebraucht, nicht einen Spezialisten für die Vernunft. Wer weiß, was Nero zu seiner grotesken Griechenland-Tournee getrieben hatte. Hing sie irgendwie mit der Mutter zusammen? Mit dem in Auftrag gegebenen Mord? Mit Schuldgefühlen? Nero machte sich in Griechenland zum Kasper, alle lachten heimlich über ihn. War das eine Art von Selbstbestrafung?

Eigentlich ist Seneca auch bei der Erziehung seiner eigenen Person gescheitert. Er konnte auch aus sich selbst keinen durch und durch vernünftigen Menschen machen, das sagt ja schon das Statement vom Lachen über sich selbst, das in der Einleitung zitiert worden ist. Aber Seneca gibt noch mehr von sich preis.

In seiner Abhandlung über den Zorn schreibt er, dass er jeden Abend Rechenschaft über seine Fehler ablegt: »Wenn das Licht entfernt und meine Gattin, bekannt mit meiner Gewohnheit, verstummt ist, überschaue ich meinen ganzen Tag und wäge meine Handlungen und Äußerungen ab; nichts bleibt mir verborgen, nichts übergehe ich. Warum sollte ich mich denn auch vor meinen Verfehlungen fürchten, da ich sagen kann: Gib acht, dass du das nicht wieder tust, für dieses Mal sei es dir verziehen?«

(Wir finden solche skrupulöse Selbsterforschung später im Pietismus wieder [religiöse Aufbruchsbewegung des 17./18. Jahrhunderts]; aber auch ein so gelehrter Mann wie Wilhelm von Humboldt, der jenen Typ von Universität geschaffen hat, der in Deutschland bis heute mehr oder weniger Gültigkeit besitzt, ließ keinen Tag vergehen, an dem er nicht sein eigenes Verhalten unter Anlegung strengster Maßstäbe Revue passieren ließ.)

Selbsterforschung gemäß Seneca und gemäß Freud

Mit seiner täglichen Selbsterforschung und dem Eingestehen der begangenen Fehler zeigt uns Seneca, dass es mit der Orientierung an der Vernunft offenbar nicht so recht klappt. Wir laufen der Vernunft immer wieder aus dem Ruder. Auch jemand wie Seneca, der so sehr darum kämpft, dass ihm das nicht passiert (fast möchte man sagen: der krampfhaft darum kämpft), stellt immer wieder fest: Etwas Nicht-Vernünftiges in mir war stärker gewesen.

Für dieses Stärkere haben wir heute ausgearbeitete psychologische Theorien. In uns gibt es, und das konnte Seneca noch nicht wissen, neben der Vernunft auch das machtvolle, nicht nach vernünftiger Logik arbeitende Unbewusste. Das spielt uns Streiche. Das zwingt uns zu Torheiten.

Deshalb kann es passieren, dass auch wir uns zum Kasper machen, wie Nero. Wir sind hinterher fassungslos darüber. Wie konnte das passieren? Es war doch so ein schöner Abend mit Gästen, die Atmosphäre war entspannt, man plauderte … Aber plötzlich war für uns Wettstreit. Wir griffen sozusagen zur Zither und sangen unser Lied. Unser Ehepartner schaute uns entsetzt an, aber wir machten weiter, wir wollten den imaginären Preisrichter beeindrucken, wir wollten den Siegeskranz einheimsen.

Der Abend war verdorben. Wir hatten ihn verdorben.

Und nun die Analyse dieser Torheit. Was hatte uns geritten? – Mit Seneca kommen wir nicht weiter, wohl mit Sigmund Freud. Seneca würde uns sagen: »Du hast gegen die Vernunft gehandelt, lieber Freund. Mach es beim nächsten Mal besser. Halt dich dann zurück, streng dich an.« Sigmund Freud würde sagen: »Geh in Gedanken noch einmal die Gäste durch. Hat dich einer von ihnen genervt? Auch wenn er gar nichts Besonderes getan hat?« – Richtig! Die bloße Anwesenheit von Karl hat mich genervt! Weil der nämlich Betriebsdirektor geworden ist, und ich bin es – in meinem Betrieb – nicht geworden. Ressentiments leiteten mich. Ich musste dem Karl einmal zeigen, wer ich bin, dass ich auch etwas drauf habe … Nur dann, wenn ich mir das eingestehe, wenn ich also auf einer Etage tiefer analysiere als Seneca bei seiner allabendlichen Selbstbespiegelung, habe ich die Chance, beim nächsten Zusammentreffen mit Karl tatsächlich eine Torheit zu vermeiden.

Selbsterforschung ist nicht einfach. Unser blinder Fleck hindert uns, die Motive unseres Handelns zu erkennen. Aber wir könnten Hilfe von außen suchen. Bleiben wir bei dem Beispiel des verdorbenen Abends …

Heinz (nennen wir den Haupt-Akteur einmal so) fragt also hinterher seine Ehefrau: »Jutta, was war eigentlich los? Weshalb habe ich so gehandelt? Ich kann es mir selbst nicht erklären.«

Heinz verhält sich nicht wie Seneca. Der lässt seine Frau zunächst einschlafen (»… wenn sie verstummt ist …«), dann denkt er nach. Heinz hingegen will mit seiner Frau zusammen nachdenken. Was mag Seneca dadurch, dass er nicht mit seiner Frau im Gespräch war, an Selbsterkenntnis entgangen sein! Was hätte sie ihm über ihn alles sagen können!

Kommunikation ist ein Grundprinzip der abendländischen Philosophie, das hätte Seneca wissen müssen. Die Griechen haben uns gelehrt, dass man zur Wahrheit nie allein durchstößt, sondern nur im suchenden, ringenden Gespräch mit den anderen. Der Osten (Indien, China, Japan) sieht die Sache anders. Hier gelangt man zur Wahrheit durch Meditation, durch Versenkung in sich selbst. Die Wahrheit ist bereits in einem, sie braucht nicht kommunikativ ermittelt zu werden.

Ich will die beiden Wege zur Wahrheit nicht gegeneinander ausspielen, jeder hat sein Recht. Aber wir im Abendland sind stärker vom Modell der Griechen geprägt. Sokrates sammelte junge Menschen um sich und diskutierte mit ihnen. Platon schrieb Dialoge: Durch Frage und Antwort und gemeinsames Überlegen wird der Gedankengang vorwärtsgetrieben. Auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds ist ein kommunikatives Geschehen: zwischen Patient und Analytiker.

Scheuen wir uns also nicht, bei der Suche nach der Wahrheit über uns selbst andere Menschen zurate zu ziehen. Sie wissen stets mehr über uns als wir, sie haben ja keinen blinden Fleck (bei ihrer Sicht auf uns nicht; bei ihrer Sicht auf sich selbst schon).

Heinz fragt also seine Ehefrau Jutta. Die ist bass erstaunt; sie denkt, sie höre nicht richtig. Wenn Heinz sich nach einem Abend mit Gästen an sie wandte, um mit ihr zu reden, dann meist, um sie zu kritisieren. Das und das habe sie falsch gemacht. Aber jetzt möchte er selbst auf den Prüfstand. Das ist neu. Das ist verheißungsvoll. Natürlich weiß sie, Jutta, schon lange, was Heinz unbewusst gegen Karl in sich herumträgt.

Ein Rundgang durch Neuchâtel

Nach dem Theaterbesuch in Griechenland lade ich Sie zu einer Reise in die Schweiz ein. Vielleicht waren Sie schon hier, dann sicher in den Alpen, am Eiger oder am Matterhorn. Die Westschweiz wird Ihnen unbekannt sein. Doch auch hier ist es schön, der Jura ist ein Wanderparadies …

Allerdings geht es uns nicht um die Schönheit der Natur. Wir streifen durch die Kantons-Hauptstadt Neuchâtel (Neuenburg). Darf ich Sie führen? Ich kenne mich in der Stadt aus, ich wohne seit 25 Jahren hier. Ich bringe Sie durch enge Gassen und Treppenwege zum höchsten Punkt. Hier können Sie die Kirche »La Collégiale« bewundern. Und auf dem Platz davor die Statue des Neuenburger Reformators Farel (1489 – 1565).

Auf diesen Farel kommt es mir an. Er war befreundet mit Calvin (1509–1564), und wie dieser war er düster, fanatisch, ernst. Ich möchte nichts mit ihm zu tun gehabt haben (obwohl ich die Neuenburger Reformierte Kirche, deren Mitglied ich bin, sympathisch finde).

Farel also. Ein würdiger Mann. Aber gegen Ende seines Lebens beging er eine Torheit. Schon seine Zeitgenossen, die Leute, die er zum reformierten Glauben bekehrt hatte, schüttelten verständnislos den Kopf. Mehr noch: Sie waren empört.

Farel heiratete mit 69 Jahren ein sehr junges Mädchen.

Alle haben einen Hammer …

Besonders gefährlich wird es, wenn der Geschlechtstrieb ins Spiel kommt. Dann gibt es kein Halten mehr. Ich brauche Ihnen keine weiteren Beispiele vor Augen zu führen, das mit Farel reicht. Grenzen, die der Vernunft gesetzt sind … Vor allem der Geschlechtstrieb setzt sie. Und so richtig es ist, biologisch gesehen, dass er uns zur Vermehrung treibt und zur Erhaltung der Art, so bedenklich ist es, dass er uns oft unsere sozialen Beziehungen zerstört. Der Geschlechtstrieb geht, und das ist beängstigend, rücksichtslos auf sein Ziel zu.

Kann man ihm nicht doch beikommen?

Bei grundsätzlicher Anerkennung, dass der Geschlechtstrieb stärker ist als die Vernunft, lässt er sich, so meint ein antiker Philosoph, Epikur, von vernünftigen Überlegungen begleiten. Und dadurch (ein wenig) steuern, sodass Torheiten (möglicherweise) verhindert werden.

Schauen wir uns das bei Epikur genauer an!

Philosophie der Lust

Epikur (341 v. Chr. – 271 v. Chr.) hat einen schlechten Ruf. Er gilt als unmoralisch. Im Zentrum seines Denkens steht die hedone, die Lust; man könnte auch übersetzen: Freude, Vergnügen, aber Lust trifft die Sache schärfer, da es Epikur durchaus auch um die sexuelle Lust geht. Die philosophische Richtung, für die der Name Epikur steht, heißt Hedonismus und hat ihre Anhänger bis in die Neuzeit (zum Beispiel vertraten die französischen Materialisten hedonistisches Gedankengut).

Ziel ist es bei Epikur, Lust zu suchen und Unlust zu vermeiden. Der Mensch soll ein glückliches Leben führen. Dazu braucht es allerdings auch die Vernunft, und so reiht sich Epikur in den Mainstream der antiken Philosophie (mit der Betonung der Vernunft) ein. Er schreibt: »An allem Anfang aber steht die Vernunft, unser größtes Gut. Aus ihr ergeben sich alle übrigen Tugenden von selbst, weil sie uns lehrt, dass in Freude zu leben unmöglich ist, ohne dass man ein vernünftiges, sittlich hochstehendes und gerechtes Leben führt.«

Epikur vollbringt einen Balanceakt. Einerseits lehrt er das Ausleben der Lust, andererseits gibt er das Prinzip der Vernunft nicht preis. Man soll vernünftig leben; lustorientiert, aber vernünftig. Wenn man die Vernunft außen vorlässt, funktioniert das lustorientierte Leben überhaupt nicht, es wird selbstzerstörerisch.

Und nun die Anwendung auf das Geschlechtsleben. Seien Sie gespannt. Sie werden schmunzeln, aber auch ins Nachdenken geraten: »Ich habe vernommen, dass dich der Kitzel in deinem Fleisch übermäßig zum Geschlechtsverkehr treibt. Folge ihm, wie du magst, aber sorge dafür, dass du dabei die Gesetze nicht übertrittst, nicht den Anstand verletzt, keinen dir nahestehenden Menschen kränkst, deine Gesundheit nicht zerrüttest und dein Vermögen nicht vergeudest. Es ist jedoch schwer, sich nicht wenigstens in eine der genannten Schwierigkeiten zu verstricken.«

Wie finden Sie das? – Psychologisch richtig ist sicherlich, dass nicht versucht wird, den Geschlechtstrieb kleinzureden. Dass auch nicht dazu aufgerufen wird, ihn zu unterdrücken. Es wird im Gegenteil gesagt: »Folge ihm.« Da fühlen wir uns als Triebwesen ernst genommen. Und der, der uns ernst nimmt, der Philosoph Epikur, hat jetzt eine Chance, vorsichtig steuernd in unser Triebleben einzugreifen. Um uns vor Torheiten zu bewahren. (Einem Moralapostel wie Farel würden wir uns als moderne Menschen verweigern.)

Wenn wir in eine delikate Lebenssituation kommen, sollten wir die Regeln Epikurs zum Umgang mit dem Geschlechtstrieb noch einmal nachlesen …

London wird zum Hexenkessel

Ich hätte im August 2011 nicht in der britischen Hauptstadt sein wollen. Eine Serie gewalttätiger Ausschreitungen fand statt, verursacht durch die Erschießung des 29-jährigen Mark Duggan durch die Polizei (er war verdächtigt worden, für einen Drogenring zu arbeiten). Es kam zu Brandstiftungen und Vandalismus, kriegsähnliche Zustände herrschten. Die meisten der jugendlichen Randalierer gehörten zum Rand der Gesellschaft, zu den Deklassierten, den Chancenlosen. Aber auch gut situierte Büroangestellte ließen sich mitreißen. Bei den Plünderungen ergatterten sie ihren Anteil an der Beute, einen Fernseher vielleicht oder auch nur ein Handy. Durch Überwachungskameras identifiziert, rasch gefasst, rasch vor Gericht gestellt, hart bestraft, waren sie im Nachhinein über ihr eigenes Verhalten fassungslos. Welche Torheit hatten sie begangen! Und wie mussten sie nun dafür büßen!

Wir sind bei unserem nächsten Unterpunkt angelangt: Grenzen werden der Vernunft auch dann gesetzt, wenn wir uns in Menschenmassen befinden. Dort herrscht eine spezielle Psychologie, und die ist in bis heute gültiger Weise von Gustave Le Bon (1841–1931) beschrieben worden. – So wenig Seneca etwas vom Unbewussten im Sinne Freuds wissen konnte, so wenig auch von der Massenpsychologie. Natürlich war die Unvernunft von Massen den antiken Philosophen bekannt, aber die psychologische Begrifflichkeit war noch nicht ausgearbeitet. – Ich schlage Ihnen vor, Massenverhalten zunächst am Beispiel der Athener zu studieren, wobei wir uns auf den griechischen Geschichtsschreiber Thukydides (454 v. Chr. – 399 v. Chr) stützen. Dann gehen wir zu Le Bon und der modernen Massenpsychologie über.

Frühe Schildbürger: die Athener im klassischen Zeitalter

In der Schule haben wir gelernt, dass in Athen die Demokratie erfunden wurde. Das stimmt. Aber hat man uns auch beigebracht, dass die antiken Philosophen, zum Beispiel Platon und Aristoteles, der Demokratie sehr skeptisch gegenüberstanden? Sie wussten um die Verführbarkeit der Massen. Ein glänzender Redner tritt in der Volksversammlung auf, und mit schmeichlerischen Worten wickelt er die Leute um den Finger. Die stimmen dann in seinem Sinne ab.

Es braucht sehr viel Reife, um mit demokratischer Freiheit umgehen zu können und sie nicht zu törichten Entscheidungen zu benutzen. Jahrhundertelange Erfahrung mit der Demokratie haben die Schweizer, und sie sind möglicherweise die reifsten Demokraten. In einer ihrer vielen Volksabstimmungen hatten sie darüber zu entscheiden, ob sie sich in Zukunft statt vier Wochen Jahresurlaub sechs Wochen gönnen sollten. Zwei Wochen Urlaub mehr! Man brauchte nur auf den Wahlzettel ein Ja zu schreiben! Aber die Schweizer schrieben in ihrer Mehrheit ein Nein (Abstimmung vom 11.3.2012).

Ein Ja zur Initiative »Mehr Urlaub« wäre eine Torheit gewesen, volkswirtschaftlich gesehen, und die Schweizer waren so klug, das zu kapieren. – Ich will die Schweizer allerdings nicht zu sehr loben, manche ihrer Abstimmungsergebnisse zeugen möglicherweise auch von Torheit (es kommt immer auf den Standpunkt an); aber insgesamt wird man wohl sagen dürfen, dass die Schweizer geübte Demokraten sind.

Die Athener waren nicht so klug wie die Schweizer. Damals steckte die Demokratie ja noch in den Kinderschuhen.

Der Geschichtsschreiber Thukydides, selbst ein Athener, kennt seine Pappenheimer. Er macht sich nichts vor. In wer weiß wie viel harten Nächten hat er alle Illusionen überwunden, und jetzt steht ihm die Wahrheit über die menschliche Natur klar vor Augen. Er klagt nicht an, er beschreibt nur. Auch über Alkibiades regt er sich nicht auf, solche Typen gibt es eben.

Alkibiades?

Der Athener Alkibiades (451 v. Chr. – 404 v. Chr.) stachelte, so schreibt Thukydides, seine Landsleute dazu an, die athenische Kriegsflotte nach Sizilien zu schicken und Syrakus anzugreifen. Die Sache war sehr gefährlich, risikoreich, und es gab genügend Stimmen, die abrieten. Aber Alkibiades setzte sich durch. Er war einer der ersten Machtmenschen, ein brillanter Volksverführer, egozentrisch, rücksichtslos. Er wandelte schwindelfrei an Abgründen, und mit den Göttern stand er auf verwandtschaftlichem Fuße. In seiner Jugend soll er der Lustknabe des Sokrates gewesen sein, und schon damals betörte er alle durch seinen Charme und seine Schönheit. Später durchzechte er mit seinen Freunden so manche Nacht, und einmal soll er sich dabei über die Mysterien von Eleusis, die in Athen Staatsreligion waren, lustig gemacht und sie nachgeäfft haben. (In den Mysterien von Eleusis wurde Demeter, die Göttin des pflanzlichen Wachstums, verehrt.) Auf Sizilien hatte Alkibiades es abgesehen, weil er sich dort eine eigene Herrschaft aufbauen wollte.

Von diesem Mann ließen sich die Athener verführen.

Am Tag der Abfahrt der Flotte, als die Athener zum Hafen Piräus eilten, befielen sie allerdings schlimme Vorahnungen. Der Anblick der prächtig gerüsteten Kriegsschiffe hob jedoch wieder die Stimmung – Thukydides beschreibt minuziös das Hin und Her der Gefühle.

Es kam, wie es kommen musste. Die Athener wurden vernichtend geschlagen, Tausende von ihnen wanderten als Arbeitssklaven in die Steinbrüche von Syrakus. Nie zuvor war eine griechische Streitmacht in eine so schlimme Katastrophe geraten. Torheiten, die Weltgeschichte ist voll von Torheiten. Mit ihren verhängnisvollen Folgen. Thukydides, der erste politische Geschichtsschreiber, kann uns den Blick dafür schärfen.

Hand aufs Herz: Wenn wir damals in Athen mit dabei gewesen wären, unterhalb des Akropolis-Hügels, in der Masse mit all den anderen, hätten wir dann nicht auch unter dem Einfluss des Alkibiades für den Angriff auf Syrakus gestimmt?

Ein Buch, das auch Hitler gelesen hat

Adolf Hitler brachte von Natur aus suggestive Kraft mit; schon als 16-Jähriger war er zu rhetorischen Eruptionen fähig, und sein Jugendfreund August Kubizek wurde dann regelmäßig in die Rolle des betroffenen und fassungslosen Zuhörers gedrängt – der vor Staunen am Ende zu applaudieren vergaß. Erst nach und nach begriff Kubizek, dass solche Vorführungen kein Theater waren, dass in ihnen vielmehr tödlicher Ernst waltete. Und er, Kubizek, hatte am Ende nur immer eines zu tun: bedingungslos zuzustimmen.

In den »Aufstiegsjahren« schulte Hitler systematisch sein rhetorisches Talent, seine Wirkung auf Menschen, und dazu las er auch Gustave Le Bon, Psychologie der Massen (französische Ersterscheinung »Psychologie des Foules«, 1895).

Le Bon und Freud

Vielleicht fällt Ihnen beim Stichwort Massenpsychologie auch Sigmund Freud ein (»Massenpsychologie und Ich-Analyse«, 1921). Freud bezieht sich ausdrücklich auf Le Bon und stimmt ihm zu. In unserem Rahmen reicht es deshalb, nur in das Buch von Le Bon hineinzuschauen (Freud ist dann ein Stück weit mitbehandelt):

Für den französischen Autor ist die Masse eine Art von Organismus mit völlig anderen Eigenschaften als das Individuum. Die Vernunft hat nur noch geringen Einfluss, und was der einzelne Mensch aus seiner Erziehung mitbringt, zählt nicht mehr. Gesteigert ist hingegen die Emotionalität, das Triebhafte, die Tendenz zu primitiven Reaktionen. Daraus folgen Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit. Die Masse denkt, so sagt Le Bon, nicht logisch, sondern in Bildern. Die Grenze zwischen Realität und Illusion verschwimmt, Massen kann fast alles eingeredet werden (den Deutschen auch 1944 noch oder gar 1945 der Glaube an den »Endsieg«). Der Begriff des »Unmöglichen« existiert praktisch nicht mehr. Ideen, Gefühle, Erregungen, Glaubensinhalte übertragen sich durch »Ansteckung« – genau wie eine Erkältungskrankheit; Mikroben schwirren in der Luft, und jeder atmet sie ein. So breitet sich eine geistige Strömung (courant d’opinion) mit geradezu unheimlicher Geschwindigkeit aus.

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Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
30 iyul 2025
Həcm:
162 səh. 5 illustrasiyalar
ISBN:
9783831269402
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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