Kitabı oxu: «Walther Kabel-Krimis: Über 100 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band»
Walther Kabel-Krimis: Über 100 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band
Vier Tote, Moderne Verbrecher, Wer?!, Das graue Gespenst, Die Liebespost, Der Ring der Borgia, Der hüpfende Teufel...

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-7583-110-1
Inhaltsverzeichnis
Kriminalromane
Das graue Gespenst
Das Katzenpalais
Das Geheimnis eines Lebens
Das Dogmoore-Wappen
Das Geheimnis um die Ginsterschlucht
Der Schlingensteller
Der Ring der Borgia
Auf falscher Fährte
Spuren im Neuschnee
Die Lahore-Vase
Der hüpfende Teufel
Der Tempel der Liebe
Das Haus am Mühlengraben
Die Liebespost
Das Gift des Vergessens
Im Schatten der Schuld
Der Universal-Erbe
Die Stimme des Blutes
Das Haus des Hasses
Der Mann im Sessel
Die blaue Königin
Der Doppelgänger
Der Kobrakopf
Der Obstkahn am Elisabethufer
Der Stein der Wangerows
Der Tote in der Burgruine
Die Antenne im fünften Stock
Irrende Seelen
Kursfürstendamm Nummer 304
Thomas Bruck, der Sträfling
Das stille Haus
Die Hand des Toten
Die gelbe Wachskerze
Der tote Missionar
Harald Harst-Krimis
Zwei Taschentücher
Das Geheimnis des Czentowo-Sees
Die Rätselbrücke
Die Rose von Rondebosch
Der Piratenschoner
Der Spangenschuh der Lady Broog
Das Geheimnis der Kabine 24
Die Steinhütte am Buarbrä
Das Rätsel der Trollhätta-Insel
Das Gespenst des Skien-Museums
Lord Plemborns Verbrechen
Die Schreckensnacht im Hotel Dahlen
Die Leiche im Gletschertunnel
Die herrenlose Motorjacht
Sechs leere Briefbogen
Das Licht in der Eiche
Der Obstkahn am Elisabeth-Ufer
Der Wolfshund des Herrn Krabarty
Die Motorjacht ohne Namen
Die Insel der Seligen
Die große Null
Der Sultan von Padagoa
Der Fakir ohne Arme
Das Kranichnest
Das Kreuz auf der Stirn
Der Spiritistenklub
Die drei Päckchen
Der rätselhafte Gast
Lydia Salnavoors Testament
Traudes Hochzeitsabend
Amalgis Ahnengalerie
Dämon Rache
Einer von der Hammonia
Die schwarzen Katzen
Der neue Graf von Monte Christo
Das Eiland der Toten
Auf dem See des Schweigens
Wie Doktor Amalgi starb
Die Millionenerbin
Doktor Amalgis Vermächtnis
Timitri, das Leichenschiff
Robbenfang
Fürst Spinatri
Das Urwaldrätsel
Jakob Maschel, der Hausierer
Die unerforschte Stadt
Die Geheimnisse der Prinz Albert-Berge
Pension Dr. Buckmüller
Vier Tote
Dr. Haldens Patient
Das Ende einer Mainacht
Drei Löwen
Moderne Verbrecher
Dämon Chanawutu
Wer?!
Salon Geisterberg
Die Talmifabrik
Das Tor des Todes
Ein Glaubensfanatiker
Der Stern von Kabinur
Die Mühle des Mr. Mac Tuppy
Die leuchtende Eule
Der alte Gobelin
Banditen des Olymp
Der weiße Maulwurf
Das alte Fräulein Födösy
Die weiße Schlange
Allan Garps letzte Stunde
Der Kongreß der Stummen
Die Kaschemme Mutter Binks
Der seltsame Milliardär
Der Mann von gestern
Der Bluffer
Das Geheimnis um die „Marga“
Kriminalromane
Inhaltsverzeichnis
Das graue Gespenst
Inhaltsverzeichnis
1. Der Basuto-Speer
2. Das graue Gespenst
3. Die gescheiterte Brigg
4. Die Spur des Anderen
5. Zum ersten Mal in Gauben
6. Zwei Briefe und zwei Enttäuschte
7. Die Leidensgeschichte einer Frau
8. Der erste Verdacht
9. Ein Stempelaufdruck
10. Kapitel
11. Nie geahnte Überraschungen
12. Was die Presse zu sagen wußte
1. Kapitel
Der Basuto-Speer
Inhaltsverzeichnis
Über Kimberley, der südafrikanischen Minenstadt, lagerte die Gluthitze eines sonnenklaren Maitages. Trotzdem drängte sich jetzt in der Mittagsstunde ein lebhafter Verkehr von ausgesprochen internationalem Gepräge durch die breiten Straßen, alle begriffen auf der Jagd nach dem Götzen Gold, der nirgends so sehr wie gerade in der »Diamantenstadt« die Gemüter erregt und Geist und Körper zu den unerhörtesten Anstrengungen anspornt.
Vor dem hochragenden Börsenbau herrschte heute eine ungewöhnliche Aufregung unter den Herren, die teils in der breiten Eingangstür, teils auf der Freitreppe standen.
Auf der anderen Straßenseite, gegenüber der Börse, stand eine dichtgedrängte Menge Neugieriger, – meist Minenarbeiter, Handwerker und hier und da auch ein Farbiger. Etwas wie Schadenfreude war in den Gesichtern dieser einfachen Leute zu lesen, und wenn man genau hinhörte, konnte man Ausrufe verstehen, die von einem geheimen Hasse gegen die Großkaufleute sprachen.
Zwischen den über den Fahrdamm hin und her rasselnden Wagen aller Art schlüpften kleine, halbnackte Kerlchen hindurch – Zeitungsjungen, die ihre Extrablätter hinausbrüllten.
»Die Zerstörung der Hurley-Mine!« – »Kampf mit der Miliz!« – »Achtzig Tote, zweiundfünfzig Verwundete!« – »Kauft das Allerneueste – kauft –«
An der Brüstung der Börsentreppe lehnte einsam ein Mann, dessen blaue Augen mit verächtlichem Ausdruck auf die Menge gerichtet waren, die mit schadenfrohen Gesichtern auf die erregten, geängstigten Großkaufleute blickte und oft ihre höhnischen Bemerkungen hinüberrief.
Ein dicker, aufgeschwemmter Herr, dessen Finger mit blitzenden Ringen besteckt waren, gesellte sich jetzt zu dem Einsamen, der offenbar unter all diesen Millionen-Magnaten eine hochgeachtete Stellung einnahm.
»Master Wendel, ich begreife Ihre Ruhe nicht,« sagte er, sich vor dem blonden Deutschen aufpflanzend. »Ihre Mine liegt zunächst dem Randbache, und schreitet die schwarze Bande zum Angriff, so wird Ihr Werk als das erste vom Erdboden verschwinden.«
»Meinen Sie, Brauwarey?!«
Selbstbewußter Spott lag in dieser Antwort.
Der dicke Brauwarey, der bisher selbst gegen viertausend Neger beschäftigt hatte, starrte Wendel aus seinen glasigen Fischaugen staunend an.
Kopfschüttelnd sagte er: »Wirklich, ich begreife Sie nicht –« Er wollte noch mehr hinzufügen, aber der Deutsche, ein stattlicher Mann Anfang der fünfziger, hatte sich aufgerichtet und schaute einem eleganten Auto entgegen, das sich eben durch die Straße wand und vor der Börse Halt machte.
Dem Auto entstieg jetzt eilig ein schlanker Mann mit sonnverbranntem Gesicht. Es war der erste Buchhalter der Barbu-Mine, die Wendel seit einigen zwanzig Jahren gehörte.
»Pelletan – hierher!« rief der Deutsche mit dröhnender Stimme.
Pelletan keuchte die Treppe empor.
»Master Wendel – die Schwarzen kommen –«
Das genügte. Mit drei Sätzen war Wendel in seinem Auto, Pelletan sprang hinterher, die Tür knallte zu, und fauchend flog das Gefährt davon.
* * *
Die Barbu-Mine, deren Baulichkeiten durch einen hohen Holzzaun mit einer Verlängerung von starkem Stacheldraht eingeschlossen wurde, lag etwa zwei Kilometer vor der Stadt auf einer kleinen Anhöhe. Ein fester, gutgehaltener Weg gestattete dem Auto die Höchstgeschwindigkeit einzuschlagen, so daß Wendel in knappen acht Minuten vor dem Haupteingang seines Werkes anlangte. Dort empfing ihn Master Pareawitt, der Oberingenieur, mit einem Gesicht, das nichts Gutes ahnen ließ.
»Wie steht’s, Pareawitt? Alles vorbereitet?!« rief der Deutsche und war mit einem Satz aus dem Wagen. »Was treibt die schwarze Gesellschaft? Schon in der Nähe?«
»Brennen zur Zeit Halburgs Store nieder,« antwortete der Oberingenieur mit verbissener Wut. »Werden aber wohl bald hier sein.«
Wendel winkte und verschwand mit den beiden Männern hinter dem schweren Tor, dessen Flügel der Pförtner sofort wieder schloß.
Zehn Minuten später. Wie ein kribbelndes Ameisenheer, dicht gedrängt, unaufhaltsam, schob sich die Masse der wütenden Neger auf der Straße vorwärts. Der Besitzer der Barbu-Mine beobachtete diese dunkle Masse vom Fenster der ersten Etage des Verwaltungsgebäudes aus wie ein Feldherr. Mit jener zielbewußten Energie, die aus dem armen Handlungsgehilfen im Verlaufe von Jahrzehnten einen einflußreichen, millionenschweren Minen-Magnaten gemacht hatte, waren von ihm noch schnell die getroffenen Verteidigungsmaßnahmen ergänzt worden.
»Bin neugierig, was sie beginnen werden,« sagte er jetzt zu dem neben ihm stehenden Oberingenieur.
Pareawitt lehnte sich zum Fenster hinaus.
»Die Bande verhält sich auffallend still,« meinte er besorgt.
»Schlechtes Zeichen!« erklärte Wendel, und fügte hinzu: »Kein Zweifel, die Hauptmasse bewegt sich auf das Eingangstor zu. Machen wir, daß wir hier fortkommen. Ich werde einmal hinausgehen und der Rotte Vernunft predigen. Hoffentlich hilft’s was. Wenn nicht – na, dann fließt eben Blut, aber nicht das unsrige, so wahr ich Albert Erich Wendel heiße!«
Der blonde Hüne, den Panamahut weit ins Genick geschoben, drückte sich durch den Torspalt und schritt furchtlos der heranrückenden Menschenmauer entgegen. Soweit das Auge reichte, nichts als dunkle Menschenkörper, wollige Negerköpfe. Im Nu bildete sich um Wendel ein weiter Halbkreis bewaffneter Gestalten. Die Hintenstehenden drängten nach, neugierig, was der weiße Baas (Herr) ihnen wohl zu sagen hätte, der jetzt so gebieterisch den Arm ausstreckte. So kam es, daß der Kreis um den deutschen Riesen sich immer enger schloß.
Und nun begann der unerschrockene Millionär mit einer Stimme, die weithin über die glänzenden, schwarzen Gesichter schallte:
»Boys, ich warne Euch! Kehrt an eure Arbeit zurück! Ihr wißt nicht, wie wir euch empfangen werden, wenn ihr wagen solltet, eure unverständliche Wut an unserem Eigentum auszulassen.«
Er sprach in jenem mit holländischen Brocken vermischten Englisch, wie es in Transvaal von jedem Nigger verstanden wird.
»Boys!« fuhr er fort, »wißt ihr, was Maschinengewehre sind?! Ihr habt – oder wenigstens meine Arbeiter – die blanken Kanonen in meinem Schuppen stehen sehen! Bevor auch nur einer von euch meine Umzäunung erklettert hätte, würden hunderte von euch niedergeknallt sein, wie die Springböcke bei der Treibjagd! Boys! Denkt an die Maschinengewehre! Macht kehrt und haltet Frieden! Das rate ich euch wohlmeinend, ich, der weiße Baas, der stets verstanden hat mit seinen Leuten auf friedlichem Fuße zu leben!«
Ein Murren, wie ein Windstoß, der durch Tannenwälder fährt, anzuhören, erhob sich.
»Boys, wenn ihr mir nicht glaubt, schickt eine Zahl von euch in meinen Hof, damit sie sich die blanken, eisernen Menschenfresser ansehen können. Ich will nichts, als –«
Albert Wendel sollte in diesem Leben kein beruhigendes Wort mehr an diese blutdürstige, zur Rachsucht aufgestachelte Masse richten.
Ein Basutospeer mit breiter Spitze war weit hinten aus der Masse von geübter Hand geschleudert worden und fuhr ihm von oben wie ein Blitzstrahl in die Brust. Die Wucht der gut zwei ein halb Meter langen Lanze war so groß, daß er taumelnd hintenüberschlug. Der Hut fiel ihm vom Kopf, rollte seitwärts. Vergebens suchte der riesige Körper sich wieder aufzurichten.
Pareawitt, der Oberingenieur, und drei weiße Angestellte brachten blitzschnell den Schwerverwundete zurück in den Schutz des hohen Zaunes.
»Verfl… heimtückische Bande, das sollt ihr mir bezahlen!« knurrte Pareawitt und rief den Leuten, die bei den Maschinengewehren standen, einige Worte zu.
Man hatte den Baas, dem der Speer sofort aus der Brust gezogen war, auf ein Brett gelegt und trug ihn so nach dem Krankenzimmer des Verwaltungsgebäudes. Ein schauriges Glockengeläut begleitete den traurigen Zug – die blitzschnell aufeinander folgenden Schüsse der stählernen Menschenfresser! – Tack, Tack, Tack, so ging’s unaufhörlich, unaufhörlich.
Und jetzt draußen ein Gebrüll wahnsinniger Angst. Die Schüsse, so niedrig gezielt, daß sie nur die Beine der Schwarzen trafen, ernüchterten die angriffslustigen Nigger im Handumdrehen. Schreiend, tobend, einander niederstoßend, nur um schneller aus dieser Hölle fortzukommen, zerstreuten sich die Tausende, fluteten zurück.
In dem Krankenzimmer lag der von dem Arzt der Barbu-Mine schnell verbundene deutsche Baas und rang mit dem Tode.
Mit erlöschender Stimme hauchte er jetzt:
»Lesen Sie vor, Pelletan, was Sie geschrieben haben. – Es eilt, ich fühl’s –«
Und der Buchhalter las:
»Kimberley, den 16. Mai 19…
In dem Bewußtsein, daß der Tod mir nahe ist, diktierte ich in Gegenwart von drei Zeugen, die diese Urkunde mit unterzeichnen werden, meinen letzten Willen.
Ich setze zu meinem Erben den nächsten meiner Verwandten ein, gleichgültig, wie alt dieser ist, ob Mann oder Weib. Es leben Verwandte von mir in Deutschland und zwar in Danzig. Seit zwanzig Jahren habe ich nichts von ihnen gehört. Mein Testamentsvollstrecker wird meine Erben zu finden wissen.
Der, der für die Erfüllung meines letzten Willens sorgen wird, ist mein Oberingenieur Hektor Edward Pareawitt. Er soll meine Besitzungen sämtlich verkaufen. Für seine Mühewaltung erhält er 5000 Sterling.
Falls meine Verwandten sämtlich vor mir gestorben sein sollten, fällt mein Vermögen, das ich auf drei Millionen nach deutschem Gelde schätze, an das deutsche Reich, mit der Bestimmung, daß die Zinsen im Interesse meines alten Vaterlandes verwendet werden.
Unter allen Umständen sind an meine Beamten und Arbeiter Legate auszuzahlen in der Weise, daß jeder ein volles Jahresgehalt erhält.
Dieses Testament ist bei dem deutschen Generalkonsul in Kapstadt niederzulegen, den ich bitte, meinen Vertrauten Pareawitt nach Möglichkeit zu unterstützen.«
Pelletan schwieg.
»Gut so,« erklärte der Sterbende mit letzter Kraft. »Eine Feder –«
Pareawitt stützte ihn, als er unterschrieb.
Es war die höchste Zeit gewesen. Mit einem dumpfen Ächzen sank Albert Wendel zurück. Seine Finger schlossen und öffneten sich krampfhaft. Dann ging’s wie ein Ruck durch den massigen Leib.
»Das Ende,« sagte der Arzt leise.
Pareawitt zerdrücke eine Träne.
Der Buchhalter Pelletan aber murmelte unhörbar vor sich hin »Merken wir’s uns! In Danzig!«
2. Kapitel
Das graue Gespenst
Inhaltsverzeichnis
Drei Monate nach diesen Ereignissen finden wir Hektor Edward Pareawitt in der Hauptstadt des Deutschen Reiches und zwar bei dem Inhaber des Detektivbureaus »Argus« wieder.
»Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Pareawitt?«
Der Oberingenieur, der die schlanke Figur und das markante Gesicht des berühmtesten Detektivs Berlins mit wohlgefälligen Blicken gemustert hatte, sagte mit leichter Verbeugung:
»Sie sind mir durch einen Freund, der hier in Berlin wohnt, empfohlen worden, Mr. Schaper. Man rühmt Ihnen ganz ungewöhnliche Fähigkeiten als Detektiv nach. Als Einleitung will ich Ihnen eine kleine Episode aus dem Minenleben Südafrikas erzählen.«
Der Oberingenieur berichtete nun ausführlich über Albert Wendels trauriges Ende und fügte dann hinzu:
»Nach dem prunkvollen Begräbnis meines Herrn und Freundes wurde vom Gericht eine Kommission von drei Vertrauensmännern eingesetzt, die den Besitz Albert Wendels, dessen Wunsch entsprechend, zu Geld machen sollten. Zu dieser Kommission gehörte auch der erste Buchhalter der Barbu-Mine, ein Mann namens Charles Pelletan. Dieser Pelletan, ein Franzose, hat nun die auf ihn gesetzten Hoffnungen, daß er infolge seiner Geschäftstüchtigkeit sich recht nützlich erweisen würde, schwer getäuscht, indem er bald nach meiner Abreise versuchte, allerlei Vermögenswerte der Erbschaftsmasse beiseite zu schaffen. Sein Raub konnte ihm noch rechtzeitig abgejagt werden. Er selbst entfloh. Die von der Polizei sofort aufgenommene Verfolgung blieb resultatlos. All diese Dinge meldete man mir gestern erst durch eine Depesche. Infolgedessen sehe ich mich genötigt, meinen Aufenthalt hier in Deutschland abzukürzen.«
Pareawitt machte eine kurze Pause.
»Was mich nach Deutschland geführt hat,« begann er dann wieder, »werden Sie bereits ahnen, Mr. Schaper. Ich wollte hier den Erben Albert Wendels ausfindig machen. Mein verstorbener Chef hatte in dem kurz vor seinem Tode errichteten Testament über seine Verwandten nur angegeben, daß diese seiner Zeit in Danzig gelebt hätten. Mir selbst war über diesen Punkt, aus gelegentlichen Gesprächen mit Wendel, der mir stets sein vollstes Vertrauen geschenkt hat, noch einiges andere bekannt. Fraglos ist Albert Wendel vor nunmehr einundzwanzig Jahren nach Südafrika irgend einer dunklen Geschichte wegen ausgewandert. Was ihn aus der Heimat vertrieben hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Andeutungen, die er mir gegenüber machte, ließen jedoch, soweit ich daraus kombinieren konnte, darauf schließen, daß ein Bruder von ihm hierbei irgend eine Rolle spielte, ferner eine Liebesaffäre, die ihn dann auch zu dem ausgesprochenen Weiberfeind werden ließ, als der er in Kimberley bekannt war. – Gleich nach seinem Ableben hatte ich mich nun mit einer hiesigen Annoncenexpedition in Verbindung gesetzt und in fast sämtliche deutschen Zeitungen einen Aufruf einrücken lassen, in dem Verwandte des vor Jahren nach Afrika ausgewanderten Albert Erich Wendel ersucht wurden, sich beim Generalkonsul in Berlin in einer wichtigen Angelegenheit zu melden.«
»Und auf Ihren Aufruf hin hat sich niemand gemeldet?« fragte der Detektiv, um die Unterredung nicht zu sehr in die Länge zu ziehen.
»Niemand – leider. Und dabei habe ich einen ganzen Monat täglich die Annonce bringen lassen, was eine nette Summe Geldes kostete.«
»Mit einem Wort, auf diese Weise kommen Sie nicht ans Ziel, Mr. Pareawitt, und nun soll ich helfen,« sagte der Detektiv offen.
»Stimmt! Ich habe Ihnen schon alles mitgebracht, was nötig ist. Hier sind Abschriften der bei Albert Wendel gefundenen Legitimationspapiere, ein paar photographische Gruppenaufnahmen, die aus seiner Jugendzeit stammen und auf denen er mit abgebildet ist, sowie zwei Briefe, vergilbt und befleckt, die in der gleichen Mappe mit den Legitimationen lagen. Mehr Material vermag ich Ihnen nicht zu liefern. Sehen Sie zu, was Sie damit ausrichten.«
»Danke. Es wird wohl genügen,« meinte Schaper, indem er die Sachen, die Pareawitt ihm reichte, auf den Schreibtisch legte. »Und was gedenken Sie selbst zu tun?« fragte er sodann.
»Ich kehren mit dem nächsten Dampfer nach Südafrika zurück, wo ich, wie gesagt, dringend zu tun habe, nachdem Pelletan das Weite gesucht hat. Damit wäre das Geschäftliche erledigt,« meinte der Oberingenieur etwas zögernd. »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, möchte ich nun noch gern eine Auskunft von Ihnen haben, und zwar hinsichtlich jenes Sensationsfalles, den die Presse der ganzen Welt unter dem Titel »Die Mumie der Königin Semenostris« behandelte.«
»Bitte – fragen Sie nur,« sagte Schaper liebenswürdig, obwohl er wußte, daß draußen im Vorzimmer noch ein halbes Dutzend Klienten wartete.
»Dank’ Ihnen! – Dann also – jener Amerikaner, den man zu den eigenartigsten Verbrechertypen der modernen Zeit rechnen muß, starb durch Gift, nicht wahr? Und weiter, hatte er eigentlich irgend welche Anverwandten, die sich nach seinem Tode meldeten?«
»Ihre erste Frage kann ich bejahen. Der Mann endete durch ein Gift, das der Wissenschaft bisher unbekannt war. In seinem Nachlaß fand ich am Morgen nach seinem Tode eine Art Testament, in dem er die Behörden im Falle seines plötzlichen Endes bat, sofort einen gewissen Thomas Shepperley von seinem Hinscheiden zu benachrichtigen. Dieser Shepperley wohnte seit einiger Zeit in Berlin, legitimierte sich als alter Freund des Amerikaners und erhielt dessen Leiche nach deren Freigabe durch die Polizei zur Beerdigung ausgehändigt. Der Tote wurde dann in aller Stille auf dem Kirchhof der Berliner Fremdenkolonie beigesetzt. Sonst hat sich niemand um den grauenvollen Menschen gekümmert, der ohne Zweifel ein hochbegabter Chemiker von immensem Wissen gewesen sein und über Kenntnisse verfügt haben muß, die unseren Gelehrten noch ein Buch mit sieben Siegeln sind.«
Pareawitt nickte nachdenklich mit dem Kopf.
»Ja, ein merkwürdiges Genie war es wirklich, das muß man sagen! Ich habe mich wahrhaftig nie um Kriminalfälle gekümmert; aber diese Sache, die jetzt ein reichliches halbes Jahr zurückliegt, haftet noch ganz genau in meinem Gedächtnis. Nur der Ausgang des Dramas war mir entfallen. – So, nun vielen Dank. Leben Sie wohl, Mr. Schaper. Und – wenn Sie eine Spur von dem Erben entdecken sollten, geben Sie mir telegraphisch Nachricht.«
* * *
Nachdem der Detektiv dann die übrigen Klienten abgefertigt hatte, nahm er ein Kursbuch zur Hand und suchte sich den passendsten Zug nach Danzig heraus. Sodann klingelte er nach seinem Bureauvorsteher.
»Lemke, ich fahre heute abend 10 Uhr 58 Minuten nach Danzig,« sagte er seinem treuen Mitarbeiter Bescheid. »Es liegt eine ziemlich »fette« Sache vor – Millionenerben werden gesucht. Da möchte ich persönlich die nötigen Nachforschungen anstellen.«
Lemke nickte. »Die übrige Arbeit, die wir augenblicklich haben, ist ja auch nichts Aufregendes. Alles Durchschnittssachen,« meinte er. »Damit werden schon unsere Leute fertig. Nur – hm, ja –«
»Nur –? Was wollen Sie mit diesem Wörtchen sagen? – Zieren Sie sich nicht! Heraus mit der Sprache!«
»Der Brief, der gestern eintraf, Herr Schaper, an den denke ich. Sie scheinen das –«
»Donner und Doria!« rief der Detektiv temperamentvoll. »Sie haben recht. Das habe ich vergessen. Bringen Sie mir doch einmal den Brief her. Ich will ihn nochmals durchsehen und mich dann entschließen, welche Schritte zunächst zu tun sind.«
Schaper, der den gestern eingetroffenen Brief nur flüchtig durchgesehen hatte, da wichtigere Dinge ihn gerade beschäftigten, las jetzt in Ruhe das in mehrfacher Beziehung recht merkwürdige Schreiben nochmals Wort für Wort. Die Handschrift zeigte keine Besonderheiten, war vielmehr etwas unbeholfen, fast kindlich.
Der Inhalt lautete folgendermaßen:
Gauben i. Pommern, den 8. August 19…
Bevor ich Ihnen, geehrter Herr Schaper, die Einzelheiten des Falles, den ich Ihrer Findigkeit anvertrauen möchte, mitteile, muß ich Ihnen offen bekennen, daß ich in den bescheidensten Vermögensverhältnissen lebe und nur ein geringes Honorar, etwa 300 Mark, zahlen könnte. Ich schicke dies voraus, damit Sie auch in dieser Hinsicht genau informiert sind und mir nicht den Vorwurf machen können, Ihnen dies verheimlicht zu haben. Ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar. Sollten Sie daher für die angegebene Summe die Sache nicht erledigen können, so bitte ich diesen Brief zu verbrennen. Erhalte ich in einer Woche keine Nachricht, so entnehme ich daraus, daß Sie diesen Auftrag ablehnen. Jedenfalls aber müßte ich darauf bestehen, daß Sie persönlich meine Angelegenheit in die Hand nehmen, da ich der festen Überzeugung bin, daß eine Hilfskraft Ihres Instituts, und sei es die tüchtigste, hier nicht ausreicht.
Nun kurz den Sachverhalt. Vor einem halben Jahre etwa mietete ich von dem Kaufmann Wernicke, Gauben, die in der Nähe dieses Städtchens liegende sogenannte Mönchsabtei, ein altes, in einem Garten gelegenes Gebäude, in dem früher Karthäuser Mönche gehaust haben sollen. Ich bin ein alter Mann, dem das Leben übel mitgespielt hat und der hier fern dem Getriebe der Welt, die mich nur enttäuscht hat, seine Tage beschließen wollte. Ein langjähriger Diener teilt meine Einsamkeit, nebenbei ein Mann, der mein vollstes Vertrauen verdient und auf den keine Spur von Verdacht fallen kann, daß er etwa bei den rätselhaften Vorgängen, die Sie sofort hören werden, irgendwie mitbeteiligt ist. – Meine Hoffnung, hier in der Mönchsabtei in Ruhe und Frieden leben zu können, hat sich leider nicht bestätigt. Gleich nach meinem Einzug, in der zweiten Woche des Februar, stürzte mein Diener schreckensbleich eines Abends in mein Arbeitszimmer. Nach vieler Mühe erst brachte ich den vor Angst halb Bewußtlosen zum Reden. Er erzählte mir dann folgendes, und die späteren Vorfälle haben gezeigt, daß er leider nicht phantasierte, sondern seine Schilderung auf voller Wahrheit beruhte. Er war gegen neun Uhr noch ein wenig im Garten auf und abgegangen, da das milde, prächtige Wetter geradezu zum längeren Aufenthalt im Freien verlockte. Auf seiner Promenade hatte er sich ganz absichtslos auch in die Nähe der sogenannten Prior-Kapelle begeben, die abseits von dem Hauptgebäude steht und fraglos früher einmal tatsächlich zur Abhaltung von Gottesdiensten genutzt worden ist, worauf sowohl die Form als auch die Innenausschmückung der jetzt halbzerfallenen und von Efeu überwucherten kleinen Baulichkeit schließen läßt. Hier war es, wo mein treuer Hartung plötzlich einer grauen Gestalt ansichtig wurde, die mit langschleppenden Gewändern aus einer Seitenallee hervorkam und langsam auf die Kapelle zuschritt. Hartung, ein Mann in den besten Jahren, dabei mutig und völlig frei von Aberglauben, rief die Erscheinung an und näherte sich ihr gleichzeitig, wobei ihn jedoch plötzlich ein so starkes Gefühl des Grauens überkam, daß er es nicht wagte, direkt auf die wie ein Schatten lautlos dahingleitende Gestalt loszuspringen. Jedenfalls blieb sein Anruf ohne Erfolg, und der Unbekannte – falls es sich eben um einen Menschen handelt, verschwand in der längst aus den Angeln gefallenen Tür der Prior-Kapelle. Inzwischen hatte mein Diener seine Anwandlung von Furcht überwunden und drang nun, indem er einen am Boden liegenden Spaten als Waffe aufgriff, und das Flämmchen seines Taschenfeuerzeugs als Leuchte benutzte unerschrocken in die Ruine ein. Im Innern fand er einige trockene Zweige, die er schnell zu einer primitiven Fackel vereinte, bei deren Licht er die Kapelle gründlich durchsuchte. Diese besteht aus zwei Räumen. Durch die Tür gelangt man in die eigentliche Kapelle, die vielleicht sechs Meter lang und vier Meter breit ist. An der gegenüberliegenden Wand führt ein schmales Pförtchen in einen Anbau, eine Art Sakristei, die jetzt ebenso leer ist wie der Hauptraum und in der ebenfalls nur Ratten, Mäuse und Spinnen ihr Wesen treiben. Einen zweiten Ausgang gibt es nicht, worauf ich besonders aufmerksam mache. Die Fenster, zwei Meter über dem zertrümmerten Steinplattenboden gelegen, sind mit noch verhältnismäßig gut erhaltenen Ziergittern versehen.
Hartung entdeckte auch nicht eine Spur von der seltsamen Erscheinung, die in der Kapelle verschwunden war, obwohl er jeden Winkel, fast jede Mauerritze ableuchtete. Nachdenklich, von einem gewissen Unbehagen befangen, wollte er durch die Tür gerade wieder ins Freie hinaustreten, als eine unsichtbare Hand ihm die noch brennenden und inzwischen ergänzten Zweige aus der Hand riß und in die dünne, winterliche Schneedecke des Gartens schleuderte. Hartung, der augenblicklich herumfuhr um den Attentäter, den er hinter sich vermutete, zu erwischen, sah und hörte nichts. Totenstill lag der Innenraum der Kapelle da. Kein Wunder, daß meinen Diener unter diesen Umständen abergläubische Angst packte und er wie ein von Furien Gejagter davonstürzte. In diesem Zustande langte er in meinem Zimmer an.
Ich will Ihre Zeit nicht durch weitschweifige Ausführungen in Anspruch nehmen. Ich selbst habe die Erscheinung in den inzwischen verflossenen Monaten nicht weniger als acht Mal gesehen, sie angerufen und bin ihr ebenfalls in die Prior-Kapelle gefolgt. Stets tauchte sie in jener Allee auf, die von Lebensbäumen eingerahmt ist und an deren einer Seite sich ein altes Grabmal mit einer mächtigen Steinplatte darauf befindet. Die Natur dieses grauen, bis zum Kopf in wallende Tücher gehüllten Geschöpfes zu ergründen, ist mir nicht gelungen. Nur ein Mal sah ich etwas von dem Gesicht dieses – sagen wir ruhig – Gespenstes. Ein blasses, bartloses Antlitz, anscheinend das eines Mannes, war’s. Und ein andermal wieder, an jenem Abend, als ich mir den Besitzer der Mönchsabtei, den Kaufmann Wernicke, gleichsam als Zeugen eingeladen hatte, damit er sich von der Wahrheit meiner Angaben vergewissere, wagte ich es, der Erscheinung sogar den Weg zu vertreten. Da es eine stockdunkle Nacht war, hatte ich mir eine helleuchtende Acetylenlaterne mitgenommen. Und was geschah?! Mit einer geradezu hoheitsvollen Gebärde streckte das Gespenst mir den Arm entgegen. Meine Füße waren in demselben Moment wie gelähmt, die Laterne verlöschte ohne jede äußere Ursache, und – ruhig schritt »der Graue« , wie wir den unheimlichen Wanderer längst getauft haben, in die Kapelle hinein.
So stehen hier die Sachen. Wernicke, der sein Anwesen gern verkaufen möchte, hat mich flehentlich gebeten, über meine Beobachtungen zu schweigen, da er die Mönchsabtei sonst niemals veräußern kann. Jeder Käufer würde ja durch die Geistererscheinung abgeschreckt werden. Nunmehr hat er darein gewilligt, daß ich Ihnen die unheimliche Geschichte anvertraue. Er will auch die Hälfte der Kosten tragen, was schon sehr viel bedeutet, da der Mann sehr sparsam, fast geizig ist. – Mit einem Wort: Drei einwandfreie Zeugen, nämlich Wernicke, mein Diener und ich, haben die Erscheinung beobachtet. An ihrer Existenz ist mithin nicht zu zweifeln. Und da ich als aufgeklärter Mensch an übernatürliche Dinge nicht glauben kann, anderseits aber eine Erklärung für das Geschaute nicht zu finden vermag, bitte ich Sie der Sache auf den Grund zu gehen.
Hochachtungsvoll
Friedrich Müller,
Privatgelehrter.
»Daß diesen Bericht ein Privatgelehrter verfaßt hat, merkt man,« brummte Fritz Schaper vor sich hin, nachdem er mit der Lektüre fertig war. »Gerade das, worauf es ankommt, fehlt. – Nun, sehen wir zunächst einmal nach, wo dieses Nest mit dem schönen Namen Gauben liegt. Denn – der Fall interessiert mich. Ich rieche förmlich das Außergewöhnliche. In dieser Beziehung habe ich mich noch nie getäuscht.«
Er holte das Kursbuch wieder hervor, schlug die Eisenbahnkarte von Ostdeutschland auf und:
»Holla! Da haben wir’s ja schon. Also an der Bahnlinie Stettin-Danzig, unweit von Stolp, das paßt ja vorzüglich. Die Sache wird gemacht.«
Er klingelte und befahl dem eintretenden Lemke, sofort ein Antwortschreiben für Friedrich Müller aufzusetzen des Inhalts, daß er in den nächsten Tagen in Gauben eintreffen würde.
3. Kapitel
Die gescheiterte Brigg
Inhaltsverzeichnis
Auf die drei furchtbaren Sturmtage mit ihren anhaltenden Regengüssen war endlich wieder ein sonnenklarer Tag gefolgt. Noch grollte die See, warf noch immer den weißen Gischt ihrer sich überstürzenden Wogen bis zu dem hölzernen Bootssteg hinauf, der bei jedem Anprall der Wasserberge zitterte, stöhnte und ächzte wie ein gepeinigtes, gereiztes Tier.
Mit dem Nachlassen des Orkans und unter den scheinbar die Natur zum Frieden mahnenden, besänftigenden Strahlen des heute vom wolkenlosen, blauen Augusthimmel herableuchtenden Tagesgestirns beruhigten sich die aufgepeitschten Wogen zusehends, wurden kleiner, zahmer, sodaß bereits mehrere Boote des holsteinischen Fischerdorfes es gewagt hatten, nach der großen Brigg hinauszurudern, die dort draußen, den Bug hochaufgerichtet und ihrer gesamten Takelage beraubt, auf der etwa fünfhundert Meter vom Strande entfernten Sandbank inmitten der schäumenden Brandung lag, jetzt ein hilfloses Wrack, und vor drei Tagen noch ein schmucker Segler, den erst der verhängnisvolle Sturm in regenfinsterer Nacht aus seinem Kurs gegen die gefährliche Westküste von Holstein getrieben hatte.
Doktor Heinz Gerster, der neben Frau Käti Deprouval auf der Spitze des Bootssteges stand, ließ soeben das Fernglas sinken, mit dem er bis eben nach dem gestrandeten Fahrzeug hinübergeschaut hatte.
»Ein Boot kommt bereits zurück. Da werden wir bald näheres über das Schiff erfahren, gnädige Frau,« sagte er interessiert.
»Ob denn wirklich die ganze Besatzung den Tod in den Wellen gefunden haben mag?« meinte die schlanke, blasse Dame mit ihrer müden, aber selten wohlklingenden Stimme.
»Leider besteht sehr wenig Hoffnung, daß sich auch nur ein einziger von der Bemannung gerettet hat,« erwiderte Doktor Gerster.
Frau Deprouval schauderte wie fröstelnd zusammen.
»Die armen, armen Leute,« sagte sie leise.
Wieder führte jetzt Doktor Gerster sein Fernglas an die Augen.
»Keine dreihundert Meter sind sie noch entfernt,« erklärte er ganz aufgeregt.
Und nach einer Weile:
»Wirklich, ich täusche mich nicht. Sie haben einen sechsten Mann im Boot. Das ist kein Fischer. Vielleicht, nein, was rede ich – bestimmt ist’s einer der Besatzung.«
Immer mehr näherte sich das auf den Wogen auf und abtanzende kleine Fahrzeug dem Stege. Jetzt konnte man schon mit bloßen Augen die Gesichter erkennen.
Da – was bedeutet das? – Wahrhaftig, das Boot wandte plötzlich und kehrte mit schnellen Ruderschlägen zu dem Wrack zurück.
»Begreifen Sie diese hastige Umkehr?« fragte Heinz Gerster, das Fernglas absetzend.
Keine Antwort. Unwillkürlich blickte er auf seine Nachbarin. Weshalb schwieg sie so hartnäckig?
Doktor Gerster fuhr erschreckt zusammen. Ein Blick in Frau Kätis Gesicht klärte ihn auf – denn leichenblaß, die Augen halb geschlossen, lehnte sie schwer, wie mit einer Ohnmacht kämpfend, am Geländer des Steges.
»Käti – Käti, was haben Sie, was fehlt Ihnen?«
Ängstliche Sorge lag im Ton seiner Stimme. Und ganz unbewußt hatte er die vertraute Anrede gebraucht, zu der nichts, nichts ihn berechtigte, die im Gegenteil dieser Frau gegenüber nichts als eine Verletzung der schuldigen Achtung war.
Mit aller Kraft raffte sie sich auf. Und es gelang ihr wirklich, etwas wie ein Lächeln mühsam hervorzuquälen.
»Eine momentane Schwächeanwandlung – nichts weiter,« sagte sie mit leisem Seufzer.
Er hatte vorhin, um sie zu stützen, die Hand um ihre Taille gelegt. So lehnten sie jetzt dicht aneinander, ganz dicht. Keiner von ihnen regte sich, keiner sprach ein weiteres Wort. Und doch fühlten sie nur zu deutlich, wie ein Strom unaussprechlicher Seligkeit von Herz zu Herzen floß, wie ihre Pulse schneller und schneller jagten.
Der Augenblick, den sie beide nach diesen vier Wochen, die sie, nur auf sich angewiesen, in dem kleinen Fischerdorfe verlebt hatten, so sehr fürchteten, war da.
Endlich erwachte sie wie aus einem wunderbaren Traume. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; zaghaft machte sie sich von ihm los und sagte mit ihrer weichen, süßen Stimme:
»Seien wir verständig, mein Freund. Wir wissen, daß wir einander nie angehören können, nie! Und – ich danke Ihnen, Heinz, danke Ihnen aus vollem Herzen dafür, daß Sie diese Minute stillen Selbstvergessens nicht ausgenutzt haben – nicht das taten, was ein wenig ehrenhafter Charakter vielleicht gewagt hätte. Unsere Lippen sind rein geblieben, damit auch unsere Freundschaft. Und die wollen wir uns erhalten – bitte – bitte.«
Mit festem Druck fügten sich ihre Hände ineinander.
Heinz Gersters Kehle war wie zugeschnürt, jeder Nerv bebte an ihm. Alles in ihm bäumte sich auf gegen das Schicksal, das sie trennte, das ihre Wege nie zusammenführen würde, nie.
Da sprach sie schon weiter, gab seinen Gedanken eine andere Richtung:
»Lieber Freund, Sie haben mich schon so oft gebeten, Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen. Vielleicht tue ich’s heute. Kommen Sie nachmittags zu mir in das kleine Gärtchen unter der breitästigen Linde. Sie sollen sehen, daß ich Vertrauen zu Ihnen habe. Das soll mein Dank sein. – Und noch etwas anderes. Bleiben Sie jetzt bitte hier und geben Sie acht, ob wirklich einer der Schiffbrüchigen gerettet ist. Nachher erzählen Sie mir alles, nachher. Auf Wiedersehen.«
Leicht, federnden Schrittes ging sie über die Planken der Bootsbrücke hin. Versonnen schaute Doktor Gerster ihr nach.
Ein tiefer, qualvoller Seufzer entrang sich seiner Brust.
»Warum kann es nicht so sein, warum?« dachte er, mit dem Geschicke hadernd, das ihn gerade hier in dem kleinen Fischerdorfe zufällig das Weib kennenlernen ließ, daß er niemals, niemals vergessen würde.
Frau Käti war inzwischen in die Dünen einbogen, wo im Schatten eines größeren, zur Reparatur an Land geschleppten Kutters neben einem jungen, weiß gekleideten Mädchen ein etwa sechs Jahre alter Knabe im Sande spielte. Der Kleine, eine wahre Ausgeburt von Häßlichkeit, mit einem übergroßen Kopf und krankhaft verzerrten Zügen, streckte beim Anblick der Mutter die dünnen Ärmchen aus und rief mit seiner schrillen, quäkenden Stimme:
»Ricki, Kuchen – Kuchen – Kuchen –«
Unaufhörlich wiederholte er das letzte Wort und zeigte dabei mit einem freudigen Lächeln, das sein mißgestaltetes Antlitz noch mehr verzerrte, auf verschiedene Sandtürmchen, die er mit Hilfe von Holzformen hergestellt hatte.
Bei dieser Begrüßung, die der bedauernswerten Frau so recht wieder die ganze Größe ihres Unglücks vor Augen führte, vermochte Käti Deprouval die heißen Tränen gerade in ihrer jetzigen Stimmung nicht mehr zurückzuhalten.
Wildes Schluchzen ließ ihren zarten Körper wie im Krampf erbeben. Achtlos setzte sie sich nieder, vergrub das tränenfeuchte Gesicht in beide Hände und gab sich ihrem Schmerze zügellos hin.
Das junge Mädchen, die Erzieherin des kleinen Richard, redete ihr tröstend zu. Alles vergeblich. – Schließlich nahm sie mit sanfter Gewalt die Fassungslose in ihre Arme und streichelte ihr beruhigend über das blonde, nur von einem dünnen Schleier verdeckte Haar. Das half. – Langsam versiegten die Tränen, die Hände gaben das feine Gesichtchen frei.
»Aber liebe, liebe Frau Deprouval, woher nur wieder dieser Anfall wilder Verzweiflung?« sagte Rita Meinas leise und nahm Kätis Hände tröstend in die ihren.
Frau Käti nickte traurig vor sich hin.
»Wenn Sie wüßten,« sagte sie leise und preßte die Finger des jungen Mädchens mit fast schmerzhaftem Druck. »Oh dieses Entsetzen, wenn so plötzlich die Vergangenheit vor einem wieder auftaucht, wenn Erinnerungen wachwerden, die mich mit Abscheu und Grauen erfüllen –«
Und plötzlich, ganz unvermittelt, sprang sie dann auf und sagte hastig:
»Kommen Sie, Rita, wir wollen gehen. Es ist zu heiß hier am Strande.«
In demselben Augenblick näherte sich wieder eines der Fischerboote, die nach der Brigg hinausgefahren waren, dem Stege. Fluchtartig eilte Frau Käti davon, indem sie ihr unglückliches, schwachsinniges Kind mit sich zog.
* * *
Heinz Gerster hatte den alten Fischer Iversen bei Seite genommen und suchte von ihm zu erfahren, weswegen sie so plötzlich wieder umgekehrt und nach dem gestrandeten Fahrzeug zurückgerudert waren.
»Ja, sehen Sie, Herr Doktor,« sagte der Alte, »das war nu ’ne dolle Sach’. Also, wir fanden da drüben an Bord einen einzigen Mann, einen Passagier der »Karola« . So heißt nämlich die Brigg. Die andern, ja, die hat alle die See verschlungen – alle. Die Leichen werden wohl bald an den Strand getrieben werden. Aber ob grad’ hier bei uns, ist fraglich. Der Mann von der »Karola« packte denn nu seinen Koffer in unser Boot, und wir stießen ab. Mit ’en Mal, dicht an ’en Bootssteg, bückt er sich und sagt so recht barsch: »Augenblicklich umkehren. Ich hab’ was vergessen. Zehn Mark gibt’s, wenn Ihr Euch beeilt.« – Na, zehn Mark!! Wir taten’s. Dann kletterte er wieder allein auf die »Karola« zurück. Wir warten und warten. Er kommt nicht wieder. Und dann steckt er plötzlich den Kopf über die Reling und ruft »Achtung!« und dann ist er auch schon unten im Boot. – Was, denken Sie, hat er geholt? Eines der Schiffsfernrohre, Herr Doktor! Ne komische Sach’, nicht wahr?! Und, während wir dann an Land paddeln, läßt er das Glas nicht von den Augen, sucht damit immer den Strand ab.
»Einsame Küste hier,« meint er zu mir.
»Freilich, Herr. Auf zehn Meilen ist unser Dorf das einzige,« sag ich.
»Habt Ihr auch Badegäste?« fragt er nach ’ner Weile.
»Waren gegen hundert hier, sind aber schon wieder weg,« sag ich zu ihm. »Nur vier haben bis jetzt ausgehalten,« setzt’ ich hinzu.
»So. Wohl Herren alles?« fragt er wieder.
»Nee – das gerade nich. Eine Münchner Dame mit ihrem Kinde und eine Erzieherin und der Doktor Gerster,« geb’ ich zur Antwort.
Da wurde er ganz still. Und mit einem Mal verlangt er, wir sollen ihn nicht am Bootssteg, sondern weiter unten am Strand absetzen.
Nu, wir taten ihm den Gefallen. Und dann mußte ihm Johann Petersen gleich einen Wagen bestellen. Er wollte sofort nach Schülp zum Herrn Landrat fahren, dem er wichtiges mitzuteilen habe. Nachher würd’ er denn zurückkommen und dem Gemeindevorsteher seine Aussage zu Protokoll geben, nämlich über die Strandung. Das muß so sein, Herr Doktor. Seinen Koffer ließ er hier. Und dann fuhr er mit des Kreuzwirts Wagen davon. Abends sei er wieder zurück, sagt er noch.«
Heinz Gerster schlenderte darauf sehr nachdenklich seiner Sommerwohnung zu, die er bei dem Pfarrer des Dorfes gemietet hatte.
Nach dem Mittagessen legte er sich in dem schattigen Garten in seine Hängematte und versuchte die Zeit bis zum Kaffee zu verschlafen.
Endlich konnte er sich auf den Weg zu der Frau Käti Deprouval machen.
Er fand das Nest leer.
»Plötzlich abgereist,« sagte ihr Wirt achselzuckend. »Hier – diesen Brief soll ich Ihnen geben, Herr Doktor.«
Heinz Gerster riß den Umschlag auf und las – las – –
»Lieber Freund!
In unser beider Interesse halte ich es für das Beste, ohne langen Abschied von Ihnen zu gehen. Suchen Sie mich zu vergessen! Es muß sein. Und – nochmals danke ich Ihnen für alles das, was Sie mir gegeben haben durch Ihre zarte, vornehme Aufmerksamkeit, Ihre sorgende Freundschaft.
Leben Sie wohl! Auf ewig!
K. D.«
Heinz Gerster atmete schwer. Ihn fröstelte plötzlich. Und dann eilte er seinem Heime zu. Ohne rechts oder links zu blicken schritt er hastig dahin. Käti hatte recht. Er mußte vergessen! – Sie war ja nicht frei, hatte einen Gatten, ein Kind! Und dies Vergessen sollte ihm seine Arbeit bringen. Schon so oft war diese seine beste Trösterin gewesen.
4. Kapitel
Die Spur des Anderen
Inhaltsverzeichnis
Fritz Schaper hatte seinen Entschluß, sofort nach Danzig zu fahren, ausgeführt. Angelangt, frühstückte er zunächst auf dem Bahnhof, brachte seinen äußeren Menschen in Ordnung und begab sich dann sofort auf das Einwohnermeldeamt, wo er erfuhr, daß Albert Wendel einen Bruder gehabt habe, der vor sieben Jahren unter Zurücklassung eines einzigen Kindes, einer Tochter, gestorben sei. Diese Tochter habe inzwischen Danzig verlassen. Ihr neuer Wohnsitz sei unbekannt. Weitere Verwandte besitze der verstorbene Minenbesitzer offenbar nicht, meinte der Beamte, mit dem der Detektiv verhandelte.
Schaper bedankte sich für die freundliche Auskunft und wollte schon das Büro verlassen, als der gefällige Herr ihn nochmals heranwinkte.
»Sie sind jetzt der zweite, der sich nach der Familie Wendel erkundigt,« sagte er mit schlauem Augenzwinkern. »Das hängt wohl mit dem Aufruf zusammen, der in den Zeitungen stand, nicht wahr?«
»Der Zweite?« meinte Schaper mit schnell erwachtem Argwohn. »Ich weiß nur, daß der Bevollmächtigte jenes Albert Wendel hier in Danzig telegraphisch nach Verwandten des Verstorbenen angefragt hat.«
»Gestern war schon ein Herr hier,« erklärte der Beamte wichtig. »Er fragte genau dasselbe wie Sie. Nur legitimiert hat er sich nicht. Er sagte, er sei ein Freund des Minenbesitzers. – Nicht wahr, Herr Schaper, hier spielt wohl einen Erbschaft mit? In dem Aufruf stand ja nichts davon. Aber – man kombiniert sich doch so allerlei zusammen.«
»Ich vermag Ihnen über diesen Punkt nichts bestimmtes anzugeben,« erwiderte der Detektiv vorsichtig. »Ich habe nur den Auftrag erhalten in der Form, wie ich es Ihnen mitteilte, d. h. ich soll feststellen, wer noch von der Familie Wendel lebt. Alles andere geht mich auch nichts an.«
Eine Viertelstunde später schickte Fritz Schaper dem Vorsteher des Standesamtes seine Karte hinein. Worauf er sofort vorgelassen wurde. Und hier bekam er schon genaueren Aufschluß.
Der Holzkaufmann Markus Albert Erich Wendel hatte zwei Söhne gehabt. Der Ältere, Albert Erich Wendel, war unvermählt geblieben. Der Jüngere, Markus Gottlieb Wendel, hatte sich im Jahre 1892 verheiratet. Aus dieser Ehe war nur eine Tochter entsprossen, die am 2. Februar 1893 geborene Charlotte Marie Gertrud Wendel. Markus Wendel jun. hatte zuletzt Breitgasse Nr. 14 gewohnt und war dort auch verstorben.
Schaper notierte sich all dies genau. Dann wandte er sich noch mit einer letzten Frage an den Standesbeamten.
»War gestern vielleicht schon jemand hier, der sich ebenfalls nach der Familie, die mich so sehr interessiert, erkundigte?«
»Allerdings. Der Betreffende stellte sich als alter Freund des Minenbesitzers vor und erklärte, er wolle den Angehörigen des Verblichenen dessen letzte Grüße übermitteln.«
Schaper war über diese Antwort nicht weiter erstaunt. Er hatte sie eigentlich vorausgesehen. Also verfolgte noch ein jemand anderes dasselbe Ziel wie er. Wer konnte dies aber sein? Fraglos doch niemand, der von dem Oberingenieur Pareawitt beauftragt war?! – Der Detektiv überlegte. Er mußte klarsehen.
»Würden Sie so liebenswürdig sein und mir den Herrn beschreiben,« bat er den Beamten.
»Aber gern, Herr Schaper,« beeilte sich der Standesbeamte zu erwidern. »Der Betreffende war etwa fünfunddreißig Jahre alt, hatte ein frisches, gebräuntes Gesicht, kleines, dunkelblondes Bärtchen und noch dunkleres, gescheiteltes Haar, schmale, feingeformte Nase – und das fiel mir auf – selten schmale, zarte Hände.«
»Irgend ein besonderes Kennzeichen merkten Sie nicht?« forschte Schaper weiter, indem er alles in sein Notizbüchlein eintrug.
Der Gefragte zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, ob’s Ihnen wichtig erscheint, Herr Schaper. Jedenfalls hatte der Herr auf dem – ja, es war der linke – also auf dem linken oberen Eckzahn eine Goldkrone, die beim Sprechen deutlich sichtbar wird.« –
Der Detektiv winkte, als er sich wieder auf der Straße befand, eine gerade vorüberfahrende Taxameterdroschke heran und rief dem Kutscher die Adresse zu, die er vorhin von dem Standesbeamten erfahren hatte.
Das Haus Breitegasse Nr. 14 war eines jener alten, schmalen Häuser, deren eigenartiger Baustil in der Architektur direkt mit »Danziger Patrizier-Form« bezeichnet wird.
Der Besitzer, ein pensionierter Steuerrat, bewohnte die Hochparterre-Gelegenheit. Fritz Schaper hatte Glück. Der alte Herr, ein redseliger Junggeselle, war zu Hause. Auch ihm gegenüber wies sich der Detektiv durch seine Papiere aus, worauf der Steuerrat ihn höflich zum Platznehmen einlud.
»Dürfte ich einige Fragen an Sie richten, Herr Rat?« begann Schaper die Unterredung.
»Bitte. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«
»Wie lange sind Sie schon Besitzer dieses Hauses?«
»Seit achtzehn Jahren.«
Schaper atmete auf. Hier befand er sich also an der richtigen Quelle. Mit wenigen Worten brachte er nun sein Anliegen vor.
Der alte Herr nickte freundlich.
»Was ich weiß, sollen Sie erfahren. – Die Wendels sind eine alteingesessene Danziger Familie und gehörten früher mit zu den reichsten der Danziger Patrizier-Geschlechter. Vielleicht ist Ihnen das in die Mauer eingelassene Schild über der Haustür in die Augen gefallen. Es ist ein Wappen, das der Familie Wendel, die als eine der wenigen Danziger Familien zur Führung eines solchen berechtigt ist. Mit Markus Wendel, dem Vater der »feindlichen Brüder« , – Sie werden bald verstehen, weshalb ich diesen Ausdruck gebrauche, – begann der Niedergang des Geschlechts. Die Wendels bewohnten damals noch dieses ganze Haus. Ihre Gastfreundlichkeit war berühmt, nicht minder ihre an Verschwendungssucht grenzende üppige Lebensweise. Doch dann, mit einem Wort: Das Holzgeschäft, das bis dahin glänzend gegangen war, verkrachte plötzlich, und die Wendels standen buchstäblich vor dem Nichts. Hätten nicht gute Freunde sie unterstützt, so wären sie ganz untergegangen, obwohl die beiden erwachsenen Söhne den Eltern nach Möglichkeit halfen. Doch die beiden alten Wendels überlebten den Schicksalsschlag nicht lange. Es kann so um das Jahr 1890 gewesen sein, als sie kurz hintereinander starben. – Ich muß an dieser Stelle nachholen, daß die beiden Brüder, die nicht sehr gut miteinander standen, in demselben Geschäft, einer Zuckerexportfirma, tätig waren. Wie es leider schon öfter geschehen ist, wollte es ein unglücklicher Zufall, daß sie sich bald nach dem Tode der Eltern in dasselbe junge Mädchen verliebten, eine ziemlich begüterte Waise, die jedoch lange schwankte, wem von ihren beiden so nahe verwandten Verehrern sie den Vorzug geben sollte. Da passierte plötzlich eine Geschichte, die wohl nie völlig aufgeklärt werden wird, zumal inzwischen mehr denn zwanzig Jahre verstrichen sind. Bei der Zuckerfirma, die die Brüder als Korrespondenten beschäftigte, wurde eines Tages eine größere Geldsumme aus dem zufällig offenstehenden Geldschrank gestohlen. Der Verdacht der Täterschaft lenkte sich auf den Älteren, auf Albert Wendel. Er wurde auch verhaftet, mußte aber bald wieder aus Mangel an Beweisen freigelassen werden. Albert Wendel zog aus diesen Ereignissen die einzig richtige Konsequenz, als er merkte, daß alle Welt ihm aus dem Wege ging: er wanderte aus. Lange Jahre hat niemand etwas von ihm gehört. Erst durch den Aufruf in den Zeitungen erfuhren die Danziger, daß ihr Landsmann nach Südafrika gegangen war. – Vor der Abreise des älteren Wendel soll es zwischen den Brüdern zu einer erregten Aussprache, beinahe zu Tätlichkeiten, gekommen sein. Es wird erzählt, Albert habe seinem Bruder Markus geradezu vorgeworfen, selbst den Diebstahl begangen und nur deswegen den Verdacht auf ihn gelenkt zu haben, um ihm das Herz des von beiden umworbenen Mädchens abspenstig zu machen.«
»Eine Zwischenfrage, Herr Steuerrat,« unterbrach der Detektiv den liebenswürdigen Alten. »Hat diese Aussprache denn einen Zeugen gehabt?«
»Bestimmt weiß ich das nicht. Die Wendels hatten eine Haushälterin, und die soll die Streitenden, als der Lärm ihr zu groß wurde, getrennt und – vorher wohl so ein wenig gelauscht haben.«
»Lebt die Frau noch?« meinte Schaper interessiert.
»Ja. Im städtischen Altenheim. Sie ist inzwischen ein steinaltes Mütterchen geworden, dabei aber geistig und körperlich noch recht rüstig. Helene Anton heißt sie. Ich kenne sie persönlich, da ich ja von dem jüngeren Wendel später dieses Haus kaufte und sie ihm damals noch die Wirtschaft führte.«
»Danke, Herr Steuerrat. Das Weitere reime ich mir schon selbst zusammen. Markus Wendel heiratete die junge Dame, und beider Kind ist Charlotte Wendel.«
Der alte Herr lächelte. »Na, so alles wissen Sie doch noch nicht, Herr Schaper. Über Markus Wendel ist nämlich noch so manches zu berichten.«
Und nach einer kleinen Pause begann er wieder: »Den jungen Eheleuten, hauptsächlich aber wohl der Ehemann, gefielen sich nicht mehr in diesem alten Hause;« begann er wieder. »Sie zogen nach Neugarten in einen der modernen Prachtbauten, während ich das Wendelsche Palais, wie die Danziger es großartig nennen, erwarb. Die Ehe der Wendels war keine glückliche. Bald drang so allerlei an die Öffentlichkeit, was auf den jüngeren Wendel kein gutes Licht warf. Er spielte, trieb sich in allerlei fragwürdigen Lokalen die Nächte über umher und – brachte es fertig, daß er nach zehn Jahren nicht nur das Vermögen seiner Frau vergeudete, sondern auch seine Anstellung verloren hatte und nun als von allen früheren Bekannten nach Möglichkeit gemiedener Versicherungsagent kärglich sein Leben fristen mußte. Bald nach diesem pekuniären Zusammenbruch starb seine Frau, und er blieb mit dem damals etwa zwölfjährigen Töchterchen allein zurück. Vielleicht über sein verfehltes Dasein gebrochen, gewöhnte er sich nur allzuschnell das Trinken an. Trotzdem arbeitete er mit bewundernswerter Energie weiter. Als er dann fünf Jahre später starb, hinterließ er seinem Kinde wenigstens soviel, daß Charlotte Wendel, ein selten hübsches, kluges Mädchen, ihre Studien weiter fortsetzen und das Lehrerinexamen machen konnte. Danach verschwand sie aus Danzig. Wohin, weiß niemand. Jedenfalls dürfte sie aber den Namen Wendel abgelegt haben. Sonst hätte die Polizei, die nach ihrem Verbleib eifig geforscht hat, sie auffinden müssen.«
Schaper waren gerade die letzten Sätze besonders interessant.
»Daß sie den Namen ihres Vaters nicht mehr führt, ist wohl nur eine Vermutung, Herr Steuerrat,« meinte er mit einem forschenden Blick auf den alten Herrn.
Dieser rückte verlegen sein Sammetkäppchen zurecht.
»Ich spreche über diese Sache nicht gern,« sagte er nun zögernd. »Wenn ich wüßte, daß ich der jungen Dame durch eine kleine Indiskretion nützen könnte, würde ich sie ja schon auf mich nehmen.«
»Sie nützen ihr bestimmt,« erklärte Schaper ernst. »Mein Wort zum Pfande!«
»Hm, das hat der Herr, der gestern bei mir war, auch gesagt. Und hinterher hat mir meine Offenheit doch leidgetan –«
Der Detektiv horchte hoch auf. – Wieder der andere, der ihm zuvorgekommen war! Wer in aller Welt konnte dieser Mensch nur sein?! Und – welche Zwecke verfolgte er?! Dieser Sache auf den Grund zu gehen, hielt Fritz Schaper für seine Pflicht.
Und so wandte er sich denn in freundlich überredendem Ton an den Steuerrat, der mißmutig vor sich hinschaute.
»Das, was Sie einem Manne, der sich bei Ihnen nur als Freund des verstorbenen Albert Wendel eingeführt hat, erzählt haben, können Sie mir, der Ihnen seine Legitimationen vorwies, doch erst recht anvertrauen. – Offenheit gegen Offenheit, Herr Rat. Charlotte Wendel winkt eine Millionenerbschaft. Das ist der Kernpunkt dieser Angelegenheit. Nur muß ich um Ihre strengste Verschwiegenheit bitten.«
Der alte Herr lächelte zufrieden.
»Nun denn: Die Wahrheit ist, daß das junge Mädchen der Frau Anton, ihrer ehemaligen Amme und späteren Vertrauten, kurz vor ihrem Verschwinden aus Danzig erzählt hat, daß ihr Vater ihr auf dem Sterbebett ein Geheimnis gebeichtet habe, welches so furchtbar gewesen sei, daß sie den mit so traurigen Erinnerungen zusammenhängenden Namen für alle Zeit von sich werfen wolle und in der Fremde unerkannt sich ein neues Leben aufzubauen gedenke.«
Schaper schloß in scharfem Nachdenken halb die Augen. Er wußte nun, was Markus Wendel seinem Kinde gebeichtet hatte. Der Schuldige an dem Diebstahl war also tatsächlich nicht der ältere sondern der jüngere der Brüder gewesen.
»Herr Rat, das, was Sie mir soeben mitteilten, hat Ihnen die alte Frau berichtet, nicht wahr?« fragte er jetzt.
»Ja. Und ich glaube kaum, daß bisher noch ein dritter davon wußte. Die Anton ist mir zu Dank verpflichtet. Ich habe ihr den Platz im Altenheim besorgt, als es ihr sehr schlecht ging.«
»Den jetzigen Namen oder den neuen Aufenthaltsort Charlotte Wendels kennen Sie nicht?« Der Detektiv beobachtete bei dieser Frage genau das Gesicht des vor ihm Sitzenden.
»Nein, wirklich nicht. Möglich, daß die Anton Bescheid weiß. Es ist aber schwer etwas aus ihr herauszulocken, wenn sie nicht sprechen will.« –
Schaper verabschiedete sich. Der Steuerrat geleitete ihn noch bis in den Flur hinaus, wo sich die Beiden mit freundlichem Händedruck trennten.
5. Kapitel
Zum ersten Mal in Gauben
Inhaltsverzeichnis
Eine ganze Stunde hatte sich der Detektiv mit der alten Frau in der guten Stube des Vorstehers des Altenheims unterhalten. Diese Unterredung war wieder einmal eine von denen gewesen, bei der Fritz Schaper mit allen Mitteln seines scharfen Verstandes gekämpft hatte. Daß die Greisin tatsächlich geistig noch vollkommen frisch war, merkte er bereits nach den ersten Antworten, die sie ihm mit größter Zurückhaltung und recht unfreundlich gab.
Sie wisse nichts, garnichts – dabei blieb sie.
So hatte der Detektiv den andere Saiten aufgezogen. Er fühlte geradezu, daß die Alte, die sich weinerlich immer wieder auf ihr schwaches Gedächtnis berief, von irgend einer Seite beeinflußt worden war. Sofort hatte er an den Herrn gedacht, dessen Spuren er schon an allen in Betracht kommenden Stellen begegnet war. Und daher sagte er der Greisin dann sehr energisch auf den Kopf zu, daß der Herr, der gestern bei ihr gewesen sei, sie durch ein Geldgeschenk zum Schweigen verpflichtet habe.
Die Anton spielte recht geschickt die Erstaunte. Es wäre niemand zu ihr gekommen, alles wäre reiner Unsinn. – Worauf Schaper zu dem Vorsteher ging, der dann auch bestätigte, daß am Tage vorher kurz nach dem Mittagessen ein Fremder ebenfalls eine längere Unterredung mit der Anton gehabt habe.
Als der Detektiv dann der Alten wieder gegenübertrat und ihre Lüge nachwies, bekam es die Greisin mit der Angst.
Sie gab alles zu. Der Fremde hätte ihr zwanzig Mark geschenkt unter der Bedingung, daß sie seinen Besuch möglichst verheimliche. Und wie ihr Schaper nun sozusagen als Pflaster für die eben ausgestandene Angst noch ein Goldstück in die Hand drückte, da hatte er in wenigen Sekunden auch daß Letzte erfahren, was er wissen wollte.
Charlotte Wendel, die Millionenerbin, befand sich seit zwei Jahren als Erzieherin bei einer Familie in München unter dem Namen … Rita Meinas. Straße und Hausnummer konnte die Greisin jedoch nicht angeben, da das junge Mädchen ihrer Vertrauten in der Zwischenzeit nur einmal geschrieben und ihr in dem Briefe aufs strengste anbefohlen hatte, diesen sofort zu verbrennen, was die treue Person auch pflichtschuldigst getan hatte, ohne sich die Adresse irgendwie zu merken.
Diese Angaben hatten so sehr den Stempel der Wahrheit getragen, daß Fritz Schaper an ihrer Richtigkeit auch nicht einen Moment zweifelte.
Fraglos wäre er noch befriedigter von der jetzt wieder ganz vergnügten Alten geschieden, wenn nicht eben auch … der Andere, dieser Fremde mit den Frauenhänden und der goldenen Zahnkrone, dieselben Erfolge bei seinen Nachforschungen gehabt hätte wie er selbst. – –
Von dem Altenheim begab sich Schaper ungehindert nach der Post und ließ folgendes Telegramm an seinen Bürochef Lemke befördern:
»Hiller sofort nach München. Rita Meinas Erzieherin bei Familie feststellen und sperren. Auf mein Eintreffen warten. Nachricht Hauptpost.«
»Sperren« war ein bei dem Detektivinstitut »Argus« eingeführtes Geheimwort und bedeutete: Lebensweise, Verkehr, Gewohnheiten des Betreffenden feststellen und ihn nicht aus den Augen lassen. –
In aller Behaglichkeit nahm Schaper hierauf in dem berühmten Danziger Ratskeller eine reichliche Mahlzeit ein. Der Personenzug nach Stolp in Pommern, der auch in Gauben hielt, ging ja erst um 3 Uhr nachmittags ab.
* * *
Gegen 7 Uhr abends traf der Bummelzug in dem Städtchen ein. Dieses lag, wie der Detektiv schon unterwegs von einem Mitreisenden erfahren hatte, beinahe zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, so daß Schaper kurz entschlossen den einzigen Hotelwagen benutzte. Sehr zu des Kutschers Erstaunen kletterte er jedoch nicht in das Innere des schon recht klapprigen Marterkastens, sondern suchte sich den luftigeren Platz neben dem Rosselenker aus.
»Den köstlichen Augustabend genieße ich lieber in der freien Luft als in Ihrer stickigen Glaskusche,« sagte er freundlich zu dem biederen Pommern, indem er ihm aus seiner Zigarrentasche drei Exemplare »mit Binden« hinreichte.
Bald befanden sich die beiden auf dem Bock in recht lebhafter Unterhaltung. Und als der Wagen vor dem sauberen Hotel »Zu den drei Kronen« hielt, hatte Schaper aus dem harmlosen Menschen alles hervorgeholt, was dieser nur über die Mönchsabtei und ihren Bewohner wußte.
Eine Stunde später machte sich der Detektiv, der sich in das Fremdenbuch als Franz Schneider, Güteragent, Berlin eingetragen hatte, auf den Weg zu dem Kaufmann Wernicke, dessen Kolonialwarengeschäft sich gerade gegenüber am Markt befand.
Ernst Wernicke saß mit seiner besseren Hälfte in dem Vorgärtchen auf der weißgestrichenen Bank.
Nachdem er den Gast in sein Privatkontor geleitet und zum Platznehmen aufgefordert hatte, hielt es Schaper für angebracht sein Inkognito zu lüften.
»Ich habe Sie eben ein bißchen beschwindelt, Herr Wernicke,« meinte er gemütlich. »Ich bin nämlich alles andere als Güteragent und heiße auch nicht Franz Schneider. Mein wahrer Name ist Fritz Schaper, Privatdetektiv, Berlin.«
Der Kaufmann riß ordentlich die wässrigen Augen auf. Dann kam ihm die Sache aber anscheinend äußerst spaßig vor und er lachte, daß ihm ordentlich die Weste wackelte.
»Ne, können Sie aber schwindeln, Herr Schaper … Ich hätte meinen Kopf gewettet, daß Sie so ein Berliner Landräuber sind, wie wir die Agenten hier nennen. Sie erzählen ja auch gleich große Geschichten von Ihren Absichten auf größere Terrains … Ne, so was …!«
»Das geschah alles nur Ihrer Frau Gemahlin wegen, Herr Wernicke. Hier darf nämlich niemand meinen Beruf ahnen, – ich sage: niemand, auch Ihre Gattin nicht! Verstehen Sie mich …?«
»Freilich Herr Schaper. Auf mich können Sie sich in dieser Beziehung wirklich verlassen.«
Der Detektiv nickte dem Kaufmann freundlich zu.
»Ich sehe, wir verstehen uns, Herr Wernicke. Und nun an die Arbeit. Wie verhält sich die Sache nun eigentlich mit diesem famosen grauen Gespenst …?«
Der Kaufmann hob wie warnend die Hand.
»Sie sollten nicht spotten …!« sagte er ernst. »Die Geschichte ist wirklich mehr als unerklärlich. Wenn ich die Erscheinung nicht selbst gesehen hätte, so würde ich auch darüber lachen. So aber …«
Schaper hatte schon eine ironische Bemerkung auf der Zunge, unterdrückte sie aber noch im letzten Moment. Statt dessen sagte er:
»Der Bericht, den Ihr Mieter Herr Müller mir eingeschickt hat, ist recht unvollständig. – Ist das Gespenst z. B. erst nach dem Einzuge des Privatgelehrten in die Mönchsabtei aufgetaucht oder schon vordem gesehen worden?«
»Am besten, ich erzähle Ihnen im Zusammenhang, was ich darüber weiß, Herr Schaper. – Ich kaufte das alte Klostergrundstück vor sechs Jahren. Daß die Leute schon immer erzählten, daß es dort umgehe, störte mich nicht. Schon als Kind – ich bin geborener Gaubener – kannte ich die Geschichte des Abtes, der in seinem Grabe in der Lebensbaum-Allee keine Ruhe finden soll und der von Zeit zu Zeit zu nächtlicher Stunde, gehüllt in ein graues, schleppendes Gewand, durch den Garten wandelt.
Als Herr Müller dann vor etwa einem halben Jahre nach Gauben kam, sagte ich ihm ehrlich die Wahrheit, weswegen das alte Gebäude bisher leer gestanden habe. Er lächelte sehr überlegen und … zog ein. Bald darauf ließ er mich durch seinen Diener nach der Abtei bitten und erzählte mir, auf welche Weise er sich überzeugt habe, daß das Gespenst wirklich vorhanden sei.«
»Das hat er mir geschrieben,« unterbrach Schaper ihn hier. »Bitte schildern Sie mir nun, was Sie selbst gesehen haben.«
»Ja – ich habe die Erscheinung geschaut. Auf meine Augen kann ich mich verlassen,« meinte Wernicke mit Nachdruck. »Ich hatte mit Herrn Müller verabredet, daß ich gelegentlich zu ihm kommen wolle, damit wir gemeinsam im Garten aufpassen könnten. Es war am 28. Mai. Das Datum werde ich so leicht nicht vergessen. Gegen 9 Uhr abends wanderte ich nach der Abtei hinaus. Ich traf es insofern schlecht an, als der Diener Hartung mit einem Erkältungsfieber zu Bett lag. Der Kranke, den ich ebenfalls begrüßen ging, wollte nun durchaus aufstehen, um sich bei der Wache beteiligen zu können. Aber Müller ließ das nicht zu. Und so mußten wir beide allein in der finsteren Nacht in den großen Garten hinabschleichen. Wir setzten uns im Schatten einer Linde mit weitüberhängenden Ästen auf eine Bank und warteten. Nach einer Stunde etwa – es mag gegen elf Uhr gewesen sein – packte Müller plötzlich meinen Arm und flüsterte ganz heiser … »da … da …« – Der Mond war gerade von Wolken entblößt, und in dieser Dämmerung erblickte ich ganz deutlich eine hohe Gestalt, die beinahe feierlich langsam auf die Kapelle zuschritt.«
»Danke. Das übrige hat mir Ihr Mieter genau mitgeteilt. Die Acetylen-Laterne verlöschte plötzlich, Müller stand wie festgebannt und der Geist verschwand in der Kapelle. – Und was taten Sie währenddessen, Herr Wernicke?«
»Ich … ich saß an allen Gliedern zitternd auf der Bank, vermochte mich nicht zu rühren, war wie gelähmt,« stotterte der dicke Herr, »und hätte nimmer gewagt der Erscheinung gegenüberzutreten wie Herr Müller dies riskierte,« fügte er ehrlich hinzu.
Fritz Schaper strich sich nachdenklich über das Kinn. Und erst nach einer geraumen Weile fragte er …:
»Herr Müller hat Ihnen wohl mitgeteilt, daß ich den Fall hier übernehmen will?«
»Ja. Gestern schickte er Hartung zu mir. Er selbst ist nämlich krank.«
»Krank? Seit wann denn?«
»Seit fünf Tagen, soweit ich mich erinnere. Gesichtsreißen und Gicht, sagte Hartung.«
Wieder schaute der Detektiv grübelnd vor sich hin.
»Haben Sie den Geist noch ein zweites Mal gesehen, Herr Wernicke?« fragte er darauf.
»Nein. Verspüre auch keine Lust dazu. Ich war froh, als ich wieder daheim in meinem Bett lag.«
Schaper erhob sich. »Dann will ich nicht weiter stören. Grüßen Sie bitte Herrn Müller von mir. Leider muß ich morgen früh schon weiterreisen. Aber in einigen Tagen komme ich wieder her.«
Wernicke machte ein sehr enttäuschtes Gesicht.
»Ich hoffte, Sie würden die Sache nun sofort aufklären,« meinte er.
»Geht beim besten Willen nicht. Ich muß zunächst eine andere sehr dringende Sache erledigen.«
»Und Sie kommen wirklich wieder?«
Schaper lachte. »Denken Sie etwa, ich fürchte das graue Gespenst …? Nein, bester Herr Wernicke! Ich bin schon mit anderen, gefährlicheren Geistern fertig geworden. – Auf Wiedersehen also …!«
Wenn der Kaufmann aber gedacht hätte, daß der Detektiv jetzt behaglich in den »Drei Kronen« einen Abendschoppen trinken würde, so täuschte er sich gründlich. Nur dazu, um mit Herrn Ernst Wernicke eine Stunde zu verplaudern, war Fritz Schaper wahrlich nicht nach Gauben gekommen. Im Gegenteil. Keine zwei Stunden später, nachdem es völlig dunkel geworden war, schwang sich eine schlanke Gestalt über die hohe, verwitterte Mauer der Mönchsabtei in den Garten hinab und schlich lautlos auf das düstere Gebäude zu, durch dessen Fensterladen nur im Erdgeschoß ein einzelner schmaler Lichtstreif zu erkennen war.
Daß der Privatgelehrte Müller sich keine Hunde hielt, hatte Schaper schon von dem Hotelkutscher erfahren. Mithin konnte er sich ziemlich frei bewegen. Er gedachte das Terrain zunächst einmal allein zu besichtigen. Denn daß hier bei dieser Gespenstergeschichte irgend ein grober Schwindel vorlag, dessen war er gewiß. Damals als er den Brief des Privatgelehrten sorgfältig gelesen hatte, tauchte sofort der ziemlich naheliegende Verdacht in ihm auf, daß Müller mit Hilfe seines Dieners den Geisterbeschwörer spielte. Diese Annahme glaubte er jetzt aber wieder verwerfen zu müssen. Wernicke hatte ihm ja bestätigt, daß das graue Gespenst schon vor dem Einzuge des Privatgelehrten beobachtet worden war. Und genau dasselbe hatte er auch von dem Hotelkutscher gehört. Der Spuk war mithin älter. Doch – wozu wurde er überhaupt in Szene gesetzt? Der, der hier den Geist zeitweise so vortrefflich mimte, mußte damit doch irgend einen bestimmten Zweck verfolgen! Nur um seine Mitmenschen zu narren, würde sich doch kein Mensch der nicht unbeträchtlichen Gefahr aussetzen, einmal gefaßt und zum mindesten weidlich verprügelt, wenn nicht gar wegen groben Unfugs angezeigt zu werden …? Nein, hier spielten sicher noch andere Dinge mit. Suchte man Wernicke die Mönchs-Abtei vielleicht absichtlich zu verleiden, damit er sie ganz billig weiterveräußere? – Jedenfalls hatte der Detektiv sich vorläufig noch keine abschließende Meinung über diese Angelegenheit bilden können. Möglicherweise brachte ihm dieser nächtliche Ausflug bereits die nähere Aufschlüsse. – –
Beinahe zwei Stunden vergingen, bevor Fritz Schaper wieder auf der Gartenmauer auftauchte und langsam den Rückweg nach der Stadt einschlug.
Vormittags mit dem D-Zug, dem er mit dem Bummelzug bis Stolp entgegengefahren war, setzte er seine Reise fort. Um vier Uhr traf er auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin ein, und drei Stunden später saß er schon wieder in einem Schlafwagenabteil und rollte der Hauptstadt des Bayernlandes entgegen.
6. Kapitel
Zwei Briefe und zwei Enttäuschte
Inhaltsverzeichnis
Der Briefträger, der die Aspernstraße in München zu besorgen hatte, wunderte sich nicht wenig, daß heute wirklich einmal ein Brief für das hübsche Fräulein mit unter den Postsachen war, welches in Nr. 19 bei der freundlichen Frau Deprouval als Erzieherin nun schon seit Jahren wirkte, ohne daß jemals auch nur ein einziges Schreiben, keine Postkarte, – einfach nichts, garnichts, an das liebreizende Persönchen zu bestellen gewesen wäre.
Der biedere Beamte klingelte jetzt bei Frau Deprouval, die in der ersten Etage zur linken Hand eine elegante Vierzimmerwohnung innehatte.
Dem öffnenden Mädchen bedeutete er dann, daß für Fräulein Rita Meinas ein Einschreibebrief da sei und daß die junge Dame den Empfang bestätigen müsse.
Ritas Augen weiteten sich vor Schreck, als das Mädchen ihr die Bestellung ausrichtete und hinzufügte, der Briefträger warte im Flur.
Und dann saß sie in ihrem Stübchen mit den freundlichen hellen Möbeln und starrte nur immer auf den großen Briefumschlag aus starkem Papier, der ihre Adresse trug … Ein Irrtum war ausgeschlossen. Da stand es klar und deutlich – »Rita Meinas bei Frau Deprouval, München, Aspernstraße 19, 1. Etge.« … Wer – wer konnte nur an sie geschrieben haben, an sie, die alle Beziehungen zu der Vergangenheit abgebrochen, die keinen Freunde besaß, die nur auf den Verkehr mit ihres Zöglings Mutter, der gütigen Frau Deprouval, angewiesen war? …
Endlich raffte sie sich auf. Vorsichtig schnitt sie den Umschlag heraus. Außerdem enthielt der Brief auch noch eine Anzahl von Zeitungsausschnitten, – auffällig gedruckten Annoncen anscheinend. Unwillkürlich nahm sie eine von diesen zunächst zur Hand und überflog sie. …
Staunen, ungläubige Verwunderung malte sich in ihren Zügen. Noch immer hingen ihre Blicke auf der Druckschrift, besonders auf den Worten »Albert Erich Wendel« .
Und dann griff sie hastig nach dem Schreiben selbst. Dieses zeigte in der linken Ecke einen Aufdruck in englischer Sprache, wodurch der Brief als eine Mitteilung des Generalkonsulats Englands in Berlin legitimiert wurde. Oben in der Mitte stand außerdem links von dem Absenderort und dem Datum das Wort »Geheimabteilung« . – Das Schreiben lautete folgendermaßen:
»Vor längerer Zeit, etwa zwei Monaten, hatte das hiesige englische Generalkonsulat von dem in Kimberley lebenden früheren preußischen, nunmehr englischen Untertan, dem Minenbesitzer Albert Erich Wendel, aus Danzig stammend, den Auftrag erhalten, nach etwaigen Verwandten forschen zu lassen. Daraufhin wurde, nachdem die Erkundigungen in der Vaterstadt des Albert Wendel ergebnislos ausgefallen waren, in eine ganze Anzahl deutsche Zeitungen ein Aufruf eingerückt, dessen Inhalt Sie aus den beigefügten Aufschnitten ersehen. Niemand meldete sich. Nunmehr wurde nochmals in Danzig versucht, den jetzigen Aufenthalt der einzigen hier in Betracht kommenden Person, des Fräulein Charlotte Wendel, in Erfahrung zu bringen. Endlich glückte dies. Inzwischen ist der zu großem Vermögen gelangte Albert Erich Wendel, getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, selbst nach Deutschland gekommen, um die einzige Verwandte, die er besitzt und die seine Erbin werden soll, in die Arme zu schließen. Leider erkrankte er kurz nach seiner Ankunft schwer und mußte in ein Sanatorium gebracht werden. Sein Wunsch ist nun, Sie recht bald bei sich zu sehen.«
So lautete der Inhalt der ersten Seite.
Als Rita jetzt das Blatt umschlug, fielen ihre Blicke sofort auf einen Hundertmarkschein, der durch zwei übergeklebte Papierstreifen auf der dritten Seite festgehalten wurde.
Mit atemloser Spannung beendete dann sie ihre Lektüre.
»Wir können Ihnen in Hinblick auf die Millionenerbschaft, die Ihrer wartet, nur raten, sofort, d. h. womöglich schon mit einem der nächsten Züge, nach Berlin zu kommen, zumal wir Ihnen nicht verhehlen wollen, daß es Ihrem Oheim nicht allzubest geht. Zu Ihrer Bequemlichkeit geben wir Ihnen als Nachtrag die betreffenden Schnellzüge an und fügen als Bevollmächtigte Albert Wendels einhundert Mark als Reisekosten usw. bei. Den Zug, den Sie benutzen werden, wollen Sie an Mr. Thomas Morrisson, Berlin, Bellevuestraße 8, 2. Etage telegraphisch melden, damit Sie vom Bahnhof abgeholt werden können. Um Ihrem Oheim den Ernst seiner Erkrankung zu verheimlichen, werden wir Ihnen noch hier in Berlin Verhaltungsmaßregeln mitteilen.
Von dem Inhalt dieses Schreibens lassen Sie am besten niemanden oder doch nur völlig vertrauenswürdige Personen etwas wissen. Es sind nämlich allerlei Machenschaften im Gange, die Ihnen die Erbschaft entreißen sollen. Ebenso verhalten Sie sich auf der Reise recht vorsichtig. Alles Nähere erfahren Sie mündlich. Bringen Sie sämtliche Papiere mit, die zu Ihrer Legitimation dienen können.
Th. Morrisson,
Erster Sekretär der Geheimabteilung.«
* * *
Wenige Minuten später stand Rita – oder besser Charlotte Wendel, wie wir das junge Mädchen jetzt nennen wollen, Frau Käti Deprouval gegenüber.
Diese saß mit von Weinen geröteten Augen in der von Blumen aller Art bestellten Fensterecke des kleinen Salons. In ihrem Schoß lag ein Brief, dessen Schrift die niederfallenden Tränentropfen hie und da halb verlöscht hatten.
Charlotte Wendel entging dies alles in ihrer großen Aufregung. Erst stockend, dann fließender beichtete sie dieser Frau, die ihr mehr Freundin als Brotherrin war, das Geheimnis ihres Lebens, sprach von ihrer Familie, von dem Tode ihres Vaters, von dessen Geständnis auf dem Sterbebett und schließlich auch von ihrem Entschluß, ihren Namen zu wechseln und fortan den einer ihr selbst unbekannten Rita Meinas zu führen, deren Papiere sie im Schreibtisch ihres Vaters gefunden hatte. Und dann zeigte sie der erstaunt zuhörenden Frau Deprouval den heute erhaltenen Brief und gab ihn ihr zu lesen.
»Sie sehen,« sagte sie in ihrer schlichten Art, »daß ich unbegrenztes Vertrauen nicht nur in Ihre Großherzigkeit habe, die es mir nicht nachtragen wird, daß ich unter einem angenommenen Namen in Ihr Haus gekommen bin, sondern auch in Ihre Verschwiegenheit, die ich vorläufig in dieser seltsamen Erbschaftsgeschichte bewahrt sehen möchte.«
Frau Käti schloß das junge Mädchen liebevoll in ihre Arme.
»Sie kennen mich, liebe Rita – nein, jetzt muß ich wohl Charlotte sagen –. Wie sollte ich Ihnen wohl etwas verargen, das ich vollständig begreife. Und meiner Diskretion sind Sie ebenso sicher. – Was gedenken Sie nun zu tun, Liebste?« fügte sie herzlich hinzu.
»Das, was meine Pflicht ist. Mein Vater hat seinem Bruder manch’ trübe Stunde bereitet, hat ihn eigentlich aus der Heimat vertrieben. Die Schuld meines Vaters an dem nach Möglichkeit gutzumachen, der mein einziger Verwandter, mein Onkel ist, halte ich für eine selbstverständliche Aufgabe, der ich mich ohne Säumen, unbeeinflußt von den etwaigen pekuniären Vorteilen, unterziehen möchte, – wohlverstanden, falls Sie es mir gestatten, sofort abzureisen.«
»Aber natürlich gestatte ich’s,« beeilte Frau Deprouval sich zu erwidern. – Und nach kurzer Pause fügte sie etwas verlegen hinzu … »Ich selbst habe ebenfalls die Absicht, München für einige Zeit, vielleicht für immer zu verlassen.« –
Bereits mit dem Mittagszuge reiste das junge Mädchen nach Berlin ab, nachdem mit ihrer Herrin verabredet worden war, daß diese ihr alles weitere hauptpostlagernd nach der Reichshauptstadt mitteilen solle.
Kaum war Frau Deprouval aber vom Bahnhof zurück, wohin sie die ihr persönlich so nahestehende Erzieherin ihres unglücklichen Kindes geleitet hatte, als sie auch schon mit allem Eifer die Vorbereitungen zu ihrer eigenen Reise traf.
* * *
»Wir sollten uns kennen? …«
Fritz Schaper schaute den blonden, schlanken Herrn, der ihn so unvermittelt angesprochen hatte, fragend an.
»Bekannt kommen Sie mir allerdings vor,« meinte er unsicher.
»Ah – jetzt besinne ich mich,« rief der Andere erfreut. »Sie sind Fritz Schaper, der berühmte …«
»Pst! Um Himmels willen, Verehrtester! Posaunen Sie nur nicht noch meinen Beruf in alle Welt aus. – Ich bin in Geschäften hier,« fügte er leise hinzu.
Der blonde Herr nickte verständnisinnig. Und dann sagte er lächelnd …
»Denken Sie bitte mal an unseren gemeinsamen Freund Bert Matra … Geht Ihnen nun eine Leuchte auf?«
Der Detektiv streckte ihm jetzt die Hand hin.
»Grüß Gott, Herr Gerster, Herr Heinz Gerster, berühmtester aller modernen Novellendichter! – Sie sehen, ich kenne mich schon aus. – Was treiben Sie denn hier in München? Matra erzählte mir doch letztens, Sie wollten bis zum Herbst in irgend einem kleinen Nordseebade bleiben und fleißig sein …«
Heinz Gerster machte ein ganz trübseliges Gesicht.
»Sie wissen –: wollen und vollbringen ist manchmal zweierlei. Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten in dem einsamen Nest. Warum – das erkläre ich Ihnen vielleicht später. Nein, nicht vielleicht …! Bestimmt tue ich’s. Denn Sie schickt mir wahrhaftig der Himmel in den Weg. Sie müssen mir jemanden finden helfen, der verschwunden ist.«
Schaper schaute den jungen Schriftsteller daraufhin so merkwürdig an.
»Wohnte die Person, von der Sie eben sprachen, etwa in diesem Hause, vor dessen Tür wir jetzt stehen?« fragte er interessiert.
»Allerdings. – Wie können Sie das aber wissen, Sie Perle aller Detektivs?«
»Sehr einfach. Ich suche nämlich selbst jemanden in dieser Riesenkaserne. Und da der Portier mir soeben mitgeteilt hat, daß von den Einwohnern in den letzten Tagen nur Frau Deprouval nebst Söhnchen und die Erzieherin des letzteren unbekannt wohin verreist sind, war das Kombinieren nicht allzu schwer.«
»Aus dieser Antwort geht hervor und zwar mit tödlicher Sicherheit, daß es eine der beiden Damen ist, auf die Sie es abgesehen haben,« meinte Heinz Gerster eifrig.
»Freilich. – Doch, wir wollen weitergehen. Oder haben Sie in dem Hause noch etwas zu tun?«
»Ja. Warten Sie einen Augenblick. Ich war nämlich schon heute morgen hier, und da sagte mir die Portierfrau, daß ihr Mann einen Brief für mich habe. Dem will ich mir jetzt abholen.«
Der junge Schriftsteller kehrte schon nach wenigen Minuten zurück.
»Gott sei Dank. Ich habe den Brief. Ich fürchtete schon, der Mann hätte ihn vielleicht verbummelt.«
Langsam schritten sie die Aspernstraße hinunter und bogen in die Maximilianstraße ein.
Gerster, der seiner Ungeduld nicht länger Herr werden konnte, bat den Detektiv um Entschuldigung, zog den Brief hervor, riß den Umschlag auf und … zog eine ganze Anzahl Blätter des sogenannten überseeischen Briefpapiers heraus, die eine feste, energische Frauenhand mit ziemlich engen Zeilen bedeckt hatte.
»Nein,« meinte der junge Schriftsteller da, »all das kann ich unmöglich hier auf der Straße überfliegen. Bitte – kommen Sie mit in ein Restaurant. Wir haben ja ohnedies mancherlei zu besprechen.«
In einer Nische des nahen Hoftheater-Restaurants fanden sie ein ihnen genehmes Plätzchen. Und hier las Heinz Gerster wehen Herzens Frau Kätis Brief, während der Detektiv für beide ein Menü nach der Speisekarte zusammenstellte.
Erst nachdem sie gespeist hatten, tauschten sie ihre Erlebnisse aus. Da sie beide das gleiche Interesse hatten, den neuen Aufenthaltsort der Damen, die bisher Aspernstraße Nr. 19 gewohnt hatten, möglichst schnell auszukundschaften, erzählte Fritz Schaper seinem Tischgenossen ohne Scheu alles das, was sich auf den Fall Wendel bezog.
»Leider ist nun mein Angestellter, den ich hier nach München geschickt hatte, um die Wohnung Charlotte Wendels feststellen zu lassen, genau um zwei Stunden zu spät gekommen. Heute morgen langte ich dann hier mit dem D-Zug an, wurde vom meinem Angestellten schon auf dem Bahnhof empfangen und eilte nachher direkt nach der Aspernstraße, um persönlich nochmals mein Glück bei Frau Deprouval zu versuchen. Der Portier aber zuckte bedauernd die Achseln, als ich ihm mitteilte, wen ich aufzusuchen beabsichtige. Die Dame sei gestern abend für längere Zeit mit ihrem Söhnchen und dem Dienstmädchen nach dem Süden gefahren, erklärte er. Und mehr vermochte ich nicht festzustellen, obwohl ich den Mann wie eine Zitrone ausquetschte. – Pech, verwünschtes Pech, lieber Gerster, das wir beide gehabt haben. Und das Schlimmste, ich ahne, daß der Mensch, der sich vor mir in Danzig so angelegentlich nach Rita Meinas erkundigte, hier seine Hand mit im Spiele hat. Wer weiß, was für eine Teufelei hier angestellt werden soll. Denn – Charlotte Wendel ist eine Millionenerbin, und ich habe schon einmal einen Fall zu bearbeiten gehabt, wo Leute nicht vor einem Morde zurückschreckten, um die Erbschaft an sich zu reißen.«
Heinz Gerster hatte mit gespannter Aufmerksamkeit dem ausführlichen Bericht des Detektivs gelauscht, ohne ihn jedoch auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Jetzt sagte er ganz erregt, indem er auf den vor ihm liegenden Brief Käti Deprouvals deutete …
»Vielleicht führt dieses Schreiben Sie auf die Spur Charlotte Wendels. Bevor ich es Ihnen jedoch vorlese, hören Sie die Geschichte einer … unglücklichen Liebe, die in einem holsteinischen Fischerdorfe beginnt, bei der das Scheitern einer Brigg eine Rolle spielt und die nun … mit einem wehen Akkord ausklingt … Es kann nicht sein …«
Nachdem Heinz Gerster alles berichtet hatte, was ihm der Aufenthalt an der holsteinischen Küste Heiteres und Trübes gebracht hatte, nahm er den Brief Frau Kätis zur Hand.
Lieber Freund!
Vor einer Stunde erhielt ich Ihre Zeilen, die mir Ihre baldige Ankunft hier in München anzeigen. – Heinz Gerster, warum quälen Sie mich so …? Warum sprechen Sie zu mir von Ihrer Liebe, Ihrer Sehnsucht, – zu mir, die Ihnen nie etwas sein darf, … nie! Warum ließen Sie es nicht bei jenem Abschied bewenden, jenen Minuten, wo wir selbstvergessen mit klopfenden Herzen dicht aneinander lehnten …? Wozu stören Sie meinen schwer erkämpften Herzensfrieden? Hätten Sie doch Erbarmen mit mir gehabt …! Ich gebe es ehrlich zu, ich bin nicht stark genug, Ihnen nochmals gegenüberzutreten. Deshalb fliehe ich … Und nur eine flehentliche Bitte formen meine Lippen. Vergessen Sie mich, suchen Sie mich nicht! – Ich kann Ihr Weib nie werden. Wirklich – es kann nicht sein! Um Sie hiervon zu überzeugen, sollen Sie meine Lebens- meine Leidensgeschichte erfahren. Schon damals in unserem holsteinischen Idyll hatte ich dieselbe für Sie niedergeschrieben. Und doch wagte ich es nicht, diese Blätter meinen Abschiedszeilen beizufügen. Ich fürchtete, daß Sie vielleicht den zur Rede stellen könnten, der gewisse gesetzliche Anrechte auf meine Person besitzt, daß ein Streit entstehen und Sie vielleicht meinetwegen in Ungelegenheiten geraten würden. Daß ich für den, den ich meinen Gatten nennen muß, nichts empfinde, werden Sie aus gewissen Andeutungen in unserer Unterhaltung herausgehört haben; auch weshalb unsere Ehe so schnell in Trümmer zusammenbrach und nur noch äußerlich aufrechterhalten wurde, dürften Sie ahnen. Heute werden Sie alles verstehen. Und alles verstehen heißt hier für Sie … alles entschuldigen, was ich tue, um Ihnen auszuweichen. Es ist ja doch nichts anderes als eine Flucht, diese meine plötzliche Abreise, – eine Flucht, die mir dadurch erleichtert wird, daß Rita Meinas heute gleichfalls auf eine dringende Nachricht hin nach Berlin verreisen mußte und zwar auf unbestimmte Zeit. – Soeben habe ich mich, wie mir leider zu spät einfällt, einer kleinen Indiskretion schuldig gemacht. Ich sollte Ritas Reiseziel nicht verraten. Daher – halten auch Sie das eine Wort »Berlin« , das ich nicht gern unleserlich machen möchte, was ja wie ein Mangel an Vertrauen aussehen könnte, geheim.
Und nun, lieber, einziger Freund – leben Sie wohl! Ich bin mit meiner Kraft zu Ende …
Ihre
Käti Deprouval.
* * *
Heinz Gerster griff nach den anderen Blättern, die die Liebesgeschichte dieser vom Schicksal so hart bedrängten Frau enthielten. Aber Fritz Schaper unterbrach ihn jetzt mit einer Bemerkung, die er nicht unterdrücken konnte.
»Wie merkwürdig doch der Zufall spielt,« sagte er zufrieden lächelnd. »Dieses eine Wort, lieber Gerster, – dieses absichtslos in den Brief eingestreute … »Berlin« wird und muß uns auf die Fährte beider Damen führen – ich betone: beider Damen! – Hören Sie jetzt meinen Vorschlag. Das, was Frau Deprouval über ihren Lebensweg berichtet, kann ich nachher im Zuge lesen. Wir wollen keine Minute unbenutzt verstreichen lassen, nachdem wir jetzt wissen, wo wir mit unseren weiteren Nachforschungen mit Aussicht auf baldigen Erfolg beginnen können. Ich habe mir zu 4 Uhr meinen Angestellten, der noch auf dem Bahnhof nach Charlotte Wendel Erkundigungen einziehen sollte, in den Wartesaal zweiter Klasse zur Berichterstattung bestellt. Um 5 Uhr geht der Luxuszug nach Berlin ab. Wie wär’s, wenn wir den benutzen? – Denn jetzt hier in München noch Frau Deprouval suchen, – das könnte uns eine Woche und mehr aufhalten. Sicherer ist, wir sehen zu, Fräulein Wendel zu finden. Haben wir die erst, haben wir auch die andere, da sie doch fraglos in Verbindung miteinander bleiben. Außerdem sage ich Ihnen auch ganz offen: Meine Pflicht ruft mich nach der Reichshauptstadt. – Ich witterte, wie ich schon erwähnte, ein Komplott zum Schaden der jungen Erbin. Die Sache muß ich erst klarstellen. – Nun, wie denken Sie darüber, lieber Gerster?«
»Einverstanden,« meinte der Schriftsteller seufzend. »Ohne Ihre Hilfe vermag ich ja doch nichts auszurichten.«
7. Kapitel
Die Leidensgeschichte einer Frau
Inhaltsverzeichnis
Der Angestellte des Detektivinstituts hatte über Charlotte Wendel nichts in Erfahrung bringen können. Auf Gersters Bitten hin ließ Schaper jedoch seine Hilfskraft noch vorläufig in der Isarstadt, damit der äußerst gewandte Mensch hier ebenfalls Erkundigungen nach dem Verbleib Frau Deprouvals einziehen könne.
Der Luxuszug, den die beiden Herren benutzten, war, wenigstens was die Rauchabteile anbetraf, nur wenig besetzt. Schaper, der sozusagen auf der Eisenbahn zu Hause war, da sein Beruf ihn ständig von einem Ort zum andern hetzte, hatte dem Schaffner durch ein Trinkgeld einen deutlichen Wink gegeben, daß sie gern in ihrem Abteil allein bleiben möchten. Während der Schriftsteller dann die neuesten Zeitungen durchblätterte, las der Detektiv die engbeschriebenen Seiten, auf denen die Liebesgeschichte eines armen Weibes verzeichnet stand.
Meine Geburtsstadt ist Hamburg. Dort betrieb mein Vater Ferdinand Tomsen ein gutgehendes Kaffee-Engrosgeschäft. Meine Eltern, deren einziges Kind ich blieb, ließen mir eine vorzügliche Erziehung zuteil werden, obwohl sie es mit mir bei meinem etwas eigenwilligen Charakter nicht ganz leicht hatte. Als ich gerade sechzehn Jahre geworden war, starb mein Vater. Meine Mutter, eine stille, feine Frau, die sich viel literarisch beschäftigte, verkaufte die Firma und zog mit mir in einen Meerort hinaus. Unser kleines Heim war bald der Mittelpunkt eines Kreises von Künstlern und Gelehrten, die zum größten Teil begeisterte Anhänger des Spiritismus – geradeso wie auch meine Mutter – waren. Jede Woche fanden in unserem Salon mit Hilfe eines wirklichen Mediums, das später als Betrügerin entlarvt wurde, spiritistische Sitzungen statt. Meine Mutter wurde durch diese Sitzungen, in denen unter anderem auch der Geist meines Vaters des öfteren erschienen sein soll, derart nervös und reizbar, daß ich sie flehentlich bat, ihre Verbindung mit den Spiritistenkreisen abzubrechen. Doch sie war bereits so tief in die Rätsel dieser mit übernatürlichen Dingen sich beschäftigenden Glaubenslehre verstrickt, daß sie auf meine gutgemeinten Ermahnungen nicht mehr hörte.
Zu den Gästen, die ständig in unserem Hause verkehrten, gehörte nun ein junger Amerikaner, der sich angeblich zur Erlernung der deutschen Sprache und Gewerbebetriebe in Hamburg aufhielt. Charles Deprouval entstammte einer in 18. Jahrhundert nach den Vereinigten Staaten ausgewanderten französischen Familie. Seine Manieren, sein einschmeichelndes Wesen, nicht minder sein anziehendes Äußeres verschafften ihm überall Eingang in die besten Kreise der sonst sehr zurückhaltenden Hamburger Gesellschaft. Auch Deprouval war Spiritist, aber wohl kaum aus Überzeugung. Mich, das damals siebzehnjährige Mädchen, behandelte er mit einer achtungsvollen Herzlichkeit, die mir wohltat, da ich fast gar keine Freundinnen besaß. Bald merkte ich, daß sein Interesse für meine Person nicht so ganz harmlos war, daß er … als Bewerber um meine Hand auftrat. Mir, dem unerfahrenen, halben Kinde schmeichelten diese Huldigungen eines Mannes, den die Frauen allerlei Freiheiten gestatteten und der doch achtlos an ihnen vorüberzugehen schien. Eines Morgens – es war nach einer am Abend vorher abgehaltenen spiritistischen Sitzung – sagte mir meine Mutter, daß mein Vater ihr durch das Medium habe raten lassen, sie solle Charles Deprouvals Bewerbung um meine Hand unterstützen. Diese Erklärung des geliebten Toten war ausschlaggebend. Obwohl ich in des jungen Amerikaners Nähe stets ein gewisses Gefühl ängstlicher Scheu empfand, verlobte ich mich dennoch mit ihm. Jetzt, als seine Braut verlangte ich zu den spiritistischen Sitzungen sofort zugelassen zu werden. Ich wollte mir eben persönlich ein Urteil über die Phänomene, die sich in den Sitzungen zeigten, bilden. Doch mein Bräutigam schlug mir meine Bitte rundweg ab. Ich sei noch zu jung, meinte er. Und dabei blieb es.
Mein achtzehnter Geburtstag war auch mein Hochzeitstag. Wir bezogen eine Wohnung gegenüber der Villa meiner Mutter und – hatten dann schon am dritten Tage unserer Ehe den ersten heftigen Streit miteinander. Mein Vater war nämlich so vorsichtig gewesen, mir über mein Erbteil im Betrage von 150 000 Mark erst vom vollendeten 21. Jahre ab die freie Verfügung zu gewähren. Diese Bestimmung stand in seinem Testament. Und daran war nicht zu rütteln. Nur die Zinsen konnte ich nach Gutdünken verbrauchen. Mein Gatte, der hiervon keine Ahnung besaß und in dem Glauben gelebt hatte, daß das Vermögen mir unbeschränkt gehöre, machte mir eine furchtbare Szene, als ich ihm die Wahrheit mitteilte, die ihm nur durch einen Zufall bisher verborgen geblieben war. Er verlangte dann von mir, ich solle in Hinblick auf die später mir frei zur Verfügung stehende Summe ein Darlehn von 30 000 Mark aufnehmen, da er sich an einem überseeischen Geschäft finanziell zu beteiligen wünsche. Um des lieben Friedens willen erklärte ich mich einverstanden. Aber mein Vormund, ein Hamburger Justizrat, der zufällig von meiner Absicht hörte, widersprach und die Sache zerschlug sich. Seitdem hatte ich wahre Höllentage durchzumachen. Bereits nach einem Monat waren mir hinsichtlich des wahren Charakters meines Gatten alle Illusionen geschwunden. Einzelheiten will ich verschweigen. Dabei war Charles ein so schlauer Heuchler, daß er mich in Gegenwart dritter stets mit größter Zärtlichkeit behandelte und so den Eindruck hervorrief, als ob unsere Ehe durch kein Wölkchen getrübt sei.
Zu meines Gatten engsten Freunden gehörten zwei Amerikaner, die ich von vornherein mit starkem Mißtrauen betrachtete. Es waren dies ein gewisser Doktor Timpsear und der angebliche Weltreisende Thomas Shepperley. Welcher Art die Beziehungen waren, die diese drei Männer verbanden, vermochte ich zunächst nicht festzustellen. Jedenfalls wurden Timpsear und Shepperley dann sehr bald in den Spiritistenkreis eingeführt. Und nun begann die Zeit, an die ich nur mit Schaudern zurückdenken kann.
Auf Dr. Timpsears Veranlassung wurden die Sitzungen im Hause meiner Mutter, jetzt dreimal wöchentlich, abgehalten. Diese, die ohnehin mit ihren Nerven dicht vor dem völligen Zusammenbruche stand, war infolge der ständigen Aufregungen, die die Geistererscheinungen verursachten, bald dem Irsinn nahe. Umsonst flehte ich meinen Gatten an, Rücksicht auf meine Mutter zu nehmen. Mit heuchlerischen Worten suchte er mir klarzumachen, daß er keinen Einfluß auf sie besitze. Dies war eine direkte Lüge. Mich hatte er freilich mit der Zeit völlig aus ihrem Herzen verdrängt, dafür aber selbst eine Macht über sie erlangt, die man geradezu dämonisch nennen kann.
Dann kam der Schreckenstag. Urplötzlich brach bei meiner Mutter der Wahnsinn aus. In diesem Zustande nahm sie Gift, nachdem sie einen Brief geschrieben hatte, der nur die Worte enthielt: »Ich tue es, um mit ihm, der sich so nach mir sehnt, dauernd vereint zu sein.« – Nach dem Begräbnis fand die Eröffnung des Testamentes der unglücklichen Frau statt. Es war ein sogenanntes eigenhändiges Testament, und es besagte, daß ich auf das Pflichtteil gesetzt und mein Gatte der Universalerbe sei. Gegen meinen Willen focht mein Vormund diese letztwillige Verfügung unter der Einwendung an, die Erblasserin sei bei Niederschrift der Urkunde nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Ein ganzes Jahr dauerte der Prozeß, der von meinem Vormund für mich gewonnen wurde. In den Verhandlungen kamen Dinge zur Sprache, die mir bewiesen, daß Charles nichts war, als ein gewissenloser Erbschleicher, der mit Hilfe der spiritistischen Sitzungen und des von ihm bestochenem Mediums meine Mutter seinen Wünschen gefügig gemacht hatte. Leider waren seine beiden Haupthelfershelfer Timpsear und Shepperley, als sie kaum von dieser für sie so ungünstigen Wendung erfuhren, schleunigst geflohen. Sonst hätte der Staatsanwalt wohl genügend Belastungsmaterial gegen die drei Freunde zusammenbekommen, um sie unter Anklage zu stellen.
Gleich nach diesen Vorfällen reichte ich gegen meinen Gatten, obwohl inzwischen mein unglückliches Kind geboren war, die Scheidungsklage ein. Bei dem Versöhnungstermin vor dem Richter verstand er es jedoch noch einmal, mich mit schönen Worten zu umgarnen. Flehentlich bat er mich, ich solle doch im Interesse unseres Kindes bei ihm bleiben. Ich gab schließlich nach, obwohl mein Vormund mich dringend warnte. Freilich hatte ich meinem Gatten erklärt, daß wir nie mehr zusammen, sondern nur nebeneinander leben könnten. Und so geschah es auch. Wir sahen uns nur bei den Mahlzeiten. Jeder hatte seine Zimmer, die der bewohnte.
Da das Vermögen meiner Mutter mir zugefallen war, konnten wir, obwohl ich von beiden Erbschaften vorläufig nur die Zinsen unbeschränkt verbrauchen durfte, weil das Gericht aus Vorsicht auch über mein Muttererbteil in dieser Weise entschieden hatte, doch recht behaglich leben. Charles, der früher stets behauptet hatte, selbst begütert zu sein, ließ sich von mir völlig aushalten. Irgend eine feste Anstellung hatte er nicht. Was er eigentlich trieb, wußte ich nicht. Es war mir auch gleichgültig. – Dann merkte ich eines Tages, daß die Schokolade, die ich zum Frühstück trank, sehr sonderbar schmeckte. Argwöhnisch wie ich war, goß ich sie fort und schickte nur ein Fläschchen von dem Inhalt der Tasse einem Chemiker zur Untersuchung. Zwei Tage später hatte ich den Bescheid. Die Schokolade war stark mit Arsenik durchsetzt. Das Gift würde genügt haben, ein Menschen zu töten.
Durch Befragen der mir treu ergebenen Köchin erfuhr ich, daß mein Gatte sich damals in der Küche etwas zu schaffen gemacht hatte, als bereits die Tasse Schokolade für mich auf dem Tablett stand. – Dies genügte mir. Kurz erschlossen schrieb ich ihm einen Brief, indem ich ihm den Vorschlag machte, er solle für immer ins Ausland gehen. In diesem Falle würde ich ihm zur Begründung einer Existenz 50 000 Mark in bar auszahlen. Sollte er sich dagegen weigern, so könne er gewiß sein, daß ich abermals auf Scheidung unserer Ehe dringen würde, die ich jetzt infolge neuen Belastungsmaterials gegen ihn ohne weiteres auch erreichen würde. Inzwischen war ich mit meinem Kinde – aus Angst vor weiteren Nachstellungen, zu einer Freundin gezogen. – Umgehend traf seine Antwort ein: Er war mit allem einverstanden. – Im Büro meines Vormundes wurde dann eine Urkunde aufgesetzt, in der mein Mann sich gegen Zahlung der genannten Summe verpflichtete, nie mehr nach Deutschland zurückzukehren und außerdem auf die Erbschaft nach meinem Tode verzichtete. Letzteres zu unterzeichnen sträubte er sich sehr lange. Aber mein Vormund bestand darauf – wohl in meinem Interesse, damit mein Leben nicht weiter von diesem Menschen, der beinahe zum Giftmörder geworden war, aus habsüchtigen Motiven bedroht sein sollte.
Wenn Sie, lieber Freund, für den ich diese mich teilweise so tief demütigende Geschichte niederschreibe, mich nun fragen – und das liegt ja so sehr nahe, weshalb ich mich von meinem Gatten unter diesen Umständen nicht scheiden ließ, so antworte ich ehrlich: lediglich meines Kindes wegen! – In dem Prozeß hätte die vergiftete Schokolade fraglos eine große Rolle gespielt. Alle Welt hätte erfahren, welch ein verworfener Charakter der Vater meines kleinen Richard war, dieser Vater, der des versuchten Giftmordes wegen unfehlbar für lange Jahre ins Zuchthaus gewandert wäre. Und das alles wollte ich dem unschuldigen Kinde ersparen. Es sollte sich später seines Namens nicht zu schämen brauchen, nicht den Schimpf mit sich herumschleppen, daß der, dem es sein Leben verdankte, für alle Zeit gebrandmarkt sei. – Freilich, wenn ich damals schon gewußt hätte, wie es um die geistigen Fähigkeiten meines Kindes stand, eben daß es niemals auch nur Durchschnitzintelligenz besitzen würde, dann – dann – – Doch das ist nun zu spät.
Mein Mann verließ Europa. Vier Jahre lang hörte ich nichts von ihm, nichts. Und dann kam jener Vormittag, an dem wir beide auf dem Bootsstege standen und nach der gescheiterten Brigg hinüberschauten, an dem Sie mich plötzlich stützen mußten, da eine Anwandlung von Schwäche mich befiehl. Sie ahnten nicht, aus welchem Grunde mir plötzlich die Sinne zu schwinden drohten.
Der, den das Boot der Fischer als einzigen Geretteten an das Land brachte, war er – er.
Auch er muß mich erkannt haben. Ich sah das Erschrecken in seinen Mienen, sah, wie er sich bückte, sein Gesicht zu verbergen suchte. Und das Boot machte kehrt, ruderte zum Schiffe zurück. Er wollte mir also ausweichen.
Die Vergangenheit war lebendig geworden. Und vor dieser Vergangenheit flüchtete ich noch an demselben Tage nach München zurück.
Der, den ich meinen Gatten nennen muß, hat bis jetzt nichts von sich hören lassen. Ich fürchtete, daß er mir schreiben, vielleicht selbst zu mir kommen würde. Tage sind seitdem vergangen. Ich wage aufzuatmen.
Das ist meine Liebesgeschichte. Die letzten Absätze habe ich erst soeben hinzugefügt. Nun wissen Sie alles.«
Langsam faltete Fritz Schaper die Briefbogen zusammen und schob sie in den Umschlag zurück.
»Armes Weib,« sagte er leise, als er den Brief Heinz Gerster dann zurückreichte. »Ihr hat der richtige Berater gefehlt. Längst – längst hätte sie sich von diesem Schurken freimachen müssen. Allerdings auch ihre Furcht vor einem öffentlichen Skandal, den dieser Ehescheidungsprozeß sicher heraufbeschworen hätte, ist verständlich.«
Der junge Schriftsteller nickte traurig vor sich hin.
»Wenn sie sich mir nur früher anvertraut haben würde,« meinte er aufseufzend.
Schaper streckte ihm tröstend die Hand hin. »Lieber Gerster, daß die Frau es nicht tat, geschah doch nur deswegen, weil sie fürchtete, daß ein gewisser Jemand mit der Gattin eines solchen hartgesottenen Verbrechers nichts mehr gemein haben wolle. Die Frau liebt Sie. Und sie wollte sich wenigstens Ihre Freundschaft erhalten –«
»Welche Torheit, welche Kurzsichtigkeit,« murmelte der andere wehmütig. »Ich würde sie heiraten, und wenn ihr Mann ein Mörder wäre –«
»Vielleicht ist er’s auch,« sagte Schaper ernst.
8. Kapitel
Der erste Verdacht
Inhaltsverzeichnis
Der Zug brauste mit schwindelerregender Eile durch die schnell hereinbrechende Nacht.
Der Detektiv hatte wohl eine Viertelstunde fast regungslos dagesessen und sich die Sachlage überlegt. Immer wieder dachte er an die beiden Namen, die auch in seinem Leben bereits eine gewisse Rolle gespielt hatten und die nun hier sich ihm wieder aufdrängten: Doktor Timpsear und Thomas Shepperley! Jede Einzelheit jenes Dramas, das die Zeitungen damals unter dem Sensationstitel: »Die Mumie der Königin Semenostris« besprochen hatten, tauchte in seiner Erinnerung wieder auf. Nun, jedenfalls warf es kein besonders günstiges Licht auf Charles Deprouval, daß er diese beiden Männer offenbar schon seit längerer Zeit gekannt hatte.
Immer fester bissen sich Fritz Schapers Gedanken, diese an scharfsinniges Kombinieren so sehr gewöhnten Gedanken, in der Materie seines neuesten Falles, Albert Wendel fest. Und hin und wieder schweifte auch sein Denken ab zu jener geheimnisvollen Geschichte, die Heinz Gerster ihm von dem geretteten Passagier der Brigg »Karola« erzählt hatte, von dessen unauffälligem Verschwinden aus dem holsteinischen Fischerdorfe, das darauf hindeutete, daß der Mann kein ganz reines Gewissen haben konnte. Und dann besann er sich auch auf die Einzelheiten, die der Oberingenieur Pareawitt ihm von der Testamentserrichtung des Millionenbesitzers berichtet hatte. Da war ja jener schurkische Buchhalter als Zeuge zugegen gewesen, der nachher versucht hatte, Vermögenswerte der Erbschaftsmasse beiseite zu schaffen und später entflohen war. Dies alles hatte sich in Südafrika zugetragen, und die »Karola« , die gescheiterte Brigg, war doch, wie der Schriftsteller bestimmt wußte, ebenfalls aus einem dortigen Hafen gekommen.
Der Detektiv fuhr ordentlich hoch von seinem Sitz, so daß Heinz Gerster ganz erschrocken von seiner Zeitung aufblickte.
»Gerster,« rief er erregt, »wissen Sie, was ich eben gefunden zu haben glaube? Nichts anderes als den Faden, der den Fall »Wendel« mit Ihrer Liebesgeschichte verbindet!«
Der Schriftsteller schaute ihn daraufhin ungläubig an. Dann meinte er zögernd:
»Eine Verbindung besteht ja schon insofern, als Charlotte Wendel bisher als Rita Meinas bei Frau Deprouval gelebt hat.«
»Es gibt noch eine zweite – vielleicht,« entgegnete Schaper eifrig. »Ich vermute, daß der Mann, der in Danzig vor mir Erkundigungen nach der Millionenerbin eingezogen hat, Charles Deprouval ist!«
Heinz Gerster legte schleunigst die Zeitung weg.
»Nein – wirklich?! Das wäre ja mehr als ein merkwürdiges Zusammentreffen,« sagte er interessiert. »Wie sind Sie denn zu dieser Annahme gelangt? Fraglos haben Sie doch Ihre guten Gründe dazu.«
»Allerdings, die habe ich. – Auf diese Vermutung hat mich die gestrandete Brigg gebracht. Hören Sie, wie ich mir die Sache zusammenreime. – Unterstellen wir, daß Deprouval nach seiner erzwungenen Auswanderung aus Deutschland nach Afrika gegangen ist und dort bei dem Minenbesitzer Albert Wendel als Buchhalter eine Anstellung gefunden hat. Als Wendel seinen letzten Willen diktiert, ist Deprouval als Zeuge dabei. So erfährt er von den Bestimmungen des Testaments jedes Wort, auch den Umstand, daß Verwandte des Erblassers in Danzig gesucht werden sollen. Zunächst will er nun von der Hinterlassenschaft des Minenmagnaten einen Teil an sich reißen. Das mißlingt. Er muß fliehen und wird von der Polizei verfolgt. Aus diesem Grunde kann er sich in einem größeren Hafen auf einen der Tourendampfer nicht einschiffen. Er geht also nach Port Elisabeth, einem unbedeutenden südafrikanischen Hafen, und zahlt dem Kapitän der Brigg »Karola« das Passagiergeld, der den kleinen Gewinn gern einsteckt. In der Ostsee gerät der Segler dann in einen Orkan, scheitert, und die Besatzung mit Ausnahme von Deprouval ertrinkt. Er, der in der Absicht, selbst die Erben Albert Wendels aufzusuchen, nach Europa gekommen ist, begegnet kurz vor der Landung seinem Weibe. Er hofft, daß sie ihn nicht erkannt hat, läßt sich nach der Brigg zurückrudern und wartet, bis seine Gattin den Strand verläßt. Dann sucht er das Weite. In den nächsten Tagen taucht er in Danzig auf. Er erfährt hier alles, was er wissen will. Zwei Tage darauf reißt Charlotte Wendel plötzlich nach Berlin. Sie bittet Frau Deprouval, daß diese über das Ziel ihrer Reise nicht verrät. Beweis – die eine Bemerkung in dem Briefe der Dame. Mithin handelt es sich bei dieser Fahrt um eine Angelegenheit, die geheim bleiben soll. Und der, der das junge Mädchen nach der Reichshauptstadt kommen ließ, dürfte ebenfalls Charles Deprouval sein. – Sie schaun so ungläubig drein! – Lieber Gerster, bedenken Sie das eine: die Zeitverhältnisse stimmen so tadellos, die einzelnen Abschnitte meiner Kombinationen passen so genau zusammen, daß das nicht alles Zufall sein kann!«
Trotzdem schüttelte der Schriftsteller zweifelnd den Kopf.
»Es sind doch schließlich nur Vermutungen,« meinte er. »Es kann so sein – kann aber auch nicht so sein.«
»Gut, ich erkenne Ihre Bedenken an, möchte Ihnen aber doch nur eins vorhalten: Gerade, daß Charlotte Wendel jetzt, ausgerechnet zwei Tage nachdem der Fremde in Danzig auftauchte, nach Berlin gefahren ist, gibt mir die Überzeugung, daß meine Annahme stimmt. Ich stelle mir die Sache so vor. Deprouval ist sofort nach Beendigung seiner erfolgreichen Ermittlungen von Danzig nach München gefahren. Hier erfuhr er, daß zu seinem Pech die Millionenerbin, an die er sich zu irgendwelchen Zwecken heranmachen wollte, bei seiner Frau als Erzieherin in Stellung war. Mithin erschien es ihm zu gefährlich, seine weiteren Pläne in der Isarstadt sozusagen unter den Augen seiner Gattin zur Durchführung zu bringen. Er fuhr also schleunigst nach Berlin zurück und verstand es, das junge Mädchen dorthin zu locken, wahrscheinlich durch einen Brief, in dem er ihr gewisse Andeutungen über die ihrer wartende Erbschaft machte. Eine Depesche hätte diesen Zweck nicht erreicht. Es muß ein längeres Schreiben gewesen sein. – Nun, Verehrtester, was sagen Sie hierzu?«
»Ich bewundere ehrlich Ihren Scharfsinn. Und die Möglichkeit, daß Ihre Schlüsse stimmen, gebe ich gern zu. Mehr aber nicht.«
»Sind Sie aber hartnäckig!« lachte der Detektiv. »Trotzdem hoffe ich noch aus dem Saulus einen Paulus zu machen, und zwar sehr bald. Ich werde gleich nach unserer Ankunft in Berlin eine Kabeldepesche an die Polizei in Kimberley aufgeben und um das genaue Signalement des Buchhalters, der die Erbschaftsräuberei versucht hat, bitten, ferner um Aufschluß darüber, was über den Verbleib des Mannes bekannt geworden ist. Der Mensch, der in Danzig nach Charlotte Wendel Umfrage hielt, besaß einige besondere Kennzeichen: sehr kleine, frauenhafte Hände und einen Eckzahn mit einer Goldkrone. – Wollen sehen, was ich für Antwort aus Kimberley bekomme. Ich jedenfalls wette schon heute, daß jener Buchhalter und der Danziger Spion kein anderer als Deprouval ist.«
Als der Luxuszug in den Bahnhof Friedrichstraße einlief, beugte sich Schaper weit zum Fenster hinaus, um nach seinem Bürovorsteher Lemke Ausschau zu halten, den er sich kurz vor der Abreise von München durch ein Telegramm herbeordert hatte.
Lemke hatte seinen Herrn und Gebieter bald erspäht und belud sich dann, nach der ersten Begrüßung mit dessen Reisetasche und -decke.
»Wie wär’s,« meinte Schaper, als sie die Treppe zum Ausgang hinunterschritten, »wenn wir noch einen Schoppen im »Heidelberger« genehmigten? – Ich habe einen Mordsdurst.«
Die beiden anderen, die der Detektiv in seiner legeren Art einander vorgestellt hatte, waren einverstanden.
So bogen sie denn in die Friedrichstraße ein und gingen das kurze Stück bis zu dem bekannten Restaurant zu Fuß.
Und dann betraten sie den »Heidelberger« . Schaper entdeckte in dem kleinen Garten einen freien Tisch. Nachdem der Kellner die Gläser gebracht hatte, begann der Detektiv sofort als guter Geschäftsmann mit seinem Bürovorsteher von den Dingen zu sprechen, die ihm am meisten am Herzen lagen.
»Sie dürfen mir das nicht verargen, lieber Gerster,« entschuldigte er sich bei diesem. »Aber gerade in meinem Beruf muß ich jede Minute auf dem Laufenden sein.« – »Briefe eingegangen?« wandte er sich dann an Lemke.
»Bitte. Habe alles mitgebracht.«
»Sonst was neues?«
»Zwei neue Aufträge. Einer davon sehr lohnend.«
Während Schaper nun die Briefe durchsah – es war ein ziemlicher Stoß – unterhielten sich die beiden anderen halblaut.
Plötzlich lachte der Detektiv hell auf, so daß seine Tischgenossen beinahe erschreckt zusammenfuhren.
»Diese Gespenstergeschichte dort hinten in Pommern wird immer interessanter,« sagte er dann, zwei der Briefe mit den Fingerspitzen hochhaltend. »Die Freundschaft zwischen dem Privatgelehrten Müller und dem dicken Kaufmann Wernicke scheint einen Riß bekommen zu haben. – Lieber Gerster, Sie sind ja in die Sache eingeweiht. Da wird es Sie also nicht allzusehr langweilen, wenn ich Ihnen zwei famose Herzensergüsse aus Gauben vorlese. – Herr Müller schreibt: »Sehr geehrter usw. Zu meinem Bedauern erfuhr ich von Herrn Wernicke, daß Sie gestern hier in unserem Städtchen gewesen sind, ohne sich zu mir bemüht zu haben. Sollte Sie etwa meine Krankheit davon abgehalten haben? Das würde mir sehr leidtun. Ich hätte Sie sehr, sehr gern persönlich gesprochen. Nun muß ich das, was ich Ihnen mündlich mitteilen wollte, auf diesem Wege zukommen lassen. Ich will mich kurz fassen. – Obwohl ich meinen Verdacht nicht begründen kann, so werde ich doch das Gefühl seit einigen Tagen nicht los, daß Wernicke bei den Geistererscheinungen in meinem Garten nicht ganz unbeteiligt ist. Wie gesagt – es ist dies eine bloße Vermutung von mir, die zu beweisen mir vorläufig unmöglich ist. Aber ich halte mich doch für verpflichtet, Ihnen hiervon Mitteilung zu machen. Im Interesse einer schleunigen Aufklärung der geheimnisvollen Angelegenheit würde ich Ihnen raten, Ihre nächste Ankunft hier in Gauben nur mir ankündigen zu wollen, da ich sonst offen gestanden fürchte, daß das Gespenst es vorziehen wird, sich während Ihrer Anwesenheit nicht zu zeigen. Weiter bitte ich Sie aus demselben Grunde, den Personenzug nach Stolp nur bis Zerzewa, eine Station vor Gauben, zu benutzen und von dort aus mit einem leicht zu beschaffenden Fuhrwerk bis in die Nähe der Mönchs-Abtei zu fahren, wo ein Nachtquartier für Sie jederzeit bereit ist. – Um Ihnen zu zeigen, wie viel mir an der baldigen Erledigung dieser immerhin recht merkwürdigen Geschichte gelegen ist, gestatte ich mir, das Honorar, soweit ich es zahle, auf dreihundert Mark zu erhöhen unter der Bedingung, daß Sie meinen vorhin geäußerten Wünschen pünktlich nachkommen. – Ihrer gefälligen Antwort entgegensehend – Hochachtungsvoll – Friedrich Müller.«
»So – das wäre Schreiben Nummer eins! Nun das Gegenstück dazu. – Vorher aber: Prosit, meine Herren!«
Darauf las Fritz Schaper auch den zweiten Brief vor.
»Sehr usw.! Kurz nach Ihrer Abreise habe ich zufällig etwas erfahren, was Sie fraglos interessieren wird. Der Bahnhofsvorsteher Hillgard in Gauben ist mein Freund und Regimentskamerad. Hillgard erzählte mir nun folgendes. – Der Diener Hartung meines Mieters Müller hat sich in der letzten Woche regelmäßig vor Ankunft jedes Zuges auf dem Bahnhof eingefunden und ist Reisenden, die hier in Gauben ausstiegen, stets heimlich gefolgt, um festzustellen, wo sie blieben. Auch an dem Tage, als Sie hier eintrafen, hat der den Bahnsteig aus der Ferne überwacht. Und der Hotelkutscher der »Drei Kronen« hat ihm, kaum daß Sie Ihr Zimmer aufgesucht hatten, sagen müssen, wer Sie seien. Mit einem Wort: Es macht auf mich den Eindruck, als ob Friedrich Müller gern sofort wissen möchte, wenn Sie hier sind. Daß es sich bei diesem Spionieren nur um Ihre Person handeln kann, geht aus folgendem hervor. Der Diener Hartung ist bisher nie auf dem Bahnhof gewesen, jedenfalls höchstens in dem halben Jahr, seit er mit seinem Herrn hier wohnt, drei bis vier Mal und dies dann nur zu dem Zweck, um eilige Briefe in den Bahnhofskasten zu werfen. Erst an dem Tage, an dem Sie Friedrich Müller mitteilten, daß Sie es versuchen wollten, dem Gespenst nachzuspüren, begannen Hartungs Patrouillengänge nach dem Bahnhof, die er täglich fünf Mal unternehmen mußte und die erst aufhörten, als Sie hier gewesen und wieder gewesen waren. – Weitere Bemerkungen an diese Tatsache will ich nicht knüpfen. Jedenfalls sehen Sie, daß wir hier in Gauben auch die Augen offenhalten können. Und das werde ich jetzt erst recht tun. Denn, unter uns gesagt, als ich Müller erzählte, daß Sie bei mir waren und wiederkommen würden, da es Ihnen jetzt an der nötigen Zeit fehle, tauschte er mit seinem Diener einen Blick aus, den ich nicht bemerken sollte, der mir aber doch nicht entging. Und in diesem Blick lag soviel Spott und höhnischer Triumph, daß ich plötzlich, hinsichtlich des grauen Gespenstes, zu einer ganz anderen Ansicht gelangt bin. – Ihnen bei Ihrer Erfahrung wird es nicht schwer fallen, aus alledem Ihre Schlüsse zu ziehen und Ihr Vorgehen so einzurichten, daß Sie auch wirklich Erfolg haben. – Das Schönste ist – der Herr Privatgelehrte hält mich als Kleinstädter anscheinend für einen – rechten Einfaltspinsel. Mag er. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. – Nebenbei bemerkt, war Müller am Tage Ihrer Abreise bereits wieder völlig gesund. Ich traf ihn an seinem Schreibtisch sitzend und behaglich eine Pfeife rauchend, an. – Hochachtungsvoll ergebenst – Ernst Wernicke, Kolonialwarenhändler.«
Als Schaper jetzt den Brief auf den Tisch zurücklegte, konnte Heinz Gerster nicht länger ansichhalten.
»Und über die beiden Schreiben lachen Sie so belustigt?« meinte der ganz vorwurfsvoll. »Ich denke, die Sache wird durch diese Mitteilungen nur noch komplizierter. Manches in den Briefen regt doch geradezu zu dem Verdacht an, daß es sich bei diesen Geistererscheinungen um mehr als einen bloßen Schabernack handelt. – Das Letztere nahmen Sie doch bisher an, nicht wahr?«
»Tue ich auch noch,« entgegnete der Detektiv gemütlich. »Freilich, um einen Schabernack, über dessen tiefere Absichten ich mir noch nicht klar bin. Aber auch das werde ich herausbekommen!«
Bald darauf verließen die drei Herren das Restaurant und fuhren ein jeder nach seiner Wohnung, nachdem der Schriftsteller dem Detektiv noch versprochen hatte, sich morgen in dessen Büro einzufinden.
9. Kapitel
Ein Stempelaufdruck
Inhaltsverzeichnis
Kurt Hiller, der Angestellte des Detektivinstituts Argus, den Schaper in München zum Zweck weiter Nachforschungen nach dem Verbleib Frau Käti Deprouvals zurückgelassen hatte, war von den Leuten Fritz Schapers vielleicht die beste und geriebenste Arbeitskraft. Nachdem sein Herr die Isarstadt mit dem Luxuszug verlassen hatte, suchte er eins der großen Bräuhäuser am Platz auf und legte sich bei einem Liter echten Müncheners und mehreren Paaren Weißwürsten mit Kraut einen Feldzugsplan zurecht. Es dauerte nicht lange, da war er auch schon mit sich einig. Ja, so mußte es gehen – das war der einzige Punkt, an dem sich diese Sache angreifen ließ.
Am nächsten Morgen suchte er dann seinem Plane gemäß den Portier des Hauses Aspernstraße 19 auf. Dieser, ein behäbiger Pfälzer, ließ sich mit spielender Leichtigkeit ausholen.
Ja, die Anna, die bei der Frau Deprouval seit zwei Jahren als »Mädchen für alles« diene, habe natürlich einen Schatz. Mit dem habe er sich schon so manches Mal unterhalten. Freilich, wo der wohne, wisse er nicht, nur daß er Schlosser sei und eine feste Anstellung in der Elektrizitätszentrale habe. – Der Name? Hm, er wolle sich mal besinnen. – Richtig – Alois Pilcherer.
Mehr brauchte Hiller, der dem Portier ein wunderbares Märchen aufgebunden hatte, um ihn gesprächig zu machen, nicht zu wissen. Auf dem Einwohnermeldeamt erfuhr er ja alles Weitere. –
Alois Pilcherer, ein waschechter Bayer, gemütlich, wenn er nüchtern war, grob und händelsüchtig nach dem sechsten Liter, konnte sich zunächst gar nicht von seinem Staunen erholen, als er abends um sieben in seinem Kämmerchen, das er bei der Witwe Aschbauer allein bewohnte, den Besuch eines elegant gekleideten Fremden erhielt, der ihn in höchst verdächtiger Weise im reinsten Hochdeutsch anredete.
»Herr Pilcherer, nicht wahr?« fragte Hiller, indem er nach dem lauten »Herein« ungeniert in die kleine Dachkammer trat.
Der Schlossergeselle nickte nur.
Der Detektiv stellte sich ihm als Fachkollege, als Maschinenschlosser, vor, der hier in München Arbeit suche, und in der kleinen Kneipe an der nächsten Ecke spielte sich dann der zweite Akt der Komödie ab, bei der der brave Alois doch schließlich der Geleimte war. Da es Hiller nach sehr kurzer Zeit gelang zu erfahren, daß sich Pilcherers Braut mit ihrer Herrschaft in Karlsbad befand.
Als Fritz Schaper am nächsten Morgen sein Büro gegen zehn Uhr betrat – er hatte sich einmal wieder gehörig ausschlafen wollen – meldete Lemke ihm sofort, daß Kurt Hiller aus München, vor etwa einer halben Stunde, antelephoniert und die jetzige Adresse der Frau Deprouval angegeben habe.
Schaper schaute bei dieser Nachricht recht ungläubig drein. Aber bald belehrte ihn sein Bürovorsteher, daß an diesem wunderbar schnellen Erfolg Hillers nicht mehr zu zweifeln sei.
»Famos!« rief der Detektiv da. »Verbinden Sie mich mal schleunigst mit Herrn Gerster. Inzwischen sehe ich das Kursbuch ein. – Da haben wir’s schon. Karlsbad-Berlin – sehr günstig. – Donnerwetter, das ginge –!«
Als der junge Schriftsteller sich gegen halb zwölf in dem Detektivbüro einfand, wurde ihm der Bescheid eröffnet, daß Herr Schaper soeben verreist, morgen früh neun Uhr aber bestimmt wieder zurück sei.
Pünktlich stellte er sich also am folgenden Morgen erneut bei Schaper ein und wurde auch sofort vorgelassen. Der Detektiv, der etwas müde und abgespannt aussah, begrüßte ihn mit warmer Herzlichkeit, bat ihn Platz zu nehmen und sagte darauf ganz unvermittelt:
»Frau Käti läßt herzlich grüßen, lieber Gerster. Es geht ihr gut und sie erwartet Sie heute oder morgen bei sich.«
Kein Wunder, daß der junge Schriftsteller zur Bildsäule erstarrte.
»Ist das Ernst oder Scherz?« fragte er nach einer Weile unsicher, indem er den Detektiv ängstlich forschend anblickte.
»Mit Berufsdingen scherze ich nie. Frau Deprouval hält sich zur Zeit in Karlsbad, Hotel Kaiserhof, auf,« erwiderte Schaper mit feinem Lächeln.
»Mithin waren Sie gestern dort,« meinte Gerster leicht gereizt. »Warum nahmen Sie mich nicht mit?«
Der Detektiv legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter. »Weil ich erst das Terrain für Sie vorbereiten wollte, lieber Gerster,« entgegnete er offen. »Frau Käti weiß jetzt durch mich, daß Sie treu zu ihr halten, mag in der Vergangenheit auch noch so viel Trauriges passiert sein und mag die Zukunft vielleicht nicht weniger Schmachvolles bringen. Sie wird nun die Scheidung sofort einleiten, was ja das einzig Richtige ist. So, wie die Dinge liegen, ist sie in spätestens einem Vierteljahr frei.«
Heinz Gerster streckte jetzt dem Detektiv beide Hände hin. Sein ehrliches Gesicht strahlte förmlich.
»Ich danke Ihnen, Schaper, danke Ihnen aus übervollem Herzen. Doch nun erzählen Sie. Sie können sich denken, wie ich vor Neugier brenne –«
»Nun: 11 Uhr 10 Minuten gestern vormittag nach Karlsbad, halb sechs Ankunft dort, halb sieben im Kaiserhof bei Frau Käti. Zusammen soupiert, alles erledigt, mit Nachtschnellzug wieder in Berlin!«
Gerster hatte schon seine Uhr hervorgeholt.
»Dann benutzte ich denselben Zug,« erklärte er. »Sie müssen mich schon entschuldigen, lieber Schaper.«
Er griff nach Hut und Stock.
»Einen Moment noch,« meinte der Detektiv. »Es dürfte Sie interessieren, daß ich mit meiner Vermutung, hinsichtlich der Reise Charlotte Wendels nach Berlin, recht hatte. Das junge Mädchen ist durch einen Brief aus München fortgelockt worden, der von Anfang bis Ende nichts als Schwindel war. Zum Glück besann sich Frau Deprouval auf die Adresse des Absenders, eines angeblichen Konsulatssekretärs Morrisson, hier, Bellevuestraße 8. Am besten, ich komme sofort mit. Denn diese Fährte muß verfolgt werden, so lange sie warm ist. Es handelt sich hier nämlich fraglos um eine Schurkerei des Herrn Charles Deprouval.«
»So ist wirklich Deprouval dieser Fremde, der in Danzig –?«
»Er ist’s. Frau Käti bestätigte die mir bekannten Personalien bis ins einzelne.« –
Ein Auto brachte die Herren dann nach der Bellevuestraße, wo Schaper ausstieg, während der Schriftsteller nach seiner in Charlottenburg gelegenen Wohnung weiterfuhr, um noch schnell seinen Koffer zu packen. –
In Nr. 8 befand sich in der zweiten Etage eine vornehme Fremdenpension. Dort läutete der Detektiv. Die Besitzerin des Pensionats, der er seine Legitimation vorzeigte, erklärte sich nach einigem Zögern zur Auskunft bereit.
So erfuhr Schaper denn, daß ein Engländer, der sich Tarpy Morrisson nannte und Konsulatssekretär war, eine Woche in der Pension gewohnt habe, bereits aber wieder abgereist sei und zwar in Begleitung einer Dame, die er für seine Schwester ausgegeben und die in einem zweiten Zimmer nur eine Nacht logiert hatte.
Schaper hatte eine ähnliche Antwort erwartet.
»Könnte ich das Zimmer Morrissons mir einmal ansehen?« fragte er nach kurzem Nachdenken.
»Bitte, es ist noch frei.«
Die Räumlichkeit war elegant eingerichtet, besaß zwei Fenster und machte einen recht behaglichen Eindruck. Der Detektiv unterzog es einer sehr gründlichen Musterung, entdeckte jedoch nicht die kleinste Kleinigkeit, die für ihn wertvoll gewesen wäre. Schließlich gab er das Suchen auf.
»Und das Zimmer der Schwester Morrissons?« fragte er unverfroren.
»Das ist leider schon wieder vergeben,« meinte die Pensionsinhaberin kühl.
»Vielleicht könnte ich es trotzdem sehen. – Wer wohnt denn dort?«
»Ein Offizier. – Aber ich möchte doch bitten, daß Sie meine Gäste nicht stören. Ihr Verlangen geht wirklich zu weit,« sagte die Dame etwas ungeduldig.
Schaper war so leicht nicht abzuschütteln. »Sie wissen nicht, gnädige Frau, was bei der Untersuchung, die ich führe, alles auf dem Spiel steht,« erklärte er ernst. »Mit dem Offizier werde ich mich schon auseinandersetzen.« –
Der Oberleutnant, ein Feldartillerist, der zu der Hochzeit eines Freundes von Stettin herübergekommen war, saß gerade beim Morgenkaffee. Schaper stellte sich vor und brachte dann seine Bitte an.
»Aber gewiß gestatte ich das,« meinte der Oberleutnant liebenswürdig. »Bitte – das Zimmer steht Ihnen zur Verfügung.«
Wieder begann dieses peinlich genaue Absuchen. Der kaminartige Ofen, die Fächer des Schreibtisches, des Waschtisches, die Schreibunterlage, der Papierkorb – nichts blieb verschont. Wieder vergeblich. Schon wollte Schaper sich verabschieden, als der Offizier, der den Detektiv mit leicht begreiflichem Interesse beobachtet hatte, etwas von oben herab sagte:
»Als Sie vorhin den leeren Papierkorb aufhoben und hineinschauten, flatterte ein Papierschnitzel unter den Sessel da –«
Schon hatte Schaper das weiße Stückchen in der Hand. Es war der obere Teil eines Briefumschlages mit der halben, entwerteten Marke. Und auf dieser, mitten durchgerissenen Marke war noch deutlich der Absendeort des Stempels zu lesen.
Dem Detektiv gab es einen förmlichen Ruck durch den Körper.
Nein, das war keine Sinnestäuschung – da stand klar und deutlich – »Gauben« .
Zehn Minuten später saß Fritz Schaper wieder in seinem Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch. Auf dem roten Tuchbezug lagen all die Papiere ausgebreitet, die den Fall des »grauen Gespenstes« betrafen: das erste Schreiben des Privatgelehrten, die eigenen Aufzeichnungen des Detektivs über seinen Besuch in dem Städtchen und bei Wernicke, und schließlich die zwei Briefe, in denen die beiden Männer sich gegenseitig verdächtigten.
Der Detektiv hatte sich eine Zigarre angezündet und blies langsam die blauen Rauchwölkchen von sich. Seine Gedanken umspielten dieses Rätsel: Wie kam das Papierstückchen, dieser Überrest eines aus Gauben stammenden Briefes, in den Papierkorb jenes Zimmers? Die Pensionsinhaberin hatte ihm versichert, daß bei ihr noch nie jemand aus Gauben gewohnt habe. Sie kenne das Nest gar nicht. Weiter hatte er sich dann gefragt, wer vor dem angeblichen Fräulein Morrisson das Zimmer innegehabt habe. Eine Argentinierin einen Monat lang, deren Gatte zur preußischen Armee abkommandiert war. Die Dame habe stets nur Briefe aus der Heimat erhalten. –
Mithin: Wie war der Schnitzel in den Papierkorb geraten, wie – wie? – Eigentlich gab es nur eine Lösung, die ihm aber so weithergeholt schien, daß er sie immer wieder verwarf. Und diese Lösung war, daß zwischen dem Fall »Albert Wendel« und dem des »grauen Gespenstes« irgendwelche Beziehungen bestanden! – Nahm man z. B. an, daß der Privatgelehrte Müller mit Deprouval bekannt sei, so ließ sich das Auftauchen des Brieffragmentes in der Pension in der Bellevuestraße unschwer erklären. Deprouval und Morrisson waren ja ein und dieselbe Person. Und konnte der angebliche Konsulatssekretär nicht den Brief aus Gauben im Zimmer »seiner Schwester« vernichtet, dabei aber gerade das eine Stückchen übersehen haben?
Wohl eine Stunde verging über diesem nutzlosen Grübeln, mit dem Fritz Schaper sein Hirn zermarterte. Er fand eine ihm zusagende Erklärung nicht. Überhaupt – hier gab es noch so manche Fragen zu lösen. Wie war z. B. Deprouval in den Besitz des mit dem Aufdruck des englischen Generalkonsuls versehenen Briefbogens gelangt? Und die Hauptsache: Was hatte dieser hartgesottene Schurke mit Charlotte Wendel vor? Gedachte er wirklich die Erbschaft an sich zu reißen? Und wenn, auf welche Weise?
In dieser unangenehmen Lage rief er sich seinen Bürovorsteher herbei und beriet mit diesem, was man nun zunächst tun solle. Lemke, ein alter Praktiker in dem vielseitigen Detektivberuf, horchte hoch auf, als Schaper ihm die Geschichte von dem Brieffragment erzählte. Dann rückte er mit seinem Vorschlag heraus.
»Wie wär’s, Herr Schaper, wenn Sie jetzt sofort nach Gauben fahren und sich dort so ein wenig um die Mönchsabtei und ihre Bewohner kümmern würden? Indessen könnten wir hier mit all unseren verfügbaren Kräften nach dem Verbleib Deprouvals und der jungen Dame forschen lassen. So verlieren wir keine Zeit und sind auf beiden Schauplätzen tätig.«
»Genau denselben Gedanken hatte auch ich,« meinte Schaper. »Gut. Dann geht also die Jagd auf der Eisenbahn wieder los. Doch – was hilft’s?! Ich reise also mit dem Mittagszuge. Abends sieben Uhr geben Sie eine Depesche an Müller nach Gauben auf, daß ich morgens mit dem letzten Zuge dort eintreffe. Auf diese Weise habe ich die kommende Nacht und den Tag ganz für mich. Natürlich fahre ich nicht als Fritz Schaper, sondern in irgend einer Verkleidung.«
10. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Die kleine Bahnstation Zergewo in Pommern, liegt etwa drei Meilen von dem Städtchen Gauben entfernt. – Aus dem Zuge, der kurz nach acht Uhr abends, von Berlin kommend, in dem Marktflecken eintraf, stieg ein älterer, in einen dunklen Pelerinenmantel gekleideter Herr aus, der mit seiner goldenen Brille, dem wenig gepflegten, grauen Vollbart und der vornüber gebeugten Haltung wie ein Dorfschulmeister aussah. Das bescheidene Männchen, das nur eine beschabte Handtasche bei sich trug, schaute sich suchend um, worauf er den Bahnsteig verließ und der Chaussee zustrebte.
Rüstig schritt Schaper, denn niemand anders als der Detektiv war der Alte, dahin. Die Chaussee lag völlig verlassen da. Die Nacht war dunkel, der Himmel mit leichten Wolken bedeckt. Das störte den Detektiv aber nicht. Er hatte sich längst an nächtliche Einsamkeit gewöhnt.
Die Mönchsabtei befand sich auf der anderen Seite der Stadt. Soweit hatte Schaper den Situationsplan noch von seinem ersten Besuche in Gauben her im Kopf. So bog er denn von der Chaussee auf ein abgeerntetes Roggenfeld ab und umging in großem Bogen den Ort. Nach einer guten halben Stunde war er dann an der rückwärtigen Mauer des einsamen Gehöftes angelangt.
Schaper blieb stehen und lauschte. Jenseits der hohen Steinmauer, deren Feldsteine dicht mit einer grünen Moosschicht bedeckt waren, hatte er ein Geräusch gehört. Es klang wie das Knarren von Balken, die hin und herbewegt wurden.
Der Detektiv stand jetzt im Schutze eines Gestrüpps von wilden Rosen, die sich zum Teil an einem verkrüppelten Birnbaum hochgerankt hatten und ihm daher vorzüglich Deckung boten. Langsam zog er seinen Pelerinenmantel aus, faltete ihn zusammen und legte ihn vor sich auf den Boden. Dasselbe tat der mit dem grauen Anzug, den er über einen anderen, etwas engeren und dunkler gefärbten gezogen hatte. Darauf entnahm er seiner Reisetasche eine erdfarbene, weiche Reisemütze und vertauschte sie gegen den schwarzen, steifen Hut. Auch die Brille wanderte als oberstes Stück auf den Kleiderhaufen. Alle übrigen Requisiten seines Handwerks trug Fritz Schaper bei sich: so die Mehrladepistole, die elektrische Taschenlampe, ein Taschenstemmeisen und ein paar feingearbeitete Nachschlüssel. – Auf seine dünnsohligen Schnürstiefel konnte er sich verlassen. Die knarrten nicht.
Lautlos, wie ein Schatten, huschte er nun auf die Mauer zu. Da – wieder dasselbe Geräusch. Er stand eine Weile und horchte. In unregelmäßigen Zwischenräumen wiederholte sich dieses dumpfe Knarren. Bisweilen krachte es auch wie von brechendem Holz. – Es half nichts. Er mußte hinüber. – So suchte er sich denn eine bequeme Stelle aus, wo er die Mauer unschwer übersteigen konnte.
Fünf Minuten später lag er seine acht Meter von der Prior-Kapelle entfernt in einem dichten Gebüsch und starrte unverwandt nach dem halbverfallenen Gemäuer hinüber. Ein paar Gestalten bewegten sich dort. Hin und wieder blitzte auch der Lichtschein einer Laterne auf. Dann knarrten Balken, ertönten dumpfe Schläge. Er hörte auch leise sprechen. Aber die Worte verstand er nicht. Jetzt schleppen zwei Mann eine Leiter zu der Eingangstür der Kapelle, während ein dritter ihnen leuchtete. Die Leiter wurde aufgerichtet, und einer der Männer kletterte bis zu dem spitzen, schweren Ziegeldach empor. Rasselnde, quietschende Töne. – Eine Säge, dachte Schaper. – Und dann vernahm er ein leises Kichern, etwa wie ein schadenfrohes Lachen.
Der Detektiv hielt den Atem an. Wo hatte er nur dieses teuflische Kichern schon gehört, wo nur, wo? – Da, wieder dieses halb unterdrückte, widerliche Gelächter. Und der heimliche Lauscher sann und sann. Kein Zweifel, dem Mann dort war er bereits begegnet, und zwar hatte er dieses niederträchtige Kichern bei einem Anlaß vernommen, bei dem er beruflich tätig gewesen war.
Da wurden Fritz Schapers Gedanken durch die Vorgänge bei der kleinen Prior-Kapelle wieder abgelenkt. Die drei Männer dort schafften jetzt die Leiter fort. Man merkte, daß sie bemüht waren, möglichst wenig Geräusch zu machen. Still schritten sie mit ihrer Last durch die Gänge des Gartens hin und lehnten die Leiter dann an die Rückwand des Hauptgebäudes, wo sie sie stehen ließen. Der Detektiv, der ihnen nachgeschlichen war, bemerkte jetzt, wie sie durch die Hintertür in das Haus schlüpften. Und gleich darauf hörte er auch das Kreischen eines Schlüssels, der zweimal im Schloß herumgedreht wurde.
Längere Zeit umkreiste er dann noch das Haus, um festzustellen, ob etwa der dritte der Männer die Mönchsabtei wieder verließ. Aber alles blieb ruhig. Nur zwei Fenster in der ersten Etage zeigten sich erleuchtet. Diese waren jedoch mit dichten Vorhängen verschlossen, sodaß Schaper den Gedanken, einen hohen Baum des Parkes als Beobachtungsposten zu erklettern, schnell wieder fallen ließ. Die Leiter, die ihm diesen Plan erleichtert hätte, nützte ihm nichts. Sie war für einen einzelnen Menschen zu schwer, wie er schon bei seinem ersten Besuch des einsamen Gehöftes ausprobiert hatte.
»Die Zeit ist gekommen,« dachte der einsame Lauscher und schlich im Schatten der Baumgruppe unhörbar auf die Kapelle zu. Im Eingang derselben blieb er einen Moment stehen und schaute sich um. Nichts – nichts. Still und schweigend lag der große Garten da.
Fritz Schaper lächelte. Das war doch die Stunde der Gespenster?! Wo blieb denn nun der graue Geist, der hier sein Unwesen treiben sollte?! – Und ruhig drückte der Detektiv den Schieber seiner Taschenlampe hoch, sodaß urplötzlich ein heller Lichtkegel in den Innenraum des verwahrlosten Gotteshauses fiel. Eilig durchschritt er jetzt die Kapelle und machte erst vor der Rückwand des Sakristei-Anbaues halt. Er kannte ja die Örtlichkeit. Zum zweiten Mal befand er sich nun in dieser baufälligen Ruine. Heute wollte er sich die Entdeckung, die er schon damals in jener Nacht, nach seinem Besuch bei dem Kaufmann Wernicke, gemacht hatte, genauer ansehen. – Dort an der Rückwand erhob sich ein großer Schrank, hergestellt aus festen Eichenbrettern. Die Tür hing nur noch in einem Gelenk und lehnte mit der oberen Kante altersschwach an der Mauer. Dieser Schrank, der mit dicken eisernen Klammern wie für die Ewigkeit an der getünchten Wand befestigt war, hatte früher fraglos die Altargeräte und die Meßgewänder enthalten. Jetzt war er völlig leer. Selbst die Zwischenbretter fehlten. Nur deren Stützen waren noch vorhanden.
Schaper faßte mit der rechten Hand in die obere hintere Ecke, und mit einem Mal bewegte sich die hölzerne Rückwand mit leisem Geräusch nach hinten und gab eine dunkle, gähnende Öffnung frei. Gebückt schlüpfte der Detektiv hinein und schob die geheime Tür wieder zu. Er befand sich jetzt in einem schmalen, gemauerten Gang, der die eine Kellertreppe steil abwärts führte. Ohne sich um die verstaubten Spinngewebe, die kreuz und quer über die enge Stiege gespannt waren, zu kümmern, eilte er die Stufen hinab, die noch recht gut erhalten waren. Am Fuße der Treppe blieb er stehen und ließ den Lichtschein seiner Laterne langsam über die einzelnen, mit Staub fingerhoch bedeckten Stufen hingleiten. Deutlich waren in dieser grauen Staubschicht eine ganze Anzahl von Fußspuren eingedrückt.
»Aha,« brummte Schaper vor sich hin. »Dies ist also der Ort, wohin der Geist so geheimnisvoll verschwindet. – Nun, wollen sehen, ob dieses geheime Versteck uns noch mehr verrät.«
Der Gang verlief jetzt in gerader Richtung weiter. Nach ungefähr zwanzig Meter wurde eine zweite, nur bedeutend schmälere Treppe sichtbar, die in die Höhe führte und vor einer niedrigen Tür endete, deren Verschlußmechanismus hier auf dieser Seite ganz frei lag und aus einer Anzahl eiserner Schieber, die offenbar frisch geölt waren, bestand. Der Detektiv brauchte nicht lange zu probieren. Schon öffnete sich das Türchen geräuschlos nach innen. Vorsichtiger Weise hatte der nächtliche Eindringling die Laterne vorher ausgeknipst. Atemlos lauschte er jetzt in die Finsternis hinein. Nichts regte sich. Minutenlang verharrte er in derselben Stellung. Dann erst wagte er es, Licht zu machen. Der weiße Kegel beleuchtete die getäfelte Wand eines breiten Korridors. Und einen Teil dieser Täfelung bildete die niedrige Tür zu dem verborgenen Verbindungweg nach der Prior-Kapelle.
Schaper wußte genug. Lautlos, wie er gekommen, verschwand er wieder. Gleich darauf tauchte er im Innenraum der Kapelle auf.
‚Möchte nur wissen, was die drei hier zu sägen und zu hämmern hatten,‘ dachte er mißtrauisch und beleuchtete überall die Wände und auch die Decke, die von dem spitzzulaufenden Dach gebildet wurde. Wie er dann den mit Schutt und Fußbodentrümmern bestreuten Boden absuchte, fand er gerade unter einem der Fenster, deren Glasscheiben längst herausgefallen waren, ein kleines Häufchen Sägemehl. Noch vier andere solcher Häufchen des gelblichen Holzpulvers entdeckte er, und alle diese lagen gerade unter den durch Wind und Wetter völlig aus ihrer Lage verschobenen Hauptstützbalken des Daches. Schaper war mit einem Mal sehr nachdenklich geworden. Und dann kletterte er kurz entschlossen an dem Fensterkreuz empor und beleuchtete den einen der Stützbalken. Als er, bestaubt und beschmutzt und mit zerschundenen Händen, wieder zu ebener Erde angelangt war, lag in seinen Augen ein drohendes Flimmern.
»Unglaublich – unglaublich!« murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin. »Doch – ich muß Gewißheit haben –«
Nunmehr umschritt er langsam von außen das alte Bauwerk, welches stellenweise so dicht mit Efeu überwuchert war, daß die grünen Blätter einen undurchdringlichen Vorhang bildeten. Trotzdem tastete Fritz Schapers Hand Zentimeter für Zentimeter die Mauer ab. Da, wie er an die Rückseite gekommen war, umspannten seine Finger plötzlich einen dicken Strick, der anscheinend vom Dache herunterhing. Es war derselbe Strick, das des Detektivs scharfe Augen oben um den mittelsten Dachträger geschlungen, bemerkt hatten. –
Die Nacht verbrachte Fritz Schaper in einem nahen Getreideschober. Eingehüllt in seinen Mantel, schlief er traumlos und fest. Gegen neun Uhr morgens erwachte er. Nachdem er den zweiten Anzug wieder übergestreift und sich, so gut es ging, gesäubert hatte, schritt er auf Umwegen der Chaussee zu und wanderte zu Fuß bis zum nächsten größeren Dorfe, das eine Postagentur besaß. Hier gab er eine Depesche an seinen Bürovorsteher auf.
»Erwarte Hiller und Maschke mit Schließzeug, abends Bahnhof Zergewo. – Schaper.«
Das Telegramm wurde sofort expediert.
Dann fragte der Detektiv den Lehrer, der die Postagentur verwaltete, nach dem besten Gasthof des Dorfes. Er hatte ja noch reichlich Zeit und wollte mit möglichst frischen Kräften den Ereignissen entgegengehen, die seiner in der folgenden Nacht warteten.
11. Kapitel
Nie geahnte Überraschungen
Inhaltsverzeichnis
Erst Nachmittags gegen vier Uhr verließ der Detektiv das Kirchdorf und schlug den Weg nach Zergewo ein. Dieser führte zum Teil durch einen dichten Wald. Hier suchte er sich ein verstecktes Plätzchen und nahm dort mit seinem äußeren Menschen eine gründliche Umwandlung vor. Der eine Anzug, ebenso die Pelerine des Mantels wanderten eng zusammengerollt in die Handtasche. Den schwarzen Filzhut behielt er auf. Das war eine zu alltägliche Kopfbedeckung, um ihn verraten zu können. Die goldene Brille wurde gegen einen Nickelkneifer ausgetauscht, ebenso die graue Perücke und der Bart gegen solche von blonder Farbe.
Der, der nun hinter den Büschen hervortrat und seinen Weg nach Zergewo fortsetzte, hatte mit dem alten Herrn vom Abend vorher nicht die geringste Ähnlichkeit mehr. Mithin war es ausgeschlossen, daß die Bewohner der Mönchsabtei selbst nur durch ein Spiel des Zufalls davon erfuhren, daß der Detektiv schon einen ganzen Tag in der Umgegend von Gauben geweilt hatte, ehe er sich bei ihnen vorstellte.
Als abends kurz nach acht Uhr der Berliner Personenzug in Zergewo einlief, stand Schaper auf dem Bahnsteig, gemütlich eine Zigarre rauchend. Aus einem Abteil dritter Klasse stiegen jetzt zwei Männer aus, die sich erst suchend umschauten, dann vor dem blonden Fremden mit dem Nickelkneifer stehen blieben und anscheinend irgend etwas fragten.
Niemand bemerkte, daß Schaper einem der Leute einen Zettel zusteckte und leise dazu sagte:
»Hier, Ihre Verhaltungsmaßregeln.«
Laut aber fügte er hinzu:
»Ja, gewiß, einen Wagen können Sie hier leicht bekommen. Der Gastwirt Schubert besitzt einen Einspänner, der bringt Sie in zwei Stunden an Ihr Ziel.« –
Gleich darauf kletterte Schaper in ein Abteil zweiter Klasse und machte es sich in neben dem Fester bequem.
Die Fahrt bis Gauben dauerte nur eine knappe halbe Stunde. Auf dem dortigen Bahnhof verließ der Detektiv den Zug und begab sich auf einem kleinen Umweg nach der Mönchsabtei, nachdem er einen Arbeiter, dem er auf der Chaussee begegnete, in genauer Durchführung seiner Rolle als mit den örtlichen Verhältnissen Unbekannter nach dem einsamen Gehöft gefragt hatte.
Bei völliger Dunkelheit langte er vor dem Torweg an. Schon von weitem hatte er den Lichtschein einer Laterne bemerkt, der sich vor der Eingangspforte der Gartenmauer auf und abbewegte. Jetzt sah er sich einem Manne gegenüber, der ihm zunächst in das Gesicht leuchtete und dann mürrisch fragte:
»Herr Schaper?«
»Ja, der bin ich.«
»Bitte, folgen Sie mir.« Der Diener – nur er konnte es sein, der den Detektiv erwartet hatte – ging mit der Laterne voraus, nachdem er das Tor wieder sorgfältig verschlossen hatte.
Im Hause angekommen, geleitete er den Gast in ein Zimmer des Erdgeschosses, in dem eine Lampe auf dem Tische brannte und ein frisch bezogenes Bett neben anderen bescheidenen Möbeln stand.
Schaper stellte seine Reisetasche bei Seite, entledigte sich des Mantels und wandte sich dann an Hartung, der abwartend an der Tür stehen geblieben war.
»Kann ich Ihren Herrn sprechen?« fragte er, dem Manne vertraulich zunickend.
»Herr Müller liegt zu Bett,« erwiderte der Diener kurz. »Trotzdem möchte er Sie sehen. Ich werde vorausgehen.«
Sie schritten dann den Korridor entlang an ein paar Türen vorbei. An der letzten des mit Steinfliesen belegten Ganges klopfte Hartung und öffnete auf ein leises Herein.
»Bitte, Herr Schaper.«
Dieser trat ein. In dem eisernen Feldbett richtete sich eine Gestalt mit zur Hälfte verbundenem Gesicht auf und streckte Schaper zur Begrüßung eine knochige Hand entgegen.
»Es freut mich, daß Sie gekommen sind,« krächzte der Privatgelehrte mit heiserer Stimme. »Bitte setzen Sie sich zu mir,« bat der Patient darauf. »Und entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie in dieser Weise empfange.«
»Tut mir leid, Herr Müller, daß es Ihnen so schlecht geht,« meinte Schaper, indem er Platz nahm.
Der Kranke, der sich inzwischen wieder in die Kissen zurückgelehnt hatte, nickte matt.
»An alledem ist nur das graue Gespenst Schuld,« sagte er ärgerlich.
»Hat sich dieser Geist denn in letzter Zeit wieder einmal gezeigt?« fragte der Detektiv harmlos.
»Häufiger wie früher sogar. Gestern Abend z. B. auch,« krächzte der Privatgelehrte.
»Haben Sie ihn gesehen oder Ihr Diener?« meinte Schaper gleichgültig.
»Ich?! – Ich konnte mich gestern nicht rühren, so plagte mich die Gicht. – Nein, Hartung hatte das zweifelhafte Vergnügen.«
»Um welche Zeit läßt sich denn das famose Gespenst am häufigsten blicken?« fragte der Detektiv.
»Zumeist so zwischen zehn und zwölf Uhr. Falls Sie schon heute Nacht aufpassen wollen, würde ich Ihnen raten, sich kurz vor zehn in den Garten zu begeben.«
»Gewiß! Am liebsten schaute ich mir die sogenannte Prior-Kapelle etwas näher an.«
Müller glättete nervös die Falten der Decke.
»Davon würde ich abraten, Herr Schaper,« sagte er unruhig. »Wenn das Wesen, das hier als Gespenst auftritt, wirklich aus Fleisch und Blut besteht, so wird es sich vielleicht dadurch, daß Sie vorher das Terrain besichtigen, abschrecken lassen und nicht zum Vorschein kommen.«
Der Detektiv wußte nur zu gut, weshalb er von der Kapelle ferngehalten werden sollte. Er hatte diesen Wunsch einer Inaugenscheinnahme der Örtlichkeit ja auch nur zum Schein geäußert.
»Hm, Ihre Bedenken muß ich anerkennen,« sagte er jetzt. »Lassen wir’s also.«
Müller nickte befriedigt.
Schaper erhob sich. Doch Müller hielt ihn noch zurück.
»Einen Augenblick. – Ich habe noch eine Bitte. – In welcher Weise Sie gegen das graue Gespenst vorgehen, falls es sich heute zeigen sollte, ist mir gleichgültig. Nur bitte keine Gewalttat, die mir als dem Mieter dieses Grund und Bodens und als Ihrem Auftraggeber Unannehmlichkeiten bringen könnte. Am besten, Sie beschränken sich heute darauf, die Erscheinung zu beobachten, lassen sie ruhig in der Kapelle verschwinden und folgen ihr schnell. Wir erfahren so wohl am sichersten, wo der Geist eigentlich bleibt.«
Schaper kostete es jetzt wirklich Mühe, seine Überraschung zu verbergen. – Kein Zweifel mehr: ihm galten die Vorbereitungen, die die drei Männer in der Nacht vorher getroffen hatten, ihm allein. Das ging klar aus der heuchlerischen Bitte dieses angeblichen Privatgelehrten hervor. Er sollte in die Kapelle gelockt werden, und dann – dann …
Den Detektiv überrieselte es eiskalt. Wirklich eine gütige Vorsehung hatte ihm den Gedanken eingegeben, heimlich zunächst einmal die Mönchsabtei und ihre Bewohner zu beobachten.
Seine Stimme klang gleichmütig wie zuvor, als er nun erwiderte:
»Dieselbe Absicht habe auch ich gehabt, Herr Müller. Von Gewaltanwendung, die strafrechtliche Folgen nachsichziehen könnte, kann natürlich keine Rede sein.«
»Denn also viel Glück zur Gespensterjagd, Herr Schaper – recht viel Glück!« –
Schaper war mit dem Diener nach dem Garten gegangen, wo er neben demselben auf einer Bank verharrte. Jetzt, bei ruhigem Nachdenken, wurde ihm das Schurkische der Handlungsweise erst recht klar. Die ganze Situation spitzte sich zu einem Racheakt auf seine Person zu, das wurde ihm immer klarer.
Eine Bewegung Hartungs riß Fritz Schaper aus seinem Brüten auf.
Er blickte empor. Vor ihnen lag der mit gelbem Kies bestreute Weg, der zu der Tür der Prior-Kapelle führte. Mildes Mondlicht überstrahlte die Umgebung, schuf geheimnisvolle Schatten und reichte doch hin, um die Gestalt genau zu erkennen, die jetzt langsam, feierlich aus dem Dunkel der Lebensbaumallee hervortrat.
Graue, schleierartige Gewänder, die noch ein Stück hinterher schleppten, umhüllten die Erscheinung, die in gemessenem Schritt an dem Versteck der beiden vorüberkam.
Hartung spielte jetzt den vor Angst und Schrecken völlig Fassungslosen.
Inzwischen war das graue Gespenst bis dicht vor die Kapellentür gelangt.
Da litt es Fritz Schaper nicht länger auf seinem Platz. Er riß die Taschenlaterne hervor und sprang auf. Der Geist drehte sich in der Tür der Kapelle um, hob wie warnend die Hand und war verschwunden. Keine fünf Schritt hinter ihm raste der Detektiv in das kleine Gotteshaus.
Schaper sprang die drei Stufen zu dem Eingang empor. Das Licht der elektrischen Laterne fiel in den unwirtlichen Raum hinein, traf auf die fliehende Gestalt.
Da – plötzlich – der Graue stolperte, schlug lang mit dumpfem Krach zu Boden. Irgend ein Brett des zertrümmerten Fußbodens hatte ihn zu Fall gebracht. Regungslos lag er jetzt in dem Eingang zu der Sakristei.
Schon stand der Detektiv neben ihm.
Das Gespenst ist mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen, ist bewußtlos. Blut rann über sein Gesicht, das jetzt die kleine Lampe so grell bescheint. Ein Fremder, ohne Zweifel. Den Mann hatte Schaper noch nie gesehen.
Mit einem Male richtete sich der Detektiv blitzschnell auf. Über ihm knisterte und krachte es warnend in dem Gebälk des Daches. Ein Blick nach oben. Die schweren Balken schienen sich zu bewegen.
Da erst wirde er sich der furchtbaren Gefahr bewußt.
Der dicke Strick an der Rückwand der Sakristei, der Diener, der draußen geblieben ist! – Daran denkt Fritz Schaper. Und mit zwei Sätzen steht er in dem mächtigen Eichenschrank, während hinter ihm schon der Dachstuhl zusammenkracht.
Die geheime Tür schließt sich hinter dem Detektiv, der hastig durch den unterirdischen Gang eilte und dann vor der von ihm nur einen Fingerbreit geöffneten zweiten Tür lauschend stehen bleibt. Jetzt tappten eilende Schritte den nur mäßig erhellten Korridor entlang. Ein Schatten huscht vorbei und verschwindet in dem Zimmer, wo der angebliche Kranke liegt.
Schaper, die Schußwaffe in der Hand, gleitet aus seinem Versteck hervor und schleicht sich näher. So hört er jedes Wort, das die beiden da drinnen wechseln. Er lauscht und stutzt sofort. Müller und der Diener sprechen englisch.
Jetzt vernimmt er eine erstaunte Stimme, die des Privatgelehrten.
»Wie meinst du das, Tom? - Inwiefern mehr Glück, als wir es voraussehen konnten?«
»Weil wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe gefangen haben. – Also der Deprouval spielt das Gespenst vorzüglich. Als er in der Kapellentür steht, rennt der verd… Detektiv richtig hinterher. Ich schau’ mir die Geschichte von außen an, weil ich merkte, daß da irgend was nicht ganz programmmäßig verlaufen war. Der Schaper stand nämlich, als ich unseren schönen Glockenzug in Bewegung setzen wollte und dabei an der Tür vorbei huschte, über eine am Boden liegende Gestalt gebeugt. – Begreifst du, Harry? Unser junger Freund war gestrauchelt und mußte irgendwo hart aufgeschlagen sein, noch bevor er den rettenden Schrank erreicht hatte, durch den er spurlos verschwinden sollte. Ich nun schleunigst um die Kapelle herum und das Tau genommen und – ein starker Ruck, da krachte die Falle auch schon zusammen.«
Der andere stieß sein scheußliches, so höllisch triumphierendes Kichern aus.
»Großartig, Tom, großartig! Jetzt steht die ganze Bude fraglos schon in Flammen. Meine drei chemischen Feueranzünder wirken sicher, unbedingt sicher. Da können die Herren von der superschlauen deutschen Polizei dann versuchen, aus den Brandtrümmern und den verkohlten Leichen sich ein Bild der Vorfälle zusammen zu reimen. Wird ihnen schwer fallen, fürcht’ ich!«
Wieder lachte er sein höhnisches, widerliches Lachen.
»Doch, Tom, nun zurück in den Garten. Wenn sie in Gauben den Feuerschein sehen, sind sie mit der Spritze bald hier. Ich bleibe im Bett. Was Du zu sagen hast, weißt Du ja.«
Der Detektiv huschte schleunigst davon. Die Haustür war nur angelehnt. Eilig lief er auf die Lebensbaumallee zu, wo er einen leisen, eigentümlichen Pfiff ausstieß. Sofort gesellten sich zwei Männer zu ihm, die bisher hier auf der Lauer gelegen hatten.
Der rötliche Feuerschein der brennenden Kapelle erhellte jetzt die Umgegend weithin, so daß Schaper und seine Leute sich vorsichtig im Schatten hielten. Mit wenigen Worten hatte er ihnen die nötigen Mitteilungen gemacht.
»Die Schurken sollen schon in Eisen liegen, bevor noch die Feuerwehr hier ist,« flüsterte er, und dann schlichen sie davon. –
Tom stand vor der Haustür, fuhr plötzlich er herum. Er hatte hinter sich ein Geräusch wie von leisen Schritten gehört. – Zu spät. Kein Schrei drang mehr aus seiner Kehle. Ein Mann hatte ihm blitzschnell die Hand fest auf den Mund gedrückt, ein zweiter riß ihn nieder.
Dann lag er, gebunden und mit einem Knebel zwischen den Zähnen, hinten an der Gartenmauer. In seiner Nähe schritt langsam ein Wächter auf und ab. –
Der Privatgelehrte oben in seinem Bett lauschte. Kein Zweifel. Die Feuerwehr kam. Er hörte schon das Rasseln der Räder, den Klang einer schrillen Glocke, deren Klöppel hin und wieder bewegt wurde.
Da – was war das? – Die Tür öffnete sich. – Zwei Gestalten stürzten auf sein Bett zu. Er vermochte sich nicht zu rühren. Fesseln legten sich um seine Hände.
»Hiller, reißen Sie dem Mann die Bandagen vom Gesicht,« befahl Schaper jetzt.
Der Gefangene leistete keinen Widerstand.
»Leuchten Sie!«
Hiller nahm die Lampe zur Hand und hielt sie so, daß der Lichtschein voll das bartlose Gesicht des Gefesselten traf.
Fritz Schaper beugte sich vor. Diese schmalen Lippen, dieses energische Kinn und die halb zusammengekniffen Augen kannte er. Aber – wer war der Mann, wer? – Dann – er prallte förmlich zurück.
»Die Toten stehen auf!« rief er fassungslos. »Hiller,« wandte er sich an seinen Untergebenen, »wahrhaftig, wenn ich nicht wüßte, daß jener Amerikaner, jener Doktor Timpsear, in Berlin begraben liegt, ich würde darauf wetten, daß ich hier denselben Schurken vor mir habe. – Mann,« schrie er den Gefangenen an, »antworten Sie mir! – Wer sind Sie, wer in aller Welt?!«
Doch der angebliche Privatgelehrte stierte nur immer geradeaus zu der Zimmerdecke empor. Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht, kein Wort kam über seine Lippen.
12. Kapitel
Was die Presse zu sagen wußte
Inhaltsverzeichnis
Zwei Tage später schrien die Zeitungsverkäufer in den Hauptverkehrsstraßen der Reichshauptstadt mit längst heiser gewordenen Kehlen immer wieder die Sensationstitel aus, unter denen die verschiedenen Tagesblätter Berlins den neuesten Kriminalfall behandelten.
Auch Heinz Gerster, der inzwischen wieder nach Berlin zurückgekehrt war, nachdem er sich mit der Geliebten über ihre Zukunftsabsichten ausgesprochen hatte, saß jetzt mit einer Zeitung in der Hand an einem der Marmortischchen des Cafes Kranzler und überflog mit atemloser Spannung den eingehenden Bericht über dieses in seiner Art wirklich einzig dastehende Verbrechen.
»– Erst durch das umfassende Geständnis des Komplicen des angeblichen Privatgelehrten Müller ist jedoch das Dunkel, das noch über diesen zum Teil so geheimnisvollen Vorgängen schwebte, völlig gelüftet worden. Dieser Diener Hartung, in Wirklichkeit ein Amerikaner namens Thomas Shepperley, hat sein Geständnis wohl nur in der Hoffnung abgelegt, daß er dadurch mildere Richter finden dürfte. – Unser Leser werden sich besinnen, daß vor etwa neun Monaten das kleine märkische Städtchen Buckow der Schauplatz einer Kriminalaffäre war, in deren Mittelpunkt ein gewisser Doktor Harry Timpsear stand, der sich dann bei seiner Verhaftung durch den rühmlichst bekannten Detektiv Fritz Schaper der irdischen Gerechtigkeit durch Selbstmord entzog, einen Selbstmord, welcher scheinbar durch ein Kügelchen Cyankali ausgeführt wurde. Scheinbar! - Tatsächlich brachte sich Timpsear jedoch nur ein nur ihm bekanntes Präparat bei das die Lebensfunktionen zum Aussetzen zwingt und dem menschlichen Körper dabei alle Merkmale des wirklich eingetretenen Todes verleiht. Bekanntlich hatte nun der Amerikaner eine Art Testament hinterlassen, in dem er bestimmt hatte, daß die Leiche seinem Freunde Thomas Shepperley zur Bestattung ausgeliefert werden sollte. Dieser Shepperley hat es dann verstanden, durch ihm von Timpsear schon vorher bezeichnete Gegenmittel den Scheintoten wieder ins Leben zurückzurufen. Statt des Verbrechers wurde darauf ein mit Steinen gefüllter Sarg beerdigt. Das Grab ist jetzt von der Polizei geöffnet und in der Tat leer gefunden worden. – Timpsear, der durch das Eingreifen des Detektivs Schaper sich in seinen verbrecherischen Plänen gestört sah, suchte sich an diesem zu rächen. Mit Hilfe gefälschter Ausweispapiere ließ er sich mit Shepperley in dem Städtchen Gauben nieder und benutzte hier den unter den Einwohnern verbreiteten Aberglauben von dem zeitweiligen Auftauchen eines grauen Gespenstes in dem Garten der Mönchsabtei für seine Zwecke, indem er dem Eigentümer des einsamen Gehöfts, dem Kaufmann Wernicke, zunächst den »Geist« zeigte, den der zur selben Zeit anscheinend erkrankte Shepperley darstellen mußte. Zur Aufklärung dieser Gespenstergeschichte wurde sodann Fritz Schaper hinzugezogen. Inzwischen war der vorher genannte Charles Deprouval, der Charlotte Wendel mit Hilfe eines aus dem englischen Generalkonsulat entwendeten offiziellen Briefbogens nach Berlin gelockt hatte, mit dem jungen Mädchen heimlich bei Nacht von der Bahnstation Zergewo aus in der Mönchsabtei eingetroffen, wo ihr Timpsear als ihr Onkel vorgestellt wurde, der sich vor den Nachstellungen hartnäckiger Feinde dorthin geflüchtet haben sollte. Charlotte Wendel wurde ein ganzer Roman erzählt, der so geschickt ersonnen war, daß sie alles blindlings glaubte und sich in einem Zimmer des Obergeschosses verborgen hielt, wie dies von ihr verlangt wurde, angeblich, damit ihres Onkels Feinde dessen Fährte nicht entdecken sollten. Das Weitere wissen unsere Leser bereits aus dem ersten Teil dieses Berichtes – wie die drei Verbündeten, Timpsear, Shepperley und Deprouval, die schon früher miteinander befreundet gewesen und in ständigem Briefwechsel geblieben waren, das Dach der Kapelle so herrichteten, daß es durch einen Ruck an dem Tau einstürzen und infolge der unter den Balken angebrachten chemischen Zündstoffe, die durch Zerbrechen von dünnen Glasröhrchen in Brand geraten, sofort auch in Flammen aufgehen mußte. Der Anschlag mißglückte jedoch. Deprouval fand den Tod in der brennenden Ruine, die beiden anderen Verbrecher wurden festgenommen, und Charlotte Wendel, die eine halbe Gefangene gewesen war, befreit. – Es bleibt nur noch nachzuholen, welche Absichten Deprouval mit dem jungen Mädchen gehabt hat. Da er sie schlauer Weise veranlaßt hatte, all ihre Legitimationspapiere mitzubringen, da er ferner wußte, daß nur dem alten Weiblein in dem Danziger Armenhause etwas über den Aufenthaltsort des jungen Mädchens bekannt war, jener Frau, der er durch sein Geldgeschenk für immer den Mund verschlossen zu haben glaubte, so gedachte er, wie Thomas Shepperley gleichfalls eingestanden hat, Charlotte Wendel sehr bald zu beseitigen und im Garten der Mönchsabtei zu verscharren. An ihrer Stelle sollte dann irgend ein anderes gleichaltriges Mädchen, das er durch Bestechung für seine Pläne gewinnen wollte, sich als Erbin melden, die durch die Ausweispapiere als die Nichte Albert Wendels auch anerkannt worden wäre und den Nachlaß erhalten hätte, den Charles Deprouval dann mit seinen Helfershelfern zu teilen beabsichtigte.
Fraglos wären all diese schurkischen Pläne geglückt, die ja bis ins einzelne sehr sorgfältig vorbereitet waren, wenn nicht Timpsear und seinen Genossen der Mann wieder rechtzeitig die Larve vom Gesicht gerissen hätte, der schon damals dem Amerikaner die Verübung weiterer Untaten unmöglich gemacht hatte. Und dieser Mann ist kein anderer als Fritz Schaper, unser genialer Privatdetektiv. Jedenfalls haben die Behörden Vorsorge getroffen, daß dieses Mal Doktor Harry Timpsear der Gerechtigkeit kein Schnippchen schlägt. Sein Haupt dürfte dem Henker verfallen sein. Steht doch auf seinem Schuldkonto nicht allein der Fall »der Mumie der Königin Semenostris« , sondern auch der des »grauen Gespenstes« . Das Richtbeil wird so die Erde endlich von einem Scheusal befreien, das in seiner Person ebenso viel glänzende wissenschaftliche Fähigkeiten, besonders auf dem Gebiete der Chemie, wie unerhörtes verbrecherisches Raffinement vereinte.«
— Ende —
Das Katzenpalais
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
1. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Rechtsanwalt Heiling erreichte den Stadtbahnzug auf dem Bahnhof Börse noch im letzten Augenblick. Jetzt, wo die Millionenstadt Berlin nach dem abendlichen Geschäftsschluß das unzählige Heer der Angestellten ausspie wie ein übersättigter, müder Moloch, waren die Züge nach den westlichen Vororten mehr als überfüllt. Aber Ernst Heiling hatte Glück. Wie er sich noch mit knapper Not in ein Abteil zweiter Klasse hineinschwang, winkte ihm zwischen einer älteren Dame und einem fast überelegant gekleideten Herrn ein freies Plätzchen.
Er setzte sich, rückte den von dem eiligen Lauf etwas nach vorn gerutschten Klemmer auf seiner schmalen, feingebauten Nase an die richtige Stelle und entfaltete die Abendzeitung. Seine Aktenmappe, in der sich dringende Papiere befanden, die er daheim erledigen wollte, stellte er neben sich.
Aber zum ungestörten Genuß der Blätter sollte er sobald nicht kommen. Sein Nachbar, in dessen fahlem Gesicht das Einglas wie festgemauert saß, duftete derart aufdringlich nach einem süßlichen Parfüm, daß der Rechtsanwalt sich schleunigst eine Zigarette anzündete, obwohl die Luft in dem Abteil bereits von Rauchschwaden erfüllt war und Heiling sonst schon aus Rücksicht auf die anwesenden Damen auf seine geliebte Manoli verzichtet hätte. Doch dieser widerlich süße Duft, der seine Nase fortgesetzt belästigte, war anders nicht zu ertragen.
Als die Zigarette brannte, lehnte er sich weit in die Polster zurück und betrachtete nun erst einmal genauer diesen Herrn, der seine Mitmenschen mit diesem unausstehlichen Parfüm derart zu peinigen wagte. Das Gesicht des Betreffenden ließ mit seiner ungesunden Farbe und den feinen Fältchen um Mund und Augen keinen sicheren Schluß auf das Alter zu. Anfang der dreißiger, schätzte Heiling, dem das scharfe Beobachten anderer bei seinem Beruf zur zweiten Natur geworden war. Kleidung zu gigerlhaft, überlegte der Anwalt weiter. Der Kragen könnte getrost ein paar Zentimeter niedriger sein, und der Stein in der Nadel der lose geschlungenen Krawatte dürfte auch nicht ganz echt sein – also Talmi-Eleganz, wie man sie in Berlin in gewissen Kreisen, die Heiling durch seine Tätigkeit mehr als gut kannte, nur zu häufig antrifft.
Bei alledem schien den in so unfeiner Weise parfümierten Menschen eine fast krankhafte Unrast zu peinigen. Er klebte nur gerade noch auf dem vordersten Rande des Polsters und saß auch nicht einen Augenblick ruhig. Bald fuhr sein von einem spiegelblanken Zylinderhut gekrönter Kopf nach dieser Seite hin, bald nach der anderen, indem er durch sein Monokel die vorbeihuschenden Häuser und Straßenzüge aufmerksam betrachtete. Offenbar hatte er es sehr eilig und erwartete mit höchster Ungeduld das endliche Eintreffen am Ziele seiner Fahrt. Eine Ledermappe, die in Größe und Farbe der des Anwalts vollkommen glich, hielt er ängstlich an den Körper geklemmt unter dem linken Arm.
Auf dem Bahnhof Friedrichstraße füllte sich das Abteil noch mehr. Auch der Mittelgang war jetzt von Leuten, die keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten, völlig gefüllt. Nur mit Mühe gelang es Heiling, der sich inzwischen schon ein wenig an den aufdringlichen Geruch gewöhnt und dem der Stutzer bereits wieder herzlich gleichgültig war, seine Zeitung zu entfalten.
Da – kurz vor dem Einlaufen in den Lehrter Bahnhof wurden die Bremsen plötzlich mit aller Gewalt angezogen. Es gab einen so starken Ruck, daß die Insassen des Abteils, in dem der Rechtsanwalt sich befand, gründlich durcheinandergeworfen wurden. Erst nach einer Weile gelang es Heiling, seine Aktentasche, die vom Sitz heruntergefallen war, wieder an sich zu nehmen.
In demselben Augenblick riß auch schon ein Schaffner die Tür auf und rief den bestürzten Fahrgästen zu, daß die Maschine entgleist sei und alles sich zu Fuß nach dem nahen Lehrter Bahnhof den Gleisen entlang begeben müsse.
Mit einem halb unterdrückten Fluch sprang als erster Heilings Nachbar auf und drängte sich rücksichtslos nach der offen gebliebenen Tür durch.
»Nette Wirtschaft – verdammter Aufenthalt!« hörte der Anwalt den Fremden murmeln. Dann verlor er ihn aus den Augen.
Eine Viertelstunde später befand sich Heiling, der eine elektrische Straßenbahn zur Weiterfahrt benutzt hatte, in seiner in Charlottenburg gelegenen Privatwohnung. Schon unterwegs hatte er bemerkt, daß der geringfügige Eisenbahnunfall ihm doch in einer Beziehung verhängnisvoll geworden war. Fraglos hatte er nämlich seine Aktentasche mit der des parfümierten Herrn, die gleichfalls ihrem Besitzer entglitten war, vertauscht. Denn deutlich fühlte er durch das Leder – leider zu spät, woran nur die allgemeine Aufregung Schuld trug – in der Mappe mehrere harte, längliche Gegenstände, während seine eigene nur ein paar dünne Aktenhefte enthalten hatte.
In seinem aus zwei vornehm möblierten Zimmern bestehenden Junggesellenheim beschaute er sich dann die vertauschte Aktentasche genauer. Die Sache war ihm insofern recht ärgerlich, als er nicht wissen konnte, wann der Fremde ihm sein Eigentum wieder zustellen würde, und weil sich unter den Aktenstücken zwei Exemplare befanden, die er morgen vormittag notwendig brauchte. Vielleicht entdeckte er jedoch in der ihm vorliegenden Mappe irgend etwas, was ihm die Adresse des Besitzers verriet. Und so versuchte er denn, die Tasche zu öffnen. Das Schloß widerstand zunächst allen seinen Bemühungen, bis er, ungeduldig geworden und nur von dem Wunsche beseelte, seine Papiere schleunigst zurückzuerhalten, einige kleine Schlüssel herbeiholte und diese probierte. Einer paßte wirklich. –
Mit einer gewissen Neugier breitete Heiling jetzt den Inhalt der Aktentasche auf seiner Schreibtischplatte aus.
Zu seiner Enttäuschung enthielt sie jedoch nur ein flaches, in ein schwarzes Tuch eingehülltes Paket und ein zerknittertes Blatt Papier, auf dem einige Reihen von deutschen, offenbar in verstellter Schrift geschriebenen Wörtern standen, die aber nicht den geringsten Sinn ergaben.
Ziemlich mutlos wickelte Heiling nun das Tuch auseinander, um sich auch die darin befindlichen Gegenstände anzusehen. Ein leises Klirren belehrte ihn – worauf er schon aus dem Gewicht des Bündels geschlossen hatte – daß es sich um Metallsachen handeln müsse.
Dann lagen diese vor ihm, glitzernd im Lichte des elektrischen Kronleuchters …
Der Anwalt stand einen Augenblick ganz regungslos vor Überraschung da. Unwillkürlich drängte sich ein leiser Ausruf höchsten Staunens über seine Lippen …
Denn seine Augen ruhten wie gebannt auf dem fein gearbeitetsten Einbrecherwerkzeug, das ihm je in seiner Praxis vorgekommen war. Da fehlte nichts; – von einer haarscharfen, dünnen Stahlsäge bis zu einem aufklappbaren Brecheisen war alles vertreten, womit der moderne Dieb sich ihm bietende Hindernisse zu bezwingen weiß.
Nachdenklich starrte Heiling noch immer auf diese aus feinstem Stahl gefertigten Instrumente, deren verbrecherischer Zweck gerade ihm als Strafverteidiger sofort klar geworden war. Blitzschnell überlegte er sich sein ferneres Verhalten. Auf keinen Fall durfte der Fremde ahnen, daß er durchschaut war. Und so legte der Rechtsanwalt schleunigst die Diebeswerkzeuge wieder in die Tasche zurück. Schon wollte er diese verschließen, als ein anderer Gedanke in ihm aufblitzte. Im Nu hatte er das Papier mit dem rätselhaften Inhalt wörtlich abgeschrieben. Jetzt erst ließ er die Feder des Schlosses einschnappen und warf dann die Ledermappe achtlos auf den nächsten Sessel.
Damit noch nicht genug, stellte er sein Tischtelephon für die Portierloge ein und rief den Hausmeister an:
»Tomsen, sind Sie dort?«
»Jawohl, Herr Rechtsanwalt. – Sie wünschen?«
»Ist Werner zu Hause?«
»Freilich. Er sitzt gerade beim Abendbrot. Soll er etwas für Sie besorgen?«
»Allerdings. Er mag sofort heraufkommen. Die Sache ist dringend.«
»Gut.« Eine Pause. Dann: »Er ist schon unterwegs, Herr Rechtsanwalt.«
»Danke!«
Befriedigt legte Heiling den Hörer auf die Stützen zurück und ging dann hinaus, um selbst die Flurtür zu öffnen.
Werner Tomsen hastete in großen Sprüngen die läuferbelegte Treppe empor. Ganz atemlos stand er jetzt vor seinem Gönner und Brotherrn.
»Herr Rechtsanwalt wünschen …?«
»Nicht hier. Komm in mein Zimmer.«
Es war ein hochaufgeschossener Junge von etwa fünfzehn Jahren, der abwartend vor Heiling sich aufpflanzte.
»Du weißt, wozu ich dich verpflichtete, als ich dich als Schreiber in mein Bureau aufnahm,« begann der Rechtsanwalt hastig.
»Jawohl – zur Ehrlichkeit und Verschwiegenheit!« erwiderte Werner Tomsen prompt.
Heiling nickte.
»Von dem Auftrag, den ich dir jetzt geben werde, zu niemandem ein Wort! – Es wird wahrscheinlich heute abend noch ein Herr zu mir kommen, um seine Aktentasche, die er mit der meinen in der Bahn vertauscht hat, abzuholen. Diesem Herrn folgst du unauffällig, verstanden! Hier hast du für etwaige Auslagen sechs Mark. Sollte es nötig sein, so benutzte zur Beobachtung des Betreffenden jede sich dir bietende Möglichkeit. Auto, Taxameter, Elektrische – von allem mache Gebrauch, um ihm auf der Fährte bleiben zu können. Ich möchte herausbekommen, mit wem der Herr verkehrt, in welchem Hause er verschwindet bzw. welches Restaurant er aufsucht. Du verstehst mich …?«
Der junge Mensch, dessen gesundes, offenes Gesicht mit den schlauen, gar nicht mehr kindlichen Augen jetzt förmlich strahlte, entgegnete eifrig:
»Ob ich verstehe, Herr Rechtsanwalt! Natürlich! Ich werd’ die Sache schon machen, verlassen Sie sich ganz auf mich. Wenn ich auch nicht gerade geborener Berliner bin – helle sind wir doch!«
»Schon gut. – Erledigst du den Auftrag zu meiner Zufriedenheit, so erhältst du drei Mark. Außerdem weißt du ja, daß ähnliche Angelegenheiten bei uns im Bureau häufig vorkommen. Stellst du dich geschickt an, so werde ich dich in Zukunft des öfteren zu verwenden wissen. – So, und nun verschwinde. Halte dich vor der Haustüre auf der anderen Straßenseite auf und gib genau acht, ob ein Herr mit einer Aktentasche wie dieser da den Flur betritt und bald wieder erscheint. Das ist dann der richtige.«
Werner Tompsen verließ mit einer höflichen Verbeugung das Zimmer.
Eine Viertelstunde später klingelte es an der Flurtür der zweiten Etage, deren linke Hälfte die Frau verwitwete Hauptmann v. Gersten bewohnte, bei der als Untermieter wieder der Rechtsanwalt Dr. jur. Ernst Heiling zwei Vorderzimmer innehatte.
Gleich darauf klopfte Frau v. Gersters Stubenmädchen bei dem Rechtsanwalt an.
»Herr Doktor,« – für Minna war ein ›Doktor‹ mehr als ein Rechtsanwalt – »ein Herr wünscht Sie zu sprechen.«
»Ich lasse bitten.«
Heiling erhob sich aus seinem Schreibtischsessel und ging dem Eintretenden entgegen.
Es war tatsächlich der Fremde aus dem Stadtbahnzug.
»Schmidt, Ingenieur der Firma Siemens und Halske,« stellte er sich mit leicht näselnder Stimme vor.
Heiling machte eine einladende Handbewegung nach einem der Sessel hin, die um den großen Mitteltisch gruppiert waren.
»Wollen Sie bitte Platz nehmen, Herr Schmidt – womit kann ich Ihnen dienen?«
»Danke verbindlichst,« lehnte der angebliche Ingenieur ab. »Ich habe Eile. – Der Zweck meines Besuches ist der, Ihnen diese Aktentasche wieder auszuhändigen. Wir haben unsere Mappen vertauscht, als sie bei dem plötzlichen Bremsen des Zuges zu Boden fielen.«
Heiling lächelte liebenswürdig.
»Ich ahnte, daß Sie kommen würden, Herr Schmidt. Meinen Namen nebst Adresse mußten Sie ja auf den Akten in meiner Ledertasche finden. – Darauf rechnete ich und war daher über die Verwechslung nicht weiter in Sorge. – Vielen Dank. So bitte – hier ist Ihre Mappe. Ich will ehrlich sein: Ich versuchte dieselbe zu öffnen, um vielleicht aus dem Inhalt Ihren Namen zu erfahren. Da sie jedoch verschlossen war, gab ich mich in dem Gedanken zufrieden, daß Sie mich fraglos bald aufsuchen würden.«
Einen Moment ruhten die Augen des Fremden fast durchdringend auf Heilings Gesicht. Offenbar war irgend eine mißtrauische Regung in ihm wach geworden. Aber da des Rechtsanwalts Mienen unverändert den harmlos zuvorkommenden Ausdruck beibehielten, schien er sich wieder zu beruhigen. Und mit einem Versuch zu scherzen meinte er:
»Die Verwechslung ist Ihnen wohl sehr schnell infolge des nicht gerade geringen Gewichtsunterschiedes der beiden Taschen aufgefallen? Tut mir leid, daß Sie sich mit meinen Modellteilen für einen neuen Flugzeugmotor haben schleppen müssen, Herr Rechtsanwalt.«
›Nette Modellteile!‹ dachte Heiling. Laut aber sagte er:
»Ah, da habe ich wohl gar kurze Zeit die Vorarbeiten für ein demnächst neues Patent in meiner Obhut gehabt, Herr Schmidt? – Nur gut, daß gerade ich Ihre Mappe mitnahm. Wer weiß, ob Ihr Modell bei einem Ingenieur z. B. nicht doch die Neugier geweckt hätte. Denn daß Metallgegenstände sich in der Ledertasche befinden, ist ja deutlich genug durchzufühlen.«
Das klang alles so harmlos freundlich, daß bei dem Fremden auch der letzte Rest von Mißtrauen schwand.
»Ja, ich bin auch sehr froh darüber,« entgegnete er mit einer gezierten Verbeugung. »Es handelt sich in der Tat um eine wichtige Erfindung, deren Kenntnis für einen Fachkollegen höchst wertvoll gewesen wäre …«
»Na – jetzt können Sie jedenfalls ganz beruhigt sein,« sagte Heiling gutgelaunt. »Ebenso wie ich mich freue, daß ich meine Akten wiederhabe.«
Sodann fügte er in ernsterem Tone hinzu: »Pardon – ich vergaß mich bei Ihnen zu entschuldigen, daß ich Sie in Morgenschuhen und in der Hausjoppe empfangen habe. Ich war so in meine Arbeit vertieft –«
»Aber lassen Sie doch, Herr Rechtsanwalt …!« unterbrach der andere ihn. »Das bedarf keiner Entschuldigung, wirklich nicht. – Gestatten Sie mir nunmehr, daß ich mich verabschiede. – Guten Abend, Herr Rechtsanwalt … War mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«
»Ganz auf meiner Seite, Herr Schmidt …«
Heiling begleitete den Besucher bis zur Flurtür und kehrte dann in sein Arbeitszimmer zurück.
2. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
In der Dresdenerstraße im Süden Berlins steht ein älteres, etwas verräuchertes Gebäude, neben dessen schwerer, massiver Eingangstür aus geschnitztem Eichenholz ein Porzellanschild mit der Aufschrift:
Detektivinstitut Argus, Inhaber Fritz Schaper
hängt. Noch vor einem Jahr hatte der Aufdruck dieses Schildes, der besseren Reklame wegen, anders gelautet. Aber Fritz Schaper war jetzt eine Berühmtheit geworden und hatte es nicht mehr nötig, die Klienten durch marktschreierische Ankündigungen herbeizulocken. Die Aufdeckung der Geheimnisse des ›Bildes mit den Glasaugen‹, wobei es sich um eines der eigenartigsten Verbrechen handelte, die in der Kriminalgeschichte aller Länder je vorgekommen sind, hatte den Namen Fritz Schaper weit über die Grenze Deutschlands hinaus bekannt gemacht. Das Detektivinstitut beschäftigte jetzt nicht weniger als sechs Angestellte außer dem Bureaupersonal, alles erprobte Leute, auf die der Chef sich unbedingt verlassen konnte.
Zu der festen Kundschaft Fritz Schapers, der früher Apotheker und eine Weile auch Schauspieler gewesen war, gehörte eine große Anzahl Berliner Rechtsanwälte, die dem Institut die notwendigen Ermittlungen zur Überprüfung von zweifelhaften Aussagen für die Prozeßführung regelmäßig übertrugen.
Fritz Schaper, ein noch recht jugendlich aussehender Herr mit glattrasiertem Gesicht, saß am Schreibtisch in seinem Sprechzimmer und schrieb soeben einem auswärtigen Kunden, der sich nach der Kreditfähigkeit einer Charlottenburger Firma erkundigt hatte, eine ausführliche Antwort.
Gerade schob er den Brief in den Umschlag, als das auf dem Tisch stehende Telephon zu schrillen begann. Folgende Unterredung, die von seiten des Detektives mit wachsendem Interesse geführt wurde, entspann sich nun.
»Herr Schaper persönlich?«
»Jawohl. – Mit wem habe ich die Ehre?«
»Das tut nichts zur Sache. – Ich will zunächst nur anfragen, ob Sie auch einen Auftrag übernehmen würden, bei dem der Auftraggeber unbekannt zu bleiben wünscht.«
»Hm … Es käme ganz darauf an, worum es sich handelt,« entgegnete Schaper zögernd.
»Um einen Mord,« klang es durch den Apparat zurück.
Der Detektiv war gewiß an Überraschungen aller Art gewöhnt. Dieser Bescheid brachte ihn aber doch etwas aus der Fassung.
»… Mord? – Habe ich richtig gehört?« fragte er dann nochmals zur Sicherheit.
»Ja, leider. Vor kurzer Zeit ist in dem sogenannten Katzen-Palais in Charlottenburg in der Schloßstraße der Rentier Gottfried Marschall durch mehrere Stiche in die Brust ermordet worden. – Sie sollen nun sofort die Nachforschungen nach dem Täter aufnehmen. Erklären Sie sich hierzu bereit, so wird Ihnen umgehend als Anzahlung auf Ihr Honorar die Summe von fünfhundert Mark per Postanweisung zugehen.«
Schaper schwirrte förmlich der Kopf. So etwas war ihm noch nicht vorgekommen. Die Sache schien ja mehr als geheimnisvoll zu sein.
»Wollen Sie mir nicht doch lieber Ihren Namen nennen, mein Herr?« suchte er den mit ihm durch das Telephon Verbundenen zu überreden. »Ich verspreche Ihnen, daß niemand von mir erfahren soll, wer …«
»Nein – dann verzichte ich lieber auf Ihre Tätigkeit.« Diese Unterbrechung klang schon recht ungeduldig. Und der Detektiv, der hier einen neuen Sensationsfall witterte, beeilte sich daher zu erwidern:
»Schon gut, mein Herr. Ich nehme an. – Wann ist denn der Mord verübt worden, und – ist die Polizei bereits im Hause?«
»Ihre erste Frage vermag ich nicht bestimmt zu beantworten. Jedenfalls aber vor kaum einer Stunde – so glaube ich wenigstens. Ob die Polizei bereits benachrichtigt ist, weiß ich nicht.«
Schaper murmelte ein leises »Unglaublich!« vor sich hin. Nach kurzem Nachdenken bat er seinen Auftraggeber dann um Auskunft, ob dieser ihm vielleicht irgendwelche Verdachtsmomente gegen eine bestimmte Person nennen könnte.
»Bedaure. Das sollen ja gerade Sie herausbekommen.«
»Und welches Interesse haben Sie an dem Kriminalfall, mein Herr?« suchte der Detektiv den Unbekannten auszuholen.
»Ein sehr großes jedenfalls. – Doch eine weitere Unterhaltung dürfte keinen Zweck haben. Nehmen Sie sich sofort ein Auto und fahren Sie nach der Schloßstraße 32. Die Sache eilt. Sind Sie als erster am Platze, so …«
Da wurde die Verbindung plötzlich unterbrochen. Schaper wartete noch eine Weile. Aber der Fremde meldete sich nicht wieder.
Unschlüssig schaute der Detektiv vor sich hin. Wie, wenn es sich hier um einen schlechten Scherz handelte? Konnte nicht irgend ein Witzbold die ganze Geschichte nur erfunden haben? Dieser Auftrag war ja so seltsam, bot so viel Rätsel, daß man wirklich nur zu leicht auf diesen Gedanken kommen konnte.
Trotzdem war’s, als ob eine innere Stimme dem Detektiv zuraunte: ›Folge dem Ruf! Versäume diese gute Gelegenheit nicht, dich wieder hervorzutun!‹
Und so saß Fritz Schaper tatsächlich wenige Minuten später in einem Auto und fuhr nach Charlottenburg hinaus. Während der Wagen sich unaufhaltsam durch das Straßengetriebe der Millionenstadt mit der Geschicklichkeit eines lebenden Wesens hindurchwand, während er den im ersten Frühlingsgrün prangenden Tiergarten durchquerte, umkreisten des Detektivs an scharfes Nachdenken gewöhnte Gedanken unaufhörlich die Einzelheiten des rätselhaften Telephongesprächs. Aber so gründlich Schaper auch alle Möglichkeiten gegeneinander abwog, er vermochte keine einleuchtende Erklärung für all die Fragen zu finden, die diese merkwürdige Unterredung am Fernsprecher ihm unwillkürlich aufdrängte.
Katzen-Palais – den Namen hatte er doch schon irgendwo in irgend einem Zusammenhang gelesen! Aber wo, wo nur? – Er grübelte und grübelte. Da kam ihm die Erleuchtung. Jetzt wußte er Bescheid, sogar ganz genau. Denn auf sein Gedächtnis konnte er sich, wenn nur erst der blasse Schimmer einer Erinnerung in seinem Hirn aufgeblitzt war, in jedem Falle verlassen.
Eine Berliner Zeitung hatte vor einigen Wochen einen Artikel über das Sommerpalais der Fürstin von Liegnitz, der morganatischen Gemahlin König Friedrich Wilhelms III. von Preußen, gebracht. Und in diesem Aufsatz war erwähnt gewesen, daß das von der preußischen Krone längst an einen Privatmann verkaufte altertümliche Haus in der Schloßstraße in Charlottenburg vor etlichen Jahren abermals den Besitzer gewechselt habe und von einem reichen Sonderling erworben worden sei, der jetzt dort einsam mit einer Anzahl von Katzen hause. Und dieser Sonderling war in dem Artikel ebenfalls Gottfried Marschall genannt worden. –
Schaper lächelte befriedigt, wie immer, wenn er feststellen konnte, daß sein Gedächtnis wirklich hervorragend gut war.
Da hielt auch schon das Auto mit kurzem Ruck.
Hastig kletterte der Detektiv heraus, bezahlte und schaute sich dann das frühere Palais der Fürstin erst einmal eingehend von der Straße aus an.
Eingezwängt zwischen zwei himmelhohe Mietskasernen lag das zweistöckige, recht bescheidene Gebäude da und nahm sich unter den modernen Neubauten mit seiner von Marmorsäulen getragenen Vorhalle und dem kleinen Vorgärtchen fast wie ein Kinderspielzeug aus. Ein altmodisches, stark vom Rost zerfressenes Eisengitter trennte die einstige Sommerresidenz der zweiten Gemahlin des Preußenkönigs von der Straße, die direkt auf den Park des Charlottenburger Königlichen Schlosses zuführte.
Das ›Katzen-Palais‹, wie die Nachbarschaft es getauft hatte, lag wie ausgestorben da. An den meisten Fenstern hatte man die Vorhänge dicht zugezogen, und nur im ersten Stock war ein Fensterflügel halb geöffnet. Schaper drückte die Gitterpforte auf, schritt hindurch und stieg zögernd die sechs Stufen der Vorhalle hinan. Sollte man sich wirklich mit ihm einen schlechten Scherz erlaubt haben? Fast fürchtete er es. Denn dieses Haus machte durchaus nicht den Eindruck, als ob darin vor kurzer Zeit ein Verbrechen verübt sein könnte.
Trotzdem – er zog kräftig den Messingknopf der Klingel neben der schweren, mit reicher, künstlerisch ausgeführter Schnitzerei verzierten Flügeltür und wartete.
Minuten vergingen. Schon wollte er nochmals läuten, als endlich drinnen schlurfende Schritte laut wurden und ein Schlüssel sich kreischend im Schlosse drehte.
Die Tür tat sich auf. Ein älterer Mann mit gutmütigem, faltigem Gesicht, der eine blaue Schürze vorgebunden hatte, stand dem Detektiv gegenüber.
Schaper wurde es immer ungemütlicher zumute. Was sollte er nur sagen, wie seinen Besuch begründen? Jetzt zweifelte er nicht mehr daran, daß man ihn gründlich genasführt hatte. Denn dieses Männchen mit der mit Erde beschmutzten Schürze bot ein Bild ruhigsten Friedens dar. Hier sollte ein Mord geschehen sein – ausgeschlossen!!
Der Alte hatte den Detektiv zunächst grüßend gemustert. Dann fragte er höflich:
»Womit kann ich dienen, mein Herr?«
Schaper raffte sich auf. Jetzt wollte er der Sache wenigstens auf den Grund gehen.
»Ist Herr Marschall zu sprechen?« meinte er kurz.
»Da müßte ich mich erst einmal bei meinem Herrn erkundigen,« erwiderte der Alte freundlich. »Er hat nämlich gerade Besuch. Sein Neffe ist bei ihm. – Bitte treten Sie näher.«
Er verschloß die Tür und zeigte dann auf einen Sessel, der in der mit dunklem Marmor verkleideten Vorhalle neben einem Rokokotischchen stand.
»Bitte, nehmen Sie Platz. – Und wen darf ich melden?«
»Fritz Schaper ist mein Name,« erklärte der Detektiv mit einem Gefühl wachsenden Unbehagens.
Die Situation war für ihn ja auch keineswegs angenehm. Nun – er konnte Herrn Marschall ja schließlich nur die Wahrheit sagen. Und mehr wie grob würde der wohl auch nicht werden – im schlimmsten Falle.
Inzwischen war der Alte gemächlich die breite Treppe, die im Hintergrund der Vorhalle in die oberen Gemächer hinaufführte, emporgestiegen und verschwunden.
Schaper blickte sich neugierig um. Der Raum, in dem er sich befand, machte mit seinen alten, nachgedunkelten Bildern an den Wänden, den Waffendekorationen und dem riesigen, von der Decke herabhängenden Geweihkronleuchter einen durchaus vornehmen Eindruck. Der mit bunten Fliesen bedeckte Boden war zum größten Teil mit echt orientalischen Teppichen bedeckt. Dicke Plüschläufer lagen auch auf der breiten Treppe, deren geschnitztes Geländer fraglos allein schon einen hohen Altertumswert besaß. Nur etwas störte den Detektiv in der Betrachtung dieses würdigen Vestibüls, durch das einst die liebreizende geborene Gräfin Harbach oft genug federnden Schrittes geeilt sein mochte: ein intensiver Geruch nach Katzen, der derart aufdringlich war, daß Schaper jetzt sein diskret parfümiertes Taschentuch hervorzog und seine durch solche Düfte leicht zu beleidigende Nase darin vergraben wollte.
… Wollte …!
Denn die Hand, die das Taschentuch nach dem Gesicht führte, machte plötzlich mitten in der Aufwärtsbewegung wie gelähmt halt. In den oberen Räumen war ein Schrei erklungen, der Schaper zusammenschrecken ließ und ihm einen Eisesschauer über den Rücken trieb – ein Schrei, der beinahe nichts Menschliches mehr an sich hatte, in dem sich höchstes Entsetzen, wahnsinnige Angst und ein flehender Ruf nach Hilfe vereinten …
Nur einen Moment zögerte der Detektiv. Dann flog er in wilden Sätzen die Stufen empor. Oben ein schneller Blick rundum … Dort vor einer offenen Tür lag das alte, freundliche Männchen regungslos am Boden. Schon war Schaper neben ihm, beugte sich über den offenbar Bewußtlosen. Und da, wie er jetzt, sich wieder aufrichtend, in das Zimmer hinein schaute, prallte auch er erschreckt zurück. Denn mitten auf einem seidig glänzenden Perserteppich war regungslos die Gestalt eines Mannes hingestreckt, eines Mannes, dessen Schlafrock, weit aufgeschlagen, ein darunter befindliches Hemd mit großen, frischen Blutflecken sichtbar werden ließ …
Schaper holte tief Atem.
»Also doch ein Mord!« murmelte er halb unbewußt vor sich hin. Und dann betrat er ohne Scheu das Zimmer, in dem die Leiche, die glasigen, gebrochenen Augen mit einem Ausdruck maßloser Wut zur Decke gerichtet, auf dem Rücken lag.
3. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Es war an demselben Tage gegen sieben Uhr abends. Rechtsanwalt Heiling, der sich vorher durch telephonische Anfrage vergewissert hatte, ob Fritz Schaper, der Detektiv, auch zu Hause sei, war soeben von diesem nach freundlicher Begrüßung in einen Sessel genötigt worden.
»Zigarre gefällig, Herr Rechtsanwalt?« fragte Schaper jetzt, indem er seinem Gast eine offene Kiste hinhielt.
Heiling bediente sich mit einem ›Vielen Dank‹ und lehnte sich dann aufseufzend in den bequemen, weichen Klubsessel zurück.
»Sie haben wohl wieder einen schweren Tag hinter sich?« meinte Schaper und setzte einen Zigarrenrest, den er umständlich in eine Papierspitze gesteckt hatte, in Brand. Auf seine Art war er sparsam, und halb aufgerauchte Zigarren liegen zu lassen, hielt er direkt für eine Verschwendung. –
Er hatte sich Heiling gegenüber an den Schreibtisch gelehnt und betrachtete seinen häufigen Klienten mit einem gewissen Mitgefühl.
Der Rechtsanwalt nickte matt. »Von zehn Uhr vormittags bis gegen fünf Uhr war ich in der Strafkammer beschäftigt, ohne lange Zwischenpausen,« erklärte er. »Das kostet Nerven… Und dann die Luft dort in den Zimmern des Kriminalgerichts – auch nicht die beste! Leicht verdienen wir Strafverteidiger unser Geld wahrlich nicht!«
»Glaube ich gern. – Auch ich bin heute ziemlich schachmatt. – Haben Sie schon von dem Mord im Katzen-Palais gehört oder gelesen?«
Heiling richtete sich etwas auf, stützte die Arme auf die Seitenlehnen und schaute interessiert zu dem Detektiv empor.
»Eben erst, als ich im Auto zu Ihnen kam, habe ich den Bericht über das neueste Verbrechen in der Abendzeitung durchgelesen,« meinte er eifrig. »Ich fand auch Ihren Namen erwähnt. Sie müssen mir nachher Näheres erzählen, bester Schaper. Denn – ganz unter uns gesagt, daß Sie zufällig – ausgerechnet Sie! – als erster an Ort und Stelle waren, gibt mir zu denken. Doch davon später. Zuerst will ich meine eigenen Wünsche abladen. – Hier, wofür halten Sie dies?«
Damit reichte er dem Detektiv die Abschrift jenes Blattes aus der Aktentasche des angeblichen Ingenieurs, die er am Abend vorher angefertigt hatte.
Schaper warf nur einen kurzen Blick auf die Schrift.
»Das haben Sie ja selbst geschrieben, Herr Rechtsanwalt!« meinte er etwas erstaunt, fügte aber sofort hinzu: »Ah, ich verstehe. Es handelt sich hier um die von Ihnen hergestellte Kopie einer Mitteilung in Geheimschrift. Das zeigen ja schon die ersten Worte.«
Er überflog das Blatt und legte es dann neben sich auf den Schreibtisch.
»Wird seine Schwierigkeiten haben, die offenbar nach einem bestimmten System umgestellten Worte richtig zu gruppieren,« meinte er. »Aber lassen Sie mir den Zettel nur da. Zu lösen ist ja schließlich jede Geheimschrift.«
Heiling lächelte. »Ganze zwei Stunden habe ich gestern über der Enträtselung zugebracht bis ich wütend wurde und die Sache für Sie aufsparte,« gestand er ehrlich ein.
»Zu solchen Dingen gehört Übung,« sagte Schaper einfach. – »Wie kamen Sie zu dem Original dieser geheimen Mitteilung?« fragte er dann.
Der Rechtsanwalt erzählte nun sein Erlebnis mit dem parfümierten Gecken bis ins einzelne. Als er das Einbrecherwerkzeug, das er in dem Tuche eingewickelt gefunden hatte, erwähnte, pfiff der Detektiv durch die Zähne.
»Höchst interessant!« warf er ein. »Außerdem mein Kompliment, Herr Rechtsanwalt! Das war sehr schlau von Ihnen, dieses Manöver mit den Morgenschuhen und der Hausjoppe, sehr schlau! Da konnte dieser Herr gar nicht auf die Idee kommen, daß Sie womöglich die Absicht hätten, ihm weiter nachzuspionieren. Denn ehe Sie sich Stiefel angezogen haben würden und Ihre Jacke gegen einen Rock vertauscht hätten, wäre er längst über alle Berge gewesen – was er sich selbst gesagt haben wird. Daher auch seine Ruhe, mit der er sich von Ihnen verabschiedete. –
Freilich, daß Sie ihm einen anderen Nachfolger an die Fersen geheftet hatten, konnte er nicht ahnen, der Ärmste!!« fügte Schaper ironisch hinzu.
»Und was für einen Verfolger!« meinte Heiling mit Genugtuung. »Dieser Werner Tomsen, der Sohn des Portiers meines Hauses, ist wirklich wert, daß er zum tüchtigen Detektiv erzogen wird. In dem Bengel steckt Schneid und jene Verschlagenheit, die jede Situation sofort auszunützen weiß. Geistesgegenwart ist in diesem Falle zu wenig gesagt. –
Hören Sie nur weiter. Also gestern gegen elf Uhr abends – ich brütete gerade über der verflixten Geheimschrift – kam der junge Mensch zurück, freudestrahlend, begeistert und vollgepfropft mit wichtigen Neuigkeiten. Jedenfalls ging aus der Schilderung seiner Erlebnisse hervor, daß dieser famose Ingenieur sich doch nicht sicher genug fühlte, um jede Vorsicht außer acht zu lassen. ›Herr Schmidt‹ hatte, um jede Spur hinter sich zu verwischen, zu den bekannten Tricks seine Zuflucht genommen, die man anwendet, wenn man einen Spion, den man hinter sich vermutet, loswerden will. Aber all diese Mätzchen halfen dem Herrn nichts – mein braver Werner blieb auf seiner Fährte wie ein guter Schweißhund. Schließlich, nachdem Schmidt eine Stunde kreuz und quer durch Berlin gefahren war, bald mit der Elektrischen, bald mit Auto und Taxameter, schien er anzunehmen, daß er nunmehr seinen Zweck erreicht habe und schlüpfte in ein Haus in der Bellevuestraße.
Der Junge betrat kaum eine halbe Minute nach ihm das Gebäude und hörte ihn pfeifend die Vordertreppe hinaufsteigen. Gleich darauf wurde in der zweiten Etage, wie mein kleiner Schützling dem Gehör nach feststellte, ein Schlüssel ins Schloß gesteckt und dann fiel eine Tür knallend zu. Im Nu war Werner oben und schaute sich auf dem Podest der zweiten Etage um. Links war ein Schild befestigt: ›Pensionat Stülpner‹, rechts wohnte ein Generalleutnant.
Tomsen entschied sich für die linke Korridortür und versuchte durch das Schlüsselloch einen Blick in das Innere zu werfen. Er hatte Glück. Wenn er auch das Gesicht des Betreffenden nicht sehen konnte, so bemerkte er doch, daß ein Herr eben seinen Paletot auszog und an einen Garderobenständer in dem hell erleuchteten Korridor hängte. Das genügte ihm. Nachdem er noch die an der Tür mit Reißstiften befestigten Visitenkarten gemustert hatte, verließ er das Haus und postierte sich draußen auf der anderen Straßenseite.
Hier wartete er bis gegen zehn Uhr. Dann erschienen plötzlich in der Haustür zwei Herren, von denen der eine ›Herr Schmidt‹ war, obwohl er sich jetzt äußerlich verändert hatte. Er trug einen langen, dunklen Ulster, weichen Filzhut und einen Kneifer mit Fassung anstatt des Monokels. Trotzdem erkannte ihn Werner Tomsen sofort.
Der Begleiter des ›Ingenieur‹ war ein Mensch, den mein zweibeiniger Spürhund verächtlich mit der Bezeichnung ›‹n aufgeputzter Kriminalstudent‹ abtat. Die beiden fuhren dann mit einem Omnibus nach dem Stettiner Bahnhof und verschwanden schließlich in einer Kneipe in der Linienstraße, die äußerlich sehr wenig vertrauenerweckend aussehen soll und den schönen Namen ›Zur fröhlicher Gruft‹ trägt. Damit war Werner Tomsens Mission beendet. Denn bis dreiviertel elf wurde keiner der beiden wieder sichtbar, und da zog der Junge es vor, nach Hause zurückzukehren und mir Bericht zu erstatten. –
Nun, bester Schaper, was halten Sie von dieser Geschichte? Deshalb bin ich nämlich zu Ihnen gekommen. Ich wollte mal Ihre Ansicht hören.«
»Meine Ansicht?« Der Detektiv zuckte die Achseln. »Da müßte ich erst einmal die Geheimschrift entziffert haben, ferner auch wissen, wer dieser Herr Ingenieur in Wirklichkeit ist. Das wäre das mindeste. Aber meine Vermutung – die will ich Ihnen mitteilen, Herr Rechtsanwalt – besser gesagt, schwarz auf weiß zeigen.«
Er nahm von dem neben dem Schreibtisch stehenden Aktenregal eine auseinandergefaltete Zeitung und hielt sie seinem Besucher hin, indem er mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle tippte.
»Da – lesen Sie das bitte.«
Heiling wußte nicht recht, was Schaper hiermit bezweckte, tat ihm aber den Gefallen. – Unter ›Lokales‹ stand folgende Notiz:
Verhinderter Einbruch in das Bureau des Damenhilfsvereins. Heute morgen gegen zwei Uhr hörte die verwitwete Baronin Ottensen, die eins der Vorderzimmer ihrer Wohnung dem Damenhilfsverein als Bureau zur Verfügung gestellt hat, in diesem Raum ein verdächtiges Geräusch, als sie nochmals ihr Schlafzimmer verlassen hatte, um sich aus dem Büffet ihres Speisezimmers ein Schlafpulver zu holen. Sie schlug Lärm und schickte ihren Diener zur Polizeiwache. Inzwischen waren die Spitzbuben jedoch längst unter Zurücklassung ihrer allen modernen Anforderungen entsprechenden Einbrecherwerkzeuge geflohen. Offenbar ist der Diebstahl von Personen versucht worden, die im Hause und in der Wohnung der Baronin sehr gut Bescheid gewußt haben und Nachschlüssel zu den Türen besessen haben müssen. Die Einbrecher waren gerade dabei, den nicht allzu festen, eisernen Geldkasten des Vereins, in dem sich eine größere Summe, der Erlös des vorgestern abgehaltenen Basars, befand, aufzuknacken, als die Baronin sie durch ihre Hilferufe verscheuchte. Von den Tätern hat man bisher keine Spur.
Der Rechtsanwalt ließ das Blatt sinken und schaute den Detektiv fragend an.
»Sie vermuten also, daß einer dieser Einbrecher der ›Ingenieur‹ gewesen ist?« meinte er nachdenklich.
»Allerdings. Und morgen werden wir darüber Gewißheit haben,« erwiderte Schaper gemütlich. »Wir brauchen ja nur nach dem Polizeipräsidium zu gehen und uns das beschlagnahmte Einbrecherwerkzeug anzusehen. – Vielleicht erkennen Sie darin einen Teil der ›Modellstücke des neuen Flugzeugmotors‹ wieder,« vollendete er ironisch.
Heiling nickte. »Gut – machen wir. – Nun habe ich aber noch etwas nachzuholen, was ich Ihnen vorhin zu sagen vergaß. Ich glaube nämlich, den Namen des parfümierten Herrn mit dem Monokel schon zu kennen. Werner Tomsen berichtete mir nämlich, daß von den drei Visitenkarten an der Tür des Pensionats Stülpner, hinter der Herr ›Schmidt‹ verschwunden war, zwei die Namen von zur Kriegsakademie abkommandierten Oberleutnants trugen, während die dritte einem Regierungsreferendar a.D. Hektor Brieux gehörte – ein Name, den der Junge sich deshalb leicht merken konnte, weil unser Milchhändler an der gegenüberliegenden Straßenecke genau ebenso heißt.«
Schaper war mit einem Mal merkwürdig lebendig geworden. Erst suchte er in der Brusttasche seines Jacketts herum, dann ging er zu dem Kleiderhaken in der Ecke und befühlte seinen dort hängenden Paletot.
»Hier steckt’s,« meinte er dann und kehrte mit einem dicken Notizbuch in der Hand zu dem Rechtsanwalt zurück. Nach kurzem Blättern las er diesem dann folgendes mit erhobener Stimme vor:
»Verwandte des ermordeten Rentiers Marschall: eine Tochter, zwei Neffen. Einer von diesen: Hektor Brieux, 28 Jahre, aus dem Staatsdienste wegen Schulden ausgeschieden, Spieler, Verschwender, sehr leichtsinnig. Verhältnis zu seinem Onkel schlecht, da er häufig von dem Alten Geld verlangte. Wohnt in Berlin; angeblich jetzige Beschäftigung: Versicherungsagent.«
Schaper blinzelte sein Gegenüber aus halb zusammengekniffen Augen vielsagend an.
»Na, Doktor, was meinen Sie dazu? – Ganz nette Entdeckung, die wir da gemacht haben, nicht wahr?«
»Donnerwetter!« entfuhr es Heiling. »Womöglich spielt mein Abenteuer in der Stadtbahn mit den verwechselten Aktentaschen jetzt sogar noch bei diesem neuesten Morde eine Rolle! Das wäre mehr als ein Zufall, das wäre schon beinahe höhere Fügung …!«
Schaper blieb ganz ruhig. »Vielleicht ist dies wirklich ein Zufall, wie er so oft schwierige Kriminalfälle enträtseln hilft,« meinte er. »Jedenfalls werden wir in dieser Sache jetzt Hand in Hand vorgehen, Herr Doktor. Und deshalb will ich Sie nun auch in meine Erlebnisse des heutigen Tages einweihen. Seien Sie sicher, die sind noch weit merkwürdiger als die Ihrigen! Sie werden schön staunen! Unterbrechen Sie mich aber bitte bei meinem Vortrag nicht gar zu oft. Besser, wir tauschen nachher unsere Ansichten über die einzelnen Punkte aus.«
»Gern. Schießen Sie los, Schaper. Sie können sich denken, wie gespannt ich bin.« Heiling lehnte sich bequem zurück, während der Detektiv jetzt zunächst von seinem Gespräch mit dem Unbekannten am Telephon erzählte und dann schilderte, wie er die Leiche des Rentiers in dem Zimmer der ersten Etage des Katzen-Palais aufgefunden hatte.
»Die gute Gelegenheit, die mich als ersten Sachverständigen für derartige Fälle, wenn man so sagen darf, an den Ort der Tat geführt hatte, ließ ich natürlich nicht unbenutzt vorübergehen,« fuhr er fort. »Der alte Mann, der bewußtlos an der Tür lag und dem ich schnell ein Kissen unter den Kopf schob, würde schon von selbst wieder zu sich kommen, dachte ich mir. Sein Puls ging ganz kräftig, und da somit Gefahr nicht vorhanden war, sah ich mich recht gründlich in dem Mordzimmer, es war offenbar das Arbeitszimmer des Toten, um, und durchschnüffelte jeden Winkel, um irgend etwas zu finden, was auf den Täter hätte hinweisen können.
Leider war mein Suchen erfolglos. Denn abgerissene Knöpfe, einzelne Haare, Tuchfetzen usw. spielen ja leider als wichtige Beweisstücke nur in Kriminalromanen eine Rolle, wo die Herren Verfasser es sich, gemächlich bei einer Zigarre am Schreibtisch sitzend, in Ruhe zurechtlegen, wie so ein Überdetektiv wie etwa Sherlock Holmes aus einem abgerissenem Knopf blitzschnell eine wunderbare Beweiskette gegen den Schuldigen zusammenschmiedet.
In Wirklichkeit sieht die Sache, wie Sie ja selbst wissen, Herr Rechtsanwalt, ganz, ganz anders aus. Unter hundert Kapitalverbrechen gibt es vielleicht fünf, die durch ein am Tatort entdecktes, geringfügiges Beweisstück aufgeklärt werden. Trotzdem braut ja das Leben, was ich zu bemerken nicht unterlassen kann, weit geheimnisvollere Tatbestände von Morden und ähnlich schweren Vergehen zusammen, als die Phantasie eines Schriftstellers sie je zu erfinden vermag.
Ich denke hier z. B. an den Kriminalfall, der mir selbst zu einer gewissen Berühmtheit verholfen hat – an diese doch geradezu genialen verbrecherischen Pläne des Mannes, bei dessen Entlarvung das Bild mit den Glasaugen eine so bedeutende Rolle spielte. Sie erinnern sich doch, nicht wahr?«
»Ob ich mich erinnere – natürlich! Der Prozeß bildete damals ja wochenlang das Tagesgespräch. Und durch ihn wurde ich ja erst auf Sie aufmerksam. Sie Perle aller Detektive!« scherzte Heiling.
Schaper hatte diese Unterbrechung benutzt, sich eine frische Zigarre anzuzünden.
Jetzt nahm er seinen Bericht wieder auf.
»Ich bin etwas vom eigentlichen Thema abgekommen. Wie gesagt – ich fand auch nicht das Geringste, was ich für irgendwie beachtenswert hielt. Das einzige, was mir auffiel, war eine elektrische Taschenlaterne, die brennend auf einem Tischchen in der Nähe der Tür nach dem Nebenzimmer stand. Ich ließ sie an ihrem Platz. Die Waffe, mit der der Rentier getötet worden war und die neben der Leiche lag, war ein billiges Dolchmesser mit feststellbarer Klinge, richtige Dutzendware. Schließlich gab ich die weitere Suche auf und brachte nun zunächst den bewußtlosen Alten durch Anfeuchten der Schläfen und etwas Herzmassage ins Bewußtsein zurück.
Vorher hatte ich die Tür des Mordzimmers geschlossen, um dem Manne den Anblick des blutbefleckten Körpers zu ersparen. Darauf geleitete ich den noch an allen Gliedern zitternden Hausmeister Truschinski, denn als dieser gab er sich mir nach seinem Erwachen zu erkennen, in seine Wohnung hinab, die in einem Seitenanbau liegt. Während die Frau des alten Truschinski, ein sauberes, freundliches Weiblein, zur nächsten Polizeiwache lief, holte ich aus ihrem Manne alles heraus, was er nur wußte. Erst kamen seine Antworten sehr zögernd und stockend, bald aber beruhigte er sich mehr und mehr und gab mir schließlich eine recht übersichtliche Schilderung von dem, was sich in dem stillen Katzen-Palais heute vormittag bis zur Auffindung des Toten ereignet hatte und auch manch wertvolle Fingerzeige über diesen selbst, seinen Charakter, seine Eigentümlichkeiten und seine Verwandten.
Ich will Ihnen kurz wiederholen, was ich auf diese Weise erfuhr.
Gottfried Marschall war in seiner Jugend Gutsbesitzer. Von Haus aus sehr begütert, heiratete er mit sechsundzwanzig Jahren ein armes Mädchen, eine gewisse Antoinette Brieux, die aus einer französischen Emigrantenfamilie stammte. Die Ehe wurde nicht sehr glücklich. Marschall, von Jugend an ein Sonderling, konnte sich an seine temperamentvolle, etwas genußsüchtige Gattin nicht gewöhnen. Selbst die Geburt einer Tochter, der jetzt als Musiklehrerin in Halle lebenden Anni Marschall, vermochte die Gegensätze zwischen den Ehegatten nicht zu überbrücken.
Vor nunmehr sieben Jahren zog Marschall mit seiner Gattin von Halle hier nach Charlottenburg, wo er sich das frühere Palais der Fürstin von Liegnitz für dreihunderttausend Mark gekauft hatte.
Die Tochter blieb in Halle in einem Töchterpensionat. Begleitet wurde das Ehepaar von den Truschinskis, die sich schon jahrzehntelang in den Diensten des Rentiers befanden.
Frau Marschall, die in letzter Zeit von ihrem Gatten völlig getrennt lebte und nicht einmal mehr mit ihm zusammen die Mahlzeiten einnahm, starb kurz nach der Übersiedlung in das einstige fürstliche Palais. Jahre vergingen dann wieder. Gottfried Marschall, von jeher sehr tierlieb, kümmerte sich nur noch um seine Katzen, die bei ihm goldene Tage hatten. Von seinem Kinde wollte er nichts wissen. Die Abneigung, die er seiner Gattin entgegengebracht hatte, übertrug er auch auf deren Tochter.
Nur zweimal in all den Jahren ist Anni Marschall kurze Zeit zum Besuch bei ihrem Vater gewesen, zuletzt vor ungefähr acht Monaten, wo es dann zwischen den beiden zum endgültigen Bruche kam, ohne daß dem jetzt zweiundzwanzigjährigen Mädchen an diesem Zerwürfnis auch nur die geringste Schuld beizumessen ist, was der Hausmeister besonders betonte. Obwohl Anni Marschall die Auszahlung ihres Muttererbteils hätte verlangen können, verzichtete sie sowohl darauf als auch auf jede pekuniäre Unterstützung und erwirbt sich seitdem schlecht und recht ihr Brot als Musiklehrerin in Halle.
Nun zu den beiden anderen näheren Verwandten, den einzigen, die der Tote noch hat. Da ist zunächst ein junger Schauspieler namens Boto Wendland, ein Sohn einer verstorbenen Schwester des Rentiers. Wendland soll ein äußerst strebsamer, ordentlicher Mensch sein. Trotzdem mochte ihn sein Onkel nicht leiden – angeblich, weil ihm der Beruf des Neffen nicht paßte, der es bisher stets nur zu Engagements an Provinzbühnen gebracht hat. Als Marschall sich dann mit seiner Tochter überwarf, soll Boto Wendland ihm einen sehr deutlichen Brief geschrieben haben, worin er seinem Onkel ganz ungeschminkt seine Meinung über dessen geradezu unverantwortliches Benehmen der Tochter gegenüber sagte. Dieses Schreiben trennte die beiden ebenfalls für immer.
Nun blieb nur noch Hektor Brieux übrig, der Sohn einer Schwester der verstorbenen Frau Marschall. Mit diesem stand sich der hartherzige, schrullenhafte Mann noch am besten, obwohl er auch Brieux nie einen Pfennig Unterstützung zukommen ließ.
Was dieser Herr Regierungsreferendar a.D. sonst für ein Mensch ist, habe ich Ihnen ja schon aus meinen Notizen vorgelesen, Herr Rechtsanwalt.«
Schaper machte eine kurze Pause und zündete sich seine ausgegangene Zigarre wieder an.
»So, mit den Familienverhältnissen sind Sie nun vertraut. Wir können also zu den Ereignissen des heutigen Vormittags übergehen. –
Der alte Truschinski war gerade so gegen zwölf Uhr mittags in dem hinter dem Palais liegenden Park, der sich bis zur nächsten Parallelstraße erstreckt, mit Gartenarbeiten beschäftigt, als seine Frau, die in der Küche das Essen für die Hausbewohner zubereitete, ihn herbeirief, damit er einen Besucher, der eben an der Vordertür geläutet hatte, einlassen solle. Truschinski sah sich dann zu seinem Erstaunen dem Schauspieler Boto Wendland gegenüber, der dem Alten mitteilte, daß der Onkel ihn durch Hektor Brieux habe Nachricht geben lassen, daß er ihn dringend zu sehen wünsche. Wendland erzählte dem Hausmeister noch, der Onkel hätte ihn zu Punkt viertel eins zu sich bestellt, was Truschinski zu dem Glauben verleitete, Marschall wollte sich mit seinem Neffen wieder aussöhnen. Da der Hausmeister unter diesen Umständen eine Anmeldung für überflüssig hielt, begab er sich wieder in den Park an seine Arbeit zurück, während der Schauspieler die Treppe zum oberen Stockwerk emporstieg.
Wenige Minuten später eilte Frau Truschinski, die noch schnell im Vestibül Staub wischen wollte, nach vorn und traf da in der Vorhalle mit Boto Wendland zusammen, der leichenblaß soeben aus der ersten Etage herabkam und schwankend wie ein Trunkener der Haustür zuschritt, ohne das alte Weiblein zunächst zu bemerken. Erst als die Frau ihn anrief, fuhr er entsetzt herum, murmelte ein paar unverständliche Worte und verließ das Haus. Frau Truschinski hatte nicht gleich Gelegenheit, ihrem Mann diese Begegnung mitzuteilen, so daß dieser gar nicht wußte, daß der junge Mann das Haus bereits verlassen hatte. Irgend einen Verdacht zu schöpfen, war die alte Frau ja auch weit entfernt.
Erst mein Erscheinen im Katzen-Palais führte die Entdeckung des Toten herbei. Gegen einviertel zwei mittags hatte der Unbekannte mich telephonisch angerufen, und eine knappe halbe Stunde später stand ich der Leiche Marschalls gegenüber.
Der Mord selbst, um dies vorwegzunehmen, dürfte gegen zwölf Uhr mittags nach Ansicht des Gerichtsarztes verübt worden sein. Soweit die Zeitangaben, die zum Tatbestand gehören.
Gegen halb drei Uhr fand sich die Mordkommission der Charlottenburger Polizei ein und begann sofort ihre Tätigkeit. Über meine Anwesenheit waren die Herren offenbar nicht sehr entzückt. Inzwischen hatte ich Zeit genug gehabt, mir über mein ferneres Vorgehen klar werden zu können, und mich dann entschlossen, von dem seltsamen Telephongespräch vorläufig nichts zu verraten. Meinen Besuch bei Marschall erklärte ich auf dessen schriftliche Aufforderung hin gemacht zu haben, da der Rentier meine Dienste habe in Anspruch nehmen wollen, was man mir auch ohne weiteres glaubte. So schien es, als ob ein bloßer Zufall gerade mich zum Entdecker dieses schweren Verbrechens werden ließ. Und in Wahrheit liegt die Sache doch so ganz anders! –
Die Polizei vernahm von dem Hausmeister auch nicht viel mehr, als ich bereits erfahren hatte. Interessant war mir nur folgendes, was der Alte noch bei der Vernehmung angab. Kurz vor zwölf Uhr war er an die Gartenpforte gegangen, die den schmalen Zugang zu dem langgestreckten Park des Katzen-Palais von der Parallelstraße der Schloßstraße, der Grenadiergasse, aus bildet. Diese stets verschlossene Gitterpforte, die in eine hohe Ziegelmauer eingefügt ist, hatte in letzter Zeit beim Öffnen in ihren Angeln sehr gekreischt, und Truschinski wollte dem gerade mit etwas Öl abhelfen, als Hektor Brieux in der Grenadiergasse auftauchte und den Alten um Feuer für seine Zigarette bat. Dieser reichte ihm ein Streichholz, worauf Brieux sich wieder verabschiedete und in der Richtung nach der Hauptstraße davonging. Truschinski hatte die kleine Arbeit bald erledigt und kehrte dann in den vorderen Teil des Parkes zurück. Ich erwähne dies deshalb besonders, Herr Doktor, um Ihnen klarzumachen, daß der frühere Regierungsreferendar als Täter in keiner Weise in Betracht kommen kann.
Nun brauche ich nur noch mitzuteilen, daß der Mörder, der vorher den Rentier durch drei Stiche in die Brust, von denen einer das Herz traf, getötet hatte, aus Marschalls Schreibtisch sämtliche Wertgegenstände sowie bares Geld geraubt hat, und Sie wissen von diesem Verbrechen genau so viel wie ich.«
Heiling blickte erst eine Weile sinnend vor sich hin. Dann meinte er zögernd:
»Nach alledem, was ich eben von Ihnen erfahren habe, kommt doch lediglich der Schauspieler als Täter in Frage. – Oder sind Sie anderer Ansicht?«
Schaper hatte die Hände tief in die Taschen seines Beinkleides vergraben. Vornübergebeugt saß er da und beschaute interessiert die Lackspitzen seiner Schnürschuhe.
»Für meinen Geschmack,« sagte er dann langsam, »ist der Tatbestand zu klar. Wenn Wendland wirklich der Täter ist, so hat er wie ein Verrückter gehandelt. Einen Raubmord unter solchen Umständen begehen, heißt sich freiwillig dem Beil des Henkers ausliefern.«
»Sehr richtig. Aber betrachten wir die Sache einmal von einer anderen Seite. Ist es nicht auch möglich, nein, sogar sehr wahrscheinlich, daß Marschall mit seinem Neffen in Streit geraten ist, Wendland seinen Onkel dann in der Wut niederstieß und erst hiernach, um sich die Mittel zur Flucht zu verschaffen, den Schreibtisch ausräumte?«
Schaper nickte eifrig.
»Genau dasselbe habe ich auch erst in Erwägung gezogen. Aber leider widerspricht dieser Annahme die mit größter Sicherheit abgegebene Aussage der Frau Truschinski. Danach hat sich Wendland oben bei seinem Onkel kaum fünf Minuten aufgehalten, eine Zeitspanne, die gerade nur zur Verübung der Mordtat und zum Erbrechen des Schreibtisches ausreicht, nicht aber noch zu einem Wortstreit, der erst nach einer Weile in Tätlichkeiten ausartet.«
Heiling gab sich geschlagen. »Ich muß Ihnen recht geben. Dann handelt es sich also wirklich um einen glatten Raubmord. Die Polizei vertritt ja auch diese Ansicht, wie in dem Zeitungsbericht ausgeführt ist, und hat vorläufig fünfhundert Mark Belohnung für die Ergreifung des Schauspielers ausgesetzt.«
Der Detektiv erwiderte nichts. Er schien mit seinen Gedanken weit fort zu sein. Sein sympathisches, frisches Gesicht drückte mit den halbgeschlossenen Augen und der gekrausten Stirn schärfstes Nachdenken aus.
So verging eine ganze Weile. Inzwischen hatte der Rechtsanwalt nochmals die einzelnen Punkte dieses Kapitalverbrechens nach allen Seiten überlegen können. Und der Erfolg dieser Nachprüfung war eine Frage, die Heiling jetzt an den Detektiv richtete.
»Sagen Sie, bester Schaper – was halten Sie eigentlich von dem Manne am Telephon? Wer mag’s gewesen sein, der Sie mit den Nachforschungen in diesem Kriminalfall betraute und doch seinen Namen nicht nannte? Und – haben Sie die versprochenen fünfhundert Mark bereits erhalten?«
Der Detektiv schaute auf. »Endlich – endlich!« sagte er mit einem komischen Seufzer der Erleichterung. »Ich habe ja auf diese Frage schon längst gewartet. Denn, Herr Rechtsanwalt, der Mann am Telephon – das ist fraglos die interessanteste Erscheinung in diesem Drama! Dieser Mann, der bereits eine Stunde vor der Auffindung der Leiche des Rentiers mir das Geschehen mitteilte, gibt der Sache bedeutend anderes Aussehen. Er bringt das rätselhafte Moment in diesen Kriminalfall, der von der Polizei bereits als erledigt angesehen wird – bis auf die Ergreifung des Schauspielers. Nach den bisherigen Ermittlungen kann dieser geheimnisvolle Klient, der mir die fünfhundert Mark tatsächlich unter dem Namen Schulz als Absender bereits durch die Post zugestellt hat, nur … der Mörder selbst sein – wenn wir uns eben der Ansicht der Kriminalpolizei anschließen und Wendland für den Täter halten wollen.«
»Stimmt!« bestätigte Heiling ernst. »Zu einem anderen Resultat kann man gar nicht kommen. Dann entsteht aber wieder die Frage: Aus welchem Grunde in aller Welt nimmt der Mörder Ihre Hilfe in Anspruch, um – es ist beinahe lächerlich, das auszusprechen! – um nach sich selbst forschen zu lassen? – Unglaublich, unbegreiflich, mehr als rätselhaft, hol’s der Henker!!« fügte er ratlos hinzu.
Schaper hatte jetzt, wie getrieben von innerer Erregung, seinen Platz am Schreibtisch verlassen und durchquerte mit hastigen Schritten das Zimmer. Schließlich blieb er vor dem Rechtsanwalt stehen und sagte beinahe feierlich:
»Merken Sie sich, Doktor, was ich Ihnen in diesem Augenblick prophezeie: Dieser Mord im Katzen-Palais wird uns noch ein böses Nüßchen zu knacken geben, ein sehr böses! Hinter dieser scheinbar so sonnenklaren Untat steckt mehr, als wir heute nur ahnen können! – Bedenken Sie: Erwiesenermaßen ist am heutigen Vormittag nur ein Mensch in das stets gut verschlossene Marschallsche Haus eingelassen worden, der Schauspieler Wendland. Von außen vermag niemand am hellen Tage gewaltsam in das Gebäude einzudringen, da die Kellerfenster der Vorderfront vergittert sind und an den Fenstern des Erdgeschosses, das schon mehr ein Hochparterre darstellt, auch nicht die geringsten Spuren gefunden wurden, daß auf diesem Wege jemand in das Innere gelangt sei. Im Park, der kaum vierzehn Meter breit ist, war der Hausmeister beschäftigt, an dem auch kein Fremder ungesehen vorüber konnte. Mit einem Wort: Der Verdacht, der Mörder des Rentiers zu sein, konzentriert sich auf Boto Wendland. Und dieser selbe Wendland kann es mithin auch nur gewesen sein, der mich, gleich nachdem er in auffällig verstörtem Zustande das Katzen-Palais verlassen hatte, antelephonierte und mich beauftragte, die Ermittlungen nach dem Mörder ungesäumt aufzunehmen. –
Wie reimt sich das alles zusammen, wie …? Ich finde mich da nicht zurecht, sehe auch nicht einmal den leisesten Anhaltspunkt für eine befriedigende Lösung all dieser Rätsel – nirgends, nirgends!«
»Na, das sollte die Polizei ahnen!« meinte Heiling, indem er eine Grimasse schnitt. »Die Herren denken, sie brauchen die Falle über Boto Wendland nur zuzuschlagen und dann ist ihre Pflicht getan! Hat sich was! So einfach liegt der Fall doch nicht, darin gebe ich Ihnen vollkommen recht, lieber Schaper.« Er zog seine Uhr und ließ den Deckel springen. »Höchste Zeit, daß ich heimkomme. Mein Magen meldet sich. – Wann gehen wir dann morgen aufs Polizeipräsidium, um uns die Diebeswerkzeuge anzusehen?«
Heiling hatte sich erhoben und reckte sich.
»Ganz wie es Ihnen paßt,« erwiderte der Detektiv.
»Gut. Treffen wir uns also morgen um elf Uhr vormittags bei mir im Bureau, wenn’s Ihnen recht ist.«
»Abgemacht. – Auf Wiedersehen, Herr Rechtsanwalt.«
Unter der Tür wandte sich Heiling nochmals um.
»Und vergessen Sie nicht die Geheimschrift!« rief er Schaper zu. »Bin neugierig, was der Zettel enthält.«
»Wird besorgt. – Adieu, Herr Rechtsanwalt.«
4. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Am folgenden Vormittag begaben sich Heiling und Schaper nach dem Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz und ließen sich von dem zuständigen Kommissar unter einem Vorwand das beschlagnahmte Einbrecherwerkzeug zeigen. Da der Detektiv den Beamten gut bekannt war, legte man ihnen keinerlei Schwierigkeiten in den Weg, obwohl die Polizei sonst recht vorsichtig mit derartigen Beweisstücken umgeht, die ein geschickter Schlosser nach kurzer Besichtigung zu leicht nachbauen könnte.
Als die beiden dann wieder den Riesenbau verließen, fragte Schaper gespannt:
»Nun, wie steht’s? Sind’s dieselben Sachen, die in der Aktentasche des Herrn ›Ingenieurs‹ lagen?«
»Ohne Zweifel,« erwiderte Heiling bestimmt.
»Hm – dann dürfte es doch lohnend sein, diesem Herrn Regierungsreferendar etwas schärfer auf die Finger zu sehen,« meinte der Detektiv, offenbar von dem Erfolg ihres Besuches auf dem Präsidium hochbefriedigt. »Vielleicht entpuppt er sich als Gentleman-Einbrecher und führt uns auf die Spur einer Diebesbande, die in der Linien Straße in dem anrüchigen Restaurant ›Zur fröhlichen Gruft‹ ihre Zusammenkünfte abhält.« –
Gemeinsam fuhren sie dann bis zum Moabiter Kriminalgericht und trennten sich dort. Der Rechtsanwalt hatte in einer Beleidigungsklage vor dem Schöffengericht zu tun, und Schaper begab sich weiter nach der Kantstraße in Charlottenburg, wo Anni Marschall, wie er auf dem Polizeipräsidium erfahren hatte, bei ihrer Freundin, Frau v. Gerster, abgestiegen war, nachdem man ihr den Tod ihres Vaters telegraphisch mitgeteilt hatte.
Frau v. Gerster, eine schlanke Blondine mit einem hübschen, sanften Gesicht, öffnete Schaper selbst die Flurtür. Dieser nannte seinen Namen und Beruf und fragte höflich, ob er Fräulein Marschall in einer dringenden Angelegenheit sprechen könnte, worauf er zum Nähertreten aufgefordert wurde. Die junge Witwe, in der niemand bei ihrem mädchenhaften Äußeren eine bereits verheiratet gewesene Frau vermutet hätte, führte den Detektiv in den kleinen, einfenstrigen Salon ihrer Wohnung und bat ihn, einen Moment warten zu wollen. Sie würde ihre Freundin verständigen.
Schaper setzte sich in einen der zierlichen Plüschsessel und schaute sich nach alter Gewohnheit gründlich in dem Zimmer um. Einrichtung sehr bescheiden, aber peinlich sauber, konstatierte er. Auf dem kleinen Damenschreibtisch in der Ecke am Fenster stand eine ganze Menge von Photographien. Auffallenderweise befanden sich darunter nur zwei Bilder von Männern in Uniform – für die Witwe eines aktiven Offizies etwas wenig, dachte der Detektiv. Dann fiel ihm ein, was Heiling ihm soeben während der Fahrt nach Moabit über Frau v. Gerster mitgeteilt hatte – daß die Ehe offenbar keine glückliche gewesen sei, weil die Dame es stets vermied, von ihrem bei einer Schnitzeljagd verunglückten Gatten zu sprechen, und daß fraglos hieran der allzu starke Altersunterschied die Schuld trage, der zwischen den Eheleuten bestanden habe.
Weitere Betrachtungen über dieses Thema wurden dem Detektiv durch den Eintritt Anni Marschalls unmöglich gemacht.
»Gnädiges Fräulein,« begann Schaper, nachdem sie Platz genommen hatte, »mich führt ein recht seltsamer Beweggrund zu Ihnen. Bevor ich darüber jedoch Aufschluß geben kann, möchte ich Sie bitten, das was ich zu Ihrer Kenntnis bringen muß, als strengstes Geheimnis ansehen zu wollen. Nur wenn Sie mir gegenüber ein diesbezügliches Versprechen abgeben, darf ich unsere Unterredung fortsetzen.«
Der Detektiv hatte eigentlich erwartet, daß Anni Marschall über diese immerhin doch etwas merkwürdige Einleitung des Gesprächs irgendwie ihrem Erstaunen Ausdruck geben würde. Doch darin hatte er sich gründlich getäuscht.
Die junge Dame, eine wirkliche Schönheit von eigenartigem Reiz, mit einer schlanken und trotzdem vollen Figur, richtete ihre dunklen Augen ruhig auf den Besucher und sagte mit wohlklingender, ziemlich energischer Stimme:
»Ihr Name, Herr Schaper, ist mir als der des besten Privatdetektivs der Reichshauptstadt schon seit einiger Zeit bekannt. Er bürgt mir dafür, daß ich Ihnen volles Vertrauen entgegenbringen darf, ebenso wie Sie sich bei mir darauf verlassen können, daß ich zu schweigen verstehe, wo dies nötig ist.«
Schaper verbeugte sich leicht. »Gut, dann wären wir nun also in dem Punkte einig.« Und nach kurzer Pause fügte er mit Nachdruck hinzu:
»Ich komme wegen des an Ihrem Herrn Vater begangenen Verbrechens zu Ihnen, gnädiges Fräulein.«
»Das ahnte ich,« entgegnete sie kühl. »Ich las in der Zeitung, daß Sie es waren, der eigentlich als erster am Tatort erschien.«
Schaper stutzte. Diese letzte Wendung wurde in besonderem Tone vorgebracht, nicht ganz so sicher, wie der erste Satz, gerade als ob Anni Marschall sich jedes ihrer Worte genau überlegte. Trotzdem ließ er sich nichts merken und sagte bescheiden klingend:
»Allerdings, durch meinen Besuch bei Ihrem Herrn Vater wurde das Verbrechen ja erst entdeckt.«
Dann wartete er. Vielleicht gab Anni Marschall, wenn sie von selbst zu sprechen begann, sich leichter eine Blöße. Ein unbestimmter Verdacht war nämlich urplötzlich in dem Detektiv aufgestiegen, über dessen Berechtigung er sich möglichst schnell Gewißheit verschaffen wollte.
Doch die junge Dame schien aus ihrer Reserve nicht herausgehen zu wollen. Schließlich mußte Schaper wohl oder übel wieder das Wort an sie richten. Und kurz entschlossen erzählte er ihr jetzt von dem Unbekannten, der ihn mit den Ermittlungen in der Mordsache betraut hatte. Als er ihr alles berichtet hatte, was er für seine Zwecke für nötig hielt, erlebte er es abermals, daß sie auch über dieses geheimnisvolle Telephongespräch keine Silbe verlor. Dafür schien etwas anderes ihr Hauptinteresse in Anspruch zu nehmen.
Sehr lebhaften Tones fragte sie, indem sie sich weit vorbeugte und den Detektiv seltsam durchdringend anblickte:
»Aus verschiedenen Wendungen Ihrer Schilderung glaube ich entnehmen zu können, daß Sie von Botos Schuld« – sie verbesserte sich schnell – »von meines Vetters Schuld nicht ganz überzeugt sind, obgleich doch so erdrückende Indizienbeweise gegen ihn sprechen. Sind meine Mutmaßungen richtig?«
Schaper war es nicht entgangen, daß Anni Marschall, als sie ihren Satz korrigierte, eine verräterische Röte in das feine, rassige Gesichtchen gestiegen war. Dieses ›Boto‹ hatte ihr zu vertraulich geklungen, und daher wurde dafür schnell das harmlosere ›mein Vetter‹ eingeschoben … Mithin war ihr doch ohne Zweifel die Anrede ›Boto‹ die geläufigere, und …
Hier mußte Schaper seine Gedanken schleunigst wieder auf etwas anderes konzentrieren. Denn die junge Dame hatte soeben höchst ungeduldig ausgerufen:
»Bitte, Herr Schaper, so antworten Sie mir doch!«
Der Detektiv setzte alles auf eine Karte.
»Gnädiges Fräulein,« sagte er leise und eindringlich, »in welchem Verhältnis stehen Sie zu Boto Wendland? Nur wie Vetter und Cousine?«
Unter Schapers forschendem Blick schoß Anni Marschall das Blut in heißer Welle in die zarten Wangen.
»Wie … wie kommen Sie zu dieser Frage?« stotterte sie fassungslos und versuchte umsonst, ihrem Gesicht einen abweisenden Ausdruck zu geben.
»Wenn Sie nicht ganz offen und ehrlich mir gegenüber sind, werde ich das Rätsel dieses Verbrechens – ich vermute nämlich tatsächlich hinter diesem scheinbar so klaren Tatbestande ein Rätsel – vielleicht nie lösen können, und Boto wird ebensowenig den furchtbaren Verdacht, unter dem er steht, je zu zerstreuen vermögen – nur weil man Fritz Schaper nicht ganz vertraut – nur deswegen!«
Beinahe väterlich überredend klang der letzte Satz. Und diese Taktik war die richtige gewesen, denn Anni Marschall reichte ihm mit bittendem Augenaufschlag die Hand hin und sagte leise:
»Verargen Sie es mir nicht, daß ich versucht habe, Ihnen gegenüber so etwas Komödie zu spielen. – Ja, ich bin mit Boto seit zwei Jahren heimlich verlobt. Und, Herr Schaper, fragen Sie jetzt, was Ihnen wissenswert dünkt. Soweit ich darf, werde ich ehrlich und ohne Ausflüchte antworten.«
Der Händedruck, den die beiden austauschten, machte aus ihnen erst wirkliche Bundesgenossen.
Dann sagte der Detektiv, indem er das junge Mädchen freundlich anlächelte:
»Daß Sie von der Unschuld Wendlands fest überzeugt sind, ist wohl selbstverständlich. Aber Sie werden wiederum auch zugeben müssen, daß seine Sache vorläufig schlecht steht, sogar sehr schlecht. Die Umstände, unter denen diese Untat verübt worden ist, lassen eigentlich nur einen Schluß zu: Den, daß Boto Wendland hier zum Mörder geworden ist. Ich betone: Eigentlich! Und das ist eine sehr wesentliche Einschränkung. Uns, uns beiden liegt es nun ob, die nötigen Beweise zusammenzutragen, um diese Einschränkung auch öffentlich begründen zu können. Beginnen wir unsere gemeinsame Arbeit sofort! – Wann haben Sie Ihren Verlobten zum letzten Mal gesehen?«
»Vor drei Wochen trafen wir uns in Halle,« erwiderte Anni Marschall prompt.
»Hat Wendland Ihnen, seit Sie hier in Berlin sind, irgendeine Nachricht zukommen lassen?«
Sie zögerte etwas. Aber der bittende, so aufrichtig ergebene Blick des Detektivs besiegte ihre letzten Bedenken.
»Ja, Herr Schaper.«
Dieser nickte ihr aufmunternd zu. »Es freut mich, daß Sie Ihr Versprechen halten. Hätten Sie mit ›nein‹ geantwortet, so wäre das Einvernehmen zwischen uns stark gestört gewesen. Denn, gnädiges Fräulein, nie und nimmer würden Sie hier als Braut des Mannes, auf dessen Ergreifung bereits eine Geldbelohnung ausgesetzt ist und der zur Zeit von der gesamten Berliner Polizeimacht gesucht wird, mit so ruhiger Fassung und solchem Vertrauen in eine glückliche Klärung dieses Kriminalfalles mir gegenübersitzen, wenn Sie eben nicht zweierlei bestimmt wüßten: Erstens, daß Wendland unschuldig, und zweites, daß er in Sicherheit ist. – Habe ich recht?«
Sie senkte nur den Kopf. Aber Fritz Schaper faßte auch das sehr richtig als Zustimmung auf.
»Auf welche Weise und wann erhielten Sie diese Nachricht?« forschte er weiter.
»Es tut mir wirklich leid, aber hierüber darf ich Ihnen keinen Aufschluß geben. Boto hat mir das ausdrücklich verboten,« entgegnete sie mit überzeugender Aufrichtigkeit.
»Weshalb verboten?« meinte Schaper gelassen.
»Weil er auf keinen Fall der Polizei in die Hände geraten will. Er ist eine geradezu überempfindliche Natur, und ein paar Nächte in der Zelle des Untersuchungsgefängnisses würden ihn, wie er mir schreibt, dem Wahnsinn nahebringen.«
»Nun, damit ich nicht weiter unnötige Fragen stelle,« erklärte der Detektiv darauf, ohne jedoch im mindesten verletzt zu sein, »erzählen Sie mir der Einfachheit halber, was Sie mir über Ihren Verlobten, soweit es mit dem Morde zusammenhängt, berichten dürfen.«
Anni Marschall schien mit diesem Ausweg, der es ihr ersparte, Schaper eine Antwort schuldig zu bleiben, recht einverstanden zu sein.
»Ich fürchte, Sie werden mit dem, was ich Ihnen mitteilen kann, wenig zufrieden sein,« begann sie lebhaft. »Boto hat nicht die geringste Ahnung, wer der Täter ist. Als er gestern mittag vor der Tür des Arbeitszimmers meines Vaters stand und ihn nach mehrmaligem Klopfen niemand zum Eintreten aufforderte, öffnete er leise die Tür und warf einen Blick in das von der Vormittagssonne hell beschienene Gemach. Was er dort sah, ließ ihn entsetzt zurückprallen. Halb ohnmächtig lehnte er eine ganze Weile an der Türfüllung. Wie lange er dort, gegen diesen Anfall von Schwäche ankämpfend, stand, weiß er nicht. Endlich wankte er der Treppe wieder zu und wollte Lärm schlagen. Plötzlich durchzuckte ihn da ein Gedanke, der in seiner Lage nur zu berechtigt war. Wie, wenn man ihn nun beschuldigte, dieses Verbrechen begangen zu haben, ihn, der mit dem Toten verfeindet war? Hatte ihm doch der Hausmeister, der ihm die Haustür öffnete, gesagt, daß er der erste Besucher an diesem Tage sei – der erste Besucher! Also war niemand vor ihm bei meinem Vater gewesen! Mußte da nicht notwendig der Verdacht auf ihn fallen? Schon sah Boto sich verhaftet, schon sah er die ganze Pein einer langen Untersuchungshaft vor sich … Konnte er wissen, ob die Wahrheit je an den Tag kommen würde? Durfte er sich der Gefahr aussetzen, womöglich das Opfer eines Justizirrtums zu werden? – Gegenüber all diesen Bedenken tat er schließlich das, was ich nur voll und ganz billigen kann – er floh! – Ist das Rätsel dieses Verbrechens erst gelöst, so wird er wieder auftauchen, früher nicht.«
Die junge Frau schwieg.
»Und mehr hätten Sie mir nicht zu sagen?« meinte Schaper nachdenklich.
Sie schüttelte den Kopf. »Würde ich Ihnen auch den Rest des Inhalts der mir zugegangenen Nachricht mitteilen, brächte ich Sie vielleicht in Ungelegenheiten. Sie könnten möglicherweise von der Polizei als Zeuge vernommen werden und dürften dann nicht lügen. Besser, ich behalte das andere für mich, wie ja auch Boto es wünscht. –
Außerdem, Herr Schaper – es handelt sich nur noch um Dinge, die die Entdeckung des Mörders, des wahren Mörders niemals herbeiführen könnten,« setzte sie noch hinzu.
»Ich bin ja auch sehr zufrieden mit dem, gnädiges Fräulein, was ich gehört habe – wirklich!« erklärte der Detektiv ehrlich. »Für mich ist die Hauptsache, daß ich nun eines jedenfalls sicher weiß: Wer der Mörder nicht ist! – Das ist schon sehr viel wert und erspart mir viel unnötige Arbeit.«
»Also sind auch Sie jetzt von meines Bräutigams Unschuld überzeugt?« fragte Anni Marschall freudig.
»Ja,« entgegnete Schaper einfach. »So recht geglaubt habe ich es ja nie, daß er der Täter sein könnte.«
»Und was hat Sie zu dieser Überzeugung gebracht?«
»Der Inhalt seiner Benachrichtigung. – Seine Befürchtungen, die ihn dazu bestimmten, sich verborgen zu halten, erscheinen mir vollkommen glaubwürdig. –
Schließlich – wäre Boto Wendland schuldig, so hätte er nie und nimmer gewagt, Ihnen nach Begehung der Tat noch irgendeine Nachricht zukommen zu lassen.«
»Wie zutreffend ihre Schlußfolgerungen sind,« meinte Anni Marschall bewundernd.
»Mein Geschäft,« winkte Schaper bescheiden ab. Um sofort den Faden wieder aufzunehmen: »Doch nun zum nächsten Punkt. – Was halten Sie von Hektor Brieux?«
»Wir sind uns herzlich gleichgültig. Im übrigen ist er etwas leicht veranlagt. – Weshalb fragen Sie aber nach ihm? Hegen Sie irgendeinen Verdacht gegen ihn?« Sie schaute ihren Gegenüber in ängstlicher Spannung an.
Schaper machte eine beruhigende Geste mit der Hand.
»Für diesen Kriminalfall scheidet er aus,« meinte er ernst. »Für diesen!! Dafür ist er aber in eine andere Angelegenheit verwickelt, die auch nicht ganz reinlich ist.« Und er erzählte mit allen Einzelheiten das Erlebnis des Rechtsanwalts Heiling und die Beobachtungen, die Werner Tompson noch an demselben Abend gemacht hatte.
Anni Marschall war ganz entsetzt. »Unmöglich, unmöglich!« stammelte sie. »Der Mann, der den Familiennamen meiner Mutter trägt, ein Einbrecher? Das kann nicht sein …«
»Warten wir ab. Sichere Beweise besitze ich ja noch nicht,« suchte Schaper die Bestürzte zu beruhigen. Und absichtlich lenkte er schnell auf ein anderes Thema über.
»Gnädiges Fräulein, was ich noch fragen wollte, hat Ihr Herr Vater ein Testament hinterlassen?«
»Ja, aber ein ungültiges. Ich war heute morgen bei dem langjährigen Rechtsbeistand meines Vaters, dem Justizrat Schellhorn und bat ihn, mich nach dem Hause in der Schloßstraße zu begleiten. Dort fanden wir im Schreibtisch eine letztwillige Verfügung, in der Papa mich auf den Pflichtteil gesetzt und den Rest seines Besitzes Hektor Brieux vermacht hat. Dieses Testament entspricht jedoch nach Ansicht des Justizrats, deren Richtigkeit kaum zu bezweifeln ist, nicht den gesetzlichen Anforderungen an ein eigenhändig geschriebenes Testament, da mein Vater in der Urkunde zwar sich als den Testierenden genannt, die Verfügung aber nicht unterzeichnet hat.«
»So, so. Also Hektor Brieux als Haupterbe! Der scheint ja dann das Erbschleichen recht gut verstanden zu haben,« meinte Schaper ironisch. »Nur gut, daß das nun nichts helfen wird,« beendete er etwas schadenfroh seine bissige Bemerkung.
Es entstand eine kleine Pause. Anni Marschall strich unruhig mit ihrer zarten Hand über die Falten des schwarzen Kleides hin. Sie schien noch irgend etwas auf dem Herzen zu haben. Und dann sagte sie mit leichter Verlegenheit:
»Herr Schaper, damit Sie mich nicht falsch beurteilen und für herzlos halten, möchte ich Ihnen erklären, in welchem Verhältnis ich zu meinem Vater stand. Heucheln ist mir zuwider. Ich vermag daher auch nicht nach diesem furchtbaren Ereignis ein Benehmen an den Tag zu legen, wie es sich vielleicht für mich als die Tochter des Ermordeten ziemen würde. Mein Vater ist mir längst, längst fremd geworden … Und wenn ich daran denke, wie er meine arme, gütige Mutter …«
Tränen, die ersten, die sie in dieser Stunde vergoß, erstickten ihre Stimme.
Schaper wartete zartfühlend, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Dann sagte er weich:
»Lassen Sie diese Erinnerungen ruhen, gnädiges Fräulein. Ich weiß ziemlich gut Bescheid mit Ihrer Familiengeschichte, kenne all das Trübe, das Sie durchgemacht haben. Die Zukunft wird Sie für diese schmerzlichen Zeiten an der Seite eines geliebten Mannes, dessen ehrlichen Namen rein und fleckenlos zu erhalten, jetzt unsere größte Sorge sein muß, entschädigen. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Ich bin der Ansicht, daß dieser Mord nur im Innern des Hauses aufzuklären ist. Von außen kann der Mörder nicht eingedrungen sein. Das steht fest. Also suchen wir im Palais selbst. Und zu diesem Zweck möchte ich mich dort für einige Zeit einquartieren. Zum Beispiel unter der Maske eines Architekten, der den Baustil des altertümlichen Hauses studieren will. Die Familie Truschinski dürfte in dieser Hinsicht sehr leicht zu täuschen sein. Wenn Sie mir hierzu die Erlaubnis geben, kann kein Mensch etwas dagegen haben.«
Anni Marschall war sofort einverstanden. Und bald darauf verabschiedete sich Schaper, nachdem er mit ihr alles genau vereinbart hatte.
Wieder drückten sie sich zum Abschied kameradschaftlich die Hände. An der Flurtür aber flüsterte der Detektiv seiner Verbündeten noch leise zu:
»Falls Sie sich mit Boto Wendland irgendwo treffen wollen – seien Sie vorsichtig! Wenn die Polizei weiß, daß Sie mit ihm heimlich verlobt sind, werden Sie sicher beobachtet werden. Und – gegebenen Falles grüßen Sie ihn vielleicht von mir als den … ›Mann am Telephon‹.«
Dann eilte er die Treppe hinunter.
5. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Zwei Tage waren seit den letzten Ereignissen verflossen. Fritz Schaper, der seit gestern in einer ihn völlig unkenntlich machenden Verkleidung unter dem Namen eines Architekten Müller aus Hamburg im Katzen-Palais weilte, wo er gerade die von dem Ermordeten benutzten Räume in der ersten Etage bewohnte, kam soeben von dem Begräbnis Gottfried Marschalls zurück und stieg langsam die Treppe zu seinem neuen Heim empor.
In dem Arbeitszimmer des Toten war alles so belassen worden wie vordem. Nur den blutbefleckten Perserteppich hatte man gegen einen anderen vertauscht. Der Detektiv entledigte sich seines Paletots und entnahm dann seinem auf einem Stuhl stehenden Koffer einen Handspiegel, um zu prüfen, ob sein falscher blonder Bart und die Perücke immer noch tadellos saßen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, begab er sich in den Park hinunter, wo sich bald der redselige Truschinski zu ihm gesellte, der noch seinen ehrwürdigen schwarzen Rock trug, in dem er seinem Herrn das letzte Geleit gegeben hatte.
»Wunderbares Frühlingswetter heute,« begann ›Herr Müller‹ die Unterhaltung.
Der Alte nickte traurig. »Viel zu schön, um einen Menschen zu Grabe zu tragen,« meinte er, sein rotgeblümtes Taschentuch an die Augen führend.
»Sterben müssen wir alle einmal,« sagte Schaper salbungsvoll. »Und hat man erst die Augen für immer geschlossen, so dürfte es einem gleichgültig sein, ob die Sonne scheint oder der liebe Gott es regnen läßt.« Dann holte er seine Zigarrentasche hervor und bot sie auch dem Hausmeister an. Er wollte den Mann zutraulich machen.
Truschinski langte mit vielen Bücklingen zu.
Als dann die Zigarren brannten, fragte Schaper so ganz nebenbei:
»Sagen Sie, Herr Hausmeister, da oben im Arbeitszimmer steht eine elektrische Taschenlampe. Gehört die Ihnen?«
»Nein, Herr Müller. Auch Herrn Marschalls Eigentum ist das nicht. Die muß einer von den Polizeibeamten hier vergessen haben.«
Schaper lachte. »So nachlässig sind die nicht, glauben Sie mir. Die Lampe wird doch wohl zu Herrn Marschalls Sachen gehört haben.«
Truschinski blieb aber hartnäckig dabei, daß dies ausgeschlossen wäre, und der Detektiv widersprach ihm nicht weiter.
Schweigend wanderten sie eine Weile auf dem breiten Hauptwege des Parkes nebeneinander her.
»Ja, Herr Müller, wie traurig das so für einen ist, wenn man erlebt, wie ein so guter Mensch wie dieser Herr Wendland sich so vergessen kann, das ahnen Sie gar nicht. Wir, meine Frau und ich, haben stets große Stücke auf Herrn Boto gehalten. Und jetzt … jetzt …«
»Es gibt viele Wölfe in Schafskleidern, mein lieber Truschinski. Und die Heuchler, das sind gerade die Schlimmsten.«
Der Alte schüttelte traurig den Kopf.
»Ich bin gewiß dafür, daß jeder seine Strafe bekommt, der was begangen hat,« erklärte er zögernd. »Aber hier wünsche ich beinahe, die Polizei würde den Herrn Boto nicht finden.«
»Nanu?! So soll also ein Mord ungesühnt bleiben – bedenken Sie – ein Mord!« Schaper spielte vorzüglich den sittlich Entrüsteten.
»Hm … Mord …? Sie werden sich vorher gezankt haben, der Onkel und der Neffe. Leicht war ja mit Herrn Marschall nicht umzugehen.«
»Aber der andere Neffe soll doch ganz gut mit ihm ausgekommen sein,« lenkte Schaper absichtlich das Gespräch dorthin über, wohin er es haben wollte.
Truschinski war stehen geblieben und blickte einem vorwitzigen Schmetterling nach, den der warme Sonnenschein hervorgelockt hatte.
Plötzlich drehte er sich um und schaute Schaper fast argwöhnisch an.
»Sind Sie vielleicht mit dem Herrn Regierungsreferendar befreundet?« fragte er gedehnt.
»Ich kenne ihn persönlich nicht. Nur ein Bekannter von mir erzählte von ihm. Soll ja eine sehr elegante Erscheinung sein, der Herr Hektor Brieux.«
Truschinski machte eine geringschätzige Bewegung mit der Hand.
»Elegant hin, elegant her! – Jetzt, wo Fräulein Anni alles geerbt hat und man nicht fürchten muß, daß man von … dem an die Luft gesetzt wird, kann man ja reden, wie einem wirklich zu Mut ist. Ein Bummler und Tunichtgut ist’s, ein Heuchler aus dem ›ff‹, der Herrn Marschall stets um den Bart ging und doch heimlich geschürt hat, daß Vater und Tochter sich entzweiten … Nein, Herr Müller, von dem will ich nichts wissen!«
»Also Sie meinen wirklich, daß Hektor Brieux absichtlich die Entfremdung zwischen Ihrem Herrn und seinem einzigen Kinde noch zu vergrößern suchte? Das wäre ja eine unglaubliche Schlechtigkeit – und wozu?«
Der Alte lachte vor sich hin. »Wozu? – Und die Erbschaft, Herr Müller?! – Ja, da liegt der Hase im Pfeffer!«
Schaper tat, als ob ihm jetzt erst ein Licht aufging.
»Ah – ich verstehe! Na, solche Schurkerei!« rief er ganz empört. »Ein Glück, daß das Testament ungültig ist.«
»Ja, ein wahres Glück!« bestätigte Truschinski feierlich. »Fräulein Anni hat uns schon gesagt, daß wir weiter hier bis an unser Lebensende das Haus verwalten sollen,« fügte er hinzu. »Die ist ja so gut und so lieb wie ein Engel.«
Wieder eine kurze Pause. Dann begann Schaper, indem er ein Zeitungsblatt aus der Tasche zog:
»Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß Hektor Brieux heute beim Begräbnis fehlte, Herr Hausmeister?«
»Freilich, freilich. Recht traurig, daß das gnädige Fräulein als die einzige Verwandte am offenen Grabe stand.«
»So wissen Sie also noch gar nicht, daß die Polizei jetzt zwei Personen in dieser Kriminalsache sucht, den einen als den mutmaßlichen Täter, den anderen als Zeugen?«
Der Alte schaute überrascht auf. Er begriff nicht sofort.
»Wie soll ich das verstehen, Herr Müller?« meinte er unsicher.
»Nun – hier, lesen Sie mal diese Zeitungsnotiz, dann wissen Sie Bescheid.«
Truschinski holte erst umständlich eine große Brille hervor, setzte sie sich auf die verdächtig blaurot schimmernde Nase und griff dann nach dem Blatt. Dort stand an der von Schaper angegebenen Stelle folgendes:
›Rätselhaftes Verschwinden eines jungen Lebemannes. – Der in der Bellevuestraße in einem vornehmen Pensionat wohnende Regierungsreferendar a.D. Hektor Brieux, ein Neffe des unlängst ermordeten Rentiers Marschall, ist seit drei Tagen spurlos verschwunden.
Am Morgen des Tages, an dem sein Onkel um die Mittagszeit einem Mörder zum Opfer fiel, verließ er nach Angabe der Pensionsinhaberin seine Wohnung und ist seitdem dorthin nicht mehr zurückgekehrt. Zum letzten Male wurde er gegen Mittag an demselben Tage von dem Hausmeister des ›Katzen-Palais‹, wie die Villa in der Schloßstraße im Volksmund heißt, an der Hintertreppe des Parkes gesehen, wo er von dem Manne sich ein Streichholz für seine Zigarette ausbat und dann die Grenadiergasse weiter hinaufschritt. Von diesem Augenblick an ist Brieux verschwunden. Alle Nachforschungen nach seinem Verbleib sind bisher resultatlos verlaufen, obwohl die Polizei nichts unversucht gelassen hat, um den in Kreisen der Halbwelt recht bekannten Herrn aufzufinden, da man seiner als des wichtigsten Zeugen in der Marschallschen Mordsache dringend bedarf.
Bekanntlich hat der Schauspieler Wendland, der ja als Täter einzig und allein in Betracht kommt, dem Hausmeister gegenüber bei seinem Besuch im ›Katzen-Palais‹ angegeben, daß der Rentier Marschall ihn durch ein von Brieux ihm übermitteltes Telegramm zu sich bestellt habe. Die Polizei legt nun Wert darauf, möglichst bald festzustellen, ob Wendland diese Depesche nur erfunden hat, um sich ungehindert Zutritt zu seinem Onkel zu verschaffen. –
Gleichzeitig sei an dieser Stelle hervorgehoben, daß bisher auch die Nachforschungen nach dem flüchtigen Schauspieler ergebnislos verlaufen sind. Wir machen darauf aufmerksam, daß die Belohnung für die Ergreifung Wendlands auf eintausend Mark erhöht ist, und daß ein Teil dieser Summe auch derjenige erhält, der zweckdienliche Angaben, die zu einer Verhaftung des Schauspielers führen können, zu machen imstande ist. Meldungen in dieser Sache nimmt der Kriminalkommissar Bechert auf Zimmer Nr. 18 des Charlottenburger Polizeipräsidiums entgegen.‹
Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis Truschinski mit dieser Lektüre fertig war.
Jetzt ließ er das Blatt sinken und schaute den Detektiv kopfschüttelnd an.
»Unglaublich,« meinte er, »also der ist auch nicht mehr zu finden! Hm, nun verstehe ich auch, weshalb gestern ein Kriminalbeamter hier war und sich so eingehend nach dem Regierungsreferendar erkundigte.«
In demselben Augenblick gesellte sich Max Truschinski, der schwachsinnige, verwachsene Sohn der Hausmeistersleute, zu den beiden. Mit seinem breiten, gekrümmten Oberkörper, den langen Armen, die ihm fast bis zu den Knien reichten, und dem tierisch stumpfen Ausdruck des verzerrten Gesichts wirkte er mehr als abstoßend. Und doch verrieten alle Bewegungen dieses zwanzigjährigen Menschen eine gewisse Behändigkeit und eine große Kraft.
Ohne den Detektiv zu beachten, fragte er seinen Vater jetzt mit seiner hohen Fistelstimme:
»Mäxchen sucht die Katzen … Wo die Katzen hin? Alle fort … Alle …«
Truschinski blickte ihn verzweifelt an.
»Zunächst sage dem Herrn hier erst guten Tag, wie es sich gehört, verstanden!« befahl er streng.
Der Schwachsinnige machte daraufhin einen linkischen Diener.
»Lassen Sie ihn nur, Herr Hausmeister,« meinte Schaper freundlich. »Wir haben uns heute schon begrüßt, nicht wahr, Max?«
Der geistig Kranke grinste ganz glücklich und reichte dem Detektiv plötzlich die Hand hin, die Schaper auch kräftig drückte.
»Sie guter Mensch sein, Herr Müller, sehr gut,« erklärte er freudestrahlend. »Sie mir heute Geld geben … Mäxchen sich kaufen Schokolade …«
Der angebliche Architekt lachte.
»Sie sehen, Herr Truschinski, Ihr Sohn und ich haben schnell Freundschaft geschlossen.«
Da begann der Kranke abermals, jetzt ganz weinerlichen Tones:
»Vater, wo die Katzen hin? Mäxchen sucht immerzu … weg … weg …«
»Die wirst du nicht wieder zu sehen kriegen,« antwortete der Alte kurz. »Fräulein Anni hat befohlen, daß sie abgeschafft werden. Ich habe die vier, die noch da waren, verschenkt.«
»Aber Moritz – schwarzer Moritz auch weg?« fragte der junge Mensch hartnäckig.
»Wo der geblieben ist, weiß ich nicht,« sagte der Hausmeister gleichgültig. Und zu Schaper gewendet:
»Moritz war ein prächtiger schwarzer Kater, aber ein schlimmer Rumtreiber, der überall in der Nachbarschaft Liebschaften hatte. Vielleicht findet er sich wieder ein. Er war schon häufig tagelang verschwunden. Ihn möchte ich auch der Mäuse wegen behalten. Allerdings – ein Federbett und all die Leckerbissen wie zu Herrn Marschalls Zeiten – das gibt es nicht mehr. Die Wirtschaft hat aufgehört. Man hat ja wirklich Mühe, den Gestank nach den Tieren aus dem Hause rauszubekommen.«
Der Schwachsinnige schlich betrübt davon. Waren doch die fünf Katzen seine einzigen Spielgefährten gewesen.
Bald darauf begab sich auch Schaper wieder in seine neue Wohnung hinauf.
Oben in dem Arbeitszimmer setzte der Detektiv sich an den altmodischen, vor dem Fenster stehenden Schreibtisch und versuchte – jetzt schon zum dritten Mal – die Geheimschrift zu enträtseln, die Rechtsanwalt Heiling in der Aktentasche des Hektor Brieux gefunden hatte. Er probierte wiederum alle Methoden durch, die er nur kannte. Aber auch heute blieb der Erfolg aus. Unmutig legte Schaper schließlich Papier und Bleistift beiseite, schaute nach der Uhr und machte sich dann zum Ausgehen fertig. Die elektrische Taschenlampe, die die Polizei nicht weiter beachtet hatte, steckte er in die Brusttasche seines Paletots und verließ nun das Haus, nachdem er das Blatt mit der Geheimschrift sorgfältig in seinen Koffer verschlossen hatte.
Am nächsten Cafee stärkte er sich zunächst durch eine Schale ›Schwarzen‹ und fuhr dann mit der Straßenbahn die Charlottenburger Chaussee entlang bis zur Siegesallee. Hier verließ er den Wagen und begab sich zu Fuß nach der Bellevuestraße. Es war genau einhalb fünf Uhr nachmittags, als er an der Flurtür der Pension Stülpner läutete.
In kurzer Zeit war dort sein Geschäft erledigt. Das Stubenmädchen, dem er die Taschenlaterne zeigte, wollte ganz bestimmt wissen, daß die, die der fremde Herr jetzt in der Hand hielt, dem Herrn Regierungsreferendar gehörte.
»Ich irre mich gewiß nicht,« hatte die redegewandte, blitzsaubere Zofe wiederholt versichert. »Ich habe die elektrische Lampe nämlich mal beim Staubwischen heruntergeworfen, und dabei bekam der untere Aluminiumrand diese Beule.«
Schaper drückte dem Mädchen einen Taler in die Hand, dankte für freundliche Auskunft und stieg sehr nachdenklich wieder die Treppe hinab.
6. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Eine Viertelstunde später saß der Detektiv Rechtsanwalt Heiling in dessen Sprechzimmer gegenüber.
»Nun, bringen Sie etwas Neues?« fragte dieser interessiert.
»Freilich. Deswegen erlaube ich mir auch nur, Ihnen einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit zu rauben.«
»Na – kostbare Zeit! – Das stimmt jetzt nicht ganz. Augenblicklich gehen die Geschäfte recht flau.«
»Mein herzliches Beileid! – Streikt die Gaunerzunft etwa, um von den Herren Rechtsanwälten billigere Honorarsätze zu erpressen?« lächelte Schaper. »Das täte mir leid. Denn dann würde ja auch ich so ziemlich brotlos werden. – Doch nun genug der Worte ohne Zweck und Ziel,« fügte er ernst hinzu. »Hier – bitte, führen Sie mal diese Taschenlampe an Ihre Nase, Herr Doktor.«
Heiling war zunächst über diese merkwürdige Aufforderung etwas überrascht, erfüllte dann aber dem Detektiv unverständlich lächelnd diesen bescheidenen Wunsch.
Kaum hatte er die elektrische Taschenlampe aber einen Moment wie ein eine Fährte aufnehmender Schweißhund beschnüffelt, als er ganz begeistert ausrief:
»Halloh! Jetzt begreife ich… Das Parfüm, das dieser Taschenlampe nicht gerade sehr intensiv, aber doch immer noch bemerkbar anhaftet, ist dasselbe, welches mein Riechorgan so schwer beleidigte, als damals im Stadtbahnzug Hektor Brieux neben mir saß. Und diese Laterne dürfte, wenn ich nicht ganz vorbeiahne, die sein, von der Sie mir erzählten, daß Sie sie glühend am Tatort im Katzen-Palais aufgefunden haben.«
»Sie haben nicht vorbei, sondern richtig geahnt,« nickte Schaper.
»So, dann nehme ich weiterhin an, daß Sie wegen dieser Taschenlampe zu mir gekommen sind.«
»Auch das ist richtig. Ich will nämlich Ihren Rat einholen, Herr Rechtsanwalt, weil ich mich jetzt in einer unangenehmen Zwickmühle befinde. –
Hören Sie also. –
Diese Laterne stand brennend – ich betone dies! – auf einem kleinen Tischchen im Arbeitszimmer Marschalls, als ich dort dessen Leiche entdeckte. Ich hätte ihr nun sicherlich nie die geringste Beachtung geschenkt, wenn sie nicht eben geglüht haben würde und mir dadurch aufgefallen wäre. Fraglos war sie also noch kurz vor dem Morde, oder auch nach der Tat, benutzt worden. Damals nahm ich an, daß sie Marschalls Eigentum sei. Denn wozu sollte der Täter sich wohl am hellen Tage mit einer Taschenlampe herumgeschleppt haben – nicht wahr?«
»Allerdings. Auch ich hätte so kombiniert,« meinte Heiling eifrig.
»Jetzt weiß ich aber, daß die Taschenlaterne nicht dem Rentier gehört hat,« fuhr der Detektiv fort. »Und nicht nur dies – sondern auch, daß sie fraglos am Morgen des betreffenden Tages sich noch nicht in dem Zimmer befand. Marschall ließ nämlich die von ihm benutzten Räume des Katzen-Palais regelmäßig von dem Hausverwalter Truschinski in Ordnung bringen, wie mir dieser gestern beim Einzug in mein neues, interimistisches Heim erzählte. Somit hätte der Alte, der stets sehr sorgfältig Staub wischen mußte, die kleine Lampe unbedingt bemerken müssen – wenn sie eben schon irgendwo herumgestanden hätte. Heute, als ich der Sache auf den Grund gehen wollte, versicherte er mir wiederholt, er habe die Taschenlaterne noch nie gesehen. Einer der Polizisten werde sie wohl vergessen haben. –
Diese seine Behauptung stimmte mich recht nachdenklich. Und da ich nun auch den kleinen, dem Lämpchen noch anhaftenden Parfümgeruch bereits vorher gespürt hatte, mich auch daran erinnerte, was Sie mir von dem stark duftenden Herrn ›Ingenieur Schmidt‹ erzählt hatten, wollte ich mich überzeugen, ob die niedliche Laterne vielleicht dem Regierungsreferendar gehöre.«
Schaper machte eine kleine Kunstpause.
»Nun – und?« fragte Heiling gespannt.
»Sie ist Hektor Brieux’ Eigentum,« sagte Schaper. »Und deshalb sitze ich jetzt in der Patsche.«
»In der Patsche …? Ich verstehe nicht. Warum denn?« meinte der Rechtsanwalt kopfschüttelnd.
»Sehr einfach. – Gehen Sie, lieber Doktor, jetzt zur Kriminalpolizei und berichten Sie das, was wir von dieser Taschenlaterne wissen, die ausgerechnet am Mordtage am Tatort auftauchte, so ist tausend gegen eins zu wetten, daß die Behörde augenblicklich ihre erste Annahme, nach der nur Boto Wendland als Täter in Frage kommt, berichtigt und die Ermittlungen noch auf Hektor Brieux als denjenigen ausdehnt, der … eventuell in dem Mordzimmer in der Aufregung die Lampe vergessen haben kann, der ferner auffallenderweise seit dem Tage verschwunden ist und der – drittens und letztens – eigentlich der einzige bleibt, der infolge des Testaments des Rentiers von dessen baldigem Tode Vorteil gehabt hätte – wenn eben dieses Testament gültig gewesen wäre. – So liegt die Sache –«
Heiling schaute sinnend vor sich hin.
»Hm – ich muß Ihnen recht geben, lieber Schaper,« meinte er überzeugt. »Diese Vermutung, daß Hektor Brieux seine Hand mit im Spiel gehabt hat, würde nach alldem ohne Zweifel in dem die Untersuchung führenden Kommissar auftauchen. Das wäre durchaus verständlich, obwohl doch …«
»Ja, obwohl es anderseits wieder ausgeschlossen ist, daß der Regierungsreferendar der Täter sein kann,« unterbrach ihn Schaper erregt. »Sogar völlig ausgeschlossen, wie ich Ihnen jetzt, nachdem ich einen Tag in dem Katzen-Palais zugebracht habe, nochmals auseinandersetzen will, soweit es sich eben um neue, von mir festgestellte Momente handelt. –
Ein Eindringen in das Haus von der Schloßstraße scheidet aus. Die Haupteingangstür ist an jenem Tage wie immer fest verschlossen gewesen. Die Fenster des hochgelegenen Erdgeschosses ebenso, so daß auch von einem Einsteigen hier keine Rede sein kann, ganz abgesehen davon, daß die Schloßstraße viel zu belebt ist, um dieses Kunststück unbeobachtet ausführen zu können. –
Nun zu der zweiten Möglichkeit – dem Zugang von der Grenadiergasse. Hier trennt eine zweieinhalb Meter hohe, glatte Mauer den Park von dem öffentlichen Wege. In der Mauer befindet sich jedoch eine Gitterpforte, die zwar ebenfalls verschlossen gehalten wird, in deren Schloß der Hausmeister jedoch nicht wie beim Vordereingang den Schlüssel stecken läßt. Es wäre also nicht unmöglich, daß Brieux sich zu dieser Pforte einen Nachschlüssel besorgt hat und so in den Park eingedrungen ist. Wohlverstanden – in den Park. Denn weiter wäre er unbemerkt nicht gekommen. Sie wissen, daß der Hausmeister im vorderen Teile des Gartens dicht beim Hause beschäftigt war. Der Park ist nur schmal und, da nur einzelne Gebüschgruppen vorhanden sind, leicht zu überblicken. Gesetzt nun den Fall, Brieux hätte es fertig gebracht, sich an dem Alten ungesehen vorbeizuschleichen, so wäre ihm in der Tür des Wirtschaftseinganges von der Rückfront des Gebäudes ein unüberwindliches Hindernis entstanden. Ich will hier noch darauf aufmerksam machen, daß nur diese eine Tür vorhanden ist und daß sämtliche Fenster nach der Parkseite mit eisernen Ziergittern versehen sind. Die Tür aber hat einen pneumatischen, sehr kräftig wirkenden Schließer, außerdem noch – und das ist die Hauptsache! – eine Glocke, die beim Öffnen und Schließen sehr laut anschlägt.
Dicht neben dem Hintereingang befindet sich ferner die Küche, in der sich zu der fraglichen Zeit Frau Truschinski aufhielt. Hätte also Brieux durch die Tür in das Haus schlüpfen wollen, so würde die Glocke angeschlagen und ihn verraten haben. –
All diese Einzelheiten habe ich sehr genau nachgeprüft und durch unauffälliges Befragen der Hausmeistersleute mich überzeugt, daß es, wie gesagt, völlig ausgeschlossen ist, am Tage unbemerkt in das Katzen-Palais einzudringen.
So, Herr Rechtsanwalt, nun sollen Sie mir raten, ob ich unter diesen Umständen verpflichtet bin, der Polizei von meiner Entdeckung hinsichtlich der Taschenlaterne Mitteilung zu machen. Denn, sollte Brieux der Täter sein – ich selbst glaube nicht daran – so würde man mir später mit Recht den Vorwurf machen, daß ich ihm durch das Verschweigen dieser Tatsachen das Entkommen erleichtert hätte. Jetzt könnte die Polizei, wenn sie all ihre Hilfsmittel gebraucht und falls er wirklich geflohen sein sollte, seiner noch habhaft werden. Lassen wir aber noch Tage vergehen und rücken wir dann erst mit unserem Wissen heraus, so gestaltet sich die Verfolgung schon weit schwieriger. –
Mithin – was soll ich tun?«
Dr. Heiling zuckte ratlos die Achseln.
»Wenn Sie fest überzeugt sind, daß der Regierungsreferendar nicht der Schuldige ist, so warten Sie doch ab,« meinte er. »Vielleicht gelingt es Ihnen inzwischen, andere wichtige Beweise gegen einen Dritten herbeizuschaffen.«
Schaper trommelte ärgerlich mit den Fingern auf der Lehne des Sessels einen Sturmmarsch.
»Ich muß sichergehen,« erklärte er nach einer Weile entschlossen. »Gerade als Privatdetektiv darf ich mir nicht das geringste vergeben. Grün sind uns die Herren von der Polizei ohnehin nicht. Und sie würden schön über mich herfallen, wenn ich durch mein Schweigen der rächenden Justiz ein Opfer entziehen würde. Ich werde also doch lieber meine Kenntnisse auskramen. Besser ist besser …«
»Schließlich – was liegt auch daran,« tröstete Heiling den Detektiv. »In Ihren ferneren Nachforschungen werden sie dadurch doch nicht behindert, wenn die Polizei jetzt vielleicht gegen Brieux ebenfalls einen Steckbrief erläßt.«
»Das ist schon richtig. Aber – geben Sie gern die Früchte Ihrer Geistesarbeit gratis weg?« meinte Schaper, mit einem schlauen Lächeln.
»Das tut keiner gern,« bestätigte der Rechtsanwalt.
»Na also!«
Schaper erhob sich jetzt.
»Ich will nicht länger stören, Herr Doktor. Von Ihnen fahre ich nun also direkt nach Charlottenburg aufs Polizeipräsidium und lege meine duftende Taschenlampe vertrauensvoll in die Hände des Herrn Kommissars Bechert. Hoffentlich bringt sie ihm die Erleuchtung!«
»Halt, mein Lieber – noch eine Frage,« bat Heiling schnell. »Wie steht’s denn mit unserer Geheimschrift, und haben Sie sonst keine Entdeckung im Katzen-Palais gemacht?«
Schaper, der eben in seinen Paletot schlüpfte, erwiderte kleinlaut:
»Geheimschrift …? Der bin ich nicht gewachsen. Aus dem Wirrsal von Worten finde ich mich bisher nicht heraus – leider. –
Und Frage Nr. 2, – – aber bitte Diskretion! – ich bin jetzt dabei, mich in das Vertrauen des schwachsinnigen Sohnes der Truschinskis einzuschmeicheln. Es wäre nicht das erste Mal, daß ein Geisteskranker aus besonderen Motiven zum Mörder wird.«
Heiling hatte die Augenbrauen hochziehend aufgehorcht.
»Alle Wetter, an die Möglichkeit habe ich noch gar nicht gedacht,« entfuhr es ihm jetzt. »Was für einen Eindruck macht denn der Mensch auf Sie, Schaper?«
»Vorläufig kann ich mir kein abschließendes Urteil erlauben,« entgegnete der Detektiv ehrlich. »Jedenfalls ist dieser Max Truschinski ein außerordentlich kräftiger Bursche, dem man in dieser Beziehung schon so eine Tat zutrauen kann.«
Der Rechtsanwalt wollte noch eine Bemerkung machen, wurde aber durch den Eintritt eines seiner Bureauangestellten unterbrochen, der ihm zwei Visitenkarten überreichte.
»Die Damen warten schon eine ganze Weile. Ihre Angelegenheit soll sehr dringend sein,« bestellte der junge Mensch.
Heiling überflog die Karten. »Nanu – was hat denn das zu bedeuten,« sagte er erstaunt. »Frau Melanie v. Gerster – Anni Marschall …? – Ich lasse bitten. –
Bleiben Sie nur hier, Schaper. Da ist doch fraglos etwas passiert.«
Gleich darauf traten die beiden Damen ein – Anni Marschall mit vom Weinen geröteten Augen und völlig fassungslos, die junge Witwe dafür desto ruhiger und zielbewußter.
Nachdem man an dem Mitteltisch Platz genommen, begann Frau v. Gerster sofort, indem sie sich Heiling zuwandte:
»Wir brauchen Ihre Hilfe, Herr Rechtsanwalt. Boto Wendland ist vor einer Stunde verhaftet worden.«
Beide, Heiling sowohl wie Schaper, fuhren förmlich von ihren Stühlen hoch. Diese Nachricht hatten sie nicht erwartet.
»Wie ist denn das gekommen?« fragte der Detektiv, der sich zuerst wieder gefaßt hatte.
Anni Marschall war es, die unter Tränen schluchzend antwortete:
»Ich … ich allein trage die Schuld daran. Ich wollte ihn …«
Doch Frau v. Gerster ließ sie nicht weitersprechen. Indem sie des jungen Mädchens Hand zärtlich streichelte, sagte sie schnell:
»Bitte, Herzchen, hier habe ich das Wort. Du bist ja viel zu erregt, Kleines, um das, was vorgefallen ist, übersichtlich darstellen zu können. Bitte, bitte – nimm dich zusammen. Dein Verlobter ist unschuldig, und das bleibt die Hauptsache. Die Herren hier werden schon raten und helfen.«
Schaper, dem Anni Marschall aufrichtig leid tat, mischte sich ebenfalls ein.
»Aber meine Damen, wozu all die Angst und Sorge. Das ist doch nur ein Schreckschuß der Polizei, diese Verhaftung, nichts weiter!« sagte er scheinbar gelassen. »Mag man doch erst einmal beweisen, daß Herr Wendland der Täter ist. Wird sehr schwer fallen, fürchte ich!«
In diesen Worten des bekannten Detektivs lag eine geradezu suggestiv beruhigende Wirkung.
Anni Marschalls Tränen versiegten langsam. Und dann raffte sie sich auf, trocknete etwas beschämt ihre Augen und flüsterte der Freundin zu: »Melanie, erzähle jetzt bitte.«
»Es ist verständlich, daß Fräulein Marschall den Wunsch hegte, sich einmal mit ihrem Verlobten auszusprechen,« begann Frau v. Gerster. »Boto Wendland, der sich im Norden Berlins unter falschem Namen, als Techniker Franz Karsten, ein billiges Zimmer gemietet hatte, kam nun heute nachmittag, nachdem alles telephonisch genau verabredet war, über die Hintertreppe in meine Wohnung. Ich hatte zur Vorsicht die Dienstboten fortgeschickt, und öffnete ihm selbst die Küchentür, um ihn einzulassen. Hätte Herr Wendland nicht seinen Namen leise genannt, ich würde ihn nicht erkannt haben. Ihm als Schauspieler war es nicht schwer gefallen, sein Äußeres vollkommen zu verändern, gerade so wie auch Sie, Herr Schaper, heute in Ihrer Verkleidung mit dem berühmten Detektiv nicht die geringste Ähnlichkeit haben.«
Schaper lächelte fein. »So, wie ich jetzt aussehe, gnädige Frau, bin ich auch nicht ich selbst, sondern bekanntlich der Architekt Müller aus Hamburg, der alte Bauten studiert.«
»Herr Wendland war jedoch kaum eine Viertelstunde in meiner Wohnung,« fuhr die junge Witwe fort, »als es an der Vordertür klingelte. Ahnungslos ging ich und öffnete. Es waren zwei Kriminalbeamte in Zivil, die mich ziemlich rücksichtslos beiseite drängten und Boto Wendland, der mit meiner Freundin im kleinen Salon saß, vollkommen überraschten. Ohne Zweifel war also das Haus, in dem ich wohne, beobachtet und der junge Schauspieler trotz seiner vorzüglichen Verkleidung erkannt worden.«
Schaper, der ohne großes Interesse zugehört hatte – eben weil er ahnte, wie die Polizei den angeblichen Mörder abgefaßt hatte, sagte jetzt im Tone leichten Vorwurfs zu Anni Marschall, die inzwischen ihre Selbstbeherrschung widererlangt hatte:
»Gnädiges Fräulein, ich sagte Ihnen doch ausdrücklich, Sie sollten vorsichtig sein! Besinnen Sie sich noch? – Ich kenne die Schliche der Polizei eben ganz genau. – Trotzdem ist es vielleicht ganz gut für alle Teile, daß es so gekommen ist. Denn meiner Ansicht nach muß dieses Versteckspielen, diese ewige Angst vor den Häschern Ihren Herrn Bräutigam ebenso angegriffen haben, als wenn er jetzt einige Zeit als Untersuchungsgefangener unter keineswegs allzu harten Bedingungen zubringt. Jedenfalls haben Sie doch jetzt die Absicht, Herrn Rechtsanwalt Heiling die Wahrnehmung der Interessen Ihres Verlobten zu übertragen. Und da Herr Wendland selbst wiederum mich mit den Nachforschungen nach dem wahren Mörder betraut hat – daß er der geheimnisvolle Mann am Telephon war, weiß ich ja längst – so ist die gesamte Intelligenz hier zur Stelle, die daran arbeiten will, dem Recht zum Siege zu verhelfen. Lassen Sie uns also nun in Ruhe beraten, was zunächst geschehen soll. Herr Dr. Heiling als Spezialist für Strafverteidigung mag sich freundlichst als erster äußern.«
Diese bündige Art des Detektivs sagte Anni Marschall, die nur im ersten Schreck über die Verhaftung des Geliebten ihre Fassung verloren hatte, durchaus zu. Und deshalb beteiligte sie sich an der gemeinsamen Aussprache mit derselben kühlen, energischen Klarheit, die Schaper bei seinem ersten Zusammentreffen mit ihr sofort schätzen gelernt hatte.
Noch an demselben Abend hatten Heiling und Schaper mit Kriminalkommissar Bechert, der die Untersuchungen in der Marschallschen Mordsache führte, eine lange Unterredung.
Der Kommissar zeigte für die Eröffnungen, die der Detektiv hinsichtlich der Person Hektor Brieux’ machte, und ebenso für die Geschichte der kleinen Taschenlaterne das größte Interesse. Jedenfalls wies er die Möglichkeit, daß der seit dem Morde spurlos verschwundene Regierungsreferendar der Täter sein könne, durchaus nicht von der Hand – sehr zu Schapers Genugtuung, der eigentlich im stillen angenommen hatte, daß der Kommissar diesen Mitteilungen nicht allzuviel Bedeutung beimessen würde.
»Es dürfte der Polizei nicht schwer fallen,« erklärte Bechert, »den Mann, mit dem Brieux damals in der Kneipe ›Zur fröhlichen Gruft‹ verschwand, nach der Beschreibung Ihres Angestellten, Herr Doktor, zu ermitteln. Haben wir dann erst die Beweise, daß der Regierungsreferendar wirklich, was ich nach dem Inhalt der Aktentasche stark vermute, zusammen mit gewerbsmäßigen Einbrechern den Diebstahl im Bureau des Damenhilfsvereins verübt hat, so gewinnt der Argwohn, den man jetzt nur in recht unbestimmter Form gegen ihn hegen kann, bedeutend an Wahrscheinlichkeit. Allerdings, ob Ihr Antrag, Boto Wendland gegen eine Kaution in einer vom Untersuchungsrichter zu bestimmenden Höhe freizulassen, angenommen werden wird, möchte ich bezweifeln. Dazu sind die gegen Hektor Brieux sprechenden Verdachtsgründe doch zu geringfügiger Art. Immerhin werden wir natürlich auch diese zweite Fährte verfolgen.«
Dann wandte er sich dem Detektiv zu, der sich, nachdem von ihm die den Regierungsreferendar betreffenden Angaben vorgebracht waren, nicht weiter an dem Gespräch beteiligt hatte.
»Wie denken Sie denn eigentlich über die gegen Brieux gefundenen Belastungsmomente, Herr Schaper?« meinte er mit einem gewissen Argwohn, der sich in dem Tonfall seiner Stimme deutlich widerspiegelte. »Die Tatsachen haben Sie mir zwar mitgeteilt, nicht aber die Schlußfolgerungen, die Sie daraus ziehen.«
Schaper hatte eine ähnliche Frage erwartet und war daher um eine Antwort nicht verlegen. Wenn er dem Kommissar die Wahrheit gesagt haben würde – daß er es für ausgeschlossen halte, daß Hektor Brieux der Mörder sei, so hätte er dadurch des Schauspielers Interessen nur geschadet, da von der Polizei der Antrag auf dessen vorläufige Haftentlassung natürlich niemals genehmigt würde, sobald er hier seine Bedenken, die er hinsichtlich der Täterschaft des Regierungsreferendars hegte und die ja auch nur zu berechtigt waren, laut werden ließ. Weit eher war es eigentlich seine Pflicht, die gegen Brieux aufgetauchten Verdachtsgründe künstlich noch zu verstärken, damit eben Boto Wendland dadurch entlastet würde.
Und so erwiderte er denn sehr diplomatisch:
»Nach meinen Schlußfolgerungen haben Sie nicht gefragt, Herr Kommissar. Und aufdrängen tue ich meine Meinung niemandem. Im übrigen dürften sich unsere Ansichten in diesem Falle wohl so ziemlich decken.«
Diese nicht gerade übermäßig höfliche Antwort erreichte vollkommen das, was Schaper mit ihr bezweckt hatte. Bechert drang nicht weiter in ihn und gab sich mit dieser nichtssagenden Auskunft, offenbar etwas gekränkt, wohl oder übel zufrieden.
Heiling, der Rede und Gegenrede der beiden genau verfolgt hatte, da es ihn interessierte, wie der Detektiv sich aus diesem Dilemma herauswinden würde, konnte nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken. Dieser Schaper war wirklich mit allen Hunden gehetzt!
Bechert sah jetzt seine Notizen, die er sich vorhin gemacht hatte, durch und wandte sich dann wieder, jetzt bedeutend kühler und offizieller, an den Detektiv.
»Ich möchte Sie bitten, mir noch heute abend eine Abschrift der geheimen, in Brieux’ Aktentasche gefundenen Aufzeichnungen als Brief zuzusenden, Herr Schaper. Vielleicht gelingt es mir, den Inhalt zu enträtseln, der für die Nachforschungen, die jetzt auch auf den Regierungsreferendar ausgedehnt werden sollen, immerhin von Interesse sein kann.«
Nachdem der Detektiv zugesagt hatte, diesem Wunsche sofort nach seiner Heimkehr in das Katzen-Palais zu entsprechen, fragte der Rechtsanwalt den Kommissar, ob er jetzt sofort Boto Wendland im Untersuchungsgefängnis in seiner Eigenschaft als dessen Verteidiger besuchen dürfe.
»Ich habe mit dem Schauspieler nämlich noch manches zu erledigen, was keinen Aufschub duldet. Gesetzliche Hindernisse stehen meinem Ansinnen ja nicht im Wege,« fügte er noch hinzu, um von vornherein jeden eventuellen Einwand Becherts zu entkräften.
Dieser füllte jedoch ohne weitere Schwierigkeiten zu bereiten, das nötige Formular aus und reichte es Heiling mit einem höflichen ›Bitte sehr‹ hin, worauf seine beiden Besucher sich verabschiedeten.
7. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Nachdem Schaper noch schnell den Brief an Bechert in den nächsten Postkasten geworfen hatte, setzte er sich in dem Arbeitszimmer des ermordeten Rentiers an den altmodischen Schreibtisch, legte Papier und Bleistift zurecht und machte sich an die schwierige Arbeit, aus einer Reihe von zweiundvierzig scheinbar ohne Sinn nebeneinander gestellten Worten einen vernünftigen Inhalt herauszuklügeln.
Wieder wie schon so oft vorher las er sich die von dem Rechtsanwalt aus dem Original abgeschriebenen Worte halblaut vor:
»Fünf verbrennen passen alles mündlich andere sofort drei werden zwei Schlüssel ich bringe mit vier Vorsicht Nachricht besorgt glücken muß bei zwei und sehr günstig Vorschlag hoffentlich ausgeführt eins Verein Zeug bereit Gelegenheit halten bei sechs ihnen komme abends Uhr neun zu.«
»Und doch kann die Entzifferung nicht allzu schwer sein,« brummte Schaper unzufrieden vor sich hin. »Dazu ergeben zu viele der nebeneinander stehenden Wörter einen Sinn. Nur den Schlüssel muß man erst haben, nach dem sie verstellt sind.«
Dann teilte er die zweiundvierzig Wörter in sechs Gruppen zu je sieben Stück ein, und suchte nun diese einzeln zu ordnen. Aber auch dabei kam nichts heraus. Er probierte dies und das – doch keiner seiner Versuche machte ihn klüger.
Plötzlich fiel ihm etwas Neues ein. – Acht Zahlen standen dem Zettel, und zwar 5, 3, 4, 2, 2, 1, 6, 9. Vielleicht hatten diese Ziffern irgend einen Einfluß auf die Stellung der Wörter. Wieder schrieb er einen ganzen Bogen voll – es wurde nichts. Und trotzdem ließ sein Eifer nicht nach. Er mußte heute hinter dieses Geheimnis kommen, mußte, und wenn er die halbe Nacht aufsitzen sollte.
Wieder verging eine halbe Stunde.
Schaper hatte jetzt die letzten acht Worte abgetrennt vorgenommen, die doch ohne Zweifel so zu deuten waren: ›Komme abends zu neun (oder sechs) Uhr bei Ihnen‹. Das konnte in verständliches Deutsch übertragen ›zu Ihnen‹ und das ›zu neun (oder sechs) Uhr‹ eben ›um neun‹ usw. heißen. Mithin waren diese acht Wörter – vielleicht! – in der Reihenfolge, wenn man sie einzeln nummerierte, wie 4, 5, 8, 7, 2, 6, 1, 3 niedergeschrieben. Aber eine Probe bei den nächsten acht Wörtern zeigte zu des Detektivs Enttäuschung, daß der Chiffreschrift auch so nicht beizukommen war. Und doch merkte er, daß er jetzt der Lösung nahe sein mußte und in seine Kalkulation sich nur noch ein kleiner Fehler eingeschlichen haben konnte.
Nochmals betrachtete er diesen einen Satz, der doch fraglos einen Sinn ergab, ganz genau, dann verkürzte er ihn, indem er das ›bei‹ fortließ, und nun mit den sieben verbleidenden Worten operierte. Jetzt störte ihn nur noch der Umstand, daß darin zwei Zeitangaben, neun und sechs Uhr, vorkamen.
›Lassen wir zunächst mal eine dieser Zahlen weg,‹ dachte er, ›zum Beispiel die 6. Dann erhalten wir klar und deutlich bei Umstellung der verbleibenden sechs Worte:
komme abends neun Uhr zu Ihnen
Versuchen wir es also einmal mit Gruppen von je sechs Worten. Die nächsten wären:
halten Zeug Gelegenheit bereit bei sechs
und gruppieren wir diese nach dem Schema des ersten Satzes. – Wieder nichts!‹
Unmutig warf Schaper den Bleistift hin. Das war ja wirklich rein zum Verzweifeln.
Er steckte sich zur Beruhigung erst einmal eine frische Zigarre an und begann seine Suche nach einer Lösung dann von neuem.
»Trotz alledem bin ich nicht mehr weit vom Ziel,« ermutigte er sich selbst halblaut. Weiter gingen seine Gedanken. ›Betrachten wir uns jetzt mal die übrigen sieben Zahlen, die verbleiben, wenn man die 9 in den letzten sechs Wörtern fortläßt. Unterstreichen wir sie.
So. – Halt – was ist denn das?! Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, daß diese Zahlen mit einer Ausnahme stets sechs Worte von einander trennen?! Liegt in den Zahlen der Schlüssel? –
Der besseren Übersicht wegen nochmals ein Entwurf, bei dem die Trennungszahlen als Ziffern geschrieben sind; – so sieht die Geschichte schon anders aus.‹
5, verbrennen passen alles mündlich andere sofort 3 werden zwei Schlüssel ich bringe mit 4 Vorsicht Nachricht besorgt glücken muß bei 2 und sehr günstig Vorschlag hoffentlich ausgeführt 1 Verein Zeug bereit Gelegenheit halten bei 6 ihnen komme abends Uhr neun zu
›Und nun probieren wir mal, ob sich die Zahlen 5, 3, 4, 2, 1, 6 in dieser oder in der umgekehrten Reihenfolge 6, 1, 2, 4, 3, 5, für jede der sechs Gruppen, die nunmehr aus je sechs Worten bestehen, benutzen lassen. –
Also mit 5, 3, 4, 2, 1, 6 ist es nichts. Versuchen wir’s mit 6, 1, 2, 4, 3, 5, und fangen wir mit dem letzten, schon bekannten Satz an:
ihnen komme abends Uhr neun zu
Nun die Zahlen unter die einzelnen Worte – so:
Ihnen komme abends Uhr neun zu
Ih6en kon1me abe2ds U4r n3n z5u
Hurra, ich hab’s! Denn lese ich jetzt der Reihe nach von 1 bis 6 die Worte. So stimmt’s:
›Komme abends neun Uhr zu Ihnen,‹ das hat Sinn und Verstand. – Nun schnell die nächsten sechs Worte:
Verein Zeug bereit Gelegenheit halten bei
Ver6in Ze1g be2eit Gele4enheit hl3enb 5ei
Was ergibt:
Zeug bereit halten Gelegenheit bei Verein – Großartig! Weiter im Text:
und sehr günstig Vorschlag hoffentlich ausgeführt
u6d se1r gü2stig Vors4hlag hoffe3tlich aus5eführt
Also:
Sehr günstig hoffentlich Vorschlag ausgeführt – und überprüfen wir das bisher Gefundene. Es lautet:
Komme abends neun Uhr zu Ihnen. Zeug bereit halten. Gelegenheit bei Verein sehr günstig. Vorschlag hoffentlich ausgeführt und –
Bravo Fritz Schaper, das hast du gut gemacht! Nun noch schnell den Schluß –!
– ausgeführt und Nachricht besorgt. Muß glücken bei Vorsicht. Zwei Schlüssel bringe ich mit. Werden passen. Alles andere mündlich. Sofort verbrennen.
Als der Detektiv das Ganze prüfend überflog, pfiff er plötzlich leise durch die Zähne.
›Holla – mir geht ein Licht auf. Die ersten drei Sätze beziehen sich ohne Zweifel auf den Einbruch, den Brieux mit seinem Komplizen im Büro des Damenhilfsvereins versuchte. ›Zeug bereit halten‹, damit ist natürlich das Einbrecherwerkzeug gemeint, welches der Rechtsanwalt Heiling in der Tasche entdeckte. Mithin stammt diese Nachricht, deren Enträtselung mir soviel Schwierigkeiten bereitet hat, von dem Diebesgenossen des feinen Herrn Referendars. Welche Unvorsichtigkeit, daß er den Zettel, der ihm fraglos per Post in einem Briefumschlag zugegangen war, nicht gleich verbrannte, wie der Absender zum Schluß befahl. – Aber der zweite Teil dieser Verabredung, der bleibt mir leider unverständlich. Was für ein ›Vorschlag‹ mag das sein, und weiter: ›zwei Schlüssel?‹ – Begreife ich vorläufig noch nicht.‹
Schaper gähnte herzhaft und reckte sich. Jetzt erst merkte er, wie müde und abgespannt er war. Mechanisch zog er seine Uhr und schaute nach der Zeit.
»Gleich Mitternacht – da ist es Zeit, daß ich ins Bett komme,« murmelte er, wie so oft, wenn er angestrengt nachgedacht hatte, laut redend.
Schnell packte er die mit Zahlen und Worten bedeckten Zettel fort, nahm die Lampe vom Tisch und ging in den zur Linken gelegenen Raum hinüber, der Marschall als Schlafzimmer gedient hatte und den der Detektiv zu dem gleichen Zweck benutzte.
Es war ein etwas kleinerer Raum als das Arbeitszimmer, nur mit dem Notwendigsten möbliert und über dem an den Wänden entlanglaufenden, gut anderthalb Meter hohen Holzpaneel mit einem dunklen, verschossenen Stoff verkleidet, der den düsteren, unfreundlichen Eindruck dieses Gemachs noch verstärkte.
In kurzer Zeit hatte Schaper sich entkleidet und schlüpfte in das breite Bett, dessen Kissen und Zudecke Frau Truschinski für den Herrn Architekten mit frischen, blütenweißen Bezügen versehen hatte. Aus alter Gewohnheit blätterte der Detektiv dann noch die Abendzeitung durch. Aber die Augen fielen ihm immer wieder zu. Da löschte er die auf dem Nachttischchen stehende Lampe aus, drehte sich nach der Wand zu und schloß die müden Lider.
Er war bereits halb eingeschlummert, als er plötzlich hochfuhr und lauschte. Regungslos saß er aufrecht in den Kissen. Alle seine Sinne waren gespannt. Doch er hörte nichts mehr.
Sollte er sich wirklich so getäuscht haben? Hatte er nur geträumt? Undenkbar! Zu deutlich war ein leises Geräusch wie von vorsichtig schleichenden Schritten an sein Ohr gedrungen, ein Tappen und Scharren, das sich ganz in seiner Nähe und offenbar im Zimmer selbst bemerkbar machte.
Da – wieder dieselben Laute. Und jetzt war’s, als ob ein Mensch mit seinen Kleidern aus Unvorsichtigkeit an den Wänden entlangstreifte.
Der Detektiv, der das, was andere Nerven nennen, stets geringschätzig lächelnd als eine Schwäche bespöttelt hatte, fühlte mit einem Mal, wie sein Herz in schnelleren Schlägen gegen die Brust hämmerte, wie ein merkliches Unbehagen ihn beschlich. Sein Hirn gebar mit Blitzesschnelle in hastender Jagd alle möglichen Gedanken. Befand sich jemand in diesem Raum, der vielleicht einen Anschlag auf sein Leben beabsichtigte? Strich womöglich der schwachsinnige Sohn des Hausmeisters jetzt bei Nacht lautlos durch die Zimmer? –
Aber das war ja ausgeschlossen. Er hatte die Türen fest verriegelt. Und diese Türriegel an den Schlössern stammten noch aus einer Zeit, wo man mehr auf solide Arbeit, als auf gefälliges Aussehen gab.
Wieder lauschte er in das graue Nichts hinein und versuchte, mit den Blicken die ihn umgebende Finsternis zu durchdringen. Die dunklen Fenstervorhänge schlossen jedoch so dicht, daß nicht einmal ein winziger Strahl der Gaslaternen von der Straße aus in das Zimmer drang.
Dann – abermals das Scharren und Tappen, so deutlich vernehmbar, wie dies nur ein in demselben Raum befindliches lebendes Wesen verursachen konnte. Ohne Zweifel, das Geräusch kam aus der linken Ecke, die die Wand nach dem Korridor hin mit der des Arbeitszimmers bildete.
Da hatte Schaper auch schon die Streichholzschachtel, die in Griffnähe auf dem Nachttisch lag, gefaßt und strich ein Hölzchen an. Flackernder Schein, der erst langsam heller wurde, tanzte über den düsteren Raum und die wenigen Möbelstücke hin.
Aber das Zimmer barg kein Wesen, das hier zu dieser Stunde nichts zu suchen hatte. So viel sah der Detektiv noch, bevor das Hölzchen erlosch.
Er strich ein zweites an, hielt es schnell an den Lampendocht und bald erfüllte das rötliche Licht dieses ungemütliche Schlafgemach mit seinem Schein. Dann erhob Schaper sich, zog notdürftig etwas an, nahm die Lampe in die Linke und seine bis dahin unter dem Kopfkissen verwahrte Selbstladepistole in die Rechte und leuchtete nun zunächst einmal jeden Winkel ab.
Er fand nichts, nichts.
»Unglaublich,« murmelte er vor sich hin, »und ich hätte weiß Gott was gewettet, daß hier irgend jemand im Zimmer herumschleicht. Sehen wir nebenan nach.«
Aber auch in dem Raum, in dem Gottfried Marschall ein so furchtbares Ende gefunden hatte, entdeckte er nicht das geringste Verdächtige. Schließlich begab er sich auch noch auf den Korridor hinaus – aber auch dort keine Spur eines lebenden Wesens.
Totenstille herrschte im Hause.
Unzufrieden mit sich kehrte der Detektiv in sein Schlafgemach zurück. Als er gerade die Schwelle überschritt, setzte die Standuhr neben dem Schreibtisch im Arbeitszimmer mit Surren zum Schlagen an.
Der dumpfe Gongton des Schlagwerks, die langsam, gemächlich aufeinander folgenden, hallenden Töne, berührten den Detektiv unangenehm. Und er war froh, als der zwölfte Schlag endlich leise nachklingend verstummte.
Unwillkürlich schoß es ihm durch den Kopf:
›Zwölf Uhr – die Stunde der Geister!‹
Ärgerlich über diesen Rückfall zu Vorstellungen aus der Kinderzeit, schraubte er jetzt wie zum Trotz die Lampe aus und entkleidete sich im Dunkeln.
Fünf Minuten später war er wirklich eingeschlafen. Wirre Träume rauschten wie dunkle Vögel an seinem Bewußtsein vorüber. Grinsend, die bleichen Gesichter schrecklich verzerrt, traten ihm Hand in Hand Hektor Brieux, den er von Bildern kannte, und der ermordete Rentier entgegen und begannen einen grotesken Tanz, bei dessen Figuren jeder Schritt Gottfried Marschalls sich auf dem weißen Boden irgend einer phantastischen Schneelandschaft durch die großen Blutstropfen kennzeichnete, die ihm unaufhörlich aus der Brust hervortropften und an der Innenseite des flatternden Schlafrocks entlangrannen.
Ein anderes Bild – der irrsinnige Max Truschinski jagte hinter dem wehrlosen Boto Wendland her, schwang in der rechten Hand ein blutiges Dolchmesser; jetzt reckte sich sein langer Affenarm nach seinem Opfer aus, erfaßte den Schauspieler, der ein wahnwitziges Angstgeschrei ausstieß – schrill – vibrierend vor zitternder Furcht – laut – gellend, als wollte er die ganze Welt zur Hilfe herbeirufen.
Das Geschrei dauerte an – Töne, die anschwollen, wieder verklangen. – Eine Pause. – Wieder setzte es ein – – –
Fritz Schaper rieb sich die Augen – das war kein Traum mehr, das war Wirklichkeit. Unheimliche Laute drangen an sein Ohr. Ein Kreischen, ein Jammern, wie von einem Menschen in höchster Todesnot, erfüllte das Haus, halte in der nächtlichen Stille um so eindringlicher wider.
Mit einem Satz war der Detektiv aus dem Bett. In der Eile fielen ihm die Zündhölzer zu Boden. Leise fluchend tastete er mit den Händen auf dem Vorleger herum. – Endlich – endlich.
Das Licht der Lampe flammte auf. War’s ein Zufall? – In demselben Moment erstarb diese Flut nervenpeinigender Töne erneut in einem fast menschlichen Seufzer.
Atemlos lauschend stand Schaper da. Minuten vergingen. Nichts rührte sich im Hause. Unten auf der Straße ratterte ein Auto vorüber, gleich darauf klapperten die müden Eisen eines Taxametergaules auf den Steinen. Auch das Geräusch verlor sich schnell in der Ferne.
Der Detektiv, nur mit dem Nachthemd bekleidet, fühlte, wie die Kälte ihm wie ein Eiseshauch den Rücken hochkroch. Oder war’s etwas anderes? Waren’s doch die Nerven, die oft bespöttelten Nerven?!
Lautlos streifte er schnell wieder die Kleider über. Alle seine Sinne waren wach. Unausgesetzt wartete er, daß das furchtbare Konzert erneut einsetzte.
Eben hatte er die Hand nach der Lampe ausgestreckt, da begannen diese jammernden, stöhnenden Laute abermals. – Fraglos, sie kamen aus dem Korridor, aus nächster Nähe.
Ein kurzes Zaudern, dann eilte der Detektiv, die Lampe weit von sich haltend, in den Flur hinaus.
Noch immer klang das Stöhnen, das Seufzen, scheinbar aus allen Winkeln und Ecken hervor. Gleichsam umwogt von diesen Tönen näherte Schaper sich der Freitreppe, die in die Vorhalle hinunter führte.
Jetzt war’s ihm wieder, als dringe das jammernde Kreischen aus dem Vestibül herauf. Weit beugte er sich über das Treppengeländer, leuchtete mit der Lampe hinab. Aber deren Schein war zu schwach. Nur eine graue Dämmerung, aus der die Konturen der Möbel unklar hervortraten, lag unter ihm.
Es kostete Schaper doch einige Überwindung, seine Untersuchung auch auf das Erdgeschoß auszudehnen. Inzwischen war wieder Stille eingetreten, förmliche Grabesstille. Lautlos glitten des Detektivs in weichen Morgenschuhen steckende Füße über die dicken Läufer hin. Nur die Glocke der altersschwachen Petroleumlampe klirrte ganz leise gegen den Messingrand.
Jeder Winkel wurde besichtigt, hinter jedes Möbel fiel der helle Lichtschein. Nichts, nichts.
Fritz Schaper war offenbar in diesen Vorderräumen des Katzen-Palais das einzige lebende Wesen.
Jetzt hatte er seinen Rundgang beendet. Die Stille um ihn her legte sich wie ein Alb auf seine Brust. Unschlüssig stellte er die Lampe auf das zierliche Rokokotischchen in der Vorhalle und setzte sich in einen der steiflehnigen, seidegepolsterten Stühle. Was sollte er tun? Schlafen gehen? Das wäre das verkehrteste gewesen. Begann dieses schauerliche Konzert von neuem, würde er ja doch wieder aufstehen.
Dann dachte er an die Hausmeistersleute im Wirtschaftsbau. Ob die wohl auch etwas gehört hatten? Vielleicht waren sie wach, hatten Licht gemacht in ihrem Stübchen. Dann könnte er den Alten einmal fragen, was der von diesem jämmerlichen Gekreisch hielt. Eine Erklärung dafür mußte sich ja finden lassen, mußte! Und bevor sie nicht gefunden war, ging Fritz Schaper auf keinen Fall zur Ruhe. Das hatte er sich vorgenommen und das führte er auch durch.
Von dem hinteren, auf den Park mündenden Flurfenster ließ sich der Anbau bequem überblicken. Der Detektiv öffnete es und lehnte sich weit hinaus.
Die Wohnung der Truschinskis war hell erleuchtet, ebenso die Küche.
Gleich darauf stand Schaper in dem peinlich sauberen Stübchen dem Hausmeister gegenüber, der, in einen alten Schlafrock gehüllt, wie Espenlaub zitterte und aus dessen weiten Augen, die in dem blassen, runzligen Gesicht unnatürlich groß erschienen, eine wilde Angst hervorleuchtete. Frau Truschinski, nur spärlich bekleidet, hockte neben dem mächtigen Kachelofen in einem Großvaterstuhl und hielt die Hände wie zum Gebet gefaltet im Schoß.
»Dem Himmel sei Dank, daß Sie kommen, Herr Müller,« flüsterte der Alte und drückte hinter dem späten Gast die Tür eilig ins Schloß. »Wir sind hier vor Entsetzen schon halbtot. Haben Sie gehört – haben Sie gehört –?!«
»Deswegen bin ich ja hier,« sagte Schaper mit möglichster Gelassenheit. »Was ist denn das eigentlich für ein Gewim… – – –«
Schaper erstarb das Wort im Munde. Denn wie zum Hohn erklang urplötzlich wieder ein heiserer, markerschütternder Schrei, schwoll zu den höchsten Fisteltönen an und erstarb allmählich in leisem, stöhnendem Winseln.
Dann abermals die Stille, in die sich so beruhigend, so friedlich nur das Rauschen der Bäume des Parkes mischte.
Truschinski hatte die Hände fest gegen die Ohren gepreßt. Sein Körper schwankte schier kraftlos hin und her. Angstvoll starrte er, wie hilfesuchend, auf den Detektiv, der mit gefurchter Stirn, im Gesicht den Ausdruck höchster Spannung, dastand.
Schaper tat der alte Mann leid. Er nickte ihm ermutigend zu und deutete durch eine Handbewegung an, daß ›der Geist‹ wieder eine Ruhepause habe eintreten lassen. Truschinski ließ daraufhin seine Arme sinken.
»Haben Sie dieses seltsame Geräusch schon früher einmal gehört, Herr Hausmeister?« fragte Schaper freundlich, indem er dem Alten wohlwollend auf die Schulter klopfte.
Truschinski nickte eifrig.
»Ja, Herr Müller – zweimal schon.«
»Wann war das?«
»Zuletzt vor drei Monaten etwa. Der andere Fall ist länger her, mindestens ein Jahr.« Dem Alten fiel das Sprechen schwer. Sein Unterkiefer gehorchte ihm nicht und zitterte wie im Fieber.
In demselben Moment hörte Schaper in seinem Rücken das Knarren einer Tür. Hastig drehte er sich um. –
Es war der Schwachsinnige, der eben aus einer kleinen Seitenkammer, seinem Schlafraum, heraustrat.
Schaper reichte ihm die Hand hin und sagte lächelnd:
»Nun, auch aufgewacht?«
Doch Max Truschinski nahm keine Notiz von ihm. Mit einem schlauen Grinsen flüsterte er seinem Vater zu, der ihn mißbilligend betrachtete:
»Schwarzer Moritz – schwarzer Moritz – Mäxchen Moritz hören –«
Der Detektiv verstand sofort. Also, das war der Geist! – Der Rumtreiber, der Kater, hatte seine alte Heimstätte wieder aufgesucht, war vielleicht durch Zufall irgendwo eingesperrt worden und verlangte mit den mauzenden Tönen, die wohl lautverstärkt durch das nächtliche Haus drangen, seine Freiheit zurück.
Als Schaper jedoch den Hausmeister mit etwas ironischem Gesicht diese sehr einleuchtende Erklärung mitteilte, schüttelte der Alte ungläubig den Kopf. Trotzdem ließ er sich schließlich überreden, sofort gemeinsam mit dem Detektiv alle Räume zu durchsuchen. Unaufgefordert schloß sich den beiden auch der Geisteskranke an, der sich freuen mochte, wenigstens einen seiner früheren vierbeinigen Spielgefährten wiedergefunden zu haben.
Nach einer Stunde langte der kleine Trupp jedoch unverrichteter Sache wieder in der Vorhalle an. Der Kater war nirgendwo aufzuspüren, obwohl man sämtliche Gelasse, auch die nicht allzu ausgedehnten Keller sorgfältig abgeleuchtet hatte, wobei der alte Truschinski sich stets vorsichtig im Hintergrunde hielt.
Schweigend standen die drei beieinander. Das klägliche Gewimmer hatte sich in der Zwischenzeit nicht wieder vernehmen lassen. Da sagte der Detektiv mit herzhaftem Gähnen:
»Ich denke, mein lieber Truschinski, wir gehen wieder zu Bett. Nun haben Sie ja wohl selbst gesehen, daß es hier keine Gespenster gibt und werden ruhig schlafen, selbst wenn das Gewinsel sich nochmals hören läßt.«
Zufällig hatte Schaper bei diesen Worten mit einem Blick das Gesicht des Schwachsinnigen gestreift. Auf dessen Zügen lag jetzt eine seltsame Mischung von Schadenfreude, höhnischem Spott und Geringschätzung. Und diese Beobachtung veranlaßte den Detektiv, ganz unvermittelt den Kranken anzureden:
»Nicht wahr, Max, es war dein schwarzer Moritz, der vorhin so kläglich schrie?«
Der Erfolg dieser Frage war ein ganz anderer als Schaper erwartet hatte.
Die Gesichtszüge des jungen Menschen verzerrten sich vor Wut, und die Finger seiner halb erhobenen Hände wie im Krampf öffnend und schließend, kreischte er in höchster Erregung:
»Nicht Moritz – Moritz weit weg. – Gar nicht suchen – Nicht finden Moritz – Schöner Moritz fort.«
Und doch merkte Schaper deutlich, daß in der Fistelstimme des Geisteskranken etwas wie versteckte Angst zitterte. Er ließ sich aber nichts anmerken, sagte Vater und Sohn freundlich gute Nacht und stieg in sein Schlafzimmer empor, sehr langsam, sehr gedankenvoll.
Der Rest der Nacht verlief ohne weitere Störung. Und Schaper schlief traumlos und fest bis in den hellen Morgen hinein.
8. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Es war am nächsten Vormittag gegen elf Uhr. Schaper, der soeben das ihm von der Hausmeisterin servierte Frühstück in aller Behaglichkeit verzehrt hatte, begab sich, mit einem Buch unter dem Arm, in den Park hinab, um unauffällig eine neue Begegnung mit dem Schwachsinnigen herbeizuführen. Die Ereignisse der verflossenen Nacht, besonders der Abschluß der Nachsuche in der Vorhalle, wo Max Truschinski ein so merkwürdiges Benehmen an den Tag gelegt hatte, waren für den Detektiv von weit größerer Bedeutung geworden, als er es zunächst geahnt hatte. Denn das eine stand nun fest: Dieser Geisteskranke war durchaus nicht so harmlos und hatte fraglos irgend ein Geheimnis zu bewahren, dessen Aufdeckung er bei einer noch sorgfältigeren Durchsuchung des Gebäudes befürchtete. Nur so war sein Verhalten zu erklären, nur so seine Worte, durch die er den Detektiv plötzlich glauben machen wollte, daß der Kater als Urheber der seltsamen Klangtöne nicht in Frage käme, obwohl er es doch gewesen war, der Schapers Gedanken erst auf das Katzentier gelenkt hatte.
Aus diesen Gründen war der Detektiv fest entschlossen, den jungen Menschen nunmehr unausgesetzt heimlich zu überwachen und nebenbei zu versuchen, durch geschickte Fragen ihm sein Geheimnis zu entlocken.
Vor dem Küchenanbau traf Schaper beim Verlassen des Hauses mit dem alten Truschinski zusammen, der sich heute besonders feingemacht hatte, und auf eine schmeichelhafte Bemerkung des Detektivs hin dann erzählte, daß er am Morgen eine Postkarte vom gnädigen Fräulein erhalten hätte, durch die sie ihn zu einer Besprechung zu Frau von Gerster bestellte.
»So – na, dann grüßen Sie bitte die beiden Damen von mir,« meinte der Detektiv, indem er dem Alten noch eine Zigarre ›auf den Weg‹ anbot.
Aber Truschinski schien noch etwas auf dem Herzen zu haben.
Mit traurigem Gesicht sagte er nach einer Weile, indem er die Spitze der Zigarre mit seinem großen Gärtnermesser abschnitt:
»Wissen Sie schon, Herr Müller, daß man den Bräutigam von unserem Fräulein gestern verhaftet hat? – Der Kaufmann von drüben erzählte es mir. Es steht in der Morgenzeitung.«
Schaper spielte den Ahnungslosen und drückte sehr beredt sein Befremden darüber aus, wie die Polizei nur einen so offensichtlichen Mißgriff habe tun können, da Herr Wendland doch trotz aller gegen ihn sprechenden Beweise unmöglich der Mörder sein könne.
»Alles rühmt seinen guten Charakter, und niemand von seinen Bekannten traut ihm eine derartige Tat zu,« schloß er seine Ausführungen, die den alten Mann offenbar sehr erfreuten.
Dann verabschiedete sich Truschinski und verließ das Katzen-Palais durch den Vordereingang.
Schaper hielt sich noch eine Weile in der Nähe des Hauses auf, schlenderte jedoch bald, da der Geistesschwache nirgends zu sehen war, langsam durch den Park und suchte sich ein Plätzchen, von wo aus er die Rückfront des Gebäudes bequem im Auge behalten konnte.
Das Buch, das er in der kleinen Bibliothek des Rentiers entnommen hatte, hielt er nur zum Schein aufgeschlagen in der Hand. Eine Viertelstunde verging. Die schmale Holzbank, auf der Schaper Platz genommen hatte, war nicht sonderlich bequem, lag dafür aber ganz versteckt hinter einem Schlehdorngebüsch und bot so einen vortrefflichen Beobachtungsposten.
Und des Detektivs Geduld sollte wirklich belohnt werden. Weitere fünf Minuten waren verstrichen, als der Schwachsinnige plötzlich in der Tür des Wirtschaftsgebäudes erschien und, nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgesehen hatte, mit schnellen Schritten dem hinteren Teile des Parkes zueilte.
Schaper, aufmerksam gemacht durch das mißtrauische Benehmen des jungen Menschen, folgte ihm lautlos, indem er geschickt einzelne Bäume und Gesträuchgruppen als Deckung benutzte. So entging es ihm nicht, daß der Geisteskranke, nachdem er vorher nochmals argwöhnisch die Wege des Parkes gemustert hatte, hinter der Buxbaumhecke verschwand, die im Halbkreis um einen kleinen Pavillon angepflanzt war, der etwa fünf Meter von der Gitterpforte entfernt sich dicht an der Mauer erhob und diese mit seinem zwiebelförmigen Schieferdach um ein gutes Stück überragte.
Dieser Pavillon, der offenbar zu derselben Zeit wie das Liegnitz-Palais erbaut war, stellte eines jener kleinen Zierhäuschen dar, wie man sie früher so gern in lauschigen Ecken vornehmer Parkanlagen errichtete. Aus Ziegeln auf einem Fundament von Feldsteinen errichtet, wirkte er mit seiner reichen Ausschmückung von Stuckornamenten noch jetzt wie ein anmutiges Zwergenhäuschen. –
Schaper, der den zierlichen Bau, dessen Tür stets verschlossen war und vor dessen sechs Bogenfenstern grüngestrichene Holzläden hingen, schon einmal flüchtig sich angesehenen hatte, vermochte sich nicht zu erklären, was der Schwachsinnige in dem offenbar seit langer Zeit nicht benutzten Pavillon zu suchen hatte und beeilte sich daher, möglichst schnell hinter die Buxbaumhecke zu gelangen, von wo aus er den jungen Menschen bequem weiter beobachten konnte.
Max Truschinski stieg soeben die wenigen Stufen zu der Pavillontür empor und blieb dann eine Weile regungslos stehen, das Gesicht dem Park zugewandt, als ob er sich nochmals überzeugen wollte, daß er keinen heimlichen Lauscher zu fürchten brauchte. Jetzt zog er einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür und verschwand im Innern des kleinen Häuschens. Deutlich hörte der keine fünf Schritte entfernte Detektiv, wie von innen wieder abgeschlossen wurde.
Mit begreiflicher Ungeduld wartete Schaper auf das Wiedererscheinen des Schwachsinnigen, den doch ohne Zweifel irgend eine Absicht, die anderen verborgen bleiben sollte, in den Pavillon getrieben hatte.
Zehn Minuten waren vergangen – der Detektiv hatte nach der Uhr gesehen – als die Tür sich leise öffnete und Max Truschinski zunächst nur seinen struppigen Kopf heraussteckte und vorsichtig nach allen Seiten Umschau hielt. Dann erst schlüpfte er ins Freie, verschloß die Tür und setzte sich auf die unterste Stufe der Treppe.
Schaper traute seinen Augen nicht, als der junge Mensch jetzt unter seiner Jacke eine schwarze Katze hervorholte und mit Hilfe seines bunten Taschentuchs zu reinigen begann.
Das Tier befand sich allerdings auch in einem geradezu bejammernswerten Zustande. Von oben bis unten war es mit Staub und Spinngeweben bedeckt, die nur hier und da das schwarze Fell durchschimmern ließen.
Max Truschinski hatte seinem Liebling – denn daß die Katze der berühmte ›Moritz‹ war, daran zweifelte Schaper keinen Augenblick – jedoch sehr bald wieder zu seiner alten Schönheit verholfen. Dann entnahm er seinen Taschen allerlei Fleischstücke und fütterte das Tier, welches mit wahrem Heißhunger alles bis auf den letzten Rest vertilgte.
Der Detektiv hielt es nun für ratsam, leise seinen Lauscherposten zu verlassen, was ihm auch glücklich gelang. Um aber den Geisteskranken noch weiter beaufsichtigen zu können, begab er sich nun geraden Weges vor die Tür des Wirtschaftsgebäudes, wo er mit Frau Truschinski zusammentraf, die in einem Zuber Wäsche spülte.
Schaper hatte erst wenige Worte mit der alten Frau gewechselt, da erschien auch schon der junge Mensch mit seiner Katze auf dem Arm.
Freudestrahlend und das Tier zärtlich streichelnd rief er seiner Mutter schon von weitem zu:
»Moritz eben gekommen … schöner Moritz … durch Gartenpforte … artiger Moritz … zu Mäxchen …«
Schaper wußte genug und ging bald darauf in sein Arbeitszimmer nach oben, um erst einmal in Ruhe dieses seltsame Erlebnis zu überdenken.
Das Resultat einer Viertelstunde angestrengtesten Nachsinnens, wobei Schaper unaufhörlich auf und ab wanderte und aus seiner Zigarre dicke Rauchwolken in die Luft paffte, bestand darin, daß er beschloß, zunächst die Rückkehr des alten Truschinski abzuwarten.
So stieg er denn wieder in die Wirtschaftsräume hinab und fragte bei der Hausmeisterin an, ob diese ihm vielleicht ein einfaches Mittagessen herrichten wolle. Die Antwort der freundlichen alten Frau war ein bereitwilliges ›aber sehr gern, Herr Müller‹, worauf er sie noch bat, ihm doch ihren Gatten zu schicken, sobald dieser heimgekehrt sei.
Gegen einhalb zwölf Uhr klopfte Truschinski dann oben bei Schaper an, der, um wenigstens etwas den ›Architekten‹ vorzutäuschen, einen Bogen Papier, auf dem er mit flüchtigen Strichen einen Gebäudegrundriß skizziert hatte, recht in die Augen fallend auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte.
Der Detektiv begann dann, nachdem der Alte durch ein paar harmlose Bemerkungen, die sich auf die Bauart des Katzen-Palais bezogen, über den eigentlichen Zweck dieser Unterredung von ihm im Unklaren gelassen, in seiner jovialen Art von den Ereignissen der verflossenen Nacht zu plaudern. Schließlich gelangte er auf diese unauffällige Weise zu dem Punkt, der ihn besonders interessierte.
»Also es ist tatsächlich nicht das erste Mal, daß Sie diese kläglichen, stöhnenden Töne im Hause gehört haben, Herr Hausmeister?« fragte er schließlich, indem er sich scheinbar ohne besondere Teilnahme mit seiner Zeichnung zu schaffen machte.
»Zweimal vorher vernahm ich schon dieses furchtbare Geräusch, wie ich Ihnen bereits gestern, besser heute morgen mitteilte, denn es war ja weit nach Mitternacht, als Sie zu uns kamen, Herr Müller,« entgegnete der Alte leise und schaute sich scheu um, als ob er trotz des hellen Tageslichts jeden Augenblick das Auftauchen eines Gespensts befürchtete.
»Richtig – ich entsinne mich jetzt, daß Sie davon sprachen,« erklärte Schaper gelassen. »Haben Sie denn damals auch versucht, der Ursache dieses ruhestörenden Lärms nachzuforschen?«
Der Alte blickte den Detektiv daraufhin mit einem pfiffigen Lächeln an.
»Ah, sieh da, Herr Müller – dann scheinen Sie doch nicht mehr so felsenfest davon überzeugt zu sein, daß der Kater Moritz das schauerliche Gewinsel verbreitet hat,« meinte er in einem Ton, der deutlich verriet, wie schwer ihn die Ungläubigkeit des ›Architekten‹ gekränkt hatte. »Sonst würden Sie doch diese Frage nicht an mich richten, sondern einfach annehmen, daß Moritz eben auch damals der Attentäter war. Stimmt’s?«
»Allerdings. Weiß ich doch nun, daß Moritz erst heute vormittag von einem seiner Streifzüge zurückgekehrt ist – und das ändert natürlich meine Ansicht,« antwortete der Detektiv prompt.
Der Alte, der nicht ahnen konnte, wie ganz anders der ›Herr Architekt‹ in Wahrheit über dieses merkwürdige Wiederauftauchen des Katers dachte, sagte mit einer gewissen Überlegenheit, die Schaper herzlich amüsierte:
»Ja, ja, Herr Müller, das findet man so oft, daß gebildete Leute über solche Dinge spötteln und sich hinterher doch noch zu einer anderen Meinung bekennen müssen. Herr Marschall, der gewiß – was man so nennt – ein aufgeklärter Mensch war, hat manchmal zu mir geäußert: ›Truschinski, es gibt vieles zwischen Himmel und Erde und auch hier im Katzen-Palais, wovon wir trotz all unserer Weisheit nichts ahnen.‹ So ähnlich drückte er sich immer aus.«
Schaper hatte bisher geduldig zugehört, glaubte jetzt aber doch die Erinnerungen des alten Mannes genügend genossen zu haben und fragte daher kurz:
»Und wie war es nun mit den Nachforschungen, Herr Hausmeister?«
»Ja, das war eigentlich eine sonderbare Geschichte. Wenn’s Ihnen recht ist, Herr Müller, erzähle ich’s mal ein bißchen ausführlicher. Herr Marschall ist ja jetzt tot. Denn der hatte mir streng verboten, darüber zu sprechen. Er meinte, das Haus würde sich später schwer verkaufen lassen, wenn überall das Gerücht verbreitet wäre, daß es hier spuke. Vor einem Jahr ungefähr, es war eine regnerische, stürmische Nacht, hörte ich zum ersten Mal diese gruseligen Töne. Die Uhr zeigte kurz nach elf, als das Gewimmer begann. Das weiß ich noch ganz genau. Gerade so wie Sie dachte auch ich zunächst, daß eine der Katzen irgendwo eingesperrt sein müsse und nun herausgelassen werden wollte. Ich nahm also meine Laterne und ging in das Vorderhaus zu Herrn Marschall nach oben, klopfte an und fand ihn über seiner Zeitung im Lehnstuhl eingeschlummert sitzen. Den Stuhl hat er bald darauf meiner Frau geschenkt.
›Herr Marschall,‹ fragte ich, ›haben Sie gehört? Eine unserer Katzen schreit irgendwo ganz kläglich.‹
Er wurde sehr schnell munter und, da in demselben Augenblick das Stöhnen und Winseln wieder begann, horchte er ebenso wie ich angestrengt auf die gräßlichen Töne.
Inzwischen hatte ich mir die fünf Weidenkörbchen, in denen Herrn Marschalls Katzen nachts schliefen und die immer dort nebeneinander an jener Wand standen, angesehen und sogleich bemerkt, daß Moritz, den wir erst vier Wochen vorher bekommen hatten, fehlte. Und daher sagte ich nun:
›Sehen Sie, Herr Marschall, ich habe recht – der Kater ist nicht da!‹
Mein Herr war aufgestanden und hatte die Tür nach seinem Schlafzimmer, das ja jetzt auch das Ihrige ist, geöffnet. Immer noch hörten wir das schauerliche Geschrei, das irgendwo aus den unteren Räumen des Hauses zu kommen schien.
Ich wunderte mich sehr, daß Herr Marschall mich nun plötzlich ohne alle Ursache ärgerlich anfuhr, indem er lospolterte:
›Unsinn, Truschinski! Wie kommen Sie nur auf den Gedanken, daß das Moritz’ Stimme ist? Keine Rede davon! Der Kater wird in meinem Bett schlafen. Warten Sie hier, ich gehe ihn holen.‹
Und dann nahm er die Lampe, verschwand in dem Nebenraum und – ja, das war das Sonderbare, Herr Müller! – schloß die Tür hinter sich ab, wie ich deutlich hörte. Wozu tat er das wohl? – Ich hab’s nie begriffen, und fragen mochte ich nicht. Er konnte manchmal höllisch grob werden.
Nach einer ganzen Weile erst kam er wieder in das Arbeitszimmer zurück, die Lampe in der einen Hand, unter dem anderen Arm den Kater.
›Sehen Sie, Truschinski, da ist er,‹ meinte er und lachte so komisch dabei. ›Natürlich hat der Frechdachs in meinem Bett gelegen. Also kann er auch nicht den Lärm verursacht haben. Das werden Ratten sein, oder ein Marder, der Liebessehnsucht hat. Die sollen ja dann auch so winseln.‹
Nun, Herr Müller, wenn Moritz wirklich im Bett es sich gemütlich gemacht hatte, so sah er dafür entsetzlich schmutzig aus. Er war ganz bestaubt und voller Spinngewebe, so, als ob er sich in den schmutzigsten Winkeln herumgedrückt hatte. Ich tat jedoch, als ob ich das nicht bemerkte, sagte Gute Nacht und ging in meine Wohnung zurück. Und es blieb dann auch ruhig im Hause. Und seit dem Tage, Herr Müller, da glaube ich steif und fest daran, daß es hier in diesem alten Gebäude umgeht. Das sagte ich auch Herrn Marschall. Der nickte und befahl mir, wie ich bereits erwähnte, den Mund zu halten. –
Na, Herr Müller, nun sehen Sie wohl ein, daß auch mein früherer Gebieter an das Vorhandensein übernatürlicher Dinge geglaubt hat, nicht wahr?« schloß der Alte beinahe triumphierend seinen Bericht.
»Gewiß, lieber Truschinski, gewiß!« beeilte Schaper sich völlig ernsthaft zu versichern. Und dann fragte er rasch, innerlich erfüllt von einer noch etwas unbestimmten, aber doch wiederum auch zielbewußten Hoffnung, da er ahnte, daß er auf diese Weise doch noch das Rätsel des an dem Rentier verübten Mordes lösen würde:
»Und das zweite Mal, als Sie das schauerliche Gestöhne und Gewimmer hörten – wie verlief die Sache da?«
»Akkurat ebenso wie in jener Sturmnacht, Herr Müller. Nur daß ich mich – es war damals zu einer früheren Stunde, gegen zehn Uhr abends – mit Zittern und Bangen auf den Weg in das Vorderhaus zu Herrn Marschall machte, der mich eine feige Memme schalt und dann genau wie beim ersten Mal in seinem Schlafzimmer verschwand, um nach geraumer Zeit mit dem Kater unter dem Arm zurückzukehren.«
»Und Moritz war wieder so schmutzig?« forschte der Detektiv mit gespannter Miene.
»Nicht ganz so. Aber Staub und Spinngewebe klebten doch an seinem Fell,« erwiderte der Alte nach kurzem Besinnen.
Schaper begann jetzt, um den Hausmeister nicht argwöhnisch zu machen, zunächst von etwas anderem zu sprechen. Er fragte nach dem Befinden von Fräulein Marschall, nach diesem und jenem, und gelangte so erst auf Umwegen zu dem, was ihn in Wahrheit interessierte.
»Der Pavillon hinten im Garten ist wohl ebenso alt wie dieses Palais?« meinte er dann, nachdem er die Sauberkeit im Park und die gefälligen gärtnerischen Anlagen gelobt hatte.
»Beide sind gleichzeitig erbaut.«
»Könnte ich mir vielleicht auch einmal das Innere des Pavillons ansehen, Herr Hausmeister? – Ich versuchte es gestern schon, fand die Tür aber verschlossen,« meinte er mit harmloser Freundlichkeit.
»Gern, Herr Müller. Den Schlüssel habe ich in meiner Kommode verwahrt, denn Herr Marschall wollte nicht, daß jemand das Häuschen betrat. Ich selbst bin nur ein einziges Mal in all den Jahren in dem Pavillon gewesen. Es wird daher dort wohl recht unsauber aussehen. Denn auch reinmachen ließ mein verstorbener Herr dort nie – das war auch so eine von seinen vielen Eigentümlichkeiten.«
»Besaß er denn wirklich davon eine so große Menge?« fragte Schaper im Tone leisen Zweifels. »Ich glaubte bisher, daß seine Leidenschaft für Tiere seine einzige – na, sagen wir schon Schrulle war.«
Truschinski machte eine vielsagende Geste mit der Hand.
»Herr Marschall war ein sehr sonderbarer Mensch, das, was man so mit ›unberechenbar‹ bezeichnet. Er konnte sehr jähzornig werden, obwohl er sich in dieser Beziehung gebessert hatte, seitdem seine Frau …«, der Alte zögerte weiterzusprechen – »… verschwunden war und nicht wieder zu ihm zurückkehrte. Dieses Ereignis hat auf ihn offenbar einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht.«
Schaper hatte aufgehorcht.
»Frau Marschall ist verschwunden? – Davon wußte ich bisher ja gar nichts,« meinte er erstaunt.
Truschinski nickte traurig vor sich hin.
»Eigentlich hätte ich es ja wohl besser für mich behalten sollen, trotzdem es viele Leute gibt, die darum wissen,« sagte er unzufrieden mit seiner vorschnellen unbedachten Äußerung.
Der Detektiv, dem der Hausmeister seinerzeit über diesen Punkt doch eine ganz andere Auskunft gegeben hatte, nämlich daß Frau Marschall gestorben sei, wußte nun durch geschickte Fragen aus dem alten Manne alles herauszuholen, was er erfahren wollte.
Gottfried Marschall, der seine Gattin nie verstanden hatte, glaubte bald nach der Übersiedlung in die Reichshauptstadt Grund zur Eifersucht zu haben, da seine Frau, die für Musik eine starke Begabung besaß, bei einem unverheirateten Akademieprofessor ihre Gesangstudien fortsetzte und sich auch häufiger in Begleitung dieses Herrn öffentlich zeigte – Konzerte und Theater besuchte und Spaziergänge und Ausflüge machte.
Aus diesem Grunde kam es zwischen den Eheleuten zu immer heftigeren Szenen. Eines Tages vergaß sich der jähzornige Marschall sogar soweit, daß er sich an seiner Frau vergriff und ihr mit einer Reitpeitsche mehrere Schläge über den Arm versetzte. Hilferufend war damals das arme Weib zu den Truschinskis geeilt, denen sie unter Tränen mit den heiligsten Schwüren beteuerte, daß sie unschuldig sei und ihre ehelichen Pflichten in keiner Weise verletzt habe.
Trotz dieses Vorfalls, der die Entfremdung zwischen den Gatten vollständig machte, blieb Frau Antoinette auch ferner im Hause des Gatten – nur ihres Kindes wegen, wie sie der Hausmeisterin anvertraute. Anni, die sich damals in einem Pensionat in Halle befand, sollte nicht ahnen, wie schlecht das Verhältnis zwischen den Eltern war, und nicht durch eine Scheidung, bei der der Rentier fraglos als der schuldige Teil erklärt worden wäre, die ganze schreckliche Wahrheit erfahren, die auf das Gemüt des heranwachsenden jungen Mädchens sicherlich sehr ungünstig eingewirkt haben würde.
Marschall, anstatt sich nach diesem brutalen Rohheitsakt zu bessern und in sich zu gehen, begann bald wieder die alten Streitigkeiten und häßlichen Szenen, jetzt ohne jeden Grund hervorgerufen, da seine Gattin des lieben Friedens wegen mit den Unterrichtsstunden bei dem Professor aufgehört und auch jeden Verkehr mit demselben abgebrochen hatte. –
Dann war sie eines Tages unter Zurücklassung eines kurzen Briefes, in dem sie ihrem Manne mitteilte, daß sie dieses Leben nicht mehr aushalte und daher für immer von ihm fortgehe, spurlos verschwunden. In einem kleinen Handkoffer hatte sie etwas Wäsche mitgenommen, sonst nichts. Die zum Teil sehr wertvollen Geschenke ihres Gatten aus der ersten Zeit ihrer Ehe lagen unberührt in einem Schubfach ihres Schreibtisches. Drei Tage später fand man am Ufer des Wannsees halb im Wasser liegend einen Damenhut und ein kleines Sammettäschchen, Sachen, die Marschall als seiner Frau gehörig wiedererkannte. Daraufhin nahm die Polizei an, daß Frau Antoinette Marschall freiwillig den Tod gesucht habe. Ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden. –
Erst mehrere Jahre später erfuhr Anni Marschall bei einer erregten Auseinandersetzung mit ihrem Vater von diesem die Wahrheit über das Ende ihrer Mutter, nachdem er sie bis dahin in dem Glauben gelassen hatte, jene sei an einer Lungenentzündung gestorben und auf ihren besonderen Wunsch verbrannt worden, eine Täuschung, die sich um so leichter durchführen ließ, als das junge Mädchen damals in Halle weilte und diese Trauerkunde erst zwei Wochen nach dem Selbstmorde der verzweifelten Mutter erhielt. Um das Andenken der geliebten Mutter nicht zu trüben, hatte Anni Marschall dann versucht, dieses Geheimnis nach Möglichkeit zu wahren und stets so getan, als ob die vielgeprüfte Dulderin friedlich im Hause ihres Gatten entschlafen sei.
Jedenfalls war aber seit der Stunde, wo Gottfried Marschall seinem einzigen Kinde aus unverändertem Haß gegen die Tote in dieser Weise die Augen geöffnet hatte, jedes Band zwischen ihnen zerrissen. Damals sagte sich das junge Mädchen völlig von ihrem Vater los und gründete sich in Halle, vertrauend auf ihre Arbeitsfreudigkeit und Energie, eine selbständige Existenz. –
Das war es, was Schaper von dem alten Hausmeister, dem häufig bei der Schilderung dieser traurigen Vorfälle die Tränen über die runzeligen Wangen rollten, nach und nach erfuhr.
Gleich darauf erschien Frau Truschinski mit dem Mittagessen, das sie dem neuen Hausgenossen höchst appetitlich hergerichtet hatte.
Schaper aß mit wahrem Heißhunger, da er sonst gewöhnt war, bereits um ein Uhr zu speisen, zündete sich nachher eine Verdauungszigarre an und verließ dann das Katzen-Palais, um in der Nähe einige Besorgungen zu machen.
In einem Eisenwarengeschäft kaufte er sich einen Zollstock und fragte dann, ob er gegen eine angemessene Leihgebühr und Hinterlegung einer Pfandsumme für einen Tag zwei Azetylenlaternen erhalten könne. Die beiden Lampen, von deren vorzüglichem Funktionieren der Detektiv sich vorher überzeugt hatte, nahm er gleich mit und suchte nun das nächste Postamt auf, um von der Telephonzelle unbelauscht den Rechtsanwalt anrufen zu können.
Heiling war jedoch noch nicht in seinem Bureau anwesend. Einer der Schreiber, mit dem Schaper sprach, wollte die Bestellung pünktlich ausrichten, so daß der Detektiv sich beruhigt wieder auf den Heimweg machen konnte. –
9. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Die Standuhr in dem Arbeitszimmer des ermordeten Rentiers hatte soeben einhalb fünf Uhr geschlagen, als es an die Tür klopfte und auf Schapers ›Herein!‹ der Rechtsanwalt den mit Zigarrenqualm dicht erfüllten Raum betrat.
»Donner noch eins – ist hier eine Luft!« meinte Heiling und schüttelte dem Detektiv kräftig die Hand. »Wie können Sie es nur hier aushalten?«
Schaper lächelte sonderbar.
»Eine Angewohnheit von mir. Ich nenne das ›Künstliche Dämmerung erzeugen!‹ – Sie wissen, im Halbdunkel gehorcht das Gehirn am besten, da kommen einem die geistreichsten Einfälle – wie schon Altmeister Goethe an irgend einer Stelle sagt.«
Irgend etwas im Ton dieser Worte machte den Rechtsanwalt stutzig.
»Wenn ich nicht sehr irre,« meinte er unsicher, »haben Sie soeben ›die geistreichen Einfälle‹ besonders durch den Klang Ihrer Stimme hervorgehoben. Soll das etwa heißen, daß Sie in unserer Angelegenheit Wichtiges entdeckt haben? – Dafür würde ja auch der Umstand sprechen, daß Sie mir sagen ließen, Sie wünschten mich heute auf jeden Fall bei sich zu sehen.«
»Vielleicht!« erwiderte der Detektiv schmunzelnd. »Zunächst aber, bringen Sie mir irgend eine Neuigkeit, Doktor?«
Heiling, der in einem der altmodischen, steiflehnigen Sessel Platz genommen hatte, nickte ohne besondere Begeisterung.
»Eine Neuigkeit bringe ich, das stimmt. Vor einer halben Stunde war Kriminalkommissar Bechert bei mir und teilte mir mit, daß die Polizei den Komplizen Hektor Brieux’ glücklich erwischt habe.«
»Na – das ist doch immerhin etwas,« meinte Schaper. »Wie heißt der Mensch, was ist er?«
»Sollen Sie alles gleich hören. – Bechert hatte sich heute morgen von mir meinen kleinen Schreiber Werner Tomsen ›ausgeliehen‹ und einen seiner Beamten in Begleitung des Jungen nach der Kneipe ›Zur fröhlichen Gruft‹ geschickt, in der doch Brieux und sein Bekannter damals verschwunden waren. Der Wirt dieses zweifelhaften Etablissements wurde ins Vertrauen gezogen und wies den beiden dann ein Plätzchen an, von wo aus sie die ein und aus gehenden Gäste bequem beobachten konnten. Gegen elf Uhr vormittags betrat ein Mann die Kneipe, in dem Werner Tomsen mit größter Bestimmtheit den Genossen des Regierungsreferendars wiedererkannte, worauf der Kriminalbeamte den Betreffenden unauffällig festnahm und nach dem Charlottenburger Polizeipräsidium brachte.
Hier entpuppte sich dieser als ein mehrfach vorbestrafter Tapezierer namens Thomas Neuholm. Daß er einen gewissen Hektor Brieux kenne, leugnete er jedoch entschieden ab. Trotzdem behielt man ihn in Polizeigewahrsam, um dem Burschen, der elegant gekleidet wie ein Dandy sein soll und in Verbrecherkreisen den Spitznamen ›Zylinder-Tom‹ führt, einen Fluchtversuch unmöglich zu machen. Becher behauptet, der Mensch habe sich bei der Vernehmung so ängstlich und scheu gezeigt, daß er fraglos etwas auf dem Gewissen haben müsse. Herauszubekommen war jedoch kein Wort aus ihm. Er blieb dabei, er wisse nichts von einem Hektor Brieux und habe den Namen noch nie gehört.«
»Ob der Kommissar diesem ›Zylinder-Tom‹ etwas von dem Zettel mit der Geheimschrift gesagt hat?« fragte Schaper.
»Nein. Bechert betonte mir gegenüber, daß er diesen Fund dem Burschen erst vorhalten wolle, wenn er die Schrift entziffert hätte, damit man den Menschen dann vielleicht überrumpelt und zu einem Geständnis zwingt.«
»Mithin hat der Kommissar die Geheimschrift bis jetzt nicht enträtseln können, nicht wahr?« fragte Schaper wieder mit seinem feinen Lächeln.
»Nein. – Sie etwa? – Leugnen hilft nichts mehr, mein Lieber! Ihr Gesichtsausdruck verrät Sie!«
»Ich versuche ja auch gar nicht, es abzustreiten, bester Doktor. Nur gedulden müssen Sie sich noch ein Weilchen, bevor ich Ihnen die Lösung zeige. Bei mir heißt es stets: Hübsch logisch vorgehen! Und deshalb muß ich Ihnen nun zunächst mal die Abenteuer einer Nacht im Katzen-Palais und meine Entdeckungen, die ich am heutigen Tage gemacht habe, mitteilen. Ich sage Ihnen, Sie werden nicht aus dem Staunen herauskommen und nachher unumwunden zugestehen: der Schaper hat doch das Richtige getroffen, als er sich in dem Mordhause einquartierte.«
Mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte Heiling den eingehenden Ausführungen des Detektivs, der auch nicht die geringste Kleinigkeit unerwähnt ließ, um dem Rechtsanwalt ein möglichst genaues Bild von den Vorgängen zu geben.
Als Schaper dann mit seiner Schilderung der verschiedenen Ereignisse und Gespräche zu Ende war, sagte Heiling lebhaft:
»Schaper – das haben Sie geradezu glänzend gemacht! Mein Kompliment! Ich habe Sie schon nach Ihrem ersten großen Erfolg, der Aufdeckung des Geheimnisses des Bildes mit den Glasaugen, für eine Zierde Ihres Standes gehalten – jetzt erkläre ich Sie für den ›Ersten aller Detektive‹!«
Fritz Schaper lächelte seltsam.
»Sie tun mir zuviel Ehre an, Doktor,« meinte er. »Wirklich! Eigentlich ist dieser Fall sogar ein … Mißerfolg. Weswegen – werden Sie bald begreifen. –
Besinnen Sie sich, daß Hektor Brieux um die Mittagstunde am Mordtage mit dem Hausmeister ein kurzes Gespräch an der Gartenpforte, die nach der Grenadierstraße hinführt, hatte?«
»Ja. Er bat Truschinski um Feuer für seine Zigarette.«
»Richtig. Und dieser Umstand, Doktor, dieses Auftauchen desselben Menschen, dessen elektrische Taschenlampe später am Tatort gefunden wird, an der Gitterpforte so kurz vor dem Zeitpunkt, an dem der Mord verübt sein muß, ist von mir so gut wie ganz übersehen worden. Ein sehr grober Fehler war dies von mir, so schwer, daß ich mir diese Nachlässigkeit noch lange zum Vorwurf machen werde. Damit Sie begreifen, weshalb ich so streng mit mir ins Gericht gehe, lesen Sie jetzt hier die Lösung der Geheimschrift. – Bitte.«
Schaper erklärte darauf dem Rechtsanwalt noch kurz, wie ihm die Entzifferung schließlich geglückt war, und fuhr dann fort: »Die drei ersten Sätze ›komme abends neun Uhr zu Ihnen. Zeug bereit halten. Gelegenheit bei Verein sehr günstig‹ enthalten die Verabredung zu dem Einbruch in das Bureau des Damenhilfsvereins. Mit ›Zeug‹ sind die Diebeswerkzeuge gemeint, die Brieux entweder aus einem Versteck oder von einem dritten Verbrecher herbeiholen sollte. –
Nun der zweite Teil der Mitteilung, der mir gestern nacht, als ich endlich die Lösung gefunden hatte, nicht sofort klar wurde, den ich aber nunmehr vollkommen in seiner Bedeutung verstehe. Er lautet: ›Vorschlag hoffentlich ausgeführt und Nachricht besorgt. Muß glücken bei Vorsicht. Zwei Schlüssel bringe ich mit. Werden passen. Alles andere mündlich. Sofort verbrennen.‹ Etwas weniger umständlich ausgedrückt ergibt dies folgenden Inhalt: ›Sie haben meinen Vorschlag hoffentlich ausgeführt und die Depesche an den Schauspieler Wendland abgeschickt. Bei der nötigen Vorsicht muß der Plan glücken. Die beiden Schlüssel, den zur Gitterpforte und den zum Pavillon, habe ich nach Ihren Wachsabdrücken anfertigen lassen und bringe sie mit. Sie werden ganz sicher passen.‹ –
Nun, was halten Sie von diesen Ergänzungen, die sich in die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung so tadellos einfügen, daß sie unmöglich falsch sein können?«
»Was ich davon halte? – Bester Schaper, natürlich haben Sie wieder einmal recht, natürlich!«
»Wir stehen dann also hier folgendem Plan gegenüber: Brieux und sein Genosse Thomas Neuholm hatten auf irgend eine Weise – wie, werden wir auch schon noch erfahren – von der Existenz des unterirdischen Ganges, der gemäß meinen Nachforschungen von dem Schlafzimmer Marschalls bis zum Pavillon im Parke führt, Kenntnis erlangt und beschlossen, daß der Regierungsreferendar seinen Onkel berauben und ermorden sollte, um so nicht nur in den Besitz des Bargeldes und des Schmucks sondern auch des Erbanteiles zu kommen, den der Rentier seinem Neffen vermacht hatte, wovon dieser fraglos etwas wußte. Damit jedoch der Verdacht der Täterschaft nicht auf Brieux fiel, wurde Wendland telegraphisch zu einviertel ein Uhr mittags zu seinem Onkel bestellt – mit der Absicht, daß man ihm nachher den Mord anhängen wollte, eine wahrhaft teuflische Idee, die ja auch teilweise nur zu gut glückte.
Brieux fand sich also am Mordtage gegen zwölf Uhr mittags an der Gitterpforte ein, bemerkte dort den Hausmeister, der die Gelenke der eisernen Tür ölte, und hat dann aufgepaßt, bis der Alte wieder in den vorderen Teil des Parkes zurückkehrte. Nun öffnete er mit dem Nachschlüssel die Pforte, schlüpfte in den Garten, schloß den Pavillon auf und begab sich durch den Gang, wobei er sich seiner elektrischen Taschenlampe bediente, in das Haus. Hier ermordete er kaltblütig den Rentier, raubte die Kleinodien und das Bargeld und … wurde im letzten Moment, das nehme ich bestimmt an, durch Wendlands Klopfen an der Tür des Arbeitszimmers gestört.
Nur so ist es zu erklären, daß er – eben in der Hast des Rückzuges die kleine Lampe stehen ließ. Auf demselben Wege, den er gekommen war, machte er sich dann auch wieder aus dem Staube.«
Heiling fragte jetzt, da Schaper einen Augenblick schwieg, mit einer Stimme, der man die innere Aufregung des Sprechenden deutlich anmerkte:
»Ja, aber wo ist dann Brieux jetzt? – Geflohen? Wohl kaum. Sonst könnte er ja die reiche Erbschaft, auf die er Ihrer Ansicht nach gehofft hatte, nicht antreten. Wo blieb er? – Haben Sie auch hierfür eine Erklärung bereit?«
Schaper schüttelte den Kopf. »Nein, dieser Punkt ist mir selbst noch unklar. Ich vermute jedoch, daß … Thomas Neuholm seinen Komplizen beiseitegeschafft hat, um den Raub allein für sich behalten zu können.«
»Wie?! Noch ein Mord? Das wäre ja entsetzlich,« stotterte Heiling ganz verstört.
»Ich vermute es nur,« betonte der Detektiv. Und setzte schnell hinzu: »Wir müssen zu Ende kommen. – Hören Sie, was ich weiter heute noch entdeckte:
Nachdem ich Ihrem Büroangestellten telephonisch die Weisung gegeben hatte, Sie möchten sich baldigst bei mir einfinden, kehrte ich hier in mein neues Heim zurück, verriegelte die Tür des Arbeitszimmers und begann dort im Nebenraum meine Suche nach der geheimen Tür. Vorher hatte ich mit einem Zollstock die Stärke der nach dem Korridor zu liegenden Wand ausgemessen und so festgestellt, daß diese Mauer im Schlafzimmer nicht weniger als ein dreiviertel Meter dick ist, während sie hier nur eine Stärke von einem halben Meter hat. Deswegen ist das Schlafgemach auch so erheblich kürzer als dieses Zimmer. –
Doch gehen wir nun in den Nebenraum hinüber. Ich will auch gleich die Tür verriegeln, damit wir vor Überraschungen sicher sind.«
Schaper führte seinen Gast in das nebenan liegende Gemach und stellte sich in die linke Ecke, wo die Seitenwand mit der des Korridors zusammenstieß.
»In dieser Ecke hörte ich damals nachts die so seltsamen leisen Geräusche, die nur von dem Kater verursacht worden sein konnten, der nach einem Ausgang suchte,« erklärte er. »Sie sehen, daß dieses hohe, geschnitzte Holzpaneel ganz dazu geeignet ist, eine geheime Tür zu verbergen. Und hier begann ich auch meine Nachforschungen – erst ohne Erfolg. Schließlich fand ich dann, daß sich diese geschnitzte Rose da bewegen ließ. Ich drückte, schob, drehte daran – bis sich mit einem Mal – wie jetzt – die kleine Tür öffnete und ich damit am Ziel meiner Wünsche war. –
So, Doktor, nun kennen Sie auch das Geheimnis. Und jetzt wollen wir gemeinsam in dieses Versteck eindringen, das ich noch nicht betreten habe, um Ihnen den – Genuß zu verschaffen, mit mir gemeinsam die ›kleine Reise‹ bis zum Pavillon zurückzulegen. Dies soll mein Dank sein, für die große Hilfe, die Sie mir bei der Aufklärung dieses Kriminalfalles geleistet haben.«
Schaper holte jetzt die Azetylenlaternen herbei, zündete sie an, und dann verschwanden die beiden in der schmalen Öffnung, von der aus eine gewundene Steintreppe in die Tiefe führte.
»Zweiundfünfzig Stufen,« sagte Schaper, nachdem sie unten angelangt waren. »Also dürften wir uns etwa drei Meter unter der Erde befinden.«
Sie standen in einem vielleicht vier Meter im Quadrat messenden, anscheinend leeren Raum, in dessen gegenüberliegender Wand eine breite, dunkle Öffnung gähnte.
»Die Fortsetzung des Ganges,« meinte der Detektiv, mit der Hand auf die Maueröffnung weisend.
Dann ließen sie das Licht der Laterne über die mit Staub und leise hin und her wehenden Spinngewebe dicht bedeckten Wände gleiten.
»Sehen Sie, dort in der Ecke steht eine längliche Kiste, Schaper,« rief Heiling jetzt. »Und hier – wahrhaftig – das ist ein kleiner Handkoffer, und auf diesem – tatsächlich, es ist ein heller Damenmantel.«
Mit einem schnellen Schritt war der Detektiv an seiner Seite. Nachdenklich betrachtete er die Kiste, beschaute sich dann auch das mit einer dicken Staubschicht bedeckte Kleidungsstück und den Koffer.
Dann erklärte er: »Doktor, warten Sie hier einen Moment. Ich eile nur nach oben und suche mir ein Instrument, mit dem wir diese vernagelte Kiste, deren Inhalt mich lebhaft interessiert, öffnen können. Oben im Flur habe ich einen kleinen Kasten mit Handwerkszeug stehen sehen das wahrscheinlich Truschinski gehört. Vielleicht finde ich darin etwas Brauchbares.«
Schon nach wenigen Minuten kehrte Schaper mit einem Stemmeisen in der Hand zurück.
»So, nun halten Sie mal meine Laterne,« bat er kurz, kniete nieder und arbeitete mit fieberhafter Eile an dem oberen Brett.
Dann ein Knacken, ein Splittern von Holz – der Deckel flog auf. Starker Kampfergeruch quoll hoch.
Neugierig beugte sich Heiling weit vor. In der Kiste lag ein länglicher Gegenstand, der dicht mit einem weißen Pulver bestreut war. Und mitten auf dieser Pulverschicht schimmerte es wie ein helles Viereck.
Schaper bückte sich schnell, griff danach und – hielt einen mehrfach versiegelten Brief in der Hand. Schnell wischte er die Staubschicht von der Vorderseite ab. Schriftzüge wurden sichtbar.
»Mein Geständnis,« las der Detektiv vor. Und fügte hinzu, kopfschüttelnd, sehr ernst:
»Wissen Sie auch, Doktor, was diese Kiste enthält? – Nichts anderes, als die in Chlorkalk eingebettete Leiche der Frau Antoinette Marschall, geborene Brieux.«
Dann schnitt er mit seinem Taschenmesser den Umschlag des Briefes auf und zog einen mehrfach zusammengefalteten Bogen heraus.
»Leuchten Sie mir, Doktor – So, – ich werde Ihnen dieses Geständnis vorlesen.«
Er begann:
»In der Annahme, daß ein Zufall – vielleicht sogar erst nach meinem Tode – mein Geheimnis an den Tag bringt, will ich hier die volle Wahrheit eingestehen. Eines Tages überraschte ich meine Frau, wie sie gerade einen Brief beendet hatte – ihren Abschiedsbrief für mich, in dem sie schrieb, daß sie mich für immer verlassen wolle. Es kam zu einem Streit zwischen uns, und in blinder Wut versetzte ich ihr einen Stoß, der sie zu Boden warf. Im Fallen schlug sie auf eine Stuhlkante mit dem Kopfe auf und muß sich hierbei die Nackenwirbel gebrochen haben. Sie war sofort tot. Aus Furcht vor Strafe schaffte ich dann die Leiche in dieses geheime Gemach, von dessen Existenz ich durch einen Zufall bald nach meinem Einzug in das Katzen-Palais Kenntnis erhalten hatte. Ich selbst habe den Hut und das Handtäschchen der Toten an das Ufer des Wannsees gebracht, um den Anschein zu erwecken, als habe sie sich ertränkt. Oft genug bin ich später hier in diesem unterirdischen Raum gewesen und habe an der Leiche meiner Frau mit dem Schicksal gehadert, das mir nur Enttäuschungen und Bitternisse aufgeladen hat – nichts weiter.
Gottfried Marschall.«
Schweigend schob Schaper den Brief in seine Brusttasche und zog das zurückgeschobene Brett wieder über die Kiste.
»Kommen Sie, Doktor,« sagte er dann. »Lassen Sie uns nun schnell den Gang bis zum Pavillon verfolgen. Wir müssen nachher sofort zur Polizei. Der Kommissar wird sich wundern, was wir ihm für Nachrichten bringen!«
So drangen sie in den vielleicht eineinhalb Meter breiten Gang ein und schritten langsam vorwärts, der Detektiv immer ein gutes Stück voraus.
Plötzlich blieb Schaper stehen und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Gleichzeitig vernahm Heiling, der sich, eine neue, nicht vorhergesehene Entdeckung ahnend, dicht neben den Detektiv gedrängt hatte, einen widerlichen Geruch, der ihm in ekelerregender Stärke in die Nase stieg. Es war der Duft des ihm bekannten aufdringlichen Parfüms, vermischt mit den widerlich süßlichen und doch scharfen Ausdünstungen eines verwesenden Körpers.
Und dann – dann erblickte der Rechtsanwalt die regungslose Gestalt eines Menschen, der mitten in dem Gang am Boden lag und den das helle weiße Licht der Azetylenlaternen mit grauenerregender Deutlichkeit beschien.
»Hektor Brieux,« sagte Schaper leise, als ob er zu sich selbst spreche.
Wie gebannt blieb Heiling an derselben Stelle stehen an der er gehalten hatte, während der Detektiv näher trat und sich über den Leichnam dessen beugte, der seit dem Tage des Mordes vermißt wurde.
Langsam richtete sich Schaper nach einer Weile wieder auf, nachdem er auch flüchtig den Inhalt der Taschen des Toten besichtigt hatte.
»Erwürgt,« gab er sein Urteil ab, »erwürgt nach einem heftigen Kampf von einem ihm an Kräften weit überlegenen Gegner. Der Kragen und die Krawatte sind zerfetzt, und am Halse sieht man deutlich die Würgemale. Nun ist auch der allerletzte Zweifel geschwunden, ob Hektor Brieux wirklich der Täter – der Einbrecher und der Mörder seines Onkels – gewesen ist. In seinen Taschen stecken außer den gestohlenen Wertsachen auch die beiden Schlüssel, die ihm Thomas Neuholm besorgt hat.«
Heiling kämpfte in dieser verpesteten Luft, im Anblick dieses verzerrten, aufgedunsenen Totengesichts mit einer immer stärker werdenden Übelkeit.
»Kommen Sie, Schaper – ich halte es hier nicht länger aus,« bat er, indem er sich matt gegen die Mauer lehnte. »Noch ein paar Minuten, und ich falle um. Ich besitze nicht Ihre Nerven –«
Schleunigst traten die beiden nun den Rückweg an. Und der Rechtsanwalt atmete ordentlich erleichtert auf, als sie sich wieder oben in dem Arbeitszimmer befanden, das gerade von den letzten Strahlen der hinter dem Häusermeer der Riesenstadt untertauchenden Sonne beschienen wurde.
Erschöpft ließ Heiling sich in den nächsten Sessel sinken.
»Entsetzlich,« murmelte er vor sich hin. »Wer hätte das gedacht –!«
Schaper, der eben mit einer Bürste seine Kleider von den anhaftenden Gespinstfäden reinigte, nickte ernst.
»Ja, ja Doktor, diese Überraschung haben wir uns beide nicht träumen lassen! – Sehen Sie nun ein, daß ich mich bei diesem Fall eigentlich ziemlich blamiert habe? Ich als Detektiv hätte, als ich die Taschenlampe brennend hier im Zimmer fand und als Wendland als Täter nicht mehr in Frage kam, sofort an einen geheimen Eingang in das Katzen-Palais denken müssen, besonders wo es sich doch bei diesem Hause um einen alten fürstlichen Besitz handelt und die Adelsgeschlechter und Fürstenhäuser es bekanntlich früher liebten, in ihre Paläste solche unterirdischen Gänge und verborgene Türen einbauen zu lassen.«
Heiling, der sich inzwischen etwas erholt hatte, beschäftigte jedoch eine andere Frage viel zu sehr, als daß er sich die Zeit ließ, auf diese Selbstvorwürfe Schapers etwas zu erwidern. Indem er die Hand gegen den Detektiv ausstreckte, und diesen zwang, mit seiner Reinigungsarbeit einen Moment aufzuhören, sagte er in höchster Spannung:
»Und der Mörder des Hektor Brieux? – Ich vergaß vor würgender Übelkeit ganz und gar danach zu fragen.«
»Kein anderer kann es gewesen sein, als Max Truschinski, der Schwachsinnige,« erwiderte Schaper bestimmt. »Er wird – wahrscheinlich ist er Brieux nachgeschlichen – mit diesem in dem unterirdischen Gang aneinandergeraten sein, da der Regierungsreferendar fraglos versucht hat, diesen gefährlichen Zeugen aus dem Wege zu räumen. Auf diese Weise haben wir auch gleich eine Erklärung dafür gefunden, wie der Kater dieses Mal in den geheimen Gang gelangt ist. Das Tier hing sehr an dem Geisteskranken und wird ihm, als der durch den Pavillonzugang in den unterirdischen Verbindungsweg eindrang, gefolgt, nachher aber nicht wieder mit ihm herausgekommen sein. Und erst durch die kläglichen Schreie des schwarzen Moritz erfuhr der junge Mensch dann, wo sein Spielgefährte sich aufhielt. Ähnlich dürfte dies auch bei den beiden anderen Malen geschehen sein, als der Kater zu Lebzeiten des Rentiers den Geist spielte.«
* * *
Die weiteren Untersuchungen durch die Polizei ergaben die Richtigkeit aller Vermutungen, die Fritz Schaper hinsichtlich der verschiedenen Einzelheiten dieses Kriminalfalles geäußert hatte.
Thomas Neuholm legte später ein umfassendes Geständnis ab. Hierdurch erfuhr man dann auch, wie Hektor Brieux von der Existenz des geheimen Ganges Kenntnis erhalten hatte. ›Zylinder-Tom‹ war vor einigen Jahren bei Marschall im Katzen-Palais als Tapezierer tätig gewesen und hatte hierbei zufällig den Zugang zu dem Gange in dem Schlafzimmer des Rentiers entdeckt. Als er dann den tatsächlich zum ›Gentleman-Einbrecher‹ herabgesunkenen früheren Regierungsreferendar kennen lernte und die zwei sich zur Verübung von Diebstählen zusammentaten, erzählte Neuholm seinem Komplizen eines Tages von dem Geheimnis des Katzen-Palais, worauf beide den Plan entwarfen, der zwei Menschen das Leben kosten sollte.
Anni Marschall, die wenige Wochen nach dem Tode ihres Vaters mit dem natürlich sofort aus der Haft entlassenen Schauspieler eine stille Hochzeit feierte, zu der nur Frau von Gerster, Heiling und Schaper geladen waren, verkaufte das Haus in der Schloßstraße sobald als möglich, da es für sie zuviel traurige Erinnerungen barg. Die Truschinskischen Eheleute – der Geistesschwache war einer Irrenanstalt überwiesen worden – erhielten von ihr eine so reich bemessene Unterstützung, daß sie bis an ihr Lebensende aller Sorgen überhoben waren. Thomas Neuholm aber wanderte wegen Beihilfe zum Morde für zwölf Jahre ins Zuchthaus.
Das Geheimnis eines Lebens
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
1. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
In das Arbeitszimmer des Ingenieurs Wieland flutete durch das breite Fenster der warme Junisonnenschein hinein und zeichnete auf dem glänzenden Fußboden und dem vor dem Schreibtisch liegenden Eisbärfell leuchtende, unregelmäßige Vierecke. Ein einzelner Strahl hatte sich auf das Haupt der jungen Frau verirrt, die zusammengekauert in einem der Sessel nahe dem Fenster saß. Dieser Strahl ließ die dunkelblonden Flechten ihres Haares im goldigen Glanze schimmern und bildete eine eigenartige Krone über Maria Wielands weißer Stirn.
In dem Zimmer herrschte eine drückende Stille. Die drei Personen, die mit ihren Sorgen in den kleinen Raum geflüchtet waren, empfanden dieses Schweigen nur zu deutlich wie ein unbekanntes, näherschleichendes Unheil. Da erhob sich Karl Wieland mit ungeduldiger Bewegung und begann erregt auf und ab zu gehen. Sein von einem elegant gestutzten Vollbart umrahmtes, gutmütiges Gesicht war verdüstert, und wenn er zu seiner Gattin hinüberblickte, gruben sich die Falten auf seiner Stirn regelmäßig tiefer ein.
Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte halblaut, mit seltener Härte im Ton:
»Ich werde trotz Deiner Bitten die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Denn so geht das nicht weiter. Ich, – wir alle, reiben uns bei diesen Sorgen auf. Irgend etwas muß geschehen!«
Marie Wieland schwieg, und ihr Gatte schaute zu ihr herab und schüttelte dann wehmütig den Kopf.
»Mia,« bat er wieder, »habe doch Vertrauen zu mir! Willst Du denn unser Glück durch einen unbegreiflichen Trotz zerstören! Siehst Du denn nicht ein, daß mich Dein Benehmen – mißtrauisch machen muß! – Mia, denke doch an die vier Jahre unserer bisher so selten harmonischen Ehe –«
Ein wildes Schluchzen unterbrach ihn. Die junge Frau hatte die beringten Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte fassungslos, weinte, daß ihr schlanker Körper zuckte und bebte. – Der Ingenieur stand dabei, und ein tiefer Seufzer rang sich aus seinem bekümmerten Herzen los. Dann wandte er sich seiner Schwester zu, die mit trostlosen Augen am Kamin lehnte.
»Begreifst Du das alles, Anna?« meinte er traurig. Und seine blonde Schwester warf nur einen vorwurfsvollen Blick auf die Weinende.
Da richtete sich Maria auf. Mit zitternder Stimme klang’s in Tönen, die einen Stein hätten rühren können.
»Karl – nur das nicht – Nur das nicht. Ich flehe Dich an: Geh’ nicht zur Polizei! Der Papa wird ja zurückkommen, schreiben – depeschieren. Mein Gott, was soll ich nur sagen, damit das eine nicht geschieht –« – Wieder das Wimmern der weinenden Frau, und dazu die durch den Teppich gedämpften Schritte des rastlos auf und ab gehenden Mannes. – Dann kam Anna Wieland langsam vom Kamin auf die Weinende zu und umfaßte sie liebevoll.
»Es ist doch zu deinem Besten, Mia, – begreifst du denn das nicht! – Dein Vater ist’s, um den wir uns Sorgen machen, ihn wollen wir Dir doch wiedergeben, den wir alle lieb haben. Und jeder Tag, jede Stunde der Verzögerung vergrößert nur unsere Angst, kann dem Verschwundenen vielleicht auch Schaden bringen. Es muß ihm doch etwas Ernstliches zugestoßen sein, sonst hätte er uns nicht drei Tage ohne jede Nachricht gelassen.« Und in dem sie die Schwägerin fest an sich zog, bat sie weiter: »Mia, schenke doch wenigstens Karl Vertrauen! Du mußt doch irgendeinen Grund dafür haben, daß Du die Hilfe der Behörden so – so ängstlich von Dir weißt! – Mia, sag’s doch wenigstens Deinem Mann allein, ich will mich ja nicht in Deine Geheimnisse eindrängen. Aber er, – was soll er nur von Dir denken –«
»Quält mich doch nicht – Hab doch Erbarmen!« – Wie ein wilder Schrei klang’s durch das Zimmer. Maria Wieland war aufgesprungen und zu ihrem Mann hingeeilt. An seiner Brust weinte sie weiter. Und er strich ihr liebkosend über das volle Haar, flüsterte ihr leise, zärtlich etwas zu. Langsam beruhigte sie sich. Und der blonde Riese, der sie um Kopfeslänge überragte, führte sie jetzt behutsam zu dem Sessel zurück und sagte dann weich:
»Auch ich will nicht weiter in Dich dringen. Aber so lasse ich die Dinge nicht fort gehen. Ich werde mich an Dreßler wenden. Er wird raten. – Oder willst du auch das nicht, Liebling?« – Sie nickte nur.
»Ich treffe ihn jetzt um die Mittagszeit sicher zu Hause an. Ob er mich aber sehr freundlich empfangen wird?!« – Da sagte Anna Wieland in ihrer ruhigen, kühl überlegenen Weise:
»Dreßler ist nicht der Mann, der es uns verargt, daß wir ihn in den letzten Tagen vernachlässigt, ihn auch nicht ins Vertrauen gezogen haben. Er, der gute Menschenkenner, hat uns ja schon gestern sehr deutlich gesagt, daß uns irgend etwas ängstigen müsse, daß wir anders seien als sonst. Wenn Du jetzt zu ihm hingehst, Karl, wird er Dich empfangen wie immer. Auch ich meine, daß er der einzige ist, der uns helfen kann.«
Die junge Frau drückte wie in stummer Abbitte zärtlich die Hand ihres Mannes. Ermattet lag sie zusammengesunken in dem tiefen Sessel. Und jetzt, wo Karl Wieland in dem hellen Tageslicht ihr verweintes Gesicht sah, schrak er beinahe zusammen, so sehr hatten die Sorgen der letzten Tage die frische Farbe aus den sonst so liebreizenden Zügen verdrängt. Um die dunklen Augen lagerten tiefe Schatten, und ein ungesundes Grau um den schöngezeichneten Mund ließ die kaum Vierundzwanzigjährige um ein Jahrzehnt gealtert erscheinen. Da beugte er sich über sie und drückte einen leisen Kuß auf ihre Stirn.
»Mut, Liebling! Dreßler ist ja auf allen Gebieten beschlagen, warum sollte er uns nicht auch in dieser Sache raten können!«
Der Privatgelehrte Dr. phil. Hans Dreßler bewohnte seit zwei Jahren Haustor Nr. 16 die erste Etage. – Erste Etage klingt recht großartig. Wer aber die schmalen Häuser da unten am Ende der Dämme kennt, weiß, daß die meisten Wohnungen dort nur aus zwei, höchstens drei mittelgroßen Zimmern bestehen. Dreßlers erste Etage bestand aus Küche, Nebengelaß, Entree und zwei Zimmern, gehörte also zu der bescheidensten Sorte jener Behausungen. Trotzdem fühlte sich der Besitzer dieser Räume in ihnen mehr als wohl. Allerdings in der letzten Zeit, seitdem sein Verkehr mit Wieland immer reger geworden war, wollte es ihn bisweilen doch nicht mehr so ganz in seinem Junggesellenheim gefallen. Oft genug hatte er es sich in einsamen Stunden ausgemalt, wie anders seine Häuslichkeit aussehen könnte, wenn – ja, wenn die blonde Anna Wieland als Hausfrau darin schalten würde. – Bei dem Gedanken war’s aber vorläufig geblieben. Denn dem Doktor, der sich mit seinen sechsunddreißig Jahren schon uralt vorkam, dünkte es beinahe ein Verbrechen, der kaum zwanzigjährigen Schwester des Freundes seine Zuneigung irgendwie zu zeigen. So war er denn jetzt schon ein langes Jahr bei Wielands ein- und ausgegangen, ohne daß er in seinen Zukunftsträumen über das erwähnte »Würde« irgendwie hinausgekommen wäre. Und sicherlich mußte schon etwas Besonderes geschehen, um Hans Dreßler aus der Rolle des guten Freundes, die er nur gezwungen spielte, in die eines aufrichtigen Liebhabers hineinzuzwingen. –
Des Doktors Studierzimmer lag nach der Straße zu und hatte zwei große Fenster, durch die dem Tageslicht freier Zutritt zu diesem mehr als merkwürdigen Raume gegeben war. Denn Dreßlers Studierzimmer war zugleich Laboratorium, Bibliothek und – Raritätenkabinett. Vor dem rechten Fenster stand ein langer Tisch, dessen einst weiße Platte jetzt von Säuren zerfressen und mit Brandflecken dicht bedeckt war. Auf diesem Tisch hatten Gestelle mit Gläsern und Flaschen in allen Größen und Formen ihren Platz neben blinkenden Destilierkolben und zwei großen Gaskochern. Die Gummischläuche der Gasleitung liefen darüber hin wie schmutziggraue Schlangen, und die freien Drahtenden der elektrischen Leitung lagen wie Schlingen zwischen diesem Durcheinander von Gläsern und sauber gehaltenen Apparaten, Mikroskopen, feinen Wagen und vielem anderen. Neben diesem Tische in einem mächtigen, rotgebeizten Schrank war Dreßlers Bibliothek untergebracht, besser gesagt diejenigen Bücher, die er notwendig brauchte. Denn der größere Teil seines papiernen Besitzes lagerte auf dem Boden in großen Kisten. In dem Schranke standen anscheinend in wirrem Durcheinander dünne Broschüren neben einer neuen Klassikerausgabe, dicke Lehrbücher der Chemie neben Büchern von dem Werte des »Seestern 1906«. Die andere Hälfte des Zimmers war sozusagen versuchsweise als Empfangszimmer herausstaffiert. An der Wand, dem Bücherschranke gegenüber, ragte ein Paneelsofa in die Luft, dessen Dimensionen sich in dem überfüllten Raum recht merkwürdig ausnahmen. Davor ein großer Tisch, bedeckt mit Zeitschriften und Zeichnungen, weiter zwei steiflehnige Sessel einer längst schlafengegangenen Mode. Und an den Wänden – ein Liebhaber exotischer Reiseerinnerungen hätte daran stundenlang besichtigen können! – auf Wandbrettern ausgestopfte Vögel, altchinesische Rüstungen, Waffen, Felle, Schlangenhäute, dazwischen hin und wieder ein grinsender Totenschädel neben einem in Spiritus aufbewahrten Präparat. Kurz und gut, weniger stilgerecht hätte selbst ein von keinerlei Kultur angekränkelter Hottentotte seine Hütte kaum herauszuputzen können. Und dabei lagerte über dem Ganzen dieser eigenartige Geruch, der uns in jeder Apotheke entgegenschlägt, dieses Gemisch von den Ausströmungen von Säuren, Arzneien, hier nur noch vermengt mit dem süßlichen Duft von Zigaretten, deren Stummel überall umhergestreut waren.
Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten war zurzeit nicht heimisch. Aber in dem Arbeitszimmer hantierte dafür ein anderes Wesen desto eifriger umher und versuchte auf der Hälfte »Empfangszimmer« etwas Ordnung herzustellen. Es war ein kleines, unscheinbares Weiblein mit faltigem, gelbem Gesicht, das jetzt gerade unter häufigem zornigen Knurren die Zigarettenasche von dem etwas fadenscheinigen Teppich fegte. Das Alter dieses dienstbaren Geistes festzustellen, wäre eine Aufgabe für einen großen Menschenkenner gewesen. Das Gesicht war das einer Sechzigjährigen, und dazu paßte auch der runde Rücken und der recht spärliche, in ein dünnes Zöpfchen geflochtene Haarwuchs. Doch an den sechzig Jahren wurde man sofort wieder irre, wenn man die flinken Bewegungen und das emsige Schaffen des Weibleins beobachtete. Mit großer Schnelligkeit gelang es ihr, der linken Zimmerseite ein einigermaßen würdiges Aussehen zu geben. Die Bücher und Zeitschriften wurden eiligst zusammengerafft und auf einen freien Stuhl am Fenster gelegt. So war wenigstens der Sofatisch frei. Dann wandelte sich der »Empfangssalon« in kürzester Zeit wie auf ein Zauberwort in ein Eßzimmer um: Den Sofatisch bedeckte ein schneeweißes Tischtuch, darauf lag ein Gedeck, standen Teller, eine Menage, eine angebrauchte Flasche Rotwein mit Glas, – alles zierlich verteilt und nett hergerichtet. Und während das Weiblein so mit Aufräumen beschäftigt war, mußte es recht häufig diese Arbeit unterbrechen und in die Küche eilen, wo ein junges Huhn, mit Speckscheiben belegt, lustig im Schmortopf brodelte.
Als Dr. Dreßler pünktlich wie immer zwei Minuten vor eins in die Straße mit dem merkwürdigen Namen »Haustor« einbog, nachdem er sich auf einem längeren Spaziergang durch den Steffenspark und die Große Allee von den Anstrengungen der Vormittagsarbeit erholt hatte, sah er schon von weitem vor seinem Hause den Inhaber des Parterre-Ladens stehen. Als er sich jetzt näherte, kam ihm Jakob Wenzel eilfertig entgegengetrippelt und, sein schwarzes Samtkäppchen ziehend, sagte er vertraulich:
»Morgen, Herr Doktor! – Jetzt hab’ ich sie!« Und dabei blinzelten seine kleinen pfiffigen Äuglein in eitel Triumph. – Dreßler hatte ihm die Hand geschüttelt und fragte sofort:
»Wirklich?! – Dann zeigen Sie –« Da unterbrach er sich. In der Ferne schlug eine Turmuhr hallend eins. Der Doktor schüttelte bedauernd den Kopf.
»Also nach Tisch komm’ ich sofort zu Ihnen herunter. Jetzt geht es nicht. Ich darf meine Kascha nicht warten lassen!« – Und Jakob Wenzel kurz zunickend, verschwand er schnell in der Haustür.
2. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Zu Doktor Dreßlers etwas philisterhaften Gewohnheiten gehörte auch der tägliche Nachmittagsschlaf. Daß er heute, nachdem Kascha nur noch die traurigen Knochenreste des Brathuhnes hinausgetragen hatte, nicht sofort den in seinem Schlafzimmer stehenden Diwan aufsuchte, daran waren eigentlich Wielands schuld. Vormittags auf dem Spaziergang war er die Gedanken an die Familie seines Freundes nicht losgeworden. Gedanken, die sich um die seit Tagen im Wielandschen Hause deutlich bemerkbare allgemeine Verstimmung drehten. Und wenn er auch auf dem Heimwege dann an anderes dachte, an seine neuesten chemischen Versuche und an den Auftrag, den er Jakob Wenzel gegeben hatte, so drängte sich die Sorge um das Wohlergehen der ihm so nahestehenden Menschen doch immer wieder in den Kreis seiner Betrachtungen ein. Und dasselbe teilnehmende Interesse hielt auch Dreßler jetzt nach Tisch in seinem Arbeitszimmer fest.
Er hatte es sich bequem gemacht, einen leichten Hausrock angezogen und die braunen Schnürschuhe mit leichten Morgenschuhen vertauscht. So ging er geräuschlos in dem mit so wenig Geschmack eingerichteten Raume auf und ab, qualmte dichte Wolken aus seiner Zigarette in die Luft und versuchte irgend eine Erklärung für diese merkwürdige Änderung in dem Verhalten seiner Bekannten herauszuklügeln – vergebens. Er fand auch nicht den geringsten Anhalt für irgend eine Vermutung. Schließlich warf er verdrossen den Zigarettenstummel in den nächsten Aschbecher und zündete mit einem Streichholz eine der auf dem Holztisch am Fenster stehenden offenen Gasflammen an. Aber selbst die Arbeit brachte ihm nicht die gewünschte Ablenkung. Denn während er jetzt ein Retortengläschen über der leise zischenden Flamme hin und her drehte und beobachtete, wie die grünen Kristalle langsam darin zerschmolzen, überlegte er nochmals die Vorfälle der letzten drei Tage. Man hatte ihm am Dienstag abend bei Wielands erzählt, daß der Vater der jungen Frau, Michael Durgassow, plötzlich nach Königsberg gereist sei, um einen Spezialisten seines Nierenleidens wegen zu konsultieren. Dieser Entschluß mußte dem alten Herrn doch sehr plötzlich gekommen sein, denn am Tage vorher hatte noch niemand von dieser Fahrt gesprochen. Und – eigentümlich, seit Dienstag, gerade seit Dienstag lagerte auch diese Verstimmung über dem Hause des Freundes. Zwar hatte man ihm gesagt, daß man sich lediglich um die Gesundheit des alten Herrn sorge. Aber er war ein zu feiner Beobachter, als daß ihm nicht Verschiedenes aufgefallen wäre, was ihn noch stutziger machen mußte. So besonders die verweinten Augen der beiden Damen und ihr ängstliches Bemühen, seinen teilnehmenden Fragen auszuweichen.
Das schrille Anschlagen der Flurglocke unterbrach den Doktor in seinen Gedanken. Er stellte das Gläschen beiseite und ging selbst öffnen. Vor ihm stand Karl Wieland mit selten ernstem, sorgenvollem Gesicht. Nach kurzer Begrüßung nötigte Dreßler seinen Gast in einen der hohen, altmodischen Sessel.
»Du siehst nicht gut aus, Karl,« meinte er teilnehmend. »Überarbeitet, wie –?«
Der blonde Riese schüttelte traurig den Kopf.
»Wenn’s das allein wäre!« – Und, nach einer Pause: »Ich komme, um mir von Dir Rat zu holen, Dreßler, – Rat in einer sehr ernsten und – sehr sonderbaren Angelegenheit.«
Der Doktor zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.
»Du hast es ja selbst schon gemerkt,« fuhr Wieland zögernd fort, »daß bei mir daheim nicht alles so ist wie es sein sollte, hast es uns ja auch gesagt, und wir – hm, verzeih schon, wir haben Dich da – mit einer Unwahrheit abgespeist, ja, mit einer Lüge, weil wir eben hofften, daß mein Schwiegervater inzwischen etwas von sich hören lassen würde.«
Dreßler zuckte die Schultern. »Ich verstehe Dich nicht, Karl – Du mußt Dich schon etwas klarer ausdrücken.« Damit setzte er sich dem Freunde gegenüber in den anderen Sessel.
»Wir haben Dich, wie gesagt, grob belogen. Durgassow ist nicht nach Königsberg gefahren, sondern seit Dienstag – verschwunden!« – Wieland hatte jetzt alle Verlegenheit abgestreift. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Sein Geheimnis schnell los zu werden und dann von dem Freunde sich einen Rat zu erbitten.
Dreßler hatte sich in seinem Sessel mehr erstaunt als erschreckt aufgerichtet.
»Verschwunden? – Wie soll ich das verstehen?«
»Wörtlich, – leider wörtlich!« meinte Wieland traurig. »Verschwunden, ohne uns nur eine Zeile zurückzulassen, ohne uns in diesen drei Tagen irgend eine Nachricht über seinen neuen Aufenthaltsort zu geben. – Kannst du dir das erklären –?«
Er erhielt keine Antwort. Dreßler hatte wie mechanisch der Schale eine frische Zigarette entnommen und sie ebenso mechanisch angezündet. Sein bartloses Gesicht hatte einen sehr nachdenklichen Ausdruck angenommen. Eine ganze Weile verging so. Man hörte nur das Ticken der Schwarzwälderuhr und das ferne Läuten einer elektrischen Straßenbahn.
Schließlich fragte Dreßler kurz: »Wo und wann hast du Durgassow zum letzten Mal gesehen?«
»Wir, das heißt Anna, meine Frau und ich, waren Dienstag abend in dem Hubermann’schen Konzert. Der Papa hatte sich uns nicht anschließen wollen. Er sagte, er fühle sich etwas matt und wolle daher ausruhen. Wir gingen auch noch in seine Wohnung hinauf und verabschiedeten uns von ihm. Nach dem Konzert besuchten wir für kurze Zeit den Ratskeller und kamen gegen zwölf nach Hause. Als unser Stubenmädchen dann meinem Schwiegervater wie immer am nächsten Morgen um neun Uhr den Kaffee brachte, klopfte sie vergeblich, und –«
»Schon gut. Verzeih’, daß ich Dich unterbreche, lieber Freund. Aber wir kommen schneller zum Ziel, wenn ich Dich jetzt das mir wichtig Erscheinende abfrage. Hier – bitte bediene Dich zunächst –« Damit hielt er seinem Gaste die Zigarettenschale hin. Als Wieland ablehnen wollte, sagte Dreßler ruhig:
»Rauche nur – es ist besser so! Man regt sich weniger auf, wenn die glimmende Zigarette etwas von den Gedanken für sich beansprucht. – So – und nun zur Sache. – Also seit drei Tagen kein Brief, keine sonstige Nachricht; ebensowenig wißt Ihr etwas von irgendwelchen Reiseplänen Durgassows?«
Wieland nickte nur. – Auch die weiteren Fragen des Freundes konnte er meist nur mit kurzem Ja oder Nein beantworten. – Das, was Dreßler auf diese Weise über das rätselhafte und plötzliche Verschwinden des alten Herrn feststellen konnte, war wenig genug. Zwar äußerte sich Wieland dahin, es sei ihm seit längerer Zeit so vorgekommen, als ob Durgassow irgend eine geheime Sorge bedrücke. Aber selbst dieser geringe Fingerzeig genügte in keiner Weise, um daran anknüpfend mit irgendwelchen Nachforschungen beginnen zu können. Michael Durgassow war seit Dienstag abend, – das war als feststehend anzunehmen, – ohne irgend eine Spur zu hinterlassen, verschwunden, hatte in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch sein Bett nicht mehr benutzt und nicht einmal beim Verlassen seiner Wohnung die in das Treppenhaus führende Tür verschlossen. In seiner Wohnung fehlte nichts, woraus man auf eine plötzliche Abreise hätte schließen können, – kein Koffer, keine Handtasche. Der alte Herr war, bekleidet mit einem dunklen Jackettanzug, ebensolchem Paletot und schwarzem, weichen Filzhut, davongegangen. Wann er am Dienstag abend oder in der Nacht das Haus verlassen hatte, konnte bisher nicht ermittelt werden.
»Ihr habt doch hoffentlich in Durgassows Wohnung nichts geändert, nicht etwa ausfegen lassen?« fragte Dreßler jetzt, nachdem er nachdenklich eine ganze Weile vor sich hingestarrt hatte.
»Nein – es ist alles so geblieben. Nichts ist angerührt worden. Ich habe die Zimmer abgeschlossen und die Schlüssel hat Maria an sich genommen.«
»Die Schlüssel –?«
»Ja, wir haben noch einen zweiten Schlüssel von seiner Wohnung, falls die Mädchen in seiner Abwesenheit aufräumen wollten.«
»So. Ja, richtig. Eure Dienstboten! Sie glauben also, daß Durgassow plötzlich verreist ist?«
»Sicherlich. Wir haben uns in ihrer Gegenwart stets zusammengenommen und uns unsere Befürchtungen nicht anmerken lassen. Sie werden denken, daß mein Schwiegervater in Königsberg bei einem Arzte weilt und unsere Unruhe für die Sorge um seinen Gesundheitszustand halten –«
»Was sie denken, ist schließlich gleichgültig. Denn über kurz oder lang müssen sie ja doch die Wahrheit erfahren. Wenn Euch erst die Polizei ins Haus kommt, dann –« Dreßler unterbrach sich, da Wieland abwehrend die Hand erhoben hatte und jetzt hastig hervorstieß:
»Das darf nicht geschehen, muß eben vermieden werden! Die Polizei muß aus dem Spiel bleiben!« – Als er des Doktors erstaunten Blick fühlte, sprach er schnell weiter:
»Hans, Du bist mein einziger, mein bester Freund! Sieh – ich habe Dir ja noch nicht alles erzählt, Dir gerade das verschwiegen, was mich am meisten beunruhigt. Maria hat – irgendwelche Heimlichkeiten vor mir! Ja – sieh mich nicht so zweifelnd an. Es ist wirklich so. Denn als ich gestern nach dem Polizeipräsidium gehen und die Hilfe der Behörde in Anspruch nehmen wollte, da hat sie mich beinahe fußfällig gebeten, es nicht zu tun. Und heute, als ich mittags heimkam, wiederholten sich dieselben Szenen. Was ich davon denken soll, was die unerklärliche Scheu vor der Polizei bedeutet – ich finde keine Lösung dafür. Und sie, meine Frau, schweigt! Durch keine Mittel, weder im Guten noch im Bösen ist sie zum Reden zu bringen. Sie sagt nur immer: »Quält mich doch nicht so, habt Erbarmen mit mir!««
Dreßlers Gesicht war während dieser sich überstürzenden Sätze merkwürdig steinern geworden. Jetzt stand er auf und meinte in seiner ruhigen Art: »Auch das wird sich aufklären. Aber nun zuerst ein offenes Wort: Auch Du bringst dieses merkwürdige Verhalten deiner Frau mit dem Verschwinden ihres Vaters irgendwie in Verbindung, nicht wahr?«
Wieland bejahte seufzend: »Erst hielt ich es nur für eine Laune,« meinte er ehrlich. »Seit heute mittag bin ich aber doch anderer Ansicht geworden. Ich fürchte – ja, Hans, fürchte jetzt fast, daß Maria mehr von Durgassows Verschwinden weiß, als sie zugeben will. Bin ich unter diesen Umständen nicht wirklich zu bedauern?! Alles hätte ich ja ertragen, nur nicht diese Entfremdung zwischen Maria und mir. Und die besteht jetzt schon, so sehr wir uns auch Mühe geben, die traurige Tatsache voreinander zu verheimlichen.«
Dreßler schüttelte leicht den Kopf.
»Über all diese Dinge kann ich unmöglich schon jetzt ein Urteil abgeben. Ich werde jetzt mit Dir gehen und erst einmal die Zimmer Deines Schwiegervaters besichtigen. Vielleicht finde ich irgend eine Spur. Und nun entschuldige mich einen Moment; ich will mich nur zum Ausgehen fertig machen.« –
Dr. Hans Dreßler war nicht nur ein Menschenkenner, sondern auch, – wenn’s darauf ankam, ein sehr guter Schauspieler. Eine Probe seines Könnens hatte er soeben abgelegt. Er hatte über Frau Marias eigenartiges Verhalten bereits seine besonderen Gedanken. Und nur um dem Freund die Seelenruhe nicht zu rauben, hatte er ihn mit allgemeinen Redensarten abgespeist. Er kannte die Frau seines Freundes, wußte, daß sie trotz der mädchenhaften Weichheit ihres Charakters eine große Selbstbeherrschung und viel weibliche Klugheit besaß. Und als er sich jetzt langsam den Paletot anzog, überkam ihn ein sonderbar unbehagliches Gefühl. Es war ihm, als ob ihn eine innere Stimme warnte: »Mische Dich nicht in diese Angelegenheit, laß die Dinge ihren Lauf gehen!« – Aber dann schämte er sich dieser kleinmütigen Regung, ergriff schnell seinen Hut und ging in das Arbeitszimmer hinüber, wo Wieland auf ihn wartete.
3. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Wielands bewohnten die erste Etage eines der hohen, am Kassubischen Markt gelegenen Häuser der alten Handelsstadt Danzig. Damals, als der blonde Ingenieur sich ernstlich um die Hand der schönen Maria Durgassow zu bewerben begann, war sein erstes gewesen, seine Schwester, mit der er seit dem Tode der Eltern zusammenlebte, seiner Herzensauserwählten vorzustellen. Und zu seiner Freude hatte er bald gemerkt, daß die beiden im Alter nur wenig verschiedenen Mädchen sich schnell zu einander hingezogen fühlten. Und die ruhige, geistvolle Anna Wieland hatte dann später an der temperamentvollen Schwägerin wirklich eine gute Freundin gefunden. Nie war es in den vier Jahren der Wieland’schen Ehe zu irgendwelchen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Frauen gekommen.
Die blonde Anna, die im Gegensatz zu ihrem Bruder eine schnell entschlossene Natur war, bewohnte von den acht Zimmern der Etage zwei, deren eines sie sich als Atelier eingerichtet hatte. Sie verfügte über ein nicht unbedeutendes Talent, und ihre Bilder waren oft genug in den Schaufenstern der größeren Kunsthandlungen Danzigs ausgehängt und wurden auch – was mehr wert war – in der Presse anerkennend besprochen und die Hauptsache! – viel gekauft. Jedenfalls konnte sie mit Hilfe dieses künstlerischen Nebenerwerbes ein ganz behagliches Leben führen, zumal sie außerdem noch ein kleines Vermögen von ihren Eltern her besaß.
In der zweiten Etage desselben Hauses hatte der Vater der jungen Frau von einem kinderlosen Ehepaar die beiden Vorderzimmer gemietet. Hier hauste Michael Durgassow inmitten einer großen Bibliothek und einer Menge alter, vergilbter Handschriften, die er mit großem Eifer sammelte, – gleichgültig, in welcher Sprache sie abgefaßt waren. Der alte Herr hatte es mit seinem Zartgefühl verstanden, sich seinen Kindern immer nur zeitweise zu widmen, ohne ihnen je zur Last zu fallen. Seine Mahlzeiten nahm er meist außer dem Hause ein. Nur den Morgen- und den Nachmittagskaffee schickte ihm seine Tochter durch das Stubenmädchen täglich nach oben. – Durgassow war ein Mann von einer alles umfassenden Bildung. Nicht nur daß er fünf Sprachen völlig beherrschte, auch auf den Gebieten der Technik und Literatur zeigte er sich äußerst bewandert. Außerdem gestattete ihm sein großes Vermögen, ganz seinen gelehrten Liebhabereien nachzugehen.
In dieses wirklich in jeder Weise harmonische Zusammenleben der vier in demselben Hause vereinten Menschen brachte das plötzliche Verschwinden Michael Durgassows die erste Störung hinein. Und Dr. Dreßler war’s, der hier jetzt raten und helfen sollte. – Nachdem die beiden Freunde des Doktors Haus verlassen hatten, war zwischen ihnen weiter kein Wort gewechselt worden. Schweigend schritten sie durch die Straßen, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. –
Dreßler begrüßte die beiden Damen nur kurz und bat sich sofort den Schlüssel zu der Wohnung Durgassows aus. Langsam stieg er die Treppe empor. Begleitung hatte er sich verbeten. Als er die Flurtür aufgeschloßen und das Arbeitszimmer betreten hatte, schlug ihm eine dumpfe Luft entgegen. Mit großer Gewissenhaftigkeit begann er dann die Untersuchung der beiden Räume. Nichts blieb unberührt, nichts entging seinen forschenden Blicken. Besonders lange hielt ihn der große Diplomatenschreibtisch auf, über dessen Platte Zeitungen und Papiere ausgestreut lagen. – Nach ungefähr einer Stunde schien es in den beiden Zimmern für ihn nichts Interessantes mehr zu geben. Er schloß die Wohnung wieder ab und ging zu Wielands hinunter. Um seine Lippen spielte dabei ein triumphierendes Lächeln.
In dem Arbeitszimmer des Hausherrn saßen sich dann die beiden Freunde gegenüber. Dreßler hatte die Damen sehr höflich, aber auch sehr bestimmt gebeten, sie vorerst allein zu lassen, da es noch manches zu besprechen gäbe, was für Frauenohren nicht geeignet wäre.
»Du hast also nichts gefunden, daß die Angelegenheit auch nur etwas klärt?« fragte Wieland jetzt enttäuscht.
»Nichts ist zuviel gesagt. Ich meinte nur, daß ich keine direkte Spur entdeckt habe, die zu dem Verschwundenen hinweist. Ich habe dafür aber etwas anderes beobachtet.« – Er zauderte unschlüssig und warf einen besorgten Blick auf den Ingenieur, der nervös auf seinem Stuhl hin und her rückte.
»Und das ist? – So spricht doch, spann mich nicht so auf die Folter!« fuhr Wieland leicht gereizten Tones auf.
»Ja, Karl, ich glaube jetzt auch, daß Deine Frau Dir gegenüber nicht ganz aufrichtig ist.«
»Hast du Beweise dafür?«
»Ja! – Du hattest mir doch gesagt, daß oben in Durgassows Zimmern alles so geblieben ist, wie Ihr es am Dienstag morgen vorgefunden habt. Das kann aber nicht sein, da zweifellos vor ganz kurzer Zeit von dem Schreibtisch Deines Schwiegervaters zwei Papiere fortgenommen sind.«
»Verzeih’ schon, kannst Du Dich da nicht täuschen? Wie willst Du außerdem mit so großer Sicherheit behaupten, daß es gerade zwei Papiere gewesen sind, weiter, daß sie überhaupt dort vorher gelegen haben?«
»Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Freund. Ich könnte Dir die Antwort leicht geben. Aber, – eine andere Frage vorher: Hast du den Schlüssel zu Deines Schwiegervaters Wohnung stets bei Dir getragen?«
»Nein! Wie Du ja selbst gesehen hast, gab ihn Maria mir, die ihn an sich genommen hatte.«
»So – so! Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit meiner Vermutung. – Jedenfalls wird sich’s bald zeigen, daß ich in allen Punkten recht habe. Ich werde in Deiner Gegenwart jetzt im Laufe des Gesprächs an Deine Frau eine diesbezügliche Frage richten, und dann kannst Du ja selbst sehen, ob sie dabei völlig harmlos bleibt. Beobachte sie scharf, aber unauffällig!«
Wieland war aufgesprungen und rang verzweifelt die Hände.
»Hans, darüber komme ich nie hinweg, nie! Maria hat also wirklich Heimlichkeiten vor mir!
Das fasse ich nicht, begreife ich nicht!«
»Ruhe, Karl, Ruhe! Noch wissen wir ja nicht, welche Gründe Marias Verhalten derart beeinflußt haben.«
»Ruhe! – Du verlangst Unmögliches. Bei allem ruhig zu bleiben, dazu gehören Nerven wie Taue so stark! Und die habe ich nie gehabt. Wenn ich bedenke, was alles in diesen drei Tagen auf mich eingestürmt ist, – Sorgen, Zweifel, Befürchtungen! – Und kein Ende abzusehen – im Gegenteil! Vielleicht habe ich das Schlimmste sogar noch vor mir!«
»Kein Ende, meinst Du?« sagte Dreßler ärgerlich. »Allerdings kein Ende, wenn Du Dich nicht zusammennimmst und Dein Geschick nicht wie ein Mann trägst! Ich denke, daß gerade diese Zweifel an der Aufrichtigkeit Deiner Frau Dich fähig machen müßten, mit Überlegung jedes Für und Wider abzuwägen. Wenn Du aber in dieser Weise fortfährst, dein Unglück nutzlos zu bejammern, so schädigst Du Dich selbst dadurch am allermeisten. Nimm mir dieses offene Wort nicht übel. Aber ich habe unter Freundschaft auch stets gegenseitige Ehrlichkeit verstanden!«
Der blonde Hüne war am Fenster stehen geblieben, und Dreßler glaubte zu bemerken, wie jetzt ein Zittern durch Wielands gewaltigen Körper ging. Da trat er neben ihn und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.
»Vielleicht war ich eben zu schroff, Karl.«
»Laß nur!« kam’s gepreßt heraus. »Du wirst schon Recht haben mit Deiner Ehrlichkeit. Ich habe falsch gehandelt in dieser Sache. Wäre ich sofort zu Dir gekommen, – sofort, nachdem uns die Abwesenheit Durgassows zu ängstigen begann, dann – dann –«
»Dann wäre vielleicht manches anders geworden,« fügte Dreßler hinzu. »Aber diese Enttäuschungen währen Dir wohl doch nicht erspart geblieben. – Doch genug davon. Die Hauptsache ist, daß wir beide jetzt fest zusammenhalten, daß Du mir fernerhin ohne Scheu alles anvertraust und mir jede, auch die kleinste Beobachtung wiedererzählst. Denn, – ich weiß nicht, wie ich dieses Feinempfinden eigentlich bezeichnen soll, – so ein gewisses Ahnungsvermögen sagt mir, daß, wenn Deine Frau sprechen wollte oder – dürfte, ich sehr bald herausbekäme, wohin Dein Schwiegervater sich gewandt hat. Doch, um nun endlich weiterzukommen, würdest Du mir ganz kurz einmal erzählen, wie und unter welchen Umständen du Durgassow hier kennen lerntest, weiter auch, was Du von seiner Vergangenheit weißt.« – Wieland hatte sich inzwischen wieder in den Sessel gesetzt und begann nun das wenige in seiner Erinnerung aufzufrischen, was ihm von dem früheren Leben seines Schwiegervaters bekannt war. Indessen stand Dreßler am Fenster und schaute bald auf die Straße hinab, bald wandte er sich wieder an den Freund, um dessen Erzählung mit einer Frage zu unterbrechen. Als Wieland schwieg, da seine Erinnerungen erschöpft waren, meinte der Doktor kopfschüttelnd: »Also auch hier keine Handhabe! Ich hatte gehofft, daß Durgassows Vergangenheit irgend ein interessantes, auffälliges Begebnis enthalten würde, das uns vielleicht auf eine Spur hinweisen könnte. Aber diese alltägliche Lebensgeschichte!« Dreßler zuckte die Achseln und zog dann sein Notizbuche hervor, um einige Zeilen hineinzuschreiben.
Wenn er soeben dem Freunde mit so gleichgültiger Miene gesagt hatte, daß ihm in Durgassows Lebensgeschichte nichts aufgefallen sei, so war’s die Unwahrheit gewesen. Dreßlers Gedanken arbeiteten jetzt mit einer wunderbaren Schnelligkeit und Genauigkeit, die die wirrste Aufeinanderfolge von Tatsachen und bedeutungslosen Erscheinungen schnell in einen bestimmten Rahmen zu bringen und logisch zu ordnen wußte. – Eine Weile herrschte in dem elegant möblierten Zimmer ein bedrückendes Schweigen. Plötzlich rief der Doktor mit merkwürdiger Erregung:
»Komm’ schnell einmal her. Kennst du den Mann, der dort in der Haustür steht, den da mit dem grauen Pelerinenmantel?«
Wieland war neben den Freund an das Fenster getreten. »Nein, - ich kenne ihn nicht. Weshalb interessiert er Dich? Ich habe ihn bisher nie gesehen.«
»Merkwürdig, – also ein Unbekannter, der für die Fenster Deines Schwiegervaters Interesse hat! Denn schon vorhin, als ich oben in Durgassows Zimmer war, habe ich den Mann beobachtet. Er starrte wie jetzt, allerdings möglichst unauffällig, zu den Fenstern empor. Schade nur, daß ich hier augenblicklich nicht fort kann, sonst möchte ich mir den Burschen schon einmal genauer ansehen. – Und nun, Wieland, rufe, bitte, Deine Frau.« –
»Sie besinnen sich also genau, daß seit Mittwoch niemand anders als Sie und Wieland die Zimmer Ihres Vaters betreten hat,« fragte Dreßler Frau Maria im Laufe des nun folgenden Gespräches.
»Ausgeschlossen, lieber Doktor,« meinte sie treuherzig. »Ich hatte ja die Schlüssel stets bei mir!«
»Und wann sind Sie allein zum letzten Mal oben gewesen?« Er betonte das »allein« kaum merklich.
Ohne Scheu antwortete sie schnell: »Ich? Heute vormittag! Als Karl Sie holen ging, war ich in Papas Zimmern, um die Fenster zu öffnen und frische Luft einzulassen.«
»Und haben Sie oben nichts anderes getan, liebe Freundin, – ich meine, nichts berührt, verschoben?« Dreßler schien der Antwort nicht viel Bedeutung beizulegen, denn er schaute gleichgültig zu der gemalten Zimmerdecke empor.
»Nichts angerührt habe ich, – nichts,« erklang die Antwort merkwürdig hastig. »Es sollte doch auch alles liegen bleiben, weil –«
»Ja – sollte!« sagte Dreßler, als ob er für sich spräche. Und dann sah er Frau Maria fest in das schöne Gesicht und fuhr fort:
»Schade – schade!« Dabei schüttelte er wie bedauernd den Kopf.
»Warum sagen Sie schade, lieber Freund?« In dieser Frage lag’s aber wie aufsteigendes Mißtrauen. – Des Doktors Augen ließen nicht von der Frau ab.
»Ich meinte das nur in Bezug auf meine bisher so gut wie ergebnislosen Bemühungen. – Doch, Frau Maria, gestatten Sie jetzt, daß ich Sie um einen kleinen Dienst bitte. Würden Sie mir wohl –« – Hier wurde Dreßler durch ein Klopfen unterbrochen. Das Stubenmädchen kam und meldete, daß ein Geschäftsfreund Herrn Wieland zu sprechen wünsche. – Als Wieland das Zimmer verlassen hatte, trat Dreßler schnell dicht an die im Sessel Sitzende heran.
»Frau Maria,« sagte er leise, »würden Sie mir jetzt wohl einiges aus der Lebensgeschichte Ihres Vaters erzählen, was Ihr Gatte nicht weiß und nie erfahren wird, wenn ich’s so einrichten kann.«
Sie schaute zu ihm auf, versuchte in ihre Züge den Ausdruck des Erstaunens zu legen. Und doch, – hilflose Angst sprach aus ihren Augen, und um ihre Lippen zuckte es wie von verhaltenen Tränen.
»Frau Maria,« bat Dreßler wieder so eindringlich. »Sie wissen mehr von der Vergangenheit Ihres Vaters, als Sie vorgeben. Ihr Vater,« seine Stimme sank zum Flüstern herab, »Ihr Vater ist vor seinen Feinden geflohen, vor Feinden, deren Haß er sich in früheren Jahren zugezogen hat, – in einer Zeit, wo er nicht so – ruhig und harmlos lebte, wie er’s hier in Danzig tat.«
Maria Wieland hatte sich erst halb aufgerichtet und sank dann wieder wie haltlos zusammen, während ihre entsetzten Augen Dreßler folgten, der langsam einen Schritt zurückgetreten war und jetzt leicht an den Schreibtisch gelehnt vor ihr stand. Eine geisterhafte Blässe lag auf ihrem feinen Gesicht. Und stockend nur kam’s über ihre Lippen:
»Sie wissen?«
Dreßler nickte nur. – Frau Maria bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen. Unter ihren schlanken Fingern drang jetzt ein qualvolles Stöhnen hervor. Aber der, der sie unausgesetzt beobachtete, schien mitleidslos.
»Wollen Sie mir nicht auch das geben, was Sie von der Schreibtischplatte in dem Arbeitszimmer Ihres Vaters fortgenommen haben, um es – mir vorzuenthalten,« sagte er langsam. – Da schien’s, als ob die junge Frau ihre ganze Energie zusammennahm. Ihre Hände sanken herab, sie erhob sich schnell und trat auf Dreßler zu.
»Ich habe nichts fortgenommen – nichts!« Wie ein Zischen klangen diese Worte, die eine mühsam verhaltene Wut hervorzudrängen schien. »Nichts – Verstehen Sie mich, Herr Doktor! Und was Sie da eben von der Vergangenheit meines armen Vaters faselten, das – das ist alles Unsinn – Unsinn!«
Die Worte überstürzten sich förmlich. Dann ging Maria Wieland schnell zur Tür. Hier wandte sie sich nochmals um und, wie der Eingebung des Augenblicks folgend, rief sie Dreßler zu:
»Ich will nicht, daß Sie sich in unsere Angelegenheiten mischen, will es nicht!«
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß. Dreßler war allein. Wie betäubt stand er eine ganze Weile regungslos da. – Was war das soeben gewesen? Hatte er recht gehört, gesehen? War in diese Frau plötzlich ein anderer Geist gefahren? Und warum das alles, warum? – Er begann gedankenvoll auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. – Wer war diese Frau, die ihm jetzt in Feindschaft gegenübertrat, jetzt, wo er an den Schleiern rühren wollte, nein, mußte, die ihre Vergangenheit verhüllten?
Und wieder überkam Dreßler dieses unbestimmte Gefühl, diese Vorahnung, die uns so oft vor Unangenehmem zu warnen scheint. Was hatte er im Grunde genommen davon, wenn er diesen Rätseln weiter nachspürte? Darüber konnte er ja nicht im Zweifel sein, weswegen Frau Maria ihm soeben mit diesem offenbaren Haß begegnet war. Sie fürchtete ihn eben als einen Menschen, dem sie die Fähigkeit zutraute, ihr ein gefährliches Geheimnis entreißen zu können. Und um ein solches mußte es sich hier handeln, mußte! Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß die bisher so harmlos fröhliche, lebenslustige Maria sich so urplötzlich derart in ihrem ganzen Sichgeben verändern konnte! Ja, war es nicht wirklich für ihn das beste, die weitere Entwicklung der Dinge als Unbeteiligter zu beobachten und sich nicht der Gefahr auszusetzen, bei dieser Gelegenheit vielleicht auch noch den Freund, der sich nur zu leicht von seiner Gattin beeinflussen ließ, zu verlieren?
Minutenlang erwog Dreßler diese Möglichkeiten, all diese Für und Wider, ohne mit sich ins reine zu kommen. Und als Wieland und Maria jetzt das Zimmer wieder betraten, war er noch immer unschlüssig. Was ihn dann erst zu einem festen Entschluß kommen ließ, war das mehr als sonderbare Verhalten der Frau seines besten Freundes, denn Maria, die sich kurz vorher mit einem beinahe haßerfüllten Blick jede weitere Einmischung von seiner Seite verbeten hatte, sagte jetzt mit einer Stimme, die so bittend und weich klang:
»Verzeihen Sie mir, lieber Freund, daß ich vorhin etwas erregt war. Entschuldigen Sie meine Heftigkeit mit meiner nervösen Überreiztheit, bitte, bitte!« Sie streckte ihm dabei ihre schmale, weiße Hand hin. Aber er durchschaute die Komödie, und ein Blick traf sie, der ihr seine Meinung deutlicher sagte als eine lange Aussprache. Trotzdem war er klug genug, einige höfliche Redensarten zu machen, die zu nichts verpflichteten. Gleich darauf verabschiedete er sich dann unter dem Vorgeben, er wolle ungesäumt die Aufklärung der rätselhaften Angelegenheit in die Hand nehmen. Man möge vorerst jedoch nicht fragen, was er vorhabe. Er würde schon, wenn es Zeit dazu wäre, sprechen. Und als ihn Dreßler an der Flurtür beim Abschied hastig daran erinnerte, daß er doch Maria noch, wie verabredet, habe auf die Probe stellen wollen, erwiderte er nur zweideutig:
»Das hat sich von selbst erledigt, Karl. Ich bin nach reiflichem Nachdenken zu einem anderen Resultat gekommen. Warte ab. Vielleicht kann ich Dir schon morgen Genaueres sagen. Auf Wiedersehen also!« –
Als Dreßler das Wielandschen Haus verlassen hatte, blieb er wie absichtslos vor der Haustür stehen, zog sein silbernes Zigarettenetui hervor und zündete sich umständlich eine Zigarette an. Dabei schaute er jedoch die Straße nach beiden Seiten hinunter. Aber von dem Manne in dem grauen Pelerinenmantel, der sich so lebhaft für die Fenster der Wohnung Durgassows interessiert hatte, war nichts mehr zu sehen. Doch Dreßler, dessen Argwohn der Unbekannte in hohem Maße erregt hatte, gab das Umherspähen nicht so schnell auf. Langsam ging er bis zur nächsten Ecke und bog in die Querstraße ein, um aber schon nach wenigen Schritten kehrtzumachen. Da erblickte er auch wieder den Grauen, der sich bis jetzt fraglos in einem Hausflur verborgen gehalten hatte.
Dreßler ging jetzt, ohne ihn irgendwie zu beachten, vorüber. Er mußte herausbekommen, ob dieser wildfremde Mensch vielleicht irgend ein Interesse an seiner Person nahm. Tat er dies, so konnte Dreßler daraus leicht weitere Schlüsse ziehen. In gemächlichem Schritt setzte der Doktor seinen Weg fort, passierte wieder den Kassubischen Markt und ging dann weiter durch die Töpfergasse nach dem Holzmarkt zu. Der in dem grauen Pelerinenmantel blieb getreulich hinter ihm, wie er bald vorsichtig feststellte. Da huschte ein leises Lächeln über sein frisches Gesicht. Und triumphierend konnte er sich eingestehen, daß er sich in seiner ersten Vermutung nicht geirrt hatte. Dieser Fremde stand vielleicht in irgend einem Zusammenhange zu dem rätselhaften Verschwinden Durgassows. Ohne Absicht hatte der Mann sicher nicht so unermüdlich diese heimlich spähenden Blicke zu den Fenstern des alten Herrn emporgeschickt. Nun hieß es nur, die Spur des Unbekannten nicht verlieren.
Dreßler war schnell mit seinem Plane fertig. Als er in die Hauptverkehrsstraße, die Langgasse, gekommen war, trat er in ein Papiergeschäft und ließ sich verschiedene Sorten Schreibpapier vorlegen. Er entschied sich für einen Karton Büttenpapier. Dann fragte er, ob er das Telephon für einen Augenblick benutzen könnte, und wenige Minuten darauf wußte Jakob Wenzel, der kleine Antiquitätenhändler, dessen Laden unter Nr. 1224 an dem Fernsprecher angeschlossen war, genau Bescheid. Hierauf nahm Dreßler den sauber eingewickelten Karton unter den Arm und verließ mit freundlichem Gruß das Geschäft.
Eine halbe Stunde später – Dreßler war während dieser Zeit anscheinend ziellos durch die Straßen gebummelt – begegnete er in der Langgasse auf der linken, weniger belebten Seite Jakob Wenzel, seinem Hausgenossen. Aber dieser schien plötzlich von einer Bekanntschaft mit dem Doktor nichts wissen zu wollen. Ohne zu grüßen, schritt er vorüber, machte dann aber bald Kehrt und folgte Dreßler in einiger Entfernung. Dabei musterte er mit seinen kleinen, schlauen Äuglein vorsichtig die vor ihm Hergehenden. Und schnell hatte er auch den Gesuchten gefunden. Kaum zwei Schritte vor ihm ging jetzt ein Mann in einem grauen Pelerinenmantel, der einen schwarzen, weichen Filzhut tief in die Stirn gedrückt hatte.
Jakob Wenzel nickte befriedigt. Er verlangsamte seine Schritte noch mehr, so daß sich die drei, der Doktor, der Graue und der kleine Händler, jetzt in einiger Entfernung folgten. Aber dieses interessante Spiel sollte bald ein Ende finden. Denn Dreßler betrat jetzt das auf dem Langen Markt gelegene Cafee Hohenzollern. Geduldig faßte der Graue davor Posten und wartete. Jakob Wenzel aber stand drüben hinter der Reihe der Taxameter, wartete auch und grinste so schadenfroh. Eine halbe Stunde verging. Ersterer ging in das Restaurant, erfuhr hier aber auf seine in etwas gebrochenem Deutsch gestellte Frage, daß der von ihm beschriebene Herr bereits vor reichlich zehn Minuten durch den anderen Ausgang nach der Hundegasse zu das Lokal verlassen habe. Mißmutig machte sich der Graue wieder davon. Er ahnte nicht, daß der vorsichtige Antiquitätenhändler ihm geduldig auf den Fersen blieb.
4. Kapitel
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Dreßler war, nachdem er sich seines Verfolgers in geschickter Weise entledigt hatte, nach Hause gegangen. Als er hier kaum seine Entreetür aufgeschlossen hatte, kam auch schon Kascha eilfertig aus der Küche herbeigetrippelt und raunte ihm leise zu:
»Herr Doktor, ist sich eine Dame da. Sie wartet in Studierstube.«
»Eine Dame?« fragte Dreßler erstaunt, aber ebenso leise.
»Ja – Dame. Ist die gnädige Frau Wieland, Herr Doktor!«
Das hatte Dreßler allerdings nicht erwartet. Mit kühler Höflichkeit begrüßte er sodann Maria, die ihm mit verlegenem Gesicht entgegentrat. Als sie Platz genommen hatte, fragte er ganz unvermittelt mit rücksichtsloser Offenheit, indem er sie dabei scharf fixierte:
»Sie wollen mir jetzt das ausliefern, was Sie mir heute nachmittag vorenthalten haben, nicht wahr?«
Der hilflose Zug in dem Gesicht der schönen Frau trat jetzt noch mehr hervor. Und während Tränen ihr in die Augen stiegen, flehte sie leise:
»Haben Sie doch Erbarmen mit mir!«
Dreßler war aufgestanden und, dicht an sie herantretend, sagte er etwas freundlicher:
»Beruhigen Sie sich, liebe Freundin. Ich werde Ihnen helfen. Nur Vertrauen müssen Sie zu mir haben, volles Vertrauen! Ich kenne Sie ja lange genug, um hoffen zu können, daß keine – verwerflichen Motive Sie zu dieser Geheimniskrämerei verleitet haben. Und jetzt geben Sie mir bitte die volle Wahrheit ohne jede Einschränkung, teilen mir auf meine Fragen alles mit, was Sie wissen und vielleicht in letzter Zeit beobachtet haben.«
Marias Tränen versiegten langsam. Ihr Widerstand war völlig gebrochen.
5. Kapitel
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»Herr Doktor, ich bin wirklich meines Vaters wegen in Sorge. Er ist schon seit Nachmittag von Hause fort, und jetzt, – ja, es ist gleich 10 Uhr. Ich bin es gar nicht gewöhnt, daß er mich verläßt, ohne mir den Zeitpunkt seiner Rückkehr wenigstens ungefähr anzugeben. Und heute eilte er in so merkwürdiger Hast von dannen, nachdem er mit jemandem ein längeres Telephongespräch geführt hatte. Er rief mir nur noch zu: »Adieu, Kind! Wann ich heimkehre, weiß ich nicht,« und dann war er auch schon fort.«
»Ich kann Ihre Sorgen völlig zerstreuen«, sagte Dreßler zu dem schmächtigen Geschöpfchen, das ihm gegenüber an dem Tisch in Jakob Wenzels Wohnzimmer saß. »Ich weiß zufällig, daß er in einer geschäftlichen Angelegenheit in der Stadt zu tun hat. Er wird zweifellos bald wiederkommen. Jedenfalls brauchen Sie ihn nicht allein zu erwarten, Fräulein Wera, – falls Sie gestatten, daß ich noch bleibe,« fügte er höflich hinzu.
Über das blasse Gesichtchen der verwachsenen Tochter Jakob Wenzels huschte eine flüchtige Röte.
»Bitte, Herr Doktor, bleiben Sie nur. Ich unterhalte mich sehr gern mit Ihnen, das wissen Sie ja.«
Es war ein eigenartiges Verhältnis, in dem Doktor Dreßler zu den Bewohnern der Parterreräume seines Hauses stand. Als er vor zwei Jahren hier einzog, hatte er sich in der ersten Zeit nicht viel um sie gekümmert. Dann brachte es ein Zufall mit sich, daß in dem Schaufenster von Jakob Wenzels Laden eines Tages eine mit eingelegter Arbeit reich verzierte Beduinenflinte auftauchte. Dreßler kaufte die Waffe, und bei dieser Gelegenheit merkte er, einen wie kunstverständigen Sinn der kleine Händler besaß. Nicht nur alte Möbel und allerlei Raritäten wußte dieser sehr genau ihrem Werte nach abzuschätzen, sondern auch seine Allgemeinbildung gingen weit über die sonstigen Kenntnisse seiner Zunftgenossen hinaus. Dabei besaß Jakob Wenzel einen erstaunlichen Lerneifer, den sein einziges, leider verwachsenes Kind immer wieder anzuregen wußte. – Wera Wenzel, die ihre Mutter früh verloren hatte, war so selbstständig erzogen, wie dies nur die eigentümlichen Lebensbedingungen in den drei Parterrezimmern von Haustor Nr. 16 mit sich bringen konnten. Ihr Vater, dessen einzige Freude sie war und der in ihr das Bild der verstorbenen Gattin fast abgöttisch weiterliebte, hatte sich das Geld vom Munde abgespart, um seinem einzigen Kinde eine gute Erziehung geben zu können. Und die Tochter dankte ihm diese Aufopferung mit einer geradezu rührenden Gegenliebe.
Zwischen Dreßler und Wera Wenzel bildete sich mit der Zeit ein Freundschaftsverhältnis heraus, wie man es selten zwischen zwei so grundverschiedenen Naturen finden wird. Wera, – Wera Wenzel! Wie seltsam hatte Dreßler dieser Name berührt, als er ihn zuerst hörte. Wera! Ein Weib blond, mit Nixenaugen und einem verführerischen Lächeln um einen süßen Mund, – so hatte er sich das Bild eines Mädchens mit diesem Namen in seiner Phantasie stets gezeichnet. – Und diese Wera, – klein, blaß, mager – und doch in dem schmalen Gesichtchen mit den großen Augen einen Zug, aus dem eine große Seele, ein feinempfindendes, tiefveranlagtes Gemüt sprach.
Eines Tages, – Dreßler konnte die Frage nicht unterdrücken, – hatte er Jakob Wenzel ausgeforscht, warum er seinem Kinde gerade diesen Vornamen gegeben habe. Und da war über den kleinen Trödler die Erinnerung an seine schönste Zeit gekommen. – Jakob Wenzel hatte noch heute eine große Vorliebe für das Theater. Und diese stammte aus der Vergangenheit her, aus jener Zeit, wo er, kaum achtzehnjährig, den Kontorschemel mit den Brettern, die die Welt bedeuten, vertauscht hatte. Er war damals einfach auf und davon gegangen, um sich einer reisenden Schauspielertruppe anzuschließen. Seine Augen leuchteten noch begeistert, wenn er wieder einmal auf jene Tage zu sprechen kam, wo er in einer der kleinen Posenschen Städte mitgeholfen hatte, eine Einnahme von durchschnittlich fünfzig Mark pro Abend zu erzielen. Und der frühere Schmierenschauspieler, damals Viktor Sorani, jetzt Jakob Wenzel, hatte sich schon in jenen Zeiten schauspielerischen Ehrgeizes gesagt, daß, falls ihm später einmal Familie beschieden sein sollte, seine Tochter nur Wera und sein Junge nur Egon heißen dürfe. Als er sich das vornahm, war er kaum zwanzig Jahre alt und mit 60 Mark Gage pro Monat bei der Truppe Gebrd. Seiler als zweiter Liebhaber und jugendlicher Komiker engagiert. Und als ihm, dem Vierzigjährigen, seine Frau dann wirklich ein Töchterlein schenkte, da nannte er sie Wera, – nach Wera, der Heldin irgend eines Birch-Pfeifferschen Rührstückes.
Doktor Dreßler saß heute nicht zum ersten Mal in dem kleinen, so behaglichen Wohnzimmer, das überall die Spuren weiblicher Sorgfalt und feinen Geschmackes zeigte. Für Jakob Wenzel, den Antiquitätenhändler, war dieser Raum mit seinen eleganten Möbeln, den teuren Stichen und dem großen Teppich, dessen Muster zu dem Bezug der Sessel ebensogut wie zu der blaugrauen Tapete paßte, eigentlich viel zu vornehmen. Jedenfalls hätte ein Besucher des kleinen Ladens, in dem auf Wandbrettern und in hohen Gestellen tausend Dinge, vom getragenen Militärrock bis zum alten, aus Elfenbein geschnitzten Schachspiel einfach alles vorhanden war, nie vermutet, hinter diesem Laden und einem ebenso vollgepfropften Korridor ein so anheimelndes Gemach zu finden, das so ganz eine Welt für sich bildete und in dem zwei Menschen ein einsames und doch zufriedenes Leben führten.
Der Doktor hatte, nachdem Frau Wieland ihn verlassen, mit großer Sorgfalt sich die Ereignisse dieses Tages mit all ihren Einzelheiten notiert, trotzdem er ein sehr gutes Gedächtnis besaß. Dann erst sprach er mit ebenso großem Eifer dem Abendessen zu, das Kascha ihm in der schnell wieder zum Speisezimmer umgewandelten anderen Seite seiner Studierstube aufgetischt hatte.
Inzwischen war es neun geworden, und Dreßler verspürte allmählich, wie seine Nerven nach all den Aufregungen zu streiken begannen. Was half es ihm, daß er seine Gedanken von diesen Geschehnissen abzulenken versuchte, daß er sich an seinem Arbeitstisch zu schaffen machte und dazu eine Zigarette nach der anderen rauchte. Sein Denken drehte sich ja doch immer wieder um denselben Mittelpunkt: Um den rätselhaften Fall Michael Durgassow. – Schließlich flüchtete er sich dann hinunter in Jakob Wenzels Behausung. Und was er selbst nicht vermocht hatte, die blasse Wera brachte es fertig. Er vergaß Michael Durgassow und die Sorgen seiner Freunde wenigstens für kurze Zeit.
Die beiden plauderten jetzt so angeregt von diesem und jenem, dann, nach einer Pause im Gespräch, bat Dreßler in seiner liebenswürdigen Art:
»Sie könnten mir etwas vorspielen, Fräulein Wera, ich träume so gern dabei.«
Ohne Zögern erhob sie sich und schlug den Deckel des Pianos zurück. Einige Akkorde anschlagend, fragte sie, sich halb zu ihm hinwendend:
»Ernst oder heiter, Herr Doktor?«
»Ernst – dämonisch, geheimnisvoll,« meinte er lächelnd und nickte ihr zu.
Sie setzte sich und sann wenige Augenblicke nach. Dreßler aber vertauschte ganz leise seinen bisherigen Platz mit einem Schaukelstuhl, in den er sich behaglich zurücklehnte.
Dann spielte sie den »Feuerzauber« aus der Walküre. Und wieder, wie schon so oft, kam dem Manne der Gedanke, welchen Schatz von Talenten dieser schmächtige, verunstaltete Mädchenkörper in sich barg. Er lauschte, schloß die Augen. Da kam die Sehnsucht über ihn, – wie stets, wenn er Musik hörte, diese Sehnsucht nach einem großen Glück, das für ihn doch nur Anna Wieland heißen konnte.
Und die, die in ihm diese Sehnen nach dem geliebten Weibe durch die Macht der Töne geweckt hatte, saß da und legte ihren ganzen, stets so still verborgenen Glückshunger in ihr Spiel. Plötzlich brach das Brausen der Töne mit einem schrillen Diskantton ab. Erstaunt öffnete Dreßler die Augen. Und was er sah, wunderte ihn mehr als die Überraschungen des Tages. – Wera Wenzel hatte die Arme auf die Klaviatur gestützt und ihr Gesicht in den Händen verborgen. Sie weinte, daß ihr zarter Körper hin und her geschüttelt wurde. Und trotzdem hörte man nichts als ein leises, leises Wimmern.
Dreßler war aufgestanden und hinter sie getreten.
»Fräulein Wera, - was haben Sie denn? Was quält sie?« – Da stand sie jäh auf. Und mit einer Energie, die sie unter Tränen lächeln ließ, sagte sie: »Seien Sie nicht böse, Herr Doktor. Aber bisweilen packt es mich so wunderbar bei den Klängen dieser Musik. Sie würden’s Hysterie nennen, Sie, der Mann mit den Stahlnerven.«
»Und meinen Sie, daß der Mann mit den Stahlnerven kein – Empfinden hat?« fragte er fast verletzt. Da drehte sie sich von ihm weg und trocknete ihre Augen.
»Doch, ich glaub’ es schon,« klang’s wehmütig zurück. – »Aber jetzt nehmen Sie bitte wieder Platz,« fuhr sie schnell fort. »Und hier – hier sind auch Zigaretten. Ihre Schwärmerei!« – Dabei lachte sie beinahe spitzbübisch. »Wenn Sie’s nicht entsetzt, zünde ich mir auch eine Papyros an, so – danke!«
Wieder saßen sie sich gegenüber an dem runden Mitteltisch. Aber die zwanglose Unterhaltung von vorhin wollte nicht mehr in Fluß kommen. Dreßler war nicht bei der Sache. Er dachte an anderes. – Sollten Weras Tränen etwa einer aussichtslosen Neigung gegolten haben, sollte etwa er selbst derjenige sein, den die arme Verwachsene liebte? – Und Dreßler, der vorzügliche Menschenkenner, der jede, selbst die leiseste Gemütsregung bei anderen bemerkte, verfolgte jetzt mit stillem Bedauern diese Gedanken weiter, während er dem jungen Mädchen zerstreut zuhörte. So manches fiel ihm jetzt erst in Weras ganzem Benehmen ihm gegenüber auf, was er bisher kaum beachtet hatte. Kleinigkeiten waren es nur, und doch ergaben sie, nunmehr in ihrer Gesamtheit aneinander gereiht, eine sichere Beweiskette für seine Vermutung. Kein Zweifel: Wera Wenzel, die ihm jetzt in so anschaulicher Weise von dem intimen Reiz und dem hohen künstlerischen Wert der Zoppoter Waldfestspiele erzählte, welche zu besuchen er bisher verabsäumt hatte, liebte ihn seit langem. Und bei dieser Erkenntnis stieg in Hans Dreßlers den weichsten Regungen so leicht zugänglichem Herzen ein tiefes Mitleid auf.
Zum Glück – denn jetzt war ihm das weitere Alleinsein mit ihr nur eine Qual – hörte er bald darauf die schlecht geölte Haustür in ihren Angeln kreischen und dann einen schnellen Schritt auf dem Flur. »Es ist Ihr Vater, Fräulein Wera,« meinte er scharf hinaushorchend. »Ich erkenne seine Art zu Gehen sofort. – Richtig, da ist er schon.«
Jakob Wenzel schien bei dem Anblick Dreßlers durchaus nicht angenehmen überrascht zu sein. Aber die Falte, die sich für einen Moment in seine Stirn eingegraben hatte, glättete sich ebenso schnell, und, seine Verwirrung geschickt verbergend, streckte er dem Besucher zur Begrüßung die Hand hin.
»Guten Abend, Herr Doktor. – Guten Abend, Wera.«
Er küßte seine Tochter flüchtig auf die Stirn, so flüchtig trotz der langen Abwesenheit, daß das junge Mädchen ihn ganz erstaunt anblickte. Schon wollte er sich zu den beiden an den Tisch setzen, rief dann aber noch schnell Wera ins Nebenzimmer, nachdem er sich bei Dreßler entschuldigt hatte, und fragte sie leise:
»Habt Ihr etwa über die – Statue gesprochen?«
»Nein, kein Wort.«
»Und hast du dem Doktor gegenüber auch nichts über meinen Bruder erwähnt?«
»Nein, weder ihm noch sonst jemanden gegenüber. Aber was soll dies alles, Vater?«
Wenzel atmete bei dieser Antwort sichtlich erleichtert auf und ging dann ins Wohnzimmer zurück, ohne Weras Frage weiter zu beachten.
»Sie werden neugierig sein, was ich ausgerichtet habe,« begann er dann sofort von der Angelegenheit zu sprechen, die Dreßler augenblicklich am meisten interessieren mußte. »Wir können die Sache ruhig in Gegenwart meiner Tochter verhandeln, Herr Doktor. Wera ist verschwiegen wie das Grab. Ich pflege vor ihr keine Geheimnisse zu haben.«
»Sollen Sie auch gar nicht, lieber Wenzel,« erklärte Dreßler zustimmend. »Also beginnen Sie!«
Der kleine Händler zögerte etwas. In seinem ganzen Gebaren zeigte sich auch jetzt noch eine gewisse Unruhe, etwas Fahriges, Unsicheres, das dem Doktor aber merkwürdigerweise entging. Nur Wera musterte ihren Vater immer wieder verstohlen mit prüfenden Blicken.
»Ja, leider sind meine Bemühungen ganz ergebnislos gewesen,« begann Wenzel jetzt hastig. Er vermied es beim Sprechen jedoch, Dreßler anzusehen, starrte vielmehr andauernd vor sich hin auf das feine Gewebe der Tischdecke.
»Ich bin dem Mann in dem grauen Pelerinenmantel, wie Sie es gewünscht hatten, überall hin gefolgt. Zunächst suchte der Unbekannte, nachdem er Ihre Spur verloren hatte, ein Restaurant auf und ließ sich etwas zu essen geben. In dem Lokal – es war das Restaurant Deutsches Haus am Holzmarkt – blieb er bis gegen 8 Uhr. Ich benutzte die Zeit, um gleichfalls etwas zu mir zu nehmen. Dann brach der Fremde auf und bestieg einen Wagen der elektrischen Bahn und fuhr nach dem Vorort Neufahrwasser hinaus. Hier in den menschenleeren Straßen des Hafenplatzes gestaltete sich die weitere Verfolgung recht schwierig. Trotzdem blieb ich immer hinter ihm, ließ ihn nicht aus den Augen. Aber – auch dies half nichts. Denn mit einem Mal war der Mann in einer der engen, auf den Hafen mündenden Gassen und zwar in der Herberstraße spurlos verschwunden. Ich suchte noch eine gute halbe Stunde, um wenigstens das Haus herauszufinden, in das er so schnell geschlüpft war. Aber alles umsonst. Da mußte ich wohl oder übel nach Danzig zurückkehren.«
Dreßler war durch diesen Bericht keineswegs entmutigt.
»Wenn wir nur wissen, daß der Fremde sich in Neufahrwasser aufhält, dann werden wir ihn schon finden, lieber Wenzel. Jedenfalls danke ich Ihnen bestens für Ihre Unterstützung. Sie haben aber nunmehr ein Recht von mir zu erfahren, warum ich eine so lebhafte Teilnahme für den Grauen zeige. Selbstverständlich rechne ich auf Ihre volle Diskretion. Sie werden ja bald selbst sehen, daß die Sache mit größter Verschwiegenheit zu behandeln ist.«
Darauf erzählte er den beiden alles, was er über den Fall Durgassow bisher in Erfahrung gebracht hatte. Und als es nichts mehr zu erwähnen gab, fügte er freundlich hinzu: »Mir wäre es nun sehr angenehm, lieber Wenzel, wenn Sie mir auch fernerhin helfen wollten. Es gibt bei dieser Angelegenheit sicher noch eine ganze Menge zu tun, was ich unmöglich allein erledigen kann. Vielleicht macht es Ihnen auch Spaß, einmal so ein wenig Detektiv zu spielen. Darf ich mich also an Sie wenden, falls ich eine zuverlässige Person nötig habe?«
»Aber gern, sehr gern, Herr Doktor,« entgegnete der kleine Händler eifrig. »Jeden Augenblick stehe ich zu Ihrer Verfügung. Mich interessiert die Sache außerordentlich. Ich glaube, gerade das Geheimnisvolle würde wohl jeden reizen. Außerdem, ich bin Ihnen ja auch sehr zu Dank verpflichtet, Herr Doktor. Sie haben mir manchen guten Kunden zugeführt.«
»Halt, da fällt mir eben ein,« rief Dreßler lebhaft, »daß wir ja noch ein Geschäft miteinander abzuwickeln haben. Sie sagten mir doch, als wir uns heute mittag vor der Haustür begegneten, daß die Buddha-Statue glücklich angelangt ist. Wenigstens deutete ich mir Ihre Worte: »Jetzt hab’ ich sie!« in diesem Sinne.«
Jakob Wenzel nickte.
»Die Statue ist wirklich da. Ich hoffe, sie wird Ihren Erwartungen entsprechen. Es ist alte Arbeit, das sieht man auf den ersten Blick. – Wera, geh’ und hole bitte die Statue. Sie steht in dem Mittelspind im Laden. Hier sind die Schlüssel.«
Dreßler konnte das seltene Stück, das den aus Elfenbein geschnitzten altmexikanischen Gott Vitzliputzli in der charakteristischen Haltung mit über der Brust gekreuzten Armen darstellte und vielleicht zwanzig Zentimeter hoch war, gar nicht genug bewundern.
»Hat Ihr Bruder Ihnen vielleicht auch geschrieben, wo er die Statue erworben hat?« fragte Dreßler dann den Antiquitätenhändler, indem er die Elfenbeinschnitzerei, die offenbar Jahrhunderte alt war, noch immer mit den begeisterten Augen des Sammlers betrachtete.
»Ja, – in Mexiko von einem Chinesen,« erwiderte Wenzel. »Und der Preis ist trotz der Seltenheit des Stückes gering, – dreihundert Mark.«
»Die bezahle ich gern,« lachte Dreßler. »Meine brave Kascha wird allerdings wieder sagen: »Wie kann man nur für son Zeugs soviel Geld ausgeben!« Aber ihr fehlt eben jedes Verständnis. Sie schätzt meine Sammlung nur danach ein, welche Stücke leicht und welche schwer sauber zu halten sind.«
Dann fühlte sich Dreßler verpflichtet, auch eine Frage nach dem Ergehen von Albert Wenzel, dem jüngeren, seit längerer Zeit in Mexiko ansässigen Bruder des kleinen Händlers, an diesen zu richten.
»Was treibt Ihr Bruder jetzt eigentlich drüben in Mittelamerika?« meinte er, die Statue vor sich auf den Tisch stellend. »Denkt er noch immer nicht daran, in seine alte Heimat zurückzukehren?«
Jakob Wenzel kam diese Frage augenscheinlich sehr ungelegen. Leicht wurde ihm die Antwort jedenfalls nicht. Zunächst zuckte er die Achseln, als ob er sagen wollte: »Der scheint sich nach Europa gar nicht mehr zurückzubangen.« – Dann rieb er sich verlegen die Hände und brachte endlich heraus:
»Er erwähnte nichts davon. Nur daß es ihm gut geht, und er für längere Zeit wieder ins Innere verreisen wolle. Ich dürfe ihm daher auch nicht eher schreiben, bis er mir seine neue Adresse mitgeteilt hätte.«
Bei dieser Antwort richtete sich Wera ganz erstaunt auf. Schon wollte sie eine Bemerkung machen, aber ein strenger Blick ihres Vaters ließ sie schweigen.
Dem ahnungslosen Dreßler entging auch dieser Zwischenfall. Bedauernden Tones sagte er nur:
»Schade, daß Ihr Bruder in nächster Zeit nicht zu erreichen ist. Ich hätte mir gar zu gern bei ihm noch andere mexikanische Altertümer bestellt.«
Inzwischen war es recht spät geworden. Dreßler verabschiedete sich daher und stieg, den neuerworbenen Schatz sorgfältig im Arm tragend, die steile Treppe zu seiner Wohnung empor. –
Als er gegangen war, herrschte zwischen den Zurückbleibenden erst eine Weile ein drückendes Schweigen. Dann wandte sich Jakob Wenzel etwas verlegen an seine Tochter.
»Wera, ich habe meine bestimmten, sehr schwerwiegenden Gründe gehabt, weswegen ich dem Doktor soeben die Unwahrheit sagte. Dreßler darf auf keinen Fall erfahren, daß Dein Onkel Albert bereits in London ist. Er hat die Kiste, in der mein Bruder die Statue schickte, nicht gesehen und somit keine Ahnung, wo sie auf die Post gegeben ist, – ob in Mexiko oder in London. Mag er bei dem Glauben bleiben, daß Albert noch in Amerika weilt.«
»Aber weshalb nur diese Heimlichkeiten, Vater?« fragte das junge Mädchen beinahe vorwurfsvoll. »Du, der bisher die Wahrheit so über alles liebte, der mir stets so sehr eingeschärft hat, die Lüge als etwas Verabscheuungswürdiges zu hassen. – Du hintergehst jetzt einen Menschen, der uns stets mit größter Freundlichkeit behandelt hat und uns nie fühlen ließ, daß er gesellschaftlich weit über uns steht?! – Wozu das alles! Außerdem, glaubst Du denn, ich hätte nicht gemerkt, daß Du heute bei Deiner Rückkehr ganz, ganz anders warst als sonst, – beinahe scheu, so, als ob Du plötzlich ein schlechtes Gewissen hattest? Was ist Dir denn während Deiner Abwesenheit begegnet, das Dich derart verändern konnte?«
»Verspricht mir, gegen jedermann zu schweigen, und Du sollst die Wahrheit erfahren,« sagte Jakob Wenzel ernst.
Wera zauderte.
»Gut,« erklärte sie endlich. »Ich werde schweigen, trotzdem ich nicht begreifen kann, weshalb wir gerade vor dem Doktor, der uns noch soeben einen so deutlichen Beweis seines vollsten Vertrauens durch die Erzählung der merkwürdigen Angelegenheit mit dem alten Herrn Durgassow gegeben hat, Geheimnisse haben sollten.«
»Ich habe Dein Wort, Wera,« meinte Wenzel, ohne auf ihre Bemerkung näher einzugehen. »Wisse also: Ich traf heute abend meinen Bruder hier in Danzig, wo er eine geschäftliche, die strengste Diskretion erfordernde Sache zu erledigen hat und sich daher hier sozusagen inkognito aufhält.«
Das junge Mädchen konnte ihr Erstaunen über diese Nachricht nicht verbergen.
»Wie, Deinen Bruder hast Du gesprochen, Vater, – wirklich, Deinen Bruder?! Aber er schrieb doch noch in dem dem Paket beigefügten Briefe, daß er vorläufig in London zu bleiben gedenke. Und nun ist er plötzlich hier in Danzig?«
»Ja. Ich traf ihn auch nur ganz zufällig, als ich jenem Fremden nachging, mit dessen Beobachtung mich Dreßler betraut hatte,« entgegnete der kleine Händler stockend.
Wera schüttelte den Kopf.
»Hat der Onkel Dich den bei der Verfolgung des Unbekannten begleitet, daß Ihr soviel Zeit fandet, lange Gespräche zu führen,« meinte sie mit deutlichem Argwohn.
Jakob Wenzel wußte auf diese unerwartete Frage so schnell keine passende Antwort. Daher sagte er beinahe unwirsch:
»Wo wir uns trafen, ist ganz gleichgültig. Jedenfalls hast Du reinen Mund zu halten, verstehst Du, Wera! – Und nun gute Nacht. Ich bin müde. Und erwähne meinen Bruder am besten vorläufig überhaupt nicht mehr. Er verläßt Danzig ohnehin schon morgen.« –
Wera Wenzel verbrachte eine schlaflose Nacht. Immer wieder überlegte sie sich das, was ihr Vater mit ihr besprochen hatte. Sein Verhalten war ihr völlig unverständlich. Und sie weinte schließlich bittere Tränen, weil zum ersten Mal etwas wie eine Entfremdung zwischen ihnen entstanden war.
6. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Hans Dreßler war ein Frühaufsteher und seit langem gewöhnt, in der warmen Jahreszeit seinen Morgenkaffee spätestens um halb sieben Uhr einzunehmen. Daher konnte er am folgenden Tage, einem sonnenklaren Sonntag, auch bereits um sieben Uhr zu dem notwendigen kleinen Ausflug nach Neufahrwasser aufbrechen, wo er in der Herberstraße, in der der Mann im grauen Pelerinenmantel nach Jakob Wenzels Angabe so urplötzlich unsichtbar geworden war, diesem Unbekannten vorsichtig nachspüren wollte. Leider blieb diese Fahrt nach dem Hafenvorort jedoch ohne jedes Resultat. Dreßler untersuchte zunächst die einzelnen Gebäude der engen Gassen daraufhin, ob eines von ihnen vielleicht einen zweiten Ausgang nach einer anderen Straße hätte. Dies war aber bei keinem einzigen der Fall. Mithin konnte der Graue nur in eines der niedrigen, meist einstöckigen und recht altertümlichen Häuser geschlüpft sein. Der Doktor machte sich nach dieser Feststellung an die nicht gerade angenehme Aufgabe, in den Wohnungen vorsichtig nach dem Fremden Nachfrage zu halten.
Hierbei kamen ihm die Erfahrungen aus seiner früheren Tätigkeit als Detektiv sehr zu statten. – Es war bereits 10 Uhr geworden, als er dann ziemlich mißmutig mit der elektrischen Bahn nach Danzig zurückkehrte, da er auch nicht den geringsten Erfolg zu verzeichnen hatte. Zu Hause angelangt, setzte er sich sofort an seinen Arbeitstisch und entwarf folgendes Inserat, das er in den Danziger Kurier, dieselbe Zeitung, in deren Leitartikel vom letzten Dienstag Durgassow die vielsagenden Zeilen: »Schon viele Minister tauchten in der Versenkung unter, weil sie einer bestimmten politischen Gruppe unbequem waren« rot umrändert hatte, einrücken lassen wollte:
Minister-Versenkung. Wo bist Du zu treffen? Ich sehne mich nach Dir, M. Antwort unter M. V.
»So, das wäre erledigt,« dachte Dreßler und schob das Inserat in einen Briefumschlag. »Ich hoffe, diese wie eine Bitte um ein zärtliches Rendezvous anmutenden Zeilen werden niemandem auffallen. Sie sehen harmlos aus und müssen Durgassow doch, falls er in seinem Versteck auf die kluge Idee kommen sollte, gerade den Annoncenteil des Kuriers zu durchblättern, ihrer Überschrift wegen aufstoßen. Ich muß eben unbedingt wissen, wo der alte Herr sich zur Zeit aufhält, um mich mit ihm in Verbindung setzen zu können. Ist dies erst geglückt, so werden wir über die weiteren Schritte, die im Interesse aller Beteiligten getan werden müssen, schon einig werden.«
Eine halbe Stunde später begab er sich dann zu Wielands.
»Die Herrschaften zu Hause?« fragte er das ihm öffnende Stubenmädchen.
»Bedaure, Herr Doktor. Die Herrschaften sind vor wenigen Minuten nach der Schichauwerft gefahren, wo heute der neue Lloyddampfer »Kaiser Friedrich« vom Stapel läuft.«
Bei dieser Nachricht atmete Dreßler erleichtert auf. Es schien zwischen dem Ehepaar ja bereits wieder die vollkommenste Harmonie zu bestehen. Glücklicher Freund! Wie schnell ihn doch die heiße Liebe zu seinem Weibe, seiner vergötterten Maria, all die Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit hatte vergessen lassen.
»Bestellen Sie bitte, daß ich Nachmittags gegen vier Uhr nochmals vorsprechen werde,« gab er dann dem Mädchen Bescheid.
In demselben Augenblick öffnete sich eine der in den Korridor mündenden Türen, und Anna Wieland in hellem Sommerkostüm, zum Ausgehen fertig, stand Dreßler gegenüber.
Die Begrüßung fiel von beiden Seiten weniger herzlich aus als sonst.
»Ich will das herrliche Wetter zu einem Spaziergang nach dem Langfuhrer Walde benutzen,« erklärte Anna Wieland in ziemlich kühlem Tone. »Maria und Karl sind zum Stapellauf gegangen, ein Ereignis, das mich selbst recht wenig interessiert, da ich derartigen Festakten bereits mehrfach beigewohnt habe.«
Sie waren inzwischen die Treppe hinabgestiegen und standen jetzt vor der Haustür auf dem Bürgersteig.
»Fräulein Anna,« bat Dreßler nach kurzem Überlegen, »würden Sie mir wohl einen großen Gefallen tun?«
»Wenn mir die Erfüllung Ihres Wunsches möglich ist, warum nicht?« entgegnete sie noch immer mit derselben Zurückhaltung.
»Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen anschließe. Ich habe ohnehin mit Ihnen Verschiedenes durchzusprechen und möchte mir bei Ihnen auch in der Angelegenheit Durgassow Rat holen.«
»Bitte, – wenn’s weiter nichts ist.« – Auch dies klang wieder so kühl, daß Dreßler daraufhin mit einem schnellen prüfenden Blick ihr Gesicht streifte. Aber er schwieg vorläufig. –
In wenigen Minuten brachte der Vorortzug sie nach Langfuhr hinaus. Im nördlichen Teile des hügeligen Stadtwaldes mit seinen uralten Eichen- und Buchenbeständen begegneten sie auf den schattigen Wegen nur wenigen Spaziergängern. – Es war einer jener wunderbaren Junivormittage, in denen jeder das frische Grün der Bäume um sich und den lachenden Sonnenschein über sich wie ein Geschenk Gottes empfinden mußte, einer jener Tage, die uns mitteilsam machen, weil die äußere Schönheit der Natur unser Herz mit beglückender Daseinsfreude erfüllt.
Die beiden waren die steile Anhöhe am nördlichen Rande des Waldes emporgestiegen und dann auf dem mit Bänken versehenen, höchsten Aussichtspunkt stehen geblieben. Vor ihnen lagen jetzt weite Felder, in der Ferne die in grüne Baumgruppen eingebetteten Häuser Olivas und Zoppots, dahinter der blaue Spiegel der Danziger Bucht, der am Horizont mit dem wolkenlosen Himmel in eins zerfloß.
»Es ist schön hier bei uns, wunderbar schön,« sagte Anna Wieland nach einer Weile träumerisch. »Schon oft habe ich gewünscht, dieses herrliche Landschaftsbild auf die Leinwand bannen zu können. Aber leider, – dazu reicht mein kleines Talent nicht aus.«
»Sie denken sehr bescheiden von Ihrer Kunst, Fräulein Anna. Versuchen Sie’s doch einmal! Ich meine, ein besserer Platz zu beschaulicher Arbeit nach der Natur läßt sich kaum finden als dieser hier. Am Alltag ist der Wald hier noch einsamer.«
Inzwischen hatten sich Anna Wielands Gedanken bereits wieder von dem Einfluß dieser farbenfrohen, abwechselungsreichen Umgebung frei gemacht. Sie fürchtete, daß Dreßler sie in ein längeres Gespräch über Kunst verwickeln könnte. Und das wäre ihr sehr ungelegen gekommen, da sie diese Zeit des Alleinseins mit ihm lediglich für die Interessen ihres Bruders auszunutzen gedachte und außerdem auch neugierig war, was der Doktor ihr wohl mitzuteilen hätte. Deshalb ging sie auf seine letzte Bemerkung nicht näher ein, sondern sagte, indem sie mit ihrem Sonnenschirm nach einer abseits stehenden Bank deutete:
»Ich denke, wir nehmen dort für eine Weile Platz. So können wir ganz ungestört und in aller Ruhe das Nötige besprechen.«
»Gut. Ich bin einverstanden,« erwiderte Dreßler und stäubte dann fürsorglich erst mit seinem Taschentuch die Holzbank ab, damit die helle Toilette seiner Begleiterin nicht durch den Staub leide.
»Fräulein Anna,« begann er, nachdem sie sich gesetzt hatten, »daß ich kein Freund von langen Einleitungen bin, wissen Sie. Daher zunächst zu Punkt eins: Sie haben irgend etwas gegen mich. Das merkte ich heute schon bei der Begrüßung. Bitte, – was ist’s?«
»Sie sind nicht ehrlich gegen Karl, Herr Doktor,« erwiderte sie ohne Zögern. »Ich weiß genau, daß Maria gestern gegen Abend bei Ihnen war, – sicherlich, um wegen des Verschwindens ihres Vaters mit Ihnen nochmals Rücksprache zu nehmen. Diesen Besuch hat sie uns verschwiegen. Und das hätte meine Schwägerin nie getan, wenn sie nicht gewußt hätte, daß auch Sie darüber reinen Mund halten würden. Also liegt so etwas wie ein Komplott zwischen Ihnen und Maria vor, – irgendwelche Heimlichkeiten, die, falls mein Bruder davon erfährt, die Situation in unserem Haus nur wieder zuspitzen würden.«
»Woher wissen Sie denn, daß Ihre Schwägerin mich gestern aufgesucht hat?« fragte Dreßler ohne jede Empfindlichkeit über diese Vorwürfe.
»Ich sah Maria aus Ihrem Hause herauskommen.«
»Daher also. – Nun gut, – Ihre Schwägerin war bei mir. Und für diesen Schritt, der ihr sicher nicht leicht geworden ist, müssen wir alle ihr Dank wissen. – Sie sehen mich etwas ungläubig an. Doch – es ist so. Um Marias Verhalten aber ganz zu begreifen, sollen Sie erfahren, was ich über den Fall Durgassow heute bereits weiß. Ich sage, »den Fall Durgassow«. Denn wir haben es hier tatsächlich mit einer ziemlich verwickelten, durchaus nicht leicht zu nehmenden Angelegenheit zu tun. Selbstverständlich rechne ich, wenn ich Sie, Fräulein Anna, ins Vertrauen ziehen, mit Ihrer Verschwiegenheit, die Sie auch Karl gegenüber vorläufig bewahren müssen, selbst wenn Ihnen das auch noch so schwer fallen sollte. Wenn Sie erst alles erfahren haben, dürften Sie es wahrscheinlich selbst für am richtigsten halten, Ihren Bruder fürs erste in die eigentliche Sachlage nicht einzuweihen.«
Wortlos, nur bisweilen wie in ungläubigem Erstaunen den Kopf schüttelnd, hörte das junge Mädchen zu.
»Und jetzt, wo Sie die vorliegenden Verhältnisse bis ins einzelne zu überschauen vermögen,« fügte Dreßler hinzu, nachdem es nichts mehr zu berichten gab, – »jetzt sagen Sie mir ganz offen, Fräulein Anna, Sie, die Sie Ihren Bruder wohl mit am besten kennen werden: Meinen Sie, daß Karl sich so leicht damit abfinden wird, eine junge Dame mit einer so mysteriösen Vergangenheit, noch dazu unter einem falschen Namen, zur Frau genommen zu haben?«
Anna Wieland schwieg unschlüssig und zeichnete nachdenklich mit dem Schirm verschlungene Linien auf den noch taufeuchten Boden.
»Karl liebt Maria unendlich, – das ist ja auch Ihnen bekannt, Herr Doktor,« meinte sie dann. »Trotzdem dürfte meines Bruders seelisches Gleichgewicht aufs schwerste erschüttert werden, wenn er von all diesen rätselhaften Dingen etwas erfährt. Karl ist eben seinen ganzen Anschauungen nach ein großer Feind aller unklaren Verhältnisse, jeder Heimlichkeit. Man könnte ihn in dieser Beziehung beinahe einen Pedanten nennen. Daher bin ich auch dafür: Wir wollen ihn zunächst über Durgassows Vergangenheit und die damit in Zusammenhang stehenden jetzigen Ereignisse im Unklaren lassen. Vielleicht bietet sich uns später ein Weg, ihm die Enttäuschung, von seiner Frau in gewisser Weise hintergangenen zu sein, ganz zu ersparen.«
»Ich freue mich, daß Sie sich auf meinen Standpunkt stellen, Fräulein Anna,« sagte Dreßler, ihr warm die Hand hinstreckend, da er sich durch diese ihre Meinungsäußerung auch in seinem eigenen Gewissen sehr beruhigt fühlte. »Es ist immer eine heikle Sache, einem so guten Freunde gegenüber, wie Karl mir einer ist, mit falschen Karten zu spielen, mag man dabei auch noch so gute Absichten haben. Man kann eben nie vorausahnen, wie der Betreffende nachher dieses zu seinem Wohl inszenierte Ränkespiel auffaßt.«
»Nun – jetzt werden Sie über diese Zweifel leichter hinwegkommen, lieber Herr Doktor, nicht wahr?« lächelte Anna Wieland. »Hinter Ihnen steht jetzt sozusagen der Familienrat, der Ihr Tun billigt und deckt. Karl wird, falls wir ihm wirklich reinen Wein einschenken müssen, schon einsehen, wie wir alle nur auf die Erhaltung seines Eheglücks bedacht gewesen sind. Eigentlich kann er sich glücklich schätzen, einen so aufopfernden Freund, wie Sie es sind, zu besitzen. Manch einer würde sich schön hüten, sich in Angelegenheiten zu mischen, bei deren Erledigung er sich vielleicht die Finger verbrennen kann.« –
Noch eine gute halbe Stunde sprachen die beiden über allerhand Einzelheiten des Falles Durgassow. Dreßler entwickelte Anna Wieland dabei in großen Zügen seinen Schlachtplan. Mit stiller Bewunderung lauschte sie seinen Ausführungen, die ihr zeigten, in welch klarer Weise er die Sachlage überschaute und wie er jede sich ihm darbietende Möglichkeit nur dazu benutzen wollte, alle Unzuträglichkeiten von der ihm so nahestehenden Familie abzuwehren.
»Wer Sie so reden hört, Herr Doktor,« meinte sie im Laufe des Gesprächs ehrlich, »so übersichtlich, so scharf durchdacht, der würde Sie eher für einen gewiegten Kriminalisten als einen harmlosen Privatgelehrten halten, der seine größte Freude im Sammeln von allerhand Raritäten und im Anstellen chemischer Experimente findet.«
Dreßler zögerte mit einer Erwiderung. Hier bot sich ihm endlich eine Gelegenheit, eine Aussprache herbeizuführen, die er bisher stets vermieden hatte. Und kurz entschlossen sagte er jetzt, indem er sie dabei prüfend anschaute, um jede Veränderung in ihren Zügen wahrnehmen zu können:
»Und wenn ich nun wirklich einmal Detektiv gewesen wäre, Fräulein Anna? Würden Sie mich deswegen vielleicht weniger achten? Es gibt ja so viele Menschen, die in dem Detektiv-Beruf etwas – Unehrenhaftes sehen, eben weil die Leute dieses Standes gezwungen sind, zur Erreichung ihres Zieles nach allen möglichen Mitteln zu greifen, die häufig mit den allgemein üblichen Anschauungen über Offenheit und Ehrlichkeit nicht in Einklang zu bringen sind.«
»Sie – Detektiv?! Sie scherzen?!«
»Ich scherze nicht. Über ein Jahrzehnt gehörte ich zu den gesuchtesten Privatdetektivs Deutschlands. Für die große Welt war ich allerdings stets nur der Privatgelehrte Hans Dreßler. Und bestimmte Gründe bewogen mich, sogar Karl gegenüber über diese meine frühere Tätigkeit zu schweigen.«
»Bestimmte Gründe? Etwa weil Sie fürchteten, mein Bruder würde den einstigen Detektiv weniger schätzen als den Mann, den er nur als Chemiker kannte? – Da taxieren Sie Karl denn doch zu gering ein. Jedem, der Gelegenheit hat, Sie genauer kennen zu lernen, müßte Ihre Personen lieb und wert werden, Herr Doktor, jedem! Denn unter Ihrer kühlen, gleichmäßigen Ruhe leuchtet ja immer wieder Ihr edles, mitfühlendes Herz hervor.«
Anna Wieland wollte noch mehr hinzufügen. Aber noch zur rechten Zeit war ihr zum Bewußtsein gekommen, daß sie als junges Mädchen dem unverheirateten Herrn gegenüber unmöglich in diesem Tone fortfahren dürfe und daß eine so begeisterte Würdigung seiner Persönlichkeit leicht von ihm falsch aufgefaßt werden könnte.
Eine heiße Blutwelle war ihr in das Gesicht gestiegen. Und um ihre Verwirrung zu bemänteln, zog sie jetzt ihre Uhr und sagte schnell:
»Es ist Zeit, daß wir heimkehren, Herr Doktor. Ich möchte nicht zu spät zu Tisch kommen.«
Schweigend schritten sie dann den steilen Pfad wieder hinunter und bogen in den nach dem Langfuhrer Marktplatz führenden Weg ein, um von dort die Straßenbahn nach Danzig zu benutzen. Hans Dreßler aber schalt sich einen Toren, daß er auch heute nicht den Mut gefunden hatte, Anna Wieland seine Liebe zu gestehen, gerade heute, wo er aus ihren Reden und ihrem ganzen Verhalten eine so beglückende Erkenntnis hatte schöpfen können.
Als die beiden gerade an der Haltestelle der Straßenbahn angelangt waren, begegnete ihnen Wera Wenzel, die anscheinend gleichfalls von einem Spaziergang zurückkehrte, da sie einen großen Strauß von Feldblumen und Gräsern in der Hand trug. Dreßler grüßte vertraulich, erhielt aber nur einen recht flüchtigen Gegengruß. Und es entging ihm nicht, wie forschend die Augen des verwachsenen Mädchens die Gestalt und das Gesicht seiner Begleiterin überflogen hatten.
»Das war meine Hausgenossin Wera Wenzel,« sagte er erklärend zu Anna Wieland. »Ich habe Ihnen von dem armen Geschöpfchen bereits mehrfach gesprochen, dessen verunstalteter Körper eine so künstlerische, reiche Seele birgt.«
»Ich entsinne mich. Es ist die Tochter des kleinen Trödlers aus Ihrem Hause. Schade, daß das Schicksal dem armen Wesen zu dem feinen, geistvollen Antlitz nicht auch einen entsprechenden Körper beschert hat,« meinte sie mitfühlend.
Dann bestiegen sie den Wagen der Straßenbahn.
Wera Wenzel hatte, als sie an den beiden vorüber war, die Lippen wie gepeinigt von einem plötzlichen körperlichen Schmerz fest aufeinander gepreßt. Ihr blasses Gesicht war noch um eine Schattierung bleicher geworden, und ganz unbewußt trieben die jagenden Gedanken sie immer schneller vorwärts. Das also war die Glückliche, die Hans Dreßler liebte, – jene Anna Wieland, von der er ihr so oft erzählt hatte, die fast täglich mit ihm zusammensein durfte! Dieses schöne, schlanke Weib würde er einst heimführen, kein Zweifel, – die würde seinen Namen tragen, die würde er mit seiner Liebe beglücken, diese Beneidenswerte, die nicht so mißgestaltet war wie sie, die arme, bucklige Wera! – Bitterer Neid fraß sich in ihrer Seele fest, der sich noch steigerte, je länger sie diesen peinigenden Vorstellungen nachhing. Jetzt haßte sie die ganze Welt, – alles, alles: niemandem gönnte sie etwas Gutes, niemandem, am allerwenigsten jenem schönen Mädchen den Mann, den sie selbst liebte. Ein böses Lächeln verzerrte plötzlich ihr Gesicht. – »Eigentlich wollte ich Dich vor meinem Vater warnen, Hans Dreßler,« dachte sie in ihrer maßlosen Eifersucht. »Aber ich ebne keinem Menschen die Wege mehr, keinem helfe ich, keinem! Wer weiß, was dann aus der Affäre Durgassow noch entsteht, wer weiß, ob sich nicht zwischen Dir und der anderen Hindernisse auftürmen, die Eure Vereinigung unmöglich machen.«
7. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
In einer der engen Gassen, die auf die Mottlau, den für Danzigs Schiffahrt zum Hafen erweiterten Nebenfluß der Weichsel, einmünden, steht dicht am Wasser eine zweistöckige verräucherte Kneipe, über deren Tür ein großer eiserner Schiffsanker in die Mauer eingelassen ist. In dieser recht großartig »Hotel zum Anker« getauften Kneipe saßen drei Tage später, am Dienstagabend in einem der kleinen, bescheiden möblierten Fremdenzimmer zwei Männer in flüsternder Unterhaltung an dem einzigen Fenster.
»Ich habe Wera erzählt, ich würde einen kurzen Spaziergang machen,« sagte soeben der eine und zwar der kleinere von beiden. »Sie ist sehr mißtrauisch und auch gar nicht gewöhnt, daß ich einmal ohne sie ausgehe. Anscheinend glaubt sie an Deine Abreise nicht recht und vermutet Dich noch hier in Danzig.«
»Was sie vermutet, ist schließlich gleichgültig. Die Hauptsache bleibt, daß sie meine Anwesenheit hier nicht mit dem Verschwinden dieses Schuftes von Durgassow in Verbindung bringt und etwa zur Verräterin wird.«
»Da kannst Du ganz beruhigt sein, Albert. Sie ahnt sicherlich nichts, und auf ihre Verschwiegenheit können wir uns verlassen.«
»Desto besser. Nun aber heraus mit den heutigen Neuigkeiten, auf die ich wirklich sehr gespannt bin.«
»Als wir uns am Sonnabend trennten, verabredeten wir, wie Du Dich entsinnen wirst, daß ich Dich hier nur aufsuchen sollte, wenn eine persönliche Unterredung unbedingt nötig wäre. Was an demselben Abend dann noch zwischen mir und dem Doktor vereinbart wurde und wie ich denselben auf eine falsche Spur nach Neufahrwasser lockte, schrieb ich Dir.«
»Ja, ich habe den Brief erhalten, in dem das Wertvollste fraglos die Mitteilung war, daß jener Dreßler Dir als seinem Vertrauten von dem in den Danziger Kurier eingerückten Inserat, durch das er sich mit Durgassow ins Einvernehmen setzen zu können hofft, erzählt hat. Inzwischen habe ich die Annonce gefunden. Sie hat bereits in der Montagmorgenausgabe gestanden, wie ich feststellte.«
»Und hast Du die heutige Abendnummer bereits auf eine etwaige, von Durgassow herrührende Antwort durchgesehen?« fragte Jakob Wenzel jetzt mit listigem Augenzwinkern.
»Überflogen habe ich den Inseratenteil allerdings, doch leider ohne Erfolg.«
»Nun, dann besitze ich bessere Augen wie Du. – Hier ist die Zeitung. Und da auf der letzten Seite steht etwas, das uns recht sehr interessieren dürfte.«
Es war draußen noch genügend hell, um hier am Fenster die Druckschrift lesen zu können.
Begierig überflog Albert Wenzel die wenigen Zeilen, die folgendermaßen lauteten:
Wer größere Hypothek sucht, wende sich an direkten Geldgeber. Anfragen unter M. V. Berent, Westpreußen, postlagernd.
Kaum hatte Albert Wenzel den Inhalt begriffen, als er förmlich von seinem Stuhl in die Höhe schnellte.
»Kein Zweifel, – es ist eine Erwiderung Durgassows! Unter M. V. wurde ja in des Doktors Annonce um eine Antwort gebeten. Der eigentliche Sinn der Zeilen ist wirklich recht geschickt hinter dem harmlosen Geldangebot versteckt. – Nun heißt es handeln, sogar sehr schnell handeln. Denn sicherlich hat Dreßler jetzt auch bereits Kenntnis, wo sich Durgassow befindet. Und ihm will ich zuvorkommen, muß ich zuvorkommen, sonst vereitelt er mir meine Pläne.«
»Die hoffentlich auf keine Gewalttat hinauslaufen, Albert!« warf Jakob Wenzel ängstlich ein. »Du weißt, was Du mir versprochen hast! Nur unter der Bedingung, daß Du im Guten die Herausgabe dessen versuchst, worum Michael Durgassow Dich einst geschädigt hat, lieh ich Dir meine Unterstützung.«
Albert Wenzels fahles, kränkliches Gesicht verzog sich zu einer häßlichen, von Wut und Rachegelüsten entstellten Fratze.
»Sei ohne Sorge, Bruder. Ich werde nur tun, wozu mich die Umstände zwingen,« gab er zweideutig zur Antwort. In seinem Innern aber war nur eine Stimme des Jubels, daß er endlich, nach so langen Jahren mühevollen Suchens den Menschen, den er am glühendsten auf der Welt haßte, in seine Gewalt bekommen sollte. Aber diese wilden Gedanken verbarg er wohlweislich in seiner Brust. Und nur sein bewegtes Mienenspiel hätte sie einem scharfen Beobachter verraten können. Darauf achtete Jakob Wenzel jedoch weniger. Er war jetzt nur noch erfüllt von dem einen Wunsche, daß seines Bruders Vorhaben gelingen und ihm dadurch sein Anteil an den zu erwartenden Reichtümern baldigst zufallen möchte. Dann konnte er den kleinen Laden Haustor Nr. 16 aufgeben, dann würde er mit seinem Kinde in eine andere Stadt ziehen, wo ihn niemand kannte, und in beschaulicher Ruhe nur seinen Neigungen lebend die ihm noch beschiedenen Jahre hinbringen. Denn das, was Albert vorhatte, vermochte er selbst bei schärfstem Abwägen aller Für und Wider nur als eine gerechte Sache anzusehen. Michael Durgassow hatte, daran gab es nichts zu deuteln, die übrigen Mitglieder des Geheimbundes der Roten Hand, als deren letztes eben nur noch Albert Wenzel am Leben war, seiner Zeit aufs schmählichste hintergangen und um die Beute eines ebenso sorgsam vorbereiteten wie verwegen ausgeführten Streiches gebracht. Wenn ihm jetzt diese Beute oder doch wenigstens ein Teil derselben abgejagt wurde, so war das eben nur die späte Vergeltung für seine frühere Wortbrüchigkeit und Hinterlist.
Inzwischen war Albert Wenzel mit sich über alle weiteren Schritte ins reine gekommen. In leisem Flüsterton stellte er die verschiedensten Fragen an seinen Bruder, zog auch ein Kursbuch zu Rate und sagte dann schließlich, indem er aus seinem Reisekoffer ein Rasierzeug hervorholte und auf dem Tisch ausbreitete:
»Gut, ich fahre also noch heute mit dem Elf-Uhr-Zug ab, der nach dem Fahrplan in Hohenstein Anschluß nach Berent hat. Um aber keine Vorsicht außer acht zu lassen, werde ich mir meinen Bart abnehmen und mich möglichst unkenntlich machen. – Zieh bitte den Fenstervorhang zu. Es ist jetzt 9 Uhr. Da werde ich mit meinen Vorbereitungen noch sehr gut fertig.«
Das wenige, was die Brüder noch zu besprechen hatten, war bald erledigt, während Albert Wenzel beim Scheine der Lampe sich das Gesicht sorgfältig einseifte und mit dem Rasieren begann. Dann nahmen sie voneinander Abschied.
»Ich wünsche Dir gutes Gelingen,« sagte der kleine Trödler nochmals und drückte dem Bruder fest die Hand. Darauf verließ er die Schifferkneipe und kehrte eiligst nach Hause zurück.
Albert Wenzel aber blickte ihm mit schadenfrohem Lächeln nach.
»Gut, daß ich Dich an der rechten Seite zu nehmen wußte,« murmelte er vor sich hin, während das Messer kratzend die Barthaare von seiner Oberlippe entfernte. »Du bist mir ein brauchbares Werkzeug gewesen, ein sehr brauchbares sogar. Aber Du bist für ein Geschäft wie das meine doch noch zu sehr Anfänger, zu zart besaitet. Daher ist es besser, wir sehen uns nicht wieder!«
Nach einer weiteren halben Stunde hätte niemand mehr in dem bartlosen älteren Manne mit der blauen Brille vor den Augen jenen Menschen im grauen Pelerinenmantel wiedererkannt, den Dreßler vor dem Wielandschen Hause beobachtet und durch den kleinen Händler hatte verfolgen lassen. Gerade als Albert Wenzel dann sein Zimmer verlassen wollte, um mit seiner Reisetasche in der Hand möglichst ungesehen die Treppe hinabzuschlüpfen, klopfte es. – Mit einem Satz war er an der Tür.
»Wer ist da?« fragte er laut, indem er schnell den Riegel vorschob. »Ich ziehe mich gerade um. Was wünschen Sie?«
»Ich bin’s – Jakob,« erklang hinter der Tür eine ihm wohlbekannte Stimme. »Öffne, es eilt sehr.«
Jakob Wenzel trat jetzt, mühsam nach Atem ringend, ein.
»Albert,« begann er sofort hastig, »wir haben Glück gehabt. Denk’ Dir, eben bin ich zu Hause angelangt, als die alte polnische Haushälterin Dreßlers zu mir kommt und mich bittet, ich möchte ihrem Herrn doch einen Fünfhundertmarkschein wechseln. Er hätte kein Kleingeld im Hause, müßte auf unbestimmte Zeit verreisen und wollte ihr noch Wirtschaftsgeld dalassen.«
Der andere stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf.
»Verd…! Der Doktor will ebenfalls nach Berent, nicht wahr? Denselben Gedanken hast Du auch sofort gehabt, stimmt’s?«
Der Trödler nickte eifrig.
»Genau denselben! – Und was nun? Er wird Deine Pläne durchkreuzen, – paß auf, es kommt so. Ich habe Ähnliches gleich gefürchtet, wollte dieser Besorgnis nur nicht Ausdruck geben.«
Albert Wenzel starrte finster vor sich hin in das rötliche Licht der Petroleumlampe.
»Noch ist Dreßler nicht in Berent, noch nicht,« sagte er endlich mit drohend gerunzelter Stirn. »Es muß sich ein Mittel finden lassen, ihn von dieser Reise zurückzuhalten oder es doch wenigstens so einzurichten, daß er zu spät in Berent eintrifft.«
»Wie willst Du das wohl erreichen,« meinte der kleine Händler achselzuckend. »Dreßler ist ein sehr vorsichtiger Herr. Er fällt nicht so leicht auf einen plumpen Trick herein. Außerdem, – es ist jetzt zehn Uhr. Und um elf Uhr geht Dein Zug. Da bleibt Dir kaum noch Zeit, um einen bestimmten Entschluß zu fassen und auszuführen.«
Der andere lachte kurz auf: »Ich habe mich in meinem wildbewegten Leben schon häufig in Situationen befunden, wo ich mich im Augenblick für diesen oder jenen Plan entscheiden mußte. Auch hier werde ich noch einen Weg finden, meine Absichten trotz des Dazwischenkommens dieses vorwitzigen Doktors durchzusetzen, wenn ich auch zur Zeit noch nicht sagen kann, wie dies am besten zu erreichen ist. Jedenfalls wollen wir jetzt aufbrechen. Meinen Reisekoffer lasse ich hier. Er enthält nichts Wertvolles. Und den Betrag zur Bezahlung meiner Rechnung habe ich in ungefährer Höhe hier auf den Tisch gelegt nebst einem Zettel, daß ich plötzlich verreisen muß. Ich gedenke nach dem Hotel zum Anker nicht mehr zurückzukehren. In meiner Lage ist es ratsam, man wechselt das Quartier möglichst häufig.«
Unangefochten gelangten sie auf die Straße. Hier trennten sie sich sofort. Keiner von beiden ahnte, daß sie sich lebend nicht mehr wiedersehen sollten. –
Zu ungefähr derselben Zeit war bei Hans Dreßler ein offenbar mit verstellter Handschrift geschriebener Brief von einem jungen Menschen abgegeben worden. Die alte Kascha hatte auf das Klingeln geöffnet und das Schreiben in Empfang genommen. Als der Doktor jetzt den Inhalt gelesen hatte, fragte er seine Wirtschafterin hastig:
»Was hat der Überbringer Ihnen gesagt, als er Ihnen den Brief reichte?«
»Hatte der Mensch es sehr eilig, Herr Doktor, sehr. Sagte er gar nichts, sondern lief er nur schnell wieder die Treppe hinunter.«
»Merkwürdig!« murmelte Dreßler vor sich hin. »Der Fall Durgassow wird immer verwickelter. Warnt mich doch hier ein Unbekannter vor Jakob Wenzel, der meines Vertrauens nicht würdig sei. – Die Handschrift ist recht gut verstellt. Jedenfalls will ich den Brief mitnehmen. In der Bahn habe ich genügend Zeit zu untersuchen, ob ein Mann oder eine Frau ihn verfaßt hat. Sicherlich aber rühren diese verlaufenen Stellen hier von Wassertropfen her, – vielleicht gar von Tränen! – Merkwürdig, wirklich merkwürdig!«
– – – – – – – – –
Als der kleine Händler von dem zweiten Ausgang an diesem Abend heimkehrte, fand er seine Tochter mit vom Weinen stark geröteten Augen im Wohnzimmer am Tisch sitzend vor.
»Kind, was hast Du? So niedergeschlagen?« fragte er besorgt.
Sie antwortete nicht, sondern schaute ihn nur mit ihren ehrlichen, reinen Augen vorwurfsvoll an. Und diesem Blick hielt er nicht stand. Verwirrt holte er sich einen Stuhl herbei und setzte sich neben sie.
»Wera, bekomme ich denn keine Antwort?« bat er leise, indem er nach ihrer Hand haschte. »Sag’, was drückt Dich, Kind? Du bist überhaupt in den letzten Tagen so seltsam verändert, fast scheu mir gegenüber.«
Da erhob sie sich mit jäher Bewegung.
»Vater, wozu die Komödie? Wozu fragst Du mich,« rief sie bitter. »Du mußt doch am besten wissen, was mich quält. Dein Bruder ist’s, der uns einander entfremdet hat. Seitdem er hier aufgetaucht ist, hast Du Heimlichkeiten über Heimlichkeiten vor mir. Und früher gab es nichts, das einer dem andern vorenthielt. Glaube aber ja nicht, daß ich dieses Spiel etwa nicht durchschaue. Du hältst mich für weltfremder, für harmloser als ich in Wirklichkeit bin. Ich weiß sehr gut: Dein Bruder ist noch immer hier in Danzig, so sehr Du diese Tatsache auch vor mir verbergen möchtest. Noch mehr: Dieser Onkel Albert, den ich nie in meinem Leben gesehen habe, ist – davon bin ich heute felsenfest überzeugt! – kein anderer als jener Mann im grauen Pelerinenmantel, den Du im Auftrage Doktor Dreßlers verfolgen solltest. – Streite das nicht ab! Erweitere durch fernere Unaufrichtigkeit die Kluft zwischen uns nicht noch mehr. Denn wo warst Du zum Beispiel heute Abend, wo eiltest Du so schnell hin, als Du kaum von Kascha erfahren hattest, daß der Doktor verreisen wolle. Wer konnte allein an dieser Nachricht ein Interesse haben, wer? – Doch nur die Feinde des alten Herrn Durgassow, auf deren Seite Du Dich gestellt hast, verführt durch Deinen Bruder. Oh, schon am Sonnabend, als Du Dreßler hier bei uns in so vielfacher Beziehung die Unwahrheit sagtest und mich zum Schweigen zwangst, schwante mir Böses. Jetzt aber sind meine Ahnungen zur Gewißheit geworden.«
Jakob Wenzel wagte keine Widerrede. In sich zusammengesunken saß er da. – So hatte seine Tochter noch nie zu ihm gesprochen. Und jetzt kam ihm auch selbst mit einem Male das, was er getan, so ungeheuerlich, so verwerflich vor! Wie hatte er sich nur, durch den lockenden Glanz des Goldes verführt, soweit vergessen können, von dem geraden Wege abzuirren, – gerade er, der bis dahin auf sein völlig reines Gewissen, seine unantastbare Ehrenhaftigkeit so stolz gewesen war.
Aber Wera ließ ihm keine Zeit, diese Selbstvorwürfe weiter auszuspinnen.
»Vater,« begann sie wieder und ihre Stimme vibrierte leise, »Du weißt, daß ich schon früher einmal die Absicht hatte, mir als Erzieherin mein Brot zu verdienen. Jetzt, wo das alte, gute Verhältnis zwischen uns eine so schwere Trübung erfahren hat, wo ich in meiner Kindesliebe so tief durch die plötzliche Wandlung in Deinem Benehmen mir gegenüber verletzt worden bin, halte ich es für das beste, wenn ich für einige Zeit Dein Haus verlasse. – Bitte, versuche mich nicht in meinem einmal gefaßten Entschluß wankend zu machen. Ich gehe fort von hier, sogar recht bald. An dieser Tatsache änderst Du nichts mehr.«
Jakob Wenzels Gesicht sah mit einem Mal so verfallen, so greisenhaft aus. Die Strafe für das, was er begangen, hatte ihn schon erreicht: Er hatte sein Kind verloren, – vielleicht für immer.
Wera war die Veränderung in seinen Gesichtszügen nicht entgangen. Ihr Herz trieb sie zu ihm, und sich neben ihm niederkniend, umschlang sie ihn zärtlich und sagte stockend unter heißen Tränen:
»Gib mir Zeit zum Vergessen, Vater. Später will ich ja gern zu Dir zurückkehren. Wir gehören ja doch zusammen, wir beide, die wir so einsam sind.«
8. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Als Dreßler zehn Minuten vor elf die Bahnhofshalle betrat, stand halb verborgen hinter einer Gruppe von Reisenden ein Mann, welcher die Eingänge und die Billettschalter bisher scharf bewacht hatte. Es war kein anderer als Albert Wenzel, der jetzt vorsichtig näher kam und deutlich hörte, wie der Doktor eine Fahrkarte zweiter nach Berent, der kleinen, vielleicht zehn Meilen von Danzig entfernten Kreisstadt in der Kassubei forderte.
Der Vorortzug nach Dirschau war wenig besetzt. Dreßler fand noch ein leeres Abteil und machte es sich in seiner Ecke möglichst bequem. Bald darauf verließ der Zug mit mäßiger Geschwindigkeit den Bahnhof.
Dreßler blickte träumerisch in die dunkle Nacht hinaus. Das Rattern der Räder verschlang jedes Geräusch, gestaltete sich zu einem fortwährenden Brausen, das auf seine durch die tagelange geistige Anspannung überreizten Nerven seltsam beruhigend wirkte. Seine Gedanken, die noch vor kurzem sich allein mit dem Falle Durgassow beschäftigt hatten, waren abgeirrt. Vor ihm aus der Dunkelheit schien das liebliche Gesicht Anna Wielands aufzutauchen, das ihm mit eigenartig ernstem Ausdruck zunickte. Und dann verschwammen die Linien, und er sah ein anderes Bild, – daß der verwachsenen Tochter Jakob Wenzels, sah so deutlich ihre blassen melancholischen Züge mit den großen, wehen Kinderaugen darin. Und – war es denn ein Spuk, der ihn äffte – auch auf ihrem Gesicht lag ein trauriger Hauch. Und sie schien ebenfalls den Kopf wie warnend zu schütteln.
Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn plötzlich. – War er denn mit seinen Nerven schon soweit herunter, daß er mit wachen Augen Gespenster sah?! – Hatte er sich doch zuviel zugetraut, als er diese Verantwortung auf sich nahm, einen Verfolgten vor seinen Feinden zu retten?! Das schloß er die Augen, um nichts mehr zu sehen. Nur Ruhe, Ruhe, die er so nötig gebrauchte. Bald fühlte er eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern, merkte, daß der Schlaf ihn übermannte.
Die schmale Verbindungstür nach dem Nebenabteil wurde vorsichtig geöffnet. Lautlos trat ein Mann herein, warf blitzschnell einen Blick umher und verschwand wieder.
Dreßler schlief jetzt vollkommen fest. Das verrieten seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge. Plötzlich schreckte er zusammen. Ein schwerer Körper lag auf dem seinen, hielt ihn in den Polstern fest. Über seinen Kopf war eine Decke geworfen, die ihn vollständig am Sehen hinderte. Gleichzeitig stieg ihm ein widerlich süßer Geruch in die Nase, den er nur zu gut kannte: Chloroform! Dieser betäubende Duft machte ihn vollends wach. Er wußte jetzt, in welch’ furchtbarer Gefahr er schwebte, hielt daher den Atem an und drehte sich blitzschnell, um den Angreifer abzuschütteln. Es gelang ihm nicht. Wie mit eisernen Klammern hielt ihn sein Gegner umschlungen. Jetzt mußte er endlich Atem holen. Das Blut sang ihm schon in den Ohren. Er sog den Chloroformdunst zugleich mit der Luft tief in die Lungen ein. Seine Bewegungen wurden schwächer und schwächer. Das Betäubungsmittel tat seine Wirkung. –
Inzwischen jagte der Zug weiter und weiter. Jetzt fuhr er über die kleine Brücke dicht vor der Station Hohenstein und über die Weichen, wo das Bahngleis von Berent her einmündet. Dann kreischten die Bremsen, die Schaffner riefen die Station aus. – Nur wenige Fahrgäste verließen den Zug. Unter diesen befand sich auch Albert Wenzel, nicht aber Doktor Dreßler. Albert Wenzel bestieg dann den Berenter Zug, der wenige Minuten später davondampfte. –
Eine halbe Stunde später fand ein den letzten Dirschauer Vorortzug revidierender Schaffner in einem Abteil zweiter einen anscheinend im tiefsten Schlaf liegenden Reisenden, den er aber trotz energischsten Schüttelns nicht munter bekam. Schließlich wurde der Beamte besorgt und meldete den Vorfall dem Stationsvorstand. Der Reisende wurden in das Bureau gebracht, kam hier aber erst nach langen Bemühungen ins Leben zurück. Den kaum Erwachten versuchten die Beamten jetzt auszufragen. Aber merkwürdigerweise gab er nur recht widerwillig Auskunft, sagte nur, daß er wahrscheinlich infolge einer heftigen Magenverstimmung in Ohnmacht gefallen sei, nannte sich auf Befragen Dr. Dreßler und wollte aus Danzig sein. Da man in seinen Kleidern auch mehrere an Dr. Dreßler adressierte Briefe gefunden hatte, sonst auch nicht das geringste gegen ihn vorlag, wurde ihm auf seine Bitte ein Wagen beschafft, in dem er sich nach dem nächsten Hotel bringen ließ, da er zum Gehen noch zu schwach war.
In dem Hotel angelangt, ließ Dreßler sich zunächst eine starke Tasse Kaffee auf sein Zimmer bringen, nach deren Genuß er sich schon bedeutend besser fühlte. Dann beauftragte er den Kellner, ihm sofort ein Automobil für eine längere Fahrt zu besorgen.
Als vor dem Hotel ein viersitziges Automobil vorfuhr, stieg er bereits so elastisch die Stufen zur Straße hinab, daß ihm niemand mehr die eben überstandene schwere Chloroformbetäubung anmerken konnte.
Morgens gegen 1/27 Uhr langte das Auto mit seinen beiden Insassen in Berent an. Dreßler ließ am Bahnhof halten, und bezahlte den Besitzer, den er schon vorher verpflichtet hatte, sofort wieder umzukehren.
Zu Fuß begab sich der Doktor hierauf in die Stadt. Bei dem ersten ihm begegnenden Menschen, einem Postbeamten, erkundigte er sich nach den Hotels. Der Mann empfahl ihm den Hamburger Hof. Dahin lenkte Dreßler jetzt seine Schritte. Als er das Gastzimmer betrat, war ein dralles Dienstmädchen gerade dabei, den Fußboden unter reichlich viel Wasserverbrauch zu scheuern. Das schreckte ihn aber nicht ab. Er ließ sich an einem kleinen Tisch am Fenster nieder und bestellte sich ein Frühstück, da er rechtschaffenen Hunger verspürte.
Ein verschlafener Pikkolo in speckig glänzendem schwarzen Jackettanzug schleppte endlich auf großem Tablett den Imbiß herbei.
»Wohl recht leer jetzt, das Hotel?« meinte Dreßler freundlich, indem er sich dabei ein Brötchen strich.
»Es geht!« antwortete der Junge diplomatisch. Er wollte die Interessen seines Prinzipals wahrnehmen!
»So – so! – Es kommen wohl nur Geschäftsreisende hierher?« fragte Dreßler weiter.
»O, auch andere!« belehrte ihn der Pikkolo eifrig.
»Sommergäste wohl, die hier Erholung suchen?«
»Bisweilen suchen sie auch anderes. Zur Zeit wohnt zum Beispiel so ein Herr bei uns. Es ist ein Gelehrter, der hier in den Bauernhäusern der Nachbarschaft nach alten Zinntellern und anderem ähnlichen Zeuge herumstöbert. Der Herr ist aus Berlin.«
»Ein Gelehrter? – Wohl ein älterer Herr?«
»Jawohl, ein älterer Herr mit grauem Vollbart. Er heißt Max Dräger,« erwiderte der redselige Kellnerlehrling.
»Max Dräger, – Max Dräger?« meinte Dreßler, in schlauer Berechnung den Nachdenklichen spielend. »Den sollte ich doch kennen. Warten Sie mal, – trägt der Herr den Vollbart nicht ganz breit und die Schnurrbartspitzen etwas herunterhängend?«
»Stimmt, mein Herr, stimmt genau.«
»O, das freut mich wirklich, daß ich meinem alten Freund Dräger hier begegne,« sagte Dreßler ganz harmlos. »Welche Zimmer bewohnt er denn?« fügte er hinzu und griff dabei nach einem zweiten Brötchen.
»Das ruhigste des ganzen Hotels: Nummer 6 im ersten Stock. Es liegt ganz für sich, ist sehr geräumig und sehr elegant ausgestattet. Für gewöhnlich wird es immer von den höheren Beamten benutzt, die bisweilen bei Inspektionsreisen hier absteigen,« erklärte der Pikkolo wichtig.
Dreßler sann einen Augenblick nach.
»Bringen Sie mir jetzt ein Glas Portwein, – ein großes Glas,« fügte er hinzu. Er wollte den Jungen durch fortgesetztes Ausfragen nicht mißtrauisch machen.
Als dieser dann nach einer Weile mit elegantem Schwung den Wein auf den Tisch stellte, bemerkte Dreßler, indem er dabei gleichgültig zum Fenster auf die Straße hinausblickte:
»Sie müssen hier wohl immer recht lange aufbleiben. Der letzte Zug trifft doch erst gegen ein Uhr ein und bringt doch sicher häufig genug noch Gäste.«
»Selten, mein Herr, selten,« belehrte der Pikkolo. »Allerdings müssen wir stets die Ankunft unseres Hotelwagens abwarten. Aber meist kommt er leer. Der Nachtzug liegt zu ungünstig.«
»So, so. Na, jedenfalls sind Sie aber gestern spät ins Bett gekommen. Sie sehen noch recht müde aus,« lächelte Dreßler wohlwollend.
»Gestern hatten wir aber auch noch mit dem letzten Zug einen Gast. Er bestellte ein Schnitzel, und ich mußte warten, bis er abgegessen hatte. – Richtig, jetzt besinne ich mich, – vielleicht interessiert das den Herrn –, dieser Gast von Nr. 2 ist ebenfalls ein Bekannter von Herrn Dräger, wie er mir sagte, als ich ihn unsere jetzigen Gäste auf seine Bitte hin beschrieb. Ich soll aber Herrn Dräger nichts erzählen, da der Gast von Nr. 2 ihn gern persönlich überraschen möchte.«
Dreßler hatte sofort erkannt, wer einzig und allein dieser in der Nacht eingetroffene Gast gewesen sein könne. Bisher war es ihm noch völlig unklar geblieben, ob Durgassow von einer einzelnen oder von mehreren Personen verfolgt wurde, trotzdem er von Anfang an mehr der Ansicht zugeneigt hatte, daß ein Mann allein wohl kaum diese hartnäckige Hetzjagd unternommen haben würde. Nunmehr, da der rätselhafte Graue auch hier wieder ohne Begleiter erschienen war, zweifelte der Doktor nicht länger daran, es nur mit einem einzigen Gegner zu tun zu haben – mit demselben Manne, der das Wielandsche Haus bewacht, dem Jacob Wenzel vergeblich nachgespürt und der seinen gefährlichsten Feind durch Chloroform im Eisenbahnzuge zwischen Danzig und Dirschau unschädlich zu machen versucht hatte.
»Also überraschen will der Herr von Nr. 2 Herrn Dräger?« nahm Dreßler das Gespräch geschickt wieder auf. »Das möchte ich selbst nämlich auch. Wann steht Herr Dräger denn gewöhnlich auf?«
»Herr Dräger läßt sich stets um neun Uhr den Morgenkaffee bringen.«
»So – und hat Sie danach der Herr von Nr. 2 auch gefragt?«
»Jawohl. Und dann erkundigte er sich noch, wann der erste Zug von Berent wieder abginge.«
»Und wann ist das?«
»Um 8 Uhr 30 Minuten. Der Zug hat Anschluß nach Berlin.«
Dreßlers Hirn verarbeitete mit Blitzesschnelle das eben Gehörte und suchte daraus bestimmte Schlüsse auf die Absichten des Grauen zu ziehen. Aber trotz seiner durch langjährige praktische Betätigung geschärften Kombinationsgabe wollte ihm das nicht gelingen. Denn die Fragen, die der Verfolger Durgassows an den Kellnerlehrling gerichtet hatte, ließen in keiner Weise erkennen, wann und wo der Graue die fraglos geplante, entscheidende Unterredung mit Durgassow herbeiführen wollte, – eine Unterredung, der der Doktor, wenn irgend möglich, als heimlicher Zeuge beizuwohnen sich vorgenommen hatte. – Dreßler überlegte hin und her, ohne zu einem bestimmten Entschluß kommen zu können. Dabei verhehlte er sich jedoch nicht, daß die augenblickliche Situation ein schnelles Handeln unbedingt erforderte. Ein Zufall hatte gerade die drei Menschen, die in dem Falle Durgassow die Hauptrolle spielten, hier im Hamburger Hof zusammengeführt. Und jeden Moment konnte es geschehen, daß der Mann im grauen Pelerinenmantel das Gastzimmer betrat und ihn wiedererkannte, wodurch eine Aufklärung der mysteriösen Angelegenheit, wie der Doktor sie im Auge hatte, vielleicht für alle Zeiten vereitelt worden wäre.
Inzwischen war der Pikkolo, da der jetzt von seinen Gedanken völlig in Anspruch genommene Dreßler ihn nicht weiter beachtete, verschwunden. Der frühere Detektiv stand dabei auf und ging in das nebenanliegende Buffetzimmer, wo er dem dort mit Gläserspülen beschäftigten Kellnerlehrling erklärte, er wolle einmal zusehen, ob Herr Dräger vielleicht schon wach sei.
»Aber es ist doch erst 1/48,« meinte der Junge mit einem Blick auf den an der Wand hängenden Regulator. »Herr Dräger wird sicherlich noch schlafen.«
»Das macht nichts aus,« beruhigte Dreßler ihn. »Wir sind so gute Bekannte, daß Dräger mir’s nicht verargt, wenn ich ihn auch jetzt schon wecke.«
9. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Wenige Minuten später stand Dreßler vor der Tür zu Nr. 6, nachdem er sich überzeugt hatte, daß das Zimmer Nr. 2, wo der Graue wohnte, im anderen Flügel des Hauses lag. Ohne Zögern klopfte er an, erst leise, dann immer stärker. Aber nichts rührte sich. Diese Stille kam ihm schließlich verdächtig vor. Sollte Durgassow vielleicht von der Ankunft seines Feindes zufällig etwas erfahren haben und abermals geflohen sein? – Unmöglich war das nicht.
Dreßler beugte sich jetzt zu dem Schlüsselloch herab und versuchte durch dieses einen Blick in das Zimmer zu werfen. Ein Schlüssel steckte nicht, das sah er auf den ersten Blick, und – fraglos brannte drinnen Licht, obwohl es draußen bereits taghell war.
Der Doktor legte jetzt kurz entschlossen die Hand auf den Türdrücker und versuchte zu öffnen. Die Tür war verschlossen. Nochmals rüttelte er an der Klinke mit aller Kraft und lauschte dann angestrengt. Alles blieb ruhig wie zuvor.
»Ich muß Gewißheit haben und zwar sofort,« murmelte Dreßler, den urplötzlich eine bange Ahnung von etwas Schrecklichem, das sich hier abgespielt hatte, befiel. Er eilte die Treppe wieder hinab und ließ durch den Pikkolo den Hotelbesitzer herbeirufen. In fliegender Hast berichtete er diesem, daß er vergeblich an Drägers Tür geklopft habe und daher vermute, seinem Bekannten sei irgend ein Unglück zugestoßen.
»Haben Sie vielleicht einen zweiten Schlüssel zu Nr. 6?« fragte er dann. »Im Schlüsselloch steckt nämlich keiner, und ich möchte auf jeden Fall ungesäumt nachsehen, was Herrn Dräger passiert ist.«
»Es sind zu allen Stuben doppelte Schlüssel vorhanden. Ich werde den richtigen sofort heraussuchen,« sagte der Hotelier diensteifrig, der dem bestimmten Auftreten Dreßlers gegenüber keine langen Einwendungen wagte, trotzdem ihm die ganze Sache mehr wie unangenehm war.
Als der Hotelbesitzer und Dreßler, – dieser als erster, das Zimmer Nr. 6 betraten, bemerkten sie zunächst nichts Auffälliges. Auf dem Tische vor dem zwischen den Fenstern stehenden Sofa brannte die Lampe, deren Schein den Hintergrund des großen Raumes nur schwach erleuchtete. Die Fenstervorhänge waren zugezogen und die Stabjalousien herabgelassen. Aber auch in diesem matten, ungewissen Licht erblickten die beiden Männer, als sie sich jetzt dem an der Seitenwand aufgestellten Bett nährten, in dessen Kissen ein bleiches Haupt, dessen glasige, weit offene Augen unheimlich starr zur Decke emporstierten.
Der Hotelier war bei diesem Anblick entsetzt zurückgeprallt. Dreßlers Nerven waren stärker. Er hatte Ähnliches in früheren Jahren oft genug gesehen. Jetzt war er nur noch Detektiv, nur noch Fachmann, der alle anderen Empfindungen unterdrücken mußte, um mit kühler Ruhe die weiteren Feststellungen, die die Sachlage hier erheischte, zu erledigen.
Mit der Lampe in der Hand schlug er das Deckbett zurück. Durgassow lag halb entkleidet auf dem Rücken, sein Hemd war auf der Brust mit Blut getränkt. Im Herzen aber steckte ein Dolch mit langem, gebogenem Griff.
Dreßler wußte genug.
»Schicken Sie sofort nach der Polizei!« befahl er kurz dem Hotelbesitzer. »Am besten ist, Sie gehen selbst und benachrichtigen die Behörde. Und – sprechen Sie sonst zu niemandem über das Vorgefallene. Es handelt sich hier fraglos um einen Mord.«
Als es etwa fünf Minuten nachher an die Tür von Nr. 2 klopfte, war Albert Wenzel bereits fix und fertig angezogen. Ahnungslos öffnete er, da er den Kellner mit dem Frühstück vermutete, das er sich für 1/28 bestellt hatte. Bei dem Anblick Dreßlers, der jetzt rasch eintrat und die Tür hinter sich zuzog, wurde er aschfahl und griff wie einen Halt suchend nach der Lehne des nächsten Stuhles. Ebenso schnell hatte er sich jedoch auch wieder gefaßt und mit einer Stimme, die nur noch ganz unmerklich vibrierte, fragte er beinahe drohend:
»Mein Herr, Sie wünschen?«
»Wirklich ein gefährlicher Bursche!« dachte Dreßler, der den Grauen trotz des veränderten Aussehens sofort wiedererkannt hatte. Laut aber sagte er: »Ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß Michael Durgassows Leiche bereits gefunden ist.«
Doch die von dem einstigen Detektiv erwartete Wirkung dieser Worte blieb aus. Der Mann da besaß in der Tat eine erstaunliche Selbstbeherrschung.
»Ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Albert Wenzel nur. »Begreife nicht, wozu Sie gerade mir diese Nachricht bringen. Ich kenne keinen Herrn Burgalow oder wie Sie sonst sagten.«
Dreßlers Plan, dem Mörder durch plötzliche Überrumpelung ein Geständnis zu entlocken, schien mißglückt. Aber noch gab er sein Vorhaben nicht auf.
»So, Sie kennen Michael Durgassow nicht!« meinte er ironisch. »Aber das Zeichen der – Roten Hand ist Ihnen doch bekannt, nicht wahr?!«
Wieder verfärbte der andere sich. Seine Haltung wurde bedeutend unsicherer und seine Blicke irrten blitzschnell wie hilfesuchend durch das Zimmer. Aber nirgends sah er einen Ausweg. Selbst ein Sprung zum Fenster hinaus war unmöglich, da Zimmer Nr. 2 in der zweiten Etage lag. Und vor der Tür, den Ausgang versperrend, stand noch immer der Doktor und verfolgte achtsam jede seiner Bewegungen.
»Sie sehen, jeder Weg zur Flucht ist Ihnen abgeschnitten, jeder!« sagte Dreßler jetzt warnen und zog dabei eine Browning-Pistole aus der Tasche. »Ergeben Sie sich in Ihr Schicksal, Mann. Das ist das Klügste, was Sie machen können.«
Das Folgende spielte sich so blitzschnell ab, daß der Doktor diesen Ausgang, selbst wenn er gewollt haben würde, nicht mehr hätte verhindern können. Der Graue war nämlich mit einem Satze hinter den Tisch gesprungen, hatte aus seiner offen daliegenden Reisetasche ein kleines Fläschchen herausgerissen und sich den Inhalt ebenso schnell in den Mund gegossen. Dann schleuderte er das Fläschchen von sich und rief Dreßler mit wildem Auflachen zu:
»So, nun nennt mich gefangen, werft mich ins Gefängnis, – wenn Ihr’s könnt! Nie werdet Ihr erfahren, wer ich bin, nie! Mein Geheimnis geht mit mir zu Grunde!« Und wieder stieß er eine gellende Lache aus, die dem Doktor durch Mark und Bein ging. Aber dieses furchtbare Gelächter brach ebenso plötzlich ab. Der Graue griff mit den Händen vor sich ins Leere, wankte und schlug dann schwer, dabei den Tisch mit umreißend zu Boden, reckte noch einmal wie im Krampf die Glieder und lag dann völlig regungslos. – Albert Wenzel hatte sich dem irdischen Richter für immer entzogen.
Dreßler war wie gebannt an seinem Platze stehen geblieben. Große Schweißperlen bedeckten seine Stirn. Diese Szene, der er eben beigewohnt hatte, war das Entsetzlichste, was er je gesehen. Und es dauerte eine ganze Weile, bis er das lähmende Grauen von sich abschütteln konnte.
Er wollte nähertreten, um sich zu überzeugen, ob es für ihn hier noch irgend etwas zu helfen gab. Da zögerte sein Fuß. Aus der zugleich mit dem Tisch auf den Teppich gefallenen Reisetasche des Fremden war ein dickes, gelbes Kuvert herausgeglitten, dessen Aufschrift nach oben lag.
Dreßler bückte sich und hob den Umschlag, der an einer Seite geöffnet war, in plötzlichem Entschluß auf. Die Adresse auf dem starken gelben Kuvert lautete: »An Frau Marie Wieland, Danzig, Kassubischer Markt 26.« – Der Doktor kannte die Handschrift nur zu gut! Es war die Michael Durgassows.
»Sollte dies eine vollständige Beichte des Toten sein?« fragte sich Dreßler. »Sollte Durgassow sie hier in Berent in der Vorahnung seines baldigen Todes niedergeschrieben haben? – Dann wäre es sicher am besten, wenn man dieses Kuvert samt seinem Inhalt verschwinden ließe. Fällt es dem Gericht in die Hände, so können daraus vielleicht für Wielands allerlei Unannehmlichkeiten entstehen.«
Schnell nahm er die Papiere aus dem Umschlag und überflog den ersten der engbeschriebenen Bogen.
»Meine Vermutung stimmt. Hier halte ich endlich die Lösung all der Rätsel in der Hand, fraglos die Wahrheit über die Geheimnisse, die Durgassows Person umgaben,« murmelte er nachdenklich vor sich hin. »Was tue ich in diesem Falle nur?«
Da hörte er Schritte und Stimmen auf dem Korridor, und geschwind schob er das Kuvert in die Brusttasche seines Jacketts.
In eines der leerstehenden Fremdenzimmer hatte sich, nachdem ein Arzt auch bei dem Bewohner von Nr. 2 den inzwischen eingetretenen Tod festgestellt hatte, die Gerichtskommission zurückgezogen, um sofort die ersten Vernehmungen an Ort und Stelle zu Protokoll zu bringen. Nachdem zuerst der Hotelier und seine Angestellten verhört waren, wurde Dreßler vorgerufen.
Der alte Gerichtsrat, der die Untersuchung in die Hand genommen hatte, bat den Doktor nach Feststellung seiner Personalien möglichst im Zusammenhang vorzutragen, was er zu der mysteriösen Mordaffäre aussagen könne.
»Der Herr, den ich heute morgen gegen 1/28 in Zimmer Nr. 6 mit einem Dolch im Herzen ermordet auffand,« begann Dreßler, »heißt nicht, wie er hier angegeben hat, Max Dräger, sondern Michael Durgassow und wohnt in Danzig. Sein Schwiegersohn ist der ebendort beheimatete Ingenieur Hans Wieland. Vor acht Tagen, in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch, verließ Durgassow seine Wohnung, ohne seinen Kindern Nachricht zu geben, wohin er sich gewandt hatte. Der alte Herr litt, wie mir seine Verwandten erzählten, in der letzten Zeit an schweren Gemütsdepressionen und mag in einem Zustande momentaner geistiger Störung die Idee gefaßt haben, hier im Berent einige Zeit unerkannt zu leben. Für diese meine Annahme, daß die heimliche Flucht, wenn man sein Verschwinden so nennen darf, sehr wahrscheinlich auf eine zeitweilige Trübung seines Verstandes zurückgeführt werden muß, sprechen verschiedene Umstände. Durgassow lebte mit seinen Kindern in schönster Harmonie, war körperlich sonst ganz rüstig und besaß genug Vermögen zu einer behaglichen Daseinsgestaltung, – hatte mithin nicht den geringsten Grund zu diesem heimlichen Verlassen seiner Wohnung. Dafür, daß eine momentane Geistesstörung bei ihm viel eher als bei jedem anderen unterstellt werden kann, erwähne ich als Beweis, daß der Tote früher längere Jahre in den Tropen zugebracht hat, wodurch sich, sehr oft erst im spätesten Alter, allerlei Krankheitserscheinungen bemerkbar machen, zu denen nicht selten eine Schädigung der geistigen Kräfte gehört. Das wird jeder Arzt mir bestätigen müssen. – Selbstverständlich befanden sich Durgassows Kinder, die inzwischen auch nicht die geringste Nachricht von ihm erhalten hatten, seinetwegen in schwerer Sorge. Wenn sie trotzdem die Polizei nicht benachrichtigten, so lag das einfach daran, daß sie von Tag zu Tag auf seine Rückkehr hofften. Ich bin nun mit dem Schwiegersohne des Ermordeten eng befreundet und erbot mich, unter der Hand Nachforschungen nach dem Verbleib des alten Herrn anzustellen. Dabei erinnerte ich mich, daß Durgassow des öfteren die Absicht geäußert hatte, einmal die Kassubische Schweiz zu besuchen. Die Möglichkeit war also immerhin vorhanden, daß ich ihn hier in der Umgegend irgendwo entdeckte. Gestern abend verließ ich mit dem letzten Vorortzuge Danzig, um über Hohenstein nach hier zu reisen. Unterwegs hatte ich jedoch das Unglück, in meinem Abteil von einer plötzlichen Ohnmacht befallen zu werden. Jedenfalls mietete ich mir dann in Dirschau ein Automobil, mit dem ich gegen 1/27 morgens hier eintraf. Alles Weitere dürfte aus den Aussagen des Hotelbesitzers und des Pikkolos hervorgehen, so besonders, daß ich erst durch den Kellnerlehrling von der Anwesenheit des Gesuchten in diesem Hotel Kenntnis erhielt.«
»Ich bin Ihnen für diese Angaben sehr dankbar, Herr Doktor,« meinte der Gerichtsrat. »Offenbar liegt hier ein Raubmord vor. Die Schubladen der Möbel zeigen nämlich deutlich, daß sie in Eile durchwühlt worden sind, und bei der Leiche wurde außer einigen Pfennigen nicht das geringste Bargeld entdeckt. – Nun aber zu dem zweiten Toten, der nach allem, was geschehen ist, der Mörder sein muß. – Wollen Sie vielleicht erklären, Herr Doktor, wie Sie so schnell auf die Vermutung gekommen sind, gerade der Mann von Nummer 2 müsse der Täter sein?«
»Gern, Herr Gerichtsrat. – Der Pikkolo erzählte mir, wie er hier vielleicht ausgesagt haben wird, es sei gestern mit dem letzten Zuge ein Herr eingetroffen und hier abgestiegen, der sich sehr eingehend nach den Hotelgästen erkundigte. So erfuhr der Mörder, daß ein anscheinend recht begüterter – Berliner Gelehrter – als solcher gab sich Durgassow aus – auf Nr. 6 wohne. Ich bin nun der Überzeugung, der Fremde hatte in demselben Augenblick auch schon den Plan gefaßt, den alten, offenbar reichen Herrn zu berauben. Ob er ihn wirklich, wie er dem Pikkolo erzählte, gekannt hat, weiß ich nicht. Auf welche Weise er sich dann zum Zimmer Nr. 6 Zutritt verschafft, was sich zwischen dem Mörder und seinem Opfer abgespielt hat, kann ich natürlich nur vermuten. Im übrigen tut das hier auch nichts zur Sache. Sicherlich aber hatte der Fremde die Absicht, heute mit dem Morgenzug Berent wieder zu verlassen. Er rechnete eben damit, daß das Verbrechen erst nach seiner Abreise entdeckt werden und niemand so schnell gerade auf seine Person als den Täter kommen würde. Den späteren Selbstmord des mir völlig unbekannten Mannes vermochte ich, wie ich schon bei der Untersuchung der Leiche sagte, nicht zu verhindern. Das ist alles, was ich zu sagen hätte. Meiner Meinung nach liegt der Fall ganz klar.«
Der Rat nickte befriedigt vor sich hin.
»Allerdings, – jetzt ja, nachdem wir Sie, Herr Doktor, gehört haben. Wer mag wohl nur dieser Unbekannte sein? Was meinen Sie dazu?«
Dreßler zuckte die Achseln.
»Vielleicht ein internationaler Verbrecher, der zufällig hierher gekommen ist. Jedenfalls ist es aber kein Gelegenheitsverbrecher. Dafür spricht schon der Umstand, daß er keine Papiere bei sich trug, die eine Feststellung seiner Person ermöglicht hätten, weiter auch, daß er im Besitze von Gift und auch sonst gut bewaffnet war.«
»Nun, vielleicht ist er der Berliner Kriminalpolizei bekannt. Wir werden die Leiche natürlich photographieren lassen und das Bild nach Berlin schicken. – So, dann danke ich Ihnen, Herr Doktor. Für Sie besteht nun noch die traurige Pflicht, die Angehörigen des Ermordeten zu benachrichtigen. Gewiß – eigentlich wäre das meine Aufgabe, aber Sie werden das ja wohl lieber selbst besorgen wollen.«
Als Dreßler jetzt das Zimmer verließ, atmete er wie befreit auf. Leicht war es ihm bei diesem Verhör doch nicht geworden, derart vorsichtig und geschickt Wahres und Falsches zu vermengen, daß die Gerichtskommission nicht auf die Vermutung kam, hier könnte doch noch etwas anderes als ein bloßer Raubmord vorliegen. Aber der Doktor empfand über diese Verdrehung der Wahrheit, wie er sie vorgebracht hatte, nicht die geringsten Gewissensbisse, da daraus niemandem irgend ein Schaden erwuchs. Durgassow und der Graue waren tot. Wozu sollte dieses Verbrechen jetzt noch Enthüllungen nach sich ziehen, die der Familie seines Freundes nur Unannehmlichkeiten bringen mußten und den geachteten Namen Wieland vielleicht nur schädigen konnten.
10. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Maria Wieland lag auf den Diwan des Wohnzimmers. Neben ihr saß ihre blonde Schwägerin und versuchte die völlig im Schmerz Aufgelöste zu trösten. – Vor kaum einer halben Stunde war ein Telegramm Dreßlers eingetroffen. So vorsichtig es auch abgefaßt war, – Wielands ahnten sofort das Richtige. Mit einem Wehlaut war die durch die Aufregungen der letzten Tage erschöpfte Frau zusammengebrochen, und nur den zärtlichen Bemühungen des Gatten und den herzlichen Worten seiner Schwester gelang es, die Fassungslose etwas zu beruhigen. – Auf die furchtbare Nervenanspannung war jetzt eine fast gleichgültige Ruhe gefolgt.
Maria hatte aber endlich den Mut gefunden, dem Gatten alles das mitzuteilen, was sie aus Furcht, seine Liebe zu verlieren, bisher so ängstlich verschwiegen hatte. Karl Wieland aber hatte sie nach dieser rückhaltlosen Beichte nur noch fester an seine Brust gedrückt.
»Mag die Vergangenheit Deines Vaters auch noch so dunkle Geheimnisse bergen,« hatte er innig gesagt, »mag er einst noch so schwere Schuld auf sich geladen haben, – wie sollte ich dies Dich alles entgelten lassen, Maria, die Du mir das größte Glück geschenkt hast, was es für mich überhaupt geben kann: Deine Liebe, und nur deshalb Deine Seele zermartert hast, um mir, uns beiden, dieses Glück zu erhalten!« –
Bereits einen Tag später wurde Durgassows Leiche von der Staatsanwaltschaft, die die Sachlage als genügend geklärt ansah, zur Beerdigung freigegeben. Wieland ließ die sterblichen Überreste seines Schwiegervaters nach Danzig überführen, wo sie zur letzten Ruhe gebettet wurden.
Dreßler war am Donnerstag abend zusammen mit Wieland wieder in Danzig eingetroffen. Kaum hatte er das von seiner vorsorglichen Kascha bereitgehaltene Abendessen verzehrt, als es an der Flurtür klingelte. Der Besucher war kein anderer als Jakob Wenzel.
Der Doktor war ihm entgegengegangen und streckte ihm in alter Weise die Hand zur Begrüßung hin. Aber der kleine Händler hielt die seine ängstlich auf dem Rücken.
»Herr Doktor,« brachte er mühsam hervor, »reichen Sie mir nicht die Hand. Ich bin’s nicht mehr wert, ich habe zu schändlich an Ihnen gehandelt.«
»Aber Wenzel, – was soll das?« fragte der ahnungslose Dreßler erstaunt. »Nicht mehr wert? Was heißt das?«
»Das heißt, daß ich eigentlich allein schuld an dem Tode des Herrn Durgassow bin, ja, ich allein. Hätte ich Ihnen beizeiten die Wahrheit gestanden, dann –«
»Mann, reden Sie denn plötzlich irre?« unterbrach ihn Dreßler kopfschüttelnd. »Ich begreife von alledem nichts, nichts!«
»Glaub’ ich gern, Herr Doktor. Lassen Sie mich daher im Zusammenhang alles erzählen.«
»Gut, – aber nehmen Sie zuerst einmal Platz. Sie schlottern ja an allen Gliedern. – So, und nun beruhigen Sie sich erst einmal. So schwer kann Ihr Gewissen doch kaum belastet sein.«
»Schwerer, als Sie es ahnen. Um es kurz zu machen, Herr Doktor, – einmal muß es doch gesagt sein: Der Mörder des Herrn Durgassow ist mein eigener, leiblicher Bruder.«
»Ihr Bruder?!«
Jetzt begriff Dreßler die schwerwiegende Bedeutung dieser Mitteilung. Aber er brauchte deshalb keine ergänzenden Fragen an Jakob Wenzel zu richten. Dieser hatte nur den einen Wunsch, sein Gewissen endlich zu entlasten. Mit allen Einzelheiten, ohne jede Beschönigung erzählte er, wie er damals an jenem Nachmittag, als er den Mann im grauen Pelerinenmantel verfolgen sollte, in diesem seinen Bruder wiedererkannte und wie er sich dann durch ihn zu dem verwerflichen Ränkespiel hatte verleiten lassen, und wie ihn zur Strafe sein Kind verlassen habe.
Schweigend hatte Dreßler die Beichte angehört, ihm war dadurch vieles klar geworden. Wenn auch Jakob Wenzel gefehlt hatte, Dreßler wußte den vollständig gebrochenen Mann zu trösten, und mit dem Versprechen, nie ein Wort über die ganze Angelegenheit zu sprechen, war Wenzel gegangen.
11. Kapitel
Inhaltsverzeichnis
Acht Tage nach dem Begräbnis Durgassows hatte sich Maria Wieland soweit erholt, daß die beiden Freunde übereinkamen, ihr nunmehr das von ihrem Vater für sie bestimmte Schriftstück auszuhändigen. Maria hatte in feinfühliger Rücksichtnahme sofort den Wunsch geäußert, dessen Inhalt solle in Gegenwart der ihr nahestehenden Personen, zu denen sie auch Dreßler rechne, vorgelesen werden.
An einem regnerischen Juniabend versammelte man sich in dem Arbeitszimmer des Ingenieurs, und dieser übernahm das Vorlesen der in klarer, deutlicher Handschrift geschriebenen Beichte des Toten, die endlich die restlose Lösung all der dunklen Rätsel gab.
»Berent, Juni 19…
Meine geliebte Maria!
Ich sitze hier einsam in einem wenig behaglichen Hotelzimmer. Gestern um dieselbe Zeit befand ich mich noch in Danzig, hatte allerdings schon den festen Entschluß gefaßt, mich hierher zu flüchten. Welche Umstände mir diesen verzweifelten Plan aufgedrängt haben, will ich Dir, mein Kind, in dem Folgenden auseinandersetzen. Trotzdem ich nicht weiß, wie lange ich noch mit der Ausführung meines Vorhabens zögern werde, will ich diese vollkommen wahrheitsgetreue Schilderung meiner Vergangenheit und der Ereignisse der letzten Zeit noch heute vollenden, den Brief gut versiegeln und an Dich adressieren.
Du weißt, daß ich in Kalkutta bei einer Plantagen-Gesellschaft als Inspektor angestellt war, weißt, daß ich damals noch den Namen Franz Schönberg führte, meinen richtigen Namen. Durch vorsichtiges Spekulieren an der Börse und kleine Privatgeschäfte hatte ich mir in kurzer Zeit ein kleines Vermögen erworben.
Eines Tages teilte mir ein Bekannter, als ich gerade wieder in Kalkutta weilte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, es würde in nächster Zeit in südafrikanischen Minenaktien ein großer Kurssturz stattfinden, dem aber ein ebenso schnelles Emporsteigen der Kurse folgen werde. Der Bekannte, ein Angestellter eines Bankinstitutes, machte mir die Sache so mundgerecht und schilderte mir den leichten Gewinn so verlockend, daß ich mich überreden ließ und meine gesamten Ersparnisse in den bald darauf wirklich sehr niedrig stehenden Minenaktien anlegte. – Drei Monate später war mein mühsam erworbenes Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren, infolge welcher Umstände, will ich hier nicht auseinandersetzen, da dies zu weit führen würde. Jedenfalls war ich nun genau so arm wie vor elf Jahren, als ich in Kalkutta landete. Wie schwer dieser Schlag für mich zu überwinden war, wirst Du erst verstehen, wenn ich Dir sage, daß ich nur, nur für Dich gespart und gedarbt hatte. Dir wollte ich ein Vermögen hinterlassen, wenn ich plötzlich einmal sterben sollte, damit Du nicht mittellos, nur auf die Mildtätigkeit Fremder angewiesen, allein zurückbliebest. Völlig verzweifelt und mutlos mußte ich mich kurz darauf zu einer neuen Inspektionsreise rüsten. Mich beherrschte während der ganzen Fahrt nur ein Gedanke: Der, daß ich mein Geld durch leichtsinnige Spekulationen vergeudet hatte! – Dazu, nochmals von vorn anzufangen, fehlte mir die Energie, so niedergeschlagen war ich. –
Eine unserer größten und ertragfähigsten Plantagen befand sich dicht bei Mudnapur, der Residenz des Fürsten Rasantasena. Dieser eingeborene Herrscher gehört zu den reichsten indischen Fürsten. Von seinen Schätzen, die er in einer besonderen Schatzkammer in einem Turme seines Schlosses aufbewahren sollte, hatte ich schon oft geradezu märchenhafte Dinge erzählen hören.
Als ich auf der Plantage eintraf, erlebte ich insofern eine sehr unangenehme Überraschung, als die vier dort angestellten weißen Aufseher ihre Stellen zum nächsten Termin kündigten. Da ich wußte, daß recht schwer Ersatz zu beschaffen sein würde, suchte ich sie durch das Versprechen baldiger Gehaltserhöhung zur Zurücknahme der Kündigung zu bewegen. Aber sie ließen sich auf keinerlei Verhandlungen ein. Ich wollte nun herausbekommen, aus welchem Grunde die vier Leute ihrer Stellung so plötzlich überdrüssig geworden waren. Als daher der Abend angebrochen war, schlich ich mich aus meinem Zimmer nach dem nahen Aufseherhäuschen, in dem die vier zusammen wirtschafteten. Ich hoffte, sie bei einem Gespräch belauschen zu können und so vielleicht einen Fingerzeig für die Ursache dieser auffallenden Kündigung zu erhalten. – Und ich hatte wirklich Glück. Sie saßen gerade eng beieinander auf der zu ihrem Hause gehörigen niedrigen Veranda und unterhielten sich in deutscher Sprache über ihre Zukunftspläne.
Ich will mich kurz fassen: Ihr Plan zielte auf nichts anderes als eine Beraubung der Schatzkammer des Fürsten Rasantasena ab. Sie beabsichtigten, in der Nähe des Schloßturmes, in dem sich die Schatzkammer befand, ein Häuschen zu erwerben und von dort aus einen unterirdischen Gang nach dem Turme zu graben. Um aber für ihre längere Anwesenheit in der Residenz Mudnapur einen möglichst unauffälligen Grund zu haben, waren sie übereingekommen, in der Hauptverkehrsstraße einen Laden zu mieten und dort einen Basar für europäische Waren aller Art zu eröffnen. Das Häuschen in der Nähe des für sie so wichtigen Turmes sollte dann angeblich nur für Wohnzwecke und als Lagerraum für die Waren dienen.
Nachdem ich dies alles in Bruchstücken vernommen hatte, schlich ich in mein Zimmer zurück und suchte mein Lager auf. Ich nahm mir vor, am nächsten Morgen die vier Männer unter der Drohung, ihre Absichten sonst zu vereiteln, dazu zu zwingen, mich an ihrem eine ungeheure Beute versprechenden Anschlage teilnehmen zu lassen. – Zu meiner Überraschung waren sie damit sehr schnell einverstanden, mich als fünftes Mitglied in ihren Kreis einzureihen, wobei ich einen Eid schwören mußte, mit allen Mitteln unter Hintansetzung meiner persönlichen Interessen nur an der Verwirklichung unseres Planes arbeiten zu wollen. Wir kamen überein, daß ich meine bisherige Stellung ruhig beibehalten und nur nebenbei für unsere gemeinsamen Zwecke tätig sein sollte. Infolge meiner weitverzweigten Beziehungen zu den Ratgebern des Fürsten Rasantasena gelang es mir ohne viele Schwierigkeiten, meinen Genossen die Erlaubnis zur Gründung eines Basars in Mudnapur zu erwirken. Ebenso war ich ihnen auch beim Ankauf eines keine 30 Meter von dem erwähnten Turme entfernten Hauses behilflich.
Wir hatten vereinbart, daß meine Gefährten mir in einer von uns ausgeklügelten Geheimschrift ihre Mitteilungen unter Beifügung eines Geheimzeichens stets von Kalkutta an die Generaldirektion der Plantagengesellschaft senden sollten, von wo aus mir sämtliche Briefe stets umgehend nach meinem jeweiligen Aufenthaltsort nachgeschickt zu werden pflegten. Dieses Geheimzeichen, eine einen Dolch haltende Hand, sollte auf jedes Schriftstück mit einer nur nach Erhitzen des Papiers sichtbar werdenden Tinte gezeichnet werden, damit wir sicher gingen, daß die Nachricht auch wirklich von einem der Unsrigen herrührte und nicht etwa eine uns von anderer Seite gelegte Falle darstellte.
So erhielt ich denn auch Ende Februar 1890, als ich gerade in der Stadt Peschawar in Zentralindien weilte, einen Brief von meinen Genossen, in dem sie mir ankündigten, sie würden nunmehr nach Vollendung des Tunnels vierzehn Tage später in der Nacht vom 14. zum 15. März, den Einbruch in die Schatzkammer unternehmen, weil zu derselben Zeit der Fürst verreist und die Bewachung des Schlosses daher eine weniger scharfe sein würde. Ich solle jedenfalls auf einem von Kalkutta am 18. oder 19. März abgehenden Dampfer vier Plätze belegen, da sie mit ihrem Raube, von dem mir vorher mein Anteil ausgeliefert werden sollte, sofort das Weite suchen wollten. Ich selbst brauche nicht mehr mit ihnen zu flüchten, da auf meine Person kaum ein Verdacht fallen dürfte. – Soweit der Brief. Ich tat, was man von mir verlangte, besorgte aber auch für mich selbst und für Dich, Maria, Kabinenplätze auf einem anderen, einen Tag später abfahrenden Schiff, doch nicht unter meinem richtigen, sondern unter dem Namen Michael Durgassow, da ich vor zwei Jahren in Besitz zahlreicher, auf diesen Namen lautender Papiere gelangt war. Michael Durgassow war nämlich auf einer der Gesellschaft gehörigen Plantage in der Provinz Haiderabad Oberaufseher gewesen und während einer Choleraepidemie fast gleichzeitig mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern, von denen die eine wie du Maria hieß, gestorben. Da ich damals angewiesen wurde, nach eventuellen Erben Durgassow Nachforschungen anzustellen, – diese hatten jedoch keinen Erfolg, behielt ich seine Familienpapiere und die geringe Hinterlassenschaft, ohne zu ahnen, wie nützlich mir die Urkunden noch einmal werden sollten.
Die Beraubung der Schatzkammer Rasantasenas gelang vollständig. Meine Genossen langten am 18. März glücklich in Kalkutta an, übergaben mir meinen Anteil von der Beute und verließen den Hafen am folgenden Tage. Daß ich unter anderem Namen sofort nach ihnen Kalkutta den Rücken kehren würde, verschwieg ich wohlweislich.
In Suez erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß der Anschlag auf die Schatzkammer des Fürsten früher entdeckt worden war, als wir es je gefürchtet hatten, und daß meine Gefährten bereits bei ihrer Landung gefangen genommen worden waren. Trotzdem mein Name nicht erwähnt war, wandte ich doch alle Vorsichtsmaßregeln an, um etwaige Verfolger von meiner Fährte abzulenken. Nach unserer Ankunft in Marseille reiste ich sofort nach Amsterdam und von dort nach Genf, wo ich Dich in einem Pensionat unterbrachte.
Ich selbst irrte unstet von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Das Gewissen war in mir erwacht. Jetzt, wo ich in Ruhe das, was ich getan, mir überlegte, fand ich für diese Verirrung keine Entschuldigungsgründe mehr. – In einem deutschen Gasthause in Mexiko ereilte mich dann zwei Jahre später das Schicksal in Gestalt eines meiner früheren Genossen. Es war ein gewisser Albert Wenzel, ein gewalttätiger Mensch, den ich gern aus dem Wege gegangen wäre. Aber er erkannte mich sofort und war offenbar hocherfreut, mich getroffen zu haben, allerdings weniger aus Anhänglichkeit an meine Person, sondern weil er vielmehr sicher erwartete, mir eine größere Geldsumme abnehmen zu können.
Dies gelang ihm auch, denn ich mußte ihm 40 000 Mark in guten Papieren übergeben, – ungefähr ein Drittel des Vermögens, welches ich mir durch den Verkauf der Diamanten gesammelt hatte. Ich verließ darauf Mexiko und begann wieder meine unstete Wanderung von Ort zu Ort.
Nach längerer Irrfahrt hatte ich mich in Danzig dauernd niedergelassen. Du, mein liebes Kind, warst die glückliche Gattin eines von mir hochgeschätzten Mannes geworden, und ich selbst lebte bereits in der festen Hoffnung, daß niemand mich jemals wieder an die Vergangenheit mit ihren dunklen Taten erinnern würde. Ja, so felsenfest war ich hiervon überzeugt, daß ich jetzt, wo ich Dich gut versorgt wußte, einen seit langem gehegten Wunsch verwirklichte. Ich behielt von dem auf so unredliche Weise erworbenen Vermögen nur das Notwendigste für mich und stiftete den Rest, gegen 60 000 Mark, zum Bau einer Volkslungenheilstätte, ohne jedoch meinen Namen als den des nachher in den Zeitungen vielgepriesenen Spenders zu nennen.
Da erwähnte Dreßler vor etwa einem halben Jahre ganz beiläufig im Gespräch mir gegenüber einen gewissen, in Mexiko wohnenden Albert Wenzel, bei dem er sich durch Vermittlung dessen Bruders, den Trödlers Jakob Wenzel, eine Miniatur-Statue irgend einer mexikanischen Gottheit bestellt hatte. Du kannst Dir meinen Schreck vorstellen, als dieser Name so urplötzlich wie ein Schreckgespenst abermals nach so vielen Jahren vor mir auftauchte.
Es kostete mich wirklich meine ganze Energie, damals meine Bestürzung auch nur einigermaßen vor Dreßler zu verbergen. Jedenfalls war meine Ruhe von dem Augenblick an dahin. Meine Angst war nicht unnötig gewesen, wie es sich dann herausstellte: Eines Tages erhielt ich einen in Dirschau aufgegebenen Brief mit dem Geheimzeichen der Roten Hand. Er lautete folgendermaßen:
»In Europa hätte ich Sie allerdings nie vermutet, Franz Schönberg. Desto angenehmer war ich überrascht, als mir mein in Danzig wohnender Bruder in einem sehr ausführlichen Brief mitteilte, ich solle ihm alte mexikanische Handschriften besorgen, die er vielleicht sehr günstig an einen Liebhaber derartiger Urkunden, einen alten Herrn namens Durgassow, verkaufen könne. Um nun unsere – nicht durch meine Schuld! – in Mexiko unterbrochenen freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzufrischen, werden Sie sich innerhalb von drei Tagen an einem von Ihnen zu bestimmenden Orte in Danzig einfinden und liebenswürdigst die kleine Summe von 50 000 Mark in Banknoten mitbringen worauf ich Sie nie wieder zu belästigen feierlichst verspreche. – Mit Gruß Ihr alter Bekannter A. W., der sorgfältigst aufpassen wird, daß Sie dem Rendezvous nicht etwa wieder wie seinerzeit in Mexiko durch – Verduften aus dem Wege gehen.«
Auf diesen Brief hin tat ich zunächst nichts. Ich war eben so niedergeschmettert, daß ich keinen klaren Gedanken, erst recht keinen Entschluß fassen konnte. Denn wo sollte ich wohl die verlangte Summe hernehmen? Ich besaß nur noch gerade so viel, daß ich noch einige Jahre davon bescheiden leben konnte. – Völlig verstört irrte ich umher, nur immer von der Furcht gepeinigt, daß Albert Wenzel meine einstige Verfehlung aufdecken und mich dadurch härter bestrafen könnte, als ich es vielleicht je verdient habe.
So verging die mir gestellte dreitägige Frist. Am vierten Tage erhielt ich einen zweiten Brief mit dem Geheimzeichen, in dem Wenzel mir drohte, er würde mich öffentlich bloßstellen, falls ich ihm nicht innerhalb 24 Stunden die verlangte Summe beschaffe.
Da gab mir die Verzweiflung einen letzten Ausweg ein: Ich wollte, ohne irgend einem zu sagen, wohin ich mich wandte, verschwinden und mir in der Einsamkeit das Leben nehmen, möglichst so, daß auch meine Leiche nicht gefunden würde.
Meine Flucht hier nach Berent gelang wider Erwarten gut. Dir, Maria, ließ ich nach reiflichem Überlegen doch eine Nachricht zurück. Ich hoffe, Du hast die beiden Briefumschläge mit dem Geheimzeichen. Daraus wirst Du ersehen haben, was mich von Dir getrieben hat – eben dasselbe unheilvolle Zeichen, vor dem ich Dich schon früher einmal warnte.
Damit ist meine Beichte beendet. In dem Hotel ist alles totenstill geworden. Meine Uhr zeigt die zweite Morgenstunde an. Ich bin doch müde und abgespannt nach dieser Arbeit, die so vieles in mir aufwühlte.
Und nun – lebe wohl, mein Kind! Mag Dir an der Seite Deines geliebten Gatten ein frohes, gesegnetes Dasein beschieden sein. Dies wünscht Dir Dein Vater, der nur einen Lebenszweck gekannt hat: Dich glücklich zu sehen. – Ich küsse Dich in Gedanken mit aller Innigkeit. Franz Schönberg.«
»Nachschrift. Fünf Tage später, am Montagabend, hinzugefügt:
Meine geliebte Maria! Noch immer habe ich mich zur Ausführung meines Vorhabens nicht aufraffen können. Ich hänge doch mehr, als ich anfänglich dachte, am Leben. Und langsam ist in meinem Herzen wieder die Hoffnung erwacht, ob sich nicht Mittel und Wege finden lassen sollten, um meinem Schicksal auf andere Weise eine Wendung zum Besseren zu geben. Da fiel mir heute in der Montag-Morgenausgabe des Danziger Kuriers die Annonce in die Augen, die ich ihrer Fassung wegen als von Dir herrührend sofort erkannte und in möglichst vorsichtiger Weise beantwortete. Nun werde ich abwarten, was von Deiner Seite weiter geschehen wird. Wie unendlich würde ich mich freuen, wenn ich Dich nun doch noch wiedersehen könnte und mein Lebensabend sich zu einer Reihe friedlicher Tage gestalten würde. – Lebe wohl für heute, meine Maria! Welch köstlich Ding ist doch die Hoffnung! – Dein Vater.«
– – – – – – – –
Dies waren die letzten Worte des Schriftstückes. Die Hoffnung, an die der alte Mann sich geklammert hatte, war trügerisch gewesen. –
Maria Wieland hatte die Tränen bei so manchen Stellen dieses schlichten Bekenntnisses nicht unterdrücken können. Jetzt, da ihr Gatte die Blätter des Briefes wieder in den Umschlag schob, schaute sie mit banger Frage in ihrem Blick zu ihm hinüber. Ihre Augen begegneten sich. Karl Wieland verstand, welche Zweifel ihre Seele nunmehr quälen würden. Schnell erhob er sich, eilte zu ihr und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
»Maria,« sagte er warmen Tones, »wenn jetzt Dein Vater in mein Herz blicken könnte, so würde er sehen, daß ich ihm vollständig verziehen habe. Stets werden meine Gedanken an unseren lieben Toten nur die besten sein.«
Das Dogmoore-Wappen
Inhaltsverzeichnis
1. Regen
2. Lächeln und Rosen
3. Egon Wallner
4. Beatrix
5. Spuren und Zeugen
6. Das Haar
7. An einer Gruft
8. Franz Orske
9. Die Schwester
10. Der Schatten
11. Liebe gegen meinen Willen
12. Er und Heliante
13. Bei mir daheim …
14. Verhaftet
15. Handtasche und Schlüssel
16. Der Graue gefunden
17. Das Schlüsselloch
18. Das Tagebuch
19. Der Mord
20. Als der Morgen graute …
21. Beatrix spricht
22. Alles für ihn …!
23. Verbündete
24. Im Sanatorium
25. Franz Orskes Sieg und Ende
26. Das Wappen der Dogmoores
27. Der berühmte Gunolt
28. Doch Eifersucht!
29. Übers Jahr, mein Lieb …
1. Kapitel
Regen
Inhaltsverzeichnis
Vielleicht liegt es daran, daß das Stammschloß meiner Ahnen droben in Schottland in der Nähe der Meeresküste steht, wo traurige Hochmoore, kalte Nebel, das Toben der See und unendliche, unendliche Regengüsse der Menschenseele ein besonderes Gepräge geben. Man sagt den Schotten ja auch nach, ihre Seele sei außerordentlich leicht in die seltsamsten Schwingungen zu versetzen, sie seien mehr als andere Sterbliche unberechenbare Stimmungsmenschen, und diese Stimmungen würden bei ihnen durch die mannigfachsten Ursachen ausgelöst.
Merkwürdig trotz alledem! Bei mir tut’s der Regen! Er zwingt mir eine müde, mutlose Gleichgültigkeit auf, unter deren Einfluß alles um mich her ein anderes Aussehen gewinnt – alles, Menschen, Dinge, Geschehnisse …
Er zwingt sie mir auf. Ich gebe mich ihr nicht hin, ohne mich zu wehren. Ich neige nicht zu Träumereien, zum Nachgrübeln; verteidige mich gegen diesen Feind, verscheuche ihn auch so und so oft. Doch zumeist ist er stärker als ich.
Ich stehe am Fenster meines Arbeitszimmers und schaue nach Westen zu über den Bahndamm und über die verräucherten Bäume hinweg auf den dunklen, endlosen Forst, auf den Grunewald, der da drüben lagert wie ein schwarzer Streifen, wie ein uralter, mächtiger Wall, gegürtet um die Riesenstadt Berlin. Aus diesem Streifen drängt sich jetzt etwas unheimlich Dunkelgraues hervor, kriecht höher und höher, einem in Bewegung geratenen, vom Zwielicht schwach beleuchteten Gebirgsstock gleichend. Eine Regenwolke …
Ich schaue ihr entgegen wie einer Feindin.
Gerade heute, gerade jetzt muß sie auftauchen. Soeben schien noch die Sonne. Nun hat das grauschwarze Ungetüm das Tagesgestirn verschluckt.
Ich fühle bereits, wie eine seltsame Unruhe an meinen feinsten Nervensträngen reißt. Ich kenne diese Zeichen …
Das Fenster gibt undeutlich mein Spiegelbild wieder. Ich bin festlich gekleidet. Ich feiere heute Verlobung. Ich sehe die schneeweiße Hemdbrust, darin zwei schillernde Brillantknöpfe. Ein Geschenk von ihr, von Heliante, – das Brautgeschenk.
Noch eine Stunde, dann werde ich im Auto zu ihr fahren, nach der Hinterpforte des bestgepflegten Parkes der Villenkolonie Grunewald.
Mit frohem Herzklopfen habe ich mich vorhin angekleidet. Aber die Sehnsucht und die freudige Erregung sind jetzt mit einem Mal wie fortgewischt. Lag all das nur auf meiner Seele feinsten Oberschichten wie leichte Schriftzüge auf einer Schiefertafel, die schon ein feuchter Hauch verblassen läßt?! – Nein doch – nein! Der Regen ist’s, der Feind …
Das Fremde überfällt mich. Das Fremde. Anders vermag ich’s nicht zu bezeichnen, denn es ist mehr als nur Stimmungsumschwung oder Seelendruck …
Ich lege die Stirn an die kühle Scheibe und seufze tief auf. Wozu habe ich mich mit Heliante überhaupt verlobt?! Liebe ich sie?! Kann sie, dieses strahlende, verwöhnte Weltkind, mich einsamen Gelehrten lieben? Ist es nicht ein freventliches Wagnis, ein solches Weib an sich zu ketten …?!
Die ersten Tropfen fallen …
Fallen, treffen das Fenster, rinnen am Glas entlang, hinterlassen feuchte Streifen; fallen dichter und dichter. Die Musik des Regens setzt ein.
Ein Heer von Tropfen stürmt jetzt gegen die Scheiben. Ganze Bächlein fließen am Glas herab. Ich seh die Welt da draußen in wunderbarer Verzerrung. Ein Zug rast auf dem Bahndamm vorüber. Nein, es ist kein Zug, es ist ein stinkenden Qualm ausspeiender Drache, ein Ungeheuer der Vorzeit … Leute kommen aus dem Tunnel unter dem Bahndamm hervor. Leute – Menschen?! Zwerge, Kobolde sind’s, die der Schlund der Erde freiläßt – mit Fratzen, lächerlich oder grausig …
Und stumpf und müde denke ich: »Du mußt zu Heliante – du mußt!!« Große Verlobungsfeier … Vierzig Personen … Darunter auch der Graf, der Heliantes Millionen und … meine Heliante daneben als Zugabe haben wollte …! Wollte! Hätte er sie doch beide für sich erobert, beide …! Denn Heliante und ich …?! Ein Wahnwitz! Heliante Bark, – eitles Püppchen, Parvenütochter – und ich, ich – Allan Lord Dogmoore, Stammbaum bis 1121, der letzte Dogmoore … Nicht mehr Schotte, Engländer, – Deutscher jetzt, auch im Herzen, deutsches Blut in den Adern – von der, die ich anbete, die mir alles ist: meine Mutter …!
Ich lasse mich in den Klubsessel fallen, der neben dem Rauchtischchen dicht am Fenster steht … Ich grübele und grübele. Eine dumpfe Feindseligkeite ist in mir, etwas Wildes, Zügelloses … –
So ist es immer, wenn der Regen mich überwältigt. Ein Fremder ist in die Hülle meines Ich’s hineingeschlüpft wie ein widriger Wurm. Ich grübele …: Heliante und ich – Wahnwitz …
War ich soeben eingeschlafen …?! »Raffe dich auf, Allan Dogmoore …! Sie erwartet dich – im Park, im Pavillon …«
Ah – doch keine Täuschung! Da ist Frau Meißlers Stimme, – hell, scharf wie das Schrillen eines Weckers.
»Herr Doktor – Herr Doktor …!!«
Ich werde munter, fahre mit der Hand über die Stirn, über die Augen, schaue verwirrt um mich … Ich muß wirklich im Klubsessel ein-geschlafen sein. Ich sehe draußen die Röte eines wunderbaren Sonnenuntergangs den Himmel färben …
Wieder der Wecker: »Herr Doktor …!!« Die magere Witwe kreischt gräßlich …
»Ja doch – ich komme ja schon …!!« Ich springe auf, und – mein Fuß stockt … Heliante, Verlobungsfeier, und draußen schon der Abend …!! – Das schießt mir durch den Kopf, und der Schreck lähmt mich förmlich.
Ich habe die Zeit verschlafen. Um viertel sieben hätte ich bei Heliante sein müssen – – Hinterpforte, chinesischer Pavillon – – weiche Arme, Küsse, Duft von Frauenhaar – – all das Süße ihrer Nähe – – und jetzt –, jetzt muß es etwa neun sein, neun …!!
Abermals: »Herr Doktor …!!«
Ich schüttele die Erstarrung ab, eile der Türe zu, – – da – – wer hat denn abgeschlossen?! – Ich drehe den Schlüssel um, reiße die Tür auf …
Mein Arbeitszimmer hat Flureingang. Das elektrische Licht brennt bereits im Treppenhaus. Ich sehe, wie verstört die Meißler ist. Ihre Augen sind ganz wild, ganz weit, und neben Entsetzen bemerke ich darin etwas wie Mitleid.
»Was gibt’s denn, Frau Meißler?«
»Oh, mein Gott, Herr Doktor … Ihr Schwager sitzt drüben bei mir …«
»Ja – ja – ich bin eingeschlafen – im Klubsessel – unverantwortlich von mir.«
»Nein – nein, – nicht das … Aber – kommen Sie – kommen Sie …!«
Und sie eilt mir voraus. Wenige Schritte sind’s nur bis zu ihrer Flurtür. Bei der Meißler riecht es wie immer nach muffigen Kleidern, Bratenfett und nach Petroleum, von dem Lämpchen, das hier im dunklen Wohnhausflur als Sparbrenner Tag und Nacht die Luft verpestet.
Neben der Küche haust sie in der ihr verbliebenen Hinterstube.
Und dort sitzt mein Schwager Erwin auf dem altertümlichen, roten Plüschsofa - ganz in sich zusammengesunken, ganz bleich …
»Allan,« stöhnt er, »Allan, es – ist – etwas …«
Die zitternde Stimme versagt ihm den Dienst. Sein Kopf sinkt wieder auf die Brust. Ich sehe die Tränen, die über seine Wangen rinnen, sein junges Gesicht, das dem Heliantes fast zu sehr gleicht. Alle Barks ähneln sich – alle …
Mir ist’s, als sei die ganze Welt plötzlich von Wahnsinn befallen. Erst schlafe ich ein – verschlafe; dann die Meißler, kaum zu erkennen in ihrer Verstörtheit, – und nun noch Erwin in diesem Zustand, mit diesen Andeutungen …
Ich rüttele ihn.
»Erwin – was um Himmels willen ist denn geschehen?«
Da schreit er auf: »Allan, Allan – du schläfst, und Heliante … wird – wird – ermordet – ermordet …!!«
Meine Linke krallt sich in den Stoff seines Anzugs fest. So finde ich Halt; so taumele ich nicht zurück, stiere ihn nur an, stiere in sein weißes Gesicht, das mir wie in eine Wachsmaske, Schmerz und Entsetzen darstellend, erscheint …
Ich stiere auf seine Lippen, zwinge ihn so zum Sprechen.
»Heliante ist nicht mehr, ist tot …!« schluchzt er auf und umklammert mit seinen beiden Händen meine Rechte, die sich schwer auf den Tisch stützt.
»Also – wahr ist’s – wahr?« keuche ich halb besinnungslos.
Er nickt nur. Und eine Weile bleiben wir regungslos. Dann steht er auf, taumelnd, müde, zerschlagen.
»Mein Auto wartet unten – komm!!« sagt er tonlos, fast mich unter und zieht mich mit fort.
Schwer poltern wir die Treppe hinab. Frau Meißler kommt mir mit Mantel und Hut nachgelaufen.
Vor dem Haus stehen die Hausbesorgerleute und sprechen mit dem Chauffeur meiner Schwiegereltern. Er ist schon zehn Jahre bei Barks im Dienst. Auch er hat gerötete Augen.
Das Auto rast davon. Erwin hält meine Hand in der seinen.
»Allan, Allan – sei stark nachher – es ist furchtbar!« stöhnt er. »So jung, so glücklich, und dann sterben müssen, so – so sterben müssen …!! Vor vier Stunden noch so lebensfroh, und jetzt – still, stumm, – die Beute irgendeines Mordbuben.«
Ich will die Szenen in der Villa Bark übergehen. Alle meine Energie brauchte ich, um nicht ebenso hilflos, so ganz sinnloser Schmerz zu werden wie meine Schwiegereltern, wie meine Schwägerin Beatrix …
Gerade Beatrix benahm sich so seltsam. Sie, die Scheue, Zurückhaltende, war mir hier auf die große Diele entgegengeeilt. Schweigend standen wir uns ein paar Sekunden gegenüber. Ihre Augen bohrten sich in namenlosem Jammer in die meinen, als wollten sie darin suchen. Dann umschlang sie mich plötzlich, lag schwer an meiner Brust, hob den Kopf langsam, küßte mich mit so heißen, fiebernden Lippen, flüsterte dann etwas, das ich nur halb verstand … Es klang wie: »Ich weiß nichts – nichts – – ich habe nichts gesehen!« – –
Ich kann mich aber auch geirrt haben; die Worte mögen andere gewesen sein – etwas anderes …
Ich hatte den Arm wie schützend um sie gelegt. Ich war verwirrt über die Art, wie ihr Schmerz sich äußerte.
Und dann ward ich mit einemmal inne, daß sie – Beatrix, gerade Beatrix! –heute von einer feinen Wolke jenes Wohlgeruchs umgeben war, den Heliante stets benutzte, auf den sie so stolz war, – ihre eigene Kreation, eine Mischung verschiedener Wohlgerüche, die ich so sehr liebte.
Beatrix gab mich frei, trat zurück. Täuschte ich mich? Hatte sie nicht soeben kaum merklich gelächelt …? Nein – es war doch wohl ein Irrtum … Was sollte wohl in diesem Augenblick ein Lächeln schmerzlichen Triumphes …?! – –
Die Polizei war längst im Hause. Die ganze Mordkommission. Überall schwärmten die stillen, ernsten Beamten umher, tauchten auf, wo man sie kaum vermuten konnte, fragten, horchten, spähten, beobachteten … –
Gunolt nahm mich nachher mit in den Park, – der bekannte, nein, der berühmte Kriminalkommissar Karl Gunolt.
Wir gingen schweigend durch die Abenddämmerung. Über die kiesbestreuten, gepflegten, noch regenfeuchten Wege schritten wir, vorbei an der Marmorgruppe der Wasserschöpferin, vorbei an einem Tennisplatz, dem Umkleidehäuschen, der weißen Bank davor … Dort hatte ich mich vor drei Tagen mit Heliante verlobt, auf jener Bank hatte sie mir die Augen zugehalten und mich dann geküßt … Und jetzt war Heliante tot - tot!!
Ich konnte es noch immer nicht fassen, schaute zur Seite, ob er auch wirklich Gunolt, der berühmte Gunolt war, der neben mir so schweigsam dahinschritt …
Er war’s – und daher war Heliante nicht mehr, daher war sie ermordet worden … Gunolt hätte an der Lebenden kein Interesse gehabt … –
Wir näherten uns dem entlegensten Teil des Parkes, der Hinterpforte, die auf eine enge Seitenstraße mündete. Hier steht auf einem künstlichen Hügel inmitten mächtiger Fliederbüsche ein kleiner, chinesischer Tempel, von dem aus man die Hinterpforte im Auge behalten kann; hier hatte Heliante mich so manchesmal erwartet, als wir noch Freunde waren und glaubten, daß Mann und Weib in feinstem, gegenseitigem Verstehen auch ohne Liebe, ohne Zärtlichkeiten sich alles sein könnten. Die weiße Bank am Tennisplatz hat nachher spöttisch gelächelt … –
Gunolt stieg vor mir die Stufen zu dem bunten Bauwerk hinauf.
Unten an der Treppe hatte ein Geheimpolizist uns begrüßt. Oben vor der Tür mit dem verschnörkelten Gitterwerk wartete oder wachte ein zweiter … Die tote Heliante war der Polizei sehr wertvoll … – –
Und dann sah ich Heliante …!
Man hatte hier im Innern des Tempelchens zwei Acetylenlaternen so aufgestellt, daß die blendend weißen Lichtkegel sich gerade auf der Leiche vereinigten.
Ich fühlte, wie mein Herzschlag stockte. Alles drehte sich um mich, ein wahnwitziges Karussell von Lichtbüscheln und toten Frauenkörpern raste um mich herum … Aber ich biß die Zähne zusammen – den Schrei würgte ich hinab.
Das jagende Drehbild stand still. Ich sah nur noch zwei Strahlenkegel, eine Tote … meine Braut – Heliante …!!
Wie schön sie war – selbst im Tode! Welche Seligkeit hätte sie verschenken können mit diesen Lippen, diesem herrlichen Leib …
Ihr Kleid, mattgrün, luftig, zeigte an der Stelle des Herzens einen kleinen Blutfleck. Ihre Augen waren geschlossen, die Lippen halb geöffnet; der Gesichtsausdruck feierlich, – und mehr noch, ein Lächeln spielte um den Mund, den ich noch am Vormittag geküßt hatte …
Gunolt berührte meinen Arm.
»Werden Sie den Anblick noch eine Weile ertragen können?« fragte er leise. »Der Tod verändert die Züge sehr schnell. Und ich möchte gerade Sie bitten, Herr Doktor, Sie, als den Bräutigam, den mit am schwersten durch diesen Mord Betroffenen, das Antlitz der Toten genau sich anzusehen.«
Er suchte in seine Stimme warmes Mitgefühl hineinzulegen. Aber ich hörte doch heraus, daß diese Tote, die für mich die Zukunft bedeutet hatte, für ihn nur »der neue Kriminalfall« war – die Pflicht, die Aufgabe: »Fang den Täter!«
»Unterschätzen Sie mich nicht!« sagte ich hart. »Ich will Ihnen helfen, den Mörder zu finden. Verlangen Sie von mir, was Sie wollen. Ich tu’s! Nur rächen will ich diesen ungeheuren Frevel –!«
2. Kapitel
Lächeln und Rosen
Inhaltsverzeichnis
»Setzten sie sich, Herr Doktor,« meinte er weich.
Er hatte ein Gesicht wie ein römischer Gladiatoren, bartlos, hager, jede Linie Energie, Wachsamkeit! Die Stirn von Falten durchfurcht! Das Auge sehr wechselnd im Ausdruck, zumeist Gleichgültigkeit vortäuschend, und doch stets unruhig, stets auf der Lauer. Und das Organ der Stimme schmiegsame wie das eines guten Schauspielers.
Er schob mir einen der hellblau lackierten Gartenstühle hin. Ich setzte mich. Und er lehnte sich an die Wand mir gegenüber.
»Herr Doktor, Sie wurden um viertel sieben Uhr hier erwartet,« begann er jetzt plötzlich mit einer kühlen Sachlichkeit, die mich fast abstieß. Das weiche aus seiner Stimme war verschwunden. »Ihre Braut ist Ihnen bereits um halb sechs, kurz bevor der Regen begann, bis hierher entgegengegangen.«
»Wir hatten uns verabredet,« warf ich ein.
»Das hörte ich schon von der Frau Geheimrat, die Ihrer Braut des drohenden Regens wegen abriet, Sie hier zu erwarten. Aber Fräulein Heliante ließ sich nicht zurückhalten. Sie ist dann hier durch einen Dolchstoß ins Herz getötet worden, und zwar von einer Person, die auf dem Fußboden des Pavillons nur wenige und sehr verschwommene Fußstapfen zurückgelassen hat. Wir haben diese Spuren sämtlich abgezeichnet, auch photographiert. Sie geben einen gewissen Aufschluß über den Vorgang selbst, wenn auch nicht über den Verbrecher – leider!«
Wie entsetzlich mich diese Sachlichkeit marterte! – Aber ich blieb still, blieb geduldig. In meinen Ohren klang als Begleitung zu Gunolts Worten stets ein anderer mit: »Rache – Rache –!! Du wirst Heliante rächen –!!«
»Im Park haben wir keine Spuren finden können,« sprach der Kommissar weiter »der Regen, der erst um acht Uhr nachließ, hat alles weggewaschen. So konnten wir uns nur an das halten, was hier zu sehen war. – Danach scheint Ihre Braut dem Mörder bis zur Tür dieses Pavillons entgegengeeilt zu sein. Und dort etwa,« – er zeigte auf die Stelle, wo Heliantes zierliche Lackschuhchen unter dem Kleidersaum hervorragten – »hat sie den tödlichen Stoß erhalten, worauf der Mörder die Umsinkende auffing und auf den Bastteppich so hinlegte, wie Sie sie noch jetzt sehen. Der Tod ist fast augenblicklich eingetreten. – Ich behaupte nun, daß dieser Täter Ihrer Braut nicht fremd gewesen sein kann, möchte sogar die Behauptung aussprechen, daß sie – dem Mörder ob seiner Tat nicht zürnte. – Die Tote lächelt wie in stiller Glückseligkeit. So ist sie hinübergegangen in ein besseres Jenseits. – Gerade dieses Lächeln ist von großer Bedeutung. Und dann noch – die Rosen, die roten Rosen –!«
Wieder deutete er auf Heliante, auf die Rosen, die ich jetzt erst wahrnahm.
Sie hielt sie in der rechten Hand, die etwas vom Körper weggestreckt war, – vier langstielige, dunkelrote, erst halb erblühte Rosen …
Was folgerte Gunolts spitzfindiges Hirn aus diesen zarten, duftenden Kindern des Sommers? – Seltsam: Rosen in der Hand – dunkelrot – Blumen der Liebe –.
»Der Mörder hat sie nach der Tat von einem Strauch dicht am Pavillon abgeschnitten, mit einem sehr scharfen Instrument, vielleicht mit der Mordwaffe,« sagte Gunolt wieder in seiner bedächtigen Art. »Er hat sie dann der Toten in die erstarrten Finger gedrückt. Als Ihre Braut die Villa verließ und hierher eilte, hatte sie weder die Rosen noch ein Taschenmesser bei sich. Die Rosen sind auch erst nach Beginn des Regens abgeschnitten worden. Ihre Kelche sind voll von Regentropfen. Dort, wo sie auf dem Bastteppich liegen, ist ein nasser Fleck entstanden. – Es ist so – der Mörder brachte seinem Opfer Blumen, und –«
Ich merkte, daß er noch mehr hinzufügen wollte.
Weshalb schwieg er?! Weshalb schaute er leicht verlegen an mir vorbei –?!
Eine seltsame Unruhe überkam mich. Schon Heliantes glückliches Todeslächeln war für mich die Ursache zu argwöhnischem Grübeln gewesen. Und jetzt noch die Rosen –!!
Seliges Lächeln und Blüten der Liebe –!!
Hatte man mir nicht vor kurzem noch einen anonymen Brief ins Haus geschickt –?! Hatte nicht in diesem Schandwisch das gestanden, was ich schon von anderer Seite gehört hatte, – von einer Neigung Heliantes zu einem armen Künstler, einem Maler?!
Ich blickte scheu zu Gunolt hinüber. Unsere Augen begegneten sich.
Dann formten seine Lippen ein Wort:
»Eifersucht!« – Er betonte es ganz eigen.
Er hatte dasselbe gedacht wie ich …!!
Und leise fügte er hinzu: »Eifersucht – Verlobungsfeier heute – vielleicht vorher ausspioniert, daß Ihre Braut Sie hier öfters erwartete –.« Es war, als ob ein Schachspieler die ersten Züge tut, die den Sieg vorausahnen lassen –.
Dann fragte er: »Wie heißt er doch?«
Ich blickte wie gebannt auf die Rosen im hellen Licht der Strahlenkegel. Sie wuchsen, wuchsen, wurden ein tiefrotes Meer, eine wogende See von Blut.
Und ganz unbewußt hob ich die Schultern als einzige Antwort.
»Sie wissen es nicht –? – Ach – richtig – Egon Wallner, der Maler hellblauer Landschaften mit violetten Bäumen und Menschen mit grünen Gesichtern.«
Er wußte mehr als ich, der berühmte Gunolt.
Eine Weile Schweigen –.
Das rote Meer wogte noch immer vor meinen Augen – darüber mußte sich ein Nachthimmel ausspannen –. Sternschnuppen durchkreuzten das Rot – Fünkchen, die ich zu sehen glaubte.
Abermals Gunolts Stimme – wie aus weiter, weiter Ferne, jetzt wie die eines Menschen, vor dem ich langsam zurückweiche, – immer leiser – verschwommener –.
»Ihre Schwägerin Beatrix hat die Tote zuerst entdeckt. Sie kam mit Schirm und Umhang für Ihre Braut hierher, wahrscheinlich kurz nachdem der Mörder sich entfernt hatte –.«
Arme Beatrix –! Sie war ja Heliantes Zwillingsschwester – ihr zum Verwechseln ähnlich – bis auf das dunkle Haar. Heliante war aschblond –
»Arme Beatrix!« – Das war das letzte, was ich dachte, bevor ich ohnmächtig vom Stuhl sank –.
Pulsuz fraqment bitdi.