Kitabı oxu: «Walther Kabel-Krimis: Über 100 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band»

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Walther Kabel-Krimis: Über 100 Kriminalromane & Detektivgeschichten in einem Band

Vier Tote, Moderne Verbrecher, Wer?!, Das graue Gespenst, Die Liebespost, Der Ring der Borgia, Der hüpfende Teufel...


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-7583-110-1

Inhaltsverzeichnis

Kriminalromane

Das graue Gespenst

Das Katzenpalais

Das Geheimnis eines Lebens

Das Dogmoore-Wappen

Das Geheimnis um die Ginsterschlucht

Der Schlingensteller

Der Ring der Borgia

Auf falscher Fährte

Spuren im Neuschnee

Die Lahore-Vase

Der hüpfende Teufel

Der Tempel der Liebe

Das Haus am Mühlengraben

Die Liebespost

Das Gift des Vergessens

Im Schatten der Schuld

Der Universal-Erbe

Die Stimme des Blutes

Das Haus des Hasses

Der Mann im Sessel

Die blaue Königin

Der Doppelgänger

Der Kobrakopf

Der Obstkahn am Elisabethufer

Der Stein der Wangerows

Der Tote in der Burgruine

Die Antenne im fünften Stock

Irrende Seelen

Kursfürstendamm Nummer 304

Thomas Bruck, der Sträfling

Das stille Haus

Die Hand des Toten

Die gelbe Wachskerze

Der tote Missionar

Harald Harst-Krimis

Zwei Taschentücher

Das Geheimnis des Czentowo-Sees

Die Rätselbrücke

Die Rose von Rondebosch

Der Piratenschoner

Der Spangenschuh der Lady Broog

Das Geheimnis der Kabine 24

Die Steinhütte am Buarbrä

Das Rätsel der Trollhätta-Insel

Das Gespenst des Skien-Museums

Lord Plemborns Verbrechen

Die Schreckensnacht im Hotel Dahlen

Die Leiche im Gletschertunnel

Die herrenlose Motorjacht

Sechs leere Briefbogen

Das Licht in der Eiche

Der Obstkahn am Elisabeth-Ufer

Der Wolfshund des Herrn Krabarty

Die Motorjacht ohne Namen

Die Insel der Seligen

Die große Null

Der Sultan von Padagoa

Der Fakir ohne Arme

Das Kranichnest

Das Kreuz auf der Stirn

Der Spiritistenklub

Die drei Päckchen

Der rätselhafte Gast

Lydia Salnavoors Testament

Traudes Hochzeitsabend

Amalgis Ahnengalerie

Dämon Rache

Einer von der Hammonia

Die schwarzen Katzen

Der neue Graf von Monte Christo

Das Eiland der Toten

Auf dem See des Schweigens

Wie Doktor Amalgi starb

Die Millionenerbin

Doktor Amalgis Vermächtnis

Timitri, das Leichenschiff

Robbenfang

Fürst Spinatri

Das Urwaldrätsel

Jakob Maschel, der Hausierer

Die unerforschte Stadt

Die Geheimnisse der Prinz Albert-Berge

Pension Dr. Buckmüller

Vier Tote

Dr. Haldens Patient

Das Ende einer Mainacht

Drei Löwen

Moderne Verbrecher

Dämon Chanawutu

Wer?!

Salon Geisterberg

Die Talmifabrik

Das Tor des Todes

Ein Glaubensfanatiker

Der Stern von Kabinur

Die Mühle des Mr. Mac Tuppy

Die leuchtende Eule

Der alte Gobelin

Banditen des Olymp

Der weiße Maulwurf

Das alte Fräulein Födösy

Die weiße Schlange

Allan Garps letzte Stunde

Der Kongreß der Stummen

Die Kaschemme Mutter Binks

Der seltsame Milliardär

Der Mann von gestern

Der Bluffer

Das Geheimnis um die „Marga“

Kriminalromane

Inhaltsverzeichnis

Das graue Gespenst

Inhaltsverzeichnis

1. Der Basuto-Speer

2. Das graue Gespenst

3. Die gescheiterte Brigg

4. Die Spur des Anderen

5. Zum ersten Mal in Gauben

6. Zwei Briefe und zwei Enttäuschte

7. Die Leidensgeschichte einer Frau

8. Der erste Verdacht

9. Ein Stempelaufdruck

10. Kapitel

11. Nie geahnte Überraschungen

12. Was die Presse zu sagen wußte

1. Kapitel
Der Basuto-Speer

Inhaltsverzeichnis

Über Kimberley, der südafrikanischen Minenstadt, lagerte die Gluthitze eines sonnenklaren Maitages. Trotzdem drängte sich jetzt in der Mittagsstunde ein lebhafter Verkehr von ausgesprochen internationalem Gepräge durch die breiten Straßen, alle begriffen auf der Jagd nach dem Götzen Gold, der nirgends so sehr wie gerade in der »Diamantenstadt« die Gemüter erregt und Geist und Körper zu den unerhörtesten Anstrengungen anspornt.

Vor dem hochragenden Börsenbau herrschte heute eine ungewöhnliche Aufregung unter den Herren, die teils in der breiten Eingangstür, teils auf der Freitreppe standen.

Auf der anderen Straßenseite, gegenüber der Börse, stand eine dichtgedrängte Menge Neugieriger, – meist Minenarbeiter, Handwerker und hier und da auch ein Farbiger. Etwas wie Schadenfreude war in den Gesichtern dieser einfachen Leute zu lesen, und wenn man genau hinhörte, konnte man Ausrufe verstehen, die von einem geheimen Hasse gegen die Großkaufleute sprachen.

Zwischen den über den Fahrdamm hin und her rasselnden Wagen aller Art schlüpften kleine, halbnackte Kerlchen hindurch – Zeitungsjungen, die ihre Extrablätter hinausbrüllten.

»Die Zerstörung der Hurley-Mine!« – »Kampf mit der Miliz!« – »Achtzig Tote, zweiundfünfzig Verwundete!« – »Kauft das Allerneueste – kauft –«

An der Brüstung der Börsentreppe lehnte einsam ein Mann, dessen blaue Augen mit verächtlichem Ausdruck auf die Menge gerichtet waren, die mit schadenfrohen Gesichtern auf die erregten, geängstigten Großkaufleute blickte und oft ihre höhnischen Bemerkungen hinüberrief.

Ein dicker, aufgeschwemmter Herr, dessen Finger mit blitzenden Ringen besteckt waren, gesellte sich jetzt zu dem Einsamen, der offenbar unter all diesen Millionen-Magnaten eine hochgeachtete Stellung einnahm.

»Master Wendel, ich begreife Ihre Ruhe nicht,« sagte er, sich vor dem blonden Deutschen aufpflanzend. »Ihre Mine liegt zunächst dem Randbache, und schreitet die schwarze Bande zum Angriff, so wird Ihr Werk als das erste vom Erdboden verschwinden.«

»Meinen Sie, Brauwarey?!«

Selbstbewußter Spott lag in dieser Antwort.

Der dicke Brauwarey, der bisher selbst gegen viertausend Neger beschäftigt hatte, starrte Wendel aus seinen glasigen Fischaugen staunend an.

Kopfschüttelnd sagte er: »Wirklich, ich begreife Sie nicht –« Er wollte noch mehr hinzufügen, aber der Deutsche, ein stattlicher Mann Anfang der fünfziger, hatte sich aufgerichtet und schaute einem eleganten Auto entgegen, das sich eben durch die Straße wand und vor der Börse Halt machte.

Dem Auto entstieg jetzt eilig ein schlanker Mann mit sonnverbranntem Gesicht. Es war der erste Buchhalter der Barbu-Mine, die Wendel seit einigen zwanzig Jahren gehörte.

»Pelletan – hierher!« rief der Deutsche mit dröhnender Stimme.

Pelletan keuchte die Treppe empor.

»Master Wendel – die Schwarzen kommen –«

Das genügte. Mit drei Sätzen war Wendel in seinem Auto, Pelletan sprang hinterher, die Tür knallte zu, und fauchend flog das Gefährt davon.

* * *

Die Barbu-Mine, deren Baulichkeiten durch einen hohen Holzzaun mit einer Verlängerung von starkem Stacheldraht eingeschlossen wurde, lag etwa zwei Kilometer vor der Stadt auf einer kleinen Anhöhe. Ein fester, gutgehaltener Weg gestattete dem Auto die Höchstgeschwindigkeit einzuschlagen, so daß Wendel in knappen acht Minuten vor dem Haupteingang seines Werkes anlangte. Dort empfing ihn Master Pareawitt, der Oberingenieur, mit einem Gesicht, das nichts Gutes ahnen ließ.

»Wie steht’s, Pareawitt? Alles vorbereitet?!« rief der Deutsche und war mit einem Satz aus dem Wagen. »Was treibt die schwarze Gesellschaft? Schon in der Nähe?«

»Brennen zur Zeit Halburgs Store nieder,« antwortete der Oberingenieur mit verbissener Wut. »Werden aber wohl bald hier sein.«

Wendel winkte und verschwand mit den beiden Männern hinter dem schweren Tor, dessen Flügel der Pförtner sofort wieder schloß.

Zehn Minuten später. Wie ein kribbelndes Ameisenheer, dicht gedrängt, unaufhaltsam, schob sich die Masse der wütenden Neger auf der Straße vorwärts. Der Besitzer der Barbu-Mine beobachtete diese dunkle Masse vom Fenster der ersten Etage des Verwaltungsgebäudes aus wie ein Feldherr. Mit jener zielbewußten Energie, die aus dem armen Handlungsgehilfen im Verlaufe von Jahrzehnten einen einflußreichen, millionenschweren Minen-Magnaten gemacht hatte, waren von ihm noch schnell die getroffenen Verteidigungsmaßnahmen ergänzt worden.

»Bin neugierig, was sie beginnen werden,« sagte er jetzt zu dem neben ihm stehenden Oberingenieur.

Pareawitt lehnte sich zum Fenster hinaus.

»Die Bande verhält sich auffallend still,« meinte er besorgt.

»Schlechtes Zeichen!« erklärte Wendel, und fügte hinzu: »Kein Zweifel, die Hauptmasse bewegt sich auf das Eingangstor zu. Machen wir, daß wir hier fortkommen. Ich werde einmal hinausgehen und der Rotte Vernunft predigen. Hoffentlich hilft’s was. Wenn nicht – na, dann fließt eben Blut, aber nicht das unsrige, so wahr ich Albert Erich Wendel heiße!«

Der blonde Hüne, den Panamahut weit ins Genick geschoben, drückte sich durch den Torspalt und schritt furchtlos der heranrückenden Menschenmauer entgegen. Soweit das Auge reichte, nichts als dunkle Menschenkörper, wollige Negerköpfe. Im Nu bildete sich um Wendel ein weiter Halbkreis bewaffneter Gestalten. Die Hintenstehenden drängten nach, neugierig, was der weiße Baas (Herr) ihnen wohl zu sagen hätte, der jetzt so gebieterisch den Arm ausstreckte. So kam es, daß der Kreis um den deutschen Riesen sich immer enger schloß.

Und nun begann der unerschrockene Millionär mit einer Stimme, die weithin über die glänzenden, schwarzen Gesichter schallte:

»Boys, ich warne Euch! Kehrt an eure Arbeit zurück! Ihr wißt nicht, wie wir euch empfangen werden, wenn ihr wagen solltet, eure unverständliche Wut an unserem Eigentum auszulassen.«

Er sprach in jenem mit holländischen Brocken vermischten Englisch, wie es in Transvaal von jedem Nigger verstanden wird.

»Boys!« fuhr er fort, »wißt ihr, was Maschinengewehre sind?! Ihr habt – oder wenigstens meine Arbeiter – die blanken Kanonen in meinem Schuppen stehen sehen! Bevor auch nur einer von euch meine Umzäunung erklettert hätte, würden hunderte von euch niedergeknallt sein, wie die Springböcke bei der Treibjagd! Boys! Denkt an die Maschinengewehre! Macht kehrt und haltet Frieden! Das rate ich euch wohlmeinend, ich, der weiße Baas, der stets verstanden hat mit seinen Leuten auf friedlichem Fuße zu leben!«

Ein Murren, wie ein Windstoß, der durch Tannenwälder fährt, anzuhören, erhob sich.

»Boys, wenn ihr mir nicht glaubt, schickt eine Zahl von euch in meinen Hof, damit sie sich die blanken, eisernen Menschenfresser ansehen können. Ich will nichts, als –«

Albert Wendel sollte in diesem Leben kein beruhigendes Wort mehr an diese blutdürstige, zur Rachsucht aufgestachelte Masse richten.

Ein Basutospeer mit breiter Spitze war weit hinten aus der Masse von geübter Hand geschleudert worden und fuhr ihm von oben wie ein Blitzstrahl in die Brust. Die Wucht der gut zwei ein halb Meter langen Lanze war so groß, daß er taumelnd hintenüberschlug. Der Hut fiel ihm vom Kopf, rollte seitwärts. Vergebens suchte der riesige Körper sich wieder aufzurichten.

Pareawitt, der Oberingenieur, und drei weiße Angestellte brachten blitzschnell den Schwerverwundete zurück in den Schutz des hohen Zaunes.

»Verfl… heimtückische Bande, das sollt ihr mir bezahlen!« knurrte Pareawitt und rief den Leuten, die bei den Maschinengewehren standen, einige Worte zu.

Man hatte den Baas, dem der Speer sofort aus der Brust gezogen war, auf ein Brett gelegt und trug ihn so nach dem Krankenzimmer des Verwaltungsgebäudes. Ein schauriges Glockengeläut begleitete den traurigen Zug – die blitzschnell aufeinander folgenden Schüsse der stählernen Menschenfresser! – Tack, Tack, Tack, so ging’s unaufhörlich, unaufhörlich.

Und jetzt draußen ein Gebrüll wahnsinniger Angst. Die Schüsse, so niedrig gezielt, daß sie nur die Beine der Schwarzen trafen, ernüchterten die angriffslustigen Nigger im Handumdrehen. Schreiend, tobend, einander niederstoßend, nur um schneller aus dieser Hölle fortzukommen, zerstreuten sich die Tausende, fluteten zurück.

In dem Krankenzimmer lag der von dem Arzt der Barbu-Mine schnell verbundene deutsche Baas und rang mit dem Tode.

Mit erlöschender Stimme hauchte er jetzt:

»Lesen Sie vor, Pelletan, was Sie geschrieben haben. – Es eilt, ich fühl’s –«

Und der Buchhalter las:

»Kimberley, den 16. Mai 19…

In dem Bewußtsein, daß der Tod mir nahe ist, diktierte ich in Gegenwart von drei Zeugen, die diese Urkunde mit unterzeichnen werden, meinen letzten Willen.

Ich setze zu meinem Erben den nächsten meiner Verwandten ein, gleichgültig, wie alt dieser ist, ob Mann oder Weib. Es leben Verwandte von mir in Deutschland und zwar in Danzig. Seit zwanzig Jahren habe ich nichts von ihnen gehört. Mein Testamentsvollstrecker wird meine Erben zu finden wissen.

Der, der für die Erfüllung meines letzten Willens sorgen wird, ist mein Oberingenieur Hektor Edward Pareawitt. Er soll meine Besitzungen sämtlich verkaufen. Für seine Mühewaltung erhält er 5000 Sterling.

Falls meine Verwandten sämtlich vor mir gestorben sein sollten, fällt mein Vermögen, das ich auf drei Millionen nach deutschem Gelde schätze, an das deutsche Reich, mit der Bestimmung, daß die Zinsen im Interesse meines alten Vaterlandes verwendet werden.

Unter allen Umständen sind an meine Beamten und Arbeiter Legate auszuzahlen in der Weise, daß jeder ein volles Jahresgehalt erhält.

Dieses Testament ist bei dem deutschen Generalkonsul in Kapstadt niederzulegen, den ich bitte, meinen Vertrauten Pareawitt nach Möglichkeit zu unterstützen.«

Pelletan schwieg.

»Gut so,« erklärte der Sterbende mit letzter Kraft. »Eine Feder –«

Pareawitt stützte ihn, als er unterschrieb.

Es war die höchste Zeit gewesen. Mit einem dumpfen Ächzen sank Albert Wendel zurück. Seine Finger schlossen und öffneten sich krampfhaft. Dann ging’s wie ein Ruck durch den massigen Leib.

»Das Ende,« sagte der Arzt leise.

Pareawitt zerdrücke eine Träne.

Der Buchhalter Pelletan aber murmelte unhörbar vor sich hin »Merken wir’s uns! In Danzig!«

2. Kapitel
Das graue Gespenst

Inhaltsverzeichnis

Drei Monate nach diesen Ereignissen finden wir Hektor Edward Pareawitt in der Hauptstadt des Deutschen Reiches und zwar bei dem Inhaber des Detektivbureaus »Argus« wieder.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Pareawitt?«

Der Oberingenieur, der die schlanke Figur und das markante Gesicht des berühmtesten Detektivs Berlins mit wohlgefälligen Blicken gemustert hatte, sagte mit leichter Verbeugung:

»Sie sind mir durch einen Freund, der hier in Berlin wohnt, empfohlen worden, Mr. Schaper. Man rühmt Ihnen ganz ungewöhnliche Fähigkeiten als Detektiv nach. Als Einleitung will ich Ihnen eine kleine Episode aus dem Minenleben Südafrikas erzählen.«

Der Oberingenieur berichtete nun ausführlich über Albert Wendels trauriges Ende und fügte dann hinzu:

»Nach dem prunkvollen Begräbnis meines Herrn und Freundes wurde vom Gericht eine Kommission von drei Vertrauensmännern eingesetzt, die den Besitz Albert Wendels, dessen Wunsch entsprechend, zu Geld machen sollten. Zu dieser Kommission gehörte auch der erste Buchhalter der Barbu-Mine, ein Mann namens Charles Pelletan. Dieser Pelletan, ein Franzose, hat nun die auf ihn gesetzten Hoffnungen, daß er infolge seiner Geschäftstüchtigkeit sich recht nützlich erweisen würde, schwer getäuscht, indem er bald nach meiner Abreise versuchte, allerlei Vermögenswerte der Erbschaftsmasse beiseite zu schaffen. Sein Raub konnte ihm noch rechtzeitig abgejagt werden. Er selbst entfloh. Die von der Polizei sofort aufgenommene Verfolgung blieb resultatlos. All diese Dinge meldete man mir gestern erst durch eine Depesche. Infolgedessen sehe ich mich genötigt, meinen Aufenthalt hier in Deutschland abzukürzen.«

Pareawitt machte eine kurze Pause.

»Was mich nach Deutschland geführt hat,« begann er dann wieder, »werden Sie bereits ahnen, Mr. Schaper. Ich wollte hier den Erben Albert Wendels ausfindig machen. Mein verstorbener Chef hatte in dem kurz vor seinem Tode errichteten Testament über seine Verwandten nur angegeben, daß diese seiner Zeit in Danzig gelebt hätten. Mir selbst war über diesen Punkt, aus gelegentlichen Gesprächen mit Wendel, der mir stets sein vollstes Vertrauen geschenkt hat, noch einiges andere bekannt. Fraglos ist Albert Wendel vor nunmehr einundzwanzig Jahren nach Südafrika irgend einer dunklen Geschichte wegen ausgewandert. Was ihn aus der Heimat vertrieben hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Andeutungen, die er mir gegenüber machte, ließen jedoch, soweit ich daraus kombinieren konnte, darauf schließen, daß ein Bruder von ihm hierbei irgend eine Rolle spielte, ferner eine Liebesaffäre, die ihn dann auch zu dem ausgesprochenen Weiberfeind werden ließ, als der er in Kimberley bekannt war. – Gleich nach seinem Ableben hatte ich mich nun mit einer hiesigen Annoncenexpedition in Verbindung gesetzt und in fast sämtliche deutschen Zeitungen einen Aufruf einrücken lassen, in dem Verwandte des vor Jahren nach Afrika ausgewanderten Albert Erich Wendel ersucht wurden, sich beim Generalkonsul in Berlin in einer wichtigen Angelegenheit zu melden.«

»Und auf Ihren Aufruf hin hat sich niemand gemeldet?« fragte der Detektiv, um die Unterredung nicht zu sehr in die Länge zu ziehen.

»Niemand – leider. Und dabei habe ich einen ganzen Monat täglich die Annonce bringen lassen, was eine nette Summe Geldes kostete.«

»Mit einem Wort, auf diese Weise kommen Sie nicht ans Ziel, Mr. Pareawitt, und nun soll ich helfen,« sagte der Detektiv offen.

»Stimmt! Ich habe Ihnen schon alles mitgebracht, was nötig ist. Hier sind Abschriften der bei Albert Wendel gefundenen Legitimationspapiere, ein paar photographische Gruppenaufnahmen, die aus seiner Jugendzeit stammen und auf denen er mit abgebildet ist, sowie zwei Briefe, vergilbt und befleckt, die in der gleichen Mappe mit den Legitimationen lagen. Mehr Material vermag ich Ihnen nicht zu liefern. Sehen Sie zu, was Sie damit ausrichten.«

»Danke. Es wird wohl genügen,« meinte Schaper, indem er die Sachen, die Pareawitt ihm reichte, auf den Schreibtisch legte. »Und was gedenken Sie selbst zu tun?« fragte er sodann.

»Ich kehren mit dem nächsten Dampfer nach Südafrika zurück, wo ich, wie gesagt, dringend zu tun habe, nachdem Pelletan das Weite gesucht hat. Damit wäre das Geschäftliche erledigt,« meinte der Oberingenieur etwas zögernd. »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, möchte ich nun noch gern eine Auskunft von Ihnen haben, und zwar hinsichtlich jenes Sensationsfalles, den die Presse der ganzen Welt unter dem Titel »Die Mumie der Königin Semenostris« behandelte.«

»Bitte – fragen Sie nur,« sagte Schaper liebenswürdig, obwohl er wußte, daß draußen im Vorzimmer noch ein halbes Dutzend Klienten wartete.

»Dank’ Ihnen! – Dann also – jener Amerikaner, den man zu den eigenartigsten Verbrechertypen der modernen Zeit rechnen muß, starb durch Gift, nicht wahr? Und weiter, hatte er eigentlich irgend welche Anverwandten, die sich nach seinem Tode meldeten?«

»Ihre erste Frage kann ich bejahen. Der Mann endete durch ein Gift, das der Wissenschaft bisher unbekannt war. In seinem Nachlaß fand ich am Morgen nach seinem Tode eine Art Testament, in dem er die Behörden im Falle seines plötzlichen Endes bat, sofort einen gewissen Thomas Shepperley von seinem Hinscheiden zu benachrichtigen. Dieser Shepperley wohnte seit einiger Zeit in Berlin, legitimierte sich als alter Freund des Amerikaners und erhielt dessen Leiche nach deren Freigabe durch die Polizei zur Beerdigung ausgehändigt. Der Tote wurde dann in aller Stille auf dem Kirchhof der Berliner Fremdenkolonie beigesetzt. Sonst hat sich niemand um den grauenvollen Menschen gekümmert, der ohne Zweifel ein hochbegabter Chemiker von immensem Wissen gewesen sein und über Kenntnisse verfügt haben muß, die unseren Gelehrten noch ein Buch mit sieben Siegeln sind.«

Pareawitt nickte nachdenklich mit dem Kopf.

»Ja, ein merkwürdiges Genie war es wirklich, das muß man sagen! Ich habe mich wahrhaftig nie um Kriminalfälle gekümmert; aber diese Sache, die jetzt ein reichliches halbes Jahr zurückliegt, haftet noch ganz genau in meinem Gedächtnis. Nur der Ausgang des Dramas war mir entfallen. – So, nun vielen Dank. Leben Sie wohl, Mr. Schaper. Und – wenn Sie eine Spur von dem Erben entdecken sollten, geben Sie mir telegraphisch Nachricht.«

* * *

Nachdem der Detektiv dann die übrigen Klienten abgefertigt hatte, nahm er ein Kursbuch zur Hand und suchte sich den passendsten Zug nach Danzig heraus. Sodann klingelte er nach seinem Bureauvorsteher.

»Lemke, ich fahre heute abend 10 Uhr 58 Minuten nach Danzig,« sagte er seinem treuen Mitarbeiter Bescheid. »Es liegt eine ziemlich »fette« Sache vor – Millionenerben werden gesucht. Da möchte ich persönlich die nötigen Nachforschungen anstellen.«

Lemke nickte. »Die übrige Arbeit, die wir augenblicklich haben, ist ja auch nichts Aufregendes. Alles Durchschnittssachen,« meinte er. »Damit werden schon unsere Leute fertig. Nur – hm, ja –«

»Nur –? Was wollen Sie mit diesem Wörtchen sagen? – Zieren Sie sich nicht! Heraus mit der Sprache!«

»Der Brief, der gestern eintraf, Herr Schaper, an den denke ich. Sie scheinen das –«

»Donner und Doria!« rief der Detektiv temperamentvoll. »Sie haben recht. Das habe ich vergessen. Bringen Sie mir doch einmal den Brief her. Ich will ihn nochmals durchsehen und mich dann entschließen, welche Schritte zunächst zu tun sind.«

Schaper, der den gestern eingetroffenen Brief nur flüchtig durchgesehen hatte, da wichtigere Dinge ihn gerade beschäftigten, las jetzt in Ruhe das in mehrfacher Beziehung recht merkwürdige Schreiben nochmals Wort für Wort. Die Handschrift zeigte keine Besonderheiten, war vielmehr etwas unbeholfen, fast kindlich.

Der Inhalt lautete folgendermaßen:

Gauben i. Pommern, den 8. August 19…

Bevor ich Ihnen, geehrter Herr Schaper, die Einzelheiten des Falles, den ich Ihrer Findigkeit anvertrauen möchte, mitteile, muß ich Ihnen offen bekennen, daß ich in den bescheidensten Vermögensverhältnissen lebe und nur ein geringes Honorar, etwa 300 Mark, zahlen könnte. Ich schicke dies voraus, damit Sie auch in dieser Hinsicht genau informiert sind und mir nicht den Vorwurf machen können, Ihnen dies verheimlicht zu haben. Ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar. Sollten Sie daher für die angegebene Summe die Sache nicht erledigen können, so bitte ich diesen Brief zu verbrennen. Erhalte ich in einer Woche keine Nachricht, so entnehme ich daraus, daß Sie diesen Auftrag ablehnen. Jedenfalls aber müßte ich darauf bestehen, daß Sie persönlich meine Angelegenheit in die Hand nehmen, da ich der festen Überzeugung bin, daß eine Hilfskraft Ihres Instituts, und sei es die tüchtigste, hier nicht ausreicht.

Nun kurz den Sachverhalt. Vor einem halben Jahre etwa mietete ich von dem Kaufmann Wernicke, Gauben, die in der Nähe dieses Städtchens liegende sogenannte Mönchsabtei, ein altes, in einem Garten gelegenes Gebäude, in dem früher Karthäuser Mönche gehaust haben sollen. Ich bin ein alter Mann, dem das Leben übel mitgespielt hat und der hier fern dem Getriebe der Welt, die mich nur enttäuscht hat, seine Tage beschließen wollte. Ein langjähriger Diener teilt meine Einsamkeit, nebenbei ein Mann, der mein vollstes Vertrauen verdient und auf den keine Spur von Verdacht fallen kann, daß er etwa bei den rätselhaften Vorgängen, die Sie sofort hören werden, irgendwie mitbeteiligt ist. – Meine Hoffnung, hier in der Mönchsabtei in Ruhe und Frieden leben zu können, hat sich leider nicht bestätigt. Gleich nach meinem Einzug, in der zweiten Woche des Februar, stürzte mein Diener schreckensbleich eines Abends in mein Arbeitszimmer. Nach vieler Mühe erst brachte ich den vor Angst halb Bewußtlosen zum Reden. Er erzählte mir dann folgendes, und die späteren Vorfälle haben gezeigt, daß er leider nicht phantasierte, sondern seine Schilderung auf voller Wahrheit beruhte. Er war gegen neun Uhr noch ein wenig im Garten auf und abgegangen, da das milde, prächtige Wetter geradezu zum längeren Aufenthalt im Freien verlockte. Auf seiner Promenade hatte er sich ganz absichtslos auch in die Nähe der sogenannten Prior-Kapelle begeben, die abseits von dem Hauptgebäude steht und fraglos früher einmal tatsächlich zur Abhaltung von Gottesdiensten genutzt worden ist, worauf sowohl die Form als auch die Innenausschmückung der jetzt halbzerfallenen und von Efeu überwucherten kleinen Baulichkeit schließen läßt. Hier war es, wo mein treuer Hartung plötzlich einer grauen Gestalt ansichtig wurde, die mit langschleppenden Gewändern aus einer Seitenallee hervorkam und langsam auf die Kapelle zuschritt. Hartung, ein Mann in den besten Jahren, dabei mutig und völlig frei von Aberglauben, rief die Erscheinung an und näherte sich ihr gleichzeitig, wobei ihn jedoch plötzlich ein so starkes Gefühl des Grauens überkam, daß er es nicht wagte, direkt auf die wie ein Schatten lautlos dahingleitende Gestalt loszuspringen. Jedenfalls blieb sein Anruf ohne Erfolg, und der Unbekannte – falls es sich eben um einen Menschen handelt, verschwand in der längst aus den Angeln gefallenen Tür der Prior-Kapelle. Inzwischen hatte mein Diener seine Anwandlung von Furcht überwunden und drang nun, indem er einen am Boden liegenden Spaten als Waffe aufgriff, und das Flämmchen seines Taschenfeuerzeugs als Leuchte benutzte unerschrocken in die Ruine ein. Im Innern fand er einige trockene Zweige, die er schnell zu einer primitiven Fackel vereinte, bei deren Licht er die Kapelle gründlich durchsuchte. Diese besteht aus zwei Räumen. Durch die Tür gelangt man in die eigentliche Kapelle, die vielleicht sechs Meter lang und vier Meter breit ist. An der gegenüberliegenden Wand führt ein schmales Pförtchen in einen Anbau, eine Art Sakristei, die jetzt ebenso leer ist wie der Hauptraum und in der ebenfalls nur Ratten, Mäuse und Spinnen ihr Wesen treiben. Einen zweiten Ausgang gibt es nicht, worauf ich besonders aufmerksam mache. Die Fenster, zwei Meter über dem zertrümmerten Steinplattenboden gelegen, sind mit noch verhältnismäßig gut erhaltenen Ziergittern versehen.

Hartung entdeckte auch nicht eine Spur von der seltsamen Erscheinung, die in der Kapelle verschwunden war, obwohl er jeden Winkel, fast jede Mauerritze ableuchtete. Nachdenklich, von einem gewissen Unbehagen befangen, wollte er durch die Tür gerade wieder ins Freie hinaustreten, als eine unsichtbare Hand ihm die noch brennenden und inzwischen ergänzten Zweige aus der Hand riß und in die dünne, winterliche Schneedecke des Gartens schleuderte. Hartung, der augenblicklich herumfuhr um den Attentäter, den er hinter sich vermutete, zu erwischen, sah und hörte nichts. Totenstill lag der Innenraum der Kapelle da. Kein Wunder, daß meinen Diener unter diesen Umständen abergläubische Angst packte und er wie ein von Furien Gejagter davonstürzte. In diesem Zustande langte er in meinem Zimmer an.

Ich will Ihre Zeit nicht durch weitschweifige Ausführungen in Anspruch nehmen. Ich selbst habe die Erscheinung in den inzwischen verflossenen Monaten nicht weniger als acht Mal gesehen, sie angerufen und bin ihr ebenfalls in die Prior-Kapelle gefolgt. Stets tauchte sie in jener Allee auf, die von Lebensbäumen eingerahmt ist und an deren einer Seite sich ein altes Grabmal mit einer mächtigen Steinplatte darauf befindet. Die Natur dieses grauen, bis zum Kopf in wallende Tücher gehüllten Geschöpfes zu ergründen, ist mir nicht gelungen. Nur ein Mal sah ich etwas von dem Gesicht dieses – sagen wir ruhig – Gespenstes. Ein blasses, bartloses Antlitz, anscheinend das eines Mannes, war’s. Und ein andermal wieder, an jenem Abend, als ich mir den Besitzer der Mönchsabtei, den Kaufmann Wernicke, gleichsam als Zeugen eingeladen hatte, damit er sich von der Wahrheit meiner Angaben vergewissere, wagte ich es, der Erscheinung sogar den Weg zu vertreten. Da es eine stockdunkle Nacht war, hatte ich mir eine helleuchtende Acetylenlaterne mitgenommen. Und was geschah?! Mit einer geradezu hoheitsvollen Gebärde streckte das Gespenst mir den Arm entgegen. Meine Füße waren in demselben Moment wie gelähmt, die Laterne verlöschte ohne jede äußere Ursache, und – ruhig schritt »der Graue« , wie wir den unheimlichen Wanderer längst getauft haben, in die Kapelle hinein.

So stehen hier die Sachen. Wernicke, der sein Anwesen gern verkaufen möchte, hat mich flehentlich gebeten, über meine Beobachtungen zu schweigen, da er die Mönchsabtei sonst niemals veräußern kann. Jeder Käufer würde ja durch die Geistererscheinung abgeschreckt werden. Nunmehr hat er darein gewilligt, daß ich Ihnen die unheimliche Geschichte anvertraue. Er will auch die Hälfte der Kosten tragen, was schon sehr viel bedeutet, da der Mann sehr sparsam, fast geizig ist. – Mit einem Wort: Drei einwandfreie Zeugen, nämlich Wernicke, mein Diener und ich, haben die Erscheinung beobachtet. An ihrer Existenz ist mithin nicht zu zweifeln. Und da ich als aufgeklärter Mensch an übernatürliche Dinge nicht glauben kann, anderseits aber eine Erklärung für das Geschaute nicht zu finden vermag, bitte ich Sie der Sache auf den Grund zu gehen.

Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
13 noyabr 2024
Həcm:
5250 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788075831101
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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