Kitabı oxu: «After the Storm - Kaninchen in Cornwall»
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
After the Storm - Kaninchen in Cornwall
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44 / Epilog
Nachwort und Danksagungen
Weitere Bücher von Waltraud Batz
Leseprobe "Cloverlane Farm"
Über das Buch
Als Bettina während eines Londontrips Sam trifft, rechnet sie nicht damit, bereits wenige Wochen später auf der sehr britischen Geburtstagsfeier seiner Mutter seine Freundin spielen zu müssen.
Kaum ist diese Herausforderung überstanden, verliert Bettina in Deutschland Job und Wohnung. Daraufhin lädt Sam sie zu sich nach New York ein, wo er gerade eine TV-Serie dreht.
Sie kehren zwar als Paar aus New York zurück, doch die traute Zweisamkeit lässt noch auf sich warten.
Ein Roman für Englandfreunde
Zeitliche Einordnung
Die Handlung in diesem Buch spielt ca. 2018.
Über die Autorin
1977 geboren in Frankfurt am Main, aufgewachsen und hängengeblieben in Oberursel/Taunus.
Nach einem abgebrochenen Studium landete sie im Büro, wo sie bis heute feststeckt. Ihre Liebe zum Schreiben lebt sie seit 2015 aus und bringt immer einen Funken Hoffnung und Humor in ihre Geschichten. Sie reist gern, liebt Tiere und Kuchen. Und sogar das Essen der britischen Inseln.
Weitere Bücher von Waltraud Batz
Cloverlane Farm
ISBN 978-3-7541-0921-2 Taschenbuch
ISBN 978-3-7541-0922-9 E-Book
Waltraud Batz
After the Storm
– Kaninchen in Cornwall
Roman
1. Auflage 2021
Texte und Umschlag
© 2021 Claudia Wissemann
Verantwortlich
Claudia Wissemann, Stettiner Str. 23, 61440 Oberursel
Druck
epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Kapitel 1
War er es? Oder war er es nicht?
Bettina schaute noch einmal genauer hin, vorbei an der Touristengruppe, die nass und fröstelnd ihrem Reiseführer durch den Londoner Sprühregen ins nahgelegene Museum folgte.
Er konnte das doch nicht sein? Und hier einfach so herumstehen, an einem ungemütlichen, kalten Februarnachmittag. Oder doch? Bettina hielt einen ihr angemessen erscheinenden Sicherheitsabstand und schaute zur Ablenkung hinüber zum anderen Themseufer, das leicht vernebelt und grau in grau wenig einladend aussah. Aber imposant war es schon, das Gemisch aus alten und neuen Gebäuden, dahinter eine wirklich beeindruckende, dunkelgraue Wolkenwand, dazu das Schreien einiger Möwen. London im Februar.
Es hatte schon den ganzen Tag geregnet, mal mehr, mal weniger. Gestern und vorgestern war es nicht besser gewesen. Momentan war es erträglich, lediglich die Luft war immer noch nass. Etwas Sprühregen und Gischt, aber es regnete immerhin nicht in Strömen.
Bettina zog ihre Kamera aus der Fototasche und machte ein paar Bilder vom anderen Flussufer. Sie wagte erneut einen Blick hinüber zu … Sam. Sam Baker? Klar konnte er es sein, rein theoretisch, immerhin wohnte er hier in London, aber dass sie ihn in freier Wildbahn auf der Straße treffen würde, das hatte sie nun wirklich nicht vermutet. Sam war Schauspieler und Bettinas erklärter Liebling in der britischen TV-Serie ‚After the Storm’, die momentan hier, in vielen anderen Ländern und auch in Deutschland an Beliebtheit kaum zu übertreffen war.
Er hatte sich mittlerweile auf das Geländer gelehnt, den Kragen seiner Jacke hochgeklappt, und starrte auf den grauen Fluss. Als sich zwei Männer in Anzügen neben ihn stellten und ebenfalls einen Blick auf das Wasser warfen, nickte Sam ihnen zu und sie wechselten einige Worte.
Er war es, eindeutig. Der Blick, das Grinsen, seine ganze Mimik und Gestik. Bettinas Magen zog sich zusammen und ihr wurde warm, auch wenn es um sie herum so kalt war, wie es eben in London am Wasser kalt war um diese Jahreszeit. Die beiden Männer verschwanden schnellen Schrittes wieder, wohl, um dem nun erneut einsetzenden Nieselregen zu entgehen.
Bettina schaute den beiden kurz nach und wieder zu Sam hinüber, der sie nun direkt ansah. Sie wusste sofort, dass er wusste, dass sie es wusste. Dass sie ihn erkannt hatte. Das war eine der Eigenschaften, die Bettina an Sam so faszinierten. Er konnte mit dem Heben einer Augenbraue oder dem Zucken eines einzelnen Gesichtsmuskels mehr Botschaften übermitteln als andere Schauspieler mit minutenlangen Monologen. Momentan war es ein ganz leichtes Schließen seines rechten Auges, verbunden mit einem nur angedeuteten Stirnrunzeln. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken oder hätte sich in Luft aufgelöst, aber beides klappte nicht, so sehr sie sich auch anstrengte. Sie konnte aber auch nicht wegsehen. Die Situation war an Peinlichkeit kaum zu toppen und ihr wurde übel. Er musterte sie, ohne sich zu bewegen. Seine Mundwinkel zuckten, beide nacheinander, und dann sah er sie offen an, beide Augenbrauen angehoben. Bettina kam es vor wie die Aufforderung, oder eher die Erlaubnis, näher zu kommen.
Wollte sie das? ‚Ja, natürlich willst du das!’, schimpfte sie gedanklich mit sich selbst. Gleichzeitig war sie wie paralysiert und konnte sich so gar nicht vorstellen, diese enorme Strecke von geschätzt immerhin ungefähr fünf Metern zu überwinden. Ihr war immer noch viel zu warm. Ihre Hände waren feucht, sicher vom nassen Metallgeländer, und ihre Knie waren instabil, bestimmt, weil es so kalt war und sie den ganzen Weg von Westminster bis hierher gelaufen war. Oder weil sie sich gerade in der schlimmsten Stresssituation ihres bisherigen Lebens befand, zumindest gefühlt.
Nach einer weiteren, Bettina wie eine Ewigkeit vorkommenden Sekunde lächelte Sam kurz und schaute dann wieder aufs Wasser.
Bettina atmete durch und entschied, hinüberzugehen, Hallo zu sagen, und ihm vielleicht mitzuteilen, dass sie die Serie mochte. Falls sie das hinbekam. Sie bezweifelte es, aber die Situation war eh schon peinlich genug. Sie schaffte es ohne hinzufallen oder weitere Katastrophen bis zu ihm.
Er sah zu ihr herüber und lächelte. Gleichzeitig sah er aus, als wäre er sich nicht ganz sicher, was er von ihr zu halten hatte. „Hi.“
„Hi“, brachte sie ebenfalls heraus und versuchte, freundlich zu klingen.
Sam schaute sie an und sie fühlte sich, als könne er ihre Gedanken lesen und alles sehen, was sie sich so über ihn und mit ihm in letzter Zeit zusammengesponnen hatte, und das war jede Menge. Nichts davon hätte sie je irgendjemandem erzählt. Seine Augen erschienen ihr heller als im Fernsehen.
„Du sprichst nicht mit jedem, hm?“, fragte er.
„Was?“
„Ich bin das ja gewohnt, dass Leute mich erkennen und zu mir kommen, aber meist sprechen sie auch.“ Er hatte nun ein schelmisches Funkeln in den Augen.
„Äh. Entschuldige bitte. Ich bin nur … etwas erstaunt, dich hier zu treffen“, brachte Bettina auf Englisch heraus und hoffte, dass es passabel verständlich klang.
„Ich wohne hier“, sagte Sam und lachte. Er lehnte immer noch mit den Unterarmen auf dem Geländer und legte nun den Kopf schräg, die Wange fast an seine Schulter gepresst. „Also nicht genau hier … aber in London.“
Bettina lachte kurz mit und schüttelte den Kopf. „Ich …“
„Ist schon okay.“ Sam richtete sich auf und streckte ihr die rechte Hand hin. „Hi, schön, dich zu treffen, ich bin Sam.“
Sie ergriff seine Hand und schüttelte sie. Er hatte einen angenehmen Händedruck, trocken, warm, fest.
„Ich bin Bettina.“
Er steckte beide Hände in seine Jackentaschen. „Wo kommst du her?“
„Deutschland.“
„Ah.“ Es war ein neutral bis freundliches ‚Ah’, einfach eine Bestätigung, dass er sie verstanden hatte. „Und du machst hier Urlaub? Im Februar? Das ist die beste Reisezeit für London.“ Den letzten Satz hatte er mit einem Gesichtsausdruck untermalt, bei dem Bettina nur kurz die Schultern anhob und lachen musste. „Ich hatte noch Urlaub übrig und wollte zu Hause raus. Das Hotel und der Flug waren echt günstig.“
Sam nickte. „Ja. Ja … kann man machen.“ Er lachte erneut. Es war ein offenes Lachen, und sehr sympathisch. Dann wurde er wieder ernst. „Willst du ein Beweisbild, dass du mich getroffen hast? Oder ein Autogramm?“
„Hm. Ist es arg unhöflich, wenn ich sage, nein, ich finde das schrecklich?“
„Du findest mich schrecklich?“
„Nein … um Himmels Willen. Ich … mag dich sehr gern und ich liebe die Serie.“
„Aha?“, machte er, hob eine Augenbraue und sah ein wenig verwirrt aus.
„Ich meine diese Bilder. Ich finde das arg unhöflich. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Ich finde, diese Fanbilder sehen immer aus wie Jagdtrophäenbilder, auf denen Jäger mit dem erschossenen Tier posieren. Das ist irgendwie falsch.“
Sam hatte seine linke Augenbraue immer noch hochgezogen und kratzte sich an der Nase. Er schaute in die Luft, nickte leicht und sah Bettina mit erhobenem Kinn an. Er war ein Stückchen kleiner als sie. „Interessante Sichtweise. Und du hast vollkommen recht. So fühle ich mich auch meistens bei diesen Bildern.“
„Das tut mir leid.“
Er schloss kurz die Augen. „So ist das nun mal.“
Es begann, stärker zu nieseln. Er räusperte sich. „Ich gehe jetzt einen Kaffee trinken. Magst du mitkommen?“ Er schaute sie an.
„Klar, warum nicht“, murmelte sie. Hatte er das eben wirklich gefragt? Sam Baker hatte sie gefragt, ob sie mit ihm einen Kaffee trinken möchte? Das wurde ja immer absurder.
Als er sich in Bewegung setzte, lief sie wie automatisch mit ihm mit. Es war ein schönes, auf seltsame Art vertrautes Gefühl, neben ihm zu laufen, auch wenn ihr Hirn das Ganze noch nicht wirklich verarbeiten konnte.
Sie hatte diesem Mann so viel zu verdanken. Bettina hatte die Serie erst letztes Jahr entdeckt und die bis dahin erschienenen drei Staffeln regelrecht verschlungen. Und mittlerweile so oft gesehen, dass sie sie fast mitsprechen konnte. Sam und Joe, so hieß der Typ, den er in der Serie spielte, hatten sie durch einen Jobwechsel, den Tod ihrer Oma, die Streitereien mit und letztlich die Trennung von ihrem Freund sowie den Umzug in eine neue Wohnung begleitet. Die Serie, Fanseiten, Blogs und das ganze Drumherum im Internet hatte sie in diesen schwierigen Zeiten über Wasser gehalten und Sam war für sie mittlerweile so etwas wie ein enger Vertrauter und Ziel so manchen Tagtraumes. So kompromisslos, aggressiv und manchmal auch unüberlegt Joe war, Sam schien das Gegenteil zu sein. Sie hatte alles über ihn und mit ihm geschaut, was sie kriegen konnte. Seine anderen Serien und Filme, viele waren es leider nicht, Auftritte im britischen Fernsehen, Interviews … sie mochte ihn und er war ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden, wenn auch nur auf dem Fernsehbildschirm oder dem Computermonitor. Und jetzt lief sie neben ihm durch den stärker werdenden Londoner Regen.
Sam stoppte und hielt ihr die Tür eines Cafés auf. „Leider können wir nicht draußen sitzen bei diesem herrlichen Wetter“, sagte er grinsend und wies mit dem Kopf in Richtung Gebäude. Bettina lachte. „Ja, schade.“
Er legte ihr ganz leicht die Hand auf den Rücken, als sie an ihm vorbeiging, und Sam öffnete ihr auch die nächste Tür.
Sie betrat den großen, hellen Raum und sah sich um. Viel war nicht los, es waren nur wenige der sehr ordentlich eingedeckten Tische besetzt.
„Da drüben?“, fragte Sam Bettina und grüßte die Bedienung, die ihn anscheinend kannte und freundlich zurückgrüßte. Bettina folgte Sam an einen Tisch am Fenster, beide zogen ihre Jacken aus und Bettina setzte sich ihm gegenüber. Seine Haare waren nass und sie mochte gar nicht daran denken, wie zerzaust sie selbst wohl gerade aussah.
Sam reichte ihr die Speisekarte über den Tisch. Als sie ihm die Karte abnahm, berührten sich ihre Finger kurz, was er mit einem Lächeln quittierte.
„Hallo, was darf ich euch bringen?“, fragte die Kellnerin, die soeben an den Tisch getreten war. „Wie immer?“
Bettina sah erstaunt auf, Sam nickte. „Ja, einen Minztee, bitte.“
„Ich nehme einen Kakao“, sagte Bettina und legte die Karte zur Seite.
„Mit Sahne?“
„Ja, bitte.“
Sam grinste. Die Bedienung entschwand in den Untiefen des Cafés.
„Hm?“, machte Bettina.
„Mit Sahne. Sehr gut.“ Er sah amüsiert aus.
„Was meinst du?“
„Och, nichts.“ Er stützte das Kinn auf seine Hände und lächelte. Neben seinen Augen bildeten sich kleine Lachfältchen und am liebsten hätte sie sich nach vorn gelehnt und ihn geknutscht, hielt sich aber zurück.
„Was ist denn?“, fragte sie etwas lauter, musste aber ebenfalls grinsen. Er setzte sich gerade hin, schaute ernst und sagte nur: „Ich finde das gut, dass du Sahne dazu nimmst.“
„Aha.“
„Ja.“
Ein Handyklingeln unterbrach die seltsame Situation. Sam zog ein iPhone aus seiner Jackentasche und schaute konzentriert darauf. Auf der Rückseite der Hülle des Telefons sah Bettina die Großaufnahme einer Kaninchennase. „Sorry, ich muss kurz antworten.“
„Klar, kein Thema. Ich muss auch kurz gucken“, sagte Bettina und zog nun ebenfalls ihr Telefon hervor.
Ihre Freundin Annette hatte geschrieben, die kurzentschlossen mitgekommen war nach London. <Wo bist du denn? Ich fahre jetzt noch zum Buckingham Palace und danach ins Hotel. Der Regen ist furchtbar!>. Die Nachricht war zwei Stunden alt. Bettina machte ein überraschtes Geräusch.
„Probleme?“, fragte Sam.
„Nein. Meine Freundin schreibt mir. Wir sind zusammen hier in London. Aber sie wollte heute was anderes machen als ich, also haben wir uns getrennt.“
„Ah.“
Bettina tippte zurück. <Bin noch an der Themse in einem Café. Ich komme nachher ins Hotel>.
Die Bedienung kam und brachte die Getränke. Sam und Bettina legten beide zeitgleich die Telefone weg und ihre Hände um die warmen Tassen.
„Tut gut, hm?“, fragte er.
„Ja.“
„Und, wie gefällt dir London?“, fragte Sam und bewegte seinen Teebeutel in der Tasse herum.
„Gut. Es ist schon beeindruckend.“
„Bist du das erste Mal hier?“
„Ja.“ Da er auf weitere Berichte und Meinungen zu warten schien, fasste sie kurz zusammen, was sie von London hielt. Es war eine vielschichtige, interessante Stadt, laut, voll, aber eben auch irre englisch.
„Irre englisch? Wie meinst du das?“, fragte er mit gerunzelter Stirn, hatte aber schon wieder ein amüsiertes Grinsen im Gesicht.
„Naja, britisch eben. Wie im Fernsehen. Die Menschen sind … anders als in Deutschland. Alles ist höflicher, gebildeter, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Ich mag die englische Sprache sehr gern, und ihr habt hier echt viel schönere Sachen als wir in Deutschland. Postkarten, Schreibsachen, Dekozeug und das ganze Design ist anders. Viele Blümchen.“
„Magst du Blümchen?“
„Nicht immer. Aber hier finde ich sie sehr passend.“
Er lachte. „Wie lange bist du noch hier?“
„Wir sind seit vorgestern hier und bleiben bis Freitag.“
„Also habt ihr noch zwei volle Tage?“
„Ja.“
„M-hm“, machte Sam und hob den Teebeutel aus seiner Tasse. Er legte die Stirn in Falten und sah von seinem Teebeutel zu Bettina. „Weißt du, was lustig ist?“ Er grinste und überführte vier Stück Würfelzucker aus der Zuckerschale auf dem Tisch in seine Tasse. Während er umrührte, schaute er auf Bettinas Kakao und dann sie an.
Sie überlegte kurz und musste ebenfalls grinsen. „Dass wir Kaffee trinken wollten und jetzt hat jeder was anderes?“
„Genau.“ Er lachte kurz und herzlich. „Genau das.“ Er sah sie an.
„Was?“
Er schloss kurz die Augen. „Vergiss es.“ Sam atmete laut aus. „Und, was habt ihr bisher angeschaut?“
Bettina rührte den Rest Sahne in ihren Kakao. „Vorgestern waren wir in der Innenstadt bei Harrods und haben eine Stadtrundfahrt gemacht, gestern war ich bei der Harry Potter Studio Tour und heute war eigentlich der Spaziergang geplant, den ich jetzt allein gemacht habe. Aber Annette wollte nicht, weil ihr das Wetter zu schlecht war und sie wollte lieber ein Museum besuchen. Also haben wir uns nach dem Frühstück getrennt.“
„Ist sie nicht wasserfest?“, fragte Sam. Bettina hatte gerade ihre Tasse zum Trinken angesetzt und konnte gerade noch so vermeiden, in den Kakao zu prusten.
„Sorry“, sagte Sam.
„Nein, sie ist nicht wasserfest. Seit wir in Heathrow gelandet sind, schimpft sie auf das Wetter.“
„Lass mich raten, sie fährt sonst lieber in südliche Länder.“
„Meistens ja.“
Sam sagte ‚Hab ich’s doch gewusst’, ohne es laut auszusprechen. Kopfhaltung, Mimik und Augenbrauen übernahmen das in perfekter und vollendeter Form für ihn.
Beide tranken in Ruhe ihre Getränke weiter und es wurde ruhig am Tisch. „Und du magst die Serie?“, fragte Sam schließlich.
„Ja. Auf jeden Fall. Wirklich gut.“
„Wen magst du am liebsten?“
‚Dich’, hätte sie am liebsten gesagt, aber traute sich nicht. „Joe“, sagte sie, was der erstgeplanten Variante sehr nah kam.
„Oh“, machte Sam nur. „Freut mich. Schön. Warum?“
„Äh …“
„Ich meine nur … sonst sind es immer Jerry und Noah. Sogar Stan ist beliebter als Joe. Stan! Unser Sonderling! Joe ist ein Arsch.“ Er grinste.
„Nein, er ist kein Arsch. Er hat seine Prinzipien.“
„Ja, das schon. Aber die sind schon etwas verschoben von dem, was man als normal bezeichnen würde.“
„Ist ja auch keine normale Situation.“
Sam sah sie an. „Da muss ich dir recht geben. Trotzdem ist Joe kein angenehmer Zeitgenosse. Hitzköpfig, unüberlegt, mit Hang zur Gewalt. Aber du hast recht. Ich wollte in so einer Zeit nicht leben.“
„Ich auch nicht. Aber es ist wirklich toll gemacht und ich finde es auch sehr realistisch. Es könnte so sein oder kommen oder wie auch immer.“ ‚After the Storm’ war eine erschreckend realistische, etwas düstere Serie mit apokalyptischen Zügen, in der der Fokus auf verschiedene Personen gelegt wurde, die versuchten, mit der Situation zurechtzukommen. Sie spielte ein paar Jahre in der Zukunft.
Sam trank einen Schluck Tee und stellte seine Tasse wieder ab. „Ja. Dass die Wirtschaft zusammenbricht, die Politik versagt und es Chaos und Tumulte gibt, das durchaus. Die Energiekrise auch. Ob es wirklich so endzeitmäßig mit einem Touch von Wild West wird, bleibt abzuwarten. Aber allein der politische Aspekt … das hat Terry schon genial gezeichnet.“
„Auf jeden Fall. Ist es schwierig, mit ihm zu arbeiten?“, fragte Bettina.
„Mit wem? Mit Terry?“
„Ja.“
Terry Bosworth war der Produzent und das Genie hinter dieser und auch zwei anderen britischen Serien, die weltweit großen Anklang gefunden hatten. Er war als etwas despotisch verschrien, aber der Erfolg gab ihm recht. Nicht jeder konnte oder wollte mit ihm arbeiten und es flogen oft die Fetzen zwischen ihm, den Fernsehsendern und den Schauspielern oder anderen Beteiligten, aber in der Regel, so reimte Bettina sich das aus den Internetmeldungen zusammen, blieb er seinen Prinzipien treu und war fair zu den Beteiligten. Aber er diskutierte seine Meinung auch aus, wobei eher die Gegenseite den Kürzeren zog.
„Hm.“ Sam dachte nach und schaute nach schräg oben. „Nein. Er weiß, was er will und wie er es will und er ist richtig gut in dem, was er tut. Ich habe keine Probleme mit ihm. Ich mag ihn, wir kommen auch privat gut miteinander aus. Er ist der Chef, es ist seine Serie. Man macht, was er sagt. Aber wenn man mal ein Problem hat oder etwas anders sieht, hört er sich das an und entscheidet dann. Seine Entscheidungen muss ich als Schauspieler akzeptieren.“
Ein anderer Klingelton als vorhin ertönte und Sams Handy fing an zu leuchten. Er schaute auf das Display. „Wenn man vom Teufel spricht.“
Die nächsten Minuten hatte Bettina das Vergnügen, dem Gespräch zwischen Terry und Sam zuzuhören und ihn dabei zu beobachten. Sie mochte ihn. Verliebt klang so teeniemäßig, und aus diesem Alter war sie mit vierunddreißig definitiv raus. Wahrscheinlich war es einfach die Gesamtsituation, die ihr Gefühle vorgaukelte, wo rein faktisch gar keine sein konnten. Ja, sie war verschossen in ihn, aber das schrieb sie dem ganzen Stress zu, den sie in den letzten Monaten gehabt hatte. Er war ihr Ruhepol gewesen, ein normaler, netter Typ und als Joe einfach herrlich unkonventionell. Sam entsprach so gar nicht ihrem Typ Mann. All ihre Ex-Freunde bisher waren größer gewesen als sie, dunkelhaarig, sportlich, schlank bis dünn und gutaussehend. Sam war knapp über einssiebzig, kompakt, muskulös, aber nicht wirklich der Inbegriff eines Athleten. Und hatte hellbraune Haare. Mit seinen zweiundvierzig Jahren war er zwar natürlich noch nicht alt, aber eben doch ein Stück älter als sie. Und gutaussehend, nun ja, darüber konnte man streiten. Sie mochte ihn. Er hatte einen sinnlichen Mund und wunderschöne, ausdrucksvolle Augen. Er hatte auch schöne Hände, wie sie gerade mal wieder feststellte.
Er sah zu ihr herüber und lächelte. Zwar nur mit einem Mundwinkel, aber es erreichte auch seine Augen. Kurzum, er war ein ganz normaler Kerl, bodenständig, witzig und ja, verdammt noch mal, sie mochte ihn. Ihr wurde erneut viel zu warm und es zog ihr durch den Bauch. Ihre Hand, die sie um ihre mittlerweile leere Tasse gelegt hatte, zitterte leicht. Bettina starrte entsetzt darauf, und verfiel fast in Panik, als sich Sams Hand auf ihre legte. Das Zittern hörte augenblicklich auf. Er beendete sein Gespräch. „Ist dir kalt?“
„Ich weiß nicht.“
Er lächelte mitfühlend und zog seine Hand zurück. „Das war Terry. Ich muss jetzt leider weg. Wir haben morgen einen Außendreh eine Stunde entfernt von hier. Terry schickt mir das Skript rüber und damit werde ich wohl den Abend verbringen. Ah, Moment noch.“ Er tippte etwas in sein Handy und deutete der Kellnerin an, dass er zahlen wollte. „Lass stecken“, sagte er, als Bettina ihre Geldbörse herausholte. „Geht auf mich.“
„Danke.“
„Ah.“ Er schaute auf sein Handy und dann wieder zu Bettina. „Hast du morgen schon etwas vor?“
Sie überlegte. „Annette wollte ins British Museum.“
„Und, gehst du mit?“
„Warum?“
„Willst du statt ins Museum lieber mit zu unserem Außendreh?“, fragte Sam beiläufig, während er seine immer noch leicht feuchte Jacke anzog.
„Was?“
„Viel werde ich mich nicht um dich kümmern können, aber vielleicht magst du mal sehen, wie deine Serie gedreht wird. Es wird nass und ungemütlich werden, aber mittags gibt’s was zu essen.“
„Ist das dein Ernst?“ Bettina hatte mittlerweile ebenfalls ihre Jacke an und Sam war um den Tisch herumgekommen und steuerte auf die Tür zu, die er ihr aufhielt. Sie verabschiedeten sich noch bei der Kellnerin und traten wieder auf die Straße.
„Wir haben oft Besucher am Set. Ist nur ein Angebot. Aber das British Museum ist auch wirklich interessant.“ Er schob die Unterlippe vor und nickte begeistert.
Bettina musste lachen und als der Groschen endlich gefallen war, antwortete sie. „Das wäre echt der Hammer.“
„Gut. Warte.“ Er tippte wieder etwas in sein Handy und wartete auf die Antwort, die prompt kam. Er nickte. „Gib mir bitte Deine Handynummer, dann kann ich Dir heute Abend noch den Treffpunkt nennen. Und die Uhrzeit. Du kannst mit Nancy fahren, das ist unsere zweite Produktionsassistentin. Ich muss schon um sechs morgens dort sein, das will ich dir nicht zumuten. Ist ja Urlaub, hm?“ Er lachte. Bettina tippte mit zitternden Fingern ihre Nummer in sein Handy. Er steckte es wieder weg. „Ich muss da rüber zur U-Bahn, wo musst du lang?“
„U-Bahn klingt gut.“
„Wo ist euer Hotel?“
„Nähe King’s Cross.“
Er nickte und lief los. Wie vorhin auch ging Bettina neben ihm her und genoss dieses seltsame Gefühl der Vertrautheit, so, als ob sie ihn seit Ewigkeiten kennen würde. Sie sprachen nichts weiter, sondern liefen einfach nur still nebeneinander her. Bettinas Hirn war leer und sie konnte sich beim besten Willen kein unverfängliches Thema ausdenken, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Sam ging zügig voran, achtete aber darauf, dass sie mitkam. Es waren nicht viele Menschen hier unterwegs, und die, die es waren, waren eher darauf bedacht, nicht von Fahrradfahrern überfahren zu werden oder in Pfützen zu treten. Nach der sehr zugigen Brückenüberquerung und einem weiteren kleinen Fußmarsch entlang einiger Bürogebäude erreichten sie den Zugang zur U-Bahn und dann war der Moment der Verabschiedung da.
Sam zeigte zu einer Reihe von Drehkreuzen. „Du musst da lang. Ich fahre von der Station aus, an der wir eben vorbeigelaufen sind, ich muss in die andere Richtung. Ich wünsche dir einen schönen Abend und bis morgen. War nett, dich getroffen zu haben.“
„Das wünsche ich dir auch. Und viel Erfolg beim Textlernen. Und vielen Dank. Für alles.“
Er lachte. „Ja, danke. Ich bin gespannt, was Terry mit Joe vorhat. Also …“ Er streckte ihr seine rechte Hand hin und sie verabschiedeten sich.
Bettina war heilfroh, dass sie um eine Umarmung herumgekommen war. Auch wenn das sicherlich schön gewesen wäre, aber es wäre wohl etwas zu viel des Guten gewesen. Sam hob noch kurz die Hand zum Abschied und verschwand wieder nach draußen. Bettina ging durch die Drehkreuze der U-Bahnstation und kam zwanzig Minuten später im Hotel an. Sie hatte keinerlei Erinnerungen mehr, wie sie es bis dorthin geschafft hatte.
Kapitel 2
Am nächsten Morgen stand Bettina zur verabredeten Zeit an der verabredeten Straßenecke und wartete. Ihre Freundin Annette war stocksauer, weil sie das British Museum nun allein besichtigen musste, aber das war Bettina gerade herzlich egal. Sam hatte ihr gestern Abend noch per WhatsApp den Treffpunkt und die Uhrzeit durchgegeben und viel mehr hatten sie nicht geschrieben. Bettina hatte den gestrigen Tag immer noch nicht ganz überwunden und sah mit gemischten Gefühlen dem heutigen entgegen. Aber die Vorfreude überwog eindeutig. Sie würde den Dreharbeiten zu Ihrer Lieblingsserie zuschauen dürfen und wahrscheinlich auch die anderen Schauspieler treffen oder zumindest sehen, was genauso unglaublich war, wie gestern mit Sam in einem Café zu sitzen.
Ein großer, schwarzer Land Rover hielt neben ihr und die Fensterscheibe fuhr herunter. Drinnen saß eine blonde Frau mit Pferdeschwanz, die sehr englisch und sehr streng aussah. „Bist du Bettina?“, rief sie über den Beifahrersitz hinweg.
„Ja, guten Morgen.“
„Guten Morgen, steig ein.“
Bettina öffnete die Autotür, kletterte auf den Beifahrersitz und schnallte sich an.
„Hi, ich bin Nancy, Terrys Assistentin.“ Sie schüttelten sich kurz die Hände und Nancy lenkte den Geländewagen wieder in den fließenden Verkehr. Bettina fühlte sich nicht wirklich willkommen.
Sie fuhren noch eine Weile durch London und kamen dann über einige Landstraßen auf eine Autobahn. Unterwegs telefonierte Nancy fast ununterbrochen mit Terry und einem anderen Mann und klärte den Tagesablauf sowie diverse Sachen, die Bettina nicht zuordnen konnte. Erst als sie London schon weit hinter sich gelassen hatten, war das Telefon einen Moment lang ruhig.
„Sorry, aber das mussten wir jetzt klären. Außendrehs sind immer etwas Besonderes. Besonders aufwendig, besonders nervig und besonders teuer. Und heute wird es echt ungemütlich. Das Wetter am Drehort ist nicht das Beste, aber das passt gut zu unseren Szenen. Leider hat der Golfclub um die Ecke zu, sonst hätten wir dort wenigstens die Sanitärräume und ein paar andere Räume mitnutzen können. So müssen wir alles rankarren und noch das Catering … oh Mist, da muss ich noch mal anrufen.“ Sie wählte eine Nummer und diskutierte mit einer genervt klingenden Frau, die einen für Bettina fast völlig unverständlichen englischen Dialekt sprach, wann, wo, wieviel und was an Essen herbeigeschafft werden sollte.
„Woher kennst du Sam eigentlich? Ist für ihn recht untypisch, dass er Leute mit zum Set bringt“, sagte Nancy, nachdem sie das Telefonat beendet hatte.
Bettina sah zu ihr hinüber. „Ich kenne ihn erst seit gestern. Ich bin aus Deutschland und hier im Urlaub. Wir haben uns zufällig an der Themse getroffen und er hat mich eingeladen, weil ich die Serie sehr mag.“
Nancy machte ein überraschtes Geräusch. „Einfach so?“
„Ja.“
„Du bist also Fan der Serie?“
„Ja.“
„Oh.“
„Ist das ein Problem?“
Nancy zuckte mit den Schultern. „Nein, ich denke nicht. Nein. Aber es wundert mich eben.“
„Ich finde es auch seltsam.“
Nancy lachte, aber es klang etwas aufgesetzt. Der nächste Anrufer klingelte nun durch, es war erneut Terry, der ziemlich sauer klang, weil etwas mit einem Zelt nicht funktionierte. Nancy telefonierte daraufhin mit zwei Leuten, beide Verbindungen waren wirklich schlecht und sie schrie das halbe Auto zusammen.
Nach einer weiteren Stunde auf sich durch eine Hügellandschaft voller Schafe windenden Landstraßen kamen sie am Drehort an. Nancy wurde von einem Sicherheitsposten durchgewunken und bekam von einem Mann in Regenkleidung und Signalweste einen Parkplatz zugewiesen. Bettina war froh, sich so wettertauglich wie möglich angezogen zu haben, aber Nancy schob sie trotzdem erst einmal zu einem LKW, bei dem sie von einer kleinen, runden Frau eine richtig feste Regenjacke und auch eine Regenhose zugeteilt bekam.
„So, dann komm mal mit“, sagte Nancy und Bettina folgte ihr über einen Trampelpfad zu einer Ansammlung von raumhohen Zelten inmitten einer großen Wiese. Nancy selbst erschien viel zu ordentlich angezogen für eine Umgebung wie diese.
„Was ein verdammtes Mistwetter für den Dreh“, fluchte sie laut, als sie sich unter dem großen, schmutzigweißen Zelt die Kapuze vom Kopf schob.
„Allerdings“, sagte ein großer, breiter Mann mit schwindender Haarpracht, der an einem Klapptisch saß und mit drei anderen Männern diskutiert hatte, die um ihn herum standen.
„Hi, ich bin Terry“, stellte er sich vor und schüttelte Bettina die Hand über seinen Laptop hinweg.
„Bettina.“
Terry zog die Stirn in Falten und betrachtete Bettina von oben nach unten. „Aha. Ja, schön. Moment. Nancy? Nancy!“ Seine Stimme wurde lauter und klang fordernd. Die Angesprochene reagierte nicht, sie war mit dem Aufbau eines Campingstuhls und eines Klapptisches in der gegenüberliegenden Zeltecke beschäftigt. Terry stöhnte genervt, wühlte in einem großen Pilotenkoffer und gab Bettina einen eng bedruckten Zettel und einen Kugelschreiber. „Lies das und unterschreibe es. Das ist eine Verschwiegenheitserklärung. Das ist wichtig.“
Bettina nahm beides entgegen und begann, es im Stehen durchzulesen.
„Hi“, hörte sie plötzlich von links und schaute hinüber. Sam kam unter das Zelt, in der Hand einen dampfenden Plastikbecher. Sam hatte einen fürchterlich aussehenden, nassen, mehrere Nummern zu großen Parka undefinierbarer Farbe an, darunter dunkelbraune Cargohosen und ein halboffenes Jeanshemd, an seinem Gürtel hing Munition und eine Waffe steckte in einem Holster an seinem Oberschenkel. Es war eher Joe als Sam.
„Ich würde dich ja zur Begrüßung umarmen, aber das ist gerade ungünstig“, sagte er und zeigte an sich hoch und runter. Stattdessen schüttelte er Bettina freundlich die Hand. „Hat also geklappt, prima.“ Er lächelte und Bettina hatte den Eindruck, dass er sich wirklich darüber freute, sie zu sehen.
„Ja.“
„Sam, wir brauchen dich gleich unten“, schrie ein großer Mann mit schwarzem Vollbart unter das Zelt, sprach etwas in ein Funkgerät und verschwand gleich wieder.
„Ich muss weg, viel Spaß“, sagte Sam und folgte dem Mann.
Bettina las die Verschwiegenheitserklärung weiter durch. Sie gab Terry das unterschriebene Dokument wieder zurück. Er schaute sie irritiert und nicht gerade freundlich an. „Was?“, fragte er gereizt.
„Die Verschwiegenheitserklärung. Die sollte ich unterschreiben.“
„Ja, und? Was soll ich jetzt hier damit?“, fragte er und funkelte sie böse an. Seine drei Beisitzer hielten die Luft an.
„Du hast sie mir gegeben, also dachte ich, du willst sie auch zurück haben.“
Terry schnaubte und sah Bettina durchdringend an. Sie schaute zurück. Und verstand, warum einige nicht mit ihm arbeiten konnten oder wollten. Wenn Blicke töten könnten, wäre sie jetzt schon längst im Jenseits. Aber sie hielt seinem Blick stand. Er legte seinen Kopf schräg, unterbrach den Blickkontakt und nickte. „Nancy!“
Er griff nach dem Zettel und hielt ihn in Richtung Nancy, die herbeigeeilt kam und ihn wegtrug zu ihrem Tisch, an dem sie sich gerade häuslich einrichtet hatte.
„Was denn jetzt noch?“, fragte Terry Bettina und sah sie herausfordernd an.
„Sorry, ich bin das erste Mal an einem Drehort. Gibt es noch irgendwas, das ich beachten muss?“
„Steh nicht im Weg rum und sei leise. Nebenan gibt’s Kaffee und später Catering. Die Klos sind hinter dem Nachbarzelt. Und jetzt lass uns hier bitte weitermachen.“
„Danke.“
Terry nickte abschließend und konzentrierte sich wieder auf seinen Monitor. Bettina wusste zwar immer noch nicht, wohin sie nun gehen sollte, ohne zu stören, oder wo gerade etwas Interessantes passierte, aber dieses Problem löste sich von allein.
„Hey, bist du unser Besuch?“, fragte eine sehr große, dünne Gestalt mit quietschgelben Regenklamotten und bis über die Knöchel verdreckten Armeestiefeln.
„Ja, ich bin Bettina, hallo.“
Der Mann schob seine Kapuze zurück und Bettina erkannte ihn. Es war Robert, der in der Serie Stanley, den Sonderling, spielte. Robert war Ire, sehr groß und dürr, hatte wirr gelockte, fast orangene Haare und schiefe Zähne. Er sah aus wie eine Mischung aus E.T. und Sid, dem Faultier aus Ice Age. Robert kugelte Bettina beim Begrüßen fast den Arm aus, aber er schien über ihren Besuch hier wirklich erfreut zu sein. „Ich bin Robbie. Kennst du die Serie?“
„Ja, ich mag die Serie echt gern.“
„Das ist schön, ich auch! Und warum bist du hier?“
„Sam hat mich eingeladen.“
„Oh, oh, schön! Ja, das hat er schon gesagt.“
„Robbie, könntet ihr bitte draußen weiterdiskutieren?“, rief Terry herüber.
„Ja, Boss, klar, Boss. Na, komm mit.“ Robbie zog sich die Kapuze wieder ins Gesicht und trat nach draußen in den Regen. Bettina tat es ihm gleich und folgte ihm.
„Da drüben haben Sam, Neal und Jake grad eine Szene zusammen, wollen wir zuschauen gehen?“
„Klar, gern. Das ist echt aufregend hier.“
Robbie lachte. „Ja, Außendrehs sind schon spannend. Haben wir ja oft, aber eher auf Studiogelände oder nicht ganz so schwierig wie hier. Aber das wird echt toll. Gut, dass wir Regenklamotten haben.“
Sie liefen einen schmalen, matschigen Pfad entlang in Richtung eines kleinen Abhangs. In einer Senke stand eine halbverfallene Holzhütte, daneben einige Leute in Outdoor- und Regenkleidung. Bettina und Robbie kamen näher heran und blieben zwischen den anderen Zuschauern stehen, die den Dreh hier aus einigen Metern Entfernung beobachteten.
Sam, Jake und Neal oder eher gesagt Joe, Jerry und Noah, standen umringt von einigen Drehteammitgliedern neben der Hütte, ohne Regenkleidung oder Jacken, und alle drei waren ziemlich verdreckt. Einige Leute schoben an ihren Haaren oder ihrer Kleindung herum. Bettina sah sich um, es war für sie wirklich faszinierend, die Dreharbeiten zu ihrer Lieblingsserie zu sehen. Und auch das ganze Drumherum.
„So, dann mal los! Phil, Howie, ist alles klar bei euch?“ schrie Terry von hinten. Eigentlich schrie er gar nicht, er sprach einfach nur laut. Aber er hatte wirklich Reichweite in der Stimme und kam nun auch den Pfad herunter. Ein Mann löste sich aus der Gruppe der Wartenden und kam ihm entgegen. Gemeinsam gingen sie den Rest des Pfades nach unten zu den drei Schauspielern und diskutierten einiges aus. Terry gestikulierte herum, zwei andere kamen noch dazu und nach einigen Minuten und einigen Übungsdurchläufen ließ er die Szene drehen.
Alles in allem dauerte es ewig. Soweit Bettina es verstanden hatte, kam Sam alias Joe hinter der Hütte herum zu den anderen beiden, dann stritten sie sich, diskutierten irgendetwas, das Bettina von ihrem Platz aus nicht richtig verstehen konnte, und dann verschwand Joe in der Hütte und die anderen beiden rannten links über die Wiese von der Hütte weg.
Bettina war fasziniert, das alles live mitzuerleben, aber ihr wurde auch kalt. Und als es wieder zu regnen begann, wurde es allgemein noch ungemütlicher, als es eh schon war. Zumal Terry immer lauter und die Stimmung immer genervter wurde, zumindest bei Neal und Jake, Sams Schauspielkollegen. Sam selbst lieferte, soweit Bettina das beurteilen konnte, eine solide Leistung ab und befolgte die Anweisungen, die er bekam. Er machte auch den einen oder anderen Fehler, aber sie hatte das Gefühl, dass zwischen den anderen beiden und Terry das weit höhere Konfliktpotential bestand. Hier gab es Diskussionen über die Dialoginhalte und den Ablauf der Szene. Als Jake dann noch beim Wegrennen auf der nassen Wiese hinfiel und das Gras so wegschob, dass eine matschige Spur entstand, beendete Terry die Dreharbeiten und schickte nach einem Blick auf die Uhr alle in die Mittagspause.
Neal und Jake stapften ohne hochzuschauen oder etwas zu sagen mit dem gesamten Tross des Drehteams an Bettina und Robbie vorbei in Richtung der Zelte. Terry, ein anderer Mann und Sam standen noch eine Weile diskutierend um das zerstörte Rasenstück herum. Der Mann versuchte, zu retten, was zu retten war und die Grasbrocken wieder aufrecht zu stellen, aber es klappte nicht richtig. Terry schüttelte den Kopf und sie kamen dann ebenfalls nach oben. Terry fluchte, als sie vorbeiliefen.
Robbie klopfte Sam auf den Rücken. „Hey, Kumpel, super gemacht“, sagte er fröhlich. Sam atmete lautstark aus, sah zwischen Bettina und Robbie hin und her und stapfte los, als Terry nicht mehr in Hörweite war. „Das war echt anstrengend. Ich hab kein gutes Gefühl dabei.“
„Wobei?“, fragte Robbie und lief neben Sam her, ein lustiges Bild, da Robbie fast zwei Köpfe größer war als Sam. „Was ist denn mit dem Gras? Kaputt?“, fragte Robbie aufgeregt und schaute noch einmal zurück.
„Ja, das hat das Fass jetzt noch zum Überlaufen gebracht. Jake hätte das nicht tun sollen. Terry hofft, dass man die Aufnahmen irgendwie so schneiden kann, dass man den Boden nicht sieht. Wir werden das definitiv noch mal nachdrehen müssen. Vielleicht auch alles noch mal neu.“
„Aber jetzt erst mal was essen“, sagte Robbie versöhnlich.
„Ja.“
„Hast du heute auch noch Szenen?“, fragte Bettina zu Robbie hoch.
„Ich? Ja, heute Abend aber erst. Geht schnell.“
Sie waren nun beim Cateringzelt angekommen. Es saßen schon einige Leute an langen Campingtischen, andere holten sich gerade etwas zu essen.
Nach einigen Minuten hatte jeder etwas Passendes gefunden und einen Sitzplatz im Trockenen. Bettina klemmte am Ende einer Sitzbank neben Robbie, Sam saß ihr gegenüber. „Und wie findest du es?“, fragte Sam und stopfte eine Gabel voll Pommes in seinen Mund. Bettina war kurz abgelenkt, weil Robbie irgendetwas neben ihr murmelte, es klang wie ein Tischgebet.
„Er ist Ire und streng katholisch“, flüsterte Sam über den Tisch. Robbie machte ein kicherndes Geräusch.
„Ich finde es super hier. Bisschen widrige Umstände, aber es ist echt aufregend.“
„Aufregend, so so“, tönte es von schräg über ihr. „Rückt mal bitte, ich möchte hier sitzen“, sagte Terry und gestikulierte die Bank entlang. Alle rückten brav auf, sodass Terry sich noch neben Bettina quetschen konnte. Er begann mit Sam eine Diskussion darüber, wie die weiteren Szenen heute aussehen könnten. Der große Mann mit schwarzem Vollbart, der vorhin schon kurz am Zelt und auch beim Drehen dabei gewesen war, saß nun Bettina gegenüber und verwickelte sie in ein Gespräch. Er hieß Howard oder eben Howie und war zuständig für die technischen Dinge am Set. Da Bettina auch gern fotografierte und vor kurzem ihr Fernstudium in Mediengestaltung abgeschlossen hatte, hatten die beiden ausreichend Gesprächsstoff. Robbie diskutierte fröhlich mit und so ging die Pause sehr schnell herum.
Die nächsten Stunden vergingen erneut unten bei der Hütte, es wurden mehrere Varianten der Szene vom Vormittag gedreht und nach einer kurzen, heftigen Diskussion unter allen Beteiligten stapften Neal und Jake stocksauer zurück nach oben zu den Zelten und kamen auch nicht wieder.
„Sind die für heute fertig oder haben die sich jetzt endgültig zerstritten?“, fragte Bettina Robbie.
„Wahrscheinlich beides. Jetzt kommt eigentlich noch eine Szene.“
„Robbie, komm mal hier runter, bitte!“, schrie Terry zu Robbie hoch. „Und bring Betsy mit!“
„Oho“, sagte Robbie. „Na, dann komm, bin mal gespannt! Heißt du nicht irgendwie anders?“
„Bettina.“
„Ah, ja. Wusste ich’s doch.“
Sie gingen hinunter zu der Hütte. Einige Helfer kamen dazu und rollten einen Gartenschlauch aus, andere montierten Lampen auf dem Dach der Hütte. Terry erklärte Sam, dass er von der kleinen Anhöhe hinunterspringen sollte in einen schlammigen Teich schräg hinter der Hütte, dort sollte er im hüfthohen Wasser stehenbleiben und mit Jake, der auf dem Dach der Hütte stehen würde, kurz diskutieren und dann nach vorn wegrennen. Da Jake aber nun nicht mehr da war, würde Robbie seinen Text übernehmen. Jake würde seinen Teil der Szene dann morgen nachdrehen. Terry drückte Robbie einen Zettel in die Hand und einer der Helfer lehnte eine Leiter an die Hütte. Robbie machte sich an den Aufstieg.
Terry sah sich suchend um. „So, du…“, sagte er und deutete auf Bettina und dann auf den Gartenschlauch, der am Boden lag. „Dich brauche ich zum Saubermachen.“ Bettina sagte nur „Ähä“ und Terry rang sich ein Lächeln ab. „Probier mal, bitte.“ Er ging einen Schritt zurück.
Bettina nahm den Gartenschlauch hoch. Am Schlauchende war eine passende Brause montiert. Bettina kannte diese Dinger aus dem Garten ihrer Eltern. Hier war allerdings kein Wasser herauszubekommen, egal wie.
„Wasser, ihr Stümper!“, schrie Terry nach oben und nach ein paar Sekunden kam ein gedämpftes „Okay“ zurück.
Bettina probierte erneut, diesmal funktionierte es. Terry schien zufrieden mit den Tests und zeigte auf einen Punkt einige Meter entfernt. „Stell dich bitte da an die Hecke, am besten halb rein, die Kamera muss vor dir vorbei. Und pass auf den Schlauch auf, den wollen wir nicht im Bild haben. Wenn Sam mit seiner Szene durch ist, läuft er hier vor.“ Terry zeigte an sich vorbei zur Vorderseite der Hütte. „Da wir definitiv mehrere Takes brauchen, aus verschiedenen Sichtwinkeln, muss er mehrfach von da oben runter. Was es einfacher macht, er kommt wegen des Regens schon klatschnass da oben an, also ist deine Aufgabe nur, den Schlamm wegzuspritzen. Wir probieren das mal. Sam, hierher.“
Sam seufzte und kam näher.
„Gib mir das bitte kurz“, sagte Terry und nahm Bettina den Wasserschlauch ab. Sam konnte gar nicht so schnell reagieren, wie Terry ihn vollends nassgespritzt hatte, von oben bis unten.
Er öffnete die Augen und funkelte Terry böse an. „Du Arsch! Das ist verdammt kalt!“
Terry lachte und nach einem kurzen Anstarrduell lachte Sam mit. Bettina ging sicherheitshalber ein paar Schritte zurück, da jetzt Howie mit einer Handkamera vorbeikam und Sam zuzwinkerte.
„Terry, ich liebe dich“, sagte Sam sehr überzeugend und umarmte Terry fest. Der quietschte los und wand sich, schaffte es aber nicht, Sam loszuwerden. Erst als er nachgab und Sam ebenfalls umarmte, ließ dieser los. Terry war nun fast genauso nass wie Sam. Alles lachte. Howie wich Terry aus, der nach ihm treten wollte, drückte seine Kamera an sich und flüchtete sich vor die Hütte.
„Ihr Säcke, ihr!“, fluchte Terry. Bettina musste auch lachen und bekam einen todbringenden Blick vom tropfenden Terry zugeworfen. „Auf deine Position!“, brüllte er sie an. „Und du auch, du Drecksack!“, scheuchte er Sam in Richtung Hügel. „Und alle anderen auch! Keine Testläufe, sofort filmen, dann haben wir mehr Material.“
Alle gingen in Position und Bettina tat ihren Job, so gut sie konnte. Sobald Sam vorbeigerannt war und Terry „Schnitt!“ gerufen hatte, kam Sam zu Bettina zurückgetrabt und ließ sich brav abduschen. Dann joggte er wieder zurück zu dem kleinen Grasüberhang und wartete auf Terrys Kommando. Robbie brüllte Jakes Text von der Hütte und Sam hatte keinen einzigen Textpatzer. Einmal variierte er seine Worte ein wenig, aber niemand sagte etwas.
Nach einer gefühlten Ewigkeit rief Terry: „Letztes Mal! Und los!“ Die Szene lief gut, wie die vorherigen auch und nach dem finalen „Schnitt!“ gab es Applaus von allen Umstehenden, viele waren es nicht mehr. Robbie kletterte von der Hütte, das Drehteam packte die Technik zusammen und die Zuschauer stapften zurück in Richtung der Zelte. Sam wurde noch einmal gründlich geduscht. Unter wacher Aufsicht der Requisiten- und Garderobenverantwortlichen wurden auch die Munitionsattrappen und die Airsoftwaffe gut abgespült.
Oben bei den Zelten bekamen Robbie und Bettina von Terry einige Handtücher zugeworfen, bevor er und Sam in Richtung der Wohnmobile verschwanden.
„Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte Bettina.
Robbie trocknete sich die Haare ab und legte das Handtuch in einen bereitstehenden Wäschekorb. Bettina legte ihres dazu.
„Für heute ist, denke ich, Schluss, zumindest für Sam. Wir machen jetzt Kaffeepause, dann hab ich noch meine Szene, die ist aber in einem Auto, das steht da hinten irgendwo. Ich denke mal, ihr fahrt dann jetzt nach London zurück.“
Bei einem Kaffee warteten sie zusammen mit Howie und Phil und nach einer gefühlten Ewigkeit kamen Terry und Sam zurück. Terry versammelte sofort seine Leute um den Laptoptisch. Sam hatte zwar noch nasse Haare, war aber mit Jeans und Pulli wieder von Joe zu Sam geworden.
„So, dann mal gute Rückfahrt, schön, dass du da warst“, sagte Robbie herzlich und umarmte Bettina kurz und heftig. Sie klopfte ihm auf den Rücken. „Ja, war schön. Echt spannend hier.“
„Ja“, strahlte er.
Sam lachte. „Na, dann los.“ Er legte Bettina eine Hand um die Schulter und drehte sie in Richtung Zeltausgang. Dann ließ er sofort wieder los. „Terry, du meldest dich? Morgen geht’s weiter? Oder übermorgen?“
„Ich melde mich. Morgen, wenn überhaupt, erst nachmittags. Für dich eher erst übermorgen. Wir sind gut vorangekommen. Danke.“ Und an Bettina gewandt sagte er: „Tschüss dann, gute Arbeit.“ Er schüttelte ihr kurz die Hand, bevor er sich wieder auf seinen Laptop konzentrierte. Sam sah erstaunt aus, beide Augenbrauen hochgezogen. „Na dann, ab nach Hause“, sagte er und sie gingen zusammen am Requisitenlaster vorbei, wo Bettina ihr Regenzeug abgab.
„Unser Auto ist schon da, meine Güte, was freue ich mich auf eine warme Dusche.“ Sam steuerte auf den Kleinbus zu, der mit geöffneter Seitentür und laufendem Motor ein paar Meter entfernt wartete.
„Das glaub ich dir“, sagte Bettina, kletterte hinter Sam in das Auto und schob die Tür zu.
„Fertig für heute, hm?“, fragte der Fahrer nach hinten.
„Ja, ich bin echt froh, wenn ich zu Hause bin. Das war eine nasse Sache heute.“
Der Fahrer lachte und sie hoppelten über die unbefestigte Straße durch die umliegenden Schafweiden, bis sie auf die Landstraße kamen.
„Bei Terry hast du aber mächtig Eindruck gemacht“, sagte Sam nach einigen Minuten Stille.
„Was? Warum?“ Bettina sah verwirrt von ihrem Handy hoch. Sie hatte Annette gerade geschrieben, dass sie auf dem Rückweg war. Sam lachte. „Naja … er war echt beeindruckt und hat sogar ‚gute Arbeit’ gesagt. Das ist schon was bei ihm.“
„Ich fand ihn extrem unhöflich. Ich meine, es war wirklich toll und spannend, ihn mal getroffen zu haben, er ist ja schon ein Genie. Auch die anderen seiner Serien sind hervorragend, aber menschlich finde ich ihn schwierig einzuschätzen.“
„Ach, er kann noch ganz anders. Terry hat halt auch eine Menge Druck von allen Seiten. Er muss alles zusammenhalten. Es ist so schon schwierig genug. Und wir Schauspieler sind auch nicht immer einfach.“
„Was war denn mit Jake und Neal?“
„Mal wieder Rumgezicke. Ich hoffe, dass sie sich aussprechen. Sonst wird es echt schwierig langsam. Was sagt deine Freundin über das British Museum? War es schön?“
„Sie sagt bisher noch gar nichts.“
Sam grinste. „Ich kenne jemanden, der unter anderem dort arbeitet. Ich war mal drin, als eigentlich geschlossen war. Das war cool.“
Bettina lächelte. „Das glaub ich. Oh, Antwort.“ Sie las Annettes Nachricht. <Ja, war toll. Ich bin heute erst spät im Hotel. Gehe noch ins Kino, gegessen habe ich schon>.
„Oho“, sagte Bettina.
„Hm?“, machte Sam.
„Sie geht noch ins Kino, gegessen hat sie schon, es wird spät heute, Museum war schön.“
„Na super. Wirklich gut befreundet seid ihr nicht, oder?“
Bettina sah erstaunt zu Sam hinüber. „Naja, geht so. Sie ist nicht meine beste Freundin, nein, aber ich dachte wirklich, das mit dem Urlaub klappt besser.“
Sam schaute sie an und übermittelte sehr treffend ein ‚Das tut mir leid, aber mach dir nichts draus!’, nur durch seinen Gesichtsausdruck. „Hast du Hunger?“, fragte er. Zur Antwort knurrte ihr Magen so laut, dass sogar der Fahrer lachen musste. Sam lachte mit. „Gut. Was hältst du davon, dass wir noch was zusammen essen? Du wirst ja nicht wirklich vermisst von deiner Freundin.“
Bettina wurde wieder ganz warm und eine Übelkeits- oder eher Aufgeregtheitswelle durchzog ihren Bauch. Der Tag war schon toll genug gewesen, jetzt noch mit Sam zu essen war gigantisch.
„Okay.“
„Magst du Nudeln?“
„Klar. Wer mag die nicht?“
„Das trifft sich gut.“
Kapitel 3
Nachdem sie sich eine geraume Weile lang durch den Londoner Stadtverkehr geschoben hatten und wieder einmal an einer roten Ampel anhalten mussten, schaute der Fahrer zu Sam nach hinten. „Wo soll ich euch rauslassen?“
„Vorn beim Park.“
„Super, dann kann ich da drehen.“
In einer Seitenstraße einer Seitenstraße einer Seitenstraße geschätzt irgendwo im Südwesten der Londoner Innenstadt fuhr der Kleinbus links ran. Sie verabschiedeten sich vom Fahrer und stiegen aus. Sam schnappte seinen Rucksack und Bettina warf die Tür hinter sich zu.
„So, dann mal los, ich hab echt Hunger“, sagte Sam und überquerte die Straße. Bettina folgte ihm. Es war eine ruhige Straße voller Wohngebäude, vier oder fünf Stockwerke hoch; aufgrund der Lage vermutete sie, dass das hier eine teure Gegend war. Sie liefen an den Häusern entlang und bogen dann rechts ab. Gegenüber lag ein ruhiger Park, die Straße war breit und was hier an Autos parkte, war einiges wert. Bettina hoffte, dass das Restaurant nicht mehr allzu weit entfernt war und freute sich nun wirklich auf einen trockenen, warmen Sitzplatz, etwas zu trinken und auf die Nudeln, die Sam versprochen hatte.
Er blieb stehen und öffnete das Vorgartentor zu einem der zweifarbig gestrichenen, sehr nobel renovierten Häuser. Er wies mit der Hand zur Tür und ließ Bettina den Vortritt. „Bitte.“
Sie stand nur da, starrte abwechselnd das Haus und Sam an und verstand es nicht. Sie hatten doch in ein Restaurant gehen wollen, Pasta essen. Aber das hier war ein Wohnhaus. „Wohnst du hier?“, fragte sie ihn.
„Ja“, sagte er und lächelte. Er legte den Kopf schräg. „Ich dachte … ich mache uns Spaghetti mit Hackfleischsoße und nachher fahre ich dich zum Hotel.“ Sam steckte beide Hände in seine Jackentaschen und senkte den Kopf. Er schaute Bettina an, mit genau dem Blick, den sie insgeheim seinen Welpenblick nannte. Er sah einfach nur lieb aus und ein wenig, als ob er etwas ausgefressen hätte. „Wir … können auch in ein Restaurant gehen. Wir haben einige gute hier zwei Straßen weiter. Aber der Tag war anstrengend und ich freue mich wirklich auf zu Hause. Ich … es … es ist nur eine Einladung. Zum Essen. Ich … mag dich irgendwie.“
Bettina starrte Sam an. Ihr Hirn brauchte eine Weile, um diese Informationen zu verarbeiten. Er wohnte hier. Wahrscheinlich auch noch im Penthouse. Und er wollte für sie kochen? Wie absurd konnte es noch werden?
„Bitte entscheide dich jetzt, mir ist kalt und ich habe immer noch nasse Haare. Wenn ich mir hier draußen den Tod hole, wird Terry sehr sehr böse werden.“ Er grinste. Sam nahm eine Hand aus der Jackentasche und rieb sich über die Stirn. Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe von einseinundsiebzig auf und sah Bettina an. „Was sagst du?“
Bettina konnte nichts sagen. Aber ihrem Magen wurde es zu blöd und er verkündete erneut lautstark, dass er nun Hunger hatte. Sam lächelte. Er holte einen Schlüsselbund aus seiner Jacke und ging auf die Tür zu. Dort angekommen, drehte er sich zu Bettina um und wartete. Sie zog das metallene Tor hinter sich zu und ging zu Sam hinüber. Er lächelte. „Schön. Also doch Hunger?“ Er schloss die Haustür auf und ließ Bettina zuerst eintreten.
Die Eingangshalle des Gebäudes war lang und schmal und sehr geschmackvoll. Die Fliesen waren in blaugrau, weiß und braun gehalten und sahen aus wie aus Marmor. Sie gingen an einer langen Reihe von schwarzen, schick aussehenden Briefkästen vorbei und Sam schnappte sich einige zusammengerollte Umschläge und Zeitungen, die aus einem von ihnen herausschauten. Bettina warf eher beiläufig einen Blick auf den Namen am Briefkasten und machte ein überraschtes Geräusch.
„Hm?“, machte Sam und drehte sich zu ihr um.
„Du heißt gar nicht Baker?“
„Nein.“
„Aber Sam stimmt?“
„Samuel eigentlich, aber so nennt mich nur meine Mutter oder manchmal Terry, wenn er mich ärgern will. Ich bevorzuge Sam.“ Er öffnete die Aufzugtür und ließ Bettina erneut den Vortritt. Er drückte den Knopf für die zweite Etage.
„Kein Penthouse?“, fragte sie und bereute es sofort, nachdem sie es gesagt hatte. Er lachte kurz. „Nein. Zu teuer und nicht schön geschnitten.“
„Na dann.“
Auch beim Verlassen des Aufzuges und beim Betreten der Wohnung ließ Sam Bettina jeweils den Vortritt. Sie war überwältigt von der Gesamtsituation, und aufgeregt. Sie würde eine Weile brauchen, das alles zu verarbeiten.
Gleich neben der Eingangstür, die in einen kleinen Vorraum führte, gab es eine breite Garderobennische und Sam hängte seine und Bettinas Jacke dort auf. Seinen Rucksack stellte er um die Ecke herum in den Flur der Wohnung. „Schuhe bitte ausziehen“, sagte er und stellte seine eigenen in ein Regal zu den anderen Schuhen. Bettina zog ihre ebenfalls aus und bekam sehr bequeme Gasthausschuhe zugeteilt.
„Danke.“
„Klar.“ Sam wies den Flur entlang. „Ja. Dann mal willkommen bei mir zu Hause. Hier ist das Wohnzimmer, komm ruhig rein“, sagte er und betrat den Raum gegenüber durch eine große Doppelflügeltür. Das Zimmer war riesig, hatte hohe Stuckdecken, Sprossenfenster und einen offenen Kamin. Die Möbel waren ein Gemisch aus sehr englisch und modern, zum Beispiel die riesige, c-förmige Sofalandschaft in der Mitte des Raumes. Schräg neben dem Kamin stand ein großer, moderner Fernseher, hinten links im Raum ein herrschaftlich anmutender, großer Esstisch für mindestens sechs Personen, der mit allerlei Kram zugestellt war. Bettina konnte aus der Entfernung viele Papiere, Büromaterial und Bücher erkennen. In der Mitte der rechten Zimmerwand lag eine Tür, auf die Sam nun zusteuerte.
Auch die Küche war zwar modern, aber auch sehr gemütlich eingerichtet. In einem wintergartenartigen, kleinen Erker am hinteren Raumende gab es einen Essbereich für zwei Personen, die Küchenmöbel waren alle in graubraun, kupferfarben und dunkelblau gehalten.
„Setz dich ruhig. Du kannst auch rübergehen ins Wohnzimmer, wenn du magst.“
„Nein, ich würde lieber hierbleiben. Kann ich was helfen?“
„Klar.“ Sam streckte sich und holte zwei Schneidbretter aus einem der Oberschränke. Bettina nahm sie entgegen. Sie suchte und fand die Besteckschublade und legte zwei Messer heraus, Sam lächelte still vor sich hin. Sie sprachen kaum miteinander, aber es klappte hervorragend, die verschiedenen Zutaten zu schneiden, das Nudelwasser aufzusetzen und gleichzeitig die Bolognesesoße vorzubereiten. Bettina wusste instinktiv, wo was zu finden war in der Küche.
„Wir sind ein gutes Team, wir sollten öfter zusammen kochen“, sagte Sam beiläufig, als sowohl das Nudelwasser bereit war sowie die Soße auf dem Herd köchelte. Sam nahm Spaghetti aus einem Schrank und legte sie auf die Arbeitsplatte. Mehr als zu nicken schaffte Bettina nicht. Sie wusste ja schon, dass er ein netter Kerl war, aber sie hatte doch etwas mehr Joe in Sam erwartet.
„So, die Soße kommt hoffentlich eine Viertelstunde ohne mich klar, du kannst ja ab und zu mal umrühren und dann die Spaghetti anstellen. Ich dusche jetzt mal kurz, wenn das für dich in Ordnung ist.“
„Klar.“
Sam nickte, schnappte sich seinen Rucksack und verschwand im hinteren Teil der Wohnung. Bettina fiel noch etwas ein, das konnte keine Viertelstunde warten. „Sam?“, rief sie ihm hinterher.
„Ja?“, rief es zurück und er kam durch die hintere Tür zurück ins Wohnzimmer.
„Könnte ich vielleicht …“ Weiter kam sie nicht. Er grinste. „Ja, klar, komm mit.“
Draußen im Flur zeigte er auf das letzte Zimmer hinten links. „Da um die Ecke. Da sind auch ein Fön und Handtücher.“ Er selbst verschwand in der Tür daneben, die vom Flur aus in ein weiteres Badezimmer führte.
Bettina betrat den Raum, es war, wie es aussah, ein ungenutztes Gästezimmer, und es hatte ein eigenes kleines Bad.
Als sie zurück in den Flur kam, hörte sie aus Sams Bad Wasser laufen. Surrealer konnte es kaum werden. Sie ging zurück in die Küche und nahm auf dem Weg dorthin noch ihr Handy aus ihrer Jacke. Annette hatte nur geschrieben <Wird später bei mir>. Bettina schrieb <Bei mir auch> zurück und kümmerte sich um die Spaghetti.
„Alles klar hier?“, fragte es von hinten und Sam schaute auf den Herd.
„Ja, alles gut“, sagte Bettina und drehte sich zu ihm um.
„Ich … hab‘s mir mal bequem gemacht.“ Sam hatte nun trockengefönte Haare und neben einer sauberen und ordentlichen Jogginghose einen dicken Wollpullover an.
„Kein Thema.“
„Woah, das war echt gut jetzt. Schön warm.“
Bettina machte sich daran, die Nudeln aus dem Wasser zu holen, nachdem sie zwei Teller bereitgestellt hatte. Sie öffnete die Schublade, in der sie das Nudelsieb vermutete und voilà, da war es.
„Woher weißt du, wo alles seinen Platz hat?“, fragte Sam und nahm die Soße vom Herd.
„Keine Ahnung.“
Er lachte und schob die Nudelsiebschublade mit dem Knie zu. „Wir können hier essen, drüben ist es nicht so gemütlich und den großen Tisch hab ich gerade anderweitig belagert“, sagte Sam und wies hinüber in die Essecke. Bettina nickte.
„Schmeckt es dir?“, fragte er mit vollem Mund über den Tisch. „Sorry.“
„Ja, schmeckt super, sehr lecker. Du kannst das echt gut.“
„Rezept von meiner Mom.“ Sam aß weiter.
„Danke. Für alles.“
Sam schaute zu ihr herüber. „Gern.“
Bettina legte ihr Besteck auf den leer gegessenen Teller. „Aber eins würde ich noch wirklich gern wissen.“
„Und was?“ Er hob die Augenbrauen.
„Warum?“
„Warum?“
„Ja, warum.“
„Warum was?“
„Warum das alles hier?“
„Ich wohne gern hier.“
„Das meine ich nicht.“
„Was meinst du denn dann?“ Sein Mundwinkel zuckte und sein rechtes Auge öffnete sich einen Tick weiter.
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Nein.“ Sams Gesichtsausdruck wechselte von ‚Ja, ich weiß es’ zu ‚Ich sag’s aber nicht’. Er stützte seine Ellbogen auf dem Tisch ab, verschränkte die Finger und legte das Kinn darauf. Dann rieb er kurz seine Schläfen. „Komm, wir räumen hier ab.“
Kapitel 4
Bettina saß neben Sam auf dem Sofa, die Füße bequem hochgelegt. Er hatte sich eine Sofadecke genommen und ihr auch eine gegeben. Die Decke war dunkelblau gemustert, sehr weich und roch seltsam vertraut und gemütlich. Das Feuer im Kamin brannte und war um Längen interessanter als das Fernsehprogramm schräg daneben. Beide hatten nach dem Essen noch eine heiße Schokolade getrunken und wurden nun langsam schläfrig. Sam war bisher nicht mehr auf die Frage nach dem Warum eingegangen und Bettina hatte auch nicht weitergebohrt. Sie hatten sich nett unterhalten, über London, England, das britische Fernsehen und wie Sam die Wohnung einer fast hundertjährigen, aktmalenden Perserkatzenzüchterin abgekauft hatte.
Sein Handy blinkte und er griff seufzend danach. Er hielt es in der Hand und sah zu Bettina. „Ich möchte gern, dass du weißt, dass ich das als unhöflich empfinde, im Beisein von Gästen ständig auf das Telefon zu schauen … aber es kann jederzeit sein, dass sich Terrys Pläne ändern und er erwartet auch, dass man erreichbar ist. Da er quasi mein Boss ist, muss ich leider immer online sein.“
„Schon gut, klar, verstehe ich.“
„Gut.“ Sam drehte das Telefon um und schaute drauf. „Hm“, machte er. Es war ein halbfragendes Hm.
„Ist das ein gutes Hm oder ein schlechtes Hm?“, fragte sie.
„Das weiß ich noch nicht. Er schreibt, er wird morgen mit Jake und Neal sprechen, es kommt sogar jemand vom Sender dazu.“
„Ist das unüblich?“
Sam sah zu ihr. „Ja, jein, ja, doch. Normalerweise löst Terry seine Probleme selbst. Ich kenne die genauen Hintergründe nicht, aber eine Aussprache ist dringend nötig und ich halte es für keine schlechte Idee, dass da eine neutrale Person vom Sender dabei ist.“
„Und wenn es nicht gut ausgeht?“
„Tja.“ Sam atmete durch und setzte sich etwas aufrechter hin. Er kam dadurch ein paar Zentimeter näher. „Das ist die Frage. Beide haben einen bestehenden Vertrag für die gesamte Staffel. Den müssen sie schon erfüllen, sonst wird es teuer. Aber danach, keine Ahnung. Könnte in einem Super-Gau enden. Im besten Fall muss Terry nur die ganze restliche Serie umschreiben.“
Das Handy blinkte erneut und Sam las. Er lachte auf einmal laut los und hielt Bettina das Telefon hin. Die letzte Nachricht von Terry, der als Nutzername mit „Bossy“ benannt war, lautete <Am besten erschießt Joe sie einfach beide, dann bin ich zwei Probleme auf einmal los>.
„Bossy?“, fragte Bettina.
„Ja. Terry Bosworth. Haha. Oh, ich liebe es … nicht.“
„Wäre aber eine Lösung.“
Sam schaute zu ihr herüber. „Ja, das schon. Aber dann hassen die Fans mich noch mehr.“
„Die hassen dich doch nicht.“
„Hassen ist zu viel gesagt. Aber Joe ist nicht gerade der Liebling der Zuschauer.“
„Ich mag ihn. Kann ich ihn mal ausleihen, um meinen früheren Chef und meinen Ex-Freund aus dem Weg zu räumen?“
Sam hob die Schultern an, dachte kurz mit schräggelegtem Kopf nach und sagte dann: „Ich frage ihn, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Ich sag dir Bescheid.“
„Danke.“
„Gern.“ Sam lächelte breit und tippte etwas in sein Handy. Dann legte er es mit dem Display nach unten neben sich.
„Schöne Hülle.“ Bettina spielte auf die Kaninchennase in Großaufnahme an, die die Rückseite seines Telefons zierte. Er nahm es hoch und schaute drauf. „Ja, das ist Alfred.“
„Alfred?“
„Ja. Einer unserer Besten.“
„Eurer … besten was?“
„Kaninchen. Alfred ist einer unserer Besten. Er hat Ausstellungen gewonnen. Ah, warte.“
Sam angelte eine Zeitschrift vom Beistelltisch neben dem Sofa. Er blätterte darin und hielt Bettina eine Seite hin. Es war laut Überschrift der Bericht einer Kaninchenausstellung, auf dem Bild sah sie einen älteren Mann mit Schirmmütze und einem großen, schwarzen Kaninchen auf dem Arm, daneben stand ein weiterer Mann und hielt einen Pokal. Sam tippte auf den Mann, der das Kaninchen hielt. „Das ist mein Dad.“ Danach zeigte er auf das Kaninchen. „Und das, das ist Alfred.“
„Du züchtest Kaninchen?“
„Ja, mit meinem Vater zusammen. Aber zu Hause.“
„Echt jetzt?“
„Ja.“ Er lachte. „Auch Joe hat Hobbys.“
„Ja, aber … egal. Ich freue mich für dich, dass Alfred so ein toller Kerl ist.“
„Oh ja, das ist er.“ Sam grinste breit und freute sich sichtlich über Bettinas Verwirrung. Dann wurde er ernster. „Du hast gestern gesagt, du wolltest zu Hause raus. Alles ok bei dir? Job gewechselt sagtest du? Ex-Freund? Klingt nach Veränderung auf voller Front?“ Sam sah interessiert zu ihr herüber und wartete geduldig. „Du … musst nicht darüber reden, aber wenn du willst, ich würde zuhören.“
Seine Worte trafen Bettina mitten ins Herz. Sie hatte sich gerade halbwegs beruhigt, darüber, dass sie hier auf seinem Sofa saß und jetzt war er auch noch so … nett. Und völlig normal. Und freundlich. Was die Frage nach dem Warum erneut hochkommen ließ. Die spontane Einladung ins Café gestern war schon ungewöhnlich genug gewesen. Er traf doch sicher oft Fans auf der Straße, mit denen er einige Worte wechselte. Unter den Fans war eine Reise nach London und ein Erkunden der erreichbaren und bekannten Drehorte der Serie schon fast ein Muss. Sam und auch die anderen Darsteller tauchten immer mal in den Internetforen und Facebookgruppen auf Fanfotos auf, aber nie hatte sie davon gehört, dass sie gemeinsam irgendwo Kaffee getrunken hätten, auch keinen Minztee oder Kakao und schon gar nicht waren sie zum Besuch des Sets oder, noch absurder, zu einem der Darsteller nach Hause zum Spaghettiessen eingeladen worden. Warum hatte Sam das also getan?
„Hm?“, machte es neben ihr. Sie löste sich aus ihrer Gedankenwelt und kam ins Hier und Jetzt zurück, in dem Sam neben ihr auf der Couch saß, gefühlt wieder einige Zentimeter näher, und sie offen und fragend ansah.
„Danke, Sam. Ich weiß nicht. Es gibt nicht so viel darüber zu sagen.“
„Du möchtest nicht darüber reden?“
„Nein, momentan nicht.“
„Das ist völlig okay.“
„Sam, was passiert hier?“
„Was meinst du?“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Sams Mundwinkel zuckten und er bekam seine charakteristischen zwei kleinen Falten zwischen den Augenbrauen. Er atmete durch und starrte ins Feuer. „Ich weiß es selbst nicht.“ Er klang fast schon verzweifelt. Er schluckte und sah wieder zu ihr herüber. „Ich weiß es wirklich nicht.“
Sie ließ ihn in Ruhe, ihr war warm und kalt gleichzeitig und ein Klumpen an Ungewissheit und Peinlichkeit entstand in ihrem Magen. Sie wäre gern weggerannt, aber das wäre nur noch peinlicher gewesen. Also blieb sie sitzen und starrte ins Feuer.
Als sie wieder aufwachte, war es um sie herum warm, weich und gemütlich. Es roch gut und im Hintergrund hörte sie irgendwelche Geräusche, wie von einem Fernseher oder Radio. Sie nahm englische Sprachfetzen wahr. Ach so, ja, sie war ja im Urlaub, in London. Wahrscheinlich hatte Annette den Fernseher im Hotelzimmer angemacht. Das Einzige, das nicht so wirklich ins Gesamtbild passte, war, dass sie eher saß als lag und irgendetwas drückte an ihren Oberarm.
Sie öffnete die Augen und schaute nach rechts, so gut das eben ging. Sie brauchte eine Weile, bis sie das, was sie da sah, als Ohr wahrnahm, über das hellbraune Haare ragten. Sie versuchte, sich aufzusetzen. Sam lächelte ihr zu und setzte sich ebenfalls auf. Er gähnte. „Du bist eingeschlafen. Ich … du … bist zu mir rübergekippt und ich wollte dich nicht wecken.“ Er lächelte. „Es ist schon gleich elf. Ich fahre dich jetzt am besten ins Hotel zurück, bevor deine Freundin die Polizei holt. Dein Handy hat ein paar Mal geblinkt, aber ich hab nicht geguckt.“
Bettina streckte sich und gähnte ebenfalls. Sie griff sich ihr Telefon vom Couchtisch. <Ich bin so in einer Stunde zurück>, hatte Annette vor einiger Zeit geschrieben. Dann <Wenn du zurückkommst, mach leise, ich geh jetzt ins Bett> und zehn Minuten später wieder <Wo steckst du denn?>. Diese Nachricht war von eben gerade, also standen die Chancen gut, dass Annette noch wach war. Bettina schrieb <Ich fahr auch gleich zurück, bis nachher>.
„Und?“, fragte Sam und stand auf. Es wurde kalt an ihrer Seite. Sie stand ebenfalls auf und steckte das Telefon weg. „Alles okay. Sie ist jetzt im Hotel.“ Sam nickte und verschwand im Flur. Bettina legte ihre Sofadecke zusammen und Sams gleich mit.
„So, dann mal los. Hast du alles?“, fragte er. Er hatte die Jogginghose gegen eine schwarze Jeans getauscht und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu.
„Ja, danke für alles. War echt ein schöner Tag.“
Sam lächelte und nickte, mehr zu sich. „Ja, fand ich auch. Schön, dass es dir gefallen hat.“
„Ja, war toll.“ Bevor die Situation vollends peinlich wurde, öffnete Sam die Wohnungstür und ließ Bettina den Vortritt.
Unten angekommen überquerten sie die Straße und liefen einige Meter an den geparkten Autos entlang. Sam öffnete ein dunkelgraues, etwas höheres, sehr kantiges und schnittiges Auto.
„Oha“, sagte Bettina. „Was ist das für eins?“
„Ein Toyota C-HR Hybrid“, sagte er. „Für mich die perfekte Kombination aus etwas höherer Sitzposition, Platz und Alltagstauglichkeit.“
Bettina setzte sich auf den Beifahrersitz und Sam stieg auf der anderen Seite ein. Als er den Motor startete, erwachte das Auto zum Leben und mit ihm diverse Displays und Lichter.
„Hui“, sagte sie.
Er lachte. „Ja, ich mag es echt gern. Die ganzen großen Geländewagen, die man hier so viel sieht, kosten teils das Dreifache und sind total unpraktisch. Plus, ich habe lieber ein japanisches Auto als ein britisches.“
Bettina machte ein amüsiertes Geräusch.
„Ja, lach nur. Ich mag England wirklich, aber naja.“ Sam fuhr aus der Parklücke heraus auf die Straße.
„Ich hab selbst ein japanisches Auto, aus ähnlichen Gründen.“
„Weil du England magst, hast du ein japanisches Auto?“, scherzte er.
„Du weißt, wie ich das meine“, sagte Bettina und unterdrückte den Impuls, ihm einen Klaps auf den Arm zu geben. Sam grinste und bog an der nächsten Ampel links ab. „Welches Hotel?“
„So … ich halte hier, da vorn darf ich nicht mehr hin“, sagte Sam und hielt am Straßenrand an. „Dann wünsche ich dir eine gute Nacht und … noch viel Spaß in London.“
Bettina löste ihren Sicherheitsgurt. „Danke. Für alles“, sagte sie. Sie sahen sich an und wie selbstverständlich beugten sich beide zueinander und küssten sich ganz kurz auf den Mund. Sie bemerkten sofort danach, was eben gerade passiert war und schauten sich an. Sam stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben und Bettina wahrscheinlich auch. Hinter Sam hupte es.
Er sah in den Rückspiegel. „Ich … stehe in der Taxieinfahrt. Ähm … warte kurz.“ Er wendete das Auto und hielt auf der anderen Seite der Zufahrt, sodass das Taxi hinter ihm vorbeifahren konnte. Er parkte erneut und sah sie an. Seine Mundwinkel zuckten, wie immer, wenn er leicht nervös wurde und er sah aus, als würde er warten, um sich seine Schelte oder ein ‚Okay, nicht schlimm’ abzuholen.
„Kam irgendwie so“, sagte sie.
„Genau.“ Er lächelte.
„Dann … gute Nacht und danke noch mal für alles“, sagte sie, atmete durch und stieg aus dem Auto.
„Gute Nacht“, rief Sam ihr nach und sie warf die Tür zu. Er drehte, hupte kurz und fuhr dann die Hotelzufahrt entlang zurück zur Straße. Bettina sah dem Auto nach, bis es um die nächste Häuserecke herum verschwunden war und betrat dann das Hotel.
Kapitel 5
Es war einer dieser Stresstage im Büro, an dem nichts wie geplant lief, alles auf einmal kam und zudem noch einiges schief ging. Es war Ende Mai und die allgemeine Stimmung war gereizt. Die negative Stimmung hatte alle Abteilungen der Firma, in der Bettina arbeitete, fest im Griff.
Umso froher war sie, als sie Freitagabend nach Hause kam und nun das Wochenende und die nächste Woche frei hatte. Sie räumte ihre Lebensmitteleinkäufe weg, sie hatte wieder einmal viel zu viel Schokolade gekauft, und schaltete den Fernseher ein. Ein Pay TV-Sender spielte ab heute Abend alle Staffeln von ‚After the Storm’ ab der ersten Folge, und die wollte sie sich nicht entgehen lassen, auch wenn sie die Serie komplett im Regal stehen und schon mehrfach gesehen hatte. Mit Sam hatte sie seit ihrem Londonurlaub im Februar immer noch ein wenig Kontakt. Ab und zu schickte er ein lustiges Bild oder Video oder mal ein ‚Wie geht es Dir?’, aber da sie nach wie vor nicht wusste, was das Ganze zu bedeuten hatte und sie ihn auch nicht nerven wollte, hatte sie jeweils freundlich geantwortet, ihn aber nie mit irgendwelchen Fragen oder Gesprächen bedrängt. Dennoch musste sie fast täglich an die zwei Tage in London und natürlich ihren Kuss denken, und am schlimmsten war es, wenn sie Sam im Fernsehen sah.
Sie hatte gerade zu Abend gegessen und saß gemütlich auf dem Sofa, als es klingelte. Wer war denn das jetzt? Sam? Bettina öffnete die Wohnungstür. Im Hausflur stand Sonja, eine ihrer Freundinnen, und schneuzte herzhaft in ein Taschentuch. „Kann ich kurz reinkommen? Bin auch gleich wieder weg.“
Bettina machte einen Schritt zur Seite.
„Danke.“
„Du siehst nicht gerade gesund aus.“
„Bin ich auch nicht. Ich hab seit gestern eine richtig fiese Erkältung.“ Sie ging zum Sessel und ließ sich hineinfallen.
„Willst du einen Tee?“, fragte Bettina und hielt lieber etwas Abstand.
„Nee. Ich geh gleich wieder.“
Bettina setzte sich aufs Sofa und wartete ab.
„Ich hab doch den Kurzurlaub in London gewonnen, eigentlich sollte ich morgen früh fliegen, aber mit der Erkältung kann ich das vergessen“, schniefte Sonja.
„Oh, ja, das ist schade“.
„Ja.“ Sonja zog die Nase hoch und kramte in ihrer Tasche. Sie legte einen mittelgroßen Umschlag auf den Couchtisch. „Wenn du willst, kannst du für mich fliegen. Morgen früh.“
Bettinas Flugzeug hob am nächsten Morgen pünktlich ab und nach der Landung in London suchte sie sich erst einmal einen Shuttlebus in Richtung Innenstadt. Nachdem Sonja gestern Abend wieder nach Hause gefahren war, hatte Bettina kopfschüttelnd ihren Koffer gepackt. Jetzt war sie schon das zweite Mal in diesem Jahr in England, aber darüber wollte sie sich nicht beschweren. Sie überlegte hin und her, ob sie Sam schreiben sollte oder nicht. Sie entschied sich alle paar Minuten wieder um und als sie im Hotel eingecheckt und ihr Zimmer bezogen hatte, nahm sie doch ihr Telefon zur Hand.
<Ich bin zufällig gerade wieder in London, magst du einen Kaffee trinken?>, schrieb sie ihm schließlich, nachdem sie den Text bestimmt zwanzig Mal geändert hatte. Es war zwar nicht originell, aber hoffentlich auch nicht zu peinlich oder unangemessen.
Seine Antwort kam nach fünf Minuten, als Bettina gerade im Hotelflur auf den Aufzug nach unten wartete. <Oh, was für eine Überraschung! Ja, gern, selber Ort wie letztes Mal? Ich könnte gleich los>. Sie antwortete ihm und lief zur nächsten U-Bahn-Station.
Nach knapp einer halben Stunde war sie an der Station angekommen, von der aus sie damals im Februar wieder zurück ins Hotel gefahren war, und lief die Strecke hinüber zum Café.
Sie sah Sam schon warten, als sie um die Ecke in den Fußweg entlang der Themse einbog. Er sah sie auch und wartete lächelnd, bis sie auf Kommunikationsreichweite herangekommen war. Das flaue Gefühl in Bettinas Magen war umgehend wieder da. Ihr wurde warm und kalt gleichzeitig. Das Wort ‚verliebt’ klang nach wie vor absurd und falsch an dieser Stelle, aber ein Besseres hatte Bettina nicht. Sam begrüßte sie mit einem freundlichen „Hi“ und diesmal kam sie auch um eine Umarmung nicht herum. Sie drückten sich kurz, es war eine nette Begrüßung und gar nicht peinlich oder irgendwie komisch, wie Bettina befürchtet hatte. „Willkommen zurück in London. Wie geht’s dir?“, fragte Sam.
„Ganz gut, und selbst?“
Er wägte ab und ein Mundwinkel zuckte. „Auch ganz okay. Lass uns reingehen, da drüben die Beiden gucken schon die ganze Zeit.“
Bettina folgte ihm ins Café. Die zwei jungen Frauen, die ein paar Meter entfernt gestanden hatten, setzten sich ebenfalls in Bewegung. Fans wahrscheinlich. Sam ließ wie im Februar auch Bettina den Vortritt bei der Eingangstür und der Kellnerin sagte er, dass sie gern den Notausgang benutzen würden. Diese grinste nur und Bettina folgte Sam durch den hinteren Gastraum und über einen Hof durch ein kleines Gartentor auf einen Fußweg zwischen den Gebäuden.
„Wir gehen besser woanders hin.“ Sam lief los, Bettina folgte und bereits zwei Straßenecken weiter hielt er ihr die Tür eines weiteren Cafés auf.
„Im Mai ist es etwas schwieriger, in Ruhe Kaffee zu trinken“, sagte er entschuldigend und bestellte bei der Kellnerin seinen Minztee und für Bettina gleich eine heiße Schokolade mit Sahne.
„Das nervt bestimmt“, sagte sie.
„Ja, schon, aber es gehört eben dazu. Erzähl, was bringt dich her?“
„Eine Freundin von mir hat eine Kurzreise nach London gewonnen, aber ist vorgestern krank geworden und hat mir den Reisegutschein geschenkt. War alles schon gebucht.“
„Oh, cool“, sagte Sam. „Wie lange bist du hier?“
„Bis Mittwochabend.“
Sam bekam seine nachdenklichen zwei kleinen Falten zwischen den Augen. Dann schaute er sie an, sagte aber nichts.
„Was?“, fragte sie.
„Ich denke nach, gib mir einen Moment.“ Sam dachte weiter nach und sah immer wieder zwischen Bettina und seinem Tee, der mittlerweile gekommen war, hin und her. Bettina löffelte derweil die Sahne von ihrem Kakao. Sie fand, Sam sah gestresst aus, hatte Ringe unter den Augen und wirkte allgemein unruhig.
Anscheinend hatte er nun fertig nachgedacht und richtete sich auf. „Ich brauche Deine Hilfe.“
Bettina stutzte. „Aha. Wobei?“
Sam atmete laut aus. Seine Mundwinkel zuckten nervös und er sah aus, als ob er am liebsten weglaufen würde. „Es ist kompliziert. Und ich weiß nicht … eigentlich ist es eine echt blöde Idee. Das kann ich nicht machen. Vergiss es.“
„Was ist es denn?“ Bettina wurde nun neugierig. „Das ist gemein, es nur anzudeuten und dann nicht zu sagen.“
Sam seufzte und kratzte sich im Nacken. Sein Telefon klingelte. „Meine Mutter“, sagte er. „Ich muss kurz rangehen, sorry, Familiendrama.“
„Klar“, sagte Bettina nur. Sie wunderte sich erneut, in was sie da hineingeraten war und lauschte dem Telefonat. Sam war genervt, ungeduldig und auch verlegen, so viel konnte sie definitiv sagen.
„Ja, Mutter“, sagte er nun und verdrehte die Augen. „Ja, ich weiß.“ Er hob den Teebeutel aus der Tasse und balancierte ihn in den kleinen Tischmülleimer, den Bettina ihm aufhielt. Sie bekam dafür ein Augenbrauenheben und ein liebes Lächeln, das sofort wieder einfror, als er seiner Mutter antwortete. „Nein. Ich bin gerade in einem Café. Nein, nicht allein.“ Er rollte mit den Augen. „Ja.“ Er klang genervt und sein Gesichtsausdruck glich dem Joes kurz bevor er jemanden zusammenschlug. „Was? Warum? Nein!“ Er hatte die Augen aufgerissen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Nein hab ich gesagt! Was soll das? Was willst du denn damit sagen?“ Er sank in sich zusammen und hielt Bettina das Telefon hin. „Meine Mutter möchte mit dir sprechen.“
„Mit mir?“ Bettina starrte mit aufgerissenen Augen auf das Telefon, auf dessen Display ‚Home’ stand. Untendrunter zählte die Gesprächszeit hoch. „Hallooh?“, krähte es aus dem Lautsprecher. Bettina nahm das Telefon. „Hallo?“, fragte sie zurück.
„Oh, hallo, bist du die neue Freundin von Samuel?“, fragte eine ältere Frauenstimme in hochkorrektem, britischem Englisch.
„Ähm, nein, wir trinken hier nur einen Kaffee zusammen.“
„Samuel trinkt keinen Kaffee.“
Bettina sah Sam an, der aussah, als ob er eine bittere Medizin geschluckt hatte.
„Ja, er hat einen Tee.“
„Ich kenne meinen Sohn doch“, sagte die Frau entrüstet. „Wie heißt du denn?“
„Bettina.“
„Das ist aber kein englischer Name!“ Es klang entsetzt. Sam hielt ihr seine Hand hin und Bettina gab ihm das Telefon zurück.
„Dorothy, jetzt hör mir zu! Sie war letztens am Set dabei, als wir für eine Folge gedreht haben und ist jetzt zufällig wieder in London und wir trinken nur einen Tee zusammen! Ja! Aus Deutschland!“
Seine Mutter schien nun einen längeren Monolog zu halten und Sam konzentrierte sich darauf, zuzuhören. Nebenbei versenkte er vier Stück Würfelzucker in seinem Tee, rührte um und nahm einen Schluck. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Entsetzen zu Resignation und wieder zurück zu Entsetzen. „Mutter“, sagte er vorwurfsvoll. „Ja, das schon … Ja, Mutter … nein … ja … ja …“ Er klang immer weinerlicher. Dann schaute er erstaunt mit vorgeschobener Unterlippe auf sein Telefon und dann zu Bettina. „Jetzt ist mein Vater dazugekommen und sie hat aufgelegt.“
Bettina trank den letzten Schluck ihres Kakaos und wischte sich den Mund mit ihrer Serviette ab. „Was ist denn das Problem?“
Sam seufzte. „Das Problem ist, dass meine Eltern beide im April siebzig geworden sind, und das wird übermorgen groß nachgefeiert. Sie erwarten, dass ich dabei bin, was völlig in Ordnung ist. Ich freue mich auch schon darauf, aber dieser Stress, den meine Mutter sich macht … es kommen noch ihre beiden Schwestern, die sie kaum sieht, die es aber in gesellschaftlichen Dingen zu übertrumpfen gilt. Meine Tante väterlicherseits kommt auch, sowie meine beiden Brüder mit ihren Ehefrauen und meine Schwester mit ihrem Mann. Meine Mutter ist da wirklich schwierig. Bei Anstand, Traditionen, dem Garten und Kulturellem muss alles genau so sein, wie es zu sein hat. Mein Dad ist recht entspannt mit allem. Wenn es ihm zu viel wird, geht er raus ins Gartenhaus zu seinen Kaninchen oder rüber zu den Nachbarn.“ Sam hob entschuldigend die Schultern.
Das Telefon klingelte erneut und Sam telefonierte nun wohl mit seinem Vater.
Nach dem Telefonat rieb er sich die Schläfen. „Er sagt, jetzt hat meine Mutter sich weinend in der Küche eingeschlossen. Ich werde noch irre.“ Sam trank seinen Tee aus.
„Ich habe das Problem immer noch nicht verstanden. Kannst du wegen Dreharbeiten nicht dort sein zum Familienfest? Und darüber regen sich alle auf?“
Sam sah zu Bettina. „Nein. Das Hauptproblem ist …“ Er kam nicht mehr dazu, weiterzusprechen, da eine Gruppe kichernder Frauen plötzlich neben dem Tisch stand und Sams Aufmerksamkeit forderte. Er schrieb geduldig Autogramme und ließ sich noch mit allen fotografieren. Die Frauen beäugten Bettina kritisch von oben bis unten und verließen das Café erst, als der Besitzer aus der Küche kam und sie unmissverständlich bat, zu gehen. Allerdings betrat nun eine weitere Gruppe Frauen das Restaurant und sah sich interessiert um. Sam stand auf. „Lass uns durch den Hinterausgang abhauen“, sagte er und bezahlte die Rechnung.
Glücklicherweise trafen sie auf ihrem kurzen Weg über die Straße keine weiteren Fans und Sam bog mit Bettina in einen malerischen Fußweg entlang eines Kanals ab. Jetzt im Mai blühten hier Unmengen bunte Blumen.
Nachdem Bettina und Sam etwa fünf Minuten gelaufen waren, blieb Sam stehen und lehnte sich auf das breite Holzgeländer entlang des Weges. Er atmete gestresst aus und sah Bettina an. „Das Hauptproblem meiner Mutter ist, dass Abigail und ich uns, wie du vielleicht weißt, im Januar getrennt haben. Das ist nicht tolerierbar in ihrer Welt. An Weihnachten waren wir noch zusammen bei meinen Eltern, und es war eine Komplettkatastrophe. Und ich meine wirklich eine Komplettkatastrophe. Meine Mutter war außer sich. An Ostern sollte ich eigentlich hochfahren, habe aber Dreharbeiten vorgeschoben, um nicht hin zu müssen. Meine Mutter mochte Abigail und noch viel schlimmer ist, dass ich momentan keine Freundin oder Frau vorzuweisen habe. Das gehört sich eben, dass man zu Familienfeiern dieser Wichtigkeit einen Partner mitbringt.“ Er grinste gequält. „Und ich bin jetzt zweiundvierzig. Ich glaube, sie hat Panik, dass ich niemanden mehr finde. Und das wird sie nie ihren Schwestern erklären können.“ Er lachte, aber nicht wirklich offen, es war eher ein verlegenes Lachen. „Sie hat vorhin gedroht, mich zu enterben und sie klang echt überzeugend.“ Er schaute auf den vorbeifließenden Bach.
Bettina lächelte, was hoffentlich mitfühlend rüberkam. „Ja, Familie ist schon anstrengend manchmal. Ich bin zwar Einzelkind, aber ich hab da auch schon Sachen erlebt.“
„Oh ja“, sagte Sam und lief weiter den Weg entlang.
Nachdem sie eine Weile still nebeneinander hergegangen waren, blieb Sam stehen und atmete durch. „Und was hast du so geplant in London in den nächsten Tagen? Wohnst du wieder im selben Hotel wie im Februar?“
„Nein, in einem anderen. Genaue Pläne hab ich noch nicht, das ging alles viel zu schnell gestern. Das Wetter ist wenigstens besser als letztes Mal, also dachte ich daran, den Hyde Park anzuschauen und durch die Stadt zu laufen. Vielleicht auch bisschen was besichtigen. Das British Museum nachholen.“
„Hast du Lust, zwei Tage lang gut zu essen und dich nebenbei psychisch foltern zu lassen?“ Sam hatte den Kopf schräg gelegt und seinen liebsten Blick aufgesetzt.
„Wie meinst du das?“
„Bettina, das jetzt fällt mir echt schwer und ich komme mir wirklich gemein vor … aber … könntest du dir vorstellen, mit zu meinen Eltern zu fahren? Als meine Freundin? Ich … wir … sie könnte zumindest meinen Schwestern gegenüber sagen, du bist meine Freundin und dann wäre ihr Gesicht gewahrt.“ Er presste die Lippen aufeinander und wartete auf eine Antwort. „Und ich werde nicht enterbt“, schob er noch hinterher, presste die Lippen aufeinander und vermied Blickkontakt.
Bettina stand nur da und starrte ihn an. Sie überlegte. Prinzipiell ja, warum nicht, andererseits, auf was würde sie sich da einlassen? Sie hatte bei ihrer eigenen Familie schon so viel Dramen miterlebt bei Familienfeiern, das reichte für die nächsten fünf Leben, da brauchte sie nicht noch Sams Familie dazu, die nicht gerade einfach und unkompliziert klang.
„Bitte“, sagte Sam. „Ich weiß, es ist viel verlangt, und ich habe keinerlei recht, dich darum zu bitten. Ich kenne dich kaum, du mich auch nicht. Und du bist quasi ein Fan. Ich kenne aber auch niemanden sonst, den ich darum bitten könnte und der …“ Das Telefon klingelte erneut. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte er gepresst.
Bettina vermutete, dass da noch einiges mehr dahinter steckte, als der Ruf der Mutter vor den Schwestern oder eine hoffentlich nur angedrohte Enterbung.
„Okay“, sagte sie und ihr wurde umgehend übel. Sie musste entsprechend aussehen, Sam sagte nämlich: „Du siehst aus, wie ich mich fühle“ und nahm das Gespräch an. Er erklärte seiner Mutter den Kuhhandel, es schien noch einige Unstimmigkeiten zwischen den beiden zu geben. „Eine andere Lösung habe ich nicht. Außer gar nicht zu kommen. Dann sag den beiden eben, dass ich Dreharbeiten habe. Ich würde aber schon gern hochkommen und auch Dad, die Kaninchen und Alison mal wieder sehen. Es dreht sich nicht alles immer nur um dich! Entscheide dich jetzt bitte.“ Er hörte aufmerksam zu, kaute dabei auf seiner Unterlippe und nickte ein paar Mal leicht. „Gut. Ich rufe dich nachher wieder an, wenn ich zu Hause bin“, sagte er und beendete das Telefonat. Er sah Bettina fest in die Augen, was sofort wieder die Schmetterlinge in ihrem Bauch hochscheuchte. „Du darfst mitkommen. Die Einzelheiten besprechen wir später. Du weißt gar nicht, wie dankbar ich dir bin“, sagte Sam und umarmte Bettina. „Und meine Mutter ebenfalls, auch wenn sie das nie zugeben würde.“
„Ich bin gespannt.“
Sam atmete durch. „Okay, Vorschlag: Du fährst ins Hotel zurück, holst dein Gepäck und schläfst heute Nacht bei mir. Wir müssen um spätestens fünf Uhr morgen früh los. Es ist über sechs Stunden zu fahren und zum Mittagessen müssen wir da sein. Übermorgen ist dann das Geburtstagsessen, den Tag danach bleiben wir auch noch und Dienstagabend sind wir zurück.“
„Sechs Stunden? Wo wohnen sie denn? In Schottland?“
„Gott bewahre. Im Lake District, das ist in Nordwest-England.“
„Aha.“ Bettinas Hände wurden feucht und ihr Herz schlug lauter.
Sam schaute mitleidig. „Du musst keine Angst haben. Oder naja, doch, vielleicht schon. Ich verspreche, dass ich versuchen werde, nein, ich kann leider nichts versprechen. Außer, dass es echt gutes Essen geben wird. Immerhin. Ich hole dich dann in einer Stunde am Hotel ab.“
„Ich kann auch mit der U-Bahn fahren, das ist kein Thema.“
Sam nickte. „Okay.“ Er erklärte ihr noch den Weg zur nächsten U-Bahnhaltestelle und tippte ihr den Namen der Haltestelle, an der sie aussteigen musste und seine Adresse in ihr Handy und dann trennten sie sich, da am Anfang des Fußweges bereits die nächsten Fans auf ihn warteten.
Kapitel 6
Bettina fuhr zurück zum Hotel, erklärte der verdutzten Hotelangestellten, dass sie bei einem Freund wohnen und gleich wieder auschecken würde. Es wurde mit englischer Würde und einer hochgezogenen Augenbraue kommentiert.
Wie ausgemacht fuhr Bettina mit der U-Bahn zu Sam und fand auch ohne Probleme den Weg zu seinem Haus. Die gesamte Situation kam ihr mehr als surreal vor. Sie würde bei ihm wohnen und dann mit ihm zu seinen Eltern fahren. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, seine Freundin spielen zu müssen, andererseits fand sie es auch irgendwie amüsant und freute sich auf die kommenden Tage. Auf dem Weg zum Aufzug zog sie eine Zeitschrift aus Sams Briefkasten und nahm sie mit nach oben.
„Hier, Kaninchenzeitung“, sagte sie grinsend, als er die Wohnungstür öffnete und sie mit einer angedeuteten Verbeugung in den Flur ließ.
„Oh ja, prima“, sagte er und nahm die Zeitschrift entgegen. „Willkommen zurück. Ich hatte echt Angst, dass du nicht kommst“, sagte er.
„Warum?“, fragte sie und zog ihren Koffer in Sams Gästezimmer. Sam lehnte am Türrahmen und fuhr sich nervös durch die Haare. „Das ist schwer zu erklären. Auf mehreren Ebenen. Ich bin dir auf jeden Fall unendlich dankbar, dass du das auf dich nimmst. Ach so, ja, ich hab dir Handtücher hingelegt.“ Er zeigte in Richtung Bad. Dann schien ihm noch etwas einzufallen. „Ähm … ich weiß, die Frage ist jetzt wirklich unangebracht, aber wichtig. Was hast du zum Anziehen dabei?“
Bettina brauchte einen Moment, bis es ihr dämmerte. Familienfeier. Wahrscheinlich erwarteten sie dort ein etwas anderes Outfit, als Bettina für drei Tage Touristenleben eingeplant hatte.
„Oh“, sagte sie nur und klappte ihren Koffer auf. Sam kam näher und sah ihr beim Auspacken zu.
Sie legte ein Kleidungsstück nach dem anderen aufs Bett. „Ich hätte das hier, das hab ich mitgenommen, falls ich zufällig in ein Musical gehe oder so. Aber ansonsten hab ich nur das hier … hier ein Pulli … das hier … und das, was ich anhab.“
Sam betrachtete die Sachen und schaute von einem zum nächsten und wieder zurück. „Hm“, machte er nur.
„‚Hm‘ heißt?“
Er stand auf. „‚Hm‘ heißt, wir gehen noch einkaufen.“
„Es tut mir echt leid, dass ich dich hier so rumscheuche“, sagte Sam und parkte rückwärts ein. Sie waren kreuz und quer durch London gefahren und hatten nun vor einem Bekleidungsgeschäft angehalten.
„Auf komplizierte Familienfeiern war ich nicht eingestellt.“
Sam stellte den Motor ab und sah mitleidig zu ihr. „Ich weiß. Bettina, du rettest hier echt meinen Hintern und den meiner Mutter und ich kann nicht mehr sagen als Danke. Wirklich. Danke, dass du das für mich oder eher für uns tust.“
Wow. Das war mal ein Dankeschön. Sie nickte und sah Sam in die Augen, was ihr schwerer fiel, als sie gedacht hatte. „Gern. Ich bin gespannt. Und hör bitte auf, dich ständig zu bedanken.“
„Okay, lass uns einkaufen.“
Sie stiegen aus und Bettina folgte Sam in das teuer aussehende Geschäft. Die Angestellten dort kannte er anscheinend gut und schilderte die Lage. Die Verkäuferin war sofort auf Sams Seite und bat die beiden, mitzukommen. Das Geschäft war verwinkelt, mit edlem Teppichboden ausgelegt, aber dabei angenehm gemütlich und sehr ruhig.
Sie führte sie in eines der hinteren Zimmer, das von vier Ankleidekabinen, einem sehr großen Tisch und einigen Sesseln ausgefüllt wurde. „So, dann wollen wir mal sehen.“ Die Frau musterte Bettina von allen Seiten und verschwand. Bettina hatte zumindest erwartet, nach ihrer Kleidungsgröße gefragt zu werden, aber Pustekuchen.
„Sie weiß, was sie tut“, sagte Sam, der ihren verwirrten Blick wahrgenommen hatte.
Nach einigen Minuten Wartezeit kam die Frau zurück und mit ihr eine weitere Verkäuferin, beide trugen Blusen, Shirts und Hosen herbei. „So. Das hier könnte ich mir gut vorstellen in Kombination.“
Die beiden Frauen richteten die Kleidung passend auf dem großen Tisch an. „Bei drei Übernachtungen braucht ihr drei verschiedene Outfits, die Jeans kann man zweimal anziehen.“
„Jeans hab ich auch noch eine mit“, sagte Bettina.
„Welche Farbe? Heller als die?“, fragte die Verkäuferin und zeigte auf die tiefdunkelblaue, die neben zwei anderen Hosen auf dem Tisch lag.
„Ja.“
„Nein, dann passt das nicht. Bitte anprobieren.“
Bettina bekam das erste Kleidungsset in die Umkleidekabine gebracht und Sam nahm in einem der Sessel Platz und zog sein Handy aus der Tasche.
„Sam, hoch mit dir, du probierst das hier an.“
Bettina war bereits in der Umkleidekabine, hörte seine Verwirrung aber trotzdem.
„Ich hab Sachen zu Hause.“
„Mein Junge, es ist der siebzigste Geburtstag deiner Eltern und ihr müsst zusammen passend gekleidet sein.“
„Ich habe nicht nur ein Hemd im Schrank.“
„Ich weiß, ich weiß. Ich hab Dir genügend verkauft. Aber trotzdem. Ab mit dir.“
Sam seufzte und Bettina hörte, wie der Vorhang der Nachbarkabine zugezogen wurde.
Die hellbeige Hose, die die Verkäuferin ihr mitgegeben hatte, passte wie angegossen und war zudem noch sehr bequem. Sie kostete allerdings das Vierfache von dem, was sie im normalen Leben bereit war, für eine Hose auszugeben. Aber heute zählte das nicht, Bettina ging einfach mal davon aus, dass Sam das zahlen würde. Das Shirt und die weiße Bluse mit ganz feinen, apricotfarbenen Streifen passten auch gut und sie traute sich aus der Kabine raus.
„Oh nein, das geht ja gar nicht“, rief die Verkäuferin und sagte etwas für Bettina Unverständliches zu ihrer Kollegin, welche sofort loseilte.
„Sieht doch gut aus“, sagte Sam, der nun in einem sehr kleinkarierten, rot-weißen Hemd aus seiner Kabine kam.
„Nein“, sagte die Verkäuferin und Bettina zog sich um.
Nach ungefähr einer halben Stunde hatte Sam ein Hemd und noch eine schwarze Jeans eingepackt bekommen und Bettina hatte ein Outfit für das Abendessen, inklusive BH und passender Unterwäsche und Socken. Dazu gab es noch ein Shirt und einen wirklich tollen Pullover, der ihr gut gefiel. Die Sachen waren zwar teuer, sahen aber nicht protzig aus.
„Probiere bitte mal das hier“, sagte die Verkäuferin und hielt Bettina einen dunkelblauen Kurzmantel hin. Sie sagte schon gar nichts mehr und probierte ihn an. „Hm“, sagten alle drei. „Nein“, entschied die Verkäuferin. Nach einigem Herumprobieren hatten sie die perfekte Jacke gefunden. Die gefiel auch Bettina extrem gut, aber der Preis ließ ihren Magen mindestens genauso grummeln wie Sam, der ihr immer wieder Mut zusprach und sichtlich angetan war von der Kleidungsauswahl der beiden Damen. „Okay, einpacken“, sagte er.
„Das war aber ein teurer Spaß“, sagte Bettina, als sie die Tüten in den Kofferraum legten.
Sam lachte. „Bitte entschuldige, wenn ich das so sage, aber gegen Abigail bist du echt günstig zu unterhalten.“ Bettina lachte mit, auch wenn sie sich immer noch unwohl fühlte.
„Und, es wird noch teurer. Weiter geht’s, du brauchst noch eine passende Tasche und Schuhe“, sagte er, schloss das Auto ab und lief los. „Na komm“, sagte er aus einigen Metern Entfernung und öffnete die Arme.
„Ach, Sam, da seid ihr ja“, sagte die vornehme Verkäuferin eines Taschengeschäftes ein paar Straßen weiter. „Linda hat schon angerufen und mir gesagt, was ihr braucht.“ Sie musterte Bettina und stellte dann fünf Handtaschen von alltagstauglicher Größe auf den Tresen des noblen Geschäftes. Eine tauschte sie noch einmal aus. „Kein Gold“, murmelte sie.
„Such dir eine aus“, sagte Sam und vergrub die Hände in seinen Jackentaschen. Bettina fand alle ganz nett, Sam merkte aber, dass ihr keine davon wirklich gefiel und sie fanden in den Regalen des Geschäftes noch eine, die gut zur neuen, dunkelblauen Jacke passte und die Bettina auch selbst ausgesucht hätte. Wahrscheinlich hätte sie sie im Normalfall aufgrund des Preises wieder zurückgestellt, aber das war jetzt irrelevant.
Danach ging es ins benachbarte Schuhgeschäft. Auch dort wurden sie bereits erwartet und Bettina bekam sechs Paar Schuhe vor sich gestellt. Auch hier war die Wahl schnell getroffen. „So, und jetzt noch eine Station.“
Bettina war gespannt, was das denn nun sein würde. Die letzte Station war ein Frisörgeschäft, dessen Inhaber Bettina und auch Sam für horrendes Geld die Haare schnitt. Bettina überlegte insgeheim, wie sie ihre Bank dazu überreden konnte, ihr Kredite für vierteljährlichen Frisörtourismus nach London zu genehmigen. George, so hieß der gute Mann, hatte es tatsächlich geschafft, Bettina zu überreden ein gutes Stück ihrer Haare zu opfern. Er hatte ihr eine Frisur verpasst, die sowohl einfach zu pflegen war, als auch noch top aussah und ihr selbst sogar ausnehmend gut gefiel. Ein Erfolg auf ganzer Linie.
Sam hatte gerade seine Kreditkarte wieder weggepackt, als sein Telefon klingelte. Sie verabschiedeten sich von George und Sam telefonierte auf der Straße eine Minute lang mit seiner Mutter. Danach sah er aus, als hätte er gerade einen 48-stündigen Drehtag hinter sich.
„Ist was passiert?“, fragte Bettina.
„Ja“, sagte er nur und lief los. Bettina holte ihn ein und lief neben ihm her. „Was denn? Etwas Schlimmes?“
„Ja“, sagte er, schaute aber nicht zu ihr und wurde auch nicht langsamer. Er fluchte vor sich hin. Sam sah Bettina an. Ihr Magen war sofort schon wieder in heller Aufregung, und das nicht nur, weil sie Sam am liebsten geküsst und umarmt hätte, um ihn irgendwie zu beruhigen. Sondern auch aus Neugierde, gemischt mit der Befürchtung, dass etwas noch Absurderes passiert sein könnte, als das, was sie schon wusste.
„Meine Mutter hat ihren Schwestern angedeutet, dass wir verlobt sind.“
„Was?“
„Ja.“
„Und jetzt?“ Bettina bemühte sich, nicht panisch zu klingen.
„Ich weiß es nicht.“
Pulsuz fraqment bitdi.