Kitabı oxu: «Schluss, sag ich!»
Waltraud Berle
»Schluss, sag ich!«
Von Menschen, die in Würde altern wollten
Saga
Ich widme dieses Buch meiner Mutter und den beiden anderen Hoheiten am runden Tisch, die Würdelosigkeit mit so viel Würde ertragen haben
When shall we three meet again? In thunder, lightning, or in rain?
When the hurlyburly’s done. When the battle’s lost and done.
Shakespeare, Macbeth
Die drei alten Hoheiten, von denen in diesem Buch die Rede sein wird, waren in Wirklichkeit keine Hexen, sondern auf ihre Art Königinnen. Um sie unvergesslich zu machen wie die Hexen Shakespeares will ich hier von ihnen erzählen. Ihnen zur Ehre erzähle ich:
Von meiner Mutter Gertrud, von ihrer Tischnachbarin Frau Schuster und jener alten Lady, die ich hier Frau Edith nenne.
Fünf Jahre am Ende ihrer Leben saßen sie in einem Altenpflegeheim am selben Tisch. Sie haben sich bestimmt bereits wiedergetroffen. Irgendwo auf einer Wolke sieben, die über uns schwebt oder uns links oder rechts umgibt. Sie sind alle im Jahr 2013 gestorben, nacheinander, ohne dass wir wissen, ob sie sich dazu verabredet hatten?
Meine Mutter starb am 30. März 2013, einem Ostersamstag. Frau Edith folgte einige Wochen später, und Frau Schuster hielt noch die Stellung bis zum Oktober 2013.
Alle haben ihren 90. Geburtstag nur knapp verpasst. »Weißt du, so lange haben die Leute früher ja gar nicht gelebt!« sagte meine Mutter oft.
Ein Sachbuch über Pflegemissstände ist mein Buch nicht. Es geht mir um Stolz und Würde. Es gibt Passagen mit sehr provokativem Charakter. Das ist Absicht.
Stuttgarter Ankünfte – Ein Prolog.
Immer der knallvolle Briefkasten. Rechnungen von Ärzten. Atemberaubend hohe Zahlen insgesamt.
Abrechnungen der privaten Krankenkasse, die meine Erstattungs-Anträge immer pingeliger prüft, so dass auch ich immer pingeliger nachrechnen muss. Ich komme aus München angereist, wo ich lebe und arbeite. Freiberuflerin: Voller Einsatz, hohes Risiko, wenig Urlaub. Seitdem meine Mutter dement ist, habe ich die Generalvollmacht für sie, »über den Tod hinaus«. Ich bin nicht nur die einzige Tochter meiner Mutter, sondern ihr einziges lebendes Kind. Also bin ich in der Pflicht.
Auf diesen Reisen der erzwungenen Fürsorge bleibt mir schon ab Ulm fast die Luft weg, wenn ich an den Stuttgarter Briefkasten denke.
Und im Heim die alte kleine Frau, manchmal total heiter, manchmal völlig verfinstert und verschlossen.
Ich weiß nie, was mich erwartet.
Aber sicher ist, es ist immer etwas Schlimmes: Entweder fehlen die Unterhosen. 30 Unterhosen gibt es. Oder es fehlen plötzlich unerklärlicherweise die Nachthemden, Stücker zehn.
Oder es riecht verpisst. Sie sei inkontinent, heißt es dann immer.
Aber später merkte ich, dass das gelogen war.
Sie stinkt, weil man ihr nicht neue, saubere Sachen anzieht.
Mein Herz, dass es nicht bricht, ist ein Wunder.
Es ist ein reiner Ekel, manchmal. Eine unglaubliche Bürde.
Und immer das Gefühl: ich bin machtlos, ich bin hilflos.
Alles zu geben, aber es ist nie genug. Sowieso bist du gegen den Tod eben machtlos und gegen das Drumherum auch.
Der Pflegeheimleiter Herr Z. schreibt mir als Antwort auf Fragen und zunehmende Beschwerden immer lange Mails. Er bemüht sich, er ist engagiert – und unehrlich. Er rechtfertigt wortreich und so, dass man die Psychotrainings, die er bereits gemacht hat, förmlich vor Augen hat, die miesen Umstände. Ich möchte am liebsten vor jedes Wort das Wort sogenannt stellen: sogenannte Pflege, sogenanntes Heim, sogenannte Leitung.
Aber es ist keineswegs so, dass diese Umstände nicht noch mieser werden könnten, wie ich merke im Laufe der Zeit.
Meine Mutter wird im Heim von Anfang an behandelt wie eine Geistesschwache mit vermindertem IQ. Dabei ist sie eine hochintelligente Frau mit Altersschwäche im Kopf. Das ist alles. Sie ist 83 zu Beginn dieser Geschichte.
Es ist so: Sie vergisst zu essen, sie vergisst zu trinken, und sie ist stur und nimmt nur Medikamente, die sie kennt und für gut befunden hat. Also die »Hämmer«, die jedoch lebensnotwendigen, die nimmt sie nicht. Deswegen wusste ich keinen anderen Weg, als sie in eine Institution zu verpflanzen, die Pflege-Heim heißt. Heim klingt immerhin nach Heimat. Pflege klingt nach Fürsorge.
Beide Assoziationen sind grottenfalsch. Es ist ein Verschiebebahnhof in Richtung Tod. Statt Fürsorge gibt es Überwachung, Kontrolle, Anweisungen. Sie ahnen, was fehlt? Es fehlt an Achtung, an Würde, an Stolz. Vor dem Hintergrund der momentanen deutschen Debatte über die Legalisierung von Sterbehilfe bringen mich meine Erlebnisse im Pflegeheim zu folgender Ansicht: Vor dem würdevollen Sterben kommt das würdevolle Leben! Wir müssen Bedingungen schaffen für ein Altwerden in Würde. Dann werden wir auch Bedingungen schaffen können für liebevolle Hilfe bei der Schmerzlinderung und eine ebenso angemessene Begleitung beim Weg in den Tod.
Den ersten Vorgeschmack vollentwickelten Pflegeheim-Übels bekamen meine Mutter und ich nach sechs Wochen im Einzelzimmer, das ganz nett aussah, aber so miserabel gebaut worden war, dass ein kleiner Erker jetzt schon, wenige Jahre nach Einweihung, vom Abfaulen bedroht schien. Dieser und einige andere Erker mussten nun renoviert werden. Meine Mutter hatte sich gerade ein klein wenig an ihre neue Behausung gewöhnt, als sie, ohne gefragt zu werden, verlegt wurde. Vorübergehend sollte sie ins benachbarte geschlossene Heim umziehen, also in die geschlossene Abteilung. Dort wohnen Leute, die nicht mehr in der Lage sind, die primitiv mit 1-2-3-4 programmierten Nummernschlösser zu öffnen. Alzheimer-Patienten, die völlig die Orientierung verloren haben und immer wegrennen wollen, hirngeschädigte Jüngere, auch Leute mit richterlicher Zwangseinweisung. Die alte Frau, meine Mutter, hatte Angst und hatte Zorn und verstand die Welt nicht mehr. Gerade eben wieder ein bisschen Vertrautheit, eben erst hatte sie angefangen gehabt, ihr Heim-Zimmer »meine neue Wohnung« zu nennen, da wollte man sie ihr schon wieder wegnehmen!
»Bloß eins nicht! Bloß nie ins Heim!« Das ist das Mantra aller alten Leute seitdem ich denken kann. Und es war einer der grauenhaften Momente gewesen, als meine Mutter nach einem Krankenhausaufenthalt mich eines Tages am Arm fasste und sagte: »Ich glaube, ich kann nicht mehr alleine leben, ich glaube, ich muss ins Heim!« Damals, sie war Anfang 80 gewesen, sprach sie aus, was ich noch nicht einmal denken wollte. Diesen absolut und vollkommen verzweifelten Kapitulations-Blick, mit dem ihre Augen mich dabei anschauten, werde ich niemals vergessen.
Meine Proteste halfen jetzt nichts. Ich wurde beschwichtigt, meine Bedenken wurden weggeredet. Es gebe einfach keinen anderen Weg. Und sie werde sich schon auch daran gewöhnen. »Sie«, meine Mutter. Es sei doch nett dort. Alles ganz modern und fortschrittlich, allen gefalle es dort. Ehrlich gesagt: ich konnte dem nichts entgegensetzen. Noch war ich zu geschockt von der Entwicklung, die das Leben meiner Mutter genommen hatte. Mein eigenes Leben befand sich in der Nachscheidungskrise, einer Phase der Neuordnung, in der ich gerne alle meine Kraft für mich gehabt hätte. Außerdem bin ich Freiberuflerin und habe kein regelmäßiges Gehalt. Ich bekomme Honorare von Klienten, die an mich glauben, wenn ich Stärke und Zuversicht ausstrahle, und damit an das Versprechen, in anderen Menschen wieder Stärke und Zuversicht wecken zu können. Ich hatte Schockstarre und keine Ahnung, was ich hätte tun können, um meine Mutter nicht den „Verrückten“ anheimzugeben.
Sie hat jahrelang, bis zu ihrem Tod, von diesen drei Wochen in der geschlossenen Abteilung gesprochen wie von einer Art Horrortrip. Ich habe nie erfahren, was genau sie dermaßen erschreckt hat, dass sie dieses blödsinnige Intermezzo, aufgedrängt von einer gutwilligen, gleichwohl überheblichen und rücksichtslosen Heimleitung, so nachhaltig in ihr löchriges Großhirn eingebrannt hat. Über Herrn Z. sagte sie: »Der? Das ist ein Schwätzer!«
Nach der Rückkehr wird sie weiterhin behandelt, als wäre sie eine Dumme mit Entwicklungsstörung. Oder ein aufmüpfiger Teenager mit weißen Haaren. Wenn sie sich wehrt und verwahrt gegen Bevormundung und andere Zumutungen, wird sie verbal gemaßregelt. Sie wird gemobbt, man redet schlecht über sie als »schwierige Person«. Eigene Art, eigener Wille ist verpönt.
Sie soll etwa Dienstagabends zu einer Veranstaltung gehen, die sich »Nachtcafé« nennt. Hört sich nach gemütlicher, heiterer Runde an, gut gemeint. Aber die Wirklichkeit ist es nicht. Von wegen »Nachtcafé«! Die alten Leute bekommen kein Sektlein, kein Schnäpslein oder ein Achtelchen Wein, nicht mal ein Bier, sondern es gibt Kräutertee. Ja, es gebe schließlich unter den Bewohnern Alkoholiker und auch Diabetiker. Und also kriegen eben alle nichts. Man plaudert auch nicht oder debattiert, man hört zu und hält die Klappe.
Dann bauen sich Altenpflegerinnen vor den Alten auf und singen ihnen etwas vor. Sie haben irgendwelche Themen zusammengetragen, irgendwelche Infos aus dem Internet heruntergeladen, Gedichte, Kleinfakten.
Nun, und weil sie im Fernsehen sehen, wie lustig TV-Shows sind, veranstalten sie jetzt selber eine. Sie strengen sich an. Das ist gut gemeint von ihnen und gleichzeitig von nicht zu überbietender Hochmütigkeit und Ignoranz. Die alten Leute hocken passiv im Kreis vor ihrem Kräutertee, klatschen brav, wie es sich gehört. Die anderen schlafen mit hängenden Köpfen. Sie sehen aus wie alte Geier, müde, ergeben. Wieder andere wie meine Mutter stehen auf und gehen. Frau Schuster winkt nur ab. Frau Edith geht gar nicht erst mit, wenn man sie fragt. Sie schaut nur leer und stellt sich dumm.
Meine Mutter gilt schnell als nicht kooperativ. Sie ist auch tatsächlich nicht besonders kooperativ, das stimmt, denn sie ist stur und stolz. Das war sie schon immer. Jetzt aber soll sie sitzen und konsumieren, was sie nicht interessiert. Wo doch jeder Entwicklungspsychologe weiß, dass es ein Zeichen des Alters ist, sich nur noch für Dinge zu interessieren, die einem wirklich etwas bedeuten. So tun als ob haben wir im Alter nicht mehr nötig.
Die morgendliche Zeitungsrunde ist so etwas, was sie ablehnt:
»Ich kann doch selber meine Zeitung lesen, was soll das?!«, erwiderte sie im ersten Jahr des Heimaufenthaltes auf meine Vorhaltungen, die aus schlechtem Gewissen geboren waren. Und aus Abneigung. Denn diese sture, stolze, unzugängliche Mutter, genau die hat mich ja mein Leben lang ziemlich genervt mit genau diesen ihren Eigenschaften.
Jetzt muss ich für ihr Recht auf Sturheit und Stolz und Unzugänglichkeit kämpfen.
Ich fühle mich wie ein Erzengel im Dienste des deutschen Grundgesetzes. Das erklärt ja gleich am Anfang die Würde des Menschen ein für allemal als unantastbar, achtens- und schützenswert. So steht es im Artikel 1 Absatz 1. In Absatz 2 bekennen wir Deutschen uns dazu, dass die Menschenrechte überall auf der Welt, also auch hier im Land, die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft sind. Ich persönlich bin seit meiner Schulzeit in den 1960er Jahren stolz auf dieses deutsche Grundgesetz. Aber ich bin kein Erzengel, sondern Coach. Außerdem bin ich geschieden und brauche meine Energie, um mein Leben neu auf die Beine zu stellen. Meine eigene Rentenerwartung beträgt mit Stand 2013 monatliche 789 Euro. Meine Mutter bekommt im Monat 1600 Euro Pension aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit als Posthauptsekretärin beim Fernmeldeamt und danach bei der Oberpostdirektion in Stuttgart. Heute würde man ihre Tätigkeit »Assistentin der Geschäftsführung« nennen.
Mein Vater war Handwerker. Erst war er zehn Jahre seines Lebens Soldat und Kriegsgefangener in Russland, nach der Spätheimkehr hat er subito begonnen zu arbeiten, und das bis zu seiner Pensionierung ohne Rast und Ruh getan, so dass er in D-Mark gerechnet ziemlich viel Rente bekommen hätte, wäre er nicht schon nach vier Jahren Ruhestand mit 67 gestorben.
Also bekommt sie eine große Witwenrente aus diesem disziplinierten Männer-Leben von etwas mehr als 1000 Euro, so dass ich für die Versorgung meiner Mutter tatsächlich 2700 Euro monatlich zur Verfügung habe. Danke, Eltern! Ihr habt für euch selber gesorgt. Danke, lieber Gott, dass die Demenz meiner Mutter mich nicht in den finanziellen Ruin stürzt!
Der Heimplatz kostet rund 2700 Euro im Monat, die Pflegeversicherung vergütet mir 1023 Euro, so dass jeden Monat ungefähr 1000 Euro übrigbleiben, ein halbes Vermögen, vergleicht man das mit den anderen Heimbewohnern. Die meisten sieht man traurig und irgendwie arm herumsitzen, so dass ich innerlich irgendwann anfange, sie alte Geier zu nennen, weil sie immer mit solch hängenden Köpfen herumhocken, dass es einem fast das Herz bricht.
Vielen von ihnen finanziert das Sozialamt den Heimaufenthalt, weswegen sich auch niemand ihrer Angehörigen traut, den Mund aufzumachen. Ich komme mir vor wie in einer Diktatur. Wollen Sie wissen, warum? Ich sag es Ihnen. Es sind Vorkommnisse wie dieses etwa:
Frau Brigitte, die ziemlich lieb, aber leider verwirrt und dusslig ist in ihrer Demenz, hat sich sehr meiner Mutter angeschlossen. Als ich sie eines Tages frage, wie es ihr gehe, weint sie zu meinem Schrecken. »Geht es Ihnen gut!!!?«, sagt man da und hofft auf ein einfaches »Ja«. Man will nicht hören, dass sie womöglich sagen, es gehe schlecht.
Aber genau das sagt sie jetzt! Frau Brigitte sagt unter Tränen, nein, es gehe ihr nicht sehr gut. Sie habe Schmerzen, »Was?«, sage ich, »wo?«. Normalerweise ist die gute, liebe, dusslige Frau Brigitte so eine Frau, die sprachlich, körpersprachlich, immer ausdrücken will, »entschuldigen Sie, dass ich da bin, hoffentlich störe ich nicht, gell, nix für ungut!«
Jetzt sagt diese friedliche Person, es gehe ihr nicht sehr gut, nein. Das ist ungewöhnlich, ich hake nach, frage nach. »Da unten«, sagt sie. Deutet vage mit der Hand wohin.
Ich, begriffsstutzig, frage nochmal. Wo?
Da unten sagt sie und wird rot, die alte Lady mit ihren 78 Jahren.
Da kapiere ich, was sie mit »da unten« meint. Ja, es tue weh, ganz schlimm, schon ganz lang. Wirklich sehr weh tue das. Ganz arg weh.
Ich maile der Tochter, es tue da unten bei ihrer armen Mutter weh. Sorry, vielleicht wisse man das ja schon. Ich wolle es nur mitteilen. Für alle Fälle.
Das könne eigentlich nicht sein, antwortet die Tochter, aber danke, sie werde sich kümmern. Fährt von außerhalb Stuttgarts in das Heim, weil die Pflegespezialisten am Telefon sagen, nö, nö, alles sei bestens! Das gebe es öfter, dass die alten Leutchen so etwas erzählten, nö, nö, alles sei ok bei der Frau Brigitte. »Ach, Sie wissen doch, so alte Leute, hahaha, die erzählen halt öfter so Sachen, das hätten wir doch Gemerkt!«
Jetzt vertraut aber die Tochter lieber mir und macht sich also auf den Weg, um selbst nachzuschauen. Verabredet sich mit ihrer Schwester, die sich ebenfalls auf den Weg macht. Und nun inspizieren sie und ihre Schwester den Genitalbereich der Mutter.
Das ist da, wo sie beide herausgekommen sind ins Leben hinein. Will man ganz genau sein, so lässt sich auch sagen: Das ist auch da, wo sie hineingekommen waren durch die lustvollen oder hormongetriebenen Aktivitäten des bereits verstorbenen Papa mit der freundlichen, nun geistig getrübten Mama. Na ja, ist doch so!
Jedenfalls ist der Bereich ein Tabu für Kinder. Im Weltbild der Frau Brigitte ist es das ohnehin. Für Töchter ist es eine Scham, die Scham der Mutter zu betrachten. Das sind Blicke, die verletzen.
Es war dort, wurde mir berichtet, schillerndes Rot, großflächig, entzündet. Kein Wunder, dass schmerzhaftes Jucken die arme Frau Brigitte plagte. Die Tochter war außer sich vor Mitleid und Kummer und Zorn, als sie mir das erzählte.
Die Intimpflege gehört zur Körperpflege. Die Körperpflege, und zwar die tägliche, gehört zur Pflegestufe 1 fundamental hinzu. Es haben also mehrere Menschen ihre Pflicht verletzt.
»Ja, aber«, hörte ich unlängst wieder wohlmeinende Mitmenschen einer Trauergesellschaft auf dem Pragfriedhof sagen, »diese armen Leute verdienen doch so wenig, man müsste sie besser bezahlen, dann wäre es besser. Da gehören einfach andere Tarifverträge her!«
Ich meine auch, dass die Pflegekräfte in Anbetracht ihrer verantwortungsvollen und anstrengenden Arbeit zu wenig verdienen. Aber ich meine auch, das ist kein Grund, Krankheiten zu übersehen oder Klagen über Schmerzen zu ignorieren. Es ist nicht alles eine Frage des Geldes. Geld ist ein Ausdruck von Wertschätzung für Leistung. Die Leistung muss stimmen, die Wertschätzung muss vorhanden sein, die Bezahlung müsste sich danach richten, ob jeweils beides stimmt und vorhanden ist. Es ist letztendlich eine Frage von Führung. Es ist also eine Frage des politischen Willens. Und den müssen wir alle entwickeln, um uns vor dem würdevollen Sterben mit würdevollem Leben zu befassen.
Stellen Sie sich nun folgende Szene vor: Eine schwitzende Frau im Pflegeweiß schaut Sie an. Gehetzt? Unwirsch? Sie haben das Gefühl, sehr zu stören mit Ihrer Frage, Ihrer Bitte. Die Frau ist dunkelhäutig, möglicherweise kommt sie aus Afrika, das wissen Sie aber nicht. Sie könnte auch woanders her stammen, jetzt engagiert als Pflegerin in Deutschland. Jedenfalls – und das wird zum Problem – spricht sie nur sehr unvollständig Deutsch. Deswegen können Sie die Frau schlecht verstehen. Die Frau schaut Sie kaum direkt an. Ihre Augen sind dunkel, und mir scheinen sie zu flackern. Ich habe keinerlei Übung im Lesen von so dunklen Augen, aus welchem Land auch immer. In meiner mitteleuropäischen Interpretation von Gebärden- und Mimik-Sprache heißt das, sie könnte ein schlechtes Gewissen haben, vielleicht auch Angst vor mir. Ich weiß aber nicht, ob das so ist. Ich weiß überhaupt gar nichts über diese Frau. Sie hat sich mir nicht vorgestellt, die Heimleitung stellt sie mir auch nicht vor, es ist, als sei sie ein namenloses Arbeitstier ohne Individualität. Ich kenne bestenfalls einen Vornamen, nicht einmal den Nachnamen. Ich weiß nicht, woher sie kommt, wie sie lebt, was sie tut in ihrem privaten Leben, ist dieser Mensch Mutter, Ehefrau, katholisch, heidnisch, moslemisch, ich weiß gar nichts. Ja, ich würde sie gerne fragen, aber dafür hat diese Frau gar keine Zeit, so gehetzt wie sie wirkt. Vielleicht ist sie auch froh, dass niemand sie anspricht. Und so sind und bleiben wir uns fremd. Nichts weiß ich von ihr und nichts weiß sie von mir. Und von meiner Mutter weiß sie auch nichts.
»Wir brauchen Mehr Pfleger in den Altenheimen!«, rufen Politiker in die Fernsehkameras hinein. Als ob das alles ein Mengenproblem sei. Es regiert Quantität, wo es um Qualität gehen müsste. Zur Qualität gehört auch die Güte der menschlichen Beziehungen, meine ich. Wer von den Politikern behauptet, wir bräuchten einfach nur »mehr« Pfleger ungeachtet ihrer Eignung und ihrer Persönlichkeit, plädiert dafür, aus Menschen Arbeitstiere zu machen, und das ist schon wieder ein Mangel an Würde.
Diese Frau also ist neben wenigen deutschstämmigen Frauen und noch weniger Männern und einigen Osteuropäerinnen zuständig für die Intimpflege Ihrer Mutter. Die Leute in Pflegeweiß wechseln sich täglich ab. Für mich ist das schon undurchschaubar, da ich im Gegensatz zu den Heimbewohnern klaren Geistes bin. Wer kommt wann und wieso ist er heute wieder nicht da, wo ich ihn doch etwas fragen wollte? Oder da ich ihr doch ein kleines Buch mitbringen wollte, oder sonst einen kleinen Dank für eine besondere Freundlichkeit?
Wer und wann und wo? Mit dem oft wechselnden Personal werden die alten Leute ebenfalls konfrontiert, die meistens nicht mehr klaren Geistes sind. Sogar vielleicht glücklicherweise, möchte man sagen, weil sich so für sie die Konturen der Unwürdigkeiten ein wenig verwischen. Andererseits ringen viele der alten Leute um Klarheit in ihrer geistigen Verwirrung und wären froh über Kontinuität, die Vertrauen erzeugen und Sicherheit schaffen würde. Aber nein, geht nicht, der Plan sieht das nicht vor.
Niemand stellt sich vor. Niemand macht sich bekannt. Keine umständlichen vertrauensbildenden Maßnahmen, keine Zeit für sowas. So: Eines Tages steht wieder irgendeine neue Person vor Ihnen, ja, stellen Sie sich das bildhaft vor, und will Ihnen den Hintern abwischen und den Penis waschen. Toll, oder? Die hat keine Zeit, Ihnen in die Augen zu schauen. Die dirigiert Sie zur Dusche, zieht Sie aus, seift Ihnen den Hintern ein, wenn gründlich auch zwischen den Backen, greift Ihnen an die Scham, an den Busen. Geschäftsmäßig, routiniert.
So schaut’s aus. Wenn Sie sich wehren würden, hieße es, Sie seien renitent, nicht kooperativ, widersetzlich. Und Sie blieben dann halt dreckig. Sie kämen dann nie wieder, gar nicht mehr, in den Genuss warmen Wassers, das über Ihre Haut rinnt, die sowieso sonst niemand mehr berührt, obwohl das doch so wunderwunderschön ist, eine Berührung auf der Haut zu erleben. Wissen Sie noch? Aber »zack-zack, keine Zeit«. Langsamkeit. Hautberührung. Geborgenheit. Keine Zeit dafür im sogenannten Pflegeheim. Jaja, höre ich schon sagen, zu viel Nähe sei ungut in diesem Beruf. Zu viel Wärme, zu enge Beziehungen, alles ungut. Zu belastend. Warum, wieso, für wen? Und wie wäre es mit Verständnis? Mit Empathie und Einfühlungsvermögen?
Ich hörte von einem alten Herrn jenseits der 80 und an Alzheimer erkrankt. Der schubste in ähnlicher Situation eine Pflegekraft einfach von sich weg. Er war zu seinen guten Zeiten Jäger gewesen und immer noch ein großer Mann mit kräftigen Muskeln. Wenn der schubste, schubste es richtig. Der wollte sich nicht irgendwohin langen lassen von irgendwelchen Fremden. Man überwies ihn in die Psychiatrie, wo er fixiert wurde, damit er sich nicht etwa selber verletze. Als er wieder herauskam nach energischer Intervention der Angehörigen, war er verwirrter als zuvor. Er warf aber gleichwohl jene anhängliche Heim-Mit-Insassin, die sich immer zu ihm ins Bett legen wollte, aus seinem Bett, so dass man ihn wieder in die Psychiatrie einwies. Und nach der abermals energischen Intervention der Angehörigen kam er von dort verwirrter als je ins sogenannte Pflegeheim zurück. Die furchtbare Kette endete erst beim Wechsel in ein anderes Pflegeheim, wo man sich bemühte, die Aktionen des Mannes in den Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu verstehen, wie das im allgemeinen unter Menschen üblich ist. Weil es schon der Anstand gebietet, Interesse aufzubringen, anstatt das hilflosere Gegenüber erst einmal umstandslos ins Unrecht zu setzen.
Die Tochter von Frau Brigitte ist am Telefon vollkommen aufgelöst, sie ist entsetzt, vom Grauen gepackt, vibrierend von schlechtem Gewissen, vollkommen ratlos, fühlt sich machtlos, sie sieht keinen Ausweg aus der bedrückenden Situation. Ich rate ihr zur Beschwerde. Sie sagt, nein, so viel Mut wie ich habe sie nicht. Außerdem habe sie Angst, dass es ihrer Mutter nach ihrer Kritik noch schlechter gehe. Ich frage, ob die Sozialhilfe den Heimaufenthalt von Frau Brigitte bezahle. Sie sagt, nein, das zahle die Familie. Und trotzdem hat sie solche Angst.
Eine andere Tochter sagt mir, sie wisse einfach nicht, was zu tun sei. Sie befürchte außerdem, dass die anderen Heime keine Alternative darstellten. Die Mutter dieser Tochter sitzt den ganzen Tag mit hängendem Kopf herum. Niemand spricht sie an, niemand belebt sie. Ich hielt sie anfangs für komplett debil. In Wirklichkeit ist sie nur leicht dement, ihr Geist ist altersmüde, aber sie ist jederzeit ansprechbar. Wenn man sie nicht langweilt, ist sie enorm witzig und schlagfertig, sehr klug, sehr intelligent.
Aber sie langweilt sich buchstäblich zu Tode.
Fast keine der Pflegeweiß-Personen ist ihr intellektuell gewachsen. Meiner Mutter übrigens auch nicht. Dement werden Menschen auf unterschiedlich hohem Intelligenzniveau. Alt auch. Das berücksichtigen die Gleichheitsdiktatoren nicht, die meinen, Frühstück, Mittagessen und irgendein Wurstbrot mit Tomatenscheibe am Abend reichten aus als Zeichen guter Rundum-Versorgung.
Für die Gehirne gibt es im Heim das gemeinsame Zeitungslesen. Bis ungefähr drei Jahre vor ihrem Tod interessierte sich meine Mutter für die Zeitung noch. Sie meinte aber, sie könne schließlich selbst das lesen, was sie interessiere. Und die Kommentare der anderen dazu interessierten sie nicht.
Maltherapie auch nicht. Die wurde geleitet von einer lebhaften, schönen Frau, sodass ich dachte, wenigstens ein bisschen geistiger Kontakt könne da entstehen. Allerdings hat meine Mutter niemals im Leben gemalt. Fragt sich, wieso irgendjemand einschließlich mir selbst auf die alberne Idee kommen konnte, nur weil sie fast neunzig war, solle sie nun anfangen zu malen. Sie malte nicht, sondern sie weigerte sich. Die Bewegungstherapie-Stuhlrunden fand meine Mutter ebenfalls albern. Deswegen ging sie nicht hin. Im Jargon der Pflegeweiß-Leute heißt das: Sie verweigert Anregungen! Sie ist nicht kooperativ.
Im Knast gibt es wenigstens Psychologen und festangestellte Seelsorger. Ich habe für meine Mutter in den letzten Monaten ihres Lebens auf eigene Kosten einen jungen Coach-Kollegen engagiert, der sie, wenn ich nicht in Stuttgart sein konnte, einmal die Woche für eine Stunde besuchte. Ich habe die Belebung ihres Geistes durch die Gespräche mit ihm sehr deutlich merken können. »Wer ist das eigentlich?«, fragte sie mich nach den ersten Besuchen. »Ist das ein Bekannter von dir?« Ich sagte, das sei ein Bekannter, ein Kollege, den ich bei Fortbildungen als sehr sympathisch kennengelernt hätte. Ich hätte ihn engagiert, damit ihr nicht die Decke auf den Kopf falle. Etwas später sagte sie: »Bezahlst du den Timo eigentlich dafür, dass er kommt? Und was kostet das?« Ich sagte die Wahrheit und war erschüttert über ihre Antwort. Sie sagte nämlich: »Was, so viel bin ich dir wert?«
So viel zur angeblichen Dussligkeit der Dementen. Demente sind gar nicht komplett verblödet, wie die Reaktionen meiner Mutter zeigen. Und wie immer im Leben: Es hängt alles vom individuellen Einzelfall ab, dessen Betrachtung das momentan herrschende Denkund Pflegesystem verhindert.
Ich finde, bei annähernd 3000 Euro im Monat für Kost und Logis ist man nicht Knast-Insasse, sondern Kunde. Modernes Dienstleistungs- und Service-Denken mit dem Zentralsatz »Wer zahlt, sagt an«, ist den Pflegeverwaltern fremd, die von überkommenen Konzepten altruistischer Sozialarbeit beseelt scheinen. Von 2700 Euro monatlicher Heimkosten steuerte meine Mutter jeden Monat 1677 Euro aus eigener Tasche bei. Und warum konnte sie das? Weil sie ein langes Leben hindurch gut gewirtschaftet hatte. Weil sie in Treue an ihrem Eheversprechen festhielt, wie auch mein Vater an seinem, so dass sie, weil dieser Staat früher bestrebt war, enorm fürsorglich zu sein zu seinen Mitgliedern, aus dem Arbeitsleben meines früher verstorbenen Vaters die Witwenrente zur eigenen Pension hinzubekam und monatlich fast 3000 Euro zur Verfügung hatte. Ich habe das Geld nur für sie verwaltet. Die Demenz-Erkrankung meiner Mutter hat mich gezwungen, das sehr schlecht zu tun und das ganze, viele Geld überwiegend für ziemlich miserable Leistung auszugeben. Der Grund ist das Prinzip Alternativlosigkeit, das notorisch in unbewiesene Behauptungen mündet, es gebe jeweils nur eine einzige und keine irgendwie abweichende alternative Lösung. Dieses Prinzip hat sich wie ein grauer Schleier ausgebreitet und erstickt die allen Menschen angeborene Lust am innovativen Spiel mit neuen, eventuell besseren Lösungen. Wenn kein Spielraum mehr besteht für individuelle Gestaltung, bleibt auch die Menschlichkeit auf der Strecke, die in uns allen wohnt, ob wir jetzt schwarze oder hellere Gesichter haben, und die sich individuell ausdrücken will in Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Menschlichkeit fragt: »Was kann ich tun, damit es dir und mir gut geht, damit wir uns wohlfühlen und zusammen lachen dürfen?« Und würde fragen: Wie setze ich mein Geld-Budget ein, damit das gelingt, sodass der eine würdevoll leben und der andere würdevoll arbeiten kann.
Die Heime bekommen mehr als 30 000 Euro im Jahr für einen einzigen Insassen der Pflegestufe 1 – das ist, finde ich, eine Menge Geld, mit dem man Phantasie spielen lassen könnte für alternative Möglichkeiten einer Menschlichkeits-Lösung. Dieses Prinzip ist bekannt unter dem Begriff »Win-Win«. In der Pflege-Maschine ist es nicht angekommen.
Erst gestern erzählte mir eine Bekannte, ihre demente Mutter sage immer zu ihr, »Du Liebe, es tut mir so sehr leid, dass ich dir so sehr zur Last falle!«, und es breche ihr fast das Herz dabei, diesen Satz immer wieder anhören zu müssen, als sei die Last der Verantwortung nicht schon genug. Ich musste weinen, als ich das hörte. Denn diesen Satz sagte meine Mutter all die Jahre hindurch immer wieder auch zu mir. Und manches Mal hatte sie Tränen in den Augen dabei. Und ich finde, es darf einfach überhaupt nicht sein, dass Menschen in einer Gesellschaft wie der unsrigen, die sich viel auf ihre Kultur und Zivilisation zugute halten kann, das Gefühl haben, eine Last zu sein. Das ist unanständig und würdelos. Und deshalb will ich Ihnen von den drei Hoheiten am runden Tisch erzählen, die jetzt in albernen Windelpaketen am Popo eine bemitleidenswerte Figur abgeben, die aber mal Sex hatten und Pläne im Kopf, die lachten und hochmütig und stolz waren – genau wie wir heute.
Hallo! Die haben uns geboren! Denen verdanken wir unsere Leben!