Kitabı oxu: «Alte Bräuche neu erleben»
Waltraud Ferrari
Alte Bräuche neu erleben
Fest- und Alltag im Rhythmus der Jahreszeiten


Lektorat: Christine Wiesenhofer, Graz
Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Andrea Malek, malanda-Buchdesign, Graz
Repro: Digitalstudio Rypka, Dobl bei Graz
Der Inhalt dieses Buches wurde von den Autoren und dem Verlag nach bestem Gewissen geprüft, eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Die juristische Haftung ist ausgeschlossen.
Bibliografische Informationen
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ISBN 978-3-7020-1443-8
eISBN 978-3-7020-1898-6
© Copyright: Leopold Stocker Verlag, Graz 2014
Printed in Austria
Druck und Bindung: Druckerei Theiss GmbH, 9431 St. Stefan im Lavanttal
Inhalt
Danksagung
Einleitung
Teil I
Was ist Brauchtum eigentlich?
Welchen Sinn kann Brauchtum heute erfüllen?
Der Kalender
Brauchtum und Landschaft
Die Gliederung des Jahres
Elemente des Brauchtums
Die Weitergabe des Wissens
Vom Wünschen, Bitten und Heischen
Wichtige Daten und Tage
Feste und ihre Bedeutungsebenen
Besondere Zahlen – drei, sieben, neun
Drei
Sieben
Neun
Die Verwendung von Pflanzen
Tiere
Speisen
Wie die Brezel entstanden ist
Verkleidung und Maske
Lieder und Tänze
Sagenhafte Gestalten
Die Sage von den drei heiligen Jungfrauen zu Meransen
Brauchtum und Spiritualität
Teil II
Bräuche und Feste im Jahreslauf
November – Ende und Anfang
Allerheiligen/Allerseelen – 1. November, 2. November
Die Speise der armen Seelen
Martini – 11. November
Andreasnacht – 30. November
Wie ein junger Bursche seine zukünftige Braut sah
WINTER
Dezember
Adventkranz
Barbara – 4. Dezember
Nikolaus – 6. Dezember
Luzia – 13. Dezember
Wintersonnendwende/Thomasnacht – 21. Dezember
Krippe und Christbaum
Weihnacht – 24. Dezember
Die Weissagung der Ochsen
Perchten
Der neugierige Knecht wird von der Perchtl bestraft
Die Wilde Jagd
Perchtenläufe
Tag der unschuldigen Kinder – 28. Dezember
Silvester/Neujahrsnacht – 31. Dezember
Jänner
Glöckeln und Glöckleräufe
Die Heiligen Drei Könige – 6. Jänner
Sebastian – 20. Jänner
Februar
Mariä Lichtmess – 2. Februar
Text eines Liedes der Lichtmesssänger
Blasius – 3. Februar
Fasching
Faschingsbräuche
Blochziehen
Der Zug des Kurent
Faschingrennen
Die Matschgerer
FRÜHLING
März
Vierzig Märtyrer – 10. März
Benedikt/Frühlingsbeginn – 21. März
Funkensonntag
April
Aprilnarr – 1. April
Osterfestkreis
Palmsonntag
Wie man das Vieh schützt
Gründonnerstag
Karfreitag/Karsamstag
Passionsspiele
Osterspeisen
Osterfeuer
Walpurgisnacht – 30. April
Mai
Der Maibaum
Viehaustrieb – 1. Mai
Pankratius, Bonifatius, Servatius und kalte Sophie – 12. bis 15. Mai
Pfingsten – 50 Tage nach Ostern
Der Pfingstkönig
Kufenstechen
SOMMER
Juni
Fronleichnam
Sommersonnenwende – 21. Juni
Sonnwendfeuer/Sunnwendrachen
Scheibenschlagen
Sonnwendbuschen
Siebenschläfertag – 27. Juni
Juli
Rund um das Wetter
Der Pfarrer von Osterwitz als Wetterzauberer
Wallfahrten
Heiliger Ulrich – 4. Juli
Hundstage – 23. Juli bis 23. August
Heiliger Jakob – 25. Juli
Ranggeln
August
Heiliger Oswald – 5. August
Der Samsonumzug
Über die Wilden auf dem Làtemar
Mariä Himmelfahrt – 15. August
Der Frauenbuschen
HERBST
September
Almabtrieb
Michael – 29. September
Erntedank
Oktober
Hiataeinzug
Saltner
Teil III
Die Brücke ins Jetzt – überliefertes Wissen als Antwort auf heutige Fragestellungen
Neue Bräuche
Gesellschaftliche Entwicklung in der Großstadt
Gemeinsam Gärtnern
Transition Towns
Ein neues Wir-Gefühl
Stadtviertel als Dorf
Auf dem Land
Brauchtum als Übermittler von Wissen und Fertigkeiten
Der Mut zum Mysterium
Eine Handvoll Rezepte
Allerheiligenstriezel
Brotsuppe
Ganslsuppe
Gefüllte Gans
Neujahrsbrezeln
Funkaküchle
Gründonnerstagssuppe
Osterpinze
Gekochtes Brot
Braunnudeln (Almraunkerln, Schnuraus)
Rahmkoch
Südtiroler Speckknödel
Anhang
Interessante Links rund um das Thema
Bibliografie
Bildnachweis



Beim Samsonumzug in Krakaudorf
Danksagung
Eine ganze Reihe von Menschen hat mich bei der Entstehung dieses Buches tatkräftig unterstützt. Ihnen allen möchte ich hiermit danken.
So bedanke ich mich von ganzem Herzen bei den Fotografen, Brauchtumspflegern und begeisterten Privatpersonen, die mir großzügig Bildrechte gewährt haben und mir wertvolle Informationen zum jeweiligen Brauchtum zukommen ließen:
Felix Abuja, Burschenschaft Feistritz/Gail
Alfred Baltzer, Stadtgemeinde Murau
Markus Bernsteiner, Funkenzunft Schwefel Hohenems
Markus Böck, Patzmannsdorf
Robert Cescutti, Ligist
Hannes Danzl, Schwaz
Peter Gamper, Absam
Gregor Gatscher-Riedl, Perchtoldsdorf
Werner Gradnig, Rangersdorf
Alois und Regina Guggi, Graden bei Köflach
Bibiana Heigl, Tourismusverband Wildalpen
Agathon Koren, Köflach
Christian Kofler, Verein Fisser Blochziehen
Roswitha Kuchar, Kalsdorf
Thomas Lämmerhofer, Tourismusbüro Gmunden
Karl Mayer, Kainach b. Voitsberg
Valentin Perchinig, Burschenschaft Feistritz/Gail
Robert Pauritsch, Graz
Karl Pürer, Murau
Hermann Schmiderer, Zell am See
Josef Schweiger, Krakaudorf
Brigitte Strauß, Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde
Katrin Valenko, Tourist Information Center Ptuj/Pettau
Albert Winsauer, Funkenzunft Schwefel Hohenems
Günter Jontes und Ernst Lasnik sind mir auf dem Gebiet der Volkskunde mit ihrem großen Fachwissen beratend und ermutigend zur Seite gestanden.
Andreas Bernhard und Anton Steffan teilten ihr umfassendes Wissen auf dem Gebiet von Geschichte und Archäologie mit mir.
Und ein herzliches Danke an meine Lektorin Christine Wiesenhofer, die sich intensiv für dieses Projekt eingesetzt hat, sowie an die Grafikerin Andrea Malik, welche für die ansprechende Gestaltung des Buches zeichnet.

Sunnwendrachen in Graden
Einleitung
Der alte Laudonbauer steht oben auf der Anhöhe, wo alljährlich das Sunnwendrachen stattfindet. Schon Stunden zuvor hat er mit seinen Vorbereitungen begonnen, hat das Feuer entzündet und sorgfältig betreut, bis sich ein kräftiges Glutbett gebildet hat. Gekonnt legt er Holz und danach frisches, grünes Fichtenreisig auf. Dichter Rauch steigt empor und zieht langsam über die umliegenden Wiesen und Felder, um Ungeziefer zu vertreiben und Unheil abzuwehren. Gegen Abend findet sich die dörfliche Gemeinschaft ein. Sänger und Weisenbläser begleiten die Kräuterweiber, die ihre Sonnwendbuschen verteilen. Zuletzt springen alle über das Feuer, damit durch seine reinigende Kraft Übel und Krankheiten abgestreift werden. Wünscht man sich eine Braut oder einen Bräutigam, gibt man diesen Wunsch dem Feuer mit und bis zur nächsten Sonnenwende soll er sich erfüllen …
Wer sich für eine Landschaft interessiert, wer den dort ansässigen Menschen wahrhaft begegnen möchte, und wer es wagt, manchmal abseits ausgetretener Pfade unterwegs zu sein, wird unweigerlich auf altes Brauchtum in seinen verschiedensten Erscheinungsformen treffen. Vieles ist schon in Vergessenheit geraten, manches ist zum Touristenevent geworden, aber auch Authentisches ist noch erhalten und wird heute neu belebt.
Dieses Buch soll nicht nur Hintergründe und Funktion überlieferter Bräuche beleuchten, sondern auch dazu anregen, das darin vorhandene Wissen wiederzuentdecken und, je nach Wunsch, im eigenen Leben anzuwenden. Dabei erwartet Sie keineswegs nur ein Blick in frühere Zeiten, sondern eine reiche, bunte Erfahrungswelt, die dem Leben auf besondere Weise Kraft und Zauber zu verleihen vermag.

Palmbuschentragen
Was ist Brauchtum eigentlich?
Echtes Brauchtum war stets Ausdruck einer ganzheitlichen Lebensform mit entsprechender Lebensphilosophie, die ursprünglich alle Daseinsbereiche betraf. Dabei verstand sich der Mensch als selbstverständlichen Teil einer Gesamtheit, bestehend aus unzähligen Kräften und Kreaturen. Der unmittelbare Bezug zu jahreszeitlichen Rhythmen, also ein bäuerlich geprägter Kalender, spielte dabei eine vorrangige Rolle. Er bildete kosmische Geschehen, die Bewegung von Sonne und Mond, den Lauf der Gestirne, also das, was für die Vorgänge von der Aussaat bis zur Ernte zu beachten war, in menschlichen Dimensionen ab und erinnerte an die großen Zusammenhänge alles Lebendigen. Man wusste, was lebens- und überlebensnotwendig und somit auch bestimmend für die Gemeinschaft war. So wurden wichtige Zeitpunkte und Feste innerhalb des Jahres markiert und durch das jeweilige Brauchtum entsprechend gewürdigt. Daraus ergab sich eine Struktur, die – beinahe unverändert – bis in die Gegenwart reicht.
Von einem bestimmten Blickwinkel aus lässt sich Brauchtum auch als eine Art Erzählform ansehen, die jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealtes Wissen bewahrt. Dieses wird durch Reime und Merksprüche, Geschichten, Lieder und Tänze, Sagen und mythologische Überlieferungen, maskentragende Gestalten sowie eine Vielzahl ritualisierter Handlungen mitgeteilt.
Darüber hinaus beziehen sich viele Bräuche auf bedeutende Ereignisse im Leben wie Geburt, die Aufnahme in die Welt der Erwachsenen, Heirat oder Tod, die von besonderen Ritualen begleitet werden. So ist Brauchtum unter anderem Ausdruck der Achtung vor der Natur und dem Leben selbst und spiegelt zugleich die Würde derer wider, die diesem Lebendigen mit Ehrfurcht gegenübertreten. Es entspringt einer Zeit, in der ursprüngliche Lebensweise mit genauer Naturbeobachtung einherging, wobei man alles als beseelt betrachtete, also mit einer Intelligenz versehen, mit der man auch kommunizieren konnte. Nicht unbedingt in Worten, sondern in Form bestimmter Handlungen, die man im Brauch immer noch sieht.
Absamer Matschgerer, alte Zottlermaske
Im Brauchtum begegnet man kraftvollen, archaischen Bildern, die sich auf einer heute oft vernachlässigten Ebene mitteilen. Diese Mitteilungen sprechen den Menschen in seiner Ganzheit an und wenden sich nicht vordergründig an den Verstand, sondern an das tiefe Empfinden der Seele, eine Art bildhaft „vergötterndes“ Denken, das in früheren Epochen noch als selbstverständlich galt. Wo man heute nur einen Getreideacker sieht, erkannte das archaische Denken der Seele eine Wesenheit oder Gottheit, die ihn belebte. So wohnte im Acker der Korngeist, in den Herbststürmen fegte die Wilde Jagd über die Felder, und in den Raunächten traf man auf die Perchten, lichte wie dunklen Gestalten, die Segen bringen, Unheil abwehren und aufbrechendes Leben nach der Winterruhe hervorwirken sollten.
Das Brauchtum erzählt in seiner bildhaften Sprache von Abläufen, die in der Natur tatsächlich stattfinden. Zugleich weist es ganz selbstverständlich auf Metaphysisches hin, nämlich auf jene unsichtbar-geistigen Bereiche, in denen man den Ursprung allen Seins vermutete. Auf diese Weise wird an den Zusammenhang alles Lebendigen erinnert und damit wieder ein heiles und heilsames organisches Schöpfungsbild vermittelt. Im Idealfall geht dies mit der Empfindung für ein natürliches, gemeinsames Wachstum einher, das in einem Tempo erfolgt, welches dem Leben zuträglich ist.
Das hier zusammengefasste Wissen wurde auf zahlreichen Reisen und wochenlangen Wanderungen gesammelt, die ich in über dreißig Jahren vorwiegend im Alpenraum, aber auch in anderen Landstrichen Europas unternommen habe. Dabei begegneten mir immer wieder Menschen, die noch alte, ausschließlich mündliche Überlieferung kannten. Viele Male durfte ich miterleben, wie sich der Mensch durch das Handeln im Brauch aus dem Alltag löst, sich selbst auf neue Weise erfährt und aus diesen Momenten eine Kraft schöpft, die ihn seelisch nährt.
Als Ergänzung zu diesen persönlichen Erfahrungen wurden Fachliteratur, aber auch Sagen, Mythen und Märchen herangezogen. Begegnungen mit Volkskundlern sowie Historikern und Archäologen lieferten überdies wertvolle Hinweise. So gelang es mir, in die Welt des Brauchtums einzutauchen und mir seine Sprache Schritt für Schritt zu erschließen. Bei meinen Reisen lebte ich mit Rucksack, Zelt und Schlafsack ausgerüstet oft tage- oder wochenlang unter freiem Himmel, Sommer wie Winter. Auf diese Weise konnte ich der Denk- und Empfindungswelt früherer Generationen nachspüren. Dabei wurden mir allmählich auch jene Kräfte vertraut, die hinter den verschiedenen Formen des Brauchtums am Wirken sind. Sie haben nichts von ihrer Macht oder Gültigkeit verloren, allerdings hat der moderne Mensch sie beinahe vergessen.
Dieses Buch stellt den Versuch einer großen Zusammenschau dar und soll dazu einladen, sich einer Geisteswelt zuzuwenden, deren Ursprünge zwar weit in der Zeit zurückreichen, die aber noch immer wertvolle Botschaften für uns bereithält und heute wieder an Aktualität gewinnt.
Welchen Sinn kann Brauchtum heute erfüllen?
Derzeit leben wir in einer Gesellschaft, die weitgehend vom synthetischen Weltbild des urbanen Menschen bestimmt wird, das sich im Rahmen einer global vernetzten Welt überall verbreitet. So soll alles jederzeit und überall verfügbar sein, unabhängig von Entfernung oder Jahreszeit. Man fährt im Winter in die Südsee, um dann im Frühling zum Gletscherskifahren zu gehen. Auch wenn die Flucht vor winterlicher Kälte verständlich ist, geht möglicherweise die Empfindung für die Abläufe von Werden und Vergehen verloren, und damit einhergehend das Gefühl für die Jahreszeiten mit ihrem eigenen Licht und der für sie typischen Qualität. Die Natur dient vielen nur noch als eine Art Erlebnispark, in welchem man sich den gewünschten Kick holt, ohne die Umgebung wirklich wahrzunehmen.
Betritt man an einem beliebigen Ort auf der Welt ein Einkaufszentrum, trifft man überall auf die gleichen Läden und Marken, auf die gleichen Ideen und Idealvorstellungen, auf eine Art globale Gleichschaltung, vor deren Hintergrund Individualität und kulturelle Identität verloren zu gehen drohen. Andererseits erkennen immer mehr Menschen, welche Auswirkungen ein solcher Lebensstil auf unser gesamtes Ökosystem hat. Darüber hinaus zeigt sich verstärkt der Wunsch nach Entschleunigung und menschlichem Zusammenhalt. Durch die modernen Social Media entstehen zwar oft rasch neue Gemeinschaften, der Kontakt bleibt jedoch an der Oberfläche, und vieles löst sich ebenso schnell wieder auf, wie es entstanden ist.
Brauchtum, das sich naturgemäß hauptsächlich auf dem Land finden lässt, wirkt schon aufgrund der dortigen Lebensumstände gemeinschaftsstiftend, und zwar im doppelten Sinne. Einerseits spiegelt es die (Schicksals)Gemeinschaft wider, die zwischen dem Menschen, der ihn umgebenden Landschaft sowie den heimischen Pflanzen und Tieren gegeben ist. Andererseits zeigt es die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen untereinander, denn im bäuerlichen Leben sind die Sorgen und Aufgaben seit Jahrtausenden dieselben geblieben: Witterung, Aussaat, Ernte, Hilfe bei größeren Arbeiten oder Naturkatastrophen und Ähnliches mehr.
Die Befassung mit dem überlieferten Wissen des Brauchtums muss keineswegs einen Rückschritt bedeuten, denn nicht alles Althergebrachte ist zwangsläufig überholt. Besinnt man sich auf die eigene kulturelle Identität, kann ein anderes Bewusstsein in Bezug auf das Land beziehungsweise die Landschaft, in der man lebt, entstehen. Eine Erinnerung daran, dass das Leben tatsächlich von all dem abhängt, von dem man umgeben ist. So kommt auch der Begriff Heimat ins Spiel, ein Wort, das heute als unmodern gilt oder aufgrund leidvoller Erfahrungen in der Geschichte gerne gemieden wird. Gerade deshalb möchte ich diesen Begriff entstauben und enttabuisieren.
Fest beim Sunnwendrachen, Graden in der Weststeiermark
Die früher im Schulunterricht übliche Heimatkunde befasste sich mit allen physischen und metaphysischen Aspekten eines Umfeldes, in das ein Mensch geboren wird: einerseits mit Geografie und Geschichte des entsprechenden Landstrichs sowie der wirtschaftlichen Lebensgrundlage, andererseits mit der vorherrschenden Kultur, also mit Kunst und Handwerk, der heimischen Musik und Literatur sowie den Erzählformen in Sagen, Mythen und Märchen, die nicht zuletzt religiös-spirituelle Inhalte schildern. Dieser intime Bezug zur eigenen Umgebung fehlt heute weitgehend. Eine Symbiose zwischen Mensch und regionaler Landschaft wird erst in jüngster Zeit wieder als wertvoll erkannt, zum Beispiel um Arbeitsplätze vor Ort zu sichern oder aus ökologischen Gründen, um überlange Transportwege für Nahrungsmittel zu vermeiden.
Tanz beim Feistritzer Kufenstechen
Natürlich ist „Heimat“ für jeden Menschen individuell definiert und die in der Folge angeführten Betrachtungen sollen dazu anregen, sich vielleicht selbst mit diesem Begriff auseinanderzusetzen.
Heimat kann eine Landschaft sein, mit dem für sie typischen Licht, dem Sonnenuntergang, wie es ihn sonst nirgendwo gibt, der jeweiligen Pflanzen- und Tierwelt, den Speisen, die der Boden hervorbringt, dem speziellen Dialekt – also dem sprachlichen Klangbild, das nur in dieser Gegend so entsteht.
Heimat kann eine Stadt sein, mit der für sie einzigartigen Atmosphäre, den Begabungen und Tätigkeiten, die sie speziell fördert, mit der Alchemie verschiedenster Menschen.
Nicht zuletzt kann Heimat eine Gemeinschaft von Menschen sein, die nach demselben Kalender leben, die gleichen Bräuche pflegen und dadurch ein gemeinsames Weltbild teilen. Die meisten von uns folgen ganz selbstverständlich einem solchen Kalender, in dem Feste wie Weihnachten, Neujahr oder Ostern fixe Bestandteile sind.
Bewusst gefeierte Feste, bewusst begangene Bräuche im Jahreslauf bieten eine Möglichkeit, sich wieder den Rhythmen der Natur anzunähern und mehr Ruhe zu finden in einer Welt, deren überschnelle Abläufe nicht mehr lebensfreundlich sind. Vielleicht überprüft man dadurch einmal die eigenen Ansprüche und entdeckt sogar eine entspannte neue Bescheidenheit, da man zum Wesentlichen zurückfindet, sich vom Haben löst und sich leichter an das Sein erinnert. Auf diesem Weg könnten sich sogar Antworten auf einige Fragen finden, die sich bei der Bewältigung des Alltags immer wieder stellen.
Der Kalender
Das Wort Kalender leitet sich vom lateinischen calendarium ab und bedeutet so viel wie „Zeitweiser durch das Jahr“.
Die Einflüsse unterschiedlichster Völker und Kulturen bilden sich bis heute im Brauchtum und dem damit zusammenhängenden Kalender ab. Die Wurzeln einiger Bräuche sind manchmal in einer bestimmten Epoche erkennbar, aber häufig kann die Urheberschaft nicht punktgenau zugeordnet werden. Viele mythische Figuren (zum Beispiel Gottheiten, die später zu Heiligengestalten wurden) lassen sich weit zurückverfolgen und haben durch die Jahrtausende hindurch einen Grundcharakter bewahrt, der durch die jeweilige kulturelle, politische oder religiöse Entwicklung eingefärbt oder überlagert wurde. Der Kalender, auf den ich mich in diesem Buch beziehe, ist den meisten durch christliche Feste vertraut, geht aber in seiner Grundstruktur in vielen Bereichen auf vorchristliche, oft keltische oder kelto-germanische Überlieferungen zurück. Zahlreiche Bräuche lassen sich erst vor diesem Hintergrund deuten. Im Lauf der Zeit sind immer wieder neue Elemente hinzugefügt worden, etwa durch römischen Einfluss, am bedeutendsten war zuletzt die Christianisierung. Der Einfachheit halber wird für die vorchristlichen Elemente im folgenden Text die umfassende Bezeichnung alteuropäische Überlieferung verwendet.
In diesem Zusammenhang eine kurze Erläuterung zu Kelten und Germanen: Sowohl der Begriff Kelten als auch Germanen wird heute manchmal noch fälschlicherweise als Bezeichnung für jeweils „ein“ Volk verwendet, das es aber als einheitliches Volk so nie gegeben hat. In beiden Fällen handelte es sich um ein buntes Gemisch verschiedenster Stämme, deren Herkunft in einem bestimmten geografischen Raum lag, die sprachliche Gemeinsamkeiten aufwiesen sowie Gemeinsamkeiten in handwerklichen Techniken und in ihrer Siedlungs- und Bestattungsart und nicht zuletzt Gemeinsamkeiten in ihren Weltvorstellungen und religiösen Ideen hatten.
Weite Teile des Alpenraums bildeten über lange Zeit das Siedlungsgebiet keltischer Stämme. So gehörte ein Teil des südlichen Österreichs dem keltischen Königreich Noricum an. Neueste Theorien besagen, dass eines der Ursprungsgebiete der Kelten in einer Region nördlich von Etrurien in Oberitalien liegt. Von dort erfolgte die Ausbreitung über den Alpenraum bis nach Irland und Großbritannien, wo die indigene Bevölkerung die Kultur der Kelten übernahm. Die Christianisierung Europas erfolgte später zu einem Gutteil von Norden her durch Wandermönche der iro-schottischen Kirche, die auch als keltische Kirche bezeichnet wurde und viele Elemente der alten Kultur in sich trug. Im Jahr 664 fand in Whitby (im Nordosten Englands) eine Synode statt, auf der die römische Kirche ihre Dominanz bezüglich Inhalten und Riten durchsetzte.
Aus den genannten Gründen findet man über viele Regionen Europas verstreut Bräuche und Brauchtumsgestalten, die sich in vielem erstaunlich ähneln.
Brauchtum hängt naturgemäß auch immer mit dem Weltbild der jeweiligen Kultur zusammen, den Jenseitsvorstellungen und religiösen Ideen. Das religiöse Bestreben des Menschen ist wohl älter als jede uns derzeit bekannte Religion. Bei den folgenden Betrachtungen geht es nicht um eine Wertung der jeweiligen Ideen, sondern um ein Aufspüren der zugrunde liegenden Kräfte, die sich bis heute auf vielfältige Weise mitteilen können. Es scheint, dass Brauchtum quer durch die Jahrtausende im bildhaft-mythologischen Bewusstsein ein Wissen bewahrt hat: in Form von bunten, lebendigen Gestalten und den damit verbundenen rituellen Handlungen, die letztlich überdauert haben. Dies könnte bedeuten, dass wir tief in uns diese Kräfte immer noch erkennen und uns ihnen verbunden fühlen.
Brauchtum und Landschaft
Warum entsteht in einer Gegend ein bestimmter Dialekt, warum spezielle Trachten, warum spielt ein Brauch in einer Region eine bedeutende Rolle, während oft schon im nächsten Tal ein anderer wichtiger scheint? In Sprache, Tracht und Brauch bilden sich unterschiedliche Faktoren ab. Unter anderem das, was in der alteuropäischen Überlieferung als natürliches Ergebnis des „Bundes mit der Erde“ angesehen wurde: das Zusammenspiel von Boden, Mensch, Tier und Pflanze, den Gewässern und dem sich darüber spannenden Himmel mit seinen Gestirnen.
Um dies verständlicher zu machen, möchte ich hier ein Beispiel geben: Das aufsteigende Licht einer Morgendämmerung wirkt deutlich anders als das Flirren der sommerlichen Mittagshitze oder die Sanftheit eines anbrechenden Abends. So weist auch jede Landschaft ein für sie spezifisches Licht auf, das von all den oben genannten Faktoren bestimmt wird. (Berühmte Maler verschiedenster Epochen haben das immer schon wahrgenommen.) Es lohnt sich, diesen Beobachtungen nachzugehen, da man sich damit die eigene Umgebung auf neue Weise erschließen kann.

Natürlich ist eine Landschaft als solche schon prägend: Weite Ebenen inspirieren den Menschen auf andere Weise als enge Gebirgsschluchten und hohe Berge, schon allein deshalb, weil die Anforderungen des Überlebens jeweils andere sind. Hinzu kommt das Klima, da sich im Brauchtum häufig die Betonung einer bestimmten Jahreszeit findet. So sind in den inneralpinen Regionen besonders viele Winterbräuche (zum Beispiel die Perchtenläufe) erhalten geblieben, weil der Winter in diesen Gebieten meist sehr lang und daher die dominante Phase für die Bewohner war. In nicht allzu großer Entfernung, weiter südlich, etwa in der Weststeiermark, die ein nahezu mediterranes Klima mit Weinanbau aufweist, sind die wichtigsten Bräuche mittlerweile um Ostern und Fronleichnam angesiedelt, da hier der Frühling als dominante Jahreszeit erlebt wird.
Im Brauchtum lässt sich meist auch ablesen, was die Lebensgrundlage für die Menschen einer Region darstellte. So finden wir in manchen Gegenden Bräuche, die sich vorrangig um Tiere (zum Beispiel Pferde und Rinder) ranken, in anderen dreht sich vieles um den Ackerbau, wieder anderswo erinnert einiges an den Bergbau (Barbarafeiern), und selbst bedeutende geschichtliche Ereignisse haben ins Brauchtum Eingang gefunden und werden nachgestellt. Die immer wieder wachgerufene Erinnerung an eine überstandene Gefahr wie eine gemeinsam geschlagene Schlacht oder das Überwinden einer Hungersnot, festigt den Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Die Gliederung des Jahres
Eine der ältesten Gliederungen des Jahres, die sich in den darauf folgenden Epochen erhalten hat, geht in unseren Breiten auf das frühzeitliche Ackerbaujahr zurück. In manchen Gegenden kannte man Ende der 1970er Jahre im bäuerlichen Kalender immer noch die Begriffe „Einwärts“ und „Auswärts“ als Unterteilung für das Jahr in eine dunkle, kalte Hälfte der Ruhe und des Rückzugs sowie eine lichte, warme Hälfte von Aktivität, Wachstum und Ernte. Diese Teilung fußt auf ganz konkretem Geschehen in der Natur. Die Ruhephase dauerte von Anfang November bis Ende April. In der Zeit des Einwärts wurden die Tiere im Stall betreut, sämtliche Arbeiten im Haus erledigt, von kleinen Reparaturen bis hin zu verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten, also dem Herstellen von Werkzeugen, aber auch Schnitzen, Weben, Spinnen, Sticken etc. Und es war die Zeit des Erzählens, der Spiele und Lieder, der Gesänge und Überlieferungen bis hin zu Orakelbräuchen, mit denen man die Zukunft vorhersehen wollte.
Die aktive, lichte Phase begann im Mai und endete mit dem letzten Oktobertag. Das war die Zeit aller Arbeiten im Zusammenhang mit Ackerbau, Fischfang, Jagd und Viehzucht, und es war auch die Zeit, in der man bestimmte Plätze wie Heilquellen, heilige Berge und Kirchen aufsuchte, also die Phase der bis heute gepflegten Wallfahrten und Pilgerwanderungen.
Hinter diesen irdischen Gegebenheiten, einer Natur, in der andauernd ganz real geboren und gestorben wird, sah man jedoch noch einen geistig-mystischen Aspekt. Man glaubte, dass die Dunkelheit das Licht hervorbringe, dass aus dem (vorerst) Unsichtbaren das Sichtbare erwachse. Daher galt die Nacht als jener „Zeit-Raum“, aus dem alles hervorging. Ursprünglich zählte man früher in Nächten und nicht in Tagen (was im Zusammenhang mit der Beobachtung des Mondes stand, da der Mondkalender der ältere Kalender war). Daher stammen auch Begriffe wie Walburgisnacht, Christnacht (oder Heiligabend) und Raunacht. Und bis heute fragen kleine Kinder: „Wie oft muss ich noch schlafen gehen?“, wenn sie einen Zeitraum, den sie noch nicht berechnen können, für sich erfassen möchten.
Erst zu Beginn des vierten Jahrhunderts nach Christus wurde das Sonnenjahr mit seinen vier Fixpunkten der Tag- und Nachtgleichen und der Sonnenwenden mit einem christlichen Festkalender kombiniert. Daraus ergab sich die heute gängige Unterteilung in vier Jahreszeiten.
Elemente des Brauchtums
Da sich im Brauchtum grundsätzlich alle Lebensbereiche widerspiegeln, lohnt es sich, die verschiedenen Elemente genauer zu betrachten.
Die Weitergabe des Wissens
Wissen wurde ursprünglich mündlich weitergegeben, von der älteren Generation auf die Jungen, durch die Geschichtenerzähler und Musiker, die Maskenschnitzer, Senner und Kräuterfrauen, kurzum, durch all jene, die Wissensträger waren und Überlieferungen bewahrten. Um sich das Vorhandene leicht zu merken, wurde es oft in Lieder, gereimte Sinn- und Merksprüche gefasst. Manches davon kennen wir heute noch in Form von Bauernregeln und Wettersprüchen. (Diese Wetterregeln gehen auf jahrhundertelange Beobachtungen und Aufzeichnungen zurück, wobei zu bedenken ist, dass der Bezug meist kleinräumig, also lokal zu verstehen war.)
Bräuche sind oft mit denjenigen mitgewandert, die aus verschiedenen Gründen ihren Heimatort verlassen mussten, zum Beispiel um anderswo Arbeit zu finden. Dadurch erfolgten auch jeweils regionale Einfärbungen und Veränderungen.
Ein poor Wettersprüche
Morgenröte bringt Abendregen,
aber Abendröte gibt Morgensegen.
Auf Nebel stark
füllt Tod den Sarg.
Januar warm,
dass Gott erbarm.
Januar kalt,
das gefallt
Wenn’s im März donnert,
wird’s im Winter schneien.
Nasser April und kühler Mai
füllt die Speicher und macht viel Heu.
Wenn der Mond neu worden,
so merke diesen Orden:
Scheint er weiß,
so ist das Wetter schön und rein;
scheint er rot,
so ist er ein Windesbot’;
scheint er bleich,
so ist er feucht und regenreich.
Bei der Weitergabe des Wissens wurde auch Wert darauf gelegt, dass die begleitenden Handlungen einem genau überlieferten und stets gleich wiederholten Ablauf folgten. Dadurch trat man in Verbindung mit dem Geist all jener, die diesen Weg bereits zuvor beschritten hatten, also mit den Ahnen. So konnte man in eine Art Erinnerungsfeld eintauchen, durch das man mehr Kraft zur Verfügung hatte als nur als Einzelner.
Vom Wünschen, Bitten und Heischen
Das alte Wort heischen hat unter anderem die Bedeutung ersehnen oder erfragen. Bei vielen Bräuchen handelt es sich um sogenannte Heischegänge.
Gerade zu den Festtagen, allen voran in der Zeit zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, waren die Speisekammern gut gefüllt. Für Kinder, aber auch für das meist arme Gesinde war dies die Gelegenheit, einmal reichlicheres Essen zu erbitten. Um nicht einfach zu betteln, wurde beim Gang von Hof zu Hof musiziert, man vollführte einen Tanz, trug Lieder und Segenssprüche vor. Dabei ist zu bedenken, dass das gesprochene Wort und der dadurch vermittelte Segen als solcher ernst genommen und tatsächlich als echter Wert angesehen wurde. Wenn zu Neujahr oder zu Maria Lichtmess die Sänger oder Geiger auch heute noch ins Haus kommen, tragen sie Lieder vor, bei denen Gesundheit, Glück und Kindersegen, eine volle Speisekammer und Ähnliches gewünscht werden. Die Antwort auf all diese Wünsche lautet stets „Vergelt’s Gott“ und dann erfolgt die Entlohnung in Form einer Bewirtung mit Krapfen, Würsten, Schnaps und Ähnlichem, mitunter auch durch kleine Geldspenden.

Wichtige Daten und Tage
Der Lauf des Mondes sowie die Fixpunkte von Tag-und-Nacht-Gleiche oder Sonnenwende waren vor allem für den Ackerbau von größter Bedeutung. Hinzu kamen weitere Beobachtungen über die Eigenschaften eines Tages. Deshalb war auch der richtige Zeitpunkt für ein Fest wichtig, da es nur in Verbindung mit allen an diesem Tag herrschenden Qualitäten seine Kraft entfalten konnte. Daraus ergaben sich im Lauf der Zeit auch die Lostage. Los heißt so viel wie Geschick, also das Los, das einem zufällt oder das man wählt, da man diesen Tagen generell eine schicksalsbestimmende Bedeutung zumaß, die sich auf weit mehr als nur die Witterung erstreckte.
Ähnlich verhält es sich mit den Losnächten, im Brauchtum auch Lösselnächte genannt. Hier kommt noch die Bedeutung von losen im Sinne von lauschen, hinhören dazu. Man wendete an diesen Tagen beziehungsweise in diesen Nächten oft eine Art von Orakel an, um Zukünftiges zu erlauschen oder zu sehen und sich darauf vorzubereiten. Auch das Wetter selbst stand an diesen Tagen nicht nur für die kommende Witterung, sondern konnte noch andere Ereignisse ankündigen. Der Wind verhieß – je nach Himmelsrichtung, aus der er wehte – gute Ernte, viele Todesfälle oder sogar kriegerische Auseinandersetzungen.
Himmelserscheinungen wie das Nordlicht galten bei den Völkern Nordeuropas je nach Färbung als Omen. Rote Nordlichter, die in seltenen Fällen auch in Mitteleuropa auftreten, betrachtete man als Vorboten eines Krieges. Heute weiß man, dass die Entstehung der Nordlichter im Sonnenwind ihre Ursache hat, der auf der Erde heftige Magnetstürme und Störungen, also auch bedrohliche Ereignisse verursachen kann.
Viele Bräuche finden an bestimmten Donnerstagen, zum Beispiel den drei Donnerstagen vor Weihnachten, statt. Der Donnerstag, dessen Name auf den germanischen Gott Donar zurückgeht, galt lange Zeit als Feiertag, der sogar über dem Sonntag stand. Viel Vorchristliches (vor allem Perchtenläufe) hat sich an genau diesen Donar-Tagen erhalten, was später dadurch ausgeglichen werden sollte, dass christliche Feiertage (Christi Himmelfahrt, Fronleichnam) auf einen Donnerstag gelegt wurden.
Sunnwendrachen: die Kräuterweiber, Vorbereitung zum Fest
Feste und ihre Bedeutungsebenen
Es gab also zu festen Zeitpunkten im Jahr Feierlichkeiten. Sie stellten Fixpunkte zur zeitlichen Orientierung dar, eine willkommene Gelegenheit, sich von der harten Arbeit zu erholen und dienten letztlich auch der Festigung der Gemeinschaft.
Ein Fest hat immer mehrere Bedeutungsebenen:
Die Zusammenkunft: Sie ist mit gemeinsamen Vorbereitungsarbeiten verbunden, die selbst bei erheblichem Aufwand als freudige Anstrengung erlebt werden. Sprich: Die „Gaudi“ ist groß.
Das gegenseitige Kennenlernen: Auf diesem Weg ergibt sich der Austausch von Wissen, Erfahrungen und Empfindungen, was für das Entstehen engerer Beziehungen bis hin zur Partnerwahl immer eine wichtige Rolle spielte.
Das Feiern als freudiges Gemeinschaftserlebnis: Dabei tritt der Arbeitsalltag in den Hintergrund, man teilt ausgelassene Freude genauso wie erhabene Feierlichkeit, und zugleich werden jene Eigenschaften gefördert, die man heute mit „sozialer Kompetenz“ umschreibt. Also die Voraussetzungen, die man für das funktionierende Zusammenleben in einer Gemeinschaft braucht.
Der religiöse Aspekt: Er erinnert die Gemeinschaft an den Zusammenhang alles Lebendigen und führt in jene Bereiche, in denen sich der Mensch ins Mysterium begibt.
Besondere Zahlen – drei, sieben, neun
In vielen Bräuchen treten bestimmte Zahlen immer wieder auf. Dazu einige Erläuterungen:
Drei
Die Dreizahl kommt in den Überlieferungen der Sagen, Mythen und Märchen häufig vor. Eine ganze Reihe von Geschichten rankt sich um drei Brüder, drei Schwestern, drei Feen, drei Schicksalsgöttinnen oder um eine göttliche Dreiheit. Im Christentum trifft man auf die Heilige Dreifaltigkeit. Natürlich gehört auch die Dreiheit von Körper-Seele-Geist dazu. Oder das Bild von Vater-Mutter-Kind.
Auf das Leben des Einzelnen bezogen kann die Drei Jugend, Blüte und Alter bedeuten.
Im Brauchtum kommt es häufig vor, dass ein Ort (zum Beispiel eine Kirche, ein besonderer Stein, ein Baum) dreimal umrundet werden muss. Manchmal gilt es, einen bestimmten Spruch oder eine vorgegebene Handlung dreimal zu wiederholen.
Die Drei steht unter anderem für die drei Prinzipien von Erschaffen, Erhalten und Zerstören. Sie ist also Ausdruck einer grundlegenden Dynamik des Lebens.
In der alteuropäischen Rechtsprechung wurde dreimal im Jahr Gericht (Thing) gehalten, es waren mindestens drei Personen nötig, um ein Urteil als gültig auszuweisen, und am Gerichtsort standen oft drei Bäume, was sich auch in Ortsnamen wie Dreieichen widerspiegelt. Vermutlich liegt darin auch die Wurzel der Redensart „Aller guten Dinge sind drei“.
Sieben
Die Sieben wird vor allem bei der Verwendung von Kräutern genannt, die spezielle Wirkung erzielen sollen, zum Beispiel in der Gründonnerstagssuppe aus sieben Kräutern.
Früher sprach man von den „sieben Planeten“, deren Kräfte Einfluss auf den Menschen haben. Damit waren jene sechs Wandelsterne plus Sonne gemeint, die man mit freiem Auge sehen konnte: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.
Die Bedeutung der Sieben lässt sich auch aus dem Siebenstern ablesen. Er ist eine Figur, die sich geometrisch nur annähernd, aber nicht völlig exakt konstruieren lässt. Das heißt, mit dieser Zahl ist immer ein Abwägen verbunden, was die beste Vorgehensweise oder Dosierung in einer Sache ist. Damit verkörpert die Sieben das Prinzip der Optimierung, sei es in der Anwendung von Heilpflanzen oder sei es in anderen Belangen wie etwa in der Erziehung von Menschen.

Der Sieben begegnet man auch in der Anzahl der Wochentage. Man hatte festgestellt, dass Heilmittel, aber auch bestimmte Erlebnisse und Eindrücke bei der Hälfte von sieben – also nach etwa dreieinhalb Tagen – in ihrer Wirkung erstmals sichtbar werden und dass es zumindest sieben Tage braucht, bis sich die „neue Information“ eines Mittels im Körper (oder in der Psyche) tatsächlich durchsetzt. In der modernen Kurmedizin geht man davon aus, dass eine Kur ihre volle Wirkung gewöhnlich nach drei Wochen entfaltet, also nach drei mal sieben Tagen.
In alten Überlieferungen kommt häufig der Hinweis auf „sieben Jahre“ vor. Manchmal ist eine Gestalt für sieben Jahre verzaubert, bis sie wieder erlöst werden kann. Oder jemand kehrt erst nach sieben Jahren wieder in seine Heimat zurück, um nur zwei Beispiele zu nennen. Der menschliche Körper durchläuft in sieben Jahren einen Zyklus, bei dem sich die Zellen erneuern, also steht die Sieben unter anderem für Erneuerung.
Neun
Die Neun spielt bei der Verwendung der Kräuter eine bedeutende Rolle. Im sogenannten „Weihbuschen“, dem Kräuterstrauß, der am „hohen Frauentag“ (15. August) geweiht wird, müssen neun Kräuter enthalten sein.
Neun ist eine Mondzahl. Die neun Monate der Schwangerschaft, bis ein neues Menschenkind das Licht der Welt erblickt, sowie der weibliche Zyklus mit seinem Bezug zum Mond (von dem sich das Wort Monat ableitet) stehen hier im Vordergrund. Neun ist die höchste Ziffer in der Reihe von 1 bis 9, also auch die Zahl der Vollendung und bedeutet somit die große Kraft, das Hervorbringen von Leben.
Die Neun weist auf das Prinzip des natürlichen Wachstums hin. In vielen Sagen wird erzählt, wenn jemand allzu raschen Erfolg will, lässt er sich „auf einen Bund mit dem Teufel“ ein, der in einer Nacht alles für ihn erledigt, was ansonsten langsam und organisch wachsen müsste.
Die Verwendung von Pflanzen
Man schenkt einander Blumensträuße und ziert die Fenster mit Blumenstöcken, man stellt Adventkränze und Weihnachtsbäume in die Wohnung, und in vielen Haushalten gibt es auch heute noch den Palmbuschen, der mit seinen Weidenkätzchen und dem immergrünen Buchsbaum für den Segen des aufbrechenden Frühlings steht. Damit man dies im Bewusstsein behält, stellt man ihn in den Herrgottswinkel, wo man seiner nicht vergisst, aber auch von ihm nicht vergessen wird. Die Gegenwart von Pflanzen in der einen oder anderen Form scheint selbstverständlich.

Das Wissen um die Wirksamkeit von Pflanzen, ob sie für den Menschen genießbar waren, über welche Heilkraft sie verfügten oder ob sie noch andere, nicht gleich sichtbare Eigenschaften besaßen, wurde über Generationen erforscht und überliefert. Bevor es schriftliche Aufzeichnungen gab, müssen bestimmte Fähigkeiten zum Erwerb dieses Wissens eingesetzt worden sein. Dazu gehörten der natürliche Instinkt, genaue Beobachtung, aber auch eine äußerst feine Wahrnehmung, die heute nur noch selten trainiert wird. Viele Bräuche im Zusammenhang mit Pflanzen lassen sich auf derartige Beobachtungen und Wahrnehmungen zurückführen.
Die Gegenwart einer Pflanze, sei es in frischem oder getrocknetem Zustand, bedeutete, mit der Kraft und den Eigenschaften dieser Pflanze versehen zu sein. Anders ausgedrückt: Man stand mit der Wesenheit, also auch mit der Intelligenz dieser Pflanze in Verbindung. So gab es Talismane aus Pflanzen, die vor Unheil bewahren sollten. Manche Pflanzennamen weisen sogar darauf hin, beispielsweise der Allermannsharnisch (Allium victorialis). Die Zwiebel dieser Pflanze verfügt über eine netzfaserige Hülle, die an ein Kettenhemd erinnert. Daraus schloss man, der Träger wäre mit einem solchen Schutz versehen, die Pflanze könne ihn wie ein Harnisch vor Verwundung bewahren.
Andere Pflanzen wie der Breitwegerich (Plantago major), dessen Blatt man sich in die Schuhe legte, sollten das Gehen erleichtern, und wieder andere wie der Beifuß (Artemisia vulgaris)*sollten vor Krankheit und Wahnvorstellungen behüten. Der immergrüne Buchsbaum im Palmbuschen, welcher das Haus vor Unglück schützen sollte, verfügt unserem heutigen Wissen nach über stark antivirale – also tatsächlich schützende – Eigenschaften.
Immergrünen Pflanzen kam grundsätzlich eine besondere Bedeutung zu, da man in ihnen Stärke und die Kraft des (Über)Lebens erkannte. Nüsse nahmen ebenfalls eine Sonderstellung ein, da sie in ihrer Widerstandsfähigkeit als nahrhafter Same für neues Leben und Fruchtbarkeit standen.
*Der Beifuß beziehungsweise Pflanzen der Wermutfamilie wurden interessanterweise von vielen Völkern für ähnliche Zwecke verwendet, so auch von einigen Indianerstämmen Nordamerikas oder in der chinesischen Medizin.
Auch heute wird ein Blumenstrauß, über den man sich gefreut hat, oft getrocknet und aufbewahrt. Die trockene Pflanze enthält immer noch ätherische Stoffe, welche die Verbindung zur Pflanzenseele darstellen und deren Geruch immer wieder die Erinnerung an das besondere Ereignis weckt.
Pflanzen dienten auch zur Wettervorhersage. Eine einfache Form bestand zum Beispiel darin, dass man am 1. November einer Birke oder einer Buche einen frischen Span entnahm. War er feucht, verhieß das einen strengen, schneereichen Winter, war er eher trocken, sollte der Winter mild ausfallen.

Tiere
Sie dienten dem Menschen als Nutz- und Arbeitstiere, aber auch als geschätzte Gefährten. Tiere stellten in mehrerer Hinsicht den Reichtum eines Menschen dar. Dadurch wurde einigen Tierarten im Brauchtum eine besondere Stellung eingeräumt. Denken wir an den heute noch gepflegten Almabtrieb. Wenn während des Sommers alle Tiere gesund geblieben sind und keines verunglückt ist, werden die Rinder, manchmal auch Pferde, prächtig geschmückt von den Hochweiden ins Tal gebracht. Nach dem gefahrvollen, langen Weg wird zum Dank ein ausgiebiges Fest gefeiert.
Bis heute haben sich „Leonhardiritte“ oder „Leonhardifahrten“ erhalten, die am Sonntag um den 6. November in vielen Orten Bayerns und Westösterreichs abgehalten werden. Dabei finden ein Pferdeumzug durch das Dorf und ein Umreiten der Kirche statt.
In vorchristlicher Zeit ordnete man verschiedene Tierarten bestimmten Gottheiten zu. Man glaubte, durch die Gegenwart dieser Tiere entstehe jene Atmosphäre, in der sich die Gottheit wohlfühle und herbeikäme. Dies dürfte den Ursprung einiger Bräuche darstellen, in denen Tiere eine Rolle spielen.

Jeder, der ein Haustier besitzt, weiß, wie wohltuend die Nähe eines solchen Gefährten wirkt. Grasen auf der Weide vor dem Haus Kühe, fühlt sich das anders an, als wenn sich dort Ziegen oder Schafe aufhalten. Und wenn zum Beispiel in der Weststeiermark die Lipizzanerhengste im Frühherbst von den Weiden abgetrieben und vom Wallfahrtsort Maria Lankowitz bis in die Stadt Köflach geführt werden, ist die Kraft spürbar, welche die Pferde mit sich bringen und ringsum verbreiten.

Einer der ältesten Gefährten des Menschen ist der Hund, als wachsamer Begleiter, als Jagd- und Hütehund. Früher war es beim Hausbau üblich, den Hund als Ersten ein neues Haus betreten zu lassen und dort, wo er sich niederlegte, wurde das Bett aufgestellt. Man wusste, dass Hunde Plätze aufsuchen, die auch für den Menschen wohltuend sind. Im Gegensatz dazu wurden Katzen oft mit dem „Übel“ in Verbindung gebracht, da sie als sogenannte „Strahlensucher“ gelten, also sich gerne auf Plätzen aufhalten, an denen sich z. B. Wasseradern kreuzen, was auf Dauer für den Menschen nicht förderlich ist.
Das heute oft so verschmähte Schwein hat eine besondere Geschichte. In der alteuropäischen Überlieferung, sei es bei Kelten, Germanen oder den altisländischen Völkern, waren Sau und Eber Tiere, die von den Göttern beim Mahl verzehrt wurden. Zahlreiche Knochenfunde an Kultstätten oder in Gräbern weisen auf die Bedeutung des Schweins hin.
Das Schwein wurde aber auch noch aus einem anderen Grund geschätzt: Es gehört zu den wenigen Tieren, deren Fleisch in seiner Struktur dem des Menschen sehr ähnlich ist, was für Heilzwecke von Bedeutung war. Man verarbeitete Schweineschmalz zu Heilsalben und schätzte das Fleisch als kräftigende Mahlzeit.
Speisen
Nahrung war wertvoll und oft nicht in ausreichender Menge vorhanden, also kam ihr ein weitaus höherer Stellenwert zu als in unserer heutigen Konsumgesellschaft. Daher gab es bestimmte Speisen auch nur bei festlichen Anlässen oder an Tagen mit besonderer Bedeutung.
Eine Sonderstellung nahm das Brot in seinen unterschiedlichen Formen ein. Aufgrund seiner Haltbarkeit und Nahrhaftigkeit galt es als wichtigste, geradezu heilige Speise. Nicht umsonst gab es in alten Überlieferungen immer Gottheiten, die man verehrte, weil sie das Korn, den Getreideanbau und somit das Brot unter die Menschen gebracht hatten. Auch im christlichen Vaterunser findet sich der Satz „Unser tägliches Brot gib uns heute“, was den Stellenwert dieser Speise aufzeigt.
Brot fand in unzähligen Bräuchen Verwendung, die vom Teilen des Brotes in der Hausgemeinschaft bis hin zu Fruchtbarkeits- und Liebeszauber reichten. Bis heute haben sich einige traditionelle Brotformen erhalten, deren Ursprung auf diese Bräuche zurückgeht.
Manche Formen hatten schlicht praktischen Nutzen, um das Brot ohne Verwendung eines Messers leicht aufteilen zu können. Andere weisen eine starke Symbolik auf (die sogenannten „Gebildbrote“), bei denen es darum ging, quasi eine ins Brot eingebackene Information durch den Verzehr aufzunehmen. Die Vielfalt der Formen war seinerzeit sehr groß und zu beinahe jedem festlichen Anlass gab es ein bestimmtes Brot. Häufig unterschied sich die Form sogar nach dem Geschlecht des Beschenkten, also ob ein Mädchen oder ein Bursche die Gabe erhalten sollte.
Der Zopf oder Striezel mit seinen geflochtenen Strängen steht immer für Vervielfachung, für Fülle. Er wurde zu jenen Festen gebacken, an denen man Fruchtbarkeit wünschte, zum Beispiel zu Hochzeiten, aber auch zu Festen, die den Jahresbeginn markierten, also Anfang November. Noch heute gibt es daher in vielen Gegenden Österreichs den „Allerheiligenstriezel“, der mancherorts (wie im oberösterreichischen Mühlviertel) sogar sechsfach geflochten wird.
Die Brezel, die sich aus einer runden Kringel entwickelte, erfüllte viele Zwecke. Unter anderem stand sie früher für Verbindung und wurde als „Liebesbrezel“ von einem Mädchen an einen jungen Mann verschenkt, dem sie zugetan war. Es gab auch die Patenbrezel, die der Taufpate verschenkte, oder Brezen, die in Gasthäusern ausgespielt wurden. Schließlich wurde die Brezel noch zum (harten, gesalzenen) Fastengebäck, das aus einem speziellen Teig gefertigt war. Eine Sage erzählt von der Entstehung der Brezel:
Wie die Brezel entstanden ist
(Sage aus der Schweiz)
Einst lebte ein fleißiger Bäcker, der für sein feines, weißes Brot und seine köstlichen Kuchen berühmt war. Doch er hatte ein schweres Verbrechen begangen und so wurde er zum Tode verurteilt. Der Graf, unter dessen Gerichtsbarkeit der Bäcker stand und der das feine, weiße Brot besonders liebte, wollte ihm eine Gelegenheit geben, sein Leben doch noch zu retten. Also ließ er den Bäcker wissen: Wenn es ihm gelänge, einen Kuchen herzustellen, durch den die Sonne dreimal scheine, würde er ihm sein Leben schenken. Der Bäcker blieb die ganze Nacht über in der Backstube, knetete und formte und buk, und als der Morgen anbrach, trat der Graf herein. Da reichte ihm der Bäcker eine Brezel. Als der Graf sie gegen die Sonne hob, sah er, wie die Strahlen durch drei Öffnungen fielen und der Bäcker war gerettet.
Weitere Gebildbrote waren Feingebäck wie Lebkuchen (zum Beispiel Herzen oder „Fatschenkindel“ – ein Wickelkind, das man in die Weihnachtskrippe legte) und dergleichen mehr. Sie wurden oft reich verziert und an speziellen Feiertagen gereicht, so zu Weihnachten, zum Fest der Heiligen Drei Könige oder zu Ostern.
Bis heute beliebt und bei den meisten Brauchtumsfesten vertreten sind die sogenannten „Schmalzgebäcke“, also Krapfen, Strauben, gebackene Mäuse und dergleichen, die alle schwimmend in heißem Fett herausgebacken werden.
Überall dort, wo eine Herdstelle mit offener Glut vorhanden war, gab es diese Art von Gebäck, wobei mit Schmalz ursprünglich Butterschmalz gemeint war (geklärte Butter, die ungekühlt sehr lange haltbar ist). In den Gegenden, in denen der geschlossene Ofen vorherrschte, sind bis heute Speisen wie Ofenschlupf und alle Arten von Strudeln üblich.

Verkleidung und Maske
Vor allem im winterlichen Brauchtum findet man im Alpenraum, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, maskierte Gestalten. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um die Verkörperung verschiedener Prinzipien aus der Natur: Fruchtbarkeit, Fülle und Lebenskraft, aber auch Wildheit, Tod und Zerstörung, welche in einer Welt, in der ganz real ständig geboren und gestorben wird, unumgänglich sind. Viele der Gestalten weisen Hörner, selten auch Geweihe auf, eine Erinnerung, die wohl auf vorchristliche Gottheiten zurückgeht. Das Horn steht immer für Wildheit und Zeugungskraft.
Der Hirsch galt bei den Kelten als heiliges Tier, das Cernunnos, dem Gott des Waldes und der Dämmerung, zugeordnet war. Der Hirsch verkörperte die Erneuerung des Lebens, da er alljährlich sein mächtiges Geweih abwirft, um danach ein noch größeres zu bilden. Im Christentum ist der weiße Hirsch als Symbol des heiligen Hubertus (Jagdpatron) erhalten geblieben.
Die Kulte, die mit den genannten Prinzipien in Verbindung standen, zeichneten sich oft durch wilde Gesänge und ekstatische Tänze aus, denn die Zeugungs- oder Zerstörungskraft der Natur sollte dargestellt werden. Nach der Christianisierung wurde dieses Wissen nur noch im Verborgenen weitergegeben und vieles geriet aufgrund von Verboten in Vergessenheit. Daher kam es im Lauf der Zeit zur „Ver-Teufelung“ der gehörnten Gestalten. Unser Krampus, in manchen Gegenden auch Bartl genannt, der weiter im Norden (Deutschland) als Knecht Ruprecht bekannt ist, geht in einigen Aspekten auf diese Gottheiten zurück und war ursprünglich nicht die ausschließliche Personifikation des Bösen, sondern die Verkörperung wilder Kräfte, die nicht nur Leben spenden, sondern auch destruktiv wirken konnten. Kurzum, die Gestalt erinnert daran, dass der Mensch im Angesicht der Natur keineswegs die beherrschende Macht darstellt und dass es im Leben auch Situationen zu begegnen gilt, die man fürchtet.
Bei den meisten Verkleidungen handelt es sich um Ganzkörpermasken. Das heißt, von dem, der sich verkleidet, ist nichts mehr zu sehen, er verschwindet völlig hinter der Maske und soll bewusst unkenntlich bleiben. In vielen Fällen wird dies noch dadurch verstärkt, dass die Maskenträger zum Schweigen verpflichtet sind, also auch nicht an ihrer Stimme erkannt werden können. Dadurch sollen die eigene Persönlichkeit vergessen und der Maskierte mit der Gestalt, die er verkörpert, völlig eins werden, beispielsweise mit der Percht, also mit dem Prinzip, das er darstellt. Zugleich bildet die völlige Maskierung auch einen Schutz, damit etwaige in der Maske begangene Vergehen nicht geahndet werden können. Schabernack und diverse Streiche gehörten zum Brauchtum ebenso wie das Schlagen mit einer Rute. Die Rute war ursprünglich das „Lebensreis“, mit dem die Fruchtbarkeit erweckt werden sollte. Manchmal wurde daraus die „Züchtigung“ oder „Bestrafung.“ Der Übergang dieser Art von Maske zur Verkleidung im Fasching ist fließend und oft lassen sich die ursprünglichen Bräuche nicht mehr voneinander unterscheiden. Manches vom sogenannten Winteraustreiben wurde mit den später entstandenen Faschingsbräuchen vermischt.
Schiachperchten aus dem Gefolge der Zeller Tresterer
Lieder und Tänze
Lieder und Tänze waren immer feste Bestandteile des Brauchtums. Die Musik stand nie für sich allein, sondern hatte gemeinschaftlichen und begleitenden Charakter. Sie war gleichermaßen Ausdruck von Freude oder Trauer, ob beim fröhlichen Fest oder beim Leichenbegängnis. Das heißt, sie diente stets dem jeweiligen Anlass.
Das „Konzert“, wie wir es heute kennen, existierte im Brauchtum in dieser Form früher nicht, allein deshalb, weil Musikinstrumente teuer und daher ein seltener Besitz waren. Erst im Lauf der Zeit entwickelten sich durch eine Verbesserung der Lebensumstände die sogenannten „Haus-“ oder „Familienmusiken“. Auch heute kann man oft erleben, dass auf der Almhütte, beim Kirtag und bei diversen Festen jemand ganz spontan die Ziehharmonika, die Fidel oder die Gitarre hervorholt und dann gemeinsam musiziert und gesungen wird.

Bandltanz in Graden
Typisch für die Alpenregion war (und ist) das Jodeln, das heute eine Neubelebung erfährt. Es war nicht nur Ausdruck der Freude oder der andachtsvollen, feierlichen Stimmung, es war auch eine Form der Kommunikation. So hatte jeder seinen typischen „Juchzer“, an dem er erkannt werden konnte, und in den Bergen gab es die Sennerrufe, die einen eigenen Verständigungscode zwischen den weit auseinanderliegenden Almen darstellten.
Im Tanz gibt die Musik vor allem den Rhythmus vor. Als Ausdruck gemeinsamer Freude am Fest hielt man Kreis- und Reigentänze ab. Der Tanz bot natürlich Gelegenheit, sich näherzukommen, und trotz vieler von der Obrigkeit verordneter Tanzverbote fanden sich immer Möglichkeiten, diesem Vergnügen im Verborgenen („Winkeltänze“) zu frönen.
Weiters gab es Stock- und Schwerttänze, welche auf die Traditionen der Bergleute und Schmiede zurückgehen. Diese hatten mit der Verarbeitung von Metall sowie der Herstellung von Waffen zu tun. Beim gemeinsamen Schlagen auf einen Amboss musste zum Beispiel ein guter Rhythmus erzielt werden, um sich bei der Arbeit nicht gegenseitig zu verletzen. (Beim „Schuhplatteln“, das nicht nur in Bayern, sondern auch in einigen Regionen Österreichs beheimatet ist, gibt es übrigens einen Tanz, der den Namen „Amboss“ trägt und genau diesen Vorgang zeigt.) Auch Schnelligkeit und Muskelkraft wurden auf diese Weise trainiert, denn zog man gemeinsam in den Kampf, war oft rasches, gemeinschaftliches Agieren vonnöten.
Grundsätzlich erforderten die altüberlieferten Tänze gute Merkfähigkeit bei komplizierten Schrittfolgen und darüber hinaus Beweglichkeit und Ausdauer. So wurden Kraft, Geschicklichkeit und Koordinationsvermögen geschult und bereits am Tanz abgelesen, was für die Partnerwahl ein bestimmender Faktor sein konnte.
Tanz hatte auch religiösen Charakter. Durch die lange, ausdauernde Bewegung konnte man sich in einen exaltierten Bewusstseinszustand versetzen, in welchem man sich dem Göttlichen näher fühlte. Damit wurde Tanz zugleich zum Ausdruck der Verehrung, wie beim Tanz um die Dorflinde, Tanz um den Maibaum etc.
In den alteuropäischen Überlieferungen betrachtete man Tanz als eine Kommunikation mit der Erde, deren Worte die Schritte waren. Bei manchen Bräuchen (Perchtenläufe, Winteraustreiben) sollte das Stampfen die Erde nach dem Winter öffnen, also wieder erwecken, und das Wachstum der Pflanzen anregen.
Sagenhafte Gestalten
Sagenhafte Gestalten gehören dem Brauchtum naturgemäß an. In unzähligen Sagen und Märchen, aber auch in den mündlichen Erzählungen alter Sennerinnen oder Bauern treten diese Figuren immer wieder unter diversen Namen in Erscheinung. Dazu gehören Frau Perchta mit ihrem Gefolge, die Wilde Jagd sowie die drei weisen/heiligen Frauen oder drei Spinnerinnen. (Zu Frau Perchta und der Wilden Jagd Näheres im Kapitel über die Raunächte.) Der Kult der „drei heiligen Frauen“ reicht weit in der Zeit zurück. In der alteuropäischen Überlieferung nannte man sie Bethen. Bei den Römern kannte man die drei Matronen, die vor allem in Gebieten mit ursprünglich germanischer und keltischer Besiedlung verehrt wurden. Man vermutet, dass in diesem Kult eine ältere weibliche Triade von den Römern übernommen wurde.
In der Überlieferung treten diese weiblichen Gestalten immer als Dreiheit auf, manchmal als drei Schwestern, als drei weiße/weise Frauen, manchmal auch als drei Großmütter, drei Salige oder drei Spinnerinnen. Die alten Namen sind in höchst unterschiedlichen Lautformen überliefert, da es ursprünglich nur mündliche Berichte über diese Triade gab. Hier nur die bekanntesten Varianten:
Ambeth (Anabeth, Einpett, Aubet)
Wilbeth (Vilpett, Bilbet, Fürpet)
Borbeth (Barbeth, Warbede, Gewerpette)
Aus Warbede wurde die Waberl, die in vielen Sagen noch als solche genannt wird (zum Beispiel Lahnwaberl in der Südsteiermark). Sie wird als unheimliche weibliche Gestalt beschrieben, die dem nächtlichen Wanderer manchmal Segen bringen, ihn aber auch erschrecken kann.
Im christlichen Kalender wurde diese Dreiheit am 16. September gefeiert, wobei man sie der „Schar der elftausend Jungfrauen“ zuordnete, denen die heilige Ursula vorstand.
Möglicherweise stehen auch die „drei heiligen Madl“ Katharina, Margaretha und Barbara damit im Zusammenhang. Gemeinsam mit Dorothea nannte man sie früher die „Virgines capitales“. Die drei Ersteren, auch „Hauptjungfrauen“ genannt, reihte man unter die vierzehn Nothelfer. Auf einigen Darstellungen erscheinen sie zu dritt, auf anderen zu viert gemeinsam mit Dorothea. Der Merkspruch lautete:
Margaretha mit dem Wurm
Barbara mit dem Turm
Katharina mit dem Radl
Das sind die drei heiligen Madl
Die Attribute „Wurm“ (Drache oder Schlange, einst ein Zeichen der Kraft und Erneuerung, da sich eine Schlange häutet) und „Radl“ (Schicksalsrad, Spinnrad) erinnern jedenfalls an alte Gottheiten.
Heute ist die Verehrung der „drei Bethen“ noch an einigen Orten Tirols und in der Schweiz erhalten, unter anderem in Meransen/Maranza in Südtirol.

Pulsuz fraqment bitdi.