Kitabı oxu: «Unsterblich?!»

Şrift:


© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2015, München/Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

ISBN: 978-3-8312-0425-0

Der Titel ist auch als ebook (ISBN 978-3-8312-5759-1) erschienen.

Design Cover: Pinsker Druck und Medien, Mainburg

Satz: Mediaservice Werner Huemer, Eggersdorf bei Graz

Druck und Bindung: CPI Books, Ulm

Foto Titelseite: shutterstock

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Unsterblich?!

Gute Gründe für ein Leben nach dem Tod

– Werner Huemer –

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Sind alle Lebewesen Sterbewesen?

45 menschliche Köpfe pro Behälter

Die Pille gegen das Altern

Von der Schönheit der Jahreszeiten

Universum versus Schöpfung

Peinliche Befragung der Natur

Töten und opfern, um den Tod zu besiegen

Die ewige Angst vor dem Tod

Leben erhalten um jeden Preis

Neues Leben oder neues Sterben?

Rückgewinnung des „Weltvertrauens“

Die Angst vor dem „Untoten“

Rätselhafte Phänomene in Todesnähe

Die hohe Kunst des Sterbens

Erlebnisse in der „Aus-Zeit“

Steht unser Menschenbild in Frage?

Kapitel 2: Seele – was ist das eigentlich?

Der Mensch – ein philosophischer Streitfall

Leben muss nicht sterblich sein

Was ist die Natur des Menschen?

Materialismus versus Idealismus

Platon, der „Vater der Seele“

Descartes, der „Vater des Rationalismus“

Hobbes, der „Vater“ des Materialismus

Leibniz, der „Vater der neuen Seele“

Compte, der „Vater des Positivismus“

Und wer wird morgen Vater sein?

Die drei großen materialistischen Klötze

Seele – was ist das eigentlich?

Das Leib-Seele-Problem

Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

Wie aufgeklärt sind wir wirklich

Weltbilder zum Wohlfühlen

Platon und Mephisto im Duett

Kapitel 3: Gibt es überirdische Dimensionen?

Wie funktioniert die Welt?

Das Verblassen des Überirdischen

Die griechische Analyse

Die Physik als Stütze des Materialismus

Die wundersame Natur des Lichts

„Materie besteht nicht aus Materie“

Schüsse durch den Doppelspalt

Wenn Raum und Zeit „verschwimmen“

Was also bleibt dem Materialismus?

Ein „Unsinn“, der in neue Dimensionen führt

Aber was ist schon Mathematik?

Unsterblich in der sechsdimensionalen Welt

„Als Geistwesen bleiben wir immer bestehen“

Magic in the Moonlight

Dem Spuk auf der Spur

Die Selbstüberwindung des Materialismus

Kapitel 4: Bewusstsein – das große Rätsel

Der Kaplan des Teufels und seine Ideen

Darwins bis heute (un)umstrittene Lehre

Das abenteuerliche Leben eines Parasiten

Wie kommen Schmetterlinge zustande?

Spielraum für Spekulationen

Was ist Bewusstsein?

Was passiert unter der Schädeldecke?

„Quantenaspekte“ zwischen Geist und Gehirn

Die „Causa“ freier Wille

Und das Gehirn ist doch kein Muskel

Das Ziel: Die Überwindung des Todes

Führt Künstliche Intelligenz zu Bewusstsein?

Auf dem Weg zum „Omega-Punkt“?

KI – der Killer der Seele?

Die Unfassbarkeit im Zentrum

Das Bewusstsein und die „Interwelt“

Kapitel 5: Leben nach dem Leben

Begegnungen mit dem Tod

Die Rätsel der Todesnähe

Halluzination? Traum? Sauerstoffmangel?

„Bewusstsein existiert auch außerhalb des Körpers!“

Die Sterbeforscher organisieren sich

An der Grenze sprachlicher Ausdruckskraft

Was ändert sich durch eine Todesnähe-Erfahrung?

Was kommt nach dem Tod?

Wenn die Innenwelt zur Außenwelt wird

Ein Sprachrohr für das Jenseits

Gesamtschau der Widersprüche

… und viele offene Fragen

Kapitel 6: Leben vor dem Leben

Immaterielle Resonanzräume

Spirituelle Alternativ-Konzepte

Ein Schlüssel zum „Raum des Schicksals“?

Origenes Lehre von der Präexistenz der Seele

Reinkarnation – ein unchristlicher Gedanke?

Reinkarnation – eine Glaubensfrage?

Der Fall Jenny Cockell

Kryptomnesie und Reinkarnationsforschung

Was, wenn nicht Reinkarnation?

Wo bleibt die Erinnerung an früher?

Wo kommen die vielen Seelen her?

Karma-Psychoterror, nein danke!

Die Geschichte von der himmlischen Vergeltung

Kapitel 7: Religiöse und andere Wirklichkeiten

Woher kommt die Seele?

„Eintauchen in die Weite des Seins“

Vom „Hängen zwischen den Welten“

Unsterblichkeit und Schamanismus

Fortschritt oder Rückschritt

Die vage Hoffnung auf eine Neuschöpfung

Die verbindende Dimension des Geistes

Gibt es eine „Zug-Kausalität?“

Die Suche nach der „Hintergrund-Realität“

Woher kommt die Ordnung?

Und über allem Gott?

Geist und Jenseits – unterm Strich

Das „Höhlen-Bewusstsein“ des Menschen

Besuch beim „kleinen Bruder des Todes“

Vom ewig langen Leben zur Unsterblichkeit

Und jetzt?

Sterben lernen, sterben lehren

Anhang

Lebensnähe (Erzählung)

Literatur- und Linkverzeichnis

Biographische Notizen zu den Interviewpartnern

Einführung

„Mama, guck mal die Löcher in dem Käse!“ – Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: „Tobby ist aber dumm! Im Käse sind doch immer Löcher!“ Eine weinerliche Jungenstimme: „Na ja – aber warum? Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?“ – „Du sollst bei Tisch nicht reden!“ – „Ich möcht aber doch wissen, wo die Löcher im Käse herkommen!“ – Pause.

Mama: „Die Löcher … also ein Käse hat immer Löcher, da haben die Mädchen ganz recht! … ein Käse hat eben immer Löcher.“ – „Mama! Aber dieser Käse hat doch keine Löcher! Warum hat der keine Löcher? Warum hat der Löcher?“ – „Jetzt schweig und iss. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden! Iss!“ – „Bwww –! Ich möcht aber wissen, wo die Löcher im Käse … aua, schubs doch nicht immer …!“ Geschrei.

Eintritt Papa. „Was ist denn hier los? Gu’n Ahmt!“ – „Ach, der Junge ist wieder ungezogen!“ – „Ich bin gah nich ungezogen! Ich will nur wissen, wo die Löcher im Käse herkommen. Der Käse da hat Löcher, und der hat keine –!“

Papa: „Na, deswegen brauchst du doch nicht so zu brüllen! Mama wird dir das erklären!“

Mama: „Jetzt gib du dem Jungen noch Recht! Bei Tisch hat er zu essen und nicht zu reden!“

Papa: „Wenn ein Kind was fragt, kann man ihm das schließlich erklären! Finde ich.“

Mama: „Toujours en présence des enfants! Wenn ich es für richtig finde, ihm das zu erklären, werde ich ihm das schon erklären. Nu iaa!“ – „Papa, wo doch aber die Löcher im Käse herkommen, möcht ich doch aber wissen!“

Papa: „Also, die Löcher im Käse, das ist bei der Fabrikation; Käse macht man aus Butter und aus Milch, da wird er gegoren, und da wird er feucht; in der Schweiz machen sie das sehr schön – wenn du groß bist, darfst du auch mal mit in die Schweiz, da sind so hohe Berge, da liegt ewiger Schnee darauf – das ist schön, was?“ – „Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Käse her?“ – „Ich hab’s dir doch eben erklärt: die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.“ – „Ja, aber … wie kommen denn die da rein, die Löcher?“ – „Junge, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und geh zu Bett! Marsch! Es ist spät!“

Kurt Tucholsky (1890–1935) lässt seinen wunderbar gleichnishaften Text über einfache Fragen, die gar nicht so einfach zu beantworten sind, dramatisch enden: Die Erwachsenen – neben den Eltern mischen letztlich auch noch Onkel Siegismund, Tante Jenny, Dr. Guggenheimer und Direktor Flackeland mit – geraten sich ordentlich in die Haare: „4 Privatbeleidigungsklagen, 2 umgestoßene Testamente, 1 aufgelöster Soziusvertrag, 3 gekündigte Hypotheken, 3 Klagen um bewegliche Vermögensobjekte, 1 Räumungsklage des Wirts.

Auf dem Schauplatz bleiben zurück ein trauriger Emmentaler und ein kleiner Junge, der die dicken Arme zum Himmel hebt und, den Kosmos anklagend, weithin hallend ruft:

,Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her –?‘

Ja, es kann eben ganz schön hoch hergehen, wenn jemand zugeben soll, dass sein Wissen doch nicht so fundiert und lückenlos ist, wie er selbst es gerne glaubt. Und oft sind es die ganz einfachen Fragen, die die Löcher im schmackhaften „Käse“ des gegenwärtigen Welt- und Menschenbildes offenbaren.

Zum Beispiel: „Sind wir Menschen unsterblich?“

„So ein Unsinn, natürlich nicht“, wird die Antwort lauten. „Oder haben Sie noch nie von einer Beisetzung gehört?“

„Ja, schon – aber ist der Körper, der da im Sarg liegt, wirklich der Mensch?“

„Na klar, was soll er denn sonst sein?“

„Vielleicht gibt es ja eine Seele, und das Bewusstsein ist jetzt in ihr!“

„Bewusstsein wird vom Gehirn produziert, das Gehirn ist tot, und damit ist das Bewusstsein erloschen. Alles andere gehört in den Bereich der Märchen.“

„Vielleicht produziert das Gehirn ja gar nicht das Bewusstsein, sondern vermittelt es nur!“

„Eine unsinnige Vorstellung!“

„Zwischen Hirn- und Bewusstseinsvorgängen sind strikt naturwissenschaftlich gesehen gar keine Verursachungen nachweisbar.“

„Lächerlich. Die Abhängigkeit des Bewusstseins von Gehirnfunktionen ist klar bewiesen.“

„Ja, es gibt funktionale Abhängigkeiten und Korrelationen. Aber die gibt es auch, wenn des Gehirn nicht Produzent, sondern Transmitter von Bewusstsein wäre.“

„Esoterischer Unsinn! Am Ende landen wir dann wieder im Mittelalter – bei der Vorstellung von einer Seele, bei unbeweisbaren Schöpfungssphären und beim lieben Gott. Seien wir froh, dass wir den blinden Glauben überwunden haben!“

Showdown im Staubwirbel der Unsachlichkeit.

Der fiktive Dialog ist nicht ganz frei erfunden. Die Vorbehalte gegenüber der Existenz einer Seele entsprechen der überwiegend materialistischen Weltanschauung unserer Tage, und die Vermutung, dass unser Gehirn nicht Produzent, sondern Transmitter von Bewusstsein ist, geht auf den bedeutenden amerikanischen Philosophen William James (1842–1909) zurück, der in jüngster Zeit neu entdeckt wird. Der Dialog sollte als Beispiel dafür dienen, dass die Frage, ob wir Menschen unsterblich sind, durchaus nicht so einfach zu beantworten ist, sofern ein wenig an den Oberflächen gekratzt wird – sowohl des Glaubens, als auch der Naturwissenschaft.

Die Frage ist gewiss ein Buch wert.

Ich empfand große Freude und Ermutigung, als mein Verleger – angeregt einerseits durch Illobrand von Ludwigers Buch „Unsterblich in der 6-dimensionalen Welt“ (Verlag Komplett-Media, 2013) über Burkhard Heim (1925–2001), und andererseits durch die zweibändige wissenschaftliche Großtat „Das Unsterblichkeitsproblem“ von Gerda Lier (1942–2009) – die Idee für eine solche Publikation just zu dem Zeitpunkt in den Raum stellte, als ich mich selbst eingehend mit diesem Thema befassen wollte.

So flossen letztlich zwei Konzepte in die folgenden sieben Buchkapitel ein, die viele interessante und spannende Aspekte zusammenfassen. Naturwissenschaftliche, philosophisch, religiöse – und solche, die man gar nicht zuordnen kann.

Wir beginnen bei der tiefen Sehnsucht des Menschen, (ewig) zu leben, die sich im Kampf gegen Krankheit und Alter, in Medizin und Technik ebenso zeigt wie in religiös-spirituellen Praktiken. Und wir enden wieder bei dieser Sehnsucht. Dann aber mit der bestmöglichen Antwort auf die Frage, ob wir Menschen nun unsterblich sein könnten oder nicht.

Auf der Suche nach dieser Antwort werden wir etablierte Anschauungen hinterfragen, diffuse Erklärungen auf den Punkt bringen und uns nicht von Verallgemeinerungen oder Nebenschauplätzen ablenken lassen. Ganz wie der kleine Tobby.

„Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?“

KAPITEL 1: Sind alle Lebewesen Sterbewesen?

45 menschliche Köpfe pro Behälter

Michaels Traum von der Unsterblichkeit ist sehr konkret. Er wird sich kryonisieren lassen. Unmittelbar nach dem klinischen Tod, mit dem nach seiner Meinung der Sterbeprozess noch nicht zu Ende ist, wird er auf knapp über Null Grad abgekühlt werden. Dann wird eine Vitrifikation vorgenommen, sein Blut wird durch eine spezielle Kühlflüssigkeit ersetzt. Auch das Gehirn wird dabei vitrifiziert. Vor allem für dieses Organ ist es entscheidend, dass durch das weitere Abkühlen keine Zellen beschädigt werden. Anschließend wird Michael kopfüber in einen hohen Tank mit flüssigem Stickstoff gekippt und bei minus 196° Celsius konserviert. In diesem doppelwandigen Vakuum-Isoliergefäß befinden sich noch drei weitere Menschen sowie fünf „Neuros“, menschliche Köpfe. 9 Personen also insgesamt. Der Kühlbehälter bleibt fortan unter regelmäßiger Kontrolle. Stickstoff wird, wenn immer es nötig ist, nachgetankt. Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang.

Irgendwann, davon ist Michael überzeugt, wird die Wissenschaft soweit fortgeschritten sein, dass man ihn auftauen und wiederbeleben kann. Wenn dann das Altern und der Tod von der Medizin besiegt sind, wird er zu denen gehören, die ewig leben.

Michael ist Bürger der USA. Er hat sich schon vor mehr als 20 Jahren für das Kryonisieren entschieden und dafür an die im Jahr 1972 gegründete „Alcor Life Extension Foundation“, Arizona, gut 30.000 Dollar bezahlt. Diese nach eigenen Angaben nicht gewinnorientierte Organisation ist international der Kryonik-Pionier. Das Interesse am Einfrieren ist groß. Mehr als 1.000 Menschen sind – wie Michael – vertraglich vorangemeldet. Und die Zahl der Stickstoff-Tanks wächst und wächst und wächst. In jedem sind entweder 45 Neuros oder eben vier Körper und fünf Köpfe konserviert. Die „Neurokonservierung“ ist platzsparender und kostet deshalb nur die Hälfte.

Mittlerweile gibt es in den USA bereits einen zweiten Kryonik-Anbieter, der mit der Hoffnung auf Auferstehung und der Chance auf ewiges Leben handelt. Die Preise steigen mit dem Aufwand. Bezahlt wird für das Haltbarmachen und Einfrieren, aber auch für ein Patientenkonto, das für den Unterhalt sowie für eine eventuelle Wiederbelebung eingerichtet wird.

Vielen Menschen gibt die Aussicht, in einer glücklichen Zukunft für ein ewiges Leben erwachen zu können – aber eben nicht in einem zweifelhaften Jenseits, sondern konkret hier auf der Erde –, Trost und Halt. Sie haben das gute Gefühl, aktiv etwas gegen den Tod zu unternehmen und wirken damit ihrer Angst vor dem Sterben entgegen. Dieses Gefühl ist ihnen viel Geld wert.

Andere, die in die Kryonik investieren, sind sterbenskrank und hoffen auf künftige Möglichkeiten, Krankheiten heilen zu können.

Alte Menschen erträumen sich einen jüngeren, gesunden Körper. Im Glauben, irgendwann könnten Ganzkörper-Transplantationen möglich sein, reicht es ihnen, wenn mit dem Kopf ihr Gehirn konserviert wird. –

Zweifellos werden solche Kryonik-Angebote nicht auf die USA beschränkt bleiben. Auch in Deutschland wurden bereits diesbezügliche Überlegungen bekannt. Allerdings gibt es hier auf Grund der rechtlichen Situation Beschränkungen. Eine Vitrifikation darf zwar durchgeführt werden, aber die dauerhafte Lagerung der Leichen – um solche handelt es sich nach Auffassung des Gesetzgebers – ist nicht erlaubt.

Den Begriff „Leiche“ hören Kryoniker im Zusammenhang mit dem Einfrieren natürlich nicht gern. Der Betroffene gilt als Patient – doch nicht als tot. Die „Alcor“-Organisation in Arizona beschreibt auf ihrer Homepage als Zweck ihrer Tätigkeit, mit Hilfe der „besten verfügbaren Technologie“ das Leben des Menschen „zu bewahren“. Nach dem klinischen Tod müsse dazu „so schnell wie möglich in den Sterbeprozess eingegriffen“ werden. „Alcor“ sieht also ihre Räumlichkeiten definitiv nicht als Leichenhallen und ihre Arbeit nicht als Bestattungstätigkeit. Auch wenn manche Kunden darauf bestehen, in den gleichen Tank wie ihre Angehörigen verbracht oder gemeinsam mit ihrem Haustier gelagert zu werden.

Jedenfalls verortet diese Betrachtungsweise das Leben des Menschen mit äußerster Konsequenz im Physischen und nirgendwo sonst. Michael wird sich kryonisieren lassen, nicht etwa seinen Körper. Er selbst wird in den Stickstoff-Tank gekippt. Da ist nichts, was er als Mensch besitzt. Er hat keinen Körper, er ist sein Körper, und nur in diesem kann Leben sein.

Früher glaubten die meisten Menschen an eine Seele, die das Leben bewahrt. Heute rankt der Glaube sich um Medizin und Technik.

Zu Recht?

In der seriösen Wissenschaft ist die Kryonik sehr umstritten – um es milde auszudrücken. Der Ansatz, meinen Kritiker, sei vergleichbar der Idee, aus einem Hamburger wieder eine Kuh zu machen. Das habe nichts mit „Science“ (Wissenschaft), sondern nur mit „Science-ficition“ zu tun. Alles in allem würden gutgläubige Menschen mit einer wertlosen Dienstleistung betrogen.

Die konkreten Argumente für diese vernichtende Einschätzung sind biologischer, technischer und philosophischer Art:

• Nach dem klinischen Tod verändert sich das Gehirn innerhalb weniger Minuten. Die dabei entstehenden Schäden sind irreversibel.

• Eine Kryo-Konservierung könnte nur Aussicht auf Erfolg haben, wenn der lebende Mensch schockgefroren wird. Eine dafür geeignete Technologie gibt es (noch) nicht.

• Es gibt Einflüsse, zum Beispiel die natürliche Radioaktivität, die auch im gefrorenen Zustand das Erbgut nach und nach schädigen.

Die dauerhafte oder sich über Tausende Jahre erstreckende Konservierung eines Körpers ist deshalb nicht möglich.

• Nach der (fiktiven) Wiederbelebung des Menschen würden sein körperlicher Zustand, sein Alter und seine Lebenserwartung bestenfalls den Gegebenheiten vor dem Schockfrieren entsprechen. Es gibt grundsätzlich keine Möglichkeit, einen bereits erfolgten Alterungsprozess rückgängig zu machen.

• Es ist nicht zweifelsfrei belegt, dass Bewusstsein allein aus der Gehirntätigkeit resultiert.

Aber natürlich darf jeder Mensch träumen. Wenn Dr. Leonard McCoy, der gute alte „Pille“ (oder „Bones“), im Raumschiff Enterprise alle Krankheiten im Handumdrehen mit Hilfe eines seltsam piepsenden kleinen Plastikdings heilt oder menschliches Bewusstsein flugs per Datenstrom in eine Maschine übertragen wird – warum sollte das nicht irgendwann auch wirklich so funktionieren?

Die harten Trennlinien zwischen „Science“ und „Science fiction“ sind heute in der allgemeinen Wahrnehmung schon sehr verschwommen. Davon profitiert – nicht nur in der Kryonik – die Wild-West-Weltauffassung des 21. Jahrhunderts.

Es lebe Arizona!

Die Pille gegen das Altern

Haken wir die Kryonik (in der Biologie wird sie eigentlich „Kryo-Konservation“ genannt; eine Gefrier-Technik zum Aufbewahren lebender Zellen) als besonders auffälligen Ausbruch von Machbarkeitswahn ab. Zur Unsterblichkeit verhilft sie mit Sicherheit nicht.

Der inzwischen schon mehrere Jahrhunderte alte menschliche Traum, den Tod mit Hilfe von Medizin und Technik zu überwinden, treibt allerdings auch gefälligere Blüten. Denn dass jedes Lebewesen ein Sterbewesen sein muss, wollen viele Forscher nicht akzeptieren, und es sollte nicht verwundern, wenn die Pharmaindustrie schon demnächst das Altern als Krankheit definiert und mit Pillen gegen dieses Leiden Milliardengeschäfte macht.

Noch ist es freilich nicht soweit. Noch sind nicht einmal alle wichtigen Details bekannt, die den Alterungsprozess steuern.

Grundsätzlich ist das Altern ja – im Sinne der Entwicklung – nichts Schlechtes. Schließlich kommen wir als weitgehend unselbständige Lebewesen auf die Welt und müssen älter werden, um irgendwann erwachsen zu sein und uns fortpflanzen zu können. Bis zu genau diesem Punkt werden wir von der Natur auch ausgezeichnet unterstützt. Die physische Leistungsfähigkeit nimmt zu, und psychisch betrachtet fühlt der Jugendliche sich im Grunde so, als hätte er das ewige Leben für sich gepachtet. Als könne ihn nichts und niemand aus der Bahn werfen.

Nach diesem Aufblühen allerdings, sobald für die Arterhaltung gesorgt ist, scheint der einzelne Mensch der Natur, sofern man nur die körperlichen Aspekte in Betracht zieht, ziemlich gleichgültig zu sein. Das „alte Leben“ muss nicht mehr erhalten werden, wenn einmal die Baupläne für das „neue Leben“ weitergegeben worden sind. Der langsame Verfall beginnt. Und er endet ein paar Jahrzehnte später unausweichlich mit dem Tod.

Aber muss der Mensch sich diesem Schicksal fügen? Wenn die genetische Ausstattung unseres Körpers im Wesentlichen nur auf die Arterhaltung ausgerichtet ist – dann ist es wohl legitim und naheliegend, dass wir kraft unserer Intelligenz ganz gezielt jene Lebensspanne fördern und verlängern, die durch die Natur vernachlässigt wurde. Oder?

Mit solchen Gedanken im Hintergrund erforschen heute weltweit Biologen den Alterungsprozess. Ihr Ziel ist es, weitere Möglichkeiten zu entdecken, um den biologischen Verfall wenigstens zu verlangsamen. „Weitere“ deshalb, weil sich, umfassender betrachtet, eigentlich schon einiges zugunsten des menschlichen Individuums verändert hat. In den letzten 100 Jahren verdoppelte (!) sich in Deutschland die Lebenserwartung. Hygiene und Ernährung sowie eine viel bessere medizinische Versorgung dürften dafür verantwortlich sein. Aber es sollte eben noch weitere Ansatzpunkte geben – wobei es natürlich nicht nur um die Lebensdauer, sondern auch um die Lebensqualität gehen muss. Das erste Kind mit 50, Ruhestand mit 90, Sterben mit 130 – vielleicht wird das in wenigen Generationen ganz normal sein. Möglicherweise wird es dann ja die Pille gegen das Altern geben.

Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass es gelingt, die Mechanismen des Alterns zu durchschauen. Warum wir altern und was dabei genau geschieht, konnte nämlich bis heute nicht endgültig geklärt werden.

Fest steht, dass die Entwicklung des menschlichen Körpers im Alter von etwa 20 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Der Organismus ist dann voll ausgereift und kann etwa zehn Jahre lang das Maximum seiner Leistungsfähigkeit behalten.

Danach weist die Kurve der „Lebenskraft“ immer weiter nach unten: Die Muskeln verlieren mehr und mehr Zellen, die Haut wird schlaffer und faltiger, die Augenlinsen werden unelastischer, der Körper lagert vermehrt Fett ein, die Atemkapazität nimmt ab, ebenso die Leistung des Herzens. Gewebe, Organe und Organsysteme zeigen Verschleiß- und Vergiftungserscheinungen. Aber weshalb das alles? Führen äußere Einflüsse dazu? Wo tickt die biologische Uhr in uns? Gibt es ein genetisches Programm, das den Tod der Körperzellen vorsieht? Oder die zunehmende Beschränkung der Regenerationsfähigkeit? Weshalb reicht diese Fähigkeit zwar bis ins hohe Alter zum Überleben (etwa, wenn Wunden heilen), aber schon viel früher nicht mehr für ein optimales Funktionieren aller Organe?

Will man Naturgegebenheiten lenken, muss man sich einen Zugang zu deren Funktionsprinzipien erschließen, klar. Aber wo liegt in diesem Fall der Schlüssel?

Versuche mit Fadenwürmern, die in Kalifornien (USA) durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass diese Tiere, die üblicherweise nur zwei Wochen lang leben, mit einem veränderten Gen plötzlich doppelt so alt wurden – und das unter wesentlich besseren Umständen. Sie alterten deutlich langsamer. Es war so, als würde sich ein 90-jähriger Mensch wie ein 45-jähriger bewegen.

Die langlebigen Fadenwürmer hatten einen anderen Hormonhaushalt, weniger Insulin im Blut. Das zeigte sich als zentraler Unterschied zu den kurzlebigen. Insulin regelt die Neubildung von Zellen. Kann man daraus schließen, dass auch Menschen bei verändertem Insulinhaushalt langsamer altern? Untersuchungen von Familien, deren Mitglieder besonders alt werden, weisen darauf hin. Und es scheint diesbezüglich auch Zusammenhänge zwischen der Ernährung (unter anderem geht es hierbei um den Kohlehydrate- sowie Zuckerkonsum) und der Lebensdauer zu geben.

Für eine weitere Entdeckung, die kürzlich die Alterungsforschung beflügelte, sorgte ein kleines Süßwassertierchen, „Hydra“ genannt. Erstaunlicherweise, so fanden Biologen heraus, gibt es bei den Hydren offenbar keinen Alterungsprozess. Die Tiere bleiben gleichermaßen vital und sterben nicht. Ein Geheimnis liegt darin, dass außerordentlich viele Zellen im Körper dieses Tierchens Stammzellencharakter haben. Stammzellen können sich immer wieder teilen. Aus ihnen können entweder Tochterzellen entstehen, die abermals Stammzellencharakter besitzen, oder auch normale Körperzellen. Bei den Hydren sorgen die Stammzellen dafür, dass sich die Tiere im 30-Tage-Rhythmus komplett erneuern.

Bei uns Menschen werden die Stammzellen auch im Alter noch aktiv, sobald irgend etwas repariert werden soll. Dieser Effekt wird bereits medizinisch genutzt. Es gab schon erfolgreiche Herzoperationen, bei denen Patienten eigens gezüchtete Stammzellen in den Herzmuskel injiziert wurden. Die Organfunktion verbesserte sich dadurch dramatisch. Manche Forscher träumen nun sogar davon, mit Hilfe von Stammzellen, die ja Körperzellen produzieren können, komplette Herzen nachwachsen zu lassen.

Interessanterweise fand man jenes Gen – „FoxO“ genannt –, das im Süßwassertierchen „Hydra“ das Altern verhindert, auch im menschlichen Erbgut. Es steuert den Energiehaushalt der Zellen. Und es ist, wie Studien gezeigt haben, in der DNA von Greisen besonders aktiv. Daneben wurden noch drei weitere Gene gefunden, die für die Langlebigkeit eine Rolle spielen könnten. Vermutlich gibt es noch viel mehr. Sie alle zusammen genommen dürften aber nur zu etwa einem Drittel für das Alter maßgeblich sein, das ein Mensch erreichen kann. Überwiegend ausschlaggebend sind nach aktuellem Forschungsstand die Lebensumstände und die Lebensführung.

Dennoch rückt auf Grund solcher Erkenntnisse die „Pille gegen das Altern“ wohl näher. Josef M. Gaßner beispielsweise, den ich zum Anlass der Veröffentlichung seines Buches „Urknall, Weltall und das Leben“ interviewt habe, glaubt, dass Lebensverlängerung künftig „ein ganz großes Thema“ wird und diesbezüglich viele Entwicklungen zu erwarten seien. Denn die Aussicht, irgendwann einmal nicht mehr sterben zu müssen, sei ein wirklich relevantes Zukunftsthema – viel wichtiger als alle künftig womöglich zu erwartenden technischen Entwicklungen. Allerdings stünden wir heute – immerhin sei ja erst vor wenigen Jahrzehnten das Grundkonzept der DNA entschlüsselt worden – diesbezüglich erst am Anfang. Denn die Medizin arbeite noch überwiegend auf der Grundlage von empirischem Wissen. „Es fehlt in diesem Bereich ein Newton oder Einstein, der eine wirklich umfassende Theorie entwickelt“, befindet Gaßner.

Der in vielen Fachbereichen versierte Wissenschaftler spricht damit das Problem an, dass wir die Komplexität, in der sich lebendige Organismen zeigen, noch nicht annähernd verstehen. In der Medizin werden mit Hilfe von Studien an Patienten oder in Laborversuchen zwar Erfahrungsdaten gesammelt, auf Grund derer man angeben kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Medikament wirkt, aber es gibt keine wissenschaftliche Grundlage, die eindeutige Wenn-Dann-Schlüsse beschreibt. „Wenn wir beide zum Arzt gehen und etwas verordnet bekommen, dann weiß der, dass es mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit helfen wird. Aber der Arzt weiß nicht zuverlässig, warum und bei wem es helfen wird und bei wem nicht. In diesem Bereich bewegen wir uns in der Medizin.“

Von einem umfassenden Verständnis des Alterungs- und Sterbeprozesses, das verdeutlichen könnte, „welche Programme dabei ein- und ausgeschaltet werden“ sei die Wissenschaft deshalb „noch ein gutes Stück weit entfernt“. Und es sei auch absehbar, dass wir auf dem Weg zum Erkennen „vor große ethische und moralische Fragen gestellt“ werden, meint Gaßner. „Das wird extrem spannend!“

Derzeit lautet das Motto der medizinischen Forschung jedenfalls: „Das Alter bekämpfen heißt Krankheiten bekämpfen.“ Wenn es gelingt, die Regenerationsfähigkeit des Körpers zu verbessern und zentrale Probleme des Alterns zu lösen (voran die DemenzErkrankungen; etwa ein Drittel der 90-jährigen leidet an einer Demenz), dann würde damit gleichzeitig das menschliche Leben sinnvoll verlängert.

Der Traum von der Unsterblichkeit bliebe allerdings wohl auch dann unerfüllt, wenn wir das Altern weiter und weiter hinauszögern könnten und es gelänge, die damit einher gehenden sozialen Fragen zu lösen. Denn das Lebewesen Mensch ist, medizinisch und biologisch betrachtet, mit großer Wahrscheinlichkeit ein Sterbewesen.

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30 iyul 2025
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9783831257591
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Bookwire
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