Kitabı oxu: «Karpfenkrieg»

Şrift:

Werner Rosenzweig

KARPFENKRIEG

Auge um Auge,

Zahn um Zahn

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Handlung und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und unbeabsichtigt.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Lektorat: Barbara Lösel, www.wortvergnügen.de

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

„Ihr habt gehört, dass da gesagt ist:

Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

(Matth. 5,38)

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Prolog

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Epilog

Weitere Bücher

PROLOG

„Jeder Amtmann soll auf unseren Landgütern Fischweiher halten, wo sie schon waren, ja er soll sie mehren, wo dies möglich ist, und wo früher keine waren, solche aber jetzt sein könnten, solle er sie neu anlegen.“ Das befahl Karl der Große seinen Untertanen, die damals im Mittelalter im heutigen Gebiet des Karpfenlandes Aischgrund lebten. Die wasserstauenden Tonschichten, der Wechsel von Sand und Tonschichten, sowie die klimabegünstigte Lage im Windschatten des Steigerwaldes boten ideale Voraussetzungen für die Entstehung einer der größten Teichlandschaften Mitteleuropas.

Heute ist der Aischgrund das Land der tausend Teiche: Rund 1200 Teichwirte bewirtschaften circa 7000 Weiher mit einer Uferlänge von ungefähr 1400 Kilometern. Mit seinen beeindruckenden Weiherketten und romantischen Landschaften lädt der Aischgrund zu einer Fülle von Urlaubsaktivitäten ein und entwickelt sich immer mehr zu einer beliebten Ferienregion. Auf herrlich gelegenen Radwegen und bezaubernden Wanderrouten – immer in Reichweite: ein Blick auf einen der vielen tausend Teiche – passiert der Urlauber Zeugnisse des Glaubens und der Kultur: Schlösser, Burgen und Kirchen, historische Mühlen, sehenswerte Museen und wunderschön restaurierte Fachwerkhäuser. Ein Idyll, eine heile Welt.

Wirklich eine heile Welt? Wir haben einige Akteure in diesem Buch vor dem 17. August 2014 befragt, denn an diesem Tag begann das große Sterben. Heute könnten einige von ihnen nicht mehr Rede und Antwort stehen. Die Hälfte von denen, die hier ihre Stimmen erheben, sind leider schon verstorben. Durch Mörderhand. Warum und weshalb, das werden wir in der nachfolgenden Geschichte ja erfahren. Damals sagten sie jedenfalls:

„Alles Quatsch“, widersprachen Johann Hammer, Horst Jäschke und Gisbert Holzmichl, die drei Teichwirte aus Röttenbach, Neuhaus und Röhrach, „die Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen will uns verarschen – alles Lug und Trug – und der Kormoran, dieser Hundskrüppel, frisst uns unsere Karpfen weg. So schnell können wir gar nicht schaun. Nichts ist in Ordnung.“

„Endlich geschafft“, triumphierte damals dagegen der Hornauers Jupp. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen. „Endlich ham wir die geschützte geografische Zertifizierung für unsere Aischgründer Karpfen grichd. Is ja a Zeit wordn.“

Viele Teichwirte sahen das anders. Viele durchblickten das gewiefte Spiel des alten Jupp sofort. War er es doch, der den größten persönlichen Vorteil aus der Zertifizierung zog. Der kleine Karpfenbauer, mit der Figur eines Kugelblitzes, war seinerzeit der ertragsstärkste Erzeuger der Region und ein Verfechter artgerechter Fischzüchtung. Nahezu alle Fischteiche um Krausenbechhofen gehörten ihm, und damit war er immer noch nicht zufrieden. Ständig versuchte er, weitere hinzuzukaufen. Aber, wie das im Leben so ist, er hatte nicht nur Freunde und Bewunderer, er hatte auch viele Feinde.

Heino Wassermann, Vorsitzender des Vereins „Umwelt und Tierisches Leben e. V. Hemhofen-Röttenbach“ und seines Zeichens Siemens-Ingenieur in Erlangen, lebte dagegen in zwei Welten: In der beruflichen Frustwelt und in der Frustwelt des gemeinnützigen Vereins, dessen Vorsitzender er seit einem Jahr war. Das berufliche Ambiente kotzte ihn an, weil er mit seinem Gehalt immer noch nicht im übertariflichen Bereich gelandet war. Mit der Vereinsarbeit, welche er gerne und motiviert übernommen hatte – damals vor zwölf Monaten – war er auch bald unzufrieden, weil der Verein in seinen Bemühungen um eine Verbesserung der Umwelt und des Tierartenschutzes nicht so schnell vorankam, wie er sich das vorstellte.

Margot Segmeier, Vereinspräsidentin der „Ferienregion Aischgrund e. V.“, hätte fast verkannt, welche Chancen ihr die Zwistigkeiten und schließlich die scheußlichen Morde boten, welche sich um die geografisch geschützte Zertifizierung des „Spiegelkarpfen a. d. A.“ ergaben. Die gebürtige Preußin – vor vielen Jahren aus Paderborn zugezogen – machte ihren Job gut. Ihre Aufgabe war die touristische Erschließung des Aischgrundes, und sie hatte tatsächlich viele gute Einfälle. Die organisierten Tatort-Führungen war eine ihrer besten Ideen und der Renner in ihrem Ferienprogramm. Davon war sie damals überzeugt. In Folge explodierten die Übernachtungskapazitäten der Hotels und Gasthöfe in der Region. Die Anzahl der Feriengäste stieg proportional zur Anzahl der Morde. Als diese schließlich aufgeklärt waren, hätte Margot Segmeier am liebsten selbst still und heimlich weitergemordet, wenn da nicht dieser unschöne Vorgang gewesen wäre, der sie selbst in Angst und Schrecken versetzte.

Aber nun genug der Worte, bevor an dieser Stelle bereits zu viel verraten wird. Tauchen wir nun ein, in die Geschichte um den fränkischen Karpfenkrieg, der – wie wir bald lernen werden – mit äußerster Härte und Rücksichtslosigkeit geführt wird. Aber so sind sie halt, die Franken: Sie üben Zurückhaltung und viel Geduld, aber wenn die rote Linie mal überschritten ist, dann …

VORGRIFF

Der Anblick war grotesk. Der Körper des Mannes lag bäuchlings auf der schwarzen Folie der Fahrsiloanlage. Seine Arme waren im Neunzig-Grad-Winkel unnatürlich vom Körper abgespreizt. Wie ein lebloser, riesiger Kormoran sah er von oben betrachtet aus. Der Mann war tot. Mausetot. Das konnte selbst ein Laie erkennen, denn die Folie war auf einer Länge von circa fünfzig Zentimetern eingeschnitten und der Kopf des Toten steckte bis zum Halsansatz im Innern der Gärfutteranlage. Der Mann rührte sich nicht mehr. Keine zwanzig Zentimeter daneben stand das transportable Gasmessgerät X-am 5000 der Firma Dräger. Es gehörte Thomas Rusche. Der Forensiker trug einen Atemschutzanzug, der ihn vor den tödlichen Gasen schützte, die immer noch als Stickstoffmonoxid, Stickstoffdioxid und Kohlendioxid aus dem Schlitz entwichen. Thomas Rusche hatte schon viele sonderbare Todesarten untersucht, aber ein Toter auf einer Silage, der offensichtlich von den austretenden, tödlichen Gasen dahingerafft wurde, fehlte ihm noch in seiner Sammlung. Den Kommissar, das Team der Kriminaltechnischen Untersuchungsabteilung und den Rest der Polizeikräfte hatte er angewiesen, in sicherem Abstand zu warten, bis er seine Arbeit beendet hatte und ihnen weitere Anweisungen erteilen würde.

1

Erst vor wenigen Minuten war der große schwarze Vogel auf den knorrigen Ast der Schwarz-Erle geflogen, der weit über die Wasseroberfläche des Tiefweihers hinausragte. Der alte Baum, mit seiner tiefrissigen, grauschwarzen Borke, war direkt am nährstoffarmen Ufer des Fischteiches gewachsen und hatte schon viele Karpfengenerationen erlebt, welche sich im Laufe der Jahre in dem trüben, schlammigen Gewässer tummelten.

Der Vogel äugte auf die heranwachsenden Spiegelkarpfen hinab, die dicht unter der Wasseroberfläche im Schein der warmen, sommerlichen Frühabendsonne dahinzogen. Sie interessierten ihn im Moment nicht. Er war bereits satt und zufrieden. In der letzen halben Stunde hatte er sie während seiner Unterwasserjagd schon gewaltig dezimiert. Nun ruhte er sich aus, blinzelte in die tiefstehende Sonne und streckte seine gewaltigen Schwingen zum Trocknen weit von sich, bevor er sich bald wieder auf den Heimflug machen würde. So verharrte er still und ruhig auf seinem Ast und genoss die idyllische Ruhe, die nur vom Gequake der fetten Wasserfrösche unter ihm unterbrochen wurde. Von der ernsthaften Bedrohung, die sein Leben bald beenden würde, hatte der Vogel keine Ahnung.

Keine fünfzig Meter von ihm entfernt ragte aus dem Rande eines hochstehenden Maisfeldes der Lauf eines Haenel Repetier-Jagdgewehres. Der Schütze, der die aus bestem Stahl und feinstem Holz gefertigte Waffe ruhig in Händen hielt, blickte mit dem rechten Auge durch das Zielfernrohr. Er hatte den Kormoran genau im Visier. Der Mann atmete ruhig ein und aus. Er wollte sein Ziel nicht verfehlen und suchte den Druckpunkt seines Gewehres. Noch immer saß der Vogel ruhig auf seinem Ast. Johann Hammer, Teichwirt und Jäger zugleich, hasste die gefräßigen Fischräuber bis aufs Blut, welche seit einigen Jahren seine Fischernten deutlich dezimierten. Der Mann kannte den Vogel, der dort auf dem Ast saß. Er nannte ihn den Einsamen Jäger und hatte auf ihn gewartet. Der stattliche Kormoran – es handelte sich um ein männliches Exemplar – gehörte nicht hierher. Er lebte drüben in Neuhaus in einer kleineren Kormorankolonie, aber seit einem viertel Jahr kam er immer wieder hierher und labte sich an Johann Hammers zweijährigen Karpfen, die im Tiefweiher ausgesetzt waren.

Wie ein scharfer Peitschenknall zerriss der Schuss die Ruhe über dem Gewässer und hallte von den umstehenden Waldrändern zurück. Selbst die Frösche verstummten augenblicklich. Ein Bussard schreckte aus dem Wipfel einer hohen Buche hoch und schwang sich davon. Nur ein Eichelhäher scheckerte, ärgerlich über die Ruhestörung, aus einem nahestehenden Gebüsch.

Die Metallkugeln der Schrotladung aus Hartblei schlugen mit brachialer Gewalt in den Hals und die Brust des Fischräubers ein. Sein zerfetzter Körper verlor den Halt auf dem Ast und trudelte, sich zweimal überschlagend, der Wasseroberfläche des Tiefweihers entgegen. Es gab nur ein sanftes, kurzes Aufklatschen, als der tote Kormoran auf dem Wasser aufschlug. Die wenigen Wellenbewegungen, die sein Sturz auslöste, verliefen sich rasch. Dann stimmten die Frösche wieder in ihr Konzert ein.

Johann Hammer verließ sein Versteck im Maisfeld, in dem er sich seit mehr als einer Stunde auf die Lauer gelegt hatte. Er sah sich um. Niemand war zu sehen. Dann stapfte er die kurze Strecke auf den Fischweiher zu. Ein langer, dürrer Stecken lag neben der Schwarz-Erle. Er hob ihn auf und lehnte sein Gewehr gegen den Stamm des Baumes. Vorsichtig betrat er den abschüssigen Uferbereich des Weihers. Der tote Vogel trieb leicht schaukelnd auf den sanften Wellen des Fischgewässers, keine zwei Meter von ihm entfernt. Sein Körper war merkwürdig verrenkt. Den getroffenen Hals nach hinten gebogen, einen Flügel weit abgespreizt, bot er einen mitleidserregenden Anblick. Nicht für Johann Hammer. Johann Hammer, oder Hanni der Hammer, wie ihn seine wenigen Freunde nannten, kannte kein Mitleid. Schon gar nicht, wenn es sich um einen toten Kormoran handelte. Vorsichtig stieg er mit seinen hohen Gummistiefeln ins flache Wasser des Uferbereiches. Dunkler Schlamm wirbelte an die Wasseroberfläche. Es stank nach Moder. Hanni der Hammer nahm seinen Stecken in die rechte Hand und beugte sich weit vor. Es reichte. Mit Geduld trieb er den schwimmenden Vogelkadaver näher und näher ans Ufer. Dann packte er ihn an den mit Schwimmhäuten versehenen Füßen und warf ihn respektlos auf die Uferböschung. Der Jäger wusste genau, dass er, gemäß den Bestimmungen der Kormoranverordnung, den Abschuss des Vogels an die zuständige Jagdbehörde melden müsste. Doch darum kümmerte sich Johann Hammer schon lange nicht mehr. Ob es Jagdzeit oder Schonzeit war, auch das interessierte ihn längst nicht mehr. Keuchend überwand er den buckeligen Uferbereich, nahm sein Gewehr wieder auf, packte den Tierkadaver erneut bei den Füßen, und steuerte auf ein dichtes Gebüsch am Waldrand zu. Füchse, Raben und selbst Ameisen sollten auch leben. Sie fraßen ihm keine Karpfen weg, aber einen toten Kormoran verschmähten sie sicherlich nicht. Erneut sah Hammer um sich und lauschte. Dann warf er den Kadaver achtlos in das Gebüsch und deckte ihn notdürftig mit herumliegendem trockenen Laub zu. Die beiden Krähen, die über ihm im Geäst des Baumes saßen, sahen ihm mit Interesse zu.

Die Sonne war zwischenzeitlich vom Himmel verschwunden. Lediglich ein glutroter Feuerball schickte hinter dem westlichen Horizont noch Lebenszeichen von ihr und setzte den Waldwipfeln eine riesige, leuchtende Mütze auf. Während im Osten ein blasser, dünner Sichelmond die nahende Nacht ankündigte, marschierte Hanni der Hammer, laut über seine beschissene Situation nörgelnd, auf dem engen Flurweg zwischen dem Breitweiher und dem Mittweiher dahin. Dann meldete sich sein Mobiltelefon. Er erkannte die Nummer auf dem Display. „Ja, Bertl, was is los?“, meldete er sich.

„Hanni, seit einer Stund versuch ich dich am Telefon zu erwischen“, blaffte ihn sein Gesprächspartner, Gisbert Holzmichl, unfreundlich an.

„Habs ausgschalt ghabt, war auf Kormoranjagd“, erklärte Hanni der Hammer.

„Hast des damische Viech wenigstens derwischt?“

„Und wie, schaut aus wie durchn Fleischwolf dreht.“

„Horch Hanni, es gibt was Wichtiges zu beredn. Der Horst is auch grad da. Kannst schnell mal vorbeikommen?“

„Eigentlich wollt ich etz zur Sissi fahrn. Hab so einen unheimlichen Druck in den Lenden. Weißt schon. Was gibts denn so Dringendes?“

„Du mit deiner Rumvögelei. Wart nur, bis dir eines Tages deine Alte dahinterkommt. Zur Sissi kannst später auch noch fahrn. Es gibt Neuigkeiten von dieser vermaledeiten Genossenschaft. Mir brennt der Buckel, und dir wirds genauso gehn, wenn mer net schnell eine Lösung findn. Unsere Existenz steht auf dem Spiel.“

„Also gut, komm ich halt schnell vorbei“, antwortet Hanni der Hammer widerwillig. „Aber bloß a Stund.“ Der Druck in seinen Lenden hatte sich verflüchtigt. Sissi musste sich noch etwas gedulden. Noch fünf Minuten Fußweg bis zu seinem Jeep Wrangler TJ.

*

„Etz trink erst mal was“, forderte Gisbert Holzmichl den Ankömmling auf, als der sich an den Küchentisch setzte, und reichte ihm eine geöffnete Flasche Alt-Bamberg Zwickl Kellerbier. Auch Horst Jäschke, Teichwirt aus Neuhaus und der Dritte im Bunde, prostete ihm zu. „Hau nei“, forderte er den Hanni auf.

„Also, was gibts denn so Dramatisches?“, wollte der ungeduldig wissen.

„Horch zu, was ich heut erfahren hab“, begann Bertl Holzmichl. „Der Antrag dieser Wichser von der Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen auf eine geschützte geografische Angabe is genehmigt worn.“

„Hör auf“, entglitt es Johann Hammer ungläubig.

„Gell, da staunst“, fuhr der Hausherr in seinen Erläuterungen fort. „Spiegelkarpfen a Punkt d Punkt A Punkt lautet die offizielle Bezeichnung.“

„Und was soll des Gschmarri haßn“, wollte Hanni der Hammer wissen.

„Spiegelkarpfen aus dem Aischgrund“, mischte sich nun auch Horst Jäschke aus Neuhaus in das Gespräch ein.

„Aber das würde ja bedeuten …“, überlegte Johann Hammer laut.

„Ja, ganz genau“, unterbrach ihn der Bertl, „das würde bedeuten, dass das Konzept der Genossenschaft, der Teifl soll sie holen, aufgeht: Nur die Mitglieder der Genossenschaft, und das sind immerhin schon mehr als zweihundert von uns Fischbauern, dürfen dieses Gütesiegel für ihre Fisch verwenden.“

„Dafür“, fuhr nun wieder Horst Jäschke fort, „müssen sie aber die Auflagen für eine artgerechte Zucht akzeptiern, welche die Deppen von der Karpfenteichwirtschaft vorschreiben und die die Genossenschaft veröffentlicht hat.“

„Und wie lauten die?“

„Kannst du dir aus dem Internet runterladen und ausdrucken“, klärte ihn Bertl Holzmichl auf, „aber grob gsacht: Auf einen Hektar Teichfläche dürfen maximal 1,3 Tonnen Karpfen abgfischt werdn. Die Fütterung der Fische muss mer hauptsächlich auf Naturbasis umstellen. Mais derf net zugfüttert werdn. Der Fettgehalt der Fische muss unter zehn Prozent liegn. Die Qualitätsvorgaben für Wasser und Hygiene sind streng und müssen ständig kontrolliert und lückenlos dokumentiert werdn, und die sogenannte Besatzdichte für zweijährige Karpfen derf net größer sein als maximal achthundert Fisch je Hektar. Das ist das, was ich mir gmerkt hab.“

„Des kannst ja vergessen“, entfuhr es Johann Hammer, „die paar Fisch, die dann noch in dem Weiher drin sind, frisst ja scho alla der Kormoran.“

„Genau“, hakte der Teichwirt aus Neuhaus wieder ein und trank seine Bierflasche leer. „Geh zu Bertl, bring mer noch a Zwickl. Aber ihr habts es ja noch besser als ich. Ihr könnt die Scheißvögel vom 16. August bis zum 30. April abknalln, aber meine Weiher liegen im Naturschutzgebiet, des heißt, ich derf die Viecher nur vom 1. September bis zum 15. Januar jagn.“

„Und was mach mer etz?“, wollte Johann Hammer wissen.

„Des weiß ich auch noch net“, zeigte sich Gisbert Holzmichl ziemlich ratlos. „Ich waß bloß, dass die Gastwirte bevorzugt den Spiegelkarpfen a. d. A. kaufen werdn, weil sie ihren Gästen ein biologisch besonders wertvolles Produkt auf den Teller bringa wolln.“

„Aber des is doch Quatsch“, widersprach Hanni der Hammer, „die Fisch brauchn länger, bis sie ihr ideales Schlachtgewicht erreichen und damit werdns automatisch teurer. Die Gastwirt wolln doch mittlere Karpfen, net so klane Hundskrüppl.“

„Des brauchst du uns net zu erzähln“, stimmte ihm Horst Jäschke zu. „Aber des is net des Problem der Gastwirte. Die gebn die Mehrkosten an ihre Gäste weiter, weil die sen bled gnuch und mehr als bereit, dafür an höhern Preis zu bezahlen, weil sie nämlich einen Karpfen a. d. A. dafür kriegn.“

„Leut, so kommer net weiter“, schlug Johann Hammer vor, „die Situation muss gründlich überdacht werdn, und des machen wir auch. Heut is Montag, der 11. August 2014. Habt ihr am kommenden Samstag, am 16., scho was vor?“

Horst Jäschke und Gisbert Holzmichl schüttelten nach einem kurzen Nachdenken die Köpfe.

„Dann kommt ihr am Samstag so gegen siema zu mir nach Röttenbach. Grill mer a weng. Bis dorthin kann sich jeder von uns überlegn, was wir unternehma. Is des was?“

„So mach mers“, stimmte der Bertl zu.

„Genau, so mach mers“, wiederholte Horst Jäschke aus Neuhaus.

„Und etz fahr ich zur Sissi“, verkündete Hanni der Hammer und griff sich in den Schritt seiner Hose, „ich spür ihn scho wieder, diesen Druck …“

2

Die Sektkorken knallten in den Büroräumen der „Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen“ in der Brauhausgasse in Höchstadt an der Aisch. Die lokale Politprominenz war zahlreich vertreten, als da waren: Walter Dillich, Staatssekretär und Bundestagsabgeordneter der CSU, Gerhard Trittweich, Landrat der CSU, Bürgermeister Hans Duffner aus Höchstadt an der Aisch, Sabine Hummert, Bürgermeisterin aus Neustadt an der Aisch, Benno Unterholz, Vertreter des Bayerischen Landesamtes für Landwirtschaft und Leiter der Außenstelle für Karpfenteichwirtschaft in Höchstadt an der Aisch. Die Namensliste der Bürgermeister der umliegenden kleineren Dörfer und Gemeinden, sowie die Namen aller Stadt- und Gemeinderäte hier zu nennen, wäre reine Papierverschwendung.

Punkt elf Uhr dreißig betrat Josef Hornauer, der erfolgreiche Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, die Büroräume. Die Unterhaltungen der geladenen Gäste verstummten, und tosender Beifall empfing den Jupp, wie sie ihn alle liebevoll, aber auch mit größtem Respekt nannten. Ihm und seinem persönlichen Einsatz war es zu verdanken, dass diese Feier heute, am Dienstag, den 12. August, stattfinden konnte.

Der Hornauers Jupp rühmte sich der größte Teichwirt im Aischgrund zu sein, was sich jedoch nicht auf seine körperlichen Maße bezog – da ähnelte er mehr der Gestalt eines kleinen, dicken Zwerges – sondern auf die Flächen seiner Fischweiher, die ausnahmslos in der Umgebung von Krausenbechhofen lagen. Dreiundsechzig Lenze zählte der Jupp nun, aber ans Aufhören dachte er noch lange nicht. Wozu auch? Gerade feierte er einen seiner größten Erfolge. „Seine Fische seien zu klein“, warfen ihm dereinst viele Gastwirte vor, die bei ihm einkauften und genau wussten, dass die „mittleren Karpfen“ von ihren Gästen am häufigsten nachgefragt wurden. Doch das störte den Jupp nicht. „Aber es kommt doch auf den Geschmack an“, argumentierte er. „Meine Karpfen werden artgerecht gezüchtet und sind biologisch wertvoll.“ Dennoch, das ständige Genörgel der Gastronomen ging ihm langsam auf den Sack. Also schaltete Jupp Hornauer die Politik ein. „Genau wie die Nembercher ihre Bratwurst ham schützn lassen, genauso brauchn wir eine geschützte geografische Angabe für unsere Karpfen“, argumentierte er. „Oder wollt ihr, dass bei uns Fisch aus Poln verkaft werdn und wir unsern Beruf an den Nagel hänga könna?“ Da hatte er den Nerv der Lokalpolitiker getroffen. Es ging um den Erhalt von Arbeitsplätzen. Die rannten los, ackerten und sprachen mit anderen Politikern auf Landes- und Bundesebene, und siehe da, am Freitag der vegangenen Woche erhielt die Genossenschaft ein hochoffizielles Schreiben, wonach ihr das Zertifikat „Spiegelkarpfen a. d. A.“ zugesprochen wurde, was so viel heißt wie „Spiegelkarpfen aus dem Aischgrund“. Der Jupp triumphierte innerlich, konnten in Zukunft doch die Gastwirte, welche einen a. d. A.-Karpfen auf den Tisch bringen wollten, nur noch bei der Genossenschaft kaufen, denn nur deren Mitglieder hatten sich den vorgeschriebenen Aufzuchtsbedingungen verpflichtet und bekamen für ihre Fische das begehrte Gütesiegel. Und bei der Genossenschaft war er größter Erzeuger und Vorstandsvorsitzender.

Der Hornauers Jupp genoss den tosenden Beifall, der ihm entgegenbrandete. Die Vertreter der lokalen Presse veranstalteten ein wahres Blitzlichtgewitter, als die kleine, gedrungene Gestalt sichtlich stolz auf das Rednerpult zustrebte, welches in einer Ecke des Raumes aufgebaut war. Das rege Stimmengewirr verstummte augenblicklich, als der Genossenschafts-Vorsitzende das Rednerpult für sich vereinnahmte, das Mikrofon zu sich herabzog und in die Runde blickte. Ihm gefiel, was er da vor sich sah. Dann erhob er laut und kräftig das Wort: „Liebe Freunde der Aischgründer Teichwirtschaft, liebe Kollegen, liebe Vertreter unserer kommunalen und überregionalen Politik, heute ist ein besonderer Tag, auf den wir alle mächtig stolz sein können. Das Zertifikat für die lange beantragte und sehnsuchtsvoll erwartete geschützte geografische Angabe für unsere Aischgründer Spiegelkarpfen ist da.“ Erneut brach tosender Beifall aus. Blitzlichter zuckten durch die Büroräume, als Jupp Hornauer die Arme in die Höhe riss und allen Anwesenden das V-Zeichen entgegenstreckte. Als sich der Applaus gelegt hatte, fuhr er fort: „Die Zertifizierung für unsere Fische ist auch ein Sieg für unsere artgerechten Züchtungsmethoden und wird Maßstäbe setzen.“ Erneutes Klatschen. „Was artgerechte Züchtung bedeutet, nun darüber berichten wir in einem neu gedruckten Flyer, der gleich in diesen Büroräumen ausgelegt wird. Insbesondere die Vertreter der Presse möchte ich darum bitten, in ihrer Berichterstattung darauf hinzuweisen, denn ihre Leser, die Endverbraucher, sollten wissen, dass nur ein mit der Bezeichnung Spiegelkarpfen a. d. A., bezeichnetes Produkt wirklich biologisch wertvoll ist. Die Teichwirte, welche noch nicht Mitglied unserer Genossenschaft sind, lade ich herzlich ein, uns beizutreten. Aufnahmeformulare finden Sie am Ausgang unserer Büroräume. Mehr als zweihundert Ihrer Kollegen sind diesen Weg bereits zufrieden und erfolgreich gegangen. Unsere Mitglieder kommen, in alphabetischer Reihenfolge, aus den Gemeinden Adelsdorf, Dachsbach, Gremsdorf, Gutenstetten, Heroldsbach, Höchstadt an der Aisch, Ipsheim, Lonnerstadt, Marktbergel, Mühlhausen, Neustadt an der Aisch, Oberreichenbach, Pommersfelden, Uehlfeld, Vestenbergsgreuth und Weisendorf. Und nun liebe Freunde und Gäste, hab ich mich gnuch angstrengt, hochdeutsch zu redn, etz hör ich auf mit meim Gwaaf, und wir solltn etz zum gmütlichen Teil übergehn und unsern Erfolg feiern. In zehn Minutn kumma Weißwürscht und frische Brezn, damit ihr mir net verhungert.“ Von Hochrufen und Beifall begleitet, verließ der Hornauers Jupp das Rednerpult. Ein süffisantes, zufriedenes Lächeln lag auf seinen Lippen.

*

Kunigunde Holzmann, Margarethe Bauer und Dirk Loos hatten es endlich geschafft, das neue Fernsehgerät der Marke Philips einzurichten. Gerade meldete der neue Flachbildfernseher, dass der Sendersuchlauf erfolgreich abgeschlossen wurde, und Bild und Ton erschienen auf dem Bildschirm, beziehungsweise tönten aus den Lautsprechern. „Des ist doch a Tatort“, stellte Kunigunde Holzmann fest, „mitn Leitmayr, mein Liebling. Schaut amol des scharfe Bild an“, forderte sie die beiden anderen auf.

„A Wiederholung“, merkte Margarethe Bauer an. „Des Dritte bringt immer Wiederholunga. Ham mer scho gsehn.“

„Stimmt“, bestätigte ihre Freundin, „etz, wos des sagst. Des war doch die Sendung, wo der blede Batic völlig daneben war und auf den falschen Mörder tippt hat. Waßt scho, wo der Leitmayr den Täter mehr oder weniger im Alleingang überführt hat. Kannst dich da nemmer dran erinnern?“

„Doch kann ich scho“, holte die Angesprochene zum Gegenschlag aus, „des war doch der anziche Fall wo sich der Batic – der beste Kriminaler aller Zeiten – mal geirrt hat. Sunst is doch immer der Leitmayr der Blede.“ Die beiden Freundinnen waren bei einem ihrer Lieblingsthemen angekommen, bei dem ihre Meinungen völlig auseinander gehen, obwohl sie sich schon von Kindesbeinen an kennen. Beide sind in Röttenbach geboren, gingen dort zur Schule und leben immer noch in dem Dorf, gar nicht weit voneinander entfernt. Kunigunde Holzmann bewirtschaftet in der Kirchengasse ihr kleines Häuschen, und quasi gleich um die Ecke, in der Lindenstraße, lebt ihre Freundin, mit einem Untermieter unter dem Dach. Wenn man so will, sind sie nie aus Röttenbach herausgekommen. Ihre Ehemänner hat der Herrgott schon vor Jahren zu sich geholt. Nur die Kunni hat noch eine verwandtschaftliche Beziehung im Ort. Ihr Neffe Gerald Fuchs, Kommissar der Erlanger Mordkommission wohnt in der Erlanger Straße. Sie sieht ihn nicht oft. Irgendwie haben sie zu unterschiedliche Ansichten, was die Vorgehensweise bei kriminalistischen Ermittlungenangeht. Und außerdem ist er so ein blöder Hund: Da arbeitet er seit Jahren mit so einer netten, attraktiven Assistentin zusammen, aber dass er als Single mal die Chance wahrgenommen hätte … Wie gesagt, in jeder Hinsicht einfach zu blöd. Im Dorf sind die beiden Witwen als die Kunni und die Retta fast jedermann bekannt. Nach außen hin völlig unterschiedlich, sind sie doch die besten Freundinnen. Einzig die Fernsehserie Tatort, welche nahezu jeden Sonntag im Ersten läuft, verursacht hie und da einen im Grundsatz nicht ernst zu nehmenden Streit zwischen den beiden – besonders wenn die beiden Münchner Kommissare Leitmayr und Batic ermitteln. Während die Kunni Kommissar Leitmayr und seine kriminalistischen Fähigkeiten fast abgöttisch verehrt, steht die Retta mehr auf seinen Kollegen Batic. Gerade weil die Kriminalistik sich in den letzten Jahren zu einem der Steckenpferde der beiden entwickelt hat – sie haben schon so manchen verzwickten Fall gelöst – geraten sie sich darüber nicht selten in die Haare. Doch solche Dispute sind immer nur von kurzer Dauer und werden nur oberflächlich ausgetragen. Weit vor der Kriminalistik rangiert ein anderes Hobby: Die beiden essen für ihr Leben gern. Nicht alles. Wenn schon denn schon, und das bedeutet im Fall der beiden Röttenbacherinnen vorzugsweise Gerichte aus der fränkischen Küche. Deftige Schäuferle, gebackene Karpfen aus heimischen Gewässern und Krautwickerli stehen ganz oben auf ihrer Hitliste. Grünkohl, Pinkel und ähnliches preußisches Gefresse, meiden die beiden wie der Teufel das Weihwasser. Neben den kulinarischen Exzessen betreiben die beiden Witwen außerdem ein exzellentes Networking, was heißen soll, sie lieben Klatsch und Tratsch. Was auch immer im Dorf passiert, sie sind stets bestens informiert. Sie kennen Hinz und Kunz, und selbst über so manche zugezogene Preußen wissen sie im Detail Bescheid. Natürlich führt ihr fortgeschrittenes Alter – sie befinden sich mittlerweile im vierundachtzigsten Lebensjahr – zu so manchem Handicap. Insbesondere was ihre Mobilität angeht. So bringt die Kunni bei einer Körpergröße von einem Meter neunundfünfzig ein stattliches Kampfgewicht von circa vierundachtzig Kilogramm auf die Waage. Dass da Probleme mit ihren Knien nicht ausbleiben, ist nicht verwunderlich. Immer öfter greift sie zum Rollator. Die Retta hingegen ist rank und schlank und läuft wie der Motor eines Ferraris, frisch aus der Fabrik. Okay, sie spürt die Gicht in ihren Fingergelenken, aber ihre schlanke Figur und ihr modisches Outfit geben ihr – aus der Ferne betrachtet – das Aussehen einer Endfünfzigerin. Darauf ist sie mächtig stolz.

„Aber meine Damen“, intervenierte Dirk Loos höflich wie immer, „ihr werdet euch doch wegen dieser blöden Tatort-Wiederholung nicht in die Haare geraten.“ Diese Bemerkung war ein großer Fehler, wie er feststellen musste. Ein Ruck ging durch die beiden Witwen. Sie erstarrten zu Salzsäulen. Nach einigen Sekunden der Erstarrung kam wieder Bewegung in die beiden. Sie stemmten die Fäuste in die Hüften und wandten sich drohend dem Rentner aus dem Sauerland zu.

„Blede Tatort-Wiederholung! Hab ich da richtig ghert?“, flippte die Kunni aus, „wenn mei Leitmayr im Fernsehn auftritt! Was isn da dran bled? Des is doch allerahand! Dirk! Willst du mich und die Retta persönlich beleidign? Hast du dir genau überlecht, was du da gsacht hast? Retta, etz sach du a was dazu“, forderte Kunni ihre Freundin auf.

Das Funkeln in Margarethe Bauers Augen ließ Böses erahnen, als sie ihren Untermieter unfreundlich anging. „Dirk“, begann sie, „hab ich dir eigentlich scho amol die Miete erhöht? Ich glab net. Wie kannst du bloß sagn, dass die Kunni und ich blede Sendungen anschaua, wenn unser Batic und unser Leitmayr Verbrecher jagn? Des is höchste Kunst, was die zwa da zelebriern. Vom Feinsten. Da kannst du die zwa Deppen in Münster oder in Köln vergessen. Also, ich muss mich scho wundern über deine Äußerung!“

Dirk Loos, der immer Höfliche und Hilfsbereite, der vor Jahren aus dem Sauerland nach Franken gezogen war und seitdem im ersten Stock von Rettas Haus eine Dreizimmerwohnung belegt, war sichtlich irritiert. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Er wollte doch nur schlichten. Er hatte keine böse Absicht, die beiden Damen zu beleidigen. Insbesondere Retta nicht, die er ihres attraktiven Aussehens wegen heimlich verehrte, auch wenn sie fast neun Jahre älter war als er. „Ich denke, ich gehe mal lieber“, stammelte er reuevoll. „Heute ist nicht mein Tag. Ich hatte keineswegs die Absicht, euch beide zu beleidigen. Das liegt mir völlig fern, und das solltet ihr bitte auch wissen. Ich habe mich offensichtlich ungeschickt ausgedrückt, was ich hiermit auf das Außerordentlichste bedauere. Ich wünsche den Damen noch einen schönen Tag, und viel Spaß mit den Herren Leitmayr und Batic. Solltet ihr mich dennoch nochmals brauchen, so sagt mir einfach Bescheid.“ Mit diesen Worten näherte er sich der Haustür, öffnete sie, und schlich mit hängendem Kopf davon.

„Dass der immer so empfindlich sei muss, dei Freund“, stellte die Kunni fest.

„Des is net mei Freund“, begehrte die Retta auf.

„Irgendwie scho“, widersprach die Kunni. „der steht doch auf dich. Ich kann zwar net verstehn, warum, weil an dir is doch nix dran. Aber die Geschmäcker sind halt verschieden, sacht man.“

„Was willstn etz damit scho widder sagn?“, brauste die Retta auf“, schau di doch selber an. Ein Rettungsreifen an dem andern. Werst scho langsam auf die hunnert Kilo zugeh?“

„Willst mi scho widder provoziern, wie vorhin mit deim bleden Batic?“

„Und du mit deim doofen Leitmayr“, gab die Retta zurück, „sogar der Dirk hat gsacht, dass der Leitmayr bled is.“

„Hat er net!“

„Hat er doch!“

3

Am Mittwoch, den 13. August kam Hanni der Hammer mal wieder weit nach Mitternacht von Sissi der Nutte zurück. Er stank nach billigem Parfüm und Zwetschgenschnaps. Auf der Straße vor dem Haus parkte der rote Fiat 500. Dieser Wagen war ihm ein Dorn im Auge. Hanni betrat das Wohnzimmer. Seine Frau Jana war, mit dem Neuen Testament in den Händen, auf dem Sofa eingeschlafen. Auf RTL lief eine Wiederholung von Bauer sucht Frau. „Wie es Schäfer Rainer mit seiner Heike erging, werden wir gleich sehen“, verkündete die Moderatorin Inka Bause.

„Nix werdn mir sehn“, widersprach Johann Hammer, „so a Gschmarri“ und schaltete das Fernsehgerät ab. Der grobe Kerl machte keinerlei Anstalten, seine Frau vorsichtig zu wecken. Er packte sie am Oberarm und rüttelte sie kräftig durcheinander. „Is er scho widder da, der Türk?“, polterte er, als sie die Augen aufschlug. „Warum lässt du den überhaupt ins Haus?“, warf er seiner Frau vor. Jana Hammer war noch schlaftrunken und musste sich erst orientieren. Ihr Oberarm schmerzte. Sie riss sich von ihrem Mann los. Augenblicklich stieg ihr der Gestank, den ihr treuloser Mann ausstrahlte, in die Nase. In jungen Jahren musste sie eine wahrlich attraktive Frau gewesen sein, mit ebenen Gesichtszügen und einer kräftigen dunklen Haarpracht, die ihr auch heute noch bis in den Nacken fiel. Doch zwischenzeitlich hatten sich jede Menge Silberfäden in ihre Frisur geschlichen, und die Gräben ihrer Mundwinkel wurden immer tiefer. Mit ihren achtundvierzig Jahren war sie eine gebrochene Frau. Sie konnte und wollte nicht mehr. Ihr war alles egal. Dass ihr Mann sie seit Jahren betrog, hatte sie längst herausgefunden. Am Anfang war sie schockiert, doch zwischenzeitlich war es ihr ganz recht. So hatte sie wenigstens im Bett ihre Ruhe vor ihm. Als überzeugte Katholikin kam für sie eine Scheidung in keinster Weise in Betracht. Lieber lebte sie mit diesem Horror. Dennoch, fünfundzwanzig Jahre Zusammenleben mit diesem Mann hatten sie verändert, gingen nicht spurlos an ihr vorüber. Sie hatte jegliche Eigeninitiative längst verloren. Sie reagierte nur noch – ab und zu, und … sie hatte ihr Leben in die Hände der katholischen Kirche gelegt.

„Wer is da?“, wollte sie wissen, als sie die Frage ihres Mannes begriff.

„Na der Türk. Der Freind vo der Chantal. Sei Klapperkistn steht draußn vorm Haus.“

„Hab ich gar net gmerkt, dass der sich ins Haus gschlichn hat“, antwortete sie sichtlich müde und desinteressiert.

„Dem werd ich etz Beine machn“, brach es voller Wut aus Johann Hammer heraus. „Der hat immer noch net begriffen, dass wir kann Kümmeltürkn im Haus ham wolln. Da kann der su gscheit sei und studiern, was er will. Alles, bloß kan Türkn. Übrigens, da fällt mer nu ei, ich hab den Horst und den Bertl am Samstoch zum Grilln eigladn. Müssn was geschäftlich besprechen. Wegn der Teichgenossenschaft. Waßt scho. Kaffst du bis dorthin nu a Fleisch ei? An eiglechtn Bauch, a poar Steaks, Bratwerscht und vielleicht nu a poar Rippli. Wennst uns an Bodaggnsalat und an grüna Salat dazu machen tätst, wär des a net schlecht. So, und etz haui den Türkn zum Haus naus.“

*

Ungefähr zur gleichen Zeit fuhr Horst Jäschke, Knöllchen-Horst, mit seinem Ford Kuga hinter einem VW Tiguan her. Er wusste, wer da am Steuer saß und am frühen Donnerstagmorgen in Zickzacklinien die B 470 in Richtung Höchstadt an der Aisch fuhr. Der kleine Dicke am Steuer des VW kam aus Uehlfeld. Genauer gesagt aus dem Brauereigasthof Zwanzger. Knöllchen-Horst wusste auch, wohin der kleine Dicke wollte, ohne dass er ihn dazu befragt hätte. Die beiden Pkws näherten sich bereits der Stadtgrenze von Höchstadt an der Aisch. Eine Minute später preschte der Tiguan in Höchstadt in den Kreisverkehr, dort, wo Fridolin, die steinerne Karpfenskulptur steht, nahm die zweite Ausfahrt, gab erneut Gas und raste auf der Bundesstraße weiter. Horst Jäschke folgte dem VW, der fast geradewegs über den Kreisel hinweg gedonnert war. Die Bullen hatte er längst angerufen, als der kleine Dicke schwankend aus dem Gasthaus in Uehlfeld gestolpert war und sich auf die Suche nach seinem Fahrzeug begeben hatte. Die Polizei musste eigentlich jeden Moment auftauchen. Bis Krausenbechhofen würde der Fahrer vor ihm es nicht mehr schaffen. Da war er sich sicher. Ein paar hundert Meter weiter, auf der Höhe vom OBI-Markt, standen sie am Straßenrand der B 470. Als der VW Tiguan sich dem Baumarkt näherte, begann plötzlich das Blaulicht zu rotieren und eine rot beleuchtete Kelle forderte zum Stopp auf. Die Bremslichter des VW leuchteten nur kurz auf, dann gab der Fahrer dem Tiguan erneut die Sporen. Der einhundertachtzig PS starke Motor brüllte auf und das Fahrzeug machte einen Satz nach vorne. Der Polizist mit der Kelle in der Hand vollzog ebenfalls einen Sprung, allerdings in den rettenden Straßengraben. Dann ging alles sehr schnell. Der Beamte krabbelte aus dem Straßengraben, spurtete zum Polizeifahrzeug und hüpfte auf den Beifahrersitz. Sein Kollege hatte den Motor bereits angelassen, schaltete das Martinshorn ein und jagte wie ein geölter Blitz dem Tiguan hinterher. „Das wird lustig“, dachte sich Knöllchen-Horst, gab seinem Ford ebenfalls Zoff und brauste seinerseits dem Polizeifahrzeug hinterher. Die Bescherung sah er wenige Minuten später: Mitten in Gremsdorf, dort, wo eine Abzweigung rechts nach Krausenbechhofen und Poppenwind abgeht, lag ein hoher, gebogener Ampelmast, sauber abgeknickt, mitten auf der Fahrbahn. Die Frontpartie des VWs war eingedellt, und aus dem Motorraum des Tiguan stieg zarter Qualm in die laue Sommernacht. Einer der Polizisten sicherte die Straße, während sein Kollege einen um sich schlagenden, pöbelnden, kleinen Dicken gewaltsam aus dem beschädigten Pkw zog. „Lasst mich in Ruh“, schrie der aufgestellte Mausdreck erbost, „ich kumm scho alla ham. Was wollt ihr denn vo mir? Wisst ihr überhapt, wer ich bin? Haut ab, sonst hau ich eich zwa Kaschper eine in eire Fressn.“

„Des werdn wir scho noch sehn, wer wem eine in die Fressn haut“, reagierte Polizeihauptwachtmeister Max Wunderlich erbost. „Etz kummst erscht amol mit zur Blutprobe, Berschla.“

„Nix, ich will ham“, schrie der kleine Dicke, den der Polizist in den Schwitzkasten nahm, und ihn zum Polizeifahrzeug schleppte.

„Lass mi los“, schrie der Fahrer des Tiguan zappelnd, „ich bin der Hornauers Jupp, der Vorstandsvorsitzende von der Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen.“

„Und ich bin Max Um-Lei-Tung, der chinesische Verkehrsminister“, entgegnete ihm Max Wunderlich. „Wennsd weiter so um dich schlägst, muss ich dich fixiern.“

Horst Jäschke hatte seinen Ford in der Nähe geparkt und war ausgestiegen. Er hatte bereits zehn Fotos auf seinem Samsung Galaxy S4 abgespeichert und amüsierte sich königlich. „Kann ich helfen?“, fragte er scheinheilig den Polizeibeamten, der die Straße sicherte. „Ich sehe, Sie haben anscheinend Probleme mit dem Besoffenen da drüben“, und reckte dabei sein Kinn in Richtung Polizeifahrzeug, in welches Max Wunderlich gerade den randalierenden Genossenschaftsvorsitzenden verlud.

„Danke“, meinte der Polizist, „aber die Verstärkung müsste jeden Moment eintreffen.“

„Na, dann is ja gut“, meinte Knöllchen-Horst. „dann kann ich ja weiterfahrn. Ich wünsch Ihnen noch eine ruhige Nacht, und passens auf den kleinen Dicken auf. Der schaut so aus, als ob er net ganz einsichtig is.“

„Des sen die Bsuffna meistens net. Der braucht bloß nu a weng an Ärcher machn, dann wandert der in die Ausnüchterungszelln. Mit dem werdn wir scho fertig. Der hat ja mindestens zweieinhalb Promill.“

„Des waß ich net“, meinte Horst Jäschke hinterlistig, „aber Sie brauchn ja bloß den Wirt von der Brauerei Zwanzger in Uehlfeld zu fragen, was der alles trunkn hat.“

„Woher wissen etz Sie des, wo der einkehrt is?“

„Na, ich fahr dem ja scho seit Uehlfeld hinterher“, erklärte Horst Jäschke, „der is solche Schlangenlinien gfoahrn, dass ich mich net amol überholn hab traut.“

„Könna Sie des bezeugen?“, wollte der Beamte wissen.

„Jederzeit!“

„Derf ich dann noch Ihre Personalien aufnehma?“

„Jederzeit!“, antwortete Horst Jäschke erneut. „Des is ja auch meine Bürgerpflicht, die Polizei zu unterstützen.“ Er war hochzufrieden mit sich selbst. Es hatte sich gelohnt, dass er dem Hornauer gefolgt war, als der ihn am frühen Abend kurz nach Gremsdorf mit Hundert überholt hatte, obwohl dort nur siebzig Kilometer pro Stunde erlaubt waren. Als der Dicke in Uehlfeld im Brauerei Gasthof Zwanzger verschwunden war, witterte er seine große Chance, denn der Hornauer war dafür bekannt, dass er gerne mal einen über den Durst trank, auch wenn er mit dem Auto unterwegs war. Okay, er hatte Stunden mit Warten zugebracht, aber je länger es dauerte, desto mehr wuchs seine Zuversicht, dass sich der kleine Rambo ordentlich angesoffen ans Steuer setzen würde. Seine Rechnung ging auf. Eines würde er daheim noch tun, bevor er zu Bett ging: Er würde seinen Kontakten bei den „Nordbayerischen Nachrichten“ und beim „Fränkischen Tag“ noch eine E-Mail mit ein paar Fotos und einem Kurzkommentar schicken. Er spürte, wie das Adrenalin immer noch in ihm wütete.

4

Am Samstag, den 16. August 2014 berichteten die Nordbayerischen Nachrichten auf der ersten Seite des Regionalteils:

Schwere Alkoholfahrt – Ampel umgefahren

Kostet die Alkoholfahrt dem Vorstandsvorsitzenden der Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen Amt und Ansehen? Mit 2,5 Promille Ampel umgefahren und Polizeibeamte bedroht.

Zu einer spektakulären Verfolgungsjagd kam es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Nachdem die Landpolizei Höchstadt an der Aisch einen anonymen Anruf erhalten hatte, in dem der Hinweis auf eine Alkoholfahrt gegeben wurde, gingen zwei Beamte des Streifendienstes der Sache nach und legten sich im Stadtgebiet auf der Bundesstraße 470, auf Höhe des örtlichen OBI-Marktes, auf die Lauer. Es dauerte keine zehn Minuten, als sich der gemeldete VW Tiguan mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit der Verkehrskontrolle näherte. „Als uns der Fahrer gesehen hatte, bremste er erst leicht ab“, wird einer der beteiligten Beamten, Polizeihauptwachtmeister Max Wunderlich zitiert, „dann plötzlich gab er Gas und fuhr direkt auf mich zu. Wenn ich nicht in den Straßengraben gesprungen wäre, hätte er mich überfahren. Wir verfolgten ihn dann bis Gremsdorf, dort fuhr er bei der Abbiegung nach Krausenbechhofen die Ampel um. Als ich ihn dann aus dem Auto herauszog, wurde er auch noch frech und bedrohte mich.“ Wie sich anschließend herausstellte, handelt es sich bei dem Unfallverursacher und Alkoholsünder um keinen Unbekannten im Landkreis. Erst Anfang der Woche feierte er mit hoher, lokaler Politprominenz einen spektakulären Erfolg seiner Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen, welche aufgrund seiner Initiative mit einem wertvollen Qualitätszertifikat für den Aischgründer Spiegelkarpfen ausgezeichnet wurde. Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Konsequenzen die Alkoholfahrt für Josef H. haben wird. Wäre es verträglich, wenn er seine Aufgabe als Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft beibehalten würde, oder ist er auf dieser Position nicht länger tragbar? Wir haben versucht, vom stellvertretenden Vorsitzenden, Waldemar Keller, hierzu eine Aussage zu erhalten, die uns aber leider versagt wurde. Der Alkoholfahrer wurde am Donnerstagmorgen aus der Ausnüchterungszelle nach Hause entlassen. Sein Führerschein wurde eingezogen. Er muss mit einer Strafanzeige rechnen. Wer den anonymen telefonischen Hinweis gegeben hat, ist nicht nachvollziehbar. „Der Anruf kam aus einer öffentlichen Telefonzelle in Uehlfeld“, klärte uns Polizeihauptwachtmeister Max Wunderlich auf. Dass der Verkehrssünder aufgrund seiner Position in der Genossenschaft nicht nur Freunde hat, ist allgemein bekannt. Schadenfrohe Stimmen behaupten, dass er mit dem kürzlich erhaltenen Qualitätszertifikat hauptsächlich Eigeninteressen verfolge.

*

„Super, Horst“, wieherte Hanni der Hammer, „des hast du eins a gmacht.“ Die Fotos, die Knöllchen-Horst zwei Nächte zuvor in Gremsdorf gemacht hatte und die zeigten, wie der Vorsitzende der Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen in das Polizeifahrzeug verfrachtet wurde, lagen ausgedruckt auf dem Tisch herum. Es waren die gleichen Fotos, wie sie auch in den lokalen Medien abgedruckt waren.

„Des kost dem Hornauer sein Job als Genossenschafts-Boss“, gab sich auch Bertl Holzmichl zuversichtlich. Kennt ihr den Waldemar Keller?“

„Des is der gleiche Depp“, meinte Horst Jäschke, „a su a Bio-Freak. Wohnt und hat seine Weiher in Dachsbach. Da kummt nix Bessers nach. Des kannst vergessen.“

„Schad“, gab sich der Bertl enttäuscht.

Die drei Teichwirte saßen in Johann Hammers Gartenlaube und tranken ihr erstes Bier. Draußen im Garten, am Hang, der zum Brünnleinsgraben abfiel, glühten die Holzkohle-Eierbricketts in einem gusseisernen Grill und warteten auf die ersten Fleischstücke. „Trinkt aus“, ordnete der Hausherr in der Laube an, „ich glab, mir kenna des erschte Fleisch auflegn. Bertl, machst nu drei Fläschli auf, des Bier is im Kühlschrank. Und nachm Essen sollt mer mal drüber redn, was wir etz machen.“

„Geh mer zum Essn naus“, schlug Knöllchen-Horst vor, „Bertl, bringst die Seidli mit?“

„Geht ner zu, ich bring des Bier scho mit naus.“

Johann Hammer schmiss die von seiner Frau vorbereiteten, marinierten Fleischstücke auf den Grillrost. Nach wenigen Sekunden fielen die ersten Fetttropfen auf die glühende Holzkohle. Es zischte und sprutzelte. Qualmwölkchen stiegen auf, und hie und da zuckte eine Flamme nach oben und versuchte sich des Grillgutes zu bemächtigen. Johann Hammer passte auf. Sofort schüttete er etwas Bier auf den Brandherd. Erneut zischte und sprutzelte es, bis an anderer Stelle eine neue Flamme hochschlug.

„Was is Horst“, wollte er von dem Neuhauser Teichwirt wissen, „hast du dir etz scho mal überlecht, ob du den Angerweiher, den Großen Torweiher und den Großen Neuweiher an den Bertl und an mich verkafst? Schau, etz wirst bald dreiasechzig. Mit dem Kormoran ärgerst du dich sowieso ständig rum, hast gsacht. Könnst doch deim Hobby nachgehn und Autos aufschreibn, die falsch geparkt sen, wennst dich nimmer um dei Fisch kümmern müssest. Also dei Fra hätt nix dagegen, hats gsacht …“

„Mei Fra, seit wann redsnt du darüber mit meiner Fra?“, brauste Knöllchen-Horst auf. „Ich habs eich scho a poar mal gsacht: Ich verkaf nix. Basta. Und wenn ihr meine Weiher wollt, dann red gefälligst mit mir da drüber und net mit meiner Fra. Verstanden?“

„Is ja scho gut, Horst. Etz reg dich halt net su auf. Habs ja bloß gut gmant.“

Nebenan, unten im Brünnleinsgraben, quakten die Frösche, und auf dem kleinen Weiher, drüben in den Feuchtwiesen, zogen zwei Kanadagänse ihre Bahnen. „Sche habt ihrs da“, kommentierte der Bertl, „bloß die Hauptstraß is a weng zu nah dran.“

„Da hast recht“, bestätigte der Hausherr und goss erneut etwas Bier auf den Grill. „Die Lkw machen an gscheitn Lärm, aber mier ham uns scho dran gwöhnt. Horst, wo hastn dei Auto parkt?“

„Auto? Des steht dahamm in der Garage.“

„Sach bloß, du bist zu Fuß kumma?“

„No frali, des sen ja bloß knapp drei Kilometer durchn Wald. A Spaziergang sozusagn.“

„Und hamwärts?“, wollte der Bertl wissen.

„Hamwärts sens a bloß drei Kilometer”, antwortete Horst Jäschke feixend. Er hatte sich zwischenzeitlich wieder beruhigt.

„Doldi“, ging ihn Bertl Holzmichl an, „des waß ich a. Ich man, wennst bsuffen bist, dann läfst du a durch den dunkln Wald? Do siehgst doch nix.“

„Deswegn hab ich ja a mei Taschnlampn dabei, und bis ich daham bin, bin ich a widder nüchtern.“

„Mir kenna essn“, verkündete Hanni der Hammer, „hockt eich hie. Bertl, hulst du noch den Bodaggnsalat ausm Kühlschrank in der Gartnlaube? Ich geh schnell ins Haus und hol den grüna Salat.“

Es wurde ein geselliger, feucht-fröhlicher Abend. Um zweiundzwanzig Uhr dreißig waren der erste Kasten Bier und die erste Flasche Williams leer. Die drei schimpften über die Genossenschaft Aischgründer Spiegelkarpfen, und dass sie nicht nachgeben, geschweige denn dieser Raubritter-Organisation beitreten wollten. Sie würden es dieser Genossenschaft schon zeigen. Von wegen artgerechte Fischhaltung. Von wegen Besatzdichte. Und den Kormoran, schworen sie sich, den würden sie abknallen, egal wo und wann sie auf so einen Fischräuber stoßen würden. Zwischenzeitlich war die Sonne über den Waldgipfeln hinter dem Fritzenweiher verschwunden. Eine Säule Schnaken tanzte im letzten Dämmerlicht über dem Brünnleinsgraben, und drüben, auf der anderen Seite Röttenbachs, schlich sich die Nacht langsam von den Hügeln in das Dorf hinunter, geisterte durch die menschenleeren Straßen, kroch über die Hauptstraße und hielt auch in der Jahnstraße Einhalt. Die Wärme des Tages war mit der untergegangenen Sonne weitergezogen und die Luft kühlte deutlich ab. „Gemmer in die Gartnlaubn nei“, schlug Johann Hammer vor, „es wird kühl da außn. Ich hol uns nu an Kastn Bier und a Flaschn Schlehengeist. Des is was Feins.“

Es ging auf halb zwei zu. Die drei hatten kräftig weiter gebechert. Nüchtern war keiner mehr. Lautstark trällerte Helene Fischer ihr Atemlos-Lied aus dem Lautsprecher des CD-Players. Doch gegen die drei Teichwirte hatte sie nicht die geringste Chance, und auch nicht gegen deren eigene Interpretation.

♫ Wir pfeifen auf die Regeln dieser Scheiß-Genossenschaft,

all die Paragraphen, die sind nicht für uns gemacht, oh, oh“, schrie Hanni der Hammer wie ein brunftiger Hirsch in den Raum.

Da lachn wir nur drüber, lasst uns damit in Ruh‘,

Karpfen artgerecht, warum, weshalb, wozu? Oh, oh.

Ja, wir sind recht angepisst, falls niemand unsre Fische isst.

Euer Tun hat uns gezeigt: Jetzt gibt’s großen Streit.

Atemlos durch den Gau,

Abends sind wir meistens blau.

Dann kam die Stelle, welche den drei Fischzüchtern am besten gefiel.

Atemlos, Freudenhaus,

all die Weiber ziehn wir aus.

Atemlos durch den Gau,

nachts da werden wir zur Sau.

Atemlos, vogelfrei, ins Bordell, da geh’n wir drei.

Wir sind heute gut drauf, entfesseln unsre Triebe,

alles, was uns fehlt, sind fünf, sechs Bier …

Immer und immer wieder ließ Hanni der Hammer die Musik-CD von vorne laufen. Kurz vor drei Uhr meinte Knöllchen-Horst, dass es langsam Zeit für ihn sei zu verschwinden. „Ich hab ja a nu an Wech vor mir“, argumentierte er mit schwerer Zunge.

„Wo isn dei Jackn?“, wollte der Hausherr wissen, „wo hastn die hieglecht?“

„Jackn? Hab ich kane dabei“, antwortete Horst Jäschke, „war doch warm, als ich mich aufn Wech zu dir gmacht hab.“

„Aber etz is überhaupt nemmer warm draußn“, mischte sich der Bertl ein, „da werds dich gscheit huschern, in deim dünna T-Shirtla.“

„Du ziehgst mei Jeans-Jackn an“, ordnete Johann Hammer an, „sunst wirst mer bloß nu sterbenskrank. Und mein grüna Filzhut setzt a auf. Bringstes halt demnächst widder vorbei. Hast dei Taschnlampn, damidst dein Wech findst?“

„Ja, in meiner Husntaschn.“

„Bertl, ich man wir zwaa singa nu a Liedla, wenn der Horst weg is.“

„Und a Schnäpsla trink mer a nu, gell, dann werd ich mich a langsam aufs Ohr legn. Des Sofa da schaut doch bequem aus. Auf mich wart ja ka Fra. Gott sei Dank net.“

In beiger Jeans-Jacke, deren Ärmel er dreimal nach hinten gekrempelt hatte, und grünem Jägerhut wankte Knöllchen-Horst auf der Jahnstraße dahin, nahm den kurzen Weg zum alten Röttenbacher Rathaus hinauf und bog dann rechts in die Schulstraße ab. Nachdem er das Neubaugebiet Am Sonnenhang passiert und den Feldweg Richtung Neuhaus erreicht hatte, schaltete er seine Taschenlampe ein und begann lauthals zu singen. „ … Atemlos durch den Gau, nachts da werden wir zur Sau. Atemlos, vogelfrei, ins Bordell da geh’n wir drei …“, grölte er vor sich hin. Dass er nur noch wenige Minuten zu leben hatte, konnte er nicht wissen. „ … Wir sind heute gut drauf, entfesseln unsre Triebe, alles was uns fehlt, sind fünf, sechs Bier …“ Bei dem Wort Bier blieb er stehen. „Sakra, des schwappt in meim Bauch rum.“ Mit der Rechten öffnete er den Reißverschluss seiner Hose. Mit der Linken stützte er sich am mächtigen Stamm einer Eiche ab. Der Lichtschein seiner Taschenlampe, welche er im Mund hielt, leuchtete in den Straßengraben und folgte seinem Strahl der Erleichterung „Mei tut des gut“, ging es ihm durch den Kopf. Trotz seines Alkoholpegels vernahm er das schleichende Geräusch hinter sich. Wie vorsichtige Schritte hörte es sich an. Er drehte sich um. „Du?“ Dann fuhr ihm die aus rostfreiem AISI 420-Stahl zweiseitig geschliffene Klinge von hinten mitten ins Herz.

5

Gerald Fuchs, der Kommissar der Erlanger Mordkommission, und seine attraktive Assistentin Sandra Millberger standen am Ende der geteerten Schulstraße – dort, wo diese in einen Feldweg übergeht. Wie oft waren sie hier schon vorbeigekommen, auf dem Weg zum Neuhauser Bierkeller! Das Neubaugebiet Am Sonnenhang, hinter ihnen, lag noch im Schatten der dahin schleichenden Nacht. Drüben im Osten, über den Bäumen am Horizont, erstrahlte ein gelb-orangefarbenes Lichtband, welches von Minute zu Minute anwuchs. Der Kommissar sah auf seine Armbanduhr. Der kleine Zeiger stand genau auf der Sechs. Normalerweise lag er um diese Zeit noch im Bett und schlief. Am Sonntag sowieso. Mit seinen fünfundvierzig Jahren war er noch immer Single, dabei sah er blendend aus. Seine sportliche Figur streckte sich auf stattliche einen Meter dreiundachtzig. Sein ovales Gesicht mit dem männlich kantigen Kinn hatte schon so manches Frauenherz erwärmt, ebenso wie seine hellgrünen Augen mit den langen, gebogenen Augenwimpern unter den buschigen Augenbrauen. Er war nach seinem verstorbenen Vater, Hans Fuchs, dem Bruder seiner Tante Kunigunde Holzmann geraten. Die war ja lieb und nett, aber eine furchtbar rechthaberische und besserwisserische Furie. Er ging ihr und ihrer Freundin Retta – auch so ein tratschsüchtiges Exemplar – lieber aus dem Weg. Die beiden Besserwisser hatten ihn in der Vergangenheit schon genug geärgert. Rechts des Weges waren noch immer die Kollegen von der Kriminaltechnischen Untersuchungsabteilung tätig. Unter ihnen tummelte sich auch Dr. Thomas Rusche, forensischer Anthropologe und Rechtsmediziner. Ein exzellenter Mann. Er hatte gerade seine Arbeit beendet und kam auf die beiden Beamten zu. „Morgen, hübsche Frau. Morgen, Herr Kollege“, begrüßte er die beiden Ermittler von der Kripo. „Kein schöner Anblick“, fuhr er ohne Umschweife fort. „Da ist nicht mehr so viel übrig geblieben.“

„Verbrannt?“, vergewisserte sich Sandra Millberger.

„Verbrannt“, bestätigte der Rechtsmediziner, „aber das ist sicherlich nicht die Todesursache.“

„Sondern?“, fragte der Kommissar.

„Kann ich noch nicht beantworten. Dazu müssen wir erst die Ergebnisse der Leichenschau abwarten.“

„Todeszeitpunkt?“, ließ Gerald Fuchs nicht locker.

„Vorsichtig geschätzt, vor zwei bis drei Stunden, aber auch dazu Genaueres nach der Autopsie. Eines kann ich aber jetzt schon sagen: Da wurde nachgeholfen. Brandbeschleuniger. Wahrscheinlich Benzin.“

„Wissen Sie, wer die Leiche gefunden hat? Und handelt es sich bei dem Brandopfer um eine Frau oder einen Mann?“, wollte die Beamtin wissen.

„Also erstens, es handelt sich um die Überreste eines Mannes, und zweitens, eine Frau ging heute am frühen Morgen mit ihrem Hund spazieren. Das Tier hat die Leiche entdeckt. Die Frau können sie im Moment leider nicht befragen. Die hat einen Schock abbekommen. Kollegen von Ihnen haben sie zu Dr. Habicht, einem Arzt hier vor Ort, gebracht.“

„Wann können wir uns den Toten ansehen?“, wollte die Assistentin des Kommissars noch wissen.

„Hübsche Frau, ich weiß wirklich nicht, ob Sie sich diesen Anblick nicht besser ersparen sollten. Ach noch eins: Das Opfer trug eine beige Jeansjacke mit für ihn viel zu langen Ärmeln. Ich bezweifle, dass dies seine Jacke war. Auch die Stelle hier, an der er verbrannt wurde, ist nicht identisch mit dem Tatort. Der oder die Täter haben ihn vom Feldweg, auf dem wir gerade stehen, auf das offene Feld gezogen. Hier, sehen Sie die Schleifspuren?“ Thomas Rusche zeigte auf eine Stelle des Weges, die von Männern der KTU umlagert war. „Und dort im Graben“, fuhr er fort, „neben dem Stamm der Eiche, fanden wir einen unversehrten, grünen Filzhut, wie ihn auch Jäger gerne tragen, sowie eine Taschenlampe. Nun aber genug der Rede, ich muss in die Rechtsmedizin und mir vom Gericht oder von Oberstaatsanwalt Dr. Brockmeyer die Genehmigung für die Leichenschau holen.“

„Letzte Frage: Wer wird bei der Autopsie mit dabei sein, Herr Rusche?“

„Ich werde den Niethammer vorschlagen. Der hat eine Menge Erfahrung mit Verbrannten.“

*

Das Lebendgewicht des Aischgründer Spiegelkarpfens betrug beinahe zwei Kilogramm. Ein stattlicher Brocken. Fein säuberlich ausgenommen, längsseitig in zwei Hälften geteilt, gewürzt und paniert lagen die beiden Teile auf einem mächtigen Küchenbrett der Fischküche Fuchs. Dann ließ der Herr des Hauses eine Hälfte in das in der riesigen Karpfenpfanne brutzelnde Butterschmalz gleiten. Schnalzend und zischend nahm die brodelnde Flüssigkeit die Fischhälfte auf, welche nach ihrem Tauchgang sofort wieder an der Oberfläche des kochenden Schmalzes erschien, sich appetitlich krümmte und eine goldbraune Farbe annahm. Neben dem Herd stand ein überdimensionaler Teller, zur Hälfte mit zwei Bergen von Endivien- und Kartoffelsalat gefüllt. Kunni Holzmann war in goldenen Lettern in die Glasur des Porzellans eingelassen. Kunigunde Holzmann stand ebenfalls gleich neben dem Herd und sah zu, wie ihr Karpfen in dem brodelnden Butterschmalz dahinschwamm, und hörte mit wachsendem Appetit dem Blubbern und Brutzeln der kochenden Flüssigkeit zu. Plötzlich war da so ein leises Knistern. Nein, es war eher ein leichtes Trippeln, welches immer lauter wurde. Tripp, tripp. Wie leichte Schritte kleiner Füße auf Metall, hörte es sich an. Dann drang das durchdringende Ruhgu-gu an Kunnis Ohr. Ruhgu-gu. Kunni Holzmann wälzte sich in ihrem Bett. Das Bild des brutzelnden Karpfens wurde blass und blässer und löste sich gänzlich in Nichts auf. Die Ruhgu-gu-Rufe dagegen wurden immer lauter, begleitet vom dem Tänzeln winziger Krallen auf dem kupfernen Fenstersims. Kunnis Traum war wie weggeblasen. Sie war mit einem Mal glockenwach. „Scheiß-Taubn“, fluchte sie und vertrieb mit ihrem Erscheinen am Schlafzimmerfenster die beiden Ringeltauben auf dem Fenstersims. Weit flogen die beiden nicht, nur bis zu einer Astgabel des nahestehenden Walnussbaumes, und schickten ein wütendes Ruhgu-gu herüber. Dann klingelte auch noch das Telefon.

„Gutn Morgen, Kunni, bist scho wach?“, flüsterte die Retta pietätvoll in den Telefonhörer.

„Na, ich schlaf no und telefonier mit dir im Tiefschlaf.“

„Hast scho ghört, drobn Am Sonnenhang hams an verbrennten Totn gfunna.“

„Kannst net a wenig lauter redn“, belferte die Kunni zurück, „hab kein Wort verstandn, mit deim Genuschel.“

„A verbrennte Leich hams gfunna“, schrie die Retta nochmals ins Telefon.

„Wer? Übrigens, schreia brauchst fei a net. Bin doch net gochhehret.“

„Des waß ich doch net, alte Doldn.“

„Etz werd fei net beleidigend, am frühn Morgen“, schrie die Kunni aufgebracht zurück. „Was waßdn überhaupt? Wen hams denn verbrennt?“

Retta stöhnte auf. „Wenns die Polizei nu net amol waß, woher solls dann ich wissen? Des Feier muss die Leich jedenfalls gscheit hergricht ham, haßts. Dei Gerald und die Sandra warn scho am Tatort.“

„Der Depp, der kricht doch sowieso nix backn. Do ruf ich besser morgen die Sandra an. Vielleicht wissns bis dahin a weng mehr. Sen die Polizistn scho weg, vom Tatort?“

„Ich glaub scho“, meinte die Retta.

„Dann schau mer uns des amol o“, schlug die Kunni vor, „Wies der Leitmayr a immer macht. Kummst bei mir vorbei?“

„Der Kaschper scho widder“, murmelte die Retta vor sich hin. „Ja, ich kumm bei dir vorbei. Mach mi gleich aufn Wech.“

„Aber erscht trink ich an Kaffee, und waschn und oziehgn muss ich mich a noch. Kannst der ruhig Zeit lassn.“

„Übrigens, bald gehts widder los“, merkte die Retta noch an.

„Wer is los?“

„Es geht widder los“, wiederholte die Retta etwas lauter. „Die Karpfenzeit geht bald widder los. Sollt mer uns beim Fuchsn-Wirt a Plätzla reserviern lassen. Ich frei mich scho aufs erschte Kärpfla.“

„Ich hätt heit frieh fast scho an gessn, im Bett“, antwortete die Kunni, „aber dann sen die Scheiß-Taubn dazwischn kumma mit ihrm bledn Ruhgu-gu, Ruhgu-gu.“

„Hast du heit morgn scho was trunkn?“, wollte die Retta wissen. „Also dann reservier ich uns demnächst scho amol für den siebtn September a Plätzla beim Fuchsn-Wirt“, schlug sie vor bevor sie auflegte.

*

Dass Ulrich Fürmann vom anerkannten Frauenarzt zum Obdachlosen und Landstreicher abgestiegen war, hatte er sich selbst zuzuschreiben. Warum musste er auch seine Patientinnen in verfänglichen Situationen, gerade wenn sie auf diesem unbequemen Stuhl lagen, mit einer versteckten Kamera fotografieren? Das macht ein Arzt nicht, dem man Vertrauen entgegenbringen soll. Und dann war dieser Bursche auch noch so blöd, einige der Fotos im Netz zu veröffentlichen. Das konnte ja nicht gut gehen. Er war geständig. Mit viel Glück hatte er nur eine Bewährungsstrafe bekommen, was dem Geschick seines Verteidigers zuzurechnen war, damals, vor zwei Jahren. Seine Zulassung, weiterhin als Arzt zu praktizieren, war aber dahin. Da ließ die Ärztekammer nicht mit sich reden. Der Abstieg ging schnell. Seine Frau, die frigide, fette Kuh, so sah er das, hatte nur darauf gewartet die Scheidung einreichen zu können. Zeitgleich folgten die Klagen von sechsunddreißig seiner ehemaligen Patientinnen. Sie klagten auf Schmerzensgeld, weil er mit den Fotos – angeblich, wie sie meinten – ihre Würde als Frauen verletzt habe. Der Richter gab ihnen recht. Das Haus, das Barvermögen, das Aktienpaket, wurden von den Scheidungsfolgen, den Unterhaltskosten für Frau und Kinder, den Geldstrafen, welche das Gericht verhängt hatte, ratzfatz aufgefressen. Nun war er zweiundvierzig Jahre alt, schien aber in den beiden letzten Jahren um mindestens zehn Jahre gealtert zu sein. Sein Haar war fransig und ungepflegt. Er verströmte einen eigenartigen, unangenehmen Körpergeruch, den er selbst schon gar nicht mehr wahrnahm. Es wäre ihm auch egal gewesen. Mit den anderen Obdachlosen in Erlangen konnte er es nicht. Sie waren ihm zu primitiv. Nicht sein Niveau. Mit denen konnte man nur übers Saufen reden, nicht über Politik, Sport oder wirtschaftliche Themen. Das war es, was ihm am meisten fehlte, eine gepflegte Kommunikation, die Teilnahme am aktuellen Geschehen dieser Welt. Geld für Zeitungen hatte er zwischenzeitlich aber auch nicht mehr. Mit der Zeit ging ihm die Stadt auf den Sack. Er verzog sich aufs Land. Hier waren die Menschen freundlicher, großzügiger und verständnisvoller gegenüber einem Obdachlosen. Ihre Scheunen boten oftmals Platz für die eine oder andere Übernachtung. Vor allem während der kalten Jahreszeit. Die Fallobstwiesen, Erdbeerfelder, Kirschbäume, Schrebergärten und Bierkeller boten ausreichende Angebote für Essbares – man musste sie nur zu nutzen wissen. So zog Ulrich Fürmann durch den ganzen Landkreis. Als er, von Neuhaus kommend, vor sich Röttenbach im Tal der sanften Hügel liegen sah, glaubte er, ein neues Schlaraffenland entdeckt zu haben. Er war sensibilisiert und hatte den rechten Blick für die Obst- und Schrebergärten und sonstigen natürlichen Nahrungsquellen. Es gefiel ihm, was er sah. Auch die kleine Gartenlaube auf dem Grundstück hinter der Jahnstraße, gleich an den winzigen Bachlauf angrenzend, registrierte er mit Wohlwollen und Vorfreude. Sein Hochgefühl hätte sich wahrscheinlich augenblicklich in Luft aufgelöst, hätte er gewusst, dass das Anwesen Hanni dem Hammer gehörte.

*

„Ja, Horst, ich bins, der Hanni. Bist heit Nacht gut hamkumma?“ Johann Hammer hatte die Telefonnummer auf dem Display erkannt.

„Nein, hier ist nicht der Horst. Ich bins, die Hanna, seine Frau. Wo ist er denn, der alte Gauner? Habt ihr wieder ordentlich gesoffen und er schläft noch seinen Rausch aus?“

„Hallo, Hanna, grüß dich“, antwortete Hanni der Hammer. „Dei Mo is net da. Der hat sich heut früh aufn Wech nach Neuhaus gmacht. Ich hab ihm noch mei Jeansjackn und mein Jägerhut mit aufm Weg geben, weil des hat ganz schee abgekühlt gestern Abend, damit er uns net a nu krank wird. Is er net daham?“

„Nein, er ist nicht nach Hause gekommen.“

„Leck mich am Arsch, der wird doch net nu irgendwo im Wald liegn und sein Rausch ausschlafn? Waßt was? Ich schwing mich mal aufs Fahrrad und fahr den Weg ab. Vielleicht find ich ihn. Dann ruf ich dich gleich an, gell. Sollte er zwischenzeitlich daham auftauchn, dann sei so gut und sag mir auf meim Handy Bescheid. Okay?“

„Okay. Schau mal, dass du ihn findest.“

Johannes Hammer hatte während des Telefonats ständig hinaus auf seinen Garten gesehen. Eine eigentümliche Gestalt trieb sich draußen auf der Jahnstraße herum. Er sah aus wie ein Obdachloser. Wie ein Landstreicher. Ein Röttenbacher war er jedenfalls nicht, und er glotzte so was von auffällig in den Garten und auf das Haus. Der Mann hatte einen irren, strengen Blick und sah zum Fürchten aus. Lange, ungepflegte, widerspenstige Haare standen von seinem Kopf ab. Seine Kleidung war abgerissen und schmuddelig. Auf seinem Rücken trug er einen abgewetzten Rucksack, und sein Blick war irre und furchteinflößend. Hanni der Hammer hatte das Telefonat mit Hanna Jäschke beendet und beobachtete nun die ungepflegte Gestalt. Die bewegte sich nicht von der Stelle. Als wäre sie festgewachsen. Dem Hausherrn wurde es zu bunt. Er musste weg, Knöllchen-Horst suchen. Wutentbrannt riss er das Fenster auf. „Heh, du Struwwelpeter“, rief er hinaus, „was willstdn du hier? Warum starrstdn du dauernd auf unsern Gartn und unser Haus? Bei uns gibts fei nix zu Bettln. Des socher der gleich! Schau dassd verschwindst, sonst macher der Ba!“

Ulrich Fürmann starrte immer noch auf die herrlich roten Eiertomaten, die ihm von vier Tomatenstöcken entgegenlachten. Er fühlte, wie der Hunger in seinem Magen rumorte. Dann besann er sich und ging weiter. Ein unfreundlicher Zeitgenosse, der da zum Fenster herausplärrte. Er nahm sich vor, das Grundstück in der Nacht näher zu inspizieren.

*

Johannes Hammer schwang sich auf sein Fahrrad und strampelte die Schulstraße hinauf. Es ging bereits auf elf Uhr zu. Wo kamen denn die ganzen Polizeifahrzeuge her, welche ihm entgegenfuhren? Das sah ja fast wie ein Betriebsausflug aus. Machten die Bullen vielleicht eine Sternfahrt? Er trat in die Pedale und machte sich Sorgen um Knöllchen-Horst. Hoffentlich war ihm nichts zugestoßen. Mit fast dreiundsechzig Jahren konnte spontan alles passieren. Herzinfarkt, Schlaganfall, Kreislaufzusammenbruch. Besonders nach so einer durchzechten Nacht. Er sah sich ringsherum um. „Horst?“, brüllte er von Zeit zu Zeit in die offene Natur. Die Sonne lachte wieder von einem wolkenlosen Himmel und die Kühle der Nacht hatte sich längst verzogen. Lediglich über dem nahen Wald stiegen noch kleine Dunstwölkchen auf, die sich aber sofort verflüchtigten. Das Getreide links und rechts des Weges stand schon hoch. Bald würden die Mähdrescher mit ihren gierigen Mäulern kommen und nur noch Stoppeln hinterlassen, erste Boten des nahenden Herbstes. „Horst, hörst du mich?“, rief er erneut über die Getreidefelder. „Horst, ich bin’s, der Hanni.“ Keine Antwort. Hanna rief auch nicht an. Bertl Holzmichl ratzte bestimmt noch immer in der Gartenlaube vor sich hin und schlief seinen Rausch aus, aber Knöllchen-Horst war immer noch verschwunden. „Und wenn er in an Weiher neigfalln ist?“, ging es ihm durch den Kopf. „Das wärs ja noch gwesen.“ Sein Mobiltelefon vibrierte. Es war Hanna. „Hast du ihn schon gefunden?“, fragte sie.

„Na, ich bin etz grad an der Stell, wos im Wald ständich den Berch nach Neuhaus runter geht“, antwortete er. „Wie gsacht, ich ruf di scho an, wenn ich fündich worn bin.“

Fünfzehn Minuten später war Hanni der Hammer bei Hanna angekommen – ohne ihren Mann. Sie berieten, was zu tun sei. „Ruf bei der Polizei an“, forderte er sie auf.

„Aber heute ist doch Sonntag!“

„Na und? Die sen doch immer besetzt“, argumentierte er. „Wenn der Horst in seim Rausch in die Schwarzbeersträucher neigfalln is, finna wir den nie. Der wacht höchstens auf, wenn der vo die Ameisn odder die Schnagn zerstochen wird.“

„Was soll ich der Polizei sagen? Dass der säuft wie ein Besenbinder und sich wahrscheinlich im Vollrausch nur verlaufen hat?“

„Bloß net“, riet ihr Johann Hammer, „da sens zu empfindlich, die Bulln. Die fühln sich immer gleich verarscht. Da tätn die gor net mit dem Suchn anfanga.“

„Warum müsst ihr Mannsbilder nur immer so viel trinken?“, beschwerte sich Hanna Jäschke.

„Is halt ab und zu a schee“, antwortete er.

„Ab und zu, bei euch ist das doch ein Dauerzustand.“

„Na ja, so schlimm is a net. Und sonst? Machst immer noch dei Kräuterführunga?“

„Hhm, macht immer noch Spaß.“

„Immer nu ums Schloss rum?“

„Ja, ich treffe mich mit meinen Teilnehmern immer in der Schlossstraße, beim alten Brunnen, und dann laufen wir meistens um das Schloss herum.“

„Und da wächst was?“

„Und wie! Im Frühjahr wächst dort sogar der Gundermann, das ist eine Zauberpflanze, die verrät in der Walburgisnacht die Hexen. Dort findest du auch Liebeskräuter mit aphrodisierender Wirkung.“

„Du manst, die machn geil?“

„Ihr Mannsbilder habt auch nur immer das Eine im Kopf. Bald wird es die Herbstkräuter geben und im Oktober die Wurzelkräuter. Geh doch einmal mit, dann lernst du noch etwas.“

„Na, Gundermann, Wurzlkräuter, des is nix für mich. Ich foahr etz widder ham. Helfen kann ich dir etz ja eh net.. Wenn er auftaucht, der Horst, rufst mich an. Ich schau hamwärts a numal, ob ich ihn find.“ Johann Hammer verabschiedete sich, und schwang sich draußen wieder auf den Fahrradsattel.

Als er nach knapp zwei Kilometern wieder aus dem Wald hinausfuhr und es nach Röttenbach nur noch bergab ging, erkannte er nach einer Weile die beiden Tratschtanten Kunni und Retta. Sie standen etwas abseits des Weges, ein Stück feldeinwärts, und gestikulierten heftig.

„Hallo, ihr zwei Hübschen, Ostern is fei scho vorbei. Der Osterhos kummt erscht nächstes Joahr widder.“

„Ja, do schau her“, rief die Kunni ihm entgegen, „Hanni der Hammer. Wu kummstn scho widder her, du alter Gauner? Hast dei Karpfen zählt, ob der Kormoran nu welche übrig glassn hat?“

„Kennt scho sei, kennt scho sei“, antwortete er und stieg vom Fahrrad. „Und ihr, was machtn ihr da auf dem Feld?“

„Wir schaua uns den Tatort an“, klärte ihn die Kunni auf.

„Tatort? Was mantn ihr damit?“

„Des waßt du nunni? Heit früh hams doch an Totn gfunna. Den hat sei Mörder anzundn, sacht mer. Da, wo des Gras so versengt is, muss er glegn sei.“

„Anzundn? Ermordet, sacht ihr?“ Hanni der Hammer bekam einen Riesenschreck. „Wer isn dann der Tote?“

„Des wissen wir a nu net. Des muss die Polizei ja erscht nu feststelln. Jedenfalls wars a Mo. An grüna Jägerhut aus Filz hams gfunna. Gleich da am Wech. Net weit davon entfernt, wu dei Fahrrad steht. Und a Taschnlampn.“

Johann Hammer entwich augenblicklich die Gesichtsfarbe. Er sah auf einmal leichenblass aus. „Mein Gott“, entfuhr es ihm, „des werd doch net der Horst sei.“

„Is der schlecht, Hanni?“, wollte nun die Kunni wissen. „Schaust auf amol su käsweiß aus. Was hast du grad von einem Horst gsacht?“

„Der Horst“, stammelte der Angesprochene, „der Knöllchen-Horst, der Holzmichls Bertl und ich ham gestern a weng gfeiert – grillt.“

„Und dabei gscheit gsuffn“, steuerte die Retta bei, doch ihr Kommentar verbuffte in der warmen Sommerluft.

„Jedenfalls hat sich der Horst heut früh, so umera dreia werds gwen sei, zu Fuß aufn Hamwech nach Neuhaus gmacht. Durchn finstern Wald?, ham wir, der Bertl und ich, nu gsacht. Des macht nix, mant der Horst drauf, ich hab mei Taschnlampn dabei, und außerdem, bis ich daham bin, bin ich widder nüchtern. Mei beige Jeansjackn habbin nu aufdrängt, dem Horst, weils ganz sche frisch war, heit Nacht, und mein grüna Filz … Mein Gott, wenn des der Jäschkes Horst is, … ich werd mir doch mei Leben lang Vorwürf machen, dass ichn geh hab lassen, den Horst.“

6

„Sandra, ich bins, die Kunni“, meldete sich Kunigunde Holzmann am Telefon.

„Ja hallo, Tante Kunni, wie geht’s dir denn? So eine Überraschung. Willst du deinen Neffen sprechen? Der ist gerade beim Chef. Du hast bestimmt mitbekommen, was bei euch am Wochenende passiert ist. Der Gerald und unser Chef beraten gerade, wie wir am schnellsten die Identität des Toten herausfinden können.“

„Deswegn ruf ich ja o, Sandra. Mitn Gerald wollt ich net sprechen, aber mit dir. Was hatn der Tote oghabt? Waßt du des?“

„Eine beige Jeansjacke, ein hellbraunes, kurzärmliges T-Shirt und eine normale Jeans“, antwortete die Polizistin. „Außerdem haben unsere Kollegen noch einen grünen Filzhut und eine Taschenlampe in einem Graben gefunden.“

„Dann gehst hie zu eiern Chef und zum Gerald und sagst den beiden an schena Gruß vo mir. Sagst bei dem Totn handelt es sich um den Horst Jäschke. Ich tät euch raten nach Neuhaus zu fahrn und die Hanna Jäschke zu besuchn, die vermisst nämli seit gestern ihrn Mo. Ob die den bei der Polizei scho als abgängich gmeldet hat, waß ich net. Solltet ihr da hinfahrn und der Hanna ihr Mo des Mordopfer sei, könnt ihr ja gleich a DNA-Probn mitnehma. Ich man a Zahnberschtla wird er wohl ham, der Horst. Und noch was: die Jackn und den Hut, welche der Tote tragn hat, die ghörn dem Johann Hammer in Röttenbach, in der Jahnstraß. Ich denk die Informationa sparn eich an Haufen Ärwert ei. Im Gegenzug – wenn die Ergebnisse vo der Leichenschau vorliegen – möchte ich gern wissen, wie der Horst Jäschke umkumma is. Kannst ja dem Gerald ausrichten, dass er sich net widder so bled anstellen soll wie beim letztn Mal und mana, er könnt den Fall alla lösn. Es wär besser, wir würdn desmal von vornherein zammärwern.“

„Tante Kunni, du bist wie immer, ein Schatz. Woher weißt du denn das alles?“

„Des kann ich eich später a nu erzähln. Machs gut, Sandra. Und der Gerald soll sich des gut überlegn, gell.“

*

Margot Segmeier, Vereinspräsidentin des Vereins Ferienregion Aischgrund e. V., geht in einer wahren Begeisterung in ihrem Job auf. Schlechte Nachrichten aus der lokalen Presse gefallen ihr gar nicht, besonders wenn das Zugpferd der Region, der Aischgründer Spiegelkarpfen für solche Negativmeldungen sorgt. In den letzten Tagen gab es zu viele schlechte Meldungen. Zuerst fuhr dieser Idiot von einem Genossenschaftspräsidenten besoffen Amok und hätte fast einen Polizeibeamten über den Haufen gefahren, und dann auch noch ein Mord an einem Neuhauser Teichwirt. Das Schicksal des toten Karpfenzüchters war ihr persönlich egal, aber was der Mord für die Sicherheit der Region bedeutete … Wenn sich das bei potentiellen Feriengästen herumspricht. Eine Katastrophe. Der Aischgrund, eine unsichere Region! Nicht auszudenken. Margot Segmeier war vor zehn Jahren aus Paderborn ins Fränkische zugezogen. Sie hatte sich in einen Franken verliebt und ihn schließlich auch geheiratet. Zuerst dachte sie, sie könnte ihren Mann Peter dazu bewegen sich in ihrer Heimatstadt niederzulassen, aber da biss sie sich die Zähne aus. „Ja glabst du denn, ich zieh zu euch Preißn?“, hatte er immer wieder gesagt. „Wisst ihr überhaupt, was a Schäuferla oder a backener Karpfn sen? Habt ihr scho mal was davo ghert? Oder vo Blaue Zipfl?“ Schließlich gab sie nach und folgte ihm nach Adelsdorf. Dort ansässig geworden, wähnte sie sich in einem fremden Land, dessen Sprache sie weder verstand, noch daran glaubte, diese jemals erlernen zu können. Aber es war nicht nur die Sprache. Es war eine andere Welt. Was diese Franken zu gewissen Anlässen trieben, verstand sie nicht. Eine Kirmes war bei ihnen eine Kerwa. Ein furchtbares Wort. Kerwa! Bam aufstelln, Betzn raustanzn, Geger rausschlogn. Warum diese Einheimischen mit verbundenen Augen, eine lange Holzrute in der Hand, auf eine leere Heringsbüchse einschlagen, würde für sie immer ein Geheimnis bleiben. Ab und zu liefen ihr andere traumatisierte Leidensgenossen aus Wolfenbüttel, Lüdenscheid oder Norderstedt über den Weg, welche von ähnlichen Verständnisschwierigkeiten berichteten. Auch im Hause Segmeier gab es diese anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten. Sie musste sich sehr anstrengen, ihren Peter zu verstehen. Zudem er auch noch maulfaul war. Das jung vermählte Ehepaar füllte die Kommunikationslücke durch häufigen Sex aus. Dabei musste man wenigstens nicht reden. Dachte sie. Bei Peter war das anders. „Schneggerla, ich kumm“, „Hast a schens fests Ärschla“, „Passt, wacklt und hat Luft“ und auch noch andere seltsame Sätze gab er von sich, und wieder stand Margot vor ungelösten Rätseln. Nach ungefähr drei Jahren konnte Margot unterscheiden, wo welches Wort endete und das nächste begann. Verstehen konnte sie aber immer noch nichts. Sie gab nicht auf, und langsam verbuchte sie wider Erwarten die ersten Erfolge. Sie konzentrierte sich auf sogenannte Schlüsselwörter, die sie immer wieder hörte, wie Gschmarri, Allmächd, gaddzn, Schleppern, Hundskrübbl, Brunzkartler, Gwaaf oder Waggerla. Das musste offenbar ihr Vorname auf fränkisch sein. Dann kamen ihr aber doch Zweifel, als ihr Mann sie plötzlich auch als Schneggerla betitelte. Sie schloss daraus, dass es im Fränkischen immer eine Doppelbezeichnung gibt. Die Schlüsselwörter schrieb sie sich fleißig auf. Ihre Liste war bereits ellenlang. Sie machte erhebliche Fortschritte. Mit der Zeit gelang es ihr – nur mittels der Schlüsselwörter – den Inhalt einer fränkischen Unterhaltung zu fünfzig Prozent richtig abzuleiten. Natürlich erlitt sie manchmal auch gehörigen Schiffbruch. Das gehörte dazu. Wenn ihr Mann Peter zum Beispiel von seinen Gaggerli sprach, musste das doch etwas anderes sein, als wenn die Einheimischen frische Eier im Supermarkt kauften. Die Einwohner von Paderborn, ihrer Heimatstadt, mussten auf Fränkisch jedenfalls Gschwerdl heißen. Da war sie sich ziemlich sicher. Ihr Vater namens Friederich war der Fregger, und ihre Mutter, die Doris, die Dolln. Das hatte sie irgendwie von Peter gelernt, wenn er von Paderborn oder ihren Eltern sprach.

Es war eine harte Zeit des Lernens, aber heute liebt Margot Segmeier das Frankenland und ihre Arbeit abgöttisch. Vor drei Jahren wurde sie zur Vereinspräsidentin der Ferienregion Aischgrund e. V. gewählt. Ihr Mann Peter habe da mit seinen weitreichenden lokalen Beziehungen zu einflussreichen Politikern des Landkreises gewaltig mitgewirkt, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Die Aufgaben seiner Frau bestehen darin, das Karpfenland Aischgrund zu einer attraktiven Urlaubsregion aufzubauen – im Mittelpunkt der Aischgründer Spiegelkarpfen, kulinarische Spezialität und Zugpferd im Land der tausend Teiche. Böse Zungen behaupten allerdings, dass Margot nur deshalb zur Präsidentin gewählt wurde, weil sie selbst einem Aischgründer Spiegelkarpfen zum Verwechseln ähnlich sieht. „Sie hat ein Maul wie ein Karpfen“, sagen viele. „Und an Buckl hats a“. Kurz nach ihrer Wahl zur Vereinspräsidentin versuchte ein einheimischer Karpfenzüchter ihr zu erklären, dass der Aischgründer Spiegelkarpfen nur ganz wenige Schuppen habe. Als sie daraufhin antwortete: „Ach wie niedlich, ich habe gar nicht gewusst, dass der Fisch auch Haare hat“, galt sie auch als brunzdumm. Natürlich hat Margot auch Neider. „Eine Preußin als Vereinspräsidentin, des geht doch net gut.“ Doch mit neununddreißig Jahren und ihrer preußischen Hartnäckigkeit steht Margot Segmeier über den Dingen, und gute Marketing-Ideen hat sie tatsächlich.

*

Die komplette Familie saß im Wohnzimmer versammelt: Hanni der Hammer, seine Frau Jana und Tochter Chantal. Kommissar Fuchs hatte darauf bestanden. Er und Sandra Millberger wollten sich ein Gesamtbild machen. Vielleicht hatte ja doch eines der Familienmitglieder eine wichtige Beobachtung in der besagten Nacht gemacht, als Horst Jäschke erstochen wurde. „Wenn wir die Situation richtig verstehen, Frau Hammer, haben Sie letzten Samstag Ihren Mann dabei unterstützt, das Grillfest zu organisieren, beziehungsweise ihm bei der Speisenzubereitung geholfen. Kann man das so sagen?“

Ein zustimmendes „Hm“ war alles, was ihr der Kommissar entlocken konnte.

„Haben Sie an dem Abendessen teilgenommen?“

„Mhmh“, und ein dazugehöriges Kopfschütteln sollten eine Verneinung bedeuten.

„Etz Kreiz nochamol, Jana“ fuhr ihr Mann dazwischen, „etz mach halt amol dei Schleppern auf! Was solln der Kommissar mit Hm und Mhmh ofanga?“ Jana Hammer zuckte bei den scharfen Worten ihres Mannes zusammen.

„Schrei doch die Mama nicht so an“, ging Chantal Hammer dazwischen und sah ihren Vater mit wütenden Augen an.

Sandra Millberger erkannte sofort, dass in dieser Familie jegliche Harmonie fehlte. „Das ist eine, am täglichen Leben zerbrochene Frau. Kein Wunder, bei der Ehe mit diesem Mann, und die Tochter hasst ihren Vater“, ging es ihr durch den Kopf. Jana Hammer saß mit auf den Oberschenkeln aufgelegten Armen auf dem Sofa, die Blicke auf einen imaginären Punkt auf dem Fußboden gerichtet. Die Augen der Polizistin wanderten durchs Zimmer. Ein riesiges Holzkreuz mit dem gekreuzigten Jesus hing an der Wand. In einem kleinen Porzellanschälchen lag ein wertvoller Rosenkranz aus Jade, gleich daneben ein Gebetbuch in einem weißen, ledernen Umschlag. „Sie ist bestimmt eine überzeugte Katholikin“, war sich Sandra Millberger sicher.

„Haben Sie irgendetwas Auffälliges bemerkt?“, bohrte ihr Chef weiter.

Jana Hammer hatte die Frage gar nicht richtig registriert. Erst als ihr Mann sie anstieß, besann sie sich. „Na“, antwortete sie mit feiner, brüchiger Stimme, „ich bin um halba neina vo die Fürbitten ham kumma. Dann hab ich den Fernseher eigschaltn. Wenn Sie mich aber fragn, welche Sendung ich angschaut hab, dann kann ich Ihna des gar net amol sagn. Mei Mann und seine Gschäftsfreund warn da am Feiern. Jedenfalls hab ich ihre Stimmen ausm Gartn ghört. So ummera dreiundzwanzig Uhr bin ich dann ins Bett ganga. Wie lang die Männer zamm warn, waß ich net. Da hab ich schon längst gschlafn. Am nächstn Morgen ham mich dann Martinshörner gweckt. Der Lärm muss vo der Schulstraß kumma sei. Ich hab aber ka Ahnung ghabt, was da gschehn is.“

„Wann haben Sie Ihren Mann tags zuvor das letzte Mal gesehen?“, wollte Sandra Millberger wissen.

„Am Samstag?“

„Genau.“

„Des war, als seine Gäst kumma sen. Jedenfalls, als mei Mann den grüna Salat aus der Küchn gholt hat, war ich schon weg. Der Gottesdienst is ja a um viertl achta anganga. Wir ham es ja net weit, zum Gotteshaus von St. Mauritius. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben. Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun. Des is der Sonnengesang des heiligen Franziskus“, murmelte sie noch, dann klinkte sie sich aus dem Gespräch aus und starrte wieder auf den nicht vorhandenen Punkt auf dem Fußboden.

„Hm“, murmelte Gerald Fuchs, „interessant“, und richtete seinen Blick auf die Tochter des Hauses. „Und Sie, was haben Sie am Samstagabend gemacht?“

Chantal Hammer biss sich auf die Unterlippe und sah ihren Vater ganz kurz von der Seite an. „Ich war mit meinem Freund weg.“

„Ich hab dir doch scho so oft gsacht“, brach es aus Johann Hammer heraus, „dass du mit dem Kümmltürkn …“

„Herr Hammer!“, unterbrach ihn der Kommissar scharf und wandte sich wieder an Chantal. „Dürfen wir fragen, wie Ihr Freund heißt, und wo und von wann bis wann Sie mit ihm unterwegs waren?“

Wieder dieser kurze Blick zu ihrem Vater. „Mein Freund heißt Jlkan Hawleri und studiert an der Uni in Erlangen Medizin. Jlkan hat mich Punkt siebzehn Uhr an der Bushaltestelle, gleich um die Ecke, abgeholt.“

„Macht er das immer so?“, fragte die Polizistin nach. „An der Bushaltestelle?“

„Na ja“, druckste Chantal Hammer herum, „mein Vater …“, und erntete einen wütenden Blick.

„Verstehe“, bestätigte die Beamtin. „Und dann?“

„Dann sind wir nach Erlangen gefahren und ins Kino gegangen.“

„Aha, welcher Film lief denn?“

„Monsieur Claude und seine Töchter, im Cine-Star“, kam die Antwort, kurz und präzise.

„Und dann? Am besten erzählen Sie, was Sie mit Ihrem Freund den Abend über gemacht haben. Dann brauchen wir nicht ständig nachzufragen“, schlug Sandra Millberger vor.

„Also“, überlegte Chantal und kratzte sich an ihrer kleinen Stubsnase, „der Film war so circa um zwanzig Uhr zu Ende. Dann hat mich Jlkan zum Sushi-Essen nach Nürnberg eingeladen. Danach, es war gerade halb elf vorbei, sind wir zu seiner Schwester und ihrem Mann nach Fürth gefahren und haben uns dort verquatscht Wir waren so gut drauf und haben gar nicht bemerkt, wie die Zeit verflogen ist. Als Jlkan auf die Uhr gesehen hat, rief er auf einmal: Schon gleich halb drei! Jedenfalls sind wir dann kurz danach aufgebrochen und Jlkan hat mich nach Hause gefahren.“

„Zur Bushaltestelle?“

Chantal nickte.

„Wie spät war es, als Sie das Haus betreten haben, und was ist Ihnen dabei möglicherweise aufgefallen“, übernahm nun der Kommissar wieder das Gespräch.

„Es war viertel nach drei“, antwortete Chantal Hammer ohne zu zögern.

„Haben Sie auf die Uhr geguckt?“

„Das nicht“, antwortete sie, „aber als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, hat die Kirchenglocke viertel nach geschlagen.“

„Haben Sie Horst Jäschke noch gesehen?“

„Nein, der muss schon weg gewesen sein. Jedenfalls haben Papa und der Bertl, der Gisbert Holzmichl, lautstark in unserer Gartenlaube gesungen. Ich müsste eher sagen, gegrölt. Atemlos durch die Nacht, aber mit einem anderen Text. Die zwei müssen ganz schön besoffen gewesen sein. Ich bin dann jedenfalls gleich ins Bett.“

„Was machen Sie eigentlich so?“, wollte die Polizistin noch wissen.

„So?“

„Na ja, ich meine, gehen Sie noch zur Schule, arbeiten Sie schon? Sie sind jetzt neunzehn, richtig?“

„Ach so, das wollen Sie wissen. Genau. Ich bin neunzehn und habe im Juni dieses Jahres mein Abi abgeschlossen. Im Moment genieße ich noch den Abstand von der Schule, ich meine die freie Zeit, denn im Oktober beginne ich mit meinem Studium an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.“

„Fein, und was werden Sie studieren?“

„Sinologie“

„Pah“, staunte die Beamtin, „da haben Sie sich aber was vorgenommen. Waren Sie schon mal in China?“

„Das nicht, aber mich interessiert alles, was mit China zu tun hat. Die Leute, das Land, die Kultur, eben alles.“

„Na gut“, unterbrach Kommissar Fuchs die Unterhaltung. „Wir wollen Sie nicht länger stören. Wir“, und dabei sah er Johann Hammer an, „haben uns ja schon ausgiebig unterhalten. Dennoch gehe ich davon aus, dass es nicht das letzte Mal war. Sind Sie die nächste Zeit im Lande?“

„Ganz sicher, was glaubn denn Sie? Die Karpfensaison geht bald los. Was mana Sie, was des für Ärwert is. Do haßts zupackn.“

*

„Eine pfiffige junge Frau, die Chantal“, meinte Sandra Millberger, als die beiden Polizisten wieder im Auto saßen.

„Aber ihre Mutter …“, entgegnete ihr Chef, „ein lebendes Wrack.“

„Schau dir doch ihren Mann an“, warf Sandra ärgerlich ein, „gefühllos, aufbrausend, selbstherrlich und ein Fremdenhasser. Verbietet seiner neunzehnjährigen Tochter den Umgang mit einem in Deutschland geborenen Türken. Mittelalter. Apropos Türke“, sinnierte die Beamtin, „wollen wir diesen Jlkan auch befragen, ob die Angaben, die Chantal gemacht hat, stimmen?“

„Können wir später noch nachholen“, meinte ihr Chef, „oder glaubst du, dass die den Horst Jäschke umgebracht hat? Fragen wir zuerst Thomas Rusche. Vielleicht hat der schon ein Ergebnis und kennt zwischenzeitlich die genaue Todesursache des Opfers. Kann ja sein, dass es sich bei der Leiche gar nicht um den Teichwirt aus Neuhaus handelt.“

„Wenn du meinst.“

*

„Es war ein direkter Stich ins Herz, von hinten ausgeführt“, erklärte ihnen der Rechtsmediziner. „Übrigens, bei dem Toten handelt es sich tatsächlich um Horst Jäschke. Die Überprüfung der DNA ist eindeutig.“

„Und das Feuer?“

„Wurde anschließend gelegt. Das Opfer wurde mit Benzin übergossen und angezündet.“

„Was macht das für einen Sinn?“, überlegte Sandra laut.

„Keine Ahnung, liebe Kollegin“, zuckte Thomas Rusche mit den Schulterblättern, „das müssen Sie beide herausfinden. Sie sind die Ermittler. Ich kann mir nur vorstellen, dass der Täter die Identität des Toten vertuschen wollte. Aber fragen Sie mich nicht warum.“

„So ein Stich direkt ins Herz, führt der eigentlich einen schnellen Tod herbei, Herr Rusche?“, wollte der Kommissar wissen.

„Schon“, bestätigte der Forensiker. „Sehen Sie, bei der Tatwaffe muss es sich um eine zweiseitig geschliffene Stichwaffe handeln, mit einer Klinge von mindestens fünfzehn Zentimetern. Die Dinger sind übrigens in Deutschland verboten. Wenn nun so ein scharfer und spitziger Gegenstand ins Herz eindringt und wieder herausgezogen wird, dann kommt es zu einem Druckausgleich mit der Außenluft, woraufhin die Lungenflügel zusammenfallen. Bei unserem Opfer spricht man von einem Tod durch eine Herzbeuteltamponade. Ich erkläre es Ihnen. Durch die Verletzung entsteht eine Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel. Bereits geringe Mengen von Blut können zu einer Behinderung der Ventrikelfüllung führen, das heißt, zu einem verminderten Schlagvolumen und somit zu einer lebensbedrohlichen Funktionsstörung des Herzens. Der Blutfluss in den Koronararterien wird vermindert und der Herzmuskel wird nur noch ungenügend mit Sauerstoff versorgt. Eine Herzinsuffienz entsteht. Das Herz ist nicht mehr in der Lage, die vom Körper benötigte Blutmenge ohne Druckanstieg in den Herzvorhöfen zu fördern. Es kommt zum Pumpversagen. Aus. Exitus.“

„Na, Prost Mahlzeit“, kommentierte der Kommissar, griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Plastikbeutel heraus. „Wir kommen gerade aus Röttenbach und haben eine Zahnbürste von Johann Hammer mitgebracht. Das ist der Mann, dessen beige Jeansjacke und Hut das Mordopfer vermutlich trug. Ich lasse Ihnen für den DNA-Abgleich den Beutel samt Inhalt hier. Wie Sie sicherlich bereits vermuten, wäre es mal wieder sehr eilig zu wissen, ob die Jacke und der Hut des Toten tatsächlich Johann Hammer gehörten.“

„Wie haben Sie denn den Mann so schnell gefunden?“

„Wir haben eben auch unsere Agenten an allen Stellen“, antwortete Sandra Millberger mit einem spitzbübischen Lächeln. „Vor allem in Röttenbach.“

Ihr Chef konnte darüber gar nicht lachen.

Am Abend rief Sandra Millberger Kunigunde Holzmann an, und erzählte ihr von den Gesprächen mit der Familie Hammer. „Die Jana is a arme Sau“, kommentierte die Kunni, „ihr Mo, der Hundsfregger, besucht scho seit Jahrn a Nuttn in Büchenbach. Die Jana rennt bloß nu in die Kergn und betet zum Heiland. Ich glab, ich hätt den Kreizdunnerwetterhund scho längst umbracht. Aber Sandra, bevor ich des vergess, da fällt mer nu was andres ei. Sacht dir der Knöllchen-Horst was?“

„Der wer? Knöllchen-Horst?“

„Genau.“

„Nein, keinen blassen Schimmer, wer oder was das sein soll.“

„Pass auf, besorg dir amol einen Zeitungsbericht vom 16. August, vo die Nordbayrischn Nachrichtn. Ihr junga Leit find doch sowas ganz bestimmt im Internet.“

„Und was für einen?“

„Schwere Alkoholfahrt – Ampel umgefahren.“

„Und was soll da drinstehen?“

„Da liest du vo an Unfall und aner Autofahrt im Vollrausch, und dass die Polizei an anonyma Anruf kricht hat, bevor sie den Bsoffnen gestellt hat. Der Anrufer war der Knöllchen-Horst, und der Knöllchen-Horst war der Horst Jäschke aus Neuhaus, die verbrennte Leich aus Röttenbach.“

7

Sissi Lohmeier ist ausgebildete Fleischfachverkäuferin, keineswegs ihr Traumberuf. Aber damals, vor vielen Jahren in der Schule, war sie einfach ein faules Stück. Null Bock auf nichts. Trotzig, widerspenstig, faul und frech. Als sie nach etlichen Abmahnungen zuerst das Gymnasium und dann auch die Realschule verlassen musste, blieb ihr keine große Auswahl an sogenannten Traumberufen mehr. Ob sie allerdings wirklich jemals an einen Traumberuf dachte, darf bezweifelt werden. Dass sie überhaupt die Chance auf irgendeine abgeschlossene Berufsausbildung erhielt, hatte sie ausschließlich ihrer Mutter zu verdanken, die seit Jahren in einer großen Erlanger Metzgerei putzt. Mit vierundzwanzig Jahren konnte Sissi kein Hackfleisch, keine Schnitzel und keinen Schweinebraten mehr sehen. Sie schmiss ihren Job hin. Von dem verdienten Geld, welches sie noch nicht ausgegeben hatte, richtete sie sich eine Zweizimmerwohnung ein – zur Miete selbstverständlich. Sie sattelte um und wurde Prostituierte. Ihr erster Freier wurde der Sparkassenmitarbeiter in der Kreditabteilung, dem sie ein Darlehen in Höhe von zehntausend Euro abschwatzen konnte – der mit der starken Akne im Gesicht und den vielen Schuppen im Haar. Sissi brauchte noch etwas Geld für ein rundes Lotterbett und eine große Badewanne mit Whirlpoolmassage. Außerdem musste sie noch in feine Dessous und das eine und andere Sexspielzeug investieren. Sie war davon überzeugt, dass die heutigen Kunden experimentierfreudiger und verspielter sind als noch vor zwanzig Jahren. Dann inserierte sie. Das Geschäft lief gut an, denn attraktiv ist Sissi allemal. Es kann ihr keiner nachsagen, dass dem nicht so sei. Jetzt, mit neunundzwanzig Jahren, konnte sie nicht behaupten, dass ihr der Job Spaß machen würde, aber sie fand, es war dennoch leicht verdientes Geld, was ihr ihre Kunden da hinterließen. Mehr als zehn Jahre plante sie diesem Gewerbe allerdings nicht mehr nachzugehen. Mit vierzig, so stellte sie sich vor, hätte sie genug Geld auf der hohen Kante angesammelt, um für den Rest ihres Lebens ausgesorgt zu haben. Eine gewaltig naive Vorstellung, aber Sissi glaubte daran. Sie hatte nur ein riesiges Problem: Irgendwann müsste sie damit beginnen, Geld zu sparen. Es gab natürlich auch noch andere Möglichkeiten. Vielleicht würde sie doch noch einen attraktiven, reichen, netten jungen Mann kennenlernen, der sie auf Händen tragen würde. Einen Millionär vielleicht, mit Yacht und so. Sie hatte zwischenzeitlich zwar viele Stammkunden, aber ein Millionär war leider nicht darunter. Noch nicht. Dafür aber Hanni der Hammer. Nett und reich war er nicht. Im Gegenteil, er stank meistens nach Fisch. Doch daran hatte sie sich bereits gewöhnt. Hanni besuchte sie regelmäßig und zahlte auch immer ganz ordentlich. Er war wirklich ein guter Kunde, aber neben den bereits erwähnten Widrigkeiten nicht ganz normal, fand sie. Er liebte Rollenspiele über alles. Erst nachdem sie ihm nach einem seltsamen, langwierigen Ritual bestätigte, dass er der größte, beste und erfolgreichste Teichwirt im ganzen Aischgrund ist, war er zu sexuellen Leistungen fähig. Ein komischer Kauz, aber solange die Kasse klingelte, war ihr das egal. Morgen wollte er wieder vorbeikommen. Sollte sie das Karpfen- oder das Koikostüm bereitlegen? Er kannte beide noch nicht. Eine Überraschung, welche sie in ihrer Buchhaltung unter dem Titel Customer Satisfaction verbuchte. Sie entschied sich für den Karpfen.

*

Am Montag, den 25. August, hatte Jupp Hornauer sehr unangenehmen Besuch im Haus. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was die Mordkommission überhaupt von ihm wollte. Zuerst befürchtete er, dass ihn schon wieder jemand verraten hatte. Dabei war er doch so vorsichtig gewesen, als er mit dem Wagen seiner Frau unterwegs war. Aber dass deswegen die Mordkommission bei ihm auftauchte? Nein, das konnte er sich doch nicht so richtig vorstellen. Dennoch, sie hatten anfänglich so komische Fragen gestellt. Er musste auf der Hut sein. „Herr Hornauer, besitzen Sie eigentlich einen Benzin-Reservekanister?“. „Herr Hornauer, können Sie uns sagen, wo Sie in der Nacht vom sechzehnten auf den siebzehnten August waren?“. Er musste nachdenken. Das Herz sackte ihm fast bis in die Magengrube. 16., 17. August? War er nicht an irgendeinem Tag in dem Dreh mit dem Opel seiner Frau drüben in Willersdorf beim Rittmayer gewesen? Er schwitzte Blut und Wasser. Das konnte er diesen Deppen doch nicht auf die Nase binden, auch wenn er nur vier Bierchen und zwei kleine Schnäpse zu sich genommen hatte. Quasi eine Lappalie an Alkoholkonsum. Er hatte ja vorher das XXL-Schnitzel bestellt. Das gab doch eine kräftige Unterlage im Magen. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann genau er beim Rittmayer war. Freitag? Samstag? Sonntag? Oder war er gar nicht in Willersdorf? Aber dann, nach diesem blöden Vorgeplänkel, kamen diese zwei Affen doch noch auf den Punkt.

„Herr Hornauer“, ließ dieser Hornochse von Kommissar die Katze aus dem Sack, „Sie hatten ja erst kürzlich diese leidige Alkoholfahrt. Ich weiß, dass das Verfahren gegen Sie eingeleitet ist und Ihnen daraus noch sehr unangenehme Konsequenzen erwachsen werden. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne von Ihnen wissen, ob Sie den Neuhauser Teichwirt Horst Jäschke kennen?“

„Was soll denn etz des“, gab der Befragte von sich, „was hat denn der Jäschke mit dera Sach zu tun? Ja freilich kenn ich den Jäschkes Horst, oder ich muss ja besser sogn, ich hab ihn gekannt. A traurige Gschicht, die Sache mit dem Mord. Ich man, die bestn Freind warn wir ja grod net, was unsere Ansichtn über die Karpfenzüchterei angeht, aber suwas wünscht mer ja seim ärgstn Feind net.“

„Was meinen Sie denn damit, wenn Sie davon sprechen, dass Sie nicht die besten Freunde waren?“, hakte Sandra Millberger ein.

Was mischtn sich etz die Schnepfn a nu ei, ging es dem Jupp durch den Kopf, die sollt besser schaua, dass ihr Maul hält, die blede Dolln. „Na ja“, meinte er, „der Jäschkes Horst hat halt scho unterschiedliche Ansichtn ghabt, was die Aufzucht der Aischgründer Spiegelkarpfen angeht. Vo artgerechter Fischhaltung wollt der nix wissen. Profit, schneller Profit, des hat ihn halt umtriebn. Und auf den Kormoran, den Vogel des Jahres 2010, hat der a gschimpft wie ein Rohrspatz. Der frisst ihm die ganzn Fisch weg, hat er immer gsacht. Mich täts ja net wundern, wenn der Horst die Vögl net a innerhalb der Schonzeit gjacht hätt.“

„Ich muss vorerst bei Ihrer Alkoholfahrt bleiben, Herr Hornauer“, insistierte der Kommissar. „Sagt Ihnen der Spitzname Knöllchen-Horst etwas?“

„Ja freilich, des is doch, … war doch der Jäschkes Horst, der Lackaff. Der hat sich doch dauernd an Spaß draus gmacht, indem er Falschparker der Polizei gmeld hat.“

„Hat er Sie auch schon mal an die Polizei verraten?“, hakte jetzt Sandra Millberger nach. „Miech? Mich doch net. Mich hat der niemals erwischt, des Orschgsicht. Da hätt der scho viel früher aufsteh müssn.“

„Vielleicht täuschen Sie sich ja, Herr Hornauer. Vielleicht hat das Mordopfer Sie ja dabei beobachtet, als Sie frühmorgens, am vierzehnten August, in Uehlfeld besoffen aus der Brauerei Zwanzger getorkelt sind. Und vielleicht war ja er es, der die Polizei informiert hat?“

„Also Sie, etz beherrschen Sie sich aber fei in Ihrer Wortwahl. Getorkelt. Wer sacht denn, dass ich torkelt bin? Dann hätt ich ja nimmer Autofahrn kenna! Aber die Vermutung, die Sie da anstelln, trau ich dem Jäschke, dem Kreizkrüpplhund, scho zu.“

„Das ist keine Vermutung, Herr Hornauer“, wurde der Kommissar nun deutlicher, „das ist so. Das ist Tatsache, und das wissen Sie auch. Und, geben Sie es zu, das wurmt Sie immer noch gewaltig. Und da Sie ein emotionaler und nachtragender Mensch sind, der auch zu Gewalttaten neigt, kann ich mir gut vorstellen, dass Sie dem Horst Jäschke eins auswischen wollten. Sie beobachten ihn und finden irgendwie heraus, dass er am 16. August bei Johann Hammer eingeladen ist. Sie wissen auch, dass er absolut keinen Alkohol trinkt, wenn er am Steuer sitzt. Da unterscheidet er sich schon wieder von Ihnen. Also nehmen Sie an, dass er sich zu Fuß auf den Heimweg nach Neuhaus macht. Womit Sie nicht gerechnet haben, ist, dass es so spät werden würde. Sie lauern ihm seit Stunden auf und stellen ihn zur Rede. Ein Wort gibt das andere. Er verhöhnt Sie in seinem Suff, lacht Sie aus. Sie werden immer wütender, können sich nicht mehr in Zaum halten. Sie greifen zum Messer und stechen ihn von hinten nieder. Dann nehmen Sie erst richtig wahr, was Sie da angestellt haben. Sie geraten in Panik und zünden die Leiche an.“

Jupp Hornauer wurde blasser und blasser. Er rang nach Luft. Die Schilderungen des Kommissars und der Verdacht, den dieser gerade ausgesprochen hatte, nahmen ihm den Atem.

„Geben Sie zu, dass Sie das Opfer auf dem Gewissen haben“, setzte der Polizist das Tüpfelchen auf das i.

„Wie hätt ich denn nach Röttenbach kumma solln, Herr Kommissar, ich hab ja kan Führerschein mehr? Immer wenn ich etz wo hin muss, muss mich mei Frau foahrn. Des geht der etz scho aufn Wecker. Und außerdem, dass ich zu Gewalttaten neig, des ham Sie sich ganz schee aus Ihre Finger gsaugt. Eine Beleidigung meiner Charaktereigenschaften. A Baby im Alter vo zwa Monat is a Terrorist gegen mich.“

„So, ein Terrorist? Im Vergleich zu Ihnen? Dann frage ich Sie: Wer hat letztes Jahr unserem früheren Landrat, dem Eberhard Bierlinger, die Reifen aufgeschlitzt, nur weil er sich, wie Sie meinten, nicht ausreichend für Ihre Teichgenossenschaft eingesetzt hat? Wer wurde gerade noch rechtzeitig erwischt, bevor er dem Teichwirt Gisbert Holzmichl eintausendfünfhundert Liter Jauche in seinen Fischteich ablassen wollte? Und schließlich, um ein weiteres Beispiel zu nennen, wer hat gedroht, eine ganze Kolonie Kormorane an den Weihern vom Johann Hammer anzusiedeln?“

Jupp Hornauer lächelte süffisant. „Lauter klane Späßli, Herr Kommissar. Nix als Späßli.“

„Herr Hornauer, wollen Sie mich verarschen? Soll ich deutlich werden? Der Wagen Ihrer Frau steht doch vor der Haustür. Von Krausenbechhofen nach Röttenbach ist es auch nur ein kurzer Sprung, und Feldwege abseits der öffentlichen Straßen gibt es genügend.“

„Ich red nur noch über mein Anwalt“, meinte Jupp Hornauer innerlich völlig aufgewühlt, lehnte sich in seinem Sessel zurück, und betrachtete das Gespräch als beendet. „Und etz wärs ganz schee, wenn Sie geh tätn“, forderte er die beiden Beamten auf.

„Wir kommen wieder, Herr Hornauer“, kündigte der Kommissar an, „und dann kann es ganz ungemütlich für Sie werden.“

*

Jeder in Röttenbach, besser gesagt, jeder Einheimische in Röttenbach, kennt den Jupp Hochleitner. Der Jupp ist quasi das Röttenbacher Original. Als Rentner hat er nie Geld, ist notorisch knapp bei Kasse und ein Schmarotzer sondergleichen ist er auch. Überall, wo gerade etwas los ist, ist Jupp Hochleitner präsent. Egal ob es sich um eine Vereinsfeier handelt (er ist passives Mitglied in fünfundzwanzig Vereinen), eine lokale Wahlveranstaltung der örtlichen Parteien, eine Beerdigung oder ein Schafkopfrennen – Jupp Hochleitner ist immer dabei. Gerne ergattert er ein Freibier, ein Schnäpschen oder fungiert als Brunzkartler. Nun widerfuhr dem Jupp nach zwanzig Jahren Lottospiel eine große Glückssträhne. Fünftausenddreihundertsechsundsiebzig Euro und fünfundzwanzig Cent ergab die Quote für eine Fünf ohne Zusatzzahl. Jupp Hochleitner war auf dem Weg zu Josef Habermann in die Eggartenstraße. Der lag ihm schon lange in den Ohren wegen dieser nichtigen Angelegenheit. Heute passe es gerade. Der Jupp hatte Zeit, war gut drauf und das Wetter lud ebenfalls zu einem kurzen Spaziergang ein. Die Sonne schien von einem tiefblauen Röttenbacher Himmel, und überhaupt freute sich der Jupp immer noch über den unerwarteten Geldsegen.

Josef Habermann wartete unterdessen im Adamskostüm darauf, dass seine Frau, die Gabi, endlich die Dusche frei machte. „Hast ganz sche lang braucht“, beschwerte er sich. Gabi, hatte sich gerade abgetrocknet, ihre Haare ausgekämmt und ihren Luxuskörper eingecremt, als die Haustürglocke anschlug. „Ich geh schnell runter“, rief sie ihrem Mann zu, den in der Duschkabine bereits das brausende, warme Wasser umtoste. Flugs wickelte sie sich das große blaue Badetuch um, hielt es über ihren drallen Brüsten zusammen, stieg in ihre Badelatschen und tippelte die Treppe in das Erdgeschoss hinunter. Es klingelte schon wieder. „Ja, ja“, rief sie, „ich komm ja scho.“ Wenige Augenblicke später öffnete sie die Haustüre. Es war nicht, wie vermutet, der Postbote. Draußen stand Jupp Hochleitner vor dem Hauseingang. „Jupp du bist es? So eine Überraschung. Mit dir hätt ich etz net grechnet. Was kann ich denn für dich tun?“

Jupp hatte die Situation sofort erfasst und stierte mit Interesse auf Gabi Habermann in ihrem blauen Badetuch. Sie verströmte einen herrlich frischen Fliederduft. Er genoss den Anblick. Nur das blaue Badetuch empfand er als störend.

„Der Sepp net do?“, drang seine Stimme krächzend an Gabis Ohr.

„Der steht grad unter der Dusche“, erhielt er zur Antwort. „Kummst halt später noch amol.“

Die junge Frau wollte gerade die Tür wieder schließen, als der Jupp seinen ganzen Mut zusammennahm. Er spürte Gefühle. „Du Gabi, hübsch schaust aus. Wenn du dei Badetuch falln lassen tätest, tätst du vo mir fünfhundert Euro kriegn.“

Gabi Habermann wusste im ersten Moment nicht, wie ihr geschah. Dieser alte Bock. Sollte sie einfach nur laut hinauslachen und Jupp ordentlich die Meinung sagen, oder sollte sie richtig böse mit ihm werden? Aber dann, schneller als sie ihre Gedanken sortieren konnte, griff Jupp in seine Hosentasche und holte fünf grüne Scheine hervor. Er rieb die fünf Hunderter zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Die fünf Scheine waren nagelneu und knisterten verlockend. Meinte es der Jupp wirklich ehrlich? „Fünfhundert Euro“, wiederholte er. „Bloß kurz schaua“, meinte er und bekam dabei rote Ohren, „dann ghert des Geld dir.“ Gabi Habermann war verunsichert und kämpfte mit sich. Sie sah sich kurz um. Dann ließ sie mit einem Ruck ihr Badetuch auf den Boden gleiten. Jupp Hochleitner sprangen fast die Pupillen aus den Augen. Er klotzte sie von oben bis unten an, dann reichte er ihr die fünfhundert Euro, drehte sich um und schlich sich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen davon. Schnell nahm Gabi ihr Badetuch wieder auf und verhüllte züchtig ihren nackten Luxuskörper. Was sie mit fünfhundert Euro alles machen konnte, überlegte sie sich auf dem Weg nach oben ins Badezimmer. Ihr Mann stand fertig geduscht vor dem Badezimmerspiegel und bürstete seine Haare. „Wer war es denn?“, fragte er neugierig.

„War bloß der alte Jupp Hochleitner, der Schlack. Wollte mit dir redn. Ich denk, der kummt später nochmals vorbei“, meinte Gabi.

„Der Sauhund“, regte sich Josef Habermann sichtlich auf, „und von den fünfhundert Euro, die er mir no schuldet, hat der Hundskrüppel überhaupt nix gsacht?“

Pulsuz fraqment bitdi.

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22 dekabr 2023
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9783960081081
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