Kitabı oxu: «Zeckenalarm im Karpfenland»
ZECKENALARM
IM KARPFENLAND
Werner Rosenzweig
ZECKENALARM
IM KARPFENLAND
Zweider Röttenbacher Griminalroman
-Frängisch gred, dengd und gmachd-
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
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Handlung und Personen sind frei erfunden.
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wären rein zufällig und unbeabsichtigt.
Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Lektorat: Barbara Lösel, www.wortvergnügen.de
ISBN 9783954888030
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
PROLOG
Erlangen, Bohlenplatz, Mittwoch, 27. Juni 2012
Röttenbach, Kirchgasse, Donnerstag, 28. Juni 2012
Erlangen, Staatsstraße 2240, Sonntag, 1. Juli 2012
Röttenbach, Kirchgasse, Montag 2. Juli 2012, Tag der Franken
Erlangen, Bohlenplatz, Freitag, 6. Juli 2012
Eine Woche später, Staatsstraße 2240, unter der Brücke über dem Rhein-Main-Donau-Kanal, Freitag, 13. Juli 2012
Mordkommission der Stadt Erlangen, am späten Nachmittag des gleichen Tages
Röttenbach, Fischküche Fuchs, Sonntag, 15. Juli 2012
Frühmorgens am Bahnhof Erlangen, Montag, 16. Juli 2012
Am gleichen Tag im Haus des Mörders
Adelsdorf, Ortsteil Neuhaus, auf dem Bierkeller der Familie Wirth, Freitag 20. Juli 2012
In der Wohnung des Mörders, Sonntag, 29. Juli 2012
Röttenbach, im Haus von Kunni Holzmann, Samstag 4. August 2012
Auf der Bundesstraße 470, Mittwoch, 15. August 2012
Röttenbach, Gaststätte Fuchs, Freitag 17. August 2012
Röttenbach, am Tag nach der Geburtstagsfeier, Samstag, 18. August 2012
Rothenburg ob der Tauber, Mittwoch 22. August 2012
Füssen, Donnerstag 23. August 2012
Röttenbach, Freitag, 24. August 2012
Röttenbach, Samstag, 25. August 2012
Röttenbach, in Kunigunde Holzmanns Küche, Sonntag 26. August 2012
Pathologie der Uni-Klinik Erlangen, Dienstag, 28. August 2012
Röttenbach, in der Turnhalle der Grundschule, Donnerstag, 30. August 2012
Bad Windsheim, Fränkisches Freilandmuseum, Freitag, 31. August, 2012
Röhrach, Gaststätte Jägerheim, Sonntag, 2. September 2012
Erlangen, Schallershofer Straße, Dienstag, 4. September 2012
Röttenbach, Donnerstag, 6. September 2012
Erlangen, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Freitag, 7. September 2012
In der Wohnung des Mörders, Samstag, 8. September 2012
Röttenbacher Friedhof, Montag 10. September 2012
Röttenbach, Gaststätte Fuchs, Sonntag 16. September 2012
Röttenbacher Kirchweih, Freitag, 21. September 2012
Röttenbach, Martin-Luther-Weg, Montag, 24. September 2012
Röttenbach, Mittwoch, 26. September 2012
Röttenbach, Gemeindeverwaltung, Montag 1. Oktober 2012
Röttenbach, Martin-Luther-Weg, Dienstag, 2. Oktober 2012
Röttenbach, Donnerstag, 04. Oktober 2012
Röttenbach, Gemeindeverwaltung, Freitag, 5. Oktober 2012
Dechsendorfer Weiher, frühmorgens, Samstag 6. Oktober 2012
Erlangen, Hofmannstraße, Montag, 8. Oktober 2012
Erlangen, Kommissariat der Kripo, Dienstag 9. Oktober 2012
Röttenbach, Mittwoch, 10. Oktober 2012
Erlangen, Kommissariat der Kripo, Donnerstag, 11. Oktober 2012
Röttenbach, Samstag, 13. Oktober 2012
Röttenbach, Sonntag, 14. Oktober 2012
Erlangen, Kommissariat der Kripo, Montag, 15. Oktober 2012
Röttenbach, am gleichen Tag
Im Hause des Mörders, Donnerstag, 18. Oktober 2012
Erlangen, Kommissariat der Kripo, Freitag 19. Oktober 2012
Erlangen, Kommissariat der Kripo, Montag, 22. Oktober 2012
Röttenbach, Donnerstag, 25. Oktober 2012
Röttenbach, katholische Kirche St. Mauritius, Freitag, 26. Oktober 2012
Röttenbach, Gaststätte Fuchs, Samstag, 3.11.2012
Nachwort
Von Werner Rosenzweig sind bisher folgenden Bücher erschienen:
Röttenbacher Karpfenlied Text: Günther Sapper
Wer will mal gute Karpfen essen,
muss auf Röttenbach im Aischtalgrund.
Des werd er niemals mehr vergessen,
denn schmecken tuns und sen a gsund.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.
Im Frühjahr wenn sie voll die Weiher,
do setzmer nei die Fisch die klan,
und hoffn, dass sie holt ka Reiher,
und auch kein böser Kormoran.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.
Und is der Sommer gut rumganga,
dann is im Herbst endlich soweit,
mitn Fischn tut mer dann ofanga,
und es beginnt die Karpfenzeit.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.
Bei die Monat mit an „r“ im Noma,
do was dann jeder hierzuland,
die Karpfenzeit tut jetzt ofanga,
und alle sind schon do drauf gspannt.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.
Der ane will die Karpfen backn,
der andere wills lieber blau,
des muss a jeder selber wissn,
wies ihm am besten schmeckt genau.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.
Dann gibt sies anu mit viel Pfeffer,
in Scheibn oder als Filet,
des Ingreisch is a toller Treffer,
und Salot, der passt dazu ganz schee.
Refrain: Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
am bestn wenn mers selber essn tut.
Denn die Karpfen sen gud,
ja die Karpfen sen gud,
wenn mers in Röttenbach essn tut.

PROLOG
Das grässliche, furchterregende Monster war tot. Daran bestand kein Zweifel. Da war kein Zucken mehr in der Bestie, nicht das geringste Lebenszeichen. Ihr mächtiger, blutgefüllter Hinterleib war von einer kolossalen Kraft regelrecht zerquetscht worden. Eine rote, breiige Masse war das Einzige, was davon übrig blieb. Dennoch, es herrschte immer noch Leben in ihm. Ein total quirliges Leben, voller mysteriöser Aktivitäten. Abertausende tödlicher Nairoviren tummelten sich in einem wilden Durcheinander in dem blutigen Brei der zerquetschten Kreatur. Sie waren immer noch in der Lage Tod und Schrecken zu verbreiten und in den Körper eines gesunden Lebewesens einzudringen, um es mit dem gefährlichen Krim-Kongo-Fieber zu infizieren. Der Kontakt mit einer winzigen offenen Wunde würde bereits genügen.
Der Kopf der toten Kreatur war trotz der heftigen Attacke nahezu unverletzt geblieben. Die Mundwerkzeuge dieser Bestie waren bestens dafür geschaffen, die Haut ihrer Opfer auf äußerst brutale Weise aufzureißen. Im Vergleich dazu sahen die rasiermesserscharfen Zähne des Weißen Hais aus wie die Milchzähne eines zweijährigen Kindes. Die Gnathosoma, der Mundbereich der Bestie, war ein wirksames Instrument, um die unermessliche Blutgier der Kreatur zu stillen. Da standen, links und rechts des Kopfes, die beiden keulenartigen Pedipalpen hervor. Sie dienten dem Ungeheuer zum Ertasten ihrer bedauernswerten Opfer. Aus der Mitte ragte der gewaltige Stechrüssel, das sogenannte, zungenförmige Hypostom, welcher an seinem Ende mit einer Vielzahl grässlich spitziger Widerhaken besetzt war. Er war links und rechts von zwei Kieferklauen eingerahmt, die an ihren Enden mit rasiermesserscharfen Zähnen bestückt waren. Ihre Aufgabe war es, nachdem sich die Kreatur an ihr Opfer gekrallt hatte, die Haut der Beute zu durchdringen, um den mächtigen Stechrüssel ungehindert in die offene Wunde zu stoßen und sich an dem warmen Blut zu laben.
Der Mann rückte von seinem Elektronen-Mikroskop ab. Ein teuflisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Er hatte genug gesehen. Er war höchst zufrieden. Genüsslich hatte er in den letzten zehn Minuten den zerquetschten Hinterleib der Hyalomma-Zecke durch sein Mikroskop betrachtet. Doch nicht der übel zugerichtete Körper der toten Zecke war es, der seine ungeteilte Aufmerksamkeit erregte. Den winzigen, tödlichen Nairoviren, welche immer noch in dem blutigen Brei herumzuckten, galt sein Interesse. Er konnte sie eindeutig ausmachen. Sie sahen aus, wie kleine, stachelige, heranreifende Früchte des Kastanienbaumes. Selbst die Farbe passte: Winzige, verlässliche, grüne Killer, welche das häufig tödlich verlaufende Krim-Kongo-Fieber auslösen.
Sein siebentägiger Ausflug in die Nähe von Antalya hatte sich gelohnt. Als er im Mai 2012 vom plötzlichen Tod der vier Landarbeiter und des türkischen Hirten las und die Hintergründe ihres überraschend schnellen Ablebens begriff, buchte er ad hoc eine einwöchige Pauschalreise nach Belek, an der Küste der türkischen Riviera, und wurde, wie fünfzehn andere fränkische Pauschalreisende, in dem All-Inclusive-Ferienressort Limak Arkadia einquartiert. Während die anderen Feriengäste in der darauf folgenden Woche den Strand, die Poolanlagen und die anderen Annehmlichkeiten der Ferienanlage genossen und sich in der Sonne aalten, mietete der Mann für die ganze Woche einen Wagen und unternahm Tagesausflüge in das Landesinnere. Er hatte Interessen ganz anderer Natur. Am dritten Tag besuchte er das Gebiet rund um die Stadt Elmali, in welchem sich die vier Landarbeiter und der Hirte mit den Nairoviren infiziert hatten und in Folge dessen an ihren inneren Blutungen verstorben waren. Sie waren von Hyalomma-Zecken gestochen worden, welche die tödlichen Krim-Kongo-Fieber-Viren in sich trugen. So jedenfalls berichtete im Mai die internationale Presse. Nun, am dritten Tag nach seiner Ankunft, stand er trotz der Mittagshitze mit hochgeschlossener Kleidung mitten in einem ansteigenden Olivenhain, dessen Grund und Boden mit kargen Grasbüscheln bewachsen war. Zwischen den Bäumen graste eine Herde hungriger Schafe, welche auf dem ausgetrockneten steinigen Hang auch noch das letzte Grün gierig in sich hineinfraßen. Der Mann wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stach mit voller Kraft. Vor ihm stieg der mächtige, 3086 Meter hohe Kizlar Sivrisi Tepesi des West-Taurus-Gebirges an. In der Ferne glitzerte das sonnenbeschiene, tiefblaue Wasser der türkischen Riviera am Horizont. Doch die Naturschönheiten interessierten den Mann nicht. Er war im Moment zu aufgeregt, um die herrliche Landschaft zu genießen. Adrenalin durchströmte seine Blutbahnen wie ein schnell dahin fließender Gebirgsbach. Vor ihm, am Ende eines langen Grashalms, saß eine Hyalomma-Zecke. Sie hatte die beiden Vorderbeine weit von sich gestreckt, um sich jederzeit an einem der vorbei kommenden Schafe festzuklammern. Der Mann griff aufgeregt in seine Umhängetasche und holte ein kleines Schraubglas hervor. Vorsichtig streifte er die Zecke in das Glas. Es sollte nicht die Einzige bleiben, welche er an diesem Tag einsammelte. Nun musste sich nur noch bestätigen, dass die winzigen Insekten auch tatsächlich die tödlichen Viren in sich trugen, welche sie von den weidenden, infizierten Huftieren aufgenommen hatten. Die anschließenden Tests, welche er mit seiner mitgebrachten Ausrüstung in den nächsten beiden Tagen auf seinem Hotelzimmer durchführte, ergaben, dass er fündig geworden war. Er hatte die Nairoviren entdeckt. Die kleinen Zecken, welche er im Schweiße seines Angesichtes eingesammelt hatte, waren voll davon. Er hatte einen Glückstreffer gelandet. Verwunderlich, dass die Hyalomma-Zecken bereits bis in das Gebiet um Antalya vorgedrungen waren. Normalerweise kamen sie in viel südlicher gelegenen Regionen vor. Aber, wie die sogenannten Experten in den Medien ausführten, der fortschreitende Klimawechsel bestätigte auch an solchen Beispielen seine Auswirkungen. Ihm war das egal. Ganz im Gegenteil, er hatte gefunden, was er suchte. Nun konnte er seinen perfiden Plan in die Tat umsetzen: mordende Zecken. Für seine Verbrechen, die er seit langem plante, musste er sich die eigenen Hände nicht mehr schmutzig machen. Er hatte vor, morden zu lassen. Wie einfach und bequem! Seine kleinen, blutgierigen Freunde würden das für ihn übernehmen. Das perfekte Verbrechen. Dennoch, alles musste noch bis ins kleinste Detail vorbereitet werden. Er hatte Zeit. Bloß nichts übers Knie brechen. Die Zeit lief ihm nicht davon. Er würde erst einen Test durchführen. Einen Probe-Mord sozusagen. Ein wichtiger Test, und ein nützlicher zugleich. Das erste Opfer hatte er längst ausgesucht. Er kicherte diabolisch vor sich hin. Alles würde klappen. Davon war er überzeugt. Er würde sich zuerst von der tödlichen Wirkung der kleinen, stacheligen, grünen Killerviren überzeugen, bevor es zur eigentlichen Sache ging. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Er war sehr zuversichtlich, dass alles so kommen würde, wie er sich das vorstellte. Das Schöne war, es gab noch kein wirksames Gegenmittel gegen die kleinen Killerviren. Die Medizin war noch nicht so weit. Herrlich!
Gedankenvoll betrachtete er das riesige, zweckentfremdete Aquarium, welches auf einem Sideboard seines Arbeitszimmers stand. Er hatte den Boden mit Blumenerde aufgefüllt und eine Mini-Wiese angesät, welche er regelmäßig goss. Gelbe Butterblumen blühten in dem Gefäß. Selbst der Sauerampfer gedieh. Die klimatischen Verhältnisse in dem Glasgefäß sollten immer schön feucht-warm sein. Das gefiel seinen blutgierigen Lieblingen. Er konzentrierte seinen Blick auf die Grashalme. Dort saßen sie, seine infizierten kleinen Killer mit den rot-gelb geringelten Beinen, und vermehrten sich fleißig. Einige von ihnen hatten einen dicken Hinterleib, vollgesogen mit Meerschweinchenblut.
Geistesabwesend griff er in einen Käfig, der auf dem Fensterbrett stand. Darin züchtete er die kleinen, possierlichen Nager, welche vorübergehend als Nahrungsquelle für seine blutgierigen Minimonster herhalten mussten. Er griff sich eines der Tiere. Es hatte ein wunderschönes, zotteliges braun-weißes Fell und sah ihn mit seinen dunklen Knopfaugen ängstlich an. Dann hob er den Deckel, welchen er über das Aquarium gelegt hatte, kurz an und setzte das Meerschweinchen auf der kleinen Wiese aus. Seine kleinen Zecken hatten stets einen unbändigen Blutdurst. Es sollte ihnen gut gehen. „Vermehrt euch! Ich habe noch Großes mit euch vor!“, raunte er ihnen leise zu, bevor er das Aquarium wieder abdeckte.
Erlangen, Bohlenplatz, Mittwoch, 27. Juni 2012
Kuno Seitz saß auf einer Bank und sah den flanierenden Fußgängern nach. Mütter mit Kinderwägen, die ihren Schützlingen in der Babysprache liebevoll zuredeten. Geschäftsleute, die schnellen Schrittes über den Platz hasteten, ihre Mobiltelefone ständig am Ohr, und mit ihren Gesprächspartnern offensichtlich Wichtiges zu bereden hatten. Glaubten sie jedenfalls. Dann waren da noch die Schülergruppen, welche sich lautstark darüber unterhielten, wie hoch Deutschland Italien im EM-Fußball-Halbfinale schlagen würde, sowie die Rentner, die gemächlichen Schrittes vor seiner Bank dahin schlurften, einige einen Rollator vor sich her schiebend oder zumindest auf einen Stock gestützt.
Es war etwas windig. Das Wetter wusste nicht so recht, was es wollte. Mal war es wolkig und bedeckt, wenige Minuten später strahlte die Sonne von einem blauen Himmel. Für die nächsten Tage waren Temperaturen um die dreißig Grad vorhergesagt.
Kuno Seitz biss herzhaft in seinen Apfel, den er sich als Nachtisch aufgehoben hatte. Vor zwanzig Minuten war er noch in der Raumerstraße 9, ganz in der Nähe vom Bohlenplatz, angestanden. Dort, wo die Erlanger Tafel jeden Mittwoch Essen an hilfsbedürftige Menschen und an die Obdachlosen dieser Stadt ausgibt. Innerhalb weniger Jahre war er ganz, ganz tief gesunken. Alles was er heute noch besaß, passte in einen ausrangierten Einkaufswagen. Das ramponierte Gefährt stand neben ihm, seitlich an der Bank abgestellt. Niemand beachtete ihn. Gelegentliche, neugierige Blicke huschten schnell wieder weg, wenn er den Beobachtern ins Gesicht sah. Kein Wunder, bei seinem ungepflegten Erscheinungsbild. Mit seinen achtunddreißig Jahren war er bereits erstaunlich schnell ergraut. Seine langen, fettigen Haare klebten an seinem Kopf und aus seinem mit einem wirren Vollbart umrahmten Gesicht stierte ein unstetes, eisgraues Augenpaar, welches beidseitig über einer rot geäderten Hakennase tief in den Augenhöhlen lag. Sein Mund war breit, von zwei wulstigen Lippen dominiert. Alles in allem hinterließ er nicht gerade einen vertrauenserweckenden Eindruck. So manches Kind, welches von seiner Mama an der Hand geführt wurde, drehte sich zu ihm um, deutete mit dem Finger auf ihn und klärte seine Mutter auf: „Schau Mama, böser Onkel!“ „Psst! So was sagt man nicht“, oder „Komm jetzt, man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!“, waren häufig die peinlich berührten Antworten.
Er verstand die Kinder. Er brauchte sich nur selbst zu betrachten. Alleine seine Kleidung hinterließ einen schäbigen Eindruck. Sein jägergrünes Jackett – sein einziges –, welches er winters wie sommers trug, war abgetragen und mit dunklen Rotweinflecken besprenkelt. Die Ärmel waren an den Ellenbogen abgewetzt, und die drei Knopflöcher waren ausgerissen. Egal, Knöpfe waren sowieso längst nicht mehr dran. Das gelbe Baumwollhemd, welches er trug, war seit Monaten nicht mehr gewaschen worden und stank nach seinen Körperausdünstungen. An den Knien seiner schwarzen Jeans klafften taubeneigroße Löcher, und die Zähne des einzigen Reißverschlusses waren zur Hälfte nicht mehr existent. Die Sohlen seiner Sportschuhe mit den drei Riemen schließlich, welche er aus einem Mülleimer gezogen hatte, waren durchgelaufen, und wann immer es regnete, bekam er nasse Füße.
Nachdem er seinen Apfel ratzebutz aufgegessen hatte, stierte er vor sich hin und dachte – wie so oft in letzter Zeit – über sein bisheriges Leben nach. Alles war so schnell gegangen. Der Absturz kam wie aus heiterem Himmel. Er hatte eine glückliche Jugend verbracht. Seine Eltern, Georg und Doris Seitz, kümmerten sich rührend um ihn. Sie lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab, halfen ihm während der Schulzeit beim Lernen und hatten großes Verständnis, wenn er mal eine Dummheit begangen hatte. Kurzum, sie waren immer für ihn da. Kaum hatte er am Albert-Schweitzer-Gymnasium ein gutes Abitur abgelegt und gerade mit seinem Jura-Studium begonnen, erlitt er den ersten schweren Schicksalsschlag. Im Jahr 1994 kamen seine Eltern nicht mehr von einem Urlaub in Tirol zurück. Ein Lkw war bei heftigem Regen in der Nähe der österreichischen Ortschaft Schwaz auf dieGegenfahrbahn geraten. Seine Eltern hatten nicht die geringste Chance. Ungebremst rasten sie mit ihrem Mini-Van in den schweren Lastzug. Vater und Mutter waren sofort tot. In ihrem Testament hinterließen sie ihm nicht nur das kleine Einfamilienhaus in der Schallershofer Straße, ganz in der Nähe des Freibads West, sondern auch eine höchst merkwürdige Überraschung. In einem handgeschriebenen, herzzerreißenden Brief klärten sie ihn darüber auf, dass er gar nicht ihr leiblicher Sohn sei, sondern dass sie ihn im Alter von sechs Monaten adoptiert hätten, da sie selbst keine Kinder bekommen konnten. Noch im Tod warben sie um sein Verständnis, dass sie ihm niemals darüber berichtet hatten, und baten ihn, auch jetzt, nachdem er die Wahrheit erfahren hatte, keine Nachforschungen nach seinen wirklichen Eltern anzustellen. Seine leibliche Mutter war gerade mal siebzehn Jahre alt, als sie ihn geboren hatte, schrieben sie und versuchten in weiteren detaillierten Erläuterungen, deren damalige Lebenssituation und ihre Gründe für die Weggabe des Kindes nachträglich zu entschuldigen. Einen Hinweis auf seine leibliche Mutter gaben sie ihm nicht. Selbst seine Abstammungsurkunde fehlte in dem Familienbuch, welches sie ihm. So lieb sie sich auch immer um ihn gekümmert hatten, so ärgerte er sich doch im Nachhinein über ihre Heimlichtuerei und ihr Fehlverhalten ihm gegenüber.
Kaum dass er seine Adoptiveltern unter die Erde gebracht hatte, brach er sein Jura-Studium ab. Er musste Geld verdienen. Es war absehbar, wann das bescheidene Barvermögen, welches sie ihm vererbten, aufgebraucht sein würde. Doch er war ehrgeizig. Er würde es schaffen. Noch im gleichen Jahr, er war gerade zwanzig, begann er bei Siemens eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Seine interne Firmenabschlussprüfung schaffte er mit einer glatten Eins und wurde sofort in den Kreis der förderungswürdigen Jungkaufleute aufgenommen. Während seiner Ausbildungszeit lernte er Lisa Probst kennen, ebenfalls eine Auszubildende, ein Ausbildungsjahr nach ihm. Die beiden jungen Leute verliebten sich ineinander, schworen sich ewige Treue und Liebe und traten 1997 vor den Traualtar. Die ersten drei Ehejahre waren ein einziger Traum, bis Jens geboren wurde. Zwei Jahre später, im Jahr 2002, kam Töchterchen Tina zur Welt. Während ihr Ehemann im Laufe der Jahre eine steile Firmenkarriere hinlegte, kümmerte sich Lisa Seitz um den Haushalt und die Erziehung der gemeinsamen Kinder. Kuno kam immer später nach Hause, und immer öfter und immer länger war er auf Dienstreisen. Bald fiel Lisa die Decke auf den Kopf. Sie fühlte sich ungerecht behandelt. Es war niemals ihr Lebensziel gewesen, die Rolle einer Putzfrau einzunehmen, drei Mal am Tag Kinderwindeln zu wechseln, zu waschen, zu bügeln und stets ein warmes Essen auf dem Herd zu haben, wenn der Herr des Hauses sich gnädigerweise bequemte, spät am Abend zu Hause zu erscheinen, und nach dem gemeinsamen, wortkargen Abendessen zu gähnen begann. Langsam erlosch die große, gegenseitige Liebe. Immer öfter und in immer kürzeren Abständen zankten sich die Eheleute. Als im Jahr 2007 gegen den Arbeitgeber von Kuno Seitz schwere Vorwürfe wegen gezielter, weltweiter Korruption erhoben und entsprechende Ermittlungen eingeleitet wurden, geriet auch er in die Mühlräder der Justiz. Die von der neuen Firmenleitung beauftragten, investigierenden amerikanischen Anwälte wiesen ihm anhand eines Berges von seiner Festplatte kopierter Dokumente gezielte Bestechung südamerikanischer Politiker nach. Die Sachlage war eindeutig. Kuno Seitz, der glaubte, sich stets zu mehr als einhundert Prozent für die Interessen seines Arbeitgebers eingesetzt zu haben, gab alle Verfehlungen zu. Siemens kündigte ihm. Die Justiz leitete ein Strafverfahren gegen ihn ein. Mit drei Jahren Haft auf Bewährung kam er noch glimpflich davon. Am schwersten wog für ihn jedoch, dass seine Frau die Scheidung einreichte. Es folgte ein kurzer, aber erbarmungslos geführter Rosenkrieg. Im Jahr 2010 stand er mittellos auf der Straße, ohne Aussicht darauf, jemals wieder in ein normales Leben zurückzukehren. Die Geldstrafe, welche ihm das Gericht auferlegt hatte, und die Konsequenzen der Scheidung fraßen alle seine Vermögenswerte auf. Wie oft dachte er seitdem daran, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch je länger und intensiver er darüber nachdachte, desto schneller verließ ihn der Mut, diesen Schritt auch tatsächlich zu vollziehen. Er führte nunmehr ein Leben, welches nur noch im Suff zu ertragen war. In seiner trostlosen und ausweglosen Situation dachte er häufiger darüber nach, wer wohl seine leibliche Mutter sein könnte. Lebte sie noch? Wo lebte sie? Wie ging es ihr heute? Dachte sie noch manchmal an ihren Sohn, den sie im Säuglingsalter in fremde Hände gab? Wenn sie damals siebzehn war, musste sie heute fünfundfünfzig sein. Kein Alter! Vielleicht suchte sie nach ihm und hatte ihren Schritt von damals längst bereut? Sollte er sich vielleicht doch auf die Suche nach ihr begeben? Doch wo sollte er beginnen? Was, wenn er sie finden würde? Er, ein Obdachloser! Er verwarf den Gedanken immer wieder.
„Ist hier noch ein Platz frei?“ Ein adrett gekleideter Mann, deutlich jünger als er, blickte durch seine modische schwarze Hornbrille freundlich auf ihn herab. „Wenn Sie meine Erscheinung nicht stört. Bitte schön!“ „Ein komisches Wetter heute“, kommentierte der Ankömmling, ohne auf die indirekte Frage einzugehen. Stattdessen bot er Kuno eine Marlboro an. Mit seinen schmutzigen Fingernägeln fingerte der Obdachlose in der Zigarettenschachtel herum. „Danke, sehr freundlich.“ Dann rauchten die beiden schweigsam ihre Glimmstängel. Nach einer halben Stunde und einer zweiten Zigarette begann Kuno Seitz, dem Fremden die Geschichte seines Lebens zu erzählen.
Röttenbach, Kirchgasse, Donnerstag, 28. Juni 2012
Kunigunde Holzmann und Margarethe Bauer, die beiden fränkelnden Röttenbacher Urgesteine und langjährigen Busenfreundinnen saßen in Kunnis Küche und beratschlagten, wie sie ihre bevorstehenden achtzigsten Geburtstage ordentlich feiern sollten. „Do lass mer scho an grachn“, meinte die Retta im Brustton der Überzeugung, „su ald wird ka Sau.“ Dritte im Bunde war Theresa Fuchs, die rüstige Nachbarin aus der Lindenstraße, und zwei Jahre jünger als die beiden angehenden Jubilare. Genau wie Kunni und Retta war auch die Fuchsn Deres bereits langjährige Witwe. Doch im Unterschied zu den beiden Geburtstagskindern hatte sie noch direkte Familienbeziehungen ersten Grades im Dorf. Ihr Sohn Bruno und seine Frau Julia, ebenso eine gebürtige Röttenbacherin, wohnten drüben, im Neubaugebiet „Bucher Weg“. Julia war zwar schon einmal verheiratet gewesen, mit einem Amerikaner, und hatte in der Nähe von Dallas gelebt, doch drei Jahre nach ihrer Eheschließung und nur ein Jahr nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Michael schlug das Schicksal unbarmherzig zu: John Hausman, ihr erster Mann, verstarb überraschend an Krebs. Glücklicherweise war John Hausman kein armer Mann, sondern ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler. Er hinterließ seiner Frau Sachwerte wie das gemeinsame Haus, zwei Autos, ein ansprechend wertvolles Aktienpaket sowie ein Barvermögen von knapp über drei Millionen US-Dollar. Als gemachte Partie kehrte Julia Hausman, geborene Sapper mit ihrem Söhnchen Michael 1983 wieder in ihre fränkische Heimat Röttenbach zurück. Sechs Jahre später, im September 1989, heiratete sie Bruno Fuchs, Theresas Sohn. Die Ehe blieb kinderlos. Nachdem viele Jahre später Julias Sohn Michael im Alter von fünfundzwanzig Jahren in der Sandstraße einen eigenen Hausstand gründete, bauten sich die beiden Eheleute im Neubaugebiet „Bucher Weg“ ein neues, schmuckes Einfamilienhäuschen. Geld war ja genug da. Julia und Bruno führten eine gute Ehe. Die Kritik, dass sie zu viel rauche, musste sich Julia allerdings immer wieder von ihrem Mann gefallen lassen.
Die Fuchsn Deres hatte als gute Nachbarin der Holzmanns Kunni und der Bauers Retta angeboten, ihnen bei der Organisation ihrer bevorstehenden Geburtstagsfeierlichkeiten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sie wusste, dass die Kunni Probleme mit ihren Knien hatte und immer öfter auf ihren Rollator angewiesen war. Wie oft hatte sie ihr schon geraten, etwas abzunehmen. Bei einer Körpergröße von nur einem Meter neunundfünfzig waren fünfundachtzig Kilogramm Lebendgewicht einfach zu viel. Kein Wunder, dass die Pfunde auf die maroden Gelenke drückten. „Edz lass mi doch endlich in Ruh mid deine schdändichn Radschläch“, bekam sie immer wieder von der Kunni zur Antwort, „du waßd doch, dassi gern viel und gud ess! Mier schmeggds hald! Wie solln iech do abnehma?“
Die Retta war das Gegenteil von Kunni Holzmann. Rank und schlank war sie und lief ausdauernd wie ein Mercedes Diesel. Aber ihr machte die Gicht in ihren Fingergelenken immer mehr zu schaffen. Das feinste Gehör hatten zudem beide nicht mehr. Ein Hörgerät wollten sie aber auch nicht tragen. „Dees is doch was fier alde Leid“, pflegten sie zu behaupten, „nix fier uns junge Hubfer!“
Nun saßen sie in Kunnis Küche, jede eine geöffnete Flasche „Storchenbier“ von der Brauerei Sauer vor sich. Biergläser brauchten sie nicht. Sie tranken aus der Flasche. Die Zeiger der Wanduhr krochen langsam, aber beständig auf zwanzig Uhr zu, und die drei Witwen waren gerade mit einem späten, deftigen Abendessen zu Gange. Auf einer riesigen Platte waren roter und weißer Presssack, geräucherte Leberwurst, Obatzter, grobe Mettwurst, aufgeschnittener Leberkäse, geräucherter Schinken und eine knoblauchhaltige Stadtwurst angerichtet. In einem kleinen Suppenteller lagen dünn geschnittene, kräftig gesalzene Rettichscheiben, und das frisch geschnittene Bauernbrot von Peters Backstube duftete verführerisch. Deutsche Markenbutter, ein Glas Gewürzgurken und aufgeschnittene Tomaten aus dem eigenen Garten rundeten das verlockende Essensangebot ab. Kunigunde Holzmann hatte den Hals der Bierflasche mit geschlossenen Augen an ihre Lippen angesetzt und entließ den Gerstensaft gluckernd und genießerisch in ihre Kehle. „Aah, dud dees gud! Es gibd doch nix ieber an gscheidn Schlugg frischs Sauer Bier, wemmer durschdich is“, kommentierte sie, nachdem sie die Flasche wieder auf den Tisch zurückgestellt hatte. „Also Maadli, wos is edz? Wu schdemmer denn in unserer Blanung?“, wollte sie wissen. „Lang zu, Deres, der Bressagg is vom Baumüller. Ganz frisch. Habbi heid erschd kaffd. Soller der an Senfd dazu hulln, odder mogsd lieber an Sahnemeerreddich? Schmeggd aa gud!“
„Na, Kunni, dangschee, iech kann auf der Nachd nemmer suviel essn. Bekummd mer ned. Lichd mer bloß im Moogn. Abber– weilsd scho fragsd – iech hab mer dengd, dees Kugnbaggn iebernehm iech. Do brauchd iehr eich scho nemmer mid zu belasdn. Habd eh gnuch um die Ohrn. Und Eikaafn kanni aa. Blabds denn edz beim sibbzehndn Augusd? Eiere große Feier? Wieviel Leid habd der denn ieberhabds eigloodn?“
„No, du gfällsd mer, Deres!“, antwortete die Kunni. „Die Fuchsn Werdschafd habbi scho vor ieber an Joahr reserviern lassen! Die zwaa Wirdsschduubn und dees Nebenzimmer. Gschlossne Gsellschafd! Die Retta had am fuchzehndn Augusd Geburdsdooch, dees waßd ja, und iech zwaa Dooch schbäder. Do hammer uns dengd, dass mer gor nemmer lang rummachn und gleich am sibbzehndn feiern. Dees is a Freidooch. Do kenna die Leid am näxdn Dooch aa ausschloofn.“
„Wieviel werns denn sei? Wer kummd denn alles?“, hakte die Theresa nochmals nach.
„Dees wiss mer edz doch aa ned auswendich, wen mier alles eigladn hamm. Dees misserdn mier edz aa erschd nochschaua“, meldete sich nun die Retta zu Wort, nachdem sie ebenfalls einen kräftigen Schluck Bier genommen hatte und leicht rülpste. „Jedenfalls kumma su umera hunerdfufzich Leid, die meisdn aus Röttenbach, abber aa a boar Auswärdiche sen dabei. Danzd werd aa. Der Gerald Harter machd Mussigg im Nebenzimmer. Der had scho lang zugsachd, dasser kummd!“
„Jessasla, do musser mer ja exdra was Neis zum Oziehchn kaafn“, meinte die Fuchsn-Nachbarin. „Habd der dees Essn a scho bschdelld?“
„Naa, dees langd nu a Wochn vorher, had die Wirdin gmaand, abber deswegn hoggn mier edzerdla ja aa grood zamm“, kam die Kunni wieder zur Sache. „Wos maandn na iehr, was mer zum Essn bschdelln solldn?“
„Auf jedn Fall nix Ausländischs!“, schlug die Retta vor.
„Do gebber der scho rechd, Redda“, bestärkte sie die Theresa Fuchs, „do solled iehr scho bei der deidschen Kichn bleibn.“
„Dees habbi eigendli ned damid gmaand“, widersprach ihr die Retta. „Fier miech is a rheinischer Sauerbradn mid Rosina in der Soß aa was Ausländischs! Iech deng mier solledn scho ehra in unserer Gegend bleibm mid der Auswahl vo dem Essn. Was maansd no du Kunni? Sogsd goar nix mehr!“
„Dees hängd ja aa a weng vom Wedder ab, maan iech. Wenns draußen dreißg Grad had, waßi aa ned, ob mer a Schäuferla schmeggn däd. Iech schlooch vor, wir dreffn a edwas breidere Auswahl. A Wochn vor der Feier, wenn mier wissen wie dees Wedder wern soll, legn mier uns endgüldich fest. Was maandnd iehr?“
„Allmächd!“, Retta sah auf die Uhr und schoss hoch, wie von der Tarantel gestochen. „Is heid ned der achdazwanzigsde Juni?“
„Und was is am achdazwanzigsdn Juni?“, riefen die beiden anderen im Chor.
Retta schlug sich auf die Stirn, „No, heid schbieln doch die Deidschn gegen die Schbagheddifresser im Halbfinale! Wer gwinnd kummd ins Endschbiel gegen die Schbanier! In zehn Minuddn gehds los!“
„Kunni sah ebenfalls zur Uhr. „Schnell“, würgte sie auf ihrem Bauernbrot kauend hervor, „räumer ab! Redda, schdell die Wurschdbladdn, die Budder und dees Gurgnglas in Kiehlschrank nei! Deres, schald scho amol den Fernseher ei. Wer will nu a Bier?“
„Iech!“
„Iech aa!“
„Redda, die Deidschlandschminke is aa im Kiehlschrank. Brings mied ins Wohnzimmer! Iech hul schnell nu die Deidschlandfohna ausm Keller. Bin glei widder da.“
Punkt zwanzig Uhr fünfundvierzig saßen die drei Witwen auf dem Sofa. Jede hatte zwei breite, schwarz-rot-goldene Streifen auf den Backen. Kunni schwang die Deutschlandflagge gefährlich nahe an der Wohnzimmerlampe vorbei. Retta trötete auf einer Vuvuzela, welche die Kunni noch im Keller gefunden hatte. Die Theresa war mit einer Trillerpfeife ausgestattet worden. Als die deutsche Nationalhymne erklang, sangen alle drei aus voller Kehle: à „Einichkeid-und-Rechd-und-Frei-heid-für-das-deudsche-Va-hader-land-danach-lassd-uns-alle-schdre-heben-briederlich-mid-He-herz-und-Hand …“
„Warum singa der deidsche Necher, der deidsche Dirg und der deidsche Bollagg ned mied?“, erboste sich die Kunni.
„Die dädi gor ned aufschdelln“, gab ihr die Retta recht. „Wolln Deidsche sei und singa dees Deidschlanlied ned mied! Is a Schand! Wenn iech der Joogi Löf wär, dena däd iech abber schee die Meinung geign. Suwas geberds bei mier ned! Dees is doch a wergli a Schand, und die ganze Weld schaud zu.“
Als der französiche Schiedsrichter wenige Minuten später das Spiel anpfiff, wurde Kunnis Wohnzimmer zum Tollhaus. „Renn, renn, renn“, schrie Retta, als Özil den Ball nach vorne passte. „Schieß, schieß, schieß“, rief die Kunni, als der vorgestürmte Hummels versuchte, die Kugel im gegnerischen Tor unterzubringen.
„Wer isn der idaljenische Necher, dem des Sauergraud ausm Kubf wächst?“, wollte Theresa Fuchs wissen.
„Dees is doch der idaljenische Middlschdürmer, der Ballodelli, kennsdn du denn den ned?“, fragte die Retta verwundert.
„Ballodelli? Ballodelli? Is dees ned a Nudlsordn?“, bezweifelte Theresa Rettas Sachkenntnis.
Das Spiel wogte hin und her. Es stand immer noch 0:0. Bis zur zwanzigsten Minute. Die Nudelsorte Balotelli verarschte Mats Hummels, nahm einen zielgenau geschlagenen Pass mit dem Kopf auf und köpfte trotz Sauerkraut den Ball wuchtig in Manuel Neuers Tor. 1:0 für Italien!
„Bschieß!, Bschieß! Dees Sauerkraut woar im Abseids! Warum bfeifdn der französische Debb ned, had der Domadn auf die Augn?“, rief die Kunni entsetzt.
„Na Kunni, des woar scho a regulärs Door. Die deidsche Abwehr had hald amol widder gschloofn. Da had der Löf meisdens sei Broblem“, kommentierte die Retta. „Warum er den Bodolsgi, die Flaschn, scho widder aufgschdelld had, verschdeh iech abber aa ned. Der dorgld doch auf dem Bladz rum, wie a Bsuffner. Und jedesmol, wenner den Ball ned drifft odder drieber haud, lachdder aa nu wie a Eichhernla wenns blidzd.“
„Na ja“, warf die Theresa ein, „wu kummdern aa scho her? Aus Boln und aus Köln! A bolnischer Breiß, kwasi. Dees kann ja nix wern!“
Die drei Fußballsachverständigen ließen sich – trotz des 1:0 für Italien – in ihrer Begeisterung nicht bremsen. Sie tröteten, trillerten und schwenkten die deutsche Fahne. Dann kam die sechsunddreißigste Minute, als sich das „Sauerkraut“, alias „italienische Nudelsorte“, einen von Riccardo Montolivio geschlagenen Pass erlief und das Leder knallhart linkerhand knapp unter die Latte einhämmerte. 2:0 für Italien! Die Nudelsorte war mächtig stolz über seinen zweiten Torerfolg. So stolz, dass er sein blaues Trikot auszog und den Zuschauern seinen nackten, muskulösen Oberkörper zeigte. „Ich war es“, wollte er damit sagen. „Ich habe die Deutschen aus dem Wettbewerb geschossen. Ich bin der Größte.“ Er stand da, wie ein wild glotzender Gorilla, der sich gleich auf die Brust trommeln würde. Das unterließ er dann doch, als der Schiedsrichter auf seiner Pfeife trällerte und ihm die gelbe Karte zeigte.
„Oh weh, des hul mer nemmer ei!“, klagte die Retta. „Scho widder su a Scheiß-Idaljenschbiel!“
„Schald mer hald den Fernseher aus?“, schlug die Theresa vor. „Hogg mer uns widder in die Kichn und beradn mer weider ieber die Essensauswahl vo eirer Geburdsdagsfeier. Unser Bier kemmer in der Kichn aa dringn.“
„Iech hab scho gor kan richdign Durschd mehr“, kommentierte die Kunni Theresas Vorschlag. „Mier is ganz schlechd.“ Die deutsche Fahne hatte sie in die Ecke hinters Sofa gestellt.
„Der schwarze Schbagheddi had mer mei ganze Schdimmung verdorbn“, lammentierte auch die Retta herum. „Gscheid sollns gecher Schbanien eigeh, die Iddagger!“ Dann schaltete sie das Fernsehgerät aus. „Kummd, gemmer widder in die Kichn, red mer a weng drieber was im Dorf Neis gibd. Iech hab gherd, der Müllers Hanna iehr Ingried soll schwanger sei.“
„Dees arme Kind“, hakte die Kunni ein, „dees werd doch ned gor vo dem Berser sei, mid dem der Hanna iehr Madla in der ledzdn Zeid rumzuugn is?“
„Dees kann scho sei“, merkte die Theresa an, „den habbi scho lang nemmer gsehgn. Der is beschdimmd nach Affganisdaan abghaud, wieer dees midgrichd had. Der had ja ausgschaud mid seim Zoddlbard. Vor dem hasd ja richdich Angsd grichd!“
„Vielleichd isser ja a Dalibaan“, gab auch die Retta noch ihren Senf dazu. „Waß mers?“ Das 2:1 der deutschen Nationalmannschaft bekamen die drei Witwen gar nicht mehr mit. Sie unterhielten sich über ledige Schwangere, die Seitensprünge des verheirateten Nachbarn gleich gegenüber, über die Bemühungen einiger Röttenbacher Bürger, im Dorf einen Ableger der Partei Freies Franken zu gründen, und darüber, wer sich nächstes Jahr als Kandidat für die Bürgermeisterwahl aufstellen lassen würde. „No der Ludwich, der Ludwich machd doch widder dees Renna“, gab sich die Kunni überzeugt. „Da beißd doch die Maus kann Fadn ab.“
Erlangen, Staatsstraße 2240, Sonntag, 1. Juli 2012
Kuno Seitz hatte sich mit seinem neuen Bekannten vom Bohlenplatz unter der Brücke, welche sich in Richtung des Ortsteils Dechsendorf über den Rhein-Main-Donau-Kanal spannte, für einundzwanzig Uhr verabredet. Während sich ganz Fußball-Deutschland das EM-Finale Spanien gegen Italien ansah, wollten die beiden ihr Gespräch vom Bohlenplatz fortsetzen.
„Du musst wissen, ich bin kirchlich engagiert“, hatte ihm Till Stemmann erklärt, „und ich möchte mich zukünftig gerne um die Obdachlosen dieser Stadt kümmern. Ich denke, ich kann ihnen helfen, wieder in die normale Gesellschaft zurückzufinden. Dazu muss und will ich aber verstehen, wie sie leben, was sie für Sorgen haben und welche Lösungen sich daraus für jeden Einzelnen anbieten. Du, zum Beispiel, hast Abitur und einen qualifizierten Berufsabschluss. Solche Leute werden heute gesucht. Die Wirtschaft boomt.“ So sprach er auf der Bank am Bohlenplatz. Zudem hatte er versprochen, ausreichend Getränke und Zigaretten mitzubringen. Kuno Seitz kam die unerwartete, neue Bekanntschaft gerade recht. Erstens hatte er die Brücke für diese Nacht sowieso als Schlafplatz auserkoren. Schwere Sommergewitter mit heftigen Regenschauern waren angesagt. Zweitens war er nicht allein und konnte mal wieder ein anregendes Gespräch führen, und drittens schließlich sprach es sich leichter und freier, wenn auch für den nötigen Alkoholkonsum gesorgt war. Kuno Seitz freute sich auf das Gespräch. Eine willkommene Abwechslung in seinem tristen Dasein. Die Kirchenglocken in Alterlangen läuteten gerade acht Uhr abends, als er mit seinem ramponierten Einkaufswagen die Schallershofer Straße entlang schlurfte. Er hoffte einen Blick auf sein ehemaliges Zuhause zu erhaschen. Vielleicht waren Jens und Tina gerade im Garten. Nur ein kurzer, verstohlener Blick, und er wäre schon zufrieden gewesen. Der Richter hatte ihm im Scheidungsurteil jeglichen weiteren Kontakt mit seiner Familie verboten. Er musste vorsichtig sein. Seine Ex würde keine Gelegenheit auslassen, ihn beim geringsten Anlass ans Bein zu pinkeln. Zu groß war bei ihr die Enttäuschung über die zerrüttete Ehe und sein kriminelles Verhalten in der Korruptionsaffäre, welches der Familie nur zusätzliche Schande einbrachte. Verstohlen blickte er über die Straße. Nichts. Das Haus lag ruhig und verlassen da. Enttäuscht und stöhnend machte er sich weiter auf den Weg zur Brücke. Noch eine halbe Stunde, dann müsste er sein Ziel erreicht haben. Sein Einkaufswagen ratterte quietschend über die Unebenheiten des Gehsteigs. Die wenigen Fußgänger, denen er begegnete, sahen mitleidlos durch ihn hindurch. Als wäre er gar nicht existent. Eine wandelnde, übel riechende Luftblase. Nach weiteren zwanzig Minuten hatte er die Kreuzung Möhrendorfer Weg/St. Johann erreicht. Die Brücke war nur noch drei Steinwürfe entfernt. Er war früh genug dran. Till Stemmann würde nicht vor vierzig Minuten eintreffen. Wenn er überhaupt kam und sich das Ganze nicht doch noch anders überlegt hatte!
•
Till Stemmann war gekommen, und er hatte ausreichend Wodka mitgebracht. Er selbst dürfe keinen Alkohol trinken, erklärte er. Ärztliche Anweisung! Zu schlechte Leberwerte! Schade. Kuno Seitz trank ungern alleine. Wenn sich dies aber nicht vermeiden ließ, na dann eben doch! Bevor er auf seinen Fingernägeln herumkaute und der Wodka schlecht wurde, würde er sich nicht zweimal bitten lassen. Er schaffte auch alleine die eine oder andere Flasche. Gierig griff er nach der Marlboro-Box und riss sie auf. Es tat gut, den beißenden Rauch in den Lungenflügeln zu verspüren.
Die Zeit verging wie im Flug. Aus der Ferne schlugen die Glocken bereits dreiundzwanzig Uhr. Kuno Seitz hielt bereits die zweite Wodka-Flasche in den Händen. Sie war noch halb voll, oder sollte er besser sagen „halb leer“? Die erste Flasche musste irgendwie undicht gewesen sein. Lange hielt sie jedenfalls nicht. Längst hatte er sie mit einem kräftigen, ausholenden Wurf platschend im dunklen Wasser des Rhein-Main-Donau-Kanals entsorgt.
„… und so kam es, dass ich plötzlich mittellos und ohne Freunde auf der Straße stand.“ Kuno Seitz stierte mit trüben Blicken auf die ebenso trübe Wasseroberfläche des Wasserlaufs. Till Stemmann war ein aufmerksamer wie auch interessierter Zuhörer. Er sprach kein einziges Wort, er hörte nur zu. „Freunde, sogenannte Freunde“, hörte er den Obdachlosen mit lallender Stimme fortfahren, „wenn du sie brauchst, sind sie nicht da. Eine Welt voller Schein und Trug. Das habe ich gelernt.“ Wieder öffnete er die Flasche, setzte sie an seine Lippen und nahm drei kräftige, gurgelnde Schlucke. „Nur wenn sie selbst was brauchen, sind sie deine Freunde.“ Er rülpste. Der Geschmack des Wodkas stieg ihm in die Kehle. „‚Kuno kannst du mir hier helfen, Kuno kannst du mich da unterstützen?’ Ich Idiot habe an das Gute im Menschen geglaubt. Habe mir den Arsch aufgerissen. Habe nie nein gesagt, wenn sie mich um etwas baten. Scheiße! Verdammte Scheiße! Ja Kuno, da hast du ganz schön versagt, hast geglaubt du besitzt etwas Menschenkenntnis. Nichts von dem. Hast ganz schön in die Scheiße gegriffen!“ Wieder gurgelte der Wodka durch seine Kehle. „Aber du, Till, du bist ein wahrer Freund. Du hörst dir meine verdammte Geschichte an, sagst nichts, hörst nur zu und spendierst mir obendrein noch meine flüssigen Seelentröster. Du bist ein guter Mensch. Pass auf dich auf, kann ich dir nur raten, such dir deine Freunde mit Bedacht aus, und vor allem: Lass die Finger von den Weibern. Du kannst sie ruhig ordentlich bumsen, aber trau niemals ihren schönen, verführerischen Worten. Wenn es darauf ankommt, nehmen sie dich aus wie eine Weihnachtsgans. Glaub mir, du kennst ja nun meine Geschichte.“ Der restliche Wodka verschwand geräuschvoll in Kuno Seitz‘ Kehle. „Ich, … ich kann nicht mehr. Bin müde und … außerdem besoffen. Stockbesoffen! Ich leg mich hin.Muss schlafen … Bleib ruhig hier sitzen, … wenn du willst!“
Es dauerte keine fünf Minuten. Der Obdachlose hatte sich wie ein Embryo in sich zusammengezogen und schnarchte laut vor sich hin. Till Stemmann saß immer noch regungslos neben ihm und blickte interessiert auf ihn herab. Dann sah er auf das Wasser des Kanals, auf dessen Oberfläche sich zwischenzeitlich kleine Wellen kräuselten. Leichter Westwind war aufgekommen. Aus weiter Ferne drang dumpfer Donner an sein Ohr. Blitze erhellten den weit entfernten Horizont für Sekundenbruchteile. Till Stemmann nahm die zweite, leere Wodkaflasche und warf sie angeekelt und achtlos in das Wasser. Er zählte die Ringe, die sich gleichmäßig auf der dunklen Wasseroberfläche ausbreiteten und gegen die aufkommenden Wellen ankämpften. Das Licht des Mondes brach sich in ihnen und ritt auf ihren kleinen Kämmen dahin. Dann begann er ganz leise vor sich hin zu singen. Die Melodie klang nach einem Kinderlied. Der Text war von einem Kinderlied allerdings so weit entfernt, wie der Mond von der Erde:
à Hört zu, ihr kleinen Zecken,
Den Rotweinbruder sollt ihr stechen.
Auch Schmarotzer ich nicht leiden kann,
Drum kommt der Typ als nächster dran.
Der Alte kommt dann ganz zum Schluss,
Auf jeden Fall auch sterben muss.
Die Süchtige sowieso verdirbt,
An Lungenkrebs von selber stirbt.
Als er die Strophe mit leisem Sprechgesang beendet hatte, begann er erneut von vorne. Dabei schaukelte er in der Hocke mit seinem Körper hin und her, die Arme um beide Beine geschlungen und sah auf das Wasser des Kanals. Der Donner wurde schnell lauter, die Blitze am Horizont wurden greller und kamen näher. Kuno Seitz bekam von alledem nichts mit. Er schnarchte. Plötzlich richtete sich Till Stemmann zu voller Größe auf, griff in seine Jackettasche und holte zwei winzige Glasbehälter daraus hervor. Er strahlte die beiden Gefäße mit einem Schlüssellochsucher an. In jedem der Gläser saß ein winziges, achtbeiniges Spinnentier, nicht größer als einen halben Zentimeter. Die Beine der Insekten waren im schwachen Licht auffallend rot-gelb geringelt. Hyalomma-Zecken! Der Hinterleib der Tiere war leer. Sie waren ausgehungert. Hungrig nach Blut. Nach frischem, warmen Blut. Vorsichtig nahm Stemmann eines der Gläser in die Hand und öffnete den Verschluss. Mit einem kleinen Holzspatel entließ er die Zecke zwischen Hals und Hemdkragen des schnarchenden Obdachlosen. Das Insekt nutze seine plötzliche Freiheit und verschwand sofort unter dem Hemd. Es spürte den warmen Körper von Bruno Seitz sofort, und es fühlte das Blut, das in ihm rauschte. Dann nahm der angebliche Till Stemmann das zweite Glas, öffnete es ebenfalls und schob das winzige Spinnentier in den offen stehenden Hosenstall des Schnarchenden. „Macht’s gut meine Lieben“, spornte er die längst verschwundenen Insekten an, „verrichtet eure Arbeit. Guten Appetit, und lasst es euch schmecken.“
Es war Zeit, von Kuno Seitz Abschied zu nehmen. Abschied für immer. „Du bist kein schlechter Mensch. Leider stehst du mir im Weg. Mein Probe-Mord-Opfer bist du außerdem. Schade! Wir hätten tatsächlich Freunde werden können.“ Dann drehte er sich abrupt um, und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, den er im Möhrendorfer Weg geparkt hatte. Als er in seinen Ford Focus einstieg, klatschten die ersten, dicken Regentropfen auf die Windschutzscheibe, und der Donner rollte mächtig laut über den naheliegenden Rhein-Main-Donaukanal. Heftiger Wind bog die stolzen Kronen der Lärchen hin und her und fuhr mit brutaler, entfesselter Gewalt in den bisher still daliegenden Wald, jenseits des Kanals. Till Stemmann startete den Motor und dachte an Kuno Seitz. Armer Schlucker! Dann erinnerte er sich seiner zwei kleinen, infizierten Lieblinge. Wenn sie sich mit genügend Blut vollgesogen hatten, ließen sie sich von ihrem Opfer abfallen. Das wusste er. Bis zu zehn Jahren konnten sie mit einer Nahrungsaufnahme überleben. Doch nicht hier, in Franken. Der erste leichte Frost würde sie dahinraffen. Ob sie es sich zwischenzeitlich bereits gemütlich gemacht hatten? Labten sie sich bereits an dem warmen Blut des bedauernswerten, naiven Opfers? Von wegen kirchliches Engagement! Was die Leute heutzutage alles glaubten. Er hatte keinerlei Empfindungen für den armen Teufel. Er wusste nur, dass dieser Mensch ihm im Wege stand, für das was er vorhatte. Was noch vor ihm lag. Er kannte Kunos Vergangenheit. Nicht nur von dessen Erzählungen. Deswegen hatte er ihn ja ausgesucht. Ein idealer Testfall für seine kleinen Killer. Ein nützlicher dazu. Wer macht sich schon Gedanken um den Tod eines Obdachlosen? Ihm fiel sein kleines Liedchen wieder ein. Es gefiel ihm sehr, und er begann erneut leise vor sich hin zu singen, bis er siebzehn Minuten später den Ford Focus in seine Garage fuhr:
à Hört zu, ihr kleinen Zecken,
Den Rotweinbruder sollt ihr stechen.
Auch Schmarotzer ich nicht leiden kann,
Drum kommt der Typ als nächster dran.
Der Alte kommt dann ganz zum Schluss,
Auf jeden Fall auch sterben muss.
Die Süchtige sowieso verdirbt,
An Lungenkrebs von selber stirbt.
•
Till Stemmann schlummerte dem Montagmorgen entgegen. Spanien war mit einem 4:0-Sieg über Italien zum zweiten Mal hintereinander Fußballeuropameister geworden. Kuno Seitz schnarchte unter der Brücke des Europakanals, und der Regen prasselte immer noch ohne Unterlass schwer hernieder. Donner und Blitze hatten sich zwischenzeitlich allerdings weiter nach Osten verzogen. Die mittelfränkische Welt schlief noch. Zwei winzige Kreaturen ruhten allerdings nicht, sie waren sehr aktiv in dieser regenreichen, schwülen Nacht. Mit ihren acht rot-gelb geringelten Beinen hatten sie sich zwischenzeitlich fest in die Haut ihres Opfers verkrallt. Unmittelbar nach ihrer Freilassung hatten sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Futterplatz begeben. Mit Geduld und Ausdauer suchten sie nach einer dünnhäutigen, feuchten und gut durchbluteten Stelle. Einer von Till Stemmanns Lieblingen saß gut getarnt im Schamhaarbereich des schnarchenden Obdachlosen. Nachdem die Zecke in das offene Hosentürchen geschubst wurde, begab sie sich sofort auf Nahrungssuche. Ihr Weg, der sie in die Unterhose ihres Opfers führte, war kurz und ohne Hindernisse. Als sie sich für einen endgültigen Platz entschieden hatte, riss sie mit ihren scherenartigen Mundwerkzeugen die Haut auf und sonderte mit ihrem Speichel zeitgleich ein Sekret ab, welches die Einstichstelle sofort betäubte. Bald nachdem das Insekt mit seiner Blutmahlzeit begonnen hatte, lösten sich auch die ersten Nairoviren aus dem Darm der Zecke und machten sich über deren Speicheldrüse auf den Weg in die Blutbahnen des schlafenden Kuno Seitz. Mit ihrem Stechrüssel hatte die Zecke eine winzige Grube in das Gewebe gestochen, welche sofort mit Blut voll lief. Endlich! Sie begann zu saugen, und sie hatte vorgesorgt, dass sie richtig satt werden würde. Ihr Speichel enthielt Stoffe, welche verhinderten, dass das Blut ihres Opfers gerann und die Einstichstelle sich entzündete. Nach zwanzig Minuten hatte sie bereits genug Zement, eine Art Klebstoff produziert, der sie fest mit der Haut des Schlafenden verband. Ununterbrochen saugte sie in der winzigen, blutunterlaufenen Gewebegrube. Ihr Hinterleib schwoll an und wurde im größer. Eifrig filterte sie die festen Bestandteile des Blutes heraus, welche sie zum Überleben so dringend benötigte. Überschüssige Flüssigkeit gab sie über ihren Stechapparat an das Opfer zurück. Mit ihr strömten weitere Nairoviren in die Blutbahnen von Kuno Seitz.
Fünf Minuten später als die erste Zecke begann auch die zweite mit dem Blutsaugen. Beide würden nicht aufhören, bis sie sich richtig vollgesogen hatten.
Der Obdachlose merkte von alledem nichts. Er schlief seinen Rausch aus. Es hatte genug geregnet. Auch die dicken Wolken verzogen sich in Richtung Osten. Die Nacht war lau und dämpfig. Drückend schwül. Zwei Stunden später kündigte sich aus dem Dunst der dahin schwindenden Regenwolken das erste, fahle Tageslicht an. Das Gewitter hatte keine wirkliche Abkühlung gebracht. Über den Wipfeln der hohen, schlanken Lärchen stiegen Wasserdämpfe in den montäglichen Morgenhimmel.
Röttenbach, Kirchgasse, Montag 2. Juli 2012, Tag der Franken
„Godd sei Dang hamm die Schbanier gesdern dees Endschbiel gwunna!“, jubilierte Kunni Holzmann, als sie sich ihren Morgenkaffee aufbrühte. „Vier Schdügg hamsna nei ghaud, den Schbagheddis. Gschiehd na gscheid recht! Und wie bleed hadder gschaud der Balodelli.“
Dann schenkte sie sich dampfenden Kaffee in ihre Tasse ein, und schlug den Lokalteil der Zeitung auf. „Tag der Franken“ stand in dicken Lettern ganz oben auf Seite siebzehn. „Heute, am 2. Juli 2012, feiern wir den diesjährigen Ehrentag der Franken“, las sie. „Der Tag der Franken hebt die Bedeutung des Frankenlandes und die seiner Bewohner hervor. Strittig war bis zuletzt, ob die rot-weiße fränkische Fahne gehisst werden darf, obwohl die weiß-blaue bayerische Rautenfahne die offizielle ist.“ „Bayern-Grübbl, elendiche!“, murmelte die Kunni während des Lesens. „Aber es wurde ein Schlupfloch gefunden“, las sie weiter, „und der Frankenrechen darf in diesem Jahr für Werbezwecke bezüglich des Frankentages aufgehängt werden. Der Tag der Franken wird an einem historischen Tag begangen. Am 2. Juli 1500 wurde das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen in insgesamt sechs Bezirke eingeteilt. Einer dieser Bezirke umfasste die Regionen um Bamberg, Eichstätt, Würzburg, Kulmbach und Ansbach, sowie die Reichsstädte Schweinfurt, Nürnberg, Windsheim, Weißenburg und Rothenburg. Diese Einteilung gilt heute als die Geburtsstunde des Frankenlandes.“
„Genau!“, merkte die Kunni an. „Was ham mier Frangn mid die bayrischn Hundsgrübbl zu du, außer dass mier frängischn Bleedl immer nu a Haufn Schdeiern nach Münchn ieberweisn missn?“
Plötzlich zuckte sie erschrocken zusammen. Draußen auf der Kirchgasse trötete eine Vuvuzela und jemand schwenkte eine überdimensionale Frankenfahne. Die Gartentür knarzte ächzend. Kurz darauf schwebte ein überdimensionaler Frankenrechen an ihrem Küchenfenster vorbei. Keine fünf Sekunden später klingelte die Hausglocke Sturm. „Was sen denn dees fier Debbn? Frieh um halba neina leidn die wie die Verrüggdn!“ Kunni war stinksauer. Sie konnte es auf den Tod nicht leiden, wenn sie bei der Lektüre ihrer geliebten Tageszeitung gestört wurde. Schnell warf sie sich einen Bademantel über ihr knöchellanges Nachthemd und schlurfte zur Haustür.
„Ja sachd amol…“ Weiter kam sie nicht, als sie die Tür öffnete. Ein schrilles, nervtötendes Tröten aus einer feuerroten Vuvuzela fuhr ihr wie ein Schock schmerzhaft in die Gehörgänge. Eine riesige Frankenfahne wedelte vor ihrem Gesicht herum und riss ihr fast die Brille von der Nase. Hinter dem roten Krachmacher tauchten die aufgeblasenen Backen ihrer Freundin Retta auf. Fetzenhaft nahm sie die Gestalt des wilden Fahnenschwenkers wahr. Jupp Hochleitner, das im ganzen Dorf bekannte Röttenbacher Original tauchte im Fünf-Sekunden-Rhythmus hinter der hin und her schwingenden Frankenfahne auf, „Godd sei Dang, iech bin a Frank!“, brüllend.
„Kennd iehr zwaa Debbn edz amol a Ruh gebn!?“, schrie die Kunni gegen die Vuvuzela an. „Do denn der ja die Ohrn weh! Schbinnd iehr edz dodaal? Eich had wohl der Hafer gschdochn, odder seider um dera Uhrzeid goor scho bsuffn?“
„Kunni, Kunni“, rief die Retta mit heißerer Stimme, und unterbrach kurzzeitig ihre Trötaktivitäten, „waßd du denn ned, dass heid der Dooch der Frangn is? Dees missn mier doch feiern! Hobb ziech di oo, mier genga zum Radhaus. Do senn scho a ganza Haufn Leid. Der Jupp had gmaand, mier kennerdn heid in Röttenbach aa an Ablecher vo der Frangnbardei grindn. Freiheid fier Frangn!“
„Jawoll“, stimmte Jupp Hochleitner in Rettas Rede ein, „Freiheid fier Frangn!“, und wedelte erneut den rot-weißen Frankenrechen hin und her.
„Und iech deng“, gab die Kunni zur Antwort und sah die beiden Verrückten vor sich an, „eich hams alle zwaa in eier Hirn neigschissn! Hobb edz, schaud dasser weider kummd und lassd mi in Ruh friehschdiggn und mei Zeidung lesn! Vielleichd schaui schbäder amol am Radhausbladz vorbei.“
Enttäuscht zogen die beiden, lärmend und fahnenschwenkend davon. „Freiheid fier Frangn, Freiheid fier Frangn!“, rief Jupp Hochleitner ununterbrochen, und die Retta stimmte in das Gegröle mit ein. Dann besann sie sich wieder ihres Instruments, blähte erneut ihre Backen auf und blies mit der Stärke eines mittleren Hurrikans in die feuerrote Plastikröhre.
„A su a verrüggdes Volk!“, schüttelte die Kunni ihr weises Haupt und zog sich wieder in ihre gemütliche Küche zurück. „Dees habbi edz davo, edz is mei Kaffee aa kald.“
Als sie eine dreiviertel Stunde später fertig angezogen war und in der Küche den kleinen Abwasch erledigt hatte, trieb es sie doch, neugierig wie sie war, zum Rathausplatz.
Dort angekommen wunderte sie sich nicht über die vielen Leute und das Gewirr an Frankenfahnen. Die Retta und der Jupp standen mit der Theresa Fuchs zusammen. Deren Sohn, der Bruno, war mit seiner Frau Julia ebenfalls gekommen und hielt in der Linken ein Blatt Papier und in der Rechten ein Mikrofon. Dann trat er in die Mitte der Menschenmenge und schaltete das Mikrofon ein. Seine Stimme hallte aus zwei mächtigen Lautsprecherboxen für jeden klar und deutlich hörbar über den Rathausplatz:
„Liebe Röttenbacher Midbürger, mehr als zwaahunnerd Joahr is her, dass dees schene Frangland vo dene hinderfodzign bayrischen Sauhund besedzd worn is. Zwangseingemeinded däd ich heid soogn. Dabei hamm mier die Grübbl goar ned bei uns ham wolln! Seid dera Zeid wern mier Frangn underjochd und ausgnumma wie a Weihnachdsgans. Schaud eich doch die bayrische Haubdschdadd Minchn o und die Schiggi-Miggi-Gsellschafd, die dord lebd! Warum gehds deene denn heid su gud? Iech sogs eich: Weils vo unserm Geld leben, vo unsere Schdeiern, die wu mier dene immer ieberweisn missn! Die bayrischen Hundsgrübbl bluudn uns regelrechd aus. Und ham mier Frangn in der bayrischn Bolidigg irgendwas zum Soogn? Hammer ned! Dees is ja die ganze Grux und Ungerechdichkeid und schdingd zum Himml, wie a Bäggla Resi, dees zeha Dooch in der Sunna gschdandn is. Deswegn deng iech, dass mer dees ändern missn. Odder wolld iehr dees fier die näxdn zwaahunnerd Joahr weider su hinnehma?“ Ein tiefes Gemurmel der Zustimmung setzte auf dem Rathausplatz ein. „Freiheid fier Frangn!“, rief Jupp Hochleitner in die Menschenmenge und schwenkte seine Fahne.
„Genau, Jupp, du hasds erfassd. Freiheid fier Frangn!“, setzte Bruno Fuchs seine Rede fort, „dees is der Grund, warum mier uns heid hier vorm Radhaus versammeld hamm und unsern Willn kunddun. Drum forder iech eich heid aa auf, lassd uns in Röttenbach an Ablecher der Frangnbardei gründn und lassd uns fier die Unabhängichkeid Frangns kämbfen. Mier brauchn die Bayern, die elendichn Schmarodzer ned. Anlässlich unseres heidichn Ehrendoochs hab iech fier eich und fier uns alle die goddverdammde Bayernhymne leichd veränderd.“ Bruno Fuchs brach in ein schallendes Gelächter aus. „Iehr werds nemmer wiedererkenna! Iech habs umdexd, wie mier Frangn sie gern singa dädn. Iech kann zwoar ned gud singa, abber iech will eich dees Lied aa ned vorendhaldn. Iech deng mid der Underschdüdzung vo unserer Röttenbacher Blasmusigg griechi dees scho hie. Günder, seid iehr suweid?“ Günther Sapper, Vorsitzender und Dirigent der Röttenbacher Blasmusik hob seinen Arm zum Zeichen, dass seine Kapelle einsatzbereit sei.
„Also, auf gehds“, rief Bruno Fuchs den Musikanten zu. Mit einem kurzen Schlenkerer seines Taktstocks gab Günther Sapper seinen Bläsern das Zeichen zum Einsatz. Augenblicke später ertönte die Melodie, die Konrad Max Kunz dereinst zu Papier gebracht hatte, aus den Trompeten, Tuben, Hörnern, Klarinetten und sonstigen Blasinstrumenten, und Bruno Fuchs‘ markante Stimme hallte laut und deutlich über den Rathausplatz:
à Bankrott, mit dir, du Land der Bayern,
Geraubte Erde, Frankenland,
Uns‘re lieblich weiten Gauen,
Hast genommen, ist’s ne Schand.
Noch heute listig dein Gebaren,
Deinen Taten ich nicht trau,
Armes Franken musst du darben,
Bei dieser Herrschaft Weiß und Blau.
à Bankrott, mit dir, du Bayernvolke,
Wenn ihr Franken nicht verehrt.
Stets in Zwietracht sind geschieden,
Wut in unsren Herzen gärt.
Dass von der Donau bis zum Maine,
Bis hin zum kleinsten Franken-Gau,
Rot-Weiß sich niemals je vereine,
Mit den Farben Weiß und Blau.
à Gott mit uns, ja Gott mit Franken,
Die wir sind ein deutsch‘ Geschlecht,
Treu beschützen und bewahren,
Uns’rer Stämme altes Recht.
Oh, wie würden wir gern feiern,
Jeder Mann und jede Frau,
Unabhängig von den Bayern,
Frei von Weiß und frei von Blau.
Bruno Fuchs hatte zu Ende gesungen. Die Menge auf dem Rathausplatz tobte begeistert. „Bravo!“ „Zugabe!“ „Mier woll’n a freies Frangn!“ „Nieder mid die Bayerngrübbl!“, schrie auch Kunni Holzmann in die Menge. Jupp Hochleitner, das etwas spinnerte Röttenbacher Original, Hans-Dampf in allen Gassen und Mitglied in inzwischen sechsundzwanzig Vereinen, politischen Parteien, Stammtischen und sonstigen, lokalen Interessengruppen schwenkte seine Fahne und rief: „Numal! Dees woar su schee!“ „Ja, sings numal Bruno!“, riefen auch andere Umstehende. Bruno Fuchs fühlte sich wie ein gefeierter Volksheld. Vorsorglich hatte er fünfzig Textkopien seiner Fränkischen Bayernhymne vorbereitet und verteilte sie unter den Anwesenden. Die formierten sich zu Dreier- und Vierergruppen. Jeweils einer hielt das Blatt Papier von sich. Die anderen sahen gespannt auf den Text. Dann setzte erneut die Röttenbacher Blasmusik ein. Die ersten Töne erklangen aus den Instrumenten, und unter der Führung von Bruno Fuchs erklang es erneut aus einhundertsechsundsiebzig fränkischen Röttenbacher Kehlen:
à Bankrott, mit dir, du Land der Bayern,
Geraubte Erde, Frankenland, …
Am Rand des Rathausplatzes standen zwei vor vielen Jahren nach Röttenbach zugezogene Berliner, sahen und hörten zu, und unterhielten sich. Herr Lutz Motzke war zwanzig Jahre für Siemens in Erlangen tätig und hatte in den letzten drei Jahren seiner beruflichen Karriere eine leitende Funktion in der Kommunikationsabteilung des Sektors Industrie begleitet. Seit einem Jahr genoss er sein Leben als Pensionär und hatte nicht vor, nach Steglitz zurückzukehren.
Sein Gegenüber und Nachbar, Herr Horst Feuerklee aus Spandau, verbrachte den Löwenanteil seines aktiven Berufslebens in der Abteilung Rechnungswesen bei Adidas in Herzogenaurach, bevor er vor zwei Jahren zwangsverabschiedet wurde.
„Sach ma“, begann Lutz Motzke und kratzte sich am Kopf, „die Rede war ja det reenste Vagnüjen. Haste wat verstanden?“
„Nee“, erwiderte sein Nachbar, „det war pille palle. Da vastehste rein jarnüscht.“
„Da kannste Jift druff nehmen“, bestätigte Lutz Motzke, „uff die Schnelle jesacht is dit mir schnurzpiepejal. Dit juckt mir nich. Im Jejenteil, ick lach mirn Ast übern Dialekt der Einjeborenen. Det reinste Amüsemang. Stehste da wien Öljötze und verstehste nüschd. Sach ma, wolln wa een Zischen jehn?“
„Klar, komm machen ma den Abjang, jehn ma zum Sauer, der hat wenjigsdens en jutes Bier, keene Pullabrause. Mann o Mann, is det aba warm heute, wa?!“
Auf dem Rathausplatz forderten einhundertsechsundsiebzig mittelfränkische Kehlen: „Zugabe, Zugabe!“
Erlangen, Bohlenplatz, Freitag, 6. Juli 2012
Es war um die Mittagszeit, Kuno Seitz saß auf seiner Bank. Die Sonne schien vom azurblauen Himmel. Insgeheim hoffte er, dass Till Stemmmann ihn hier suchen würde. Seit Sonntag hatte er seinen neuen Gönner nicht mehr gesehen. Im Nachhinein ärgerte er sich, dass er bei ihrem letzten Treffen so viel gesoffen hatte. Till Stemmann musste eine schöne Meinung über ihn haben. Er fröstelte. Seit heute Morgen hatte ihn eine leichte Übelkeit befallen, welche sich im Laufe des Vormittags steigerte. Es fing mit leichten Kopfschmerzen an, welche sich innerhalb kürzester Zeit auf seine Augen ausbreiteten. Seitdem nahm der Druck auf seine Augäpfel ständig zu, und die Schmerzen strahlten in seinen gesamten Hinterkopf aus. Poch, Poch, Poch. Dieses kurze, rhythmische Pochen war kaum mehr auszuhalten. Als er zusätzlich eine stärker werdende Benommenheit verspürte, rechnete er diese dem Essen zu, welches er sich am Mittwoch von der Erlanger Tafel geholt hatte. Irgendetwas musste verdorben gewesen sein. Wahrscheinlich der Leberkäse. Er hatte ihm ohnehin nicht geschmeckt. Ihm war kalt. Trotz der angenehmen Temperaturen. Dann stellten sich auch noch Muskelschmerzen ein. Alles tat ihm weh. Der ganze Körper schien zu rebellieren. Nicht nur, dass sein Kopf schmerzte, er fühlte sich auch noch heiß an. Er musste glühen, wie eine reife Tomate. Dabei fror ihn immer noch. Ein Schluck Wodka wäre jetzt recht! Er zog sein grünes Jackett enger um seinen Oberkörper. Verdammte Scheiße, jetzt wurde er tatsächlich auch noch krank. Mitten im Sommer! Ein Gefühl von Schüttelfrost überfiel ihn. Wie schön wäre es jetzt, ein festes Dach über dem Kopf zu haben und ein weiches Daunenbett, in welches man sich kuscheln konnte. Ganz zu schweigen von einer heißen Dusche und frischen Klamotten. Er erhob sich stöhnend und schob seinen Einkaufswagen in Richtung Innenstadt. Jeder Schritt tat ihm weh. Drüben in Alterlangen war vor acht Wochen eine neue Großbaustelle eingerichtet worden. Die Tiefgaragen waren im Rohbau nahezu fertig. Heute, am Freitag, machten die Bauarbeiter bereits um fünfzehn Uhr Feierabend. Dorthin, so hatte er eben beschlossen, wollte er sich über das Wochenende zurückziehen, um hoffentlich ungestört die beiden nächsten Tage zu verbringen. Er würde sich in seine schmuddeligen Decken einhüllen, die er in seinem Wagen vor sich herschob, und versuchen zu schlafen. Bestimmt gab es dort auf der Baustelle Styroporplatten, die er als Matratze benutzen konnte. Am Montag würde er bestimmt wieder auf dem Damm sein. Er konnte es sich nicht leisten, den kranken Mann zu spielen. Mitten im Sommer! Was erst, wenn der nächste Winter vor der Tür steht? Die leichte Rötung unter der Haut seines rechten Handrückens fiel Kuno Seitz gar nicht auf. Zu sehr war er darauf bedacht, möglichst schnell sein Ziel zu erreichen. Bis dorthin war es noch ein langer Weg, und das Laufen fiel ihm immer schwerer. Immer öfter musste er stehen bleiben, um eine kleine Pause einzulegen. Wenn nur die verdammten Schmerzen in seinem Kopf nicht wären. Als er den Regnitzgrund erreichte, schien die Sonne mit voller Kraft vom wolkenlosen Himmel. Er wunderte sich, wie leicht die Menschen bekleidet waren, die ihm begegneten. Ihm war total kalt.
Derweilen wüteten die Krim-Kongo-Fieber-Viren in seinem Körper weiter und leisteten ganze Arbeit. Kuno Seitz hatte keine Ahnung, dass er dem Tod bereits ins Antlitz sah.
Eine Woche später, Staatsstraße 2240, unter der Brücke über dem Rhein-Main-Donau-Kanal, Freitag, 13. Juli 2012
Die Blaulichter eines Notarztwagens des BRK und eines Streifenwagens der Erlanger Verkehrspolizei blinkten gegen den nackten, grauen Beton unterhalb der Brücke. Es war acht Uhr morgens. Ein früher Jogger hatte die Polizei mit seinem Mobiltelefon zum Einsatzort gerufen. Dem Mann, der gekrümmt am Boden lag, war nicht mehr zu helfen. Der herbeigerufene Notarzt stellte nur noch seinen Tod fest. Ein offensichtlich ungewöhnlicher Tod. Die Handoberflächen des Toten zeigten offene Wunden die bluteten. Auch im Gesicht waren ähnliche Blutungen unter der Haut erkennbar. Erbrochene, halbverdaute Speisereste breiteten sich in einer blutigen, zwischenzeitlich getrockneten Masse gleich neben dem Leichnam aus. Der Mann musste auch blutigen Urin gelassen haben. Jedenfalls lag diese Vermutung nahe, wenn man seine im Schritt rot durchtränkte Hose betrachtete. Überdies handelte es sich bei ihm sicherlich um einen Landstreicher oder Obdachlosen. So wie der aussah und was der alles mit sich führte, lag dieser Rückschluss mehr als nahe.
„Vorsicht, nichts anfassen!“, warnte der Notarzt die Polizeibeamten, welche sich der Leiche näherten. „Ich bin mir nicht sicher, welche Todesursache hier vorliegt. Keine Ahnung, aber die ganze Angelegenheit könnte ansteckend sein. Das könnte eine Sache für die Gesundheitsbehörden sein. Die Leiche muss jedenfalls obduziert und die Todesursache festgestellt werden. Fremdverschulden scheint mir nicht vorzuliegen. Halten Sie sich lieber etwas von dem Toten entfernt. Ich werde den Abtransport des Leichnams in die Pathologie veranlassen, sowie eine behördlich angeordnete Obduktion.“ Der Mediziner griff zu seinem Mobiltelefon, wählte eine gespeicherte Telefonnummer und führte ein kurzes Gespräch. „Alles klar, der Verstorbene wird in Kürze abgeholt. Bleiben Sie noch so lange hier, bis der Leichenwagen kommt?“
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Noch am gleichen Nachmittag landete der Leichnam von Kuno Seitz auf dem Edelstahltisch von Dr. Niethammer im Pathologischen Institut der Universität Erlangen. Der Mediziner erhielt vorher einen Anruf des Notarztes, welcher den Toten am Fundort kurz untersucht hatte. „Ich bin mir nicht sicher, verehrter Herr Kollege, was der Grund für den Exitus ist, aber ich würde mich nicht wundern, wenn eine meldepflichtige Erkrankung vorliegt. Seien sie deshalb vorsichtig im Umgang mit der Leiche!“ Dr. Niethammer war vorgewarnt und bedankte sich für den gut gemeinten Hinweis und das Engagement des Notarztes. Dann machte er sich an die Arbeit. Er betrachtete den Leichnam ganz genau von allen Seiten. Der Kollege schien nicht Unrecht zu haben. Die Haut auf dem Rücken des Toten war eine einzige oberflächlich blutende Wunde. Selbst der Gaumen wies blutende Merkmale auf. Das Ganze ließ die Vermutung auf ein hämorrhagisches Fieber zu. Nachdem er den Leichnam ausgiebig betrachtet und seine Kommentare auf Band gesprochen hatte, öffnete er mit einem Y-Schnitt vorsichtig den Körper der Leiche. Nach zwei Stunden schwerer Arbeit und nachdem er die ersten Untersuchungsergebnisse vorliegen hatte, war für ihn die Todesursache klar: Tod durch multiples Organversagen, im Einklang mit schwerer Anämie, ausgelöst durch hämorrhagisches Fieber. Als er mittels RT-PCR, der molekularbiologischen Methode für die Bestimmung von Viren-RNA, endgültig Sicherheit gewonnen hatte, griff er sofort zum Telefonhörer und rief seinen Chef, den Leiter des Pathologischen Instituts an. „Herr Prof. Dr. Theimer, ich habe keine guten Nachrichten. Auf meinem Seziertisch liegt eine Leiche, die mit dem Krim-Kongo-Fieber infiziert ist.“
„Sind Sie sich sicher?“
„Absolut! Die Ergebnisse des Nukleinsäureamplifikationstests sind eindeutig. Alles deutet auf Stiche durch Hyalomma-Zecken hin.“
„Guter Gott, die gibt es doch bei uns gar nicht!“
„Eben, das macht die Sache ja so mysteriös.“
„Halten Sie sich zur Verfügung! Ich werde alle weiteren notwendigen Schritte veranlassen.“ Dann löste Prof. Theimer eine Lawine aus. Zuerst rief er den Leiter des Gesundheitsamtes in der Schubertstraße an. Der stellte die gleiche Frage, „Sind Sie sich sicher?“, und informierte anschließend das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit. Schließlich wurde von dort die Nachricht an das Robert-Koch-Institut in Berlin weitergegeben. Die Telefondrähte liefen heiß. Crimean-Congo-Haemorrhagic-Fever oder kurz CCHF, wie es die Ärzte nennen, ist eine meldepflichtige Krankheit und erfordert die Biosicherheitsstufe 4, die höchste Sicherheitsstufe für gefährliche Viren. Zwei Experten des Robert-Koch-Instituts machten sich Hals über Kopf per Charterflug sofort auf den Weg nach Erlangen.
Zu diesem Zeitpunkt wusste der Mörder, alias Till Stemmann, noch nicht, was er angerichtet hatte. Seit Tagen las er die regionalen Tageszeitungen sehr genau, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf Kuno Seitz zu erhalten. Er wartete quasi schon seit mehreren Tagen auf eine Todesmeldung. Sollte der Obdachlose gegen die Zeckenstiche resistent sein? Sollten seine kleinen Lieblinge vielleicht gar nicht zum Stich gekommen sein? Unmöglich. Er würde noch bis Mitte nächster Woche abwarten, dann würde er sich auf die Suche nach Kuno Seitz begeben. Des Mörders Geduld sollte nur noch für einen weiteren Tag auf die Probe gestellt werden. Er war bereits dabei, den zweiten Mordanschlag zu planen, doch die Ausführung hatte noch Zeit. Wie gesagt, er war ein Mensch, der nichts über das Knie brach. Er wollte erst abwarten, was aus Kuno Seitz geworden war.
Mordkommission der Stadt Erlangen, am späten Nachmittag des gleichen Tages
Der Erlanger Kommissar der Mordkommission, Gerald Fuchs, und seine adrette Assistentin, Sandra Millberger, betraten gerade das Zimmer ihres Chefs, Hauptkommissar Joerg Kraemer. Eigentlich wollten sie sich in Kürze auf den Nachhauseweg begeben. Es war nichts los. Einen aktuellen Mordfall hatten sie gerade auch nicht. Dann rief Joerg Kraemer beim Kommissar an und bat ihn und Sandra, kurz bei ihm vorbeizuschauen. Als die beiden in das Zimmer ihres Chefs eintraten, saß ein guter Bekannter auf einem der Stühle.
„Herr Dr. Niethammer“, begrüßte ihn Sandra Millberger, „schön Sie mal wieder zu sehen.“
„Ganz meinerseits, schöne Frau“, schmeichelte der Pathologe.
„Hallo, Herr Doktor“, begrüßte ihn auch der Kommissar, „ich ahne nichts Gutes.“
„Nehmt Platz!“, forderte der Hauptkommissar die beiden Ankömmlinge auf. Dann sah er konzentriert in die Runde. „Dr. Niethammer kommt gerade von einem Gespräch mit seinem Chef, und der meinte, dass es besser wäre uns zu informieren, bevor wir die Geschichte morgen in der Zeitung lesen. Eine seltsame Geschichte. Aber erzählen Sie am besten selbst, Herr Doktor!“
Dr. Niethammer räusperte sich, rückte seine runde Nickelbrille auf der Nase zurecht und begann. „Ja, wirklich seltsam. Keine Angst, ich habe zwar einen Toten auf meinem Tisch, aber es handelt sich dabei nicht um einen Mordfall. Ich muss sagen, ein Mordopfer wäre mir sogar lieber. Heute Morgen wurde unter der Kanalbrücke, Richtung Ortsteil Dechsendorf, ein offensichtlich Obdachloser von einem Jogger tot aufgefunden. Dem zugezogenen Notarzt kam das Erscheinungsbild des Toten irgendwie verdächtig vor, und so landete die Leiche auf meinem Tisch. Schon bevor ich mit der Obduktion begann, hatte ich – allein aufgrund meiner visuellen Untersuchung – einen vagen Verdacht.“
„Warum?“, wollte Sandra Millberger wissen.
„Nun ja, das Aussehen der Leiche ließ die Vermutung zu, dass es sich bei der Todesursache um eine sehr seltsame Erkrankung handeln musste. Der ganze Rücken war von Petechien übersät.“
Gerald Fuchs und seine Assistentin sahen sich verständnislos an.
„Kleine Blutungen aus den Kapillaren in die Haut“, klärte sie der Mediziner auf. „Ich vermutete sofort eine bestimmte Infektion. Andererseits aber auch wieder nicht, denn die gibt es in unseren Breitengraden eigentlich nicht. Kurzum, die endgültigen Ergebnisse meiner Untersuchung bestätigten den Anfangsverdacht: Es handelte sich um einen Fall von Krim-Kongo-Fieber.“
„Das müssen Sie uns genauer erklären, Herr Doktor“, forderte Gerald Fuchs den Mediziner auf.
„Nun, das Krim-Kongo-Fieber ist eine für den Menschen sehr gefährliche Infektionskrankheit mit einer hohen Sterblichkeitsrate. Wirklich wirksame Mittel dagegen gibt es bis heute noch nicht. Die Infektion wird normalerweise durch eine besondere Zeckenart übertragen. Die Hyalomma-Zecke. Aber nun kommt es: Diese Tiere leben nicht bei uns in Deutschland, sondern in Süd-Osteuropa, im Nahen Osten, in Gebieten Asiens und in Afrika. Das stellt uns vor ein riesiges Rätsel, da der Verstorbene nachweislich von Hyalomma-Zecken gestochen wurde. Nun fragen wir uns, wie das möglich gewesen sein soll? Wie und wo hat er sich infiziert beziehungsweise wurde er gestochen?“
„Wieso kommen Sie mit diesen Fragen zu uns?“, wollte der Kommissar erneut wissen.
„Weil wir diese Quelle finden müssen, um eine weitere Verbreitung der ansteckenden Krankheit zu vermeiden. Krim-Kongo-Fieber-Viren sind sehr gefährlich und könnten theoretisch sogar als biologisches Kampfmittel eingesetzt werden.“
„Wollen Sie damit sagen, jemand benutzt diese Insekten als Tötungsmaschinen? Bei einem Obdachlosen? Das ist doch lächerlich!“, merkte Sandra Millberger an.
„Das wollte ich damit auch gar nicht zum Ausdruck bringen“, erklärte Dr. Niethammer, „aber erinnern Sie sich an den EHEC-Virus vom Sommer letzten Jahres? Ich möchte nur darauf hinweisen, dass diese Viren extrem gefährlich sind. Vor allem müssen wir unbedingt den Infektionsherd finden. Die Inkubationszeit spielt sich in einem Zeitraum von einem bis zu dreizehn Tage ab. Vielleicht laufen da draußen bereits etliche Infizierte herum. Weiß der Teufel, wo sich diese Zecken eingenistet haben. Im Moment tappen wir völlig im Dunkeln. Deshalb wäre es hilfreich zu wissen, wo sich der Tote überall herumgetrieben hat.“
„Okay“, ergriff nun Hauptkommissar Kraemer das Wort, „Gerald, Sandra, so verrückt die Sache mit den Killerinsekten klingt, wir werden den Kollegen von der Medizin helfen. Die ganze Angelegenheit ist viel zu ernst. Ihr habt derzeit keinen akuten Fall, also hört und seht euch mal unter den Obdachlosen Erlangens um. Durchleuchtet das Leben des Toten. Fragt, wo er sich aufgehalten, welche Plätze er vorwiegend besucht hat. Vielleicht finden wir dort auch die verdammten Zecken. Wie war doch sein Name?“
„Kuno Seitz“, antwortete Dr. Niethammer. „Auf diesen Namen lautet jedenfalls der Personalausweis, den der Verstorbene mit sich geführt hat.“
Gerald Fuchs und Sandra Millberger sahen sich an und zogen die Augenbrauen hoch. „Na gut, dann spielen wir eben Kammerjäger“, meinte die Polizistin. „Und ich wollte demnächst meinen Resturlaub vom letzten Jahr abbauen“, jammerte der Kommissar, „vom Mörderjäger zum Zeckenjäger degradiert!“
Nordbayerisches Tageblatt vom 14./15. Juli 2012, (Wochenendausgabe)
Mörderzecken in Mittelfranken? Erlangen, 13.07.2012 – Panikmache oder Realität?
Erinnern wir uns: Vor etwa einem Jahr wütete in Deutschland der sogenannte EHEC-Virus. Menschen starben. Wochenlang suchten die Behörden nach dem Virus und zogen sich dabei den Zorn der spanischen Gurkenbauern zu. Der Verzehr von Salat und Gemüse ging damals drastisch zurück.
Heute, ein Jahr später, haben wir wieder einen tödlichen, ansteckenden Krankheitsfall. Wie das Gesundheitsamt in Erlangen informierte, wurde ein Obdachloser gestern in den frühen Morgenstunden tot aufgefunden. Er war mit dem gefährlichen Krim-Kongo-Fieber-Virus infiziert. Da kommt die Frage auf: Sensation im Sommerloch oder tödliche Gefahr für ganz Mitteleuropa?
Was ist geschehen? Ein obdachloser Stadtstreicher wurde gestern am frühen Morgen von einem Jogger unter der Kanalbrücke, nahe dem Langen Johann, tot aufgefunden. Der hinzugezogene Notarzt stellte ein verdächtiges, äußerliches Krankheitsbild des Verstorbenen fest und ordnete eine Obduktion an. „Mir war klar, dass irgendetwas nicht stimmte“, wird der Arzt zitiert. Er sollte recht behalten. In der Uniklinik Erlangen stellte sich heraus, dass der Mann an dem infektionellem Krim-Kongo-Fieber verstorben war, welches in der Regel von Hyalomma-Zecken übertragen wird. Diese Zeckenart kommt aber in unserer Region nicht vor, sondern ist hauptsächlich in Süd-Osteuropa, im Nahen Osten und anderen warmen Regionen beheimatet. Stellt sich also die Frage, ob, bedingt durch den Klimawechsel, dieses Insekt schon bis in unsere Breitengrade vorgedrungen ist, oder ob es sich mal wieder um eine Panikmache handelt, die ideal in das Medien-Sommerloch passt. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Die Gesundheitsbehörden bitten nämlich die Bevölkerung vor jedem Gang ins Freie um erhöhte Aufmerksamkeit. Sie weisen besonders auf hochgeschlossene Kleidung hin. Auch ausgiebige Körperkontrollen nach einem Aufenthalt im Freien werden empfohlen. Bei begründeten Verdachtsmomenten sollte unmittelbar ein Arzt aufgesucht werden. Die Reporter des NT werden der Sache nachgehen und weiter über den Fall berichten.
Röttenbach, Fischküche Fuchs, Sonntag, 15. Juli 2012
Kunni Holzmann und Retta Bauer saßen beim Mittagessen. Retta schob sich gerade ein Stück von ihrem Kloß in den Mund, während Kunni an ihrem Schäuferla herumsäbelte. Trotz der Unsicherheit der Wettervorhersage für den Tag ihrer geplanten Geburtstagsfeier, hatten sie nun doch nicht mehr die Absicht länger mit der Auswahl der Gerichte zu warten. Aber erst genossen sie ihr Essen. „Hasd gesdern die Zeidung glesn?“, fragte die Kunni. Ihr Gegenüber verschluckte sich fast an dem Kloß.
„Ja, schlimm, gell? Lässd der bleede Assad in Sierien mehr als zwaahunderfufzich Menschn umbringa. Su a Debb! Dem gheredn die Eier abgschniddn!“
„Ja, dees is wergli arch schlimm, abber dees maani ned. Iech hab den Ardigl vo dem Dodn am Eurobakanal glesen, der wu vo aner – wie haßns die Viecher? – Hiealomma-Zeggn gschdochn worn und dann dro gschdorbn is. Es had ghaßn, dass die Hiealomma-Zeggn bei uns goar ned geben derfed, weil mier gor ned dees richdiche Gliema fier die ham. Abber drodzdem is der Dode vo su an Viech gschdochn worn. Dees had mer zweifelsfrei fesdgschdelld! Is dees ned komisch?“
„Na ja, es haßd doch scho immer, dass die Zeggn die gfährlichsdn Diere in Deidschland sen. Do is doch nix Verwunderlichs dro?“ gab die Retta zurück und spießte ein Stück von ihrem Schweinebraten auf die Gabel. „Dass der gleich dro gschdorbn is, is abber scho a weng ungewöhnlich.“
„Dees woar doch ka Holzbogg, der den gschdochn had“, stellte die Kunni nochmals fest, „sondern a Zegg, dens bei uns ned gibd und der wu den Dodn mid dem Krim-Kongo-Fieber ogschdeggd had!“
„Was isn dees ieberhabd, dees King-Bongo-Fieber? Habbi bisher nunni gherd!“
„Krim-Kongo-Fieber, alde Dolln“, wiederholte die Kunni. „Iech kenn dees aa ned, muss abber gfährlich sei. Sachd mer!“
„Vielleichd woar der Dode ja aa auf Urlaub im Ausland?“, merkte die Retta an.
„Geh, Redda, dees glabsd doch selber ned! A Obdachloser auf Auslandsurlaub! Im Fimbf-Schderne-Hodel in Kenja! Im Scheradon! In aner Luxus-Swied!“
„Edz hör na widder auf mid deine sarkasdischn Bemerkunga! Iss lieber dei Schäuferla, sunsd werds nu kald“, beschwerte sich die Retta.
„Drodzdem däd iech gern wissn, wu die Zeggn herkumma sen, die den Moo dodgschdochn ham“, grübelte die Kunni.
„No, die wern scho in irgend su an Busch ghoggd sei odder in aner Wiesn“, vermutete die Retta auf einem Stück Schweinebraten kauend, welches sie mit einem Schluck Kitzmann-Bier hinabspülte. „Ahh, dud dees gud!“, schwärmte sie.
„Dees glaab iech eben ned“, widersprach ihre Freundin, „die leben bloß in Gegenden, wus viel wärmer is als bei uns. Bei uns däden die eigeh. Su schnell schauersd gor ned! Iech begreifs einfach ned.“
„Also Kunni, edz mach der doch kann Kubf wecher denne bleedn Zeggn! Iss dei Schäuferla und Glees goar auf, dann hogg mer uns mid der Wirdin zamm und endscheidn, wie mier unsere Geburdsdoochfeier organisiern und was zum Essn gebn soll. Iech glaab iech beschdell uns scho mal zwaa Willi. Mogsd du aa nu a Bier?“
Die Kunni hörte die Retta wie durch einen dichten Nebel reden. Sie hing immer noch ihren eigenen Gedanken nach. „Die Zeggn kenna doch bloß züchd worn sei“, sprach sie zu sich selbst. „Vielleichd in an Derrarium? Es gibd ja su Leid, die sich su drobische Viecher haldn. Abber wie sen die do rauskumma? Und wenn die aner züchd, waß der denn ned, dass die infizierd sei kenna? Wozu züchdn aner Zeggn? Wozu brauchd mer die denn? Zum Angeln? Vielleichd werd der aa nu gschdochn und waß ned amol, dass sei Viecher voller gfährlicher Viren sen. Abber wenn dees su wär, wu verdammd ham si dann die Zeggn ogschdeggd? Und wenn die aus dem Derrarium erfolgreich dees Weide gsuchd ham, wie sen die zu dem Obdachlosn kumma? Dees bassd alles ned zam! Außer der Züchder waß, dass sei Zeggn ogschdeggd sen, und häld die Viecher drodzdem in seim Derrarium? Dees machd abber aa kann Sinn. Außer, er brauchd seine krangn Zeggn fier an beschdimmdn Zwegg. Zum Forschn vielleichd?“
„Kunni! Kunni, bisd du geisdich nu doo?“ Die Stimme ihrer Freundin Retta drang aus weiter Ferne an ihr Ohr. „Willsd edz nu a Bier, odder ned?“
„Ja Redda, beschdell mier aa nu ans und am besdn an dobbeldn Willi.“
Frühmorgens am Bahnhof Erlangen, Montag, 16. Juli 2012
Die Berufspendler am Bahnhofsvorplatz, in der Bahnhofshalle und auf den Bahnsteigen wuselten in alle Richtungen davon. Die einen kamen aus Nürnberg, Fürth und den dazwischenliegenden Dörfern, um ihren Jobs in Erlangen nachzugehen. Andere fuhren in die entgegengesetzte Richtung, nach Nürnberg und Fürth. Einige schlugen mit der S1 den Weg in Richtung Forchheim und Bamberg ein. Wie jeden Morgen um diese Zeit herrschte ein quirliges Leben auf dem Bahnhofsgelände. Menschen hasteten durcheinander. Stadtbusse und Busse aus der Region fuhren die Haltestellen direkt vor und hinter dem Bahnhof im Neunzig-Sekunden-Takt an. Es war, wie immer, ein turbulentes und hektisches Treiben an diesem Montagmorgen. Mitten drin standen Gerald Fuchs und Sandra Millberger und betrachteten die Szene. Ihr Interesse galt weniger den Berufspendlern als den seltsamen Gestalten, die sich zu dieser frühen Stunde schon in den Wartehäuschen der Bushaltestellen herumtrieben oder in kleinen Gruppen zusammenstanden. Einige dieser Spezies hielten geöffnete Bierdosen in den Händen.
Unter den Genannten war auch die jüngere Null-Bock-Generation vertreten. Die meisten in schwarz gekleidet, Piercings in Ohren, Nasen und Augenbrauen. Was an Haaren noch vorhanden und nicht wegrasiert war, war in giftgrün, bonbonrosa, oder sonst einer schreienden Farbe eingefärbt.
Obdachlose und Penner, die in der Bahnhofshalle genächtigt hatten und ihr gesamtes Hab und Gut in Plastiktüten mit sich herumschleppten, standen oder saßen ebenfalls herum.
Rumänische Bettelprofis stiegen in der Goethestraße aus schicken Autos mit dem Stern und machten sich auf den kurzen Weg zur nahen Hauptstraße und in die Fußgängerzone.
„Schlimm, schlimm“, bemerkte Sandra Millberger. „Ja, leider“, bestätigte ihr Chef, „Menschen ohne Perspektive. Siehst du den Alten dort drüben, von uns aus halblinks, mit den struppeligen Haaren und dem roten zerschlissenen Hemd?“
„Der mit den Jesuslatschen?“
„Genau der! Das ist der Rama-Schachtel-Jakob. So heißt er zumindest in der Szene, weil er seinen ganzen Besitzstand immer in einer Rama-Schachtel herumträgt. Den interviewen wir jetzt. Der kennt die ganze Obdachlosenszene.“
Die beiden Beamten steuerten ohne Hast auf den alten Mann zu. Der Siebzigjährige beäugte sie misstrauisch. „Was will denn die Bolizei vo mir? Habbi was verbrochn und waß dees goar ned?“ Sein stoppeliges Gesicht war mit tiefen Falten durchzogen. Er entblößte nur noch wenige, gelblich verfärbte Zahnstümpfe. Die Rama-Schachtel steckte in einer überdimensionalen Plastiktüte von C & A.
„Guten Morgen!“, grüßten die beiden Polizisten höflich. „Keine Sorge, es liegt nichts gegen Sie vor. Wir wollen Sie nur etwas fragen. Kennen Sie diesen Mann?“ Gerald Fuchs hatte ein Foto des toten Kuno Seitz aus seiner Jackentasche gezogen und hielt es Rama-Schachtel-Jakob unter die Nase.
„Fraali kenni den. Vo der Erlanger Dafel. A rechder Eigenbrödler. Maand, der is was Bessers. Der laffd immer allaans rum. Meisdns in Alderlang.“
„Wann haben Sie den Mann das letzte Mal gesehen?“
Der Obdachlose kratzte sich am Kopf und sah in den wolkenlosen Himmel, als stünde dort die Antwort geschrieben.
„Am ledzdn Middwoch! Do woarer am Bohlnbladz auf aner Bäng ghoggd und had was gessn. Ganz allaans.“
„Am Mittwoch, den elften Juli?“ wollte Sandra Millberger ganz genau wissen.
„Kann scho sei! Am ledzdn Middwoch hald. Su gecher aans. Die Kergngloggn had grood gschloogn. Iech bin ganz erschroggn, wie ihn na gsehgn hab. Schlechd hadder ausgschaud. Gans blass woarer, und sei Händ ham blud, habbi gsehgn. Suchns den wohl? Hadder was ogschdelld?“
Die Antworten schuldig bleibend stellte Gerald Fuchs die nächste Frage: „Sie sagten, dass er ein rechter Eigenbrötler sei. Hat er denn überhaupt niemanden, der ihm näher steht oder der mehr über ihn weiß?“
„Iech waß bloß su viel, dass vo uns kaaner mid dem Kondaggd had. Wie gsachd, der is viel zu eingebilded. Den mooch kaaner vo uns! Der is immer allaa. Bis vor umera drei Wochn. Dees woar dees aanziche Mal, dassin mid jemand redn hab gsehgn.“
„Können Sie mir das etwas genauer erklären“, hakte der Kommissar nach. „Wann und wo war denn das?“
„Der muss anscheinds doch was ausgfressn ham!“, stellte Rama-Schachtel-Jakob fest und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Dabei entblößte er seine gelben Zahnstümpfe und verströmte einen Hauch von abgestandenem, billigem Rotwein. „Also, iech woar dees ledzde Mal am ledzdn Middwoch im Juni bei der Erlanger Dafl.“
„Moment“, unterbrach ihn die Polizistin, „das war der siebenundzwanzigste Juni!“
„Sie wollns abber immer ganz genau wissn! Wenn Sies soogn, werds scho schdimma!“, bestätigte der Alte. „Jedenfalls habbi den, Seitz glaabi haßd der, bei der Erlanger Dafl gsehgn. Iech bin grood okumma, do is der scho widder raus. Wie iech dann a halba Schdund schbäder am Bohlnbladz vorbeikumma bin, do hoggd der auf aner Bänk und red mid an Moo, der ausgschaud had wie a Siemens-Mänädscher. Gschniegld und biegeld! ‚Was will denn der vo dem Sandler?’, habber mer nu dengd. ‚Was haddn der mid dem zu beredn?’ Weil, die hamm ieberhaubd ned zammbassd.“
„Wissen sie noch, wie der Fremde ausgesehen hat und was er anhatte? Wie alt war er ungefähr?“ wollte der Kommissar wissen.
„Edz herns abber auf!“, entrüstete sich Rama-Schachtel-Jakob, „dees is fasd drei Wochn her. Dees woar a junger Moo, nu ka dreißg Joahr. A Sunnabrilln hadder aufghabd.“
„Wie groß etwa?“, hakte die Polizistin nach.
„Wuher solln iech dees wissn? Der woar ghoggd!“
„Würden Sie den Mann wiedererkennen?“, wollte Gerald Fuchs wissen.
„Vielleichd, vielleichd aa ned!“
„Okay, lassen wir es dabei!“, meinte der Polizist. „Danke, Sie haben uns sehr geholfen. Wo können wir Sie wieder treffen, falls es nötig sein sollte?“
Der Obdachlose lachte herzhaft und zeigte wieder seine Zahnstummel. „Irgendwo in Erlang“, antwortete er. Dabei breitete er seine Arme in alle Richtungen aus, gerade so, als wollte er sagen „Da seht her, das alles ist meine Stadt“. „Fragens einfach nachn Rama-Schachdl-Jakob, irgend aaner werd scho wissen, wu iech grood bin.“
Am gleichen Tag im Haus des Mörders
Der Zeckenmörder, alias Till Stemmann, saß in seinem Wohnzimmer. Der Artikel „Mörderzecken in Mittelfranken?“ aus dem Nordbayerischen Tageblatt vom Wochenende lag ausgeschnitten auf dem Wohnzimmertisch.
Seine kleinen Lieblinge hatten hervorragende Arbeit geleistet. Nicht verwunderlich, sie waren auch sehr hungrig gewesen. Die Tatsache, dass dieser superaufmerksame Notarzt die Leiche von Kuno Seitz zur Obduktion anmeldete und der Pathologe somit auf das Krim-Kongo-Fieber stieß, ärgerte ihn maßlos. Das hatte er so nicht vorausgesehen. Das war so nicht eingeplant. Ärgerlich, aber nicht mehr änderbar! Das Gesundheitsamt hatte Alarm geschlagen. Jetzt suchten sie bestimmt ganz Mittelfranken nach Hyalomma-Zecken ab. Sollten sie. Der Mörder grinste und stellte sich die Hektik bei den Gesundheitsbehörden vor. Sie würden keine finden, und zum Kaffee würde er die Leute sicherlich nicht einladen, um ihnen seine kleinen, regen Lieblinge zu zeigen. Trotzdem ärgerlich, die ganze Sache. Die Suche nach dem Krankheitserreger hatte längst begonnen. Da war er sich sicher. Nun würden die sogenannten Experten auf ihrer Suche jeden Stein umdrehen. Jede Person, die mit dem Toten Kontakt hatte, ist für die ein potentiell Infizierter, der den Erreger weiter tragen könnte. Er war sehr vorsichtig gewesen. Das wusste er. Niemand würde die Verbindung zwischen dem verstorbenen Obdachlosen und ihm aufdecken. Dennoch, er würde etwas Zeit verstreichen lassen, bevor er den zweiten Mordanschlag ausführen würde. Nichts übers Knie brechen! In der Ruhe liegt die Kraft. Es war alles schon geplant. Vielleicht würde er an dem einen oder anderen Detail noch etwas feilen. Konnte jedenfalls nicht schaden. Hoffentlich waren seine kleinen Lieblinge beim zweiten Anschlag ebenso erfolgreich. Er griff nach Kugelschreiber und Papier und nach fünfundzwanzig Minuten hatte er die zweite Strophe seines Liedes niedergeschrieben:
à Der Rotweinbruder ist gestorben,
Habt meinen Dank und Lob erworben.
Und nun ihr lieben Zecken,
Der Schmarotzer soll verrecken.
Müsst noch vier Wochen warten,
Dann könnt ihr wieder starten.
Schon bald gibt es Schmarotzerblut,
Das tut euch Zecken auch ganz gut.
Er summte die Melodie leise vor sich hin und wiegte seinen Oberkörper hin und her. Euphorisch griff er sich eines der Meerschweinchen aus dem Käfig und setzte es auf der Miniaturwiese seiner kleinen Lieblinge aus. Er beobachtete es, wie es zwischen den Sauerampferstängeln hin und her lief. Es dauerte nicht lange, bis sich eine der Hyalomma-Zecken mit ihren Vorderbeinen fest in das zottelige, weiß-braune Fell des kleinen Nagers festgeklammert hatte und langsam unter dessen Bauch verschwand.
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Der Mörder hatte mit seiner Vermutung Recht: Die Gesundheitsbehörden, koordiniert durch das Robert-Koch-Institut, hatten zwischenzeitlich längst Großalarm ausgelöst. Auch die „Tagesschau“ und „ZDF heute“ sollten über den Fall berichten. Dies stand jedenfalls zur Debatte. Die ganze Sache wurde sehr ernst genommen. Deutschlands bekannteste Insektenforscher waren bereits zu Rate gezogen worden. Es ging um die Frage, ob sich die Hyalomma-Zecken bereits bis in süddeutsche Gefilde verbreitet haben könnten.
„Unmöglich!“, konstatierte der berühmte Zecken-Experte, Dr. Dr. Julius von Echterbach. „Hyalomma-Zecken kommen nur in wärmeren Regionen wie südlich des Balkans vor. Bei uns sind sie nicht überlebensfähig.“
„Denkbar, aber ungewöhnlich“, meinte Dr. Hasenfuß von der Uni in Heidelberg. „Manchmal bringen Zugvögel die Parasiten aus dem Süden mit. Auch Touristen könnten sie eingeschleppt haben. Alles ist möglich.“
„Warum nicht? Die Auswirkungen des Klimawechsels schreiten viel schneller voran, als wir uns das vorstellen können!“, gab sich Prof. Dr. Harald Ziegenbart aus Dresden unverbindlich sicher.
Am Ende waren die Experten der Gesundheitsbehörden genauso schlau wie vorher. „Wir wissen es nicht, könnte aber sein“, fasste Dr. Hyronimus von Bleibtreu von der schnellen Einsatztruppe des Robert-Koch-Instituts zusammen. „Die Angelegenheit ist zu ernst, schließlich rangiert der Erreger weltweit auf Platz sieben der zehn tödlichsten Viren. Klar, das Krim-Kongo-Fieber muss nicht zwingend epidemieartig ausbrechen, dennoch wir müssen die Bevölkerung informieren. Es besteht zwar ein geringes, aber dennoch potenziell lebensbedrohliches Infektionsrisiko. Die Medien haben bereits Lunte gerochen. Ich habe keine Lust darauf, mir später Vorwürfe machen zu lassen, dass wir zu spät reagiert hätten, sollten weitere Menschen von der Infektion befallen werden. Ein weiteres Todesopfer wäre eine Katastrophe! Das Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten trifft ganz klare Regelungen. Noch etwas. Wir sollten vorsorglich Ribavirin bevorraten, auch wenn das Medikament nur zu Beginn des Krankheitsbefalls wirksam sein kann.“
Während die Experten die Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts beauftragten eine Pressemitteilung zu verfassen, beschlossen sie, die Suche nach den Hyalomma-Zecken auf Betriebe wie Schäfereien, Landwirtschaften mit freilaufenden Huftieren und Milchbetriebe zu konzentrieren. In Schlächtereien sollten Tieren stichprobenartige Blutproben entnommen werden.
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Die attraktive blonde Tagessschausprecherin blickte wie immer konzentriert und freundlich in die Kamera. Sie berichtete darüber, dass die schwachen Konjunkturdaten die Wall-Street-Indices moderat ins Minus drückten, dass Ägyptens Ex-Präsident Mubarak in einer Gefängnisklinik gestorben war, dass Kofi-Annan zu Syrien-Gesprächen in Moskau weile, und dass wegen des Ankaufs einer weiteren Steuer-CD ein neuer Streit zwischen Deutschland und der Schweiz drohe. Schließlich informierte sie noch kurz über den Weltklimadialog in Berlin. Kurze Filmberichte untermauerten die Neuigkeiten. Dann holte sie tief Luft und fuhr mit ernsterer Miene fort: „Wie heute die zuständigen deutschen Gesundheitsbehörden informierten, ist in Erlangen ein Fall des gefährlichen Krim-Kongo-Fiebers bekannt geworden. Ein Obdachloser war gestern an den Folgen der Infektion verstorben. Bei dem Krim-Kongo-Fieber handelt es sich um ein virusbedingtes hämorrhagisches Fieber, gegen welches es noch keine wirksamen Medikamente oder vorbeugende Impfungen gibt. Unter den zehn tödlichsten Viren weltweit rangiert es auf Platz sieben. Wo sich der Verstorbene infiziert hat, ist noch völlig unklar. Überträger der Krankheit sind normalerweise Hyalomma-Zecken, eine Zeckenart, welche in unseren Breitengraden üblicherweise nicht vorkommt. Bei der Hyalomma-Zecke handelt es sich um eine sogenannte Schildzecke mit auffallend rot-gelb geringelten Beinen.“ Dann wurde ein Foto eingeblendet, welches eines der Tiere mit blutgefülltem Hinterleib zeigte.
„Die Experten stehen vor einem Rätsel. Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts befinden sich bereits im Aufklärungseinsatz und unterstützen die lokal zuständigen Gesundheitsbehörden bei der Suche nach dem Erreger. Die Bevölkerung wird gebeten, nach Besuchen in der freien Natur, besonders aufmerksam zu sein. Erste Anzeichen des Krim-Kongo-Fiebers können urplötzlich auftreten. Dies können sein: konstantes Fieber über mehrere Tage hinweg, Schüttelfrost, Kopf-, Muskel-, und Gliederschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gesichts-, Bindehaut-, und Rachenrötung. Wer unerklärlicherweise von diesen Symptomen heimgesucht wird, sollte sofort einen Arzt aufsuchen. Weitere Merkmale im Verlauf der Krankheit sind Darmblutungen, Bluterbrechen und Hautblutungen. Wird die Krankheit nicht rechtzeitig bemerkt, kann in bis zu fünfzig Prozent der Krankheitsfälle bereits in der zweiten Woche durch Multiorganversagen der Tod eintreten.
Bei dem virusbedingten hömorrhagischen Fieber handelt es sich um eine meldepflichtige Krankheit. Jeder ist angehalten, einen diesbezüglichen Krankheitsverdacht, eine Erkrankung, beziehungsweise einen aktuellen Todesfall unverzüglich seinen lokalen Gesundheitsbehörden zu melden. Es folgt nun der Wetterbericht.“
Pulsuz fraqment bitdi.