Kitabı oxu: «Das Ketzerweib»
Werner Ryser
Das Ketzerweib
Roman

Für Philipp und Anna
Alle Rechte vorbehalten
© 2016 by Cosmos Verlag AG, CH-3074 Muri bei Bern
Lektorat: Regina Haener
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Satz und Druck: Merkur Druck AG, Langenthal
Einband: Schumacher AG, Schmitten
ISBN 978-3-305-00475-1
eISBN 978-3-305-00495-9
www.cosmosverlag.ch
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Nachwort
Dominik Bernet: Das Gesicht
Lea Gafner: Die Nonne tanzt
1
Am Abend des 28. April 1693, es war ein Dienstag, stieg die Täuferin Anna Jacob, die auf dem Auenhof am Rand der Schwemmebene westlich von Langnau lebte, hinauf auf die Dürsrüti. Ihr Weg führte sie an der Hüselmatte vorbei, wo Christine Bärtschi, die beim Chorrichter Bürki als Magd angestellt war, im Gemüsegarten mit einer Hacke die Erde lockerte. Bis vor sechs Jahren hatte sie auf dem Auenhof gedient und war dann im Unfrieden von Anna geschieden. Jetzt richtete sie sich auf und starrte der ehemaligen Meisterin nach.
Anna war unterwegs zu den Baumgartners, die oben am Waldrand ihren Hof bewirtschafteten. Rund zwei Dutzend Leute, eine Brüdergemeinde aus Bauern und Handwerkern mit ihren Frauen, ihren Knechten, Gesellen und Mägden versammelten sich dort in der grossen Stube um den Täuferlehrer Caspar Lüthi aus Längenbach. Lüthi hatte 1688 die damals achtundzwanzigjährige Anna getauft. Inzwischen war er alt geworden. Sein Haar, das über Stirn und Ohren fiel, und sein Bart waren weiss. Das Leben hatte zahlreiche Falten in sein Gesicht gegraben. Jung geblieben waren nur seine strahlend blauen Augen. Er öffnete eine grosse Bibel, die vor fast zweihundert Jahren in der Offizin Froschauer in Zürich gedruckt worden war. «Denn wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren», las er daraus vor, «und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s behalten.» Die kleine Gemeinde von Altevangelischen schwieg bedrückt. Obrigkeit und Kirche kannten ihnen gegenüber keine Gnade. Dass sie, unter Berufung auf die Schrift, die Erwachsenentaufe praktizierten und den Kriegsdienst ebenso verweigerten wie den Treueeid auf die Gnädigen Herren, machte sie zu Staatsfeinden. Fast jeder von ihnen hatte Angehörige oder Bekannte, die ins Gefängnis geworfen, gefoltert, verbannt oder zu einer Galeerenstrafe verurteilt worden waren.
Schliesslich ergriff Lüthi erneut das Wort: «Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihrer», zitierte er Matthäus, der im 5. Kapitel seines Evangeliums die Seligpreisungen des Herrn schildert. Es entstand eine Diskussion. Fast alle äusserten sich. Ruhig und bedächtig die einen, erregt andere. Sie erzählten von ihrer Angst vor Verfolgung durch die Täuferjäger und davor, dass sie unter der Folter nicht standhaft bleiben und damit ihr ewiges Leben verspielen würden. Lüthi sprach ihnen Mut zu. Er schob sein weisses Haar aus der Stirne und zeigte allen sein Mal, den Berner Bären, den ihm der Henker im vergangenen Jahr auf die Haut gebrannt hatte.
«Ich bin verbannt worden», sagte er, «und wieder zurückgekommen. Als man mich fasste, wurde ich ausgepeitscht, gebrandmarkt und erneut aus dem Land gewiesen.» Er richtete sich auf und die Leute hatten das Gefühl, er wachse über sie hinaus. «Ich bin zum zweiten Mal zurückgekehrt. Wenn man mich verhaftet, werden sie mich wohl auf die Galeeren schicken. Aber der Herr spricht: Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.»
Mit leuchtenden Augen schaute Anna den alten Täufer an, der bereit war, das Martyrium auf sich zu nehmen. Auch die anderen schienen aus Lüthis Beispiel Mut zu schöpfen. Nach dem Wort des Evangelisten gab es nichts mehr zu sagen. Jemand stimmte ein Loblied an. Sie fassten sich an den Händen und sangen, so wie sie immer sangen, wenn sie sich gestärkt fühlten.
Später schlug der Alte vor, dass man zum Zeichen der brüderlichen Liebe und des Friedens gemeinsam das Brot breche, jenes ganz gewöhnliche Brot, das die Hausfrau am Morgen gebacken hatte, und dazu einen Becher Wein trinke. Alle wussten, dass es für die Staatskirche ein Sakrileg war, wenn ein Bauer oder ein einfacher Handwerker, wie es alle Täuferlehrer waren, das Abendmahl austeilte. Nach einem schlichten Gebet, in dem sie Gott um Standhaftigkeit anflehten, machte sich jeder und jede von ihnen auf den Heimweg. Auch Anna Jacob.
Es war schon spät. Anna zählte die Glockenschläge der Kirche von Langnau. Es waren sieben. Die Sonne versank am Horizont. Ihre letzten Strahlen vergoldeten die Kuppen der bewaldeten Hügel und tauchten die Felswände der Schrattenfluh in ein fahles Licht. Die Schwemmebene der Ilfis am Fuss der Dürsrüti lag im Schatten. In zahlreichen Nebenarmen und Bachläufen mäanderte der Fluss durch den Auenwald Richtung Nordwesten. Anna musste die Wildnis mit all ihren Wassern durchqueren, um zu ihrem Hof zu gelangen, der auf der anderen Seite der Ebene lag. Sie zog den Schal enger um ihre Schultern. Der schmale Pfad zwischen den Bäumen und den mehr als mannshohen Büschen war ihr nicht geheuer. Zumal jetzt im Dämmerlicht. Geschichten fielen ihr ein, alte Geschichten von den Seelen von Ertrunkenen, Selbstmördern und tot geborenen Kindlein, die als Irrlichter in den Erlenbrüchen spukten, um späte Wanderer vom Weg und in ihr Reich zu locken. Anna beschleunigte ihre Schritte. Hannes und Heini würden jetzt wohl dem Melker helfen, das Vieh zu versorgen, während die fünfzehnjährige Ursula die drei Jüngsten ins Bett brachte.
Als sie die Furt des Flusses überquerte, hörte sie aus der Ferne ein Horn und lautes Rufen. Sie wusste, was das bedeutete. Es gab in der Gegend ein ausgeklügeltes Alarmsystem, mit dem die Bevölkerung die Altevangelischen vor den im ganzen Land verhassten Täuferjägern warnte, wenn diese unterwegs waren. Sie blieb unschlüssig stehen. Zuhause in ihrer Schlafkammer gab es eine mit blossem Auge kaum erkennbare Scheinwand, hinter der sie sich bei Gefahr verbergen konnte. Aber möglicherweise waren die Leute des Landvogts bereits dort und warteten auf sie. Ihre sechs Kinder brauchten nichts zu fürchten. Sie waren alle nach der Geburt getauft worden und keines von ihnen hatte sich bisher für den Glauben der Mutter entschieden. Sie hatte sie auch nie dazu gedrängt. Täuferin oder Täufer wurde man nicht auf Wunsch der Eltern, sondern aus freiem Willen.
Noch immer stand Anna mit geschürztem Rock im Fluss, dessen Wasser ihre Beine bis zu den Knien umspülte. Sie konnte nicht ewig hier bleiben. So watete sie ans Ufer und kletterte über den mächtigen Stamm einer umgestürzten Silberweide, unter deren Geäst sie Schutz suchte. Sie würde wohl einige Stunden hier bleiben müssen, der Nacht und ihren Geräuschen preisgegeben. «Der Herr ist mein Hirte», murmelte sie, «mir wird nichts mangeln.» Sie kannte den 23. Psalm auswendig. Er war ihr immer tröstlich erschienen. «Er weidet mich auf einer grünen Aue», betete sie weiter. Dann hielt sie inne. Sie hörte jetzt Rufe, die vom Abhang der Dürsrüti her näher kamen. Auch Hundegebell war zu vernehmen. Vorsichtig erhob sie sich. Es war inzwischen dunkel geworden. Sie sah Fackeln, die sich Richtung Ebene bewegten. «Er erquicket meine Seele», flüsterte sie hastig und verbarg sich tief unter den Zweigen der Silberweide. «Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.» Sie verstummte.
Die Täuferjäger waren in den Auenwald eingedrungen. Die Stimmen waren jetzt ganz nah. «Die Ketzerhure muss sich hier irgendwo verstecken», sagte einer, «so lange kann sie noch nicht unterwegs sein. Wir haben gesehen, wie sie den Hof der Baumgartners verliess.»
Anna wagte nicht, sich zu rühren. Sie hatten auf sie gewartet, oben auf der Dürsrüti. Aber woher wussten sie, dass sie an der Lesung teilgenommen hatte? Wer hatte sie verraten und weshalb?
«Hättest du besser aufgepasst», murrte der Zweite, «wären wir mit ihr bereits unterwegs ins Schloss. Ich kann nur hoffen, dass der Hund sie aufspürt.»
Jetzt hörte Anna das Hecheln des Tieres und nun wusste sie auch, wer ihr Verfolger war: Balz Wüthrich, der Büttel des Landvogts. Er folterte im Auftrag der Obrigkeit Gefangene, vollzog Körperstrafen und ging dem Berner Scharfrichter zur Hand, wenn es galt, einen Emmentaler zu köpfen, zu hängen oder zu rädern. Wo immer er in den Dörfern auftauchte, ging man ihm aus dem Weg und kreuzte heimlich die Finger. Er war durch und durch verdorben. Mütter warnten ihre ungehorsamen Kinder: «Der Wüthrich wird dich holen!» Annas Herz klopfte bis zum Hals. Täuferjäger! Und sie war das Wild. Am liebsten wäre sie davongerannt. Aber sie wusste: dann würde man sie hören und fangen. Ihre Lippen bewegten sich lautlos: «Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.»
«Lass den Hund los», hörte sie Wüthrich sagen, «vielleicht findet er ihre Spur. Sie muss diesen Pfad genommen haben.»
Und dann ging alles sehr schnell. Anna sah über sich einen riesigen Schatten. Das Geäst der Silberweide, unter dem sie sich verborgen hatte, brach krachend. Vor ihr stand der Hund. Er erschien ihr riesig. Er fletschte die Zähne und gab Laut. Anna erstarrte.
«Wir haben sie.» Das war Wüthrichs Kumpan. «Komm heraus, du Hexe, oder müssen wir dich holen?»
Anna erhob sich, kletterte über den Stamm der Weide und stand vor den beiden Männern.
«Deine Hände!» Das war Wüthrich. Er schloss ihre Gelenke in eiserne Fesseln und befestigte an der Kette, die die Schellen verband, einen Strick. «Komm! Wir haben keine Zeit, wir müssen verschwinden, bevor deine Leute versuchen, dir zu helfen.» Tatsächlich war es schon mehr als einmal vorgekommen, dass Freunde oder Verwandte Täufer, die bereits festgenommen worden waren, wieder befreit hatten.
In der verzweifelten Hoffnung, man würde sie hören, stiess Anna einen Schrei aus. Wüthrich gab ihr eine Maulschelle. «Sei still», zischte er. Sie wehrte sich, riss am Strick, an den sie gebunden war, trat mit den Füssen um sich. Während einer der beiden Häscher sie festhielt, stopfte ihr der andere sein schmutziges Halstuch in den Mund. Dann legten sie die Männer über den gestürzten Weidenstamm und verprügelten sie mit Ruten, die sie aus seinem Geäst geschnitten hatten. Mit ihren gefesselten Armen versuchte Anna ihren Kopf zu schützen. Vergeblich. Die Schläge prasselten auf sie ein. Das Tuch in ihrem Mund erstickte ihre Schreie.
«Hast du genug?», knurrte Wüthrich nach einer halben Ewigkeit. Sie nickte. Er stellte sie auf die Füsse und zerrte sie hinter sich her wie eine Kuh, die man zum Markt führt.
Es war ein langer und beschwerlicher Weg, den Anna Jacob in dieser Nacht zu gehen hatte. Sie war barfuss. Die Schuhe hatte sie ausgezogen, als sie die Furt überquerte, und dann unter der Silberweide abgelegt. Es war dunkel. Sie konnte den Pfad, der dem Lauf der Ilfis folgte, kaum erkennen. Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Als sie einmal hinfiel, gab ihr Wüthrichs Begleiter, den sie nicht kannte, einen Fusstritt. «Steh auf, du faules Luder», fauchte er, «du wirst noch lange genug liegen können.» Sie rappelte sich hoch. Ihre Häscher hatten es eilig. Keuchend stolperte sie hinter ihnen her. Sie kannte den Weg zum Schloss Trachselwald, dem Sitz des Landvogts. Sie war ihn oft gegangen. Allerdings nie bei Nacht und nie als Gefangene. Der Schweiss, der ihr von der Stirne rann, brannte in ihren Augen. Oder waren es Tränen?
Sie passierten die Stelle, wo die Ilfis in die Emme mündet. Eine Stunde später beschlossen die Männer, eine Rast einzulegen. Anna banden sie an einen Strauch. Sie hockte sich nieder und liess Wasser. Die beiden Häscher schauten ihr gleichgültig zu. «Lasst mich laufen», flehte sie. «Ich bezahle euch das Doppelte von dem, was ihr für mich bekommt.»
Die Männer lachten. «Du wirst bald kein Geld mehr haben», sagte Wüthrich. «Man wird dir dein Hab und Gut nehmen, wie allen, die sich gegen Gott und die Obrigkeit versündigen.» Er riss an ihrem Strick. «Komm, es geht weiter.»
Kalt und fern wölbte sich der Nachthimmel, an dem Myriaden von Sternen in ihrer funkelnden Pracht ihre Bahn zogen, unberührt vom Schicksal der Menschen unter ihnen, die für sie nicht mehr waren als Staub in Zeit und Raum. Kurz vor Ramsei wandten sich die Täuferjäger mit ihrer Gefangenen Richtung Norden. Die zwei Männer unterhielten sich halblaut miteinander. Anna nahm ihre Worte nicht wahr. Sie starrte in die Dunkelheit. Drüben, am Fusse des Ramseibergs lag der Waldhof, wo sie aufgewachsen war. Sie konnte die Konturen des Hauses erkennen. Der Hof wurde jetzt von ihrem jüngsten Bruder bewirtschaftet, der ihn, wie das im Bernbiet üblich war, geerbt hatte. Der Hund, der die drei nächtlichen Wanderer gehört haben musste, bellte ihnen nach. Sie hatten inzwischen das Tal der Grüene erreicht. Ein Käuzchen schrie. Anna nahm den Ruf des Totenvogels als schlechtes Omen. Sie war verzweifelt und erschöpft. Mit ihren blossen Füssen wurde jeder Schritt zur Qual. Die Eisenschellen hatten ihre Handgelenke wund gescheuert. Kurz nach Mitternacht wuchsen vor ihnen drohend Ringmauer, Palas und Bergfried von Schloss Trachselwald in die Höhe. Sie stiegen den Burghügel hinauf.
Ein Wächter öffnete ihnen das Tor und liess sie eintreten. Mit einer Fackel leuchtete er Anna ins Gesicht. Sie schloss die Augen. Wüthrich gab ihm den Strick, an den Anna gebunden war. «Bring sie ins Loch», befahl er.
2
Der Mann führte sie über den Schlosshof. Durch eine Tür im Bergfried kamen sie zu einer Treppe. Sie musste vor ihm hergehen. Im flackernden Licht der Fackel nahm sie düstere Mauerquader wahr. Im ersten Stockwerk erkannte sie zwei Türen aus schweren Eichenbalken. Der Eingang zu den gefürchteten Verliesen von Trachselwald. Eines von ihnen öffnete er. «Bück dich», brummte er und stiess Anna hinein. Dann nahm er ihr die Handfesseln ab und legte ihr stattdessen eine eiserne Schelle um das rechte Fussgelenk. Sie war mit einer schweren, in der Wand verankerten Kette verbunden. «Du bist nicht die Erste, die hier einsitzt», sagte er. Sollte das ein Trost sein? Er ging hinaus, schlug die Tür hinter sich zu. Anna hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte und ein Riegel vorgeschoben wurde. Dann Stille.
Es war stockdunkel. «Finster wie in einer Kuh», fiel ihr ein. Sie wusste nicht, weshalb sie sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte, dass ihr Vater, der längst tot war, ab und zu diese Redewendung gebraucht hatte. Ihre Hände ertasteten Wände. Sie standen nah beieinander. Drei Schritte in die Länge. Drei Schritte in die Breite. Die Hälfte des Raums beanspruchte ein roh gezimmertes Lager. Darauf lag ein mit altem Stroh gefüllter Sack. Ihre Schlafstätte. Ein kleines vergittertes Fensterchen, kaum mehr als eine Luke.
Anna, deren Rücken von den Prügeln, die sie bezogen hatte, noch immer schmerzte, legte sich auf den Bauch. Sie barg ihren Kopf in der Ellenbeuge. Jetzt, wo sie allein war, gab sie sich ihrem Elend hin. Tränen flossen über ihre Wangen. «Lieber Gott, hilf mir», schluchzte sie. Immer wieder: «Lieber Gott, hilf mir.»
Und mit einem Mal war ihr, als sitze ihr Mann an ihrem Lager und halte ihre Hand, wie er es früher immer getan hatte, wenn sie traurig war oder verzagt. «Ueli», flüsterte sie. Ramsei, Palmsonntag, 11. April 1677. Die siebzehnjährige Anna Eggimann war früh aufgestanden. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen. Heute sollte sie den Mann heiraten, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte: Ueli Jacob. Man hatte sie nicht gefragt, ob sie ihn wolle. Weshalb auch? Ein Mädchen konnte froh sein, wenn sie nicht ein Leben lang auf dem elterlichen Hof dem jüngsten Bruder als Magd dienen oder anderswo fremdes Brot essen musste.
Ueli Jacob gehörte der Auenhof, ein grosses Gut am Rand der Schwemmebene bei Langnau. «Du hast Glück», sagte ihre Mutter, die ihr das dunkle Haar zu einem Zopf flocht. «Du wirst Bäuerin.» Anna hatte die Festtagstracht schon am Abend zuvor bereitgelegt. Sie schlüpfte in den langen schwarzen Rock, der sich über dem Hüftpolster, dem, wie man ihn nannte, «Weiberspeck», bauschte und dann bis fast zu den Knöcheln fiel. Über das blendend weisse Hemd legte sie ein dunkelrotes Mieder. Ihre Mutter schnürte es so eng, dass Annas Taille noch schlanker erschien, als sie es ohnehin war. Dann setzte sie der Braut das weisse, mit Spitzen besetzte Häubchen vorsichtig auf den Kopf. Die Mutter zog aus ihrer Schürze eine Halskette aus schwerem, glänzendem Silber und gab sie der Tochter. «Dein Ueli soll sehen, dass seine Braut aus rechtem Haus kommt», sagte sie.
Anna hielt den Atem an. Sie hatte noch nie so etwas Wertvolles besessen. «Ist die wirklich für mich?», fragte sie schliesslich.
«Sie gehört dir nur auf Zeit, mein Kind. Schon meine Grossmutter und meine Mutter haben sie getragen. Auch du wirst sie deiner ältesten Tochter weitergeben, wenn sie sich einmal verheiratet.» Sie nahm ihr die Kette aus der Hand und legte sie Anna um den Hals.
Zwei Stunden später stieg die ganze Familie in den offenen Leiterwagen, der, wie die beiden Ackergäule, die ihn zogen, mit Blumen und Laub geschmückt war. Während sich die Braut auf den Kutschbock neben den Vater setzen durfte, nahmen die Mutter und die sechs Geschwister auf der Ladefläche Platz, wo man mit zwei Brettern eine behelfsmässige Sitzgelegenheit eingerichtet hatte.
Sie fuhren der Emme entlang flussaufwärts. Das Land mit seinen dunklen Tannenwäldern und seinen steilen Hügeln, auf deren Kuppen oft einsame Linden sich vom Horizont abheben, begrüsste den Frühling. Oben in den Bergen war der Schnee geschmolzen. Das Sonnenlicht brach sich im Wasser des Flusses, dessen Bett bis zum Rand gefüllt war. Er liebkoste die herunterhängenden Zweige der Weiden. Der Auenwald trug bereits sein hellgrünes Kleid und auf den Wiesen streckten die ersten Schlüsselblumen ihre gelben Köpfchen aus der Erde. Die Luft war erfüllt vom Gesang der Vögel. Am zartblauen Himmel, an dem zwei Bussarde ihre Kreise zogen, segelten hauchdünne Federwolken nach Osten. Schon von weitem hörte die Hochzeitsgesellschaft die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst riefen. Hinten im Wagen stand die fünfzehnjährige Lisa auf. Vorsichtig hob sie das Spitzenhäubchen vom Kopf ihrer Schwester und setzte ihr einen Brautkranz aus weissen Narzissen, die sie am frühen Morgen gepflückt hatte, auf das braune Haar. Anna lächelte.
Sie war noch so jung, damals. Noch fast ein Mädchen. Ihr Mann, der sechsunddreissigjährige Ueli Jacob war mehr als doppelt so alt wie sie. Zum ersten Mal hatte sie ihn ein halbes Jahr vor ihrer Hochzeit gesehen. Auf dem Viehmarkt in Langnau, wo ihm ihr Vater eine Kuh abgekauft hatte. Anna hatte ihn dorthin begleitet. Nach dem Handel hatten sie gemeinsam mit Ueli den Abschluss bei einem Becher Wein in einer Taverne gefeiert. Sie erinnerte sich noch, wie sie den grossen, hageren Mann verstohlen betrachtet hatte. Er war eine eindrückliche Figur. Sein dunkles Haar, das von einigen grauen Strähnen durchsetzt war, hatte er aus der zerfurchten Stirn gestrichen. Seine tief liegenden Augen und die beiden scharfen Falten, die von der Nase schräg zu den Mundwinkeln liefen, verliehen seinem Gesicht einen melancholischen Zug. Ein sorgfältig gepflegter Bart umrundete Wangen und Kinn, liess aber seine Oberlippe frei. Er sprach langsam, dachte vor jedem Satz nach, geizte mit seinen Worten. Als er die heimlichen Blicke des Mädchens bemerkte, musterte er sie lange. Dann bat er den Vater, sie hinauszuschicken. Er habe noch etwas mit ihm unter vier Augen zu besprechen. Verwirrt war sie aufgestanden und hatte die Gaststube verlassen.
Auf dem Rückweg nach Ramsei hatte der Vater geschwiegen. Manchmal hatte er geseufzt. Es war Anna, welche die Kuh am Halfter führte, nicht gelungen herauszufinden, was ihn beschäftigte. Er hatte ihre Fragen abgewehrt.
Am Abend, nach dem Essen, hatte er die Mutter aufgefordert, ihn zu einem Gang über die Felder zu begleiten. Anna sah den beiden aus dem Stubenfenster nach. Sie ahnte, dass man über sie sprach. Als sie zurückkehrten, sagten ihr die Eltern, dass sie beschlossen hatten, sie mit Ueli Jacob zu verheiraten.
Sie begann zu weinen, ohne zu wissen, weshalb. «Er ist ein guter Mann», tröstete sie die Mutter, «ein angesehener Mann. Er besitzt einen grossen Hof und ist Gerichtsäss.»
Am zweiten Weihnachtstag kam Ueli Jacob nach Ramsei. Er brachte einen goldenen Ring mit. Zur Verlobung. Man legte den Hochzeitstermin auf den Palmsonntag im kommenden Frühjahr fest.
Die Kirche von Langnau, in der sie getraut wurden, war vor vier Jahren eingeweiht worden. Die Gnädigen Herren von Bern hatten einen Neubau nach den Plänen ihres Münsterbaumeisters, Abraham Dünz, angeordnet. Auf der Kanzel prangte das Wappen von Samuel Frisching, der früher einmal Landvogt in Trachselwald gewesen war und inzwischen die Schultheissenwürde von Bern erlangt hatte. Die Obrigkeit war allgegenwärtig im Emmental. Auch der Pfarrer war von ihr eingesetzt.
Als der Prädikant, Johann Jakob Feer, nach der Predigt die Trauung vollzog und den Bräutigam fragte, ob er Anna Eggimann als seine Ehefrau lieben und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheissung führen wolle, in guten und in bösen Tagen, bis der Tod sie beide scheide, betrachtete die junge Frau den Mann, mit dem sie künftig zusammenleben würde, aus den Augenwinkeln. Sie empfand anders als damals im Gasthaus, wo sie ihn nach dem Viehhandel zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte. Auch anders als bei der Verlobung, ihrer zweiten Begegnung. Jetzt wurde ihr bewusst, dass Ueli Jacob nicht nur als ihr Gatte, sondern auch als ihr Vormund jene Gewalt über sie haben würde, die bisher ihrem Vater zugestanden war.
Ueli schaute den Prädikanten konzentriert an. Seine Lippen bewegten sich, als spreche er die Worte nach, um sie sich besser einzuprägen. Auch er war festlich gekleidet. Über einem gefältelten weissen Hemd trug er eine schwarze Weste mit silbernen Knöpfen. Darunter eine weite Rheingrafenhose aus blau gefärbtem Leinen, die bis zu den Knien reichte. Die weissen, wollenen Strümpfe waren über den Waden mit roten Bändeln befestigt.
«Ja, mit Gottes Hilfe», sagte er jetzt.
«Und du, Anna Eggimann …», wandte sich Pfarrer Feer der jungen Frau zu und wiederholte die Trauformel.
Sie zögerte eine Sekunde. «Ja, mit Gottes Hilfe», sagte dann auch sie.
Als das frisch vermählte Paar an der Spitze der Hochzeitsgäste von der Kirche die Dorfstrasse hinunter zur Ilfisbrücke schritt, machte Ueli seine junge Frau auf ein grosses Bauernhaus aufmerksam, das inmitten eines Baumgartens am südlichen Rand der Schwemmebene lag. «Der Auenhof», sagte er, «dein neues Zuhause.»
Ein mächtiges, strohgedecktes Walmdach wölbte sich über Wohnteil, Stall, Speicher und Tenn. Anna staunte. Hier also sollte sie Bäuerin werden. «Wie viel Stück Vieh hast du?», wollte sie wissen.
«Dreissig Kühe, vier Pferde, ein Dutzend Schweine», zählte er auf, «natürlich Hühner und ein paar Gänse. Dazu genügend Weideland, um das Vieh durch den Winter zu füttern, und Äcker, auf denen wir Weizen, Roggen, Dinkel und Hafer pflanzen. Ausserdem einen Pflanzplätz, einen Obstgarten und ein Stück Wald.» Er schwieg. «Wir haben alle Hände voll zu tun», fügte er dann hinzu.
Es war mehr, viel mehr als ihre Eltern besassen. «Wer sind wir?», fragte sie vorsichtig.
«Hansjakob Tanner, der Grossknecht, er ist mein Vetter, ein Melker und ein Karrer, Tagelöhner, je nach Arbeitsanfall. Im Haus helfen Christine Bärtschi und Therese Müller, die beiden Mägde.»
Anna ging schweigend neben ihrem Mann her. Sie realisierte, dass Ueli Jacob viel reicher war als ihre Eltern. Sie selber hatte seit ihrer Kindheit mitgeholfen, im Haus und auf dem Feld, sie und ihre sechs Geschwister. Daheim gab es keine Knechte und Mägde. Sie wusste, was es hiess, zuzupacken. Aber es war stets die Mutter gewesen, die gesagt hatte, was zu tun sei. Jetzt würde sie selber einem grossen Haushalt vorstehen, einem viel grösseren als dem elterlichen. Sie würde vorausdenken müssen, planen, anderen die Arbeit zuweisen. Ob sie das konnte, fragte sie sich verzagt.
«Du brauchst keine Angst zu haben.» Hatte der Mann, dessen Frau sie nun war, ihre Gedanken erraten? Er nahm ihren Arm und drückte ihn beruhigend. «Du wirst an deiner Aufgabe wachsen. Ausserdem wird dich meine Schwester anlernen.»
Seine Schwester. Anna kramte in ihrem Gedächtnis. Irgendeinmal hatte sie von Uelis älterer Schwester gehört, die ihm den Haushalt führte. «Wo ist sie, deine Schwester?» Sie wandte sich um und musterte die Hochzeitsgäste.
«Sie kann an der Feier nicht teilnehmen. Sie ist krank», der Mann machte ein verschlossenes Gesicht, Anna wagte es nicht, weitere Fragen zu stellen.
Da es der frühen Jahreszeit zum Trotz aussergewöhnlich warm war, hatte man grosse Tische unter die breiten Kronen der beiden Linden vor dem Haus gestellt. Alles, was der Auenhof zu bieten hatte, stand für die Bewirtung der Gäste bereit: Fleischbrühe, Geräuchertes, Gesalzenes, Gesottenes und Gebratenes vom Schwein, von der Kuh und vom Kalb. Selbst Hähnchen, die im Emmental als «Herrenspeise» galten, hatten die Mägde aufgetischt. Verschiedene Platten mit Gemüse waren da, auch dampfender Hirse- und Haferbrei. Und natürlich Mengen von Chüechli, die in Butter schwimmend gebacken worden waren. Ferner grosse, duftende Brotringe aus Weissmehl. In Glaskaraffen blinkte roter Burgunderwein. Ueli Jacob schien entschlossen, ein Festmahl auszurichten, von dem man im ganzen Tal noch lange sprechen würde. «Nehmt Platz», rief er und machte eine einladende Geste, «und lasst es euch schmecken. Mich wollt ihr kurz entschuldigen.»
Er nahm Anna am Arm und führte sie ins Haus. «Ich will dich zuerst mit meiner Schwester Margrit bekannt machen.» Sie stiegen eine Treppe hoch. Ueli klopfte an eine Tür und schob seine junge Frau in die Kammer. «Ich warte unten auf dich», sagte er und liess sie allein.
«Komm näher», sagte eine Stimme, die, obwohl leise, seltsam eindringlich klang. Am offenen Fenster, aus dem man über die Auenlandschaft in ihrer Frühlingspracht sah, sass eine Frau in einem grossen, geschnitzten Stuhl. Sie mochte um die fünfzig Jahre alt sein und wirkte zart und zerbrechlich. Ihre weisse, von blauen Äderchen durchzogene Haut schien fast durchsichtig. Sie trug einen langen schwarzen Rock und über den schmalen Schultern eine gehäkelte, schwarze Stola, die vor ihrer Brust mit einer goldenen Brosche zusammengehalten wurde. Das graue, zu einem Knoten gebundene Haar war bedeckt von einer ebenfalls schwarzen Haube. Auf einem Beistelltisch neben ihrem Sessel lag die Heilige Schrift. Sie war aufgeschlagen.
«Nimm einen Stuhl, setz dich mir gegenüber und lass dich anschauen», sagte sie. Das klang freundlich, fast liebevoll.
Anna gehorchte. Erst jetzt fiel ihr auf, welch schöne Augen Margrit Jacob hatte, gross, grün, unergründlich.
Die Frau betrachtete sie schweigend. Um ihre blutleeren Lippen spielte ein Lächeln. «Du bist also meine Schwägerin», sagte sie endlich und streckte ihre Hand aus. Leicht wie ein Schmetterling berührte sie die Wangen der Jüngeren. «Und fast noch ein Kind.» Sie schwieg. «Hat dir Ueli gesagt, dass ich bald sterben werde?»
Anna schüttelte verwirrt den Kopf.
«Mein Herz will nicht mehr», sagte Margrit Jacob ruhig, «es schlägt nur noch langsam und es rast, wenn ich mich ein wenig anstrenge. Das Atmen fällt mir schwer. Ich kann kaum mehr diese Kammer verlassen. Das Treppensteigen ermüdet mich. Ein Leben lang habe ich für Ueli gesorgt. Er war mein kleiner Bruder. Er ist es immer noch», fügte sie lächelnd hinzu. «Jetzt bin ich nutzlos geworden. Ich kann in der Küche nicht mehr nach dem Rechten sehen. Ich bin froh, dass eine junge Frau gekommen ist, die meine Pflichten übernimmt.»
«Ich weiss nicht, ob ich das kann, ich bin nur die Tochter eines einfachen Kleinbauern.» Anna spürte, dass sie keine Angst haben musste, der Schwägerin ihr Herz zu öffnen. Sie erzählte ihr vom Waldhof in Ramsei, von den engen Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen war, von den Sorgen ums tägliche Brot. «Ich bin doch viel zu jung und unerfahren. Wie soll ich dem Ueli eine gute Frau sein und den Mägden eine gerechte Meisterin?» Sie hatte die schmalen Hände Margrit Jacobs in die ihren genommen und hielt sich an ihnen fest wie eine Ertrinkende. Ihre Augen wurden feucht und mit einem Mal flossen Tränen über ihre Wangen. Sie barg ihr Gesicht in den Händen.
Margrit nahm ihr behutsam den Narzissenkranz vom Kopf und fuhr ihr durchs Haar. Immer wieder. Endlich sagte sie: «Das wird sich alles geben. Zunächst regierst du das Haus durch mich. Du wirst mein Auge sein, mein Ohr, mein Mund und meine Hände. Und mit der Zeit wirst du die Verantwortung allein tragen können.»
Anna rührte sich nicht. Aus der Hand der Schwägerin, die jetzt auf ihrem Kopf ruhte, strömte eine Kraft, die sie tröstete und mit Zuversicht erfüllte. Sie wünschte, sie könnte auf Zeit und Ewigkeit hier bleiben, bei dieser Frau, in deren Gegenwart sie sich geborgen fühlte.
Durchs offene Fenster drang das Lachen der Gäste. «Sie feiern deine Hochzeit, Kind», sagte Margrit lächelnd, «meinst du nicht, du solltest langsam hinuntergehen und dich zeigen?» Sie küsste Anna auf die Stirn. «So Gott will, werden wir noch viele schöne Stunden zusammen erleben.»
Die Leute an den langen Tafeln, die bereits den ersten Hunger gestillt hatten, begrüssten Anna mit fröhlichen Zurufen. Sie setzte sich neben Ueli, zögernd, als stünde ihr der Ehrenplatz nicht zu. Der Grossbauer sass still und ernst da. Er hatte noch kaum etwas von den Speisen berührt, die man ihm aufgetragen hatte. Auch aus dem Zinnbecher, der bis zum Rand mit Wein gefüllt war, schien er nichts getrunken zu haben. Ab und zu nippte er an einem Glas Wasser.
Anna aber ass und trank wie alle Gäste, die sich den Bauch vollschlugen, als müssten sie für die nächste Hungersnot, die bestimmt kommen würde, einen Vorrat anlegen. Inzwischen ruhte Uelis Blick, wenn er sich unbeobachtet fühlte, auf seiner jungen Frau, schweifte dann über die ausgelassene Gesellschaft und kehrte wieder zu Anna zurück.
Als am späteren Nachmittag eine Familie Fahrender ihre Instrumente auspackten, wurde die Stimmung ausgelassen. Ueli forderte seine Frau zum Brauttanz auf, um, wie das dem Brauch entsprach, ihre Bindung und Vereinigung zum Ausdruck zu bringen. Später wollte jedermann mit Anna tanzen: der Vater, ihre Brüder, die verschiedenen Verwandten und Bekannten. Der Tanz mit der Braut galt als etwas Besonderes, er brachte Glück. Annas Gesicht rötete sich, sie drehte sich ununterbrochen im Kreis, schaute immer wieder hinüber zu ihrem Mann, der dort sass und sie betrachtete. Wohlwollend? Zufrieden? Er lächelte ihr zu. Einmal schien ihr, als sehe sie Margrits Gesicht am Fenster im ersten Stock. Sie mochte sich täuschen.
Als es dunkel wurde, zündete man Fackeln an. Die Funken sprühten in den nächtlichen Himmel. Christine und Therese, die beiden Mägde, tischten erneut auf: noch mehr Speisen, noch mehr Getränke. Später gab es gedörrte Früchte und süsses Gebäck, bei dem man weder mit Honig noch Zimt und Zucker gespart hatte.
Gegen Mitternacht gab Ueli Jacob den Musikanten ein Zeichen, aufzuhören. Er stand auf, bedankte sich bei den Gästen. Nun wünsche er allen eine gute Heimkehr, fügte er hinzu. Von diesem zurückhaltenden Mann ging eine grosse Autorität aus. Man trank sein Glas leer und verabschiedete sich. Die Mägde räumten die Tische ab und nach kurzer Zeit lag der Auenhof still und verlassen da. Anna stand etwas verloren unter einer der grossen Linden und schaute ihren Eltern und Geschwistern nach, die sich im Leiterwagen Richtung Ramsei entfernten und sie in einer fremden Welt, in einem neuen Leben zurückliessen.
«Es ist Zeit, ins Bett zu gehen», sagte Ueli und berührte sie am Ellenbogen.
Zu Bett gehen. Den ganzen Tag über hatte sie versucht, diesen Gedanken zu verdrängen. Vergeblich. Die Mutter hatte ihr einmal erklärt, nach der Heirat werde sie im selben Bett schlafen wie ihr Mann. Er werde sie «erkennen». Und als sie fragte, was das bedeute, «erkennen», da hatte sie ihr gesagt, sie werde es dann schon sehen.
Wenn sie an einer Kirchweih gewesen war, in Sumiswald oder Langnau, so hatte sie einiges aufgeschnappt. Ein Mann stelle mit der Frau dasselbe an wie der Stier mit der Kuh, der Bock mit der Geiss, der Hahn mit der Henne und neun Monate später bringe sie dann einen Buben oder ein Mädchen zur Welt. Anna war ein Bauernkind. Sie wusste, was gemeint war, und reimte sich zusammen, dass das auch mit ihr geschehen würde. Eines Tages.
Und jetzt war dieser Tag gekommen. Ueli würde sie «erkennen». Im Bett, dort wo sie allein mit ihm war, ihm schutzlos preisgegeben.
Sie war sich gewohnt, ihr Lager zu teilen. Zuhause im Waldhof hatten sie und die jüngere Schwester Lisa im selben Bett geschlafen. Sie hatten dort flüsternd ihre Geheimnisse ausgetauscht. Hatten sich erzählt, wenn ihnen ein junger Bursche im Dorf oder auf dem Viehmarkt schöne Augen machte. Wenn sie Streit hatten, dann versuchten sie, Rücken an Rücken einzuschlafen, möglichst ohne einander zu berühren. Wenn aber eine die andere mit dem Hintern anstiess, einmal, zweimal, dann hatten sie sich kichernd wieder versöhnt. Das Bett war wie ein Nest, der Ort der grössten Intimität und Geborgenheit. Und dort sollte sie jetzt mit einem Mann liegen, den sie kaum kannte.
Ueli schob Anna sanft ins Haus. Er leuchtete ihr mit einer Kerze. Sie stiegen die Treppe hoch und neben der Kammer seiner Schwester Margrit öffnete er eine Tür. «Das ist unser Zimmer», sagte er. Eine bemalte Holzdecke, ein Kachelofen, ein riesiger Schrank, eine Truhe und ein grosses, breites Bett. «Das ist unser Zimmer», wiederholte er, «zieh dich aus und leg dich ins Bett. Ich muss nochmals hinunter.»
Spürte er ihre Angst, ihre Verwirrung? Kaum war er draussen, zog sie sich das Mieder aus, schlüpfte aus dem Rock, löschte die Kerze, die Ueli auf die Truhe gestellt hatte, und legte sich im Hemd zwischen die Decken.
Als er zurückkam, versteifte sie sich, presste die Beine zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hörte, wie er sich entkleidete, wie er niederkniete, flüsterte. Sie verstand nicht, was er sagte. Betete er? Dann stieg er ins Bett. Sie vermied jeden Körperkontakt mit ihm.
Sie lauschte auf seinen Atem, spürte, wie ihr Herz klopfte.
«Gib mir deine Hand», sagte er schliesslich. Zögernd tastete sie nach der seinen, die sich wie ein Dach, das Schutz und Schirm gibt, über die ihre legte. So lagen sie da: Hand in Hand. Anna entspannte sich. Er legte den Arm um ihre Schultern, zog sie an sich, zärtlich. «Du brauchst keine Angst zu haben», sagte er schliesslich, «ich werde nichts tun, wozu du nicht bereit bist. Wir haben Zeit, viel Zeit. Ein ganzes Leben lang.» Sie war erleichtert, rückte näher zu ihm, legte ihren Kopf auf seine Schulter. «Ein ganzes Leben lang», murmelte sie zufrieden. Dann schlief sie ein.
3
Ein ungewohntes Geräusch liess sie hochschrecken. Vergeblich suchte ihr Arm Ueli, an dessen Brust sie eingeschlafen war. Kein frühes Morgenlicht drang wie sonst in ihr Zimmer. War es noch Nacht? Verwirrt starrte sie in die Düsternis, die sie umfing. Dann fiel es ihr wieder ein. Ueli, wenn er überhaupt noch lebte, schmachtete in Ketten auf einer Galeere auf dem weiten Meer und sie lag nicht im breiten Ehebett, sondern im Kerker auf Schloss Trachselwald. Sie konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Mit der Erinnerung an ihre Festnahme meldete sich auch wieder der Schmerz, der ihren Rücken durchflutete.
Das Geräusch, das sie geweckt hatte, stammte von der eisernen Klappe, mit der eine Luke in der Tür geöffnet wurde. Eine Hand war zu erkennen, die einen Krug und einen kleinen Laib Brot in die Öffnung stellte. «Nimm, trink und iss», sagte eine gleichgültige Frauenstimme. «Brot und Wasser ist alles, was Ketzer in den ersten sieben Tagen im Mörderchäschtli erhalten.» Das Licht erlosch. Anna hörte Schritte, die sich entfernten.
Mörderchäschtli. Das Wort lastete auf ihrer Seele. Mörderkasten nannte man im Tal die engen Verliese auf Schloss Trachselwald, in denen Verbrecher den Tag ihrer Hinrichtung erwarteten. Aber sie hatte niemanden umgebracht, hatte keinem Menschen etwas zuleide getan. Sie war hier, weil sie, genau gleich wie ihr Mann, zur Gemeinschaft der Täufer gehörte.
Die Frau, die ihr Brot und Wasser gebracht hatte, war Beth Wüthrich, das Weib des Büttels, der sie verprügelt und hierhergeschleppt hatte. Beth und Balz Wüthrich wurden im Tal verachtet. Niemand wollte mit ihnen zu tun haben. Sie hatten sich an die Obrigkeit verkauft. Ihr Handwerk galt als unehrlich. Und nun war sie, Anna Jacob, den beiden ausgeliefert. Auf Gedeih und Verderb.
«Die ersten sieben Tage», hatte die Frau gesagt. Die ersten sieben. Also würden weitere folgen. Sie nahm das Brot in die Hand, drückte es gegen die Nase, roch daran. «Unser täglich Brot gib uns heute», flüsterte sie und liess sich auf ihr Lager sinken.
Im Auenhof wusste man, was es bedeutete, täglich jenes Brot essen zu dürfen, für das man auf den Feldern arbeitete, die ein ferner Vorfahre dem Auenwald abgerungen hatte. Jedes Jahr im Frühling ging Anna, zusammen mit einer der beiden Mägde, ein paar Schritte Ueli hinterher, wenn er das Saatgut aus der Tasche holte, die er um die Schulter gehängt hatte, um es mit weit ausholenden, regelmässigen Bewegungen in den Acker zu streuen, der zuvor gepflügt und geeggt worden war. Die beiden Frauen rechten Erde über die Körner, um sie vor den gefrässigen Raben zu schützen, die krächzend über ihnen flatterten. In den folgenden Wochen machten sie sich nach der Art der Bauern Sorgen ums Wetter, bangten vor späten Frösten, hofften auf Regen oder Sonnenschein, je nachdem. Und wenn sie beim sonntäglichen Gang über die Felder die ersten Spitzen zartgrüner Halme entdeckten, die aus dem Erdreich brachen, blieben sie andächtig stehen. Ueli faltete dann die Hände und sandte einen stummen Dank hinauf zum pastellblauen Himmel, der sich über das weite Hügelland mit seinen Feldern und Wäldern und den verstreuten Höfen wölbte.
Im August, wenn die an der Sonne golden gewordenen Ähren hoch standen und sich unter ihrer schweren Last im Sommerwind beugten, kam der Tag, an dem Ueli Taunern und Tagelöhnern ausrichten liess, man werde am nächsten Tag mit der Ernte beginnen. Und so standen die Männer, einer neben dem anderen, mit ihren Sensen in der Morgenfrühe auf dem Feld. Ueli gab das Tempo vor. Das Eisen blitzte auf und das Korn sank zu Boden, wo es, von den Mägden zu Garben gebunden, darauf wartete, auf den Wagen geladen und in die Scheune gebracht zu werden.
Sobald der erste Schnee das Land zudeckte, war der Auenhof erfüllt vom Lärm der Dreschflegel, die, wie es Anna schien, den Takt zum grossen Lied von der Erde und ihren guten Gaben trommelten. Nichts sollte verloren gehen. Das reichlich bemessene Saatgut für das nächste Jahr wurde gelagert, das Stroh wurde im Stall dem Vieh unterlegt, das für das tägliche Brot bestimmte Korn wurde in grosse Säcke abgefüllt, mit denen man zur Mühle an der Ilfis fuhr, die Gottlieb Diepoldswiler gehörte, dem Bauern des benachbarten Lindenhofs.
Tage später mischte Anna, zusammen mit den Mägden, in grossen Schüsseln das Mehl mit Hefe, Salz und Wasser und knetete es zu einem Teig, aus dem das erste Brot vom Korn dieses Jahres gebacken wurde.
Noch immer hielt Anna Jacob in ihrem düsteren Verlies das harte Laiblein an die Nase gepresst. Sie brach ein Stück ab und kostete davon. Es war ein Roggenbrot aus lieblos gemahlenem Korn, das schlecht schmeckte. Der Müller hatte es nicht für nötig befunden, Krüsch und Mehl zu trennen. Anna hätte ein solch billiges Mehl zurückgewiesen. Aber vielleicht wollte es Beth Wüthrich nicht anders. Sie erhielt für die Verköstigung der Gefangenen einen festen Betrag. Alles, was übrig blieb, gehörte ihr.
Anna setzte sich auf ihr Lager. Ihr wurde bewusst: Sie würde in der nächsten Zeit hungern müssen. Auch nach den sieben Tagen, an denen sie auf eine Diät von Wasser und Brot gesetzt war. Was immer man ihr an Nahrung vorenthielt, bedeutete für die Wüthrichs zusätzliche Einnahmen.
Sie selber hätte sich geschämt, am Essen für die Knechte und Mägde zu sparen. Natürlich kannte man Zeiten, in denen die Ernte schlecht ausfiel. Aber dann gab es für alle weniger. Margrit Jacob hatte ihr stets eingeschärft, es schicke sich nicht, dass der Bauer und die Bäuerin bei Tisch besser gestellt seien als die Bediensteten.
Die gute Margrit. Sie war Annas Lehrmeisterin. Jeden Morgen, noch vor dem Frühstück, besprach sie mit der jungen Schwägerin, was zu tun sei in der Hofstatt, im Pflanzplätz und im Hühnerstall. Später, in der Küche, teilte Anna den beiden Mägden die Arbeit zu. «Jungfer Margrit wünscht», sagte sie oder: «Jungfer Margrit will.» Wenn etwas unklar war, hiess es: «Wartet einen Augenblick, ich will schnell Jungfer Margrit fragen.» War etwas unordentlich erledigt, zog sie die Brauen hoch: «Das wird Jungfer Margrit nicht gern hören, wenn ich es ihr erzähle.»
Anna fühlte sich den beiden gegenüber unsicher. Christine und Therese waren ein paar Jahre älter und, genau gleich wie sie, Töchter von Kleinbauern. Was sie unterschied: Sie hatten nicht das Glück gehabt, in einen grossen Hof zu heiraten und waren damit zu einem Leben als Dienstboten bestimmt. Sie nahmen die Anweisungen der jungen Meisterin entgegen, führten sie auch aus, brachten aber, ohne dass es dazu irgendwelcher Worte bedurft hätte, zum Ausdruck, dass sie sie nur wegen ihrer Stellung akzeptierten.
Als sich Anna darüber einmal bei Margrit beklagte, lachte sie die Ältere aus. «Wie sollen sie dich anerkennen, wenn du dich immer auf mich berufst.» Und tatsächlich, als Anna gelernt hatte, «Ich will» zu sagen und «Ich wünsche», als sie einmal Christine mit den Worten «Damit bin ich nicht zufrieden» tadelte und ihr zeigte, wie sie die Arbeit erledigt haben wollte, spürte sie zum ersten Mal, dass sie respektiert wurde.
Am Abend, wenn das Tagwerk getan und das Essen abgeräumt war, sass sie mit den Mägden in der Stube am Spinnrad oder am Webstuhl. Manchmal strickten die drei Frauen Strümpfe oder besserten die Kleider des Bauern und der Knechte aus. Wenn sie Christine und Therese dann in ihre Kammer schickte, ging sie mit Ueli hinauf zu Margrit. Für sie war es die beste Zeit des Tages.
Ueli, dem auffiel, dass seine junge Frau aus der Bibel nur einzelne Geschichten kannte und deren Sinn kaum begriff, bat seine Schwester, ihnen jeden Abend einen Abschnitt aus dem Markusevangelium vorzulesen. Anschliessend diskutierten sie über das Gehörte. An eine der Lesungen erinnerte sich Anna besonders gut. Es handelte sich um die Taufe Jesu durch Johannes Baptista. «Der Herr muss damals dreissig Jahre alt gewesen sein», sagte Ueli, als Margrit geendet hatte, und schaute sie, wie ihr schien, durchdringend an. Auch die Schwägerin, welche die Heilige Schrift auf den Beistelltisch gelegt hatte, musterte sie neugierig aus ihren grünen Augen. Anna glaubte zu spüren, dass die Geschwister von ihr eine Reaktion erwarteten.
«Dreissig Jahre alt», wiederholte ihr Mann, «er war also längst erwachsen.»
Das Wort «Erwachsenentaufe» fiel ihr ein. War Jesus bereits als Kind getauft worden? Sie wusste es nicht. Falls ja, weshalb hatte er sich ein zweites Mal taufen lassen? Aus Angst, sich damit blosszustellen, wagte sie es nicht, zu fragen. Vielleicht war ihr bei der Lesung etwas entgangen. Ihr Blick fiel auf die Bibel auf dem Tisch. Das mit Holzschnitten reich verzierte Titelblatt hatte sie stets fasziniert. Die Bilder erzählten die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis hin zum Sündenfall. Auf einem weissen Feld in der Mitte war zu lesen: Die ganze Bibel der ursprüngliche Ebräischen und Griechischen wahrheyt nach auffs aller treüwlichest verteutschet. Und unten auf dem weissen Feld stand: Getruckt zu Zürich bey Christoffel Froschouer im Jahr als man zalt M.D.XXXI.
«Das ist die schönste Bibel, die ich je gesehen habe», sagte sie schliesslich, um das Schweigen zu brechen. «Zuhause in Ramsei haben wir eine andere. Der Prädikant von Sumiswald hat sie uns empfohlen.»
Margrit lächelte. «Das ist die Staatsbibel, die man auch im Unterricht verwendet. Sie wurde von Johannes Piscator, einem Professor an der Hohen Schule von Herborn, ins Deutsche übertragen. Seine Enkelin war mit einem Berner Ratsherrn verwandt. Die Gnädigen Herren lassen sie zum ausserordentlich günstigen Preis von zweiundzwanzig Batzen verkaufen. Wir ziehen allerdings die Froschauer-Bibel vor. Ulrich Zwingli selber hat sie, zusammen mit seinem Freund Leo Jud, übersetzt. Die Worte des Herrn sind hier genauer wiedergegeben.»
«Und nur darauf kommt es an, wenn wir die Frohe Botschaft richtig verstehen wollen», fügte Ueli hinzu. Wieder schauten die Geschwister Anna erwartungsvoll an. Dann lächelten sie sich zu. Es schien, als seien sie stillschweigend zum Schluss gekommen, es sei noch nicht an der Zeit, die Frau und Schwägerin in ein Geheimnis einzuweihen, von dem nur sie wussten. «Es ist Schlafenszeit», meinte Ueli schliesslich.
An diesem Abend lag Anna lange wach im Bett. Sie spürte, dass ihr Mann und seine Schwester ihr etwas Wichtiges vorenthielten, aber sie erriet nicht, um was es sich handelte.
Ein paar Tage später wollte Anna von Margrit wissen, wer dieser Froschauer gewesen sei, der ihre schöne Bibel gedruckt habe.
«Stoffel Froschauer?» Die Schwägerin lächelte. «Er war der erste Buchdrucker in Zürich und gehörte zum Freundeskreis Zwinglis. Berühmt geworden ist er nicht nur wegen der prachtvollen Ausgabe der Heiligen Schrift, die in seiner Offizin hergestellt worden ist, sondern auch, weil er und seine Gesellen am ersten Sonntag der Fastenzeit vor hundertsiebzig Jahren mit einem Wurstessen ganz bewusst das Fastengebot brachen.»
«War das denn so schlimm?» Anna, die wie ihre Eltern und Grosseltern in der reformierten Tradition erzogen worden war, hatte sich nie Gedanken über das vorösterliche Fasten gemacht.
«Ob das schlimm war?» Margrit schüttelte den Kopf über so viel Unkenntnis. «Das will ich meinen! Für diese Männer war es ein Akt der evangelischen Freiheit. Und ein Jahr später hob der Grosse Rat von Zürich, der Zwinglis Bibelauslegung übernommen hatte, alle Fasten-Gesetze auf. Die Würste von Froschauer gehören zur Geschichte unseres reformierten Glaubens.»
Jetzt im dunklen und engen Mörderchäschtli auf Schloss Trachselwald, mit einem einzigen Laiblein Roggenbrot und einem Krug Wasser, fiel Anna Jacob dieses Gespräch mit ihrer längst verstorbenen Schwägerin wieder ein. In den Jahren, die seither vergangen waren, hatte sie gelernt, die Bedeutung des Wurstessens zu verstehen, so wie sie gelernt hatte, dass der wahre Glaube nicht bei der Staatskirche, sondern allein bei den kleinen Täufergemeinden zu finden war, die im täglichen Leben das Wort Gottes erfüllten. Beschämt musste sie sich aber eingestehen, dass der Gedanke an das Essen in Froschauers Werkstatt das Bild von Würsten, Schinken und Speck heraufbeschwor, die zuhause im Räucherofen hingen. Ihre erste Schwangerschaft und die Hungerattacken, die zu stillen sie Ueli stets liebevoll gedrängt hatte, fielen ihr ein.
Schon kurz nach der Hochzeit blieb die Monatsblutung aus. Von ihrer Mutter wusste Anna, was das zu bedeuten hatte. An Pfingsten war sie sich sicher: Sie trug ein Kind im Bauch. Ueli, als sie sich ihm anvertraute, schloss sie in seine Arme. Er war bewegt. «Ein Kind», sagte er und seine Stimme zitterte ein wenig, «wir bekommen ein Kind!»
Auch Margrit strahlte. «Es wird weitergehen», meinte sie. «Eine neue Generation wird heranwachsen und einmal den Hof übernehmen. Hoffentlich bin ich bei der Geburt noch da.»
Dieses erste Jahr nach ihrer Heirat war für Anna eine glückliche Zeit. Ihr war, als würde sie im gleichen Mass in ihre Rolle als Bäuerin hineinwachsen, wie das Kindlein in ihrem Leib grösser wurde. Sie musste sich gegen die Fürsorglichkeit von Ueli wehren, der es nicht gerne sah, dass sie neben der Arbeit im Haus auch auf dem Feld mithalf. «Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit», lachte sie ihn aus, «meine Mutter hat jeweils bis zum letzten Tag geschuftet und ich und meine Geschwister haben dabei keinen Schaden genommen.»
An einem Augustabend, nachdem man tagsüber das Korn geschnitten und zu Garben gebunden hatte, sassen sie bei Margrit, die aus der Schrift vorlas. Anna schien ganz in Gedanken versunken. Sie lächelte.
«Was hast du?», fragte Ueli, der sie beobachtete.
Sie nahm seine Hand und legte sie auf die Wölbung ihres Bauches. Margrit liess die Bibel sinken. Ueli runzelte die Stirn. Dann ging ein Lachen über sein Gesicht. «Es bewegt sich», sagte er.
Auch die Schwägerin wollte das Kindlein spüren. «Siehe, da ich die Stimme deines Grusses hörte, hüpfte mit Freuden das Kind in meinem Leibe», zitierte sie aus dem Gedächtnis. «Lukasevangelium, Erstes Kapitel», fügte sie hinzu und nickte bedeutungsvoll.
«Welches Kind?», wollte Anna wissen.
«Johannes, der später den Herrn im Jordan taufte», erklärte Ueli, «auch unser Kind wird einmal Johannes heissen.»
«Und wenn es ein Mädchen ist?»
«Es wird ein Sohn sein.»
Es war ein Sohn. Am zweiten Weihnachtstag setzten die Wehen ein. Gegen Abend liess Ueli die Hebamme von Langnau, Gret Fridlin, holen. Sie war eine Witfrau, eine erfahrene Geburtshelferin, deren eigene Kinder längst erwachsen waren. Während die Abstände zwischen den Wehen kürzer wurden, sass sie neben Annas Bett. Sie trank einen Becher Hypocras, den ihr Ueli, der aus dem Schlafzimmer verbannt worden war, hatte bringen lassen, und erzählte von ihrer Vorgängerin, von der sie vor zwei Jahrzehnten in ihr Handwerk eingeführt worden war, und von der Frauengemeinde, vor der sie ihre Prüfung hatte ablegen müssen. Mit rätselhaftem Lächeln berichtete sie vom Schwur, sich aller Zauberei und abergläubischer Praktiken zu enthalten, den man ihr damals abverlangt hatte. Im Übrigen sei es ihr und ihresgleichen von der Obrigkeit untersagt, eine Frau zum Pressen zu drängen, um die Geburt zu beschleunigen. Ebenso dürfe sie weder Zangen, Eisen, Haken oder dergleichen verwenden, um das Kind herauszuziehen. Diese Vorschriften seien durchaus in Ordnung. Alles, was sie tun könne, sei durch geschickte Handgriffe oder das Umlagern der Kindbetterin zu versuchen, die Geburt günstig zu beeinflussen. Das andere überlasse man am besten der Natur.
Gret Fridlin in ihrer schwarzen Amtstracht und den roten Strümpfen war Anna etwas unheimlich.
Ob sie das Kind auch bis spätestens vierzehn Tage nach der Geburt taufen lassen werde, erkundigte sich die Frau zwischen zwei Wehen und sah sie prüfend an.
Anna wusste, dass die Hebammen gehalten waren, das geistliche Gericht zu unterstützen. Die sechs vom Landvogt ernannten Chorrichter hatten für einen sittlichen Lebenswandel in ihren Kirchgemeinden zu sorgen. Mit Geldbussen oder ein paar Tagen Haft bestraften sie Vergehen wie uneheliche Schwangerschaft, Ehestreit, Trunksucht, mangelnden Kirchenbesuch, Spiel, Tanz und Kleiderpracht. Besonders aber bestanden sie darauf, dass die neugeborenen Kindlein rechtzeitig getauft wurden.
«Natürlich werde man das Kleine taufen», sagte Anna, die bleich und erschöpft auf dem Bett lag.
Sie habe auch nichts anderes erwartet, brummte die Hebamme und wischte der jungen Frau mit einem feuchten Tuch den Schweiss von der Stirn. Sie sei überzeugt, dass die Jacobs nicht zu den Altevangelischen gehörten, die die Kindstaufe verweigerten und sich heimlich versammelten, um das Wort Gottes eigenmächtig auszulegen.
Draussen graute bereits der Morgen des 27. Dezembers, als Gret Fridlin Anna ein schreiendes Menschlein mit hochrotem Kopf in den Arm legte. «Es ist ein Bub», sagte sie und ging dann zur Tür. «Ein Bub!», rief sie.
Ueli, der die ganze Nacht gewartet hatte, kam mit grossen Schritten in die Kammer. Anna hielt ihm das Kind entgegen. Ganz vorsichtig nahm er es in seine grossen, abgearbeiteten Hände. Er senkte den Kopf. Tränen liefen über seine Wangen. «Ein Bub», flüsterte er, «ein Bub.»
«Wie soll er denn heissen?», erkundigte sich die Hebamme.
«Johannes», sagte der Bauer und schniefte.
«Das ist recht so», nickte sie, «heute ist der Namenstag des Evangelisten Johannes.»
Anna öffnete den Mund, um zu sagen, dass das Kind nach dem Täufer genannt werde, als sie sah, dass Ueli fast unmerklich den Kopf schüttelte und die Lippen zusammenpresste.
4
Anna Jacob wusste nicht mehr, wie lange sie schon in ihrem elenden Loch im Bergfried von Schloss Trachselwald lag. Sie hatte jedes Gefühl für die Zeit, die sich im Kreis zu drehen schien, verloren. Lediglich das Dämmerlicht, das durch das kleine vergitterte Fensterlein in ihre furchtbare Einsamkeit drang, und die Dunkelheit zeigten ihr den Wechsel von Tag und Nacht an.
Sie wurde nicht verhört, weder vom Landvogt noch von seinem Stellvertreter. Vielleicht sollte sie an diesem Unort verrotten. Das einzige Zeichen, dass man sie nicht vergessen hatte, war die Hand der Wärterin, die ihr am Morgen einen Krug mit Wasser und einen kleinen Laib Brot durch eine schmale Öffnung in der Türe des Verlieses schob. Später trat Beth Wüthrich in die Zelle, um den Kübel, in den Anna ihre Notdurft verrichtete, zu leeren. Aber sie sprach nicht mit ihr. Auch wenn die Gefangene sie anflehte, ihr wenigstens zu sagen, wie es ihren Kindern ging, die sie auf dem Auenhof zurückgelassen hatte, blieb sie stumm.
Die Auflehnung, die sie zu Beginn ihrer Kerkerhaft schreiend gegen die Türe aus Eichenholz hatte schlagen lassen, war einer dumpfen Verzweiflung gewichen. Anna weinte jetzt oft. Sie litt unter dem Gestank und dem Ungeziefer. Der Hunger machte sie schwach. Manchmal versank sie in einen leichten Dämmerschlaf, aus dem sie wieder hochschreckte, wenn eine Ratte, die den Weg in ihr Verlies gefunden hatte, an ihrem von der Eisenschelle blutig gescheuerten Knöchel schnupperte. Der einzige Trost, der ihr blieb, war die Rückschau auf die zehn Jahre zwischen ihrer Hochzeit mit Ueli und der Geburt ihres Jüngsten, des inzwischen sechsjährigen Daniel.
In ihrer Erinnerung wurde diese Zeit zu einem einzigen Lobgesang auf das Leben, auf das Bauernjahr mit seiner Aussaat, Reife und Ernte, auf den Wechsel von Regen und Sonnenschein, auf den Sommerwind, der einem zärtlich das Haar zerzauste, auf das kühle Wasser aus dem Brunnen, das man nach einem heissen Augusttag auf dem Feld über Nacken und Rücken rinnen liess, auf die nebligen Morgen im September, durch die siegreich die Sonne brach, auf den Westwind, der im November schwere Regenwolken vor sich hertrieb, auf den ersten Frost und auf den Schnee, unter dem die Wintersaat geduldig auf das Frühjahr wartete.
In all diesen Jahren wurden die Menschen auf dem Auenhof von der mütterlichen Erde mit der Fülle ihrer Gaben beschenkt. Nahrung war für alle da, für Meistersleute, Mägde, Knechte, Tagelöhner. Auch für Bettler und Landstreicher stand immer ein Teller Suppe bereit, denn was man den Armen gab, das gab man dem lieben Gott.
Zu Johanni trieb man das Vieh auf die Lüderenalp, von wo aus man einen überwältigenden Blick auf die mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Alpen hatte, die von der Grösse des Schöpfers kündeten. Und während der Senn und seine Leute, denen die Bauern ihre Herden anvertrauten, in den Sommermonaten die Milch verarbeiteten und zu Michaelis mit grossen Laiben Hartkäse zurückkehrten, brachte man auf dem Auenhof die Heu-, später die Getreide- und schliesslich die Obsternte ein. Was man nicht selber brauchte, wurde auf dem Markt in Langnau oder in Bern verkauft.
Auch im Winter, wenn das Vieh wieder im Stall stand und der Speicher bis unters Dach gefüllt war, gab es genug zu tun. Zusammen mit den Knechten drosch Ueli das Getreide oder schlug Holz im Wald. Anna und die Mägde sassen am Spinnrad, sie flochten aus Weidenruten Körbe und banden Besen, während Margrit in ihrer Kammer stickte und auf den kleinen Hannes aufpasste, der eben erst laufen gelernt hatte.
Meistersleute und Gesinde auf dem Auenhof waren eine grosse Gemeinschaft. Man sass zusammen am Tisch und feierte miteinander die Feste im Ablauf des Jahres. Hansjakob, der Grossknecht, gehörte als Verwandter ohnehin zur Familie. Er würde den Auenhof kaum verlassen. Anders der Melker, der Karrer und die beiden Mägde. Mit ihnen schloss man jeweils auf Neujahr für weitere zwölf Monate einen Vertrag ab. Manchmal wollten sie ihn nicht mehr erneuern. Sie zogen einen Hof weiter, wurden Pächter oder heirateten wie Therese. Ihre Stelle übernahm Annas jüngere Schwester Lisa. Sie wollte nicht dem jüngsten Bruder als Magd dienen, der nach dem Tod des Vaters den Waldhof in Ramsei bewirtschaftete. Lisa, die ein sonniges Gemüt hatte, brachte Leben und Fröhlichkeit mit. Sie war allseits beliebt. Ueli lud sie ein, an den abendlichen Lesungen teilzunehmen. Nachdem sie ein- oder zweimal dabei gewesen war, kam sie aber nicht mehr. Das sei nichts für sie, befand sie. Es genüge, wenn sie sonntags in die Predigt gehe.
Ihr Mann und seine Schwester, fand Anna, waren gebildete Menschen. Sie besassen ein halbes Dutzend Bücher, die in Margrits Kammer aufbewahrt wurden. Eines davon hiess «Pflantz-Gart». Geschrieben hatte es Daniel Rhagor, der vor einem halben Jahrhundert Landvogt in Gottstatt am Bielersee gewesen war. Während ihn die Ausführungen des Autors zum Rebbau kaum interessierten, blätterte Ueli immer wieder in den Kapiteln über Gemüse und Obst. Hinter dem Haus zog man für den Eigenbedarf Kohl, Rüben, Hülsenfrüchte, Lauch, Zwiebeln und mehr. Seit ihrer Heirat kümmerte sich Anna um diesen Garten. Manchmal las Ueli ihr vor, wie man im Jahreslauf für die Pflanzen sorgen sollte.
«Weshalb lässt du sie nicht selber lesen?», fragte Margrit, ohne den gesenkten Blick vom Stickrahmen zu heben.
«Ja, weshalb eigentlich nicht?» Die Geschwister schauten Anna fragend an.
Sie hob abwehrend die Hände. «Ich kann nicht gut lesen.»
Natürlich hatte Anna in Sumiswald die Schule besucht. Wie alle Kinder in der Berner Landschaft war sie vom Dorflehrer, der nebenbei eine Schusterwerkstatt betrieb, in den Wintermonaten unterrichtet worden. Mit Hilfe der Rute hatte der schlecht besoldete Mann seinen Zöglingen die Buchstaben und Zahlen eingebläut, später dann den Heidelberger Katechismus. Anna hatte oft gefehlt. Gründe dafür gab es mehr als genug: Als Älteste musste sie der Mutter im Haushalt helfen und hatte die kleineren Geschwister zu beaufsichtigen. Manchmal, wenn der Schnee zu hoch lag oder im Vorfrühling die Grüene über die Ufer trat, war für sie der Weg vom Waldhof am Ramseiberg nach Sumiswald nicht zu schaffen. Ab und zu hatte sie schlicht geschwänzt. So war es gekommen, dass sie Gedrucktes nur mühsam, Handschriftliches gar nicht lesen konnte.
«Wer nicht lesen kann», sagte Margrit und schaute sie an, «kann die Wahrheit nicht selber erkennen. Er muss sich auf das verlassen, was andere sagen, und er weiss nie, ob das auch wahr ist oder nicht.»
«Aber ich vertraue euch doch!»
«Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo du allein hier auf dem Hof bist», die Schwägerin ging nicht auf Annas Einwand ein, «dann wirst du froh sein, wenn du in der Schrift deinen Trost findest. Wir beginnen gleich heute damit, dein Wissen aufzufrischen.» Sie griff nach der Froschauer-Bibel und schlug das 5. Kapitel des Matthäusevangeliums auf. «Lies!»
Anna wollte widersprechen, aber Ueli nickte ihr aufmunternd zu. Und so entzifferte sie stotternd die ersten Sätze der Bergpredigt: «Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm …» Schweisstropfen standen auf ihrer Stirn, während ihr Zeigefinger den Buchstaben folgte. Sie kämpfte mit einzelnen Wörtern, verhedderte sich. Schliesslich verstummte sie. «Ich kann das nicht», schluchzte sie.
«Natürlich kannst du es», die Schwägerin streichelte ihre Hand. «Von heute an wirst du jeden Abend einen Abschnitt aus der Schrift lesen. Du wirst sehen, bald wird dir der Text nicht nur fliessend über die Lippen gehen, du wirst ihn auch ebenso gut auslegen können wie der Prädikant.»
Ueli sog hörbar Luft ein. «Margrit!», sagte er mahnend.
«Vielleicht noch besser als der Prädikant, der nur den Gnädigen Herren nach dem Mund redet», sagte seine Schwester und starrte ihn herausfordernd an.
«Ich will nicht, dass du ihr Flausen in den Kopf setzt.» Anna erschrak. Ihr Mann hatte, was ungewöhnlich für ihn war, die Stimme erhoben und schien zornig zu sein.
Die Jahre zwischen 1677 bis 1687, die Anna mit Ueli Jacob auf dem Auenhof verbringen durfte, waren eine gute Zeit. Man hatte weder über zu lange Winter noch zu trockene Sommer zu klagen. Mensch und Vieh blieben vor grossen Seuchen ebenso verschont wie vor Hunger und vor Krieg. Auch vor Wassernot und Feuersbrünsten, den Geiseln des Emmentals, blieb man bewahrt. Nicht dass es keine Schicksalsschläge gegeben hätte. In diesem Jahrzehnt hielt der Tod dreimal bei ihnen Einkehr. Aber das gehörte zum Leben. Alles in allem war es, als gönne der Himmel dem Paar vor der grossen Heimsuchung, die ihr gemeinsames Leben zerstören sollte, eine Atempause.
Uelis Schwester war die Erste, die der Tod mit sich nahm. So traurig es auch war, dass sie von ihnen ging, Anna hatte ihr Sterben erwartet. Margrit hatte es ja bereits am Tag ihrer Hochzeit angekündigt. Sie durfte noch erleben, dass die junge Schwägerin anfangs November 1678 ein zweites Kind, Ursula, zur Welt brachte. Man stellte tagsüber die Wiege mit dem kleinen Menschlein neben ihren Sessel. Und während der einjährige Hannes schwankend und mit unsicheren Schrittchen die Kammer seiner Tante erkundete, hielt sie das Geschöpfchen, in dessen staunende Augen sie ganz vernarrt war, in ihren Armen.
Nach dem frühen Tod ihrer Eltern hatte sich Margrit ausschliesslich dem fünfzehn Jahre jüngeren Ueli zugewandt, hatte ihn grossgezogen und tatsächlich sah er in ihr mehr die Mutter als die Schwester. Sie war ledig geblieben. Wegen ihm? Für ihn? Ob sie je einen Liebsten gehabt hatte, wusste niemand. Sie selber sprach nie darüber. Worüber sie aber oft redete, das war ihre Sehnsucht nach Kindern. Hannes und Ursula erfüllten sie mit grosser Freude. Sie liebte die zwei vorbehaltslos und uneingeschränkt.
Eines Tages, als Anna die Kleinen zu Margrit bringen wollte, lag die Schwägerin, entgegen ihrer Gewohnheit, noch im Bett. Ihr Atem ging flach und sie konnte nur mühsam sprechen: «Es geht zu Ende», keuchte sie, «hol Ueli.»
Er setzte sich an ihren Bettrand und hielt ihre Hand. Anna war mit den Kindern unter der Tür stehen geblieben. Sie spürte: Jetzt, in der Stunde des Abschieds, mussten die Geschwister allein sein. «Ich könnte besser sterben», hörte sie Margrit flüstern, «wenn ich wüsste, dass du dich taufen liessest.»
Anna sah, wie Uelis Körper steif wurde.
«Die Seligkeit», keuchte Margrit und richtete sich halb auf, «die ewige Seligkeit.» Ihr gütiges Gesicht drückte eine grosse Qual aus. Sie umklammerte seine Hand. «Versprich es mir.»
Nach einer Unendlichkeit, so schien es Anna, nickte ihr Mann. Er sah aus wie einer, dem gegen seinen Willen ein Versprechen abgerungen worden war.
Margrit sank ins Kissen zurück. Sie lächelte. Ihre Züge entspannten sich. Dann tat sie einen tiefen Atemzug.
«Es ist vorbei», sagte Ueli. Es klang fast verwundert.
Während der Abdankungsfeier, zu der Menschen aus allen umliegenden Dörfern in die Langnauer Kirche gekommen waren, dachte Anna über die letzten Worte der verstorbenen Schwägerin nach. Weshalb sollte sich Ueli taufen lassen? Hatte man ihn denn nicht als Kind bereits getauft? Sie wusste, dass sie ihn nicht danach fragen durfte. Immer wenn die Rede auf kirchliche Rituale kam, verschloss er sich. Sie hatte sich daran gewöhnt, aber sie schwor sich, dass sie das Rätsel lösen würde.
Anna vermisste Margrit, die seit ihrer Heirat mit Ueli immer mehr zu ihrer Vertrauten geworden war. Manchmal, wenn sie sich ärgerte, weil Christine oder Lisa die Arbeit nachlässig verrichteten, dachte sie: «Das muss ich mit Margrit besprechen.» Dann fiel ihr ein, dass das nicht mehr möglich war. Ueli hatte sich seit dem Tod der Schwester in sich selbst zurückgezogen. Er mochte am Abend nicht mehr mit Anna zusammen in der Schrift lesen. Stattdessen entdeckte sie, dass er nun nachts oft aus dem Bett stieg und sich an den Tisch setzte, um beim Licht einer Kerze die Bibel zu studieren. Sie stellte sich schlafend, beobachtete aber aus halb geschlossenen Augen, wie er dasass, den Kopf in den Händen vergraben. Manchmal seufzte er, als liege ihm eine schwere Last auf dem Herzen. Nein, es war nicht so, dass er sich von ihr abwandte, aber ihn schien etwas umzutreiben.
Anna war klar, dass auch für sie eine neue Zeit angebrochen war. Der Tod der Schwägerin und die Beschäftigung ihres Mannes mit sich selbst machten ihr deutlich, dass sie lernen musste, ihren Weg allein zu suchen. Bereits an Lichtmess spürte sie, wie sich in ihrem Leib neues Leben regte. «Werden und Vergehen», dachte sie und sagte zu Ueli: «Wenn es ein Mädchen wird, werden wir es auf den Namen Margreth taufen lassen. Sie soll in ihr weiterleben.»
Ihr Mann sah sie lange an. «Darüber entscheidet Gott allein», sagte er schliesslich.
Gott entschied anders. Das Kind, es war in der Tat ein Mädchen, kam tot zur Welt. Es habe sich mit der Nabelschnur stranguliert, erklärte Gret Fridlin, die Hebamme. Anna war untröstlich. Sie wollte es nicht wahrhaben, drückte das kalte, steife Körperchen an sich, rieb es, versuchte ihm Wärme zu spenden, hauchte ihren Atem zwischen die blutleeren, schmalen Lippen. Als Ueli die kleine Leiche vorsichtig aus ihren Armen löste, weinte sie herzzerbrechend.
Lisa, ihre Schwester, die während der Geburt dabei gewesen war, hielt schweigend Annas Hand.
«Du wirst dem Pfarrer melden, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist», sagte Ueli zu Gret. «Ich werde es im Bungert begraben.»
Später folgte ihm die Hebamme hinters Haus. Sie brachte den Mutterkuchen mit. «Leg ihn zum Kind», sagte sie, «und pflanz dann ein Bäumchen aufs Gras, damit etwas aus ihm herauswächst, an dem sich deine Frau später freuen kann.» Schweigend schaute sie zu, wie Ueli das Grab zuschaufelte und lange im stillen Gebet davor verharrte.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Kinder starben. Man wusste: Von dreien würden nur zwei das Erwachsenenalter erreichen. Das änderte aber nichts daran, dass Anna lange um die kleine Margreth trauerte. «Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass wir sie ungetauft der Erde zurückgeben mussten», sagte sie eines Nachts, als Ueli wieder bei Kerzenlicht am Tisch sass und in der Bibel las.
Erstaunt wandte er sich um. Er hatte geglaubt, sie schlafe: «Was ist denn so schlimm daran?»
«Es ist wegen der ewigen Seligkeit.»
«Wer sagt denn, dass ein Kind, das nicht getauft worden ist, nicht in den Himmel kommt?»
«Alle sagen es. Auch der Prädikant.»
«Und woher wissen sie es – alle und der Prädikant?»
«Es wird wohl in der Bibel stehen.»
Ueli erhob sich, legte sich neben Anna ins Bett. «Wir haben mit Margrit alle vier Evangelien gelesen», nahm er schliesslich das Gespräch wieder auf. «War da irgendwo von einer Kindertaufe die Rede?»
Anna kramte in ihrem Gedächtnis. «Nein», gab sie schliesslich zu, «aber der Herr hat sich auch taufen lassen.»
«Ja, aber da war er bereits erwachsen. Sogar Huldrych Zwingli, der Reformator, hat einmal gesagt, die Säuglingstaufe sei von Päpsten erdacht. Dass er die Erwachsenentaufe später, als er selber einer dieser Päpste wurde, ablehnte, ist eine andere Geschichte. Die Kindertaufe ist nur ein Brauch. Ein wahrer Christenmensch sollte sich aus einer bewussten Überzeugung taufen lassen.»
«Aber das Margritli liegt jetzt in ungeweihter Erde», jammerte Anna.
«Die Erde auf dem Gottesacker hinter der Kirche wird vom Prädikanten geweiht», sagte Ueli, «von einem, der sein Amt nicht von Gott, sondern von den Gnädigen Herren in Bern bekommen hat. Glaubst du wirklich, der Herrgott, lasse ein unschuldiges Kindlein, das nie gesündigt hat, vor der Pforte des Himmelreiches stehen?»
Anna dachte nach. Dann fiel ihr das Versprechen ein, das Ueli seiner Schwester auf dem Totenbett gegeben hatte. «Hast du dich taufen lassen», fragte sie schliesslich.
Es wurde still in der Kammer der beiden Eheleute. Anna hielt den Atem an.
«Noch nicht», sagte ihr Mann gepresst, «noch nicht. Aber ich werde es nächstens tun.»
«Du bist doch schon getauft», flüsterte sie, «wenn du es nochmals machst, bist du ein Ketzer und gehörst zu den Wiedertäufern.»
«Wiedertäufer und Ketzer nennen sie die anderen. Selber bezeichnen sie sich als Altevangelische oder Täufer. Übrigens: Auch Margrit war eine von ihnen.»
Ihrer misslichen Lage im Mörderchäschtli von Trachselwald zum Trotz huschte ein Lächeln über Annas Gesicht. Sie war noch so jung gewesen, gerade zwanzig Jahre, als sie erfuhr, dass sich ihr Ueli zu den Täufern bekannte. Jung und unerfahren.
Erst Jahre später, als sie selber zu ihnen gehörte, begriff sie auch die Bezeichnung «Altevangelische». Gemeint waren jene Brüdergemeinden, die sich auf Petrus Waldus beriefen, einen Kaufmann aus Lyon, der vor fünfhundert Jahren einen Priester mit der Übersetzung der Evangelien beauftragt und sich dann dem Studium der Heiligen Schrift gewidmet hatte. Er traf sich mit seinen Gesinnungsgenossen. Man las gemeinsam das Evangelium und verbreitete es als Wanderprediger. Auch in den einsamen Tälern des Bernbiets hatte es Barben gegeben, wie die Anhänger von Waldus, ihrer üppigen Barttracht wegen, spöttisch bezeichnet wurden. Sie selber nannten sich «Evangelische». Als dann die Reformierten um Zwingli das Wort für sich beanspruchten, begann man zwischen alt- und neuevangelisch zu unterscheiden. Die Emmentaler Täufer im 16. und 17. Jahrhundert, zu denen auch die Jacobs gehörten, sahen sich in der Nachfolge jener Waldenser.
Damals, als sie die kleine Margreth tot zur Welt gebracht hatte und erfuhr, dass sie mit einem Täufer verheiratet war, versuchte Anna, das, was sie hier und da über die Altevangelischen gehört hatte, zu ordnen. Die Behörden verfolgten sie. Bis vor hundert Jahren hatte man sie, wenn sie ihrem Glauben nicht abschworen, hingerichtet. Die Männer wurden enthauptet, die Frauen in der Aare ertränkt. Heute peitschte man sie, dem Volk zur Ermahnung, in aller Öffentlichkeit aus und verbannte sie aus dem Stand Bern oder verkaufte sie als Rudersklaven auf die Galeeren nach Venedig.
In der Bevölkerung allerdings waren sie nicht unbeliebt. Sie galten als bescheiden, friedlich und arbeitsam. Zu Recht, musste Anna zugeben, wenn sie an ihren Mann und seine verstorbene Schwester Margrit dachte. Ohne sich selber taufen zu lassen, nahm mancher vordergründig brave Kirchgänger an den geheimen Versammlungen der Altevangelischen teil. Man warnte sie vor Täuferjägern, versteckte sie vor dem Zugriff der Obrigkeit oder half ihnen zur Flucht ins benachbarte, katholische Entlebuch.
Ob sie nun auch eine wie er und Margrit werden müsse, wollte Anna von Ueli, der sich inzwischen hatte taufen lassen, wissen.
Wie ein verirrter Sonnenschein huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn. «Nein», sagte er, «wenn es so weit ist, wird dir Jesus das Herz öffnen und du wirst aus freien Stücken die Taufe begehren.»
Mehr wurde darüber nicht gesprochen. Von diesem Tag an ging Ueli einmal in der Woche an die Versammlungen seiner Gemeinde, die meist abends auf einem abgelegenen Hof stattfanden, manchmal, wenn es hiess, Täuferjäger seien unterwegs, auch auf einer verborgenen Lichtung im Wald.
Anna sprach mit niemandem über Uelis Glauben, nicht einmal mit Lisa, ihrer Schwester, die nach dem Tod der Schwägerin mehr und mehr zu ihrer Vertrauten geworden war.
Im Übrigen ging das Leben auf dem Auenhof seinen gewohnten Gang. Während sich ihr Mann um das Vieh und die Arbeit auf dem Feld kümmerte, hatte Anna mit dem Haushalt, dem Gemüsegarten und den Hühnern alle Hände voll zu tun. Und natürlich mit den Kindern. Hannes und Ursula blieben nicht die Einzigen. Ein Jahr nach dem Tod von Margreth, auf deren Grab Ueli einen Kirschbaum gepflanzt hatte, wurde Heinrich geboren. 1682 folgte Elsbeth und 1684 war es wieder ein Bub, Christen. 1685 schliesslich kam Barbara zur Welt.
«Wir sind reich gesegnet», sagte Ueli oft, wenn er bei Tisch über die kleine Schar schaute. Er war ein fürsorglicher Vater, der seine Kinder liebte. Wenn er ihnen Geschichten erzählte, drängten sie sich an ihn und Anna schien, als könne er sich in diesen Stunden von den Schatten befreien, die ihn belasteten. Allerdings war es nicht so, dass die Taufe ihn von seiner Melancholie erlöst hätte. Er war womöglich noch schweigsamer geworden, noch nachdenklicher. Nacht für Nacht stieg er aus dem Bett und las in der Bibel. Manchmal erwachte Anna und beobachtete, wie er seine kräftigen Hände faltete und betete. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Dabei schaute er durch das halb offene Fenster in die Dunkelheit, als könne er dort Antwort auf die Fragen finden, die ihn bedrängten. Er schien wenig Schlaf zu brauchen. Er stand am Morgen früh auf und verrichtete sein Tagwerk ohne irgendwelche Anzeichen von Müdigkeit.
Schon lange vor seiner Heirat hatte ihn der Landvogt zum Gerichtsäss, also Beisitzer am Niedergericht von Langnau, einem der acht Gerichtsbezirke im Amt Trachselwald, berufen. Meist ging es dabei um schuld- und sachenrechtliche Forderungen und um Pachtfragen, manchmal auch um kleinere Delikte, die mit Bussen, Körper- und Ehrenstrafen oder ein paar Tagen Gefängnis geahndet wurden.
Anna war immer stolz darauf gewesen, dass ihr Mann dieses Amt bekleidete. Es verlieh ihm in der Gemeinde Ansehen und Respekt. Jetzt, nachdem er die Taufe empfangen hatte, trat Ueli als Richter zurück. Gegenüber dem Landvogt begründete er den Schritt damit, dass ihm die Arbeit auf dem Hof über den Kopf wachse. Tatsächlich aber verbot ihm sein neuer Glaube, die Übernahme eines öffentlichen Amtes ebenso wie den Treueeid auf die Obrigkeit und den Kriegsdienst. Das war nicht ungefährlich, denn die Behörden hatten bereits 1671 ein Mandat erlassen, wonach sich die Bevölkerung alle sechs Jahre auf Schloss Trachselwald zum Huldigungseid zu versammeln hatte. Wer nicht kam, machte sich des Anabaptismus verdächtig. Und nicht genug damit: Die Gnädigen Herren von Bern verlangten auch, dass man zum Kirchenbesuch ein Schwert trug, eine Forderung, die Täufer mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten. Ueli blieb dem Treueschwur fern und nahm auch das Schwert nicht mit, wenn er, was selten genug vorkam, zur Predigt ging. Immerhin liess er es geschehen, dass seine Frau, auch wenn er es für sinnlos hielt, die Kinder in die Kirche zur Taufe trug.
Anna machte ihrem Mann Vorhaltungen. Er bringe sich mit seinem Verhalten um Kopf und Kragen und sie und die Kinder ins Unglück. Er schaute sie lange an. Schliesslich meinte er, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Sie könne das selber in der Apostelgeschichte nachlesen. Im Übrigen glaube er nicht, dass jemand ihn, den reichen und angesehenen Grossbauern, für einen Ketzer halte.
Pulsuz fraqment bitdi.