Kitabı oxu: «Der geheimnisvolle Hof»

Şrift:

Wilhelm Ernst Asbeck

Der geheimnisvolle Hof

Eine Erzählung aus dem Norden

Saga

Der geheimnisvolle Hof

© 1940 Wilhelm Ernst Asbeck

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517864

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com.

1.

Der späte Gast

Der Hofhund begann plötzlich zu heulen.

Vater und Tochter wechselten einen Blick. Der alte Dal erhob sich und ging zur Tür. Die grosse Standuhr auf der Diele liess ein surrendes Geräusch vernehmen, dann schlug sie langsam und bedächtig elfmal. Draussen fiel die Gartentür ins Schloss.

Es war eine jener wundervollen nordischen Hochsommernächte, in denen die Finsternis keine Macht gewinnt und selbst um Mitternacht ein fahler Schein alle Gegenstände deutlich erkennen liess.

Eine schlanke, stämmige Gestalt — das Felleisen umgehangen, den Knotenstock in der Hand — schritt über den Weg, der zum Gutshaus führte. Jetzt öffnete sich das Tor, und der Herr des Hofes trat ins Freie. Er war ein Mann von etwa 60 Jahren, kräftig, vierschrötig. Seine stahlgrauen Augen musterten den Ankommenden. Er sah in ein wettergebräuntes, offenes Gesicht, über dem sich eine hohe Stirn wölbte und das von einer mächtigen Mähne umrahmt wurde.

Lachend rief der späte Wanderer: „Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, im Grünen zu übernachten, als ich, vom Berge kommend, Licht im Tal erblickte. Da bin ich nun und lade mich bei Euch zu Gast!“

Das ungezwungene Wesen gefiel Dal. Er reichte dem Fremden die Hand und sagte: „Seid uns willkommen!“

Sie betraten die geräumige Diele. Der Wanderer sah sich um und sagte: „Ist es nicht seltsam: Euch, dieses Gehöft, den Vorgarten, dort die alte Standuhr, die Truhen, den grossen Schrank — alle diese Dinge habe ich schon vor Jahren genau so im Traum erblickt. — Habt Ihr nicht ein altes Mütterchen und eine Tochter im Hause?“

„Ja, die alte Petra und Astrid, mein Kind.“

„Alles hier ist mir vertraut, als ob ich es seit langem kenne.“

„Auch Ihr kommt nicht als Fremder zu uns — wir haben Euch erwartet. — Woher stammt Ihr?“

„Vom Nordland, über Hammerfest hinaus.“

„Aus der Gegend kamen meine Vorfahren, aber es liegen Jahrhunderte dazwischen.“

Die Männer traten ins Wohnzimmer.

Ein unsichtbares Band schien diese drei Menschen zu umschlingen, als seien sie Bekannte, Freunde, seit vielen Jahren.

Astrid trug Trank und Speise herbei.

Der Hausherr fragte: „Woher kommt Ihr jetzt?“

„Von Drontheim herunter. Ich habe seit heute früh keinen Hof mehr gesehen.“

„Nun, es liegen ihrer doch mehrere an der Landstrasse.“

„Ich gehe Seitenpfade oder auch quer durch Buschwerk und Gesträuch, wohin es mich gerade lockt. Es ist ein Zufall, oder richtiger gesagt, Bestimmung, die mich wieder auf die Landstrasse führte. Ich liebe die Einsamkeit der Berge und Wälder.“

„So habt Ihr kein Ziel vor Augen?“

„Doch!“

„Welches?“

„Ich weiss es nicht.“

Dal sah den Gast fragend an.

„Allzulange habe ich es nie an einem Ort ausgehalten. Plötzlich, oft von einer Stunde zur anderen, werde ich von der Unrast befallen. Dann gibt es kein Halten mehr! Eine unsichtbare Gewalt zwingt mich, aufzubrechen.“

„Ihr solltet Euch derartigen Einflüssen nicht hingeben!“

„Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren. Es ist zwecklos gewesen. Dieses andere „Ich“ in mir ist stärker als mein Wille. Erklären lässt es sich nicht. Es ist „die innere Stimme“, die ruft, und der ich folgen muss.“

„Die innere Stimme?“ wiederholte Astrid, und sie sprach die Worte mit seltsamer Betonung.

„Ja, die innere Stimme! Immer führte sie mich zu einem starken Erlebnis; sie meisterte und formte mein Schicksal und machte mich zu dem, der ich heute bin.“

Eine Weile herrschte Schweigen.

Die Augen des Gastes ruhten voll Wohlgefallen auf dem jungen Mädchen. Es mochte einige zwanzig Jahre zählen und war eine stattliche Erscheinung.

Der Fremde setzte nach einiger Zeit die Unterhaltung fort: „Ich verstehe, dass es Euch ungewöhnlich erscheint, wenn jemand seiner ‚inneren Stimme‘ folgt.“

„Das war es nicht, aber gerade heute Abend habe ich ein Buch gelesen, das diesen Titel trägt.“

„Ihr lest Bratt Ullewold?“

„Ja, wir haben auch seine beiden anderen Werke: ‚Die seltsamen Erlebnisse Holger Holgersens‘ und ‚Die Welt, die um uns ist‘ gelesen.“

Jetzt mischte sich Ole Dal ins Gespräch: „Drei Bücher, und eines ungewöhnlicher als das andere.“

„Man urteilt sehr verschieden über Bratt Ullewold. Wie denkt Ihr über sein Schaffen?“ sagte der Wanderer.

„Im Grunde haben die Leute, die über ihn urteilen, immer nur ihr eigenes Urteil gesprochen“, entgegnete der Alte.

Unvermittelt fragte Astrid den Gast: „Und wie ist Eure Einstellung?“

Er erwiderte lachend: „Ich habe keine zu ihm, die überlasse ich anderen Leuten.“

Fast feindselig antwortete das Mädchen: „Seid Ihr auch einer von denen, die ihn Narr, Phantast oder gar Landstreicher schelten?“

„Er wird von allen Dreien etwas im Blute haben.“

„Meint Ihr?“

„Ja, das meine ich, denn jeder wahre Dichter muss die Weisheit und Einfalt eines Narren, den Gedankenflug eines Phantasten und die Fernsehnsucht des Landstreichers in sich tragen.“

„Recht gesprochen“, fügte Dal den Worten hinzu. „Es sind die Menschen der grossen Städte, die ihn Narr und Phantast schelten. Sie beweisen nur, dass sie das Gefühl für die Natur und der mit ihr verbundenen Kräfte eingebüsst haben. Ihre Weisheit besteht im Hasten und Jagen nach Geld, Ehren und Titeln. — Landstreicher nennen ihn die Bequemen und Satten, die den Hof, das Handwerk oder den Laden ihrer Väter erbten. Sie leben in der Enge, haben nie die Scholle verlassen, nie die Sorge, aber auch nie die Sehnsucht, in unbekannte Fernen und Weiten zu schweifen, in sich gespürt. Wie sollten sie ihn verstehen? Ihr satter Bauch ist ihr Heiligtum, und ihr Wohlstand ist ihnen ihr Paradies auf Erden. Darüber hinaus zu denken sind sie zu abgestumpft und träge.“

Der Gast drückte Ole Dal die Hand, als wolle er sich bei ihm bedanken, und aus seinen Augen leuchtete etwas wie Stolz und Freude.

Wieder schwiegen die drei Menschen eine Weile, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Nur das einförmige Ticken einer Uhr unterbrach die Stille.

Endlich sprach Astrid: „Es ist eine merkwürdige Nacht, die uns zusammenführt. Ich hatte, kurz bevor Ihr ins Haus tratet, das dritte Buch des Dichters gelesen. Der Zauber seiner Worte war, wie aus einer anderen Welt kommend, auf mich übergegangen. Eine seltsame, fast unirdische Ruhe herrschte im Raum. Ich dachte: dieser Bratt Ullewold muss ein aussergewöhnlicher Mann sein, und ich wünschte ihn kennen zu lernen. — In demselben Augenblick sagte mein Vater: es kommt jemand vom Berg herunter; jetzt fühlte ich ganz deutlich, wie er zu uns hinüberdenkt. — Wir spürten beide Euer Nahen, bevor wir Euch sehen oder hören konnten — — wir erwarteten Euch!“

Ein seltsames Empfinden hatte Dal und seine Tochter gepackt. Es liess sich nicht in Worte fassen. Es war, als habe man die Grenze der mit unseren irdischen Sinnen wahrnehmbaren Dinge überschritten. Zeit und Raum schienen aufgehört zu haben. Ein Hauch der Ewigkeit, die Stille der Unendlichkeit hielt die drei Menschen umfangen.

War es nur eine Sekunde gewesen oder waren Stunden darüber vergangen? Draussen erwachte der junge Tag. Das Surren der alten Standuhr auf der Diele, dem vier Schläge folgten, rief die Drei in die Wirklichkeit zurück.

„Wer seid Ihr?“ fragte Astrid beklommen.

„Bratt Ullewold!“

2.

Die innere Stimme ruft

Nun waren schon vier Wochen ins Land gegangen und immer noch hingen Felleisen und Knotenstock am Haken auf der Diele. Der Ruhelose hatte auf dem Dalhof anscheinend eine zweite Heimat gefunden. Er war kein weltfremder, verträumter Dichter, nein, er stand mit beiden Füssen fest auf der Erde. Er verstand es, den Pflug zu führen, die Sense und Sichel zu handhaben; er wusste mit Pferden und Vieh umzugehen und sich in Haus und Hof nützlich zu machen. Ole Dal beobachtete ihn mit stiller Freude, wenn der Gast aber abends mit Astrid auf der Bank im Garten sass, so schlich der Alte sachte davon. Dann wurde der Dichter wieder zum Träumer. Stunde auf Stunde verbrachte er in andächtigem Schweigen.

Seine Blicke streiften von dem anmutigen Tal, in dem der nur aus wenigen Höfen bestehende Ort Kirkedal gelegen war, zur Anhöhe. Dort stand die Kapelle, vom Friedhof umgeben, eingebettet in Wiesen und Felder. Ringsum türmten sich kahle Felsen und mit Wald bestandene Gebirgszüge. Bratt Ullewolds Augen blieben schliesslich auf der Landstrasse haften, die sich vom Bergesgipfel heruntersenkte. Vor wenigen Wochen war er von dort herniedergekommen. Eine Wandlung ging seitdem in seinem Innern vor sich; ein Gefühl, über das er sich nicht Rechenschaft zu geben wagte — — glaubte er doch die Freiheit seiner Person über alles zu lieben.

Das junge Mädchen sass ihm zur Seite. Ihr genügte es, ihn um sich zu wissen. Nie riss sie ihn aus seinen stillen Betrachtungen heraus. Fast schien es, als führten beide wortlose Gespräche, als könne der eine die Gedanken des anderen lesen. Nur die Hände fanden sich. Ein Druck oder auch ein Blick sagte ihnen mehr, als viele Worte vermocht hätten.

In Astrids Herzen war die grosse Sehnsucht erwacht, aber zu ihr gesellte sich die Furcht, dass alles nur ein kurzer, schöner Traum sein möge, aus dem sie eines Tages erwache und von dem dann nur die Erinnerung bleiben würde. — —

Mit Bratt Ullewolds Einkehr auf dem Dalhof war ein Wunder geschehen. Die alte, menschenscheue Petra hatte zu ihm, dem Fremden, vom ersten Augenblick an, wo sie ihn sah, Vertrauen gefasst. Sie, von deren Lippen seit vielen Jahren kein überflüssiges Wort gekommen war, freute sich, wenn er zu ihr ins Zimmer trat. Ihre fahlen Wangen belebten sich, und ihr Mund formte Worte, langsam und schwerfällig, als würde sie von einer geheimnisvollen Macht getrieben, über das zu sprechen, was ihr müdes Herz seit vielen Jahren bedrückte.

Eines Tages sassen die beiden wieder beisammen. Petra sprach: „Nun bin ich 85 Jahre alt geworden und lebe seit mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Dalhof. Es sind gute Menschen, und doch, es drückt mich schwer, auf meine alten Tage das Gnadenbrot essen zu müssen.“

„In Eurem Alter habt Ihr ein Anrecht auf Ruhe, und Eure Hände erzählen mir, dass Ihr ein arbeitsreiches Leben hinter Euch habt. Zudem, was macht es für den reichen Ole Dal aus, Euch das Wenige zu geben? Er und Astrid tun es frohen Herzens.“

„Und doch ist es eine fast unerträgliche Last für mich, nehmen zu müssen, statt geben zu können.“

„So habt Ihr in Eurer Jugend bessere Tage gesehen?“

Ein bitteres Lachen irrte über die Gesichtszüge der alten Frau: „Ja, aber ich denke nicht gern an meine Jugend zurück.“

„Und später?“

„Wurde ich Sörkes Frau und wohnte oben auf dem Berghof.“

„Ist Euer Mann gestorben?“

„Vor mehr als 50 Jahren.“ Leise, als spräche sie mit sich selbst, fügte sie hinzu: „All die Jahre habe ich um das Heil seiner unsterblichen Seele gebetet.“

„Was ist aus dem Hof geworden?“

„Er gehört mir noch heute.“

Erstaunt blickte Ullewold die Alte an.

„Ja, aber er heisst im Volksmunde nur der Genganger-Seater, der Gespensterhof.“

„Wo liegt er?“

„Irgendwo in den Bergen.“

„Ich möcht’ ihn sehen.“

„Nein. Niemand soll ihn wieder betreten. Er hat zwei Opfer und das Leben Sören Sörkes gefordert. Es ist genug. — — Ich bitt’ Euch, lasst mich jetzt allein.“ — —

In Gedanken versunken schritt Bratt Ullewold durch das Dorf. Irgend etwas war in ihm aufgerüttelt worden. Geheime Fäden schienen das Schicksal der alten Petra mit dem seinen zu verknüpfen.

Er ging über den Friedhof. Ein Grab wurde ausgegraben. Ein paar Überreste verfaulten Holzes, die einmal zu einem Sarg gehört hatten, und das Gerippe eines Mannes lagen darin. Der alte Asle stand in der Kuhle. Er hob den Totenschädel heraus und sprach: „Schaut ihn Euch an, sieht er nicht aus, als wolle er sich über uns lustig machen?“

„Weiss Gott, man könnte glauben, er grinse uns an“, erwiderte Ullewold.

Ein altes, zerbrochenes Holzkreuz ragte aus den aufgehäuften Erdmassen heraus. Die Schrift war verblichen, aber der Name noch schwach zu lesen. Er lautete: Birk Kollen.

Der Totengräber fuhr fort: „Ich war ein Bursche von zwanzig Jahren, als der hier zu Grabe getragen wurde. Ich habe ihn gut gekannt. Machte er den Mund auf, so kam etwas Witziges heraus, aber, Herr, es war kein Witz, der das Herz erfreut. Das Lachen ging auf Kosten anderer Leute. Ich erinnere mich manchen Mannes und manchen Mädchens, denen die Augen nass wurden, wenn die anderen lachten. Niemand war vor Birk Kollens Bosheiten sicher.“ Leiser fügte er hinzu: „Auch mir hat er mein Lebensglück zerstört. — Nun hat er fünf Jahrzehnte in der Erde gelegen und muss jetzt der Platz machen, die er damals von mir riss, um sie nach einem kurzen Rausch von sich zu stossen, wie unsereins ein ausgedientes Kleidungsstück von sich wirft.“

Hass leuchtete aus Asles Augen.

Der Dichter fragte: „Sein Tun scheint ihm keinen Segen gebracht zu haben, denn er muss jung gestorben sein.“

Der Alte schien die Frage zu überhören. „Bärenkräfte hatte der Birk. Niemand konnte sich mit ihm messen, bis er doch an einen geraten ist, der ihm überlegen war. Seht, Herr, selbst so ein dicker Schädel wie seiner konnte eingeschlagen werden!“

Asle blickte auf den Totenkopf nieder und hielt ihn wie abwägend in der Hand. Dann setzte er seine Erzählung fort, als spräche er jetzt aber zu dem Verstorbenen. „Ja, ja, Birk Kollen, hast es dir damals nicht träumen lassen, als du mich mit deinen groben Tatzen so unsanft zu Boden warfst, dass ich deinen grinsenden Totenschädel auf den Misthaufen werfen würde!“ Verächtlich schleuderte er den Kopf von sich, der in wilden Sprüngen bergab kollerte.

Bratt sagte: „Ihr müsst ihn sehr gehasst haben, dass Ihr nach fünfzig Jahren noch nicht vergessen und vergeben könnt.“

Ein heiseres Lachen antwortete ihm: „Damals lachten er und seine Saufgenossen über mich, warum sollte ich heute nicht einmal über ihn lachen? — Ich habe alle überlebt und keinem eine Träne nachgeweint, als ich ihren Sarg mit Erde bedeckte. Dieser hier musste als erster ins Gras beissen.“

„Und wie ist er gestorben?“

„Er glaubte, selbst der Toten spotten zu dürfen. Oben auf dem Genganger-Saeter hat er sein Ende gefunden.“

Bratt Ullewold ging langsam davon. Am anderen Morgen hing er sein Felleisen um, nahm den Knotenstock und reichte Dal und Astrid die Hand: „Habt Dank! — Ich muss jetzt gehen.“

„So plötzlich?“ fragte das Mädchen. „Warum?“

„Die Unrast hat mich befallen. — Die innere Stimme ruft. — Auf Wiedersehen!“ Ein kurzer Händedruck und, ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zum Gehen.

Astrid sah ihm nach. Ein bläulicher Dunst lag über der Erde. Es schien, als werde Bratt Ullewolds Gestalt allmählich vom Morgennebel aufgesogen, als verschwinde sie in eine fremde, überirdische Welt.

3.

Der verlassene Hof

Das letzte Haus Kirkedalens lag schon hart am Waldesrand. Nun führte der Weg wieder hinein in die grosse Bergwildnis, die sich zwischen Drontheim und Oslo ausbreitet. (Damals, es war im Jahre 1880, wurde die Hauptstadt noch Christiania genannt.)

Stunde auf Stunde wanderte Bratt Ullewold. Hin und wieder wurde das sich bis in unendliche Fernen ausdehnende Laub- und Nadelholz von einem stillen See, ein paar verschwiegenen Teichen oder einer Strecke Hochlandmoor unterbrochen. Längst schon war der Wanderer von der Hauptstrasse abgebogen und ging auf einem schmalen Pfad, den wohl seit langem keines Menschen Fuss betreten hatte. Oft war er von hohen Sträuchern und Gräsern überwuchert, hier und dort bedeckte ihn ein vom Sturm gefällter Baum. In der Talsenkung verlor er sich in einen Wildbach. Bratt musste eine Weile über Steine und Geröll springen, bis am jenseitigen Ufer der kaum erkennbare Weg wieder auftauchte. Er ging ruhig und sicher, wie einer, der die Gegend seit vielen Jahren kennt. Und doch betrat er sie zum erstenmal. Eine unsichtbare Hand führte ihn.

Drohend, wie eine dunkle Mauer, erhoben sich jetzt zu beiden Seiten dicht an dicht die Tannen. Ullewold musste an uralte Märchen und Sagen denken, die von Zauberwäldern berichteten, in denen Riesen, Trolle und böse Geister hausten, die jeden Menschen, der in ihre Nähe kam, mit Tod und Verderben bedrohten. Unheimlich wurde dem Einsamen zu Mute. Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte. Kein Laut war zu hören. Kein lebendes Geschöpf zu sehen. Tot und erstorben schien hier die Welt.

Wollte denn der Pfad kein Ende nehmen? Wieder vergingen Stunden, als sich der Wanderer unvermittelt auf der Kuppe eines Berges befand. Ihm bot sich ein seltsames Bild. Ein geräumiger, freier Platz breitete sich vor seinen Augen aus. Zur Linken stand eine grosse, baufällige Scheune nnd nicht weit davon entfernt ein niedriges, einstöckiges Bauernhaus, das deutliche Spuren des Verfalls trug. Die Scheiben waren erblindet und mit einer dicken Schmutzkruste überzogen. An einigen Fenstern fehlten sie ganz oder waren zerbrochen. Einst lag wohl vor dem Gebäude ein kleiner Blumen- und Gemüsegarten; aber Gras, Unkraut und Feldblumen hatten ihn seit langem in Besitz genommen. Es wird eine Zeit gegeben haben, wo Pferde und Kühe auf diesem Stückchen Erde Weideland gefunden, und wo fleissige Hände Getreide säten und ernteten. Die Reste eines zerbrochenen Naturzaunes waren noch vorhanden, doch niedriges Buschwerk, Dorngesträuch, Disteln und Brennesseln überwucherten jetzt den weiten Raum.

Tiefe Stille umgab Bratt Ullewold. Kein Hund kam ihm kläffend entgegen, kein Vieh brüllte im Stall, und keines Menschen Stimme liess sich hören. Ein Fluch schien auf der Gegend zu lasten.

Er trat zur Scheune. Das breite Tor stand offen. Ein Flügel hing lose in der Angel, der andere lag morsch und zersplittert am Boden. Im Innern waren die Überreste angeschorener Viehstände noch deutlich erkennbar. Ein zusammengebrochener Kastenwagen lag windschief im Raum. Eine Leiter führte zum Boden.

Dort oben herrschte gähnende Leere. Durch eine Dachluke blickte Bratt ins Freie. Sein Auge streifte über endlose Berge und Wälder; ganz hinten, in weiter, weiter Ferne, ragten im Westen die mit ewigem Schnee bedeckten Häupter der Riesenfelsen des Jotungebirges empor. Die Abendsonne überstrahlte alles mit ihrem goldenen Glanz. Dann trat die Dämmerung ein. Jenes geheimnisvolle Zwielicht, das während der schönen, lauen, norwegischen Sommernächte nie verblasst. Eine feierliche, wehmütige Stimmung befiel den Einsamen. Er vergass Zeit und Umwelt.

Er wurde aus seinen Gedanken herausgerissen. Leise, schlürfende Schritte vermeinte er zu hören. Ihn überkam das Gefühl, als stehe jemand hinter ihm und blicke über seine Schulter hinweg. Jetzt glaubte er zu spüren, wie ihn eine Hand leise berührte. Er wandte sich um. War es wirklich der Schatten eines Menschen, der langsam zurückwich und sich in der Dunkelheit des langgestreckten Raumes verlor oder narrte ihn ein Trugbild? — Er rief, und seine Stimme klang heiser: „Wer ist da?“ Aber niemand antwortete.

Bratt tastete sich zur Leiter. Er stieg vorsichtig die Sprossen hinunter und trat ins Freie. Tief holte er Atem. Ein hauchzarter Nebel breitete sich über der Landschaft aus. Nun, im Zwielicht der nordischen Sommernacht, blickten ihn die dunklen, hohen Tannen noch drohender an als am Tage. Aber auch die übrige Umwelt hatte ein feindliches Gesicht bekommen. Die beiden Fenster unter dem Dachgiebel des Hauses sahen wie zwei böse Augen zu ihm hernieder, und das niedrige Bauwerk selbst erinnerte im Halbdunkel an ein zum Sprung geducktes Ungeheuer.

Licht und Schatten verschwammen ineinander. Büsche und Sträucher, Bäume und Zweige nahmen gespenstische, phantastische Gestalten an. So mussten von Zauberhand gebannte Tiere und Unwesen, heimtückische Geister und Spukgestalten aussehen. Ein leiser Wind strich darüber. Ein Zittern und Beben begann, ein Neigen von Blattwerk und Strecken langer, kahler Äste. Wie Seufzen, Klagen und geheimnisvolles Raunen klang es durch die Stille der Nacht.

Ullewold lauschte. Ihm war es, als sei er von ungezählten, unsichtbaren Wesen umgeben. Er wandte sich dem Hause zu. Die verschlossene Tür sperrte den Eingang. Der kräftige Mann stemmte sich mit seinen Schultern dagegen. Mit einem fauchenden, zischenden Laut schlug sie gegen die Wand. Er entzündete eine Kerze und sah sich um. Er stand in einem Vorraum. Ein paar Haken an der Wand mochten ehedem als Kleiderablage gedient haben. In einem Winkel stand eine alte Truhe, rechts und links befanden sich Türen. Sonst nichts. Im Hintergrund führte eine schmale Treppe nach oben.

Bratt öffnete die Tür zur Rechten. Sie führte in eine Bauernstube. Einfacher Hausrat aus Urgrossväterzeiten war dort aufgestellt. In einer Ecke befand sich eine hohe Standuhr mit blumenbemaltem Zifferblatt. Die Zeiger waren auf Schlag zwölf stehen geblieben. Durch eine zweite Tür betrat er eine langgestreckte Küche, und von diesem Raum zweigte sich das Schlafzimmer ab. Merkwürdig, jedes Stück schien seit vielen, vielen Jahren genau so an Ort und Stelle stehen geblieben zu sein, wie einst, als hier vor langer Zeit Menschen aus und ein gingen.

Ullewold verspürte Hunger. Er säuberte den Tisch in der Wohnstube von der Schmutz- und Staubschicht und speiste mit gutem Appetit. Müde war er geworden, hundemüde, er legte sich ins Bett, aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Viele Gedanken liessen ihn keine Ruhe finden. Endlich fiel er in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen. Da meinte er wieder die schlürfenden Schritte zu vernehmen, dann hörte er deutlich einen Laut, der wie aus tiefstem Herzen eines gequälten Menschen kam. Er klang so klagend, dass Bratt weniger von Furcht, als von grenzenlosem Mitleid gepackt wurde. Er spürte, dass jemand in seiner Nähe war. Hart am Rande des Bettes musste das Wesen stehen. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch die Lider waren schwer wie Blei. Seltsam, trotzdem vermeinte er deutlich eine schneeweisse Hand auf der Decke zu sehen. Ihm kam der Gedanke: „Kann ich dir helfen, so sage es mir“, und er erschrak vor seiner eigenen Stimme, denn er hatte, ohne es zu wollen, die Worte laut gesprochen.

Ein tiefer Seufzer war die Antwort.

Ullewold riss alle Willenskraft zusammen. Er schüttelte die unsichtbare Last, die ihn niederzudrücken suchte, gewaltsam von sich. Er richtete sich auf. Seine Augen waren weit geöffnet. Deutlich glaubte er den Schatten eines Mannes zu sehen, der in gebückter Haltung davonschlich und durch die Wand entschwand.

Eine grosse Ruhe war über den Einsamen gekommen. Eine wohltuende Müdigkeit übermannte ihn. Als er am anderen Morgen erwachte, schien die Sonne hell und freundlich ins Zimmer hinein.

Bratt trat zur Tür hinaus. Ein Stückchen Paradies lag vor ihm ausgebreitet, auch fand er alles, was zum bäuerlichen Dasein nötig war. Ein klarer Bach bot Wasser. Den Wanderer ergriff das Verlangen, den verwahrlosten Hof zu neuem Leben zu erwecken. Der jenseitige Bergabhang senkte sich sanft zu Tal. Hier musste sich einst der Hauptweg befunden haben, den man mit Pferd und Wagen befahren konnte. Gefällte Bäume lagen in kurzen Abständen quer darüber, als ob die Auffahrt gewaltsam versperrt worden sei, auch hatten Büsche und Dorngestrüpp sich dort ausgebreitet.

Bratt Ullewold schaute von der Kuppe über die herrliche Berg- und Waldlandschaft. Da war es ihm, als werde er wieder von einer unsichtbaren Hand ergriffen. Sie führte ihn zu einem schmalen, kaum noch wahrnehmbaren Steg. Buchen und Birken umsäumten den Pfad. Nach einer Weile stand er vor einer Lichtung. Weisse Sumpfblumen bedeckten sie. Der Boden schwankte unter seinen Füssen. Hochlandmoor! Tod und Verderben brachte es dem Unkundigen! Hier und dort ragte auf einem Erdhügel ein einzelner Baum wie eine Insel daraus hervor. Mitten im Moor lag ein knorriger, gabelförmiger Ast. Man konnte ihn für zwei drohend erhobene Arme halten.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
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100 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711517864
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Bookwire
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