Kitabı oxu: «Hanussen - Hellseher und Scharlatan»
Will Berthold
Hannusen
SAGA Egmont
Hanussen - Hellseher und Scharlatan
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1987 by Lübbe Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711727171
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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1
Die ganze Stadt ist aus dem Häuschen. Sonst ist in dem idyllischen Kurort mit den bis zu 46 Grad heißen alkalisch-salinisch-radioaktiven Quellen nicht viel los, aber heute macht die Sensation den Einheimischen wie ihren Gästen Beine.
Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung muß der große Kursaal feuerpolizeilich geschlossen werden. Teplitz-Schönau, am Fuße des Erzgebirges gelegen, ist gewissermaßen nordböhmische Provinz, aber Erik-Jan Hanussen, der »größte Hellseher der Welt« – wie er sich auf schreienden Plakaten titulieren läßt –, ist auch in Wien, Budapest, Prag, Paris, Zürich, Stockholm, New York, Boston und Baltimore vor ausverkauften Häusern aufgetreten. Immer ohne größere Panne, wenn man von Budapest absieht, wo seine Wiener Assistentin Martha Farra überraschend zwischen zwei Vorstellungen mit einem ungarischen Magier nach Spanien durchgebrannt ist. Alles hann der große Hanussen offensichtlich nicht voraussehen, aber das bestreitet er auch gar nicht.
Er späht durch den Bühnenvorhang, ein untersetzter kräftiger Mann im Frack, der von einem ersten Maßschneider stammt, aber an dem Magier hängt, als hätte er ihn sich beim Kostümverleih ausgeborgt. Er ist nicht gerade häßlich, aber sein Aussehen sollte ihn davor bewahren, sich wie ein Adonis zu gebärden. Hanussen hat ein breites Gesicht, gescheitelte, glatte Haare, buschige Brauen über leicht hervorstehenden dunklen Augen, eine kräftige, weit vorspringende Nase und einen Mund, der auf herzhaften Appetit schließen läßt. Seinen Heißhunger beweist er bei jeder Gelegenheit; Adams Wahn auf Evas Spuren. Viele Frauen finden ihn zunächst einmal abstoßend, aber nicht wenige aus der Mehrzahl landen schließlich doch in seinem Bett.
»Schon seit zwei Tagen ausverkauft«, sagte der Journalist und Privatsekretär Adolf Erich Juhn.
Hanussen nickt gleichmütig; er hat es nicht anders erwartet. »Wir müssen vermutlich in der nächsten Woche noch eine Sondervorstellung in Teplitz-Schönau einschieben«, stellt der geschäftige wie geschäftstüchtige Helfer fest.
»Na also.«
»Das ist aber nicht so einfach«, erklärt der Privatsekretär. »Entweder ist der Kursaal schon vergeben, oder Sie müssen anderswo auftreten.«
»Das schaffst du schon«, versetzt der große Magier leichthin.
Auch diese Tournee durch Böhmen und Mähren ist längst auf dem Siegeszug. Der Erfolgreiche geht seine Zettel noch einmal durch, dann tastet er kennerisch die Reihen der Zuschauer ab, aus denen er seine Mitarbeiter rekrutieren wird. Ein buntgemischtes, gut herausgeputztes Publikum hat sich versammelt, Honoratioren aus Stadt und Umgebung neben großstädtischen Kurgästen; Herren, die ihre besseren Jahre bereits hinter sich haben, neben der jungen Zweit- oder Drittfrau, die noch kein Rheuma plagt.
Die Damen tragen die Haare wieder länger, dafür wurden die Röcke kürzer. Die Abendkleider zeigen am Rücken viel Haut. Das schöne Geschecht gibt sich selbstbewußt, aggressiv. Und die Garderobe der sogenannten guten Gesellschaft läßt erkennen, daß die Damen mit den Vergißmeinnichtaugen sich lieber aus- als anziehen. Der ›Uhu‹ – ein in Berlin erscheinendes Ullstein-Journal – behauptet, die Damenkleider seien neuerdings so beschaffen, daß ihre Trägerinnen nach sechs Bewegungen im Freien stünden, während ihre konservativen Begleiter mindestens an die hundert Knöpfe öffnen müßten.
Der große Magier nimmt mit den Augen Maß, gelassen, überlegen bis zur Arroganz. Der Klavierspieler versucht die Zeit bis zum Auftritt Hanussens zu überbrücken. Er haut in die Tasten und singt mit ungeschulter Stimme: »Mein Papagei frißt keine harten Eier.« Es regt keinen auf im Saal. Auch nicht der nächste Gassenhauer: »Ist denn kein Stuhl da für meine Hulda?« Vergeblich versucht der Klavierspieler sich Gehör zu verschaffen: »Das ist die Irma, die liebt die ganze Firma«, klimpert er, aber auch die Irma läßt die Anwesenden kalt.
Die zeitgemäßen Texte sind platt und albern. Im Jahre 1928 geben häufig noch immer Kriegsgewinnler, Bauspekulanten und Inflationsschieber den Ton an, der die Musik macht. Man lebt – ein Jahr vor dem großen Börsenkrach – in der ungefähren Mitte zwischen zwei Weltkriegen. Die schlimmsten Folgen des Ersten sind überwunden, daß ein zweiter, noch weit schrecklicherer bevorstehen wird, ahnt nicht einmal ein Hellseher.
Amüsement bestimmt weitgehend den Lebensinhalt. Die Zeitgenossen wollen sich lieber totlachen als einander totschießen. Obwohl die Berliner Polizei in der Silvesternacht halb so viele Betrunkene wie sonst auf den Straßen aufgelesen hat, sind die späten zwanziger Jahre alles andere als nüchtern.
Das Barometer der Wirtschaft steigt langsam, aber stetig nach oben. Auch Menschen, denen es noch immer schlechtgeht, leben jedenfalls besser als in den letzten Jahren.
Das Rahmenprogramm hat begonnen; es sind ein paar recht gute artistische Nummern dabei, aber die Resonanz bleibt dünn. Die Zuschauer sind wegen Hanussen gekommen. Sie wollen dabeisein, wenn einer in die Zukunft schaut, in dieses Niemandsland, auf das jeder setzen möchte, wiewohl es ihn doch ängstigt.
Der Pianist intoniert auf dem Klavier einen Tusch. Dann betritt, mit einer Viertelstunde Verspätung, der berühmtberüchtigte Hypnotiseur und Hellseher die Bühne. Schon auf halbem Weg wird der Applaus übermächtig, aber mit einer herrischen Handbewegung erstickt ihn der sonst so Beifallsüchtige, als wehre er sich bescheiden gegen Vorschußlorbeeren.
Ein paar launige Worte, ein paar erste Proben seines Könnens, es dauert nicht lange, bis der Mann auf der Bühne sein Publikum im Griff hält, ein selbstherrlicher Dompteur von kuriosem Selbstbewußtsein, mitunter laut, dann wieder leise, oft recht plump in der Ausdrucksform und dann gleich wieder pseudowissenschaftlich. Selbst Skeptiker schütteln den Kopf und spüren zunehmende Unsicherheit. Vielleicht werden sie düpiert, in jedem Fall aber auch fasziniert.
Der Hellseher mit dem dänischen Namen, dem tschechischen Paß und der sorgfältig im Dunkel gehaltenen Herkunft weiß offensichtlich alles und gibt es auch preis. Er geht an den Reihen der Zuschauer entlang, greift sich seine Opfer wie Fische aus einem Bottich. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, es handle sich um bezahlte Mitwirkende, zieht er mit Vorliebe unfreiwillige Akteure auf die Bühne, wie den bekannten Professor aus der vierten Reihe, einen gepflegten älteren Herrn mit einem Spitzbart, der gewohnt ist, vor einem Auditorium zu sprechen – nicht aber vor einem solchen.
»Ich erkenne Ihren Beruf«, sagt Hanussen. »Sie sind Professor an der Universität Prag,«
»Das stimmt.«
»Für Mathematik?«
Der Spitzbart nickt gezwungen.
»Wir haben alle unsere Probleme«, plaudert der Hellseher. »Ihres ist, daß Ihr einziger Sohn im Gymnasium nicht weitergekommen ist.« Nach einer kurzen Pause setzt er hinzu: »Nicht wahr, er ist sitzengeblieben.«
»Ich möchte schon bitten …«, protestiert der unwillige Mitwirkende mit zitterndem Spitzbart. »Das geht Sie doch nun wirklich nichts an.«
»… und zwar wegen schlechter Leistungen in Mathematik«, behauptet Hanussen.
Der Professor antwortet nicht mehr, aber sein rot anlaufendes Gesicht unterstreicht, daß der Gedankenleser recht haben muß.
So geht es ohne Pause weiter. Hanussen sagt seinen Versuchspersonen Dinge auf den Kopf zu, die sie meistens nicht gerne hören wollen und oft ängstlich vor ihrer näheren Umgebung verbergen; sein Auftritt lebt auch von der Schadenfreude. Er mag ein Dämon sein, ein Scharlatan oder ein Trickbetrüger, jedenfalls bewegt er sich auf einem Hochseil ohne Netz. Vielleicht ist er ein Schwindler, aber immer erweist er sich als schwindelfrei.
Bis jetzt hat der Hypnotiseur und Hellseher nur Volltreffer gelandet. Das Publikum ist so erschrocken wie überwältigt. Den größten Teil der Zuhörer stellen die Frauen, als wollten sie beweisen, daß sie tatsächlich das neugierige Geschlecht repräsentieren.
Neugierig ist auch der erschreckend dünne, große Herr in der zweiten Reihe: Staatsanwalt Dr. Swoboda nimmt dienstlich an der Veranstaltung im Kursaal teil. Er hat streng vertraulich ein Ermittlungsverfahren gegen Hanussen eingeleitet, nachdem einige Strafanzeigen wegen Betrugs gegen den Hellseher auf seinem Schreibtisch gelandet waren.
Der Beamte aus dem benachbarten Leitmeritz, der aussieht, als litte er an Magersucht, ist entschlossen, einem mutmaßlichen Hochstapler das Handwerk zu legen, doch zunächst einmal muß er feststellen, daß der Magier sein Handwerk blendend beherrscht. Die Verdachtsmomente gegen ihn sind bis jetzt noch so dürftig wie der Tatbestand in den Betrugsanzeigen: viele Worte, wenig Wolle.
Staatsanwalt Swoboda mustert die auswärtigen Journalisten in der ersten Reihe, Reporter, die den Protagonisten mit den angeblich übersinnlichen Fähigkeiten glorifizieren oder in die Pfanne hauen. Beides macht ihn nur noch berühmter. Der Jurist ahnt, daß dieser Hellseher eine beispiellose Karriere machen wird, wenn es der Staatsanwaltschaft nicht schleunigst gelingt, ihn als Scharlatan zu entlarven. Bis dahin ist Hanussen jedenfalls mehr gefeiert als umstritten. Großstädtische Zeitungen berichten häufig in riesiger Aufmachung auf den Frontseiten über Séancen und Auftritte des Erik-Jan Hanussen, beschreiben ihn als Dämon oder verurteilen ihn als Hochstapler. Selbst die Gelehrten sind sich in seiner Beurteilung nicht einig. Durchaus ernst zu nehmende Wissenschaftler schreiben Hanussen telepathische und hypnotische Fähigkeiten zu, während ihn andere als Taschenspieler abwerten. Wenn er einer ist, dann jedenfalls ein hervorragender, denn er läßt sich bei keinem Trick ertappen, wiewohl ihm seine Feinde und Neider in jeder Vorstellung scharf auf die Finger sehen.
Zwischen den Experimenten, die alle gelingen, gibt Erik-Jan Hanussen Erklärungen. Häufig beruft er sich auf den berühmten Dr. Sigmund Freud. Der Begründer der Psychoanalyse lebt in Wien. Über Wien freilich spricht der Star des Abends nur ungern. Die Polizei seiner Geburtsstadt hat ihn aus Österreich ausgewiesen und über die Grenze abgeschoben. Hanussen, der teilweise in Böhmen und Mähren aufgewachsen war, hatte für die tschechoslowakische Republik optiert, was ihm an der Donau wenig Freunde einbrachte. Während ihn Wiener Zeitungen als Gauner bezeichnen, machen Prags nationalistische Blätter aus dem »tschechischen Patrioten« ein Opfer österreichischer Willkür.
»Und jetzt komme ich zu Ihnen, gnädige Frau«, sagt der umstrittene Gefeierte und verbeugt sich vor einer gutgewachsenen Dreißigerin mit einem pikanten Gesicht und flirrenden Augen. Sie hat offensichtlich von dem gewissen Etwas etwas viel. »Erlauben Sie mir, daß ich Ihr Leben aufblättere?« fragt er Eva Pflügler aus Prag.
»Warum nicht?« erwidert die Blondine, nur zu bereit, sich vor großem Haus zu produzieren. »Aber seien Sie bitte nicht allzu indiskret.«
Eva Pflügler steht im Mittelpunkt, und es macht ihr Spaß. Sie sieht in Hanussens bleichgeschminktes Gesicht, aus dem die Augen groß hervortreten. Der Magier wirkt nachdenklich, konzentriert. Der Schweiß läuft ihm über die Stirn; er konzentriert sich sichtbar.
»Ja«, fährt er fort. »Sie hatten kurz vor Kriegsende geheiratet – als Neunzehnjährige …«
»Richtig«, antwortet die Pragerin, »meine erste Liebe.«
»Ihr Mann ist dann im Krieg gefallen.«
»Am vorletzten Tag«, bestätigt die Blondine überrumpelt. »Es war mehr als tragisch, und ich hab’ lange gebraucht, bis ich …«
»Drei Jahre später wollten Sie wieder heiraten«, unterbricht sie Hanussen. »Leider wurde Ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit von einem Automobil überfahren.«
»Ja«, entgegnet die Mitwirkende verblüfft, »drei Tage vor der Trauung.« Ihr Gesicht ist eine einzige Werbung für Hanussens Seriosität.
»Nun können Sie mir vorhalten, daß ich nur in die Vergangenheit sehe«, erwidert der Magier. »Wenn Sie es mir gestatten, befasse ich mich jetzt mit Ihrer Gegenwart…«, er hebt die Stimme, »und auch mit Ihrer Zukunft.«
»Wenn Sie meinen –«, antwortet die Versuchsperson zwischen Koketterie und Bangen.
»Sie haben einen neuen Gefährten gefunden«, fährt Hanussen fort. »Sie sind mit ihm verlobt und möchten in diesem Jahr noch heiraten.« Er spricht langsam, als müßte er seine Wahrnehmungen erst noch sondieren und kontrollieren. »Es handelt sich um einen hochgewachsenen Herrn mit einem gepflegten Schnurrbart. Einen Handelsvertreter. Er ist – Moment, ich muß mich da noch vergewissern – ja, er ist vier Jahre jünger als Sie, deshalb sind Sie oft – und gar nicht grundlos – recht eifersüchtig.«
»Es reicht«, erwidert Eva Pflügler. Jetzt würde sie lieber in der zweiten Reihe sitzen, statt hier im Mittelpunkt zu stehen.
»Aber diese Verbindung wird sich leider zerschlagen«, behauptet Hanussen unerbittlich. »Ich möchte nicht weiter darauf eingehen.« Schnell setzt er hinzu: »Sie haben aber nicht nur Pech mit Männern. Sie werden wieder heiraten, aber erst in zwei Jahren.« Es ist, als nähmen die Augen des Hellsehers die kleinlaut gewordene Mitspielerin in die Zange. »Ich sehe Ihren Zukünftigen vor mir«, behauptet er. Seine Hände modellieren eine Figur, eine ziemlich üppige. »Er ist nicht sehr groß und etwas dicklich, er fährt einen teuren Wagen, ist Makler und sehr begütert. Reich, sehr reich sogar – und diesmal wird er eifersüchtig sein, nicht Sie.«
Die Blondine schüttelt den Kopf.
»Ich könnte Ihnen sogar sagen, wie Ihr künftiger Mann heißt, wo er wohnt und welche Vergangenheit er hat, aber …«, setzt er hinzu, »… ich möchte nicht weiter in Ihre Intimsphäre eintreten. Wenn es Sie interessiert, gnädige Frau, kommen Sie morgen früh zu mir ins Hotel. Ich würde dann meine Vorhersagen unter vier Augen präzisieren.«
»Ich werde mich hüten«, erwidert Eva Pflügler und geht auf ihren Platz zurück, als flüchte sie vor einem Ungeheuer, während der Beifall der Zuschauer im Saal explodiert.
Dr. Swoboda spürt, daß ihn die Darbietung beeindruckt, und es ärgert ihn, auf sie hereinzufallen. Hokuspokus, tut er es ab, und folgt dem Spektakel mit verkniffenen Lippen und einer Ahnung, daß Hanussen den eigentlichen Trumpf erst noch aus dem Ärmel zaubern wird. Es ist doch ganz klar, versucht sich der Staatsanwalt selbst zu überzeugen, da kommt ein Vielbeschäftigter schon vier Tage vor seinem Auftritt nach Teplitz-Schönau – warum? Natürlich, um sich mit dem Ort und seinen Honoratioren vertraut zu machen und sein Wissen als Hellseherei auszuprobieren.
Getratscht wird in Kleinstädten gerne – und Hanussens Privatsekretär hat seine Augen überall, wirft mit Geld um sich und sammelt Pikanterien und Indiskretionen ein. Der Mathematikprofessor zum Beispiel ist ein bekannter Mann; längst raunt man sich hinter vorgehaltener Hand zu, daß sein Sohn – nicht nur, aber vorwiegend – wegen miserabler Leistungen in Algebra und Geometrie in der sechsten Klasse sitzengeblieben ist. Und diese Blondine mit dem tiefen Ausschnitt und der Musik unterm Rock ist bereits zum dritten Mal zur Kur nach Teplitz-Schönau gekommen. Daß ihr erster Mann am vorletzten Kriegstag gefallen und ihr Verlobter unmittelbar vor der Hochzeit verunglückt ist, erzählt sie vermutlich jedem, der es hören will oder auch nicht. Ob Eva Pflügler nun den jüngeren Mann heiraten wird oder nicht, oder in zwei Jahren erst den dicken Makler mit dem feinen Auto, wird das Publikum dieses Abends nie erfahren; bis dahin ist der große Magier längst über alle Berge.
»Und nun«, sagt Hanussen, als die Scheinwerfer seine eintretende Assistentin erfassen und die gutgewachsene Mittzwanzigerin auf die Bühne geleiten, »darf ich Ihnen meine Mitarbeiterin und mein Medium vorstellen: Martha Farra.«
Eine zierliche Brünette auf hohen Absätzen tritt an die Rampe, zeigt großzügig, was sich sehen lassen kann. Der Magier sagt nicht, daß es sich bei seiner Assistentin um ein Duplikat handelt. Als sein erstes Medium nach Spanien durchgebrannt war, hat er sich unverzüglich die frühere Zirkusreiterin zugelegt und die neue Assistentin unter dem alten Namen auf »Martha Farra« zurechtgetrimmt.
Hanussen arbeitet mit großem Aufwand, mit Sekretären, Managern, Zufallsinformanten, bezahlten Zuträgern und Zutreibern, mit willfährigen Nassauern. Dr. Swoboda weiß, daß sich damit allein die sensationellen Erfolge nicht erklären lassen: Aber mit was sonst?
Hanussen hebt die Stimme: »Es ist ein großes Wagnis, das ich eingehen werde. Ich will versuchen, mit Hilfe von Hypnose ein blutiges Verbrechen aufzuklären, bei dessen Ermittlungen die Polizei nicht weitergekommen ist. Wie gesagt, ein Experiment. Ich appelliere von vornherein an Ihre Toleranz, wenn es mißlingen sollte. Sicherlich verfüge ich über gewisse hellseherische Fähigkeiten, aber ich bin nicht allwissend. Auch ich stoße an die Grenzen der Wahrnehmbarkeit, aber im Gegensatz zu Ihnen, meine Damen und Herren, gelingt es mir gar nicht so selten, sie zu durchbrechen.«
Er benutzt die Umständlichkeit nur, um die Spannung zu steigern. Er drillt sein Publikum wie einen Fisch an der Angel, reißt es mit, zwingt es in seinen Bann. Hanussen spricht mit geschulter Stimme; er ist ein ausgezeichneter Redner. Wäre er kein gefeierter Magier, könnte er einen überzeugenden Politiker abgeben – und falls er falschspielt, stünde er in diesem zweiten Beruf auch nicht ganz im Abseits.
»Ich spreche vom Mord am Gänsemarkt«, sagt Hanussen in die gequälte Stille. Er verbeugt sich. »Ich bitte Sie jetzt um äußerste Ruhe und Aufmerksamkeit.«
Der Hypnotiseur tritt an Martha Farra II heran, beugt sich über sie, redet leise auf sie ein.
Gebannt verfolgen die Zuschauer den Vorgang auf der Bühne, und der Staatsanwalt, der sich nur dienstlich im Kursaal aufhält, wird von der Erregung genauso überflutet wie alle anderen.
Hanussen setzt zu einem dreifachen Salto mortale an, ohne Angst und ohne Netz.
2
Auf den ersten Blick würde keiner dem Mann ansehen, daß er Kriminalkommissar ist. Der korpulente Molitor mit den Löckchen um die Stirnglatze gleicht eher einem gemütvollen Buchhalter, aber das ändert nichts daran, daß er in seinem Fach tüchtig ist und als rechte Hand des Staatsanwalts Dr. Swoboda wirkt, wendig wie ein Tanzbär.
Molitor ist nicht nur ein erfahrener Kriminalist; er kann auch, wenn ihm Dienstvorschriften im Weg stehen, ausgesprochen pfiffig handeln. Amtshilfe aus Österreich, die sich die Polizei im Fall Hanussen erbittet, geht nur über den Dienstweg Prag–Wien, und dabei kommt meistens wenig heraus. Die tschechoslowakische Republik gehörte früher zur K. u. k.-Donaumonarchie und ist als künstlicher Vielvölkerstaat nach dem Krieg entstanden. Wien und Prag sind nicht gut aufeinander zu sprechen, und im Fall des Erik-Jan Hanussen, den die ČSSR-Zeitungen als Opfer rot-weißroter Willkür zum tschechischen Patrioten hochstilisierten, schon gar nicht.
Aber der tüchtige Molitor weiß sich zu helfen. Die Schwester eines Wiener Kriminalinspektors namens Watzlawek ist mit einem tschechischen Arzt verheiratet, und ihr Bruder besucht sie privat in Teplitz-Schönau. Der Kriminalkommissar kennt die Arztfrau gut genug, um eine Begegnung mit Watzlawek herbeizuführen und den Kollegen aus Wien auf einen Dämmerschoppen in eine urige Kneipe einzuladen, um, außerhalb des Instanzenwegs, mit ihm zu fachsimpeln. »Natürlich hab’ ich diese Hanussen-Plakate gesehen«, sagt der Wiener Beamte nach kurzem Zögern, »sind ja auch grell genug, um gleich ins Auge zu springen. Ehrlich gesagt, ich bin nicht traurig, daß sich dieser Schlawiner bei Ihnen herumtreibt und nicht bei uns, Kollege Molitor.«
»Sie haben dienstlich mit Hanussen zu tun gehabt?«
»Und ob«, entgegnet der Gast aus Wien. »Der Gauner hat uns genug zu schaffen gemacht.« Er bricht ab und setzt erschrocken hinzu: »Aber darüber kann ich leider mit Ihnen nicht sprechen. Beim besten Willen nicht. Das ist ein strenges Amtsgeheimnis.«
Der tschechische Kollege nickt voller Verständnis und schiebt das Thema Hanussen beiseite. Vorläufig wenigstens, denn nach einer Weile kommt er wie von selbst wieder auf den Magier zu sprechen: »Dieser Hanussen heißt doch eigentlich Steinschneider?«
»Hermann Steinschneider«, bestätigt Watzlawek. »Geboren in Wien, Sohn eines billigen Schmierenkomödianten, der auch als Gelegenheitsarbeiter und mitunter sogar als Synagogenschames gearbeitet hat.« Der Semmelblonde mit dem Milchgesicht lacht trocken. »Gerade wegen seiner jüdischen Abstammung tritt er häufig als heißlaufender Antisemit auf.«
»Schlimm«, entgegnet Molitor, »aber doch kein Tatbestand –«
»Typisch für diesen krummen Hund«, poltert Watzlawek: »Und Tatbestände gäbe es genug, nur – Sie kennen ja das alte Dilemma, Herr Kollege, mit der Beweisnot …«
Er hat sich in Zorn geredet, und das Bier lockert ihm die Zunge. Er spricht ein gezwungenes Schriftdeutsch, fällt aber immer wieder in den Wiener Dialekt zurück.
Molitor bestellt eine neue Runde. Dann holt er aus der Brusttasche ein kleines Thermometer hervor und prüft mißtrauisch die Temperatur des Gerstensafts. Viele Tschechen tun das; sie verstehen etwas vom Bier, ob es nun aus Pilsen oder aus Budweis kommt. Das Hopfenprodukt war auch schon zu K. u. k.-Zeiten ihr Nationalgetränk, und daß es hervorragend mundet, schmeckt auch der Gast von der schönen blauen Donau.
»Der Kerl, der sich Hanussen nennt, ist ein aalglattes, durchtriebenes Schlitzohr, das es faustdick hinter den Ohren hat. Der Bursche gehört längst hinter Schloß und Riegel«, schnaubt der Semmelblonde. »Jahrelang hat er mit uns Schindluder getrieben.«
»Dann verstehe ich nur nicht, warum uns Wien keine Amtshilfe leistet.«
»Des waas i a net«, erwidert der Beamte. »Wissen S’, Herr Kollega, i bin ja nur a Klaaner, a ganz Klaaner bei der Polizeidirektion.« Watzlawek verzieht das Gesicht in plötzlicher Schadenfreude: »Vielleicht, weil eure Zeitungen so viel dummes Zeug über den Gauner schreiben. Sie wissen doch, daß Hanussen kein echter Tscheche ist, so wie er Ihre Sprache spricht. Er ist auch kein Vorkämpfer für Ihre Republik – wirklich nicht. Seine Heimat ist das Geld, und sonst gar nichts …«
»… und das scheffelt er, das kann ich Ihnen sagen«, stichelt Molitor.
»Ich hab’ ihn schon kenneng’lernt, wie er aus dem Krieg zurückgekommen ist. Da war er bei der Truppenbetreuung als eine Art Zauberkünstler und wollte im Zivilleben mit dem Abrakadabra weitermachen. Damals hat’s in Wien nur so gewimmelt vor Kartenschlägern, Astrologen, Wahrsagern, Sterndeutern und Handlesern. Hanussen war einer von vielen, einer unter ›Fernerliefen‹, und die Polizei hat sie nach dem Schema leben und leben lassen behandelt.«
»Bis zur Sache mit der Nationalbank«, erwidert Molitor.
»Das wissen Sie?« fragt der Weizenblonde mit schmalen Augen.
»Aus dem Archiv – Zeitungsberichte.« Der Tscheche gibt sich betont harmlos.
»Hörst’, i bring mich da um Kopf und Kragen, Kollega«, jammert Watzlawek. »Die Polizeidirektion hat eisern dichtgehalten. Oder redet man bei euch gern über a Blamasch?« »Das bleibt bei mir«, versichert der tschechische Kollege. »Da kommt kein Wort in die Akten. Das versprech’ ich Ihnen. Auf mich können Sie sich verlassen, Watzlawek, fragen S’ ruhig mal Ihre Schwester.«
»Ich glaub’s Ihnen ja«, entgegnet das Milchgesicht, »aber …«Er dreht sich wieder nach den Umsitzenden um. Sie sind gegangen. Und ein wenig wichtig macht sich der Mann aus Wien: »Das war 1919. Die Notendruckerei der Österreichischen Nationalbank hat entsetzt festgestellt, daß nagelneue Tausend-Kronen-Scheine entwendet wurden. Kistenweise, so viele, daß man der Öffentlichkeit die genaue Summe gar nicht mitteilen konnte. Wir, die Polizei, die Kiberer – wie die Leute uns nennen – haben sofort ermittelt, daß als Täter nur Angestellte des Geldinstituts in Frage kamen und haben sie überwacht. Alle. Ausnahmslos. Nichts konnte aus dem Gebäude herausgeschafft werden, was wir nicht kontrolliert hätten.« Watzlawek wischt sich mit dem Handrücken den Bierschaum vom blonden Schnurrbart. »Zuerst waren die Wiener Zeitungen noch ganz friedlich, aber dann machten uns Schlagzeilen über unsere Unfähigkeit schwer zu schaffen. Auf der Straße wurden wir von Passanten als Nichtskönner angepöbelt. In dieser Situation trat der damals noch weithin unbekannte Hanussen groß ins Rampenlicht: Er meldete sich beim Direktor der Nationalbank und behauptete, er sei Hellseher und könne das Geld wieder beschaffen. Wir von der Polizei haben zuerst gelacht, aber der Direktor der Notenbank – sein Stuhl hat ja schon bedenklich gewackelt – griff nach dem Strohhalm, und der Ganeff konnte sein ganz großes Brimborium abziehen. Er ließ sich die Pläne des Gebäudes zeigen, unter dem sich ein weitverzweigtes Kanalsystem befindet. Hanussen spielte den Hypnotisierten, rannte durch das Haus, stürzte sich auf einen jungen Mann und schrie: »Sofort verhaften den Mann, er gehört zu den Dieben.« Und dann gab der ›Hellseher‹ genau die Stelle an, an der die Geldkisten vergraben waren. Er erhielt eine hohe Belohnung, wurde der Held des Tages – und wir waren die Deppen der Woche.«
»Aber Sie wissen, wie er Sie aufs Kreuz gelegt hat?«
»Wir sind rasch dahintergekommen«, erwidert Watzlawek, »daß Hanussen der Schwager des ›Tresor-Franzl‹ war. Der ist einer der schlimmsten Gangster von Wien mit unheimlichen Beziehungen zur Unterwelt – und leider auch heimlichen zu einigen Behörden. Er war die Schlüsselfigur des Falles: Da die Diebe nicht wußten, wie sie das Geld durch die polizeiliche Kontrollkette schleusen könnten, wandten sie sich an einen Hehler und dieser wiederum an den Tresor-Franzl, der sich die Lage des Geldverstecks genau beschreiben ließ. Der Tresor-Franzl wußte auch nicht, wie man das Diebesgut durch die Kontrolle bringt, wohl aber wie man dem Mann seiner Schwester zu einem tollen Auftritt verhelfen kann.«
»Sie haben die Täter doch noch gefaßt?«
»Und zwar die richtigen«, versetzt der Semmelblonde. »Nicht den von Hanussen angegebenen, der war völlig unschuldig. Doch die Täter hielten den Mund aus Angst vor dem Tresor-Franzl: So haben wir zwar den Fall geklärt, konnten aber den Schwindel bei der Geldauffindung nicht beweisen. Wir mußten Däumchen drehen und auf Rache sinnen.«
»Darauf haben Sie dann lange warten müssen«, hilft Molitor nach.
»Fünf Jahre«, entgegnet der Mann aus Wien. »Inzwischen war Hanussens Ruhm schon wieder ziemlich verblaßt. Er trat im ›Ronacher-Varieté‹ auf, war aber nicht der Star, der sogenannte Eisenkönig hatte ihm die Schau gestohlen, ein Artist namens Breitbart. Der Mann verbog Stahlschienen, sprengte Eisenketten und zeigte ähnliche Tricks. Das Publikum raste: es wollte den Eisenkönig sehen, und nicht Hanussen. Der ›Hellseher‹, krank vor Eifersucht, gab in den Wiener Zeitungen Inserate auf und bezeichnete seinen Rivalen als Hochstapler. Steinschneider kam vor Gericht, wurde wegen Verleumdung verurteilt und aus dem ›Ronacher‹ entlassen. Jetzt ging der Krieg erst richtig los: Hanussen trat im ›Apollo‹ auf, versetzte seine Assistentin Martha Farra in Hypnose: Das zierliche Mädchen führte nun alle Sensationen des Eisenathleten vor: Zuvor wurden Zuschauer auf die Bühne geholt, die sich überzeugten, daß es sich um echte Eisenschienen und Ketten handelte. Dann wurde das Licht der Scheinwerfer wieder auf das Publikum gerichtet, während vier Helfer die Gegenstände gegen Attrappen austauschten.« Watzlawek lacht, bis er nasse Augen bekommt. »Breitbart verführte diese Requisitenschieber zu einem Heurigen-Ausflug, setzte sie unter Alkohol, als sie voll waren wie Haubitzen, sperrte er sie ein – und im ›Apollo‹ blamierte sich Hanussen bis auf die Knochen, weil sein Medium die echten Eisenstücke keinen Zentimeter bewegen konnte. Er wurde ausgepfiffen, mußte türmen und sich verstecken. Die Leute verlangten ihr Eintrittsgeld zurück, und die Wiener Zeitungen fielen jetzt so über den zweifelhaften Magier her wie fünf Jahre zuvor über die Polizei. Nunmehr konnten wir den Kerl endlich aussischmeiß’n. Jetzt«, spöttelt das Milchgesicht, »haben wir einen Gauner weniger und ihr, ihr habt einen Patrioten mehr.«
»Bitte nicht politisch werden, Herr Kollega«, entgegnet Molitpr. »Und lange wird sich Hanussen hier nicht mehr herumtreiben, darauf können Sie sich verlassen, und die – die patriotischen Hosen werden wir ihm dann schon Ausziehen.«
Er gibt sich zuversichtlich, wiewohl er weiß, daß »der größte Hellseher aller Zeiten« längst nicht mehr mit Pappattrappen arbeitet. Tricks, die man sich nicht erklären kann, gelten in der Volksmeinung nun einmal als Wunder, und je ungläubiger der moderne Mensch wird, desto wundergläubiger gibt er sich auch.
3
»Einen Moment Geduld noch, meine Damen und Herren«, sagt Erik-Jan Hanussen im Kursaal von Teplitz-Schönau und hebt die Stimme: »Gleich wird es sich entscheiden, ob es mir gelingt, diesen Mord – der sie so bedrängt hat – zu klären.« Das Raunen der dichtgedrängten Zuschauer erstirbt unter seiner erhobenen Hand. »Bitte keine Vorschußlorbeeren. Wie gesagt: Ich kann Ihnen nicht versprechen, daß das große Experiment dieses Abends gelingen wird. Aber ich darf doch in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, daß ich bisher einige Verbrechen aufklären konnte, bei denen die Ermittlungen der Polizei nicht weitergekommen sind.«
Die Spannung steigert sich noch einmal. Im Saal herrscht Siedehitze. Der Mord am Gänsemarkt vor einer Woche erschütterte das kleine Städtchen, in dem Kapitalverbrechen äußerst selten sind. Und nun soll er geklärt werden – als Varieté-Coup. Noch wissen die Zuschauer nicht, ob sie zu Augenzeugen eines unerklärlichen Phänomens oder zu Narren eines abgefeimten Betrügers werden: Sie hören, sehen, stöhnen und staunen.
»Es handelt sich – Sie wissen es längst – um den ermordeten Bäckermeister«, fährt der Hypnotiseur fort, als wüßten es nicht längst alle Zuschauer: »Sie kennen den Fall aus der Lokalpresse, und viele von Ihnen haben das Opfer persönlich gekannt. Es gibt eine Reihe von Verdächtigen, mindestens ein halbes Dutzend, aber sie alle haben ein Alibi, das sich nicht erschüttern ließ. Die Ermittlungen der Polizei drehen sich deshalb im Kreise: Zu viele Möglichkeiten und zu wenig Beweise.« Hanussen scheint über seine Körpergröße hinauszuwachsen, er geht in Positur. »Wie gesagt, ich will versuchen, die Lösung zu finden und Ihnen hier – in den nächsten Minuten zu eröffnen, was die Polizei nicht herausgefunden hat. Wenn das zutreffen sollte, werden Sie die Bestätigung morgen in der Zeitung lesen.« Er bricht ab, als fiele ihm jetzt das Sprechen schwer. »Ich bitte Sie nur noch um ein wenig Geduld für meine Vorbereitungen.« Sein Medium kauert reglos im Sessel.
Hanussen redet Martha Farra II zu, streicht mit den flachen Händen über ihre Schläfen. Ihr Blick wird glasig, starr. Sie beginnt zu sprechen. Halblaut. Unverzüglich. Martha Farra ist in Trance. Silben addieren sich zu Worten. Worte ergeben einen Sinn, den nur der Hauptakteur auf der Bühne erfassen kann. Das Medium spricht stockend, leise, fast unhörbar.
Hanussen nickt und fragt zurück.
Auf einmal ist es, als übertrüge sich die Trance von dem Mädchen auf den Meister selbst. Fast gleichzeitig wird das Bühnenlicht gedämpft; der Stahl eines violetten Scheinwerfers huscht über das Gesicht des Hellsehers, bleibt auf ihm stehen. Die blasse Schminke und die lila Stahlen geben ihm etwas Unheimliches – er scheint nicht mehr von dieser Welt zu sein.
Erschöpft richtet sich Hanussen wieder auf, sieht wie blind in den Kursaal. Sein schweißnasses Gesicht ist zerfurcht, die Haare hängen ihm wirr in die Stirne, als er die Worte seines Mediums aufnimmt und in Klartext überträgt: »Ich … ich sehe jetzt den Mörder vor mir«, gibt er wieder, was er durch übersinnliche Fähigkeiten zu erkennen scheint: »Ein junger Mann … ein kräftiger Bursche … sehr groß, nicht sehr ordentlich gekleidet … Ich sehe ihn jetzt ganz nahe. Der Mann wirkt gehetzt, er hat Angst, er wird vom schlechten Gewissen getrieben … Er läuft und läuft … scheinbar ziellos. Er jagt den Bahndamm entlang. Er hat doch ein Ziel; er bleibt stehen. Er horcht.« Erschöpft murmelt der Magier: »Er ist am Ende … er weiß nicht weiter … er will Schluß machen. Die Verzweiflung, ja, die Verzweiflung … sie wird sein Geständnis sein … Der Mann heißt Walter, ein Bäckergeselle. Er steht am Bahnkörper, er starrt in die Nacht … Er wartet auf den Zug …nein, er wartet auf den Tod … Ich sehe eine Lokomotive, die beiden Lichter, die sich in das Dunkel fressen. Raubtieraugen, sie kommen näher.« Hanussens Stimme wird schrill: »Der Mann hat sich auf die Schienen gelegt, quer … gleich … da … jetzt. Die Räder drehen durch … Jetzt – Aufprall, Bremsen quietschen. Langsam kommt der Zug zum Stehen«, sagt Hanussen, der aus der Trance zu erwachen scheint. »Es ist geschehen«, sagt er mit keuchendem Atem. Er sieht benommen um sich, als wüßte er nicht, wo er ist und was er tut. »Es ist geschehen.« Noch immer atmet er stoßweise. Allmählich geht seine Stimme in ein Stöhnen über: »Der Zug … um Gottes willen … aus … Schluß … Gott sei seiner Seele gnädig.«
Hanussen wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Nur mühsam erlangt er seine Fassung zurück; doch bald ist er wieder der große Magier, der Alleswisser: »Der Bursche hatte in die Ladenkasse gegriffen, war dabei von dem Bäckermeister überrascht worden und hat ihn deshalb erschlagen. Walter galt als besonders zuverlässig, deshalb stand sein Name auf der Liste der Verdächtigen an letzter Stelle. Seine Freundin Maria, eine Kellnerin, war sein Alibi; sie hat ihn gedeckt und ausgesagt, daß er während der ganzen Mordnacht bei ihr gewesen wäre. Die Zeugin wurde gestern nachmittag noch einmal einem Routineverhör durch die Polizei unterzogen. Sie machte dabei einen unsicheren Eindruck, blieb jedoch bei ihrer Behauptung. Es muß ihr klar geworden sein, daß sie durch eine Lüge einen Mörder deckt. Und das stand sie nicht länger durch. Sie stellte am frühen Abend Walter zur Rede und teilte ihm mit, daß sie morgen der Polizei die Wahrheit sagen würde. Der Mörder schimpfte, weinte, bedrohte seine Freundin, aber sie blieb standhaft. Der Täter rannte kopflos davon. Er sah keinen anderen Ausweg mehr als die Schiene. Es ist«, sagt der Mann auf der Bühne im Plauderton, »schrecklich, aber wahr, und keiner konnte es verhindern.«
Das Licht geht wieder an. Verwirrte, erhitzte, verstörte ungläubige Gesichter versuchen vergeblich, sich in der Helligkeit zu verbergen.
»Meine Damen und Herren«, sagt Hanussen mit einer Verbeugung: »Ich bin sicher, daß dieses Experiment geglückt ist. Lesen Sie bitte morgen die Zeitungen, vergleichen Sie den Bericht mit dem, was ich Ihnen hier eröffnet habe.«
Die Zuschauer springen von den Stühlen, reden aufgeregt durcheinander. Es ist, als wären auch sie in Trance gefallen und würden sie erst jetzt wieder abschütteln. Ein Mann mit einem eingefallenen Gesicht, in dem die Falten wie Glassprünge wirken, schiebt sich zielstrebig durch das Gewühl, erreicht als erster den Ausgang: Staatsanwalt Dr. Swoboda hastet nach draußen wie ein Feuerwehrkommandant bei Brandalarm.
4
Die Sensation bringt den idyllischen Kurort um die Nachtruhe. Wie von Buschtrommeln gerufen, strömen die Menschen zusammen; von Haus zu Haus verbreitet sich die Nachricht von dem aufgeklärten Mord an dem Bäckermeister längst vor der Bestätigung durch die Behörden wie ein Lauffeuer bei Rückenwind. Wenn die Teilnehmer der Massen-Séance nach Hause kommen, lauern ihnen Nachbarn und Bekannte vor der Haustür auf, trotz der kalten Januarnacht oft nur im Schlafgewand mit einem hastig darübergezogenen Mantel, um zu erfahren, wie es wirklich im Kursaal gewesen war, wiewohl sie es längst wissen.
Vorübergehend wird das Kreisstädtchen Teplitz-Schönau, das seit 1918 offiziell Teplice-Sanov heißt, zweisprachig ist, und dessen Häuser sich an die barocke Jöhanniskirche aus dem 12. Jahrhundert anlehnen, zum Nabel der Welt. Von hier aus ziehen sich – zur Freude des Kurdirektors – die Wellenringe der Sensation über die ganze Welt. Der Kurort wird in aller Munde sein, in welcher Sprache man auch immer seinen Namen nennen wird.
Die Wirtshäuser, die schon vor einer halben Stunde dabei waren, dicht zu machen, sind auf einmal von Neugierigen überfüllt. Kein Mensch schert sich in dieser Nacht um die Polizeistunde, schon weil die Uniformierten, manche aus dem ersten Schlaf gerissen, ausnahmslos unterwegs sind, um mysteriöse Zusammenhänge aufzuklären. Sonst steht immer einer an der Theke, der, ermutigt durch Alkohol, gegen die Meinung im allgemeinen Bierstrom schwimmt, aber heute wagt keiner, Hanussens spiritistische Fähigkeiten anzuzweifeln. Der Mann, dem es offensichtlich gelingt, mit seinem inneren Auge Dinge zu sehen, für die normale Sterbliche blind sind, wird gefeiert – und gefürchtet. Das gelöste Rätsel der Bluttat am Gänsemarkt macht ihnen eine Gänsehaut.
Nicht nur für die Zecher in den überfüllten Wirtsstuben ist Hanussen ein Hellseher und kein Hochstapler. Tatsächlich sprechen erste Anzeichen dafür, daß es sich bei Hanussens Darstellung nicht um ein Hirngespinst handelt. Journalisten und Zaungäste, die auf der Suche nach der Unfallstelle an den Schienenspuren entlangeilen, stoßen auf die polizeiliche Abriegelung, werden dort zurückgewiesen und bestätigen nunmehr, daß tatsächlich ein junger Mann vom Personenzug überfahren und getötet wurde und daß es sich bei ihm allem Anschein nach um den Bäckergesellen Walter handelt. Plötzlich spricht sich herum, daß die Kellnerin Maria, die Freundin des Selbstmörders, inzwischen von der Polizei zum Nachtverhör abgeholt wurde.
Vielleicht eilen die Gerüchte ein wenig den Tatsachen voraus, jedenfalls sind sie übereinstimmend. Die ungeduldig erwartete Lokalzeitung wird mit einer halben Stunde Verspätung ausgeliefert und ist, trotz erhöhter Auflage im Nu ausverkauft; sie muß nachgedruckt werden, zum ersten Mal seit ihrem Bestehen.
Unter der Überschrift
NOSTRADAMUS 1928
– es ist eine Anspielung auf den Leibarzt des französischen Königs Karls IX., dessen düstere Prophezeiungen aus dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart weiterwirken – schildert ein mehrspaltiger Bericht Hanussens Auftritt so, wie ihn zum Beispiel auch Staatsanwalt Dr. Swoboda erlebt hat. Auch wenn die Polizei zu Redaktionsschluß die Stichhaltigkeit noch nicht bestätigen könne, spräche doch alles dafür, daß die Behauptungen des Erik-Jan Hanussen durch Tatsachen belegt würden. Absurd wäre unter diesen Umständen der Verdacht auf einen betrügerischen Trick. Es gäbe aber auch keine logische Erklärung des Ereignisses. Der Reporter rettet sich – nicht ungeschickt – in Shakespeares Hamlet und schließt seinen Bericht mit dem Zitat: »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.«
Hanussen hat schon manchen Ärger mit der Presse gehabt, aber als er den Bericht des Lokalanzeigers liest, ist er sicher, daß ihn dieses Mal nicht einmal kritische Zeitungen verspotten können. Er legt das Blatt beiseite, zufrieden wie eine Katze, die ein ganzes Mäusenest ausgenommen hat.
»Und das ist erst der Anfang«, sagt Juhn, der Sekretär. »Warten Sie mal ab, was morgen erst die großstädtischen Zeitungen schreiben werden.«
»Seit wann bist auch du Hellseher?« fragt Hanussen lachend.
»Ich bin Journalist«, erwidert der Helfer und Vertraute des Illusionisten. »Und ich kenne die technischen Gegebenheiten – und meine früheren Kollegen. Alle waren vertreten, und ich weiß auch schon zum Teil, was sie an ihre Redaktionen durchtelefoniert haben.« Der Ex-Reporter aus Wien zündet sich eine Zigarette an. »Diesmal haben Sie sich wirklich selbst übertroffen«, lobt er, ohne zu schmeicheln. »Jedenfalls haben Sie gestern abend sogar mich ausgetrickst.«
»Und das will etwas heißen«, entgegnet der Meister. »Aber du solltest dich gewählter ausdrücken. Schließlich ist meine Fähigkeit kein Trickwerk.«
»Selbst ich muß es jetzt wohl glauben«, versetzt der Sekretär, halb ernst, halb spöttisch. »Allmählich werden Sie auch mir unheimlich, Herr Hanussen.«
Er hört es nicht ungern. An diesem Tag kann man ihm alles sagen. Sonst ist der Magier in seiner Umgebung wegen seiner Marotten und Launen gefürchtet. Der geborene Verschwender kann sich mitunter benehmen wie ein verknöcherter Geizkragen. Er kann verletzend wirken, taktlos, selbst aber beleidigt ihn jeder Anflug von Kritik, eine Mimose, die aggressiv ist. Chef und Sekretär sind schon häufig und heftig aneinandergeraten; nach Meinung des übrigen Hanussen-Gefolges war beim einen oder anderen Schlagabtausch der Bruch nur vermieden worden, weil die beiden gemeinsame Leichen im Keller haben.
Heute freilich hat Juhn nichts zu befürchten. Es ist einer der Tage, an denen Hanussens gute Laune Purzelbäume schlägt. Er trägt über dem Seidenpyjama einen Morgenmantel mit den riesigen Goldinitialen: EJH, das Monogramm eines Erfolgreichen, der sein Publikum lähmt, narrt, verhext und fasziniert.
Er hat für sich und seine Begleiter die Beletage des ersten Hauses am Platz gemietet und bewohnt selbst einen Salon mit nebenan liegendem Schlafzimmer. Zur Zeit benutzt die feine Welt Pyjamas und Bettwäsche im gleichen Muster, aber Hanussen, der ständig unterwegs ist, muß damit noch warten, bis er eine feste Residenz haben wird. Der uniforme Snobismus kommt aus Paris, die Seine-Stadt ist in der Mode noch immer führend, aber die Musik spielt in Berlin. Die deutsche Reichshauptstadt gilt weltweit als interessanteste Metropole des Vergnügens.
Wer etwas erleben will, fährt Ende der zwanziger Jahre nicht ins ›Tivoli‹ nach Kopenhagen, nicht zum Piccadilly-Circus in London, nicht auf den Montmartre in Paris. Er reist an die Spree, bewundert die Zuckungen reizvoller Geschöpfe in der letzten Charleston-Wut, des Tanzes, über den die alte Herzogin d’Uzès gesagt hatte: »Seinerzeit – zu meiner Zeit – machte man das nur im Schlafzimmer.« Berlin: Hier wirken ehemalige Gardeoffiziere als Gigolos, als Lohntänzer. Es gibt Etablissements, in denen sich Männer nur mit Männern und Frauen nur mit Frauen im Reigen bewegen. Die Prüderie und Heuchelei der Kaiserzeit schlagen in das Gegenteil um; die berühmte Tänzerin Josefine Baker führt sie im eigenen Haus hüllenlos wie hemmungslos vor: »Man hat seit einiger Zeit seinen Hintern zu sehr im verborgenen gehalten«, schreibt sie geradezu in ihren Memoiren. »Und er ist doch da, der Popo. Ich weiß nicht, weshalb ich ihm Vorwürfe machen sollte. Allerdings gibt es Hinterteile, die so erbarmungswürdig sind, daß sie nur zum Sitzen taugen und zum – na, ja …«
Hanussen zieht es schon lange nach Berlin, aber er wartet noch auf einen ganz großen Knüller als Einstiegsgag. »Vielleicht klappt es diesmal«, sagt er zu seinem Privatsekretär. »Wenn die Zeitungen wirklich ein Feuerwerk über meinen gestrigen Coup abschießen, werden wir schleunigst die Provinz verlassen und«, er nickt seinem Helfer zu, »dann werden wir dieses heiße Pflaster auf den Kopf stellen, verlaß dich drauf.«
Hanussen hat große Pläne; er will eine Zeitschrift gründen, seine Biographie schreiben und ein ›Haus des Okkultismus‹ eröffnen, in dem er einer reichen Klientel den Blick in die Zukunft deuten möchte. Ungeduldig wartet der Illusionist darauf, sich an der Seite von Filmstars zu zeigen, als Freund von Boxchampions, Rennfahrern, Sechs-Tage-Siegern aufzutreten, von Adeligen, Wirtschaftsmagnaten und jeder Art von Prominenz. Er will Schönheitsköniginnen an sich ziehen und auf dem UFA-Gelände in Babelsberg ein und aus gehen. Berlin, der große Pfuhl, die Stadt mit den Ringvereinen, den Filmbällen, der gesunden Luft und den geldbringenden Skandalen, die aufregende Hauptstadt der Superlative. Das große Lotterbett, in dem sich die Moral suhlt. Tummelplatz der Spekulanten, denen die Geldscheine locker in den Brieftaschen sitzen. Auf diesen Schauplatz gehört ein Mann wie Hanussen; erst wenn er zu den Attraktionen der Stadt zählt, hat er den Ritterschlag der Gesellschaft erhalten und kann von der Hauptstadt des Amüsements aus zu Gastspielen in andere Weltstädte starten – als Nummer 1 in seinem Metier: Und das steht dann in allen Zeitungen und nicht nur auf Provinz-Plakaten.
»Und jetzt möchte ich nicht mehr gestört werden«, ordnet der reale Träumer an.
Dann ordert er eine Flasche Schampus beim Etagenkellner. »Sie erwarten Besuch?« fragt Juhn.
»Vielleicht –«
»Damenbesuch? Prophezeiung oder Verabredung?« fragt der Helfer mit der Trickkiste grinsend.
»Vorahnung«, erwidert der Magier und gibt das faule Lächeln zurück.
»Keine Kunst«, mault der Ex-Journalist beim Abgang: »Sie fliegen ja schließlich auf alles, was sich bewegt.«
»Eine wird kommen«, prophezeit Hanussen mit einem anzüglichen Lächeln.
Es ist Eva Pflügler aus Prag.
Der Portier, der Anweisung hat, niemanden vorzulassen, fragt sicherheitshalber bei Hanussen zurück.
»Lassen Sie die Dame zu einer Privatberatung herauf«, erwidert der Magier. »Ich hab’ ihr das gestern in der Vorstellung versprochen – aber sonst bitte keinen mehr.«
Er steht auf, geht der Blondine entgegen, küßt ihr die Hand. »Ich wollte wirklich nicht kommen«, behauptet die Dreißigerin.
»Ich weiß«, entgegnet Hanussen mit einem gewissen Lächeln. »Ich wußte aber auch, daß Sie kommen würden. Und ich bin sicher, daß wir uns gut verstehen werden.« Albernd setzt er hinzu: »Morgenstund’ hat Gold im Mund.« »Es ist nicht meine Zeit«, erwidert die Pragerin. »Aber ich möchte wissen, ob Sie gestern abend Ihre Vorhersage über mich ernst gemeint haben.«
»Ich meine alles ernst, Gnädigste«, versichert der Mann, der die Zukunft deutet, gegen Geld und Beifall.
»Sie werden vielleicht verstehen«, versetzt die gustiöse Witwe angriffslustig, »daß mir ein vier Jahre jüngerer Liebhaber lieber ist als ein Ehemann mit einem dicken Bauch.« »… und einem dicken Konto«, ergänzt Hanussen. »Vergessen Sie das bitte nicht.« Er gibt der Besucherin Feuer. »Aber so ist das nun mal im Leben, Gnädigste. Man bekommt nicht immer, was man will, und dann nimmt man eben, was man bekommt.«
»Sie Philosoph«, erwidert die Besucherin. Der Spott kräuselt die Lippen in ihrem pikant-frivolen Gesicht. Männer, die etwas von ihrem Geschlecht verstehen, können es bei Eva zu etwas bringen, aber dann sollten sie freilich anders aussehen als dieser Dämon mit den dichten Brauen.
Hanussen schenkt Champagner ein, drückt der Blondine ein Glas in die Hand. »Sehr zum Wohl! Auf die Stunde, auf uns, und auf Ihre Zukunft!« Gläser klingen. »Ex!« sagt Hanussen und schenkt sofort nach. Er schnalzt mit der Zunge, und diese Unart paßt durchaus zu dem aufdringlichen Parfüm, nach dem er duftet.
Aber Eva Pflügler läßt sich gerne von ihm animieren, zumal mit einem Getränk, das pro Flasche vierzig Mark kostet.
»Möchten Sie dazu einen kleinen Imbiß, Teuerste?« fragt der Gastgeber: »Kaviar oder …«
»Nein, danke. Ich möchte etwas mehr wissen über das, was mir in meiner Zukunft bevorsteht«, erwidert die Besucherin und setzt hinzu: »Aber nur, wenn es erträglich ist.«
Der Hellseher nimmt ihre Hand, sieht ihr in die Augen. »Es steht nicht schlecht um Sie«, behauptet er dann, »bei Ihnen brauche ich gar nicht viel schönen.«
»Tun Sie das sonst?« fragt die Pragerin: »Wie haben Sie das nur geschafft – diese Tataufklärung?« will Eva Pflügler wissen.
»Das weiß ich selbst nicht«, versetzt Hanussen. »Wissen Sie, Eva, der eine ist musikalisch, der andere farbenblind, und der dritte womöglich ein mathematisches Genie – und keiner kann etwas dafür.«
»Und Sie sind hochmusikalisch und farbentüchtig und auch noch ein Adam Riese.«
»Ich habe noch ganz andere Fähigkeiten«, prahlt Hanussen, »und die werde ich Ihnen beweisen, und zwar bald.«
»Muß ich mich fürchten?«
»Das würden Sie ohnedies nicht. Sie wissen doch, wo Gott wohnt.«
»Und das sind Sie?«
»Nein«, entgegnet Hanussen. »Gewiß nicht, aber vielleicht eines seiner privilegierten Geschöpfe.«
»Am meisten bewundere ich Ihre Bescheidenheit«, versetzt die Blondine keß. Sie ist jetzt schon beim dritten Glas, und ein wenig beginnt sich der Raum bereits zu drehen. Sie möchte den Mann im Morgenrock anheizen und dann schleunigst verschwinden.
Hanussen beugt sich über sie und zieht sie behutsam aus dem Sessel hoch, küßt ihre Wangen, ihre Hand, ihren Mund, er legt den Arm um Evas Schultern. »Komm«, sagt er, »wir vertrödeln nur die Zeit – an so einem wunderschönen Tag.«
Sie will sich wehren, macht sich steif, aber es nützt ihr so wenig wie dem Kaninchen vis-à-vis der Schlange. EJH drängt sie einfach aus dem Salon in den nebenan liegenden Raum mit dem breiten französischen Bett.
»Mit mir nicht«, wehrt sich Eva, als Hanussen beginnt, sie auch mit den Händen auszuziehen. »Genauso habe ich mir das vorgestellt«, protestiert sie.
»Ich auch«, erwidert er keuchend. »Du bist eine schöne Frau, und schöne Frauen werden begehrt.«
Die Vorhänge sind bereits zugezogen. Wie von selbst setzt Musik ein. Schlummerschmalz. Eva Pflügler stemmt sich noch immer gegen den ungeliebten Verführer. Vergeblich. Sie wird diesen dämonischen Kraftprotz genauso über sich ergehen lassen müssen wie andere Frauen und Mädchen vor ihr und nach ihr, die ganz andere Vorstellungen vom Mann ihrer Träume hatten und haben.
5
Am Morgen kann sich Kriminalkommissar Molitor nur noch mit Kannen voll starkem Kaffee auf den Beinen halten. Die Stunden der Nacht hängen wie Trimmgewichte an seinem korpulenten Körper. Er ist am Ende seiner Leistungsfähigkeit, aber lange noch nicht am Schluß seiner Ermittlungen. Er muß sich ein paar Stunden hinlegen und ausruhen, aber statt nach Hause zu gehen wird er erneut zu Staatsanwalt Swoboda gerufen.
»Wie weit sind Sie?« empfängt ihn der lange Hagere ungeduldig.
»Der Mord ist geklärt«, berichtet der Kripobeamte. »Wir haben uns die halbe Nacht die Kellnerin Maria noch einmal vorgenommen. Ohne Einschränkung hat sie gestanden, dem Bäckergesellen aus Hörigkeit vorsätzlich ein falsches Alibi gegeben zu haben.« Nach einer kurzen Pause fährt Molitor fort: »Er war in der Mordnacht nicht bei ihr. Maria hat ihrem Freund gedroht, heute bei der Polizei die Wahrheit auszusagen und dadurch den Selbstmord Walters ausgelöst.«
»Und wie hat dieser Scharlatan von diesen Vorgängen erfahren können?«
»Das weiß ich noch nicht«, antwortet der Erschöpfte. »Es grenzt wirklich an Hexerei.«
»Fallen Sie nicht auch noch auf diesen faulen Zauber herein«, brummelt Swoboda gereizt. Auch er müßte ins Bett. Sein erschreckend eingefallenes Gesicht ist grau, plissiert von einer schlaflosen Nacht; er gleicht einem Patienten, der Schwierigkeiten mit der Verdauung hat, aber nicht der Magen macht ihm zu schaffen, seit gestern abend spürt er seine Galle, übrigens zum ersten Mal.
»Ich muß Ihnen gestehen, Herr Staatsanwalt, daß mir jede natürliche Erklärung fehlt«, gesteht Molitor.
»Es muß sie aber geben«, entgegnet der Vorgesetzte gereizt und sieht einen Moment ins Leere. »Haben Sie die Uhrzeit zwischen dem Unfall und Hanussens Auftritt im Kursaal verglichen?«
»Das ist die einzige Abweichung«, erwidert der Kriminalbeamte: »Der Selbstmörder hat sich genau 13 Minuten vor Hanussens Direktschilderung vor den Zug geworfen.«
»Sie haben den Bäckergesellen überwachen lassen?«
»Ja«, antwortet Molitor. »Am Anfang nur aus Routine, wie die anderen potentiellen Täter, aber gestern nachmittag wurde seine Beschattung verschärft.« Er fängt Swobodas fragenden Blick auf. »Die Zeugin Maria hat sich so seltsam benommen – ich spürte, daß etwas faul sein mußte und das Alibi platzen würde.«
»Und der Bewacher hat geschlafen?«
»Keineswegs«, versetzt der Kriminalkommissar. »Aber es ist verdammt schwer, einen Verdächtigen auf freiem Feld zu verfolgen, ohne daß er es bemerkt. Kriminalobersekretär Slowik ist ein äußerst zuverlässiger Beamter, aber er mußte sich außer Sichtweite halten und dabei doch so in der Nähe des Beschatteten bleiben, daß der Kerl ihm nicht entschlüpfen konnte.«
»War er der erste, der den Selbstmord entdeckte?«
»Unmittelbar nach dem Lokomotivführer, gut dreißig Sekunden später.«
»Und 13 Minuten bevor dieser Scharlatan im Kursaal den Vorgang schilderte, als erlebte er ihn gleichzeitig.«
»Richtig«, bestätigt Molitor müde. »Es tut mir leid, aber es gibt einfach keine natürliche Erklärung …«
»Dann werde ich sie Ihnen geben«, entgegnet der Jurist grimmig. »Gestern nach der Vernehmung hat, wie auch immer, Hanussen aufgeschnappt, daß Sie den Bäckergesellen verdächtigen, und er witterte eine Chance, es vor Walters Verhaftung hinauszuposaunen. Vielleicht ließ er ihn selbst überwachen – oder aber Ihr vorzüglicher Slowik hat zuerst Hanussen verständigt statt uns – gegen eine entsprechende Summe natürlich.«
»Ausgeschlossen«, behauptet Molitor. »Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.«
»Dann eben ein anderer, der sofort nach dem Unfall ans Telefon gestürzt ist.«
»Unmöglich, Herr Staatsanwalt«, erwidert der Kripobeamte aufsässig. »Es ist ganz und gar ausgeschlossen, von der Unfallstelle in 13 Minuten an ein Telefon zu kommen.«
»Auch nicht mit einem Auto oder einem Motorrad?«
»Es wurde keines in der Nähe des Unfallorts gesehen. Ich habe mit mindestens einem Dutzend Zeugen gesprochen und einen in meiner langen Praxis seltenen Fall von Übereinstimmung erlebt.«
»Glauben Sie jetzt eigentlich auch schon an Hellseherei?« fragt Swoboda – er spuckt die Worte förmlich aus, und tatsächlich hängt ein Speicheltröpfchen an seinen Lippen. »Auf keinen Fall«, behauptet Molitor.
»Dann klären Sie die Vorgänge gefälligst auf«, befiehlt der Vertreter der Anklage die Quadratur des Kreises.
»Wenn Sie einen Hellseher suchen«, erwidert der Kriminalkommissar patzig, »dann müssen Sie sich an einen wenden, an Erik-Jan Hanussen, zum Beispiel, Herr Staatsanwalt.« Swobodas Gesicht läuft rot an, aber er beherrscht sich und bringt es sogar fertig, trocken zu lachen. »Entschuldigen Sie, Molitor«, zeigt er sich wieder umgänglich: »Ich zweifle weder an Ihrer Tüchtigkeit noch an Ihrem Eifer. Wenn einer mit dieser faulen Geschichte fertig wird, dann sind Sie es. Ich bin nur so durcheinander, weil ich beim Entschlüsseln der Zusammenhänge auch nicht weiterkomme als Sie – und dieser Halunke uns bei der Bevölkerung zum Gespött macht.« Er bietet dem Kommissar eine Zigarette an. »Bleiben Sie um Gottes willen am Ball. Es liegen längst Betrugsanzeigen vor. Recherchieren Sie, wer bei diesem Gauner noch in Privatbehandlung war, wem er gesundheitliche oder finanzielle Ratschläge erteilt hat und wer dadurch geschädigt worden ist. Sehen Sie zu, daß Sie noch ein paar Anzeigen bekommen. Kleinvieh macht auch Mist.« Er reicht Molitor die Hand. »Wenn das stimmt, was in diesem Käseblättchen steht, dann wird der Hellseher in der nächsten oder übernächsten Woche noch einmal in Teplitz-Schönau auftreten – bis dahin sollten Sie so weit sein. Wenn wir ihn nicht schleunigst entlarven, verwandelt er noch die ganze Gegend in ein Irrenhaus.«
»Ich tu’, was ich kann, Herr Dr. Swoboda«, verspricht der Kriminalbeamte.
Der Staatsanwalt nickt. »Verschaffen Sie mir die Spur eines Beweises, und ich garantiere Ihnen, daß ich beim Untersuchungsrichter einen Haftbefehl gegen diesen Hochstapler durchpeitschen werde.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr«, versetzt Molitor mit einem Anflug von Ironie. Statt sich auszuruhen, geht er zu seiner Dienststelle, um festzustellen, wer gestern nach der Vernehmung Marias nicht sofort nach Hause gegangen ist und womöglich bei einem Glas Bier aus der Schule geplaudert hat – und wer dabei zugehört haben könnte.
Der Fall erinnert den Kriminalisten an Hanussens Reklamegag bei der Nationalbank in Wien. Durch seine Verwandtschaft mit dem Tresor-Franzl damals lagen Vermutungen nahe, die rasch zu Indizien wurden, doch offiziell hat die Polizei in der Donaustadt die Manipulationen nie aufgeklärt, um sich nicht noch mehr verspotten zu lassen.
Aber Teplitz-Schönau ist nicht Wien.
6
Am 10. Februar kehrt Erik-Jan Hanussen als Triumphator zu einer Extravorstellung zurück. Sowie es sich herumgesprochen hat, reißt man sich um die Eintrittskarten. Der große Kursaal ist sofort ausverkauft. Unter der Hand werden horrende Angebote für die Billetts gemacht. Viele wollen den Mann mit den übersinnlichen Kräften ein zweites Mal erleben, obwohl sie wissen, daß er diesmal keinen Mord aufklären wird.
Eine verärgerte Polizei hat inzwischen etwas kleinlaut bestätigt, daß der Bäckergeselle Walter tatsächlich der Mörder vom Gänsemarkt gewesen war, aber Kriminalkommissar Molitor weist energisch darauf hin, daß der Mann, der sich vor den Zug geworfen hatte, längst der Hauptverdächtige der Polizei gewesen sei und unmittelbar vor seiner Verhaftung gestanden hätte. Das freilich halten die Teplitz-Schönauer für eine Schutzbehauptung, und die 13 Minuten Zeitdifferenz nehmen sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Die Polizei ist eben ein schlechter Verlierer.
Es gibt nur einen Gewinner: Erik-Jan Hanussen. Die Zeitungen in Prag, Berlin, Frankfurt, Wien und Zürich haben groß über den Fall ›Gänsemarkt‹ berichtet; die überseeischen folgen mit kurzer Verzögerung, überall wurden die Leser über das unerklärliche Ereignis von Teplitz-Schönau unterrichtet wie über ein achtes Weltwunder.
Wie üblich späht Hanussen vor seinem Auftritt durch einen Spalt des Bühnenvorhangs und mustert sein Publikum: In der vierten Reihe fällt ihm eine junge Frau mit dunkelblonden Haaren und rehbraunen Augen und einer winzigen, ein klein wenig nach oben gestülpten Nase auf. Sie trägt ihre Robe mit einer Eleganz, mit der man auf die Welt gekommen sein muß. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen, rassige Beine, herrliche Beine, Beine, an denen sich die Augen des Hauptakteurs festsaugen. Das gewisse Etwas hat sie genau im rechten Maß, weder führt sie ihre weiblichen Reize vor, noch unterschlägt sie diese.
»Wer ist das?« fragt er den neben ihm stehenden Sekretär Juhn.
»Die Baronin Panwitz. Allererste Gesellschaft. Ihr Mann bewirtschaftet in der Nähe ein Gut und …«
»Wird sie von ihm begleitet?« unterbricht Hanussen seinen. Dauer-Souffleur.
»Ich glaube nicht«, erwidert Juhn, »aber von einem Schwarm Bekannter.«
»Worauf wartest du noch?« fährt der Papier-Tscheche aus Wien seinen Adlatus an: »Ich möchte alles über sie wissen, und zwar schleunigst!«
»Jetzt?« fragt der Ex-Journalist ungläubig.
»Ja«, befiehlt Hanussen. »Eine solche Augenweide sieht man nicht alle Tage.«
»Mein Kompliment, Ihr Geschmack wäre nicht schlecht«, erwidert der Informant süffisant. »Schade um die Mühe«, setzt er hinzu, »diesmal hängen die Trauben verdammt hoch.«
Kurz nach 21 Uhr tritt der Mann im Frack ins Rampenlicht, verbeugt sich, umtost von Ovationen. Der schillernde Prophet muß in der letzten Zeit noch gewachsen sein, irgendwie wirkt er größer als bei seinem letzten Auftritt. Wieder holt er sich Leute aus dem Publikum, stellt sie zur Volksbelustigung bloß, seine unverschämte Selbstsicherheit vorführend wie einen dressierten Zirkusgaul.
Diesmal nimmt Kriminalkommissar Molitor mit zwei weiteren Kripobeamten an der Veranstaltung teil. Dienstlich. Obwohl inzwischen das Dossier auf seinem Schreibtisch beträchtlich angewachsen ist, beginnt der Beamte, den Bühnenzauber zu bewundern. Wie schnell er Zusammenhänge erfaßt, sich korrigiert, wenn er einmal auf dem Holzweg ist, einfach gekonnt. Fraglos ist Hanussen ein erstklassiger Artist, aber ein solcher hat auch die Gesetze zu befolgen und darf keine Gutgläubigen hereinlegen.
Kopfschüttelnd verfolgt der Kriminalist die Demonstrationen. Selbst wenn der Hellseher nur Ortsklatsch wiedergibt, die Art, wie er es tut, ist überzeugend. Keine Verwechslung, keine Unsicherheit, und, dessen ist sich der Mann mit den grauen Locken um die Stirnglatze ganz sicher, mit sehr viel Improvisation. Er ist schlagfertig, verfügt über eine intuitive Menschenkenntnis, errät sicher in einigen Fällen, was ihm die Versuchspersonen verschweigen wollen, verblüfft sie durch spontane Behauptungen, die immer ins Schwarze treffen.
Vielleicht gibt es Gedankenübertragung; Molitor hat erst vor kurzem einen Aufsatz darüber gelesen. Womöglich sind Ausnahmemenschen tatsächlich übersinnliche Kräfte zu eigen. Im deutschen Norden nennt man so etwas ›Spökenkieker‹, andernorts ›das zweite Gesicht. Aber ausgerechnet Hanussen, dieser schräge Vogel, soll der unerreichte Meister dieser wenigen sein? Vielleicht erläge auch Molitor dem Schauder vor dem Übersinnlichen, vor dem das Wissen eines aufgekärten Menschen mitunter kehrtmacht wie die Katze vor dem Hund – wenn da nicht der Akt auf seinem Schreibtisch läge, angefüllt mit teuer bezahlten Fehlleistungen, mit Anzeigen von Geschädigten, die sich nicht erklären können, wie Hanussen den Mord aufgeklärt hat, aber zu Papier geben, warum ihre Firma nach einer Konsultation bei dem berühmten Hellseher in Bedrängnis geriet und in einem Fall sogar in Konkurs gegangen ist.
Eine Stunde lang landet der Magier Schlag auf Schlag; alle sitzen, und nicht wenige unter der Gürtellinie. Die Zuschauer toben bis auf eine damenhafte Endzwanzigerin in der vierten Reihe. Hanussen hat ein Gespür für Menschen, empfindet den Widerstand, sieht in ein hochmütiges Gesicht voller Verachtung. Er weiß, daß die Baronin einer Gesellschaftsklasse angehört, die meistens nichts mit ihm zu tun haben will: alter Adel, blaues Blut, echter Geschmack, Rasse und Klasse – und er, einer aus der Hefe des Volkes, der von ganz unten kommt und seinen Frack uneleganter trägt als jeder Oberkellner im Luxusrestaurant. Die Ovationen nehmen kein Ende. Immer wieder wird der Magier vor den Vorhang gerufen, muß sich verbeugen. Aber trotz des riesigen Erfolges ist Hanussen mit dem Verlauf des Abends unzufrieden. Während er sich in seiner Garderobe abschminkt, läßt er sich von seinem Sekretär mit Details versorgen: »Verena von Panwitz, von ihren Freunden und Bekannten nur Jane genannt, 27 Jahre alt«, berichtet Adolf-Erich Juhn. »Sehr guter Ruf, keine Affären, seit sieben Jahren verheiratet, keine Kinder. Die Ehe scheint nicht sehr aufregend zu verlaufen, und …«
»Um wie viele Jahre älter ist der Baron?« unterbricht ihn Hanussen.
»Um 14 Jahre – sehr wohlhabend, früher ein ziemlicher Windhund«, feixt der Ex-Journalist, »jetzt aber bedeutend ruhiger geworden. Verena stammt zwar aus einer Familie mit Namen, aber sie ist durch Krieg und Inflation verarmt.« »Wie sieht denn der Herr Gemahl aus?« fragt der Spiritist. »Wie ein Baron in einem UFA-Schinken«, antwortet der wendige Sekretär: »Sehr vornehm und leicht vertrottelt. Wenn Sie Ihr Glück versuchen wollen«, setzt Juhn hinzu, und die Schadenfreude läuft ihm wie Sirup über das Gesicht. »Die Baronin sitzt mit ihrer Gesellschaft im Vorraum an der Bar und lästert über Sie.«
»Hol sie her!« befiehlt der Illusionist. »Lade sie ein.«
»Sie wird nicht kommen«, versetzt der Ex-Journalist.
»Sie wird kommen«, fährt Hanussen seinen Adlatus an wie eine Versuchsperson.
Der Mann geht, stößt am Gang auf den Impresario und tippt sich mit dem Finger an die Stirn.
»Hat er wieder seinen Rappel?« fragt der Manager.
»Ja«, erwidert Juhn. »Aber diesmal, verlaß dich drauf, diesmal trägt auch er den Hintern zu tief unten.«
Die kleine Bar ist vollbesetzt mit Zuschauern, die den Abend noch einmal durchgehen und von Hanussen in den höchsten Tönen schwärmen. In ihrer Mitte die junge Baronin. Sie hat wieder die Beine übereinandergeschlagen, raucht aus einer langen Zigarettenspitze, schüttelt den Kopf und lächelt spöttisch und zeigt dabei herrliche Zähne.
»Nein«, sagt sie. »Ich war mal in München auf dem Oktoberfest. Eine Schaubude zeigte als Attraktion das Zersägen einer lebenden Jungfrau in zwei Teile. Ein Spiegeltrick, raffiniert gemacht. Ohne Blutvergießen. Zum Schluß zeigte sich die Zweigeteilte im hübschen Goldlamétrikot als ›one piece‹ auf der Bühne. Und dieser Illusionist arbeitet garantiert mit ähnlichen Gaukeleien.«
»Aber ohne Spiegeltrick, Jane«, erwiderte der dicke Bier-Graf an ihrer Seite.
»Dann eben mit anderen«, versetzt Verena Panwitz. »Ihr könnt euch ja von ihm Hörner aufsetzen lassen«, fährt sie mit angenehmer Stimme fort. »Ich interessiere mich weder für Kartenschlägerei noch für Stühlerücken. Weisheiten aus dem Kaffeesatz lassen mich kalt, die Voraussagen der Sterndeuter werfe ich in den Papierkorb.« Die Baronin pudert sich die Nase und sieht im Schminkspiegel, wie Adolf-Erich Juhn versucht, sich an sie heranzudrängen. »Verzeihung, Frau Baronin. Juhn, mein Name. Ich bin der Privatsekretär von Herrn Hanussen«, stellt er sich vor. »Herr Hanussen würde sich freuen, wenn Sie ihm Gelegenheit gäben, Ihnen in einer kleinen Sonderdemonstration seine hellseherische Fähigkeit vorzuführen.«
»Ach nein«, versetzt die Baronin Panwitz, »sogar nach Feierabend?«
»Herr Hanussen möchte Ihnen Ihre Skepsis nehmen«, erwidert der Sekretär. »Es wird nicht lange dauern.«
»Er wird es nicht schaffen.«
»Das käme auf einen Versuch an.«
»Und meinen Sie«, entgegnet die Baronin mit verengten Augen, »er ruft, und ich folge ihm auf Pfiff?«
»Sei nicht dumm, Jane«, mischt sich der Bier-Graf ein. »Was meinst du, was unsereiner für so eine Einladung geben würde?«
»Du kannst ihn ja auslachen«, sagt ein anderer Umsitzender. »Ja, mach ihn doch fertig – wir sind alle gespannt, ob du das schaffst, Jane.«
»Ihr seid verrückt«, entgegnet die Baronin. Schließlich steht sie doch auf und folgt dem Sekretär. »In drei Minuten bin ich zurück«, behauptet sie. »Und bis dahin hab’ ich diesen Scharlatan auf Null gebracht.«
Der Sekretär geht voraus, geleitet die Baronin beflissen zu seinem Meister, klopft an, öffnet die Garderobentür. Er verschwindet mit einer Verbeugung. Erst als sie Juhns Gesicht nicht mehr sehen kann, setzt sich der Hohn in seinen Mundwinkeln fest: Diesmal ist er der Prophet. Bei Verena von Panwitz wird Hanussen ausrutschen wie der Esel auf dem Eis.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau«, empfängt sie der abgeschminkte Magier und beugt sich über Janes Hand. »Ich muß einfach mit Ihnen sprechen.«
»Warum?«
»Ich spürte den ganzen Abend Ihren Widerstand«, erklärt er. »Sie hätten mich beinahe aus der Fassung gebracht.«
»Das bedauere ich außerordentlich«, spöttelt die Baronin.
»Es stört mich, wenn die schönste Dame im Saal auch die ablehnendste ist.«
»Ich habe meinen Eintritt bezahlt«, kontert sie die Huldigung, »und damit wären wohl unsere beiderseitigen Beziehungen erschöpft. Was ich von Ihren Darbietungen halte, ist meine Privatsache. Und jetzt kann ich wohl gehen.« »Bleiben Sie, Baronin«, bittet Hanussen und schiebt ihr den Sessel zu. »Ich möchte doch einen Versuch machen, Sie umzustimmen.«
»Gut. Fangen Sie an«, erwidert sie lustlos.
»Sie sind 27 Jahre alt. Sie sind mit einem Mann verheiratet, den Sie nicht lieben. Es ist der Baron Panwitz. Sie haben keine Kinder, und Sie wünschen sich auch keine. Sie spielen gerne Tennis. Sie lieben den Foxtrott. Aber Sie gelten nicht ganz zu Unrecht als ein wenig kalt. Sie müssen mich unterbrechen, gnädige Frau, wenn etwas nicht stimmt.«
»Es stimmt fast alles«, entgegnet die Baronin. »Ihre Detektive haben gut gearbeitet.«
»Mein Detektiv ist mein Kopf.«
»Und Ihr Geschäft ist die Dummheit der Menschen, der Größenwahn, der Hokuspokus! Es wäre nichts dagegen zu sagen, wenn Sie hier offen als Zauberkünstler, als Illusionist auftreten würden, wenn Sie vor die Leute hingehen und sagen würden: ›Alles, was Sie hier sehen, ist Fingerfertigkeit, Geschicklichkeit, Trick. Amüsieren Sie sich gut, aber lassen Sie sich nicht beeindrucken!‹«
»Wenn es aber keine Tricks sind?«
»Es ist sinnlos, daß wir uns darüber unterhalten«, erwidert die Baronin. »Ich weiß überhaupt nicht, was Sie von mir wollen. Es waren ja genug Gutgläubige da. Sie können mit dem Ergebnis dieses Abends durchaus zufrieden sein. Aber mich werden Sie nicht in die Schar Ihrer Mitläufer einreihen; ich bin ein aufgeklärter Mensch …«
»Das denken Sie, Madame«, erwidert Hanussen. Er steht auf. Er sieht ihr in die Augen, als ob er sie hypnotisieren wolle; er beugt sich zu ihr herab.
»Ich will Ihnen etwas sagen, Baronin. Ich werde Ihnen etwas prophezeien. Ich werde Ihnen beweisen, daß ich nicht mit Tricks arbeite. Die Kosten des Beweises werden auf Ihre Rechnung gehen. Sehen Sie mich an, Madame. Sehen Sie die schwarzen, geölten Haare mit dem geradegezogenen Scheitel? Sehen Sie die gelbe Haut des Gesichts? Spüren Sie den Tabakatem? Können Sie sich vorstellen, daß Sie sich in mich verlieben würden?«
»Wirklich nicht«, entgegnet die Baronin zwischen Spott und Zorn. »Vielleicht sind Sie nur betrunken – ich hoffe das für Sie. Andernfalls wären Sie verrückt.«
»Sie werden meine Geliebte werden. Sie werden Ihren Mann verlassen. Sie werden mir nach Berlin folgen. Wir werden eine herrliche Zeit verleben. Ein Leben in Saus und Braus. Kurze Tage und lange Nächte mit heißen Küssen und stürmischen Umarmungen. Aber die Zeit des Glücks wird knapp bemessen sein. Erik-Jan Hanussen, der größte Hellseher seinerZeit, ist nicht nur für eine Frau geschaffen.« Die Baronin in der Garderobe starrt den Wahrsager an wie ein Fabeltier. Sie weiß nicht, ob sie jetzt Reißaus nehmen oder das Monster erschlagen soll. Sein Blick wird zwingend. Seine Augen glühen. Verena möchte sich abwenden, sie schafft es nicht. Aber sie ist keine Frau, der man mit solchen Mätzchen imponieren kann, sie ist die Baronin Panwitz.
»Sie werden die Hölle auf Erden haben«, fährt der Magier fort. »Ich werde Sie betrügen. Ich werde Sie verlassen. Gehen Sie, Madame! Gehen Sie, so schnell Sie können! Versuchen Sie einer Prophezeiung Hanussens zu entkommen! Versuchen Sie es doch! Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei, ich, der Mann, der nur Unglück in Ihr Leben bringen wird. Hören Sie, ich, der Hellseher Hanussen, wünsche Ihnen Glück!«
Er ist noch blasser geworden. Er richtet sich wieder auf. An seiner Stirn treten die Adern wie Schnüre hervor. Er spricht wie im Fieber, wie in Trance. Seine Augen erschrecken die Baronin Panwitz. Sie treten groß hervor, sind leicht verdreht. Der Gaukler sieht aus wie das Opfer in einem Stummfilm, unmittelbar vor seiner Ermordung. Aber die Zeit der Stummfilme ist vorbei; es werden gerade die ersten Versuche mit Tonfilmen angestellt.
»Hören Sie auf mit Ihrer Kaschemmenkunst!« erwidert die Baronin. Ihre Stimme wirkt unsicher. Beim Versuch aufzustehen kommt sie nicht gleich hoch.
»Eines Tages wird man mich beerdigen. Man wird mich wie einen Hund einscharren. Es werden vier Totengräber da sein. Sie werden sich Witze erzählen. Witze über mich. In den Zeitungen wird kein Wort stehen, daß Hanussen gestorben ist. Der große Hanussen! Der Nostradamus des 20. Jahrhunderts! Ein einziger Mensch wird am Grabe stehen. Eine dunkelblonde Frau, deren Lebensglück Hanussen zerstört hat. Die einzige Frau, die an seinem Grab weinen wird. Gehen Sie, Madame – retten Sie sich und mich.«
Der Magier erwacht aus seiner Trance. Fast verwundert sieht er sich ein paar Sekunden in der Garderobe um. Jetzt erst bemerkt er, daß der Sessel leer ist.
Die Baronin ist geflüchtet. Mit großer Anstrengung. Hanussen atmet stoßweise. Er trinkt ein Glas Wasser, wischt sich den Schweiß vom Gesicht. Er merkt, daß auch sein Hemd durchschwitzt ist, will es wechseln.
Da wird an seiner Garderobentür angeklopft. Einen unsinnigen Moment lang hofft Hanussen, daß die Baronin zurückgekommen ist.
Aber in der Tür steht keine Frau, sondern ein Mann, und der Eintretende ist nicht zierlich, sondern ziemlich korpulent.
»Hermann Steinschneider?« sagt er.
»Ich heiße Erick-Jan Hanussen«, fährt ihn der Hellseher verärgert an.
»Ich bin Kriminalkommissar Molitor«, antwortet der Beamte, während sich seine beiden Helfer in den Raum schieben. »Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie.«
»Ha – Ha – Haft-befehl?«
»Wegen Betrugs in mehreren Fällen«, erklärt der Mann mit dem Lockenkranz. Er lächelt. »Warum sind Sie so verdutzt? Das kann Sie doch nicht überraschen«, setzt er hinzu, »nicht als Täter. Und schon gar nicht als Hellseher.« Er nickt seinen beiden Begleitern zu. »Ich denke, es ist auch in Ihrem Interesse, kein Aufsehen zu erregen, Herr Steinschneider.«
Hanussen geht wie geschoben.
Er ist überrumpelt, verstört. Er glaubt an einen Spuk, an einen Irrtum, der in ein paar Minuten aufgeklärt sein wird, aber da versagt seine Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, zum zweiten Mal.
Pulsuz fraqment bitdi.