Kitabı oxu: «Inferno. Finale - Tatsachenroman»
Will Berthold
Inferno. Finale - Tatsachenroman
Saga
Inferno. Finale - TatsachenromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1984, 2020 Will Berthold und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726444674
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Die verratene Armee
Manche singen noch, den meisten ist es längst vergangen. Ihre Gesichter sind verbrannt, rotgerändert ihre Augen; sie haben sich Taschentücher um den Mund gebunden und schlucken doch pausenlos Staub. Das in ihren Feldflaschen schwappende Wasser ist eine widerwärtige und dennoch kostbare Brühe, denn die Russen haben auf dem Rückzug die wenigen Wasserstellen verseucht. Tag für Tag und Stunde um Stunde schleppen sich die Infanteristen über das verdorrte Gras, Richtung Osten, einem Horizont entgegen, der mit ihnen wandert, vorbei an frisch ausgehobenen Soldatengräbern und ausgebrannten Panzerwracks. Ihre Gedanken veröden in der weglosen Steppe, ihre Augen trocknen aus. Sie stolpern vorwärts wie einst Xenophons Griechen, und die Wolga ist ihr »Thalatta«.
Der lange Metschke, der Läusetöter, kratzt sich nicht mehr. Dem Gefreiten Staudigel, den sie Schweinigel nennen, gehen die Zoten aus. Der kleine Grigoleit kann sich nur noch gebückt anschieben. Der stille Lipsky schnauft wie eine Dampflokomotive, und Pranner, der bewährte Minnesänger, gibt nicht einmal mehr in den kurzen Marschpausen damit an, wie viele Tatjanas, Olgas, Katjas und Marussjas er in Stalingrad aufreißen wird, wo es Hunderte von Beizen und Nahkampfdielen geben soll.
Der sture Ondruschka, ein breitschultriger, breitbeiniger Breslauer, knallt mit dem Gesicht ungebremst in einen Haufen Pferdescheiße. Er rappelt sich wütend hoch, Gaulsmist und Fuhrmannsflüche spuckend. Keiner lacht mehr, jedem ist das schon passiert, und keiner kann sich mehr wundern, daß ihm in dieser alles verdunstenden Hitzehölle noch das Wasser im Arsch kocht, wie es die Kasernenhofschreier in der Heimat angedroht hatten.
Kein Lufthauch rührt sich. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Die vormals motorisierten Verbände der 6. Armee – sie hatten bei Dünkirchen die Briten ins Meer geworfen und später die Ukraine erobert – sind im Hochsommer 1942 auf rund 250 000 Hafermotoren angewiesen, auf belgische Kaltblüter und kleine russische Panjepferdchen, die mit ihren Äpfeln den Weg markieren. Von den Rotarmisten ist nichts zu sehen; sie weichen zurück, planmäßig und geordnet. Die Angreifer stoßen fast immer ins Leere, sie erbeuten Land, aber keine Ausrüstung, keine Panzer, keine Geschütze. Stalin hat für diesen Sommer eine elastische Kriegsführung propagiert und setzt die Weite und Tiefe des Raumes bewußt als Waffe ein. Die Front im Osten reicht nunmehr vom Eismeer bis zum Kaukasus, das entspricht annähernd der Entfernung von Frankfurt nach New York, doch die dezimierten deutschen Einheiten rücken weiter vor, abgekämpft, ausgelaugt, erschöpft. Tag für Tag und Schritt für Schritt ziehen Mensch und Kreatur durch die Kalmückensteppe in die längste und blutigste Schlacht der Militärgeschichte.
»Kurze Marschpause!« ruft Oberleutnant Pletzko; seine sonst so forsche Stimme klingt jetzt auch nur noch piano.
Einige seiner Leute lassen sich einfach umfallen; andere versuchen sich mit den Zeltplanen gegen die stechende Sonne abzuschirmen und greifen dann nach der Zigarette, die wie Stroh brennt.
»Pfui Teufel«, schimpft Pranner, »in diesem Scheißland verdunstet auch noch der Tabak.«
Er betrachtet Metschke, den Lulatsch, der wieder anfängt, sich mit beiden Händen zu kratzen. Fast jeder holt sich hier früher oder später Läuse, aber der geplagte Mecklenburger muß für das Ungeziefer eine wahre Delikatesse sein – sein Körper ist von oben bis unten rot von Läusebissen und Kratzwunden.
»Die Sache ist die«, doziert der kleine Grigoleit, im Zivilberuf Schulmeister, wieder einmal, »unser Kumpel hat auch noch Kopfläuse. Und fragt mich nicht, wie die sich vermehren: Ein Weibchen bringt in acht Wochen fünftausend Nachkömmlinge zur Welt, eine ganze Plantage, ein einziges Weibchen.«
»Halt’s Maul, Arschpauker!« schimpft der Lange.
»Und diese Biester sind unheimlich resistent«, fährt der kleine Grigoleit ungeniert fort. »Die wechseln die Farbe je nach Ernährer: Bei den Chinesen sind sie gelb, bei den Eskimos weiß und bei den Negern schwarz.«
»Und beim langen Metschke vollzählig«, albert Pranner. »Der hat noch mehr zu bieten als Kopf- und Kleiderläuse, ich glaub’, der hat sogar noch Sackratten.«
»Matrosen am Mast?« blödelt Staudigel interessiert.
»Hoffentlich hat er nicht das Cuprex ausgesoffen«, unkt Ondruschka.
Der Lulatsch verstärkt stumm seine Abwehrbewegungen. Er ist verseucht von oben bis unten, die Haut gerötet von winzigen Bißwunden. Trotzdem rücken die Kumpels nicht von ihm ab, seitdem sich das Gerücht verbreitet hat, sein Blut wirke so anziehend auf das Geschmeiß, daß die eigenen Untermieter auf ihn überspringen würden.
»Wie weit ist es denn noch bis Stalingrad, Herr Oberleutnant?« riskiert Lipsky eine Lippe.
»Ganz nah, Mann«, behauptet der Offiziert. »Ich riech’ schon die Wolga.«
»Ich riech’ bloß, daß die Kameraden stinken wie die Waldesel«, murmelt Pranner, der Minnesänger.
Was sich Bataillon nennt, ist höchstens noch eine Kompanie, verstärkt durch einige Gebirgsjäger, die auf dem Vormarsch zum Kuban-Knie ihren Haufen verloren haben und jetzt bei der 29. motorisierten Division mithumpeln. Die Kampfwagen, über die die eigentliche Eliteeinheit noch verfügt, sind vorne an der Spitze. In großem Abstand folgen die Fußlappengeschwader mit ihren Pferdewagen, beladen mit Munition, Proviant und maroden Infanteristen, die, Blasen an den Füßen, Wolf zwischen den Arschbacken, selbst angetrieben nicht mehr laufen können.
»Du hast’s gut«, giftet Staudigel den grinsenden Obergefreiten Schiller an, der zwischen Benzinkanistern und Tubenkäse gewissermaßen erster Klasse in den Angriff rollt; der Berliner hat die landesüblichen Leiden auf einmal und dazu noch eine fiebrige Sommergrippe.
»Ooch keen Vergnügen«, brummelt der Patient. »Hab’ ständig die ollen Blechdinger im Kreuz.«
»Die Prinzessin auf der Erbse«, albert Ondruschka.
Schiller sieht sich nach allen Seiten um. »Looft ja alles janz jut«, sagt er, »aber unsere Panzer sind viel zu weit vorne, was machen wa, wenn der Iwan aus der Flanke angreift?«
»Du betest, und wir schießen«, erwidert Pranner, der Minnesänger. »Mal sehen, wer’s weiterbringt.«
»Außerdem sichern an den Seitenflügeln rumänische und ungarische Einheiten«, schaltet sich Pletzko ein. »Ganze Divisionen.«
»Aber die Rumänen und Ungarn sind doch Erbfeinde, Herr Oberleutnant«, macht sich Grigoleit, der Arschpauker, wieder wichtig.
»Deshalb wurden ja Italiener zwischen die feindlichen Balkanbrüder als Friedensstifter geschoben«, erläutert der Offizier.
»Um Gottes willen«, entgegnet Staudigel. »Die Itaker haben doch mehr Gitarren dabei als Maschinengewehre.«
»Gitarren klingen auch besser«, stellt Lipsky fest, aber er kommt nicht weit mit seinen musikalischen Vergleichen.
»Ich halt’ das nicht mehr aus«, schimpft Metschke und wälzt sich im Gras, als könnte er das Ungeziefer mit seinem Körpergewicht zermalmen.
»Reißen Sie sich am Riemen, Mann!« tröstet Oberleutnant Pletzko. »In ein paar Tagen sind wir in Stalingrad, und da gibt es sicher ’ne prächtige Entlausungsstation.«
»In ein paar Wochen vielleicht«, brummelt Pranner. »Bis dahin haben die Biester den armen Hund aufgefressen.«
»Wenn wir am Ziel sind, lass’ ich Sie ins Lazarett schaffen«, verspricht der provisorische Bataillonskommandeur. »Sind wir mit den verdammten Iwans fertig geworden, werden wir schließlich ihre Ableger auch noch schaffen.«
Pletzko sieht mechanisch zum Horizont: Riesige Staubsäulen markieren den deutschen Vormarsch nach Stalingrad, aber was jetzt aus dem Süden auf sie zukommt, sieht beinahe wie ein Sandsturm aus.
»Achtung!« brüllt der Oberleutnant. »An die Spritzen, Männer!
Die meisten haben bereits ohne Kommando reagiert. Hier in diesem gottverlassenen Land muß man auf alles gefaßt sein. Die deutschen Panzerspitzen sind weit voraus, zwischen den seitlichen Sicherungen klaffen gewaltige Lücken. Die Fußlappengeschwader können nicht rasch genug aufrücken. Und überall lauern auch noch Partisanen.
»Erst schießen, wenn ich es befehle«, sagt der Kompaniechef und preßt das Glas an die Augen. »Laßt sie ruhig herankommen.«
Die Nachbareinheit feuert bereits, aber Oberleutnant Pletzko wartet, bis sich die Konturen der Angreifer aus den Staubwolken abzeichnen. Sie kommen aus der Sonne, sie kleben wie verwachsen auf den Pferderücken, ihre Säbel blitzen. Ein irrsinniges Bild: die Attacke einer Kosakenschwadron mitten in die Läufe deutscher MGs und Kanonenmündungen. Im ersten Moment fürchten die Infanteristen eine Ausgeburt der Hitze, eine Fata Morgana. Dann hören sie das Wiehern der Pferde, den gedämpften Rythmus der Hufe und nehmen die herangaloppierenden Selbstmörder ins Visier.
Ondruschka zieht den Schaft seines MGs tief in die Schulter. Lipsky, sein Schütze eins, versucht in die Erde zu schlüpfen wie ein Regenwurm.
»Die sind so wahnsinnig wie die Polacken anno neununddreißig«, ruft Pranner und nimmt Maß. »Feuer frei!« befiehlt Oberleutnant Pletzko.
Die ersten Garben fetzen in die vordere Reihe, mähen Reiter und Pferde nieder, aber die ihnen folgenden Kosaken stürmen stur weiter in den Tod, keine Schwadron mehr, eine ganze Brigade jetzt. Es ist, als würden sich die toten Reiter und die zerfetzten Pferde von der Walstatt erheben und erneut zum Sturm antreten, sie kommen immer näher heran, wie die Reiter des Dschingis-Khan, die mit ihren Krummsäbeln die modernen MG 42 vernichten wollen.
Die Artillerie, offensichtlich durch Sprechfunk alarmiert, greift ein. Bereits die ersten Salven liegen gut. Die nächsten krepieren mitten in den Reihen der Verwegenen. Pferde brüllen. Menschen schreien. 100 Meter vor dem dezimierten Bataillon bricht die erste Attacke zusammen, wälzen sich Menschen und Tiere im Knäuel auf der trockenen Erde, die das Blut sofort aufsaugt.
Die Verschnaufpause ist kurz und trügerisch. Neue Reiterverbände preschen heran, teilen sich. Während das Gros die Infanteristen frontal attackiert, versuchen die anderen Reiterscharen über die Flanken in den Rücken der Deutschen zu gelangen. Trotz furchtbarer Verluste kommen sie heran, bis auf 70, 80 Meter, aber das ist noch lange keine Säbeldistanz. Aus den Augenwinkeln beobachtet Metschke, wie sich sein Kumpel Schiller, das heulende Elend, hochrappeln will. »Bleib liegen, du Armleuchter!« ruft er ihm zu. »Das schaffen wir auch ohne dich.« Er nimmt einen Zielwechsel um 180 Grad vor, die Kosaken reiten jetzt gegen die Sonne, greifen die ungeschützte Stellung von hinten an.
Das MG fetzt die vorderen Angreifer vom Pferderücken. Die Tiere wiehern, galoppieren weiter, von Furien gejagt, mit verdrehten Augen. Einen Moment lang herrscht wildes Durcheinander, es kommt zu Nahkämpfen, dann bekommen Pletzkos Männer die Situation wieder in den Griff – aber ausgerechnet Schiller, der auf dem Fuhrwerk zu pomadig nach seinem Karabiner gegriffen hatte, ist durch einen Säbelhieb der Kopf gespalten worden.
»Los«, befiehlt der Oberleutnant. »Stilles Vaterunser. Eingraben. Mit Beeilung. Wir müssen weiter.«
Einer bricht die Erkennungsmarke des Berliners auseinander. Der Staubboden bietet keinen Widerstand. Auf das Birkenkreuz müssen sie verzichten. Sie markieren das Grab mit dem Stahlhelm des Gefallenen. Während das stille Vaterunser laut wird, weil einige noch oder wieder richtig beten können, überlagern dünne Pistolenschüsse das dumpfe Gemurmel: Ondruschka und Staudigel erschießen die verwundeten Pferde.
»Mensch«, sagt der sture Ostpreuße und zeigt auf eine nur leicht verwundete Stute. »Die hat nur einen Streifschuß.« Er hilft dem verstörten Tier auf die zitternden Beine. »Die nehm’ ich mit.« Er streichelt die struppige Mähne. »Wie heißt du denn?«
»Blödmann«, krakeelt Staudigel, »was soll denn der Quatsch?«
»Ich nenn’ dich einfach Paula«, fährt der sture Tierfreund fort. »Und wenn wir erst mal in diesem Scheiß-Stalingrad sind, kriegste Hafer und Würfelzucker, so viel du willst.«
»Fertigmachen zum Abmarsch!« befiehlt Oberleutnant Pletzko, und Ondruschka hängt das Kosakenpferd an das Heck des Panje-Fuhrwerks, das um die Last des gefallenen Obergefreiten Schiller leichter geworden ist.
Mit gesenkten Köpfen, gleichermaßen gequält von der Hitze, trotten Menschen und Tiere in Richtung Wolga, vorbei an Pferdekadavern, an toten und sterbenden Kosaken in verrenkten Stellungen. Myriaden von Fliegen, die den Abend nicht abwarten, lassen sich auf ihnen nieder.
»Los, Beeilung!« treibt Pletzko seine Leute an.
Ein brutheißer Sommer war im Osten einem katastrophalen Winter gefolgt. Seit dem 28. Mai 1942 hatten die deutschen Divisionen wieder angegriffen und waren bei Charkow mitten in einen sowjetischen Gegenangriff gestoßen. Die Blitzkriegtechnik hatte sich noch einmal durchsetzen können. Die Sowjets mußten gewaltige Verluste an Menschen und Material hinnehmen.
Ungeduldig wartete Hitler auf die Eroberung der Halbinsel Krim. Generalfeldmarschall von Manstein belagerte die Festung Sewastopol. Die Erbitterung und der Todesmut, mit dem die Russen Fort um Fort verteidigten, ließen darauf schließen, daß sie mit den Rotarmisten des Vorjahrs nicht mehr zu vergleichen waren. Sewastopol mußte förmlich in Stücke geschossen werden. Ende Juni meldete zum Beispiel das Artillerieregiment 22 den Abschuß der hunderttausendsten Granate.
Trotzdem kamen die Belagerer nur schrittweise voran. Deutsche Artillerie setzte 2 200 Kilo schwere Betongranaten ein, die aus dem Lauf eines 61,5-cm-Mörser-Monsters kamen. Das größte Kaliber hatte der »Schwere Gustav«, ein Ungeheuer, das auf 60 Eisenbahnwagen herantransportiert und zusammenmontiert worden war. Das Rekordgeschütz konnte aus einem 32,5 Meter langen Rohr 5-Tonnen-Granaten fast 50 Kilometer weit feuern, 3 Schuß pro Stunde. Über 4000 Artilleristen waren nötig, das auf zwei Doppelgleisen angefahrene Ungeheuer zu bedienen und zu warten. Mit einer Granate hatte der »Schwere Gustav«, offiziell »Dora« genannt, einen 30 Meter unter der Erde lagernden Munitionsbunker in die Luft gejagt.
Am 2. Juli fiel der sowjetische Brückenkopf Sewastopol und damit die stärkste Festung der Welt: 90 000 Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. Tausende von Gefallenen lagen auf der Walstatt. Die Eroberer erbeuteten 467 Geschütze, 758 Granatwerfer und 155 Paks. Die ganze Krim war nunmehr in deutscher Hand, womit die Südflanke zunächst als abgesichert galt. Nach der ersten Juliwoche hatten die Invasoren die Sowjets zwischen Don und Donez zurückgedrängt. Das Gros der deutschen Angriffsspitzen näherte sich Anfang August von Norden, Süden und Westen Kaiatsch, hinter dem die 100 Kilometer tiefe Kalmückensteppe liegt.
Ein ideales Gelände für Panzerverbände, für schnelle Vorstöße und Durchbrüche, für Zangenbewegungen großen Stils nach bewährtem Blitzkriegmuster. Aber Hitlers Weisung Nummer 45 vom 23. Juli 1942 hatte die durch Verluste längst halbierte Heeresgruppe Süd noch einmal geteilt und massive Panzerverbände für den Sturm auf die Ölfelder Transkaukasiens abgezweigt.
Die motorisierten Einheiten des Generalobersten Friedrich Paulus – dessen 6. Armee nunmehr das Gros der Heeresgruppe B stellte, während die abgezogene Heeresgruppe A über Rostow weiter nach Südosten vorstieß – mußten ihre Spritreserven für die abenteuerliche Operation abgeben und wurden auf den Nachschub vertröstet.
Aber selbst noch die nunmehr gevierteilte Heeresgruppe Süd mußte einen weiteren Aderlaß hinnehmen. Der Vorstoß zu den Ölfeldern setzte voraus, daß zuvor der Kaukasus erobert wurde. Mitten in der Schlacht zog Hitler 5 Divisionen und den Generalfeldmarschall Erich von Manstein zur Belagerung Leningrads ab. Als die Anglo-Kanadier einen verunglückten Vorstoß nach Dieppe wagten, verlegte der Führer und Oberste Feldherr, eine Invasion am Kanal befürchtend, zwei weitere Elitepanzerdivisionen nach Westen: die »Leibstandarte« und »Großdeutschland«.
Die überdehnte Front stellte die Versorgungseinheiten vor unlösbare Probleme. Die Schienenstränge waren hoffnungslos verstopft, durch einen 2000 Kilometer langen Stau, der bis nach Schlesien reichte; und hier, in Feindesland, waren Munition, Proviant und Post gestrandet und kamen verspätet oder überhaupt nicht in die täglich voraneilende Hauptkampflinie.
Die Partisanen waren jetzt weit mehr als eine Plage und ein Störfaktor; sie stellten eine ernsthafte Bedrohung dar. Ihre Anführer, trainiert und mit Haß munitioniert, wurden aus Sowjetflugzeugen abgesetzt und mit Vollmachten über Leben und Tod ausgestattet. Flugzeuge der plötzlich unglaublich erstarkten sowjetischen Luftflotte warfen laufend Waffen, Munition und Proviant ab.
Auf endlosen, nur notdürftig abzuschirmenden Gleisanlagen und auf abgelegenen Stützpunkten kam es nunmehr in jeder Woche zu etwa 200 Anschlägen, die mit furchtbarer Härte vergolten wurden: Für einen deutschen Soldaten hängte man zehn russische Partisanen – oder was die örtlichen Jagdkommandos für solche erklärten, Männer wie Frauen. Und für zehn hingerichtete Partisanen metzelten die plötzlich auftauchenden Untergrundgruppen wiederum eine Vielzahl deutscher Soldaten nieder.
Gefangene wurden nicht gemacht. Auf keiner Seite. Eine einfache Erschießung oder Erhängung war für die Todeskandidaten noch ein Glücksfall. Oft wurden Überfallene mit ausgestochenen Augen, abgeschnittenen Nasen und dem Geschlechtsteil im Mund aufgefunden. Ein schweinischer Krieg uferte in die letzte Gemeinheit aus, wobei keine Seite der anderen etwas schuldig blieb.
Selbst Zivilisten, die Stalin bisher feindlich gegenübergestanden hatten, schlossen sich jetzt den Untergrundverbänden an. In der Ukraine wiederum gab es bunt zusammengewürfelte Einheiten, die unter Anführung von Priestern gleichermaßen die feldgrauen Besatzer wie die kommunistischen Partisanen angriffen. Mord, Folter und Verstümmelung tobten sich über Tausende von Kilometern aus. Jagdverbände wie die Brigade Dirlewanger, ein Haufen Krimineller ohne Eid und ohne Sold, töteten, was ihnen vor die Gewehrläufe kam. Und die Partisanen schlugen genau so erbarmungslos zurück. Es schien, als wäre es Stalin und Hitler in gemeinsamer Anstrengung gelungen, Gott abzuschaffen.
Die bei Beginn der Sommeroffensive 800 Kilometer lange Südfront war dabei, eine Ausdehnung von mehr als 4000 Kilometern zu erreichen, weil Hitler die Ölgebiete um Baku und Tiflis und die Wolga-Metropole Stalingrad gleichzeitig erobern wollte. Dazu hätte er nach Meinung von Experten mindestens doppelt so viele Soldaten, dreimal so viele Panzer und viermal so viele Flugzeuge benötigt, und dazu noch den Treibstoff, der erst am Kaspischen Meer erobert werden sollte. Zwar hatten inzwischen die Angriffsspitzen im äußersten Süden die Ölfelder von Maikop genommen, aber sie waren zuvor von der Roten Armee unbrauchbar gemacht worden.
Der Vorstoß nach Asien – bei gleichzeitigem Angriff auf Stalingrad – war überstürzt und wahnwitzig: Zur Orientierung des Generalstabs über den Kaukasus diente zum Beispiel eine Straßenkarte aus dem Jahre 1926. Hitlers Generäle warnten; sie taten es verhalten, halbherzig. Wenn sie sich doch ermannten, wurden sie abgelöst, wie zum Beispiel der Generaloberst Franz Halder. Der Diktator tat Einwände mit der Behauptung ab, die Generalstäbe neigten grundsätzlich dazu, den Feind zu überschätzen.
Der Mann, der sich im Reichsrundfunk als den »Größten Feldherrn aller Zeiten« feiern ließ, – was ihm hinter seinem Rücken den Spottnamen »Gröfaz« einbrachte –, war, nach dem winterlichen Fiasko vor Moskau, berauscht von seinen Sommersiegen und bereit, alle Fehler des Vorjahres zu wiederholen; er hatte den Bezug zur Wirklichkeit verloren.
»Wer ihn dennoch auf sie hinzuweisen wagte«, stellt Raymond Cartier fest, »mußte dies teuer bezahlen. Anfang September war ein General seines Kommandos enthoben worden, weil er die Ansicht vertreten hatte, der Vormarsch dürfe nur noch in begrenztem Maße fortgesetzt werden. Ein zweiter General, der für den Entlassenen eingetreten war, fiel ebenfalls in Ungnade. Der erste General war Generalfeldmarschall List, der zweite Generaloberst Jodl. Nach seiner Rückkehr von einem Auftrag im Hauptquartier der Heeresgruppe A hatte Jodl die Kühnheit besessen, Hitler ins Gesicht zu sagen, daß die Fehler, die er List zuschreibe, in Wahrheit nur die Folge von Befehlen seien, die er, Hitler, selbst erteilt habe. Der Führer bebte vor Wut. Stundenlang lief er ziellos im Wald von Winniza umher. Fortan verzichtete er darauf, seine Mahlzeiten gemeinsam mit seinen Generälen einzunehmen.«
Ohne Vorstellung von den tatsächlichen Frontbedingungen bewegte er auf den Generalstabskarten Verbände hin und her, die fast nur noch nominell bestanden. Er hatte vorübergehend sein Hauptquartier von der Wolfsschanze in Ostpreußen nach Winniza in der Ukraine verlegt, weit abgelegen von den Kämpfen. Nicht ein einziges Mal wird er während des ganzen Ostfeldzuges seine Soldaten an der Front besuchen. Was dort geschieht, läßt er sich von den zur Verleihung hoher Auszeichnungen in das Führerhauptquartier befohlenen Offizieren und Soldaten berichten. Sie erscheinen entwanzt, entlaust, frisch gebadet, sie riechen nicht mehr übel und erscheinen mit frischgeschnittenen Haaren in sauberen Uniformen, um das Ritterkreuz in Empfang zu nehmen – und so stellt sich der Diktator seine Kämpfer in der vordersten Linie vor.
Er starrt fasziniert auf die Karte: Alles will er gleichzeitig, das Öl, die Wolga und ihre Metropole, die früher Zarizyn hieß und der nach Stalins siegreicher Schlacht gegen die Weiße Armee sein Name verliehen worden war.
Die Industrieanlagen im Norden der aufstrebenden Stadt zogen sich 50 Kilometer an der Wolga entlang. Aus dem Stahlwerk »Roter Oktober«, dem Geschützwerk »Barrikade«, der Traktorenfabrik »Dserschinskij« kamen jeder zweite T 34, jeder zweite Traktor, den die Sowjetunion produzierte, sowie Gewehre, Mörser, Granaten, Katjuschas, wie die Stalin-Orgeln offiziell hießen. Die Werktätigen in den Fabriken waren als Milizionäre an der Waffe ausgebildet und von Politkommissaren politisch ausgerichtet.
In der rauchigen, verdreckten Industriestadt lebten über eine halbe Million Menschen. Quartiere der Arbeiter lagen in über 300 Wohnblöcken – die höchstens sechs Stockwerke erreichten –, die Räume zwischen den Wohnmaschinen wurden durch Parkanlagen aufgelockert. Für russische Verhältnisse galt die Metropole an der Wolga als eine aufstrebende Stadt mit Kinos, Theater, Zirkus, Schulen und dem Warenhaus »Univermag«. Die riesigen, auf der Wolga angelandeten Getreidemengen wurden in mächtigen Zementsilos gehortet.
Die Altstadt lag im Süden, wo sich die Geschäfte befanden, der Bahnhof und die Clubtreffpunkte wie das »Haus des Eisenbahners« oder das »Haus der Spezialisten«. Das Gesicht Stalingrads blickte zur Wolga, der Rücken der Industriestadt war der Steppe zugewandt. Die Metropole erreichte nur eine Breite von 3 Kilometern. Es gab keine Brücken zum Ostufer der Wolga; Fähren besorgten über Inseln das Übersetzen. Den Stadtkern bildete der Rote Platz. Die Zariza, ein Flüßchen, hatte tiefe Schluchten und Senken in das Weichbild gegraben.
Rings um die Stadt waren von der Roten Armee und von dienstverpflichteten Zivilisten – unter ihnen viele Frauen – provisorische Befestigungen gebaut worden. Stalin, Hitlers Pendant, der die STAWKA genauso beherrschte wie der braune Diktator das OKW, hatte nunmehr die Parole ausgegeben, daß Stalingrad um jeden Preis verteidigt werden müsse. Die Parole lautete: »Halten oder sterben.« Die elastische sowjetische Kriegsführung des Sommers 1942 endete an der Wolga und im Kaukasus.
Während sich die 6. Armee an Stalingrad herankämpfte, hatten Geländeschwierigkeiten, hartnäckiger Widerstand und Versorgungsengpässe den deutschen Vormarsch 60 Kilometer vor Baku zum Stehen gebracht. Die Angreifer mußten zur Verteidigung übergehen.
An der Eroberung der Sowjetunion nahmen nunmehr 264 Divisionen teil, 196 deutsche und 68 rumänische, italienische, ungarische und slowakische Divisionen auf einer 4000 km langen Front, die niemals ganz geschlossen werden konnte. Abschnitte, zu deren Streckensicherung eine ganze Division notwendig gewesen wäre, waren oft nur von einer einzigen Kompanie besetzt. Riesige Gebiete konnten überhaupt nur durch Spähtrupps kontrolliert werden. Wenn Gefahr im Verzug war, zog man einfach anderswo Alarmeinheiten ab und warf sie in die Bresche. Trotz ihrer Millionenzahl verloren sich die ausgedünnten deutschen Truppen in Rußlands riesigen Weiten.
Die Angriffe lebten von der Improvisation, von der Hand in den Mund. Die Kampfkraft war wie ein Hemd, das an allen Ecken und Enden zu kurz war; zog man es an einer Stelle in die Länge, deckte es an anderer die Blöße auf. Es war zu erwarten, daß die Sowjets, sowie sie sich gefangen hatten, in die Weichteile vorstoßen würden. Inzwischen führten russische Militärs, die das Siegen gelernt hatten. Die alten Revolutionsgeneräle – unter dem Zarenregiment oft nur Wachtmeister oder Unteroffiziere – hatte Stalin in die Wüste geschickt. Jüngere Truppenführer waren nachgerückt, die die deutsche Blitzkriegtechnik sorgfältig analysiert hatten. Sie waren in der Lage, ihr wirksam zu begegnen, und bald auch imstande, sie selbst anzuwenden.
Während die Siegesmeldungen der extremen deutschen Kriegsführung in den Äther hinausgeschmettert wurden, hatte sich bereits die Wende angebahnt: Im Norden konnte Leningrad trotz aller Anstrengungen nicht genommen werden. Im Mittelabschnitt stand die Wehrmacht in schweren Abwehrkämpfen gegen die Sowjets, die nach Schätzung von »Fremde Heere Ost« – die man Hitler zunächst nicht vorzulegen wagte – auf 790 Divisionen angewachsen waren. Zu ihrer Kampfstärke trug auch entscheidend bei, daß sich jetzt die amerikanischen Hilfslieferungen an »Uncle Joe’s« Truppen auswirkten. Vom Oktober 1941 bis zum Juni 1942 hatten die USA den Russen 1 285 Flugzeuge, 2 249 Panzer, über 8 000 Maschinengewehre, fast 40 000 LKWs und 30 Millionen Kilo Sprengstoff übergeben. Es war nur eine Vorleistung; die tatsächlichen Hilfslieferungen würden bald ein Mehrfaches erreichen. Die Sowjets forderten, und die Amerikaner zahlten – um ihre problematischen Bundesgenossen vor dem Ruin zu bewahren, machten sie aus ihnen eine Weltmacht.
Der Bewegungskrieg großen Stils tobte nur noch an der zweigeteilten Südfront Rußlands. Am 27. Juli 1942 fiel Rostow, einen Tag später erreichte die 6. Armee den Don westlich Stalingrads. Am 9. August eroberte die Heeresgruppe A die unbrauchbaren Ölfelder von Maikop. Die 4. Panzerarmee erhielt von dem Hasardeur in Winniza den Befehl, nach Norden in Richtung Stalingrad abzudrehen. Vier Tage später eroberte sie Elista in der Kalmückensteppe.
Im Kaukasus kam Hitler der Vormarsch nach Baku zu langsam voran; er übernahm – anstelle des abgelösten Generalfeldmarschalls List – selbst den Oberbefehl über die Heeresgruppe A, aber die Panzer mit dem Balkenkreuz blieben, aufgehalten von hartnäckigem Widerstand, liegen. Geländeschwierigkeiten und Versorgungsengpässe ließen 60 Kilometer vor Baku am Kaspischen Meer den Angriff endgültig zusammenbrechen. Der Traum des Gefreiten aus dem Ersten Weltkrieg und des Obersten deutschen Befehlshabers im Zweiten, über den Iran in östlicher Richtung nach Indien und südwestlich in den Vorderen Orient, womöglich bis Kairo vorzustoßen, war endgültig ausgeträumt. Hitler vergaß auch seine Feststellung, daß er ohne das kaukasische Öl den Krieg nicht mehr gewinnen könne, und flog von Winniza in sein ostpreußisches Hauptquartier Wolfsschanze zurück.
Am 7. August hatte die 6. Armee bei Kalatsch einen Brükkenkopf am Don gebildet. Westlich der Stadt kam es zu einer vier Tage anhaltenden Schlacht. Die erschöpfte, abgekämpfte Truppe stand sie mit Bravour durch. Ihre soldatischen Tugenden waren exemplarisch, aber gerade diese beispiellose Leistungskraft, die die Welt entsetzte und die sie bewunderte, führte sie letztlich in die Katastrophe.
Am 19. August befahl Generaloberst Paulus seiner 6. Armee, Stalingrad konzentrisch anzugreifen. Die Wolgametropole, über die ihr Namensgeber sechs Tage später den Belagerungszustand verhängte, sollte in südlicher und nördlicher Umklammerung genommen werden.
Vermutlich hatte Generaloberst Paulus seine Bedenken, sein Ehrgeiz jedoch war größer und seine Ergebenheit dem Diktator gegenüber grenzenlos. Für den zweiundfünfzigjährigen, hochgewachsenen Generalstabsoffizier mit dem verschlossenen Gesicht war die 6. Armee das erste Truppenkommando. Der frühere Oberquartiermeister im OKH war ein Mann nach Hitlers Geschmack; als Sohn eines mittleren Beamten provozierte er nicht den Minderwertigkeitskomplex, den der Braunauer gegenüber den blaublütigen Trägern großer Namen hatte. Paulus sollte später den in Ungnade gefallenen Generalobersten Alfred Jodl als Chef des Wehrmachtsführungsstabes ablösen, aber zunächst einmal wurde er in Stalingrad benötigt.
Am 23. August erreichte gegen Mitternacht die 16. Panzerdivision die Umgebung von Stalingrad. Die 3. Infanteriedivision humpelte fast 20 Kilometer hinter der Panzerspitze her. Die 60. Infanteriedivision lag überhaupt fest, aber die Verbände, unter ihnen die 29. Division – wie zum Hohn eine motorisierte Infanteriedivision genannt –, versuchten aufzuschließen. Nach der Blitzkriegrezeptur würden die Marschierer ohnedies als letzte an den Feind geraten: Erst Kampfflugzeuge, dann Panzer und dann die Infanterie – so hatte es immer geklappt.