Kitabı oxu: «Nach mir komm ich»
Will Berthold
Nach mir komm ich
Roman
Originalausgabe
SAGA Egmont
Nach mir komm ich
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1990 by Heyne Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711726983
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Erster teil
I
Ausgerechnet in diesen strahlenden Maitag platzt der erste Anschlag aus dem Hinterhalt, aber Henry Kamossa, den Aufsteiger ohnegleichen, reißt die Bedrohung aus dem Untergrund nicht von den Beinen. Seit langem gewohnt, in schwindelnden Höhen ohne Absturz zu operieren, ist er viel zu selbstherrlich, um sich bedrängt zu fühlen. Er hat seine Mitwisser in der Hand und seine Feinde im Griff. Der Machtmensch und Multimillionär kennt keine Ängste, wiewohl er fürchten muß, daß seine sorgfältig zubetonierte Vergangenheit eines Tages aufbrechen könnte wie ein Geschwür.
Kamossa betritt in bester Laune kurz vor neun Uhr die Terrasse seiner ›Residenza Fortuna‹; sie liegt unterhalb des Monte Verità, direkt über dem Lago Maggiore wie eine Festung über Ascona, dem St. Tropez der Schweiz. Die Sonne ist längst über den Gambarogno geklettert, und Kamossa starrt wie blind in ihren Glutkopf. Er ist kein Romantiker, aber einen Moment lang wird selbst er vom Zauber dieses Tages überwältigt.
Der Frühling auf dem Triumphzug hat über Nacht seinen Blumenfeldzug auf der Alpensüdseite gewonnen und Blüten wie Herzen geöffnet. Rhododendron und Azaleen überziehen die Hänge und Promenaden mit fantastischen Farben. Die Palmen recken ihre Kronen sehnsüchtig in die Sonne und unterhalten sich nach Art der Klapperstörche. Das Blau des Himmels spiegelt sich auf dem See. Es ist einer dieser Bilderbuchtage, an denen Zerstrittene wieder nett zueinander sind, Alte sich jung und Kranke sich wohl fühlen und tote Ehen sich vorübergehend wiederbeleben.
Kamossa, dieser notorische Drahtzieher hinter den Kulissen, betrachtet die Boote mit den weißen Segeln unter sich. Es sieht aus, als putze sich der See mit Einstecktüchern heraus. Der Multi-Unternehmer – man sieht ihm seine 65 Jahre nicht an – ist an den internationalen Treffpunkten der Schickeria gleichermaßen zu Hause wie an den wichtigsten Finanzplätzen. Er hat Besitzungen in Marbella, Monte Carlo, St. Moritz, auf den Bahamas und in Florida, hält sich aber vorwiegend in Ascona auf. Dabei nimmt der Tessin, an der Steuerersparnis gemessen, nur einen mittleren Rang in der Schweiz ein, die eine bekannte St. Gallener Wirtschaftsprofessorin bezichtigt, ›das Sparschwein korrupter Diktatoren‹ zu sein.
Henry Kamossa war gestern spätabends mit der selbst pilotierten Cessna von der Côte d’Azur nach Locarno-Magadino geflogen. Er hatte in Monte Carlo eine seiner Holdings auf Trab gebracht, in Nizza Gespräche mit dem Spitzenmanager seiner Bank geführt und war dann so nebenbei mit dessen Freundin, einer kleinen Französin, verschwunden und hatte sich mit ihr für ein paar Tage in einem Liebesnest bei Cannes verkrochen. Jedenfalls war er unerreichbar. Trotz vorrückenden Alters gilt der Wirtschafts-Potentat noch immer als ein Mann, der eine Gelegenheit eher herbeiführt als sie ausläßt. Ob die Rolle des unverwüstlichen Schwerenöters echt oder nur vorgetäuscht ist, weiß keiner genau. Zuzutrauen ist ihm alles. Jedenfalls werden seine Geschäftsfreunde und Rivalen immer unruhig, wenn Gerüchte umgehen, Kamossa sei mit einer Schönen untergetaucht. Zu oft hatten sich die angeblichen Abwege als Umwege zu einem neuen Geniestreich an der Börse erwiesen. Ein Mann wie Kamossa macht eben alles zu Geld, selbst seinen schlechten Ruf.
Wenn von den Heroen des nun schon Jahrzehnte zurückliegenden deutschen Wunders die Rede ist, wird der hochgewachsene Mann mit dem straffen Gesicht, den harten Augen und den dichten Haaren stets in eine Reihe mit Grundig, Horten, Schickedanz, Schlieker, Neckermann, Körber und anderen Titanen gestellt; er genießt diesen Nimbus, wiewohl einige der Genannten längst milde oder wilde Titanenstürze hinter sich haben. Das Wirtschaftsimperium Kamossas erreicht in diesem Frühling seine höchste Expansion. Es ist das Jahr, in dem Boris Becker seinen ersten Wimbledon-Sieg erringt, der Flick-Konzern an die deutsche Bank verkauft wird, der Bonner Regierungssprecher wegen Steuerhinterziehung zurücktreten muß, im Fernsehen die ›Schwarzwaldklinik‹ ihre Pforten öffnet, in Wackersdorf die Massendemonstrationen gegen die Wiederaufbereitungsanlage beginnen.
»Frühstücken wir zusammen, Henry?« ruft ihm Iris von oben aus ihrem Schlafzimmer zu. Er winkt hinauf. »Und zwar auf der Terrasse bitte«, erwidert er.
»Ich bin gleich fertig«, entgegnet sie. »Ich spring nur noch mal schnell ins Wasser.«
In der Wohnhalle klingelt das Telefon. Budde, der Intimus des Hausherrn, nimmt das Gespräch entgegen. »Moment, Herr Konsul«, antwortet er dem Anrufer. »Ich weiß nicht, ob Herr Kamossa schon aufgestanden ist.« Er geht auf die Terrasse. »Henry«, fragt er halblaut, »bist du für Kronwein zu sprechen?«
Der Hausherr zögert kurz und nickt dann verdrossen. Wenn ihn der Verleger um diese Zeit anruft, handelt es sich vermutlich um Wichtigeres als um die Einladung zu einer Cocktailparty. »Hallo«, meldet er sich und drückt vorsorglich auf den Knopf des Aufzeichnungsgeräts, gewohnt, wichtige Gespräche auf Tonband mitzuschneiden.
»Guten Morgen, Herr Kamossa – und entschuldigen Sie bitte die Unzeit, zu der ich Sie störe«, meldet sich der Inhaber des Kronwein-Buchverlags, der auch Zeitschriften unterschiedlichen Niveaus herausbringt. »Aber ich muß Sie so schnell wie möglich sprechen.«
»Ich komme gerade von der Côte d’Azur zurück und bin leider zeitlich sehr im Druck«, wehrt Kamossa den Geschäftspartner ab. Seine Firmen inserieren häufig in den Kronwein-Blättern, und ihre Geschäftsführer sorgen dann dafür, daß im Textteil bestimmte Meldungen erscheinen – und andere in den Papierkorb fliegen.
»Kann ich mir denken«, versetzt der Anrufer beflissen. »Ich fasse mich kurz: Meinem Lektorat wurde soeben ein Manuskript angeboten, bei dem es sich um eine Art unautorisierter Kamossa-Biographie handelt – eine recht einseitige und verzerrte Darstellung. Sicherlich liegt es in Ihrem Interesse, daß das Machwerk nicht als Buch und womöglich gar als Vorabdruck in einer dieser obskuren Zeitschriften herauskommt.«
»Ach wissen Sie, über mich wird so viel geschrieben, daß es mir eigentlich schon gleichgültig ist«, behauptet der Angerufene betont gelassen. »Letztlich ist ja doch alles nur Reklame.«
»In diesem Fall aber eine verdammt schlechte«, versetzt der Verleger, bestrebt, sich seine Verärgerung über die Herunterspielung nicht anmerken zu lassen. »Ich hab zwar erst ein Teilmanuskript in Händen, aber es läßt sich jetzt schon absehen, daß es sich um ein bestürzendes, giftiges Geschreibsel aus Halbwahrheiten, Klatsch und Sex-Geschichten handelt.« Er dämpft ein wenig die Stimme: »Darunter gestreut vielleicht auch echte Tatsachen. Jedenfalls«, fährt er hastig fort, »ich hab das Manuskript gelesen und …«
»Sie?« unterbricht ihn der Geldmagnat lachend. »Dabei ist doch hinreichend bekannt, daß Sie noch nie ein Werk gelesen haben, das in Ihrem geschätzten Verlag herauskommt.«
»Branchengeschwätz«, erwidert der Geltungs-Konsul gereizt. »Barer Unsinn. Wie stellen Sie sich das vor – alljährlich erscheinen in meinem Haus sechzig bis siebzig Titel und …«
»Trotzdem halte ich das Gerücht für gar nicht so abwegig«, kontert Kamossa genüßlich. »Ein Bestattungsunternehmer verkauft schließlich auch Tausende von Särgen, bevor er selbst einen benötigt.«
Der Verleger aus München lacht gezwungen. »Bewahren Sie sich Ihren sonnigen Humor, Herr Kamossa!«
»Ich will’s versuchen. Jedenfalls bin ich Ihnen dankbar für Ihre Mitteilung.«
»Ich fürchte, daß Sie die Situation unterschätzen, Herr Kamossa«, entgegnet der Verleger. »Selbstverständlich kann ich den Autor für eine Weile hinhalten und später sein Meisterwerk ablehnen. Aber dann geht der Mann zum nächsten Verleger, zum übernächsten und so weiter, bis er einen findet, der das Geschäft machen will oder unter Umständen nicht so gut auf Sie zu sprechen ist, und dann erscheint das Pamphlet, womöglich in Massenauflage – und Sie wissen ja selbst, daß bei solchen – solchen Schweinereien immer etwas hängenbleibt.«
»Gleich kommen mir die Tränen«, spottet Kamossa.
Durch die Panoramascheibe sieht er Iris mit federnden Schritten auf den Swimmingpool zugehen. Die ehemalige ›Miß Austria‹ bietet einen hinreißenden Anblick, sogar für den eigenen Mann. Mit dem weißen Badeanzug und der gebräunten Haut gleicht sie eher einer ›Miß Italia‹. Prächtig gewachsen zeigt sie – wie die Regenbogenpresse immer wieder beteuert – eine Traumfigur. In diesem Fall stimmt das Klischee sogar.
»Entschuldigung«, sagt der Bedrohte nach kurzer Pause. »Wo waren wir stehengeblieben? Wer ist eigentlich der Autor?« fragt er dann so nebensächlich, als gähne er dabei.
»Offensichtlich ein Nobody«, antwortet Kronwein. »Sein Name ist mir im Moment entfallen, aber auch in meinem Lektorat hat ihn bislang noch keiner gehört. Es kann sich dabei natürlich auch um das Pseudonym eines Insiders handeln oder das eines gefeuerten Mitarbeiters, der sich an Ihnen rächen will. Wenn Sie das Manuskript lesen, kommen Sie vielleicht von selbst auf den Urheber. Ich bin gern bereit, es Ihnen – natürlich streng vertraulich – zu zeigen.«
»Danke«, versetzt Kamossa. »Ich ruf Sie an, sobald ich hier mit der Arbeit aus dem Gröbsten heraus bin.«
Er legt auf und sieht einen Moment lang ins Leere. Er kennt Kronwein gut, zu gut, schon seit seinen Gründerjahren. Das übrige besorgt Asconas Gerüchteküche. Jedermann weiß, daß der Verleger ein Masochist ist, der mit seiner Frau Carlotta (ihrer roten Haare wegen ›La Carota‹ genannt) in einer Schlangengrube lebt. Der Mann versucht der Mitinhaberin seines Verlags so oft wie möglich zu entkommen, um sich bei anderen Damen vom Schmerzgenuß zu erholen oder neuen zu suchen. Nach seiner Rückkehr wird ihm dann die haßgeliebte Dompteuse die spitzen Stöckelschuhe wieder in den Körper rammen. Diese Details sind beliebter Gesprächsstoff unter den Beautiful people der schönen Halbinsel. Aber Kamossa interessieren mehr die geschäftlichen Machenschaften des Titular-Konsuls. Der Wirtschaftsmagnat sammelt Informationen über seine Partner, Gegner und Mitarbeiter wie andere Briefmarken oder Münzen, und so traut er dem Verleger so ziemlich alles zu.
Die ›Residenza Fortuna‹ ist umgeben von einem großen Areal mit eigenem Tennisplatz neben dem Swimmingpool, dazu ein Indoorbecken, ein Fitneßraum und eine Squashhalle. Etwas unterhalb des Hauptgebäudes befindet sich das Gästehaus und auf der anderen Seite über den Garagen ein komfortabler Trakt für die Mitarbeiter, die der Konzernherr ständig um sich haben will: Neben Budde, seinem Groß-Wesir, bewohnen die luxuriösen Apartments der Pilot Robeller, Patrick, der Benjamin der Kamossa-Söhne, vorwiegend als Sparringspartner beim Sport und als Laufbursche in der Firma beschäftigt, und Schmeißer, ein gerissener Privatdetektiv, der bei dem Chef der Unternehmensgruppe in Vollbeschäftigung steht.
Iris sieht, daß ihr Mann auf die Terrasse zurückgekehrt ist, und klettert aus dem Schwimmbecken, schlüpft in hochhackige Schuhe. »Ärger, Henry?« ruft sie schon von weitem.
»Geschäfte«, erwidert er. Ihr Erscheinen regeneriert seine Laune.
Sie nähert sich ihm lächelnd, strahlt ihn mit ihren dunklen Augen an, schüttelt die schwarze Haarpracht, rankt an ihm empor, küßt ihn wie Katharina Howard, die sechste und letzte Gemahlin den englischen König Heinrich VIII., die einzige, die der Blaubart nach Meinung der Historiker wirklich geliebt hat – was sie vor späterer Enthauptung nicht bewahren konnte.
Eine Umarmung lang spürt Kamossa ein Gefühl von Besitzerstoiz und Eifersucht. Iris ist die erste Frau, die seine Selbstherrlichkeit dämpft und seine Überlegenheit einschränkt. Die ehemalige ›Miß Austria‹ und stellvertretende ›Miß Europa‹ – es hatte damals bei der Wahl einen Aufruhr gegeben, weil das Publikum sie als Erste sehen wollte – ist mehr als eine prächtige Vorzeigefrau, bewundert von vielen, vorwiegend Männern, vom Pubertätsjüngling bis zum Lustgreis. Die gebürtige Wienerin muß die erste seiner Frauen sein, die Kamossa wirklich etwas bedeutet; er spürt es gerade dann am meisten, wenn er sie hintergangen hat. Es geschieht immer seltener, vielleicht liegt es an ihrer Persönlichkeit – attraktiv waren alle seine Ehefrauen gewesen – oder an seinen Jahren.
Kamossa brauchte lange, um die Umschwärmte für sich zu gewinnen. Realist, der er ist, gestand er sich hinterher ein, Iris vor vier Jahren eher gekauft als erobert zu haben. Es lag nicht nur daran, daß der erhebliche Altersunterschied seinen Preis forderte. Der schönen Iris war von mindestens einem halben Dutzend anderer Nabobs eine Sofort-Ehe angeboten worden. Kamossa hatte zunächst nicht mithalten können, weil Mable, seine vierte – amerikanische – Ehefrau, sich hartnäckig geweigert hatte, nach zwanzig Jahren in eine endgültige Trennung einzuwilligen. Während einer über zwölf Monate dauernden Schlammschlacht mußte er bangen, Iris könnte sich für einen jüngeren – und trotzdem wohlhabenden – Kandidaten entscheiden. Schließlich schaffte er gegen eine Fünf-Millionen-Abfindung eine blutige Scheidung: sie machte Iris nicht nur zur liebsten, sondern auch teuersten seiner Ehefrauen.
»Du wirst jeden Tag schöner«, stellt er am Frühstückstisch fest.
»Und du immer galanter«, gibt Iris zurück »Wenigstens mit Worten.«
»Unzufrieden?«
»Allerdings.« Sie geht zum Angriff über. »Ich nehme es künftig nicht mehr hin, daß du dich tagelang irgendwo herumtreibst, ohne daß ich weiß, wo genau du dich in dieser Zeit aufhältst. Seit zwei Tagen habe ich in unserem Haus im Cap d’Antibes und im Hotel angerufen. Zuletzt sogar bei der Bank in Nizza. Ich konnte nicht erfahren, wo du bist und stand da wie ein depperter Dotsch’n.«
Immer wenn sie in ihren heimischen Dialekt fällt, ist sie wirklich zornig.
»Tut mir leid, Iris«, beteuert der Großunternehmer und tätschelt ihr begütigend die Hand.
»Deine Geschäftsfreunde haben immer wieder bei mir angerufen. Sie wollten dich dringend sprechen. Micha war nicht da, und ich, deine Frau, mußte ihnen sagen, daß ich nicht weiß, wo du steckst.« Sie schiebt seine Hand weg. »Ich bin 34 Jahre jünger als du und …«
»Dreiunddreißigeinhalb«, verbessert er sie.
»… stand da wie eine betrogene Ehefrau und mußte Erklärungen stottern, auf die sich jeder Anrufer seinen Vers machen konnte. Und dann kommst du unangemeldet mitten in der Nacht, stürmst mein Schlafzimmer wie Attila, der Hunnenkönig – eine Stunde, nachdem ich meine Schlaftablette genommen hatte – und erwartest von mir prompte Liebesbereitschaft.«
»Entschuldige, Iris – es war wirklich eine Ausnahme.«
»Denk an unsere Krise im zweiten Ehejahr! Seinerzeit, als ich auf Schritt und Tritt von deinen Kontrollschranzen überwacht wurde. Als ich fast schon fürchten mußte, daß du in irgendeinem arabischen Land auch noch Eunuchen aufkaufen könntest, hab ich dir gedroht, dich zu verlassen. Es war mir ernst damit, Henry. Du erinnerst dich doch noch?«
»Sei vernünftig, Iris!« versucht Kamossa sie zu besänftigen. »Du hast das in den falschen Hals bekommen. Ich geb’ ja zu, daß für dich die Situation ziemlich peinlich war. Für meine Geschäfte war sie außerordentlich wichtig. Ich mußte ausgebuffte Konkurrenten austricksen. Um sie zu bluffen, war es nötig, für ein paar Tage für Gott und die Welt – und auch für meine geliebte Frau – unerreichbar zu sein.«
»Warum hast du dann nicht wenigstens deine geliebte Frau vor dem Abflug in Nizza angerufen?«
»Ich hatte zunächst keine Starterlaubnis und bekam sie dann ganz plötzlich. Trotzdem«, gesteht er ein, »ein schlimmes Versäumnis. Aber ich habe das Geschäft des Jahres gemacht.«
»Und das hast du nötig – Geldverdienen! Das ist bei dir schon zur Neurose geworden.«
»Mag sein«, antwortet Kamossa. »Aber es ist mein Leben.«
»Dein Leben ist, daß du am Leben vorbeigehst«, giftet Iris.
»Und du wirst eines Tages davon den Vorteil haben«, entgegnet der Hochgewachsene gereizt.
»Wie schön!« antwortet Iris. In ihren Augen sprühen Funken. Die Grübchen an den Mundwinkeln tänzeln. »Soll das heißen, daß du immer noch mehr Vermögen zusammenraffst, um es mir eines Tages zu vererben?« fragt sie den Mann, der sein eigenes Tabu verletzt hat: Er kann es auf den Tod nicht ausstehen, an den Tod zu denken oder über ihn zu sprechen.
»So war es nicht gemeint …«
»Ich bin nicht so besitzgierig, wie du offensichtlich annimmst. Ich möchte dir helfen, dein – dein Ableben in – in weiteste Ferne zu rücken«, erwidert die Ex-Schönheitskönigin. »Ich möchte noch lange etwas von dir haben.« Sie spürt seinen Blick. »Weil wir nun schon beim Thema sind: Professor Kleiber hat bereits zweimal moniert, daß du dich bei ihm nicht sehen läßt. Wann fährst du endlich nach Wiesbaden zur diesjährigen Generaluntersuchung?«
»Dieser Quacksalber!« kontert der Selbstherrliche. »Ich fühle mich pudelwohl.«
»Du sollst dich ja auch nicht ansehen lassen, weil du krank bist, sondern weil du gesund bleiben sollst.«
»Der alte Grams, dessen Unternehmen ich gerade gekauft habe – das steckte hinter meinem Ausflug an die Côte d’A-zur –, verbrachte vier Wochen in einem berühmten Sanatorium. Die Ärzte machten ihm vor dem Abschied am letzten Tag noch ein Elektrokardiogramm und versicherten ihm nach der Auswertung des EKG, daß er mit diesem Herzen mindestens noch zwanzig Jahre lang leben könne. Einen Tag später ist er dann gestorben. Am Herzinfarkt.« Er lacht trocken »Was nützt also die ganze Vorsorge?«
»Zumindest beruhigt sie die Nerven«, entgegnet Iris. »Und die Angehörigen.«
»Gesundheit ist Charaktersache«, albert der Mann mit dem glatten Teint, der leichten Hakennase und dem mächtigen Kinn.
Iris weiß, daß er mit den Ärzten umgeht wie mit seinen Angestellten: Eröffnet ihm ein Mediziner einen Befund, der ihm nicht paßt, geht er zum nächsten Weißkittel und erzählt ihm prompt, warum er den Vorgänger wechselte.
»Meinst du denn, daß meine Kräfte nachlassen?«
»Das nicht«, entgegnet Iris und setzt anzüglich hinzu: »Bestimmt nicht die Manneskräfte.«
»Na, also.« Kamossa lächelt geschmeichelt. Er zieht die junge Frau an sich, streichelt sie mit kundigen Händen, spürt das Verlangen wie eine Stichflamme. Er hebt sie hoch und versucht die fuchtelnd um sich Schlagende ins Haus zu tragen.
»Nicht jetzt«, sagt Iris und strampelt sich frei. »Und nicht hier.«
»Wann dann?« fragt er keuchend.
»Wenn ich bereit bin, dir dein Verhalten zu verzeihen«, entgegnet sie lächelnd. »Und dann an jedem Ort, wo du es wünschst.« Sie sieht auf die Uhr. »Entschuldige Henry, ich bin beim Coiffeur angemeldet.«
Kamossa gelingt es nur mit Mühe, eine Verärgerung hinunterzuschlucken, wie sie nahezu alle Männer spüren, wenn ihr Spontanverlangen abgelehnt wird.
Budde, der Freund und Vertraute des Hausherrn, hat von seinem Arbeitszimmer im ersten Stock aus unfreiwillig die Szene verfolgt und dabei festgestellt, daß sich Henry wieder einmal zum Narren macht. Er konnte Kamossas Rolle als unaufhaltsamer Macho nie etwas abgewinnen, aber der Allgewaltige, jenseits der besten Jahre, der von seiner viel zu jungen Frau zunehmend beherrscht wird, gefällt ihm noch weniger.
König Salomon, der Weise, hat sich in alttestamentarischen Zeiten im hohen Alter blutjunge Mädchen ins Bett geholt, um sich durch ihren Atem verjüngen zu lassen. Obwohl nicht überliefert ist, ob die Prozedur geholfen hat, wird sie seitdem von weit weniger salomonischen Männern häufig angewandt.
Budde nimmt Zeitungen und Briefe vom Schreibtisch und geht nach unten. Er hat eine fast lautlose Art, sich zu bewegen. Seine mittlere Statur ist eigentlich das einzig Durchschnittliche an ihm. Schon auf den ersten Blick wirkt er wie ein Mann, der mehr denkt, als er spricht. Der 45jährige hat eine hohe Stirn, dichte Augenbrauen in einem straffen Gesicht mit einem knappen Mund. Auffallend sind seine Augen mit ihrer fast suggestiven Kraft. Der promovierte Volkswirt – mit Ausbildung in London und New York – wirkt gewandt und sportiv, ein Mann, wie er Frauen gefällt, ihnen aber nicht nachläuft. Nach seinem ersten Eheflop vor Jahren ist er dem schönen Geschlecht gegenüber kritisch, zudem fehlt ihm auch die Zeit für Affären. Verheiratet ist er allenfalls mit Kamossas Lebenswerk, und zwar monogam. Als Groß-Wesir dieses Titanen unterzeichnet er Schecks bis zu einer halben Million ohne Rücksprache und trifft auf eigene Faust heikle Vereinbarungen, die vom Konzernchef hinterher ausnahmslos abgesegnet werden. Seit vielen Jahren rätselt die Branche, was die beiden Männer miteinander verbinden könnte. Echte Freundschaft traut man dem Top-Aufsteiger so wenig zu wie familiäre Bande zu seinen Söhnen und seiner Tochter. Daß Kamossa mit Leuten arbeitet, die ihm ergeben sein müssen, weil er zuviel über sie weiß und sie dadurch beherrscht, ist allgemein bekannt.
»Hast du Zeit für mich, Henry?« fragt der Stellvertreter und weist auf einen Berg Zeitungen. »Nur die ›Süddeutsche‹ und die Frankfurter« bringen erste Meldungen über deinen Grams-Coup, versehen sie aber noch mit einem Fragezeichen«, schießt er los. »Der richtige Sturm wird erst morgen losbrechen«, vermutet der Vertraute. »Auch bei den anderen Posteingängen ist nichts, womit du dich befassen mußt.«
»Geh ins Wohnzimmer, Micha, und spul’ das Tonband zurück. Hör dir mein Gespräch mit Kronwein an«, fordert ihn Kamossa auf und erwägt einen Moment lang, den vermutlichen Bettelbrief – vielleicht auch ein Reklameschreiben – ungeöffnet wegzuwerfen.
Er schneidet den Umschlag auf.
Die Worte, aus verscheidenen Zeitungen ausgeschnitten, sind sorgfältig zu einer Nachricht aufgeklebt wie bei einer Kidnapper-Forderung:
An henry kamossa
liest er, und die Buchstaben kreiseln ihm vor den Augen.
Hiermit kündige ich ihnen im namen zahlloser geschädigter an, dass ich ihre unnötige existenz beenden werde: ich bin kein erpresser. ich will kein geld und würde keine noch so hohe summe jemals von ihnen annehmen!
Ich werde ihre kriminellen machenschaften zug um zug vor der öffentlichkeit aus-breiten wie auf einem mistbeet. sie wissen, dass es eine ununterbrochene kette von manipulationen, nötigungen, erpressungen, steuerhinterziehungen, betrügereien und urkundenfälschungen ist.
Ich werde die faulen beziehungen zu ihren politkumpanen ebenso entlarven wie die gemeinheiten ihres privatlebens und die behandlung ihrer frauen und mätressen. ich könnte sie mit einem schlag vernichten, aber ich mæchte, dass sie vorher noch empfinden, was sie anderen angetan haben. dass es sich hier um keine leeren drohungen handelt, werde ich ihnen umgehend beweisen.
Einer im namen vieler.
Kamossa knallt den Brief auf den Tisch, nimmt ihn noch einmal zur Hand und steckt ihn dann ein. Er schmeckt die Galle im Speichel, spuckt ihn aus, aber er kann einen widerlichen Geschmack nicht loswerden. Er spürt ein Stechen in der Brust und schluckt eine Pille.
Er stapft in die Wohnhalle, wo Budde zum zweiten Mal die Gesprächsaufzeichnung mit Kronwein abhört. »Diesen Konsul hast du ja prächtig ins Leere laufen lassen, Henry«, stellt er fest.
Erst jetzt fällt ihm auf, daß Kamossa verändert wirkt. »Der Brief?« fragt er.
»Hier«, sagt Kamossa und überreicht ihm das Schreiben. Budde betrachtet den Umschlag mit dem Poststempel Locarno, das auffällige gelbe Papier. Dann liest er langsam, bedächtig, so gründlich, als müßte er jedes Wort einzeln buchstabieren. Sein Gesicht wirkt dabei konzentriert und unbewegt wie immer.
Er lehnt sich zurück, denkt einen Moment lang angestrengt nach.
»Wenn dieser Schmierfink Geld verlangen würde, wär’ es mir lieber«, beginnt der Berater. »Dem ersten Anschein nach ist es ein amoklaufender Psychopath. Vielleicht eine Art Michael Kohlhaas, aber der war schließlich auch einer.«
»Viel Gift und Galle, aber wenig Substanz. Diese allgemeinen Vorwürfe kannst du mehr oder weniger jedem Aufsteiger ab einer entsprechenden Größenordnung machen«, konstatiert Kamossa.
Dr. Budde nickt zustimmend. »Bei Psychopathen denke ich immer zuerst an rachsüchtige Frauen«, fährt der Analytiker fort. »Du hast ein Leben lang dafür gesorgt, daß daran kein Mangel herrscht. Kannst du die Frauen noch zählen, die dir zürnen oder dich hassen?«
»Ich bin doch kein Adam Riese, Micha«, spottet Kamossa. »Schließlich ist keine zu kurz gekommen, weder finanziell noch auf der Spielwiese.«
»Nun gibt es in deinem Vorleben auch Geschichten, bei denen du weniger gut abschneidest«, entgegnet Budde.
»Das ist mir ziemlich gleichgültig«, behauptet Kamossa. »Heilige sind heutzutage out. Die Frage ist: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Telefonanruf Kronweins und diesem anonymen Gewäsch?«
»Dem Verleger ist zuzutrauen, daß er deine Lotter-Biographie von seinen Leuten zusammenschreiben läßt, sie dir anzudrehen versucht und sich dabei noch als wahrer Freund aufspielt. Ich schlage vor: Halt ihn hin, und wir gehen dieser Frage auf den Grund.«
»Richtig, Micha«, sagt Kamossa und klopft dem Freund auf die Schulter. Der Chef eines Mischkonzerns von neun selbständigen Firmen und zahlreichen, raffiniert geschachtelten Beteiligungen stapft zum hauseigenen Tennisplatz, wo Patrick dem untersetzten Rechercheur gerade einen Schmetterball hart auf die Linie knallt.
Schmeißer, der Schnüffler, unterbricht sofort das Match: »Nichts zu machen«, brammelt er. »Ihr Sohn ist einfach unschlagbar.«
»Im Sport schon«, entgegnet Kamossa gedehnt.
Er läßt selten eine Gelegenheit aus, seinen Jüngsten vor anderen zu demütigen. Der 24jährige würgt die Beleidigungen stumm hinunter; er hat keine andere Wahl. Er ist von allen Schulen geflogen und sieht zudem seiner Mutter Mabel so ähnlich, daß sein Vater bei jeder Begegnung an die verhaßte Vierte erinnert wird.
»Sie müssen sofort nach München, Schmeißer«, eröffnet Kamossa seinem Hausdetektiv und präzisiert seinen Auftrag.
II
Draußen dämmert schon der neue Tag, aber in der rauchigen ›Isole‹-Bar geht es noch immer hoch her, sosehr der Patron auch versucht, die letzten Nachtschwärmer loszuwerden. Die verlängerte Polizeistunde ist längst abgelaufen, er hat das Schild ›Geschlossene Gesellschaft an die Tür gehängt und abgesperrt. Doch die Runde der letzten neun macht einen solchen Krawall, daß sich die Anlieger morgen mit Sicherheit wieder beschweren werden.
»Sei doch vernünftig, Ferry!« fleht der Pächter. »Was habt ihr denn davon, wenn mir die Polizei den Laden dichtmacht? Nimm deine Freunde mit – ihr könnt doch bei dir zu Hause weitersaufen.«
Ferry, der zweitjüngste Grams-Sohn, ist der Wortführer seiner vier Kumpane, alle zwischen 20 und 30 und, bis auf einen, Söhne aus superreichen Häusern, geübte Trinker, gute Sportler und routinierte Verführer, doch alle fünf mehr oder wenig unfähig, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Ihre vier Begleiterinnen, die blonde Marion, Nina, die Dunkelhaarige, die rote Daisy und die brünette Doris, sortiert wie aus einem Farbkatalog, sind jung, hübsch und unverfroren. Von keiner würde man annehmen, daß sie etwas anbrennen läßt.
»Aber wirklich jetzt die letzte Flasche.«
Der Patron gibt noch einmal nach und stellt den Schampus auf den Tisch.
»Und dann kommst du am besten gleich mit uns«, lädt ihn Ferry ein. »Wenn du heute nacht noch etwas vom Leben haben willst.«
»Ich muß doch noch die Abrechnung machen. Aber ich komm später nach. Ganz bestimmt.«
»Dann will ich dich inzwischen mal scharfmachen«, entgegnet der 28jährige Berufserbe, der auf schnellstem Weg den goldenen Löffel versilbert mit dem er zur Welt gekommen ist. »Zeig mal, was du hast, Marion!« fordert er den 20jährigen Busenstar an seiner Seite auf. »Gleich werden dir die Augen übergehen, Rio.« Er knöpft seiner Favoritin die Bluse bis zum Nabel auf, legt ihre freitragenden Werte offen. »Zier dich doch nicht so! Faß mal an, Rio! Alles Marions Kapital: fest und griffig.« Ferry streichelt die Rundungen, bis die Knospen stehen. »Solche Titten findest du in ganz Ascona nicht mehr«, stellt er kennerisch fest, als wüßte es Rio nicht längst.
Die Feriensaison wird erst in den nächsten Wochen richtig anlaufen. Junge Männer sind in der ›Zeit der Haselnüsse‹ – so nennen die Tessiner die Zwischenzeit – Mangelware. Die Mädchen an ihrer Seite genießen es, sich nicht wie während des Winters mit Methusalem-Machos herumplagen zu müssen. Sie gehören zum Bild des einstigen Fischernests, späteren Künstlerorts und heutigen Millionärtreffs wie die kleinen Pinten, idyllischen Winkel, die Boote und die Möwen.
Die hübschen weiblichen Dauergäste sind hier absichtlich oder zufällig hängengeblieben und schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Einige arbeiten tagsüber regelmäßig, andere schlafen bei Tageslicht und gammeln nachts vor sich hin. Alle aber warten sie auf die Chance ihres Lebens, die Hochzeit mit einem alternden Nabob oder noch besser dessen Sohn. Tatsächlich schafft es die eine oder andere, während bei den Anläufen der übrigen nicht mehr herausschaut als ein warmes Nachtmahl mit anschließendem Barbesuch nebst nachfolgender Rückzahlung im Bett.
»Bevor du weinst, Rio, verlassen wir dich jetzt«, sagt der junge Grams zum Hausherrn. »Die Rechnung. Ihr seid alle meine Gäste«, verkündet er großkotzig.
»Quatsch!« erwiderte Patrick. »Meinst du, wir sind Nassauer?«
»Du hast’s nötig. Dein Alter zahlt dir doch höchstens ein Laufburschengehalt«, fordert er Kamossas Benjamin heraus.
In das Gelächter hinein erwidert der Verspottete kleinlaut: »Er kann auch sehr spendabel sein.«
»Aber Weihnachten ist öfter«, albert der Gastgeber. »Du bleibst noch lange auf Taschengeld gesetzt. Dein Erzeuger hält sich noch ziemlich flott auf den Beinen. Geduld, Patrick, eines Tages wirst du an die große Kohle rankommen.«
»Und dann heißt’s teilen«, prophezeit Schampi hämisch. Der einzige Sproß einer Großbrauerei führt den Spitznamen wegen seiner Vorliebe für das Nobelgetränk. »Mindestens die Hälfte für die schwarze Iris, deine Stiefmutter, die Schönheitskönigin, und je einen Löwenanteil an Schwester und Bruder sowie an die vier Geschiedenen.«
»Die sind doch längst abgefunden«, unterbricht Patrick verärgert. »Außerdem sind es nur drei«, korrigiert er. »Eine ist gestorben.«
»Ich hab ’ne Patentlösung für dich, Patrick«, lästert der junge Grams. »Sieh zu, daß du den Alten irgendwie um die Ecke bringst und heirate deine Stiefmutter.«
»Ganz schön geschmacklos«, versucht der Gefoppte das wiehernde Gelächter zu übertönen. Er hat zuviel getrunken. Alles dreht sich ihm vor den Augen wie ein Karussell – die Mädchen, die Kumpane, der Tisch. Er spürt, wie ihm der Schampus hochkommt, und stemmt sich dagegen, schluckt und rülpst.
»Dann«, lästert Ferry weiter, »kannst du uns alle einladen.« Er droht an seinem Lachen zu ersticken. »Zur Hochzeit.«
»Halt sofort die Klappe, oder ich polier dir die Fresse, Ferry!« Der Verspottete rafft sich auf und verläßt den Raum, um draußen frische Luft zu schnappen. Er lehnt sich mit dem Rücken an die Wand und fragt sich, warum er nicht endlich nach Hause geht. Er findet keine Antwort, und so versäumt er den Absprung.
»Patrick versteht keinen Spaß, wenn es um seine schöne Stiefmama geht«, stellt die rote Daisy fest. »Manchmal glaube ich, er ist in sie verliebt.«
»Armer Hund«, erwidert Schampi. »Die läßt doch keinen an sich heran.«
»Zumindest in Ascona nicht – oder wenn der Alte in der Nähe ist«, behauptet Ferry, der Fachmann.
Sie kennen die junge Frau Kamossa von mehreren Partys, die sie nie ohne ihren Mann besucht. Iris flirtet gern, geht dabei aber nie zu weit. Wie alles, was sie nicht erreichen können, provoziert ihr Verhalten die jungen Taugenichtse.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß sie auf die Dauer mit dem alten Haifisch zufrieden ist.«
»Das ist wie bei ’ner Nonne, die zu selten von ihrem Beichtvater besucht wird«, entgegnet Marion und löst eine Lachsalve aus.
»Die reizvolle Iris weiß genau, was sie will«, kommentiert Schampi. »Die wird doch nicht so doof sein und eine Weiß-Gott-wie-viele-Millionen-Erbschaft vervögeln. Sie ist noch jung, sie kann geduldig abwarten, bis der Alte abkratzt.«
»Zu lange«, versetzt Ferry. »Wißt ihr, was dieser alte Hurenbuck schon alles überlebt hat?«
Sie sehen, daß Patrick wieder zurückkommt, und wechseln das Thema.
»Die Rechnung, Vreni!« erinnert sie der junge Grams und zieht ein Bündel Scheine aus der Tasche. »Zahlt alles meine Scheißfirma.«
»Erstens ist es nicht deine Firma«, lästert Schampi. »Und sieh bloß zu, daß sie dir euer High-Tech-Unternehmen nicht unter dem Hintern verkaufen.«
»Bei dem Geschäft bin ich doch dabei, du Blödmann«, kontert Ferry. »Auf mich rollt jetzt die ganz große Penunze zu. Und als erstes kauf ich mir ein Riva-Boot mit 250 PS, und ihr schaut dann dumm in die Auspuffröhre …«
»Gratuliere«, sagt Marion, jetzt wieder zugeknöpft; sie ist die Favoritin des Verschwenders, besser gesagt, eine seiner Favoritinnen, denn sie ist klug genug, zurückzutreten, wenn sie vorübergehend von einer Rivalin ausgestochen wird, Lovestyle in Ascona. »Wie ich dich kenne, wirst du mit der Kohle ganz schnell fertig werden, Ferry.«
»Dann mußt du eine dieser reichen Witwen heiraten«, tröstet Schampi schadenfroh. »Zum Beispiel die Juwelen-Olga.«
»Oder dich erschießen«, revanchiert sich Patrick.
»Dann bin ich für Erschießen«, blödelt der Bankrotteur von morgen. »Aber das hat ja wohl noch Zeit.« Die Haare hängen ihm wirr in die schweißnasse Stirn; er ist stark angetrunken, doch selbst in diesem Zustand wirkt er noch attraktiv. Der schlanke Große gilt unter den Neo-Asconesern als der Platzhirsch. Jedenfalls geht er bei seiner Damenwahl nach der Strichliste vor. Dabei ist er bereits so tief unten angelangt wie das Guthaben auf seinem Bankkonto.
Er und seine Kumpane pflegen einen zynischen Umgangston; die jungen Gesichter wirken bereits alt und abgestanden. Die Lufthoheit über ihren Stammtischen hat der Frust, ein lediges Kind der Langeweile. Die Junioren gebärden sich, als stünden sie Modell für eine Gesellschaft, die einer einzigen Regel folgt: Nach mir komm ich.
Die Barmaid bringt das Wechselgeld.
»Schon gut, Vreni.« Grams schiebt es zurück.
»Du hast mir drei Scheine zuviel gegeben.«
»Mein Gott, bist du doof!« Ferry winkt die Deutschschweizerin ganz nahe an sich heran, nimmt die Banknoten vom Teller, rollt sie zusammen. »Hier«, sagt er und schiebt sie ihr ins Dekolleté. »Mach dir einen schönen Tag.«
»Dann – vielen Dank«, erwidert Vreni pikiert. Als Profi hinter der Theke versteht sie ihr Geschäft, aber es geht einfach gegen ihr schweizerisches Gewissen, Geld so zu verschwenden, selbst wenn es ihr zugute kommt.
Der Miterbe des verstorbenen Industriellen stützt sich schwer auf zwei Mädchen, als sie die Bar verlassen. Im ersten Moment droht ihn die frische Luft umzuwerfen, dann erwachen seine Lebensgeister wieder.
Die Lottergenossen lachen und lärmen in der engen Gasse.
»Und jetzt gehen wir zu mir«, fordert der Grams-Sohn mit lauter Stimme auf. »Und veranstalten ’ne richtige Schweineparty.« Er wendet sich an die vier Mädchen. »Aber alle müssen mitkommen. Keine Ausnahme.«
»Angeber!« bremst ihn Marion. »Du kannst doch kaum mehr stehen. Wie willst du denn noch bumsen?«
»Vai via, stronzo!« ruft eine Tessinerin erbost über die Schlafstörung aus einem Fenster im ersten Stock.
»Halt’s Maul, alte Hexe!« schreit Ferry hinauf.
Die Alte ist schlagfertig, kippt ihr Nachtgeschirr aus und landet einen Volltreffer auf Ferrys Kopf. Dem Begossenen läuft die widerliche Flüssigkeit über die Nase, in die Gehörgänge, über die Mundecken in den Kragenausschnitt. Er kann nicht einmal fluchen, weil ihm die ekelhafte Brühe sonst in den Mund rinnen würde.
»Du Urinator!« spottet Marion. »Pfui Teufel, stinkst du vielleicht.«
Der Malträtierte wird den üblen Geruch leichter loswerden als den neuen Spitznamen. The party is over. Der Morgengruß aus dem Nachttopf wird in Ascona heute Tagesgespräch sein und die Zuhörer mehr interessieren als zum Beispiel ein Störfall in einem Atomkraftwerk.
Weitere Fenster öffnen sich. Die Nachtschwärmer flitzen auseinander, um nicht ebenfalls begossen zu werden. Als sie sich angetrunken in ihre Autos setzen, ist es taghell. Das melodische Glockengeläut der Pfarrkirche mit dem großartigen Altarbild und den Wandmalereien des Giovanni Serodine, nach dem auch das gegenüberliegende Haus mit der Prachtfassade benannt ist, ruft zur Morgenmesse.
Patrick spürt, wie ihm die Übelkeit wieder hochschießt. Er kommt gerade noch um die Ecke, lehnt sich gegen die Wand und übergibt sich. Aus den Augenwinkeln stellt er fest, daß seine Schampus-Genossen in ihre Autos steigen und angetrunken losfahren. Das läßt er sein, seit im September vorigen Jahres die Amüsier-Gesellen auf der Autobahn München-Nürnberg mit den entsprechenden Promille im Blut als Mutprobe eine Wahnsinnswette ausgetragen hatten: Wer sich als Geisterfahrer in falscher Richtung am längsten halten konnte, bevor er von der Polizei geschnappt oder von anderen Verkehrsteilnehmern daran gehindert wurde. Egon, der einzige Sohn eines bekannten Grundstücksspekulanten, hatte es geschafft. Einundzwanzig Minuten lang. Im Radio war bereits die vierte Warnung durchgegeben worden und noch immer keine Polizeistreife zu sehen.
Da passierte es. Der Geisterfahrer rammte einen Golf mit einem jungen Ehepaar und einem Kleinkind frontal. Die Benzintanks explodierten. Vier Tote. Wer beim Zusammenprall nicht auf der Stelle getötet worden war, wurde in den Wracks zu einem kleinen Klumpen zusammengeschmort.
Wiewohl die Verkehrspolizei Hinweise auf die tatsächlichen Zusammenhänge sicherstellte, gelang es gerissenen Anwälten, das Desaster zu vertuschen. Für eine kurze Weile standen die Teilnehmer der Wette, die der Tod gewonnen hatte, unter Schock, aber er sollte sich bald legen. Egon war tot, Kismet. Bei dem jüngsten Kamossa hielt das Entsetzen länger an, so daß er sich bis jetzt nicht mehr betrunken ans Steuer gesetzt hatte; er war offensichtlich sensibler als seine Sauf- und Bums-Gesellen.
Der Ernüchterte schiebt sich weiter, auf unsicheren Beinen erreicht er die Piazza, wo die Tische für die ersten Frühstücksgäste gedeckt werden. Die Sonne badet schon im Lago. Die Wellen gluckern vor Zufriedenheit. Die klare Luft belebt den unfreiwilligen Spaziergänger, auch wenn zwischendurch wieder die Nachwehen des Alkohols hochkommen. Aus den Rauchschwaden steigen Erinnerungsfetzen auf, und wieder hört der ausgewachsene Junge diesen Widerling sagen: › … sieh zu, wie du den Alten irgendwie um die Ecke bringst, und heirate deine Stiefmutter. ‹ Dann lachen sie wieder – Patrick versäumt abermals, Ferry für seine Patentlösung die Fresse zu polieren.
Aber er spürt nicht nur Zorn und Ekel, sondern auch Ohnmacht. Es gibt viele Gründe, mit seinem Übervater zu hadern, aber gegen einen Titanen kommt man nicht an. Wenn man sich gegen einen Riesen stellt, wird man zum Zwerg, und bei dem willensstarken Martin, seinem Halbbruder – dem Lieblingssohn –, führte die Rebellion vor drei Jahren zur Katastrophe. Von dem Alten war auch dieser Schlag verkraftet worden. Keiner kommt gegen ihn an, keiner in der Geschäftswelt und auch keine seiner vier Frauen, die nacheinander auf der Strecke geblieben waren: Kamossa kennt kein Canossa.
Wenn Patrick an seines Vaters Fünfte denkt, rührt sich etwas in ihm, deshalb versucht er fast verkrampft, die schöne Iris aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Es gelingt ihm nicht ganz, immer wieder turnt sie vor seinen Augen herum, nickt ihm zu mit diesem undefinierbaren Lächeln. Sie ist viel netter zu ihm als Vater, auch wenn sie ihn wie einen kleinen Jungen behandelt, wiewohl sie doch nur fünf Jahre älter ist. Wenn Patrick am Swimmingpool liegt und die schöne Wienerin auftaucht und er sich dann zurückziehen will, um nicht zu stören, ermuntert sie ihn meistens zu bleiben. Dann muß er sich auf den Bauch legen, damit sie seine Erektion nicht sieht. Er dreht auch seinen Kopf weg, um zu vermeiden, daß die Frau seines Vaters in seinem Gesicht wie auf einer Skala seinen Drang und Trieb ablesen kann.
Abrupt bleibt Patrick stehen, starrt ein Plakat an, fürchtet einen Moment lang, daß ihn das Gesöff um den Verstand gebracht hat, was er insgeheim schon länger befürchtet.
Allmählich begreift er, daß er keine Fata Morgana der nächtlichen Ausschweifung erlebt, sondern vor einem nachgemachten Fahndungsplakat steht. Unter den großen Lettern Wanted – prangt das Foto seines Vaters.
Darunter steht:
Gesucht wird der grossbetrüger henry ka-mossa wegen bestechung, erpressung und anstiftung zum mord. vorsicht bei der festnahme. der täter ist mit millionen bewaffnet.
Patrick reißt das Plakat ab, knüllt es zusammen und steckt es in die Tasche. Auf dem Weg zur ›Residenza Fortuna‹ stellt er fest, daß weitere Plakate neben einer Bank und auf der Auslagenscheibe eines Lebensmittelladens angebracht sind.
Er steigt die Treppen hoch zur Collina, dem Monte Verità entgegen, dem Berg der Wahrheit, auf dem zu Beginn dieses Jahrhunderts vegetarische Naturapostel in weißen Hemden begonnen hatten, das Gelände zu erschließen und ihre Nahrung selbst anzubauen. Die ersten Aussteiger und Vorläufer der Hippies, hatten seinerzeit auch den Besitz des Kamossabesitzes erschlossen, den Patrick jetzt betritt. Prompt läuft er dem Hausmeister seines Vaters in den Weg.
»Ausgeschlafen?« fragt ihn Budde anzüglich.
Statt einer Antwort zieht der Spätheimkehrer das Plakat aus der Tasche, entfaltet es. »Hier, Doktor«, kontert er.
Der Manager sieht sich das Plakat genau an: schlechtes Papier, schlechter Druck, unscharfes Foto. Der Text paßt zu dem anonymen Brief von gestern morgen und vielleicht auch zu dem Manuskript, mit dem Verleger Kronwein wedelte.
Er stellt fest, daß sich der Hausherr gerade mit seiner Frau am Swimmingpool tummelt und das Mädchen dabei ist, das Frühstück aufzutragen, Er entschließt sich, den Kamossas vorerst nicht die Laune zu verderben.
Der Mann für alles holt den kleinen BMW aus der Garage und fährt mit Patrick los. Sie drehen eine Runde durch Ascona und stellen dabei fest, daß im Borgo neben der ›Banca dello Stato‹ zwei Uniformierte ein Pseudo-Fahndungsplakat entfernen.
Sie rollen weiter und lassen den Wagen vor dem Rathaus stehen.
Polizeichef Farinelli, ein Mann von kräftiger Statur, mit grauen Haaren, grauen Augen und einem grauen Schnauzbart empfängt sie höflich und zuvorkommend. »S’accomodi«, fordert er die Besucher auf und deutet auf die Stühle. »Kaffee, Dottore?«
»Grazie«, erwidert Budde und präsentiert Patricks Beutestück.
»Ich weiß, was da heute nacht passiert ist«, sagt der Uniformierte. Er spricht fast perfekt Deutsch, ebenso wie Englisch und Französisch; das ist auch nötig, er hat viel mit den im Tessin angesiedelten Ausländern zu tun. Keine größeren Verbrechen bisher – ohnedies müßte er sie an die Kantonspolizei abgeben –, aber die typischen Delikte einer Vergnügungsgesellschaft, deren Spielregel alles erlaubt außer der Armut. »Ich habe sofort veranlaßt, daß diese – diese porcheria entfernt wird«, eröffnet Farinelli. Als Chef der dem Bürgermeister unterstellten Gemeindepolizei ist er so etwas wie ein halber Kurdirektor. »Es tut mir leid, daß ausgerechnet Signor Kamossa, dem Ascona soviel verdankt, auf diese häßliche Weise beleidigt wurde.«
»Besten Dank, Signor Farinelli«, erwidert Budde. »Wir würden gern so rasch wie möglich erfahren, wer hinter dieser Gemeinheit steckt.«
»Wir auch«, entgegnet der Graue grimmig und mustert Patrick einen überlangen Moment lang. »Sie haben also das Plakat als erster entdeckt?« Ohne die Antwort abzuwarten, setzt er hinzu; »Da sieht man einmal wieder, wie nützlich es sein kann, wenn man sich die ganze Nacht in der Isole-Bar um die Ohren schlägt.« Er wickelt seinen Tadel in Bonbonpapier. »Es liegt erneut eine Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung vor. Sagen Sie Ihren Freunden, daß ich ihnen künftig nichts mehr durchgehen lasse. Dies ist meine letzte Warnung. Entschuldigen Sie, Dottore«, wendet er sich wieder an Budde, »wir tun, was wir können. Zeugen haben heute nacht einen jungen Burschen beobachtet, wie er ein Plakat anklebte. Sie kamen aus der Lago-Bar und waren nicht ganz nüchtern. Sie gerieten mit dem Täter in einen Wortwechsel. Der Mann machte sich davon, ohne daß sie ihn festhalten konnten.«
»Hat er deutsch gesprochen?«
»Nein, es war ein Tessiner oder ein Italiener. Das steht fest«, antwortet Farinelli und sieht für einen Moment zum Fenster hinaus. »Er könnte aber auch im Auftrag einer Ihrer Landsleute gehandelt haben.« Gespielt naiv setzt er hinzu: »Hat denn Signor Kamossa Feinde?«
»Viele«, versetzt Budde. »Neider, Konkurrenten. Sie wissen ja, Signor Farinelli, je höher ein Denkmal steht, desto mehr wird es vom Spatzendreck besudelt.«
Der Polizeichef lacht. »Wir werden unsere Streifentätigkeit verstärken«, verspricht er. »Wir werden versuchen, die Druckerei ausfindig zu machen, die das Pamphlet erstellt hat. Die Plakate wurden bereits entfernt, bevor sie die Öffentlichkeit richtig sehen konnte; ich glaube nicht, daß sie zum Tagesgespräch werden.«
»Dafür bin ich Ihnen dankbar. Ich möchte Sie noch bitten, die Geschichte streng vertraulich zu behandeln und mich mit den Fahndungsergebnissen auf dem laufenden zu halten. Zudem möchte ich – intern natürlich – eine Belohnung von 5000 Schweizer Franken aussetzen.«
»Das ist sehr großzügig von Ihnen. Ich denke, wir werden den Fall im Handumdrehen klären.« Farinelli gibt sich optimistisch. »Sagen Sie bitte Herrn Kamossa, daß ich mich ausdrücklich entschuldige, daß so etwas bei uns passieren konnte.«
Er sieht den beiden nach. Immer Ärger mit den Fremden, aber das schweizerische St. Tropez verdankt ihnen mehr als überfüllte Parkplätze, Autoraserei, Preissteigerungen, den Lärm der Motorboote auf dem Lago und nächtliche Alkoholexzesse.
Ascona ist tolerant, seitdem den ›Grasfressern‹ – so hatten die Einheimischen die Naturapostel auf dem Monte Verità verspottet – Exoten aller Art gefolgt waren: Schriellheiler, Zukunftsdeuter, Sektengründer, Scharlatane, Kartenleger, Gesundbeter, Meditations-Gurus, Gaukler und Sexprediger mit den Schwulen und den Lesben im Gefolge. Es kamen aber auch Künstler auf der Weltflucht, berühmte Maler neben solchen, die es sein wollten; weltbekannte Schriftsteller neben Schreibern, die sich ihr Manuskriptpapier erst noch verdienen mußten und in den Hinterstuben der Gasthöfe vor drei, vier mitleidigen Zuhörern ihrer Dichterlesungen veranstalteten.
Ein Ort, den man kaum auf der Landkarte gefunden hat, ist weltberühmt geworden, weil das einstige Fischernest allen Gastfreundschaft gewährt hatte, den Aussteigern wie den Einsteigern, den Satten wie den Hungrigen, den Verschwendern wie den Nassauern.
Problemgäste, so dämmert es Polizeichef Farinelli, sind erst die letzten Zuwanderer, die Millionäre mit ihrem Schikkeria-Troß.
III
Schon am frühen Morgen strengt sich der neue Sonnentag an, als wolle er den gestrigen an Glanz noch überbieten. Um neun Uhr morgens wirken die Hänge über dem Westufer des Lago wie mit Gold überzogen. Die Sonne klettert weiter, dem Gipfel des Ghiridone entgegen. Der Schönwetterdunst hebt sich wie ein Vorhang über dem See, der Blick reicht jetzt über die Inseln weit nach Italien hinein.
In den Luxusvillen mit den Parkgrundstücken der Steinreichen, Neureichen und Scheinreichen schlafen die Bewohner noch. Etliche müssen sich vom nächtlichen Alkoholgenuß und Bargeschwätz erholen und Kräfte für die Strapazen des heutigen Müßiggangs sammeln, aber es gibt eine schweigende Mehrheit von Neusiedlern, die keine Schlagzeilen macht und im Tessiner Paradies zurückgezogen und unauffällig lebt, ohne an dem Narrentreiben des Amüsierpöbels teilzunehmen.
Nicht nur Schwärmer nennen die Region zwischen Locarno und Brissago den schönsten Landstrich der Südschweiz. Noch verschleiert die Blütenpracht, daß der traumschöne Fleck mit der herrlichen Aussicht auf die schneebedeckten Berge von Herrschaftssitzen und Ferienhäusern zersiedelt wurde. Hübsche architektonische Einfälle stehen neben monströsen Protzbauten. Einem der Superreichen ist es gelungen, die untere Strecke eines zweitausend Jahre alten Römerwegs einreißen und für seine Autozufahrt asphaltieren zu lassen. Die Legionärsstiefel des großen Geldes trampeln über Geschichte, Kultur und Landschaftsschutz hinweg.
Der Verleger Kronwein wohnt in Moscia, in dem weißen weiträumigen Gebäude inmitten einer schönen Gartenanlage, zwei Kilometer von Ascona entfernt und fünfzig Meter hoch über dem Schweizer Becken des Lago Maggiore. Überzeugt, daß Kamossa sein Desinteresse an dem Manuskript nur vortäuscht, in Wirklichkeit jedoch darauf brennt, es einzusehen und einzusargen, hat er gestern den ganzen Nachmittag über vergeblich auf einen Rückruf des Macht-Moguls gewartet. Am Abend war es dem Ungeduldigen mit dem leicht schwammigen, aber noch immer jungenhaften Gesicht gelungen, sich aus dem Haus zu stehlen und Carlotta ein paar Stunden zu entfliehen, um Abwechslung im Dorf zu suchen und dabei vielleicht Kamossa ›zufällig‹ zu begegnen.
Der Endfünfziger hat mit nichtssagenden Leuten gespeist und ist dann im ›Club‹ hängengeblieben. Whisky auf Vorrat in sich hineinschüttend, hat er verdrossen den hübschen Mädchen auf dem Parkett zugesehen. Sicher hätte er die eine oder andere beim Blondschopf packen können, aber er wollte mit ihr ins Bett und nicht aufs Parkett. Es ist schon ziemlich spät geworden, als er mißmutig in die häusliche Schlangengrube zurückfindet, die ausgerechnet den romantischen Titel ›Villa Paradiso‹ trägt. Carlotta hat sich in ihr Schlafzimmer eingesperrt – es wird Ärger geben.
Der Spätheimkehrer quartiert sich in seinem Arbeitszimmer ein wie in einer Ausnüchterungszelle. Er kann nicht richtig schlafen und erhebt sich beizeiten, ergeht sich im Garten, immer in Hörweite des Telefons.
Zehn Uhr. Der schweizerische Rundfunk bringt Nachrichten. Nichts Besonderes. Am Ende der Wetterbericht: Die Meteorologen sagen für die Südschweiz ein langes Hoch voraus, aber in diesem Moment hört der Verleger, daß seine Frau aufgestanden ist, und stellt sich auf ein Sturmtief ein.
Die Unterlippe hängt durch wie ein schlaffes Sprungseil; er fürchtet, haßt und begehrt Carlotta. Er hatte ihr schon nachgestellt, als sie noch mit einem bekannten Regisseur verheiratet war, dessen Karriere in einer Trinkerheilanstalt beendet wurde. Inzwischen sind fünfzehn Jahre Gemeinsamkeit über das Verlegerpaar hinweggewalzt; eine Zeit enormen wirtschaftlichen Erfolgs über den Abgründen des Privatlebens. Die Gefühle der Kronweins – so es sie je gegeben hat –, wurden zersägt wie die Jungfrau in der Schaubude.
Carlotta hat ihrem Mann nicht nur das Trinken, sondern nahezu alles verboten, und er übertritt nahezu alle Zwänge mit Wonne. Er wird von ihr laufend auf Abwegen ertappt – und dafür bestraft. Die Versöhnungen arten jedesmal in Exzesse aus.
In letzter Zeit sind sie seltener geworden. Kronwein ist der abwegigen Spiele müde. Er ist es leid, von seiner Frau als ewiger Zweiter behandelt zu werden, weil ihm von Carlotta der Regisseur ständig als der Genialere, Berühmtere und Attraktivere vorgehalten wird. Dabei hat der Verleger im ersten Liebesrausch seine Frau zur Mitbesitzerin seines Unternehmens gemacht. Das war sein größter Fehler; daß er es nunmehr täglich feststellt, ändert nichts an der Tatsache.
Carlotta ist keine stille, sondern eine laute Teilhaberin. Sie hat sich in München neben seinem Arbeitszimmer ein Studio als Beobachtungsstand eingerichtet. Von hier aus mischt sie sich ständig in Geschäfte ein, von denen sie nichts oder wenig versteht. Sie fuhrwerkt in der Personalpolitik herum, verfügt Einstellungen oder Entlassungen nach hausgemachten astrologischen und graphologischen Gutachten. Trotzdem kann sie nicht verhindern, bei ihrem Mann immer wieder Taschentücher zu finden, die dieselben roten Flecken aufweisen wie das Rouge auf den Lippen ihrer weiblichen Günstlinge.
Bei Carlotta wurde es zum Wahn, den Ungetreuen an die Dressurleine zu nehmen, wie es bei ihm zum Zwang wurde, sich von seiner Herrscherin loszureißen.
Kronwein hört sie kommen; gleichzeitig klingelt das Telefon.
Der Anrufer ist Kamossa, er trifft eine Verabredung zum Mittagessen.
»Also 13 Uhr 30 im ›Ascolago‹, Herr Kamossa«, bestätigt der Verleger, legt auf und wendet sich der Eintretenden zu.
»Guten Morgen«, begrüßt er sie eilfertig, aber sie antwortet nicht.
Ihr Gesicht wirkt wie versteinert. Sie trägt einen knappen Bikini unter einem seidenen Morgenmantel, der den Blick auf ihre mollige, aber noch immer respektable Figur mehr freigibt als verhüllt. In ihren wasserblauen Augen brennt das kalte Feuer einer rachsüchtigen Domina, die statt der Peitsche Schriftstücke in der Hand hält.
Kronwein stellt mit Erschrecken fest, daß Carlotta während seiner Abwesenheit seinen Schreibtischschlüssel gefunden und in seinen Papieren herumgewühlt haben muß. Er überlegt, worauf sie gestoßen sein könnte, aber das ist schwierig; wenn sie die Fundgrube tatsächlich aufgeschlossen hat, ist es so, als würde ein Klorohr platzen.
»Diesen Kamossa werd ich diesmal ordentlich aufs Kreuz legen«, sagt er zu Carlotta. »Diesen arroganten Pinkel.«
»Und wen hast du heute nacht aufs Kreuz gelegt?« fragt sie mit einer Stimme, die tief von unten kommt.
»Unsinn!« wehrt er ab. »Ich hab ein paar Leute getroffen und bin eben …«
Carlotta tritt näher an ihn heran. »Du hast wieder getrunken«, stellt sie fest. »Und du stinkst wie ein andalusisches Freudenhaus. Sag dieser Schlampe, daß sie gefälligst ihr Parfüm wechseln soll.«
»Eifersucht macht duftblind«, versetzt Kronwein.
Das Hausmädchen rollt den Frühstückswagen auf die Terrasse und unterbricht dadurch den Schlagabtausch, aber gleich wird sich die Szene einer Ehe fortsetzen.
Carlotta greift das Stichwort auf. »Eifersucht?«, versetzt sie. »Lächerlich! Oder meinst du, daß ich deinen Pimmel überschätze?« Früher hat es ihn besonders amüsiert, daß Carlotta von einem Moment auf den anderen aus der Haut der feinen Dame schlüpfen und hundsordinär werden konnte. »Du weißt doch selbst am besten, was ich alles anstellen muß, um deinen lächerlichen Minimax ab und zu noch mal hochzubringen.« Sie trifft ihren Mann am Punkt.
»Du vielleicht«, gibt er ihr heraus. »Aber andere Damen haben mehr Mühe damit, meinen lächerlichen Minimax wieder herunterzukriegen.«
»I am the greatest«, kreischt sie scheppernd. »Cassius Schmäh als Cassius fuck.«
»Immerhin Weltmeister im Schwergewicht«, versetzt Kronwein.
»Es war einmal, so beginnen alle Märchen«, höhnt die Mitvierzigerin.
»Das ist nur natürlich«, fährt Kronwein fort. »Ein bekannter Mann hat einmal gesagt: ›Die Ehe ist eine Gemeinschaft zur Unterdrückung des Geschlechtstriebs‹.«
»Du Schwein«, erwidert sie, »du widerlicher Sexprotz, senil, doch mobil.«
»Vielleicht zu Hause«, räumt er ein. »Aber ich bin nun mal ein Verächter der Ehe.« Seine hängende Unterlippe spannt sich, wird gerade. »Ein Mann wie ich hat nur eine Alternative.« Erstaunt bemerkt Carlotta, daß er heute nicht vor ihr zurückweicht. »Jede zu heiraten oder keine.«
Im ersten Moment ist sie zu verblüfft, um zu reagieren. Dann verwandelt sich La Carota in La Furiosa: »Und was ist das?« fragt sie und schlägt ihm ein Schriftstück ins Gesicht. »Fünfzigtausend Mark für diese Tippse! Warum? Was hast du mit ihr angestellt?«
Der Verleger zieht den Kopf zurück, weicht einen halben Schritt zurück, aber sie schlägt mit den Schnüffelpapieren weiter auf ihn ein, bis sie auseinanderfallen; beflissen bückt er sich, um sie einzusammeln.
»Was hast du mit ihr getrieben?« bohrt sie weiter. »Warum kann sie dich erpressen?«
»Unsinn«, antwortet der Mißhandelte. »Frau Melber ist eine dreisprachige Chefsekretäin. Solche Leute kosten heutzutage sehr viel Geld. Sie hat ein paar Dinge herumgequatscht – deshalb mußte ich sie feuern.«
»Mit fünfzigtausend Mark Abfindung?«
»Es ist ein außergerichtlicher Vergleich. Ich wollte nicht, daß vor dem Arbeitsgericht Dinge zur Sprache kommen, die ich großenteils auch deinen Auftritten im Betrieb und deiner Unbeherrschtheit verdanke.« Kronwein atmet schwer. »Und vor allem deiner krankhaften Eifersucht«, setzt er hinzu.
»Lächerliche Ausflüchte!« Carlotta mustert ihn verächtlich. »Ich krieg das raus. Es ist wieder eine deiner miesen Weibergeschichten im Büro.«
»Schluß!« erwidert Kronwein. »Aus. Die Schmerzgrenze ist überschritten.« Er atmet schwer. »Wir werden uns trennen«, setzt er hinzu. »Ich werde unverzüglich die Scheidung einreichen, koste es, was es wolle.«
Carlotta lacht ihm ins Gesicht.
»Ich werde auch Mittel und Wege finden, dich aus meiner Verlagsgruppe zu entfernen, selbst wenn ich unsere Häuser bis unters Dach belasten und den letzten Stuhl verpfänden muß.«
»Besser würdest du wohl einen Irrenarzt in Mendrisio aufsuchen«, entgegnet sie kalt und tippt sich mit dem Finger an die Stirn. »Das ist billiger und nützlicher. Du willst dich von mir trennen? Du bleibst an mich gebunden, solange du lebst, du Schlappschwanz!«
»Ich werde dir ein faires Angebot machen«, antwortet Kronwein, mühsam beherrscht. »Ich möchte die Sache so lautlos wie möglich regeln. In deinem wie in meinem Interesse.«
»Du bist ja wirklich verrückt«, versetzt Carlotta.
»Wenn du im Gerichtssaal mit Dreck um dich werfen willst – na bitte, ich halt’s aus.«
»Über Leichen vorwärts!« spottet sie. »Gerichtssaal? Du bist wirklich ein Dummkopf. Meinst du, ich habe deine krummen Touren vergessen? Das gefälschte Testament? Den Steuerbeschiß? Die fingierten Anweisungen? Die manipulierten Abrechnungen?«
»Du willst mich also erpressen«, erwidert der Verleger.
»Nenn es, wie du willst. Zunächst möchte ich nur dein Gedächtnis auffrischen. Und dann wirst du bei mir zu Kreuz kriechen, und zwar auf dem Bauch.« In der Tür bleibt Carlotta stehen, dreht sich noch einmal um. »Mich loswerden?« höhnt sie. »Da müßtest du mich schon umbringen. Aber dazu bist du ja wohl zu feige.« Sie wirft die Tür zu.
Der Geschmähte droht k.o. zu gehen durch den Schlag unter die Gürtellinie. In Gedanken hat er Carlotta schon hundertmal ermordet, was nichts daran ändert, daß sie noch lebt. Er muß ihr alles zutrauen. Sie ist tatsächlich in der Lage, ihn ins Gefängnis zu bringen. Kronwein faßt sich mit der Hand in den Kragenausschnitt, als spüre er das Dressurband um den Hals.
Er geht an sein Versteck in der Schreibtischschublade, holt die Flasche Cognac heraus, gießt sich einen ordentlichen Schluck ein, kippt ihn in einem Zug. Der Alkohol wattiert seinen Zorn, aber er weiß nur zu gut, daß er sein Problem weder durch Alkohol noch durch Streit oder Haßausbrüche lösen kann. Es macht wenig Sinn, der Schlangengrube für Stunden oder Tage zu entgehen.
Er muß sie sprengen. Das ist ihm bisher immer mißlungen, weil er es nie ernsthaft gewagt hat.
Viel zu früh fährt Kronwein ins Dorf, versucht sich auf Kamossa einzustellen, aber seine Gedanken taumeln immer wieder zu Carlotta zurück. Er ist ein schlechter Fahrer und zudem zerstreut. Er bremst im letzten Moment, Beinahe hätte er eine Fußgängerin überfahren. Das hätte ihm an diesem Tag gerade noch gefehlt – es sei denn, die Frau hieße Carlotta.
Er findet eine Parklücke, zwängt mit großer Mühe seinen Jaguar hinein, steigt aus und durchschreitet die hübsche Parkanlage zwischen dem › Ascolago‹ und dem Schloßhotel, dem alten ›Castello dei Grilioni‹, dem falsche Zinnen aufgepfropft wurden wie dem Garten Eden die Steuerflüchtlinge.
Kronwein passiert blicklos die leuchtenden Blumenrabatten. Fast ganzjährig blüht und grünt die Tessiner Landschaft. Den frühen Mimosen und Forsythien folgen die Kamelien, Magnolien, Azaleen und der Rhododendron, der Ginster und im späten Sommer noch die Glyzinie.
Wenn die kalte Jahreszeit der Flora zusetzt, blüht zumindest noch der Klatsch, und der nicht nur zur Winterszeit. Die Wahlbürger der Prominenten-Oase begrüßen einander mit ›Buon Giorno‹ oder ›Buona Notte‹, aber – so spotten die Eingeweihten – die echte Ascona-Floskel müßte lauten: ›Wie geht’s mir?‹, da der Gesprächspartner immer besser weiß, wie es um den Begrüßten steht.
Ascona ist zu klein für Diskretion oder Geheimnisse. Die ausländischen Privilegierten der schweizerischen Sonnenstube – neben Nordschweizern, Italienern, Deutschen und Amerikanern, Engländern und Schweden auch ein paar Exoten – verkehren in den gleichen Cafés, speisen in denselben Restaurants und amüsieren sich in den nämlichen Nachtklubs. Wie in den Salons und in den Betten, bei den Friseuren und in den Schönheitswerkstätten so werden auch in den Lokalen Tag und Nacht Gerüchte gargekocht, Beobachtungen weitergegeben, ausgeschmückt oder erfunden – die Fama als Tausendfüßler.
Der Verleger schlendert unter den Platanen entlang. Er sieht, wie ihn in den Straßencafés auf der anderen Seite die Gäste erkennen, die Köpfe zusammenstecken und tuscheln. Kein Wunder. Die Szenen einer Ehe, die sich Carlotta und er ständig liefern, sind für die Tessiner Neubürger von höchstem Unterhaltungswert. Kronwein denkt an Carlotta, und der Magensaft gärt ihm im Mund.
Seiner Frau gegenüber ist er ohnmächtig, und das macht ihn rasend. Erstmals ist er entschlossen, den gordischen Knoten um jeden – fast um jeden – Preis zu zerschlagen. Er überlegt seine nächsten Schritte, erwägt, nach München zu reisen, um sich mehr um seinen Verlag zu kümmern und dabei die Scheidung vorzubereiten. Dann begreift er, wie nutzlos das wäre; Carlotta, die ihre Spitzel im Haus hat, würde es sofort erfahren, ihm nachfolgen, überall herumschnüffeln und dabei womöglich noch auf ganz andere Dinge stoßen als diese lästige Melber-Affäre.
Was tun? Der Verleger bleibt ratlos, sicher nur in einem: Daß er heute nicht in die häusliche Schlangengrube zurückkehren wird.
»Hallo, Kronwein!« ruft Grevenich über die Straße. Der frühere Abgeordnete des Bundestags erhebt sich und winkt: »Keine Lust auf einen Frühschoppen?«
Der Verleger sieht auf die Uhr. Er hat noch reichlich Zeit bis zu seiner Verabredung mit Henry Kamossa. »Keine schlechte Idee«, entschließt er sich und geht auf die andere Straßenseite.
Die Piazza ist bereits seit Stunden überfüllt. Im ›Al Pontile‹ sitzen die Gäste dicht gedrängt, aber für einen Mann wie Kronwein wird immer ein Stuhl herbeigeschafft. Sie sitzen in der letzten Reihe, mit dem Rücken zur Wand, abgeschirmt gegen den Straßenlärm, sicher vor Zuhörern.
»Was trinken Sie?« lädt ihn Grevenich ein.
»Zunächst einmal einen ›Rémy-Martin«, erwidert der Verleger.
»Cognac am Morgen, Kummer und Sorgen«, albert der Frankfurter Rechtsanwalt. »Wie kann man nur an einem solchen Tag eine so saure Miene zeigen?« bemerkt der Ex-Politiker.
»Ich hab einen fürchterlichen Auftritt mit meiner Frau hinter mir«, versetzt der Verleger nach kurzem Zögern.
»Das Allerneueste«, erwidert der massive Mann mit der fettigen Stimme lachend. Im Parlament war er ein Hinterbänkler, der über Nacht bekannt wurde, als er von der Regierungspartei in die Opposition übertrat und ihr dadurch in einem Länderparlament die knappste Mehrheit verschaffte. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, daß bei dem politischen Gesinnungswandel Kamossas Geld die Hauptrolle gespielt habe, aber es gab keine Beweise dafür, auch wenn sich Grevenich ein Jahr später eine Tessiner Villa leisten konnte.
»Wollen Sie sich wieder mal scheiden lassen?« fragt der Anwalt belustigt.
»Diesmal ist es mir ernst«, erwidert Kronwein. »Ich muß sehen, wie ich das schaffe.«
»In Ihrem Fall geht das natürlich nicht auf Armenrecht«, spottet Grevenich. »Wenn Sie sich wirklich schlüssig sind, rufen Sie mich an. Ich berate Sie gern. Kostenlos. Nichts ist aussichtslos«, tröstet er seinen Vielleicht-Mandanten. »Etwas geht immer.«
»Sie haben Erfahrung mit schwierigen Scheidungsprozessen?«
»Wovon lebte ein Anwalt Ihrer Meinung nach, bevor er Abgeordneter wurde?« entgegnet der Rundliche.
»Sagen Sie mir bitte, wie man eine Frau los wird, die man zu zwanzig Prozent am Unternehmen beteiligt hat?«
»Da gibt es schon Möglichkeiten«, versetzt der Jurist. »Sie könnten zum Beispiel Ihre Verlagsgruppe umgliedern und Ihrer Frau dabei ein Fünftel als selbständigen Teil abtreten.«
»Dazu bräuchte ich ihr Einverständnis – aber daran ist nicht zu denken.«
»Dann müssen Sie eine saftige Kapitalerhöhung vornehmen, bei der Ihrer Geschäfts- und Ehepartnerin, die Luft ausgeht.«
»Daran hab ich auch schon gedacht.«
»Das heißt natürlich opfern, nicht spenden«, erklärt Grevenich und lacht wie über einen guten Witz. »Seit wann ist Ihre Frau Teilhaberin?« Er wird wieder ernsthaft.
»Das war mein Hochzeitsgeschenk vor fünfzehn Jahren.«
»Die Morgengabe. Und Ihre Frau weiß Bescheid über Ihre geschäftlichen Aktivitäten?«
»Wie sollte ich das verhindern?« antwortet Kronwein kleinlaut.
»Vermutlich kennt sie auch Geschäfte, die Sie schon vor Ihrer Eheschließung praktiziert haben?«
»Auch das, fürchte ich …«
»Schlimm. Sie stehen also unter Pression«, erwidert der Scheidungs-Spezialist. »Ihre Frau droht Ihnen mit ihrem Wissen?«
»So ungefähr.«
»Nun nehmen die Gerichte eine rachsüchtige Frau nicht so schrecklich ernst«, doziert Grevenich. »Es sei denn, sie hätte Beweise. Wie sieht’s denn damit aus?«
»Teils, teils«, antwortet der Scheidungs-Anwärter.
»Dann wäre also zunächst zu überprüfen, wieweit strafrechtliche Vorgänge bereits verjährt sind – einen Mord werden Sie schon nicht begangen haben, Kronwein.«
»Sie Witzbold«, entgegnet der Konsul. »Sie meinen also, ich …«
»Ich weiß«, versetzt der Pykniker großmütig. »Wer wie Sie in den Gründerjahren ganz nach oben kommen wollte, hat häufig Dreck am Stecken.«
Er winkt das Serviermädchen herbei, ordert neue Getränke. »Ich hab mich zwar schon weitgehend zurückgezogen, aber meine Praxis, geführt von meinem Sozius, besteht weiterhin. Ich will mich nicht aufdrängen, doch wenn Sie wollen, übernehme ich Ihren Fall. Dann freilich nicht mehr aus reiner Freundschaft.«
»Betrachten Sie mich als Ihren Klienten«, entgegnet Kronwein.
»Überschlafen Sie Ihren Vorsatz noch eine Nacht lang. Wenn Sie dann immer noch der gleichen Meinung sind, kommen Sie morgen früh zu mir ins Haus. Sagen wir ab neun Uhr.« Der Anwalt wechselt das Thema. »Haben Sie schon von der Sache mit Kamossa gehört?« fragt er und dämpft die Stimme. »Heute nacht sind in Ascona angebliche Fahndungsplakate angeklebt worden, auf denen Kamossa als Erpesser, Betrüger und Steuerhinterzieher hingestellt wird«, tratscht er. »Und Sie werden es nicht für möglich halten, Kronwein«, tuschelt Grevenich weiter, »sogar als Mordanstifter.«
»Woher wissen Sie das?«
»Unterschätzen Sie mich nicht. Ich hab noch immer allerbeste Verbindungen«, prahlt er, obwohl ihm in Wirklichkeit seine Tessiner Zugehfrau den morgendlichen Spuk hinterbracht hat. »Es schadet Kamossa sicher nicht«, fügt er hinzu.
Die Feststellung klingt wie eine Frage.
»Warum sollte ihn ein dummer Bubenstreich erschüttern?« antwortet der Verleger. »Der Mann sitzt fest im Sattel – nicht in einem, sondern mindestens in einem halben Dutzend.«
»Aber Kamossa hat zur Zeit keine besonders gute Presse. Die Grams-Geschichte wirft Wellen.« Grevenich deutet auf einige Zeitungen, die am Tisch liegen. »Die ›Frankfurter‹ spricht sogar von einem Anschlag auf die freie Marktwirtschaft.«
»So ein Blödsinn«, antwortet der Verleger. »Die Marktwirtschaft ist so frei, wie eine Hure keusch ist.« Er lacht trocken. »Am Sonntag vielleicht.«
»Sehr hart formuliert«, sagt der frühere Volksvertreter und lacht gezwungen. »Aber wenn das so weitergeht mit der Konzentration in der Wirtschaft, haben Sie nicht so unrecht. Ich bin froh, daß ich politisch nicht mehr aktiv tätig bin und mit diesen Dingen nichts zu tun habe.«
»Aber Sie hatten mit Kamossa zu tun«, erinnert ihn Kronwein.
»Sie doch auch«, schießt Grevenich zurück.
»Richtig«, bestätigt der Konsul. »Dann wissen wir beide, daß dieser Ausnahme-Mensch unangreifbar ist. Wer ihn angreift, läuft auf eine Tretmine und fliegt in die Luft.«
»Vorsicht!« warnt der Überläufer a. D. und das Thema wechselnd. »Schräg hinter uns sitzt die Juwelen-Olga.«
Die Demi-Matrone ist die erfolgreichste der Asconeser Millionen-Witwen, die ihre artigen Verjüngungs-Jünglinge vorführen wie niedliche Schoßhunde. Ihr Begleiter ist kein professioneller Playboy – das beweist er schon durch den Arbeitskittel, den er zu ihrem Ärger trägt. Trotz zweier Weltreisen, die er mit seinen Jahrzehnte älteren Begleiterinnen absolviert hat, gibt er die ererbte Kunst- und Bauschreinerei nicht auf, um kein bloßer Lustknecht der Liebe zu werden. Giorgio, der die Welt kennenlernte, ist eine Lokal-Größe. Er sieht blendend aus, ein athletischer Typ mit vorteilhaft geschnittenen dunklen Haaren und leuchtenden Augen von einem ganz bestimmten Blau. Die Kobaltblitze, die er verschießt, gelten den Damen und gehen selten daneben, doch die Juwelen-Olga hütet Giorgio so penibel wie ihren Besitz.
»Jetzt ist es passiert«, erkennt Grevenich, der aus dem Augenwinkel feststellt, daß sich die Juwelen-Olga auf ihren Tisch zuschiebt.
»Die Herren plaudern so angeregt«, sagt sie im rheinischen Dialekt. »Gibt’s was Neues?«
»Gar nichts«, antwortet der Anwalt. »Oder wissen Sie etwas, Gnädigste?«
»Sie kommen doch am Samstag zu meiner Party?«
»Wenn ich dann noch in Ascona bin, folge ich gern Ihrer Einladung«, antwortet der Verleger.
Von Grevenich ist ohnedies bekannt, daß er nie eine Veranstaltung ausläßt. »Ich muß leider nach Hause«, entschuldigt sich der Ex-Politiker, zahlt, geht und überläßt Kronwein seinen Überlegungen.
Der Konsul blinzelt in die Sonne, verfolgt, wie der junge Grams, von einem Motorboot geschleppt, sein Repertoire mit einem Trick-Ski vorführt. In Ufernähe ist das verboten, aber das kümmert Ferry nicht. Der Berufserbe – als Urinator verspottet – muß seine morgendliche Schlappe wieder auswetzen.
Ringsum herrscht babylonisches Sprachgewirr; am wenigsten parliert man italienisch, die Landessprache. Vor dem Verleger schmust ein junges Liebespaar und bringt ihn auf andere Gedanken. Dann stellt er fest, daß ihm vom Nebentisch ein rothaariges Mädchen zulächelt. Sicherheitshalber überzeugt er sich, daß es keinem anderen gilt.
»Kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Konsul?« ruft sie ihm zu. »Wir waren doch auf der Party – bei den Wildangers, Ich bin die Daisy.«
»Mein Gott, entschuldigen Sie!« schaltet Kronwein rasch. »Aber Sie sind ja inzwischen noch hübscher geworden.«
»Sie Schmeichler«, gurrt sie.
»Wie wär’s mit einem Pikkolo?«
Daisy zögert, nickt dann und kommt an den Tisch. Sie nimmt Grevenichs Stuhl ein. »Eigentlich sollte ich mich nicht mit Ihnen sehen lassen«, bemerkt sie. »Sie haben nicht den besten Ruf, Herr Kronwein.«
»Sie doch auch nicht«, erwidert er lachend und blödelt: »Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich’s völlig ungeniert.«
»Und Ihre Gattin?«
»Meine Ex-Gattin«, versetzt der Verleger grimmig. »Ich hab mich vor einer halben Stunde von ihr getrennt, und zwar für immer. Grevenich hab ich soeben als meinen Scheidungsanwalt verpflichtet.«
Solcherlei oder ähnliche Behauptungen hörte Daisy bisher von jedem verheirateten Mann in den besten Jahren, die den besseren folgen. Darauf fällt sie schon lange nicht mehr herein, aber irgendwie spürt die Gespielin der Berufserben und Kandidatin der Kapitalrentner, daß Kronweins Lamento nicht ganz aus der Luft gegriffen ist.
»Gratuliere«, antwortet sie dann. »Und wer ist die Glückliche?«
»Das ist noch offen.« Kronwein stößt mit der roten Daisy an und betrachtet sie dabei anzüglich. »Auf jeden Fall eine jüngere, liebenswertere und hübschere.« Er sucht ihren Blick und setzt hinzu: »Zum Beispiel eine wie Sie, Daisy.« Er sieht auf die Uhr. Er hat noch eineinhalb Stunden Zeit, um aus der Gelegenheit Kapital zu schlagen. Er nimmt mit den Augen einen Vorschuß, fühlt, wie er von einem wohligen Gefühl überspült wird. Die roten Haare des Mädchens erinnern ihn an eine mindestens zwanzig Jahre jüngere Carlotta. Ihre Augen sind etwas dunkler, dafür ist ihr Mund unbeschriebener. Kronweins Blick wandert tiefer, über den schönen Nacken in den freigiebigen Ausschnitt.
»Off limits, Herr Konsul!« Daisy klopft ihm lachend auf die Finger. »Außerdem hat meine Freundin Marion einen viel schöneren Busen als ich.«
»Ich bin bescheiden«, versetzt der Verleger. »Mir genügt schon Ihrer.«
Er sieht den jungen Kamossa auf den Tisch zukommen.
»Schon auf den Beinen, Daisy?« begrüßt er das Mädchen.
»Ich bin doch eine Sonnenanbeterin«, antwortet sie.
»Und eine Nachteule«, erwidert Patrick »Entschuldigen Sie, Herr Konsul«, verbeugt er sich höflich. »Mein Vater telefoniert hinter Ihnen her, er konnte Sie zu Hause nicht erreichen. Leider muß er die Einladung zum Mittagessen auf morgen verschieben, weil ihm heute etwas Dringendes in die Quere gekommen ist. Morgen also, am gleichen Ort zur gleichen Zeit«, wiederholt Patrick.
»Danke«, entgegnet der Verleger, würgt seine Verärgerung hinunter, zieht die durchhängende Unterlippe wieder hoch und lächelt dann seiner Begleiterin zu. »Eigentlich prima«, sagte er. »Mit Ihnen bin ich ja viel lieber zusammen als mit Freund Kamossa.«
»Nichts dagegen«, antwortet Daisy.
»Danach fahren wir zum Shopping nach Locarno«, macht der Kandidat sein Programm. »Suchen uns anschließend ein hübsches Grotto, um den Abend totzuschlagen. Später dann einen fashionablen Nightclub in Locarno und dann …«
»… schick ich Sie nach Hause«, unterbricht ihn Daisy lachend.
»Nein«, beteuert er, »heute nicht, morgen nicht, überhaupt nicht mehr.«
Sicherheitshalber ist Daisy nett zu dem Mann, aus dem sich vielleicht etwas machen läßt.
IV
Auf der Alpennordseite endet schlagartig das Schönwetter. Die Cessna muß sich durch das Gewölk pflügen und gerät in heftige Turbulenzen, aber Schmeißer, der wendige und mitunter auch windige z.b.V.-Agent, verläßt sich auf Robeller, einen erfahrenen Piloten, den Kamossa der Lufthansa abgeworben hat. Der 35jährige sieht wie ein moderner Wikinger aus, hat ein ebenmäßiges Gesicht mit Augen, die es gewohnt sind, in große Weiten zu blicken. Am frühen Nachmittag kurvt die Cessna über München-Riem. Bayerns Hauptstadt liegt unter einer dichten Wolkendecke, und Robeller wirkt auch dann noch gelassen, als ihm der Tower Platzrunden vorschreibt und er vierzig Minuten lang auf die Landeerlaubnis warten muß.
Der Pilot startet gleich wieder zum Rückflug.
Vereinbarungsgemäß wird der Mann mit dem Spezialauftrag von Lapinsky empfangen, dem Presse- und Werbechef der Münchener Kamossa-Vertretung. Entgegen ausdrücklicher Absprache begleitet Grawutke den Kontaktmann, der Statthalter des Konzerns in der Isarstadt. Der Ehrgeizling mit dem übertrieben gepflegten Aussehen schiebt sich geschäftig in den Vordergrund.
»Ich habe erfahren, daß Sie wegen eines schwierigen Auftrags nach München gekommen sind, und so möchte ich Ihnen meine Hilfe anbieten«, begrüßt er Schmeißer.
»Besten Dank, Herr Grawutke«, erwidert der Ankömmling. »Aber Sie nutzen mir am meisten, wenn Sie sich aus der Sache heraushalten.«
»Das würde ich mir an Ihrer Stelle überlegen«, entgegnet der Schönling. »Unterschätzen Sie meine Verbindungen nicht.«
Lapinsky hält sich aus der aufkeimenden Kontroverse heraus. Er steht hinter seinem um einen Kopf größeren Chef und lächelt schiefmundig. Er hat früher schon mit dem Spezialrechercheur zusammengearbeitet und weiß, wie er mit Grawutke umspringen wird.
»Falls ich Ihre Verbindungen brauche, werde ich sie in Anspruch nehmen«, wehrt der Privatdetektiv auch die zweite Anbiederung ab. »Aber danach sieht es nicht aus.« Schmeißer verfolgt, wie der Zorn den Vordrängier in Rage bringt. »Überlassen Sie die Sache bitte Lapinsky und mir.«
»Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?« plustert sich Grawutke auf.
»Der Schwiegersohn des Konzernchefs«, antwortet der Privatdetektiv. »Aber Herr Kamossa ist nicht so familiär. Und solange Sie nicht auf seinem Stuhl sitzen, befolge ich ausschließlich seine Weisungen.«
»Wir sprechen uns noch«, droht der Münchener Statthalter, bevor er sich verärgert zurückzieht.
»Einen Freund haben Sie sich hier nicht gemacht«, stellt Lapinsky fest.
»Freundschaft gibt es nicht in meinem Metier«, erwidert der erfolgreiche Schnüffler. »Wie hat Grawutke erfahren, daß ich nach München komme?«
»Sehr einfach«, erklärt der Pressechef. »Er hat sich eine Abhöranlage einbauen lassen und vermutlich das Gespräch aus Ascona mitgehört.«
»Da hätten wir bereits die erste Panne«, entgegnet Schmeißer. »Machen Sie dem Mann klar, daß er fliegt, wenn er auch nur ein Wort über meine Anwesenheit in München verlauten läßt.«
»Bitte übernehmen Sie das an meiner Stelle«, erwidert Lapinsky. »Sie kann er ja nicht feuern.« Er setzt sich ans Steuer. »Wohin?« fragt er den neben ihm sitzenden Ankömmling.
»Richtung Innenstadt«, entgegnet der Akteur der Blitzaktion. »Also«, kommt er zur Sache, »ich brauch so rasch wie nur möglich Insider-Informationen über den Kronwein-Buchverlag. Ich muß sofort wissen, wie ein heißes Manuskript in die Hände des Lektorats gekommen ist und wer dahintersteckt. Sie haben sicher einen Informanten im Haus?«
»Einen?« entgegnet Lapinsky. »Das Betriebsklima in diesem Verlag ist so miserabel, daß man bei den Mitarbeitern nur anzutippen braucht, und die Informationen purzeln vom Baum wie wurmstichige Äpfel.«
»Also tippen Sie an«, fordert der Sonderbeauftragte.
Lapinsky nickt und steuert den Wagen geschickt durch den Verkehrsstrom. Er reiht sich auf der rechten Straßenseite ein, um an der nächsten Telefonzelle halten zu können. »Moment mal«, entschuldigt er sich, hält den Wagen an. Sein Gespräch dauert nicht einmal eine Minute. »Okay«, erklärt er, als er wieder in den Wagen einsteigt. »Die Leute, die Sie sprechen wollen, treffen wir zufällig nach Dienstschluß in ihrer Stammkneipe – also bereits in eineinhalb Stunden. Ich lade die Lektoren öfter ein, so daß dieses Treffen nicht weiter auffällt. Ich werde Sie dabei als meinen neuen Mitarbeiter einführen.«
Es klappt vorzüglich. Nach der dritten Runde Bier mit Schnaps beginnen die Versammelten – fünf Lektoren und drei Sekretärinnen – von selbst mit einer Schimpf- und Schmähkanonade auf die Kronweins.
»In der vergangenen Woche hat dieser feine Konsul 50 000 Mark an seine frühere Sekretärin bezahlen müssen«, tratscht einer. »Und wißt ihr, warum?« Er gibt sich gleich selbst die Antwort: »Er zwang während La Carotas Abwesenheit die Dame Melber jeweils am Morgen, die Tür abzusperren und ihm die Post splitternackt zu servieren. Dabei spielte er dann ›Hasch mich‹ mit ihr um den Schreibtisch herum – bis es ihr zu dumm wurde und sie einen Anwalt aufsuchte. Damit die Sache nicht über das Arbeitsgericht publik wird, mußte Kronwein Schweigegeld bezahlen.«
Sie sind nicht bösartig, aber frustriert. Dank ihrer Arbeitsleistung ist es den Kronweins möglich, unter südlicher Sonne zu sitzen und sie von dort aus telefonisch nach Laune zu kujonieren. Sie geizen dabei nicht mit Beschimpfungen und Drohungen. Selbst ein so tüchtiger Mann wie Cheflektor Doppelschmidt muß es sich gefallen lassen, von den Kronweins in aller Öffentlichkeit als ›Deppenschmidt‹ beleidigt zu werden.
Die beiden Zuhörer erfahren von den Schluckspechten Amüsantes und Interessantes, nicht aber das, was sie hören wollen. Der Kamossa-Pressechef gibt Schmeißer nach Tisch ein Zeichen, und gemeinsam ziehen sie den Cheflektor in eine Ecke. Er ist ein zurückhaltender, verläßlicher Mann, ein Könner, der im Kronwein-Verlag weit unter seinem Wert arbeitet.
»Haben wir nicht immer prima zusammen gewirkt, Herr Doppelschmidt?« beginnt Lapinsky mit der Massage. »Waren wir nicht gut Freund miteinander?«
»Das kann man ohne Übertreibung sagen«, bestätigt der Mann mit dem schmalen Kopf, dem linksgescheitelten Haar und der Halbglas-Lesebrille, deren Absetzen er meistens vergißt.
»War ich je kleinlich zu euch? Hab ich getratscht oder euch gar in die Bredouille gebracht? Hab ich euch nicht manchmal sogar aus der Klemme geholfen?«
»Das stimmt alles …« Doppelschmidt begreift offensichtlich nicht, worauf sein Gastgeber hinauswill. Schmeißer verfolgt, wie geschickt Lapinsky es anstellt, und läßt ihm freie Hand.
»Warum verschweigen Sie mir dann etwas, das mich brennend interessieren muß?«
»Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen«, erwidert der Angegriffene.
»Was soll ich schon meinen? Ich spreche vom Kamossa-Manuskript.«
»Kamossa?« fragt der Cheflektor betroffen. »Woher wissen Sie etwas darüber?«
»Dreimal dürfen Sie raten«, erwidert der Inquisitor.
»Da außer mir niemand im Hause etwas erfuhr, kann diese – diese Durchstecherei doch nur vom Verleger selbst kommen …«
»So sehen wir das auch«, antwortet Lapinsky. »Aber so wie wir miteinander auskommen, hätten Sie mich sofort benachrichtigen müssen, was uns da ins Haus steht. Im vergangenen Jahr haben wir über eine Viertelmillion in Kronwein-Blättern inseriert«, erinnert ihn der Presse- und Werbeleiter. »Da hätte ich mir schon etwas mehr Entgegenkommen ausgebeten.«
»Das ist doch noch gar nicht spruchreif«, versichert die Nummer eins des Lektorats. »Es steht noch alles offen. Es handelt sich um einen von zwanzig oder dreißig Vorschlägen, die täglich bei uns eingehen und meistens in den Papierkorb fliegen.«
»Alles Vorschläge über Henry Kamossa?« hämt Schmeißer.
»Natürlich nicht.« Der Verlagsmann gerät ins Schlittern. »Es handelt sich hier um kein Manuskript, sondern um ein Exposé, eigentlich nur um eine Stoffsammlung für eine – sagen wir mal – Skandal-Biographie.«
»Sind Sie sicher, daß Ihr Verleger dieses Exposé nicht selbst in Auftrag gegeben hat?«
»Absolut.«
»Auch nicht hinter Ihrem Rücken.«
»Das hätte ich erfahren.« Doppelschmidt wirft ein letztes Zögern ab und springt ins kalte Wasser. »Ich will Ihnen mal was sagen: Ich pfeif auf Ihre Werbung. Aber Sie können trotzdem mit mir rechnen. Ich bin nun mal gegen krumme Touren.« Er sieht sich um, stellt fest, daß keiner seiner Kollegen in der Nähe ist und der Lärm, den die Angeheiterten machen, so groß ist, daß sie nicht einmal Wortfetzen aufschnappen können. »Also«, sagt er, »es war vor ein paar Tagen. Ich weiß gar nicht, wie der Kerl an meiner Sekretärin vorbeigekommen ist. Plötzlich stand er im Raum, wedelte mit Manuskriptblättern und sagte: ›Wenn Sie das lesen, werden Sie an die Decke springen. ‹ Der Eindringling hatte ein geradezu unverschämtes Selbstbewußtsein. ›Bringen Sie diese Biographie als Buch heraus, und Sie machen das Geschäft Ihres Lebens. ‹ Der Mann nannte sich Hans-Peter Müller, aber ich hatte gleich den Verdacht, daß es sich dabei um einen fingierten Namen handelte. Irgendwie hatte ich diesen Typ schon mal gesehen, zumindest auf einem Foto. Aber so angestrengt ich auch nachdachte, ich kam zunächst nicht drauf. Der Bursche war hartnäckig, und schließlich schaffte er es, daß ich ihn aufforderte, Platz zu nehmen, und mir sein Angebot ansah. Es war nicht viel zu lesen, an die elf, zwölf Seiten, aber die hatten es in sich. Ich war wie elektrisiert. Gift und Galle. Brandgefährlich, um nicht zu sagen explosiv. Ich kann nicht beurteilen, ob an den Vorwürfen gegen Henry Kamossa etwas dran ist, aber wenn sie stimmen, könnten sie sich katastrophal für ihn auswirken.«
»Nicht, wenn die Anwürfe stimmen«, korrigiert ihn Schmeißer, »sondern wenn sie sich beweisen lassen.«
»Da hab ich allerdings meine Zweifel«, räumt Doppelschmidt ein. »Ich pickte ein paar der vergifteten Rosinen heraus und fragte den Mann, wie er sie rechtlich abstützen könne. Er wußte auf jede Frage eine Antwort, ob sie allerdings stimmte, ist eine andere Sache. Aber das war nicht mein Bier. Ich ließ den ungebetenen Besucher, von meiner Sekretärin bewacht, in meinem Büro sitzen, ging ins Vorzimmer und unterrichtete Kronwein telefonisch in Moscia. Er war sofort Feuer und Flamme. ›Sie müssen dieses Manuskript um jeden Preis erwerben, Doppelschmidt‹, insistierte er mich. »Sehen Sie zu, daß Sie es billig einkaufen können. Ich verlaß mich auf Sie. Wenn Sie’s schaffen, fallen Sie die Treppe hinauf, wenn nicht … ‹ Die Drohung versandete auf halbem Weg. »Halten Sie mich auf dem laufenden. ‹ Seitdem löchert er mich dreimal täglich mit seinen Anrufen.
Ich ging zu diesem Hans-Peter Müller zurück: »Ich kann meinen Verleger im Moment nicht erreichen‹, behauptete ich. ›Aber ich nehme unser Gespräch auf meine Kappe. Das hier ist ja nur ein Entwurf; wann würde das Gesamtmanuskript fertig sein? ‹
›Bald‹, erwiderte er wie das Orakel von Delphi.
›In einem Jahr, in zwei oder überhaupt nicht?‹
›Es ist schon fast abgeschlossen‹, behauptete der Verfasser.
›Und warum haben Sie es dann nicht mitgebracht?‹
›Ich geb meine Munition doch nicht aus der Hand, solange wir keinen Vertrag haben. Und zuerst will ich mal Knete sehen. ‹
›Für die Katze im Sack?‹ fragte ich ihn.
›Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen‹, erwiderte er und erhob sich.
›Ein paar Fragen werde ich Ihnen schon noch stellen dürfern, hielt ich ihn auf und lenkte wieder ein, ›Sind wir das erste Verlagshaus, dem Sie das Manuskript anbieten?‹ ›Dafür verbürg ich mich. ‹
›Und warum kommen Sie zu uns?‹
›Sie sind in der Branche bekannt dafür, daß Sie vor hohen Honoraren nicht zurückschrecken. ‹
›Da täuschen Sie sich mal nicht‹, erwiderte ich. ›An welche Summe dachten Sie denn? ‹
›Ich hatte hohe Auslagen. Mindestens 100 000 Mark Vorschuß‹, versetzte der Mann in der Lederjacke, ›und dann gestaffelt, je nach Auflage, 12 bis 15 Prozent Tantieme gegen Verrechnung mit dem Vorschuß.‹
›Das ist verdammt viel‹, antwortete ich. ›Vor allem für einen Anfänger – aber darüber können wir später reden. ‹ Ich lehnte mich zurück, als müßte ich angestrengt nachdenken. Dann bot ich ihm eine Vier-Wochen-Option gegen 5 000 Mark Honorar an; danach sollte der endgültige Kaufpreis festgesetzt werden. Der Mann handelte mich auf eine Woche herunter und auf 10 000 Mark hinauf. Er gab sich naiv, aber er war gerissen. Um die Sache geheimzualten, tippte ich den Optionsvertrag selbst auf der Schreibmaschine. Beide Seiten verpflichten sich darin zu absoluter Verschwiegenheit. Falls wir uns mit dem Autor nicht einigen oder die Geheimhaltung verletzen, kann er aussteigen und das Manuskript anderweitig anbieten. Nach Ablauf der Optionszeit und bei gleichzeitiger Vorlage zumindest eines erheblichen Teilmanuskripts soll dann der endgültige Vertrag geschlossen werden.«
»Und wann läuft die Optionsfrist aus?« fragt Schmeißer.
»Am Freitag – übermorgen also. Ich ging mit dem Mann zur Kasse«, berichtet der Lektoratsleiter weiter, »um ihm die 10 000 Mark gleich auszahlen zu lassen. Wieder fiel mir auf, wie selbstverständlich ihm das alles war. Er gab sich für einen freien Journalisten aus, der unter anderem auch für den ›Spiegel‹ und für ›Visier‹ arbeitet, gute Verbindungen zu Archiven unterhält. Abermals musterte ich das blasse Gesicht, den Ziegenbart, die unordentliche Frisur, das offenstehende Hemd, die abgenutzte Lederjacke. Auf einmal wußte ich: Der Autor heißt nicht Hans-Peter Müller; es ist Peter Raguse.«
»Der Enthüllungsspezialist?« erwidert Lapinsky erschrokken. »Dann ist die Scheiße am Dampfen.«
Einen Moment lang wirkt selbst der unerschütterliche Schmeißer konsterniert. In bestimmten Industriekreisen ist Raguse so bekannt, daß an den Wänden der Personalabteilungen seih Foto als Warnung hängt. Er hatte sich mit falschem Namen und fingierten Papieren in ein Atomkraftwerk eingeschlichen, dort wochenlang gearbeitet und dann – gestützt auf Kantinengespräche mit gestreßten Mitarbeitern – in einem fundierten Bericht die Sicherheitsmängel enthüllt. Er hatte sich in einem Edelbordell als besserer Rausschmeißer anheuern lassen, um dann hinterher über die Extratouren und Zuwendungen der prominenten Gäste zu berichten. Immer mit demselben Trick war er als Gastarbeiter, als Krankenpfleger, als Tellerwäscher, als Taxifahrer, Ohrenbeichter und Privatpolizist aufgetreten. Immer in Verkleidung, unter falschem Namen und mit gefälschten Personalpapieren.
›Warum stellen Sie sich mir als Hans-Peter Müller vor, wenn Sie in Wirklichkeit Peter Raguse sind?‹ fragte ich den Enthüllungsspezialisten.
Er lächelte mir ohne eine Spur von Zerknirschung ins Gesicht. »Damit Sie sich nicht gleich in die Hose machen, Herr Doppelschmidt‹, erwiderte er. ›Hätte ich ernsthaft gewollt, daß Sie mich nicht erkennen, wäre mir das auch gelungene Er zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch aus wie jemand, der verärgert ist, daß er rückfällig wurde. ›Sicher möchten Sie mit mir nicht viel zu tun haben‹, grinste er frech. ›Aber Ihr Prinzipal denkt darüber vielleicht ganz andes.‹«
»Sie haben Kronwein gesagt, wer dieser angebliche Müller wirklich ist?« fragt Schmeißer.
»Das mußte ich tun. Dann habe ich mir im Archiv Material über den Enthüllungsspezialisten besorgt.«
»Wo ist das Material jetzt?«
»In meiner Schreibtischschublade.«
»Und der Optionsvertrag?«
»Ebenfalls bei mir unter Verschluß.«
»Und die Kopie des Manuskripts?«
»Ich habe keine gemacht«, beteuert Doppelschmidt.
»Lügen Sie mich doch nicht an!« erwidert Schmeißer. »Sie verabschieden sich jetzt von Ihren Kollegen, weil Sie müde sind. Dann fahren Sie im Verlag vorbei, holen sämtliche Unterlagen und kommen damit zu uns ins ›Hilton‹.«
»Mein Gott, Sie bringen mich um Kopf und Kragen!« Der Mann in der Klemme erfaßt die Situation richtig.
»Nun hören Sie mir mal gut zu, Doppelschmidt«, entgegnet der Pressechef. »Ihre Mitteilungen bleiben unter uns. Trotzdem sichern wir Sie ab. Falls Sie in Schwierigkeiten kommen sollten, erhalten Sie von uns Ihre Bezüge weiter, und zwar in doppelter Höhe. Und das so lange, bis Sie oder wir in einem anderen Verlagshaus eine mindestens gleichrangige oder bessere Position gefunden haben.«
Doppelschmidt nickt.
»Ich werde Ihnen das morgen schriftlich bestätigen.«
Der Verlagsmann verabschiedet sich offiziell. Lapinsky fordert den Wirt auf, ihm morgen die Rechnung zu schikken. »Ihr könnt noch tagen, so lange ihr wollt«, wendet er sich dann an die feuchtfröhliche Gesellschaft. »Es ist alles erledigt.«
»Eine verdammte Geschichte«, schimpft Lapinsky auf der Fahrt zum »Hilton‹. »Ein Schlimmerer als Raguse, dieses wildgewordene Trüffelschwein, hätte uns nicht in den Weg laufen können. Dem Kerl ist alles zuzutrauen.«
»Mir doch auch«, erwidert der Meister der Finten und Finessen.
Lapinsky lacht, mehr höflich als überzeugt. »Also«, kommt er zum Psychogramm des Verhaßten, »Raguse ist unbestechlich. Geld ist für ihn nur Mittel zum Zweck. Er wird von seinem Anwalt, einem früheren Klassenkameraden, blendend beraten. Zwar hat er bei einigen Prozessen schon Haare lassen müssen, aber aus mehr als einem Dutzend Scharmützeln ist er als der Sieger hervorgegangen.«
»Ein linker Spinner?« fragt Kamossas Mann fürs Grobe.
»Viele halten ihn dafür, aber das stimmt nicht. Er hat bei gewerkschaftseigenen Konzernen Mißstände aufgedeckt und ihre Manager rücksichtslos in die Pfanne gehauen. In einigen Großstädten wurde von ihm der Genossen-Filz schonungslos enthüllt. Wenn Sie mich fragen, ist er kein Roter, kein Grüner und schon gar kein Schwarzer.«
»Was dann?«
»Ein Jäger«, erwidert Lapinsky. »Und ein Fallensteller.«
Schmeißer ist längst nicht so optimistisch, wie er sich gibt. Allein was er vom Hörensagen über Raguse kennt, suggeriert ihm schlimme Vorahnungn. Am schwierigsten ist es immer, Kontrahenten hereinzulegen, die sich persönlich nichts aus Geld machen, ob sie nun Hohlköpfe oder Fanatiker sind.
»Zuerst einmal werden wir Kronwein das Manuskript wegnehmen«, sagt er.
»Das dürfte nicht schwierig sein.«
»Als nächstes brauche ich einen Verlag, an dem unser Konzern maßgeblich beteiligt sein müßte, um Raguse ein Superangebot zu unterbreiten.«
»Auf lange Sicht auch kein Problem.«
»Die lange Sicht endet morgen früh«, erwidert Schmeißer.
Noch bevor Doppelschmidt mit den Unterlagen im Hotel eintrifft, ruft Schmeißer in Ascona an und führt ein langes Gespräch mit Michael Budde.
»Hören Sie gut zu«, endet der Chefmanager des Konzerns schließlich und erteilt dem Spezial-Rechercheur präzise Anweisungen und weitreichende Vollmachten.
V
Noch immer ungläubig begreift Carlotta allmählich, daß ihr Mann diesmal nicht streunt, sondern putscht. Er hat es noch nie gewagt, über Nacht wegzubleiben, zumindest nicht ohne eine stichhaltige – oder wenigstens fingierte – Ausrede. Sie erinnert sich an seine Drohungen von gestern, aber sie nimmt sie nicht ernst. Schließlich kennt sie ihn gut genug, um zu wissen, daß er zu feige ist, ihr ins Messer zu laufen.
Carlotta sitzt mit dünner Bluse und gutsitzenden Shorts auf der Terrasse ihres Gartens, ohne dem strahlenden Morgen etwas abzugewinnen, wiewohl sie sonst eine Naturschwärmerin ist. Der Lago ist fast so blau wie die Azurfarbe des Himmels. Auf seiner Oberfläche betrachtet sich die Sonne eitel wie im Spiegel. Ein Boot schneidet ihren Pausbakkenkopf, die Wellen werden zu Lachfältchen. Die oberen Häuser auf der weit weniger zersiedelten Ostseite des Lago wirken wie Falkennester. Eine Dampflock schnaubt der italienischen Grenzstation Dirinella entgegen.
Carlotta sieht es, ohne es zu bemerken, heute blicklos für das Spiel der Farben und des Lichts; sie hört nicht das Summen fleißiger Bienen und das Rascheln geschäftiger Eidechsen. Die Dressurleine, an der sie sonst den Eheflüchtling hält, ist gerissen. Die Knute der Dompteuse hängt unbenutzt im Schrank.
Es ist schon neun Uhr. Ihre Vermutung, Hans-Georg könnte sich nach München abgesetzt haben, verdichtet sich bei ihr zur Gewißheit. Trotz aus Feigheit: Je länger er sich auf Abwegen herumtreibt, desto länger wird er sich winden, seiner Frau wieder unter die Augen zu treten und die Bestrafung auf sich zu nehmen.
Carlotta kämpft mit sich und ruft dann doch in ihrer Münchener Privatvilla an. Niemand geht an das Telefon, nicht einmal der Hausmeister. Die Wütende wählt den Verlag, verlangt ihre Sekretärin erfährt daß sie sich heute freigenommen hat. Schließlich bekommt sie einen ihrer Hauptspitzel aus der Direktionsetage ans Telefon.
»Ich ruf gleich zurück«, verspricht der Mann hastig und legt auf. Carlotta begreift, daß er das Gespräch – aus Angst vor Mithörern – außer Haus führen wird.
»Ich rufe von der Tankstelle aus an«, meldet er sich zehn Minuten später. »Nein, gnä Frau, Ihr Mann ist nicht aufgetaucht. Er wird auch nicht erwartet. Er meldet sich nur ab und zu telefonisch.«
»Was steckt hinter diesem außergerichtlichen Vergleich mit Frau Melber?« fragt sie ihren Vertrauensmann direkt.
Er schweigt hörbar. »Es ist so schlimm, daß ich es Ihnen gar nicht sagen möchte«, beginnt er zögernd.
»Wieso?« fragt die Anruferin mit vibrierender Stimme. »Hört jemand mit?«
»Das nicht, aber …«Carlottas Günstling weiß, daß es keinEntrinnen gibt, und so schildert er die Szenen nach dem morgendlichen Posteingang.
»Und warum hat meine Sekretärin gekündigt?« fragt sie erregt.
»Wohl aus dem gleichen Grund«, antwortet der Spitzel. »Frau Melber hat ihr gezeigt, daß etwas zu holen ist, da ist sie zum gleichen Anwalt gegangen. Den Rest können Sie sich denken, gnä Frau. Es tut mir wirklich leid, aber …«
»Schon gut«, entgegnet Carlotta schrill. »Rufen Sie mich bitte an, falls mein Mann in München auftauchen sollte.«
Sie legt auf, starrt blind in die Sonne, bis ihr die Augen tränen. Der Zorn drückt ihr die Kehle zu, sie atmet schwer, entschlossen, sich grausam zu rächen. Einen Moment lang gaukelt ihr die Rachsucht blutrünstige Bilder vor: Sie sieht Hans-Georg auf den Knien vor ihr liegen, um Gnade winselnd. Aber sie weiß, daß sie ihn diesmal ganz anders fertigmachen muß.
Die Untätigkeit, zu der sie verdammt ist, droht Carlotta um den Verstand zu bringen. Gewaltsam zwingt sie sich, über das, Nächstliegende hinaus zu denken und alle Waffen zu sortieren, die sie gegen Hans-Georg verwenden kann. Es ist ein ganzes Arsenal, ausreichend für ein regelrechtes Overkilling. Gegen diese Übermacht kann der Eheflüchtling allenfalls schmutzige oder scheinheilige Tricks einsetzen, die bereits im Vorfeld scheitern müssen. In jedem Fall kann Carlotta die Scheidung verhindern – aber will sie das? Soll sie eine Ehe fortsetzen, die seit Jahren im Grunde nur davon lebt, daß sie marode ist – ein Zustand, der jetzt den Siedepunkt erreicht hat? Vielleicht, überlegt Carlotta, kommt sie weit besser weg, wenn sie in eine endgültige Trennung einwilligt, freilich zu ihren Bedingungen. Sie wäre dann frei, unabhängig, steinreich und eine noch immer attraktive Frau.
Fast wohllüstig genießt sie im voraus ihre Rache, eine unerbittliche Nemesis, die sich schon im Gerichtssaal sieht: nicht als Denunziantin, sondern als tapfere Frau, die, an einen Unhold gebunden, jahrelang schweigend durch die Hölle gegangen ist, zu anständig, um sich gegen ein Monster zu wehren.
Carlotta sonnt sich in diesem Moment vor dem Scheidungsrichter: eine kultivierte Dame, weit jünger als nach der Geburtsurkunde, in einem eleganten Pariser Kostüm, dessen Farben genau auf ihre Augen abgestimmt sind, Augen, die schimmern wie Eis im Föhn.
Sie wird so im Blickpunkt stehen, bemitleidet und doch bewundert, eine Frau, die mit der Preisgabe schrecklicher Einzelheiten noch immer zurückhält und sie nur unter Drängen des Richters mit leiser Stimme vorbringen kann, immer davor schaudernd, daß sie den einstmals Geliebten vernichten muß – und dafür mit einer Millionenabfindung belohnt wird. Bis dahin ist freilich ein weiter Weg – falls er überhaupt beschreitbar ist, denn wenn sie den Verleger ruiniert, gefährdet sie auch ihre Alimentation.
Carlotta ist so in Rage, daß sie einen Sofort-Triumph braucht, wie immer er aussehen mag. Dabei unterläuft ihr eine typisch weibliche Reaktion: Sie sucht im Telefonbuch die Nummer der Bau-und Kunstschreinerei Marazzo heraus, läutet sie an, fragt nach dem Chef und wird mit Giorgio, dem Junior, verbunden.
»Frau Konsul Kronwein«, meldet sie sich. »Sie kennen mich doch?«
»Aber ja, Madame. Leider nur aus der Ferne. Ich gehöre _ schon lange zu Ihren Bewunderern«, antwortet er in einem Deutsch, das sein italienischer Akzent so pikant macht. »Was kann ich für Sie tun?«
»Kommen Sie doch bitte heute vormittag bei mir vorbei«, erwidert Carlotta. »Ich habe eine eilige Arbeit für Sie.«
»Sie haben Glück, Madame«, behauptet Juwelen-Olgas fleißiger Adonis. »Ich bin im Moment gerade frei,«
Zehn Minuten später fährt er in Moscia vor, in blauen Jeans und rotem, bis zum Nabel offenem Hemd, das keinen Zweifel über den durchtrainierten Körper aufkommen läßt. Er betrachtet Carlotta ungeniert, entwaffnend, unverschämt – nicht wie eine Auftraggeberin, sondern eher wie ein Draufgänger eine Frau betrachtet, über die er herfallen möchte.
»Worum handelt es sich?« fragt Giorgio und bombardiert Carlotta mit Kobaltblitzen.
»Sie haben Ihr Handwerkszeug dabei?«
»Ja – im Wagen. Worum handelt es sich eigentlich?«
»Kommen Sie!« fordert ihn Carlotta auf.
Sie geht in den ersten Stock voraus, öffnet die Tür zu ihrem Schlafzimmer, dem Schauplatz ehelicher Zweikämpfe mit seinen Dressuren und Blessuren. Die Folterkammer ist ausgesprochen feminin – mit großen Wandspiegeln bestückt, alles rund und weich, in Weiß und Rosa, die Gardinen wie der falsche Baldachin über einem wertvollen Renaissancebett aus massivem Holz mit kunstvollen Schnitzereien aus der Zeit der Borgias, der Medicis, der Giftmörderinnen, der Condottieri, der berühmten Maler und der verlotterten Päpste.
»Sägen Sie es auseinander!« befiehlt Carlotta mit rauher Stimme. »Und zwar genau in der Mitte.«
»Was soll ich tun?« fragt Giorgio verständnislos.
»Auseinandersägen«, wiederholt sie.
»Warum?«
»Das geht Sie nichts an«, weist ihn Carlotta zurecht. »Tut mir leid, Madame, das kann ich nicht tun. Es ist einfach nicht zu verantworten, ein so schönes Stück zu ruinieren.« Er vergewissert sich: »Es ist doch echt?«
»Sogar mit Zertifikat.«
»Dann ist es doch mindestens 30 000 Franken wert und steht unter Denkmalschutz.«
»50 000«, verbessert ihn die Frau auf hohen Absätzen, die ihre Beine verlängern. »Mindestens.« Für Carlotta ist ein Handwerker als Mann uninteressant, aber sie stellt fest, daß er nicht nach Schweiß riecht, sondern nach einem herben Gesichtswasser duftet, auch keine dreckigen Fingernägel hat und keinerlei beflissene Unterwürfigkeit zeigt.
»Wenn ich es auseinanderschneide, können Sie diese wunderschöne Rarität im offenen Kamin verheizen«, versetzt Giorgio und nimmt Maß bei den prallsitzenden Shorts und der durchsichtigen Bluse, dem straffen Körper mit den Rundungen an den richtigen Stellen.
»Tun Sie, was ich Ihnen sage!« fährt ihn Carlotta an. »Dafür werden Sie schließlich bezahlt:«
Giorgio schüttelt den Kopf, geht bekümmert zu seinem Wagen und holt die Motorsäge. Nach seiner Rückkehr zögert er noch immer, den Auftrag einer offensichtlich Verrückten hinter sich zu bringen.
»Wollen Sie nicht doch noch einmal mit Ihrem Mann daürber reden, Madame?« fragt Giorgio vorsichtig.
»Mein Mann ist außer Haus«, erwiderte Carlotta »Er wird so schnell auch nicht zurückkehren.« Sie schürzt die Lippen. »Und wenn er kommt, werfe ich ihn hinaus.« Sie sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel. Ihr Blick lotet den Mann unter ihrem Niveau aus. Sie stellt fest, daß er bei Tageslicht genauso gut aussieht wie auf Partys im Halbdunkel: Breite Schultern, schmale Hüften, die richtige Größe, diese provokanten Augen und das unverschämte Selbstbewußtsein. Der geborene Verführer, wohl für das Bett geschaffen wie der Windhund für die Rennbahn. Ein Latin Lover von vielleicht 35, der aussieht wie ein Gott, sich verdingt wie ein Knecht, ausgerechnet an die Juwelen-Olga, diese fette alte Lustkuh. Unverzeihlich, sagt sie sich und sieht in diesem Moment die unersättliche Halbmatrone vor sich, die ihren Bettgesellen öffentlich, voll Besitzerstolz verführt, mit kichernder Scham, weil er doch zu jung für sie ist.
»Wie Sie meinen«, sagt Giorgio ergeben. »Doch zuerst muß ich am Schaltkasten die Netzspannung überprüfen, sonst brennt uns die Sicherung durch.«
»Nun machen Sie schon!« erwidert Carlotta, noch immer ungnädig, doch eine Spur freundlicher. »Die eine Hälfte des Betts lassen Sie hier stehen, die andere tragen Sie dann in das Arbeitszimmer meines Mannes«, ordnet sie an. Unglaublich, wie gut er aussieht, stellt Carlotta erneut fest. »Darf ich Sie mal was Indiskretes fragen, Giorgio?« Sie kann sich nicht länger beherrschen. »Sind Sie wirklich immer noch mit dieser – dieser Juwelen-Olga liiert?«
»Was heißt liiert? Ich schlafe mit ihr.«
»Mit dieser abgetakelten Fregatte?«
Giorgio schüttelt betrübt den Kopf. »Madame«, versetzt er vorwurfsvoll, »eine Frau ist immer so alt, wie sie sich anfaßt.«
»Meinen Sie die Frau«, spottet Carlotta, »oder ihr Bankkonto?«
»Da kennen Sie Olga schlecht«, kontert der gefragte Ladykiller. »Sie baut hier ein Haus nach dem anderen, und wir übernehmen dafür die Schreinerarbeiten und mußten deswegen sieben neue Leute einstellen. Aber fragen Sie nicht, wie sie sich beim Bezahlen anstellt! Sie geht zur Konkurrenz, läßt sich unter dem Gelächter meiner Kollegen niedrige Kostenvoranschläge machen und drückt mich dann, wo sie kann. Wissen Sie denn nicht, daß Olga krankhaft geizig ist, Madame? Sie hat es doch fertiggebracht, mir fünf Rollen feinstes Klopapier für unser Zusammensein in Rechnung zu stellen, dabei kauft sie nur das billigste bei der Migros.«
»Aber das haben Sie doch jetzt erfunden, Giorgio.«
»Nein, ich schwöre, daß es stimmt. Ich warte nur noch darauf, daß ich ihr auch noch die Zahnpasta bezahlen muß.«
»Und die großen Reisen, die Sie mit der Millionenwitwe gemacht haben?«
»Das ist etwas anderes. Olga zahlt die Tickets und die Hotels, und ich arbeite schließlich als ihr Dolmetscher – außer italienisch und deutsch spreche ich noch englisch und französisch und sogar ein bißchen spanisch –, Reisesekretär, Gesellschafter und Leibwächter.«
»Und als Schlafbursche.«
»Das geht gratis«, erwidert Giorgio. »Das ist eine Sonderleistung des Hauses Marazzo.«
»Im Massagesalon von Bangkok?«
»Auch da. Ich bin ein Mann mit großem Bildungsinteresse. Das ist doch nichts Schlechtes, oder? Ich habe vielleicht. schon mehr von der Welt gesehen als Sie und Ihr Mann, Madame«, stellt er unverfroren fest. Bevor sie auf seine Unverschämtheit erwidern kann, setzt Giorgio hinzu: »Ist denn der Streit mit Ihrem Mann so schlimm?«
Carlotta nickt.
»Aber da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten, sich an ihm zu rächen«, sagt er, geht auf sie zu, betrachtet sie mit Augen, die sie ausziehen. Sie spürt es, aber es ist ihr nicht unangenehm; vielleicht hätte sie sich nur einen Morgenmantel überwerfen sollen.
»Was ist jetzt mit Ihrem Starkstrom?« Carlotta versucht auf Distanz zu bleiben.
»Ich stehe immer unter Starkstrom«, antwortet der Adonis lächelnd. »Und eine Reise um die Welt kann man auch ohne Fahrkarte machen, ohne Hotelbuchung und ohne Massagesalon«, sagt er und geht auf sie zu.
Carlotta will ihm ins Gesicht schlagen. Giorgio fängt ihre Hände auf, öffnet sie, küßt die Innenflächen. Er versteht sein Fach, zieht sie an sich. Er merkt, daß sie zittert und ihr Atem sich beschleunigt, der Blick sich verschleiert und die Nasenflügel beben – und er ist ein erfahrener Diagnostiker.
»Ich tue alles für Sie, Madame«, beteuert Giorgio und strampelt sich aus seinen Jeans.
»Was fällt Ihnen ein?« fragt sie außer Atem.
»Das gleiche wie Ihnen, Madame«, erwidert er.
Er reißt Carlotta an sich und läßt sich mit ihr vornüber auf das antike Bett fallen. Der Mann unter ihrem Niveau ist auf einmal über ihr, streichelt sie mit kundigen Händen, so daß sie erst nicht merkt, daß er ihr dabei die Bluse abgestreift hat, als seine Zunge über ihre Haut gleitet. Sie versucht, ihn wegzuschieben und gießt dabei Öl ins Feuer, von dem sie erfaßt wird.
»Geh zum Teufel, aber komm!« stöhnt Carlotta.
»Gleich«, erwidert er »Nichts überstürzen, wir haben doch Zeit.« Sie kann nicht mehr antworten. Giorgios Lippen versperren ihren Mund. Er küßt sie, und Carlotta beißt ihn in die Unterlippe, aber der Verführer spürt es nicht. Ihre Nägel krallen sich in seine Haut, ziehen blutige Spuren. Ihr Atem geht stoßweise.
»Komm doch endlich!« Sie bäumt sich auf.
Er verzögert das Eindringen in ihren Körper, um das Verlangen noch mehr anzuheizen. »Ich war schon immer wild auf dich«, raunt er ihr zu. »Gleich muß ich explodieren, ich …«
»Du kannst mich haben«, keucht sie. »Nun nimm mich doch endlich. Bitte – ja – ich, ich halt das nicht länger aus.« Sie greift nach seinem Glied, zieht Giorgio an sich heran, ist nahezu besinnungslos, als sein Maskulinum in ihren Sog gerät. Sie schreit auf, vergißt das Hausmädchen und den Gärtner. Sie schluchzt und keucht im Hin und Her und Auf und Ab, bald unter ihm, bald über ihm. »Jetzt – ja«, stöhnt Carlotta mit verzerrtem Gesicht. »Mach mich fertig. Jetzt. Gleich.«
Giorgio verzögert den Höhepunkt.
»Fuck me, fuck me, son of a bitch«, treibt sie ihn an, aber ein Profi wie Giorgio läßt sich ihren Rhythmus nicht aufdrängen und sie mit ihrem ersten Orgasmus ins Leere laufen, wartet, bis sie sich einigermaßen abgeregt hat, erschöpft und stumm in den Kissen liegend.
»Das war keine Weltreise, Madame«, tadelt er. »Wir sind noch nicht einmal in Locarno eingetroffen.« Er lacht. »Aber gleich fährt der Zug weiter.«
Und dann wird Giorgio wild, reißt sie mit, dreht sich selbst im Strudel, raunt ihr auf italienisch Zoten zu, die zärtlich klingen. Ein Virtuose, der seinem Instrument die höchsten Töne entlockt, bis zum Fortissimo.
Er beginnt das alte Spiel, zieht Carlotta an sich, schiebt sie wieder weg. Seine Hände erschließen Zone um Zone ihres Körpers, dabei ist ihm, als würden halb erfrorene Hände in kochendes Wasser tauchen. Er balanciert am Rande des Abgrunds, spürt, wie sich die Poren seiner Haut öffnen wie platzende schoten. Während er ihr heiße Worte zuraurit, kriecht Carlottas Mund wie eine Schnecke über seinen Körper. Die Partitur, nach der er dirigiert, verschwimmt vor seinen Augen, er verliert den Taktstock. Ihre Körper verkeilen sich ineinander, treiben auseinander. Giorgios Hände pressen sich auf ihren Körper. Ihre abgewinkelten Beine nehmen den trainierten Body in die Zange.
Die beiden rasen aufeinander zu wie zwei Schiffe, die zusammenstoßen müssen. Dann dreht sich der Ozean im Orkan, immer schneller, immer stürmischer. Der Drang nimmt ihnen das Gehör, in ihren Köpfen rauscht das Blut, Carlotta bläst dem Mann die schweißnassen Haare aus der Stirn. Crash.
Die Explosion zerreißt sie in kleine Stücke. Dann erst merken sie, daß sie überlebt haben.
»Du hast geschrien, daß man es drei Häuser weit hören mußte«, sagt Giorgio belustigt. »Bist du erotisch so unterernährt?«
»Wir müssen verrückt sein«, erwidert sie lachend.
Er betrachtet ihre zerzausten Hare, den verschmierten Lippenstift, das aufgelöste, verschwitzte Gesicht. »Mit deinem Mann ist wohl nicht viel los?« fragt er.
»Ein Schlappschwanz in jeder Hinsicht«, entgegnet Carlotta. »Dafür ist mit dir etwas los. Leider bist du viel zu jung für mich.«
»Nur einer Stradivari kannst du solche Klänge entlokken«, entgegnet Giorgio lächelnd. »Außerdem bist du sechzehn Jahre jünger als Olga.«
»Wenn sie es erfährt, bist du deine Aufträge los.«
»Und wenn schon«, erwidert Giorgio. »Wir haben Hochkonjunktur. Ich muß so viele Absagen erteilen, weil meine Kapazität nicht ausreicht.« Mit dem Zeigefinger fährt er an Carlottas Lippen entlang. »Wirst du deinem Mann etwas erzählen über unsere Kissenschlacht?«
»Das wird schon das Hausmädchen besorgen, falls er sich hier noch einmal blicken läßt.« Carlotta macht sich von ihm frei, steht auf. »Und was sagst du deiner Glitzer-Olga?«
»Weiß ich noch nicht«, erwidert er unbekümmert. »Vielleicht, daß sie mir zu geizig ist oder zu dick.«
Sie geht ins Bad. »Wenn du duschen willst, Giorgio« –, sie deutet auf die andere Seite –, »dort ist eine Kabine.«
Er läßt den kalten Strahl auf die Haut prasseln und lächelt dabei wie ein Kater, der ein ganzes Mäusenest ausgehoben hat. Er trocknet sich ab, legt sich ein Handtuch als Lendenschurz um, kommt zurück.
»Laß dich einmal richtig ansehen«, sagt Carlotta bewundernd. »Du bist wirklich gut gewachsen. Warum bist du so stark, so männlich?«
»Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Ich brauche keinen Joint und keine Droge. Ich hab nur eine Leidenschaft, l’unica passione«, fällt er ins Italienische, »Chiavare …«
»Chiavare?« fragt sie.
»Fare l’amore«, erwidert er, »faire l’amour, making love.« Er bläst ihr die Haare aus der Stirn. »Zu deutsch: Bummbumm machen.«
Er steht vor einem großen Wandspiegel, legt die Arme um Carlotta, zieht sie an sich. Sie stellt fest, wie sein Verlangen zurückkehrt.
»Bist du verrückt, Giorgio?« fragt sie. »Wir haben einen halben Wald gefällt, und du greifst schon wieder nach der Axt.« Carlotta wehrt ihn ab und deutet auf das Bett. »Nach dem Vergnügen an die Arbeit.«
»Und wo sollen wir künftig unsere Weltreise fortsetzen?«
»Es gibt noch genug Betten im Haus.«
»Aber kein so herrliches«, versetzt er.
»Heißt das, daß du wiederkommen willst?«
»Heute abend schont, antwortet er. »Wir sind jetzt zumindest schon in Zürich. Dort besteigen wir das Flugzeug und starten nach Timbuktu.«
»Warum nach Timbuktu?«
»Weil es da besonders toll zugeht.«
Carlotta hat nichts dagegen. Es wird einen Skandal geben, in und um Ascona, aber es ist ihr gleichgültig. Wenn es Hans-Georg erfährt, um so besser. Er hat ihr weit Schlimmeres angefan. Jetzt hat sie sich revanchiert, und wenn sie so nebenbei diese Brillanten-Grandma blamiert, wird es ihr nur recht sein. Soll sie toben wie ein Fischweib, sie wird an ihrer Stelle die Reise um die Welt mit Giorgio fortsetzen.
Ihr Zorn ist verraucht, Sie kann wieder geordnet denken.
Auf einmal weiß sie, was sie zu tun hat: Aus der Kränkung heraus wird sie zum Angriff antreten. Sie braucht einen gerissenen Anwalt und überlegt, wen sie mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betreuen könnte. Wen könnte sie wählen? Eigentlich müßte Carlotta nach München fahren, aber sie hat keine Lust, sich jetzt, da diese schweinischen Geschichten im Verlag passiert sind, dem Gespött auszusetzen, statt ihre Beziehung zu Giorgio fortzusetzen.
Wenn sie an einen erreichbaren und mit allen Wassern gewaschenen Advokaten denkt, fällt ihr automatisch Grevelnich ein, der Ex-Politiker, einer der weiß, was sich mit Kellerleichen anfangen läßt.
Carlotta ruft ihn an. Der Anwalt ist gleich selbst in der Leitung. »Gnädigste«, begrüßt er sie, »wie ich mich freue, Ihre Stimme zu hören.«
Um das Palaver abzuwürgen, kommt sie gleich zur Sache und fragt Grevenich, ob er sie bei ihrer beabsichtigten Scheidung vertreten wolle.
»Sie wollen sich von Ihrem Mann trennen, Gnädigste?« fragt er hellwach. »Ich praktiziere ja kaum noch – aber ich hätte Sie furchtbar gern vertreten, leider kommen Sie einen halben Tag zu spät.«
»Wieso?« unterbricht ihn Carlotta.
»Es ist mir peinlich, aber ich kann es Ihnen nicht verschweigen«, antwortet er zögernd. »Ich vertrete bereits Ihren Mann. Aber ich bin gern bereit, Ihnen einen tüchtigen Kollegen zu empfehlen.«
»Ich verzichte«, erwidert die Anruferin kalt. »Ich kann Ihnen nur sagen«, keift sie ordinär, »daß Sie mit diesem Mandanten barfuß in die Scheiße getreten sind.«
»Wir wollen doch unnötige Komplikationen vermeiden«, fährt er mit salbungsvoller Stimme fort. »Ich bin dafür, daß wir uns in Ruhe zusammensetzen und …«
»Mit einem solchen Schwein wie Hans-Georg setze ich mich nie mehr an einen Tisch«, entgegnet Carlotta. »Ein Kerl, der reif ist fürs Zuchthaus!«
»Aber, aber, Gnädigste!« wiegelt der Jurist ab. »Ich weiß, es gibt da ein paar – sagen wir – unschöne Punkte in der Vergangenheit Ihres Mannes, aber in solche sind Sie – entschuldigen Sie bitte – als seine Teilhaberin und Mitwisserin selbst verstrickt und … ‹‹
»Unerhört!« stoppt sie ihn.
»Lassen Sie mich bitte ausreden, Gnädigste! Außerdem sind einige – einige Geschichten Ihres Mannes verjährt oder nicht mehr beweisbar.«
»Meinen Sie?« höhnt Carlotta. »Ich hätte Sie nicht für so naiv gehalten, Herr Grevenich. Es gibt auch noch Zeugen, und zum Teil sogar sehr prominente – zum Beispiel Henry Kamossa.«
»Was hat er mit Ihrem Mann zu tun?« fragt Grevenich ein wenig zu hastig.
»Hat Ihnen Hans-Georg nichts über den Zweieinhalb-Millionen-Deal mit dem Finanzminister – unter Kamossas Patronat – erzählt? Was meinen Sie, wie sich die Presse darauf freut, wenn ich diesen Machtklotz in den Zeugenstand zitiere.«
»Er wird nicht erscheinen«, erwidert der Jurist erschrokken. »Und ich würde Ihnen dringend raten, einen Mann wie ihn nicht in Ihre Scheidung hineinzuziehen. Mein Gott, Sie schlagen ja tief unter die Gürtellinie, Gnädigste!«
»Noch tiefer«, versetzt Carlotta. »Ich werde Hans-Georg dahin treten, wo es am meisten schmerzt«, setzt sie hinzu und knallt den Hörer auf die Gabel.
Sie hat alle Trümpfe in der Hand und noch einige Joker im Ärmel, und sie ist entschlossen, sie hemmungslos auszuspielen.
VI
Den nächsten Tag läßt der Frühling in München ausfallen. Der Wind schneidet sich an den Ecken der Häuser. Es riecht nach Moder und Müll. Immer wieder fegen Böen durch die Straßen und fauchen den Passanten Sand in die Augen. Wenigstens bleiben ihnen so die zahlreichen Wahlkampfplakate mit den geschönten Politikergesichtern und den verlogenen Parolen erspart.
Nach einer langen Nacht und drei Stunden Schlaf ist Schmeißer, Kamossas Spürhund, schon wieder auf den Beinen. Er hat sich durch das Studium von Archivmaterial auf den umstrittenen Enthüllungspublizisten Peter Raguse vorbereitet wie auf ein Examen. Er kennt seine Arbeitsweise, seine Lebensumstände. So weiß Schmeißer, daß der Mann im zweiten Stock eines Altbaus in Schwabings Isabellastraße wohnt, ein typischer Nachtarbeifer ist, der lange in den Vormittag hinein schläft und dann in einem Straßencafé an der Ecke ein spätes Frühstück einnimmt.
Der Detektiv hat sich das Bild Peter Raguses eingeprägt. Er ist sicher, ihn zu erkennen. Er wird ihm an einem der Nebentische auflauern, ihn ansprechen. Er weiß, daß er diesen hartgesottenen Burschen weder einkaufen noch einschüchtern kann, zumindest nicht auf die übliche Tour. Raguse ist mit Sicherheit der schwierigste Typ, mit dem er je zu tun gehabt hat. Er muß vermeiden, daß die erste Begegnung mit dem Problematischen bereits zu einem Zusammenstoß führt, und frißt vorsorglich Kreide.
Niemand sieht dem Ermittler an, daß er vor Ort herumschnüffelt. Raguses Nachbarn, mit denen er ins Gespräch kommt, merken nicht einmal, daß sie ausgefragt werden. Der Mann, der so viele Schlagzeilen machte, lebt hier zurückgezogen, weitgehend unbeachtet in einem großen Wohnhaus, auf dessen Tür ein Schild die Kanzlei des Rechtsanwalts Dr. Walter Endrichs anzeigt. Nur wenige wissen, daß der Ziegenbart der umstrittene Skandalpublizist ist. Man hält Raguse in seiner Umgebung für einen typischen Schwabinger, der nur dadurch auffällt, daß er viel auf Reisen ist. Sein Privatleben wird seinem Verfolger so farblos geschildert, als führte er keines. Gelegentlich sieht man Raguse im lebhaften Gespräch mit Kumpanen in Schwabinger Kneipen, Keine Streitereien, keine Alkoholexzesse, keine Mädchen-Affären.
Der Mann scheint so auf seine manischen Nachforschungen fixiert, daß er am Leben vorbeigeht. Zu Hausbewohnern ist er höflich. Die Miete zahlt er pünktlich, Besuch bekommt er selten. Als einziger Vorwurf klingt ab und zu bei den Nachbarn durch, daß er gepflegter aussehen könnte.
In einem Reisebüro in der Nähe erfährt Schmeißer, daß der Ausgeforschte seine Tickets meistens hier kauft. Die letzte Reise vor etwa drei Wochen führte ihn nach New York.
Hier gibt es noch viel zu klären, aber das wird Schmeißers Helfern überlassen, die er nach diesem Gespräch hinzuziehen muß. Er hat schon öfter mit einer fähigen Auskunftei zusammengearbeitet, ihr wird er den Auftrag erteilen, den professionellen Entlarver rund um die Uhr zu beschatten.
Der Rechercheur hat seinem Gesicht einen beinahe dümmlichen Ausdruck aufgesetzt. Er wird diese Berufsmaske zumindest so lange tragen, bis er dem Aufgelauerten begegnet.
Wieder wirbelt der Wind Staub auf. Schmeißer reibt sich den Schmutz aus den nassen Augen. Er sieht noch genug, um vor einem Zeitungsstand unvermittelt stehenzubleiben:
Auf einem wie ein Steckbrief aufgemachten Werbeaushang der ›Bild‹-Zeitung prangt das Foto seines Auftraggebers. Darunter steht:
Henry kamossa in bedrängnis?
Es ist das falsche Fahndungsplakatp, pdas die Polizei gestern in Ascona, im Ferienparadies der Millionäre, sichergestellt hat. Der letzte Börsencoup mit den Grams-Aktien scheint dem allgewaltigen Finanz-Jongleur kein Glück zu bringen. Bei mehreren Zeitungen, auch in unserer Redaktion, sind anonyme Briefe eingegangen, in denen schwere Vorwürfe gegen den Wirtschafts-Giganten erhoben werden. Es ist nicht aüszuschließen, daß mit diesen genau aufeinander abgestellten Aktionen, von Neidern und Intimfeinden ein Kesseltreiben gegen den prominenten Aufsteiger eingeleitet wirdp.
Das Pseudo-Fahndungsplakat muß ›Bild‹ schon zugespielt worden sein, bevor es in Ascona angeschlagen wurde. Schmeißer kauft wahllos mehrere Zeitungen und geht weiter. Michael Buddes Befürchtungen über eine konzertierte Schmutzaktion gegen Kamossa scheinen sich zu erfüllen. Vermutlich betreibt ein unbekannter Drahtzieher – womöglich aus der engsten Umgebung – aus dem Hintergrund auf verschiedenen Ebenen und von mehreren Seiten den Rufmord.
Der Rechercheur nimmt nicht an, daß ein Mann wie Raguse an so kindischen und durchsichtigen Aktivitäten teilnimmt – aber der Unbekannte könnte dem Enthüllungsspezialisten bisher unbekanntes Material zugespielt haben, um ihn in seinen Dschungelkrieg einzüspannen.
Viel zu früh begibt sich Schmeißer in das kleine Café. Er weiß, daß der tägliche Gast sich immer am Stammtisch niederläßt. Er nimmt daneben Platz, ordert Kaffee, vertieft sich in die Zeitungen.
Er braucht nicht lange zu warten.
Er erkennt den Eintretenden in der schäbigen Lederjacke schon in der Tür, einen hageren Mann mit eingefallenen Wangen, der aussieht wie ein Magenkranker. Verwilderter Haarwuchs, struppiger Ziegenbart, die ungesunde Gesichtsfarbe des Nachtarbeiters und Kettenrauchers.
Ohne Raguse nach seinem Wunsch zu fragen, serviert ihm die Kellnerin Kaffee, Brötchen, zwei Eier im Glas – für einen Magenkranken hat er einen gesunden Appetit.
Während er zerstreut in seiner Tasse herumrührt, beginnt er mit der Zeitungslektüre.
Schmeißer läßt ihm etwas Zeit, erhebt sich dann und tritt an ihn heran. »Entschuldigen Sie, Herr Raguse«, sagt er und stellt sich mit einem unverständlichen Namen vor. »Dürfte ich Sie für einen Moment stören? Es ist wichtig.«
Der Angesprochene liest seine Zeitung weiter, ohne aufzusehen. »Können Sie mir sagen«, erwidert er dann und weist auf eine Meldung in der ›Süddeutschen Zeitung‹, »was eine neunköpfige Studienkommission des Bayerischen Landtags in Zentralafrika zu suchen hat?«
»Vielleicht wollen sich die Abgeordneten davon überzeugen, daß die Neger schwarz sind.«
Raguse betrachtet zum ersten Mal den untersetzten Störenfried und fordert ihn dann mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. »Was wollen Sie von mir?« fragt er und schiebt die Zeitung weg.
»Ich weiß, daß Sie sich wenig aus Geld machen«, beginnt Schmeißer direkt »trotzdem möche ich Ihnen ein veritables Geschäft vorschlagen.«
»Geschäft?« fragt Raguse uninteressiert. »Ich habe Ihren Namen nicht verstanden.«
»Namen sind Schall und Rauch«, versetzt der Privatdetektiv. »Was hätten Sie davon, wenn ich mich Ihnen als Hans-Peter Müller vorstellen würde?«
»Also daher weht der Wind«, antwortet der Ziegenbart. »Sie haben mit dem Kronwein-Verlag zu tun.«
»Ganz im Gegenteil.«
»Dann sind Sie von der Konkurrenz.«
»Richtig. Lassen wir zunächst einmal offen, welchen Verlag ich vertrete. Ich sage einstweilen nur, daß er finanziell durch und durch gesund ist.« Bevor ihn Raguse unterbrechen kann, fährt der Unterhändler fort: »Sie haben der Unternehmensgruppe Kronwein eine Option für eine Biographie übergeben, die morgen abläuft.«
»Woher wissen Sie das?«
»Geben Sie denn gleich einen Informanten preis?« fragt Schmeißer zurück. »Kronwein hat offensichtlich das vereinbarte Stillschweigen gebrochen. Sie können also aussteigen und morgen bei uns einsteigen.«
»Und dabei wieder eine Vereinbarung unterschreiben, die keinen Pfifferling wert ist?«
»Nein. Bestimmt nicht«, versichert der Schnüffler. »Wir würden für eine siebentägige Option statt 10 000 Mark 50 000 verlieren – und das ist auch für uns ziemlich viel Geld.«
»Kennen Sie denn das Manuskript?«
»Keine Zeile«, erwidert der Ermittler. »Aber ich weiß, was es enthält.«
»Das ist wohl auch nicht so schwer zu erraten«, versetzt der Journalist. »Hat Doppelschmidt geplaudert?«
»Der ist dafür zu korrekt.«
»Also, heraus mit der Sprache: Wen vertreten Sie?«
»Den Dreiweg-Verlag«, erwidert der Unterhändler. »Kennen Sie ihn?«
»Ganz guter Name. Aber die Leute sind ziemlich pleite.«
»Das stört Sie doch am wenigstens, Herr Raguse«, entgegnet Schmeißer. »Hinter diesem Verglagshaus steht jetzt eine Finanzgruppe, die es mit Geld reichlich versorgt.«
»Und die hat einen Namen?«
»Sicher.«
»Und ist erst seit kurzem tätig – und hat mit Henry Kamossa zu tun.«
»Möglich«, weicht der Rechercheur aus.
»Ja oder nein?«
»Ja«, erwidert Schmeißer in die Enge getrieben. »Der Finanzier ist gerade dabei, diesen Verlag zu erwerben.
»… um mein Manuskript über sich selbst zu kaufen, das er nicht kennt, aber fürchtet.« Raguse lacht halblaut. »Ein dicker Hund.«
»Eine offene Pokerpartie mit klarer Vorgabe«, entgegnet der Spürhund. »Ich will Sie hereinlegen, und Sie möchten mich begaunern.«
»Sie sind mir nicht sympathisch, aber Sie sind auch nicht dumm. Am widerwärtigsten sind mir Hohlköpfe«, stellt Raguse fest. »Wie war doch gleich Ihr Name?«
»Roland Schmeißer.«
»Das stellt ja alles klar.« Der Mann mit den struppigen Haaren liefert gleich Proben seines Wissens. »Sie sind Kamossas Hausschnüffler. Sie haben seinerzeit die pikanten Umstände des Flugzeugabsturzes vertuscht, Sie haben bei einer von Kamossas Ehescheidungen die Hauptrolle gespielt, Sie haben für ihn das Ding mit dem Nummernkonto in Zürich gedreht und diesen Abgeordneten«, – Raguse denkt einen Moment lang angestrengt nach –, »Grevenich – eingekauft und zum Überläufer gemacht. Wollen Sie noch mehr über sich hören?«
»Danke, das reicht.« Schmeißers verblüfftes Gesicht amüsiert den Ziegenbart. »Sie wollen mich hereinlegen«, erinnert ihn der Journalist. »Gut, fangen Sie endlich an.«
»Sie haben neue Wege beschritten und dabei Ihre Maske geändert. Sie haben keinen ernsthaften Versuch gemacht, Ihre Identität bei Doppelschmidt zu verbergen, sonst hätten Sie mit Sicherheit die richtige Verkleidung gefunden, zumal es sich bei dem Cheflektor mehr um einen sensiblen Theoretiker als um einen hartgesottenen Praktiker handelt. Sie nahmen mit Recht an, daß das Manuskript auf direktem Weg an Kronwein nach Ascona weitergereicht wird, wo sich zur Zeit auch Kamossa aufhält. Der Verleger, den Sie vermutlich in Ihrer Stoffsammlung ausgelassen haben, würde sich an Kamossa wenden und dadurch Reaktionen aüslösen, die Sie beabsichtigt haben. Sie haben uns – Kronwein, Kamossa und mich – dadurch gewissermaßen als Mannequins auf den Laufsteg geschickt und warten nun ab, was wir unternehmen werden, um es später zu veröffentlichen.« Er nickt Raguse zu. »Sie haben damit gerechnet, daß Sie von einem Verbindungsmann Kamossas aufgesucht werden. Vermutlich findet sich das Gespräch, das wir jetzt führen, später als Episode in Ihrem Buch wieder.«
»Gar nicht so dumm, dieser Gedanke.«
»Das war zunächst einmal Ihr Vorgehen. Bevor ich die erste Karte unseres Pokers ziehe, sollten Sie mir ein paar Fragen beantworten.« Da er nicht unterbrochen wird, fährt er fort: »Gibt es bereits ein endgültiges Manuskript?«
»Meine Arbeit ist etwa zu zwei Dritteln abgeschlossen. In höchstens, drei bis vier Monaten wird sie komplett vorliegen.«
Schmeißer nickt. »Es stand Ihnen bisher unveröffentlichtes Archivmaterial zur Verfügung – darüber hinaus haben Sie noch selbst recherchiert.«
»Allerdings. Und das war ziemlich kostspielig. Zum Beispiel bin ich nach New York geflogen, nur um mit der vierten Frau Kamossa zu sprechen.« Er bläst den Rauch aus. »Ich kann Ihnen sagen, es hat sich gelohnt.«
»Enttäuschte Frauen sind immer eine Fundgrube«, erwidert der Privatdetektiv. »Ich ziehe jetzt die erste Karte. Also: Optionsvorschuß 50 000 Mark. Nach Lieferung der ersten Hälfte des Manuskripts 100 000, bei Ablieferung des gesamten Werkes noch einmal 100 000 Mark Nichts Kleingedrucktes Änderungen nur mit dem Einverständnis des Autors. Falls das Buch nicht zum nächstmöglichen Termin erscheint – das wäre, falls Ihre Angaben stimmen, das Frühjahr nächsten Jahres –, fallen alle Rechte an Sie zurück,« Diesmal genießt der Unterhändler den verblüfften Gesichtsausdruck seines Gegenspielers.
»Das ist doch wohl Dampfgeplauder«, erwidert der Journalist dann.
»Keineswegs«, beteuert der Anbieter. »Sie können sofort eine Optionsvereinbarung machen, 50 000 Mark kassieren und dabei den Hauptvertrag festlegen, der Ihnen noch einmal 100 000 Mark bringt. Das wären 150 000 sofort auf die Hand. Weitere 100 000 Mark in zwei bis drei Monaten. Eine Viertelmillion also. Damit können Sie so viele Ermittlungen anstellen, wie Sie wollen, über uns oder über andere.« Er lotet Raguses Gesicht aus. »Der Pferdefuß bei der Sache ist, daß es keinen Pferdefuß gibt.«
»Also noch einmal«, erwidert der Journalist und wiederholt die Bedingungen.
»Entspricht genau meiner Offerte«, quittiert Kamossas Sendbote das Dacapo.
»Was hat eigentlich Ihr Auftraggeber davon?«
»Sie kennen doch diese Kapitalisten«, kontert der Schnüffler zynisch. »Sie schlagen sich noch das eigene Bein ab, wenn sie ein großes Geschäft wittern.« Sein Gesicht gerät vor Schadenfreude aus den Fugen. »Das haben Sie doch selbstgeschrieben.«
Das Café belebt sich mit Mittagsgästen; es bietet Eiligen, deren Arbeitsplätze in der Nähe liegen, ein preiswertes Menü. Fast alle Plätze sind jetzt besetzt. Ein vertrauliches Gespräch ist unmöglich geworden.
»Moment mal«, entschuldigt sich Raguse und betritt die Telefonzelle, um seinen Anwalt anzurufen, wie Schmeißer vermutet. Das Gespräch zieht sich in die Länge. Nach etwa sechs Minuten kommt der Ziegenbart zurück. »Gehn wir zu mir«, lädt er seinen Kontrahenten ein.
Schmeißer wirft einen Geldschein auf den Tisch und erhebt sich. Dann betreten sie das Haus, in dem Raguse wohnt, passieren die Anwaltskanzlei, gehen einen Stock höher. Das Arbeitszimmer ist mit Manuskripten übersät. Auf dem Tisch steht eine leere Kaffeekanne neben benutztem Geschirr. Der Aschenbecher quillt über. Der Journalist muß seinem Gast erst einen Stuhl freischaufeln.
Schmeißers Augen sind flinke Diebe, aber sie gehen leer aus. Raguse wühit unter seinen Papieren, zieht einen dikken Schnellhefter hervor.
»Das Manuskript«, sagt er und hält es dem Besucher vor wie einem Hund die Wurst, aber der Gefoppte schnappt nicht danach. »Es ist druckreif, auch wenn es noch ein paar Lücken aufweist. Sie könnten mir helfen, sie zu schließen.«
»Was mir an Ihnen gefällt, ist Ihre Bescheidenheit«, giftet Schmeißer. »Fragen Sie doch Herrn Kamossa.«
»Sie meinen, er würde mit mir sprechen?«
»Wenn ich mich dafür verwende, halt ich das durchaus für denkbar«, verheißt Schmeißer. »Wer sagt mir, daß die Katze im Sack keine Makulatur ist?«
»Halten Sie mich wirklich für so primitiv?« erwidert der aggressive Publizist. Er schlägt das Manuskript von hinten auf: »Wie ich Ihnen schon sagte: genau 168 Seiten«, stellt er fest und lacht unvermittelt, »Sie sollten mal Ihren schmachtenden Blick sehen.« Er blättert zum Deckblatt zurück.
»Lassen Sie mich doch wenigstens einen Blick hineinwerfen!«
»Wenn Sie mir versprechen, daß Sie Rechtsanwalt Endlich nichts sagen, dürfen Sie ein bißchen am Vorwort naschen.« Er entnimmt dem Schnellhefter die ersten beiden Blätter. »Aber schnell«, fordert Raguse und reicht ihm die Leseprobe.
Nach mir komm ich
Eine Kamossa-Biographie
Henry Kamossa, dieser Name klingt wie ein Markenzeichen des Erfolgs. Millionen von Menschen, die ihn nur aus Klatschberichten der Regenbogenpresse kennen, bewundern und beneiden diesen Macht-Moloch, ohne zu wissen, daß er eine Unzahl von Feinden hat, die ihn auf den Tod nicht ausstehen können.
Käme einer von ihnen auf den naheliegenden Gedanken, den Wirtschaftsgiganten umzubringen, würde er den Kriniirialfall des Jahrzehnts zünden und die Polizei in mindestens fünf Ländern und drei Kontinenten vor eine schier unlösbare Aufgabe stellen.
Ein berühmter Mann hat einmal gesagt, am Anfang eines großen Vermögens steht fast immer ein großes Verbrechen. Bei Kamossa sind es viele Delikte, die dieser Bericht schonungslos aufdecken wird, von den Uranfängen bis zur Gegenwart.
Nicht Bonn, sondern Frankfurt wäre heute die Bundeshauptstadt, hätte Kamossa nicht auf Wunsch einflußreicher Interessenten – an oberster Stelle der damalige Bundeskanzler – Abgeordnete einer bayerischen Partei gekauft und sich dafür mit Aufträgen in der kommenden Bundeshauptstadt entschädigen lassen. Man wußte um diese Vorgänge, keiner bewies sie – oder wollte sie beweisen –; wie immer versickerten Untersuchungen über Kamossa-Manipulationen im Sand.
Von Anfang an beherrschte dieser Mann mit einem deutschen wie einem amerikanischen Paß die politische Klaviatur, die weißen wie die schwarzen Tasten. Er verschaffte den Länderparlamenten Mehrheiten, stürzte sie, finanzierte Parteien wie mit der Gießkanne, mal rechts, mal links. Der Unterschied lag allenfalls in der Summe.
Viele nahmen sein Geld, hielten den Mund und erfüllten seine Wünsche ohne Rücksicht auf das Allgemeinwohl. Vielleicht sind die Komplizen von damals – soweit sie heute noch leben – nunmehr seine Opfer. Sie müssen Kamossa bedingungslos decken, wenn die faulen Geschäfte der Korruption nicht auffliegen sollen. Es ist kein Geheimnis, daß vor den Untersuchungs-Ausschüssen mehrere Meineide geschworen wurden unter dem wohlwollenden Patronat eines Innenministers, den man wegen dieses Verbrechens nach gültigem Gerichtsurteil ›Old Schwurhand‹ nennen darf.
Man mag Kamossa für einen genialen Einanzzauberer oder einen raffgierigen Spekulanten halten. Er ist eine schillernde Persönlichkeit, die sich nicht so leicht einordnen läßt. Er hat bestechenden Charme. Er kann großzügig bis zur Verschwendung sein. Er handelt nicht selten nach der Devise: ›Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. ‹ Aber er ist kein Goethe-Mensch, abgesehen davon, daß es der Dichterfürst auch nicht war.
Bis ins vorrückende Alter hinein hat sich Kamossa seine unverwüstliche Vitalität erhalten. Er hat zwei schwere. Autounfälle, einen Flugzeugabsturz, vier Ehen und zahllose Affären überlebt, mehrere Untersuchungen der Steuerfahndung überstanden, die im letzten Fall damit endeten, daß der Cheffahnder einfach abgelöst und sein Nachfolger befördert wurde.
Pulsuz fraqment bitdi.