Kitabı oxu: «Einführung in die systemische Sandspieltherapie»
Wiltrud Brächter
Einführung in die systemische Sandspieltherapie
2022
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Erste Auflage, 2022
ISBN 978-3-8497-0405-6 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8374-7 (ePUB)
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Inhalt
Einleitung
1 Ursprünge der Sandspieltherapie
2 Sandbilder in Bewegung bringen
2.1 Narrative Sandspieltherapie im Einzelsetting
Begleitung des Sandspiels und Entwicklung von Sandbildgeschichten
Sandbilder als Brücke in die Familientherapie
2.2 Narratives Sandspiel mit Familien
Gemeinsam konstruierte Sandbildgeschichten
3 Systemische Arbeit mit Sandbildskulpturen
3.1 Familienskulpturen im Sand
Sandbildskulpturen in der Diagnostik und Kindertherapie
Gemeinsame Skulpturarbeit in der Familientherapie
Skulpturen mit einer Problemexternalisierung
3.2 Sandbildskulpturen in der Elternarbeit und Paartherapie
Sandspieltherapie mit Paaren
Arbeit an zwei Sandkästen in der Elternberatung
3.3 Ego-State-Skulpturen im Sand
Skulpturen innerer Anteile in der Elternarbeit
4 Systemisches Sandspiel in besonderen Anwendungsfeldern
4.1 Traumabearbeitung im narrativen Sandspiel
Unterbrechung posttraumatischen Spiels und Traumabearbeitung im Symbolspiel
Rettung aus der Traumasituation und Gestaltung einer korrektiven Erfahrung
4.2 Arbeit mit destruktiv wirkenden Ich-Zuständen im narrativen Sandspiel
Unterbrechung endloser Kämpfe und Umgang mit fixierten destruktiv agierenden Ich-Zuständen im Sandspiel
Skulpturtechniken bei destruktiv wirkenden inneren Anteilen
4.3 Narratives Sandspiel in Trauerprozessen
Der Ausdruck von Trauer im freien Sandspiel
Die Gestaltung eines Ortes der Begegnung mit dem Verstorbenen
4.4 Narratives Sandspiel bei Trennung und Scheidung
Loyalitätskonflikte und eigene Positionierung in Sandbildgeschichten
Teilearbeit mit Tierfiguren im Sand
5 Wenn kein gutes Ende zu finden ist
5.1 Geschichten des Überlebens
Sandspieltherapie mit Kindern psychisch erkrankter Eltern
Stabilisierung bei Traumatisierungen in einem unsicheren Lebenskontext
5.2 Re-Telling und Re-Playing: Neuerzählen schwieriger Lebensgeschichten
Möglichkeiten des Re-Playing in Sandbildgeschichten
Neuskulpturierung der Vergangenheit
6 Sandspieltherapie mit Gruppen
6.1 Gruppensandbilder
6.2 Einzelarbeit an Sandkästen in der Gruppe
6.3 Gruppensandspiel mit Kleingruppen
6.4 Bindungsorientiertes therapeutisches Gruppensandspiel mit Stellvertreterfiguren
7 Häufige Fragen beim Einstieg in das Sandspiel
Für wen und für welches Alter ist Sandspieltherapie geeignet?
Kann Sandspiel auch außerhalb des psychotherapeutischen Settings angewendet werden?
Welches Material wird benötigt?
Welche Fortbildungsmöglichkeiten gibt es in systemischer Sandspieltherapie?
Anhang: Orientierung in Sandbildern
Literatur
Über die Autorin
Einleitung
In vielen Beratungsstellen, therapeutischen Praxen und sozialen Berufsfeldern wächst in den letzten Jahren der Wunsch, systemisch mit Sandspiel zu arbeiten. In diesem Buch möchte ich zeigen, wie dies gelingen kann, ohne dass die besonderen Qualitäten der Sandspieltherapie aufgegeben werden.
Als ich Sandspieltherapie in den 90er-Jahren kennenlernte, hat mich sofort fasziniert, wie sich sprachlich kaum Ausdrückbares im Sand darstellen lässt. Viele der zu Therapiebeginn gebauten Sandbilder erschienen mir jedoch wie in einem Problemzustand erstarrt. In meiner therapeutischen Arbeit suchte ich nach Wegen, solche Bilder in Bewegung zu bringen. Dies deckte sich mit dem Wunsch vieler Kinder, ihre Sandbilder »weiterzuspielen«. Aus der Praxis heraus entstand so die »narrative systemische Sandspieltherapie« (Brächter 2010), bei der ich das Setting auch für Eltern und Familien öffnete. Durch die Suchbewegung in Richtung gewünschten Erlebens besteht eine große Nähe zu hypnosystemischer Therapie.
In dieser Einführung beschreibe ich diesen bisher einzigen systemischen Sandspielansatz, der sich auf die Arbeit mit Sandbildern bezieht, weiterhin Konzepte zur Paar- und Gruppentherapie aus der »klassischen« Sandspieltherapie und Elemente der Kinderorientierten Familientherapie. Anregungen aus Hypnotherapie, Psychodrama, Trauma- und Ego-State-Therapie fließen ein.
Dabei möchte ich die Praxis in den Vordergrund stellen und Anregungen vermitteln, wie im Sandspiel neue Perspektiven erschlossen und Ressourcen gestärkt werden können. Das narrative, eng am Spielverlauf orientierte Vorgehen zeige ich anhand von Fallbeispielen; ergänzt wird es durch Skulpturtechniken, die sich unmittelbar in die eigene Praxis übernehmen lassen.
Sandspieltherapie lebt vom Eintauchen in die besondere, tranceartige Atmosphäre des Gestaltungsprozesses, sie folgt keinem Manual. Um eine Orientierung zu erleichtern, habe ich das Vorgehen angesichts der Vielfalt möglicher Anwendungsformen dennoch stichpunktartig zusammengestellt. Im therapeutischen Kontakt kommt es dann darauf an, sich prozessorientiert gemeinsam in der Welt der Bilder zu bewegen und ein Gespür für das richtige Maß an Zeitlassen und behutsamen Perspektiverweiterungen zu gewinnen.
Mit den Sandbildern und Geschichten in diesem Buch möchte ich darstellen, wie wertvoll Sandspieltherapie gerade für Kinder in schwierigen Lebenssituationen sein kann. Ich danke allen Kindern, Jugendlichen und Familien, an deren Gestaltungen ich teilhaben durfte; ohne diese Erfahrungen und ihre kreativen Ideen hätte ich meinen Ansatz nicht so entwickeln können.
Es freut mich, wenn das Buch dazu beiträgt, Interesse an systemischem Sandspiel zu wecken und neue Impulse für die eigene Sandspielpraxis zu gewinnen.
1 Ursprünge der Sandspieltherapie
Margaret Lowenfeld begründete in den 1920er-Jahren die Sandspieltherapie, um Kindern ein Ausdrucksmedium für vorsprachliches Erleben zur Verfügung zu stellen, das von ihnen sonst nicht kommunizierbar sei (Lowenfeld 1935, 1939, 1969). In Sandkästen, mit Wasser und Miniaturfiguren ließ sie Kinder Szenen aus ihrem Alltag errichten, die anschließend im Gespräch reflektiert wurden. Als sich herausstellte, dass »etwas Neues und sehr aufregend Kreatives entstand, sobald die Therapeuten nichts Realistisches mehr erwarteten, keine Vorschläge mehr machten und nicht mehr in das Spiel der Kinder eingriffen« (Andersen 1979, p. 280, zit. nach Mitchell u. Friedman 1997, S. 36), gab Lowenfeld keine Themen mehr vor und ließ die Kinder im Sand frei gestalten. In Abgrenzung zu den stark deutenden analytischen Spieltherapiekonzepten ihrer Zeit war es ihr wichtig, die dabei entstehenden »Welten« der Kinder nicht durch ein therapeutisches Raster zu filtern. Kind und Therapeutin1 verstand sie vielmehr als »miteinander Forschende«, die gemeinsam versuchen, das Dargestellte zu erfassen (Mitchell u. Friedman 1997, S. 34).
Der dialogische, im Verzicht auf Deutungen systemischen Konzepten weit vorausgreifende Ansatz Lowenfelds wurde anschließend nur wenig rezipiert. Bekannter wurde Sandspieltherapie durch Dora Kalff, die das Sandspiel in den 1950er-Jahren mit Theorien Jungs und Elementen des Zen-Buddhismus verband (Kalff 1966, 1979). Kalff betonte die heilsame Rückwirkung, die von den Sandbildern ausgehe. Die Aufgabe der Therapeutin sah sie darin, einen freien und geschützten Raum für die Selbstregulation der Psyche bereitzustellen, die Atmosphäre der Sandbilder in sich aufzunehmen und sich in die Symbole einzufühlen, die von ihr gemäß der Archetypenlehre Jungs gedeutet wurden.
Vor allem angeregt durch Linde von Keyserlingk, langjährige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sandspieltherapie, entstanden in der Tradition Kalffs später auch Konzepte für das Sandspiel mit Familien, Paaren und Gruppen. Als Lehrtherapeutin für Familien- und Systemtherapie interessierte sie dabei auch ein systemischer Zugang zu Sandbildern:
»Zurzeit gibt es Überlegungen, dass es doch eine ganz eigene Sprache der Sandspieltherapie geben sollte, die nicht deutet, nicht diskutiert, sondern durch sparsames, amplifizierendes, vielleicht auch zirkuläres Fragen Suchverhalten anregt und neue Denk-Wege [so im Orig.] bahnt« (von Keyserlingk 2011, S. 100).
1 Da Sandspieltherapie von Frauen entwickelt wurde und ich mich in der Darstellung auf meine Erfahrungen beziehe, verwende ich hier die weiblichen, sonst zur besseren Lesbarkeit oft die männlichen Endungen. Gemeint sind jeweils alle Geschlechter.
2 Sandbilder in Bewegung bringen
2.1 Narrative Sandspieltherapie im Einzelsetting
In der klassischen Anwendung der Sandspieltherapie bleiben Sandbilder nach dem Aufbau stehen; gegebenenfalls werden sie noch mit der Therapeutin reflektiert. Narrative Sandspieltherapie unterscheidet sich vor allem darin, dass die Sandbilder im therapeutischen Prozess auch verändert werden können. Sandbilder, zu Beginn einer Therapie gebaut, sind geprägt vom Problemerleben der Kinder und Jugendlichen; viele von ihnen wirken wie eingefroren in einer »Problemtrance« (Schmidt 2004). In Anlehnung an narrative Konzepte (White 1989) rege ich an, solche Bilder »weiterzuspielen« und in eine Geschichte überzuführen. Hypnosystemisch betrachtet, entsteht eine Bewegung von einem Problemzustand zu gewünschtem Erleben.
MARIE, 7 JAHRE alt und wegen zahlreicher Ängste in Therapie2, nähert sich dem Sandkasten sehr vorsichtig. Behutsam stellt sie Prinzessinnen an einen Strand, die sich flüsternd unterhalten; später kommen auch Einhörner dazu. Ein kleines Einhorn entfernt sich von den anderen, um mit einem Pinguin zu spielen. Dabei wird es von einem Sturm weggeweht, steht allein am Meer und hat große Angst. Glücklicherweise wird es von einer Frau gefunden und wieder zu den anderen zurückgebracht. Auch ein Reh verläuft sich im Sturm und geht fast verloren.
Während sich das kleine Einhorn und das Reh noch im Sand ausruhen, fliegt ein Schwan zu den Prinzessinnen, der sich beim Landen einen Flügel bricht. Eine Frau und die Feuerwehr kommen, um dem Schwan zu helfen. Sie umstellen ihn mit einem Kreis von Sperren, damit ihm niemand etwas tun und sein Flügel in Ruhe heilen kann; Kinder helfen mit. Marie erklärt das Sandbild für fertig, sodass ich es auf einem Foto festhalte (Abb. 1).

Abb. 1: Der verletzte Schwan
Die Szene spiegelt Maries Lebenssituation, die nach der Fehlgeburt eines erwarteten Geschwisterchens von Sorgen der Eltern um die Tochter bestimmt ist. Auch von ihr aus ist es zu einer ängstlichen Anbindung an die Eltern gekommen.
Längere Zeit sitzen wir vor dem Sandbild und betrachten es; auch die Prinzessinnen schauen auf den Schwan und scheinen abzuwarten. Schließlich teilt mir Marie mit, dass die Geschichte weitergeht: Kinder bemerken als Erste, dass der Flügel wieder geheilt ist, und sammeln die Sperren ein. Der Schwan freut sich, dass er wieder frei ist und fliegen kann (Abb. 2).
Ein späteres Sandbild Maries thematisiert eine Geburtssituation, die gut endet. Wieder sind Prinzessinnen zusammen am Strand; dort entdecken sie eine Schildkröte, die ein Baby bekommt. Die Mutterschildkröte testet den Panzer der kleinen Schildkröte: Er ist stabil und hält. Einhörner kommen und helfen bei der Geburt, ein Geschenk wird im Sand versteckt.

Abb. 2: Die Sperren werden entfernt
Begleitung des Sandspiels und Entwicklung von Sandbildgeschichten
Einstimmung auf das Sandspiel
In Sandbildern tauchen häufig Themen auf, die dem Alltagsbewusstsein nicht zugänglich sind. Damit Kontakt zu tieferen Ebenen des Erlebens entstehen kann, ist es bei Kindern3 oft wichtig, zunächst das Spielgeschehen zu entschleunigen. Ich teile dem Kind mit, dass man im Sand etwas »bauen« kann, und stelle in Aussicht, ein Foto zu machen, wenn es damit fertig ist. Damit grenze ich das Sandspiel vom beiläufigen Spiel ab, bei dem ein Kind beispielsweise ein Auto durch den Sand fahren lässt und sich danach wieder etwas anderem zuwendet. Ich lasse die unterschiedlichen Qualitäten von nassem und trockenem Sand erkunden, die in zwei Kästen zur Verfügung stehen, und rege an, mit den Händen Kontakt zum Sand aufzunehmen und ihn zu formen, bevor Figuren hineingestellt werden.
Begleitung des Bauens
Um Tranceprozessen beim Gestalten im Sand Raum zu geben, begleite ich das Entstehen der Sandbilder in der Regel schweigend an der Seite des Sandkastens. Können Kinder Stille schlecht aushalten und sprechen selbst unentwegt, spiegele ich den Gestaltungsprozess und erzeuge eine Art Klangteppich, der ihnen Sicherheit gibt (»Dort ist ein Haus, da fließt ein Fluss …«). Beginnen sie zu spielen, erinnere ich an das Foto und frage, ob sie schon fertig sind. Dies verhilft auch sehr flüchtigen Kindern oft zu einem vertieften Bauen. Findet ein Kind bei der Gestaltung kein Ende, orientiere ich es von der Fülle des Materials im Sandspielregal zurück auf sein Sandbild und frage, welche zwei oder drei Dinge noch fehlen, damit das Bild vollständig ist. Ausnahmen mache ich, wenn es für ein Kind nach früher erlebter Vernachlässigung wichtig ist, die eigenen Figuren umfassend zu versorgen.
Betrachtung und Reflexion des Sandbilds
Ist das Sandbild fertiggestellt, wird es auf einem Foto festgehalten. Ich setzte mich neben das Kind und schlage vor, das Gebaute erst einmal gemeinsam anzuschauen. Dabei achte ich auf nonverbale Reaktionen des Kindes und auch auf Impulse, die bei mir durch das Sandbild entstehen. Anschließend lasse ich mir beschreiben, was im Sand geschieht. Während das Kind erzählt, versuche ich, mich im Sandbild zu orientieren und einen möglichen Bezug zu seiner Lebenssituation zu erfassen. Aus konstruktivistischer Perspektive deute ich die verwendeten Symbole nicht; im Gespräch interessiert mich ihre subjektive Bedeutung für das Kind.
Sandbilder können können »objekt-« und »subjektstufig« betrachtet werden: Sie können Themen aus dem sozialen Umfeld eines Kindes abbilden oder sich auf innere Anteile seines Erlebens beziehen (von Gontard 2007, S. 138 f.; Brächter 2010, S. 57 ff.). Wichtig ist mir, mit meinen Fragen keine Position gegen einzelne Bildelemente zu beziehen, da sie möglicherweise Teile seines »inneren Teams« repräsentieren. So kann ein hungriger Hai, der sich Menschen in einem Boot nähert, eine von außen erlebte Bedrohung widerspiegeln; er kann aber auch als Wunsch eines bisher eher ängstlichen Jungen verstanden werden, eigenen Bedürfnissen endlich Raum zu geben und für sie einzutreten. Hinweise zu einer Einordnung geben die Erzählungen und Körpersignale des Kindes. Erzählt es angeregt-freudig und interessiert, oder gibt es Anzeichen für traumatisches Erleben?4 Ich reflektiere, welche Ich-Zustände des Kindes möglicherweise im Sandbild sichtbar werden und wie sie in einen Ausgleich gebracht werden könnten (Brächter 2014a und c).
In meine Hypothesenbildung beziehe ich auch die räumliche Gestaltung des Sandbilds ein. Dabei orientiere ich mich an raumsymbolischen Deutungsmustern aus der Sandspieltheorie, die unter anderem von einer Entwicklungsrichtung aus der Vergangenheit (links) in die Zukunft (rechts) ausgehen. Diese Zukunftsrichtung kann im Sandbild blockiert sein, etwa durch Mauern oder ein Gebirge. Figuren können auch im Spannungsfeld von Polen stehen, die in entgegengesetzten Ecken des Sandbilds angeordnet sind. Für die Weiterarbeit mit dem Sandbild stellt sich dann oft die Frage, wie die Hindernisse überwunden werden können und welcher Weg aus dem Konfliktfeld hinausführt (Brächter 2010, S. 57 ff.).
Im Anhang findet sich eine Übersicht zur Orientierung in Sandbildern. Ich empfehle, sie heranzuziehen und Sandbilder im Anschluss an Therapiestunden entsprechend auszuwerten, um mit der Zeit einen schnelleren Zugang zu ihnen gewinnen zu können.
Zeigt sich im Sandbild eine Problemsituation, versuche ich die vom Kind gewünschte Lösungsrichtung zu erfassen und Suchprozesse anzuregen. Außer für die Handlungsebene interessiere ich mich dabei für Gefühle und Bedürfnisse der Figuren: »Was würdest du den Figuren wünschen? Wer könnte zur Hilfe kommen?«
Hypnotherapeutisch betrachtet, versetzt das intensive Eintauchen ins Sandspiel Kinder in einen Trancezustand, in dem sie für hypothetische, zukunftsorientierte Fragen besonders offen sind.
Statt selbst Lösungswege vorzugeben, mache ich auf Ressourcen im Sandbild aufmerksam, die das Kind vielleicht noch nicht bemerkt hat. Perspektiven lassen sich erweitern, indem (Rand-)Figuren aus dem Sandbild einbezogen und nach ihren Ideen befragt werden. Hierbei hole ich gerne Vorschläge der Kinder ein: »Was, glaubst du, könnte der Fuchs denken, der vom Wald aus zuschaut?« Hypnotherapeutisch orientierte Umformulierungen (»noch nicht« statt »nie«, Prior 2009) tragen dazu bei, starre Wahrnehmungsmuster aufzulösen und eine Suche nach »Öffnungen« in der Problemsicht vorzubereiten.
Vom Bild in eine Geschichte finden
Für Lowenfeld liegt eine »außerordentliche Kraft« der Sandspieltherapie darin, dass man nach dem Bau eines Sandbilds noch stark mit der gerade geschaffenen Szene verbunden ist, die man gleichzeitig von außen betrachten kann. Diesen besonderen Moment nutze ich zur Anregung einer Sandbildgeschichte: »Wenn das ein Moment aus einer Geschichte wäre, wie würde sie weitergehen?«
In den meisten Fällen greifen Kinder die Idee gerne auf, ihr Sandbild in Bewegung zu versetzen. Verstehen sie es als veränderbar, löst sich oft augenblicklich die Problemtrance auf, mit der zuvor auf das Bild geblickt wurde; es entstehen neue Ideen und Handlungsimpulse. Anschließend wird die Geschichte vom Kind selbsttätig weitergespielt und wirkungsvoll geankert. Durch Kommentare zum Spielgeschehen kann die Inszenierung noch verdichtet werden; selbstwertstärkende Botschaften können an Figuren gerichtet werden, mit denen sich das Kind identifiziert.
Bei der Begleitung der Sandbildgeschichten beziehe ich mich auf narrative Konzepte: Narrative Therapie versucht, Problemerzählungen zu dekonstruieren, die Menschen über sich erzählen (White 2010; White u. Epston 1993). Reframings führen neue Perspektiven ein, generalisierende Problemzuschreibungen werden durch eine Re-Kontextualisierung aufgelöst. Alternative Erfahrungen und Momente, die in den bisher dominierenden Erzählungen ausgeblendet wurden, werden hervorgehoben und erhalten besondere Aufmerksamkeit.
Im Sandspiel bauen Kinder ihre »Problemerzählungen« in den Sand. Werden Sandbilder in Bewegung gebracht, öffnen sich ihre Geschichten. Bei der Umsetzung von Lösungsideen entstehen Erfahrungen von Erstmaligkeit, »unique events«, die oft in eindrucksvollen Szenen haften bleiben. Parallel zum Probehandeln im Sand gelingt es vielen Kindern, Blockaden aufzulösen und in ihrer Entwicklung wieder voranzukommen.
Abschluss und Veröffentlichung der Sandbilder
Ist im Sand ein gutes Ende entstanden, bietet es sich an, in die Szene hineinzusprechen und das Geschehen für das Kind noch einmal zusammenzufassen. In einer kleinen Trance kann bekräftigt werden, wie gut die Geschichte ausgegangen ist. Dies kann aus der Sicht einer beteiligten Figur geschehen oder auch aus der Außenperspektive eines Vogels, der vielleicht von einem Baum aus zuschaut.
»… und das kleine Einhorn im Sand schaut zu dem Schwan … und es freut sich, dass endlich jemand merkt, dass sein Flügel wieder heil ist … wie wohl er sich fühlt und kräftig … lebendig und stark …
Es schaut zu, wie der Schwan sich bewegt und seine Flügel aufspannt … und auf einmal losschwebt, schwerelos … sich tragen lässt … spürt, wie die Sonne seine Flügel wärmt … und es genießt umherzufliegen … ganz leicht und frei … und auch das Einhorn spürt die Wärme der Sonne und streckt sich und steht auf …«
Ist die Handlung beendet, wird das Abschlussbild fotografiert und die Geschichte für das Kind festgehalten. Viele Kinder formulieren ihre Geschichten gern selbst und geben ihnen einen Titel. Häufig gewählte Einleitungen wie »Es war einmal« tragen dazu bei, belastende Erlebnisse in der Vergangenheit zu verorten und von der Gegenwart abzugrenzen.
Im klassischen Setting der Sandspieltherapie werden Sandbilder den Eltern nicht gezeigt, sondern verbleiben im Raum der Einzeltherapie. Orientiert an einem systemischen Therapieverständnis,5 lasse ich Kinder dagegen selbst entscheiden, ob sie ihr Sandbild zeigen möchten oder nicht. Eltern definiere ich dabei als Besucher in der Therapiestunde des Kindes (»Ihr Sohn lädt Sie ein, einmal zu schauen …«) und stelle dem Kind frei, ob es »nur schauen« oder auch etwas zu seinem Bild erzählen möchte. Die Eltern bereite ich schon bei Therapiebeginn darauf vor, Sandbilder nicht zu »zerreden« oder vor dem Kind Bezüge zur Realebene herzustellen.
Die Öffnung des Settings kann viel dazu beitragen, Eltern einen emotionalen Zugang zum Erleben des Kindes zu ermöglichen. Oft entsteht eine vertiefte Kommunikation in der Familie.
MARIE möchte ihre Sandbilder am Ende der Stunden ihrer Mutter zeigen. Die Eltern sind überrascht, dass die Fehlgeburt für sie noch so wichtig zu sein scheint. Gespräche hierüber werden angeregt. Gleichzeitig teilt Marie auf Symbolebene mit, dass die Zeit der Sorgen um sie vorbei ist: Die Sperren, die um den Schwan aufgestellt sind, können wieder entfernt werden. Die Kinder gehen dabei voran.
Übersicht: Bilder in Bewegung bringen
• Das Sandspiel erklären: »bauen« statt »spielen«.
• Kontakt zum Sand ermöglichen, Tranceprozessen Raum geben.
• Das fertige Sandbild auf einem Foto festhalten.
• Es gemeinsam betrachten und beschreiben lassen.
• Wünsche und Bedürfnisse erkunden; Suchprozesse in Richtung einer gewünschten Lösung anregen.
• Das Sandbild als Momentaufnahme kennzeichnen: »Wie könnte die Geschichte weitergehen?«
• »Über Bande spielen«: Wertschätzende Kommentare zu Spielfiguren richten sich indirekt an das Kind.
• Abschlussfoto; Geschichte notieren.
Sandbilder als Brücke in die Familientherapie
Sandbilder ermöglichen es Kindern, Anliegen in die Therapie einzubringen, die oft sprachlich von ihnen nicht benannt werden könnten. Dies beteiligt sie an der Auftragsklärung, die von Elternseite her meist auf eine Beseitigung von Symptomen ausgerichtet ist (Rotthaus 2003). Solche Aufträge können nach systemischem Verständnis nicht unhinterfragt angenommen werden: Symptome werden systemisch auch als Weg verstanden, über den ein Kind Bindungsbedürfnisse zum Ausdruck bringen und auf Veränderungsbedarf in der Familie hinweisen kann (Retzlaff 2013; Grossmann 2018; Wagner u. Binnenstein 2018). Ein Vorgehen mit einer Haltung von Allparteilichkeit und flexiblem Setting kann dazu beitragen, solche Anliegen aufzugreifen und Entwicklungsprozesse in Familien anzustoßen.
JAKOB, 9 JAHRE alt, stellt in einem Sandbild dar, wie sich Vogeleltern um ihren Nachwuchs kümmern: Während ein Vogel brütet, holt der andere Futter herbei. Besorgt schildert Jakob, dass die Küken sterben müssten, wenn einer der Vogeleltern ausfiele. Dies führt zu seiner Angst um den Vater, der (scheinbar heimlich) trinkt, und dem Dilemma, dass sich die Eltern trennen könnten, wenn seine Mutter von seinen Sorgen wüsste (Brächter 2010, S. 184 ff.)
NATASCHA, die mit 8 JAHREN außerhalb der Familie nicht spricht, lässt in ihren Sandbildern eine Schildkröte Zeugin bedrohlicher Szenen werden. Da die Schildkröte stumm ist, kann sie die anderen nicht warnen.
In einer Therapiestunde konfrontiert Natascha ihren Vater mit einem Sandbild, das er mit massiven und teils gewalttätig ausgetragenen Ehekonflikten in Verbindung bringt. Nachdem das Schweigen durch das Sandbild gebrochen wurde, können die Eltern in einem längst überfälligen Trennungsprozess begleitet werden (Brächter 2010, S. 85).
Sorgen, mit denen Kindern beschäftigt sind, lassen sich an ihrem nach außen gezeigten Verhalten nicht ablesen. Ihnen hierfür eine Mitteilungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen, unterscheidet systemische Sandspieltherapie grundlegend von rein störungsspezifischen, manualisierten Konzepten.
Oft werden Eltern angeregt, sich mit eigenem, von ihnen nicht gewünschtem Elternverhalten auseinanderzusetzen. So kann sich ein Vater in einem Stein wiedererkennen, der beinah kleine Tiere überrollt. Das Bild hilft ihm, sich im Kontakt zu seinem Sohn zurückzunehmen und besser auf dessen Tempo einzustellen (Brächter 2010, S. 84 ff.).
2.2 Narratives Sandspiel mit Familien
Sandspieltherapie lässt sich auch in der systemischen Arbeit mit Familien nutzen. Neben der Gestaltung von Familienskulpturen im Sand (siehe Kap. 3.1) bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam Sandbilder zu bauen und hieraus Geschichten zu entwickeln.
Familiensandbilder werden teils auch in der Sandspieltherapie nach Dora Kalff erstellt. In der Regel werden sie von allen gleichzeitig schweigend gestaltet, ohne dass die Sandfläche aufgeteilt oder ein besonderes Vorgehen abgesprochen würde (vgl. zum Beispiel Heinzel-Junger 2018). Anschließend werden die Sandbilder gemeinsam betrachtet, aber nicht verändert.
Gemeinsam konstruierte Sandbildgeschichten
Im narrativen Sandspiel werden auch Familiensandbilder in Bewegung versetzt; Geschichten, die aus ihnen entstehen, werden gemeinsam weitergespielt. Bei der Gestaltung der Sandbilder nutze ich ein Vorgehen, das auch jüngeren oder ängstlichen Kindern einen Einstieg erleichtert (»gemeinsam konstruierte Sandbildgeschichten«, Brächter 2010, S. 106 ff.). Reihum stellen Eltern und Kinder Objekte in den Sand, wobei ich mich eingangs beteilige und den Eltern in der Regulierung des Tempos und der Ansprache an das Kind als Modell diene. Zunächst wird die Umgebung gebaut, später werden Figuren hinzugefügt. Fällt es einem Kind noch schwer, zu sprechen und selbst etwas auszuwählen, helfe ich ihm durch ein »Ratespiel«, welche Figur es wohl anschaut und wohin sie gestellt werden soll. Das ruhige und strukturierte Vorgehen bietet Eltern und Kindern viel Sicherheit; von Runde zu Runde beteiligen sich auch zurückhaltende Kinder aktiver an der Gestaltung.
Ist das Sandbild abgeschlossen, wird gemeinsam überlegt, wie die Geschichte weitergehen könnte. Das Kind verteilt anschließend die Rollen zum Weiterspielen. Oft erhalten Eltern Rollen, in denen sie es bei symbolischen Entwicklungsschritten unterstützen können.
JÜRGEN, 4 JAHRE alt, ängstlich und in der Sprachentwicklung verzögert, neigt im Alltag zu heftigem Schreien, bei dem er von den Eltern kaum zu beruhigen ist. Beim Sandspiel wagt er es anfangs nicht, selbst Figuren zu wählen; stattdessen nutzt er die Hand seiner Mutter als »Baggerschaufel«. Schließlich stehen zwei Lämmchen vor einem Tunnel, als wollten sie ihn durchqueren. Jürgen gibt zu verstehen, dass der Vater mit dem größeren Lamm vorausgehen soll, während die Mutter als Hirtin bei seinem kleinen Lämmchen bleiben soll. Mir wird – wie oft – eine Nebenrolle zugeteilt: Als Zwerg schaue ich nur zu. Nachdem der Vater seine Figur durch den Tunnel geführt hat, schiebt er auch Jürgens Lämmchen hinein. Mit der Frage »Kommst du schon dran?« motiviert er ihn, es selbst aus dem Tunnel zu ziehen. Stolz blickt Jürgen auf die beiden Lämmchen, die es geschafft haben, und strahlt seine Eltern an.
Im Nachgespräch beschreiben die Eltern, wie wichtig es für sie war, Jürgen im Spiel gut geführt und begleitet zu haben. Wie bei vielen in der Erziehung eher unsicheren Eltern wirkt diese Erfahrung noch lange nach.6
Statt kurze Handlungssequenzen abzusprechen und umzusetzen, lassen sich Sandbildgeschichten mit älteren Kindern und Jugendlichen auch in einem offenen Prozess entwickeln, in dem die Spielhandlung im Verlauf entsteht. Im Gegensatz zum stützenden Sandspiel agieren die Eltern hierbei nicht vorrangig in einer Hilfsrolle für ihr Kind, sondern können sich auch mit eigenen Verhaltensimpulsen auseinandersetzen. Als Therapeutin wirke ich nicht aktiv mit, sondern beschränke mich auf Kommentare zum Spielgeschehen.
Das Vorgehen wird strukturiert, indem die Mitspielenden abwechselnd ein paar Sätze erzählen und die Handlung folgen lassen. Im Unterschied zu Familienskulpturen (siehe Kap. 3.1) und zur Kinderorientierten Familientherapie (siehe Kap. 4.2) begegnen sie sich dabei nicht mit fest zugeordneten Stellvertreterfiguren, sondern bewegen spontan Figuren, die im Sandbild vorhanden sind. Die flexible Rollenwahl ermöglicht es, unterschiedliche Aspekte des eigenen Erlebens auf Figuren aufzuteilen. Da die fiktive Ebene einer Geschichte Abstand zum Geschehen schafft, können tabubehaftete Seiten des eigenen Verhaltens leichter in Szene gesetzt werden.
BEN, 6 JAHRE alt, hat miterlebt, wie ihn seine Mutter nach einer Frühgeburt und anschließender Erkrankung der jüngsten Schwester immer wieder verlassen musste, um die Klinik aufzusuchen. Mit seinen Gefühlen von Angst und Verlassensein blieb er allein und konnte sich auch dem Vater nicht mitteilen, der selbst in Sorge war. Später entluden sich Bens Spannungen in einem Wechsel von Aggressionen und übergroßer Angst um die jüngeren Geschwister. Zu Therapiebeginn leidet er unter Albträumen; die Mutter-Sohn-Beziehung ist starken Belastungen ausgesetzt.
Im gemeinsamen Sandspiel mit seiner Mutter lässt Ben immer wieder Raubtiere um Nahrung kämpfen, dabei greifen sie auch kleine Tiere an. Anschließend wechselt er blitzschnell in Rollen, in denen er die bedrohten Tierkinder beschützt. In reflektierenden Kommentaren spiegle ich mögliche Gefühle und Bedürfnisse der Figuren.
An die Mutter gewandt, beschreibe ich die Angst, die die kleinen Tierkinder empfinden müssen, und bewundere die mutigen Tiere, die sich den Raubtieren in den Weg stellen. Im Selbstgespräch frage ich mich auch nach den Motiven, die die Raubtiere wohl antreiben – die mentalisierungsfördernde Art der Gesprächsführung, die Eia Asen (2021) für die systemische Arbeit mit Familien beschreibt, beziehe ich im Spiel auf die Figuren im Sandkasten.
Die Mutter teilt meine Wahrnehmungen und Fragen. Im Gegensatz zum Alltag kann sie sich ganz auf Ben einlassen, ohne sich um die jüngeren Geschwister zu sorgen; durch ihr Mitspielen trägt sie seine Emotionen mit und gibt ihm zu verstehen, dass er all dies fühlen und ausdrücken darf. Ein bedeutender Schritt ist erreicht, als der verzweifelte Kampf um Nahrung als Folge einer Hungersnot verstehbar wird: Wölfe kommen, um ihr Futter mit einem Panther zu teilen.
In ihrem letzten gemeinsamen Sandbild gestalten Mutter und Ben eine Bauernhofszene, die ruhig und friedlich wirkt; Raubtiere und Kampf sind als Themen verschwunden. Es kommt zu einem eindrucksvollen Moment, als Ben eine verletzte Katze spielt: Erstmals kann er seine Hilfsbedürftigkeit zeigen, ohne sofort selbst rettend zu intervenieren. Die Mutter spielt eine Bäuerin, die dies zwar sieht, aber so mit ihrer Arbeit beschäftigt ist, dass sie der Katze nicht helfen kann. Nachdem sie dies ausgesprochen hat, wechselt sie in die Rolle eines Stallburschen, der zur Katze geht und den Tierarzt ruft. Als der Arzt die Katze untersucht, kommt die Bäuerin hinzu. In der Rolle der Bäuerin spricht die Mutter einen Satz aus, der für Ben sehr wichtig ist: Sie habe gar nicht mitbekommen, wie stark die Katze verletzt war.
Im Anschluss an diese berührende Szene endet die Geschichte mit einer gemeinsamen Handlung: Mutter und Ben kümmern sich um den Stallburschen, der beim Beschlagen der Pferde von einem Huf getroffen und verletzt wurde (Abb. 3) (Brächter 2020).

Abb. 3: Der Stallbursche wird versorgt
Übersicht: Gemeinsam konstruierte Sandbildgeschichten
• Reihum werden von Eltern und Kind Gestaltungselemente und Figuren in den Sand gesetzt (eingangs Mitwirkung der Therapeutin).
• Anschließend wird die Szene betrachtet, die im Sandbild entstanden ist.
• Es wird überlegt, wie die Geschichte weitergehen könnte.
• Dabei wird dem Kind die Führung überlassen, die Eltern unterstützen es.
• Das Kind verteilt die Rollen zum Weiterspielen, und die Geschichte wird umgesetzt.
Variante:
• Abwechselndes »Weitererzählen« und Weiterspielen mit jeweils spontan gewählten Figuren.
2 Die Fallbeispiele wurden anonymisiert; Namen und Details wurden verändert, um ein Wiedererkennen von Personen auszuschließen.
3 Das im Weiteren Dargestellte gilt auch für Sandspieltherapie mit Jugendlichen und Erwachsenen.
4 Zum Vorgehen bei Traumatisierungen vgl. 4.1.
5 Vgl. zur »Transparenz« als Leitlinie systemischer Kindertherapie Schmitt und Weckenmann (2009).
6 Die Szene berührt auch ein geburtstraumatisches Erlebnis, für das ein gutes Ende gefunden wird; vgl. Brächter 2010, S. 108 ff.
3 Systemische Arbeit mit Sandbildskulpturen
3.1 Familienskulpturen im Sand
Skulpturen nutzt man in der systemischen Therapie dazu, die Beziehungen zwischen den Mitgliedern eines Systems abzubilden und aus einer Metaposition zu reflektieren; geachtet wird dabei auf Abstand und Blickrichtung der Figuren. Das bekannteste Instrument hierzu ist das Familienbrett (Ludewig u. Wilken 2000).
Werden Skulpturen in den Sand verlegt, gehen die Darstellungsmöglichkeiten weit hierüber hinaus. Der Sand lädt dazu ein, auch die Umgebung der Figuren zu gestalten. Hierdurch erhalten die Skulpturen einen sehr bildhaften Ausdruck; oft sind sie nach dem Aufbau nicht von frei gebauten Sandbildern zu unterscheiden. Um dies zu kennzeichnen, habe ich sie »Sandbildskulpturen« genannt (Brächter 2010, S. 87 ff.). Jüngeren Kindern hilft die anschauliche, weniger abstrakte Darstellungsweise, sich aktiv am Geschehen zu beteiligen.
Oft ergibt die Gestaltung der Umgebung Hinweise auf den Kontext des Beziehungsgeschehens; äußere Belastungen, die in die Familie hineinwirken, können sichtbar werden.
HERR N., der in der Familie oft sehr impulsiv reagiert hat, legt einen Haufen Steine hinter seine Figur, um den bei seiner Arbeit empfundenen Druck darzustellen. Er bringe ihn oft mit nach Hause und könne es nicht ertragen, wenn es auch dort noch laut sei. Die Externalisierung der Belastung hilft den anderen, sich in die Situation des Vaters einzufühlen. Gemeinsam wird überlegt, wie der Raum der Familie vor den anrollenden Steinen geschützt werden kann. Um sie herum wird ein Grünstreifen angelegt.
Mit Unterstützung seiner Frau beschließt Herr N., sich nach der Arbeit eine Auszeit für einen Spaziergang zu nehmen oder sich zu Hause bewusst kurz zurückzuziehen.
Auch lebensgeschichtlich erworbene Belastungen können externalisiert werden. Dies bietet sich besonders an, wenn Eltern so stark mit eigenen Themen beschäftigt sind, dass sie für aktuell zu klärende Situationen mit ihren Kindern nicht offen sein können.
FRAU L. beschreibt, dass ihre 9-jährige Tochter ständig ihre Aufmerksamkeit suche, hierdurch gebe es viele Konflikte. Als sie im Gespräch über die Familienskulptur mehrfach die Bildebene verlässt und ihre zahlreichen Belastungen beklagt, fordere ich sie auf, hierfür Gegenstände zu suchen. Frau L. umgibt ihre Figur mit »Problemfässern«, die sie teils schon in ihrer eigenen Therapie geöffnet habe, die teils aber auch noch verschlossen seien. Dass ihre Probleme jetzt in der Skulptur sichtbar sind und gewürdigt werden, ermöglicht es ihr, sich der Tochter zuzuwenden. Beim Betrachten der Skulptur wird ihr deutlich, wie viele »Problemfässer« zwischen beiden stehen, für die ihre Tochter keine Verantwortung trägt. Bei der Weiterarbeit mit der Skulptur werden die Fässer umgruppiert und abtransportiert.
Für die gewünschte Beziehungsqualität, die in guten Momenten auch jetzt schon zu spüren ist, wird ein Eichhörnchen in die Mitte gesetzt (Brächter 2018 b, S. 167 f.).
Bei Sandbildskulpturen achte ich besonders darauf, was zwischen den Figuren steht. Da im Sand auch dieser Raum geformt werden kann, ergibt sich eine Externalisierung von Beziehungsthemen: Figuren nehmen sich möglicherweise nicht wahr, weil ein hoher Gebirgszug sie voneinander trennt; eine Brücke aus Eis, die vom Nordpol zu einem Gebiet mit Palmen führt, kann nach einer schwierigen Phase im Familienleben noch zu brüchig sein, um die Figuren zu tragen. Auf Bildebene wird gleichzeitig eine Suche nach Lösungen angeregt: Welcher Weg könnte über das Gebirge führen? Bei der Umgestaltung der Skulptur kann ein solcher Weg gebaut werden; Eltern und Kinder können gemeinsam beginnen, die Eisbrücke mit Steinen zu befestigen und aufeinander zuzugehen.
Auch unter einer Ego-State-Perspektive (siehe Kap. 3.3) bietet es sich an, Familienskulpturen in den Sand zu verlegen. Im Unterschied zu den neutralen Holzfiguren des Familienbretts zeigen Sandspielfiguren, in welchen Ich-Zuständen sich die Familienmitglieder begegnen. Sie können sich als Raubtiere gegenüberstehen; Frauen können Tänzerinnen, Piratinnen oder Königinnen sein. Durch die Figurenwahl werden bestimmte Seiten der Personen hervorgehoben; verschiedene Klimazonen in einer Skulptur unterstreichen die aktivierten Ego-States.
Familienskulpturen werden meist unter einer Fragestellung gebaut, die mit einem Problem verknüpft ist. Die oft sehr ausdrucksstarken Sandbildskulpturen können problemverstärkend wirken, wenn man glaubt, in ihnen gesehen zu haben, wie die Familie »wirklich« ist. Mir ist es daher wichtig, sie als Ausschnitt unter einem Problemfokus zu kennzeichnen: Zu anderen Zeiten könnte ein Bild der Familie auch völlig anders aussehen.
Der bildhafte, der Realität entrückte Charakter vieler Sandbildskulpturen erleichtert gleichzeitig eine Lösungssuche. Er regt dazu an, die Szene spielerisch weiterzuführen. Oft lädt bereits die Gestaltungsmöglichkeit der Umgebung dazu ein, Ressourcen zu aktivieren und Lösungsmetaphern in Szene zu setzen.
MIA, 9 JAHRE alt, beschreibt zu Therapiebeginn eine Stimme, die ihr vorschreibt, was sie tun müsse. Der Alltag ist bestimmt von vielen Zwangshandlungen. Als größte Belastung wirkt dabei die Schlafsituation: Mia schläft nur im Bett der Mutter und muss sie immer wieder in einer bestimmten Abfolge berühren, wenn sie einschläft oder nachts aufwacht. Die Mutter erscheint durch die vielen Störungen und die erzwungene Nähe am Rand ihrer Kräfte.
In einer Familienskulptur stellt Mia die Familienmitglieder als kleine Tiere dar, die sie dicht zueinanderlegt und liebevoll mit Blättern zudeckt. Für sich selbst wählt sie ein Eichhörnchen. Während die Tiere schlafen, passt eine Fee auf sie auf. Begleitet von einem Einhorn, geht die Fee nachts im Bogen an den Tieren vorbei. Dabei sammelt sie Sorgensteine und schlechte Erinnerungen auf, die auf dem Weg verwandelt werden: Auf der rechten Bildseite sammeln sich Glückssteine, die für liebevolle Momente mit anderen und für schöne Situationen stehen, die man für sich allein erlebt (Abb. 4).

Abb. 4: Die Fee beschützt den Schlaf
In einer späteren Skulptur sind Fee und Einhorn bei einem Spielhaus angekommen, in dem Mia mit ihrem Bruder spielt. Mit ihm teilt sie sich inzwischen ein Zimmer, in dem sie in den meisten Nächten gut schlafen kann. In der Sandbildskulptur hat die Familie einen Baum gepflanzt, der dem Eichhörnchen Nahrung gibt.
Pulsuz fraqment bitdi.