Kitabı oxu: «Denke, was dein Herz fühlt»
Dr. med. Wolf-Dieter Nagl
Denke,
was dein Herz fühlt
Wie wir mit Meditation Herz und Verstand in Einklang bringen

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Ruf nach Freiheit
Schattenwürfe des Geistes
Krise als Chance
Wenn das Denken Probleme erschafft
Die Körper-Geist-Verbindung
Das autonome Nervensystem – Dirigent im Symphonieorchester des Lebens
Stress und seine Folgen – das Universum der Psychoneuroimmunologie
Die Komplexität des Geistes – ein Modell des (Unter-)Bewusstseins
Werkzeuge des Geistes
Meditation – eine Schulung des Geistes
Der ewige Strom der Gedanken
Der konvergente (enge) Fokus
Der divergente (offene) Fokus
Der objektfreie Fokus
Die Transformation des Geistes
Umgang mit unangenehmen Emotionen
Das Metabewusstsein
Veränderung von destruktiven Mustern
Die Kraft des Bewusstseins
Die Sprache des Herzens verstehen
Eine Reise in die Welt der Neurowissenschaften
Herz und Verstand
Herz und Verstand – ein ständiger Kampf oder ein geniales Team?
Zwei Prinzipien auf dem Weg zur Entscheidung
Die Vereinigung von Herz und Verstand
Der Weg in eine neue Zukunft
Der Filter der Wahrnehmung
Die Ausrichtung der Innenwelt
Die Vereinigung des weiblichen und männlichen Prinzips
Visionen des Herzens

Danke
Literaturverzeichnis
Impressum
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit werden Personengruppen mit dem generischen Maskulinum bezeichnet, wobei immer sowohl weibliche als auch männliche Personen gemeint sind.
Ruf nach Freiheit
In der Tiefe unseres Geistes ahnen wir, dass wir freie Wesen sind. Wir spüren in unserem Herzen, dass ein Leben in Leichtigkeit und Freude möglich ist, und fragen uns zumal, ob innerer Frieden auch in unser Leben Einzug finden kann. Insgeheim wissen wir, dass unser egogetriebenes Verhalten nicht unserer wahren Natur entspricht, und würde man uns fragen, ob wir lieber Krieg oder Frieden hätten, dann würden sich wohl mehr als 99 Prozent der Menschen für Frieden entscheiden. Und dennoch führen wir täglich unsere eigenen kleinen Kriege. Wir ärgern uns über das Verhalten unserer Mitmenschen und über unsere eigenen Unzulänglichkeiten. Wir kämpfen gegen unsere Ängste und Sorgen und versuchen tunlichst, die Oberhand über sie zu behalten. Wir drängen Gefühle der Traurigkeit, der Wut und Einsamkeit zurück und stemmen uns gegen die Vergänglichkeit unseres alternden Körpers. Wir versuchen, Terrain zu verteidigen gegen die Stimmungslagen der Unsicherheit, der notorischen Langeweile und destruktiven Gleichgültigkeit, um im gesellschaftlichen Rennen um das große Glück nicht als Letzter durchs Ziel zu laufen. Vielleicht trachten wir danach, perfekt zu sein, weil wir meinen, nur dann liebenswürdig zu sein, wenn wir in wirklich jeder Lebenssituation außerordentliche Kompetenz, Witz und Humor, Überlegenheit und Charme zu versprühen vermögen.
Täglich strengen wir uns an, im Meer der Unvorhersehbarkeiten, die das Leben hervorbringt, über Wasser zu bleiben, und trüben dabei vor lauter Strampeln und Rudern unsere Sicht auf die Beständigkeit und Ruhe, die am tiefen Grund des Ozeans auf ihre Entdeckung warten. Oft meinen wir, das verheißungsvolle Glück in der Zukunft zu finden, wenn unsere Lebensumstände endlich perfekt geworden sind, um spätestens dann zu erkennen, dass doch noch etwas fehlt. Nur noch dieses eine oder jenes andere, dann wird endlich Ruhe einkehren und alles wird gut sein, so wie es ist. Nur leider ist auch diese Hoffnung meist vergeblich.
Doch könnte es auch anders sein? Stehen wir gar in diesem Moment mit beiden Füßen auf einer Schatztruhe erfüllender Glückseligkeit, während wir, ihrer nicht gewahr, durch ein Fernglas den Horizont fixieren, um in der Zukunft nach ihr Ausschau zu halten? Ließe sich der Feind der Unzufriedenheit womöglich am schnellsten besiegen, wenn wir die ewige Suche beenden und den Kampf aufgeben?
Tief in uns drinnen ahnen wir, wie es sich anfühlen würde, leicht und unbeschwert zu sein. Wir spüren, dass für uns alle die Möglichkeit besteht, frei zu sein, ein freudvolles und selbstbestimmtes Leben zu führen, und es ist der Ruf dieser inneren Stimme, der wie ein Sog an uns zerrt und uns daran erinnert, welches Potenzial in unserem Innersten schlummert und darauf wartet, gelebt zu werden.
Doch was bedeutet es, wirklich „frei“ zu sein? Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Freiheit für Sie im Leben konkret bedeutet? Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und fragen Sie sich selbst: Wovon möchte ich frei sein? Was genau sind die Glieder der Kette, die mich hält? Und noch viel wichtiger: Wofür möchte ich frei sein? Lassen Sie diese Fragen einen Moment lang auf sich wirken, bevor Sie weiterlesen.
Viele Menschen sehen Freiheit darin, sich schrankenlos in der dreidimensionalen Welt zu bewegen, nicht physisch eingesperrt zu sein und tun und lassen zu können, was immer sie möchten. Doch was ist mit jenen Menschen, die gar nicht wissen, was sie wollen, weil sie die Orientierung und den Zugang zu sich selbst verloren haben? Was ist mit all jenen, die sich eingekerkert fühlen von den Gitterstäben ihrer Gedanken und Emotionen, von Zwängen und Ängsten, die ihren Erlebnishorizont begrenzen und sie in alten Mustern gefangen halten? Gibt es auch für diese Zelle oder gar für das Gefängnis, in das traumatische Erlebnisse sie geführt haben, einen Schlüssel der Befreiung?
Diese Frage kann ich aus tiefster Überzeugung und dank unzähliger Erfahrungen aus meinem persönlichen und therapeutischen Leben klar mit „Ja“ beantworten. Der Schlüssel hierfür liegt in der Erweiterung des Bewusstseins. Durch eine Schulung des Geistes und meditative Techniken, die die Aufmerksamkeit trainieren, gewinnt unser Bewusstsein an Leuchtkraft und vermag die uns bestimmenden Kräfte des Unterbewusstseins zu transformieren. Durch das Gegenwartsbewusstsein eines wachsamen Geistes können wir den prägenden Rucksack der Vergangenheit von unseren Schultern heben und frischen Wind in unser Leben bringen. Wir können lernen, unseren Geist schrittweise von Destruktivität und von negativen Inhalten zu befreien und positive, freudvolle Zustände zu etablieren, um ganz bei uns selbst anzukommen und unser wahres Potenzial zu entfalten. Welche Schritte es hierfür braucht und mit welchen mentalen Übungen wir das vollbringen können, davon handelt dieses Buch.
Sich seiner Innenwelt zuzuwenden und den Wohnraum der eigenen Psyche zu entrümpeln, durchzulüften und unseren Bedürfnissen gemäß zu renovieren, kann herausfordernd sein, doch die Arbeit mit dem eigenen Bewusstsein eröffnet uns den Weg in eine neue Dimension des Seins. Die meisten Menschen sind erst dann bereit, an sich selbst zu arbeiten, den Geist zu schulen und die eigenen Herzensqualitäten zu entwickeln, wenn sie einen gewissen Leidensdruck verspüren oder erkannt haben, welch enorme Bedeutung das Bewusstsein und die Welt unserer Gedanken und Gefühle für den Verlauf unseres Lebens hat.
Vielleicht stecken Sie selbst in einer Lebenssituation, die täglich an Ihrem Nervenkostüm zerrt und aus der es kein Entrinnen zu geben scheint, da Ihr menschliches Verantwortungsbewusstsein Sie zum Verweilen verpflichtet. Oder Sie fühlen eine Art innere Blockade oder ein körperliches Leiden, die Sie daran hindern, Ihr Leben nach Ihren Vorstellungen zu gestalten und mit sich selbst im Frieden zu sein. Womöglich haben Ereignisse in Ihrer Vergangenheit stattgefunden, die das Tor zur Leichtigkeit und Lebensfreude für immer verschlossen zu haben scheinen. Und dennoch liegt ein Keim der Hoffnung in unser aller Seele verborgen, dass eine heilende Transformation in jedem Moment stattfinden kann. Das Wissen darum, dass sich in den tiefen Schichten einer verdorrten Wüstenlandschaft vibrierendes Leben verbirgt, das geduldig auf den nächsten Regen wartet, um mit frischen Trieben und Knospen die einst trockenen Dünen in eine bunte Oase zu verwandeln.
Welche Rolle spielen die Gedanken und Gefühle sowie der Grad unseres Bewusstseins bei diesem Erblühen? Können wir trotz widrigster Lebensumstände die innere Flamme der Zuversicht und Freude lebendig halten und die zeitlosen Elemente unseres spirituellen Wesenskerns durch uns hindurchscheinen lassen? Ist das Chaos in der Welt und die Verunreinigung des Planeten vielleicht sogar ein Spiegelbild der Unordnung unserer Innenwelt? Könnte die Etablierung von Ruhe und Klarheit im Geist nicht nur unseren Umgang mit schwierigen Lebenssituationen deutlich verbessern, sondern auch eine direkte Veränderung der Welt zur Folge haben? Menschliche Leuchttürme wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Rosa Parks weisen uns den Weg in eine äußere Freiheit, die in deren Innenwelt ihren Anfang nahm.
Wenn Sie dieses Buch in Händen halten, sind Sie vermutlich interessiert an der Befreiung und Weiterentwicklung Ihres Geistes. Vielleicht teilen Sie mit mir die Faszination für das Mysterium des Bewusstseins, das unsere menschliche Existenz belebt, und wollen erfahren, wie Sie dieses für Ihr Leben nutzen können. Begleiten Sie mich auf eine spannende Reise in die komplexe Welt des Körper-Geist-Systems und erfahren Sie, wie Ihr Geist auch auf den physischen Körper Einfluss nehmen kann. Finden Sie heraus, wer Sie sind, wenn Sie hinter den Vorhang der eigenen Biografie blicken und in die tieferen Seinszustände des reinen Bewusstseins eintauchen. Der Geist birgt ein unermessliches Potenzial für Entwicklung und Heilung in sich, sowohl auf seelischer wie auch auf körperlicher Ebene. Gedanken und Gefühle bilden nicht nur die Grundlage für unsere Entscheidungen und die Wahrnehmung der Realität, sondern formen auch die Architektur unseres Gehirns und spinnen ihre einflussreichen Fäden bis in die Funktionsweise unseres Immunsystems. Sie interagieren dabei mit sämtlichen Prozessen des Organismus, einschließlich der Atmung, der Verdauung und des pulsierenden Schlags unseres Herzens.
Sie werden erfahren, wie Sie durch Meditation die heilsame Ebene des mitfühlenden Herzens aktivieren können und einen Zugang zur Quelle Ihrer Intuition erhalten, um diese innere Stimme für Ihre Lebensentscheidungen zu nutzen. Die theoretischen Inhalte und praktischen Übungen sollen Sie auf Ihrem ganz individuellen Lebensweg unterstützen, Ruhe im Geist und Fülle im Herzen zu erleben. Sie helfen dabei, die opponierenden Elemente von Herz und Verstand auf eine Linie zu bringen und im Gleichklang für sich sprechen zu lassen, damit Sie Ihr einzigartiges Potenzial entfalten und in Ihrem Leben verwirklichen, was Sie sich von Herzen wünschen. Wenn dieses Buch nur einen einzigen Leser bei diesem Vorhaben unterstützt, dann hat es seinen erwünschten Zweck erfüllt.
Ich wünsche Ihnen viel Inspiration und Freude beim Lesen und Praktizieren!
Wolf-Dieter Nagl
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Krise als Chance
Heute weiß ich, dass jede Krise ihren Sinn hat. Schwierige Zeiten erfüllen einen ganz bestimmten Zweck, der sich uns meist erst im Nachhinein erschließt und oft Jahre später ersichtlich wird. So hat eine Krisenzeit in meinem eigenen Leben dazu geführt, dass das vorliegende Buch entstanden ist, denn sie zwang mich in eine lange Beschäftigung mit Themen und Techniken, die mir halfen, aus Negativspiralen auszusteigen und den Geist zu befreien. Sie ließ mich erkennen, dass unsere Innenwelt maßgeblich dazu beiträgt, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, aber auch, wie wir sie gestalten.
Es gibt Vorkommnisse und Lebensumstände, die uns einladen, das Leben als trübsinnig oder gar sinnlos zu betrachten. Solche Einladungen schauen in jedem individuellen Leben jeweils anders aus, tragen verschiedene Namen und nehmen unterschiedlichste Formen an. Ob wir sie annehmen und uns in Negativität verlieren oder an ihnen wachsen, liegt dabei in unserer Verantwortung.
Meine persönliche Einladung erhielt ich, als ich im Alter von 18 Jahren den ersten Schritt über die Schwelle der medizinischen Universität setzte, und ich bin ihr unwissentlich gefolgt. Ich möchte Sie an meiner Geschichte teilhaben lassen, da sie veranschaulicht, wie inneres und äußeres Erleben sich gegenseitig beeinflussen, welche Auswirkung unser Denken und Fühlen auf unsere Lebensrealität hat und welche Schlüsse ich aus meiner eigenen Krisenzeit ziehen konnte.
Der Weg in die negative Denkspirale
Mit den überwiegend sonnigen Erfahrungen einer unbeschwerten Schulzeit ausgestattet und von der romantischen Vorstellung des heilbringenden Arztberufes beseelt, betrat ich in jungen Jahren eine klinische Welt, die den Menschen lediglich als chemisches Gemisch aus Atomen und physiologischen Regelkreisen sowie eine auf äußere Reize reagierende Biomaschine definierte. Bestimmt mag diese Wahrnehmung sehr subjektiv gewesen sein und bei Weitem nicht alle meine Studienkommilitonen haben die medizinische Lehre in gleicher Weise negativ empfunden. Doch mit voranschreitenden Semestern erlebte ich damals, wie das Gesamtkunstwerk „Mensch“, das sich aus Körper, Geist und Seele zusammensetzt, in alle möglichen, potenziell pathologischen Einzelteile seziert wurde und dadurch seinen ihm innewohnenden Schöpfungsglanz verlor. Der schmucklose Blick durch die reduktionistische Brille der Naturwissenschaften, der den Menschen nicht mehr in seiner Ganzheit betrachtet, sondern in isolierte Einzelteile aufspaltet, verpixelte die belebenden und einzigartigen Qualitäten des Geistes. In den anatomischen Schnittpräparaten der Gehirne, mit denen ich es in den Seziersälen zu tun hatte, ließen sich keine Lebensvisionen finden, in den Hauptkammern des Herzens keine Spuren von Liebe und Mitgefühl, und die histologischen Bilder der Zellkerne offenbarten keine Bibliothek an einst gemachten Lebenserfahrungen. Selbstverständlich schien auch niemand dort nach ihnen zu suchen.
Zwar hatte ich von Beginn des Studiums an den Glauben, dass die Art und Weise, wie wir denken und fühlen, einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen könne, doch geriet dieses Weltbild in den biomechanischen Hallen der apparativen Medizin zunehmend ins Wanken. Die Existenz einer geistigen menschlichen Ebene, die das Potenzial für Gesundheit und Heilung in sich trug, verschwand gänzlich unter dem Gewicht tausende Seiten umfassender Bücher, die vorwiegend Krankheiten und deren medikamentöse Behandlung zum Inhalt hatten. Dadurch dass der Fokus permanent auf Pathologien gerichtet war, bekam ich das Gefühl, dass Krankheiten eher die Norm waren und Gesundheit bloß die vorübergehende Abweichung von dieser Norm darstellte. Das scheinbar unbeeinflussbare Würfelspiel der Gene hinterließ ein Gefühl der Machtlosigkeit in mir. Eine negative Denkspirale setzte sich in Gang, die schließlich auf mich selbst übergriff. Wochen und Monate lang quälte ich mich mit Sorgen um meine eigene Gesundheit herum und drehte mich in der Angst vor sämtlichen Krankheiten immer weiter in dieser Abwärtsspirale hinunter. Ich schlitterte in eine depressive Mischkulanz aus Überforderung und Perspektivlosigkeit und musste mir nach langem und zähem Ringen eingestehen, dass mein Weg hier nicht weiterführen würde. Schlussendlich sah ich mich gezwungen, mein Studium auf halbem Weg zu beenden. Ich verließ die Universität nach dreieinhalb Jahren.
Mein Traum war geplatzt und meine seit der Kindheit gehegte Vision, Arzt zu werden, gescheitert. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte und was mit meinem Leben nun anzufangen sei. Ich gab mir ein halbes Jahr Bedenkzeit, um Klarheit ob meines weiteren Lebensweges zu gewinnen, und erinnere mich, in dieser Zeit von früh bis spät ausschließlich gegrübelt und über den Sinn des Lebens nachgedacht zu haben. Heute weiß ich, dass unablässiges Denken und Analysieren ein Garantierezept für Depression und Verwirrung ist, doch musste ich diese Suppe damals selbst zu Ende löffeln. Es waren dies wohl die dunkelsten, wenn auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens.
Der Weg aus der Krise
Nach sechs Monaten Auszeit und dem erfolglosen Versuch, durch Nachdenken eine Lösung zu finden, wollte ich mich wieder der Welt mit ihren Möglichkeiten zuwenden. Ich folgte dem einzig spürbaren Impuls, der nicht dem Getöse meiner rationalen Überlegungen entsprang, und begann, als Kellner zu arbeiten. Daneben beschäftigte ich mich intensiv mit spirituellen Texten und wissenschaftlicher Literatur zum Thema Selbstheilung und holte mir in Seminaren und Psychotherapiesitzungen neue Nahrung für Herz und Verstand. Vor allem lernte ich, wieder mehr auf meine Intuition zu vertrauen und jenen Impulsen zu folgen, die sich in meinem Herzen gut und richtig anfühlten. Ich begann, zu meditieren und meinen Geist genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich suchte den Ursprung meiner Misere in den Untiefen meiner Gedanken und fand ihn dort. Durch diese Introspektion gelang es mir, brauchbare von unbrauchbaren Gedanken zu unterscheiden und destruktive Inhalte vorbeiziehen zu lassen, während ich konstruktive für mich bekräftigte. Wie ein Innenarchitekt machte ich mich daran, meinen psychischen Wohnraum umzukrempeln und meine gedanklichen und emotionalen Einrichtungsgegenstände für mich sinnvoll zu positionieren. Mit zunehmender Veränderung des Geistes bemerkte ich, wie sich in der Folge auch meine Lebensumstände ins Positive wandelten, da ich begann, berufliche und private Richtungsentscheidungen zu treffen, die wiederum in neuen Erfahrungen resultierten. Ich erkannte, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Beschaffenheit der äußeren Realität größtenteils einen Spiegel meiner Innenwelt darstellte. Ich begann, mein Leben von innen heraus zu gestalten.
Und dann kam es zu einer Begegnung, die meinem Leben eine entscheidende neue Richtung geben sollte und die mich letztlich wieder auf den Pfad der Medizin zurückführte. In jenem Lokal, in dem ich servierte, lernte ich eine junge Frau kennen, deren Geschichte mich zutiefst berührte. Sie war professionelle Downhill-Mountainbikerin und erzählte mir von einem dramatischen Sturz, bei dem sie sich beinahe den linken Arm abgerissen hätte. Die Schulter war luxiert, also ausgerenkt, sämtliche Muskeln zerrissen und die Nerven durchtrennt. Die damalige Prognose von vier bemühten Ärzten – allesamt Experten auf ihrem Gebiet – war, dass sie ihren Arm wohl nie wieder verwenden könne und er gelähmt bleiben würde. Die Muskeln waren durch die Nervenschädigung paralysiert und sie konnte nicht einen einzigen Finger bewegen. Jedoch wollte sie sich mit dieser Hiobsbotschaft nicht zufriedengeben und konsultierte einen weiteren Arzt. Dieser meinte schließlich, dass „alles möglich“ sei und sie eine Chance auf Heilung habe, wenn sie hart an ihrer Rehabilitation arbeite, Physiotherapie mache und täglich an ihrem Ziel der Genesung dranbleibe. Es folgte eine intensive Rehabilitationszeit, in der sie zahllose Therapien bekam, täglich trainierte und sich, wie sie mir später verriet, auf nur einen einzigen Gedanken fokussierte: „Für mich gibt es nur Downhill-Fahren. Es gibt nur diese eine Option, dass ich wieder gesund werde!“ Sie hatte diese bemerkenswerte innere Stärke und gleichzeitig kindliche Naivität, diese zukünftige Realität als selbstverständlichen Ausgang ihrer Bemühungen anzunehmen. Eine solch klare Ausrichtung, die jeden Zweifel hinwegfegte. Ein inneres Bild ihrer Vision, das sich unabänderlich in ihrem Geist festsetzte. Und es funktionierte! Ein Jahr nach ihrem Sturz reiste sie wieder von Kontinent zu Kontinent, um in aller Herren Länder Rennen zu fahren. Der Arm war wieder vollkommen funktionstüchtig.
Als ich diese Geschichte vernahm, begann meine alte Vision wieder lebendig zu werden. Der Glaube an die Kraft des Geistes wurde wieder entflammt. Und mit ihm der Glaube an die Möglichkeit, von einer Krankheit genesen zu können, selbst an einem Punkt, wo die Erkrankung bislang als unheilbar galt. In den darauffolgenden Wochen begann der Gedanke in mir zu keimen, das Studium wieder aufzunehmen. Ich wollte einer jener Ärzte werden, die an das unermessliche Potenzial des Menschen glauben und ihren Patienten dabei helfen, dieses für sich zu nutzen.
Nach weiteren langen Monaten kehrte ich schließlich an die Hochschule zurück und beendete am 15. Dezember 2011 mein Studium ein zweites Mal. Diesmal jedoch mit einem Abschluss. Ich war bereit, meinen beruflichen Weg auf eine neue Art zu gehen und meine Schlüsse aus den Ab- und Umwegen der letzten Jahre zu ziehen. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, wie die Verstrickung in destruktive Gedanken Krisen erzeugen und die Identifikation mit negativen Emotionen das eigene Potenzial blockieren und die Sicht auf die Außenwelt verdunkeln kann. Ich durfte erleben, wie die Arbeit mit dem Geist im Rahmen von Meditation solche Blockaden lösen kann und die Innenwelt positiv zu verändern vermag, um eine erwünschte Realität im Außen zu erschaffen. Heute lebe ich genau jene berufliche Vision, die ich zu Studienbeginn vage gespürt, lange nicht gewagt und dennoch jahrelang verfolgt hatte. Heute habe ich das Privileg, meinen Patienten durch meine allgemeinmedizinische Tätigkeit und die Arbeit mit Hypnose und Meditation bei der Entfaltung ihres Potenzials helfen zu dürfen und eine heilsame Brücke zwischen den zwei synergistischen Elementen Körper und Geist schlagen zu können.
Ohne diese krisenhafte Zeit hätte ich mich nie in solcher Tiefe und mit solcher Beharrlichkeit mit den Themen der Selbstheilung und der Entfaltung des eigenen Potenzials beschäftigt. Dieses Buch ist die direkte Folge davon und soll auch Sie dabei unterstützen, den Weg zur inneren Quelle der Ruhe und Klarheit, des intuitiven Wissens und vielleicht sogar der körperlichen Heilung zu finden.
Machen wir uns also auf den Weg und beginnen unsere Forschungsreise zunächst mit den Ursachen für die Destruktivität im Geiste und mit der Frage, welchen Anteil das eigene Denken an unterschiedlichen Problemen hat. Im zweiten Kapitel beleuchten wir, welche Verbindungen zwischen Geist und Körper bestehen und wie sich Gedanken und Emotionen auf das Immunsystem und unsere Gesundheit auswirken. Im dritten Kapitel nehmen wir den Geist genau unter die Lupe und tauchen in die praktischen Übungen ein, die das Bewusstsein schulen – mit dem Ziel, sich von Negativität zu befreien und ein positives Mindset zu etablieren. Das vierte Kapitel offenbart, welche Auswirkungen dieses mentale Training wiederum auf den Körper hat und wie sich die Funktionsweise des Gehirns und des Herzens durch Meditation verändert. Die beiden letzten Kapitel zeigen, wie wir durch mentale Praxis Herz und Verstand auf eine Linie bringen, um das eigene Potenzial zu entfalten und jene Zukunft zu gestalten, die wir uns von Herzen wünschen.
Praxistipp: Die theoretischen und praktischen Inhalte dieses Buches bauen aufeinander auf. Es empfiehlt sich daher, das Buch in der vorgesehenen Reihenfolge kapitelweise zu lesen. Die Informationen sind stellenweise sehr dicht gefasst und die praktischen Übungen sind essenziell, um die eigenen persönlichen Erfahrungen mit diesen Informationen zu machen. Um die Praxis zu erleichtern, finden Sie die Übungen deshalb auch als Audioanleitung auf meiner Website www.drwolfdieternagl.com. Alle Meditationsübungen lassen sich in jeglicher Abfolge frei kombinieren und so können Sie diese, gemäß Ihren Bedürfnissen bezüglich Dauer und Inhalt, im Sinne einer eigenen Playlist selbst zusammenstellen. Schauen Sie sich hierfür am besten das Erklärvideo zur „Integralen Meditation“ auf meiner Website an, welche sich ebenfalls mit den hier vorgestellten Übungen kombinieren lässt.
Wenn das Denken
Probleme erschafft
Das Leben ist geprägt von Herausforderungen, die uns die Chance bieten, zu wachsen und uns zu entwickeln. Manche bringen uns an die Grenzen unserer Belastbarkeit, dann kann es schwerfallen, ihren Sinn für unser Leben zu erkennen. Naturkatastrophen, Kriege und Hungersnöte, Wirtschaftskrisen und Viruspandemien sind Problemfelder, die sich zum größten Teil unserem Einfluss entziehen. Auch der Verlust oder die Erkrankung eines geliebten Angehörigen sowie eigene Krankheiten können mit all ihren Begleitumständen sehr herausfordernd sein. Und dennoch gibt es einen Raum in unserem Bewusstsein, der von all diesen Umständen unberührt bleibt. Eine geistige Instanz, die die Fähigkeit in sich trägt, sich über die Widrigkeiten des Lebens zu erheben und diese ins Positive zu wandeln.
Gleichzeitig kann derselbe Geist aber auch die Widrigkeiten verstärken. Ob wir unseren Geist konstruktiv oder destruktiv einsetzen, wirkt sich direkt auf unser Leben aus. Unser Bewusstsein sowie die Qualität unserer Gedanken und Gefühle haben einen wesentlichen Einfluss auf das subjektive Erleben, aber auch den Fortbestand oder die Wandlung unserer individuellen Probleme. Bevor wir uns den konstruktiven Fähigkeiten des Geistes widmen, die sich trainieren und stärken lassen, beleuchten wir zunächst, welchen destruktiven Anteil das Denken an den Problemen des Alltags haben kann.
Bewerten und Urteilen – wie unser Geist über Glück und Unglück entscheidet
Sie stehen mit Ihrem Einkaufswagen in einer langen Schlange an der Kassa im Supermarkt und warten auf Ihr Weiterkommen. Die zweite Kassa bleibt aus unerfindlichen Gründen geschlossen und Sie werden zum „Nichtstun“ gezwungen. Wie reagiert Ihr Geist auf diese Situation? Ist sie eine willkommene Auszeit von der permanenten Geschäftigkeit des Alltags oder eine unnötige Verzögerung Ihres Plans? Können Sie diesen Moment des Wartens mit derselben Qualität und Schönheit wahrnehmen und wertschätzen wie die restlichen Augenblicke Ihres Lebens oder ist er lediglich ein belangloser Zwischenschritt auf dem Weg zu einem entfernteren Ziel?
Wie wir solche Momente erleben, hängt häufig mit dem inneren Plan zusammen, den wir gerade verfolgen. Womöglich müssen Sie zu einem Termin und möchten nicht zu spät kommen. Bilder von Menschen, die auf Sie warten, formieren sich in Ihrem Kopf und mögliche Szenarien Ihres Zuspätkommens lassen Ihren Muskeltonus ansteigen. Ungeduld beginnt sich zu regen und ein genervtes und schnaubendes Ausatemgeräusch verlässt Ihren Körper in der Hoffnung, der Kassier möge Notiz davon nehmen, Ihr Zeichen richtig deuten und veranlassen, dass endlich eine zweite Kassa eröffnet wird.
Ist es nun die äußere Situation oder Ihre innere Reaktion darauf, welche die Unruhe in Ihnen erzeugt? Ist der anstehende Termin, der zeitlich immer näher rückt, der Grund für Ihre Ungeduld oder Ihre innere Einstellung zu ihm? Es ist sehr verlockend, äußeren Bedingungen den Grund für unsere emotionale Stimmungslage zuzuschreiben. Dennoch ist es so gut wie immer unsere innere Haltung, die Art und Weise, wie unser Geist eine Situation bewertet und beurteilt, die darüber entscheidet, wie wir den gegenwärtigen Moment erleben. Es ist die Qualität unserer Gedanken und Emotionen, die unsere Wahrnehmung der Welt entscheidend färbt und über Glück oder Unglück entscheidet.
Sie sitzen im Wartezimmer einer Arztpraxis und bereits zum zweiten Mal reißt das laute Schrillen eines Mobiltelefons Sie aus Ihren Gedanken. Sie fühlen sich gestört und möglicherweise strafen Sie Ihr Gegenüber mit einem mahnenden Blick in der Hoffnung, dass diese „Erziehungsmaßnahme“ greifen möge. Innerer Widerstand regt sich gegenüber der fremden Person vor Ihnen und noch viel mehr gegenüber den aufdringlichen Misstönen dieses Smartphones. Interessanterweise stört solch ein Läuten keinesfalls, wenn Sie bereits seit Stunden auf einen wichtigen Anruf warten. Da mag es schon fast eine Erlösung sein, wenn das Telefon endlich klingelt und vibriert. Ist es also dieses tönende kleine Kästchen, das die Macht hat, Sie zu stören? Oder ist die Störung vielmehr eine Leistung des Gestörten?
Beobachten Sie Ihre innere Haltung, das Bewerten und Urteilen des Geistes, die eigene Ablehnung und die Widerstände gegenüber dem, was gerade geschieht, wenn Sie das nächste Mal von Unruhe oder Gereiztheit geplagt werden.
Das Denken und die Zeit – Quelle unserer Probleme
Der analytisch denkende Geist verschafft unserer Spezies eine Sonderstellung innerhalb der Evolution. Er vermag neue Technologien zu entwickeln, in die Zukunft zu planen und aus Vergangenem zu lernen. Er beherbergt einen schier endlos großen Werkzeugkasten für die Lösung sämtlicher Herausforderungen und Problemstellungen und trägt wesentlich zur Weiterentwicklung jedes Einzelnen wie auch der Gesellschaft bei. Das Denken hat allerdings auch eine Kehrseite und liegt als sprudelnder Quell menschlichen Problemerlebens nur einen Münzwurf von der konstruktiven Kraft des Geistes entfernt. Bei näherer Betrachtung kann man gar behaupten, dass der menschliche Geist einen Großteil der Probleme sogar selbst erschafft. Nicht nur kann unser Handeln oder unsere Wortwahl zu zwischenmenschlichen Konflikten und problematischen Situationen führen. Vielmehr ist es das Denken selbst, das die Probleme überhaupt erst erzeugt. Ich lade Sie ein, für einen Augenblick über folgende Frage zu reflektieren: Gibt es ohne das menschliche Denken überhaupt irgendein „Problem“ auf der Welt?
Probleme existieren nicht per se. Sie sind eine „Leistung“ des Denkens.
Diese Frage mag provozierend klingen, gerade wenn belastende Umstände das momentane Leben dominieren. Aber lassen Sie uns für einen Moment den geistigen Anteil am Erleben problemhafter Situationen ergründen.
Probleme existieren nicht per se. Sie sind eine „Leistung“ des Denkens und entstehen erst durch die Bewertung einer jeweiligen Situation. Bis zum Zeitpunkt der Bewertung gibt es lediglich Tatsachen und Herausforderungen. Das Konzept von Vergangenheit und Zukunft erzeugt aus diesen Herausforderungen schließlich „Probleme“.
Wenn wir etwa körperliche Schmerzen haben, dann erleben wir eine physische Empfindung, die je nach Schmerzstärke sehr unangenehm und eine große Herausforderung sein kann. Sehr schnell löst diese Empfindung negative Gedanken und Emotionen aus. Die oft mit dem Schmerz einhergehende körperliche Einschränkung kann die Arbeits- und Leistungsfähigkeit sowie den Bewegungsradius begrenzen und somit weitere herausfordernde Begleitumstände mit sich bringen, die ebenfalls als Problem erlebt werden. Die analytisch denkende Suche nach der Ursache dieses Schmerzes ist vorerst ebenso essenziell wie dessen Behandlung. Wenn der Schmerz aber weiterhin besteht und das sorgenvolle Denken einsetzt, dann vergrößert sich das Leiden durch das Denken noch zusätzlich. Natürlich möchte man Schmerzen loswerden und jeder Mensch will schmerzfrei leben. Doch die mentale Bewertung und Ablehnung des Schmerzes verschlimmern das unangenehme Erleben und wir beginnen, innerlich gegen den Schmerz zu kämpfen. Da er sich dadurch nicht verringert, steigt das Gefühl der Machtlosigkeit, was zu mehr Frustration und Ohnmacht führt. Häufig setzt dann eine Denkspirale ein, die von möglichen Schmerzursachen in der Vergangenheit bis hin zur Sorge ob der Zukunft kreist, sollte dieser Schmerz nicht enden oder sich sogar noch verschlimmern. Damit konstruieren wir eine Geschichte rund um die momentane Empfindung, was schließlich das emotionale Leiden beträchtlich erhöht. Das Bewerten einerseits und das Denken in zeitlichen Zusammenhängen andererseits können somit eine gegenwärtige körperliche Empfindung zu einer nicht zu bewältigenden Übergröße ausformen. Hier entfaltet das Denken seine destruktive Kraft.
Wie kann der Geist in einem solchen Fall zu einer Linderung beitragen? Wir können auf heilsame Weise gegensteuern, indem wir beispielsweise den zeitlichen Bezugsrahmen ausklammern und vollkommen gegenwärtig werden. Wenn wir dabei die körperliche Empfindung des Schmerzes ganz in den Fokus unserer Aufmerksamkeit nehmen, um ihr in allen Details nachzuspüren wie ein interessierter Forscher, ohne sie zu bewerten oder innerlich abzulehnen, dann mildert sich der leidvolle Aspekt deutlich ab. Wenn es gelingt, ohne zu denken, ganz mit dieser Empfindung präsent zu sein und sie in der Gegenwart vollständig wahrzunehmen und auch anzunehmen, dann verschwindet meist die geistige Benennung „Schmerz“ aus unserem Bewusstsein. Die Fokussierung auf den Schmerz hilft paradoxerweise, das Leiden zu unterbrechen.
Sollten Sie gerade körperliche Schmerzen empfinden, dann probieren Sie es aus und versuchen Sie, jede Nuance der körperlichen Empfindung wahrzunehmen und diese willkommen zu heißen. Im Kapitel „Die Transformation des Geistes“ werden wir näher darauf eingehen, wie ein Training der Aufmerksamkeit und des Gegenwartsbewusstseins den Umgang mit unangenehmen Empfindungen verbessern kann.
Wenn der Schatten der Zeit die Gegenwart verdunkelt
Das Beispiel des Schmerzes lässt sich auf sämtliche Emotionen und Stimmungslagen übertragen. Jedes Mal, wenn wir beginnen, die Empfindungen und Wahrnehmungen des gegenwärtigen Moments in ein zeitliches Raster zu knüpfen und in die erdachte Zukunft oder die erinnerte Vergangenheit zu projizieren, erschaffen wir eine Geschichte und folglich oft ein Drama aus unserer momentanen Lebensrealität. Dadurch vergrößert sich das Leid. Erst durch das Auswalzen und gedankliche Ausdehnen eines Gegenwartsaspekts auf die fiktive Zeitachse entstehen „Probleme“. Bewertung, innere Ablehnung und „die Zeit“ sind dabei die Grundsäulen unseres problematischen Erlebens.
Praxis
Schauen Sie sich Ihr vordergründiges, momentanes Lebensproblem unter diesem Aspekt und mit mitfühlender Offenheit an. Welchen Anteil haben Ihre eigenen Bewertungen daran? Welche Rolle spielen Vergangenheit und Zukunft dabei? Was ist genau in diesem Moment (nicht in ein paar Minuten oder vor zehn Sekunden, sondern wirklich gerade jetzt) das Problematische?
Das Eintauchen in diese Betrachtung kann das Problemerleben oft entscheidend verändern. Die Fokussierung auf die Gegenwart und die mitfühlende Annahme dessen, was gerade geschieht, kann ein sehr hilfreiches Werkzeug sein, problematisches Erleben abzumildern.
Nehmen wir beispielsweise den Verlust eines geliebten Menschen: Dieser Verlust bewirkt in uns starke Gefühle der Trauer oder Sehnsucht. Wenn wir diese Gefühle vollständig wahrnehmen und zulassen können, dann spüren wir intensive körperliche Empfindungen. Das Wahrnehmen und Spüren der Trauer ist noch kein Problem, sondern „nur“ eine intensive emotionale Empfindung. In dem Moment, wo wir dieses Gefühl mit Bildern aus der Vergangenheit verknüpfen oder mit der Vorstellung, diesen Menschen in der Zukunft nie wieder zu sehen, erzeugen wir mental eine Geschichte rund um dieses Gefühl und das Leiden wird verstärkt. In der Folge entwickeln sich daraus oft weitere Emotionen wie Verzweiflung oder das Gefühl des Alleinseins.
Solche Gedanken und Geschichten entstehen ganz automatisch im denkenden Geist und ziehen unsere Aufmerksamkeit aus dem gegenwärtigen Moment heraus. Es ist gut, dies zu erkennen und immer wieder nachzuschauen, ob dieses Zeitdenken das Problem gerade verschlimmert oder zu dessen Lösung beiträgt. Das Gedankengebäude, das der denkende Verstand um eine momentane Situation herum errichtet, wirft einen zeitlichen Schatten, in dem die aktuelle Herausforderung oft sehr dunkel und schwer zu bewältigen erscheint. Aus dem Denken auszusteigen, indem wir den Fokus ausschließlich auf das Hier und Jetzt legen, kann helfen, die Möglichkeiten des gegenwärtigen Moments zu erkennen, und dadurch die eigene Handlungsfähigkeit erhöhen. Auf das Hier und Jetzt können wir immer reagieren und die jeweilige Situation entweder durch unser Handeln oder eine Veränderung der Sichtweise verbessern. Aber die Vergangenheit und die fiktive Zukunft können wir nicht bewältigen, weil sie nur im Geiste existieren.
Häufig haben wir Angst davor, Emotionen vollständig zuzulassen und in ihrer ganzen Intensität zu spüren, da wir befürchten, dass sie zu stark werden oder uns in eine Depression stürzen. Die Emotion selbst ist dabei aber nie das Problem! Sie ist „nur“ eine Empfindung. Es sind immer die Gedanken, die mit diesen Gefühlen einhergehen, die für uns problematisch werden und uns mitunter verzweifeln lassen. Wenn wir Gefühle negativ bewerten oder gegen sie ankämpfen, anstatt ihnen freien Lauf zu lassen, dann leiden wir. Würden wir Tränen einfach so lange fließen lassen, wie sie eben strömen, ohne sie mit Gedanken über die Zukunft oder Vergangenheit zu verknüpfen, dann würde sich diese Trauer von selbst auswaschen und der Verarbeitungsprozess einen natürlichen Verlauf nehmen. Der Verstand ist aber oft ungeduldig und will wissen, wie lange das wohl dauern wird und wie es weitergeht, und bringt somit wieder einen zeitlichen Aspekt ins Spiel, der dann ein Problemfeld eröffnet. Im Unterkapitel „Umgang mit unangenehmen Emotionen“ werden wir noch detailliert darauf eingehen, wie wir mit negativen Emotionen präsent sein können, um deren leidvollen Aspekt aufzulösen.
Machen Sie folgende kleine Übung:
praxis
Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment lang ganz auf das Hier und Jetzt. Nehmen Sie wahr, welche Farben Sie gerade rund um sich sehen können, welche Gegenstände Sie umgeben und welche Geräusche Sie jetzt gerade hören. Spüren Sie nach, wie sich die Raumtemperatur auf Ihrer Haut anfühlt und wie weich oder hart die Sitzfläche unter Ihrem Gesäß. Jetzt, wo Sie all diese Dinge wahrnehmen können, in dieser Sekunde, in der Sie sich jetzt befinden – haben Sie jetzt gerade ein Problem?
Ich selbst stelle mir diese Frage regelmäßig im Alltag, wenn ich das Gefühl habe, gestresst zu sein, oder sorgenvolle Gedanken hege, und ich stelle sie auch gerne meinen Patienten. Die Antwort ist interessanterweise immer dieselbe: nein. Im jeweiligen Moment, in dem wir uns gerade befinden, gibt es keine Probleme, sondern lediglich Herausforderungen. Probleme entstehen erst durch Bewertung und das gedankliche Beifügen von Zukunfts- oder Vergangenheitsaspekten zu dem, was wir jetzt gerade erleben.
Zeitprojektionen können außerdem unseren Handlungsspielraum in der Gegenwart begrenzen. Viele Menschen bleiben beispielsweise in Liebesbeziehungen verhaftet, die sich in der Gegenwart nicht gut anfühlen, denn sie sind nicht bereit, die mit ihr verknüpfte Geschichte loszulassen. Die lange gemeinsame Vergangenheit oder die fixe Vision einer Zukunft zu zweit kann Menschen aneinanderketten, die in der Gegenwart längst keine sie verbindenden Gefühle mehr empfinden. Der denkende Verstand fesselt sie aneinander, obwohl ihre Herzen längst andere Wege gehen würden. Das Narrativ der Zeit übertönt so die Klarheit des gegenwärtigen Moments.
Ein Leben im Kinosaal
Es ist wichtig zu betonen, dass das Zeitdenken nicht generell destruktiven Charakter besitzt. Destruktiv wirkt es nur, wenn wir es mit negativen Inhalten befüllen. Denn das Denken in zeitlichen Zusammenhängen erzeugt keineswegs ausschließlich Probleme, ganz im Gegenteil. Unser Gehirn besitzt die einmalige Fähigkeit, die Vergangenheit zu analysieren, aus ihr zu lernen und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Durch das Zeitkonzept können wir langfristige Ziele verfolgen und mögliche Problemsituationen antizipieren, um uns vor zukünftigen Schwierigkeiten zu bewahren. Konstruktive Zukunftsgedanken können uns sehr beflügeln und freudvolle Lebensvisionen entwerfen lassen, die uns mit Energie und Inspiration erfüllen. Zudem erfordern viele Berufe unweigerlich die Fähigkeit, den Blick nach vorn zu richten und die Zukunft zu planen und zu gestalten, wodurch man nicht immer ausschließlich auf das Jetzt fokussiert sein kann. Ebenso können schöne Erinnerungen, die wir bewusst hervorrufen, uns an all die freudvollen Aspekte des Lebens erinnern und positive Emotionen auslösen. Das Bild einer schöneren Zukunft können wir sogar ganz bewusst einsetzen, damit es uns durch schwierige Zeiten hindurch trägt. Diese Form des Zeitdenkens wirkt sich positiv auf unser Leben aus und vermag momentane Problemsituationen entscheidend zu erleichtern. Doch wenn das Zeitdenken negativ gefärbt ist, birgt es erhebliches Störungspotenzial und kann zur Ursache seelischen Leidens werden.
Das „Kopfkino“ ist ein Begriff, der das Gefangensein im Denken und damit häufig in der Zeitdimension sehr gut beschreibt. Anstatt uns mit allen Sinnen dem Hier und Jetzt zu öffnen und uns somit dem Einzigen zu widmen, das jemals existiert, sitzen wir oft weite Strecken des Tages oder gar des ganzen Lebens in einem mentalen Kinosaal mit zwei Leinwänden. Auf der linken Leinwand läuft in Wiederholungsschleifen der Film der Vergangenheit, während sich auf der rechten Leinwand ständig neu formende Szenen einer erdachten Zukunft abbilden. Das tatsächliche Leben spielt sich währenddessen auf den Straßen der Gegenwart außerhalb des Kinosaals ab. Doch allzu häufig verpassen wir es, weil unsere Aufmerksamkeit vornehmlich von unseren Gedanken und den Geschichten, die sich auf den Leinwänden abspielen, in Beschlag genommen wird. Wenn Menschen am Ende ihrer Tage davon sprechen, am Leben „vorbeigelebt“ zu haben, dann mag es an dem Umstand liegen, nie wirklich im Hier und Jetzt präsent gewesen zu sein, sondern sich die meiste Zeit im Grübeln über die Vergangenheit oder dem Wälzen von Zukunftsplänen verloren zu haben und den eigenen Wünschen in der Gegenwart nicht gefolgt zu sein. Doch die Zukunft gibt es nicht. Sie führt eine Scheinexistenz in unserem Kopf und das Gleiche gilt für die Vergangenheit. Obwohl uns beide so real erscheinen, erleben wir dennoch immer nur diesen einen Moment des Hier und Jetzt. Zwar hat die Vergangenheit eine Bedeutung für uns; sie schwingt in Form von Gedanken, Emotionen und Reaktionsmustern als Folge unserer Prägungen in das gegenwärtige Erleben hinein. Doch noch wichtiger ist es, mit unserer Aufmerksamkeit im Jetzt präsent zu sein und diese Prägungen der Vergangenheit ganz bewusst wahrzunehmen, um auf konstruktive Weise mit ihnen umzugehen, anstatt sie unbewusst auszuagieren.
Der Vergangenheit im therapeutischen Sinne einen Besuch abzustatten, um Emotionen an die Oberfläche zu holen, die zuvor im Untergrund ihr Unwesen trieben, hat natürlich seine Berechtigung und kann wesentlich zur Befreiung des Geistes beitragen. Manche Menschen blicken aber hauptsächlich auf die linke Leinwand und beschäftigen sich übermäßig viel mit ihrer Vergangenheit. Sie hoffen, dort eine Erklärung oder gar eine Lösung für ihren seelischen Zustand zu finden, indem sie ihre eigene Lebensgeschichte immer wieder psychoanalytisch durchdenken. Doch wenn wir längst Vergangenes unaufhörlich wiederkäuen und dadurch den Bezug zur Gegenwart verlieren, kann dieser Fokus auf die Vergangenheit die transformierenden Möglichkeiten des Hier und Jetzt verschleiern.
Es reicht, wenn wir uns darum kümmern, was jetzt gerade geschieht, und es wird auch in Zukunft nie etwas anderes geben als das immerwährende Jetzt.
Während die Leinwand der Vergangenheit die Quelle von Schuldgefühlen und Bedauern darstellt, ist die Leinwand der Zukunft die kreative Geburtsstätte unserer Ängste. Ängste und Sorgen entstehen dadurch, dass wir uns mit möglichen Worst-Case-Szenarien beschäftigen, die in einer fiktiven Zukunft auf uns lauern. Da die Zukunft aber nie den Weg ins Hier und Jetzt findet und wir selbst nie dort ankommen, können wir sie auch nicht bewältigen. Wir können nur Herausforderungen des gegenwärtigen Moments meistern, nicht jedoch ein erdachtes Konstrukt wie die Zukunft, weil es nicht real existiert. Daher fühlen wir uns verständlicherweise machtlos, wenn wir sorgenvoll in die Zukunft blicken. Die beruhigende Nachricht ist: Es reicht, wenn wir uns um das kümmern, was jetzt gerade geschieht, und es wird auch in Zukunft nie etwas anderes geben als das immerwährende Jetzt.
Betrachten wir für einen Moment lang das Leben der Tiere. Sie hegen keine Schuldgefühle oder etwa Bedauern über die Vergangenheit und sie werden auch nicht von Zukunftsängsten heimgesucht. Sie denken nicht an gestern, und würde man sie zu ihren Plänen für morgen befragen, würde man wohl ratlose Blicke ernten. Ihre Aufmerksamkeit ruht ausschließlich auf dem Hier und Jetzt.
Praxis
Stellen Sie sich für einen Moment vor, wie sich dieser animalische, zeitlose Zustand anfühlt. Wie wäre es, wenn Sie keine Idee von Ihrer Vergangenheit und Zukunft hätten? Wenn Ihre Biografie mit einem Mal verschwunden wäre? Tauchen Sie ganz in diese Vorstellung ein. Was würde übrig bleiben?
Betrachten Sie die Wunder dieser Welt, die Sie gerade umgeben, mit der hellen Wachsamkeit eines Neugeborenen. Spüren Sie hinein in dieses Staunen, wenn Sie mit weit geöffneten Augen und Ohren den jetzigen Moment auf sich wirken lassen – frei von Konzepten und Begrifflichkeiten.
Praxistipp: Sie können untertags immer wieder bewusst in diese Vorstellung hineingehen, weder Vergangenheit noch Zukunft zu besitzen. Beobachten Sie, wie dieser Perspektivenwechsel Ihre Haltung zum gegenwärtigen Moment, aber auch zu etwaigen Problemen verändert.
Im Laufe des Buches werden wir das Gegenwartsbewusstsein trainieren und die Aufmerksamkeit immer wieder aus dem Problemdenken abziehen, um den Geist aus den Fängen der Zeit zu befreien. Sehen wir uns im folgenden Kapitel an, wie der Geist mit dem Körper interagiert und welche Rolle das Gehirn und das autonome Nervensystem dabei spielen. Wir gehen der Frage nach, wie Negativdenken in Form von Sorgen und Ängsten Stressreaktionen im Körper auslöst und das Immunsystem aus der Balance bringt und wie wir mit positiven Gedanken und Emotionen heilsam gegensteuern können.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Bewerten und Urteilen machen aus Tatsachen Probleme.
• Das Denken in zeitlichen Zusammenhängen erzeugt Geschichten und häufig Dramen aus dem gegenwärtig Erlebten.
• Leiden entsteht durch Bewertung, innere Ablehnung und Ausdehnung des gegenwärtigen Moments auf die Zeitachse.
• Durch Fokussierung auf die Gegenwart und die mitfühlende Annahme dessen, was gerade geschieht, können wir aus dem Problemdenken aussteigen.
• Auf das Hier und Jetzt können wir Einfluss nehmen. Es ist jener Ort, an dem wir die zukünftige Gegenwart aktiv gestalten können.
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Das autonome Nervensystem – Dirigent im Symphonieorchester des Lebens
Der menschliche Körper besteht aus etwa 40 Billionen Zellen, die alle für sich ein wahres Universum an Lebendigkeit und Stoffwechselaktivitäten in sich tragen. Atome verbinden sich zu Molekülen und organisieren sich weiter zu aminosäurehaltigen Proteinen und Enzymen, die der Zelle sowohl Struktur als auch die Fähigkeit zu handeln ermöglichen. Hunderttausend chemische Reaktionen laufen pro Sekunde in jeder einzelnen Zelle ab. Ein Feuerwerk der Chemie, von dem unser bewusster Geist an der Oberfläche weder Notiz nimmt noch sich darum zu kümmern braucht. Doch wer gibt all diesen Zellen und den Atomen darin seine Ordnung? Was koordiniert diese hochkomplexen Organsysteme, die so synchronisiert zusammenspielen, um der Symphonie des Lebens den notwendigen Rhythmus einzuhauchen?
Um besser zu verstehen, wie Körper und Geist interagieren, müssen wir das autonome Nervensystem genauer unter die Lupe nehmen, denn es ist der entscheidende Link zwischen unserer Gefühlswelt und den Funktionsweisen unserer Zellen. Das autonome oder auch vegetative Nervensystem ist jener Dirigent, der das fein abgestimmte Zusammenspiel der Organe orchestriert und auch das Immunsystem wesentlich beeinflusst. Ohne daran denken zu müssen, regelt das autonome Nervensystem, kurz ANS, im Hintergrund unseren Herzschlag, die Atmung und die Verdauung. Es moduliert den Blutdruck und viele andere Körperfunktionen, die im Inneren ganz von selbst ablaufen. Die Hauptaufgabe des ANS besteht darin, unseren Körper immer an die jeweilige Situation anzupassen, in der wir uns gerade befinden. Je nachdem, ob wir gerade joggen oder bei einem ausgedehnten Abendessen mit Freunden ein Glas Rotwein genießen, müssen jeweils unterschiedliche Organsysteme auf Hochtouren arbeiten, um den Anforderungen des jeweiligen Moments gerecht zu werden. Wie beim Autofahren, wo man Geschwindigkeit und Fahrverhalten ständig an die gegebenen Straßenbedingungen, Tempozonen und das Verkehrsaufkommen anpassen muss, existieren auch für das ANS ein Gaspedal und ein Bremspedal. Diese beiden Pedale werden in der Medizin Sympathikus und Parasympathikus genannt und sie fungieren im Körper als funktionelle Gegenspieler. Der Sympathikus wirft den Motor an und beschleunigt den Organismus, während der Parasympathikus das System herunterbremst und beruhigt.
Wenn wir beispielsweise Sport treiben oder in Stress geraten, dann steigt das ANS aufs Gas und die Nervenfasern des Sympathikus beginnen zu feuern. Dabei werden seine Botenstoffe, die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin, ausgeschüttet. Der Körper schaltet in einen höheren Gang. Puls, Atemfrequenz und Blutdruck steigen an und der Muskeltonus erhöht sich, was manchmal als Verspannung im Nacken spürbar wird. Das System geht in die Erregungsphase über und sämtliche Energiereserven des Körpers werden mobilisiert. Gespeicherte Fett- und Kohlenhydratvorräte werden angezapft und in die Blutbahn abgegeben, damit die Zellen genügend Kraftstoff für die Verbrennung zur Verfügung haben. Je höher die Drehzahl des „Motors“, desto mehr Energie wird verbraucht. In der maximalen Sympathikusaktivierung schaltet der Körper auf Alarmstufe Rot und aktiviert die Flucht-, Kampf oder Erstarrungsreaktion. Jetzt geht es physiologisch ums nackte Überleben! Das Blut zieht sich aus den Verdauungsorganen zurück und strömt in die Arme und Beine. Keine Zeit für Verdauung und Nahrungsaufnahme, der Körper muss kämpfen oder flüchten!
Dieses evolutionär sehr alte Reaktionssystem hat sich entwickelt, um Situationen zu entkommen, in denen Leib und Leben bedroht sind. Solche Situationen gab es zu Zeiten der frühen Menschen bekanntlich viele, beispielsweise wenn Angriffe wilder Tiere das Leben unserer Vorfahren bedrohten. Heutzutage sind wir derartigen Bedrohungen kaum mehr ausgesetzt. Die heutigen Säbelzahntiger haben eher an unserem Arbeitsplatz Stellung bezogen, laufen über den Bildschirm der täglichen Nachrichten oder tragen den Namen eines streitsüchtigen Nachbarn. Unsere physische Existenz ist dabei nur selten in Gefahr. Die Stressantwort des Körpers ist allerdings nach wie vor dieselbe wie damals und sie verbraucht dabei Unmengen an Energie.
Was die Natur einst für kurze Ausnahmemomente entwickelte, ist heute für viele Menschen zum täglichen Normalzustand geworden. Das Gefühl, ständig innerlich angespannt zu sein, Verhärtungen der Nackenmuskulatur, erhöhter Blutdruck und schneller Puls sowie Schlafstörungen weisen auf diese erhöhte Aktivität des Sympathikus hin. In den Industrienationen ist das Leben in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr schnelllebig geworden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Stresslevel kontinuierlich ansteigt. Deutlich veranschaulicht dies die hohe Anzahl stressbedingter Erkrankungen in den Arztpraxen. Im Unterkapitel „Die Sprache des Herzens verstehen“ werden wir sehen, wie eine Messung des Herzschlagmusters Auskünfte über die Funktionsweise des ANS gibt und wie wir durch den Einsatz der Atmung das Bremspedal der Entspannung, sprich den Parasympathikus, aktivieren und somit dem Stress entgegenwirken können. Die parasympathischen Nervenfasern mit ihrem Hauptnerv, dem Vagusnerv, sind nämlich zuständig für Reparatur und Erholung. Sämtliche Heilvorgänge des Körpers finden unter ihrem Einfluss statt. Der Parasympathikus bringt Ruhe ins System, und ist er aktiv, so sinken Blutdruck und Herzfrequenz und die Verdauungsorgane werden gut durchblutet. Nährstoffe aus der Nahrung können so optimal aufgenommen und im Körper verteilt werden, sämtliche Energiereserven werden wieder aufgebaut. Seine größte Wirkung entfaltet der Parasympathikus dabei im Schlaf. Gehen wir zu Bett, dann stellen wir den Motor unserer Karosserie in seiner Reparaturwerkstatt ab und lassen den Parasympathikus für ein paar Stunden an den heilenden Schrauben drehen.
Ausreichender und erholsamer Schlaf ist für unseren Körper also genauso bedeutsam wie regelmäßige Aktivierungsphasen. Unsere Gesundheit ist getragen von einer Balance im autonomen Nervensystem und dem lebendigen Spiel der beiden Kräfte Anspannung und Entspannung. Übermäßiger Stress bringt diese Balance allerdings aus dem Gleichgewicht und dies hat negative Auswirkungen auf unser Immunsystem. Sehen wir uns nun an, wodurch die Stressspirale des Körpers in Gang gesetzt wird und wie sich akuter und chronischer Stress auf die Immunzellen auswirkt.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Das autonome Nervensystem passt den Körper an die Anforderungen des gegenwärtigen Moments an.
• Für diese Anpassungsmechanismen besitzt es ein Gas- und ein Bremspedal.
• Der Sympathikus gibt Gas und erregt den Körper.
• Der Parasympathikus bremst den Körper und beruhigt ihn; er sorgt für Regeneration und Erholung.
• Eine ausgewogene Balance im ANS ist wesentlich für die körperliche Gesundheit.
Stress und seine Folgen – das Universum der Psychoneuroimmunologie
2006 war ein herausfordernder Sommer für die Notfallambulanzen im Großraum München. An vereinzelten Tagen zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli schienen die Krankenhäuser förmlich überzugehen mit Patienten, die mit akuten Herzerkrankungen eingeliefert wurden. Speziell an sieben Tagen dieses Zeitraums verzeichnete die Notfallstatistik einen Anstieg an lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen auf das Dreifache und es wurden mehr als doppelt so viele Herzinfarkte registriert wie zu anderen Zeiten.1
Für das medizinische Personal war diese unvorhergesehene Arbeitsbelastung doppelt bitter, denn viele hätten sich über vereinzelte Arbeitspausen gefreut, um wenigstens ein paar Minuten der Fußball-WM-Spiele im Fernsehen zu verfolgen, die gerade im eigenen Land stattfanden. Doch leider schienen die Patientenzahlen immer genau an jenen Spieltagen zu explodieren, an denen die eigene Nationalmannschaft ums Weiterkommen kämpfte. Das Viertelfinale am 30. Juni, in welchem Deutschland Argentinien in einem Elfmeterkrimi bezwang, brachte die allermeisten Herzen mit Blaulicht in die Spitäler! Interessanterweise waren Männer deutlich mehr von dieser Aufregung betroffen und wurden beinahe doppelt so häufig eingeliefert wie Frauen.
Kann man sich wirklich „zu Tode aufregen“? Die Forschung sagt Ja. Emotionen treiben das autonome Nervensystem an, aktivieren den Sympathikus und können Blutdruckkrisen und Entzündungsvorgänge im Körper befeuern, die Herzinfarkte auslösen. Wie stark die Wirkung von Emotionen auf die Physis sein kann, zeigt der Anstieg an Herzattacken deutscher Patienten ausschließlich an jenen Tagen, an denen die deutsche Nationalelf spielte. An den restlichen Spieltagen der vierwöchigen WM, die ohne deutsche Beteiligung stattfanden, wurde die sonst übliche Anzahl an akuten Herzerkrankungen registriert. Allein das Finale zwischen Italien und Frankreich, bei dem es ebenfalls zu einer deutlichen Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse in der deutschen Bevölkerung kam, bildete eine Ausnahme. Das einzige Match der eigenen Mannschaft, das die Deutschen emotional wenig zu kümmern schien, war das Spiel um Platz drei, das Deutschland gegen Portugal 3:1 gewann. Dieses weniger bedeutsame „kleine Finale“ ließ die deutschen Herzen kaum höherschlagen und in den Notaufnahmen blieb es ruhig.
Stress – eine reine Kopfsache?
Dieses Beispiel zeigt, wie stark emotionaler Stress unsere körperliche Gesundheit gefährden kann und wie bedeutsam es ist, diesem Stress bewusst gegenzusteuern. Stress ist in unserer Zeit in aller Munde und scheint für viele ein dauerhafter Begleiter zu sein. Der Begriff Stress beschreibt jedoch prinzipiell nichts Negatives. Einer der bekanntesten Stressforscher, der gebürtige Österreicher Hans Selye, definierte Stress einst als natürliche Anpassungsreaktion des Körpers auf jegliche Anforderung. Die Anforderung wird dabei als Stressor bezeichnet. Kann der Organismus sich an die Anforderung anpassen und ein neues Gleichgewicht herstellen, dann spricht man vom Eustress. Diese Form von gesundem Stress kann sogar sehr belebend sein und für unsere körperlich-geistige Entwicklung sozusagen die Würze in der Suppe. Nehmen die Stressoren allerdings überhand und übersteigen sie unsere körperlich-geistigen Ressourcen, dann erleben wir den negativen Stress, auch Distress genannt. Wenn ich im weiteren Verlauf von Stress spreche, dann meine ich diesen gesundheitsschädigenden Distress, der unsere Adaptationsfähigkeit übersteigt und das System aus der Balance bringt.
Bevor wir die Auswirkungen von Stress auf den Körper genauer betrachten, ist es wichtig, zwischen „externen“ und „internen“ Stressoren zu unterscheiden. Externer Stress entsteht, wenn irgendetwas in der Welt um uns herum geschieht, das in uns Stress erzeugt. Dies kann eine Erkrankung oder der Tod eines geliebten Angehörigen sein. Ein Jobverlust oder hoher Arbeitsdruck im Beruf. Streitigkeiten mit dem Partner oder den eigenen Kindern, die intensive Pflege eines Familienmitgliedes und vieles mehr. Der Körper reagiert hierbei mit Stress als Folge eines Geschehnisses in der Außenwelt. Davon unterscheiden lässt sich „interner“ Stress, den wir uns in Form von negativen Gedanken und Emotionen selbst machen. Wir Menschen haben dank unserer Großhirnrinde, dem Neocortex, die erstaunliche Gabe, uns das Leben durch negative Gedanken selbst zu vermiesen. Und wir machen tagtäglich mehr oder weniger von dieser Fähigkeit Gebrauch. Wir haben bereits gesehen, wie vor allem das Bewerten und das angstbesetzte Zukunftsdenken Sorgenspiralen in Gang setzen können. Schuldgefühle, aber auch die Angewohnheit, uns ständig mit unseren Mitmenschen zu vergleichen, sind weitere Garanten für negative Emotionen und innerlichen Stress. Hinzu kommt die reichhaltige Palette an Selbstzweifeln und negativen Glaubenssätzen, die uns suggerieren, den Anforderungen der Welt nicht gerecht zu werden. Auch die Angst vor Krankheiten ist ein großer interner Stressfaktor, der viele Menschen von einer Untersuchung zur nächsten hetzen lässt, um „ja auf Nummer sicher zu gehen“.
Die heutige Forschung zeigt, dass solch „interner Stress“ in Form von negativen Gedanken die Stressreaktion des Körpers in gleichem Maße aktiviert wie reale Bedrohungen der Außenwelt. Letztlich aber führt jeglicher externe Stressfaktor über die Art und Weise, wie wir über ihn denken und diesen Lebensumstand bewerten, schließlich zu internem Stress und setzt folglich die Stressreaktion in Gang. Im Umkehrschluss können wir daher auf jegliche Art von Stresserleben positiven Einfluss nehmen, und zwar über unsere Art zu denken und zu fühlen.
Wenn das Angstzentrum feuert
In unserem Gehirn gibt es eine ganz zentrale Struktur, die darüber „entscheidet“, ob die Stressreaktion eingeleitet wird oder nicht. Es handelt sich um den Mandelkern, die Amygdala, eine paarig angelegte Region im Gehirn, die gemeinhin als „das Angstzentrum“ bezeichnet wird. Sie spielt bei der Emotionsverarbeitung im Allgemeinen, insbesondere jedoch bei Angst und Aggression, eine ganz zentrale Rolle. Als biologischer Radar für Gefahren springt die Amygdala immer dann an, wenn wir irgendeine Form von Bedrohung wahrnehmen, ob nun real in der Außenwelt oder erdacht in der Innenwelt.
Sämtliche Informationen der Außenwelt, die wir über die Sinnesorgane aufnehmen, gelangen über den Thalamus, das sogenannte „Tor zum Bewusstsein“ zur Amygdala. Bei akuten Bedrohungen wird die Amygdala auf direktem Weg, ohne Umschweife aktiviert und leitet ein blitzschnelles Reaktionsmanöver ein. Sind Sie schon einmal beim Anblick einer großen Spinne oder Schlange ganz plötzlich zur Seite gesprungen und wurde Ihre groteske Bewegung dabei gar von einem unbeabsichtigten Kreischen begleitet? Dann haben Sie erlebt, wie die Amygdala in Sekundenbruchteilen die Führung über den Körper übernimmt und das bewusste Denken umgeht. Diese automatisierten Reaktionen sind evolutionär tief in unser Gehirn einprogrammiert und ausgesprochen sinnvoll, da sie unser Überleben sichern. Ohne unseren vergleichsweise langsamen Denkapparat beanspruchen zu müssen, „entscheidet“ die Amygdala in bedrohlichen Situationen für uns und leitet eine lebensrettende Stressreaktion ein.
Die mit Abstand häufigsten Gründe für die Aktivierung der Amygdala sind in den Industrienationen allerdings psychologischer Natur. Nicht plötzlich auftauchende wilde Tiere befeuern das Angstzentrum, sondern das eigene Denken. Denn nicht nur Informationen der Außenwelt, sondern auch die Inhalte unserer Gedanken und Emotionen landen bei der Amygdala und sie entscheidet dann vereinfacht gesagt darüber, ob es sich bei diesen Informationen um ein potenziell bedrohliches Szenario handelt oder nicht. Wird das, was wir äußerlich oder innerlich erleben, als ungefährlich und harmlos eingestuft, dann bleibt die Amygdala ruhig und der Parasympathikus dominiert als nervlicher Ruhepol das Geschehen. Der Körper entspannt sich. Wenn aber das, was wir gerade erleben, ob real oder in Gedanken, eine Bedrohung darstellt, dann wird die Amygdala hochaktiv und versetzt das Gehirn in Alarmbereitschaft. Sie schickt ein Signal an den Hirnstamm, der auch gerne als Reptiliengehirn bezeichnet wird, was zur Aktivierung des Sympathikus führt. Noradrenalin flutet das Gehirn und die Nebenniere beginnt, Adrenalin und Kortisol in die Blutbahn auszuschütten. Diese Stresshormone bewirken nun, dass der Körper in den überlebenswichtigen Flucht- oder Kampfmodus übergeht. Was kurzfristig dem Überleben dient, wirkt sich langfristig jedoch negativ auf unsere Gesundheit aus. Erhöhter Blutdruck sowie ein Anstieg der Blutzucker-und Fettwerte sind die Folge und begünstigen die Gefäßverkalkung. Die Umlenkung des Blutstroms hin zur Arm- und Beinmuskulatur und weg von den Bauchorganen hat zur Folge, dass die Magenschleimhaut schlechter durchblutet wird und eine dünnere Schutzschicht aufbaut. Die aggressive Magensäure kann die Magenschleimhaut dadurch stärker angreifen, weshalb ein permanent hoher Stresspegel zu einer Magenentzündung oder gar einem Magengeschwür führen kann. Viele andere gesundheitsschädigende Folgen sind zudem auf Veränderungen des Immunsystems zurückzuführen, welches durch Stress gehörig aus der Balance gerät.
Stress und Immunsystem – von Schwertkämpfern und Bogenschützen
Seit dem Ende des letzten Jahrtausends gewinnt eine neue Forschungsdisziplin immer größere Bedeutung in der Medizin: die Psychoneuroimmunologie. Dieses Forschungsfeld gibt uns zunehmend Einblicke in die Verzahnung der Psyche mit den Funktionsweisen des Immunsystems und zeigt uns dadurch, wie Körper und Geist zusammenspielen und permanent ineinandergreifen.
Stellen Sie sich das Immunsystem einmal vor wie eine Streitmacht, die unseren Körper vor Eindringlingen bewahrt und im Sinne des Katastrophenschutzes zur Stelle ist, wenn Reparatur-und Heilvorgänge im Körper notwendig sind. Wie ein altertümliches Heer auf dem Schlachtfeld steht diese Verteidigungsarmee einer Schar von Abertausenden feindlichen Angreifern gegenüber. Während Viren, Bakterien und Parasiten auf der Gegenseite Stellung beziehen, formieren sich die Zellen des Immunsystems zu unterschiedlichen Kampfeinheiten mit jeweils hoch spezialisierten Waffen. Das Immunsystem besteht dabei im Wesentlichen aus zwei Teilen: der Nahkampfeinheit, die als vorderste Frontlinie die Angreifer „mit Schilden und Schwertern“ attackiert, und den Bogenschützen, die in zweiter Reihe aus der Ferne wirken.
Die Frontkämpfer werden in der Medizin das angeborene Immunsystem genannt, weil sie uns bereits von Geburt an in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Sie bekämpfen Viren und Bakterien und sorgen für die Wundheilung. Aber auch die Krebszellenbekämpfung gehört zu den Aufgaben dieser Zellen: Das angeborene Immunsystem erkennt mutierte Zellen, die laufend im Körper entstehen, und zieht sie sofort aus dem Verkehr. Diese wichtige Verteidigungslinie wird durch akuten Stress leider erheblich geschwächt.
Zu Beginn einer Stresssituation nimmt die Aktivität des angeborenen Immunsystems durch die Ausschüttung von Noradrenalin zunächst kurz zu. Wir erkennen dies an vermehrten Entzündungsreaktionen, die die Alarmbereitschaft des Körpers signalisieren. Besteht die stresshafte Situation jedoch fort, wird zusätzlich Kortisol aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet. Dieses Hormon pfeift die Frontkämpfer wieder hinter die Angriffslinie zurück. In der Folge verringert sich die Abwehrleistung gegenüber Viren und die Wundheilung verzögert sich.
Dieser Effekt wurde durch viele Studien belegt und ließ sich anhand eines Versuchs mit Zahnmedizinstudenten in den USA sehr anschaulich und eindrucksvoll nachweisen. Die Wissenschaftler wollten dabei herausfinden, wie sich Stress auf die Geschwindigkeit der Wundheilung auswirkt. Zu diesem Zweck wurden Studierende der Zahnheilkunde in ein Labor gebeten, wo sie sich einem ungewöhnlichen Prozedere unterziehen mussten. Es wurde ihnen mit dem Skalpell ein 3,5 mm breiter und 1,5 mm tiefer Schnitt am harten Gaumen gesetzt. Zu allem Überdruss mussten die Probanden diese Prozedur sogar zwei Mal über sich ergehen lassen: einmal in der prüfungs- und vorlesungsfreien Zeit und ein weiteres Mal drei Tage vor der ersten großen Semesterprüfung. Die Forscher untersuchten, wie sich der subjektiv empfundene Stresslevel der Studenten, den sie mit Messungen des Kortisolspiegels und psychologischen Fragebögen objektivierten, auf den Verlauf der Wundheilung auswirkte. Das Ergebnis war erstaunlich: In der Ferienzeit dauerte es im Durchschnitt lediglich acht Tage, bis sich die Wunden wieder vollständig verschlossen hatten. In der stressigen Prüfungszeit brauchten die Wunden durchschnittlich elf Tage und somit drei Tage länger, um sich vollständig zu verschließen. Es kam also zu einer Wundheilungsverzögerung von etwa 40 Prozent, nur durch Stress! 2
Schon wieder krank im Urlaub
Wenn wir Schnupfen, Fieber und andere Erkältungssymptome haben, dann ist dies meist keine direkte Wirkung der pathogenen Viren oder Bakterien. Die Krankheitssymptome entstehen vielmehr durch die Aktivität der Immunzellen. Sie schütten Botenstoffe aus, sogenannte Entzündungsmediatoren, die dabei helfen, die betreffenden Keime zu beseitigen. Sozusagen als unerwünschte Nebenwirkung lösen die Entzündungsmediatoren jedoch Krankheitssymptome aus wie die klassischen Entzündungsreaktionen Rötung, Schwellung, Überwärmung und Schmerzen. Diese Symptome sind nicht nutzlos, denn sie zwingen uns vernünftigerweise zur Ruhe, um dem Immunsystem genug Energie für die Heilung zur Verfügung zu stellen.
Ist das angeborene Immunsystem stressbedingt jedoch unterdrückt, dann treten auch weniger Entzündungsreaktionen auf. So kann es in Zeiten hoher Stressbelastung einerseits leichter zu einer Virusinfektion kommen, da die Abwehrfront weniger aktiv ist, andererseits kann dieser Infekt oft weniger symptomatisch verlaufen. Erst wenn die Anspannung nachlässt, die Stresshormone wieder sinken und Ruhe und Entspannung in unser Leben einkehren, kommt es dann zum Ausbruch der Symptome. Jetzt werden die Frontkämpfer wieder lebendig und das Immunsystem hat Zeit und Kraft, den Infekt zu bekämpfen. Deshalb treten sehr häufig zu Beginn eines Urlaubes entsprechende Krankheitssymptome auf. Der Körper nutzt die Pause, um zu reparieren, was lange aufgeschoben wurde.
Ein mittelfristig hoher Stresspegel vermag also die Frontkämpfer des angeborenen Immunsystems in ihrer Aktivität herunterzuregulieren. Die Bogenschützen allerdings blasen zum Kampf.3 Sie gehören zum sogenannten „erworbenen Immunsystem“, weil sie sich erst nach der Geburt entwickeln und bis ins hohe Alter immer neue Verteidigungsstrategien erwerben. Ihre Pfeile werden in der Medizin Antikörper genannt. Sie schwächen beziehungsweise markieren die feindlichen Erreger, damit die Frontkämpfer sie leichter besiegen können. Dieser antikörperproduzierende Teil des Immunsystems wird unter dem Einfluss der Stresshormone überaktiv und die Bogenschützen beginnen, wild um sich zu schießen. Dabei werden auch Zellen des eigenen Körpers in Mitleidenschaft gezogen. Dies geschieht immer dann, wenn Teile des Immunsystems überreagieren, wie das bei Erkrankungen mit allergischer Komponente der Fall ist.4 Dies ist der Grund, warum starker emotionaler Stress zur Entstehung allergischen Asthmas,5 aber auch zu vermehrten Neurodermitis-Schüben führen kann.6, 7
Chronischer Stress und Burn-out – das Immunsystem kippt zur Gegenseite
Wenn der Stress nicht endet und wir über viele Monate oder gar Jahre einem hohen Stresspegel ausgesetzt sind, dann drohen wir nicht nur psychisch, sondern auch körperlich auszubrennen. Die Nebenniere geht sozusagen ebenfalls in den Burn-out und kann die Kortisolproduktion nicht mehr aufrechterhalten. Zusätzlich beginnen sich die Körperzellen bei einem über lange Zeit erhöhten Kortisolspiegel abzuschotten und entwickeln in der Folge eine gewisse Resistenz, wodurch die Wirkung des Kortisols weiter abnimmt. Nun kommt es zu einer Dysbalance des Immunsystems in die Gegenrichtung. Die Bogenschützen ziehen sich zurück und die Nahkampfeinheit wird jetzt überaktiv. Die Frontkämpfer des angeborenen Immunsystems beginnen, im Körper um sich zu schlagen, und erzeugen dadurch eine sogenannte „Silent Inflammation“, also eine stille Entzündung, die chronisch verläuft. Chronischer Stress und damit einhergehende chronische Entzündungsprozesse spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung, aber auch der Aufrechterhaltung vieler chronischer Erkrankungen. Dazu zählen die Gefäßverkalkung, die Arteriosklerose mit ihren Folgekrankheiten Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall, aber auch die Rheumatoide Arthritis.8 Schließlich wird auch die Zellalterung durch Langzeitstress deutlich beschleunigt.9 Dies hat mit den Telomeren, den Endstücken unserer DNA, zu tun. Sie verkürzen sich unter Stress bei jeder Zellteilung deutlich schneller, wodurch die Körperzellen früher in den Ruhestand gehen.
Emotionen und Immunsystem – die immunologische Macht der Gefühle
Das Zusammenspiel von Stresshormonen und den unzähligen Zellen des Immunsystems ist hochkomplex. Viele Effekte sind noch nicht vollständig verstanden und scheinen sogar widersprüchlich zu sein. Zusammenfassend lässt sich heute sagen, dass akuter Stress und chronischer Stress jeweils unterschiedliche Auswirkungen auf unseren Körper haben. Wenn der Stresspegel entweder zu hoch ist oder zu lange andauert, vermag er das Körpersystem aus der Balance zu bringen. Destruktive Gedanken und negative Emotionen spielen hier eine entscheidende Rolle, da sie die Ursache für inneren Stress sind und den Stresshormonpegel erhöhen.
Eine Londoner Studie, in der 216 britische Beamtinnen und Beamte auf ihren Grad an positiver und negativer Lebenseinstellung untersucht wurden, konnte diesen Zusammenhang eindeutig belegen.10 Das emotionale Befinden der Studienteilnehmer wurde zu mehreren Zeitpunkten sowohl an Werktagen wie auch an Wochenenden erhoben. Zusätzlich dokumentierten die Forscher das subjektive Stresserleben, aber auch den Kortisolspiegel im Speichel, denn sie wollten herausfinden, inwiefern die Qualität der Emotionen mit der Höhe des Stresshormonpegels im Körper zusammenhängt. Dabei zeigte sich, dass die Kortisollevel der unglücklichsten Probanden um ein Drittel höher lagen als jene der zufriedensten Kollegen. Auch das subjektive Stresserleben war unter den unglücklichen Individuen deutlich höher als jenes der Glücklichen.
Nun stellt sich die Frage, ob etwa positive Emotionen auf der anderen Seite auch eine positive Auswirkung auf unsere Gesundheit haben können. Eine faszinierende Untersuchung bestätigte diesen Verdacht.11 Hierbei wurden 334 gesunde Probanden mehrmals wöchentlich über zwei Wochen lang zu ihrem emotionalen Befinden befragt. Zusätzlich mussten sie ihre positiven und negativen Emotionen des jeweiligen Tages aufzeichnen. Darüber hinaus mussten sie angeben, wie häufig sie generell in ihrem Leben positive beziehungsweise negative Emotionen erlebten. Anhand dieser Befragungen und einer anschließenden Analyse durch ein ausgeklügeltes Verfahren wurden sie entweder der Gruppe des positiven emotionalen Stils oder des negativen emotionalen Stils zugeordnet. Mit diesem Verfahren konnten die Forscher sicherstellen, dass es sich bei den Emotionen der Betroffenen um langfristige emotionale Persönlichkeitsmerkmale handelte und nicht etwa um tagesabhängige Stimmungsschwankungen. Weitere Einflussgrößen auf die Gesundheit wie körperliche Bewegung, Rauchverhalten, Alkoholkonsum und mögliche Begleiterkrankungen wurden ebenfalls berücksichtigt. Nach der über Wochen andauernden Erhebung ihres emotionalen Empfindens wurden den Teilnehmern schließlich zwei Arten von Rhinoviren, also klassische Schnupfenerreger, in die Nase geträufelt. Anschließend mussten die Probanden fünf Tage lang in Quarantäne verbleiben. Täglich wurde nun jegliche Entwicklung von Infektionszeichen penibel dokumentiert, um herauszufinden, wie sehr sich der emotionale Stil auf die Abwehrleistung des Körpers gegenüber den Viren auswirkte. Die Menge an produziertem Nasensekret maßen die Forscher, indem sie gebrauchte Taschentücher wogen; sie erfassten Husten- und Schnupfensymptome und überwachten die Entwicklung von Antikörpern als Reaktion auf die Virusinfektion. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer mit den ausgeprägtesten positiven Emotionen eine dreimal geringere Erkältungsneigung hatten als die Probanden mit den negativsten Emotionen. Angesichts der Tatsache, dass bei Menschen mit ausgeprägt negativer emotionaler Stimmungslage erhöhte Kortisolwerte gemessen werden können, wodurch wiederum die virale Abwehrkette unterdrückt wird, bestätigten diese Untersuchungsergebnisse, dass Emotionen unsere Gesundheit wesentlich beeinflussen.
Die hier erwähnten Untersuchungen sind lediglich ein kleiner exemplarischer Auszug aus einer kontinuierlich steigenden Anzahl psychoneuroimmunologischer Studien, die das Zusammenspiel von Emotionen und körperlicher Gesundheit zunehmend offenbaren. Vereinfacht lässt sich zusammenfassen: Negative Gedanken und Emotionen erhöhen durch eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems die Menge der Stresshormone im Körper, bringen das Immunsystem aus der Balance und belasten das Herz-Kreislauf-System. Ein positives inneres Erleben kann dem wesentlich gegensteuern und das Körpersystem harmonisieren.
Häufig können wir äußere Stressquellen nicht oder nur wenig beeinflussen. Die Art und Weise, wie wir darüber denken und sie bewerten, liegt aber sehr wohl in unserem Einflussbereich. Durch eine Schulung des Geistes können wir das Zepter selbst in die Hand nehmen und Stress reduzieren. Meist führt eine Veränderung im Denken und Fühlen letztlich auch zu einer Veränderung unserer Lebensumstände und somit der äußeren Stressfaktoren. Verändern wir den Geist, verändert sich auch unsere individuelle Realität.
Tauchen wir nun ein in die Sphären unseres Geistes und sehen uns an, was denn der Geist überhaupt ist und wie wir ihn erfolgreich ins Positive lenken können.
Die Komplexität des Geistes – ein Modell des (Unter-)Bewusstseins
Haben Sie schon einmal versucht, eine alte Gewohnheit zu ändern, wie das Rauchen aufzugeben oder Ihre Ernährung umzustellen? Wie oft haben Sie schon die Entscheidung getroffen, nur noch positive Gedanken zuzulassen, oder sich zum Jahreswechsel vorgenommen, von nun an regelmäßig Sport zu treiben, mussten dann aber erleben, dass Ihr Vorsatz keine allzu lange Lebensdauer hatte? Eingefahrene Muster zu verändern ist ein schwieriges Unterfangen. Wenn wir aber den gesundheitsschädigenden internen Stress reduzieren möchten, dann geht es genau darum: negative Muster im Denken und Fühlen zu verändern. Wir werden sehen, wie eine Schulung des Geistes durch bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit solche Änderungen nachhaltig bewirken kann und dass es dafür einen Zugang zum Unterbewusstsein braucht. Dafür müssen wir zunächst tiefer in die Dimensionen des Geistes eindringen, um seine Funktionsweise zu verstehen. Widmen wir uns nun also dem spannendsten aller Universen, dem Kosmos unseres Geistes.
Der Geist – ein schwimmender Eisberg
Es gibt viele Definitionen des Geistes: religiöse, neurowissenschaftliche, esoterische. Wenn ich hier vom Geist spreche, dann verwende ich folgende Definition: Der Geist ist die Summe aller Informationen, die das Gehirn in einem Moment verarbeitet.
Der Geist ist das, was das Gehirn tut.
Wenn Sie Ihren Geist in diesem Augenblick betrachten, dann besteht er aus all den Inhalten, die von Ihrem Gehirn gerade prozessiert werden. Das Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen. Jede dieser Nervenzellen geht Zehntausende synaptische Verbindungen mit anderen Nervenzellen ein und gemeinsam formen sie unzählige neuronale Netzwerke aus. In jeder Sekunde unseres Lebens ist eine gewaltige Anzahl dieser Nervenzellen aktiv und je nachdem, was wir gerade erleben, werden Nervenzellen in unterschiedlichen Gehirnarealen aktiviert. In diesen Netzwerken werden die Informationen der Sinnesorgane verarbeitet, also das, was wir gerade sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Gleichzeitig werden Daten aus den inneren Organen und aus dem Bewegungsapparat registriert und gesteuert. Hinzu kommen die mentalen Inhalte aus der Welt der Gedanken und Emotionen. All diese neuronalen Aktivitäten bilden in ihrer Gesamtheit den Geist. Der Geist ist also das, was das Gehirn tut. Da sich das, was wir äußerlich und innerlich erleben, von Sekunde zu Sekunde ändert, ändert sich auch der Geist von Moment zu Moment.

Um die Komplexität des Geistes für die praktische Arbeit greifbar zu machen, möchte ich den Geist zur Veranschaulichung in ein bildhaftes Modell gießen. Stellen Sie sich hierfür den Geist wie einen Eisberg vor, der irgendwo im Ozean treibt. Betrachten wir diesen Eisberg von einem Schiffsdeck aus, sehen wir bekanntlich nur einen relativ kleinen Teil davon, nämlich lediglich dessen Spitze. Der weitaus größere Teil des Eisbergs befindet sich unterhalb der Wasseroberfläche und entzieht sich somit unserer Betrachtung. Die Eisbergspitze entspricht jenen Inhalten des Geistes, die wir in diesem Moment bewusst wahrnehmen können. Die große Masse unterhalb der Wasseroberfläche steht für das Unterbewusste und das Unbewusste. Schätzungen gehen davon aus, dass uns nicht einmal ein Prozent dessen bewusst ist, was das Gehirn tut. Während das Gehirn etwa zehn Millionen Bits, also Informationseinheiten pro Sekunde, verarbeitet, vermag unser Wachbewusstsein davon lediglich 60 Bits zu registrieren. Weit über 99 Prozent des Geistes werden also unterbewusst und unbewusst verarbeitet. Das Unbewusste beinhaltet jene Informationen, die uns niemals bewusst werden. Dazu gehören beispielsweise die exakte Körpertemperatur oder die chemische Zusammensetzung des Blutes. Dies wird vom Gehirn registriert und ist somit Bestandteil des Geistes, entzieht sich aber stets unserer bewussten Wahrnehmung. In der Literatur werden Sie andere Definitionen von Unbewusstem und Unterbewusstem finden. Für die praktische Anwendung im Rahmen von Veränderungsprozessen halte ich diese Betrachtung jedoch für sehr brauchbar. Als Unterbewusstsein bezeichne ich hingegen jene Inhalte des Geistes, die wir zwar nicht bewusst wahrnehmen, derer wir uns aber durch entsprechende Lenkung und Fokussierung der Aufmerksamkeit potenziell bewusst werden können. Dazu zählen unterbewusst ablaufende Denkvorgänge und Emotionen, die muskuläre Anspannung unterschiedlicher Körperregionen, die Atmung und vieles mehr. Wie wir noch sehen werden, sind dies die Bereiche des Unterbewusstseins, in die es vorzudringen gilt, wenn wir unerwünschte Gewohnheiten verändern möchten.
Der Eisberg repräsentiert also unseren Geist und dessen Spitze das, was wir davon bewusst wahrnehmen. Die Eisbergspitze beherbergt auch den rational denkenden Verstand und die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken.
Wenn wir schlafen, arbeitet unser Gehirn bekanntlich weiter, weshalb der Geist auch während der Nachtruhe existiert. Dabei entzieht er sich allerdings unserem Bewusstsein, da sich der gesamte Eisberg im Schlaf unterhalb der Wasseroberfläche befindet. Die Eisbergspitze ist abgetaucht und mit ihr die Aufmerksamkeit und der rationale Verstand. Dabei verarbeitet das Gehirn deutlich weniger Informationen als im Wachzustand, was sich in der Verlangsamung der Gehirnströme widerspiegelt.
Ströme und Wellenmuster des Geistes
Unser Gehirn produziert je nach Betriebsmodus unterschiedliche Gehirnwellen. Misst man die elektrische Aktivität des Gehirns an der Oberfläche des Kopfes und zeichnet diese mittels Elektroenzephalogramm (EEG) auf, dann lassen sich fünf spezifische Gehirnfrequenzbänder registrieren, die gewisse Rückschlüsse auf Bewusstseinszustände erlauben.
In den Tiefschlafphasen zeigen sich sehr langsam schwingende Gehirnströme, die sogenannten Deltawellen. Diese niedrigsten Gehirnfrequenzen befinden sich in einem Bereich von 0,1 bis drei Hertz, schwingen also 0,1 bis drei Mal pro Sekunde. In jenen Schlafphasen, in denen wir lebhaft träumen, schwingen die Gehirnfrequenzen etwas höher, nämlich im Thetabereich zwischen vier und sieben Hertz. Steigert das Gehirn seine Aktivität weiter, erhöhen sich seine Frequenzen in den Alphawellenbereich. Hier beginnt die Eisbergspitze langsam aufzutauchen und wir befinden uns am Übergang zwischen Schlaf- und Wachzustand. Auch während sehr kreativer Prozesse läuft unser Gehirn in diesem Alphazustand. Unser Fokus ist dann mehr auf die Innenwelt als auf die Außenwelt gerichtet, wie es zum Beispiel bei Tagträumen der Fall ist. Der Alphafrequenzbereich ist für uns sehr bedeutungsvoll, weil wir in diesem Zustand wach, also bewusst sind, sich bei diesen Frequenzen aber gleichzeitig „das Tor zum Unterbewusstsein öffnet“. Wir können durch mentale Techniken wie Meditation und Hypnose diesen Zustand bewusst erzeugen und Zugang zu unterbewusst ablaufenden Prozessen und Programmierungen erhalten. Durch entsprechendes Training kann man bei wachem Bewusstsein sogar in die noch tieferen Thetaebenen eintauchen. Aber dazu kommen wir später.

Im Frequenzbereich oberhalb der Alphawellen befinden sich die Betawellen, die zwischen 16 und 30 Hertz schwingen. Diese Ströme erzeugt das Gehirn in unserem normalen Wachzustand, in dem unsere Aufmerksamkeit meist auf die Außenwelt gerichtet und der analytisch denkende Verstand aktiv ist. Die am schnellsten schwingenden Gehirnströme sind schließlich die Gammawellen, die jenseits der 30 Hertz liegen. Diese Gehirnfrequenzen sind normalerweise sehr selten. Sie treten nur für kurze Augenblicke, in Zuständen höchster Konzentration, auf und ihre Aktivität nimmt bei wahren Meditationsmeistern auf eindrucksvolle Weise zu. Dabei gehen sie oft mit dem Gefühl einher, eins mit sich und der Welt zu sein. Im Unterkapitel „Eine Reise in die Welt der Neurowissenschaften“ werden wir noch detailliert darauf eingehen, wie Meditation die Gehirnaktivitätsmuster verändert. Sehen wir uns nun an, warum wir im Alltag unsere gewohnten Muster so schwer durchbrechen können.
Im Morgengrauen des Bewusstseins
Im Schlafzustand des Geistes befindet sich der Eisberg also vollständig unter Wasser und das Gehirn erzeugt nur sehr langsame Gehirnströme im Delta- und Thetabereich. Der Denker schläft. Wenn morgens der Wecker läutet und wir munter werden, dann hebt sich der Eisberg ein kleines Stück aus dem Wasser empor und die Eisbergspitze taucht auf. Die ersten Inhalte des Geistes werden uns bewusst. Wir öffnen die Augen und beginnen, uns der Welt um uns herum zuzuwenden. Wir erinnern uns daran, wer wir sind, was gestern war und welche Aufgaben heute auf uns warten. Der planende und rational denkende Verstand beginnt sich zu regen. Das Gehirn erhöht dabei die Frequenzen in den Betawellenbereich, um all die Sinneseindrücke der Außenwelt und die Gedanken des analytischen Verstandes zu verarbeiten. Da unser Wachbewusstsein nur über ein sehr begrenztes Fassungsvermögen von weniger als einem Prozent verfügt, schalten sämtliche Funktionen unseres Körper-Geist-Systems auf Autopilot, damit wir uns in Ruhe um die Themen des Alltags kümmern können. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie Ihre Körperteile nach dem Duschen immer in derselben Abfolge und nach Ihrem gewohnten Schema abtrocknen? Diese Bewegungsabläufe haben Sie sich irgendwann angeeignet und sie haben sich bewährt. Sie haben sie so oft vollführt, dass sie automatisiert ablaufen, während Ihr Wachbewusstsein längst mit anderen Dingen beschäftigt ist, als den Körper trocken zu kriegen. Zum Glück kümmert sich das Unterbewusstsein um die Koordination des Körpers, denn wie viel Anstrengung und Kapazitäten es benötigen würde, dies alles bewusst zu tun, sieht man, wenn man einem Kleinkind bei dem torkelnden Versuch zusieht, die ersten Schritte zu gehen. Das enorme Fassungsvermögen des Unterbewusstseins ist ein Segen für unser Leben, denn es spielt uns frei, damit wir den gegenwärtigen Moment erleben können. Es ermöglicht uns, schnell zu reagieren und handlungsfähig zu sein. Doch eines müssen wir bedenken: Wenn wir im Alltag wie üblich auf die Außenwelt fokussiert sind und das Gehirn im Betriebsmodus der Betawellen arbeitet, wird der Großteil unseres Bewusstseins von der äußeren Realität in Beschlag genommen. Dabei entgehen uns die meisten der 70 000 Gedanken, die wir täglich produzieren und die unterbewusst und unbeobachtet unser emotionales Befinden prägen. Im Stimmengewirr der Betawellen bekommen wir auf der Eisbergspitze diese Regungen der Unterwasserwelt nur auszugsweise mit. Die Folge ist, dass wir stets wie gewohnt agieren und meist stereotyp auf unser Umfeld reagieren.
Möchten wir nun irgendeine unserer Gewohnheiten verändern, dann gilt es, an jenen Ort zu gelangen, wo diese Programme und automatisch ablaufenden Muster ihren Ausgang nehmen. Wir brauchen einen Zugang zum Betriebssystem des Unterbewusstseins. Das heißt, wir müssen uns unter die Wasseroberfläche begeben. Wir können dorthin gelangen, indem wir den denkenden Verstand beruhigen und die Gehirnfrequenzen absenken. Dies ermöglicht uns die Praxis der Meditation. Das Wachbewusstsein taucht in die Gewässer des Unterbewusstseins ein und beginnt diese zu erforschen. Durch das Beobachten der Innenwelt erlangen wir die Fähigkeit, uns von automatisierten Programmen zu distanzieren und neue Denk- und Verhaltensmuster zu etablieren. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie wir dies konkret tun können, ohne uns in der Welt der analytischen Gedanken zu verfangen und auf der Eisbergspitze kleben zu bleiben.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Der Geist ist die Summe aller Informationen, die das Gehirn in einem Moment verarbeitet.
• Davon ist uns weniger als ein Prozent bewusst.
• Mehr als 99 Prozent des Geistes werden unbewusst und unterbewusst verarbeitet.
• Das Unterbewusstsein beinhaltet all unsere Gewohnheiten.
• Der analytische Verstand arbeitet im hochfrequenten Betriebsmodus der Betawellen, wo sich das Tor zum Unterbewusstsein schließt.
• Um alte Muster ändern zu können, benötigen wir einen Zugang zur Welt des Unterbewusstseins. Dazu müssen wir unsere Gehirnfrequenzen absenken. Dann öffnet sich das Tor zum Betriebssystem unserer Programmierungen.
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