Kitabı oxu: «Pflanzen der Kelten»
Pflanzen der Kelten
Wolf-Dieter Storl
Pflanzen der Kelten
Heilkunde
Pflanzenzauber
Baumkalender

AT Verlag
7. Auflage, 2014
© 2000
AT Verlag, Aarau, Schweiz
Umschlagabbildung: Martin Tiefenthaler, Maira Lanzendorf
Lithos: AT Verlag, Aarau
ISBN (ebook) 978-3-03800-130-0
www.at-verlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
DANKSAGUNG
Dank dem Kometen Hyakutake, der nach zwanzigtausend Jahren Umlaufzeit, aus ewigen Sternenregionen wiederkommend, im Frühjahr 1996 den Nachthimmel erleuchtete, sein Licht auf die Wurzelgründe warf und mir den mächtigen Mammutelefanten in Erinnerung rief, der mir einst im Schneegestöber gegenübergestanden war.
Dank an Arthur Hermes, der wie ein alter Druide im Einklang mit dem Wald lebte und mich mit seiner Naturweisheit aus dem Elfenbeinturm lockte. Dank an den Cheyenne-Medizinmann Tallbull, von dem ich lernte, dass der Mensch nicht nur über, sondern auch mit den Pflanzen reden kann. Dank an »Trash«, den Berserker Jeff Dahl aus Wyoming, der durch ein Zeitloch ins 20./21. Jahrhundert herabgestürzt ist und hier sein Pferd für eine Harley eintauschen musste: Von ihm lernte ich viel über die keltische Seele. Dank an Eugen Jung und János von Morzsinay, die mich überzeugten, dass es wert ist, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben. Dank schließlich dem inspirierten Verleger Urs Hunziker und Dank auch der Lektorin Monika Schmidhofer für ihre Sorgfalt, ebenso Adrian Pabst, Martin Tiefentaler, den Berserkern der »Akademie der Neuen Berserker« und den Kelten von Gug- gisberg. Dank allen, denen Dank gebührt.

INHALTSVERZEICHNIS
Auch wir waren einmal Indianer
Einführende Worte von Großvater Goethe
Die Quellen
Schrifttum der Antike
Archäologisches Material
Irische und andere britische Überlieferungen aus dem Mittelalter
Europäische Folklore: Brauchtum, Volksmedizin, Märchen, Bauernrätsel, Bauernregeln
Das morphogenetische Feld: Die Sprache des Landes, des Waldes, der Flüsse und Berge
Waldbauern und Steppenkrieger
Die Wandlung: Geburt der europäischen Bauernkultur
Keltische Landschaft
Materielle Kultur der Kelten
Gesellschaftliche Organisation
Tänze
Bauernregeln, Rätsel und Sprüche
Märchen, Sagen, Legenden
Germanen
Keltisches Erbe heute
Keltische Heilkunde
Die Waldweisen
Druidische Sammelrituale
Die richtige Zeit
Das Ritual
Opfergaben
Feuer und Wasser
Der Kessel der Heilung
Erbe des Heilkessels: Kräutertees und Bäder
Kräuterbäder
Der gute spell der Kräuter
Signaturen
Signaturen einheimischer Pflanzen
Ursprungsmythe der Meddygion Myddfai
Hirtenweisheit
Kräuterkunde als weibliches Wissen
Die ätherische Welt der Elfen
Übergänge und Zwischenräume
Die klaren Sinne
Rezepte der Myddfai-Heiler
Diod Anfarwoldeb
Physig Cryd Cymalau
Bedydd Ceridwen
Wasser der Großzügigkeit
Der keltische Jahreskreis und Baumkalender
Die keltische Geistesart
Das achtspeichige Rad
Allerheiligen, Halloween, Samain
Wintersonnenwende, Alban Arthuan
Lichtmess, Imbolc, L’fheill Brighde
Frühlingstagundnachtgleiche, Alban Eilir
Maifest, Walpurgis, Beltane, Lá Bealtaine (Feuer des Bel)
Mittsommer, Sommersonnenwende, Johanniszeit, Alban Hevin
Augustfeuer, Lugnasad, Lammas
Herbsttagundnachtgleiche, Alban Elved
Das Medizinrad der Europäer
Das Medizinrad des Sun Bear
Wahre und falsche keltische Baumkalender
Die Häuplingsbäume
Weißdorn, Hagedorn
Schlafdorn
Der Wanderstab
Botanik und Heilkraft des Weißdorns
Haselnuss
Kontakt mit Elementargeistern: Die Kräfte der Erde
Die Wünschelrute
Der Haselwurm
Kontakt mit den Toten: Kräfte der Fruchtbarkeit
Kontakt mit den Gottheiten: Kräfte der Weisheit
Rutenzauber und Heilkunde
Holunder
Baum des Todes
Baum des Lebens
Holunder im keltischen Jahreskreis
Des Bauern Apotheke
Botanik und verwandte Pflanzen
Attich
Hirschholunder
Weide, Felber
Hexenbaum
Zauberpfeifen
Tod und Trauer
Die kalte Medizin
Eiche
Thingbaum
Orakelbaum, Opferbaum
Die Mistel
Heldenbaum
Baum der göttlichen Sau
Heilige Schweine
Heilkunde
Jeder Baum eine Gottheit
Der Apfelbaum
Die Buche
Eberesche oder Vogelbeere
Die Eibe
Die Erle
Die Esche
Die Kiefer
Die Linde
Die Pappel
Schlehe oder Schwarzdorn
Stechpalme oder Hülsen
Die Blütenfrau
Schlüsselblume, Himmelsschlüssel, Primel, Maginte
Besenginster, Basom
Mädesüß, Geißbart, Spierblume
Kornrade, Rade, rote Kornblume
Brennnessel
Klee
Sauerklee, Kuckucksbrot, Hasenbrot
Kuckuck und Hase
Keridwens Kessel der Transformation
Efeu
Nieswurz, Christrose
Bärlapp
Bachbunge, Bachehrenpreis
Bilsenkraut
Eisenkraut
Ein kurzes Nachwort
Bibliografie
»Wie Merlin
Möcht’ ich durch die Wälder ziehn;
Was die Stürme wehen,
Was die Donner rollen,
Und die Blitze wollen,
Was die Bäume sprechen,
Wenn sie brechen,
möcht’ ich wie Merlin verstehen.«
NIKOLAUS LENAU, Wanderlieder

AUCH WIR WAREN EINMAL INDIANER
Die in ein sauberes, aber zu enges Dirndl geschnürte Wirtin der kleinen bayrischen Pension servierte Brötchen, Marmelade und Kaffee. Manitonquat, der Hüter der Überlieferungen des Stammes der Wam- panoag1, ein hagerer, hoch gewachsener Indianer mit langem schneeweißem Haar, saß mir am Frühstückstisch gegenüber. Wir waren beide zu dem Medizinradtreffen des »Bärenstammes« in den Schwangau eingeladen worden. Der alte Indianer blickte mich entgeistert an und schüttelte den Kopf.
»Das hält man doch nicht für möglich! Diese Weißen wissen nichts, aber auch gar nichts! Sie kennen weder die alte Großmutter, die tief unter der Erde die Geister der Tiere und Pflanzen hütet, noch die Kraft des heiligen Beifußes. Sie können sich kaum nach den vier Himmelsrichtungen orientieren; mit den Tieren und Geistern können sie nicht reden. Wie haben sie überhaupt überlebt?«
Nun, diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt, vor Jahren schon. So wie es meine Lehrer in der Highschool und im College dargestellt hatten, sind wir, wie aus dem Ei gepellt, praktisch schon als Zivilisierte auf der Bühne der Menschheitsgeschichte aufgetreten. Vor rund 10000 Jahren hatten »wir« irgendwo im Nahen Osten die Wildheit abgelegt, wurden sesshaft, errichteten die ersten Städte, bauten Bewässerungskanäle, erfanden die Schrift. Damals offenbarte sich uns auch der wahre monotheistische Gott und etablierte einen ethischen Sittenkodex. Triebe wurden gezügelt, sublimiert; die Triebenergie diente nun dem zivilisatorischen Fortschritt. Die griechischen »Väter« der Wissenschaften ragen als Lichtpersönlichkeiten heraus. Hippokrates erfand die vernünftige Heilkunde, die sich in der Antike weiterentwickelte, später von christlichen Mönchen als kostbares Gut gehütet wurde und nun in der Neuzeit wahre Triumphe feiert. Den Griechen und Römern verdanken wir das kritische, rationale Denken, das nach langem Kampf mit dem Aberglauben in der Aufklärung dann voll erblühte und uns die Früchte einer beispiellosen technologischen Revolution, einer objektiven Wissenschaft und einer zunehmend demokratischen Gesellschaftsordnung bescherte.
Die Wilden, die Primitiven, die Zurückgebliebenen, die in Aberglauben, Mythos und Irrationalität Verfangenen, das waren immer die anderen: Indianer, Neger, Zigeuner und die letzten Stammesgesellschaften im eigenen Land, mit denen sich Sozialwissenschaftler und unverbesserliche Romantiker beschäftigen und die es zu »entwickeln«, zu schulen, zu zivilisieren und zu akkulturieren galt.
Dass auch das eine Mythologie – unser eigener Mythos von Fortschritt und Vernunft – ist, wird allmählich vielen klar. Auch dämmert die Erkenntnis, dass Mythologien keine belanglosen, unverbindlichen, blassen, subjektiven Fantasien sind, sondern Träger schicksalsträchtiger Ideen, die das Werden ganzer Zeitepochen und Gesellschaften bestimmen. Jede kulturtragende Mythologie hat ihre ganz reellen Auswirkungen – auf die Menschen, auf die Natur, auf das Klima, auf alles, was »zeucht und fleucht« unter dem Himmel. Die Mythologie des Fortschritts, der totalen Rationalität, der Objektivität, der technologischen Machbarkeit hat ebenfalls ihre Konsequenzen. Zum Teil berauschende: Wir können Auto fahren, im Internet surfen, Herzen verpflanzen, Schafe klonen, Zähne plombieren, gegen Grippe impfen und so weiter. Zum Teil aber auch erschreckende: wieder mal eine Ölpest, Castor- Transporte, unaufhaltsames Artensterben, Ozonlöcher, kränkelnde Baumplantagen, die Wälder genannt werden, Verarmung und überbevölkerte Slums, elektrisch grell erhellte Nächte, das allgegenwärtige Rauschen, Summen und Brummen zahlloser Geräte und Automaten, Klimaveränderung durch das Verbrennen von Abermillionen Tonnen des schwarzen Bluts der Erde und all die virtuellen Realitäten, in denen sich so mancher verirrt. Ja, es hat einen Sinn, die Medizinleute und Schamanen jener Völker zu befragen, die seit Urgedenken harmonisch mit der sie umgebenden Natur zusammenlebten; es hat einen Sinn, zu den eigenen Wurzeln zurückzublicken, als das auch bei uns noch einigermaßen der Fall war.
Ich konnte Manitonquat beruhigen: »Die Weißen sind keine von irgendeinem Plastikstern hereingebeamten, außerirdischen Zombies. Auch sie lebten einst in Stammesgemeinschaften, eingebettet in ihrer natürlichen Mitwelt; auch sie konnten mit den Tieren und Geistern reden. Sie haben es nur vergessen oder es ist ihnen ausgetrieben worden. Frag doch mal Deine Zuhörer, ob sie Frau Holle kennen, denn so hieß die Großmutter einst bei uns!«
Als ich Manitonquat am Abend wieder sah, strahlte er. Ja, die Frau Holle kannten sie. Ja, es gibt Hoffnung. »Indianer könnt ihr Europäer nicht werden, denn die Schildkröteninsel, die ihr Amerika nennt, hat ihre eigene ›Medizin‹ (Kräfte) und diese hat uns geprägt. Wie Ameisen aus ihrem Bau sind unsere Vorfahren dort aus der Erde hervorgegangen. Aber ihr könnt euch hier wieder mit der Erdmutter verbinden und euch mit den geschundenen Bäumen, Kräutern, Steinen, mit den Tieren und den Ahnengeistern versöhnen, so dass ihr wieder Wurzeln bekommt und stark werdet.«
Ich war dem Indianer dankbar und erkannte, dass Frau Holle – die noch immer in unserem Unterbewusstsein lebt – ihre Kinder nicht im Stich lassen wird. Sie ruft uns zurück, zurück zu den heilenden Quellen, zu den Kräutern und Bäumen, die hier überall, einige Schritte vor unserer Haustür, im Wald, am Flussufer, im Park, auf den Wiesen wachsen. Sie ruft uns zu den lebenden Wurzeln. Auch wenn in diesem Weltenwinter alles erstarrt und erfroren zu sein scheint, leben diese Wurzeln noch immer und werden im bevorstehenden Weltenfrühling neu austreiben. Und bei dem Gedanken bewegen wir uns schon im keltischen Mythos, in dem die Zeit einem sich drehenden Rad gleicht, in dem die Vergangenheit zur Zukunft wird und ebenso die Zukunft zur Vergangenheit. Das keltische Wort für Rad ist dasselbe wie das für das Jahr (ELIADE 1980: 128). Es ist das vierspeichige Rad (= die vier Jahreszeiten) des himmlischen Herrschers der Gezeiten, Tanaris (irisch Dagda). Es ist zugleich das Spinnrad der dreifachen Göttin, die, unter den Wurzeln des Weltenbaumes, am Urquell sitzend, das Schicksal der Götter und Menschen hervorspinnt. Wer die Zukunft, das auf uns Zukommende, wer den Schicksalsgrund erkennen will, der schaue tief, ganz tief dorthin, wo im großen Kreis des Seins das Gewordene sich wieder in Werdendes verwandelt.

Motiv des Rades in den früheuropäischen, bronzezeitlichen Kulturen.

Motiv des heiligen Rades auf einer hallstattzeitlichen Schwertscheide.
Die Kelten waren fast tausend Jahre lang das führende Kulturvolk in Europa. Dieses Volk, aufgesplittert in fast hundert größere und kleinere Stämme, ist aus der Vermählung der Erdgöttin der früheuropäischen Bauern und des Himmelsgottes der aus den westasiatischen Steppen kommenden Hirten- und Reiternomaden entsprossen. Das Kernland der Kelten erstreckte sich zur Hallstattzeit, vor knapp 3000 Jahren, von Ungarn und Böhmen über den gesamten Alpenraum bis nach Ostfrankreich. In einer zweiten Blüte (ab 450 v. u. Z.), während der so genannten La-Tène-Zeit, stießen die Kelten bis nach Griechenland und Kleinasien vor – es sind die im Paulusbrief des Neuen Testaments erwähnten Galater. Im Westen dringen sie bis nach Spanien und um 200 v. u. Z. bis zu den Britischen Inseln vor. Mit dem Eroberungszug der Römer in Gallien erlosch allmählich ihr Stern. Der Sieg Julius Caesars und seiner gut ausgebildeten Berufssoldaten über die tollkühnen, aber undisziplinierten keltischen Krieger, die sich unter dem Gallierhäuptling Vercingetorix zu einem losen Kriegsbund zusammengeschlossen hatten, markiert das Ende einer Epoche. »Vercingetorix trug seine besten Waffen und hatte sein Pferd geschmückt (…) Er beschrieb einen Kreis um Caesar, sprang vom Pferd und warf seine Waffe auf den Boden« (CAESAR, De bello gallico, 27). Dieser rituelle Akt der Unterwerfung, wie ihn Plutarch beschreibt, symbolisiert zugleich das bevorstehende Ende naturverbundener Stammeskulturen in Europa. Nur in Britannien, vor allem in Wales und Irland, lebte die La-Tène-Kultur unter christlich-feudalem Vorzeichen noch bis ins Mittelalter fort.
Warum sollten die Kelten für uns interessant sein? Nicht nur haben sie die Grundzüge der europäischen Bauern- und Volkskultur geprägt, sie haben vor allem im lebendigen Einklang mit der hiesigen natürlichen Umwelt, mit dem Wald, gelebt. Sie erlebten die Natur nicht nur voller magischer, ätherischer Kräfte, sondern beseelt und mit Bewusstsein erfüllt. Bäume, Steine, Quellen, der Wind und alle Geschöpfe waren für sie ansprechbar. Diese Sichtweise, dieses Eingebettetsein in unserer unmittelbaren natürlichen Mitwelt, haben wir weitgehend verloren. Unsere Hellsichtigkeit ist erloschen. Unsere Verbundenheit, unser Geborgensein in einer vom ständigen Werden, Vergehen und von neuem Werden geprägten natürlichen Welt ist uns abhanden gekommen. In diesem Buch wollen wir versuchen, etwas von dem verlorenen Terrain wiederzuerlangen.
Einführende Worte von Großvater Goethe
Dass Pflanzen eine Geistseele haben, die sich der Vision des Schamanen offenbaren kann, das hat mich der Medizinmann Bill Tallbull gelehrt. Diese Geistseelen, die er Maiyun nannte, kommunizieren mit dem Menschen – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht – auf telepathische Art und Weise. Sie können im Menschen Gefühle erwecken, ihm in den Träumen erscheinen oder ihm hohe Inspirationen zukommen lassen. So prägt die Vegetation einer Region die Menschen und ihre Kultur. Die Eingeborenen und die Pflanzen, die um sie herum wachsen, bilden eine Einheit. Auch die Kultur der Kelten und anderer indigener europäischer Völker wurde von der Flora der Länder, in denen diese Völker siedelten, geprägt.
Goethe, der ein großer Pflanzenkenner war, wusste davon. Einmal stellte der Dichter einen blühenden Lorbeer und eine japanische Pflanze auf den Tisch. Johann Peter Eckermann, der Freund und Sekretär Goethes, bemerkte, dass von den beiden Pflanzen unterschiedliche Stimmungen ausgingen. Er sagte, dass der Anblick des Lorbeers ihn heiter, leicht und milde mache, die japanische Pflanze ihn dagegen melancholisch stimme.
»Sie haben nicht unrecht«, sagte Goethe, »und daher kommt es denn auch, dass man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluss auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiss! Wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muss man bedenken, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir anderen und dass sie im Ganzen kräftig vor sich hinleben, ohne den äußeren Eindrücken so viele Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiss, dass außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter eines Volkes zu vollenden. Auch ist zu bedenken, dass die frühesten Stämme meistenteils von einem Boden Besitz nahmen, wo es ihnen gefiel und wo also die Gegend mit dem angeborenen Charakter der Menschen bereits in Harmonie stand« (ECKERMANN 1999: 333).
Die Kräuter, Büsche und Bäume selbst sind es, die mir am meisten über die Kelten erzählt haben. Die anderen Quellen seien im Folgenden kurz beschrieben.
Auf Odins Platz:
»Ich fragte ihn nach der alten Religion.
Nichts übrig geblieben, sagte er,
und ein Wind kam auf.«2
Die Quellen
Was wissen wir eigentlich über die Kelten, die so lange das gesellschaftliche und kulturelle Leben Europas gestalteten und prägten? Was können wir insbesondere über ihre Heilkunde und Pflanzenkenntnisse in Erfahrung bringen?
Schrifttum der Antike
Für die Schreibstubengelehrten fließen die Quellen bezüglich der Kelten und insbesondere ihrer Pflanzen- und Heilkunde recht spärlich. Diese Völker haben keine Schriften hinterlassen. Caesar berichtet, dass die Druiden, die Weisen der Kelten, zwar schreiben konnten und dass sie ihre alltägliche, geschäftliche Korrespondenz in griechischer Schrift verfassten. Was aber ihre Lehre betraf, weigerten sie sich, diese schriftlich festzulegen. Um die zwanzig Jahre verbrachten die Druidenanwärter in abgelegenen Waldschulen, wo sie – ähnlich den indischen Brahmanen – die Weisheiten und Erkenntnisse in Form von abertausend Versen auswendig, »mit ihrem Herzen« (by heart) lernten. Wissen, das nicht im Herzen getragen wird, sagten die Druiden, sei kein echtes Wissen.
Mitunter hört man, meist von überzeugten Keltomanen, den Einwand, dass die Kelten sehr wohl ihre eigene Geheimschrift, die Ogam-Schrift, hatten. Das gesamte druidische Wissen sei von geheimen Druidenorden in Schottland in dieser Schrift festgehalten worden und sei den Ordensmitgliedern – gegen genügende Bezahlung – zugänglich. Nun, in Wirklichkeit sind diese geheimen Orden erst im 18. oder 19. Jahrundert entstanden und haben wenig mit den alten Druiden zu tun. Die echten Ogam-Schriftzeichen bestehen aus waagrechten und senkrechten Strichen, die in die Kanten von Stein- oder Holzpfeilern geritzt oder geschnitzt wurden. Die Ogam-Zeichen entstanden in Irland im frühen Mittelalter und wurden – ähnlich den in Baumrinde geritzten Runen der Germanen – nicht zum Festhalten von Ideen, sondern magisch, als Schutzzauber, zur Beherrschung der Geister oder in Erinnerung an die Toten oder an große Taten verwendet. Eine irische Geschichte erzählt von einem Druiden, der Ogam-Zeichen in Eibenstäbe schnitzte, um eine entführte Königin wiederzufinden, die von den Andersweltlichen in ein Síd, ein Hühnengrab, entführt worden war (LE ROUX/GUYONVARC’H 1996: 184). Die Ogam-Schrift ist für unsere Zwecke nicht uninteressant, denn jedes der zwanzig Zeichen symbolisiert einen Baum. Jeder Buchstabe vermittelte im Bewusstsein des keltischen Betrachters die Macht oder die Energieschwingung des jeweiligen Baumes.

Julius Caesar: Bezwinger der Kelten.

Die magische Ogom-Schrift wurde in Steinpfeiler gekerbt.
Was wir an schriftlichen Quellen über die alten Kelten besitzen, stammt ausschließlich aus griechischen und römischen Berichten. Wie wir sehen werden, schrieb der römische Gelehrte Plinius der Ältere Aufschlussreiches über die Rituale, welche die Druiden beim Sammeln der Eichenmistel, des Bärlapps (Selago), des Samolus’ (Ehrenpreis?) und des Eisenkrauts vollzogen. Die ergiebigste antike Quelle bezüglich der Heilpflanzen stammt aus der Feder des aus dem gallischen Aquitanien gebürtigen Römers Marcellus Empiricus. In dem um 395 n. u. Z. geschriebenen Buch Liber de Medicamentis übernimmt Marcellus das meiste zwar aus den antiken Werken der Griechen und Römer, erwähnt aber dennoch nicht nur einige gallo-keltische Pflanzennamen, sondern auch die volksmedizinische Verwendung der Pflanzen in Aquitanien zu dieser Zeit (HÖFLER 1911: 4). Ansonsten werden auch bei Dioskurides, Plinius und Apuleius von Madaura einige gallo-keltische Pflanzennamen überliefert, die für uns aufschlussreich sind.
Archäologisches Material
Ausgrabungen in großen Teilen Europas ermöglichen weitere wertvolle Einsichten in die Welt der Kelten. Grabbeigaben wie Bierkessel, Trinkhörner, Prunkwagen, Knochen geopferter Tiere, Reste von Totenspeisen und Textilien, auch Pollenanalysen des Bodens helfen uns, das rätselhafte Volk der Kelten besser zu verstehen. Das Grab des »Fürsten von Hochdorf«, ein glücklicherweise ungeplündertes Grab aus der späten Hallstattzeit in der Nähe von Stuttgart, enthielt zum Beispiel Stoffreste aus Hanfbast und Lein. Der tote keltische Häuptling war auf Haselzweige, Kräuter und Blumen gebettet und trug einen konischen Birkenrindenhut3. Ein Weidenkörbchen und ein Haselrutenstab waren auch mit dabei (KÖRBER-GROHNE/KÜSTER 1985: 145).
Irische und andere britische Überlieferungen aus dem Mittelalter
Im 9. Jahrhundert, also mindestens ein halbes Jahrtausend nach der Bekehrung, begannen christliche Mönche in Irland die Geschichten der mündlichen Überlieferung aufzuschreiben. Die Aufzeichnungen sind selbstverständlich durch einen christlichen Filter gegangen und dementsprechend entstellt, dennoch enthalten sie Aufschlussreiches über keltisches Brauchtum und keltische Heilkunde (SHARKEY 1982: 17). Im größten Epos der Iren etwa, dem Táin Bó Cuailnge (Der Rinderraub von Cooley), erscheint der mächtige Sonnengott Lug, um den schwer verwundeten Helden zu heilen. Er schläfert den aus vielen Wunden blutenden Cúchulainn durch »Männersummen« (ferdord) ein, untersucht die Wunden, besingt sie und legt Heilkräuter darauf. Nach drei Tagen Tiefschlaf ist der Held wieder hergestellt (BOTHEROYD 1995: 202).
Als weitere Quelle kommt die kymrische – in walisischer Sprache verfasste – mittelalterliche Literatur, die Märchen und Sagen, die Heldenepen und Gedichte der großen Barden, in Betracht.
Europäische Folklore: Brauchtum, Volksmedizin, Volkskunde, Märchen, Bauernrätsel und Bauernregeln
Mit der Eroberung Galliens und anderer keltischer Länder durch das Imperium Romanum, dem Missionierungsdruck der römischen Kirche, auch durch den Einfall der slawischen Völker aus dem Osten und der Germanen aus dem Norden, etwa der Angelsachsen in Britannien, wurde die keltische Kultur gleichsam »enthauptet«. Das Drui- dentum, Träger der keltischen Hochkultur, und der Kriegeradel wurden praktisch ausgelöscht. Mit ihnen schwanden die keltischen Hochgötter, die großen Opferrituale und die druidische Hochmagie. Aber das einfache Volk, nun allmählich zum Christentum bekehrt und anderen Herren untertan, lebte weiterhin in strohgedeckten Einzelhöfen, aß weiterhin Brei und Mus, trank weiterhin Gerstenbier, glaubte weiter an die lokalen Geister, an all die Heinzelmännchen, Elfen, Wasser- und Waldgeister, und opferte diesen. Man säte, pflanzte, erntete, schlug Holz und versorgte das Vieh weiterhin im Einklang mit den Jahreszeiten. Man heilte mit denselben Kräutern und unter Zuhilfenahme ähnlicher Heilsprüche wie bisher. An die Stelle der heidnischen Gottheiten, die die verschiedenen Jahreszeiten beherrschten, traten einfach die passenden christlichen Heiligen, an die Stelle der Göttin Maria. Ebenso wie die christlichen Kirchen und Kapellen nun auf alten heidnischen Heiligtümern standen, wurden die christlichen Feiertage in den traditionellen Kalender mit eingebaut: Christi Geburt wurde auf die Wintersonnenwende festgelegt, Maria Lichtmess auf das Fest der Lichtgöttin Brigit, Ostern und Pfingsten auf die herkömmlichen heidnischen Frühlingsfeste, Johanni auf das Fest des Sonnengottes und so weiter. Das sakrale Jahr wurde also »keltifiziert« oder das keltische Jahr christianisiert. Anders gesagt, in der Kultur des kleinen Mannes – der little tradition, wie der Kulturanthropologe Robert Redfield diese im Gegensatz zur big tradition der Hochkultur definierte – ist praktisch die ungebrochene Kontinuität keltischer Bräuche gewährleistet (REDFIELD 1941). Und das nicht nur in Irland oder Wales, sondern auch anderswo in Mittel- und Westeuropa, insbesondere in den Rückzugsgebieten des Alpenraums. Vor allem auf diese noch immer nicht versiegte Quelle wollen wir uns in Bezug auf die Heil- und Zauberpflanzen in diesem Buch berufen. Ehe wir zur Sache gehen, wollen wir im folgenden ersten Kapitel einen kurzen Blick auf das kulturelle und historische Umfeld werfen, in welchem die keltische Heil- und Pflanzenkunde eingebettet war. Das sind wir einer ganzheitlichen Betrachtungsweise schuldig.

Maria tritt an die Stelle der keltischen Göttin.
Das »morphogenetische Feld«: Die Sprache des Landes, des Waldes, der Flüsse und Berge
Dass die Bäume, Kräuter, Steine und die Tiere, in deren Mitte wir leben, unsere besten Lehrer sind, das hatte mir Bill Tallbull, Medizinmann der Tsististas-Indianer, schon öfter erklärt (Storl 1997: 75). Man müsse sich aber auf die Natur einstimmen. Man müsse das ständige Geplapper der ach so klugen Gedanken in unserem Kopf zum Schweigen bringen und ganz still werden. Man müsse die Uhr ablegen, das Radio ausschalten, die gelehrten Bücher vergessen und in die Stille lauschen. Dann würden sie anfangen zu sprechen.
Heutzutage sind die meisten von uns überzeugt, dass die Natur eigentlich gar nicht »sprechen« kann. Phänomene wie Pflanzenwachstum, Tierverhalten, Planetenbewegungen oder der Wandel des Wetters lassen sich wissenschaftlich erklären. Da braucht man keine animisti- sche Hypothese von »sprechenden Naturwesen«. Wenn man seine zentralgeheizte Wohnung am Wochenende einmal verlässt und sich einen »Trip« reinzieht, dann kann es durchaus vorkommen, dass Käfer, Erdmännlein, Elfen oder was auch immer einem erscheinen oder einem gar etwas zuraunen. Nur wissen wir, das ist subjektives Empfinden, das hat mit Hirnchemie, mit Neurotransmittern und Synapsen zu tun. Es ist halt ein »Trip«, eine Einbildung, ein Ausflug in Traum und Illusion; die Wirklichkeit holt einen wieder zurück!
Bill Tallbull hatte aber etwas anderes im Sinn, als er vom »Sprechen« der Natur sprach. Was er eigentlich meinte, das habe ich in den vielen Jahren, in denen ich auf diesem Berg im Allgäu lebe, immer besser verstanden. Oft dauert es Jahre, bis man die Sprache des Genius Loci, des Geistes eines Ortes, versteht. Man lebt sich ein in das morphogenetische Feld, in die formgebenden Energien und die unsichtbaren und dennoch wirksamen »Erinnerungen« an vergangene Zustände, die an dem Ort haften. So will ich mir erlauben, etwas von diesem Ort, diesem Berg, zu erzählen, der mir so viel über die Kelten, die so lange hier wohnten, erzählt hat.
Menschliche Nachbarn gibt es keine hier oben. Füchse, Dachse, Rehe, gelegentlich eine Wildsau, Hirsche und Gämsen sind die Nachbarn. Sie sind scheu und gehen dem Menschen lieber aus dem Weg. Der Hof war einst Teil eines Benediktinerklosters. Das Wohnhaus, von einem Appenzeller Pächter im Dreißigjährigen Krieg wieder aufgebaut, besteht aus dicken Holzbalken, auf einem Untergeschoss aus Bruchstein. Im Keller sprudelt eine Quelle. Oft haben die Benediktiner ihre Gebäude auf Quellen gebaut – Inspirationen aus den Tiefen der Erde, nicht nur mineralreiches H2O sprudelt da hervor.
Mit Barrieren aus Beton, Glas und Plastik schirmt sich der heutige Städter von den Belastungen und Einstrahlungen seiner Umwelt ab. Meistens ist dies auch angebracht. Hier aber strömen die Energien durch die Balken und durch die von Hand gefertigten Biberschwanzziegel, mit denen das spitze Dach gedeckt ist. Schläft man dazu noch auf Stroh, dann spürt man diese Energieströme noch mehr, sagen doch die Bauern hier: »Wer auf Stroh schläft, zu dem kommt der Teufel!« Oder sind es die Naturgeister? Man ist an einem Ort wie diesem den unsichtbaren Energien geradezu ausgesetzt. Die Jahreszeiten reißen einen mit in ihrer unerbittlichen Macht. Wie auf einem Riesenrad trägt es einen hinauf in die Höhe des Sommers und dann wieder hinab in die dunklen, kalten Tage des Winters. Jedes Jahr dasselbe und doch jedes Jahr anders, und das seit Tausenden von Jahren. Irgendwann im März kommen die Frösche über den alten Schnee gehüpft und feiern im Tümpel ihre Hochzeitsorgien; in den blühenden Salweiden summen die Bienen, bald blühen die Dotterblumen im Sumpf und das Scharbockskraut auf den Wiesen. Wie eine Göttin zieht der Vorfrühling übers Land und rüttelt es wach. Nun ist es an der Zeit, mit den frischen Kressen und Brennnesseln eine Blutreinigungskur zu machen und die Winterträgheit abzuschütteln.